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Nach Anruf kam der Mörder: N.Y.D. – New York Detectives

2018 115 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Nach Anruf kam der Mörder: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

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Nach Anruf kam der Mörder: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

 

 

Roslyn Santee würde sterben! Sie hatte nicht mehr ein noch aus gewusst und sich schließlich zu dieser finalen Lösung ihrer Probleme durchgerungen: Sie hatte einen Killer beauftragt, der sie töten sollte – irgendwann, irgendwo würde es geschehen. Als sie ihren Auftrag zurücknehmen will, ist es zu spät. Von Panik erfüllt rechnet sie nun täglich damit, dass der Mörder seinen Auftrag ausführt. Aber sie will leben! In ihrer Verzweiflung wendet sie sich an den Privatdetektiv Bount Reiniger, damit dieser ihren Killer stoppt – ein gefährlicher Wettlauf gegen die Zeit beginnt ...

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Er machte sich nichts aus Musik, jedenfalls nichts aus jener Art von Musik, die hier im Theater geboten wurde. Trotzdem war er hergekommen. Allein. Niemand hatte ihn dazu überredet.

Cameron Oates trug einen dunkelblauen Anzug, dazu eine silbergraue Krawatte. Er sah sehr elegant aus.

Mehr als eine Frau folgte ihm im Foyer verstohlen mit den Blicken, doch er hatte für sie alle kein Auge.

Er suchte einen Mann. Er wusste, dass er kommen würde. Seine Informationen waren zuverlässig.

Das zweite Klingelzeichen mahnte die Zuschauer, ihre Plätze einzunehmen. Cameron Oates stieg ohne Hast die mit einem dicken Läufer belegte Treppe hinauf, wartete geduldig an der Tür, bis die blonde Frau mit der schicken, knapp sitzenden Uniform seine Eintrittskarte kontrollierte, und kaufte mechanisch ein Programm.

Flüchtig sah er der Blondine in die Augen. Grüne Katzenaugen hatte sie. Das passte zu dem Musical „Cats“, das hier nun schon seit Monaten lief.

Cameron Oates dachte an Ludmilla. Sie besaß ebenfalls grüne Augen. Außerdem noch eine Menge anderer Dinge, die einem Mann Spaß machen konnten. Seine Mundwinkel verbogen sich geringfügig und deuteten für einen Moment ein Lächeln an.

Er nahm seinen Platz ein. Rang, erste Reihe, ganz an der Seite.

Der Mann, auf den er wartete, kam, kurz bevor das Licht erlosch. Er trug eine weiße Smokingjacke. Sie leuchtete bis zum Rang herauf.

Er war in Begleitung einer atemberaubend schönen Rothaarigen. Sie trug ein glitzerndes, rückenfreies Kleid, Cameron Oates beobachtete, wie die Männer in den dahinterliegenden Parkettreihen die Hälse reckten. Das Gesicht der Schönen nahm er nur noch flüchtig zur Kenntnis. Dann wurde es dunkel.

Von der Handlung des ersten Aktes bekam Cameron Oates kaum etwas mit. Sie interessierte ihn in keiner Weise. Er verstand nicht, dass es Leute gab, die ihre Zeit damit vergeudeten, zwei Stunden still auf einem Polsterstuhl zu sitzen und auf eine Bühne zu starren, auf der wirklichkeitsfremde Aktionen abliefen. Das tatsächliche Leben war anders. Ganz anders.

Neben Cameron Oates saß ein älteres Ehepaar, das verzückt den Songs lauschte und bei den Tanzeinlagen begeistert klatschte.

Auch das übrige Publikum folgte gebannt den Künstlern. Auf ihn achtete niemand.

Er wusste genau, an welcher Stelle der Beifall seinen ersten Höhepunkt erreichen würde. Kein Wunder! Schließlich war er auch schon am Vortag in der Vorstellung gewesen.

Als die Zuschauer vor Begeisterung rasten und die Sängerin stürmisch feierten, griff Cameron Oates in sein Jackett und zog die Hand blitzschnell wieder zurück. Mit der anderen deckte er sein Programm darüber. Er musste es diagonal halten, sonst hätte vorne der Schalldämpfer hervorgeschaut.

Er ließ sich Zeit. Der Beifall würde nicht so schnell abklingen. Vor allem aber war ihm momentan die Sicht verwehrt. Zwei Teenager waren enthusiastisch aufgesprungen und forderten lautstark die Wiederholung des Songs. Erst als sie die Aussichtslosigkeit ihres Wunsches einsahen, ließen sie sich wieder auf ihre Sitze fallen.

In diesem Moment drückte Cameron Oates ab.

Er schoss dreimal. Die Bedingungen waren nicht die günstigsten, das Licht schlecht und der Schusswinkel schwierig.

Die Zuschauer beruhigten sich allmählich. Das Stück konnte seinen Fortgang nehmen.

Cameron Oates warf einen kurzen Blick auf seine silberhaarige Nachbarin. Sie zeigte an ihm keinerlei Interesse. Also schob er die Pistole wieder an ihren Platz zurück und wartete, dass sich der Vorhang senkte.

Als einer der ersten verließ er den Zuschauerraum und strebte der Treppe zu. Den Schrei unten im Parkett hörte er nur noch undeutlich. Da hatte er bereits das Foyer erreicht und hielt den Türgriff in der Hand.

Auf der Straße empfing ihn angenehm kühle Luft.

Lässig wandte er sich nach links. Dort hatte er auf dem Parkplatz seinen Wagen abgestellt. Er ging jedoch vorbei. Der Parkwächter würde sich seiner erinnern, wenn er mitten während der Vorstellung seinen Wagen abholte.

Er entschied sich für eine Bar in einer Seitenstraße, in der auch jetzt schon einiger Betrieb herrschte. Die Polizeisirenen, die er Minuten später hörte, beunruhigten ihn nicht. Diesen Ton war er gewohnt. Er würde ihn noch oft zu hören bekommen, und jedes Mal würde er dann um zehntausend Dollar reicher sein.

 

 

2

June March trug ein lindgrünes, hochgeschlossenes Kleid und sah zauberhaft aus. Sie befand' sich in bester Stimmung, und das lag sicher nicht nur daran, dass sie zum Essen eingeladen worden war.

Toby Rogers, der ihr gegenübersaß, machte ein weniger fröhliches Gesicht. Verdrossen stocherte er mit der Gabel auf seinem Teller herum und war ungewohnt einsilbig.

„Gräme dich nicht, Alter!“, forderte ihn Bount Reiniger, der dritte am Tisch, auf. „Das nächste Mal zahle ich. Das ist ein Versprechen. Da kannst du dir aussuchen, was du willst. Endiviensalat vielleicht. Oder geraspelte Karotten in Joghurtsauce. Der Fruchtsalat ist hier auch sehr zu empfehlen. Natürlich ohne Zucker und ohne Bananen. Die haben zu viele Kalorien.“

Toby Rogers, Leiter der Mordkommission Manhattan C/II, schickte sich an, seinem Freund ins Gesicht zu springen, was angesichts seiner Leibesfülle immerhin sehenswert gewesen wäre.

„Deine Großzügigkeit rührt mich zu Tränen“, presste er hervor. „Die Einladung reißt bestimmt kein großes Loch in deine Kasse. Ich möchte wissen, welcher Idiot mich zu dieser Abmagerungskur überredet hat.“

„Das war ich“, flötete June mit kokettem Augenaufschlag.

Toby Rogers verfärbte sich und hustete mühsam. „Bist du sicher, June?“

„Ich erinnere mich genau, Toby. Es war an dem Tag, an dem du mir beim Tanzen auf die Zehen gestiegen bist und die Notärzte diskutierten, ob sie die Amputation meines Fußes vermeiden könnten.“ Sie kicherte. „Damals hast du mir versprochen, mindestens dreißig Pfund abzuspecken.“ Bount verbiss ein Grinsen. Dass Toby June auf besondere Weise in sein Herz geschlossen hatte, war ein offenes Geheimnis. Hätte die Blondine von ihm verlangt, auf dem Tisch einen Bauchtanz zu zeigen, wäre er wohl auch da ihrer Bitte nachgekommen.

Die Fastenzeit dauerte bei ihm nun schon zwei Wochen. Nur Rohkost und Mineralwasser. Für Toby waren das schlimmere Qualen, als hätte er seine Tage hinter den Toren von Sing Sing beschließen müssen.

Dazu musste er heute auch noch die alte Wette einlösen und sie zum Essen einladen. Das Leben konnte einem Captain schon grausam mitspielen.

„Zieh nicht so ein Gesicht“, meinte Bount. „Sonst wird dein Essen welk. Sei lieber froh, dass du diesen Sonntag genießen kannst. Deine Unkenrufe haben sich nicht bewahrheitet. Heute legen sogar die Gangster von Manhattan einen Ruhetag ein.“

„Schwacher Trost, wenn man euch mit unverschämtem Appetit schlemmen sieht“, seufzte der Dicke und liebäugelte mit dem Entenbraten, der vor Bount stand und von dem ein herrlicher Duft ausging.

„Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht zu essen“, dozierte Bount.

„Und was arbeitest du, wenn die Frage erlaubt ist?“

„Ich denke.“

Toby Rogers verzog sein Gesicht. „Auch das noch! Ich darf hungern, und dann denkst du auch noch. Kannst du uns das nicht ersparen? Immer, wenn deine Gehirnzellen in Aktion treten, gibt es prompt Ärger. Du scheinst dafür einen Spezialmagneten in der Tasche zu tragen.“

Bount zeigte sich entrüstet.

„Spricht man so mit einem Freund? June, was hältst du davon, wenn wir dieses Nilpferd hier sitzen lassen und uns eine angenehmere Gesellschaft suchen?“

June antwortete nicht, nur ihre Augen funkelten. Sie gab Toby einen leichten Schlag auf die Hand, weil er sich heimlich mit der Gabel ihrem Teller genähert hatte.

Toby stampfte mit dem Fuß auf. „Mist, verdammter! Kannst du mir nicht mal tief in die Augen schauen, anstatt immer nur auf deinen Rehrücken?“

June stieß einen Wehlaut aus und sprang von ihrem Stuhl hoch. „Das war mein Fuß“, jammerte sie. „Einen besseren Beweis, dass du noch weiter hungern musst, konntest du gar nicht liefern.“

„Tut mir leid“, murmelte Toby zerknirscht. „Aber es ist ja kein Wunder, wenn man seine Beherrschung verliert. Immer nur Gras und Wasser. Bin ich denn eine Ziege?“

„Was hältst du von einem Rindvieh?“, korrigierte Bount freundlich grinsend.

Ein Blick, aus tausend Verwünschungen geformt, traf ihn.

Toby bückte sich nach seiner Serviette, die ihm hinuntergefallen war. Er blieb ungewöhnlich lange unten. Das hatte seinen Grund. Seinem Blickfeld näherten sich zwei wohlgeformte Beine, von denen das linke besonders lang war, denn auf dieser Seite besaß der enge Rock einen Schlitz.

Toby wurde ganz schwindlig zumute. Kam das vom Bücken, vom Fasten oder von den Knien, die nun unmittelbar vor seiner Nase stoppten?

„Mister Rogers?“

Der Captain drehte seinen Kopf nach oben und strahlte die schnuckelige Bedienung an.

„Das bin ich.“

June räusperte sich. „Es gibt keine Treue mehr“, raunte sie Bount zu. „Bei der ersten Wade hat er mich schon vergessen.“

Toby kam langsam in die Höhe. Er zog den Bauch ein, so gut es ging, und presste dabei vor Anstrengung sein Doppelkinn heraus. Erwartungsvoll blickte er die Bedienung an, die auch oberhalb des Rockschlitzes durchaus ansehnlich war.

„Ein Mister Myers möchte Sie sprechen, Sir.“

Eine unsichtbare Hand kam und wischte Tobys Strahlen aus seinem Gesicht.

„Sagen Sie ihm, er möchte sich bitte zum Teufel scheren. Heute ist Sonntag, ich habe frei, und er hat Dienst.“

„Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie ihm das selbst in Erinnerung rufen würden, Sir.“

Toby stopfte sich mit den Fingern noch rasch ein Salatblatt in den Mund, bevor er sich erhob und der kurvenreichen Bedienung hautnah folgte.

Schon zwei Minuten später kehrte er zurück. Sein Bauch befand sich wieder an der angestammten Stelle. Die Bedienung war nicht mehr in Sicht.

Er setzte sich nicht hin.

„Mord am Broadway“, verkündete er düster. „Ron hält es für richtig, wenn ich mir die Sache selbst ansehe, solange noch mit eventuellen Zeugen gerechnet werden kann. Ihr müsst leider auf meine charmante Gegenwart verzichten. Das habe ich nur dir zu verdanken, Bount. Du hättest nicht denken sollen. Das musste ja schiefgehen.“

Er nickte June gequält zu und entfernte sich so schnell, wie es ihm bei seinem Umfang kaum jemand zugetraut hätte.

„He, und wer zahlt die Rechnung?“, rief ihm Bount nach.

Toby drehte sich um. Jetzt war das Strahlen wieder da.

„Erledige die Kleinigkeit für mich. Ich hatte ja ohnehin nur einen Salat.“

Damit entschwand er.

Bount runzelte die Stirn. „Der Abend wäre nun wohl gelaufen“, meinte er.

„Für mich nicht“, widersprach June. „Ich möchte noch ein Eis mit heißen Himbeeren. Oder lassen das deine Finanzen nicht zu?“

Bount winkte die Bedienung herbei und gab die Bestellung auf.

„Ich habe schon verstanden“, sagte er auf seufzend. „Wenn Toby es schon nicht schafft, auf deine Mannequinmaße zu kommen, dann willst du dich jetzt eben seinen Proportionen anpassen. Ihr gebt irgendwann bestimmt ein hübsches Paar ab. Dreieinhalb Zentner ohne Knochen. Ich werde unser Büro mit stabileren Möbeln ausstatten müssen.“

„Tue lieber etwas für deine Schienbeine“, riet die Blondine angriffslustig. „Wenn du nämlich weiter so ekelhaft bist, musst du unterm Tisch mit einem Fußtritt von deiner Mitarbeiterin rechnen.“

Bount bot grinsend einen Waffenstillstand an, und so wurde es noch ein netter Abend.

Allerdings längst nicht für alle Menschen in dieser riesigen Stadt. Ganz in der Nähe presste eine Frau beide Hände vor Entsetzen auf ihren Mund und fürchtete sich vor dem unvermeidlichen Tod.

 

 

3

Roslyn Santee starrte das Telefon an. Es durfte ganz einfach nicht wahr sein.

Tausendmal hatte sie sich schon die immer gleichen Fragen gestellt. Alle begannen mit „warum“.

Warum hatte sie sich in den falschen Mann verliebt? Warum hatte sie nicht gemerkt, dass er sie nur ausnützte? Warum hatte sie sich eingebildet, ihm aus der Klemme helfen zu müssen? Warum hatte sie sich dann ausgerechnet für die größte Dummheit ihres Lebens entschieden?

Stopp! Die größte Dummheit hatte sie erst etwas später begangen, und hinter der stand das mächtigste Warum. Es war ihre eigene Schuld, dass sie sterben würde. Diese Erkenntnis raubte ihr fast den Verstand.

Dabei hatte sie sich immer für überdurchschnittlich intelligent gehalten. Eine dumme Närrin war sie, nichts weiter.

Narren gab es genug auf dieser Welt. Wenn jeder seine Torheit mit dem Leben bezahlen müsste, wäre das Problem der Überbevölkerung längst gelöst. Es lag wohl daran, dass die anderen eben rechtzeitig einen Ausweg fanden.

Der musste ihr auch einfallen. Sonst war sie verloren.

Die Frau auf dem Sessel weinte. Die Tränen tropften auf ihre Hände und liefen in die Ärmel ihrer Bluse. Die Ziffern unter der Wählscheibe verschwammen vor ihren Augen. Alles war wie in einem dichten Nebel. Ein einziger Anruf war die Ursache dafür.

Roslyn Santee erhob sich und durchquerte mit unsicheren Schritten das Zimmer. Am Fenster verharrte sie. Tief unter ihr pulsierte das nächtliche Manhattan. Da gab es ausgelassene Menschen. Menschen, die liebten und sich freuten, die Spaß hatten und glücklich waren. Sicher waren auch einige mit düsteren Gedanken darunter. Menschen voller Missgunst und Hass. Unzufriedene, Verzweifelte. Aber auch diese besaßen einen Vorteil: sie lebten. Das würde für sie selbst schon bald nicht mehr zutreffen.

Durch ihren zerbrechlichen Körper ging ein Ruck. Vielleicht gab es doch noch einen Ausweg. Noch hatte sie nicht das Letzte versucht. Es war riskant, das wusste sie. Ihr war ausdrücklich verboten worden, diese Adresse aufzusuchen.

Doch was hatte sie schon noch zu verlieren? Nur das Leben, und das gehörte ihr eigentlich schon nicht mehr.

Roslyn Santee besaß schulterlanges, gewelltes Haar, um das sie manche Frau beneidete. Kastanienbraun. Ihre ausdrucksvollen Augen besaßen eine faszinierende Leuchtkraft, wenn sie nicht gerade weinte.

Noch einmal nahm sie alle Energie zusammen, suchte nach restlichen Kraftreserven. Dann wandte sie sich abrupt vom Fenster ab, eilte zur Tür, löschte das Licht und verließ die Wohnung.

Auf der Straße stand ihr armseliger Fiat. Sie hatte ihn gebraucht gekauft, und er tat nur noch seinen Dienst, wenn sie ihm gut zuredete. Heute merkte er anscheinend, dass er sie nicht ärgern durfte. Gehorsam sprang der Motor an, wenn sein Husten auch eine ansteckende Krankheit befürchten ließ.

Sie wusste die Adresse auswendig. Genau wie die Telefonnummer, mit der das Verhängnis seinen Anfang genommen hatte. Aufgeschrieben hatte sie beides nicht. Sie hatte nicht geglaubt, jemals wieder eines von beiden zu brauchen. Außerdem war es ihr strikt untersagt worden.

Roslyn Santee lenkte den Wagen durch die nächtlichen Straßen von Manhattan. Der Verkehr war erträglich, und je weiter sie sich nach Norden bewegte, umso dünner wurde er.

Irgendwie schaffte sie es, sämtliche Kreuzungen zu überqueren, ohne einen Zusammenstoß zu verursachen. Die Ampelanlagen waren gnädig gestimmt. Von Verkehrspolizisten sah sie weit und breit nichts. Jedenfalls erreichte sie unbehelligt den Bezirk, in den sie sich normalerweise nicht einmal bei Tage ohne männliche Begleitung gewagt hätte: Harlem.

Während des Fahrens verriegelte sie beide Türen von innen, aber irgendwann würde sie doch aussteigen müssen. Hoffentlich ging das gut!

Misstrauische Augen starrten sie aus finsteren Hauseingängen an. Ihr schien, als hielte alles den Atem an, lauerte auf sie, auf einen Fehler von ihr.

Sie bog in die 122ste Straße ein und fuhr langsamer. Hier war die Nacht schwärzer als im übrigen New York. Das lag nicht nur an den Bewohnern.

Roslyn Santee stoppte den Fiat vor dem Haus mit der Nummer 114. Es handelte sich um ein Mietshaus. Heruntergekommen wie alles in der Umgebung. Es roch nach Verbrechen, nach Aufruhr und Verzweiflung. Gehörte sie nicht jetzt dazu?

Bevor sie ausstieg, blickte sie sich forschend nach allen Seiten um.

Hinter ihr lungerten in geringer Entfernung zwei Halbwüchsige herum. Sie trugen ausgewaschene Jeans, verschwitzte T-Shirts und Tennisschuhe von der billigsten Sorte. Sie rauchten. Roslyn Santee sah die Glut ihrer Zigaretten leuchten.

Auf der linken Seite öffnete sich im vierten Stockwerk ein Fenster. Jemand warf etwas auf die Straße. Es knallte auf das Dach des Fiat und zersplitterte, nachdem es eine beträchtliche Beule im Blech verursacht hatte. Eine leere Weinflasche. Zweifellos hatte sie ursprünglich billigsten Fusel enthalten.

Die junge Frau brauchte einige Zeit, um sich von dem Schreck zu erholen, und fiel gleich in den nächsten.

Um die Ecke vor ihr bogen drei Gestalten. Sie hatten die Figuren von Möbelpackern oder Catchern. Als sie den Kleinwagen entdeckten, stutzten sie, steckten die Köpfe zusammen und setzten schließlich ihren Weg fort. Sie kamen genau auf sie zu. Ihre Gesichter waren von abstoßender Brutalität.

Roslyn Santee nahm allen Mut zusammen, stieß die Tür auf ihrer Seite auf und stieg aus. Nachdem sie den Schlag ins Schloss geworfen hatte, hetzte sie um das Fahrzeug herum und hastete in den Hauseingang.

Sie atmete flüchtig auf.

Als unmittelbar neben ihr jemand hüstelte, schrie sie vor Entsetzen.

„Die Liebe und der Suff sollen leben!“, krächzte ein Typ, den sie im Dunkeln nicht erkennen konnte. Dafür nahm sie umso deutlicher seine Ausdünstungen wahr. „Hast du ’n Schnaps für mich, Baby?“

„Tut mir leid“, entgegnete Roslyn Santee hastig.

„Macht ja nichts.“ Der Mann kicherte. „Dann bleibt uns immer noch die Liebe. Komm mit, Baby! In meiner Ecke ist es hübsch warm. Ich sehe dir an, dass du frierst. Du zitterst ja.“

Eine ekelhafte, besitzergreifende Hand tastete nach ihr. Sie spürte sie auf ihrer Schulter und gleich darauf an ihrer Brust.

Sie schlug zu. Der Mann taumelte zurück, doch nun war er erst recht gereizt.

Da trat sie mit dem Fuß zu. Sie trug spitze, hochhackige Schuhe.

Der Kerl wimmerte auf und ließ von ihr ab.

Auf dem Pflaster ertönten derbe Schritte. Das waren zweifellos die drei Catcher. Bei denen kam sie vom Regen in die Traufe.

Roslyn Santee jagte davon. Sie warf sich durch die offen stehende Haustür, stolperte durch einen finsteren, stinkenden Gang, und als sie diesen verließ, fand sie sich in einem Hof wieder, der mit Gerümpel und Abfällen vollgestopft war.

Sie lauschte, ob ihr jemand folgte, was aber anscheinend nicht der Fall war.

Nur allmählich wurde sie ruhiger. Sie versuchte, sich zu orientieren. Hier in diesem Haus musste es sein. Hier wohnte er.

Sie trug ein Feuerzeug bei sich. Sie nahm es aus der Tasche und ließ die Flamme aufblitzen.

Im selben Moment legte sich ihr von hinten eine Hand auf den Mund und drohte sie zu ersticken. Eine zweite Hand huschte flink an ihrem Körper entlang. Überall. Es war grässlich.

„Sie scheint sauber zu sein“, hörte sie eine Männerstimme raunen.

„Frag sie, was sie hier zu suchen hat.“

„Hast du gehört? Was willst du hier? Suchst du Kundschaft? Da hast du dir ’nen schlechten Standort ausgesucht.“

Roslyn Santee kämpfte gegen ihre Schwäche und die grauenvolle Angst. „Ich möchte zu Mister Shadow“, presste sie hervor. „Er soll in diesem Haus wohnen.“

Belustigtes Lachen antwortete ihr.

„Hier gibt es keinen Mister Shadow, Puppe. Hier gibt’s überhaupt keinen Mister. Wenn du ’nen Mister willst, gehst du besser in die Wallstreet. Da laufen zwar auch nur Lumpen rum, aber sie sind besser angezogen als wir. Was willst du von Shadow?“

„Das kann ich ihm nur selbst sagen. Es geht um ein Geschäft.“

Die beiden Unsichtbaren berieten sich leise.

Roslyn Santee überlegte, ob sie eine Chance besaß, wenn sie zu fliehen versuchte. Aber das war Unsinn. Sie war aus gutem Grund hergekommen. Daran hatte sich in der letzten halben Stunde nichts geändert. Sie musste es durchstehen. So oder so.

„Okay!“, sagte schließlich der eine. „Wir haben einen Vorschlag. Shadow wohnt nicht mehr hier. Wir könnten dich aber zu ihm bringen. Das kostet für jeden von uns hundert Bucks. Es ist ziemlich weit.“

„Ich habe einen Wagen vorm Haus.“

„Dadurch wird’s nicht billiger, Puppe. Hast du das Geld?“

Roslyn Santee zögerte. Sie war sicher, dass die beiden Halunken alles würden haben wollen, sobald sie den Fehler beging, die Geldtasche zu öffnen. Andererseits würde sie ohne deren Hilfe diesen Shadow nie finden.

„Ich zahle, sobald wir am Ziel sind“, sagte sie mutig.

Die Männer lachten amüsiert.

„Sieh an! Hast wohl schlechte Erfahrungen mit unanständigen Leuten gemacht? Keine Angst, wir sind Gentlemen vom Scheitel bis zur Kopfhaut. Eine Lady behandeln wir fair. Wir nehmen unseren Schlitten, Puppe. Du gestattest doch eine kleine Vorsichtsmaßnahme?“

Sie drückten ihr etwas Weiches auf die Augen und zogen einen Klebstreifen darüber. Die Frau merkte, dass sie ihr den Streifen um den ganzen Kopf wickelten. Sie spürte das Verlangen zu schreien, doch da verschlossen sie ihr auch noch den Mund.

Widerstand war sinnlos. Wozu auch? Vielleicht hatte sie Glück und landete wirklich bei dem Mann, den sie suchte. Dafür würde sie sogar mehr zahlen als nur zweihundert Dollar. Geld spielte im Augenblick die geringste Rolle.

Sie wurde teils geführt, teils vorwärts gestoßen. Ihre Nase registrierte die abstoßendsten Gerüche. Dann atmete sie wieder normale Luft. Anscheinend stand sie wieder auf der Straße.

Sie musste etwas warten. Einer der Burschen hielt sie am Arm fest, damit sie nicht weglaufen konnte. Weiter tat er nichts. Er sprach auch kein Wort.

Der andere holte offenbar den Wagen, denn jetzt hörte sie Motorengeräusch, das sich näherte.

Das Fahrzeug hielt vor ihr. Sie wurde hineingestoßen. Drinnen roch es eigentümlich. Nach Apotheke.

Einer ihrer Begleiter ließ sich neben sie fallen. Dann ging die Fahrt los.

Roslyn Santee war eine begeisterte Konsumentin sämtlicher TV-Krimi-Serien. Vielleicht war das auch der Grund, warum sie ausgerechnet auf diese verhängnisvolle Idee verfallen war, die sie jetzt nicht mehr rückgängig machen konnte.

Ihre Krimi-Praxis befahl ihr jedenfalls, während der Fahrt auf alles zu achten, was ihr hinterher ermöglichen sollte, den Weg zu rekonstruieren. Sie war bestürzt, wie schwierig das war.

Da gab es keine Eisenbahngeräusche oder charakteristische Glockenschläge, wie sie in den Filmen bei ähnlichen Situationen typisch waren. Ein Brei monotoner Verkehrsgeräusche drang in ihre Ohren. Weiter nahm sie nichts wahr. Sie konnte nicht einmal unterscheiden, ob sie schnell oder gemächlich fuhren.

Die Zeit erschien ihr unendlich, doch Roslyn Santee wusste, dass man sich da sehr täuschte. Wahrscheinlich waren nicht mehr als fünfzehn Minuten vergangen, als der Wagen hielt.

„Wir sind am Ziel“, bestätigte der Mann neben ihr. „Dürfen wir jetzt um unser Honorar bitten?“

„Erst bei Mister Shadow“, beharrte die Frau.

„Ganz wie Sie wollen“, meinte der Mann höflich. Im nächsten Moment riss er ihr die Handtasche vom Schoß, versetzte ihr einen kräftigen Stoß, dass sie durch die Tür auf die Straße flog und sich Hände und Knie aufschrammte, und lachte widerlich.

„Schöne Grüße an Shadow, Puppe! Und lass dich ja kein zweites Mal bei uns blicken!“

Der Wagen raste davon. Die Ganoven hatten nur ihr Spiel mit ihr getrieben. Jetzt war alles aus ...

 

 

4

Im Broadway-Theater war der Teufel los. Kaum hatte Carmen Bancroft ihren Schrei losgelassen, als auch schon die Zuschauer in ihrer unmittelbaren Nähe begriffen, was geschehen war. Die hässlichen roten Flecke auf dem Rückenteil der weißen Smokingjacke ließen erst gar keine Zweifel aufkommen. Der Mann, der neben der schönen Rothaarigen auf seinem Platz zusammengesunken war und den Anschein erweckte, als wäre er trotz der zündenden Vorstellung eingeschlafen, war erschossen worden.

Zwangsläufig konzentrierte sich der Verdacht auf die beiden Teenager, die hinter dem Ermordeten saßen, doch die waren selbst einem Nervenzusammenbruch nahe, mussten sie doch befürchten, in unmittelbarer Nähe des Schützen gesessen zu haben. Wie leicht hätten sie von einer der Kugeln getroffen und getötet werden können.

Die Platzanweiserinnen schlugen Alarm. Sämtliche Türen wurden geschlossen und trotzten dem panischen Ansturm der Zuschauer, die sich in zwei Lager teilten. Die einen witterten die Sensation und wollten hautnah dabei sein, wenn der Mörder gefasst wurde. Die anderen hatten gerade davor Angst. Der Killer würde sich nach ihrer Überzeugung kaum widerstandslos der Polizei ausliefern. Vermutlich kam es zu einer wilden Schießerei. In die verwickelt zu werden, darauf legte man keinen Wert.

Die Polizei traf erstaunlich schnell am Tatort ein. Lieutenant Ron Myers leitete die Ermittlungen und sorgte als Erstes dafür, dass die Leute, denen es trotz allem gelungen war, vom Foyer aus die Straße zu erreichen, und nun dabei waren, in Taxis oder den eigenen Wagen zu steigen, ins Theater zurückzuholen. Er befürchtete jedoch, dass ihm ein paar Schnelle entwischt waren. Es hätte ihn gewundert, wenn nicht auch der Mörder unter ihnen gewesen wäre.

Er ordnete an, dass alle wieder ihre bisherigen Plätze einnehmen sollten. Die Platzanweiserinnen hatten ein schweres Stück Arbeit zu bewältigen, denn nur wenige konnten sich mit dieser Maßnahme anfreunden.

Deshalb forderte er Verstärkung an und setzte sich auch mit Captain Rogers in Verbindung, der zwar seinen freien Tag hatte, von dem er aber wusste, wo er ihn auftreiben würde.

Toby Rogers kam kurze Zeit darauf schnaufend und wütend ins Theater. Seine Laune war nicht die beste. Hungrig, verspottet und dann auch noch um die sauer verdiente freie Zeit gebracht, befand er sich genau in der Stimmung, seinen Ärger an seinen Mitmenschen auszulassen.

Als Erster bekam das sein Stellvertreter zu spüren.

„Zum Teufel, Ron! Seit wann brauchst du von mir Schützenhilfe bei ’nem simplen Mord? Das ist unser Alltagsgeschäft. Du hast einen Toten und fünfhundert Zeugen. So gut möchte ich es auch mal haben.“

„Deshalb habe ich dich ja herkommen lassen, Toby“, meinte Ron Myers. „Du sollst auch mal einen leichten Fall erleben. Mensch, die Bancroft macht mich total fertig. Die schluchzt und heult wie ein Krokodil auf seiner eigenen Beerdigung. Irgendwie gefällt mir die nicht. Das hört sich alles ziemlich einstudiert an.“

„Kein Wunder! Wir sind ja hier auch in einem Theater. Wer ist die Bancroft?“

Der Lieutenant zeigte verstohlen auf die elegante rothaarige Frau, um die sich momentan der Arzt kümmerte, der kurz vorher den Tod ihres Begleiters bestätigt hatte.

„Die Frau des Ermordeten. Angeblich will sie von dem Verbrechen nichts bemerkt haben. Erst als das Licht anging und sie mit ihrem Mann ein Glas Sekt trinken gehen wollte, sah sie, dass etwas nicht in Ordnung war. Übrigens hat von allen bisher Befragten niemand einen Schuss gehört.“

„Was wurde gespielt?“

„Cats. Tolle Musik, tolle Choreographie, aber geschossen wird auf der Bühne nicht.“

„Also benutzte der Mörder vermutlich einen Schalldämpfer. Habt ihr schon die ungefähre Richtung feststellen können, aus der die Schüsse abgefeuert worden sind?“

Myers nickte eifrig. Der schlaksige Bursche mit den vielen Sommersprossen verstand sein Geschäft. Nicht umsonst war er nach Captain Rogers der zweite Mann in der Mordkommission.

„Falls Bancroft von der Handlung und den hübschen Girls auf der Bühne gefesselt war und leicht vorgebeugt auf seinem Platz saß, muss sich der Täter im Kronleuchter an der Decke aufgehalten haben. Hatte er sich nach hinten gelehnt, kommt ein Schütze in den hinteren Parkettreihen in Betracht. Am wahrscheinlichsten erscheint jedoch, dass er kerzengerade saß, wie es nach Angaben seiner Frau stets seine Gewohnheit war. In diesem Fall muss sich der Killer oben im Rang aufgehalten haben.“

Toby Rogers folgte mit den Blicken dem ausgestreckten Arm seines Kollegen.

Hinter der Brüstung des Balkons erkannte er ein paar bleiche, verängstigte Gesichter. Er wandte sich an Samuel Hoffard, den Direktor des Theaters, der ständig etwas von Katastrophe und Ruin jammerte.

„War die Vorstellung ausverkauft?“

„Bis auf den letzten Platz, Captain. Das ist sie jeden Abend schon seit Monaten. Eigentlich wollte ich das Stück gar nicht ins Programm nehmen. Es lief ja schon sehr lange auf anderen Bühnen. Aber ich habe einen Glücksgriff getan. Doch jetzt bin ich wohl erledigt. Kein Mensch geht mehr in ein Theater, in dem er seines Lebens nicht sicher ist.“

Toby Rogers deutete auf den Platz auf der rechten Seite in der ersten Reihe. „Der Sessel dort ist leer“, stellte er fest.

Hoffard hielt das nicht für besonders interessant. Es war nicht der einzige Platz, der nach dem Mord unbesetzt geblieben war.

„Gehen wir hinauf“, entschied der Captain.

Ron Myers war bestürzt. „Willst du nicht erst mit der Bancroft reden, Toby?“

Der Dicke schob sein Doppelkinn vor. „Meinst du, sie könnte gekränkt sein?“

Der Lieutenant machte ein Gesicht, als hätte er in eine Essiggurke gebissen, die mit Ahornsirup und Konfetti gefüllt war.

„Ein Wunder wäre es nicht. Ich sage dir, die Frau weiß mehr, als sie zugibt. Ihre Ahnungslosigkeit ist nur gespielt. Da ist irgendeine Schweinerei gelaufen. Sollte mich nicht wundern, wenn sie selbst ihren Mann von ihrem Geliebten hätte umlegen lassen.“

Toby eilte bereits zur Tür, die ins Treppenhaus führte.

„Behalte den Gedanken im Auge“, riet er. „Vielleicht kommen wir auf ihn zurück, wenn ich auch glaube, dass ein solches Pärchen einen gefahrloseren Weg gefunden hätte, den lästigen Ehemann aus dem Weg zu räumen. Das Risiko, in einem vollbesetzten Theater bei der Tat ertappt zu werden, ist nicht gerade gering.“

Das hatte sich Ron Myers auch schon gesagt, und deshalb war er ja auch mit seinen Überlegungen stecken geblieben.

Samuel Hoffard folgte den beiden Beamten händeringend. Durch seinen Kopf rasten unentwegt Zahlen.

Schreckliche rote Zahlen. Er sah sich vor der Pleite.

Die Zuschauer murrten lautstark, als die drei Männer im Rang erschienen.

„Wie lange will man uns hier noch festhalten?“, rief einer. „Das ist unerhört. Die Polizei ist unfähig, uns vor Killern zu schützen. Jetzt kann man nicht mal mehr ohne kugelsichere Weste ins Theater gehen.“

Da kam er bei Toby Rogers genau an den Richtigen.

„Wunderbar, dass Sie sich als Zeuge melden. Mit Ihrer Aussage werden Sie uns so unterstützen, dass wir den Fall rasch aufgeklärt haben.“

„Ich habe nichts gesehen“, beeilte sich der Mann zu versichern. „Ich weiß überhaupt nichts.“

„Dann halten Sie gefälligst den Mund!“, fauchte ihn der Captain an. „Und stören Sie nicht unsere Ermittlungen. Wenn wir lauter Zeugen wie Sie hätten, würden wir überhaupt kein Verbrechen aufklären können.“ Er wandte sich an das Ehepaar, das neben dem freien Platz saß und sich bei den Händen hielt. Die Frau, sie war sicher schon siebzig, hatte Tränen in den Augen. Sie erklärte, dies sei das schrecklichste Erlebnis ihres ganzen Lebens gewesen. Sie würde es nie vergessen können.

Toby Rogers bat um eine Beschreibung ihres Platznachbarn.

Die Frau lächelte schmerzlich. „Das ist William, mein Mann. Wir sind in zwei Monaten seit fünfzig Jahren miteinander verheiratet, nicht wahr, William?“

Der grauhaarige Mann an ihrer Seite nickte bestätigend. „Es waren glückliche Jahre. Und nun das.“

„Ich meinte eigentlich den Platz an Ihrer linken Seite, Madam“, stellte Toby Rogers richtig. „Oder war er während der ganzen Vorstellung leer?“

Die Frau betrachtete den leeren Sessel, als bemerkte sie ihn jetzt zum ersten Mal. Dann blickte sie den Captain an und stieß einen spitzen Schrei aus.

„Sie wollen doch nicht etwa damit sagen, dass der Mörder neben mir gesessen hat?“

„Zumindest können wir das nicht völlig ausschließen. In diesem Fall ist Ihnen sicher etwas aufgefallen. Es wurden immerhin drei Schüsse abgegeben. Selbst wenn ein Schalldämpfer benutzt wird, kann das nicht völlig unbemerkt bleiben, falls man daneben sitzt.“

Details

Seiten
115
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921335
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juli)
Schlagworte
nach anruf mörder york detectives

Autor

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Titel: Nach Anruf kam der Mörder: N.Y.D. – New York Detectives