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Roman-Paket Wilder Westen: 13 Top Western Juli 2018

von Alfred Bekker (Autor:in) Pete Hackett (Autor:in) Heinz Squarra (Autor:in)
2018 1200 Seiten

Zusammenfassung

Roman-Paket Wilder Westen: 13 Top Western Juli 2018
von Alfred Bekker & Pete Hackett & Heinz Squarra

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1258 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält diese Western:
Heinz Squarra: Green River Fehde
Alfred Bekker: Die Rückkehr des Leslie Morgan
Alfred Bekker: Sonora-Geier
Alfred Bekker: Das harte Dutzend
Alfred Bekker: Farley und die Rancherin
Peter Hackett: Die Wölfe von Wildorado
Peter Hackett: Blutbad am Tierra Blanca Creek
Peter Hackett: Höllentrail nach Oklahoma
Peter Hackett: Als Howard seine Wölfe schickte
Peter Hackett: Wider das Gesetz
Peter Hackett: Wehe, wenn Humphrey stirbt
Peter Hackett: Wir und die Maskenmänner
Peter Hackett: Sein Gesetz war aus Pulver und Blei

Matt und Tate wollen eigentlich in die Berge, um ihre geheime Goldader auszuräumen, doch unterwegs treffen sie auf irische Holzfäller, die sie für Marshals der Eisenbahn halten. Als die Gruppe von Indianern überfallen wird, die eines der Mädchen aus dem Camp haben wollen, eskaliert die Lage. Endlich glauben die Holzfäller, dass bei den beiden Männern Gold zu holen ist, aber die Gier sorgt dafür, dass es zu einer blutigen Auseinandersetzung kommt.

Leseprobe

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Roman-Paket Wilder Westen: 13 Top Western Juli 2018

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von Alfred Bekker & Pete Hackett & Heinz Squarra

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1258 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält diese Western:

Heinz Squarra: Green River Fehde

Alfred Bekker: Die Rückkehr des Leslie Morgan

Alfred Bekker: Sonora-Geier

Alfred Bekker: Das harte Dutzend

Alfred Bekker: Farley und die Rancherin

Peter Hackett: Die Wölfe von Wildorado

Peter Hackett: Blutbad am Tierra Blanca Creek

Peter Hackett: Höllentrail nach Oklahoma

Peter Hackett: Als Howard seine Wölfe schickte

Peter Hackett: Wider das Gesetz

Peter Hackett: Wehe, wenn Humphrey stirbt

Peter Hackett: Wir und die Maskenmänner

Peter Hackett: Sein Gesetz war aus Pulver und Blei

––––––––

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MATT UND TATE WOLLEN eigentlich in die Berge, um ihre geheime Goldader auszuräumen, doch unterwegs treffen sie auf irische Holzfäller, die sie für Marshals der Eisenbahn halten. Als die Gruppe von Indianern überfallen wird, die eines der Mädchen aus dem Camp haben wollen, eskaliert die Lage. Endlich glauben die Holzfäller, dass bei den beiden Männern Gold zu holen ist, aber die Gier sorgt dafür, dass es zu einer blutigen Auseinandersetzung kommt.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors /Cover Tony Masero

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Green River Fehde

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Western von Heinz Squarra

Der Umfang dieses Buchs entspricht 166 Taschenbuchseiten.

Matt und Tate wollen eigentlich in die Berge, um ihre geheime Goldader auszuräumen, doch unterwegs treffen sie auf irische Holzfäller, die sie für Marshals der Eisenbahn halten. Als die Gruppe von Indianern überfallen wird, die eines der Mädchen aus dem Camp haben wollen, eskaliert die Lage. Endlich glauben die Holzfäller, dass bei den beiden Männern Gold zu holen ist, aber die Gier sorgt dafür, dass es zu einer blutigen Auseinandersetzung kommt.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Tony Masero, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Dort, wo der Green River aus den dunklen Wäldern Wyomings kommt, glitzerte der Schmelzwasser führende Fluss im kalten Licht des Mondes. Rauschend wälzten sich die Wassermassen durch das breite Bett nach Süden, der ersten großen Biegung im Flachland entgegen, an der sich ein paar Baumstämme am Ufer derart verkeilt hatten, dass sie die Strömung nicht weiter mitnehmen konnte.

Aus dem Dunkel des Waldes drang das klagende Bellen eines Wolfsrudels und näherte sich schnell dem schwarzen Saum, der wie eine riesige Mauer vor der nächtlichen Prärie stand.

Auf einmal trieb der Körper eines Menschen aus dem Dunkel, wurde vom kalten Mondlicht erfasst, auf einem Strudel einmal um die eigene Achse gedreht und dann weitergetragen. Der Körper trieb mit dem Gesicht nach unten in den Fluten, Arme und Beine ausgebreitet, gerade als hätte er versucht, zu fliegen. Er erreichte die Biegung, trieb haarscharf an den verkeilten Baumstämmen vorbei und immer weiter weg von der Waldgrenze.

In der nächsten Minute tauchte das Wolfsrudel auf, brach aus dem Wald, hielt und heulte den Mond an. Bald aber liefen die struppigen Tiere weiter, am Ufer entlang den Fluss hinunter, einmal schneller, dann langsamer, stets witternd.

Vor ihnen her trieb die Leiche im Wasser, erreichte nach zwei Meilen die nächste Biegung und wurde von der Strömung ans Ufer getragen. Der Körper lag jetzt auf einem flachen Sandstreifen. Die Beine des Toten trieben noch im Wasser, bewegten sich rhythmisch auf den Wellen und zogen den Oberkörper Zoll um Zoll wieder vom flachen Sandstrand herunter. Ehe die Strömung die Leiche jedoch erneut mitnehmen konnte, war das schaurig kläffende Rudel zur Stelle. Das wilde Gebell verklang. Scheu zuerst näherten sich die Wölfe der Leiche. Sie zuckten jedes Mal zurück, wenn sie von den Wellen bewegt wurde. Aber noch bevor sie ganz in die Strömung rutschte, schnappte der erste Wolf zu. Seine großen Reißzähne gruben sich in den Körper. Er wurde völlig auf den Uferstreifen gezerrt und die Tiere fielen über ihn her. Etwas rollte aus einer Tasche, blieb im Sand liegen und glitzerte silbern, viel heller noch als das schäumende Wasser, im kalten Mondlicht. Ein Wolf schnupperte daran, mischte sich aber dann unter das Rudel, das die Leiche zerfetzte.

Unbeachtet blieb der blitzende Silberstern im feuchten Sand am Ufer liegen. Er blinkte im kalten Mondlicht, das ihn so hell anstrahlte, dass die Gravierung in seiner Mitte sichtbar wurde: „U. P. Railroad.“

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2

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Gleißendes Sonnenlicht lag über der weiten Wyoming-Prärie. Der heiße Lufthauch, der von Süden kam, bewegte die Spitzen der hohen Büffelgrasnaben und ließ sie leise rascheln, aber die dünnen Geräusche gingen im Rauschen des Flusses unter. Vor dem breiten Waldgürtel im Norden flimmerte es in der Luft, so dass es schien, als würden die riesigen Douglasfichten zittern.

Ein flacher, mit einer Plane abgedeckter Wagen, vor den zwei Pferde gespannt waren, rumpelte langsam von Süden herauf. Eine lange Staubfahne hing hinter dem Gefährt in der Luft und glitzerte im grellen Sonnenlicht, als wären es Millionen und Milliarden von Kristallen, die vom Boden aufgewirbelt wurden. Neben dem Wagen, auf dessen Bock ein Mann saß, ritt ein Reiter, dessen Blick am Knick des Flusses über das Wasser und den Uferstreifen wanderte. Es war ein großer, kräftig wirkender Mann, dem dunkles Haar unter dem verstaubten und verschwitzten Hut hervorquoll, ein Mann mit blitzenden, wachsamen Augen, noch nicht ganz dreißig Jahre alt.

Jäh zügelte der Mann sein Pferd, als er das Blitzen im Sonnenlicht sah und ein paar gebleichte Knochenreste erkannte. Er sprang aus dem Sattel, näherte sich dem Sandstreifen langsam und ging in die Hocke.

„Das musst du dir ansehen, Matt“, murmelte der Mann.

Matt Conroy hatte die beiden Wagenpferde gezügelt, schlang die langen Zügelenden um den Bremshebel und stieg vom Wagen. Matt war so groß wie sein Partner, dunkelblond, breitschultrig, mit einem hageren Gesicht und steingrauen Augen.

„Ich wette, hier hat vor ein paar Wochen ein Mann gelegen“, sagte Tate Fiddler. „Ein Marshal der Eisenbahngesellschaft, für die General Casement Schienen in die Prärie legt. Sieh dir nur mal an, was die Wölfe hier von einem Mann übrig lassen!“ Fiddler schüttelte den Kopf und rieb sich mit der Faust am Kinn entlang, während er sich langsam wieder aufrichtete.

Matt Conroy blieb so stehen, dass sein Schatten auf den Stern fiel. Er sah die Reste der Gebeine, den halben Schädelknochen, ein paar zerfetzte Lumpen und zwei Bleikugeln. „Den hat der Fluss aus dem Norden gebracht“, sagte er heiser.

Tate Fiddler bückte sich wieder, nahm den Stern und rieb ihn an seiner schwarzen Spielerjacke blank. Dann richtete er sich auf, steckte den Stern an die Jacke und begann zu grinsen. „Passt der zu mir?“, wollte er wissen.

„Wie die Faust aufs Auge“, sagte Matt.

„Wieso denn? Die Marshals der Eisenbahn sind eiskalte Revolvermänner und leben nach Casements Gesetz. Gut ist nur, was der Eisenbahn dient. Was der Eisenbahn nicht dient, wird aus dem Wege geräumt. Die sind schlechter, als ich in meinem ganzen Leben sein kann.“ Tate löste den Stern wieder von seiner Jacke und steckte ihn in die Tasche. „Vielleicht kann ich ihn irgendwann mal gebrauchen.“ Er bückte sich abermals, nahm eine der Kugeln in die Hand und ließ sie durch die Finger gleiten.

„Wenn er eine Waffe oder eine Patrone gehabt hätte, müsste sie auch noch hier liegen“, erklärte Matt Conroy.

„Dem wurde alles abgenommen. Dann hat ihn jemand erschossen. Und dann wurde er in den Fluss geworfen. Irgendwo im Norden. Wahrscheinlich von den Cheyennes.“

„Die aus Revolvern schießen“, sagte Matt gedehnt.

Fiddler betrachtete die Kugel noch einmal, dann ließ er sie fallen. „Was geht es uns an.“ Er wandte sich ab, ging zu seinem Pferde und schwang sich in den Sattel.

Matt Conroy folgte ihm und kletterte auf den Bock des Wagens. „Komisch ist es trotzdem. Wenn wir in Green River richtig gehört haben, gibt es hier eine Horde irischer Holzfäller. Aber die arbeiten auch für die Eisenbahn.“

„Wenn du in Green River richtig zugehört hast, dann kann dir nicht entgangen sein, dass die Stadt von Cheyennes angegriffen wurde“, erwiderte Tate Fiddler. „Und dass die Indianer Winchestergewehre hatten. Es wäre doch kein Wunder, wenn die Gesellschaft einen Marshal losschickte, der herausfinden soll, woher die Indianer die Gewehre haben. Und der Marshal kann schließlich an Leute geraten sein, die ihr Geheimnis für sich behalten wollen.“ Matt knallte mit der Peitsche. Rumpelnd setzte sich das Gefährt wieder in Bewegung.

Tate Fiddler ritt neben dem Wagen her. „Der Angriff soll vor sieben Wochen gewesen sein. Wenn der Marshal dann bald losgeritten ist, hatte er noch zwei bis drei Wochen Zeit bis zu seinem Ende.“

„Ja ja“, sagte Matt und knallte wieder mit der Peitsche.

„Interessiert es dich wirklich nicht?“

„Seit wann interessieren dich denn die Revolvermarshals der Eisenbahn, Tate?“

Fiddler grinste dünn. „Seit ihre silbernen Sterne an Flussläufen liegenbleiben.“

Langsam rollte der Wagen der dunklen Waldgrenze entgegen. Dahinter in der Ferne waren kahle graue Felsen zu sehen.

Plötzlich ließ das Krachen einer Explosion die Pferde scheuen. Tate griff nach seinem Gewehr und zog es mit einem Ruck aus dem Scabbard, um es mit einer schlenkernden Handbewegung zu repetieren.

Aber da sahen sie schon das von einer Wasserfontäne begleitete Holz, das mit Feuer und Rauch in die Luft geschleudert wurde, zurückfiel und hinter dem hohen Büffelgras verschwand. Der Rauch breitete sich aus und wurde durchsichtiger.

Sie hatten die Pferde pariert und blickten nach Norden.

„Das war am Knick vor dem Wald“, sagte Tate. „Offenbar die irischen Feuerteufel, die verklemmtes Holz sprengen.“

Matt trieb die Pferde wieder an.

In der Ferne zerflatterte der Pulverrauch über den hohen Wipfeln der Bäume.

Fiddler ritt neben dem Wagen her, öffnete den Unterhebel des Gewehres, drückte die Patrone ins Röhrenmagazin zurück und schloss die Waffe, um sie ins Sattelfutteral zu schieben.

Nach zehn Minuten konnten sie ein paar Männer sehen, die am Knick des Green River auf verkeiltes Holz einschlugen. Als sich Stämme lösten, fiel ein Mann ins Wasser und paddelte hastig wieder zum Ufer.

Sie waren schon fast an die Männer herangekommen, als sie bemerkt wurden. Es waren sechs Männer, die nun in ihrer Arbeit innehielten und höher ans Ufer kamen. Nur noch wenige Baumstämme lagen zusammen an dem Knick, aber ihre Enden wurden von der Strömung schon bewegt.

Matt blickte von einem der sechs Männer zum anderen. Irgendwie sahen sie in ihrer wilden Art alle gleich aus. Sie trugen trotz der Hitze derbe Jacken, Hosen und grobe Stiefel, und ihre Gesichter waren von dunklen, struppigen Bärten bedeckt. Drei von ihnen trugen speckige Mützen, die drei anderen Schlapphüte, und eigentlich war es nur das, woran man sie wenigstens in zwei Gruppen unterteilen konnte.

Der größte der Männer ließ die Axt aus der Hand fallen und kam dem Wagen ein Stück entgegen.

Matt parierte die Pferde und zog die Bremse an. „Guten Tag“, sagte er. Tate grüßte ebenfalls und tippte an seinen flachen Hut, dessen Lederband ein paar winzige Silbernägel zierten.

Der große Mann brummte etwas unverständliches, was eher wie ein Fluch, als ein Gruß klang. „Was wollt ihr hier?“, fragte er barsch. „Wer seid ihr?“

„Sie fragen eine Menge auf einmal“, erwiderte Tate grinsend.

Die bernsteinfarbenen Augen des großen Mannes begannen böse zu funkeln. Auch die anderen kamen nun näher, bildeten einen Halbkreis und schwangen die Äxte über die Schulter.

„Wir wollen nach Norden“, erklärte Matt.

„Nach Norden?“, knurrte der klotzige Mann.

„Ja, nach Norden.“ Tate nickte. „Ihr habt doch nichts dagegen, oder?“

„Und wenn wir was dagegen haben?“ Der große Mann griff nach dem Kopfgeschirr von Tates Pferd.

„Dann wären wir zu wenige, um es sofort zu ändern.“ Tate zuckte noch immer grinsend die Schultern. „Gehört ihr zu den Holzfällern, die hier für die U. P. Arbeiten?“

„Wir arbeiten auf eigene Rechnung“, sagte der Mann barsch. „Auf Rechnung meines Bruders, Andrew McRay. Ich bin John McRay.“

Tate deutete eine Verbeugung an. „Angenehm, Mister McRay. Ich bin Tate Fiddler. Das ist mein Freund, Matt Conroy.“

McRay blickte von einem zum anderen. „Wenn ihr noch ein bisschen wartet, kommen wir mit nach Norden.“

„Wollen Sie den Fluss nicht noch weiter hinunter?“, fragte Matt.

„Nein. Von hier aus schwimmt das Holz bis Green River. Die paar Stämme, die noch hängenbleiben, machen wir später frei, wenn wir selbst nach Green River reiten.  Also, warten Sie ein paar Minuten.“

„In Ordnung.“ Matt stieg ab.

Die finsteren Männer musterten ihn noch einen Augenblick, dann wandten sie sich ab, gingen wieder zum Ufer hinunter und machten sich erneut an den verklemmten Stämmen zu schaffen, die die Strömung noch immer nicht hatte mitnehmen können.

Tate war ebenfalls abgestiegen und folgte den Männern.

„Ziemlich schwere Arbeit“, sagte er. „Was verdient man denn dabei?“

McRay kam wieder näher. „Hundertfünfzig im Monat.“

Tate pfiff durch die Zähne. „Donnerwetter, da kann man ja reich werden. Hast du das gehört, Matt?“

„Ich bin doch nicht taub“, erwiderte Matt Conroy unwirsch. McRay musterte ihn wieder, und in seinen bernsteinfarbenen Augen stand das nackte Misstrauen. Matt musste plötzlich an das denken, was sie am Flussufer zuvor gefunden hatten.

Die letzten Stämme schwammen im Wasser plötzlich auseinander, wurden von der Strömung gepackt, drehten sich träge und wanderten mit den Wellen. Der Mann, der noch nass von seinem ersten Bad war, stürzte noch einmal ins Wasser, als er sich vom letzten Stamm abstoßen wollte. Die anderen stimmten ein brüllendes Gelächter an, während er fluchend ans Ufer kletterte, die Nässe abzuschütteln versuchte und seinen tropfenden Bart zusammenpresste, was ihn danach einer Ziege ähneln ließ.

Fiddler grinste so penetrant, dass der Mann auf ihn zukam, nach dem Zügel griff und Tate fragte, was er so komisch fände.

„Dich“, sagte Tate. „Wenn ich einen Spiegel hätte, könntest du es selbst sehen.“

Die anderen lachten polternd. Der Mann fluchte, packte Tate am Bein und wollte ihn aus dem Sattel zerren. Aber Tate schmetterte ihm die Faust mit solcher Wucht auf den Kopf, dass sich seine Finger öffneten und er zurücktaumelte.

McRay kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.

Der nasse Holzfäller fing sich und sprang vorwärts. Tate zog den Stiefel aus dem Steigbügel und trat ihm gegen die Schulter, und der Mann taumelte wieder und stürzte zu Boden. Seine Jacke öffnete sich, und Tate sah den nassen Revolver hinter seinem Hosenbund, eine große, unhandliche Waffe, neben der am Gürtel ein Pulverhorn hing. Der Mann zerrte den Revolver hinter dem Hosenbund hervor und spannte den Hammer.

„Wenn das Ding losgehen soll, hättest du es am Ufer lassen müssen, bevor du das Bad genommen hast.“ Tate grinste immer noch herausfordernd. „Und noch was: Der zweite Schuss gehört mir!“ Er griff nach dem Kolben seines Colts, schob den Riemen vom Hammer und zog die Waffe.

„Schluss!“, sagte John McRay barsch. „Los, steh auf, wir reiten zurück! Seht euch noch mal um, damit kein Werkzeug liegenbleibt. Ihr wisst, mein Bruder kann es nicht leiden, wenn etwas fehlt.“

Der nasse Mann stand auf und blickte auf seinen nassen Revolver.

„Wenn du so schnell damit bei der Hand bist, solltest du dir mal einen für Patronen zulegen“, sagte Tate. „Damit kann man schon eher mal ins Wasser springen.“

Schadenfroh grinsten die anderen, wandten sich aber ab, als John McRay einen barschen Befehl gab. Sie sammelten ihre Werkzeuge ein und liefen zum Waldsaum.

„Bringt mein Pferd mit!“, kommandierte McRay. Er ging um Fiddlers Pferd herum und lehnte sich gegen das Hinterrad des Wagens, den Blick auf die Plane gerichtet, die die Ladefläche abdeckte.

„Wir wollen im Norden Gold suchen“, sagte Matt. McRays Blick wanderte langsam über die Plane hinweg, am Bock in die Höhe und war dann erstaunt und irgendwie auch erleichtert auf Matts Gesicht gerichtet. „Gold?“

„Ja, in den Bergen.“

„Gibt es denn da Gold?“

„Jemand hat es mir in Julesburg erzählt“, erklärte Tate Fiddler.

„So?“

„Ja.“ Matt lächelte freundlich. „Sehen Sie ruhig nach, wenn Sie es nicht glauben.“

Mac Ray grinste schief, griff nach der Plane und schlug sie zurück. Er sah Schaufeln, Hacken, ein Schüttelsieb, Presspulver, Zündschnüre, Draht und anderes Gerät. „Tatsächlich“, murmelte er. „Und wo soll es das Gold geben?“

„Das ist unser Geheimnis“, erwiderte Matt. „Schließlich wollen wir es holen.“

„Ihr habt eure Bäume“, setzte Fiddler hinzu. „Man hat in Green River gesagt, das wäre ein Mordsgeschäft, wenn es klappt. Es war von fünfundzwanzigtausend Dollar die Rede.“

McRay zog die Plane wieder über den Wagen. „Ja, mein Bruder macht ein gutes Geschäft, und wir sind so gut wie fertig. Nur noch ein paar Wochen. Aber er ist auch ein großes Risiko eingegangen. Wenn es nicht geklappt und die Bahn wegen fehlender Schwellen in diesem Sommer nicht genug hätte bauen können, dann hätte er dafür aufkommen müssen.“

„So einfach verdient man also doch kein Vermögen.“ Tate Fiddler grinste den wuchtigen Holzfäller an. „Hat Ihr Bruder denn genug Geld für so eine Panne?“

„Nein“, sagte McRay barsch, „aber er hat einen Revolver und Patronen.“ Er blickte den Männern entgegen, die mit Pferden und Packtieren aus dem Wald kamen.

„Was für ’ne feine Alternative“, sagte Tate. „Damit hätte die Bahngesellschaft ganz bestimmt was anfangen können!“

McRay wandte ihm langsam das Gesicht zu. „Die Bahngesellschaft würde in einem solchen Fall kaum mit was anderem rechnen, Mister. Oder meinen Sie, irgendwer, der in den Wald geht, Bäume fällt und Stunde um Stunde sein Leben riskiert, der hat auch das Geld, eventuell einen in die Millionen gehenden Schaden zu ersetzen? Wer das denkt, zieht die Hosen jeden Morgen mit der Kneifzange an.“

Der Wagen holperte durch die schmale Schneise, immer tiefer in den schwarzen Wald hinein, durch dessen Dach kein einziger Sonnenstrahl den bemoosten Boden erreichte. Manchmal führte die Schneise direkt an den rauschenden Fluss heran, der sich mitten durch den Wald schlängelte, manchmal ein paar Bäume mit sich brachte, dann wieder eine Weile nichts und schließlich wieder Bäume. Dann führte die Schneise wieder vom Green River weg und tief in den Wald, und als er sich abermals für ein kurzes Stück öffnete, waren mit Schnee bedeckte Felszacken in der Ferne zu erkennen.

Auf der Lichtung hielten die Reiter. Matt zog die Zügel an und trat auf die Bremse.

„Heute schaffen wir es doch nicht mehr, John“, knurrte einer der Männer. „Sollten wir nicht hier bleiben? Wir wissen nicht, ob die verdammten Rothäute uns entdeckt haben, als wir aus den Bergen ritten. Hier sind wir ziemlich sicher vor ihnen.“

McRay blickte sich in der Runde um.

„Hier ist es wirklich günstig“, stimmte Matt zu.

„Vor allem, wenn wir uns was braten und nicht gleich den ganzen Wald abbrennen wollen“, fügte Tate Fiddler hinzu.

„Wie spät ist es?“

Ein Mann zog eine Taschenuhr unter der Jacke hervor und klappte den Deckel auf. „Bald sieben, John. In einer knappen Stunde ist alles so schwarz wie die Seelen der Rothäute.“

„Habt ihr großen Ärger mit den Cheyennes?“, fragte Matt.

„Mehr als genug.“ McRay stieg ab. „Also, Schluss für heute. Conroy, lassen Sie den Wagen so stehen.“

Die Männer stiegen ab. Matt kletterte vom Bock und schirrte die Pferde aus. Tate sattelte sein Pferd ab, schlug die Plane von der Ladefläche des Wagens zurück und warf seinen Sattel neben den von Matt, der bei dem Werkzeug und dem Proviant lag.

„War ein verdammt heißer Tag für Anfang Mai“, sagte ein Mann. „Der Fluss fällt auch schon. Hast du es gesehen, John?“

„Für uns reicht der Schnee noch“, gab McRay zurück, „der auf den Hängen taut. Das hat mein Bruder schon alles richtig berechnet.“

„Wo ist denn das Camp?“, fragte Matt, während er die Wagenpferde ausschirrte.

„In der ersten Schlucht“, erklärte McRay. „Zwischen den Hängen, auf denen vor zwei Monaten noch dichter Wald stand. Wissen Sie, wo das ist?“

„Nein“, erwiderte Matt schnell. „Wir waren ja noch nie hier.“ Er schaute Tate an, der ein Auge zukniff und grinste.

„Ol, du sammelst Holz!“, bestimmte McRay. „Zane, du bist heute der Koch. Gib dir Mühe.“

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Eine halbe Stunde später flackerte neben dem Wagen ein Feuer und darüber hing ein Bratspieß mit zwei großen Fleischstücken in zwei eisernen Gabeln, die rechts und links neben dem brennenden Holz in den Boden gerammt waren. Die Männer setzten sich neben das Feuer, während die Pferde auf der Lichtung immer weiter auseinander liefen.

McRay schnitt ab und zu ein kleines Stück Fleisch ab und aß es, und manchmal bohrte er seinen schmalen Arkansas-Zahnstocher in das Fleisch. „Gut“, sagte er schließlich.

Ein anderer Mann nahm den Spieß ab, teilte die beiden Fleischstücke und warf jedem ein Stück zu. Dann ging ein Maisbrot im Kreis herum, von dem sich jeder absäbelte, was er brauchte.

„Ihr wollt also Gold suchen?“, fragte McRay kauend.

„Ja, wollen wir.“ Fiddler nickte.

„Habt ihr keine Angst vor den Indianern?“

„Wir denken, die Berge sind so groß, dass man ihnen aus dem Weg gehen kann.“

„So, denkt ihr?“ McRay biss in das Fleisch. „Wir teilen Wachen ein. Und merkt euch eins: Wer einschläft, wird erschossen, wenn ich ihn erwische!“

Matt schaute zum Himmel, der sich von Westen her bis zu den kleinen weißen Wolken über der Lichtung rot zu färben begann. Er aß den Rest seines Fleisches, stand auf, wischte die Hände an der Hose ab und ging um den Wagen herum. Nach einer Weile stand auch Tate auf und folgte Matt Conroy.

Die Männer blickten sich untereinander an.

„Was ist denn?“, knurrte McRay.

„Goldsucher“, sagte ein anderer verächtlich. „Das sind Marshals von der Eisenbahn! Die suchen nach Leuten, die den Cheyennes die Winchestergewehre gegeben haben.  Ich sag dir, da kommen immer wieder Marshals, und jedes Mal mehr als vorher!“

„Sie haben alles, was man braucht, um Gold zu suchen“, knurrte McRay unsicher.

„Tarnung! Nichts als Tarnung! Die haben den Toten im Fluss gefunden und zwei neue Männer geschickt. Wenn wir sie umlegen, kommen vier. Dann acht!“

„Diese Schweine“, brummte ein anderer der bärtigen, finsteren Männer. „Die schicken uns hierher, um die Bäume zu fällen und überlassen es uns noch nicht mal, wie wir die drei Monate mit den verdammten Rothäuten zurechtkommen.“

„Daran sind die Indianer schuld“, sagte wieder ein anderer. „Mussten sie mit den neuen Gewehren auch gleich losreiten, um Green River zu überfallen?“

„Vielleicht sind es doch Goldsucher“, sagte McRay. „Es ist schon früher immer davon geredet worden, dass es in den Wyoming-Bergen Gold geben soll.“

„Na, das ist auch nicht unser Problem. Das muss der Boss entscheiden.“

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Matt Conroy richtete sich langsam auf, als er unter dem Wagen hervorgekrochen war. Tate, der im feuchten Gras kniete, stieß ein leises Zischen aus.

Die anderen Männer unter dem Wagen schliefen noch. Drüben, vom unsichtbaren Waldsaum kam ein krächzender Laut, wie der eines Nachtvogels.

„Cheyennes“, flüsterte Tate.

„Ja, ich hab’s gehört.“ Matt griff hinter sich, packte sein Gewehr und nahm es in die Armbeuge.

„Ich weck die anderen.“ Tate kroch rückwärts und flüsterte den Männern zu, dass Indianer in der Nähe wären.

Ein Pferd schnaubte auf einmal und schlug mit einem Huf auf den Boden. Ein Mann gähnte schlaftrunken. McRay schimpfte. Ein Gewehr wurde repetiert.

„Mann, macht ihr einen Krach“, sagte Fiddler. „Da wagen die Kerle sich ja gar nicht näher!“

„Verteilen!“, bestimmte McRay. „Um den ganzen Wagen. Und jeder bleibt an seinem Platz!“

Matt richtete sich auf und lehnte den Rücken gegen das Rad. Auf der anderen Seite wieherte ein Pferd und jemand sagte: „Verdammt, wir müssen ein Stück von den Pferden weg!“

„Ruhe!“, zischte McRay.

„Das hört man bis Green River.“ Tate Fiddler schüttelte den Kopf. „Wie habt ihr nur zwei Monate in einer Schlucht leben können?“

„Geht Sie das was an?“, zischte McRay scharf.

„Nein, es interessiert mich nur.“

„Ach, es interessiert Sie?“

„Still“, sagte Matt. „Sie haben schon den Wald verlassen.“

„Wieso?“, fragte McRay.

„Sie verständigen sich nicht mehr untereinander.“ Matt repetierte sein Gewehr so langsam, dass nur ein leises Schnappen zu hören war.

Sekunden vergingen.

„Achtung, da!“, schrie ein Mann auf der anderen Seite.

Dann hallte das Krachen von Schüssen über die Lichtung und Mündungsfeuer zuckten gespenstisch durch die Nacht.

Auch vor Matt und Tate zerbarst Feuer und beleuchtete dunkle, kantige Gesichter mit wild blitzenden Augen. Neben Matt schlug eine Kugel in den Wagenkasten.

Schaurig wieherten die Pferde und zerrten am Wagen.

Matt drückte ab und spürte wie der Gewehrkolben gegen seine Hüfte schlug. Er repetierte und schoss wieder auf die zuckenden Mündungsflammen. Eine Kugel pfiff an seinem Kopf vorbei. Das Fluchen der schießenden Männer wurde lauter. Fiddler schoss fast pausenlos, und zweimal war kehliges Geschrei zu hören, das jedes Mal röchelnd verklang.

„Los, die machen wir fertig, das sind nicht viele!“, rief Fiddler, lief vorwärts, schoss, repetierte und schoss wieder.

Matt folgte ihm schießend, sah einen Indianer auftauchen und im Schein der nächsten Mündungsflamme zusammenbrechen. Aber ein anderer sprang über den Stürzenden hinweg und schwang etwas über dem Kopf, was Matt im Dunkel nicht erkannte. Er sprang zur Seite, stolperte in ein Loch und stürzte. Noch im Liegen feuerte er auf den Indianer, der sich herumgeworfen hatte. Der Cheyenne schrie gellend auf, taumelte rückwärts und brach zusammen.

Matt sprang wieder auf und feuerte dorthin, wo die Indianer auf dieser Seite des Wagens zu einem kehlig schreienden Pulk zusammenliefen, als hätten sie einzeln Angst.

Fiddlers Gewehr entlud sich in schneller Folge. Matt repetierte und schoss, so schnell seine Hände Bewegungen ausführen konnten. Die grellen Mündungsflammen blendeten ihn immer wieder, der Pulverrauch trieb ihm ins Gesicht und brannte auf den Lippen, in der Nase und in den Augen.

„Sie fliehen!“, rief Fiddler heiser.

Sie begannen über die Lichtung zu rennen, hinter den mitunter schemenhaft auftauchenden Indianern her. Und dabei schossen sie immer noch aus ihren Gewehren. Schließlich trafen die ersten Kugeln klatschend die Bäume. Fiddler stolperte über einen Toten und stürzte lang ins feuchte Gras.

Matt Conroy blieb stehen, schoss noch von der Hüfte aus in den Wald hinein, in dem die Indianer verschwunden waren. McRay gelangte keuchend neben ihm an, schoss in das tiefe Schwarz der Nacht und des dichten Waldes hinein, aus dem das Wummern dumpf zurückschallte.

Matt ließ als erster das Gewehr sinken und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

Fiddler tauchte auf und rief: „Die sehen wir nie wieder. Und die schwören jedem Indianer, den sie sehen, dass es sich wirklich nicht auszahlt, weiße Männer nachts anzugreifen. Das haben sie früher nie gemacht.“

„Früher?“, fragte McRay kratzig, weil der penetrante Geschmack in seinem Hals saß.

„Ja, früher.“

„Ich dachte, ihr seid noch nie hier gewesen“, meinte McRay.

Matt lauschte noch einmal dem Rascheln und Knacken des Unterholzes nach, das sich schnell entfernte.

„Wir waren noch nicht hier, aber mit Indianern hatten wir schon mehr als genug zu tun“, knurrte Tate Fiddler. „Indianer trifft man in diesem Land doch überall.“

Zwei andere Männer tauchten auf, und einer sagte: „Denen haben wir es aber gegeben, was John?“

„Ja“, gab McRay gedehnt zurück. „Vor allem die beiden hier/“

„Die schießen, da meint man, das Feuer käme aus jedem Knopfloch.“ Der Holzfäller lachte polternd und zerrte an der langen Krempe seines Schlapphutes.

„So schießen die Marshals der Eisenbahn, wenn sie einen Transport begleiten, der von Indianern überfallen wird“, sagte der andere. „Das hab ich selbst schon erlebt.“

Matt wandte dem Mann das Gesicht zu. „Wir sind aber keine Marshals“, erklärte er. „Weder Marshals der Eisenbahn, noch andere.“

„Los, tragt die toten Indianer zusammen!“, kommandierte McRay. „Und vor allem ihre Waffen! Die nehmen wir mit, auch die Munition.  Das waren nicht viele, was, Conroy?“

„Das war eine kleine, habgierige Bande“, entgegnete Fiddler an Matts Stelle. „Ein versprengter Haufen, der vielleicht schon lange zu keinem Stamm mehr gehört.“

Sie gingen zurück.

„Und Sie sind sicher, die Indianer kommen nicht mehr zurück?“, fragte McRay.

„Nein, in dieser Nacht nicht mehr“, erklärte Matt.

„Wenn sie überhaupt noch einmal nachts über Weiße herzufallen wagen. Das hat Tate Ihnen doch bereits gesagt.“ Matt sah einen toten Indianer vor sich im Gras und bückte sich.

Der Cheyenne hatte ein schmales, hakennasiges Gesicht, das noch vom Schmerz verzerrt war. Sein langes Haar war zu einem Zopf geflochten. Der Oberkörper war nackt und die Hose unter den Knien abgeschnitten. Neben ihm lag ein Gewehr.

Conroy richtete sich auf und hielt das Gewehr so, dass Tate und McRay es trotz der Dunkelheit sehen konnten.

„Ein Henry-Gewehr“, sagte Fiddler. „Das sind nicht die Burschen, die Green River überfallen haben, denn sie hatten Winchestergewehre mit Messingschlössern.“

McRay kniff die Augen zusammen.

Matt gab ihm das Gewehr und ging weiter.

„Ich kenne einen Eisenbahnaktionär, der bezahlt Prämien für schwarze Skalps“, sagte Fiddler.

„Tatsächlich?“, fragte McRay erstaunt.

„Ja. Er lebt in Omaha und scheint viel Geld zu haben. Jedenfalls bildet er sich ein, irgendwann würden die Überfälle aufhören, wenn er Prämien bezahlt.“ Tate lachte leise. „Es gibt schon verdammt dumme Millionäre, Mister McRay.“ Er schüttelte den Kopf. „Aber es gibt auch andere, die beschaffen den Indianern Gewehre und riskieren damit, eines Tages von den Kugeln getroffen zu werden, die sie selbst den Indianern gaben. Da fragt man sich, warum der Millionär nicht auch für solche Männer Prämien bezahlt, was?“

„Ja“, sagte McRay barsch.

Tate grinste ihn an. „Wegen der paar Skalps hier lohnt es sich natürlich nicht, nach Omaha zu fahren. Da muss man schon einen ganzen Stamm skalpieren.“

„Kommst du endlich, Tate?“, rief Matt, der nach links gegangen war und den Boden absuchte.

Tate nickte McRay zu und wandte sich ab.

„Verdammter Schnüffler!“, knurrte der Mann leise.

Matt Conroy sah Tate auftauchen und sagte: „Du redest zu viel.“

„Wieso? Ich will ihn doch nur ein wenig kitzeln.“ Tate lachte leise. „Und ich merke doch, dass es ihn kratzt! Ich wette, die Cheyennes, die Green River überfielen, hatten die Gewehre von den Holzfällern!“

„Geht das uns etwas an?“, zischte Matt scharf.

„Das geht eigentlich jeden an.“

„Manchmal frage ich mich, was du hier willst, Tate! Ich bin jedenfalls wegen des Goldes gekommen und aus keinem anderen Grund, hast du verstanden?“

„Ich will ihn doch nur kitzeln!“

„Du solltest an die Knochenreste denken, die wir fanden!“ Matt blickte sich um, aber es war niemand in der Nähe. Er schaute Tate wieder an. „Wenn die wirklich die Gewehre an die Indianer geliefert haben, dann ist es brandgefährlich, darüber zu reden. Sonst geht es uns wie dem Marshal! Also halt gefälligst deine Klappe!“ Matt drehte und ging auf den Wagen zu.

Brummend folgte Fiddler ihm.

Als Matt den Wagen erreichte, tauchte McRay auf. Der wild aussehende Mann kratzte sich in seinem schwarzen Bartgestrüpp und brummte: „Die kommen vielleicht doch noch mal zurück. Vielleicht sollten wir sofort aufbrechen.“

„Jetzt? Nichts ist verrückter, als in stockdunkler Nacht durch den Wald zu reiten, Mister McRay. Die kommen nicht wieder. Aber lauern können sie schon irgendwo.“

„Ich habe immer gedacht, Indianer greifen nie nachts an. In der Nähe unseres Camps haben wir nie welche in der Nacht gesehen.“

Matt bemerkte den lauernden Blick des Mannes. „So?“, fragte er gelangweilt. „Wer weiß, vielleicht dachte diese Bande, es wäre besonders günstig. Die haben uns auf jeden Fall schon während des Tages beobachtet. Vielleicht, als wir noch vor dem Wald waren.“

„Im Camp haben uns die Cheyennes nie angegriffen“, fuhr McRay fort. „Sie tauchten manchmal auf den Hängen auf und verschwanden wieder.“

„Das gibt es eben auch.“

„Aber dann kamen ein paar herunter“, erzählte McRay gedehnt weiter, den lauernden Blick forschend auf Matts Gesicht gerichtet. „Sie wollten etwas dafür, dass sie nicht angreifen. Und wir haben ihnen auch was gegeben. Mal ein paar Glasperlen, mal eine Flasche Rum. Das ist ganz gut gelaufen.“

„Na also, wollen Sie mehr“, sagte Matt.

„Ja, wirklich, das ist gut gelaufen.“

Fiddler blieb im Hintergrund des Wagens stehen. „Gewehre haben sie nicht verlangt“, sagte McRay. „Die hatten sie schon; Winchester 66. Da haben wir vielleicht Augen gemacht, Mister!“

„Kann ich mir denken“, sagte Fiddler, der das Grinsen nicht unterdrücken konnte.

Andere Männer tauchten auf. Einer sagte: „Wir haben sieben Tote gefunden, John. Viele können nicht entkommen sein.“

Matt Conroy lud sein Gewehr. „Legt euch wieder unter den Wagen. Ich übernehme jetzt die Wache.“

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5

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Es war schon Nachmittag, als sie die Schlucht erreichten. Sie bestand aus einer breiten, ebenen Sohle mit einem Fluss daneben. Rechts und links schoben sich kahlgeschlagene Hänge in die Höhe, und nur weit im Hintergrund standen die gewaltigen Bäume noch beiderseits der Schlucht, bedeckten die Hänge und wuchsen so hoch in den Himmel, dass die Sonnenstrahlen dort den Fluss schon nicht mehr erreichten und überall auf der Sohle Schatten war. Nur ein Felsen, der wie ein Stück Mauer zwischen dem Fluss und dem Wald stand, leuchtete noch im gleißenden Licht.

Im Vordergrund standen verschieden große, meist eckige Zelte, manche aus Planen, andere aus Fellen zusammengenäht oder mit Dornen aneinander gesteckt, ein wüst aussehendes Camp, viel wüster noch als die Männer, die hier lebten und im Hintergrund auf den Hängen mit ihren großen Äxten auf die Bäume einschlugen, dass die ganze Schlucht davon widerhallte.

Matt Conroy fuhr mit dem Wagen hinter den Reitern her, den Blick auf die verwegenen Unterkünfte gerichtet. Vor einem großen, quadratischen Zelt standen Kisten und Fässer. Ein Haufen leere Blechbüchsen lag dazwischen; Geröll der Zivilisation, von diesen Männern bis hierher, mitten in die Wildnis getragen, einhundertdreißig Meilen von Green River entfernt. An der Wand des Zeltes neben dem Eingang hing ein verwittertes Schild mit der Aufschrift:

„Saloon zum letzten Iren“

Neben dem Saloonzelt befand sich ein längliches Gebilde, offensichtlich die Unterkunft der Holzfäller. Davor stand ein Küchenwagen, wie ihn Herdenleute in der Prärie verwendeten. Der hinten eingebaute Ofen war aufgeklappt und schickte schwarzen Qualm zu den abgeholzten Hängen hinauf. Der Koch, der daran hantierte, war ein kleiner, verwachsener Mann, der einen Zylinder auf dem Kopf hatte.

Vor einem kleineren Zelt war ein Mann aufgetaucht, der der Kolonne entgegenblickte. Matt wusste sofort, dass es Andrew McRay war, obwohl er diesen Mann nicht kannte.

Der Mann hatte breite Schultern, fast so breit wie ein mittlerer Kleiderschrank, einen kurzen Hals und ein rundes Gesicht, das ein grauer Vollbart so gut wie unkenntlich machte. Sein volles Silberhaar leuchtete in der Sonne, die hier den Boden erreichte. Der Mann trug einen abgeschabten Cordanzug und grobe Schaftstiefel. Seine Augen zogen sich, langsam zusammen, als sein Blick auf Matt fiel.

Die Kolonne hielt zwischen den Zelten.

„Es hatten sich allerhand Stämme unterwegs zur Ruhe gelegt, Andrew“, sagte John McRay zu seinem Bruder. „Na, denen haben wir das Schwimmen wieder beigebracht.“

Andrew McRay blickte immer noch auf Matt.

Sein Bruder bemerkte das und blickte über die Schulter. „Ach richtig, das sind zwei Männer, die in den Bergen Gold suchen wollen, Andrew. Sie haben irgendwo gehört, es würde hier oder weiter oben Gold geben.“

„So?“, fragte der silberhaarige Mann barsch.

„Sie haben alles dabei, was man braucht, Andrew.“ John McRay schaute seinen Bruder wieder an. „Sogar Pulver und Lunten.“

Für ein paar Sekunden war nichts als der Widerhall der Axtschläge zu hören. Dann sagte der Boss der Holzfäller: „Ihr wollt also Gold suchen?“

„Das hat er doch eben gesagt.“ Tate grinste den wuchtigen Mann an. „Aber wenn Sie nichts dagegen haben, würden wir gern bei Ihnen über Nacht bleiben.“

McRay kam zwischen die Reiter, deren Tiere er auseinander schob, bis er den Wagen erreicht hatte. Er blickte Matt an, als er sagte: „Wo wollt ihr suchen?“

„Da oben.“ Matt zeigte nach Norden, wo die kahlen Granitwände die Schlucht überragten.

„Ihr wisst schon eine bestimmte Stelle?“

„Nein“, erwiderte Matt schnell.

McRays Vollbart zuckte, und der Abglanz eines verächtlichen Lächelns erschien in seinen Augen. „Dann werdet ihr eure Skalps verlieren, aber niemals Gold finden!“

„Sind denn viele Indianer hier?“

„Ein Stamm mit vielleicht achtzig Kriegern. Das heißt, so viele haben wir schon gesehen. Es können freilich auch bedeutend mehr sein.“

„Und wo?“

„Keine Ahnung. Irgendwo in der Nähe jedenfalls.  Ihr könnt in den Saloon gehen. Aber die Mädchen gehören meinen Leuten, verstanden!“

„Danke, Mister McRay. Übrigens, ich bin Matt Conroy. Das ist mein Partner, Tate Fiddler.“

Fiddler zog grinsend seinen Hut vom Kopf, deutete eine Verbeugung an und stülpte den Hut wieder auf. McRay wandte sich brummend ab.

Matt lenkte die Pferde nach links und trieb sie an. Fiddler ritt neben ihm her.

McRay blieb neben seinem Bruder stehen und griff nach dem Steigbügel. „Musstest du ausgerechnet Fremde mitbringen?“, knurrte er.

„Sie kamen, als wir die Biegung freisprengten, Andrew. Und der eine hat immer wieder von Indianern und Gewehren geredet, genau wie damals der Marshal.“

Andrew McRay wandte sich langsam um. „Was sagst du?“

„Frag die anderen. Sie haben es alle gehört.“

McRay blickte aus spalteng zusammengezogenen Augen zu dem Wagen hinüber, der vor dem Saloonzelt hielt. Ein alter, dicker Mann, kam um das Zelt herum und sprach mit den beiden Männern. Fiddler warf ihm ein funkelndes Geldstück zu und stieg aus dem Sattel.

„Das sind Marshals“, sagte einer der Holzfäller und spuckte auf den Boden. „Das hab ich dem Vormann gleich gesagt, als ich den einen reden hörte, Boss. Clevere Marshals, die es anders machen wollen als Hogan.“

„Wie?“

„Sie kommen nicht mit einem Stern auf der Jacke hierher“, redet der Holzfäller weiter. „Sie tarnen sich!“

„Vielleicht fahren sie auch wirklich in die Berge“, sagte Andrew McRay und grinste hinterhältig. „Dann laufen sie den Cheyennes in die Arme, und wir sehen sie nie wieder.  Haben sie nach Marshal Hogan gefragt?“

„Mit keinem Wort“, brummte der Vormann.

„Wenn sie noch fragen sollten, Hogan war hier. Dann ritt er in die Berge, um die Indianer zu suchen. Wir haben ihn nie wieder gesehen. Ist das klar?“

Die Männer nickten.

„Sagt das auch den anderen“, setzte McRay barsch hinzu. „Uns legt keiner aufs Kreuz. Wir machen unsere Arbeit und kassieren unser Geld.“

Ein Splittern und Knacken hallte auf einmal durch die Schlucht. Im Hintergrund, oberhalb des mauerartigen Steines am Fluss, neigte sich ein großer Baum der Sohle entgegen. Das Holz krachte lauter, dann stürzte der Baum mit Donnergetöse in die Tiefe. Äste flogen durch die Luft und Staub wehte in einer dichten Wolke in die Höhe. Der Baum krachte den Hang hinunter und blieb hinter dem großen Stein liegen.

„Verdammter Dreck“, brummte der Vormann. „Muss dieser blödsinnige Felsen dort stehen?“

„Wir werden ihn sprengen“, sagte der Boss der Holzfäller

„Dann fällt er in den Fluss, und das Wasser sucht sich womöglich einen anderen Weg!“, schimpfte sein Bruder.

Andrew McRay grinste wieder verächtlich. „Wir bohren ihn voller Löcher, dass er durch und durch hohl ist. Dann stopfen wir ihn voll Pulver. Wenn das hochgeht, bleibt von dem Felsen nur Staub übrig.“

Im Saloonzelt brannten ein paar Petroleumlampen, die gegen das fahle Dunkel ankämpften. Matt Conroy ging zwei Schritte hinein und blieb stehen. Er sah zusammenklappbare Tische, ramponierte Stühle, eine nicht sehr lange und sicher zerlegbare Theke, und hinter der Theke vor einem Regal mit Flaschen und Gläsern einen runden Mann mit schwammigem Gesicht und einem feisten Doppelkinn. Die kleinen Augen des Mannes leuchteten im Licht der Lampen.

Auf der anderen Seite des Zeltes saßen vier Mädchen an einem Tisch. Eines davon fiel durch sein weizenblond gefärbtes Haar besonders auf.

„Hallo, was sehen wir denn da!“, rief Fiddler, als er hereinkam. Er klatschte in die Hände.

„Hast du schon wieder vergessen, was McRay sagte“, knurrte Matt. „Er hat die Mädchen für seine irischen Feuerteufel mitgebracht, nicht für uns!“

Das weizenblonde Mädchen war aufgestanden und kam näher. Es war groß, gut gewachsen, hatte rehbraune Augen und große, perlweiße Zähne. „Hallo“, sagte das Mädchen. „Verstärkung? Ich dachte, McRay hätte genug Leute.“

„Wir sind keine Verstärkung“, erwiderte Matt, ging auf das Mädchen zu und musterte es genauer. „Und er hat uns schon gesagt, dass ihr nicht für uns hier seid.“

Das Mädchen lächelte stärker als vorher und stemmte die Hände in die Hüften. „Hat er das gesagt? Was bildet der sich denn ein?“

„Das weiß ich nicht.“ Matt ging zur Theke und warf ein Geldstück darauf. „Aber der Whisky ist doch sicher für jeden, der bezahlen kann?“

„Und ob.“ Der alte Mann strich das Geldstück ein, stellte zwei Gläser auf die Theke und schenkte Whisky ein.

Fiddler kam näher, griff nach dem Mädchen, und sie lachten beide, als würde es auf der ganzen Welt niemanden geben, der ihnen etwas vorzuschreiben hatte.

„Wie heißt du?“, fragte Fiddler, küsste das lachende Mädchen, schob es von sich und betrachtete es.

Draußen schallte das Krachen und Splittern eines brechenden Baumes durch die Schlucht. Dann hallte das Donnergetöse seines Sturzes herein.

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6

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Ich bin Veta Pyle“, sagte das Mädchen. „Gibst du einen aus?“

„Und ob!“

Die beiden kamen wieder lachend an die Theke, und Tate rief: „Los, her mit der Flasche! Und Gläser für die Mädchen!“ Er warf einen Geldschein auf die Theke, den der Keeper schnell verschwinden ließ.

Die anderen Mädchen sprangen auf und schienen die Theke stürmen zu wollen.

„Kinder, wird das lustig!“, rief Veta. „Kommt, ich will euch alle miteinander bekanntmachen! Das hier ist Natalie.“ Veta zeigte auf ein rothaariges Mädchen, das grüne Katzenaugen hatte. „Und das hier sind Ester und Joan.“

Matt musterte die beiden anderen. Ester hatte ein breites Gesicht und sah ausgesprochen hässlich aus, während Joan schmal und unscheinbar wirkte, ein mageres, farbloses Ding. Aber sicher sahen McRays wilde Holzfäller das ganz anders, denn immerhin kam nur ein Mädchen auf zehn von ihnen.

„Also los, einschenken!“

Der Keeper füllte die Gläser. „Ich will keinen Ärger mit dem Boss“, schimpfte er. „Ihr wisst doch, warum er euch unter Vertrag genommen hat, verdammt, Veta!“

„Wir werden doch noch feiern dürfen!“ Veta griff nach einem Glas. „Prost, Kinder!“

Die Mädchen tranken den scharfen Whisky wie Wasser, lachten lauter und riefen, dass sie mehr haben wollten.

Andrew McRay kam in das Zelt, blieb aber am Eingang stehen. Dem dicken Keeper begann die Hand zu zittern, so dass ihm die Flasche beinahe entfallen wäre. Aber da wandte McRay sich schon wieder ab und ging hinaus.

„Komm, schenk ein!“, rief Tate.

„Es gehört alles ihm“, meinte der Keeper. „Das ganze Camp. Und alle haben Verträge mit ihm!“

„Quincy, was ist denn los mit dir?“ Veta lachte schallend. „Er ist doch schon wieder weg!“

Der Keeper füllte die Gläser.

„Wie heißt ihr denn?“, fragte Veta, als sie das Glas hob.

„Ich bin Tate, das ist Matt. Das reicht ja erst mal. Also, ihr vier Süßen, lasst das Zeug nicht warm werden!“

Sie tranken wieder. Natalie, das Mädchen mit den kupferroten Haaren, schob sich näher an Matt heran und lockte mit ihren grünen Katzenaugen.

„Ihr seid verrückt“, sagte Matt spröde. „Er wird sich irgend etwas einfallen lassen. Er ist nicht der Mann, dessen Befehle man einfach missachten kann.“

„Ach was.“ Natalie lachte. Sie küsste Matt. „Du siehst doch gar nicht wie einer aus, der sein Leben lang vor seiner Angst davonläuft.  Komm, Quincy, so jung kommen wir nie mehr zusammen!“

Das schallende Gelächter der Mädchen erfüllte das große, leere Zelt. Veta stieß einen spitzen Schrei aus, als Tate versuchte, ihr das Kleid abzustreifen. Dann sagte sie: „Jetzt trinken wir erst noch ein paar, dann nehm’ ich dich mit in mein Zelt.“

„Hast du allein ein Zelt?“, fragte Tate verblüfft.

„Wir haben jede ein Zelt.“ Ester lachte. „Was hast du denn gedacht?“

„Gehören die auch McRay?“ Tate legte den Kopf schief.

„Natürlich. Hier gehört alles dem Boss, das Inventar und die Menschen!“ Veta lachte wild. „Und trotzdem machen wir, was uns gerade einfällt.“

Matt kam es vor, als wären die Mädchen und die wilden Holzfäller irgendwie gleich in ihrer Art, als würden sie sich dadurch unterscheiden, dass die Männer am Tag und die Mädchen in der Nacht ihre Arbeit zu tun hatten.

Draußen gab McRay einen barschen Befehl, der aber im Zelt nicht zu verstehen war.

„Vielleicht lässt er die Wächter holen“, sagte der Keeper.

„Wächter?“ Tate stellte sein leeres Glas hart auf die Theke.

„Das sind vier Männer, die aufpassen, dass die Indianer den Holzfällern nicht unversehens auf den Hals kommen“, erklärte Veta. „Aber die haben jetzt andere Arbeit.  Komm, Quincy, schenk ein!“

Ein Pferd wieherte, dann hämmerte Hufschlag ins Zelt, der sich rasch entfernte.

„Und ich sage euch, er lässt die vier holen. Wollt ihr denn, dass die beiden Fremden fertiggemacht werden?“

„Mann, nun zittern Sie nicht um mich!“ Tate nahm dem Keeper die Flasche aus der Hand und schenkte selbst ein.

„Er hat sicher Recht“, wandte Matt ein.

Natalies Blick glitt erst forschend über sein Gesicht, dann sah er nackte Verachtung in ihren Augen.

„Hat dein Freund Angst, Tate?“, fragte Veta lachend.

„Matt? Du spinnst wohl!“

„Er redet, als hätte er Angst“, sagte Natalie. „So redet von den Holzfällern keiner, was Ester?“

Ester lachte, dass es klang, als würde draußen eine leere Blechbüchse durch die Schlucht rollen. „Wenn wir einem Holzfäller den Arm um den Hals legen, dann könnte draußen die Schlucht voller Indianer stehen. Da denkt der Holzfäller nicht mal an die Kerle!“

„Wir sind aber keine Holzfäller“, erklärte Matt barsch. „Und auch keine Narren.“

„Also nun halt die Luft an“, sagte Tate. „Wir trinken mit den Mädchen ein paar Whisky, das kann ja nun wirklich nicht verboten sein. Schließlich bezahlen wir für alles!“

„Prost!“, rief Veta.

Natalie blickte Matt auffordernd an, und er merkte, wie es ihn zu stören begann, den Eindruck eines Feiglings zu erwecken. Gegen seinen Willen griff er nach einem Glas und trank den Whisky.

Da kam McRay wieder herein, kreuzte die Arme vor der Brust und schob die Beine auseinander.

Der Keeper starrte den Holzfällerboss furchtsam an.

„Ihr habt mich wohl vorhin nicht verstanden?“, knurrte McRay.

„Ist es verboten, mit den Mädchen Whisky zu trinken?“, fragte Tate zurück.

„Nein, das ist nicht verboten“, mischte die weizenblonde Veta sich ein.

McRay ließ die Hände sinken und grinste tückisch.

Matt wollte irgend etwas Vermittelndes sagen, aber die Tücke in McRays Gesicht ließ ihm die Worte im Hals steckenbleiben.

„Sie wollen wirklich nur ein paar Whisky trinken“, sagte der Keeper heiser. „Und sie haben schon bezahlt, Boss!“

McRay grinste immer noch.

„Wenn Sie wollen, können Sie einen mittrinken.“ Tate machte eine einladende Handbewegung.

McRay kam wirklich näher, lehnte sich gegen die Theke und blickte auf das Glas, das Quincy Mercer, der Wirt, zusätzlich auf die Theke stellte.

„Prost, Mister McRay!“, rief Veta, hängte sich an Tates Schulter und lachte übermütig.

„Prost“, sagte McRay und trank.

„Los, noch mehr!“, kommandierte Tate.

Mercer schenkte wieder ein, wieder und immer wieder, bis die Flasche leer war und Tate Fiddler einen Geldschein für die nächste auf den Tisch warf und mit der Faust darauf schlug.

Mercer zuckte die Schulter und entkorkte die nächste Flasche.

McRay grinste und trank mit.

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7

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Nach einer guten Viertelstunde näherte sich Hufschlag.

Pferde wurde draußen vor dem Zelt gezügelt, Sattelleder knarrte, und eine brummige Stimme sagte: „Da drin.“

Vier Männer kamen mit rasselnden Sporen herein.

McRay trank seinen letzten Whisky, warf das leere Glas ins Spülbecken und wandte sich den vier Männern zu, die nebeneinander stehengeblieben waren.

Die vier sahen alle gleich aus, aber anders als die Holzfäller. Sie hatten glatte, schmale und harte Gesichter, trugen Lederanzüge und schwere Revolver in tief geschnallten Holstern. Schwarze ungekniffene und flache Hüte, die große Silberschnallen zierten, saßen auf ihren Köpfen. An den Händen hatten sie Lederhandschuhe mit langen Stulpen.

„Macht den beiden klar, dass die Mädchen nicht für sie da sind.“ McRay ging an den Wächtern vorbei und verließ das Zelt.

„Gibt es das?“, fragte Tate. „Erst trinkt er unseren Whisky, dann hetzt er uns seine Revolvermänner auf den Hals!“

Die Mädchen entfernten sich langsam von der Theke. Sie lachten nicht mehr. Ihre Gesichter waren bleich. Angst war in ihren Augen.

Die vier Männer stemmten die Hände in die Hüften und grinsten breit. Langsam kamen sie näher, aber dann, standen sie wieder wie eine Mauer nebeneinander.

„Gibt es das, Matt?“, fragte Fiddler.

„Was?“

„Dass er unseren Whisky trinkt und dann seine Revolvermänner auf uns hetzt?“

„Du siehst es doch, Tate.“ Matts Haltung begann sich zu spannen, und er merkte, wie das Pochen des Blutes aus seinen Schläfen verschwand, das mit dem Auftauchen der Männer eingesetzt hatte.

Dann lachten die vier Kerle wie aus einem Mund, verstummten jedoch wieder.

„Sollen wir uns erst vorstellen?“, fragte einer.

„Nein, das ist nicht nötig.“ Tate schüttelte den Kopf. „Wollt ihr einen trinken?“

„Vielleicht später“, sagte der nächste der grinsenden Kerle. Er ging weiter, wollte nach Tate greifen, bekam aber dessen Faust ins Gesicht, bevor er eine Bewegung der Gegenwehr machen konnte. Der Kerl wurde zurückgeschleudert und prallte gegen die anderen, die ihn auffingen und auf die Füße stellten.

Tate ging rückwärts und schob sich von der Theke weg und blieb neben Matt stehen. „Kommt nur her, wenn es unbedingt sein muss!“, stieß er gepresst hervor. „Aber das sage ich euch: So einfach wie ihr denkt, ist es mit uns nicht!“

„Das werden wir ja sehen!“, zischte der dritte Kerl. „Los!“

Sie sprangen alle vier gleichzeitig vorwärts, und Matt sah ein ganzes Arsenal von Fäusten in der Luft. Er sprang rückwärts, duckte sich und rammte dem ersten die Schulter mit solcher Wucht in den Leib, dass der Kerl stöhnte. Sofort richtete Matt sich auf, bekam einen Hieb gegen den Hals, schlug die Faust zur Seite und setzte dem Kerl, der ihm am nächsten war, einen Schwinger gegen das Kinn, dass es laut knallte.

Brüllend taumelte der Kerl rückwärts und stürzte in die Sägespäne, die auf dem Boden ausgestreut waren.

Fiddler brüllte etwas Unverständliches, als er mit dem Rücken gegen die Theke knallte und die Gläser durcheinander rollten. Er ließ sich auf die Theke fallen, zog die Beine an und stieß sie dem Mann gegen die Brust, der gegen ihn anrannte. Der Mann flog rückwärts, fing sich aber wieder.

Die beiden anderen fielen gleichzeitig über Matt her und schlugen von beiden Seiten auf ihn zu. Der eine traf Conroy am Ohr, während die Faust des anderen über seinen Kopf radierte.

Matt sprang den einen an und schlug zu, und der Kerl krümmte sich aufschreiend zusammen. Aber im gleichen Augenblick schlug der andere Kerl von hinten zu. Matt taumelte hinter seinem Opfer her, das sich fing und ihm die Faust mitten ins Gesicht setzte. Er flog wieder rückwärts, vorbei an dem anderen und an der Theke entlang, an der er sich vergebens festzuhalten versuchte.

Fiddler trieb den dritten Kerl vor sich her durch das Zelt und stieß ihn gegen einen Stuhl, über den der Mann flog.

Indessen stand der vierte wieder und ging auf Fiddler los, und auch der andere, der sich gekrümmt hatte, stand wieder gerade.

Matt war über den Boden gerollt, sprang wieder auf und hatte einen Moment das Gefühl, alles um ihn herum würde sich im Kreis drehen. Er sah böse grinsende Fratzen und wusste, dass es die Gesichter der Männer waren.

Zu zweit kamen sie wieder auf ihn zu, zusammengekrümmt, die Hände zu stahlharten Fäusten geballt und ein Glühen in den kalten Augen, als hätten sie schon beschlossen, ihn zu töten.

Vielleicht war es das, was die Nebel verschwinden und den Boden still stehen ließ. Der eine sprang jäh vorwärts und wollte beide Stiefel mit den großen Sporen gegen Matts Brust setzen. Aber Matt wirbelte herum. Der Mann trat in die Luft, und als seine Beine den Boden berührten, schmetterte Matt ihm die Faust mit solcher Wucht ins Gesicht, dass er an die Theke geworfen wurde, krachend anschlug und zusammenbrach.

„Na los!“, rief Matt wütend dem anderen zu, der unentschlossen war. Er sprang vorwärts, sah die Faust kommen, blockte den Hieb ab und schlug den Arm des Revolvermannes nach oben, und zugleich setzte er ihm die Faust in den Leib, dass der Mann aufschrie. Ein zweiter Schlag traf den Kerl ins Gesicht und zog ihn förmlich in die Länge. Er stolperte rückwärts, dem Tisch entgegen, an dem die Mädchen standen. Matt setzte mit einem Sprung nach, durchbrach die Deckung des Mannes mit der Faust und traf ihn gegen die Stirn, und er hatte soviel Kraft in den einen Schlag gelegt, dass der Arm bis ins Schultergelenk schmerzte. Der Mann flog rückwärts und landete krachend auf dem Tisch, und der Tisch klappte zusammen. Sägespäne tanzten in die Höhe und bedeckten den Schläger, als er von der Tischplatte rollte und mit dem Gesicht nach unten liegenblieb.

An der Theke bearbeitete Tate den letzten gerade. Der flog rückwärts, krümmte sich zusammen und hatte auf einmal einen Revolver in der Hand.

Jäh blieb Tate stehen, die Hände mit gespreizten Fingern rechts und links von sich streckend, als wolle er dem Kerl zeigen, dass er waffenlos war.

Die drei anderen bewegten sich, standen aber noch nicht auf.

Der Kerl mit dem Revolver lachte leise. „Da staunst du, was?“

Matt spürte den Kolben des Revolvers erst in der Hand, als er ihn schon gezogen hatte. Er spannte den Hammer, aber als der Kerl das hörte, rüttelte das Donnern des Schusses schon an dem Zelt und der Colt des Mannes flog ein winziges Stück durch die Luft und rutschte über den Boden.

Matt spannte den Hammer wieder und ging rückwärts. „Und jetzt ’raus hier!“

Der Revolvermann blickte auf seine Hand, dann starrte er Matt an, als könne er noch nicht begreifen, nicht verletzt zu sein.

Die anderen standen auf und blickten unsicher auf den rauchenden Revolver in Matts Faust.

„Verschwindet!“, zischte er.

Der Mann vor Tate ging rückwärts, hob seinen Revolver auf, betrachtete ihn und ließ ihn fluchend wieder in die Sägespäne fallen.

Die anderen gingen rückwärts auf den Ausgang zu, die Hände etwas angehoben.

„Sagt McRay, er soll herkommen!“, befahl Matt.

Die vier Kerle schoben sich einer nach dem anderen hinaus und waren nicht mehr zu sehen.

Hinter der Theke schob sich der Keeper langsam in die Höhe und starrte erst Matt und dann Tate an, bevor er fragte: „Ihr lebt wirklich noch?“

Matt lud den Revolver nach.

„Und ich dachte, er hätte Angst“, sagte Natalie, das Mädchen mit den Katzenaugen.

„Warum hast du ihn nicht erschossen?“, zischte Tate.

„Vielleicht, weil es so eher möglich ist, dass wir noch mal lebend aus dieser verdammten Schlucht kommen!“

Tate fluchte grimmig, ging rückwärts und blickte den Keeper an. „Jetzt brauche ich einen!“

„Machen wir jetzt weiter?“, fragte Ester naiv.

Draußen war McRays Stimme barsch zu hören, dann fragte jemand: „Warum hast du uns denn nicht gesagt, dass die beiden Granit auf den Zähnen haben, Boss? Verdammt, der hätte mich auch töten können! Wer so genau schießt, der legt auch einen anderen um, dass er den Knall nicht mehr hört!“

„Ihr seid nicht das Geld wert, das ihr bekommt!“, schimpfte der Holzfällerboss. „Los, kommt mit!“

Die Stimmen entfernten sich.

„McRay kommt nicht“, sagte Tate.

„Wenn ihr schlau seid, dann verschwindet ihr, bevor alle Holzfäller wieder hier sind“, mischte sich der Keeper ein. „Was wollt ihr denn überhaupt hier?“

„Wir wollen weiter im Norden Gold suchen“, erklärte Matt. „Und wir hätten hier ganz gern übernachtet, weil Indianer in der Nähe hausen sollen. Bis morgen Abend wären wir dann sicher aus ihrem Gebiet heraus.“

„Gold?“, fragte Natalie. „Veta, hast du das gehört? Sie wollen Gold suchen!“

Matt ging auf den Eingang zu und blickte hinaus. Der Koch stand an seinem Küchenwagen und schaute herüber.

McRay und seine vier Revolvermänner waren verschwunden. An der Wand des Saloonzeltes stand der flache Wagen. Die Pferde waren ausgeschirrt und nicht zu sehen. Sicher hatte sie der Stallmann hinüber in das lange, flache Zelt gebracht.

„Muss ich noch lange auf den Whisky warten?“, schimpfte Tate. „Ich kann ihn wirklich vertragen.“

Glas schlug klirrend gegen Glas.

„Na also“, knurrte Tate.

Matt ging hinaus. Der Widerhall der Axtschläge war verklungen, und es war sehr still in der weiten Schlucht zwischen den abgeholzten Hängen. Drüben im Fluss schwammen ein paar Baumstämme, die manchmal von kleinen Wellen überrollt wurden. Als Matt stehenblieb, war er nur ein paar Schritte von dem verwachsenen Koch entfernt, der ihn verkniffen musterte.

„Wollt ihr wirklich Gold suchen?“, fragte der Mann.

„Was sollten wir denn sonst wollen?“

Der Mann zuckte die Schultern. „Woher soll ich das wissen? Ich habe ja nur gefragt.“

„Sind unsere Pferde im Stall?“

Der Mann zuckte wieder die Schultern. „Was weiß ich. Sehen Sie doch nach.“

Matt ging langsam weiter, blickte hinüber zu McRays verwegenem Zelt, sah aber keinen der Männer davor auftauchen. Als er noch ein paar Yards vom Eingang des Stallzeltes entfernt war, schaute er über die Schulter und sah die schwarzbärtigen Holzfäller wie eine riesige, bewegliche Mauer durch die Schlucht kommen, den Zelten entgegen.

Der verwachsene Mann drüben am Küchenwagen grinste böse. McRay kam aus seinem Zelt, gefolgt von den Revolvermännern, in deren Gesichtern die Spuren des Kampfes noch deutlich zu sehen waren.

„Wollen Sie schon fort?“, fragte McRay spöttisch.

Matt blickte den schwarzbärtigen Holzfällern entgegen. Sie kamen langsam und hatten die Äxte über die Schultern geschwungen, aber sie kamen wie etwas, dem nicht mehr auszuweichen war. „Ich dachte, es wäre vielleicht besser, Ihre Gastfreundschaft nicht länger in Anspruch zu nehmen“, sagte er gedehnt.

Das Grinsen überzog McRays Gesicht wie Wasser, das auf einer ebenen Platte verläuft. „Wegen dem kleinen Zwischenfall? Das ist doch wirklich nicht der Rede wert, Mister!“

Unaufhaltsam näherten sich die schwarzbärtigen Männer, in deren Mitte McRays Bruder John ging. Zwei der Revolvermänner liefen ihnen entgegen. Matt überlegte fieberhaft, ob es noch etwas nützen konnte, wenn er den Revolver zog und auf McRay richtete.

„Haben Sie den Namen Hogan schon mal gehört?“, fragte der Boss der Holzfäller.

„Nein.“

„Bestimmt nicht?“

„Nein, bestimmt nicht.“

„Komisch, mein Bruder sagte, er hätte den Namen Hogan erwähnt, als er mit Ihnen hierher unterwegs war.“

„Dann habe ich es sicher wieder vergessen. Wer ist denn Hogan?“

„Ein Marshal, der mal hierherkam und dann in die Berge ritt. Er kam aus den Bergen nicht zurück. Vielleicht haben die Indianer ihn umgebracht.“

„So“, sagte Matt gedehnt. „Nein, diesen Mann kenne ich nicht.“

McRay grinste immer noch.

Matt legte die Hand auf den Kolben des Revolvers, konnte sich aber immer noch nicht entschließen, die Waffe auch zu ziehen. Es würde sicher gar nichts nützen, würde McRay und die anderen nur in dem Verdacht bestärken, er hätte Marshal Hogan doch gekannt. Vielleicht war für McRay nur das wichtig.

Tate tauchte auf einmal vor dem Saloonzelt auf und blickte zu Matt herüber.

„Kommen Sie her!“, rief McRay.

Tate kam tatsächlich näher, blickte dann über die Schulter und sah die Holzfäller anrücken. Die beiden Revolvermänner hatten den gefährlich aussehenden Haufen indessen erreicht, und die Mauer kam für ein paar Sekunden zum Stehen.

„Was hat das zu bedeuten?“, zischte Tate Fiddler.

„Nichts. Gar nichts!“ McRay war bemüht, beruhigend zu sprechen. „Die Männer suchen nur den Feierabend.“

„Ist es dazu nicht noch etwas zu früh?“

„Heute ist Samstag. Am Samstag arbeiten wir nie so lange. Wir finden uns sonst mit der Welt nicht mehr zurecht, wenn wir wieder unter Menschen sind.“

„Dann kann ich ja unsere Pferde holen, nicht wahr?“, mischte Matt sich ein.

„Natürlich. Wenn ihr unbedingt fort wollt, hier hält euch niemand.“

Als Matt mit den beiden Wagenpferden aus dem Stallzelt kam, standen die Holzfäller in breiter Kette vor dem Wagen, nur ein paar Yards von Tate, McRay und den beiden Revolvermännern entfernt.

„Die beiden Goldsucher wollen uns schon wieder verlassen“, sagte der Holzfällerboss. „Weil ich etwas dagegen hatte, dass sie eure Mädchen nehmen.“

Ein paar Männer stießen Verwünschungen aus.

„Macht Platz, damit sie an ihren Wagen können.“

Matt ging mit den Pferden weiter, als sich zwischen den Holzfällern eine Gasse bildete, durch die er den Wagen sehen konnte.

„Warte!“, sagte Tate. „Ich muss mein Pferd noch holen!“

„Beeil dich.“ Matt nahm die Zügel der beiden Pferde kürzer, weil die Tiere unruhig wurden.

Bis Tate aus dem Stall zurückkam, tat sich nichts. Matt führte die Pferde weiter zwischen die nach ranzigem Fett und Schweiß stinkenden schwarzbärtigen Männer, aber weiter kam er nicht. Sie fingen plötzlich alle an zu schreien, ohne dass einer das Kommando dazu gegeben hätte. Zugleich fiel ein ganzer Pulk über Matt her.

Die Pferde wieherten erschrocken und wollten in die Höhe steigen. Matt musste die Zügel aus der Hand gleiten lassen. Ein Stoß warf ihn gegen ein Pferd, und in der nächsten Sekunde traf ihn ein Schlag mit einem harten Gegenstand mit solcher Wucht gegen den Hals, dass er taumelte, der Boden zu schwanken schien und eine schwarze Wand aus dem Nichts kam. Wie er auf den Boden schlug, merkte er nicht mehr.

Tate war noch etwas weiter hinten gewesen, wollte sein Pferd herumreißen und in den Sattel jumpen. Aber jemand packte sein Bein und drehte daran. Tates Hand rutschte vom Sattelhorn ab. Er flog einen Sekundenbruchteil durch die Luft, schlug auf den Boden, wurde wieder auf die Füße gezerrt, sah rund um sich schwarzbärtige Gesichter und wurde von allen Seiten mit Fäusten bearbeitet, bis er willenlos zwischen ihnen hin und her flog, zusammenbrach, aufgehoben und erneut zusammengeschlagen wurde.

„Genug!“, sagte McRays barsche Stimme.

Der Kreis lichtete sich.

Tate Fiddler lag mit dem Gesicht nach unten auf dem noch warmen Schluchtboden.

McRay näherte sich und stieß ihm die Stiefelspitze in die Rippen.

Tate merkte davon nichts, aber der Schwung warf ihn auf den Rücken. Etwas fiel aus der kleinen Tasche seiner schwarzen Jacke.

McRay starrte auf den Stern neben Tates Kopf.

„Ich hab es dem Vormann doch gleich gesagt“, brummte ein Holzfäller. „Das sind Revolvermarshals der Eisenbahn.“

„Und ich hatte gehofft, es wären doch keine“, sagte McRay gepresst. „Durchsucht den anderen! Und den hier auch, vielleicht hat er noch mehr bei sich.“

Matt und Tate wurden durchsucht, aber außer Klappmessern, Tabak und anderen Sachen, die ein Mann bei sich hat, fanden sie nur noch Geld; mehr Geld, als jeder einzelne von ihnen selbst in den Taschen hatte.

„Ein Marshal verdient bei Casement eine Stange Geld“, sagte John McRay finster. „Aber dafür riskiert er auch allerhand.“

„Schafft sie ins Magazin“, befahl McRay, der Boss, bückte sich, hob den Stern auf und steckte ihn ein. Er wandte sich ab und ging in sein Zelt, dessen spartanische Einrichtung aus einem Tisch, einem Spind, einem Feldbett, ein paar umgestülpten Kisten, einem Waschständer, einer Lampe und ein paar anderen ramponierten Utensilien bestand.

Andrew McRay setzte sich auf das knarrende Feldbett und rieb sich mit den Händen über das Gesicht.

Sein Bruder und die Revolvermänner kamen herein.

„Sie bringen die beiden ins Magazin und die Pferde wieder in den Stall“, sagte der Vormann.

„Müssen sie uns diese Marshals auf den Hals hetzen?“, fragte der Boss. „Ist es nicht hart genug, was wir hier für die Bahn mitmachen?“

„Sie können nichts beweisen“, erwiderte der Vormann. „Tote Männer sind schweigsame Männer, Andrew!“

Die Revolvermänner grinsten.

„Sie können auch nie feststellen, dass es nicht die Indianer waren, die die Marshals umlegten“, fuhr der Vormann fort. „Keiner kann das. Die Indianer haben Winchestergewehre und die gleichen Patronen wie wir.“

„Sie müssen Hogan gefunden haben. Irgendwo im Fluss.“ Andrew McRay stand auf und schob die Hände in die Hosentaschen. „Und woher wissen wir, dass sie nur zwei geschickt haben?“

„Was?“ Der Vormann hob den Kopf.

Den Revolvermännern verging das Grinsen.

„Habt ihr wirklich noch nicht daran gedacht, dass es auch vier oder sechs sein können?“, zischte der Boss. „dass man die beiden nur vorgeschickt hat?“

„Damit wir sie verheizen?“, fragte sein Bruder kopfschüttelnd. „Das ist unmöglich, Andrew!“

„Damit sie es beweisen können!“

„Dafür opfern sie keine Männer, Andrew.“

„Meinst du? Weißt du nicht, warum es Casement ausgerechnet uns beweisen will?“

„Natürlich, Andrew. Er kann uns dann wie Banditen behandeln und braucht die fünfundzwanzigtausend Dollar nicht herauszurücken. Sie hätten das ganze Holz für nichts bekommen. Dafür stiften ihm die verdammten Aktionäre eine goldene Nase!“

„Das ist es“, knurrte Andrew McRay. „Ich muss wissen, ob sich noch mehr Marshals herumtreiben.“ Sein Blick fiel auf die Revolvermänner. „Nehmt noch sechs Mann mit. Und sucht alles gründlich ab. Wenn ihr irgendeinen Menschen seht, der kein Indianer ist, dann schleppt ihn hierher.“

Die vier Männer gingen hinaus.

McRay setzte sich wieder und rieb über seine Stirn. „Was hätten wir denn anders tun sollen, als die Indianer kamen?“, stieß er hervor. „Wir haben es doch nur getan, um die Zeit zu finden, die wir für das Fällen der Bäume brauchen! Nur für die Eisenbahn!“

„Was machen wir denn nun?“, fragte der Vormann.

„Verdammt und zugenäht!“, schimpfte Andrew McRay, als hätte er gar nicht zugehört. „Woher hätten sie denn das Holz für diesen Sommer bekommen sollen? Vielleicht wieder von den Cottonwoods wie in Nebraska, die sie in irgendeine stinkende Brühe getaucht haben, um sie hart zu machen? Diese Narren müssen sich doch einbilden, die Cheyennes würden das Laufen lernen, wenn ein paar von ihnen auf die Nase gelegt werden. Im Gegenteil. Wenn heute hundert kommen, sind es morgen zwanzig mehr. Hier kann sich keiner länger als eine Woche halten, wenn er nicht was anzubieten hat!“

„Wem sagst du das“, brummte der Vormann. „Das wussten wir doch schon, bevor wir hierher kamen. Oder hätten wir die Gewehre sonst mitgebracht?“

McRay, der Boss, fluchte, stand auf und ging mit stampfenden Schritten hin und her.

„Was machen wir denn nun?“, fragte der Vormann wieder.

Andrew McRay blieb stehen.

„Kein Mensch kann beweisen, dass es nicht die Indianer waren, die die Marshals erledigten. Ob sie was anderes denken oder nicht, ist doch unwichtig.“

„Meinst du?“

„Du nicht?“

„Es wissen zu viele, John.“

„Die Männer halten dicht, Andrew!“

„Wie lange? Wenn einer in Green River sitzenbleibt, bis er sein ganzes Geld durch die Kehle gejagt hat, dann kann es schnell passieren, dass Casement mehr erfährt, als er je erfahren soll. Und vielleicht wartet er schon auf diesen Tag.“

„Bis heute nicht“, widersprach John McRay. „Sonst hätte er uns nicht wieder Marshals auf den Hals gehetzt.“

„Versuchen wird er es auf jeden Fall. Und weißt du, was uns dann passiert?  Nein, nein, es dürfen nicht so viele wissen. Bei Hogan ging alles zu unüberlegt, zu hastig vor sich. Wir hätten ihn in die Berge reiten lassen sollen. Jemand hätte ihm ja folgen können.“

„Das lässt sich nun nicht mehr ändern.“

„Am Besten wäre es, wir überzeugen die beiden davon, dass wir Hogan nicht umgebracht und den Cheyennes keine Gewehre geliefert haben.“ Andrew McRay lief wieder auf und ab.

„Das ist nicht drin, Andrew. Jetzt nicht mehr. Es war alles zu offensichtlich. Aber beweisen können sie es trotzdem noch lange nicht. Du musst den Männern einschärfen, dass sie sich selbst den Strick um den Hals legen, wenn sie irgendwann plappern. Die hängen alle selbst mit drin!“

Andrew McRay setzte sich und stand wieder auf. Die Unruhe trieb ihn hin und her, er schimpfte wieder auf die Eisenbahn und auf die Undankbarkeit der Aktionäre.

„Sollen wir nochmal mit den beiden reden?“, fragte sein Bruder.

„Wozu?“

„Wir könnten ihnen sagen, dass wir nicht wissen, wo Hogan geblieben ist. Und dann, sie haben doch abgestritten, Marshals zu sein. Vielleicht bleiben sie dabei und wollen weiter in die Berge. Dann geraten sie an die Cheyennes, und dann waren wir es wirklich nicht. Vielleicht können wir ihre skalpierten Leichen finden und nach Green River bringen. Dann glaubt uns Casement, dass wir nichts damit zu tun haben, und dass es mit Hogan ähnlich gewesen sein muss.“

Andrew McRay dachte angestrengt nach. Schließlich ging er hinaus.

Ein paar Holzfäller standen zwischen den Zelten und blickten ihn abwartend an.

„Zwei Mann bewachen die Kerle, Boss“, meldete ein großer, knochiger Ire, schwarzbärtig und finster wie die anderen.

„Ihr könnt gehen.“

Die Männer wandten sich dem Saloonzelt zu.

McRay ging langsam durch die Schlucht, vorbei an dem abgestellten Ranchwagen, blieb plötzlich stehen, lief zurück und zog die Plane von der Ladefläche des Wagens.

Sein Bruder erreichte ihn. „Die haben wirklich alles dabei, was ein Goldsucher braucht, Andrew. Seltsam, was Casement sich für Mühe macht, seine Männer zu tarnen. Und wie raffiniert er sie aussucht. Da ist einfach keiner dabei, den man schon mal gesehen hat. Dabei kennen wir doch einen ganzen Haufen seiner Revolvermänner!“

McRay ließ die Plane los und ging weiter. Am Küchenwagen rührte der verwachsene Koch in einem großen Topf, aus dem grauer Dampf stieg. Andrew McRay ging vorbei, erreichte das Magazin, ein nicht sehr großes, rechteckiges Zelt mit Steilwänden und einem kurzen Spitzdach. Er schlug die Plane zurück, sah die Kartons, die Geräte, die Kisten mit Presspulver und die Lunten, und davor auf dem nackten Boden die beiden Gefangenen, die mit Stricken gebunden waren.

Zwei Männer mit Gewehren standen davor.

McRay ging hinein. Sein Bruder folgte ihm und schickte die beiden Wächter mit einer Kopfbewegung hinaus.

„Wartet“, sagte er. Dann ließ er die Plane fallen. Die brennende Lampe, die auf einem Ölfass stand, flackerte und ließ Licht und Schatten an den Wänden tanzen.

Andrew McRay setzte sich auf einen Haufen großer Eisenklammern, die sie zum Zusammenfügen eines Floßes verwenden konnten, wovon sie bis jetzt Abstand genommen hatten, weil es für sie einfacher war, die Stämme einzeln im Strom treiben zu lassen.

„Warum habt ihr denn nicht gesagt, dass Casement euch geschickt hat? Ihr hättet doch unsere Unterstützung gefunden!“

„Wir haben mit Casement und eurer verdammten Eisenbahn nichts zu tun!“, schimpfte Tate Fiddler.

McRay zog den Stern aus der Tasche und zeigte ihn in der offenen Hand.

„Hast du das Ding unbedingt einstecken müssen?“, fragte Matt.

„Er hat seinen in Green River gelassen“, sagte der Vormann. „Er war klüger. Das nützt nun natürlich trotzdem nichts. Übrigens, geahnt haben wir das gleich. Es ist verrückt, in den Bergen Gold suchen zu wollen, wenn man noch nicht mal eine Ahnung hat, wo welches sein könnte.“

„Wir wollen aber Gold suchen!“, stieß Tate hervor, der immer wieder versuchte sich aufzusetzen, was ihm aber nicht gelang. „Und das verdammte Ding hab ich gefunden! Unterwegs am Fluss, nur ein Stück unterhalb der Stelle, an der ihr die Stämme gesprengt habt.“

John McRay bog die Mundwinkel verächtlich nach unten. Sein Bruder steckte den Stern wieder ein.

„Am Fluss?“, fragte der Boss.

„Sag ich doch!“, stieß Fiddler hervor. „Matt, sag doch was!“

„Wozu, Tate? Die glauben es doch nicht. Die sind überzeugt, Casement hätte uns geschickt, um herauszufinden, wo der Marshal geblieben ist, und wer den Cheyennes die Gewehre gab. Wissen Sie, dass in Green River fünfzehn Menschen von den Indianern erschossen worden sind, McRay?“

„Ich weiß, dass ich bis in drei, spätestens vier Wochen die Hänge in der Schlucht abgeholzt haben muss“, erwiderte Andrew McRay. „Weil ich sonst zu ein paar Millionen Schulden komme. Und ich weiß, dass ich das hier alles nur für die Eisenbahn tue. Nur Casement, der scheint das nicht zu wissen.“

„Obwohl er uns den Kontrakt gab“, setzte der Vormann hinzu. „Das ist doch komisch, oder?“

„Komisch oder nicht, wir haben damit nichts zu tun!“, stieß Tate hervor.

„Ihr wollt den Stern also am Fluss gefunden haben?“, fragte Andrew McRay.

„Den Stern und ein paar Knochenreste. Das, was die Wölfe von einer Leiche übriggelassen hatten. Da hab ich den Stern eingesteckt. Wenn ihr Hogan gekannt habt, dann müsstet ihr doch sehen, dass es sein Stern ist? Es muss sein Stern sein, wenn nur ein Marshal unterwegs war!“

McRay schüttelt den Kopf. „Bei Casement sieht ein Stern wie der andere aus.  Ihr bleibt also dabei, in die Berge zu wollen, um Gold zu suchen?“

„Ja. – Matt, verdammt, willst du wirklich nichts sagen?“, stieß Fiddler hervor.

„Ihr wollt nach Gold suchen, obwohl ihr nicht wisst, wo welches sein könnte?“ Andrew McRay grinste scharf.

„Vielleicht haben wir Glück. Wenn wir Pech haben, macht es uns nur wenig ärmer. Wir sind fünf Jahre lang hinter Rindern in Staubwolken geritten und haben Wasser getrunken, das in den meisten Bächen nach Eisen schmeckte. Wenn wir weiter nichts von unserem Leben wollen, das können wir jeden Tag wieder machen.“

John McRay kratzte sich am Bart. „Komisch ist, dass nur einer von ihnen einen Stern hatte, Andrew.“

„Daran musste ich auch gerade denken.“ Der Boss stand auf. Eine Klammer rutschte polternd von dem Haufen. „Was ist denn nun?“, fragte Fiddler hitzig.

„Das werdet ihr noch erfahren.“

Die beiden Männer gingen hinaus.

„Kann man die denn mit nichts überzeugen?“, zischte Tate Fiddler.

„Kaum.“

„Casement! Eisenbahn! Marshal! Das sind doch alles Dinge, die gar nicht zu uns passen. Wenn wir ihnen ...“

Matt stieß ein Zeichen aus. „Du bist wohl verrückt geworden“, sagte er leise „Das gehört uns!“

„Sie würden uns ja auch trotzdem umbringen. Dann vielleicht erst recht.“

„Eben, Tate.“

Fiddler zerrt an den Fesseln, ohne sie lockern zu können.

Die beiden Wachen kamen herein und richteten die Gewehre auf ihre Gefangenen, und Tate Fiddler stellte seine sinnlosen Bemühungen wieder ein.

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Es war schon dunkel, als der Reitertrupp zurückkam. McRay kam mit seinem Bruder aus dem Zelt und blickte die Männer abwartend an.

„Da ist niemand mehr, Boss“, meldete einer der Revolvermänner. „Wir haben alles abgesucht.“

„Ganz sicher nicht?“, wollte der Vormann wissen.

„Bestimmt nicht. Die müssten meilenweit weg sein, und dann wüssten sie nicht, was hier vor sich geht.“

„Ihr könnt Schluss machen.“ Andrew McRay wandte sich um und ging in sein Zelt zurück.

Sein Bruder folgte ihm, setzte sich auf eine Kiste und drehte den Docht der auf dem Tisch stehenden Lampe höher. Die Helligkeit verstärkte sich im Zelt und bekam einen warmen Ton, und zugleich wurde der Schatten auf dem Boden und an den Wänden schwärzer.

„Vielleicht sind es doch keine Marshals“, meinte John McRay. „Wieso kann er den Stern nicht gefunden haben?“

„Habe ich gesagt, er hätte ihn nicht gefunden?“ Andrew McRay setzte sich auf sein Bett, das knarrende Geräusche von sich gab.

„Du hast gesagt, sie würden lügen.“

„Nein, das hast du gesagt.“ Andrew McRay strich durch seinen silbern schimmernden Bart. „Aber das spielt jetzt keine Rolle. Du glaubst doch auch nicht, dass es ein Zufall ist.“

„Und warum haben sie nur einen Stern?“

„Das weiß ich nicht. Aber vielleicht soll es gerade das sein, womit sie uns unsicher machen wollen, falls wir etwas merken.“

„Warum sind sie nicht ohne Stern gekommen?“, bohrte John McRay weiter. „Was nützt ihnen hier ein Stern?“

„Vielleicht bilden sie sich ein, es gingen magische Kräfte von ihnen aus.  Zur Hölle, woher soll ich denn wissen, was solche Kerle denken? Der Teufel sollte sie holen!“

„Den Gefallen wird er uns nicht tun, Andrew.“

McRay, der Boss, stand wieder auf. „Sobald es Tag wird, lasse ich die beiden frei. Dann kann jeder sehen, wie sie in die Berge fahren. Aber damit sie nicht zufällig den Indianern entgehen, schicke ich ihnen ein paar Männer nach.“

John McRay grinste breit. „Ja, das ist eine gute Lösung. Ist vielleicht wirklich besser, wenn die Leute nicht zu viel wissen.“

„Das Richtige denken werden sie trotzdem“, brummte Andrew McRay. „Aber darauf kommt es ja nicht an.“

Die Sonne war über die Hänge geklettert und schickte sengende Glut in die lange Schlucht, die von den Schlägen der Äxte widerhallte. Das Krachen splitternder Bäume und das Donnern, mit denen sie die Hänge hinunterstürzten, ging in Schallwellen über das Camp hinweg und versank nur langsam im Rauschen des Flusses.

Matt Conroy rieb noch seine Handgelenke, als er aus dem Magazin taumelte. Geblendet blickte er gegen die Sonne, dann zu Andrew McRay und dessen Bruder hinüber, die vor dem flachen Ranchwagen standen, vor den die beiden Pferde geschirrt waren. Daneben stand Tate Fiddlers gesatteltes Pferd.

„Träume ich?“, fragte Fiddler, als er gegen Matt stieß. „Oder ist das wirklich mein Pferd?“

„Es ist dein Pferd.“ Matt schaute auf den Sattel, an dem zwei Patronengurte mit Revolvern in den Holstern hingen und in dessen Schlaufen die gelben Geschosshülsen im Sonnenlicht funkelten.

„Und was heißt das?“, fragte Tate.

„Das werden sie uns bestimmt gleich sagen.“ Matt ging weiter.

Nur sechs Männer standen in der Nähe; die beiden McRays und die vier Revolvermänner, die wie Teufel grinsten. Als Matt wieder stehenblieb, reichte sein Schatten bis zu Andrew McRays Stiefeln.

Tate war ihm gefolgt. „Soll das heißen, Sie glauben, dass wir Goldsucher sind und nicht das geringste Interesse an der Eisenbahn haben?“, fragte er.

„So ist es“, bestätigte Andrew McRay. „Wenn ihr in die Berge wollt, dann viel Spaß. Wir halten euch nicht zurück. “

Matt blickte zu den teuflisch grinsenden Revolvermännern hinüber.

Plötzlich wurde weiter unten in der Schlucht ein Schuss abgefeuert.

Die Männer wandten sich um.

Das Hallen der Axtschläge verklang. Männer kamen von den Hängen, ein paar stürzten, rollten die Abhänge herunter, und einer flog dabei bis ins Wasser, das aufspritzte. Dann kamen alle auf das Camp zugehastet.

„Red Moon, Boss!“, brüllte der erste. „Mit einer kleinen Horde!“

Matt blickte nach Norden, wo der aufgewirbelte Staub die Sicht auf das Ende der Schlucht versperrte.

Es dauerte ein paar Minuten, bis sich der Staub soweit gesenkt hatte, dass die Schlucht wieder zu übersehen war. Zu dieser Zeit waren die Indianer schon da. Sie hielten ganz hinten in der Schlucht, und ihre nackten Oberkörper glänzten in der Sonne mit ihren blauschwarzen Haaren um die Wette. Ein paar hatten Federn in die Haare gesteckt, andere Schlangenhäute um die Stirn gebunden; aber nur einer trug eine Jacke. Es war eine blaue, von greller Sonnenglut verschossene Armeejacke, die auf der einen Schulter noch eine breite goldene Litze hatte. An der Jacke des Indianers steckte etwas, auf dem sich das Licht der Sonne wie in einem Spiegel brach.

Es dauerte nur Sekunden, dann setzte sich der Trupp, ungefähr zehn Indianer, wieder in Bewegung.

Ein Holzfäller lud sein Gewehr durch.

McRay wirbelt herum. „Weg mit den Waffen!“, kommandiert er. „Verdammt, wie oft muss ich euch das noch sagen!“

„Heute sind es nur zehn, Boss“, erwiderte der Mann gepresst. „Die holen wir von den Pferden, bevor sie begreifen, was los ist.“

„Und dann kommen hundert andere!“, knurrt McRay. „Das könnten wir machen, wenn wir in drei Stunden nicht mehr hier sind! – Los, weg mit den Waffen!“

Schimpfend verschwanden die Bewaffneten im Hintergrund.

Je näher die Indianer kamen, umso grausamer wirkten ihre kalten, schmalen Gesichter, die wie gegerbtes Leder aussahen. Schließlich erkannte Matt auch, dass es ein Marshalstern war, den sich der Indianer an die Jacke gesteckt hatte. Aber erst als der Cheyenne hielt, sah er auch, was in den Stern eingeritzt war: „US Marshal“

„Hallo“, sagte McRay kratzig. „Was verschafft uns denn heute die Ehre, Red Moon?“

Der Indianer in der Uniformjacke sagte etwas in einer abgehackt klingenden, kehligen Sprache, und ein Holzfäller übersetzte: „Er sagt, der Schnaps wäre alle, und Munition würden sie auch brauchen.“

„Sag ihm, wir hätten keine Munition. Wir haben das Pulver zum Sprengen gebraucht.“

Der Holzfäller übersetzte und begleitete seine kehligen Worte mit weitschweifigen Gesten. Dann sprach der Indianer wieder.

„Was will er?“, fragte McRay.

„Er sagt, der Schnaps wäre alle, Boss.“

„Mercer, haben wir noch von dem Fusel?“

„Ja“, brummte der Keeper, der hinter dem Wagen stand. „Ich begreife nicht, dass die Halunken nicht längst alle blind von dem Zeug geworden sind.“

„Hol was her, aber nicht mehr als eine Gallone.“

Mercer ging steifbeinig zum Saloonzelt und verschwand darin.

„Sag ihm, er bekommt Rum.“

Der Holzfäller übersetzte.

Nach einer Weile kam der Keeper mit einer größeren Flasche in einem Holzgeflecht zurück. Er gab sie einem Holzfäller, der sie weiterreichte, bis sie der letzte dem Indianer hinhielt. Aber Red Moon blickte nicht auf die Flasche, sondern stur über Matt Conroy hinweg.

Wie einem Zwang folgend wandte Matt sich um. Neben dem Magazin war die weizenblonde Veta Pyle aufgetaucht. Sie trug einen langen Rock und eine hauchdünne, durchsichtige Bluse. Sie gähnte verschlafen, rieb sich über die Augen und taumelte dabei vom Magazin weg, als wäre sie noch völlig betrunken.

„Sie soll verschwinden!“, schrie McRay.

„Veta!“, brüllte ein Mann.

Das Mädchen blieb stehen und ließ die Hände sinken. Matt sah, wie langsam Klarheit in ihren Blick kam, wie das Erschrecken die Frage verdrängte. Ihr weizenblondes Haar leuchtete im Sonnenlicht, und es war, als würden Funken davon in die Höhe springen und verglühen.

„Verschwinde!“, sagte jemand. „Hast du denn den Verstand verloren?“

Das Mädchen schien jählings zu neuem Leben zu erwachen, stieß einen gellenden Schrei aus, warf sich herum und rannte davon.

Der Indianer biss sich mit seinen kräftigen Zähnen in die Unterlippe. Die anderen schnatterten wild durcheinander.

„Hier ist der Rum!“, rief der Holzfäller heiser, der die Flasche immer noch in der Hand hatte.

Der Indianer griff zu der Flasche. Dann sagte er wieder etwas.

Der Holzfäller, der übersetzt hatte, blickte Andrew McRay über die Schulter an. „Das war vorauszusehen, wenn sie ein Mädchen zu Gesicht bekommen, Boss.“

„Was sagt er?“, stieß McRay hervor.

„Er will das Mädchen haben.“

„Sag ihm, es sei meine Frau, und es sei bei uns nicht üblich, die Frau zu verschenken!“

Der Holzfäller übersetzte.

Der Indianer übersetzte ziemlich hastig und drängend.

„Er bietet dir drei Bärenfelle für deine Frau“, sagte der Holzfäller.

„Sag ihm, ich kann meine Frau auch nicht verkaufen, so was gibt es bei uns nicht!“

Der Holzfäller übersetzte wieder. Der Indianer schrie ihn an, streckte die Hand aus und spreizte die Finger.

„Er bietet fünf Bärenfelle“, sagte der Holzfäller.

Der Indianer schrie wieder etwas.

„Und noch einen ganzen Wald, den wir ungestört abholzen können“, sagte der Holzfäller. „Boss, der ist dickfellig.“

„Sag ihm, Frauen werden bei uns nicht verkauft. Er kann sie nicht bekommen.“

Der Holzfäller zuckte die Schultern, als er übersetzte. Der Indianer schrie ihn an.

„Was will er noch?“ McRay fluchte grimmig.

„Er sagt, dass du es dir noch mal überlegen sollst, Boss.“

„Es gibt nichts zu überlegen!“, schrie Andrew McRay. „Geh zum Teufel, Red Moon, wenn du den Hals nie voll bekommen kannst!“

Es schien, als hätte der Indianer verstanden. Er starrte McRay noch ein paar Herzschläge lang an, und seine Augen leuchteten dabei wie geschliffenes Glas. Dann drängte er sein Pferd rückwärts, lenkte es herum und ritt die Schlucht wieder nach Norden hinunter.

Männer mit Gewehren schoben sich in McRays Nähe, als die ganze Bande nach Norden ritt.

„Wenn wir sie abknallen, wissen die anderen Cheyennes nichts von den Mädchen“, sagte der Vormann.

„Wenn wir sie abknallen, haben wir noch am Abend den ganzen Stamm auf dem Hals.“ Andrew McRay wischte sich über die Stirn. „Gibt es so was, John?“

„Was?‘

„Das blöde Weib! Wie oft habe ich diesen schwachsinnigen Dirnen eingeschärft, dass sie sich nicht hier draußen sehen lassen sollen, wenn Indianer in der Nähe sind? Sag es mir!“

John McRay schüttelte den Kopf. „So oft, dass es sich keiner merken kann, Andrew.“

Der Boss der Holzfäller blickte hinter den Reitern her.

„Wenn sie den Schnaps trinken, werden sie es wieder vergessen“, meinte der Holzfäller, der gedolmetscht hatte.

„Oder auch nicht“, knurrte McRay.

Die Indianer entfernten sich und verschwanden dann hinter der Welle, die die Schlucht wie ein Wall abschloss und zwischen kahle Felswände führte.

„Holt sie her!“, kommandierte McRay barsch.

Ein paar Männer rannten um das Magazin herum. Das gellende Schreien eines Mädchens war zu hören, dann wurde Veta von zwei Männern, die sie an den Armen gepackt hatten, durch das Camp gezerrt. Die Männer ließen erst los, als sie McRay erreicht hatten.

„Ich hab’ so fest geschlafen!“, rief das Mädchen beschwörend. „Ich habe gar nicht gewusst, dass Indianer hier sind.“

McRay schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht, dass sie aufschrie und zu Boden stürzte.

Ein paar der hartgesottenen Männer murmelten böse und packten die Gewehre fester.

„Ist etwas?“, schrie McRay. „Wollt ihr, dass wegen so einer verdammten Ziege alles in Gefahr gerät? Alles, wofür wir seit zwei Monaten geschuftet haben? – Los, steh auf!“

Das Mädchen kniete. „Ich hab’ nicht gewusst, dass die Indianer hier sind.“

„Steh auf!“

Veta bekam McRays flache Hand wieder ins Gesicht, dass sie taumelte und gegen Matt Conroy prallte, der sie festhielt.

„Nun ist es aber genug, McRay“, sagte Conroy gepresst. „Glauben Sie denn, es hat ihr Spaß gemacht, von den Cheyennes gesehen zu werden? – Veta, hör auf.“

Das Mädchen schluchzte, wischte sich mit den Händen über das Gesicht und zog sich die Bluse, die zerrissen war, vor der Brust zusammen.

„Verdammt“, sagte Andrew McRay. „Wenn der das vergisst, fresse ich einen Besen.“

„Ich auch“, stimmte sein Bruder zu.

„Verschwinde!“, schrie der Boss der Holzfäller das Mädchen wild an.

Veta zuckte zusammen. Matt ließ sie los. Da rannte das Mädchen wie von Furien gehetzt durch das Camp und verschwand hinter dem Magazin, wo kleinere Zelte standen und Planwagen abgestellt waren.

„Wir machen weiter“, bestimmte Andrew McRay. „Crim, du sorgst dafür, dass die Posten verdoppelt werden. – Los, an die Bäume!“

Die Holzfäller liefen die Schlucht wieder hinunter.

„Seht ihr jetzt, wie das hier ist?“, fragte McRay barsch. „Wie man kämpfen muss, um Schwellenholz für die Eisenbahn beschaffen zu können? So sieht das wirklich aus!“

„Wir interessieren uns bestimmt nicht für die Eisenbahn“, erwiderte Tate Fiddler. „Wir wollen nach Norden, um Gold zu suchen.“

„Dann fahrt nach Norden.“

„Ein wenig würden wir schon noch warten“, entgegnete Matt. „Sonst holen wir die Indianer womöglich noch ein.“

Vielleicht hätte McRay zu jedem anderen Zeitpunkt böse gegrinst, aber jetzt war er mit seinen Gedanken anderswo. „Dann fahrt, wenn ihr lustig seid“, brummte er, wandte sich ab und ging in sein Zelt.

Sein Bruder kam erst eine halbe Stunde später herein. Andrew McRay saß auf seinem Bett, die Ellenbogen auf die Knie gestützt und den Kopf in die Hände gelegt.

„Jetzt hauen sie ab, Andrew“, sagte der Vormann.

Der Boss der Holzfäller hob den Kopf. „Clyde, Perce und Milton sollen ihnen folgen. Das müsste doch reichen, was?“

„Ich denke schon, Andrew.“ Der Vormann ging wieder hinaus und rief nach den drei Revolvermännern, die er bei der Einteilung der Wachen zurückgehalten hatte.

Andrew McRay stand schwerfällig von dem knarrenden Feldbett auf, ging hinaus und blickte auf die drei Revolvermänner, die mit ihren Pferden durch das Camp kamen. Der Vormann sprach mit den Männern, dann stiegen sie auf und ritten die Schlucht hinunter.

Andrew McRay ging zum Saloonzelt, betrat es und blieb stehen.

Die vier Barmädchen saßen an einem Tisch, ein Stück von der Theke entfernt. Natalie trank Schnaps aus einer Flasche. Veta hatte ein grobes, hochgeschlossenes Kattunkleid angezogen. Es war von dunkler Farbe und ließ sie besonders bleich erscheinen, so, als wäre ihr Gesicht mit weißer Farbe bemalt worden. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen. McRay ging weiter, und als er bei den Mädchen stand, da sah er erst, dass Veta nicht weiß, sondern grau im Gesicht war. Auch den anderen saß die nackte Angst in den Augen. Nur Natalie war so sehr mit ihrem Schnaps beschäftigt, dass sie offenbar keine Zeit hatte, an Angst zu denken.

„Ich hab’ es doch nicht gewusst“, sagte Veta Pyle. „Bestimmt nicht, Boss.“

McRay beugte sich über den Tisch, riss Natalie, die aufschrie, die Flasche aus der Hand und schleuderte sie durch das Zelt. Die Flasche vollführte kreisende Bewegungen, der Schnaps schoss ruckartig aus ihrem Hals. Dann knallte die Flasche gegen einen Pfosten und fiel zu Boden.

„Die verdammte Sauferei ist es“, grollte McRay. „Nichts als die verdammte Sauferei, die euch keine einzige Stunde am Tag richtig zu Bewusstsein kommen lässt.“

„Aber das wollen die Männer“, mischte sich Ester ein. „Sie geben keinen Abend früher Ruhe, bevor wir nicht taumeln und Lieder grölen, ohne es zu merken.“

„Bis wir die paar Hemmungen verlieren, die wir noch haben“, sagte Joan, das farblose, unscheinbare Mädchen.

„Dann bleibt doch im Bett, bis ihr wieder richtig zu euch gekommen seid!“, schimpfte der Holzfällerboss. „Müsst ihr denn am frühen Morgen schon hier herumsitzen?“

„Es ist ja nochmal gutgegangen, Boss“, mischte sich der Keeper brummig ein. „Die Mädchen werden sich das hinter die Ohren schreiben, darauf kannst du dich verlassen!“

„Hoffentlich ist es gutgegangen.“ McRay schaute von dem Keeper wieder auf Veta. „Hoffentlich kommt er nicht noch mal zurück.“

„Zurück?“, fragte das weizenblonde Mädchen mit bebenden Lippen. „Wieso noch mal zurück, Boss?“

„Er hatte nur eine Handvoll Leute bei sich. Kann sein, dass er deswegen nichts weiter gesagt hat.“

„Nein“, flüsterte Veta, während sie irritiert herumblickte und aufstand. „Nein, er wird nicht mehr zurückkommen!“, schrie sie wild.

„Hoffentlich nicht.“ McRay ging rückwärts. „Aber rechnen würde ich schon damit.“

„Nein!“, schrie das Mädchen gellend.

Da war McRay wieder draußen, wandte sich um, wischte sich den Schweiß vom Gesicht und schaute die Schlucht hinunter.

Der Widerhall der Axtschläge ging wieder wie ein Singen durch die Schlucht. Bäume brachen knackend von ihren Wurzeln, stürzten donnernd auf den Hang und ins aufspritzende Wasser, über dem auf einmal ein geschwungener Regenbogen in der Luft stand. Eine zweite Kolonne zog die Bäume auf der anderen Seite aus dem Fluss heraus und hackte die Äste ab. Hinter dem großen Stein, der rechts neben dem Flussbett wie eine Mauer am Ufer stand, häuften sich die abgeschlagenen Bäume.

Kahlgeschorene Stämme wurden ins Wasser zurückgeworfen und trieben mit der Strömung durch das Camp, die Schlucht hinunter und hinaus in die schwarzen Wälder Wyomings.

McRay lief die Schlucht langsam hinauf und fand seinen Bruder bei den Männern, die die abgeschlagenen Äste zerkleinerten. Lauter als unten im Camp hallte hier das Krachen der Äxte von den Hängen, lauter war das Donnern und dicht der Staub, der von den Hängen geschleudert wurde.

„Wir müssen den Stein anbohren“, sagte McRay zu dem Vormann. „Stell drei Mann ab dafür. Die Fäller sollen inzwischen weiter hinaufgehen, damit niemand erschlagen wird.“

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Tate Fiddler ritt manchmal ein ganzes Stück vor dem Wagen durch den breiten Canyon, der sich einer Riesenschlange gleich zwischen graue Felsen schob, die steil in den Himmel ragten. Manchmal blieb er auch zurück, schaute den Canyon hinunter und lauschte. Aber immer, wenn er wieder neben dem Wagen ritt, schüttelte er den Kopf.

Schließlich hielt Matt Conroy die Pferde an. Das Hufgetrappel und das Poltern der Eisenreifen hallte noch ein paar Herzschläge lang im Canyon wider, dann verklang es, als würde es von den Granitwänden langsam verschluckt.

„Sie kommen nicht hinter uns her“, sagte Tate.

„Sie kommen, Tate. Sie lassen sich nur Zeit. Es ist ihnen sicher Recht, wenn wir den Indianern in die Hände fallen. Möglichst so, dass etwas Grausames passiert. So grausam, dass sie selbst es in Green River vorzeigen können und Casement ihnen glaubt, dass es die Indianer waren, die uns umbrachten.“

„Als ob sich Casement für uns interessiert“, brummte Tate. „Im Gegenteil! Wenn der wüsste, dass wir hier Gold finden werden ...“ Tate brach ab und lachte schallend.

„Das weiß McRay auch alles nicht“, sagte Matt. „Er würde Casement gerne zeigen, dass es die Indianer sind. Auch wegen Marshal Hogan.“ Matt blickte hinter sich, bemerkte im Canyon aber nichts Verdächtiges.

„Wollen wir weiter?“

„Ja, Tate. Und zwar bis zu einem Platz, den wir auch gegen fünf, sechs oder sieben Mann verteidigen können. Dann warten wir mal ab, was sich tut.“

Tate schnalzte mit der Zunge, und Matt ließ die Peitsche knallen. Nach einer Weile beschleunigte Tate Fiddler die Gangart seines Pferdes, ritt an den Wagenpferden vorbei und den Canyon vor dem Wagen hinauf. In der nächsten Minute sah Matt ihn hinter einer Biegung verschwinden. Er hielt den Wagen an und schaute wieder sichernd zurück. Das Echo des Hufschlages zerflatterte über dem Canyon im azurblauen Himmel.

Matt knallte mit der Peitsche und fuhr weiter. Er erreichte den vorgeschobenen Felsen, der die Sicht versperrte, fuhr um ihn herum, sah, dass der Canyon in eine riesige Hochfläche mündete, auf der vereinzelt Büsche und Bäume standen, die im Hintergrund von hohen, auf den Gipfeln noch mit verharschtem Schnee bedeckten Bergen flankiert wurde. Die hohen Gipfel waren so weit entfernt, dass das Tosen der von den Scharten und Zinnen stürzenden Schmelzwasser nicht zu hören war.

Tate Fiddler hielt ein kleines Stück vor den Felsen, die hier wie abgeschnitten endeten. Er saß zusammengeduckt im Sattel und blickte nach Norden, hinaus auf die unter gleißender Sonnenglut liegende Hochfläche.

Matt hatte angehalten. „Was ist denn?“, fragte er. „Hier könnten sie kommen, von wo sie wollen. Ohne Haare zu lassen, geht uns hier keiner an den Kragen.“

„Siehst du die Büsche da hinten?“, fragte Fiddler, ohne sich zu bewegen.

„Natürlich, Tate.“

„Beobachte sie mal ganz genau, Matt. Ich hab dahinter etwas blinken sehen.“

Matt Conroy kniff die Augen zusammen. Das Flimmern über dem heißen Gestein, das er zuerst kaum bemerkt hatte, erweckte jetzt den Eindruck, als würden die Büsche und die wenigen Bäume sich bewegen, und manchmal schien es sogar, als würde sich die riesige kahle Hochfläche in einen weiten See verwandeln.

Dann sah Matt Conroy es auch. Ein helles Blitzen zuckte wie ein Lichtstrahl über das Land.

„Hast du es gesehen?“, fragte Tate.

„Ja.“

Tate lenkte sein Pferd rückwärts. „Wahrscheinlich Indianer. Das ist ein verdammter Dreck. Im letzten Jahr hat man in diesem Gebiet überhaupt keinen Indianer gesehen, und im vorletzten Jahr auch nicht.“

„Die Holzfäller haben die Indianer angelockt“, sagte Matt Conroy. „Und die Wildpferde verscheucht. Wenn wir heute noch mal Wildpferde fangen wollten, müssten wir hundert Meilen weiter nach Norden gehen.“

„Das wollen wir aber nicht.“ Tate grinste dünn. „Nicht mehr, seid wir Besseres gefunden haben.“

Das Blitzen zuckte wieder über das Land, und dann war es Matt, als würde sich hinter den Büschen die ganze Hochfläche bewegen.

„Ja, Indianer“, sagte Tate leise. „Und viele!  Was machen wir nun?“

„Umkehren, Tate.“

„Vom Canyon geht kein einziger Weg ab, in dem wir verschwinden könnten. Wir müssten zu den Holzfällern zurück.“

„Ja, ich weiß.“ Matt, der immer noch nach Norden blickte, sah die breite Reiterkette allmählich aus dem dunstigen Flimmern in der Luft herauswachsen. „Los, kehren wir um!“

Matt Conroy ließ die Peitsche knallen. Die Pferde zogen an, beschrieben vor den Felswänden einen Kreis und jagten in den Canyon zurück.

Tate Fiddler folgte dem Wagen.

Matt ließ immer wieder die Peitsche knallen, die Pferde wieherten erregt, der Wagen rutschte oft, und die Räder knallten manchmal gegen einen Stein oder eine der Steilwände. Dann bog das Gefährt scharf um eine Kante, der Canyon wurde breiter, und zwischen den senkrechten Granitwänden hielten die drei Reiter, die McRay losgeschickt hatte. Sie hielten dort, hatten die Gewehre in den Händen und grinsten.

Matt hatte alle Hände voll zu tun, um die Pferde zu zügeln. Unruhig schnaubten die Pferde der Reiter. Hufe knallten auf den Boden und Funken stoben in die Höhe und erloschen.

Tate zügelte sein Pferd neben dem Wagen und fluchte grimmig.

„Hallo“, sagte einer der Revolvermänner. „Wollt ihr nicht nach Norden, um Gold zu suchen?“

„Ja“, sagte Matt und schaute Tate von der Seite an.

„Sie hätten die Hochfläche erreicht, wenn wir bei den Büschen gewesen wären“, sagte Fiddler. „Und dann hätten sie uns wie Hasen abknallen können.“

Die drei eiskalten Männer grinsten.

Matt schaute sie wieder an. „Die Indianer kommen zurück“, erklärte er. „Mehr Indianer, als ich jemals auf einem Haufen gesehen habe.“

Das Grinsen verging den drei Männern.

„Sie sind jetzt sicher schon dort, wo die Hochfläche in den Canyon mündet“, fuhr Matt fort. „Wenn ihr McRay rechtzeitig warnen wollt, habt ihr keine Zeit mehr zu verlieren!“

„Los“, sagte einer barsch, zog sein Pferd herum und sprengte den Canyon hinunter.

Die beiden anderen folgten ihm.

Tate blickte an den schroffen Wänden entlang, sah ein paar Höhlen, aber keinen Weg, der abzweigte und auf dem sie hätten verschwinden können.

„Jetzt sind wir sie wirklich los“, sagte er. „Ob nicht eine Höhle durch den Berg führt und hinten wieder herauskommt?“

„Vielleicht“, erwiderte Matt. „Aber wie sollten wir sie finden, und wenn wir sie finden, wie sollten wir die Pferde und den Wagen durch den Berg bringen?  Es nützt nichts, wir müssen zurück.“ Matt ließ die Peitsche knallen.

Die Pferde schnaubten erregt und zogen sofort wieder an.

Als Matt Conroy die Wagenpferde im Camp zügelte, sah er Andrew McRay an, dass es keiner Aufklärung mehr bedurfte. Die letzten Holzfäller kamen von den Hängen und hasteten dem Camp entgegen.

„Es scheint, als sollten wir von Ihnen nicht loskommen“, sagte Tate Fiddler.

„Verteilt euch auf die Zelte!“, kommandierte der Vormann. „Und jetzt denkt daran: Geschossen wird erst, wenn die Indianer eindeutig das Feuer eröffnen. Ist das klar?“

Verschiedene Männer brummten zustimmend.

Tate sprang von seinem Pferd, zog das Gewehr aus dem Sattelschuh und führte das Tier zu dem langen Stallzelt.

„Wie lange kann es noch dauern, bis die Cheyennes hier sind?“, fragte der Holzfällerboss Matt, der vom Wagen stieg.

„Das kommt darauf an, wie schnell sie reiten. Auf der Hochfläche schienen sie es nicht eilig zu haben. Vielleicht wollen sie auch gar nicht hierher.“

„Die wollen hierher“, knurrte McRay. „Hier in den Bergen gibt es sonst nichts, was sie interessiert. – Wissen Sie nun, wie schwer es ist, hier zu leben?“

Matt ging weiter auf den schrankbreiten Mann zu. „Wie kann man Sie nur davon überzeugen, dass wir mit der Eisenbahn nichts zu tun haben?“, fragte er.

„Überhaupt nicht“, sagte McRay barsch, wandte sich ab und ging zu seinem Zelt.

Matt zuckte die Schultern und schirrte die Pferde aus. Im Stall traf er Tate, zu dem der Stallmann gerade sagte: „So viele Indianer haben sich hier noch nie sehen lassen, bestimmt nicht!“

Matt übergab ihm die Pferde und ging wieder hinaus, zog sein Gewehr vom Bock des Wagens und ging ins Saloonzelt.

Ein gutes Dutzend Männer stand an der Theke. Unbeachtet saßen die vier bleichen Mädchen um einen Tisch herum. Veta Pyle sprang auf und kam auf Matt zu.

„Sie haben die Indianer gesehen?“, fragte sie hastig.

„Ja.“

„Waren es wirklich hundert oder noch mehr?“

„Wir konnten sie nicht zählen“, erwiderte Matt ausweichend.

Tate kam herein und rief: „Hallo, Veta! Na, wie sieht es aus, trinken wir einen?“

Das weizenblonde Mädchen beachtete ihn kaum.

„Was hast du denn?“, fragte Tate und griff nach ihrem Arm.

„Sie hat Angst“, sagte Matt. „Kannst du dir das nicht denken?“

„Waren es hundert oder noch mehr?“ Das Mädchen blickte Tate an.

Fiddler rieb sich über die Nase. „Na ja, es waren schon allerhand, Veta. Aber hier sind auch eine Menge Männer.“ Matt ging wieder hinaus. McRay stand mit seinem Bruder am Ranchwagen, und beide blickten Matt entgegen. Als er bei ihnen stehenblieb und sich an die flache Bordwand des Wagens lehnte, sagte der Vormann: „Red Moon haben Sie wohl nicht erkannt?“

„Nein. Wir haben nur eine breite Reiterkette gesehen, ohne zu wissen, wie viele sich hintereinander bewegten. Aber viele sind es auf jeden Fall, McRay.“

„Wir sind Ihnen dankbar, dass Sie uns gewarnt haben“, murmelte der Holzfällerboss, „obwohl es uns natürlich kaum etwas nützt.“

Matt lächelte schwach. „Wir hätten Sie kaum gewarnt, wenn wir ungesehen von den Indianern über die Hochfläche hätten fahren können. Aber dazu hatten wir hier etwas zu lange gewartet.“

„So geht es manchmal“, grinste John McRay. Er blickte seinen Bruder an. „Vielleicht können wir sie noch fortschicken.“

„Das wollte ich Ihnen auch gerade vorschlagen“, wandte Matt ein.

„Dann müssten wir also alle Mädchen fortschicken“, erklärte der Boss, „weil die Indianer darauf bestehen werden, in jedes Zelt zu blicken. Sie hatten ja bis heute keine Ahnung, dass wir hier Frauen haben!  Aber was wird, wenn sie wieder fort sind? Wie sollen wir die Leute ohne die Weiber bei der Stange halten?“

„Es sind nur noch ein paar Wochen.“ Der Vormann kratzte seinen schwarzen Bart.

„Die machen ohne Weiber keine vier Tage“, knurrte Andrew McRay. „Und dazu reicht auch die Zeit nicht. Ich meine, um sie fortzuschicken. Man müsste ihnen Leute mitgeben. Ich kann doch wegen der verdammten Weiber nicht alles gefährden! Noch ein paar Wochen, dann ist von dem Fluss nur noch ein Rinnsal übrig. Wer weiß, ob das überhaupt noch drei oder vier Wochen dauert. Die Berge sind nicht so hoch, dass der Schnee bis in den August hinein brauchen wird, um zu schmelzen. Haben Sie Schneeberge gesehen, Conroy?“

Matt nickte. „Viel lag nicht mehr auf den Wipfeln, und bei dieser Hitze schmilzt das Zeug noch bis tief in die Nacht hinein wie Butter in der Sonne zusammen.“

„Da hörst du es! Ich brauche hier jede Hand. Ich kann keinen Mann entbehren, der die Weiber nach Green River bringt. Und wie gesagt ...“ McRay brach ab und blickte an Matt vorbei.

Wie einem Zwang folgend wandte Conroy sich um und sah am Ende der Schlucht fünf Indianer.

„Das ist doch unmöglich“, sagte er. „Die können doch nicht schon hier sein!“

„Vielleicht ist es nur eine Vorhut“, erwiderte McRay. „Ein paar, die wie die Teufel geritten sind. Ich fürchte, die Cheyennes haben Sie gesehen, McRay.“

„Ja, das fürchte ich jetzt auch“, gab Matt zu. „Trotzdem könnte jetzt noch jemand mit dem Mädchen nach Süden reiten.“

„Das würden die Cheyennes sehen, Conroy. Was glauben Sie denn, wie weit Sie mit den Mädchen jetzt noch kommen würden? Die reiten doch nicht Tag und Nacht, was die Pferde hergeben. Die machen schlapp, noch bevor Sie den Wald hinter sich haben. – Verdammt, ich brauch′ die Weiber!“

Matt nickte. „Viel lag nicht mehr auf den Gipfeln, und wenn Sie mal an etwas anderes als Ihre verdammten Bäume denken würden, dann ...“

„Ich denke an meinen Kontrakt!“, schrie McRay wild. „Wenn ich den nicht halte, kann ich mir eine Kugel in den Kopf jagen, Sie Narr!“

Es hatte gar nicht mehr sehr lange gedauert, dann waren die Indianer überall auf den abgeholzten Hängen der Schlucht aufgetaucht. Und nun warteten sie dort, in der Sonne glänzende Gestalten, wie aus Stein gemeißelt.

Red Moon kam mit fünf anderen die Schlucht neben dem Fluss heruntergeritten, eine hoch aufgerichtete, furchtlose Gestalt.

Andrew McRay blickte über die Hänge hinweg, versuchte die Indianer zu zählen, gab es aber bald wieder auf.

Ein paar Holzfäller kamen aus den Zelten, Gewehre in den Händen, die Lippen zusammengepresst und tiefe Falten auf der Stirn. Zorn blitzte in ihren Augen.

„Die Gewehre weg!“, zischte Andrew McRay. „Los, schafft die Gewehre weg! Wenn nur einer feuert, bleibt hier niemand am Leben. Hölle und Schwefel, seht ihr das wirklich nicht selbst?“

„Boss, er will das Mädchen mit den blonden Haaren“, sagte einer der Männer.

„Das wissen wir auch“, knurrte McRay. „Ist es vielleicht meine Schuld, dass sie hier herumtaumelt, wenn der Kerl im Camp ist?“

„Trotzdem“, beharrte der Mann.

„Schafft jetzt die Gewehre weg!“, schimpfte McRay.

Die Männer gingen ins Mannschaftszelt und kamen ohne die Gewehre zurück.

„Es sind mehr als hundert, Andrew“, meinte der Vormann.

„Hast du sie gezählt?“

„Die auf der einen Seite, Andrew. Es sind achtundfünfzig. Ich denke, weniger sind auf der anderen Seite auch nicht.“

Tate Fiddler kam aus dem großen Sonnenzelt, lehnte sich gegen den Wagen und blickte auf die sechs Indianer, in deren Mitte Red Moon in seiner abgerissenen Uniformjacke ritt. Der Stern an der Jacke blitzte in der Sonne.

Als die sechs Indianer die Pferde gezügelt hatten und das Echo des Hufschlages verklungen war, drang nur das leise Rauschen des Flusses zum Camp.

„Frag ihn, ob der Schnaps nicht geschmeckt hat, den er heute morgen bekam“, sagte McRay barsch zu seinem Dolmetscher.

Der herkulische Holzfäller sprach mit dem Indianer. Für einen Moment sah es aus, als würde der Cheyenne grinsen, aber es war nur wie ein Schatten, der über sein Gesicht huschte. Dann wanderte sein Blick über die Hänge, wo Lanzen und Pfeilspitzen und die Messingschlösser der Winchestergewehre blitzten. Schließlich blickte er McRay an und sagte etwas, ein paar knappe, barsche Worte, bei denen der Holzfäller den Kopf einzog.

„Er will das Mädchen mit dem goldenen Haar“, sagte der Mann. „Und er gibt dafür nichts als Frieden in dieser Schlucht.“

Der Indianer sprach wieder, abgehackt, barsch und fordernd, und er zeigte mit der rechten Hand ruckartig zu den Hängen hinauf.

„Wenn er das Mädchen nicht bekommt, werden seine Leute hier alles dem Boden gleichmachen“, sagte der Holzfäller.

„So einfach ist das vielleicht gar nicht“, brummte der Vormann. „Dazu schießen die Cheyennes mit den Gewehren viel zu schlecht. Aber was nützt uns das. Wir brauchen Frieden, wenn wir Bäume fällen wollen.“

Andrew McRay wischte sich den Schweiß vom Gesicht.

„Sag ihm, wir hätten die Frau mit dem goldenen Haar vor einer Stunde nach Süden geschickt!“, forderte der Vormann.

Andrew McRay hatte den Kopf gehoben und schaute scharf auf den Indianer, als der Holzfäller übersetzte.

Jetzt begann Red Moon wirklich zu grinsen, tückisch, und zugleich auch voller Verachtung.

„Dem hab ich zu genau erklärt, dass ich jeden Baum in dieser Schlucht brauche“, brummte Andrew McRay.

„Was hat das damit zu tun?“, flüsterte sein Bruder. „Wenn wir sie fortgeschickt haben, kann er sie nicht mehr bekommen! Das muss ihm doch einleuchten! Warum sagt er denn nichts?“

„Er grinst, John. – Soll ich dir was sagen? Der hat die Kerle, die am Morgen bei ihm waren, an der Schlucht vorbeigeschickt und unten im Wald postiert. Der hat damit gerechnet, dass wir sie wegbringen.  Hätten wir das gemacht, wäre sie jetzt schon in seiner Hand  und ein oder zwei Mann von uns tot.“

John McRay wandte sich um und blickte die Schlucht hinunter. „Tatsächlich“, sagte er heiser.

Matt Conroy blickte über die Schulter und sah unten in der Schlucht ebenfalls drei Indianer auf Pferden, die Gewehre in den Händen hatten.

Der Indianer sagte wieder etwas.

„Was will er?“, stieß Andrew McRay hervor.

„Er sagt, du solltest es dir überlegen. Aber nicht zu lange.“

Die Indianer lenkten ihre Pferde herum. Red Moon blickte über die Schulter und zeigte auf einen Stein in der Sonne, der neben dem Saloonzelt lag. Dazu sagte er noch etwas. Dann ritt er mit den anderen die Schlucht hinauf.

„Bis der Schatten an dem Stein ist“, erklärte der. Holzfäller die Worte des Indianers. „Wenn sie dann nicht bei ihm ist, wird er schießen.“

Fiddler griff fluchend nach seinem Gewehr, das er auf den Wagen gelegt hatte. Aber er hatte es noch nicht richtig in der Hand, als ihm einer der Revolvermänner den schweren Colt in den Rücken presste.

„Hier wird nur gemacht, was der Boss sagt“, meinte der Mann.

Tate zog die Hand von der Ladefläche des Wagens zurück.

Alle blickten den Indianern nach.

„Schießt ihn vom Pferd, dann ist der ganze Spuk gleich vorbei!“, zischte Tate Fiddler. „Die anderen sind dann kopflos, und wir schlagen sie in die Flucht.“

„Niemand schießt!“, brüllte Andrew McRay. „Wir brauchen Frieden mit den Indianern. Wir brauchen das Holz! Den letzten Stamm! Sonst kann ich mir eine Kugel in den Kopf schießen.“

Matt Conroy fand, dass McRay immer wieder das Gleiche sagte. Aber vielleicht gab es für ihn auch nichts anderes zu sagen, nichts, was noch Bedeutung haben konnte.

Immer weiter entfernten sich die Indianer, bis sie das Ende der Schlucht erreichten. Dann hielten sie und wendeten die Pferde.

McRay blickte auf den Stein neben dem Saloonzelt, von dem die Grenze zwischen Licht und Schatten ungefähr zehn Zoll entfernt war.

Der Revolvermann schob seinen Colt wieder in die Holster. Fiddler schaute ihn an, als wollte er sich sein Gesicht einprägen.

„Wir werden darüber reden müssen“, erklärte McRay. „Und zwar mit allen Leuten. Jeder einzelne muss wissen, was es für ihn bedeutet.  Los, alle sollen herauskommen, nur die Mädchen nicht!“

Die Männer gingen zu den Zelten. Bald darauf waren alle Holzfäller versammelt und blickten über die von den Cheyennes besetzten Hänge.

Andrew McRay erklärte, was der Indianer gesagt hatte, und er sprach so laut, dass es auch die Mädchen im Saloonzelt hören mussten. „Es ist sicher, dass die Indianer schießen, wenn die Zeit um ist. Er wird nicht sehen können, wann der Schatten den Stein erreicht, aber irgendwann, wenn er sicher ist, dass es soweit ist, werden sie schießen. Das bedeutet, wir müssen zurückschießen. Viele von uns werden sterben. Wer von hier entkommt und Green River erreicht, bekommt nichts mehr von dem Lohn, den ich ihm noch zu zahlen habe. Ich habe alles Geld, das ich besaß, in die Ausrüstung gesteckt und für eure Vorschüsse ausgegeben. Die Prämien sind dann auch hinüber, und ich kann mir eine Kugel in den Kopf schießen.“

„Aber wir haben schon das meiste Holz den Fluss hinunter geschickt, Boss! Das zählt doch auch!“, rief ein Mann.

McRay schüttelte den Kopf. „Kennst du die Haie der Eisenbahn wirklich so schlecht? Man kann einen Kontrakt erfüllen oder nicht. Dazwischen lassen die Verträge mit der Eisenbahn keinen Spielraum.  Die Frage lautet ganz anders: Lohnt es sich wirklich, dass wir alles aufgeben und vielleicht das Leben verlieren? Wegen eines Mädchens?“

Die Männer murmelten böse.

„Wegen eines Mädchens, wie Hunderte in den Städten der Eisenbahn herumlaufen!“, rief McRay barsch. „War es nicht ihre eigene Schuld?  Also, sagt uns, ob nicht auch sie erschossen wird. Vielleicht die anderen Mädchen noch dazu? Und was wollt ihr tun, wenn ihr ohne einen Cent in der Tasche nach Green River kommt?“

„Dann suchen wir uns einen neuen Job“, sagte ein Mann. „Das Mädchen bekommen diese stinkenden Rothäute jedenfalls nicht von uns!“

Matt Conroy blickte die Männer an, soweit er ihre Gesichter sehen konnte, und er bemerkte, dass sie nicht alle der gleichen Meinung waren. Aber jene, die wie Andrew McRay dachten, wagten es nicht zu sagen.

Langsam rann die Zeit dahin und wanderte der Schatten weiter, unaufhaltsam dem Stein neben dem Saloonzelt entgegen. Er hatte den Stein noch nicht ganz erreicht, als sich ein Ruf über die Menge fortpflanzte, als plötzlich ein Schuss fiel, ein hundertfaches Knallen durch die Schlucht raste und eine Kugel den Steinboden traf, absprang und bösartig wimmernd über die Männer hinwegging.

Sie rannten auseinander und suchten Deckung.

„Holt eure Gewehre!“, brüllte jemand.

Auf den Hängen entluden sich die Gewehre der Indianer, dass es wie eine Explosion klang. Pfeile schwirrten herunter. Lanzen folgten. Einem Mann bohrte sich ein Pfeil in die Brust. Er schrie gellend, taumelte, versuchte den Pfeil aus der Brust zu reißen und stürzte auf die Knie.

Zwei andere waren unter den Kugeln zusammengebrochen und wälzten sich stöhnend über den Boden.

Matt hatte sein Gewehr vom Wagen gezogen. Er warf sich unter das Gefährt und schob sich auf den Armen soweit vorwärts, bis er die schießenden Indianer auf den Hängen sehen konnte.

Das heftige Schießen, unter dem die Schlucht zitterte und die Felsen zu beben schienen, hielt an. Die ersten Holzfäller feuerten zu den Hängen hinauf, während andere schreiend zusammenbrachen und sich in ihrem Blut wälzten, ihr wildes Leben aushauchten.

Matt repetierte sein Gewehr und feuerte, und durch den Pulverrauch, der vor seinem Gesicht dahintrieb, sah er, wie ein Indianer von seinem Pferd stürzte, den Hang ein Stück herunterrollte und dann von der hohen Wurzel eines abgeschlagenen Baumes aufgehalten wurde.

Er repetierte und schoss in schneller Folge.

Tate warf sich unter den Wagen und begann ebenfalls zu schießen. Aus dem Saloon drang manchmal das ängstliche Kreischen der Mädchen. Glas splitterte.

Sie feuerten wie besessen zu den Hängen hinauf. Ein paar Pferde brachen zusammen. Indianer rollten herunter, manche bis ins Wasser, mit dem sie nach Süden trieben.

„Das ist Wahnsinn!“, schrie McRay. „Merkt ihr Idioten denn nicht, dass die uns alle in die Hölle schicken? Aufhören! Hört ihr nicht, ich hab befohlen, aufzuhören!“

„Wahnsinn ist es wirklich, solange keiner fliehen will“, knurrte Tate Fiddler.

„Aufhören!“, brüllte McRay.

Das Feuer in der Schlucht verstummte langsam. Von den Hängen herunter wurde noch geschossen und Pfeile zerbrachen auf dem harten Boden. Dann stellten auch die Indianer das Feuer ein.

Matt schob sich zurück, kroch unter dem Wagen hervor und lauschte. Er hörte das laute Schluchzen der Mädchen aus dem Saloonzelt, lief zum Eingang hinüber und in das Zelt hinein. Was er sah, ließ sein Herz bis zum Hals hinauf heftig schlagen.

Veta, Natalie und Ester standen weit auseinander vor den Tischen und blickten entsetzt auf Joan, das farblose, unscheinbare Ding, das ausgestreckt auf dem Boden lag, seltsam starr, das Gesicht verzerrt und bereits eingetrocknetes Blut an Mund und Hals.

Schritt um Schritt ging Matt auf die Mädchen zu, während McRay draußen schrie, dass sie das Mädchen bekommen würden. Dann stand er neben Veta und blickte zu Joan hinunter.

„Für mich“, murmelte Veta Pyle mit zuckenden Lippen. Tränen rannen über ihre Wangen und tropften auf das große Kattunkleid. „Sie ist für mich gestorben!“, schrie sie dann wie von Sinnen.

Männer kamen herein und blieben stehen.

„Boss!“, rief einer. „Boss, Joan hat es erwischt!“

Dann tauchte McRay auf. Weitere Männer folgten ihm.

„Joan, das hab ich nicht gewollt“, murmelte Veta.

„Bist du soweit?“, fragte McRay barsch. „Die Indianer warten nicht länger. Zehn meiner Männer sind tot. Wir können nicht warten, bis alle tot sind, Veta. Du musst das verstehen.“

Veta Pyle hob den Kopf und starrte den silberhaarigen Mann an. „Was?“, fragte sie.

„Sie weiß nicht einmal, was du meinst“, murmelte der Vormann.

„Verstehst du wirklich nicht?“, knurrte Andrew McRay. „Zehn meiner Männer sind von den Indianern erschossen worden! Wir können nicht warten, bis alle tot sind. – Aber wir haben abgestimmt. Eben. Draußen. – Es geht nicht anders, Veta.“

„Sie wollen mich ...“ Veta brach ab und blickte hilflos umher.

„Es tut mir leid, Veta“, knurrte der Boss. „Er wird dich sicher gut behandeln.“

„Nein.“ Veta ging rückwärts und streckte abwehrend die Arme aus. „Nein, das könnt ihr nicht tun!“

„Hör auf!“, schimpfte McRay. „Wären wir gleich vernünftig gewesen, wie ich es wollte, würden die zehn Männer und Joan noch am Leben sein. – Los, holt sie!“

Männer liefen um die Mädchen herum.

Veta schrie gellend, wandte sich ab, rannte durch das Zelt, aber dort, wo sie hinlief, war die Plane und kein Loch, durch das sie hätte wenigstens noch ein Stück entkommen können. Sie prallte gegen die Zeltwand, wurde von den Männern gepackt und durch das Zelt geschleppt. Sie schrie gellend, und Matt Conroy wandte sich angewidert ab. Er wusste, dass es sinnlos war, irgend etwas für sie unternehmen zu wollen. Die Männer hatten sich McRays Willen gebeugt und waren bereit, das Mädchen der Indianerhorde auszuliefern.

Tate Fiddler kam von irgendwo und wollte dazwischen springen, aber der schrankbreite McRay schmetterte ihm die Faust an den Kopf, dass er rückwärts flog, von der Menge der schwarzbärtigen Männer aufgefangen und mit Schlägen bearbeitet wurde, bis er zu Boden stürzte und sich nicht mehr bewegte.

Die anderen schleppten das gellend schreiende Mädchen hinaus. Natalie und Ester standen reglos vor der Toten, bis Natalie plötzlich ohne sichtbaren Grund zusammenbrach.

„So, ihr bekommt sie jetzt!“, brüllte McRay draußen.

„Natalie, was ist denn?“ Ester kniete auf dem Boden und strich über ihr Gesicht. „Was hat sie denn?“

Matt sah, dass er mit Fiddler, der sich eben wieder bewegte, und den Mädchen allein war.

„Was hat sie denn?“, fragte Ester.

„Sie ist nur bewusstlos.“

„Werden sie Veta ...“ Ester brach ab.

„Ja.“

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Fiddler wälzte sich auf den Leib und hob den Kopf. Sein Gesicht war verschwollen. Blut lief ihm aus der Nase. Er zog die Beine an, stand auf und taumelte bis zur Theke, in der ein Pfeil steckte. Dort hielt er sich fest und stieß keuchend hervor: „Warum tust du denn nichts?“

„Sie sind jetzt fest entschlossen, das Mädchen den Indianern zu geben“, sagte Matt. „Dagegen kann einer nichts tun, und zwei oder drei können es auch nicht, Tate.“

Tate wischte sich das Blut aus dem Gesicht. „Diese verdammte, feige Bande. Ich hab’ immer geglaubt, diese irischen Feuerfresser wüssten gar nicht, was Angst ist!“

Matt schüttelte den Kopf. „Die haben genau die gleiche Angst wie andere Menschen an anderen Orten auch. Dazu kommt ihre Gier nach Geld.“

„Und McRay“, stieß Tate hervor. „Er ist ihr Gesetz.“

Das Mädchen schrie draußen wieder.

Tate wirbelte herum.

„Wenn du hinausgehst, schlagen sie dich wieder zusammen.“

Tate schaute ihn an. „Was willst du denn tun?“

„Zunächst einmal meine eigene Haut retten, Tate. Ich glaube, jetzt können wir ungesehen in den Stall kommen, zwei Pferde satteln und verschwinden.“

„Und der Wagen? Das Werkzeug, unser Proviant und das Pulver?“, fragte Tate Fiddler gepresst. „Willst du das alles diesen Teufeln überlassen?“

„Ja.“

„Aber warum? Sie haben uns doch schon einmal fortfahren lassen!“

„Die lassen uns nur weiter nach Norden, Tate. In keine andere Richtung. Die glauben nach wie vor, wir wären Marshals der Eisenbahn und sollten etwas herausfinden. Etwas, was uns überhaupt nicht interessiert. Sie schicken uns wieder die Revolvermänner nach, die uns irgendwo erledigen sollen.“

„Die drei Kerle?“ Tates Gesicht verzog sich.

„Auf die warten wir irgendwo und knallen sie ab.“

„Und die vielen Indianer, die in den Bergen herumreiten? Als wir den Fluss herauf kamen, wussten wir doch nicht, dass McRays Camp die Cheyennes so wie Licht die Motten anziehen könnte.“

Matt blickte zu Ester hinüber, die Natalie jetzt rüttelte und ihren Namen rief. Dann schaute er Tate wieder an. „In einem Monat sind die Kerle nicht mehr hier. Dann verschwinden vielleicht auch die Indianer wieder. Das Gold läuft uns doch nicht weg, Tate. Niemand außer uns kennt die Höhle, in der sich die Goldader durch die Wand zieht.“

Draußen knallte eine Peitsche, ein Pferd wieherte, das Mädchen schrie wieder, dann hämmerte Hufschlag durch das Camp.

„Los, Tate!“ Matt wandte sich ab, lief zur Rückseite des Zeltes und riss zwei zusammengeknüpfte Planen auseinander.

Tate folgte ihm.

Ester wandte sich langsam um und starrte auf seinen Rücken.

Matt lief hinten um das Zelt herum, erreichte den freien Platz und sah die auf dem Boden liegenden Männer und zwei verletzte Holzfäller, die zu dem Mannschaftszelt humpelten. Als Matt Conroy noch ein paar Schritte auf das Stallzelt zugegangen war, sah er auch das durch die Schlucht trabende Pferd, auf dem das weizenblonde Mädchen lag. Er schaute zur anderen Seite. Die drei Indianer, die unten in der Schlucht gehalten hatten, verschwanden gerade.

Tate holte ihn ein. Sie liefen zusammen weiter, unbeobachtet von den Holzfällern, die alle nichts weiter als das nach Norden trabende Pferd mit dem Mädchen betrachteten.

McRay sagte etwas. Die Männer scharten sich um ihn. Matt erreichte die Zeltwand des Stalles, schob sich an ihr entlang, kam in den Stall und sah die Pferde. Der Stallmann war draußen bei den anderen, und sicher würde er auch noch eine Weile dort bleiben.

„Dein Sattel liegt auf dem Wagen“, sagte Tate, als er zu seinem Pferd lief, das noch gesattelt und gezäumt in einer Box stand.

„Ich leih mir dafür einen anderen aus. Oder ich tausche.“ Er zog einen Sattel von einer Stange herunter und legte ihn einem der Wagenpferde auf.

„Sie ziehen ab!“, rief draußen jemand.

„Schneller!“, stieß Tate keuchend hervor. „Hier sind kurze Zügel!“

Matt zog den Sattelgurt fest, schob das Pferd rückwärts und blickte suchend umher. Er sah einen Schlitz zwischen zwei Planen und draußen das Sonnenlicht.

„Die sind auf einmal so still“, brummte Tate.

Matt führte sein Pferd zu dem Schlitz, hob die Plane an, sah einen schmalen Uferstreifen und dahinter den Fluss. Er ging hinaus, sah niemanden, schob das Gewehr in den Sattelschuh und stieg auf.

Tate kam heraus und schwang sich in den Sattel. „Mein Gewehr muss noch unter unserem Wagen liegen.“

„Wir werden irgendwo ein neues Gewehr bekommen. Los, hinter dem Magazin vorbei. Dann jagen wir die Schlucht hinunter. Bis sie Pferde gesattelt haben, sind wir im Wald. Dort finden sie uns nicht mehr. Und in zwei Monaten kommen wir zurück, dann ist hier bestimmt wieder Ruhe, und wir können das Gold holen.“ Matt blickte über die Hänge und sah die Indianer überall verschwinden.

Das Magazin wanderte vorbei. Sie ritten an seiner Schmalseite entlang und hielten an, ehe sie den freien Platz zwischen den Hütten sehen konnten.

„Sind wir soweit?“, fragte Tate, als er neben Matt war.

„Ja.“

„Dann los!“ Tate gab seinem Pferd die Sporen. Das Tier wieherte und schnellte mit einem Satz vorwärts.

Matt folgte seinem Beispiel. Sie sprengten aus dem Schutz der Zeltwand, sahen die Männer heranrücken und wussten nicht, was das zu bedeuten hatte. Und noch bevor sie die Tiere die Schlucht hinunter lenken konnten, fielen Schüsse.

Matt spürte, wie ein Ruck durch den Körper des Wagenpferdes ging. In der gleichen Sekunde brach das Pferd vorn ein. Conroy wurde ausgehoben, flog über den Pferdehals hinweg, überschlug sich auf dem Boden und blieb benommen liegen. Er hörte das entnervende Wiehern eines Pferdes, einen erschrockenen Ruf, und er sah über sich den Himmel und die abgeholzten Hänge. Dann war ein Gesicht davor. Groß wie ein Riese tauchte Andrew McRay auf, dessen Haar im Sonnenlicht schimmerte.

„Hallo, Conroy“, sagte der Mann. „Da scheint Ester ja tatsächlich mal richtig zugehört zu haben!“

Matt war noch so durcheinander, dass er nicht gleich begriff, was diese Worte zu bedeuten hatten. Er wollte sich aufrichten, aber der Rücken schmerzte ihn so sehr, dass er seine Bemühungen gleich wieder einstellte.

„Helft ihm doch mal!“, kommandierte McRay.

Zwei schwarzbärtige Männer tauchten auf, bückten sich, griffen nach Matt und hoben ihn hoch. Er stand unsicher auf den Beinen, wurde losgelassen und bekam von McRay die Faust mitten ins Gesicht, dass er Feuer, Rauch und nächtliche Schwärze zu sehen glaubte, zurücktaumelte und über das tote Pferd stürzte.

Er lag noch auf dem Boden, als er Tate sah, den ein paar Kerle herbeischleppten und den McRay ebenfalls mit einem einzigen Hieb zu Boden schickte.

„So, jetzt will ich erst mal hören, was sie alles gesagt haben“, erklärte McRay und verschwand.

Fiddler wälzte sich über den Boden und zischte: „Diese Hexe! Sie sind wirklich nichts wert, diese Weiber.“

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Die Indianer blieben verschwunden. Die Holzfäller liefen mit finsteren, verschlossenen Gesichtern herum und blickten sich zumeist gegenseitig nicht an, aber so wie die Zeit verrann und die Schatten immer länger wurden, rückte alles, was geschehen war, weiter in die Vergangenheit, wurde unwichtiger, verblasste.

Gefesselt lagen Matt und Tate im Magazin zwischen Fett, Öl, Pulver, Lunten, Werkzeugen, Kisten und Fässern. Die Dämmerung kroch allmählich in das Zelt herein, und der Wächter, der mit seinem Gewehr in der Hand auf einer Kiste saß, wurde von der Müdigkeit immer mehr gepackt. Sein Kopf begann auf die Brust zu sinken, aber bevor der Mann ganz einschlief, kam McRay mit seinem Bruder herein.

Der Wächter war zusammengezuckt und aufgesprungen.

„Er wollte gerade einschlafen“, sagte Tate.

Andrew McRay blickte den Mann an, als wollte er ihn zusammenschlagen.

„Diese Ruhe, das ist nichts für uns“, brummte der Mann. „Wir brauchen Lärm und harte Arbeit, Boss! Das ist eben so.“

„Verschwinde!“

Der Mann lief hastig hinaus. Andrew McRay setzte sich auf die Kiste. Sein Bruder kreuzte die Arme vor der Brust und lehnte die Schulter gegen den Pfosten neben dem Eingang.

„So, ihr habt also eine Goldader gefunden“, stellte Andrew McRay fest. „Das klingt natürlich schon logischer. Unwahrscheinlich, dass intelligente Männer einfach so in die Berge fahren und hoffen, irgendwo Gold zu finden. Aber wenn man natürlich weiß, wo welches ist, dann will man es auch holen.“

„Sie hat euch belogen“, erwiderte Tate. „Wir haben keine Ahnung, wo Gold sein könnte.“

McRay grinste ihn an. „Ich dachte, ihr freut euch, dass ich mich zu der Überzeugung durchgerungen habe, dass ihr wirklich keine Marshals von Casement seid.  Ich will euch doch helfen!“

„Wieso haben Sie uns binden lassen, wenn Sie uns helfen wollen?“, fragte Matt.

McRay stand auf und kam näher. „Ich will euch gegen die Indianer helfen, die in den Bergen stecken. Oder kennt ihr die Berge etwa viel besser als ich?“

„Sie haben nicht das geringste Recht, uns hier festzuhalten!“, stieß Tate hervor.

Andrew McRay ging vor ihm in die Hocke, zog den Revolver und drehte die Trommel durch. „Recht?“, fragte er. „Was ist das, Goldsucher?“

Tate schaute Matt an.

„Ich mache euch einen Vorschlag“, fuhr McRay fort. „Ihr erzählt mir die ganze Geschichte, und ich lasse sie von ein paar Männern nachprüfen. Wenn ihr wirklich Gold gefunden habt, lasse ich euch laufen.“

Tate grinste ihn böse an. „Sie denken, bei uns sind ein paar Schrauben locker, was, McRay? Sie wollen doch nur wissen, ob es in den Bergen wirklich Gold gibt, und ob es sich für Sie lohnt, es zu holen, und ob es vielleicht am Ende mehr wert ist, als die gefällten Bäume und der Kontrakt mit der Eisenbahn.“

„Ist es denn mehr wert?“, mischte sich der Vormann ein.

„Rate doch mal“, sagte Tate.

„Da sind wir ja durch Zufall auf was gestoßen“, sagte der Vormann. „Mann, und wir hätten die Kerle glatt mit so einem Geheimnis in den Himmel geschickt, Andrew!“

„Sollte man nicht für möglich halten, dass uns solche Fehler unterlaufen“, gab Andrew McRay zu. Er drehte die Trommel des Revolvers wieder durch, spannte den Hammer und richtete die Waffe auf Tates Gesicht.

Fiddler wurde bleich.

„Also, Conroy?“, fragte McRay. „Soll ich ihn erschießen, oder erzählen Sie es?“

„Matt, das wagt er nicht!“, stieß Tate hervor. „Der erschießt keinen gefesselten Mann!“

„Er hat den Indianern das Mädchen gegeben“, entgegnete Matt. „Wieso sollte er Hemmungen haben, einen gefesselten Mann zu erschießen.“

Der Vormann kam näher. Die Hand von Andrew McRay begann zu zittern.

„Was hätten wir denn tun sollen?“, schimpfte der Vormann. „Die hätten uns alle umgebracht! Und euch beide auch!“

In Matts Gesicht spiegelte sich die Verachtung, die er für die beiden empfand. „Jedenfalls liefert man keinen Menschen den Indianern aus, McRay. Das ist schlimmer als der Mord an einem Marshal oder die Lieferung von Gewehren an die Cheyennes, und vielleicht ist es das, was Sie in Zukunft am Meisten zu fürchten haben. Alle Ihre Leute wissen es!“

„Wir haben abgestimmt“, knurrte der Boss der Holzfäller.

„Die Entscheidung wird Ihnen dadurch nicht abgenommen, das wissen Sie genau. Suchen Sie jetzt schon den Ausweg, um gar nicht nach Green River zurückkehren zu müssen?“

„Das ist es“, sagte Tate. „Ich hab mich gefragt, was ihn auf einmal dazu gebracht haben könnte, seine Bäume auf den Hängen zu vergessen, die ihn die Indianer nun vielleicht noch schlagen lassen! Das ist es, McRay! Sie haben Angst. Angst vor Ihren Männern, die in Green River reden könnten, noch bevor Sie Ihre fünfundzwanzigtausend Dollar kassiert haben.“

„Genug!“, schrie Andrew McRay. „Rede, Conroy, oder er bekommt eine Kugel in den Schädel!“

Matt sah dem Mann an, dass der den Rand seiner Beherrschung erreicht hatte.

„Sagen Sie es“, murmelte der Vormann. „Vielleicht ist es genug Gold für uns alle!“

„Als ob Sie daran denken würden zu teilen!“, zischte Tate. „Sie geben anderen höchstens einen Lohn, Matt! Auf keinen Fall mehr als die hundertfünfzig Bucks, die sich die Holzfäller hier im Monat verdienen! Du sagst ihnen nichts!“

McRay senkte den Revolver etwas und drückte ab. Das Krachen schien das Magazinzelt zu zerfetzen. Tate schrie auf, als die Kugel seinen Arm streifte, die Jacke zerriss und Blut über seine Haut laufen ließ. Die Kugel schlug in eine Kiste, aus der Fett spritzte. Rauch quoll aus der Waffe und zerflatterte.

Der Posten kam hereingestürzt, aber der Vormann sagte: „Bleib draußen, es ist nichts.“

Der Mann ging wieder hinaus.

Der Vormann ging hinter seinem Bruder vorbei, zog ein Schwefelholz aus der Tatsche und rieb es an der Trommel seines Revolvers an. Er zündete den Docht der Lampe auf der großen Kiste an und rieb die Flamme am Schwefelholz zwischen den Fingern aus.

„Es ist nichts, geht wieder“, sagte der Posten draußen. „Die beiden müssen Haare auf den Zähnen haben. Aber das wisst ihr ja.“

Der Vormann ließ das verbrannte Holz fallen. Andrew McRay spannte den Hammer des Revolvers wieder und hob die Waffe an. „Also?“

„Du sagst nichts!“, zischte Tate.

McRay fluchte, schwang die Waffe hoch, beugte sich vor und schlug zu. Tate wurde am Kopf getroffen und sackte an der Kiste, an der er lehnte, zusammen.

McRay schob sich rückwärts und richtete die Waffe wieder auf Fiddler, der sich benommen bewegte. McRays Bartgestrüpp zuckte und Blitze schossen aus seinen Augen.

„Wir haben zwei Jahre in den Bergen gelebt“, sagte Matt. „Ungefähr fünf bis sechs Meilen weiter nördlich in einem Tal. Damals gab es hier keine Indianer. Manchmal kam ein Stamm in irgendein Tal und verschwand nach ein paar Wochen wieder. Wir haben Pferde gefangen, und immer, wenn der Winter kam, ritten wir in die Prärie hinunter und verkauften die Pferde in Fort Laramie. Kurz bevor wir im Herbst die Berge verlassen wollten, fanden wir eine Goldader. Wir hatten kein Werkzeug, um sie abzubauen, brachen nur ein Stück heraus und nahmen es mit. Es war zu achtzig Prozent rein, und wir bekamen vierhundert Dollar dafür. Vielleicht kamen wir nur deswegen so spät zurück, denn wir hatten auch zwanzig Pferde.“

Tates Kopf hob sich, fiel aber auf seine Brust zurück.

„Wie groß war das Stück Gold?“, fragte der Vormann gierig.

„So groß wie ein Stein, um den man die Hand nicht ganz schließen kann.“

„Donnerwetter“, murmelte John McRay.

„Wie lang ist die Ader?“, stieß sein Bruder hervor.

„So lang wie die Höhle hoch ist. Man kann sich darin aufrichten.“

„Das ist ja ...“ John McRay ging hinter seinem Bruder vorbei und starrte Matt an.

„Wie tief die Ader ins Gestein geht, wissen wir nicht“, erklärte Matt. „Aber ich weiß etwas anderes, McRay: Wenn Sie Tate erschießen, werden Sie die Goldader niemals sehen. Das schwöre ich Ihnen!“

Andrew McRay zog die Hand mit dem Revolver abrupt zurück. „Das heißt, die Goldader macht den Mann zum Millionär, der sie ausbeutet.“

„Ein paar hunderttausend Dollar ist das Gold bestimmt wert“, gab Matt zu.

McRay richtete sich auf, schob die Waffe in das Holster und setzte sich auf die Kiste neben dem Eingang. Sein Blick glitt zu seinem Bruder hinüber, dann zu Matt zurück.

„Und da haben wir uns für fünfundzwanzigtausend Dollar wie Ameisen geschunden, Andrew!“, keuchte der Vormann.

„Ja, John. – Nur fünf bis sechs Meilen?“

„Ja.“

„Wo?“

„Im Nordwesten. Hinter der Hochfläche in einem der vielen Canyons, die dort vor den großen Gipfeln die Berge durchschneiden.“

„Genauer!“, schrie McRay.

Verachtung überzog wieder Matts Gesicht. „Glauben Sie wirklich, das werden Sie alles allein bekommen, McRay?“

Der Boss der Holzfäller rieb sich über das brennende Gesicht, das rot im Lampenlicht leuchtete.

„Natürlich wird fair geteilt!“, versicherte der Vormann schnell. „Die Hälfte für euch, die Hälfte für uns! – Nicht wahr, Andrew, so machen wir es doch?“

„Ja“, sagte der Boss spröde.

Matt sah ihm an, dass er nicht daran dachte, aber er wollte die Lage nutzen. „Also gut“, stimmte er zu. „Dann nehmt uns die Fesseln ab und schafft unsere Waffen herbei, damit ich das Gefühl bekomme, dass ihr es ehrlich meint.“

„Idiot“, murmelte Tate. „Warum hast du denen das verraten?“

„Weil es unsere Chance ist, Tate“, erwiderte Matt. „Also, McRay?“

„Ihr bekommt eure Waffen“, versicherte der Vormann. „Ihr könnt ganz beruhigt sein, es geht ganz fair zu.“

Andrew McRay stand auf, schob seinen Bruder zur Seite und ging hinaus. Er bewegte sich wie ein Träumer und schien mit seinen Gedanken schon weit weg zu sein.

„Es geht alles in Ordnung!“, versicherte der Vormann. „Ich komm gleich wieder!“ Er lief hinter dem Boss der Holzfäller her, sagte draußen etwas zu dem Posten und hastete weiter. Der Posten kam herein und setzte sich auf die Kiste, von der McRay aufgestanden war.

„Warum hast du es ihm gesagt?“, zischte Tate. „Die legen uns um, sobald sie das Gold sehen!“

Matt blickte den Posten an. „Vielleicht auch nicht“, erwiderte er, weil er an Ester denken musste, das einfältige, hässliche Mädchen. Sie waren hier in diesem Camp in der Wildnis sicher alle gleich, ob sie Männer oder Frauen waren.

Der Posten legte das Gewehr neben sich und trat Tate jäh ins Gesicht, dass Fiddlers Hinterkopf gegen die Fettkiste knallte. „Dafür, dass du gesagt hast, ich wäre beinahe eingeschlafen“, knurrte der Mann, setzte sich wieder und nahm sein Gewehr in die Armbeuge.

Tate krümmte sich stöhnend zusammen.

„Vielleicht will McRay schon nicht mehr, dass wir misshandelt werden“, sagte Matt. „Wir haben nämlich wirklich eine Goldader. Du solltest vorsichtiger sein!“

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McRay saß auf seinem Bett und blickte seinen Bruder, den Vormann, an, der auf dem Tisch saß. „Wenn wir das Gold haben und alle Bäume gefällt sind, dann zahlen wir die Leute aus. Wir geben ihnen Gold und nehmen ihnen das Versprechen ab, dass keiner nach Green River reitet. Dann kassieren wir das Geld doch noch!“

„Vielleicht interessiert es uns nicht mehr, wenn wir sehen, wie viel Gold es ist, Andrew.  Mein Gott, wir sind reich!“

Andrew McRay zeigte grinsend die Zähne. „Ich habe immer gespürt, dass einmal ein ganz großer Tag kommen wird, John. Heute ist nun dieser Tag!“

„Ja, Andrew.  Aber wer soll hier bleiben?“

„Du.“

„Ich?“

Andrew McRay stand auf. „Einer von uns muss die Männer beaufsichtigen. Ich nehme Crim, Clyde und Perce mit. Und du sorgst dafür, dass die Waffen der beiden nicht geladen sind. Dann kann nichts passieren. Sobald ich das Gold sehe, werden die beiden abgeknallt. Dann schlage ich mit den anderen etwas los, und wir kommen zurück. Den Rest können wir später holen.“

„Crim, Clyde und Perce“, sagte der Vormann. „Ist es nicht gefährlich, wenn die das Gold sehen?“

„Du denkst, sie könnten mir an den Kragen gehen?“

„Ja, Andrew.“

Der Boss kratzte sich mit der Faust durch den grauen Bart. „Aber allein kann ich nicht mit den beiden reiten, John!“

„Wir beide können mit ihnen reiten! Sie sind keine Gefahr für uns, wenn ihre Waffen nicht geladen sind!“

„Und wer passt hier auf?“

„Wir sind doch nur einen Tag weg, Andrew! Und dann weiß es niemand außer uns!“

„Sie wissen es längst alle!“

„Wir können ihnen erzählen, es sei alles nur Rederei gewesen. Nur eine winzige Ader, gerade genug, um alle Männer zu bezahlen!“

„Und du denkst, das glauben die uns?“

John McRay zuckte die Schultern. „Glauben oder nicht, was spielt das für eine Rolle? Sie wissen nichts! Und sie werden den einen Tag auch ohne uns arbeiten.“

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Der Stallmann hatte den Pferden Lederlappen um die Hufe gewickelt, und so verursachten die fünf Pferde nur wenige Geräusche. Nur das Werkzeug auf dem Packsattel des fünften Tieres klapperte manchmal.

Als sich der Canyon vor den Reitern öffnete, sahen sie silbriges Mondlicht, das die weite Hochfläche vor den schneebedeckten Gipfeln überstrahlte. Sie hielten an und blickten über das raue Land.

„Die Indianer haben das Mädchen und den Schnaps“, sagte Andrew McRay barsch. „Die haben wir nicht zu fürchten.“

„Das mit dem Mädchen vergisst Ihnen nicht mal der Teufel“, entgegnete Tate Fiddler. „So was hab’ ich noch nicht erlebt, McRay!“

„Wir haben so etwas selbst noch nicht erlebt“, erklärte der Vormann. „Aber was hätten wir denn tun sollen? Wir wären alle abgeschlachtet worden. Und außerdem, diese Weiber sind nichts wert!“

„Seid ihr mehr wert?“, fragte Tate. „Oder wir vielleicht? Die Mädchen sind Abenteurerinnen, die ihr Glück suchen. Wir sind genauso. Aber ihr ... Also ich weiß ja nicht, aber ich könnte wetten, das vergibt euch nicht mal der Teufel! Der lässt euch im Fegefeuer schmoren, das werdet ihr erleben!“

„Weiter!“, kommandierte Andrew McRay.

Matt Conroy trieb sein Pferd wieder an und ritt auf die kahle Hochfläche hinaus. Die Helligkeit des Mondes war stark genug, zuckende Schatten auf den Boden zu zeichnen.

Die drei anderen kamen an seine Seite, aber die beiden McRays hielten soviel Abstand, dass es ausgeschlossen war, sie anzugreifen.

Tate, der das Packpferd führte, trat nach dem Tier und ließ die Zügel los. Das Pferd wieherte und galoppierte nach Norden.

Tate und Matt hielten gleichzeitig an. Andrew McRay schimpfte, aber Tate sagte: „Es muss verrückt geworden sein. Auf einmal riss es sich los!“

„John, hol es zurück!“

John McRay jagte hinter dem Pferd her. Sein Bruder folgte ihm ein Stück, hielt aber dann, blickte zurück, hinter seinem Bruder her und dann wieder zurück. Da er sein Gewehr in der Hand hatte, unterließ Tate es, sein Pferd anzutreiben.

„Weißt du, dass unsere Waffen nicht geladen sind?“, zischte Fiddler.

„Ja.“

„Wollen wir das einfach hinnehmen?“

„Was sollen wir denn tun?“

„Ihnen sagen, dass wir nicht so naiv sind!“, stieß Tate hervor.

„Nein, das machen wir nicht. Wir lassen sie in dem Glauben, wir wären so naiv, Tate. Vielleicht macht sie das sicherer; und vielleicht machen sie dann den Fehler, uns zu nahe zu kommen.“

„Andrew McRay schlägt einen Mann mit einem einzigen Hieb zusammen!“, sagte Tate scharf.

„Das hab ich bei dir gesehen.“

Tate fluchte grimmig. „Die wollen uns umlegen, sobald sie das Gold sehen.“

„Ich weiß. Aber wir führen sie nicht mal in die Nähe des Goldes.“

„Wohin dann?“

„Zu unserer Hütte, Tate. Dort sind noch Patronen. Wenn wir an die herankommen, sieht alles anders aus.“

„Wenn es die Hütte überhaupt noch gibt.“ Tate zog sich den Hut in die Stirn und blickte auf John McRay, der das Pferd schon eingeholt hatte.

„Das müssen wir eben hoffen“, sagte Matt.

McRay kam mit dem Pferd zurück. Sein Bruder lenkte sein Pferd wieder näher an Matt und Tate heran und sagte: „Könnt ihr nicht besser aufpassen?“

„Es hat sich losgerissen“, erklärte Tate. „Was kann ich denn dafür!“

„Wir wollen doch nicht streiten“, meinte der Vormann grinsend. „Wir sind doch jetzt Partner. Also weiter!“

Gedämpft hallte der Hufschlag über die Hochfläche und verklang. Die Zeit rann dahin, und schließlich kamen die Felswände näher.

„Das sind aber mehr als fünf Meilen, was?“, fragte John McRay, noch immer freundlich.

„Kann sein, dass ich mich verschätzt habe“, gab Matt auch zu.

„Wie weit ist es denn jetzt noch?“

„Eine knappe halbe Stunde“, sagte Matt, als er sein Pferd in den Hohlweg lenkte, der gerade so breit war, dass er ihn hätte mit dem Wagen befahren können.

Die beiden McRays hielten ihre Pferde zurück und ließen auch Tate vor sich herreiten, und Fiddler tat, als würde er dem keine Bedeutung beimessen.

„Und hier habt ihr Pferde gefangen?“, fragte der Vormann.

„Hier hat es viele Pferde gegeben“, erwiderte Matt. „Eines Tages kommen sie auch sicher wieder. Wenn es hier wieder ruhiger geworden ist und die Indianer weiter nach Norden ziehen.“

„Vielleicht ziehen die Indianer nicht wieder nach Norden“, brummte Andrew McRay.

„Was sollte sie denn daran hindern?“ Matt blickte über die Schulter.

„Die Eisenbahn, die sie gern vernichten wollen“, sagte Andrew McRay. „Diese Berge hier liegen den Schienen, die jetzt zum Bear River gebaut werden, am nächsten. Idealer Schlupfwinkel für die Cheyennes, eines Tages vielleicht auch für die Dakotas. Aber das spielt für uns keine Rolle. Wenn wir das Gold abgebaut haben, kommen wir sowieso nicht mehr hierher.“

„Na eben“, gab Matt zu. „Was sollten wir dann hier noch verloren haben.“

John McRay lachte rau und aufgekratzt, vielleicht etwas zu aufgekratzt, um echt wirken zu können.

Der Hohlweg begann sich stark zu neigen, die Steilwände wurden höher, und das Dunkel nahm rasch zu, bis kaum noch etwas zu erkennen war. Aber nach einer kurzen Strecke stieg der Weg wieder an, und die Helligkeit kam zurück. Die Felsen wurden kürzer, und schließlich ritten sie über eine Bergschulter, unter der sich eine Schlucht mit Bäumen und einem schäumenden Wildwasser dahinzog.

„Anhalten“, sagte Andrew McRay.

Matt und Tate zügelten die Pferde und schauten zurück.

„Was ist denn?“, wollte Tate wissen.

„Mir ist es, als hörte ich Gesang“, sagte McRay. „Sind die Indianer in der Nähe?“

Matt stellte sich in den Steigbügeln auf, lauschte einen Moment und setzte sich in den Sattel zurück. „Es ist nur das Rauschen des Wildwassers, das aus dem Wald zurückkommt.“

„Ach so.  Siehst du, wie viel Wald es hier noch überall gibt, John?“

„Ja, Andrew. Aber wenn es nur ein Wildwasser ist, wird es keine Stämme aus den Bergen tragen.“

„Eigentlich seid ihr mit Herz und Seele Holzfäller, was?“, fragte Tate mit einem leisen Lachen.

„Was man Jahre gemacht hat, das hängt einem Mann an“, erwiderte der Vormann. „Wir werden uns erst daran gewöhnen müssen, reich zu sein und in einem Palast zu sitzen.“

„Das geht uns nicht anders“, mischte Matt sich ein. „Aber das schaffen wir schon.“

Andrew McRay lachte freundlich. „Also weiter!“

Matt ritt auf der Bergschulter weiter, erreichte ein Plateau und zügelte erneut sein Pferd.

Wie die Beine einer Spinne führten sechs Wege steil abfallend zwischen graue Felsen.

„Wie geht es weiter?“, stieß Andrew McRay hervor.

Matt lenkte sein Pferd in einen der Wege und ritt ihn hinunter. Tate kam an seine Seite und sagte leise: „Ich weiß vielleicht noch was Besseres!“

„Und?“

„Unten, wo es ganz dunkel ist, jagen wir los. Die zögern bestimmt, Matt!“

„Meinst du?“

„Die wollen erst das Gold sehen und uns dann umlegen.“

„Und weiter?“

„Wenn wir sie abgehängt haben, reiten wir zur Hütte, und wenn sie noch steht, kann uns nicht mehr viel passieren, jedenfalls nicht mehr als den beiden auch.“

„Gut, Tate.“ Matt blickte zurück und rief: „Wir müssen gleich langsamer reiten! Unten im Hohlweg liegt oft spitzes Geröll herum.“

„Sehr gut“, lobte Tate. „Nur, wo nehmen wir das Geröll her?“

„Ach, das merken die nicht!“

Die Dunkelheit nahm schnell wieder zu, und als Matt wieder zurückschaute, erkannte er die beiden Reiter nur noch als undeutliche, formlose Schatten.

Tate hielt an und sprang aus dem Sattel. Niemand sah, dass er am Rand der Felswand einen Stein aufhob.

Die beiden McRays zügelten hinter ihm die Pferde, und der Boss der Holzfäller fragte: „Was ist denn los, Fiddler?“

„Es sah aus, als sei hier ein Graben“, sagte Tate. „Irgendwo kommt auch ein Graben, in dem sich die Pferde die Beine brechen können. Wer aus dem Sattel fällt, bricht sich leicht den Hals.“ Tate stieg wieder auf. „Aber hier ist der Graben noch nicht.“ Er ritt weiter und holte Matt wieder ein.

„Nicht so schnell!“, rief Andrew McRay. „So eilig haben wir es nun auch wieder nicht!“

„Pass auf!“, zischte Tate, drehte sich im Sattel um und schleuderte den Stein hinter sich.

John McRay schrie auf und fluchte.

„Was ist los?“, fragte sein Bruder.

Der Vormann fluchte wieder.

Matt und Tate sprengten schon los, dass ihre Pferde erschrocken wieherten und die Lederlappen von den Hufen verloren. Funken sprangen in die Höhe.

„He, anhalten!“, brüllte McRay und feuerte in die Luft.

Das Krachen rüttelte an den Felsen und die Feuerlanze übergoss den Hohlweg für einen Moment mit grellem Licht, um ihn sofort ins Dunkel zurückzustoßen. Das Echo des Schusses verschluckte alle anderen Geräusche, auch den klirrenden Hufschlag. Dann brüllte Andrew McRay seinen Bruder an, und sie jagten beide den Weg hinunter, bis auch ihre Pferde die Lederlappen verloren.

„Der Graben!“, rief John McRay.

„Das war doch alles erfunden!“ Der Boss der Holzfäller sah ein ganzes Stück vor sich wieder Funken in die Luft tanzen, legte das Gewehr an, feuerte, repetierte und schoss wieder. Sein Pferd erschrak so sehr, dass es auf die Hinterhand stieß und die Hufe durch die Luft wirbeln ließ.

Schießend sprengte sein Bruder vorbei.

McRay schlug dem Pferd die Faust zwischen die Ohren, dass es schrill wieherte, zurückfiel und weiter durch den Hohlweg donnerte. Er holte seinen Bruder ein, jagte neben ihm her, und sie hörten beide nichts weiter als den trommelnden Hufschlag ihrer eigenen Pferde, der von den Wänden hundertfach zurückkam.

Der Hohlweg begann anzusteigen, führte über einen Pass und dann wieder in die Tiefe, und es wurde abermals so schwarz um die beiden Reiter, dass sie vor sich nichts erkannten.

Andrew McRay wusste nicht, ob sie zehn Minuten durch die Berge gejagt waren, ob es nur fünf oder sogar fünfzehn gewesen waren. Er griff seinem Bruder in die Zügel und brachte die beiden erregten Tiere zum Stehen.

Das Echo des Hufschlages entfloh nur langsam aus dem Hohlweg. Dann war es still.

Die beiden starrten sich an.

„Das gibt es doch nicht“, flüsterte John McRay, als hätte er Angst, laut zu sprechen. „Man müsste sie doch noch hören. So weit vor uns können sie nicht sein!“

Der Holzfällerboss schaute zurück, aber auch da war nichts als die tiefe Nacht, aus der ihn grünäugige, hämische Fratzen anzugrinsen schienen. „Sie müssen abgebogen sein, John. Irgendwo muss ein Weg abgezweigt sein, den wir nicht gesehen haben.“

Der Vormann lenkte sein Pferd herum. „Dann reiten wir zurück. Wir werden sie schon finden. Und dann nehmen wir nur noch einen mit, Andrew! Der weiß dann, wie wir es meinen.“

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Tate schob sich auf der Felsschulter etwas zurück und lachte leise.

Das Klappern der Hufe drang aus der Tiefe herauf, entfernte sich aber schon in dem Einschnitt, der wie eine breite Kerbe ins Gelände geschlagen war.

„Das sind vielleicht zwei dumme Hunde“, meinte Tate. „Wenn wir wüssten, wo die Indianer stecken, könnten wir sie auch Red Moon in die Arme treiben.“

Matt setzte sich auf den Boden, zog seinen Tabakbeutel aus der Tasche und rollte sich eine Zigarette. „Es klang nach zwei Pferden. Sie scheinen das Packpferd zurückgelassen zu haben.“

„Ja, scheint so.“ Tate nahm Matt den Tabakbeutel aus der Hand und rollte sich ebenfalls eine Zigarette. „Bei dem Packpferd ist auch was zu essen. Das könnte ich jetzt gebrauchen.“

Der Hufschlag wurde nun rasch leiser.

Matt rieb auf dem Boden ein Schwefelholz an und hielt es an seine Zigarette. Die kleine Flamme beleuchtete Tates blutverschmiertes, schmutziges Gesicht.

„Die wissen bestimmt schon nicht mehr, wie sie wieder zurückkommen sollen“, sagte Matt. „Vielleicht geraten sie doch an die Indianer. Wir wissen auch nicht, ob sie sehr nahe sind oder nicht.“ Er zog wieder an der Zigarette, spürte auch den Hunger, aber er merkte auch, dass er sich seit zwei Tagen das erste Mal wieder wohl fühlte und die Anspannung langsam wie dünne, schlechte Tünche von ihm abfiel.

Der Hufschlag verklang bald vollends. Aus der Ferne schallte das Heulen eines Wolfes schaurig durch die Berge und wurde vom klagenden Bellen eines ganzen Rudels beantwortet.

„Also los.“ Tate stand auf, klemmte die Zigarette in den Mundwinkel und ging zu den beiden Pferden, die an einem kahlen Busch standen, der in einem schmalen Spalt wucherte.

Sie führten die Pferde über die Bergschulter und erreichten eine Schlucht, in der ein kleines Rinnsal über abgewaschene Steine sprang.

Sie stiegen ab und wuschen sich in dem Bach, dessen Wasser jetzt während der Nacht die Kälte von Eis angenommen hatte. Dann stiegen sie wieder auf und ritten weiter. Die Richtung, die sie eingeschlagen hatten, verlief der entgegengesetzt, in der sich vorhin der Hufschlag entfernt hatte. Es musste mehr als nur ein Zufall sein, wenn sie den beiden McRays in der nächsten Stunde begegneten.

Tate hielt an, als sie eine flache Halde erreichten, die mit Geröll und einzelnen Büschen bedeckt war.

Matt nickte.

Da stieg Tate ab und führte sein Pferd die Halde hinauf. Matt folgte ihm. Sie kamen zu einer kurzen Hochfläche, die sich fast tellerglatt in das raue Bergland hineinschob, dann aber kraterförmige Löcher hatte und schließlich an einem breiten Spalt endete. Dahinter schoben sich die Zinnen wieder übereinander, und das Ende jeglicher Vegetation war erreicht.

Sie stiegen auf die Pferde, ritten nach links über die kurze Hochfläche und erreichten einen sanften Hang, auf dem verfilztes Gestrüpp wucherte. Der Hang war so flach, dass sie ihn hinunterreiten konnten. Sie folgten der Schlucht, kamen über eine Höhe und ritten in einen Hohlweg.

Nach einer knappen halben Stunde sahen sie das Pferd in der Dunkelheit. Das Tier schnaubte leise und kam von selbst näher, als die Reiter anhielten. Tate klopfte dem Packtier auf den Hals und sagte: „Das sind zwei Kerle, was, Alter! Die schenken den Rothäuten ein Mädchen, um ihr schäbiges Leben zu retten und lassen ein armes Pferd mitten in den Bergen einfach stehen. Aber solche Kerle gibt es eben.“

„Ja, das Mädchen“, murmelte Matt Conroy, während er ins Nichts der Nacht blickte, als würde es dort etwas zu sehen geben.

„Veta hat Haar wie Gold“, sagte Tate, als Matt schwieg. „Wahrscheinlich ist es vor allem das, was den Indianer so verrückt gemacht hat. Wenn er eines der anderen Mädchen gesehen hätte, wäre vielleicht gar nichts geschehen.“

„Wo können die Indianer denn jetzt sein?“

„Wozu willst du es wissen, Matt? Hast du nicht gesehen, wie viele es sind?“

„Natürlich hab’ ich gesehen, dass es viele sind.“

„Viele mehr, als sich von dem Schnaps besaufen können, den McRay ihnen gab. Da ist nichts zu machen. Wir können nur zusehen, dass wir uns Patronen beschaffen und McRay dafür in die Hölle schicken.“

„Davon hat das Mädchen genau genommen überhaupt nichts“, entgegnete Matt Conroy.

„Komisch“, sagte Tate. „Ich hatte den Eindruck, dass du von den Mädchen überhaupt nichts hältst.“

„Tue ich auch nicht, weil sie alle nichts taugen, Tate. Die sind zu dem freundlich, der bezahlt, und das kann in jeder Stunde ein anderer sein. Und in einer gewissen Weise war Veta auch wirklich selbst schuld. Aber das alles genügt nicht, sie dieser Bande zu übergeben.“

„Nichts genügt dafür!“, stieß Tate hervor. „Auch nicht die Tatsache, dass die Cheyennes zehn Männer erschossen haben. Auch die Angst ist kein Grund. Und auch die Bäume sind keiner, die McRay Profit sichern sollen und die Eisenbahn weiter nach Westen tragen. Es gibt dafür keinen Grund. Vielleicht ...“

„Was, Tate?“

„Vielleicht sollten wir wirklich versuchen, die Indianer zu finden, Matt. Nur, unter Umständen suchen wir Tage nach ihnen. Und es ist ja fraglich, ob sie in ein paar Tagen noch lebt.“

„Wir müssen es jedenfalls versuchen.“

Die Nächte waren schon so kurz, dass es bereits dämmerte, als die Hütte am Ende einer kleinen Schlucht vor ihnen auftauchte. Der aus schlanken Stämmen bestehende Corral war zu einem Teil zusammengefallen. Die Hütte selbst, ein windschiefes Gebilde, das den Eindruck erweckte, an der steilen, schroffen Felswand zu lehnen, bestand aus ein paar Stämmen und einer ganzen Anzahl von Fellen, die die Wände zum großen Teil ersetzten.

Matt und Tate hatten sich dem letzten Stück der Schlucht ohne ihre Pferde genähert, blieben stehen, als sie die Hütte sahen und versuchten, jede Einzelheit zu überblicken.

„Hier ist niemand“, sagte Matt schließlich.

„Ich hole die Pferde.“ Tate wandte sich ab und ging zurück.

Matt lief langsam weiter, erreichte die sturmzerzauste Hütte und schob die kurze Plane vor dem Eingang zur Seite. Die Plane fiel aus ihrer vermoderten Halterung und landete auf der Erde. Matt stieß sie mit dem Fuß zur Seite und duckte sich, als etwas aus dem Dunkel kam und ein Quietschen seine Ohren erreichte. Etwas flog mit fauchenden Flügelschlägen über ihn hinweg. Er wandte sich um, blickte hinterher und sah gegen den schon hellen Himmel über den Bergen, dass es eine Fledermaus war.

Er betrat die Hütte, rieb an der Trommel seines Revolvers ein Schwefelholz an und sah im aufzuckenden Licht die vertrauten, rohen und klobigen Gegenstände, die sie hierher geschleppt oder zusammengezimmert hatten, aber es fiel ihm jetzt, nach der langen Abwesenheit, dennoch schwer zu glauben, dass er viele Monate seines Lebens in dieser vollkommenen Primitivität verbracht haben sollte.

Das halb abgebrannte Talglicht stand immer noch auf dem breiten, rohen Wandbrett. Matt ging darauf zu und hielt das brennende Schwefelholz an den Docht. Die Flamme vergrößerte sich, und das fahle Dunkel wurde aus dem Raum vertrieben.

Tate Fiddler kam mit den drei Pferden durch die Schlucht, ließ sie draußen vor der Hütte stehen, kam herein und blickte sich um. „Jedes Frühjahr das Gleiche, was? Man kann sich nicht mehr vorstellen, in dieser hässlichen Bude gelebt zu haben.“

„Ja, Tate, aber gelohnt hat es sich immer.“

Fiddler schob den Tisch zur Seite, bückte sich und hob eine der auf dem Fußboden liegenden kleinen Steinplatten auf. In dem Loch darunter stand eine kleine Kiste. Tate legte die Platte auf die anderen und nahm die Kiste aus dem Loch. Er stellte sie auf den Tisch, öffnete sie und griff unter das Ölpapier, das darin lag. Das Klirren gegeneinander schlagender Patronen war zu hören. Tate grinste.

„Ich habe mich oft gefragt, ob wir sie jemals brauchen würden.“ Er legte die Patronen nacheinander auf den Tisch und zog einen Revolver unten aus der Kiste. Er war ebenso wie die Patronen eingefettet und zeigte keinerlei Rostansatz.

Matt suchte nach einem Lappen und begann die Patronen zu reinigen.

Tate holte ihre Gewehre herein und lud sie. „Ist es nicht seltsam, dass die Indianer nicht hier waren? Wären sie hier gewesen, würde die Hütte sicher nicht mehr stehen.“

„Sie können nicht überall gewesen sein, Tate.“

Fiddler legte die geladenen Gewehre auf den Tisch, zog seinen Revolver und schob Patronen in die Kammern der Trommel. „Aber wo können sie sein? Wo sollen wir anfangen, nach ihnen zu suchen?“

„Wenn ich das wüsste.“ Matt lud seinen Revolver ebenfalls, steckte Patronen in die Taschen, legte den fettigen Colt wieder in die Kiste und versenkte sie in das Loch, auf das er die Steinplatte schob.

Draußen schnaubte ein Pferd und schlug mit einem Huf klirrend auf den Boden.

Tate griff nach seinem Gewehr und wirbelte herum. „McRay!“, rief er, während sein Gewehr in die Höhe flog. „Den hat der Zufall hierher geführt!“

Das Gewehr entlud sich mit einem Krachen, aber die beiden Reiter, die draußen aufgetaucht waren, hatten die Pferde schon herumgezogen und verschwanden hinter den Felsen, die Kugel schlug irgendwo gegen die Wand und jaulte aus der Schlucht.

Die Pferde wieherten.

Tate rannte hinaus und durch die Schlucht. Matt folgte ihm mit dem Gewehr, blieb aber wieder stehen und rief: „Zurück, Tate! Los, komm zurück!“

Tate blieb stehen, repetierte sein Gewehr und blickte dorthin, wo er die beiden Reiter gesehen hatte. Schritt um Schritt zog er sich zurück, bis er wieder bei Matt war.

„Die kommen wieder“, sagte Matt.

„Ich war so aufgeregt“, schimpfte Tate auf sich selbst. „Hätte ich sie doch herankommen lassen! Die waren bestimmt überzeugt, dass wir immer noch keine Patronen haben.“

„Nun wissen sie es jedenfalls besser. Los, in die Hütte!“ Sie gingen weiter zurück und in die Hütte hinein.

Das Echo des Schusses war verklungen. Die Pferde hatten sich beruhigt, standen aber weit von der Hütte entfernt beieinander.

„Wo bleiben sie denn?“, knurrte Tate erregt.

„Mehr Ruhe!“, mahnte Matt. „Die kommen schon wieder.“

„Um uns zu töten? Wie wollen sie dann an das Gold kommen? Vielleicht durch den gleichen Zufall, durch den sie die Hütte fanden?“

„Die Hütte ist hundertmal leichter zu finden als das Gold“, erwiderte Matt. „Sie werden schießen und hoffen, einen von uns zu treffen. Sicher denken sie, der andere kommt dann von selbst heraus, um sein Leben zu retten.“

„Da kennt er uns aber schlecht, der dickschädelige Ire!“, schimpfte Tate. „Ihnen werden wir den Garaus machen, allen beiden!“

Minuten vergingen, bis sich endlich ein Gewehrlauf um den Felsen schob, verharrte, wieder etwas vorschob und dann mit einem Krachen losging. Die Kugel schlug hoch über der schäbigen Hütte gegen den Felsen und riss eine winzige Alkalistaubwolke aus der Wand.

„Nicht schießen“, sagte Matt. „Die wollen erst mal wissen, woher wir uns jetzt melden.“

Das rauchende Gewehr schob sich rückwärts und verschwand. Wieder verging eine ganze Zeit, ohne dass etwas geschah. Dann schob sich der Gewehrlauf abermals an der Felswand entlang, wurde länger und länger, dröhnte, spie Feuer und Rauch aus und verschwand.

„Komisches Spiel“, murmelte Tate. „So trifft er nicht mal die Hütte, geschweige denn einen von uns.“

„Die kommen schon noch zum Vorschein.“

Das Krachen hallte noch eine Weile durch die Schlucht, dann entfloh es, dem heller und heller werdenden Himmel entgegen, der sich jetzt schon blau färbte.

In der nächsten Minute sprang John McRay auf den Weg, das Gewehr an der Hüfte angeschlagen. Er feuerte, repetierte und feuerte wieder.

Sie schossen gleichzeitig, aber John McRay sprang schon zurück.

„So wird das nichts.“ Tate stand auf. „Komm, wir haben doch keine Angst vor diesen Halunken!“ Er ging hinaus, klemmte das Gewehr mit dem Ellenbogen gegen die Hüfte und ging langsam vorwärts.

Matt folgte ihm, repetierte sein Gewehr, lief langsam nach links und beobachtete die Felsen, an denen die Männer auftauchen mussten, wenn sie schießen wollten.

Schließlich erreichte Matt die Felswand, schrammte mit der Schulter dagegen und blickte noch immer nur auf die beiden Felsen, von denen er jetzt noch ungefähr vierzig Yard entfernt war.

Als er den Gewehrlauf wieder auftauchen sah, blieb er stehen und winkte Tate auf der anderen Seite.

Tate blieb ebenfalls stehen.

Das Gewehr schob sich weiter aus der Deckung und eine Hand wurde sichtbar. Dann folgte ein Arm und der Hut eines Mannes.

„McRay!“, schrie Matt Conroy.

John McRay zuckte herum und schoss. Die Kugel schlug klirrend gegen den Felsen, noch immer ein paar Yards von Matt entfernt. Er feuerte in das Quarren hinein, mit dem die Kugel abprallte und in die Höhe geschleudert wurde. Und noch in das Knallen hinein repetierte er und schoss wieder.

John McRay taumelte rückwärts. Matt repetierte und schoss. Der Vormann verlor das Gewehr, machte einen Schritt nach vorn, trat auf seine Waffe und brach in die Knie.

Da entlud sich Matts Waffe noch einmal, und der Vormann wurde auf das Gestein geworfen.

Tate rannte vorwärts, doch noch bevor er die Felsen erreichte, war das Wiehern eines Pferdes zu hören, und trommelnder Hufschlag hallte jäh in das Echo der Schüsse hinein.

„Der haut ab!“, brüllte Tate und hastete weiter auf die beiden Felsen zu. Und als er sie erreichte, schlug er das Gewehr an und schoss zweimal. Doch als er die Waffe sinken ließ und das an den Felsen rüttelnde Echo leiser wurde, war der sich entfernende Hufschlag immer noch zu hören.

„Wir müssen ihm nach!“, rief Tate, rannte zurück und schwang sich auf sein Pferd.

„Tate, es hat keinen Zweck, sein Pferd ist das beste aus dem ganzen Camp!“, rief Matt.

Tate achtete nicht darauf. Er jagte vorbei, sprengte zwischen die Felsen und verschwand aus Matts Blickfeld.

Conroy ging ihm nach, bis die reglose, auf dem Gesicht liegende Gestalt vor ihm war. Er sah an der Art, wie John McRays gespreizte Finger, auf dem Gestein lagen, dass der Vormann der Holzfäller sein Leben bereits ausgehaucht hatte.

Das Krachen von Schüssen hallte durch die Schlucht und verklang. Weit entfernt war der Hufschlag zu hören.

Matt bückte sich, zog den Toten auf den Rücken, sah das verzerrte, schwarzbärtige Gesicht, den glasigen, starren Blick und die drei Löcher in McRays schmutzigem Hemd.

Er durchsuchte den Toten, fand aber nichts Brauchbares, außer zwei Dollar, acht Cent, den Revolver und den Patronengurt. Er zog den Toten an die Felswand, an der Geröll lag, und bedeckte ihn mit den gebleichten, morschen Steinen. Dann lief er die Schlucht hinauf und fand hinter der nächsten Biegung McRays Pferd. Matt führte es zurück, hob das Gewehr des Toten auf und schob es in den Sattelschuh. Als er die Hütte erreichte, hörte er Hufschlag und blickte sich um.

Als Tate auftauchte, war seiner Haltung schon anzusehen, dass Andrew McRay entkommen war. Er kam zur Hütte geritten, blickte auf das Pferd, stieg ab und sagte: „Er hat wirklich das beste Tier aus dem Camp. Aber wenn ich nur ein wenig schneller gewesen wäre, hätte ich ihn noch aus dem Sattel schießen können.  Er wird wieder hierher kommen.“

„Ja, das nehme ich auch an. Aber es ist besser, wir sind dann fort. Er wird viele Männer mitbringen.“

„Und was machen wir?“

„Was wir noch einmal gebrauchen können, schaffen wir in die Höhle, Tate. Dann versuchen wir, die Indianer zu finden.“

„Du redest, als wärst du davon nicht sehr überzeugt.“ Tate stieg ab. „McRay hat die Gefahr genau erkannt, sonst hätte er den Mädchen nicht befohlen, sich nicht sehen zu lassen, wenn Indianer kommen. Er hätte keine Mädchen hierher bringen dürfen. Sie kann also nichts dafür.“

„Ohne Mädchen hätte er den wilden Haufen nie dazu gebracht, in so kurzer Zeit zwei Hänge abzuholzen. Das ist doch eine enorme Leistung, Tate. Er weiß, was er seinen Männern geben muss.“

„Das hat damit nichts zu tun. Es ist allein McRays Schuld.  Was ist mit dem Toten?“

„Ich habe ihn beerdigt.“ Matt ging in die Hütte und blickte sich um.

Tate folgte ihm. „Eigentlich gibt es hier gar nichts, was wir noch brauchen können.“

Matt nickte, ging wieder hinaus und lief den Pferden nach. Tate folgte ihm, stieg in den Sattel und ritt hinter ihm her.

„Und die überzähligen Pferde?“, fragte Fiddler. „Die behindern uns doch nur.“

„Wir lassen sie an einem anderen Ort zurück, Tate.“ Matt hatte sein Pferd erreicht, zog den Sattelgurt nach und stieg auf. „Die Waffen und das Werkzeug bringen wir in die Höhle.“

„Und wenn wir die Indianer nicht finden?“

Matt, der schon losreiten wollte, blickte Fiddler an. „Wir können zwei Tage suchen, Tate. Jede Stunde, die wir dann noch dranhängen, ist verschenkt.“

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15

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Als sie aus dem schmalen Hohlweg kamen und das Tal vor sich sahen, hatten die Sonnenstrahlen die Zinnen der Berge bereits erreicht. Die Felswände fielen in dem Tal senkrecht nach unten, waren von breit klaffenden Rissen durchzogen, und überall lag abgebröckeltes Gestein. Zahllose Höhlen mit bizarr geformten, ausgewaschenen Zugängen befanden sich am Fuß der Wand. Vor mancher wucherte Gestrüpp in angeschwemmter Erde, aber nur vor einer stand ein erfrorener, ausgehöhlter Baum, von dem nur der Stamm übrig war.

Matt und Tate hielten an und blickten durch das ruhige Tal. Aus einem Loch unter einem Stein kamen zwei Präriehunde und räkelten sich.

„Es ist niemand hier“, stellte Matt fest und ritt weiter. Als ein Pferdehuf klirrend gegen einen Stein schlug, verschwanden die kleinen Präriehunde unter dem Stein in ihrer Erdhöhle.

Matt und Tate ritten mit den Gewehren in den Händen an der Wand entlang, vorbei an einem halben Dutzend Höhlen, von denen zwei so hoch waren, dass man die Pferde hätte hineinführen können. Dann hatten sie den morschen, toten Baumstamm erreicht, hielten an und stiegen ab. Tate war mit ein paar schnellen Schritten in der Höhle daneben, aus der in der nächsten Sekunde sein dumpfes Lachen drang, bevor er wieder auftauchte.

„Sie ist noch da, Matt!“

Conroy lächelte. „Hattest du Angst, sie könnte sich in Nichts aufgelöst haben?“

„Ich bin die ganzen Monate das Gefühl nicht losgeworden, jemand könnte sie auch gesehen haben“, gestand Fiddler. „Ist dir denn der Gedanke nie gekommen?“

„Doch, Tate“, gab Matt zu. „Aber ich habe mir eingeredet, so große Zufälle würde es nicht geben.“ Er ging an Tate vorbei in die dunkle Höhle hinein. In der schwach einfallenden Helligkeit sah er in der etwa sechs Yard langen Höhle den breiten, funkelnden Streifen, der sich von der Decke bis hinunter auf den Boden zog und vielleicht noch viel tiefer in das Gestein führte. Er ging langsam darauf zu, merkte, wie sein Blut in den Schläfen pochte, und strich mit der Hand über die Goldader.

Tate brachte Werkzeug herein und warf es auf den Boden. „Ich schaffe die Pferde in eine andere Höhle. Falls jemand vorbeikommt.“

Matt ging zurück, hob die Spitzhacke auf und schlug dann mit ihrer Spitze gegen die von Gestein durchsetzte Goldader. Die Spitze grub sich in die Ader und hinterließ eine Kerbe. Matt schlug wieder und wieder zu, und das Gold bröckelte aus der Wand und schlug dumpf auf den Boden.

Als Tate zurückkam, glitzerte der Boden um Matts verstaubte Stiefel herum, als würden lauter kleine, leuchtende Sterne in der Höhle verstreut liegen. Tate hatte eine Satteltasche dabei, bückte sich und sammelte das Gold ein.

Matt schlug weiter auf die Wand ein, und immer mehr Gold bröckelte aus dem Gestein. Schweiß rann Conroy über das Gesicht, über den Rücken und die Brust, und er merkte, dass es Gier war, die ihn gepackt hatte und beflügelte, pausenlos auf die Wand einzuschlagen. Aber genauso ging es auch Tate, der gierig nach jedem Nugget griff, das über das Gestein rollte.

Als Matt innehielt, weil seine Muskeln schmerzten und der Schweiß sein Hemd getränkt hatte, war Tates Satteltasche voll.

Hinter der Goldader, dort wo Matt sie herausgeschlagen hatte, glitzerte das Gestein und Dutzende feiner Äderchen schoben sich in die Granitwand hinein.

Tate richtete sich auf und flüsterte: „Das ist noch viel mehr, als wir dachten. Mehr, als McRay sich vorstellt!“

„Ja“, gab Matt rau zu, lehnte die Hacke an die Wand und blickte hinaus in das jetzt von der Sonne überflutete, karge Bergtal.

„Kaum zu glauben, dass noch nie ein Mensch in dieser Höhle gewesen ist.“ Tate schüttelte den Kopf und schnürte die Tasche zu.

„Vielleicht waren schon viele Menschen hier, Tate. Indianer, die damals noch nicht wussten, was es ist, vielleicht nie etwas von Gold gehört hatten. In Kalifornien sollen viele an dem Gold vorbeigegangen sein, das Sutter dann nur aus dem Bach herauszunehmen brauchte. Sie hatten es auch nicht erkannt, obwohl sie wussten, was Gold ist.“

„Wollen wir jetzt reiten?“ Tate blickte zwischen dem Ausgang und der Ader hin und her, als wüsste er nicht, wozu er sich jetzt entschließen sollte.

„Ja. Aber wir nehmen alle Pferde mit.“

„Warum?“

„Wenn wirklich jemand hierher kommt, McRay vielleicht, und die Pferde findet, dann wird er hier alles durchsuchen.“

„In Ordnung. Aber die Tasche nehme ich mit.“

„Warum?“

„Nur so. Falls irgend etwas passieren sollte. Das ist doch ein paar Tausender wert, was?“

„Mehr, Tate.“ Matt lächelte. „Schließlich haben wir zweitausend Dollar für den Klumpen bekommen, von dem wir McRay sagten, er wäre vierhundert wert gewesen.“

Tate blickte wieder auf die lange Goldader und rieb sich über das brennende Gesicht.

Matt ging hinaus und blickte über die Hänge. Tate folgte ihm.

„Wo sollen wir denn suchen?“

„Hast du keine Lust mehr?“

Tate schaute zurück. „Wenn ich genau wüsste, dass es Sinn hat, würde ich keine Sekunde zögern, das weißt du genau. Aber wenn wir sie nicht finden, und McRay die Höhle vielleicht doch entdeckt ...“

„Wir haben keine Spuren hinterlassen, Tate, und wir sind so weit von der Hütte weg, dass er sicher nichts findet!“

„Spuren hinterlassen die Indianer sicher auch nicht, Matt.“

„Ich denke, es war deine Idee, dass wir nach den Indianern suchen?“

„War es ja auch. Verdammt, mich macht das Gold verrückt! Verstehst du denn das wirklich nicht?“

Matt wollte etwas sagen, schwieg aber und hob die Hand.

„Was ist?“

„Still!“ Matt lauschte angestrengt, ging rückwärts und schob Tate in die Höhle hinein.

Sie lauschten beide ein paar Sekunden, dann raunte Tate: „Reiter! Wahrscheinlich da drüben!“ Er streckte die Hand aus und zeigte zur anderen Seite des Tales, dessen Felswand im Schatten lag und sich scharf vom Himmel abhob. „McRay kann unmöglich schon sein Camp erreicht haben, Matt!“

„Still!“

Deutlicher als vorher hallte der Hufschlag ins Tal herunter. Manchmal war es, als würde morsches Gestein bröckeln und irgendwo polternd zu Tal stürzen. Dann auf einmal tauchte ein Reiter auf und schob sich schwarz wie ein Scherenschnitt über der Felswand vor dem Himmel dahin. Weitere Reiter folgten. Die scharfen Konturen der Adlerfedern, die die Reiter im Haar trugen, hoben sich vom Hintergrund ab.

Tate und Matt gingen in die Hocke und schoben sich weiter zurück, obwohl kaum anzunehmen war, dass sie hier in der Höhle gesehen werden konnten.

Die Kette der Reiter wurde immer länger, brach dann ab, und da stand Tate auf und wollte hinaus.

Matt riss ihn zurück und stieß ihn gegen die Wand. „Bist du wahnsinnig geworden?“

Keuchend blickte Tate zu der Wand hinauf.

Hinter dem letzten Pferd lief eine Frau her, die Hände vorgestreckt und durch ein Seil mit dem letzten Reiter verbunden. Das Seil straffte sich jäh, die Frau wurde vorwärts gerissen und stürzte zu Boden. Sie schien aufstehen zu wollen, fiel aber zurück. Da spannte sich das Seil wieder. Ein Stück wurde die Frau über den Boden gezerrt, dann hielt der letzte Reiter an.

Matt war es, als könnte er einen Ruf hören.

Taumelnd kam die Frau auf die Beine. Der Reiter trieb sein Pferd wieder an. Die Frau stolperte hinter ihm her, wurde vorwärts gerissen, blieb stehen, wurde wieder gezogen und stürzte abermals zu Boden. Der Reiter hielt. Ein Ruf schallte rau und kehlig in das karge Bergtal.

Sekunden reihten sich zu einer Ewigkeit aneinander, dann stand die Frau wieder und taumelte hinter dem Pferd her, bis sie abermals stürzte. Das grausame Treiben wiederholte sich, bis die Reiter hinter einer hohen Zacke verschwunden waren.

„Veta“, sagte Tate mit zuckenden Lippen und großen Schweißperlen auf der Stirn. „Hast du die Indianer gezählt?“

„Nein. Aber es waren viele.“

„Das sah nur so aus, weil sie einzeln ritten, Matt. Es waren achtzehn. Und es war Red Moon. Ich habe das Blitzen des Sternes an seiner Brust gesehen.“

„Achtzehn?“, fragte Matt. „Das kann doch gar nicht sein. Er wird doch seinen Stamm nicht verlassen, nur weil er eine weiße Frau erbeutet hat. Vielleicht kommen noch welche.“

Sie warteten, aber es kamen keine weiteren Indianer.

„McRay hatte gesagt, so viele Indianer wären es nie gewesen“, sagte Tate schließlich. „Soll ich dir was sagen?  Red Moons Stamm ist nicht der einzige, der hier lebt. Als er von McRay das blonde Mädchen nicht bekam, nahm er die Hilfe anderer Cheyennes in Anspruch; anderer Stämme, mit denen er die Winchestergewehre geteilt und Green River überfallen hat! Anders kann es gar nicht sein.“

„Ja, vielleicht.“

„Komm!“ Tate Fiddler rannte an dem toten Baumstamm vorbei in eine der hohen Höhlen hinein. Er zog sein Pferd heraus, schnallte die Tasche am Sattel fest und schwang sich auf das Pferd. „Worauf wartest du denn noch?“

Matt ging zu ihm hinüber, holte sein Pferd aus der Höhle und stieg auf.

„Wir werden sie irgendwo finden, Matt! Noch scheint dem Mädchen nichts geschehen zu sein. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir sie nicht herausholen.“

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16

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Sie hatten auf dem Weg über der Felswand ein paar Spuren gefunden und ihnen ein Stück folgen können. Aber dann war nichts mehr aufgetaucht, was den Weg gewiesen hätte, den die Bande genommen hatte. Tate und Matt hatten gesucht und sich ratlos angesehen, dann waren sie auf Verdacht weitergeritten, zuerst über kahles Hochland nach Westen, wohin sich die Bande über dem Tal gewandt hatte, dann nach Norden, tiefer hinein in die Berge.

Die Sonne stand über ihnen, als sie durch eine Schlucht kamen, in der hier und da dornige Büsche standen und sich in Terrassen abgestufte Felsen in die Höhe schoben.

Tate hielt plötzlich an, sprang aus dem Sattel und zog einen Wollfaden von einer Dorne. „Trägt sie nicht ein grünes Kleid?“

„Doch.“ Matt blickte auf den dunkelgrünen Faden.

„Dann sind wir richtig!“ Tate saß wieder auf.

Sie ritten wachsam durch die Schlucht, die Winchestergewehre schussbereit in den Händen, und ihre Blicke glitten über die Scharten hinweg und suchten jeden einzelnen Felsen ab. Aber nirgends blitzte etwas oder war eine Bewegung zu sehen.

Nur langsam kamen sie in der weiten Schlucht voran, zumal sie auch immer wieder auf neue Spuren hofften, Spuren, die eindeutiger waren als ein Faden. Aber es gab keine Spuren. Das Gestrüpp wurde niedriger, die Dornen kürzer und das Geäst durchsichtiger als vorher. Dann schoben sich wieder Steilwände zusammen, und der Weg begann zu steigen.

Eine Stunde später hatten sie eine der zahllosen Hochflächen erreicht, die es überall in der Wyoming Range gab. Auf angeschwemmtem Boden sahen sie die Spuren vieler Reiter, ohne absteigen zu müssen.

„Na also“, sagte Tate erleichtert. „Hier sind sie geritten, da gibt es keinen Zweifel mehr!“

Die Erdschicht wich bald hartem Gestein, und die Spur war zu Ende. Sie ritten geradeaus weiter, Buschwerk und verkrüppelten Bäumen entgegen, und als sie die Bäume erreichten, fanden sie wieder Spuren.

Tate ritt von nun an schneller und ließ sich nicht mehr zu großer Vorsicht mahnen. Das Buschwerk raschelte, als er es mit seinem Pferd durchbrach, und hinter ihm wehte dünner Staub in der Luft. Er erreichte eine Halde, an der die Hochfläche endete. Das Gelände fiel in einen Canyon ab, dessen Boden noch feucht vom Schmelzwasser war und voller Geröll lag, das das Wasser aus den höheren Regionen heruntergetragen hatte. Die Halde war so flach, dass sie sie hinunterreiten konnten.

„Soll ich dir was sagen“, knurrte Tate. „Red Moon hat sein Lager verlassen. Ich meine das Lager, in dem er die letzten Wochen gehaust haben muss. Vielleicht haben wir ihn auch deshalb getroffen. Aber warum nur?“

„Sicher aus Angst, McRay könnte sich immer noch für das Mädchen interessieren“, erwiderte Matt. „Und er könnte versuchen, das Lager zu finden und anzugreifen.“

„McRay.“ Tate lachte scharf. „Der hat Veta lange vergessen. Dem spukt jetzt Gold im Kopf herum!“

„Das kann Red Moon aber nicht wissen. Es ist auch denkbar, dass er wegen des weißen Mädchens nachträglich Ärger mit seinem Stamm bekommen hat. Als wir sie sahen, waren keine Frauen und Kinder dabei.“

Sie ritten an den großen Steinen vorbei in den Canyon hinunter. Hin und wieder waren deutliche Spuren im Schlamm zu erkennen, und Tate sagte: „Hier ist vor einer Woche noch Wasser herunter gedonnert, und zwar in solchen Mengen, dass hier niemand reiten konnte.“

Eine Viertelstunde später teilte sich der Weg. Sie fanden die Spur der Bande wieder und folgten ihr nach links. Der Weg stieg bald an und war vollkommen trocken. Die Felswände wurden niedriger, neues Gestrüpp tauchte auf, dann erreichten sie eine Bergschulter, dicht mit Büschen bewachsen, hörten Geräusche, zügelten die Pferde und sprangen aus den Sätteln.

Sie ließen die Pferde zurück, drangen in das raschelnde Dickicht ein und sahen ein Tal mit grünen Matten unter sich, von steilen Felswänden eingeschlossen. In dem Tal standen Pferde, und ein paar Indianer waren dabei, fünf Spitzzelte aufzurichten und die Büffelhäute darüber zu spannen. Mitten in dem kleinen Tal stand eine spitz in den Himmel ragende Felsnadel, und an sie war das blonde Mädchen gebunden.

Tate trat unwillkürlich einen Schritt zurück und murmelte: „Da sind sie, Matt. Hier wollen sie offenbar bleiben. Sie haben wirklich keine Frauen und Kinder bei sich. – Was machen wir nun?“

Matt blickte zum Himmel. Nur langsam begann sich die Sonne nach Westen zu neigen. Es würde noch viele Stunden dauern, mindestens noch fünf, bis die Nacht anbrach.

„Was machen wir?“, wiederholte Tate seine Frage drängend.

„Ich weiß es auch nicht.“

„Greifen wir sie gleich an?“

„Das bringt sicher nichts. Wir kommen noch nicht mal an das Mädchen heran. Nein, wir müssen die Nacht abwarten.“

Tate fluchte leise. „Sobald es Nacht wird, schleppt er sie bestimmt in sein Zelt, Matt!“

„Das wird sie auch überleben“, gab Matt barsch zurück.

Tate fluchte wieder und rieb sich über das brennende Gesicht. Er schob sich in den Büschen vorwärts und spähte abermals in die Schlucht hinunter. Matt zog ihn zurück.

„Ich wollte nur sehen, ob alle achtzehn im Tal sind“, sagte Tate Fiddler. „Vielleicht stehen irgendwo Wachen.“

„Sicher stehen Wachen am Eingang des Tales. Aber an die kommen wir jetzt auch nicht heran. Wir müssen hier warten, bis es dunkel ist. Dann suche ich den Weg, der nach unten führt.“

„Und ich?“

„Du kommst mit den Pferden nach“, bestimmte Matt Conroy.

„Warum gerade ich?“

„Weil du zu hitzig bist, Tate. Und weil wir die Pferde in der Nähe haben müssen. Komm, wir ziehen uns weiter zurück. Falls ein Pferd wiehert, können sie es sonst sicher hören.“

Widerstrebend ging Tate mit. Sie führten die Pferde auf der Hochfläche zurück und hielten nach Wächtern Ausschau, aber die Indianer schienen sich so sicher zu fühlen, dass sie zumindest hier oben keinen Posten zurück gelassen hatten.

Im Dickicht banden sie die Pferde an und setzten sich auf den Boden. Tate stand immer wieder auf und spähte umher.

Die Sonne schob sich weiter nach Westen, um endlich hinter den Gipfeln zu verschwinden. Langsam sank die Dämmerung hernieder.

„So, jetzt sehen wir nochmal nach, was die Bande macht.“ Matt stand auf.

Tate folgte ihm, als er durch das Dickicht lief. Sie erreichten den Rand der Hochfläche und sahen das Tal. Die Indianer hatten in der Nähe der spitzen Felsnadel große Büsche aufeinander gehäuft. Das Mädchen war immer noch an den Felsen gefesselt.

„Die wollen ein Fest feiern“, flüsterte Tate. „Was soll denn das nun wieder?“

„Was interessiert uns das. Wenn das Feuer brennt, kann man von der anderen Seite vielleicht bis hinter den Felsen kommen und Vetas Fesseln zerschneiden.“

„Und dann?“

„Wenn Pferde bereitstehen, ist vielleicht alles gar nicht weiter schwer.“

„Hätten wir nur noch John McRays Pferd mitgenommen“, sagte Tate. „Jetzt könnten wir es gebrauchen.“

„Vielleicht reichen uns auch zwei Pferde, Tate. Ein bisschen Vorsprung, dann finden die uns nicht mehr.“

Red Moon tauchte auf einmal aus einem Zelt auf.

Tate hob das Gewehr an. „Wenn ich ihn umlege, ist der ganze Spuk bestimmt sofort vorbei. Die sind ohne Anführer so kopflos, dass sie nicht mehr wissen, was sie tun sollen!“

„Und wenn sie das Mädchen umbringen?“

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Matt Conroy blieb stehen und lauschte, und zugleich versuchte er, in der Dunkelheit des Hohlweges etwas zu sehen. Dann schob er sich an der Felswand weiter vorwärts, die Hand so fest um den Kolbenhals des Gewehres verkrampft, dass sie ihn schon zu schmerzen begann. Ein kleiner Stein sprang unter seinem Stiefel hervor und traf mit einem Klirren die Wand.

Matt blieb wieder lauschend stehen. Ein lauer Windzug kam den Weg herauf und streifte sein Gesicht, trug aber keine Geräusche an sein Ohr. Er schlich weiter. Der Schweiß klebte sein Hemd an der Haut fest, und das Blut begann wieder in seinen Schläfen zu hämmern und in den Ohren zu rauschen. Immer wieder sagte er sich, dass es Wahnsinn war, was er tat, und dass es niemals gelingen könnte, und dennoch lief er immer weiter den Weg hinunter.

Als ein kehliger Laut seine Ohren erreichte, blieb er wieder stehen. Deutlich hörte er einen Indianer sprechen, dann entstand eine kleine Pause, bis ein anderer antwortete. Zugleich erkannte Conroy den schwachen, zuckenden Widerschein eines Feuers, der aus einem Spalt in der Granitwand zu kommen schien.

Dort musste es in das kahle Tal gehen, und dort standen mindestens zwei Cheyenne auf Posten. Der eine tauchte in der nächsten Sekunde auf, lief in den Spalt hinein und verschwand.

Matt begriff, dass der andere ihn weggeschickt haben musste. Vielleicht sollte er etwas holen, vielleicht auch Red Moon etwas sagen. Jedenfalls war das eine Chance, die er nutzen musste.

Er schlich weiter und roch die Nähe des Indianers, noch bevor er ihn sehen konnte. Er wusste nicht, ob es wirklich nur einer war, aber wenn überhaupt, dann musste er es jetzt versuchen. Matt machte noch einen Schritt, und da sah er das Gesicht, schwang das Gewehr hoch und sprang vorwärts.

Der Gewehrlauf traf den Indianer mit solcher Wucht gegen den Kopf, dass er zurückgeschleudert wurde und zusammenbrach.

Matt drehte sich um seine eigene Achse, sah aber keine weitere Gestalt. Er blickte zu dem Indianer hinunter, der auf das Gesicht gerollt war und bewegungslos auf dem Boden lag.

Mit zwei Schritten war er zwischen den Felsen und lief in den Spalt hinein, aus dem der zuckende Lichtschein fiel. Er blieb sofort wieder stehen, weil er das Tal übersehen konnte. Das Feuer brannte, das Mädchen war noch an den Felsen gebunden, und die Indianer standen vor dem Feuer. Es waren viele, aber Matt hatte keine Ahnung, ob nicht auch in den Zelten noch welche hockten. Ein Indianer schien zu den anderen zu sprechen, wie Matt den Gesten entnahm, die der Mann machte.

Er ging zurück und zischte: „Tate, komm her!“

Nichts rührte sich.

„Tate!“, rief Matt etwas lauter.

Ein Stein rollte durch den Hohlweg. Tate tauchte ohne die Pferde auf und blickte auf den Indianer, der sich bewegte und die Arme an den Körper zog.

Matt bückte sich, zerrte den Indianer herum und schlug mit der Faust zu. Dann hob er das Gewehr auf, das er hatte aus der Hand fallen lassen, richtete sich auf und sagte: „Kümmere dich um ihn.“

Tate zerrte die bewegungslose Gestalt in das Dunkel.

Matt schob sich wieder vorwärts und blickte in das Tal. Der Indianer kam zurück. Conroys Schulter schabte am rauen Felsen entlang, als er sich zurückzog.

Sekunden vergingen. Dann waren leise Schritte zu hören, wurden lauter, und der Indianer tauchte auf.

Matt sprang vorwärts und schlug wieder mit dem Gewehr zu, und er tat es mit solcher Wucht, dass der Indianer nicht mehr dazu kam, einen warnenden Schrei auszustoßen. Er taumelte an der Wand entlang und stürzte zu Boden.

„Tate!“

„So schnell bin ich nicht, zur Hölle!“

Matt zerrte den zweiten Indianer in das tiefe Dunkel des Hohlweges und ließ ihn neben Tate los. „Vielleicht kommen noch ein paar heraus. Dann könnten wir es wirklich mit ihnen aufnehmen. Sie schießen ja ziemlich schlecht.“

„Na danke, die haben zehn Holzfäller erschossen, und das im Handumdrehen.“

Tate hatte den Indianer geknebelt. Er fesselte ihn, um ihn dann an den Rand des Weges zu schieben. „So, jetzt kommt der dran.“

Matt richtete sich auf und ging zurück. Rufe schallten aus dem kleinen Tal. Als er hineinsehen konnte, begannen sie vor dem Feuer zu springen und zu singen. Red Moon stand in der Nähe des Felsens und blickte zwischen seinen Leuten und dem Mädchen hin und her. Die Indianer sprangen das erste Mal um den Felsen herum und sangen lauter.

Tate tauchte auf und blickte in das Tal. „Los, weiter!“

„Langsam!“, mahnte Matt Conroy.

Tate fluchte.

„Du bist zu aufgeregt.“

„Soll man da vielleicht ruhig bleiben?“, schimpfte Fiddler. „Ich wette, das ist so was wie eine Hochzeitszeremonie.“

„Scheint mir auch so.“ Matt beobachtete vor allem Red Moon, der sich der spitzen Felsnadel langsam näherte und zu dem Mädchen zu sprechen schien. Hinter dem Feuer war manchmal ein Pferd zu sehen. Aber näher kamen die Tiere nicht.

„Wie lange wollen wir denn noch warten?“, fragte Tate ungeduldig.

„Bis sie uns bestimmt nicht bemerken, wenn wir hineingehen“, gab Matt zurück. „Das kann schon noch eine Stunde dauern.“

Eine Weile schwiegen sie.

Dann sagte Tate: „Ich möchte verdammt wissen, ob die schon lange ohne Frauen und Kinder herumziehen, oder Red Moon heute wirklich seinen Stamm verlassen hat.“

„Spielt doch für uns keine Rolle.“

Das Geschrei der Indianer wurde lauter, dann gab Red Moon einen barschen Befehl.

Zwei Indianer gingen zu ihm. Er gab wieder einen Befehl und zeigte auf die gefesselte Frau am Felsen.

„Was geschieht jetzt?“, murmelte Tate.

Messer blitzten in den Händen der Indianer im Schein des Feuers.

Matt zuckte zusammen. Tate trat einen Schritt vor und hob das Gewehr. Red Moon hatte sich etwas umgewandt und stand so, dass er die Frau am Felsen verdeckte. Da warf der eine Indianer einen Strick auf den Boden, und in der nächsten Sekunde bewegte der Häuptling sich wieder, drehte sich etwas, hielt die Hand ausgestreckt, griff nach der Frau und schleuderte sie mit einer jähen Bewegung an sich vorbei. Sie stolperte zwei Schritte und brach zusammen.

„Sie haben sie losgebunden“, sagte Tate. „Natürlich! Wieso haben wir denn damit nicht gerechnet? Er wird keine Frau heiraten wollen, die gebunden ist.“

„Ich würde das mit dem Heiraten nicht zu wörtlich nehmen“, erwiderte Matt. „Er will ihr damit sicher nur demonstrieren, dass sie von nun an für immer zu ihm gehört, jedenfalls so lange, wie er sie haben will. Und es soll sicher auch für die anderen Indianer etwas bedeuten.“

Red Moon gab wieder einen Befehl.

Die Indianer tanzten weiter.

Das Mädchen hob den Oberkörper, fiel aber zurück. Red Moon bückte sich, packte sie, stellte sie auf die Füße und stieß sie wieder von sich, und Veta Pyle stürzte abermals zu Boden.

Das Geschrei der springenden Indianer wurde lauter und wilder. Red Moon brüllte das Mädchen an, bis es auf dem Boden kniete und aufzustehen versuchte. Der Indianer griff zu, stellte sie auf und trat zurück. Er schimpfte mit ihr, gestikulierte dabei mit den Händen und zeigte in alle möglichen Richtungen. Dann wollte er nach ihr greifen, aber sie schlug ihm ins Gesicht, warf sich herum und taumelte auf Matt und Tate zu.

„Was ist jetzt?“, zischte Tate. „Sie kann ihnen doch gar nicht entkommen!“

„Vielleicht hofft sie, die Indianer würden schießen und sie endlich töten“, erwiderte Matt.

Das Mädchen taumelte stärker. Die Indianer sprangen immer noch um das Feuer. Red Moon schaute dem Mädchen nach, dann kam er hinter ihr her.

In diesem Moment sprang Matt ins Licht und schrie: „Veta, schneller! Los, schneller!“

Das Mädchen blieb vor Schreck stehen. Red Moon, der Matt ebenfalls sehen musste, schrie etwas.

„Los, Veta!“ Matt legte das Gewehr an und schoss auf die Indianer am Feuer, weil es ihm zu gefährlich war, auf Red Moon zu zielen, der hinter dem Mädchen war.

Da begann Veta wieder zu rennen, stolperte, fing sich und rannte schneller.

Matt feuerte wieder.

Die Indianer am Feuer schienen endlich zu begreifen und sprangen auseinander.

Matt feuerte auf Red Moon, traf ihn aber nicht. Der Indianer warf sich zu Boden.

Keuchend kam das Mädchen angehastet, lief vorbei und brach im Hohlweg zusammen.

„Kommt nur her, ihr Höllenhunde!“, schrie Tate und feuerte in rasender Folge in das Tal hinein.

Indessen war Red Moon wieder aufgesprungen, hastete zurück und verschwand hinter dem Felsen, bevor sie ihn zu treffen vermochten.

Die Indianer sprangen hinter das Feuer, hasteten zu den Zelten und warfen sich mit Hechtsprüngen hinein.

Das Mädchen lag immer noch keuchend auf dem Boden. Sie schluchzte laut.

Matt und Tate feuerten in das Tal.

Die Indianer tauchten wieder auf, feuerten aus Winchestergewehren und schossen Pfeile ab. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie wie eine Mauer heranrückten.

„Jetzt“, sagte Tate und schoss schneller als jemals zuvor. Der Pulverrauch trieb in einer so dichten Wolke vor ihren Gewehren, dass sie die Indianer unwirklich sahen, wie durch dichten Nebel.

Einer, zwei, drei brachen schreiend zusammen, noch bevor der Haufen sich weiter als fünf Yard vom Feuer entfernt hatte. Da zogen sie sich schon wieder schießend zurück, begannen zu rennen, aber noch einer wurde zu Boden geschleudert, bevor er hinter dem Feuer verschwinden und sich ducken konnte. Sie sprangen ruckartig auf, schossen und tauchten wieder unter. Matt und Tate schossen auf sie, trafen nun aber keinen mehr.

Eine Kugel streifte über Matt die Felswand.

„Zurück, die schießen sich ein“, sagte Matt und schob sich etwas zurück.

„Es sind nur noch zwölf“, erwiderte Tate. „Ich hab jetzt auf einmal das Gefühl, als könnten wir es doch schaffen!“ Er schoss wieder in das Tal, aber seine Kugel riss nur das Feuer weiter auseinander.

„Nein, wir müssen fort“, entgegnete Matt.

„Wieso denn?“

„Wenn das Feuer niedergebrannt ist und sie auf die Pferde kommen, überrennen sie uns. Vielleicht wären sie kopflos, wenn wir Red Moon getroffen hätten.“

„Na, vielleicht treffen wir ihn noch.“ Tate spuckte auf den Boden, zog sich zurück und schob Patronen in den Füllschlitz seines Gewehres.

Die Indianer sprangen immer noch auf, schossen und duckten sich wieder, dass es aussah, als würden Schemen hinter dem Feuer hocken.

Dann traf Matt noch einen, als er sein Gewehr anlegen wollte. Der Indianer stieß einen abgerissenen Schrei aus, drehte sich einmal um sich selbst und verschwand hinter dem Feuer.

„Elf“, sagte Tate.

Red Moon gab einen Befehl.

Matt blickte zurück, weil das Mädchen still geworden war.

Veta saß auf dem Boden, starrte ihn an und wischte sich die Tränen von den Wangen.

Tate blickte ebenfalls zurück. „Das war ein Zufall, was?“ Er grinste Veta an. „Wir hatten gerade überlegt, wie wir bis zu dem Felsen und ungeschoren wieder hierher kommen sollten. Daraus wäre vielleicht gar nichts geworden.“

„Wie kommt ihr denn hierher?“, fragte das Mädchen, dessen Stimme noch immer zitterte.

„Auf unseren Pferden.“ Tate grinste stärker. „Nur keine Gefühlsduseleien jetzt, Veta. Das passt auch gar nicht zu dir.“ Er spuckte wieder auf den Boden und blickte in das Tal.

Die Indianer schossen wieder, und Matt und Tate erwiderten das Feuer, trafen aber keinen Indianer.

Red Moon befahl etwas.

Indianer sprangen auf und rannten in das tiefe Dunkel, das ein Stück hinter dem Feuer begann.

„Was kommt jetzt?“, fragte Tate.

„Wahrscheinlich holen sie die Pferde.“

Red Moon schrie wieder etwas.

Zwei Indianer stießen ihre Gewehre in den brennenden Haufen, dass er auseinanderflog. Ein Funkenregen stob zum Himmel, aber zugleich schrumpfte die Helligkeit zusammen. Der spitze Felsen in dem Tal war kaum noch zu erkennen.

Alle Indianer rannten weg.

Matt und Tate schossen wieder, aber die Indianer tauchten in der Dunkelheit unter.

„Jetzt wird es Zeit für uns.“ Matt wandte sich um, griff nach dem Arm des Mädchens und zog es auf die Beine. „Los!“

Tate feuerte noch zweimal in das kleine Tal hinein und hörte das ersterbende Wiehern eines Pferdes. Dann hetzte er hinter Matt und dem Mädchen her, die schon den Hohlweg hinaufrannten und die Pferde erreichten.

„Steigen Sie auf, Veta!“, rief Matt Conroy. „Nein, warten Sie, lassen Sie mich zuerst!“ Er schwang sich auf sein Pferd, zog den Fuß aus dem Steigbügel und hielt dem Mädchen die Hand hinunter.

Veta Pyle griff zu, trat in den Steigbügel und stieg hinter ihm auf das Pferd.

Tate kam angehastet. „Ich hab’ ein Pferd erschossen!“, rief er und schwang sich auf sein Pferd. Er warf noch einen Blick auf die gefesselten Indianer, dann gab er dem Pferd die Sporen und folgte Matt und dem Mädchen.

Sie brauchten nicht sehr lange, um die von Büschen überwucherte Hochfläche zu erreichen. Die Pferde schnaubten und wollten ausbrechen, als Matt und Tate mitten in das auseinanderfliegende Dickicht hineinritten, und das dürre Geäst unter den Hufen zertrampelt wurde.

Veta hielt sich krampfhaft an Matt Conroy fest. Tate schaute immer wieder zurück, sah aber keine Indianer kommen, und da die eigenen Pferde zu laute Geräusche verursachten, hörte er auch nichts von Verfolgern.

„Weiter, weiter!“, rief Matt, als Tate anhalten wollte, um sich zu vergewissern, ob sie verfolgt wurden.

Tate schaute wieder zurück.

Die Bäume mitten im Gestrüpp flogen wie Gespenster vorüber, dann brach wieder dürres Dickicht, und manchmal flog ein Ast in die Luft und tanzte wie betrunken in der im Dunkel unsichtbaren Staubwolke, die über den Büschen hing.

Matt lenkte sein Pferd weiter nach rechts.

„Ich muss wissen, ob sie hinter uns her sind!“, rief Tate und zügelte sein Pferd.

Matt ritt weiter. Das Mädchen schaute zurück, drohte dabei vom Pferd zu stürzen und schrie auf.

„Verdammt, halt dich gefälligst fest!“, schimpfte Matt. „Tate holt uns schon wieder ein.“

Es dauerte nicht lange, da kam Tate und brüllte: „Ich hab sie gehört! Sie kommen hinter uns her!“

„Bis in den Canyon schaffen es die Pferde schon!“, rief Matt. „Dann müssen wir hoffen, dass sie sich täuschen lassen!“

„Wie denn?“

„Wir verstecken uns!“

Tate schimpfte auf die Indianer.

Matt flog Schaum vom Maul seines Pferdes ins Gesicht und er merkte, wie die Kraft des Tieres nachließ, wie es langsamer wurde und seine Bewegungen nicht mehr so genau kontrollieren konnte.

„Es hat zu schwer zu tragen!“, rief das Mädchen.

„Halt an, sie kann bei mir aufsteigen!“, rief Tate.

„Es geht schon“, sagte Matt.

„Willst du reiten, bis es zusammenbricht?“, schimpfte Tate. „Was haben wir davon?“

Matt trieb das Pferd nicht mehr an. Es wurde noch langsamer, fiel in Trab, und da zügelte er das Tier.

Tate hielt neben ihm. „Los, schneller!  Hörst du sie?“

Matt hörte den Hufschlag der Indianerpferde, aber noch musste die Bande ein ganzes Stück entfernt sein.

Das Mädchen sprang ab, lief zu Tate hinüber und ließ sich von ihm auf sein Pferd helfen.

„So, weiter!“ Tate schnalzte mit der Zunge und jagte weiter. Sein Pferd wieherte, wollte ausbrechen, aber er zwang es, weiter in der einmal eingeschlagenen Richtung zu laufen, von der sie alle nur hofften, dass sie richtig war.

Matt folgte Tate, vermochte ihn aber erst wieder einzuholen, als sie schon im Canyon waren und Tates Pferd die gleichen Erschöpfungserscheinungen wie Conroys Tier zeigte.

„Hier sind überall Höhlen!“, rief Matt. „Sie rechnen sicher nicht damit, dass wir jetzt schon halten.

Tate zügelte sein Pferd. „Los, absteigen! Schneller!“

Matt hielt an, sprang ab, nahm die Zügel kurz und führte das Pferd an der morschen Wand entlang, bis er den gähnenden Schlund einer Höhle sah. Er zog das widerstrebende Pferd hinein und schob es zur Seite. „Ganz ruhig“, sagte er leise und strich dem Tier über den nassen Hals. „Ganz ruhig!“

Das Mädchen taumelte in die Höhle und prallte gegen die Wand.

Tate führte sein Pferd herein, schob es weit von Matt entfernt gegen den Felsen, beruhigte es und legte ihm die Hand auf die Nüstern.

Leise drang schon der Hufschlag der Verfolgerpferde in die Höhle.

„Sie werden uns bestimmt finden“, sagte das Mädchen. „Ganz bestimmt finden sie uns!“

„Du darfst nicht durchdrehen, Veta“, murmelte Tate. „Wir sind ihnen schon so gut wie entkommen. Es kommt nur noch darauf an, dass wir nicht die Nerven verlieren. Komm hierher!“

Das Mädchen stieß sich von der rauen Felswand ab, ging taumelnd auf Tate zu und hielt sich am Steigbügel fest. „Ich weiß gar nicht, wie ich euch danken soll“, sagte sie. „Ich hab’ nie für andere etwas riskiert, und andere nicht für mich.“

„Ist ja schon gut“, erwiderte Tate.

Das Mädchen ging weiter, lehnte sich an den Hals des schweißtriefenden Pferdes und weinte leise.

Der Hufschlag wurde lauter und weckte ein dumpfes Dröhnen in der Höhle.

Tate und Matt sprachen auf die Pferde ein und strichen ihnen über die langen Köpfe.

Das Mädchen zitterte. Veta starrte Tate an.

„Sie reiten vorbei, du wirst es sehen“, sagte er laut genug, dass seine Worte den hallenden Hufschlag übertönten.

Matts Pferd wollte den Kopf in die Höhe werfen, aber er hielt es fest.

Der Hufschlag schien zu einem Sturm anzuwachsen. Pferde wieherten und eine gellende Stimme gab ein kehliges Kommando.

Matt spürte, wie eine Hand den Revolverkolben packte und die Waffe aus dem Holster zog.

Das Mädchen ging zwischen den Pferden weiter rückwärts und wurde von dem tiefen Dunkel verschluckt.

„Sie reiten vorbei, das wirst du sehen!“, zischte Tate.

Immer lauter und lauter wurde das Klappern der Hufe, bis es ihnen war, als müssten die Geräusche die Höhle zum Einsturz bringen. Wie Schatten flogen draußen die Reiter vorbei, einer nach dem anderen, eine ganze Kette. Staub wehte in die Höhle herein, unsichtbarer Alkalistaub, der ihnen in den Augen brannte.

Dann war der letzte Reiter vorbei, und die Geräusche begannen sich zu entfernen.

Nach ein paar Sekunden kam das Mädchen aus dem Hintergrund zurück und sagte: „Ja, sie sind vorbei.“

„Still!“, zischte Tate. „Wir müssen es hören, wenn sie anhalten!“

Die Geräusche entfernten sich weiter und das dumpfe Dröhnen und Wummern in der Höhle verklang allmählich.

Matt schob den Revolver in das Holster und hakte die Lederschlaufe über den Hammer.

„Komm, Veta, halt mein Pferd fest!“, forderte Tate. „Ich geh hinaus, da hör ich sie noch lange.“

Das Mädchen griff nach dem Kopfgeschirr des Pferdes. Tate verließ die Höhle.

„Sind sie denn wirklich vorbei?“, fragte Veta ungläubig.

„Ja, sie sind vorbei.“ Matt ließ sein Pferd los, ging zu Veta hinüber und griff nach ihrem Arm. Er spürte ihr Zittern, ließ sie wieder los, nahm ihr das Pferd ab und lenkte es herum. „Komm, Veta, führ es hinaus.“

„Wollen wir weiter?“

„Wir müssen von hier verschwinden. Irgendwann in den nächsten Minuten merken die Cheyennes, dass sie nicht mehr hinter uns her sind. Dann kommen sie natürlich sofort zurück.“

Das Mädchen strich sich über das Gesicht und lehnte sich wieder gegen das Pferd. Matt befürchtete, dass sie jetzt, wo ihre Anspannung das erste Mal nachließ, zusammenbrechen könnte. Aber dann führte sie das Pferd in den Canyon hinaus, wo Tate stand und den sich entfernenden Geräuschen lauschte.

„Die haben vielleicht Nerven.“ Tate Fiddler lachte leise. „Wollen sie sich denn nie mehr versichern, ob wir noch vor ihnen sind?“

„Die haben am Anfang des Canyons angehalten und gehört, dass wir vor ihnen sind“, sagte Matt, als er mit seinem Pferd aus der Höhle kam. „Und freu dich nicht zu früh, die halten wieder. Los, aufsteigen!“ Er schwang sich in den Sattel und ritt den Canyon hinauf.

Tate folgte ihm mit dem Mädchen hinter sich auf seinem Pferd.

„Ich kann nicht mehr“, sagte das Mädchen nach einer Weile, als sie von den Indianerpferden nichts mehr hörten.

„Reiß dich zusammen, Veta!“, zischte Tate. „Noch eine halbe Stunde! Sobald wir vor der Bande sicher sind, suchen wir einen Platz zum Schlafen. Wir sind auch hundemüde.“

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18

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Matt Conroy richtete sich in dem Gestrüpp auf und blickte hinunter in die Schlucht, in der dünne Morgennebel standen. Der Himmel hatte sich blau gefärbt und wurde bereits von langen Sonnenstrahlen vergoldet, und im Osten stand das Morgenrot wie Feuerschein am Horizont. Zu hören war nichts.

Matt wandte sich um und blickte auf Tate und das Mädchen, die nebeneinander auf dem Boden lagen, die Köpfe auf Tates Sattel. Sie schliefen noch. Matt bückte sich, rüttelte Tate und sagte: „Los, kommt zu euch!“

Tate fluchte im Schlaf. Matt rüttelte ihn wieder und sagte: „Aufstehen, wir müssen weiter!“

Das Mädchen fuhr in die Höhe und stieß einen Schrei aus. Das weckte auch Tate Fiddler, ließ ihn herumfahren und zum Revolver greifen.

„Es ist nichts“, sagte Matt schnell.

Das Entsetzen stand immer noch in den braunen Augen des Mädchens, unter denen sich schwarze Ringe gebildet hatten. Zudem sah ihr ganzes Gesicht grau aus, so dass sie um Jahre älter als noch vor zwei Tagen wirkte.

Tate hatte den Revolver wieder losgelassen, setzte sich und rieb über seinen Kopf. „Mir ist es, als wäre ich gerade erst eingeschlafen“, sagte er.

„Das ist Stunden her!“ Matt ging in die Hocke.

„Stunden?“, fragte das Mädchen.

„Ja, Stunden.“ Matt richtete sich auf. „Die Indianer glauben sicher, wir sind zu McRays Camp geritten. Vielleicht holt Red Moon Verstärkung und greift die Holzfäller an!“

„Soll das heißen, wir müssen sie warnen?“, fragte Tate.

„Das frag ich mich auch.“

„Wenn McRay uns sieht, sind wir erledigt. Der lässt sich nicht noch einmal darauf ein, uns Waffen zu geben und ohne Fesseln reiten zu lassen. Nein, da spielt sich nichts ab.“

Das Mädchen griff nach der Satteltasche, öffnete sie und fragte: „Ist hier was zu essen drin?“

Das Gold fiel ihr schon entgegen, und sie zog erschrocken die Hand zurück. Dann griff sie nach einem Nugget, betrachtete es von allen Seiten und legte es vorsichtig wie dünnes Porzellan auf den Boden zurück. „Gold“, sagte sie. „Das ist ja ...“

„Ja, es ist Gold.“ Matt schob die Nuggets in die Tasche zurück und schnallte sie zu. „Zu essen haben wir nichts, Veta, tut uns leid.“

Das Mädchen starrte immer noch auf die Tasche. „Ich glaube, das ist ein Vermögen.“

„Vielleicht.“

„Wo habt ihr es denn her?“

„Gefunden“, sagte Tate, als Matt die Lippen zusammenpresste. „Wir haben im letzten Herbst eine Goldader entdeckt, und wir wollten sie nun ausbeuten. Das ist eigentlich unsre ganze Geschichte. Als wir davon sprachen, hat Ester es gehört. Im Saloonzelt. Und sie hatte nichts Eiligeres zu tun, als es brühwarm McRay zu erzählen. Von diesem Moment an wusste Andrew McRay, dass er sich geirrt hatte und wir keine Marshals der Eisenbahn sind. Aber von diesem Moment an wollte er das Gold. – Also jedenfalls sind die beiden McRays und wir in die Berge geritten, und dann wurde der Vormann von uns erschossen und Andrew McRay machte sich dünn. Sicher irrt er indessen mit seinen Holzfällern, zumindest aber mit den Revolverleuten, in den Bergen herum und sucht nach uns. – Richtig, Matt! McRay wird gar nicht in seinem Camp sein. Wir könnten vielleicht hinreiten und sie warnen!“

„Nicht in das Camp!“, rief das Mädchen entsetzt. „Nein, nicht ins Camp!“

„Aber was hast du denn, Veta?“

„Du stellst vielleicht Fragen.“ Matt schüttelte den Kopf. „Die Holzfäller haben sie doch praktisch genauso ausgeliefert wie McRay.“

„Was gehen uns die Holzfäller an?“, fragte das Mädchen schroff. „Euch wollen sie das Gold abjagen und sicher töten, und mich wollen sie den Indianern geben, damit sie Ruhe in der Schlucht haben. Sollen sie doch sehen, wie sie mit den Indianern fertig werden. Vielleicht bringen sie sich alle zusammen gegenseitig um!“

„Und die Mädchen?“, fragte Matt und richtete sich auf.

„Die uns verraten haben?“ Tate stand auf. „Willst du wirklich dem Satan ins Maul springen? Das kann doch nicht dein Ernst sein.“

„Irgendwie müssen wir sie warnen. Ich glaube, das ist unsere Pflicht, Tate.“

Fiddler tippte sich an die Stirn. „Solchen Halunken gegenüber hat kein Mensch eine Pflicht zu erfüllen. Und noch eins: Auch wenn wir sie warnen würden, denken die nicht daran, ohne ihre Bäume die Schlucht zu verlassen. Das haben wir doch erlebt. Wir würden uns den gefährlichen Weg also vollkommen umsonst machen, denn sehen können sie die Cheyennes selbst, wenn sie kommen.“

Das Mädchen strich über die abgeschabte Satteltasche und schien an nichts anderes als das Gold zu denken. Matt, der es sah, dachte daran, dass Veta vor drei Tagen vielleicht noch genauso gehandelt hätte wie Ester, und sicher würde sie eines Tages, wenn das Grauen in den Hintergrund getreten war, auch wieder so wie die anderen Mädchen denken und handeln.

„Wir reiten zu unserer Höhle, essen was und holen uns aus der Ader, was wir fortschleppen können“, erklärte Tate.

Matt blickte immer noch auf das Mädchen.

Tate schaute zu ihr hinunter, dann blickte er Matt wieder an. „Oder wir bringen sie erst in Sicherheit. Das Gold läuft nicht fort, Matt!“

Veta Pyle hob den Kopf. „Soll ich eure Höhle nicht sehen?“, fragte sie.

Tate grinste sie an. „Wie messerscharf dein Verstand arbeitet, Veta.“ Er schüttelte den Kopf. „Das haut einen Mann glatt um!“

Das Mädchen stand langsam auf und stieß die Satteltasche mit dem Fuß zur Seite. „Glaubst du etwa, mich würde euer Gold interessieren?“

„Ja, genau das.“ Tate grinste sie immer noch an. „Und ich kann es sogar verstehen. So viel Gold muss einen Menschen verrückt machen, vor allem einen, der sein Leben lang vergebens dem Glück nachgejagt ist. Es ginge mir nicht anders.“

„Mich interessiert das Gold aber nicht. Ich will fort aus diesen Bergen! In eine Stadt, in der man sich sicher fühlen und ruhig schlafen kann, Tate!“

„Da bringen wir dich ja hin, Veta. Nur keine Aufregung.“

Matt hob seinen Sattel auf, brach durch die Büsche und erreichte die Pferde. Die Tiere schnaubten, als er zwischen sie trat und seinem Pferd den Sattel auflegte.

„Ihr habt mich aus der Hölle geholt“, hörte er das Mädchen sagen. „Glaubst du denn, ich könnte das vergessen, Tate?“

„Ich weiß, wie dankbar du uns dafür bist, Veta. Aber ich weiß auch, dass dies mit dem Gold nichts zu tun hat. Das ist eine völlig andere Sache.“

Matt führte das gesattelte Pferd zurück und sagte: „Wir müssen sie mit zu der Höhle nehmen.“

„Warum denn?“

„Weil wir die beiden Pferde nicht in der Höhle lassen können. Die kommen um.“

Tate schien sich gegen die Stirn schlagen zu wollen, ließ die halb erhobene Hand aber wieder sinken.“

„Ihr werdet sehen, euer Gold interessiert mich nicht.“ Das Mädchen hob die Tasche auf und warf sie Matt zu.

„Es ist sicher auch für uns alle drei genug“, entgegnete Matt. „Es ist sowieso mehr, als wir fortschaffen können ohne den Wagen. Und wozu braucht der Mensch einen ganzen Wagen voll Gold. Es ist doch schon ein Vermögen, was wir in der Tasche haben!“

Tate schaute ihn an, als würde er an seinem Verstand zweifeln.

„Also kommt“, sagte Matt.

Tate hob seinen Sattel auf und folgte Conroy zu den Pferden. Das Mädchen lief hinter ihm her.

„Veta, du steigst jetzt wieder bei mir auf“, bestimmte Matt.

Tate sattelte sein Pferd, stieg auf und ritt langsam durch das Dickicht. Zwischen Berggipfel führte ein breiter Weg, der sich allmählich zu senken begann und mehr und mehr zu einem Hohlweg wurde. Es dauerte eine Weile, bis Matt ihn mit dem Mädchen eingeholt hatte.

„Ich geb ihr auch von meinem Anteil etwas, Tate“, sagte Matt Conroy.

„Darum geht es mir doch gar nicht.“

„Worum denn?“

„Sie wird es weitererzählen“, erklärte Tate. „Und dann kommen andere, um das Gold zu holen.“

„Das werde ich nicht tun!“, rief das Mädchen.

Tate lächelte halb spöttisch, halb resignierend. „Doch, das wirst du tun. Das Weitererzählen ist dir wie die Jagd nach dem Glück in Fleisch und Blut übergegangen, ich kenne das.“

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Sie erreichten die Schlucht, und Tate sagte, dass er nachsehen wollte, ob McRay wirklich zurückgekommen war.

„Wie wollt ihr das feststellen?“, fragte das Mädchen, als es abgestiegen war.

„Das ist ganz einfach“, erklärte Tate. „Wenn sie hier waren, sehen wir es der Hütte an.“

Sie liefen durch die Schlucht, blieben immer wieder stehen, lauschten und gingen weiter. Schließlich hatten sie die beiden vorgeschobenen Felsen erreicht, hinter denen die Hütte am Ende der Schlucht stehen musste.

„Was meinst du, waren sie hier?“, fragte Tate, bevor sie einen Blick um die Felsen getan hatten.

„Ich denke schon.“ Matt schob sich weiter, blickte um den rechten Felsen und sah die Hütte, aber sie stand noch genauso an die graue Felswand gelehnt, wie sie sie verlassen hatten. Die Plane vor dem Eingang war heruntergerissen und lag auf dem Boden, der halbverfallene Corral hatte sich nicht verändert, und Pferde waren auch nicht zu sehen.

Matt schob sich zurück und blickte zu Tate hinüber, der noch in das Tal blickte. Dann schob sich auch Tate zurück. Das Mädchen blickte zwischen den beiden Männern fragend hin und her.

„Sieht beinahe aus, als wären sie nicht hier gewesen“, murmelte Tate.

Matts Blick glitt wieder um den Felsen herum und über die Ränder der Steilwand hinweg. „Es kann auch eine Falle sein. Sie nehmen vielleicht an, dass wir hierher mit Sicherheit kommen.“ Matt blickte auf die Hütte, konnte aber nicht sehen, ob jemand darin war. Dann schaute er hinter sich, aber in der Schlucht war auch niemand.

„Ihre Pferde können sie in der Hütte nicht unterbringen“, erklärte Tate.

„Die können sie auch woanders versteckt haben!“

„Wer macht denn so was?“ Tate schüttelte den Kopf. „Hier, wo hinter jedem Stein ein Indianer auftauchen kann, geht kein Mensch weiter von seinem Pferd weg, als er es sehen kann.“

„Darauf würde ich mich nicht verlassen.“

„Quatsch, das gibt’s nicht!“ Tate trat entschlossen um den Felsen und ging auf die Hütte zu.

Er hatte erst drei Schritte gemacht, als sich ein Gewehrlauf zwischen die Felle an der Wand schob, ein Krachen an den Felsen rüttelte und Rauch und Feuer vor dem Lauf der Waffe zerplatzten.

Tate zuckte zusammen und drehte sich etwas.

„Tate!“, schrie Matt, hob das Gewehr und feuerte zu der Hütte hinüber.

Tate lief zurück, prallte gegen den Felsen und atmete röchelnd.

Entsetzt schaute das Mädchen ihn an, sah seine auf die Hüfte gepresste Hand und das Blut, das ihm langsam über die Finger zu rinnen begann.

„Matt, er ist verletzt! Er blutet!“, schrie das Mädchen.

Matt feuerte immer noch verbissen auf die Hütte, und auf einmal war ein gurgelnder Schrei zu hören, einer von McRays Revolvermännern taumelte aus der Hütte und brach zusammen.

Matt schob sich zurück und blickte zu Tate hinüber, dem das Blut jetzt von der Hand tropfte.

„Was machen wir denn nun?“, fragte das Mädchen.

Matt blickte wieder auf die Hütte, aber es ließ sich niemand sehen. Ein Gewehr entlud sich, eine Kugel kratzte an der Felswand entlang und orgelte in den Himmel.

Conroy jagte ein paar Schüsse zu der Hütte hinüber, vor der der Revolvermann mit dem Gesicht nach unten auf dem Gestein lag, beugte sich zurück und schaute Tate an.

„Wie viele sind es?“, fragte das entsetzte Mädchen.

„Mindestens noch drei“, erwiderte Matt. „Wirst du reiten können, Tate?“

Fiddler zwang sich, auf den Beinen zu bleiben.

„Veta, helfen Sie ihm!“

„Was sollen wir denn machen?“

„Ihr müsst versuchen, zu den Höhlen zu kommen. Ich halte die Bande solange hin.“

„Wenn die sich beinhalten lassen.“

„Einer ist schon tot.“ Matt schaute wieder in das Tal und wurde sofort heftig beschossen. Er zog sich sofort zurück. „Los, helfen Sie ihm. – Tate, ihr wartet in dem Tal auf mich!“

Das Mädchen ging zu Tate und wollte ihn stützen, aber er schob sie fluchend zurück, stieß sich von der Felswand ab, seine Beine knickten ein, und er stürzte auf die Knie.

„Mach doch keinen Unsinn!“, schimpfte das Mädchen. „Allein schaffst du es nicht.“

„Verdammt, dass das jetzt noch passieren musste!“ Tate fluchte, ließ sich nun doch helfen und taumelte, von dem Mädchen gestützt, zu den Pferden.

Matt blickte um den Felsen und feuerte zu der wurmstichigen Hütte hinüber.

Vier Gewehre entluden sich gleichzeitig.

Matt zog den Kopf zurück, repetierte sein Gewehr, schob es vor und feuerte. Er wusste, dass sie sicher längst herausgekommen wären und angegriffen hätten, wenn nicht der Zufallstreffer einen aus dem Rennen geworfen hätte, bevor es richtig angefangen hatte. Da sie die Pferde irgendwo in der Schlucht versteckt haben mussten, wäre es jetzt auch kein Problem gewesen, wieder zu entkommen, hätten sie Tate nicht getroffen.

Matt blickte zurück. Irgendwie war Tate in den Sattel gekommen und konnte dem Mädchen sogar helfen, hinter ihm aufzusteigen. Sie ritten gerade los.

Conroy schoss wieder in den Kessel am Ende der Schlucht. Er musste die Bande mindestens noch zehn Minuten hinhalten, wenn sie mit Sicherheit entkommen wollten.

Feuerzungen leckten aus der Hütte, vier auf einmal. Querschläger sirrten durch die Schlucht.

Matt lehnte mit dem Rücken an der Felswand und blickte Tate und dem Mädchen nach. Sie ritten sehr langsam durch die Schlucht, und es sah aus, als würde Veta Fiddler festhalten.

Aus der Hütte wurde immer noch geschossen.

Fiddler und das Mädchen verschwanden.

Das Gewehrfeuer hielt an.

Matt sprang über den Weg und prallte auf der anderen Schluchtseite gegen die Felswand. Er feuerte auf die Hütte und sprang sofort wieder zurück.

Heftiges Schießen und das Quarren der Querschläger hielten zwei oder drei Minuten lang an, obwohl Matt sich nicht mehr sehen ließ und sie unmöglich annehmen konnten, ihn so zu treffen. Dann schwiegen die Gewehre und das Echo entfloh langsam aus der Schlucht.

„Seid ihr noch da, ihr Halunken?“, brüllte McRay.

Matt schoss um den Felsen herum, ohne sich selbst zu zeigen. Sofort krachten die Gewehre der vier Männer wieder, und neuerlich hallte die Schlucht von den Schüssen wider.

Matt zog sich Schritt um Schritt am Felsen zurück, erreichte das Pferd, führte es ein Stück durch die Schlucht und stieg dann auf. Während er davonritt, schossen die anderen immer noch. Doch dann brach das Feuer schlagartig ab. McRay schrie etwas, aber Matt konnte ihn nicht mehr verstehen. Zu weit hatte er sich schon entfernt. Er ritt noch immer langsam, damit die Hufgeräusche nicht bis in die Hütte dringen sollten.

Abermals fielen ein paar Schüsse, als hätten die Männer in der Hütte etwas gesehen.

Matt trieb das Pferd zu einer schnelleren Gangart an, und der Hufschlag ging im hallenden Echo des Gewehrfeuers unter.

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20

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Tate Fiddler lag in der Höhle auf dem Boden. Neben ihm kniete das Mädchen und blickte abwechselnd auf Tates schmerzverzerrtes Gesicht, auf den durchbluteten Verband und auf die Goldader im Hintergrund.

Matt Conroy hatte eine Decke zwischen zwei Pferde gespannt und kam in die Höhle.

„Was wird denn nun mit dem Gold?“, fragte das Mädchen.

„Das Gold läuft nicht weg“, erwiderte Matt. Er kniete, blickte Tate ins Gesicht und fuhr fort: „Wir müssen irgendwie nach Green River kommen.“

„Das ist  ist zu weit!“, stieß Tate keuchend hervor. „Das schaffen wir  nicht.“

„Können Sie ihm denn nicht helfen?“, fragte das Mädchen.

Matt richtete sich auf und ging hinaus. Das Mädchen folgte ihm, strich dem einen Pferd geistesabwesend über den Hals, schaute Matt fragend an, sagte aber nichts.

„Es ist schlimmer, als wir erst dachten“, sagte er. „Die Kugel steckt irgendwo in seinem Leib.“

„Sie muss aber nicht unbedingt etwas zerstört haben, nicht wahr?“

„Nein, vielleicht nicht. Ich weiß es nicht. Wir müssen auf jeden Fall versuchen, die Stadt zu erreichen.“

„Im Camp könnte ihm vielleicht geholfen werden.“

„So?“

„Von Hingle, dem Koch. Zumindest weiß Hingle, ob man ihn bis Green River bringt oder nicht.“

Unentschlossen blickte Matt das Mädchen an. Es war sicher Wahnsinn ins Camp zu reiten, auch wenn McRay mit seinen Revolvermännern nicht dorthin zurückgekehrt sein sollte. Bestimmt suchten sie noch hier irgendwo in der Nähe, denn es war gerade erst eine Stunde her, dass er, Matt, die vier feuerspeienden Teufel in der Schlucht versetzt hatte.

„Ich kann ins Camp reiten“, fuhr das Mädchen fort. „Sie?“

„Ja.“ Veta ließ das Pferd los und strich sich das Haar aus der Stirn. „Das wird für die Männer wie eine kalte Dusche sein. Sie denken dann sicher nicht nach. Wenn McRay nicht da ist, kann ich zu Hingle sagen, er sollte mit mir kommen, McRay wollte etwas von ihm. Und Sie warten mit Tate in der Nähe.“

Matt rieb sich über das Kinn.

„Also gut, Veta, versuchen wir es.  Aber Sie wissen, dass den Männern nicht zu trauen ist!“

„Das weiß ich“, entgegnete das Mädchen verächtlich. Sie gingen in die Höhle zurück. Tate stöhnte. Matt erklärte ihm, was sie besprochen hatten. Dann nickte er dem Mädchen zu. Tate stieß einen röchelnden Schrei aus, als sie ihn aufhoben, hinaustrugen und auf die Decke zwischen den Pferden legten. Das Mädchen blickte noch in die Höhle zurück, wahrscheinlich auf die Goldader, als Matt schon in den Sattel stieg und eines der zusammengebundenen Tiere am Kopfgeschirr nahm. Endlich kam das Mädchen und bestieg Tates Tier.

„Sie sind anders als die anderen Männer, Matt“, sagte sie.

„Wirklich?“ Matt trieb die Pferde an und ritt langsam durch das Tal.

„Ganz anders. Keiner von denen, die ich kenne, wäre ohne das Gold fortgeritten.“

Matt schlug auf die abgeschabte Tasche, die an seinem Sattel hing. „Ich reite doch nicht ohne das Gold, Veta. Hier ist es doch!“

„Sie wissen genau, was ich meine, Matt. Was wird, wenn Tate in Green River ist?“

„Das weiß ich jetzt auch noch nicht.“ Matt lenkte die Pferde in den Hohlweg und zog das Gewehr aus dem Sattelschuh und repetierte es.

„Was ist?“, rief das Mädchen hinter ihm erschrocken.

„Bis jetzt ist nichts. Ich will nur vor Überraschungen sicher sein, Veta.“

Der Weg begann anzusteigen, und bald fiel das grelle Sonnenlicht auf den Verletzten, den die Pferde manchmal zwischen sich einklemmten, was Matt nicht verhindern konnte. Dann kamen sie über eine Bergschulter und ritten in einen tiefen, schattigen Canyon hinunter. Matt Conroy versuchte immer wieder, das ganze Gelände zu übersehen.

Dann sah er das Mädchen an. „Veta, ich werde doch selbst zu den Holzfällern reiten.“

„Warum?“

„Ich werde ihnen erzählen, McRay hätte Tate, und ich müsste tun, was er verlangt. Das leuchtet den Männern vielleicht auch ein.“

„Warum wollen Sie mit den Männern reden, Matt? Warum soll ich das nicht machen? Trauen Sie mir nicht? Haben Sie Angst, ich könnte mit mehreren Männern kommen oder gleich zu der Goldhöhle zurückkehren?“

Matt Conroy lächelte das Mädchen an. „Ich will Sie gar nicht erst der Versuchung aussetzen.“

Die Sonne wanderte bereits nach Westen, als Matt in die Schlucht ritt, das Hallen der Axtschläge verklang, die Männer von den noch bewaldeten Hängen kamen und im Camp zusammenliefen. Er kam den Zelten langsam nahe, und hinter ihm liefen die her, die von den Hängen gekommen waren. Matt wusste, dass sein Spiel gefährlich war, aber all sein Nachdenken hatte nichts genutzt, eine andere Lösung hatte sich nicht angeboten. Er blickte auf den verwachsenen Koch, den Saloonkeeper und die anderen, sah ihre wilden Gesichter, die struppigen Bärte und die Gier in ihren Augen. Dann zügelte er das Pferd.

Einer der Männer zog langsam den Revolver. Hinter Matt wurde ein Gewehr repetiert.

„McRay schickt mich“, sagte er.

„Der Boss, dessen Bruder du erschossen hast?“, knurrte der Mann, der seinen Revolver gezogen hatte.

„Ja.“ Matt zuckte die Schultern. „Sie haben meinen Partner und sind dabei, das Gold in unserer Höhle abzubauen. Und er hat gesagt, es wäre ihm egal, wenn ich türme. Aber sie würden Fiddler dann erschießen. Und da er den Indianern so einfach das Mädchen gab, wird er sein Wort auch in dieser Beziehung halten, nehm’ ich an.“

„Warum schickt er nicht Crim, Clyde oder einen der beiden anderen?“, fragte der Koch misstrauisch.

„Er will, dass die Männer bei ihm bleiben, die wissen, wo das Gold ist. Ich nehme an, bei euch traut einer dem anderen nicht über den Weg.“

„Und was will er?“

„Fiddler ist verletzt worden“, sagte Matt. „Ich will, dass Sie mitkommen. McRay hat gesagt, Sie wären der einzige, der ihm helfen kann.“

Hingle blickte den Keeper an. „Verstehst du das, Quincy?“

„Ehrlich gesagt, nein, aber, dass nur du einem Verletzten helfen kannst, das kann er wirklich nur von unseren Leuten wissen. Komisch ist es trotzdem.“

„Eben.“

„Was ist daran komisch?“, fragte Matt schnell. „Hätte der Boss zum Beispiel Clyde geschickt, dann wäre der vielleicht mit zehn von euch zurückgekommen. Das will der Boss nicht, und bei mir ist er sicher, dass ich es selbst nicht will. Er kann aber auch sicher sein, dass ich wegen Tate zurückkomme. Also, jedenfalls sollen Sie mitkommen, Mister Hingle.“

„Deinen Namen hat er auch von unseren Leuten“, brummte der Keeper. „Ich glaube jedenfalls kaum, dass er ihn vorher hier gehört hat.  Es ist vielleicht besser, du reitest mit ihm, Tennessee.“

„Es ist vielleicht besser, es reiten ein paar mehr“, sagte hinter Matt ein Mann.

„Na, was sagst du dazu?“, zischte der Koch.

Matt zuckte die Schultern. „Ich habe ausgerichtet, was der Boss will. Was ihr macht, ist dann nicht meine Sache. Die anderen sollen übrigens sehr vorsichtig sein und Wachen ausstellen.“

„Warum denn das?“

„Wir haben in einer Schlucht eine größere Indianerbande gesehen. Mit Red Moon als Anführer. Der Boss meint, es wäre gut, vorsichtig zu sein. – Kommen Sie nun mit, Hingle?“

„Ja, ich komme mit.“ Hingle wandte sich ab und schob sich aus dem Kreis der Männer.

„Komische Geschichte.“ Der Keeper schüttelte den Kopf.

„Komische Einfälle hatte der Boss schon immer“, sagte hinter Matt jemand. „Und dann, warum sollte der Kerl ausgerechnet vom Koch etwas wollen. Köche werden überall geschont, und Leute, die einem vielleicht mal eine Kugel aus dem Fell holen können, auch.“

Hingle kam bald darauf mit einem Pferd, stieg in den Sattel und winkte Matt.

Conroy lenkte sein Pferd herum und ritt an den Männern vorbei, die ihm Platz machten. Hingle kam an seine Seite und sagte: „Wenn irgend was faul ist, holt Sie der Teufel!“

Sie ritten über den Wall hinweg und in den Canyon hinein.

„Wie viel Gold ist es denn?“, wollte der Koch auf einmal wissen.

„Ein Vermögen.“ Matt blickte wachsam umher, aber es kam immer noch niemand.

Dann zweigte ein Hohlweg ab.

Matt parierte sein Pferd. „Wir müssen hier entlang, Hingle. Da kürzen wir ab. Das macht eine ganze Stunde aus.“

„Als ich euch zum ersten Mal sah, dachte ich wirklich, ihr hättet die Berge noch nie gesehen.“ Hingle lenkte sein Pferd neben Matt in den Hohlweg hinein. „Aber wir dachten eben alle, es wären wieder Marshals.“

„So wie Hogan, nicht wahr? Wer hat ihn denn nun eigentlich umgebracht, Hingle?“

„Interessiert Sie das wirklich?“

Matt lächelte.

Hingle fuhr fort.

„So ein Marshal, das ist nichts weiter als ein Revolvermann in einem Interessenstreit. Er wird von der einen Seite angeworben und geht auf die andere los. Interessieren tut den Revolvermann dabei nur der Lohn, der ihm versprochen wurde.“

„Wie einfach doch alles ist“, sagte Matt lächelnd.

Der Hohlweg machte eine Biegung, und Matt ließ den Koch vor sich reiten. Hingle dachte sich anscheinend nichts dabei. Er blickte in den Weg hinein, sah ein paar Büsche, drei Pferde und daneben das Mädchen, dessen Blondhaar in der Sonne leuchtete. Jäh parierte der Koch sein Pferd und starrte das Mädchen an.

„Hallo, Tennessee!“, sagte das Mädchen. „Mach doch den Mund wieder zu! Ich bin es nur, Veta.“

Matt repetierte hinter dem Koch sein Gewehr. „Steigen Sie ab und machen Sie keine Dummheiten, Hingle!“, befahl er. „Ich verspreche Ihnen, dass Sie nichts zu fürchten haben!“

„Was soll das?“, stieß der Koch hervor. „Wie kommt sie hierher?“

„Wir haben sie von den Indianern zurückgeholt“, sagte Matt, während er abstieg. „Das hat sich so ergeben. Hinter den Pferden liegt Fiddler. Er ist ziemlich schwer verletzt. Wir müssen wissen, ob ihm zu helfen ist und wir ihn bis Green River bringen können. Also los, Mann!“

Hingle stieg aus dem Sattel. „Ich hab doch gewusst, dass an der Geschichte was faul ist, zur Hölle!“

„Gehen Sie weiter!“ Matt stieß dem Mann die Mündung der Winchester in den Rücken, und Tennessee Hingle lief weiter, vorbei an den Pferden und dem Mädchen. Vor Fiddler, der schweißgebadet auf zwei Decken lag, den blutgetränkten Verband um den Leib, blieb er stehen.

Matt zog dem Mann den Revolver hinter dem Gürtel hervor und ließ das Gewehr sinken.

„Und wo ist der Boss wirklich?“, fragte der Koch.

„Der sucht irgendwo mit seinen Revolvermännern nach Tate und mir“, erklärte Matt. „Und vielleicht auch nach dem Gold.“

„Aber wo das Gold ist, wissen nur wir“, mischte sich das Mädchen ein.

„Wir?“ Hingle schaute sie an. „Du auch?“

„Ja, ich auch.“ Veta lächelte. „Stell dir vor, Tennessee, da liegt irgendwo in einer Höhle ein riesiges Vermögen, und ich weiß, wo das ist!“

Das Lächeln fror Veta Pyle auf dem Gesicht ein, als Matt sie anschaute.

„Findest du denn zu der Höhle zurück?“, fragte er.

„Wieso sollte ich nicht?“

„Wir haben ein paar Umwege gemacht und sind durch zwei Wege zweimal geritten. Ich dachte, du hättest davon gar nichts gemerkt, Veta.“

Das Mädchen starrte ihn an, schaute dann auf Hingle, und Matt kam zu Bewusstsein, dass er sie aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus wieder geduzt hatte.

„Weißt du den Weg nicht mehr?“, fragte der Koch. „Du musst doch wissen, wo du gewesen bist!“

„Es sieht hier alles so gleich aus“, sagte das Mädchen. „Überall morsches Gestein, Höhlen und abgestorbene Büsche.“

Der Koch schüttelte den Kopf, blickte auf Tate und kniete auf den Boden. „Was wollen Sie denn auspacken?“

„Sie bekommen ein Nugget, das mindestens tausend Dollar wert ist, wenn sie ihm helfen können, Hingle.“

„Tausend Dollar?“

„Das ist mehr, als McRay Ihnen für die ganzen Monate bezahlt, und er bleibt Ihnen auch noch einen Teil schuldig, bis er selbst sein Geld hat.“

„Holen Sie das Nugget!“

„Sie bekommen es, Hingle.“

„Ich hole es“, sagte das Mädchen.

„Bleib hier!“, kommandierte Matt barsch, als das Mädchen zu den Pferden gehen wollte. „Er bekommt es schon!“

Der Koch knotete den Verband um Tates Leib auf, und als Fiddler stöhnte, brummte er: „Beiß die Zähne zusammen, Mann!“

Matt ging rückwärts zu den Pferden, bei denen das Mädchen aufgetaucht war, als sie hier ankamen. Er griff nach dem Sattel, ohne den Koch aus den Augen zu lassen, aber die Tasche hing nicht am Sattelhorn.

Das Mädchen kam zu ihm und sagte: „Ich habe sie unter die Sättel gelegt.“ Es räumte an der Felswand die Sättel zur Seite, zog die abgeschabte Tasche hervor und warf sie Matt zu. Er blickte zu ihr hinüber und sah die zweite Tasche, in der der Proviant war. Die Taschen hatten nebeneinandergelegen und sahen sich so ähnlich, dass es möglich sein konnte, sie miteinander zu verwechseln.

Matt klemmte das Gewehr unter den Arm, nahm ein Nugget heraus, schloss die Tasche und hängte sie an das Sattelhorn seines Pferdes. Er legte das Nugget neben den Koch, aber Hingle war jetzt mit Tate beschäftigt, blickte auf die von verkrustetem Blut umgebene Wunde und schien zu überlegen.

Matt richtete sich auf und ging hinter die Pferde. Plötzlich war es ihm, als würde er Geräusche hören, die den Hohlweg heraufschallten.

„Was ist das?“, flüsterte das Mädchen.

„Es klingt, als wären es Reiter“, sagte Matt.

Veta ging rückwärts. „Tennessee, Reiter kommen!“

„Lassen Sie ihn in Ruhe!“, stieß Matt hervor. „Die Reiter sind im Canyon!“

Die Geräusche schallten immer noch den Hohlweg herauf.

„Es müssen viele Reiter sein“, murmelte das Mädchen. „Vielleicht die Indianer!“

Matt ging zurück.

Hingle stand auf, wischte sich die Hände an der speckigen Hose ab, blickte Matt an und zuckte die Schultern. „Vielleicht können Sie ihn bis Green River bringen. Es muss nur schnell genug geschehen. Und er muss so transportiert werden, dass er nicht von einer Seite auf die andere geworfen wird.“

„Was heißt schnell?“, fragte Matt.

„Drei bis vier Tage vielleicht.“

Das Mädchen lachte schrill. „Wie soll man denn mit einem Verletzten in drei bis vier Tagen nach Green River kommen!“

„Das wäre sicher gar kein Problem, wenn ihr euch im Camp sehen lassen dürftet“, erklärte der Koch. „Auf einem Floß schafft ihr es nach Green River in drei Tagen. Der Strom legt jetzt außerhalb des Waldes immer noch gut zwei Meilen die Stunde zurück.  Aber wie gesagt, im Camp dürft ihr euch sicher nicht sehen lassen.“ Hingle hob das Nugget auf und betrachtete es von allen Seiten. „Aber vielleicht könnte ich mit den anderen reden?“

„Worüber?“ fragte Matt schroff.

„Über ein Floß, freies Geleit und das Gold.“

„Also ein Floß für uns und das Gold für euch?“

Hingle grinste. „Wie schlau Sie sind, Conroy.  Ist das nicht ein Vorschlag, über den man nachdenken sollte?“

„Doch, das ist einer“, gab Matt zu. „Ich habe nur keine Sicherheit, wenn wir alle zusammen mit dem Gold ins Camp kommen. Es wird euch dann vermutlich genauso wie McRay gehen. Ihr seid mit der Tasche voll Nuggets nicht zufrieden und wollt auch die Höhle. Und da Veta sie vielleicht nicht wiederfinden kann, müsste ich sie euch zeigen.“

Hingle kratzte sich auf der Nase. „Sie müssen ganz einfach Vertrauen zu uns haben, Conroy!“

„Wir wollen uns doch nichts vormachen, Hingle, nicht wahr?“

Der Koch blickte auf den Verletzten, bückte sich dann und verband ihn wieder. „Drei bis vier Tage“, erklärte er, als er sich aufgerichtet hatte. „In dieser Zeit hat er sicher eine gute Chance, wenn er in die richtigen Hände kommt. Es muss ihm nur jemand die Kugel herausholen, verletzt scheint nicht viel zu sein. Er würde sonst schreien. Aber nach drei bis vier Tagen ist sein Blut vergiftet.  Sie müssen wissen, wie wichtig Ihnen das Leben Ihres Freundes ist.“

„Wenn Sie ihm die Kugel herausholen, und er stirbt nicht, erkläre ich Ihnen, wie Sie zu der Höhle kommen, in der das Gold liegt“, sagte Matt.

Hingle duckte sich etwas und blickte ihn durchbohrend an.

„Matt, ist das Ihr Ernst?“, fragte das Mädchen.

„Sie können ja mit Hingle gehen, Veta. Einer allein kann das Gold sowieso nicht fortschaffen. Sein Leben bedeutet mehr als das Gold“, sagte Matt.

„Das ist wahr, Tennessee!“, rief das Mädchen, das offensichtlich längst alle Gefahren und Schrecken vergessen hatte.

„Und wenn er mir unter den Fingern verblutet?“, knurrte der Koch, dem der Schweiß ausgebrochen war und in Bächen über das Gesicht rann. „Ich habe auch kein Handwerkszeug dafür!“

„Still!“, rief das Mädchen. „Hört ihr es auch?“

Der ferne Klang von Schüssen hallte durch den Hohlweg.

„Mein Gott, die Reiter!“, rief das Mädchen. „Matt, es waren die Indianer, und sie greifen das Camp an!“

„Warum denn?“, fragte Hingle. „Die haben doch bekommen ...“

„Eben“, sagte das Mädchen. „Aber sie haben es nicht mehr und wissen nicht, wer mir half.  Sie greifen das Camp an.“

Das Gewehrfeuer schien heftiger zu werden.

„Wie viele Reiter waren es denn?“, fragte Hingle hohl.

„Viele“, erwiderte Matt. „Sehr viele.“

„Dann ist es eure Schuld, dass jetzt wieder Menschen sterben, Conroy!“

„Weil wir Veta zurückgeholt haben?“

Hingle zuckte die Schultern. „Ist es meine Schuld, dass alles schiefgelaufen ist?“

„Natürlich nicht, Hingle. Aber es ist auch Ihre Schuld, dass die Mädchen überhaupt hierher gebracht worden sind.“

Das Gewehrfeuer hielt immer noch an.

„Vielleicht könnt ihr in einer Stunde ein Floß bauen, und niemand hindert euch daran“, sagte der Koch müde. „Und vielleicht muss ich mich dann auch noch bei euch bedanken, noch am Leben zu sein.“

Das Gewehrfeuer hielt unvermindert an, und Matt konnte sich vorstellen, was jetzt da unten in der Schlucht geschah, glaubte die schlecht zielenden, aber zahlenmäßig weit überlegenen Indianer zu sehen und die eiskalten Holzfäller mit den struppigen Bärten. Vielleicht waren wenigstens ein paar so schlau, ihr Heil in der Flucht zu suchen und zu vergessen, dass dadurch ein Vertrag nicht zu erfüllen war.

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Jetzt ist es still“, sagte das Mädchen.

„Wir müssen wissen, ob die Indianer wieder abhauen.“ Der Koch lief durch den Hohlweg, vorbei an den Pferden und um einen Felsen, der die Sicht weiter hinunter versperrte.

Das Mädchen schaute erst Matt an, folgte dem Koch ein paar Schritte und blieb wieder stehen.

„Was ist?“, fragte Matt.

Veta kam zurück. „Es ist mindestens eine halbe Stunde geschossen worden, nicht wahr?“

„Vielleicht nicht ganz so lange.“

„Ja, aber wenn wir ins Camp kommen, wird dort niemand mehr leben, Matt! Ich ... Wenn ich vielleicht mit Hingle ...?“

„Spukt dir das Gold so sehr im Kopf herum?“ Matt lächelte dünn.

Sie zuckte die Schultern. „Kann ich etwas dafür, dass ich nun einmal so bin?“

„Nein, Veta. – Ich hab’ Hingle schon bezahlt.“

Sie blickte ihn noch ein paar Herzschläge lang forschend an, dann wandte sie sich ab und ging hinter dem Koch her.

„Sie ist verrückt auf das Gold!“, sagte Tate.

Matt blickte zu ihm hinunter.

„Aber du wirst es ihnen nicht sagen!“, zischte Tate. „Und sie findet es auch nicht wieder!“

„Wie geht es, Tate?“, fragte Matt ausweichend.

Fiddler schloss die Augen.

„Na ja, das wird wieder.“ Matt ging ein Stück den Weg hinunter, blieb stehen und blickte auf die Sättel. Er dachte an die abgeschabte Tasche, die Veta dort versteckt hatte, ging zu den Sätteln und schob sie von der Wand weg. Dahinter stand die zweite Tasche. Matt griff danach, hob sie an und merkte zu seinem Staunen, dass sie so schwer wie die andere war. Er öffnete sie und sah, dass sie bis an den Rand mit Steinen gefüllt war, mit morschen, völlig wertlosen Steinen!

Er pfiff durch die Zähne, schloss die Tasche, stellte sie zurück und lehnte die Sättel davor. Sein Blick glitt den Hohlweg hinunter.

Veta und der Koch waren nicht zu sehen, und Geräusche schallten auch noch nicht in den Hohlweg.

Matt dachte immer noch an die Tasche. Irgendwann hatte Veta sie austauschen wollen, daran bestand kein Zweifel mehr. Sie wollte das Gold allein haben, vielleicht, weil sie längst begriffen hatte, dass sie an die Höhle allein nicht herankam.

Minuten vergingen, wurden zu einer Viertelstunde. Dann kamen Veta und der Koch zurück und riefen wie aus einem Mund: „Jetzt kommen Sie, Matt!“

Sekunden später war der Hufschlag zu hören, schien sich zu nähern, hielt zwei Minuten lang an und entfernte sich dann.

Veta griff sich an den Hals, als sie Matt und Hingle anschaute, die nebeneinander mit den Gewehren in den Händen an der Felswand lehnten. „Sie sind fort, nicht wahr?“

„Ja, sie sind fort.“ Matt ließ das Gewehr sinken.

„Es ist besser, wir warten noch eine Weile“, schlug der Koch vor. „Und Veta sollten wir vielleicht ...“

„Zurücklassen?“, fragte Matt. Er blickte misstrauisch zwischen den beiden hin und her, überzeugt, dass sie schon etwas besprochen hatten, etwas, das mit dem Gold zusammenhing. „Wir können sie doch nicht allein zurücklassen!“

„Ich dachte nur, dass uns vielleicht allerhand erwartet. Ein Anblick, bei dem sich einem Mann der Magen umdrehen kann, Conroy.“

„Wir können sie trotzdem nicht zurücklassen“, sagte Matt. „Das ist ausgeschlossen, Hingle!“

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Es dämmerte bereits, als sie in die Schlucht hinunterritten, wo die krächzenden Geier in die Höhe stiegen und Kreise zogen. Sie sahen schon von Weitem die Verwüstung, die eingestürzten Zelte und die Toten. Aber noch bevor sie das Camp erreichten, fanden sie Red Moon. Er lag mit dem Gesicht dem Himmel zugekehrt mitten in der Schlucht, die Uniformjacke zerfetzt, von Kugeln getroffen und halb von einem ebenfalls toten Pferd begraben. Der Stern, der einmal einem US Marshal gehört hatte, blinkte schwach an seiner Jacke.

„Den hat es also auch erwischt“, sagte der Koch heiser.

Matt lenkte sein Pferd um den Toten herum. Andere erschossene Indianer lagen auf den Hängen, gehalten von den hohen Wurzeln der abgeschlagenen Bäume.

„Mein Gott“, flüsterte das Mädchen mit zuckenden Lippen.

„Es wird bald dunkel, dann sieht man nichts mehr“, sagte der Koch noch immer heiser. „Und bis es wieder Tag ist, sind wir fort.“ Er blickte wachsam an den Hängen entlang, aber es schien kein lebender Mensch mehr in der Nähe zu sein.

Dann hatten sie die zum Teil umgestürzten Zelte erreicht und sahen die Toten, die überall lagen. Aus dem Saloonzelt war wieder eine Plane herausgerissen.

Matt stieg ab und ging in das Zelt hinein. Quincy Mercer, der Keeper, lag auf der Theke. Er hatte einen Pfeil im Rücken. Als Matt ihn anstieß, rutschte er zur Seite und stürzte steif zu Boden. Drei andere Tote lagen zwischen den Klapptischen, darunter das Mädchen Ester.

Matt ging wieder hinaus. Er schaute zu dem zitternden Mädchen hinauf, dessen Gesicht grau wie Asche aussah.

„Ist wirklich alles meine Schuld?“, fragte Veta mit bebenden Lippen.

„Es ist alles McRays Schuld“, sagte Matt. „In seiner Geldgier hat er den Moment verpasst, in dem ihr alle von hier verschwinden musstet. Aber in seiner Geldgier hat er auch einen Marshal ermorden lassen und den Indianern Winchestergewehre gegeben.“

„Aber McRay ist nicht unter den Toten“, sagte das Mädchen.

Matt führte die Pferde schweigend weiter, auf denen Fiddler lag, der manchmal stöhnte. Am Fluss hielt er an. Eine ganze Reihe Bäume lag am Ufer, als wären sie extra für ein Floß aufgehoben worden. Matt blickte zum Stallzelt hinüber. Es war eingestürzt, und was darunter begraben lag, war nicht zu erkennen.

„Legen wir Fiddler erst mal ab“, meinte der Koch.

Sie banden die Decke von den Pferden los und legten Fiddler mit ihr auf den Boden.

„Ich hole Klammern aus dem Magazin“, sagte der Koch. „Komm, Veta, du kannst mir helfen, die Plane wegzuräumen.“

Veta und der Koch entfernten sich, das Mädchen mit unsicheren Schritten, von Hingle gestützt.

Matt löste die Tasche von seinem Sattel und versteckte sie neben den Stämmen zwischen ein paar Steinen. Dann holte er die andere Tasche aus den Gegenständen hervor, die auf dem Packsattel lagen; er hängte sie dorthin, wo er die andere weggenommen hatte.

Fiddler hatte ihm dabei zugesehen und schien nun auf eine Erklärung zu warten.

Matt zuckte die Schultern. „Sie sind auf das Gold so verrückt wie der Teufel auf die Seelen der Armen.“

„Sie auch?“, stieß Tate hervor.

„Ja, sie auch. Sie befindet sich in einem Zwiespalt mit sich selbst und scheint nicht zu wissen, auf welches Ich in ihrer Brust sie hören soll. Ich glaube, Hingle und sie haben schon etwas besprochen, und der Koch hat sie jetzt mitgenommen, um ihr klarzumachen, dass sie bei der Stange bleiben muss. Mir ist es egal, was sie machen. Dass sie uns nicht aufs Kreuz legen können, werden sie schon noch merken.“

Matt rollte den ersten Stamm auf eine schräge Rampe, die aus drei Stämmen bestand, die auf der einen Seite ins Wasser liefen, auf der anderen auf Pfählen ruhten, etwa ein Yard hoch. Am Wasser waren zwei kurze Pfähle in den Boden getrieben, die den Stamm hielten.

Hingle und das Mädchen kamen mit Eisenklammern und zwei schweren Äxten.

„Hol das Tau noch“, sagte der Koch.

Das Mädchen ging zurück.

„Ich helfe Ihnen“, sagte Hingle, als Matt sich nach dem nächsten Stamm bücken wollte. „Der muss doch über den ersten!“

Sie brachten den etwa vier Yard langen Stamm zu der Rampe und legten ihn über den ersten.

„Das war mal für ein Floß vorgesehen“, sagte der Koch. „Aber dann wurde nie etwas daraus. Komisch, manchmal helfen einem Zufälle. Wir machen zwei Lagen. Bis es richtig dunkel ist, sind wir fertig.“ Hingle hob eine Axt und eine Eisenklammer auf und schlug die Klammer quer in die beiden Stämme.

Nach einer halben Stunde waren sie schon bei der zweiten Lage, aber die Nacht sank nun doch rasch in die Schlucht nieder. Hingle befestigte das Tau mit einer Klammer am untersten Stamm und band das andere Ende an der Rampe fest.

„Damit es uns nicht abhaut, wenn es ins Wasser rutscht“, erklärte der Mann. „Im Wasser muss man alles anbinden. Merken Sie sich das gut, Conroy!“

„Sie reden, als wollten Sie nicht mit uns kommen, Hingle.“

„Was soll denn aus den Pferden werden? Auf dem Floß können wir sie nicht mitnehmen.  He, Veta, schaff die Pferde mal ein bisschen von hier weg, sie stehen nur im Weg!“

Das Mädchen führte die Pferde ein Stück auf den zusammengebrochenen Stall zu und kam wieder zurück.

Stamm um Stamm vergrößerte sich das Floß, und als es völlig dunkel war, schlug Matt die letzte Eisenklammer ins Holz.

Hingle entfernte sich rückwärts. „Das ist ein schönes Floß“, sagte er.

Matt zog einen Pfahl aus der Erde und sprang zurück. Das Floß rutschte sofort schräg ab und landete klatschend im Wasser. Es schwamm sofort in den Fluss, das Seil straffte sich, und das Floß trieb etwas unterhalb ans Ufer zurück.

Das Mädchen ging rückwärts auf die Pferde zu, bei denen der Koch schon war. Matt sah das Mädchen im Dunkel verschwinden. Hingle und die Pferde konnte er nicht sehen.

„Los!“, zischte Hingle so leise, dass Matt es kaum noch hörte.

Das Mädchen sagte etwas, und der Koch fluchte. Dann wieherten die Pferde und Hufschlag hallte durch das tote Camp.

„Matt!“, schrie das Mädchen gellend. „Matt, er will mit allen Pferden und dem Gold fliehen!“

Der trommelnde Hufschlag verschluckte die Worte.

Das Mädchen kam zurückgerannt und schrie: „Er flieht mit allen Pferden und dem Gold!“

Matt lief ihr entgegen, blickte suchend auf den Boden, konnte sein Gewehr aber nicht sehen. Er hatte vergessen, es aus dem Scabbard zu ziehen, obwohl er mit dem, was nun geschehen war, gerechnet hatte.

„Mit dem Gold und allen Pferden!“, rief das Mädchen.

Matt ging zurück. „Hattet ihr das nicht ausgemacht?“, fragte er.

Sie starrte ihn an. „Wie ... Woher wissen Sie das, Matt?“

„Ich wusste, dass so etwas passieren wird, als Sie die Tasche an einen anderen Platz gebracht hatten, Veta.“

„Und trotzdem haben Sie nichts getan?“

„Wir brauchen doch keine Pferde. Wir haben das Floß und sind schneller als Hingle.“

„Mit einem Floß schneller als mit Pferden?“

„Na ja, zugegeben, er hat viele Pferde. Es ist ja auch nicht wichtig.  Aber wieso haben Sie auf einmal nicht mehr mitgemacht?“

Das Mädchen schwieg eine volle Minute, schien nach einer Ausrede zu suchen, sagte aber dann: „Ich weiß es nicht. Es sind zwei Stimmen in mir, und ich weiß nicht, auf welche ich hören soll. Eine Minute später hätte ich vielleicht auf die andere Stimme gehört. – Lässt es Sie so kalt, dass er mit dem Gold verschwunden ist? Es ist doch ein Vermögen.“

Matt lächelte. „Er hat doch nur die Steine, die Sie in die andere Tasche getan haben, Veta.  Es ist gut, dass Sie geblieben sind. So kommen Sie jedenfalls zu dem Anteil, den ich Ihnen versprochen habe.“

„Sie haben ...“ Das Mädchen brach ab und lachte plötzlich, dass es schien, als hätte sie den Verstand verloren.

„Kommen Sie mit, Veta!“, bestimmte Matt. „Ich muss irgendwo ein Gewehr finden. Vielleicht will er sich unterwegs das Gold ansehen und wartet dann auf uns. Er weiß ja, wo er uns treffen kann.“

Sie liefen durch das Camp und suchten nach einem Gewehr, aber die Indianer mussten alles gründlich abgesucht haben.

„Im Magazin liegt ein Gewehr“, sagte das Mädchen auf einmal.

Matt wandte sich um und ging zum Magazin hinüber. „Auch das Pulver ist noch da!“, rief das Mädchen ihm nach.

„Pulver brauchen wir nicht.“ Matt erreichte das eingestürzte Magazin, sah die Eisenklammern, von denen Hingle und das Mädchen die Plane geschoben hatte, und neben dem Haufen sah er das Gewehr, eine siebenschüssige Spencer. Ein Toter lag daneben, der im Hosenbund auch noch seinen Revolver trug.

„Sie müssen ihn nicht gefunden haben“, sagte das Mädchen hinter Matt.

Er durchsuchte den Mann und fand eine Menge Patronen, die er einsteckte.

„Fahren wir jetzt?“

„Wir warten, bis der Mond aufgeht, Veta. Damit wir sehen, wohin wir fahren.“

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Schaurig hallte das Heulen der Wölfe von den Hängen herunter. Im hellen Mondschein, der wie Silber in die Schlucht floss, waren manchmal ein paar grüne Augen zu sehen.

Tate lag bereits auf dem Floß, und das Mädchen sprang ebenfalls hinüber und setzte sich auf die Stämme. Matt wollte das Floß von der Rampe losbinden, als das Mädchen sagte: „Matt, Reiter!“

Er stand mit einem Ruck gerade, blickte durch die Schlucht und sah zwei Reiter, die das Saloonzelt schon fast erreicht hatten.

„Es könnte McRay sein“, flüsterte das Mädchen.

Matt griff nach dem Gewehr und repetierte es, und das schnappende Geräusch schallte laut in das Wolfsgeheul hinein. „McRay?“, rief Matt.

Die Reiter hielten an.

„Wieso sind es nur zwei?“, fragte das Mädchen.

„Es ist Conroy!“, rief ein Mann.

„Das ist Crim“, flüsterte das Mädchen. „Wo sind nur die beiden anderen geblieben?“

Das Krachen eines Schusses zerriss das Wolfsgeheul. Pfeifend ging eine Kugel über Matt hinweg. Die beiden Männer waren aus den Sätteln gesprungen und rannten auf den schwarzen Schatten des Saloonzeltes zu.

Matt feuerte einen Schuss ab und wurde vom Mündungslicht derart geblendet, dass er die beiden huschenden Gestalten nicht mehr sah.

„Conroy, ich muss mit dir reden!“, brüllte McRay durch das tote Camp. „Wir sind von Indianern angegriffen worden.  Hörst du mich?“

„Lass ihn nicht herankommen“, zischte das Mädchen. „Es ist nur ein gemeiner Trick!“

„He, Conroy!“, rief McRay.

Matt sah den Schatten eines Mannes neben dem Saloonzelt wieder auftauchen und feuerte abermals. Der Schatten sprang nach links und verschwand hinter einer schief hängenden Planenwand.

„Conroy, mach doch keinen Unsinn!“, rief McRay. „Die Indianer können jeden Moment wieder hier sein.“

„Er muss im Saloon sein“, sagte das Mädchen. „Seine Stimme kommt vom Saloon, Matt!“

Matt blickte auf den Saloon, vermochte McRay aber nicht zu sehen. Er schaute zu der Planenwand weiter, hinter der der Schatten verschwunden war.

Da tauchte der Mann auf der anderen Seite der Wand auf, rannte vorwärts und feuerte aus einem Gewehr. Matt hörte das Pfeifen der Kugeln und Vetas erschreckten Schrei, und er merkte, wie er auf die rennende Gestalt feuerte, ohne darüber nachzudenken. Das Gewehr zuckte im Rückstoß, er repetierte es, dann zuckte es wieder, und Feuer und Rauch fuhren aus der Mündung.

Plötzlich spürte Matt einen Schlag gegen die Hüfte, der ihn taumeln ließ und auf die Kante warf.

„Matt?“, rief das Mädchen entsetzt.

Heiß lief ihm Blut über die Haut, und der Schmerz bohrte sich wie mit Nadeln in seinen Körper.

„Matt?“, schrie das Mädchen wieder.

Der Mann war stehengeblieben und sagte: „Boss, ich hab ihn erwischt.“

„Nein!“ Das Mädchen ging rückwärts, blickte auf den Mann, der sich wieder näherte und dann auf den großen Revolver, den sie vom Floß gezogen hatte und in der Hand hielt.

Matt Conroy presste die Zähne zusammen, hob das Gewehr an, sah die Gestalt im Mondschein über den bläulich schimmernden Gewehrlauf, drückte ab, verlor das Gewehr und stürzte zu Boden. Er sah den Mann nicht mehr rückwärts taumeln, hörte nicht das Scheppern, mit dem das Gewehr des Revolvermannes auf dem Boden landete, und er sah auch nicht wie Crim rückwärts schwankte und zu Boden stürzte.

„Matt?“, fragte das Mädchen mit fremd klingender Stimme. „Matt, soll denn alles umsonst gewesen sein?“

Er bewegte sich auf dem Boden, stützte die Hände auf, wollte den Oberkörper heben, aber der Schmerz war stärker als sein Wille und ließ seine Bewegungen erlahmen.

Gehetzt blickte das Mädchen auf den reglosen Revolvermann und dann auf das Saloonzelt, vor dem sie McRays Gesicht und seinen glitzernden Bart sah. Sie nahm den Revolver in beide Hände und spannte den Hammer, aber als sie sah, wie der Mann sich näherte, da ging sie rückwärts und versteckte die Waffe hinter ihrem Rücken.

McRay kam nur langsam näher, blieb immer wieder stehen und schien ständig etwas anderes in dem toten Camp zu entdecken, etwas, was neu für ihn war.

„Matt, er kommt!“, rief das Mädchen. „McRay kommt und wird dich töten!“

Conroy bewegte sich wieder, stützte abermals die Hände auf und kroch keuchend auf die Knie. Er merkte, wie sich das Blut über seinem Gürtel staute, sah vor sich das verwüstete Camp im hellen Mondschein, und es war ihm, als würde sich alles bewegen, als würden Fratzen in den zerfetzten Wänden grinsen, und als wären es dadurch Hunderte von Männern, die auf ihn zukamen. Aber dann erkannte er McRay deutlich.

Der Mann kam durch die mit Toten bedeckte Gasse zum Ufer herunter, blieb breitbeinig stehen und sagte: „Indianer fielen über uns her, Conroy. Sie kommen sicher zurück.  Natalie ...?“

„Ich bin Veta“, sagte das Mädchen.

Matt spürte plötzlich neue Kraft in sich. Er griff nach dem Gewehr, das vor ihm lag, stellte eine Stiefelsohle auf den Boden, stand auf, taumelte einen Schritt und stürzte wieder zu Boden. Ein gepresster Schrei kam von seinen Lippen, und die Nadelstiche bohrten sich wieder heiß in seinen Körper.

„Er ist ja fertig“, brummte McRay zufrieden. „Du bist Veta?“ Er kam noch näher, und das Mädchen machte abermals einen Schritt rückwärts.

„Ja, ich bin Veta, McRay, das Barmädchen, das du in Green River angeworben hast, um es hier den Indianern auszuliefern.“

„Wie ... kommst du denn hierher?“

„Ist das wichtig? Es ist sicher nur wichtig, dass ich hier bin und zwei verletzte Männer bei mir habe, denen ich es verdanke, noch am Leben zu sein, McRay.“

Der Boss der Holzfäller machte noch ein paar Schritte auf Conroy und das Mädchen zu, blieb jedoch abermals stehen. Sein Blick glitt in die Runde, bevor er sagte: „Alles ist verloren. Aber jetzt weiß ich wenigstens, warum wir so viele Indianer sahen.“

Matt bewegte sich wieder, zog keuchend die Beine an, stützte die Hände auf und kniete auf den Boden. Er sah McRay wie durch eine Nebelwand, sah die Gestalt breiter werden und auseinandergehen. Auf einmal standen drei grinsende McRays nebeneinander und riefen: „Du bist am Ende, Conroy!“

Dann fuhr Feuer aus den drei Mündungen ihrer Gewehre, und Matt spürte einen Schlag gegen den linken Arm, der seine Hand nach hinten riss.

Das Lachen des Mannes hallte grässlich durch das tote Camp, die Gesichter trennten sich von den Körpern und drehten sich in einem Reigen, schneller, immer schneller. Matt wurde es übel, und er begriff auch, dass er nicht mehr die Kraft hatte, nach dem Gewehr zu greifen.

Plötzlich standen die drei Gesichter wieder nebeneinander, noch einmal erschallte das grässliche Lachen, dann wurde ein Gewehr repetiert, und Matt sah die drei Mündungen der drei McRays.

„Alle hast du getötet“, sagte das Mädchen von irgendwo. „Alles ist deine Schuld, McRay!“

Dann entlud sich ein Revolver mit einem peitschenden Knall. McRay taumelte, blieb wieder stehen und verlor das Gewehr.

„Veta?“, fragte er dumpf. Dann taumelte er abermals und stürzte zu Boden.

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24

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Als das Floß aus dem Wald in die Prärie trieb, blieb auch die Nacht jäh zurück. Helles Sonnenlicht erwartete sie. Matt Conroy lag auf den rauen Stämmen, sah über sich den stahlblauen Himmel und dann das Gesicht des Mädchens und ihr golden schimmerndes Haar.

„Hallo“, sagte Veta lächelnd. „Wie geht es denn heute?“

Matt wollte sich aufrichten, aber der Schmerz ließ ihn zurückzucken. Er tastete an seine Brust, merkte, dass er kein Hemd mehr am Körper hatte und berührte den Verband.

„Du hast mehr Glück gehabt als Tate“, sagte das Mädchen. „Bei dir ist es nur eine Fleischwunde, wenn auch eine sehr tiefe. Übrigens, auch am Arm, Matt.“

„So?“, fragte er gepresst und unsicher. Er wälzte sich nun doch herum und sah Tates ausgemergeltes, stoppelbärtiges Gesicht neben sich.

„Hoffentlich reicht die Zeit für ihn noch“, sagte das Mädchen. „Sein Gesicht wird von einer Stunde zur anderen spitzer.“

„Die Zeit wird reichen“, sagte Matt. „Hingle hat doch gesagt, dass er wahrscheinlich keine schweren inneren Verletzungen hat.“ Matt setzte sich unter Schmerzen auf, sah die grünen Uferstreifen, das langsam fließende Wasser, und er sah Veta.

Das Mädchen stand auf dem treibenden Floß und hatte ein Gewehr in der Armbeuge, und als Matt auf die Waffe blickte, sagte Veta: „Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass Hingle noch einmal auftaucht, Matt. Ich wollte verhindern, dass er in seiner Gier noch der Mann sein könnte, an dem wir scheitern. Ich hätte ihn erschossen.“

„Wahrscheinlich werden wir Hingle nie mehr sehen. Er wird irgendwo sein Nugget tauschen, und vielleicht werden er und andere in den Wyoming-Bergen dann nach mehr Gold suchen, und dann auch tatsächlich Gold, oder den Tod finden. Aber er wird vergessen, dass wir eine Tasche haben, die er uns abjagen wollte.“

„In dem Augenblick, in dem er die Steine in der Tasche sieht, wird er wissen, dass wir aufpassen.“

Langsam trieb das Floß mit der Strömung nach Süden, der fernen Eisenbahnstadt entgegen. Matt legte sich auf den Rücken, blickte zum blauen Himmel hinauf und begann Pläne zu schmieden. Pläne für die Zukunft.

„Was werdet ihr machen?“, fragte das Mädchen mitten in seine Gedanken hinein.

„Wir werden ein paar Pferde kaufen und eine Zucht aufbauen“, sagte Matt.

„Werdet ihr mich mitnehmen?“, fragte das Mädchen.

Matt war mit seinen Gedanken bei dem Gold, das mehr als ausreichend für seine und Tates Pläne war, und er wusste jetzt, dass sie nicht mehr zurückkommen würden, um noch mehr Gold aus der Höhle zu holen. Aber plötzlich war es ihm, als würde sein Nacken steif werden. Unter Qualen setzte er sich auf, blickte auf das Mädchen, auf den Packsattel mitten auf dem Floß, über die Decken, das Gewehr und den Revolver hinweg.

„Du hast mir nicht geantwortet“, sagte das Mädchen.

„Was?“, fragte er abwesend.

„Ob ihr mich mitnehmt, wenn ihr Rinder züchtet? In das Haus, in dem ihr dann leben werdet, zu euren Pferden?“

„Ja, Veta, natürlich“, erwiderte er gedehnt.

„Was hast du denn?“ Das Mädchen kniete und legte das Gewehr aus der Hand. „Du bist so bleich, Matt? Leg dich hin, das ist der Blutverlust!“

Matt schüttelte den Kopf. „Du hast doch die Tasche auf das Floß gebracht, nicht wahr?“, fragte er in einem Ton, als würde er sich scheuen, die Worte auszusprechen.

„Die Tasche?“ Veta wurde langsam bleich. „Wieso? Du hast doch die Taschen ausgetauscht.“

„Ja ja, das hab ich auch, Veta. Aber ich hab sie am Ufer zwischen den Steinen versteckt.  Nicht wahr, du hast sie auf das Floß gelegt?“ Sein Blick irrte von ihrem Gesicht zu dem Packsattel hinüber.

„Nein“, erklärte Veta, deren Wangen zu glühen begannen. „Ich dachte, alles was wir brauchen, ist auf dem Floß! – Matt sag mir, dass es nur ein Scherz ist!“

Er schüttelte langsam den Kopf.

„Matt, was hat sie?“, fragte Tate keuchend.

„Sie hat etwas vergessen, Tate“, erwiderte Matt.

ENDE

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Die Rückkehr des Leslie Morgan

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von Alfred Bekker

Dieser Roman erzählt die Geschichte des einsamen Kampfes eines aufrechten Mannes. 

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1

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Sie kommen!“, knirschte Leslie Morgan grimmig zwischen den Zähnen hindurch.

Instinktiv war ihm klar, dass es nichts anderes als der Tod war, der da über den Horizont kroch. Und es gab kein Entrinnen... Leslie kniff die Augen zusammen und sah in der Ferne eine Reiterschar über die Hügelkette herannahen.

Fast zwei Dutzend Männer waren es, alle bis auf die Zähne bewaffnet. Einige von ihnen hatten die Gewehre bereits aus den ledernen Futteralen geholt, die sie an den Sätteln befestigt hatten.

Sie können es nicht erwarten, uns über den Haufen zu schießen, ging es Leslie Morgan bitter durch den Kopf. Seine Hand ging unwillkürlich in Richtung des Revolvers, der in dem tiefgeschnallten Holster an seiner Seite hing.

„Wenn ich das richtig sehe, dann ist das da vorne Dan Garth persönlich!“, hörte Leslie die Stimme seines jüngeren Bruders Ray, der sein Gewehr fest umklammert hielt.

Leslie Morgan nickte.

„Ja, du hast recht. Und Jesse Shaws feistes Gesicht sehe ich auch.“

„Ich sage Mum und Dad Bescheid“, meinte Ray.

Leslie nickte.

„Mach das.“

Ray zögerte noch und Leslie Morgan wandte leicht den Kopf.

„Was ist noch?“

„Glaubst du, es kommt diesmal zum Kampf, Les?“

„Es sieht ganz so aus.“

Von Anfang an hatten Garth und Shaw versucht, die Morgans aus der Gegend um Amarillo zu vertreiben, aber die waren zäh und hatten bislang allem widerstanden, womit man sie schikaniert hatte.

Die Leute von Garth und Shaw hatten das Vieh der Morgan-Ranch zerstreut, sie hatten die Männer der Umgebung so eingeschüchtert, sodass es keiner von ihnen gewagt hätte, bei den Morgans als Cowboy anzufangen und sie hatten die Geschäftsleute von Amarillo angewiesen, den Morgans kein Werkzeug zu verkaufen. Aber Caleb Morgan, seine Frau Betsy und die Söhne Leslie und Ray waren geblieben.

„Sie wollen uns aus dem Weg räumen wollen, Ray. Endgültig“, murmelte Leslie.

„Diese Schweine!“

„Wir werden es Ihnen nicht leichter machen, als unbedingt nötig!“

„Glaubst du, wir haben eine Chance, wenn es wirklich hart auf hart kommt, Les?“

Leslie Morgan schwieg und sah der herannahenden Meute mit schmalen Augen entgegen

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2

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Die Morgans verschanzten sich im Wohnhaus der Ranch. Leslie postierte sich am Fenster und beobachtete, wie die Reiter herannahten.

Seine Mutter lud eifrig Gewehre, während Caleb Morgan sich gerade den Revolvergurt umschnallte.

Ray hatte sich neben der Tür verschanzt, das Gewehr im Anschlag und den Blick starr hinaus gerichtet.

„Wir sollten gleich losballern!“, meinte Ray.

Aber sein Vater war anderer Ansicht.

„Nein“, bestimmte er. „Ich werde mit Dan Garth reden. Wir schießen erst, wenn es nicht anders geht!“

„Dad! Glaubst du, die sind hier mit einer solchen Streitmacht herausgeritten, um sich zu unterhalten?“

„Du tust, was ich sage, Ray!“, versetzte Caleb unmissverständlich.

Indessen hatte sich auch die Mutter der Morgan-Söhne ein Gewehr genommen und sich bei einem der Fenster postiert. Betsy Morgan war eine gute Schützin, die es mit den meisten Männern der Umgebung in dieser Hinsicht ohne weiteres aufnehmen konnte.

Dann waren die Reiter heran.

Grimmige Gestalten, bis auf die Zähne bewaffnet und zu allem entschlossen.

Staub wurde durch die Hufe von fast zwei Dutzend Pferden aufgewirbelt. Einige der Kerle sprangen aus den Sätteln und verschanzten sich in der Umgebung. Einen sah Leslie hinter der Scheune lauern, ein anderer versteckte sich hinter hinter einem Wagen.

Aber Dan Garth blieb im Sattel und kam etwas näher, umringt von seinen Leuten.

Garth hatte schon deutlich angegrautes Haar und ein hageres, lederhäutiges Gesicht. Seine Züge waren hart und in den tiefen Höhlen blitzten zwei eisgraue Augen.

Garth war der größte Rancher in der Gegend um Amarillo. Keiner konnte ihm im ganzen County auch nur entfernt das Wasser reichen.

Dan Garth war so etwas wie der ungekrönte König im County und wer immer es wagte, ihm in die Quere zu kommen, musste mit dem Schlimmsten rechnen...

Neben ihm ritt Jesse Shaw, ein Mann, der ein wenig aufgedunsen wirkte.

Seine Ranch war ein paar Nummern bescheidener, als die von Garth, aber immer noch um einiges größer als das, was die Morgans in den letzten, harten Jahren hier aus dem Nichts aufgebaut hatten.

Jedenfalls war Shaw immer noch mächtig genug, sodass ein Mann wie Dan Garth es sich nicht erlauben konnte, ihn einfach davonzujagen. Zwischen den beiden herrschte ein gespannter Frieden. Um im Moment waren sie sogar Verbündete. Beide Garth und Shaw - waren nämlich der Meinung, dass für einen dritten in diesem Land kein Platz war. In diesem Punkt waren sie einer Meinung

„Caleb Morgan! Bist du zu Hause?“, brüllte Dan Garth' heisere Stimme. Als er dann fortfuhr, klang Hohn in seinen Worten mit.

„Komm raus! Oder willst du lieber deine Frau vorschicken?“

„Ich knall ihn über den Haufen!“, knirschte Ray unterdessen.

„So darf er mit dir nicht reden, Dad!“

„Nein!“, bestimmte Caleb Morgan. In seiner Stimme lag eine Art von Autorität, die keinen Widerspruch duldete. „Ich werde mit Garth reden!“

„Trau diesem Hundesohn nicht“, mischte sich Leslie ein.

„Dieser Mann denkt, dass er sich hier alles erlauben kann. Außerdem hat er keine Skrupel... Und er hat die Wölfe dort sicher nicht mit hier hergebracht, um mit dir einen Plausch zu halten!“

Caleb schüttelte energisch den Kopf.

Er schien sich seiner Sache ganz sicher zu sein.

„Ich muss mit ihm reden, Les“, erwiderte er, während er seinem ältesten Sohn einen kurzen Blick zuwandte. „Du kannst dir selbst ausrechnen, wie unsere Chancen stehen, wenn Garth seine Meute wirklich loslässt!“ Caleb machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich nehme an, er will uns nur einschüchtern. So war es bislang immer! Aber bei mir ist Garth da an den Falschen geraten!“

„Diesmal sieht anders aus, Dad“, knurrte Leslie Morgan düster. „Sie meinen es ernst. Ich hab's im Gefühl...“

Caleb lachte heiser.

„Du bist ein Schwarzseher, Les!“

„Geh nicht hinaus, Dad!“

„Ich weiß schon, was ich tue!“

„Dad!“

Aber Leslie wusste, dass er dem Willen seines Vaters in dieser Sekunde nichts Ebenbürtiges entgegensetzen konnte. Und so trat Caleb Morgan hinaus, der Schar von Garth' hungrigen Hyänen entgegen.

Aber Caleb schien das wenig zu beeindrucken.

„Was wollen Sie, Garth?“

„Ich will, dass Sie verschwinden, Morgan!“, bellte der Großrancher heiser. „Sie haben genügend Warnungen bekommen! Jetzt ist meine Geduld zu Ende!“

Calebs Stimme klang fest und entschlossen, als er antwortete: „Ich habe dasselbe Recht wie Sie, meine Rinder auf diesem Land weiden zu lassen. Dasselbe Recht, haben Sie gehört? Und es gibt nichts, was Sie dagegen tun können!“

Garth' Gesicht blieb regungslos.

„Ach, nein?“, fragte er mit einem Unterton, der vor Zynismus nur so troff. „Mir scheint, Sie übersehen, wie hier im County die Kräfteverhältnisse stehen...“

Caleb Morgan spuckte aus.

„Sie können sich aufblasen wie Sie wollen! Mich beeindrucken Ihre Mätzchen schon lange nicht mehr!“

In Garth' Gesichtszügen zeigte sich deutlich der Ärger, der in ihm aufstieg.

„Sie werden schon, was Sie davon haben!“, knurrte er wütend.

„Ich habe Ihnen die Chance gelassen, abzuziehen...“

Caleb Morgan ließ sich nicht so einfach einschüchtern.

„Es gilt das Gesetz der freien Weide, Garth!“

„Hier gilt nur mein Gesetz, Caleb Morgan! Und sonst gar nichts!“

„Hier ist kein Platz für einen Dritten!“, mischte sich jetzt der feiste Shaw ein. „Das sollten Sie endlich begreifen, Morgan!“

Sein schwammiges Gesicht verzog sich zu einem höhnischen Grinsen.

Die Tatsache, dass er mit fast zwei Dutzend Bewaffneten hier her gekommen war, verlieh ihm offenbar ein Gefühl von Überlegenheit, dass er jetzt genüsslich auskostete.

„Sie werden sich damit abfinden müssen, dass es einen dritten Rancher in der Gegend gibt“, erwiderte Caleb Morgan. „Die Weide ist frei!“

Dafür hatte Dan Garth nur ein zynisches Lachen. Dann beugte er sich im Sattel ein wenig vor und zischte: „Entweder, Sie nehmen Ihre Rinder und Ihren sonstigen Plunder und verschwinden so schnell Ihre Pferde Sie tragen, oder ich werde Ihnen Beine machen müssen! Und das wird nicht angenehm für Sie!“

„Sie können mit ihren Leuten ruhig wieder abziehen, Garth! Meine Meinung werden Sie nicht ändern!“

„Ist das Ihr letztes Wort, Morgan?“

„Ja.“

Garth zuckte die Achseln und ließ seinen gutdressierten Gaul ein paar Yards rückwärts gehen.

„Wie Sie wollen...“, murmelte er, wobei er die dünnen, aufgesprungenen Lippen kaum bewegte. „Alles, was jetzt geschieht, haben Sie sich selbst zuzuschreiben, Morgan! Ich habe Sie gewarnt!“

„Falls Sie jetzt Ihre Meute loslassen wollen, um hier alles in Schutt und Asche zu legen, kann ich nur sagen, dass Sie das bereuen würden!“, versprach Caleb.

Garth lachte.

„Ach, ja? Was sollte mich daran hindern?“

„Meine Söhne haben auf Ihren Kopf angelegt, Garth! Wenn Sie hier den wilden Mann spielen wollen, sind Sie der erste, der dran glauben wird!“

Einen Moment lang floh die Farbe aus Garth' Gesicht. Er blickte zu der Fensterfront des Ranchhauses hin und sah einen später Rays Winchesterlauf in seine Richtung deuten. Dan Garth schluckte.

Unterhalb seines linken Auges zuckte es nervös.

„Wir werden sehen!“, knurrte er düster. „Aber Sie sollten nicht denken, dass Sie so davonkommen, Morgan!“

Damit riss er seinen Gaul herum und stob davon. Seine Leute folgten ihm und auch diejenigen, die sich hinter der Scheune und beim Wagen versteckt hatten, sprangen in die Sättel und ritten davon.

Caleb atmete erleichtert auf, als er die Meute mit ihrer riesigen Staubwolke davonpreschen sah.

Leslie Morgan kam jetzt aus dem Haus und trat neben seinen Vater.

Caleb Morgan klopfte seinem Sohn auf die Schulter und meinte: „Siehst du, Les! Hab ich's doch gesagt! Ein aufgeblasener Gockel ist dieser Garth! Aber sobald man ihn von seinem Misthaufen herunterstürzt, ist ein Winzling!“

Aber der ältere der Morgan-Söhne blieb skeptisch.

„Die Sache ist noch nicht ausgestanden“, war Leslie sich sicher.

Sein Vater zuckte die Achseln.

„Mal den Teufel nicht an die Wand, mein Sohn!“

„Und wenn er Ernst macht?“

„Bislang hat er nur geblufft, Les!“, gab er zu bedenken. „So, wie ich vermutet hatte!“

Aber Leslie Morgan schüttelte leicht den Kopf. Dann deutete er auf die Reiterschar, die sich schon ganzes Stück entfernt hatte. Die Garth-Mannschaft sammelte sich. Dan Garth schien einige Anweisungen zu geben.

Einen Augenblick später teilte sich der Reiter-Pulk in kleine Gruppen auf, von denen einige eine Art Bogen ritten. Man brauchte nicht rätseln, um zu erkennen, was da vor sich ging!

Ein Angriff!

„Sie kommen zurück, Dad!“, stellte Leslie tonlos fest. „Jetzt wird es ernst!“

Er wechselte mit seinem Vater einen kurzen Blick. Caleb stand mit fassungslosem Gesicht da und konnte nichts sagen. Der Schrecken stand ihm in den Augen.

„Diese Bastarde“, flüsterte Caleb dann und riss den Revolver aus dem Holster.

Wenig später peitschten die ersten Schüsse.

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Caleb und Leslie Morgan waren zurück ins Wohnhaus gelaufen, um sich dort zu verschanzen.

Die Angreifer preschten wild um sich schießend von allen Seiten heran. Ein wahrer Geschosshagel prasselte auf die Morgans hernieder, die sich in ihrem Haus verbarrikadiert hatten. Jetzt ging es ums Überleben.

Ein oder zwei der Reiter wurden aus den Sätteln geholt und lagen einen Augenblick später reglos im Staub. Der Angriff hatte kaum eine Minute gedauert, da gingen bereits die Scheune und der Pferdestall in Flammen auf.

Die Pferde wieherten markerschütternd. Einige der Tiere konnten sich befreien, rissen das Gatter nieder und stoben in heller Panik davon. Andere hatten weniger Glück und starben einen qualvollen Tod.

Leslie hatte sich inzwischen ein Winchester-Gewehr genommen und war zur Rückfront des Ranchhauses gestürmt. Durch den den engen Flur gelangte er in das Schlafzimmer seiner Eltern.

Ein Hagel von Blei ließ das Fensterglas zerspringen. Leslie Morgan pirschte sich bis zur Außenwand vor und postierte sich neben dem Fenster.

Dann tauchte er blitzartig aus seiner Deckung hervor und ließ kurz hintereinander mehrere Schüsse aus seiner Winchester krachen.

Einen der Reiter holte Leslie aus dem Sattel. Mit einem gellenden Schrei wurde er nach hinten gerissen, das Gewehr segelte im hohen Bogen davon und landete auf dem Boden. Der Mann war bereits tot, als er dumpf aufschlug. Sein Fuß verfing sich im Steigbügel, sodass die Leiche von dem durchgehenden Pferd noch ein ganzes Stück über den Boden geschleift wurde.

Einem anderen der Kerle holte Leslie den Gaul unter dem Hintern weg und einen Dritten traf er am Waffenarm. Der Mann fluchte lauthals, als ihm der Revolver entglitt. Als der nächste Bleihagel in seine Richtung ging, war Leslie Morgan bereits wieder in Deckung gegangen. Die Geschosse peitschten durch das Fenster und zerfetzten das Holz, aus dem der Kleiderschrank auf der gegenüberliegenden Seite des Schlafzimmers gemacht war.

Manche der Kugeln gingen sogar durch die Hauswand. Sie schlugen glatt durch das dünne Holz der Wände.

Leslie hatte ziemlich großes Glück, bislang ungeschoren davongekommen zu sein.

Er hörte das Geräusch eines galoppierenden Pferdes. Einer der Kerle schien sich ziemlich nahe heranzutrauen, aber Leslie konnte im Moment nichts dagegen tun. Zu stark stand er unter Beschuss.

Dann segelte irgendetwas Schweres, Langsames durch das Fenster...

Es war eine Fackel.

Sie landete direkt auf dem breiten Ehebett von Caleb und Betsy Morgan.

Leslie wollte aufspringen, um die Fackel zu ergreifen und wieder hinauszuwerfen.

Ein Schuss, der dicht an seinem Kopf vorbeistrich ließ ihn in der Bewegung innehalten.

Es dauerte nur Sekunden, und das Bett hatte Feuer gefangen. Es war zu spät.

In seinem Inneren wusste Leslie dies, aber er wusste auch, dass

dieser Kampf so gut wie verloren war, wenn sich das Feuer im Wohnhaus ausbreitete. Und so schnellte vor, warf die Winchester zur Seite und versuchte, die Decke zusammenzurollen und das Feuer zu ersticken.

Schüsse sirrten von draußen herein, aber darauf nahm Leslie in diesem Moment keine Rücksicht.

Er musste es versuchen.

Aber es war aussichtslos. Das Feuer kroch bereits die Wand empor. Wie ein hungriges Ungeheuer fraß es sich voran, unersättlich und rasend schnell.

Das Holz, aus dem dieses Haus erbaut war, war staubtrocken. Eine ideale Beute der Flammen. Seit Monaten hatte es keinen Regen gegeben.

Leslie sah aus den Augenwinkel heraus eine Gestalt vor dem Fenster.

Ein Reiter. Einer von Garth' Männern.

Leslie kannte ihn. Es war der blonde Bill Wheaton, seines Zeichens Vormann auf der Garth-Ranch.

Wheaton hatte seinen langen Peacemaker-Colt in der Rechten und zielte damit direkt auf Leslie, dessen Hand sofort zur Hüfte ging.

Leslie ließ sich instinktiv seitwärts fallen und riss den Colt aus dem Holster. Er tat dies, obwohl er wusste, dass es aussichtslos war, denn er hatte kaum eine Chance, seine eigene Waffe noch rechtzeitig in Anschlag zu bringen.

Jedenfalls nicht, bevor der Vormann der Garth-Ranch abgedrückt hatte.

Und Wheaton war in der Gegend ein gefürchteter Schütze. dass er auf diese Entfernung sein Ziel verfehlte war unwahrscheinlich.

Leslie hatte sein Eisen kaum zur Hälfte aus dem Holster gerissen, da krachte bereits Wheatons Schuss.

Aber annähernd gleichzeitig feuerte noch jemand anderes. Ray stand in der Schlafzimmertür und ließ sein Repetiergewehr sprechen. Sein erster Schuss ging Wheaton in die Schulter.

Der Coltarm des Vormanns zuckte unwillkürlich nach oben, sodass die Kugel, die eigentlich für Leslie bestimmt war, ins Nichts ging.

Aber Wheaton reagierte blitzartig.

Er feuerte sofort ein zweites Mal und dieser Schuss traf Ray Morgan mitten in der Stirn. Ray blieb wie erstarrt stehen. Seine Augen blickten ins Nichts, während sich auf seiner Stirn ein rotes Loch gebildet hatte.

Auch Leslie feuerte.

Dreimal kurz hintereinander.

Der Vormann schrie getroffen auf, der Revolver entfiel ihm.Er klammerte sich verzweifelt an seinem Gaul fest, der in vollem Galopp davonstob. Nach ein paar Dutzend Yards wurde das Pferd langsamer. Leslie sah, wie der getroffene Vormann aus dem Sattel rutschte und reglos im Präriegras liegenblieb. Er hat es nicht besser verdient, ging es Leslie grimmig durch den Kopf.

Leslie Morgan beugte sich kurz über seinen Bruder. Aber dem konnte er nicht mehr helfen.

„Verdammt!“

Tränen des Zorns stiegen Leslie Morgan in die Augen. Ray hatte ihm das Leben gerettet und jetzt lag er hier mit einer Kugel im Kopf.

Diese Hunde!, dachte er verzweifelt und ballte dabei unwillkürlich die Hände zu Fäusten. Ohnmächtige Wut hatte ihn erfasst. Dafür würden Garth und seine Meute bezahlen!, schwor sich Leslie.

Und wenn es das Letzte war, was er tat...

Ein bedrohliches Knistern drang an seine Ohren. Die Flammen fraßen sich voran. Und wahrscheinlich gab es im Moment nichts, das sie noch aufhalten konnte... Es wurde heiß, verdammt heiß.

Leslie Morgan erhob sich.

Er ging durch den engen Flur und erreichte schließlich die Vorderfront des Ranchhauses. Sein Vater und seine Mutter hatten sich dort verschanzt und feuerten Schuss um Schuss hinaus. Aber die Lage war verzweifelt.

Leslie schnellte in geduckter Haltung voran und ging bei einem Fenster in Deckung, in dem kaum noch ein Stück Glas war. Jemand von den Bluthunden da draußen schien die Bewegung gesehen zu haben und ließ ein paar Bleikugeln dicht über ihn hinwegpfeifen.

Dann verebbte der Beschuss ein wenig und Leslie nutzte die Gelegenheit dazu, seinen Revolver nachzuladen.

„Hier!“

Sein Vater warf ihm eine Winchester zu und Leslie fing sie sicher mit der Linken.

„Danke, Dad!“

„Ist Ray noch da hinten?“ Caleb deutete mit der Hand in Richtung der Rückfront des Wohnhauses.

Leslie zögerte eine Sekunde.

Dann sagte er: „Ja.“

Es war besser, wenn sie die schlimme Nachricht erst später erfuhren, denn jetzt mussten sie alle Kräfte darauf konzentrieren, selbst zu überleben.

Leslie tauschte mit seinem Vater einen kurzen Blick. In Calebs Gesicht zuckte es kaum merklich.

„Im Schlafzimmer ist Feuer!“, sagte Leslie.

„Verdammt, was machst du dann hier!“

„Es ist zu spät, Dad! Eine Mannschaft von mindestens einem Dutzend Männern und ein freier Zugang zu unserem Brunnen da drüben - vielleicht wäre das Haus noch zu retten. Aber so wird es uns über den Köpfen wegbrennen, Dad! Ohne, dass wir etwas tun können.“

Und dann war plötzlich Hufschlag zu zu hören. Leslie tauchte aus seiner Deckung heraus und wurde sofort von einer Gewehrsalve empfangen.

Das Blei zischte ihm nur so um die Ohren, aber auch Leslie feuerte.

Zwei Schüsse aus seiner Winchester konnte er in Richtung des Reiters abgeben, der da mit einer brennenden Fackel in der Hand herangeprescht kam.

Dieser konnte noch die Fackel durch eines der Fenster schleudern, da holte Leslies Kugel ihn aus dem Sattel, während das Pferd sich wiehernd auf die Hinterhand stellte. Der Kerl fiel mit einem dumpfen Geräusch in den Staub. Die Fackel war indessen auf dem blanken Holzboden des Ranchhauses gelandet.

Caleb Morgan hatte das gesehen und verließ seine Deckung, um zu verhindern, dass es auch hier an zu brennen fing.

„Gebt mir Feuerschutz!“, rief er heiser seiner Frau und seinem Sohn zu, die verzweifelt versuchten, dem grausamen Kugelhagel, der von draußen hereinschlug, irgendetwas entgegenzusetzen.

„Nein!“, rief Leslie, der ahnte, dass das nicht gut gehen konnte. Sein Vater hechtete zu der Fackel, ergriff sie und wollte sie gerade zurückschleudern, als ihn kurz hintereinander drei Kugeln erwischten.

Die Wucht der Geschosse ließ Caleb Morgan der Länge nach auf den harten Holzboden schlagen. Vergeblich versuchte er noch, die Fackel durch das Fenster zu schleudern. Aber seine Arme gehorchten ihm schon nicht mehr.

Sein Blick war starr geworden und ging ins Nichts. Die Fackel kam die Tischdecke, die sofort Feuer fing. Leslie schluckte.

Einen Sekundenbruchteil war er wie gelähmt. Sein Vater war tot und es gab nichts, was er noch für ihn tun konnte. Wütend lud er das Winchester-Gewehr durch und feuerte ein paar Kugeln nach draußen. Vorn irgendwoher gellte ein unterdrückter Schrei - halb vor Schmerz, halb vor Wut. Offenbar hatte es einen der Schufte erwischt.

Leslie feuerte Schuss um Schuss.

Bezahlen sollen sie, diese Hunde!, ging es ihm grimmig durch den Kopf. Einen der Kerle erwischte er noch, dann fühlte Leslie plötzlich, wie er nach hinten gerissen wurde. Noch ein Schuss löste sich aus der Winchester, aber der ging ins Nichts. Noch in derselben Sekunde ahnte Leslie, was geschehen war. Es hatte ihn erwischt.

An der linken Schulter wurde es blutrot. Das Hemd war zerfetzt.

Die Wucht des Geschosses ließ Leslie Morgan rückwärts taumeln, sodass er für einen winzigen Augenblick ohne Deckung dastand. Eine zweite Kugel fraß sich in seinen Oberkörper und so sank Leslie kraftlos in sich zusammen.

Verzweifelt hielt er die Winchester umklammert. Er atmete heftig und versuchte, sich auf dem Gewehrlauf aufzustützen. Sein Blick ging dabei zur Seite. Er sah seine Mutter starr auf dem Boden neben dem Fenster sitzen, an dem sie ihren Posten bezogen hatte.

„Nein...“, flüsterte er.

Leslie Morgan starrte sie mit dem Ausdruck ungläubigen Entsetzens an. Auf den ersten Blick hätte man denken können, dass Betsy Morgan noch lebte.

Aber ihr Blick war starr.

Und ihr Kleid rot.

Ein dickes Kaliber war glatt durch die Außenwand des Ranchhauses geschlagen und hatte sie getötet. Verzweiflung und kalte Wut erfassten Leslie Morgan. Aber er spürte, wie die Kraft aus seinem Körper floh. Er versuchte, sich aufzurichten, aber vor seinen Augen begann sich alles zu drehen. Und dann war da dieser furchtbare, pulsierende Schmerz, der ihn ergriffen hatte.

Es ist zu Ende!, dachte er.

Und im Hintergrund hörte er es knistern. Das Feuer heulte sich seine Beute.

Nichts würde übrigbleiben von der Morgan-Ranch. Nichts, als ein paar verkohlte Balken und ein bisschen Asche, die der Wind zerstreuen würde...

Leslie Morgan sank auf den rohen Holzboden des Ranchhauses. Schweiß trat auf seine Stirn. Er fühlte die Hitze. Beißender Qualm stieg ihm in die Nase und ließ ihn husten. Es wurde kaum mehr als ein erbärmliches Röcheln. Nein, das durfte nicht das Ende sein!, schrie es in ihm. Aber es schien nichts zu geben, was er noch tun konnte. Ein letztes Mal versuchte er, die Muskeln und Sehnen seines Körpers anzuspannen. Vergebens.

Vor seinen Augen wurde es schwarz.

Tiefe Nacht umgab ihn dann und er rechnete nicht damit, dass diese Nacht je enden würde...

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Dan Garth trat mit gezogenem Revolver in das Ranchhaus der Morgans. Die Gegenwehr war verebbt. Das konnte wohl nur bedeuten, dass es alle Morgans erwischt hatte.

„Passen Sie auf, Boss“, hörte Garth eine heisere Stimme in seinem Rücken.

Sie gehörte einem blassgesichtigen Mann namens Carter, der für Garth arbeitete. Carter hustete. Der Qualm biss in der Lunge. Garth lachte zynisch.

„Hast du etwa Angst?“

„Man kann nie wissen, Boss! Die Morgans haben sich zäh gewehrt. Ich traue ihnen alles zu...“

Ein Knarren ließ die beiden Männer herumfahren. Carter riss sein Gewehr hoch. Ein brennender Balken ging zu Boden und ließ ein Funkenmeer umhersprühen.

Dann entspannten sich Garth' harte Züge, als er Caleb Morgans Leiche sah.

„Da liegt er also“, murmelte er rau. „Er hat es nicht anders gewollt, dieser verdammte Bastard...“ Er deutete mit dem langen Lauf seines Peacemaker-Colts auf einen anderen Körper, der reglos dalag. „Das ist Leslie, nicht wahr?“

„Ja“, nickte Carter.

„Wo ist der andere Morgan-Sohn?“

„Es hat ihn bestimmt auch erwischt.“

Dan Garth atmete tief durch.

Ja, das war wahrscheinlich.

Aus dem brennenden Haus hätte niemand unbemerkt hinausgelangen können...

„Ich hoffe, dass das allen eine Warnung ist, die in Zukunft sich einbilden, einem Dan Garth auf der Nase herumtanzen zu können!“

„So schnell wird das keiner mehr wagen, Boss“, murmelte Carter düster. Einen Augenblick später fuhr er dann fort: „Kommen Sie, Mister Garth! Es ist verdammt heiß hier! Und ich wette, es dauert nicht mehr allzu lange, bis hier alles wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzt...“

Einen Moment noch glitt Garth' Blick über das lodernde Chaos. Dann nickte er leicht und wandte sich zum Gehen. Draußen sah er Jesse Shaw, der hoch zu Ross geblieben war. Der feiste Mann verzog das Gesicht, als ihm der Rauch in die Nase stieg.

„Was ist?“, fragte er, obwohl es da eigentlich nur eine Antwort geben konnte.

„Sie werden uns nie wieder in die Quere kommen, die Morgans!“, meinte Garth und verzog dabei das Gesicht zu einem schiefen Grinsen.

Dabei entblößte er zwei Reihen blitzender Zähne, die ihm etwas Raubtierhaftes gaben.

Jesse Shaw schob sich den Hut ein wenig in den Nacken und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Garth lachte indessen rau und meinte: „Dafür, dass du zu den Siegern gehörst, machst du ein ziemlich merkwürdiges Gesicht, Jesse!“

„Nun, ich überlege nur so...“, knurrte Shaw, der sich in einer Haut irgendwie nicht so recht wohl zu fühlen schien. Garth und Carter stiegen in die Sättel.

„Worüber denkst du nach, Jesse?“, fragte Garth dann, während er sein Pferd herumriss.

„Darüber, ob das hier nicht ein bisschen zu hart war“, erwiderte Shaw und deutete dabei auf das brennende Ranchhaus. „Hätte es nicht genügt, den Morgans einen Schrecken einzujagen?“

„Das haben wir doch mehrfach probiert. Dazu waren sie einfach zu zäh. Nein, wir hatten keine andere Wahl“, war Garth überzeugt.

„Trotzdem...“

„Mach dir nicht in die Hosen, Jesse!“

„Ich hoffe nur, dass das keinen Ärger gibt! Es sind schließlich ein paar Menschen draufgegangen!“

Jesse Shaw hatte bei seinen letzten Worten sehr leise gesprochen. Und er wandte sofort den Blick zur Seite, als ihn die eisgrauen Augen von Dan Garth zu fixieren begannen. Aus Garth Blick sprach eine Mischung aus unverhohlener Verachtung und Wut.

Der Rancher ballte grimmig die Faust.

„Hör zu, Jesse! Dies ist mein Land! Der ganze County! Die Stadt Amarillo! Nichts geschieht hier, wenn ich es nicht will! Ich dachte, dass du das inzwischen begriffen hättest!“

„Sicher...“

„Solange du auf meiner Seite bist, Jesse, kann dir nichts passieren!“

Damit gab Garth seinem Gaul die Sporen und ließ ihn voranpreschen.

Aus Jesse Shaws schwammigen Gesicht floh der letzte Rest von Farbe. Er schluckte.

Shaw hatte die Drohung, die in Garth' letzten Worten lag sofort gespürt. Und irgendwie war ihm auf einmal nicht nicht wohl dabei, an der Seite eines Mannes zu reiten, der seine Freunde kaum besser zu behandeln schien, als andere Leute ihre Feinde.

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Das erste, was Leslie Morgan spürte war, dass irgendeine Kraft ihn in die Höhe riss. Er hörte ein Krachen, offenbar das Bersten eines Balkens. Und dazwischen - ganz leise - das Keuchen eines Menschen, der immer wieder leise vor sich hin fluchte...

Leslie Morgan versuchte die Augen zu öffnen. Alles schmerzte. Seine Seite, sein Oberkörper. Und als er die Augen öffnete schmerzte auch das. Es kam ihm grell und heiß entgegen und so kniff er die Augen sofort wieder zu.

Überall schienen Flammen zu sein. Die Hitze war schier unerträglich...

Leslie hustete und erschrak dabei. Es klang entsetzlich schwach.

Zwei kräftige Hände hatten ihn unter den Achseln gepackt und zogen Leslie mit sich.

Dann ging es nach draußen, wo die Luft besser war. Leslie rang nach Atem. Er wurde noch ein Stück mitgeschleift und dann auf dem Boden liegengelassen.

Leslie versuchte sich zu erheben, kam aber nicht weit. Dann sah er über sich ein Gesicht.

Es war ein schwarzes Gesicht. Schwarz, runzelig und alt. Das Haupthaar und der dünne Bart waren grau.

Leslie kannte den Mann.

Er hieß McGhee, war bis zum Sieg der Union Sklave gewesen und bewirtschaftete jetzt mit seiner Frau eine kleine Farm in der Nähe. Einmal hatte Leslie ihm aus der Klemme geholfen, als Garth sich einen Spaß daraus gemacht hatte, den alten Mann mit dicht neben die Füße gezielten Schüssen über sein Feld zu treiben.

„Hier!“, sagte der Schwarze, während er sich zu Leslie niederbeugte.

McGhee hielt Leslie seine Feldflasche an den Mund und dieser sog begierig das Wasser in sich hinein. Seine Kehle war wie ausgedörrt.

Unterdessen sagte McGhee: „Die Rauchfahne ist meilenweit zu sehen... Ich habe meinen Wagen mitgebracht!“

Leslie versuchte, etwas zu sagen, aber es kam nichts über seine Lippen.

„Das war Dan Garth, nicht wahr?“, erkundigte sich der Schwarze in Richtung des brennenden Hauses. Es war keine Frage.

Leslie Morgan nickte leicht.

„Ja“, flüsterte er. „Dieser Hund! Er hat sie alle umbringen lassen! Dad, Mum, Ray...“

„Ich hatte ihrem Vater gesagt, dass es besser ist, von hier zu verschwinden“, meinte der Schwarze. „Gegen Dan Garth kommt keiner an!“

„Garth wird für das bezahlen, was er getan hat“, krächzte Leslie und verzog dabei das Gesicht vor Schmerz.

„Ich werde mich um Ihre Wunde kümmern“, versprach der Schwarze. „Und dann bringe ich Sie hier weg!“

„Warum tun Sie das, McGhee?“, fragte Leslie. „Sie bringen sich damit nur in Gefahr! Schließlich hatten Sie bereits Ärger mit Garth!“

Auf McGhees Gesicht erschien ein dünnes, abgeklärtes Lächeln, das einer erst dann bekommt, wenn er schon viel gesehen hat.

„Ich werde es nie schaffen, einer von Garth Lieblingen zu werden“, meinte er. „Schon wegen meiner Hautfarbe nicht! Sein Sohn ist im Bürgerkrieg gefallen und dafür macht er die 'Nigger aus dem Norden' - so drückt er sich aus - verantwortlich!“, Er zuckte die Achseln. „Wenn ich jünger wäre, wäre ich schon längst verschwunden. Aber in meinem Alter überlegt man es sich dreimal, ob man seine sieben Sachen packt und ganz woanders noch einmal von vorne beginnt. Dazu muss man wohl ein paar Jahre weniger auf dem Buckel haben, schätze ich!“

„Vielleicht...“, murmelte Leslie halblaut.

Währenddessen gab es beim Ranchhaus einen Riesenkrach. Wände stürzten um, Balken brachen.

„Ich werde Sie zu mir nach Hause bringen“, erklärte McGhee.

„Ich weiß nicht, ob Sie sich damit einen Gefallen tun, McGhee!“

„Ich bin es Ihnen schuldig, Morgan! Außerdem - wenn ich es nicht täte, dann hätte ich Sie gar nicht erst zu retten brauchen. Allein haben Sie nämlich keine Überlebenschance.“

Leslie atmete schwer.

Er wusste, dass McGhee recht hatte.

Der Schwarze ging davon, um seinen Wagen zu holen. Es war ein einfacher Zweispänner, hinten mit einer Ladefläche. Leslie Morgan versuchte vergeblich, sich aufzurichten. McGhee kam herbei und packte ihn unter den Armen. Schließlich gelang es dem alten Mann, Leslie auf den Wagen zu hieven.

„Nicht schlecht für einen, der nun wirklich nicht mehr der jüngste ist, was?“, rief er.

Vor Leslies Augen drehte sich alles.

Er konnte sich nicht erinnern, sich je dermaßen schwach gefühlt zu haben. Er presste die Hand gegen den Oberkörper und spürte, wie das Blut zwischen seinen Fingern hindurchsickerte... Es musste schnell gehen, war Leslie klar.

Sonst würde er sein Leben aushauchen, noch ehe McGhees Wagen irgendwo angekommen war. Anscheinend war diesem das aber ebenfalls klar, denn er schwang sich mit einem Satz auf den Bock und trieb dann die Pferde unbarmherzig voran.

„Heya! Vorwärts, ihr lahmen Gäule!“

McGhee fuhr wie der Teufel und nahm dabei auf nichts und niemanden Rücksicht. Nicht auf sich selbst oder den Wagen, noch auf die Pferde, die ihr Letztes geben mussten... Das Gefährt humpelte über den unebenen Boden. Jede Erschütterung bedeutete unsagbare Schmerzen für Leslie. Aber da war etwas, das den jungen Mann das alles durchstehen ließ, ohne dass ein Laut über seine Lippen kam. Es war der Gedanke an Rache, der in Leslie brannte!

Ein Feuer, das gelöscht werden musste.

Irgendwann!

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Das Bett, in dem Leslie Morgan lag, war ein bisschen zu kurz für ihn, aber das war im Moment das geringste Problem. Mrs. McGhee hatte ihm einen provisorischen Verband angelegt, nachdem ihr Mann seinen Whiskey-Vorrat geopfert hatte, um die Wunde zu desinfizieren.

„Es ist nicht das erste Mal, dass ich so etwas mache“, sagte er.

„Allerdings sah es bei keinem schlimm aus wie bei Ihnen, Mister Morgan!“

Leslie war unfähig, etwas zu erwidern.

Er fühlte den kalten Schweiß auf seiner Stirn. Gut möglich, dass sich die Wunde trotz des Whiskeys entzündete und ihn hinwegraffte...

Aber er wollte leben!

„Er braucht einen Arzt“, hörte er Mrs. McGhee sagen. Sie glaubte wohl, dass er schlief oder ohnmächtig war. „Sonst schafft er es nicht, John!“

„Ich weiß“, erwiderte McGhee und seufzte. „Aber ich kann nicht nach Amarillo fahren und Doc Kelly holen!“

„Warum nicht, John?“

„Weil der Kerl seinen Mund nicht halten kann und sich wie ein Lauffeuer verbreiten würde, wo der letzte der Morgan-Familie sich aufhält. Was glaubst du, wie schnell wir hier Besuch bekämen.“

Mrs. McGhee atmete tief durch. „Das ist wahr. Aber ohne Doc ist er so gut wie tot...“

„Ich hole einen aus Lockwood!“

„Dann bist du zwei Tage unterwegs! Ob er es bis dahin schafft?“

McGhee zuckte die Achseln.

„Wenn Dan Garth oder einer seiner Spießgesellen ihm den Rest gibt, wird seine Chance dadurch auch nicht besser, oder?“

John McGhees Schritte, als er den Raum verließ - das war das letzte, was Leslie Morgan hörte. Dann umgab ihn tiefe Dunkelheit. Schwarze Bewusstlosigkeit senkte sich über ihn und erlöste ihn für eine Weile von seinen Qualen.

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Die folgenden zwei Tage verbrachte Leslie Morgan in einem Dämmerzustand zwischen Fiebertraum und Bewusstlosigkeit. Ab und zu tauchte er aus diesem Zustand auf und sah in das Gesicht von Mrs. McGhee, die ihm kalte Tücher auf die Stirn gelegt hatte, um das Fieber zu dämpfen.

„Ist Ihr Mann noch nicht zurück?“, hauchte Leslie in einem einer wenigen Wachmomente.

Mrs. McGhee schüttelte den Kopf.

„Ich bete darum, dass er einen Doc gefunden hat!“

Es war gegen Mittag des dritten Tages, als John McGhee endlich zurückkehrte.

Und mit ihm kam ein hagerer, hoch aufgeschossener Mann in einem abgeschabten dunklen Anzug. Der Staub von der Fahrt durch das trockene Brassada-Land war unverkennbar.

„Das ist Doc Linklater aus Lockwood“, stellte McGhee ihn vor.

Linklater verzog keine Miene.

Der Doc wandte sich sofort seinem Patienten zu, stellte seine Tasche auf einen Stuhl und zog sich die Jacke aus.

„Er hat Fieber“, sagte Mrs. McGhee.

Aber das sah der Doc sicher auch selbst.

Er krempelte die Ärmel hoch. „Machen Sie heißes Wasser!“

„Ja.“

Der Doc untersuchte kurz die Wunde

„Ich muss operieren“, murmelte er dann.

Und in der nächsten Stunde holte er zwei Kugeln aus Leslie Morgans Körper.

Als er fertig war, packte er seine Sachen und wandte sich zum Gehen.

„Sie können sich nicht einfach davonmachen“, sagte McGhee.

„Jetzt nicht!“

„Ich kann nichts mehr tun“, sagte der Doc. „Alles, was getan werden konnte, habe ich getan. Vielleicht kommt er durch. Er sieht kräftig aus. Und er hat viel Lebenswillen. Das sind gute Voraussetzungen.“ Bevor Doc Linklater ging, wandte er sich noch einmal an McGhee. „Wer bezahlt übrigens meine Auslagen?“

„Warten Sie“, sagte McGhee. „Wie viel bekommen Sie?“

Der Doc nannte seinen Preis. Und McGhee ging an Leslies Tasche und nahm die letzten Dollars heraus, die sich darin befanden. Er musste selbst noch ein paar Cent dazulegen, damit es stimmte.

Dann ging der Doc wortlos hinaus, bestieg seinen Gaul und preschte davon.

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Die Tage gingen dahin und Leslie Morgans Zustand besserte sich zusehends.

Das Fieber ging zurück, die Wunde begann zu heilen, aber Leslie war immer noch sehr schwach.

Stundenweise stand er auf, lief etwas herum und wirkte wie ein gefangenes Tier, das nur darauf brannte, in die Freiheit entlassen zu werden.

„Können Sie mir irgendwie ein Pferd überlassen, McGhee?“, fragte er den Schwarzen eines Tages.

„Sie sind noch nicht gut genug beieinander, um aufzubrechen zu können“, erwiderte der alte Mann.

Leslie lächelte dünn.

„Je eher, desto besser!“

„Damit Sie in der Brassada verrecken?“

„Ich bin ein harter Brocken, McGhee.“

„Das schon...“

„Also, was ist? Ich habe keine Lust zu Fuß zu laufen...“

„Und keinen Dollar mehr!“

„Sie werden es von mir zurückbekommen, McGhee! Alles, was Sie für mich getan haben! Sobald ich ein paar Dollar habe...“

McGhee legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Damit lassen Sie sich ruhig Zeit! Ich weiß, dass Sie nichts schuldig bleiben!“

„Ich werde zurückkehren. Eines Tages!“

„Sicher...“

Am nächsten Tag ritt Leslie Morgan los. McGhee überließ ihm zu dem Pferd einen alten Sattel und Leslie schaffte es mit einiger Mühe, in die Steigbügel zu steigen und oben zu bleiben.

„Das Hemd meines Mannes steht Ihnen nicht schlecht“, meinte McGhees Frau.

„Ich danke Ihnen für alles“, sagte Leslie.

„Gegen die Wölfe müssen die Schafe zusammenhalten“, sagte John McGhee. „Sonst haben sie überhaupt keine Chance!“

Leslie Morgan schwieg.

Nein, dachte er. Er gehörte keineswegs zu den Schafen. Und dieser Kampf war auch noch nicht zu Ende...

Leslie winkte den McGhees kurz zu und ließ den Gaul dann über das weite Grasland laufen.

Einmal drehte Leslie sich kurz im Sattel herum, kurz bevor er hinter dem Horizont verschwand.

„Ich frage mich, ob wir ihn je wiedersehen“, meinte Mrs.McGhee.

Drei Monate später ging auf der Bank von Amarillo eine Überweisung für John McGhee ein. Anonym, nur mit dem Vermerk versehen: Für den Gaul!

Das war für lange Zeit das letzte Lebenszeichen von Leslie Morgan.

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Drei Jahre waren vergangen...

Dan Garth stand auf der Veranda seines Ranch-Hauses und blickte über das weiße Grasland, als dessen Herr er sich fühlte. Hinter den Hügeln lag irgendwo Amarillo, eine Stadt, die in den letzten Jahren stark gewachsen war

Und auch dort war sein Wort nach wie vor maßgebend. Mit seinem Geld waren die Kirche und das Rathaus gebaut worden. Zwei von drei Saloons gehörten ihm und beim Drugstore war er Teilhaber.

Und wenn das alles nicht genug war, um Einfluss zu nehmen und etwas so hinzubiegen, wie es Dan Garth in den Kram passte, dann blieb ihm immer noch seine knochenharte Ranchmannschaft. Viele der Männer, die Garth angeheuert hatte, waren keine gewöhnlichen Cowboys, sondern Männer mit dunkler Vergangenheit und einem lockeren Schießeisen. Männer, die bereit waren, für ein Trinkgeld zu töten... Dan Garth führte langsam die Blechtasse mit dem heißen Kaffee zum Mund und beobachtete einige seiner Leute dabei, wie sie Pferde einritten.

Dann ging sein Blick zum Horizont.

Einige Reiter kamen über die sanften Hügel. Ihre Gestalten wurden rasch größer und es dauerte nicht lange, da war Garth klar, dass das nicht seine eigenen Leute waren.

„Carter!“, rief er nach seinem neuen Vormann. Und schon einen Augenblick später kam dessen blasse Gestalt aus einem der Nebengebäude heraus, in dem die Mannschaft ihre Unterkünfte hatten.

Carter kam zur Veranda.

„Was gibt's, Boss?“

„Dahinten!“ Dan Garth deutete mit der Blechtasse auf die Reiter. „Das sind Jesse Shaw und seine Leute! Es wird Ärger geben!“

„Shaw ist ein Feigling, Mister Garth. Er wird es nicht wagen, sich gegen Sie zu erheben!“

„Nein, aber kann mir Schwierigkeiten machen“, knurrte Garth grimmig.

Carter überprüfte indessen den Sitz seines Revolvers. Sicher war sicher.

Auch die anderen Männer waren auf die Ankömmlinge aufmerksam geworden.

Als die Reiter bis zur Veranda des Ranchhauses herangekommen waren, hob Jesse Shaw die Hand. Der Trupp kam zum Stehen, während Garth Leute sich nicht weiter um die Mustangs hinter dem Gatter scherten, sondern näherkamen und die Neuankömmlinge interessiert musterten.

Dan Garth blieb sehr ruhig.

Er trug im Moment keinen Revolver an der Seite, aber das war nicht weiter schlimm.

Wenn es hart auf hart ging und ein Schießeisen benutzt werden musste, dann würde er sich auf seinen Vormann Carter verlassen können.

„Was ist los, Shaw?“, rief Garth. „Sie haben ja eine ganze Armee mitgebracht! Trauen Sie sich nicht mehr allein hier her!“

Jesse Shaws feistes Gesicht verzog sich ärgerlich.

„Ich muss mit Ihnen reden, Garth!“

„Kommen Sie ins Haus, Shaw!“

„Nein!“

Garth hob die Augenbrauen. Aber seine kantigen Züge zeigten keinerlei Regung. „Wie Sie wollen!“

„Die Sache lässt sich schnell regeln, wenn Sie vernünftig sind! Es geht um die Nordweide...“

„Was ist damit?“

„Tun Sie nicht so! Seit Jahren schon nutzen meine Cowboys sie...“

„Damit ist nun Schluss“, erwiderte Garth kalt und schnitt Shaw damit das Wort ab.

Shaw war außer sich.

„Ich konnte es erst kaum glauben! Sie haben Ihre Bastarde losgeschickt und meine Tiere zerstreut...“

„Schon möglich“, zischte Garth und dabei fixierte sein kalter Blick den anderen Rancher. „Ich brauche die Weide jetzt! Und die beiden Cowboys von Ihnen, die meine Leute auf der Nordweide antrafen, waren klug genug, um zu erkennen, wie hier die Kräfteverhältnisse sind. Ich hoffe, Sie sind es auch, Shaw!“

„Sie haben kein Recht dazu!“

„Ach, nein?“

„Ich brauche die Weide!“

„Sehen Sie zu, dass Ihre Tiere und Ihre Cowboys sich dort in Zukunft nicht mehr blicken lassen. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

Shaws Nasenflügel bebten vor zorniger Erregung. Die Hand wurde unwillkürlich zur Faust.

„Damit kommen Sie nicht durch, Garth!“

Garth lachte rau.

„Was Sie nicht sagen...“

Der Rancher drehte sich halb herum und trank den Kaffee aus. Er schien keine Lust mehr zu haben, sich weiter mit Shaw zu streiten.

„Sehen Sie mich an, Garth!“

„Es ist alles gesagt!“

„Sie arroganter Kerl! Sie glauben wohl, Sie könnten sich alles erlauben, aber irgendwann werden Sie einen Schritt zu weit gehen! Irgendwann...“

Shaw war rot angelaufen. Er wirkte wie eine Dynamitstange kurz vor der Explosion.

„Seien Sie vernünftig, Shaw!“

„Sie meinen, ich soll den Schwanz vor Ihnen einziehen!

Aber...“

Garth hörte nicht weiter zu, sondern ging in Richtung Tür und ließ Shaw wie einen begossenen Pudel stehen.

Das brachte das Fass zum Überlaufen!

„Verdammt, sehen Sie mich an, Garth!“

Und dann ging Shaws Hand zur Hüfte. Er hatte den Griff seines 45er Colts kaum berührt, da hatte Carter, der neue Vormann der Garth-Ranch bereits sein Eisen herausgebracht und abgefeuert.

Shaw schrie auf, als ihm die Kugel in den Körtper vor. Die Wucht des Geschosses riss ihn nach hinten und streckte ihn zu Boden. Irgendwo im Bereich der Schulter musste es ihn erwischt haben, denn sein Hemd färbte sich dort blutrot. Sein Revolver steckte noch immer im Holster und im Moment war er auch gar nicht in der Lage, ihn noch zu erreichen. Sein rechter Arm schien ihm nämlich nicht mehr zu gehorchen. Einige aus der Shaw-Mannschaft waren zusammengezuckt und hatten die Hände zu den Revolvern gleiten lassen. Aber sie waren sofort zu Salzsäulen erstarrt, als sie in die offenen Revolvermündungen blickten, die von allen Seiten auf sie gerichtet waren.

Garth' Leute hatten eine Art Halbkreis um den Reitertrupp gebildet.

Shaws Leue waren klug genug, nichts zu unternehmen. Ihr Boss wand sich indessen im Staub und stöhnte vor Schmerz.

Dan Garth drehte sich langsam herum und knurrte dann: „Was ist? Wollt ihr euren Boss hier liegenlassen?“

Zwei der Reiter sprangen nach einigem Zögern aus dem Sattel. Die Angst steckte ihnen im Nacken, das war ihnen deutlich anzusehen. Sie beugten sich über Shaw, halfen ihm auf und hievten ih auf seinen Gaul.

„Ihr Tag wird auch noch kommen, Garth!“, krächzte Shaw. Garth konnte dafür nur ein müdes Lächeln erübrigen.„Das, was Sie heute versucht haben, sollten Sie nie wieder versuchen, Shaw! Ich habe Männer schon aus viel nichtigeren Anlässen ins Jenseits geschickt, wenn es nötig war...“

Jesse Shaw lenkte mühsam sein Pferd herum und gab ihm die Sporen. Seine Männer folgten ihm, verängstigt wie ein Schar Hasen.

Shaw und seine Leute schienen es eilig zu haben, diesen Ort zu verlassen.

Nicht lange und die Reitergruppe war hinter den nächsten Hügeln verschwunden.

Dan Garth wandte sich an seinen Vormann Carter.

„Danke, Roy!“

„Sie wissen doch, dass Sie sich auf mich verlassen können, Boss!“

Garth nickte. „Sicher.“

Auf Roy Carters bleichem Gesicht zeigte sich die Ahnung eines Lächelns. Es wirkte mehr wie eine Grimasse. Er strich sich den dünnen Oberlippenbart glatt und meinte dann: „Sie haben jetzt einen weiteren Feind, Garth!“

„Sprichst du von Shaw, diesem feigen Hund?“

„Er hasst Sie, Mister Garth! Und wenn sich eine Gelegenheit ergibt, wird er gegen Sie vorgehen!“

Garth lachte schallend und schüttelte energisch den Kopf.

„Er ist ein Feigling, Roy! Er wird es nicht wagen, die Hand gegen mich zu erheben, so sehr ihn das mit der Nordweide auch wurmt!“

„Ich hoffe, Sie haben recht, Mister Garth!“

Garth hob die Augenbrauen und musterte seinen Vormann eine Weile. Dann fragte der Rancher: „Was würdest du vorschlagen?“

Roy Carters Gesicht blieb völlig unbewegt.

Dann machte er eine eindeutige Geste, indem er seine Handkante am hervorstehenden Adamsapfel vorbeischnellen ließ.

„Wenn's nach mir ginge: Kurzer Prozess, Boss! Wie damals, bei diesem widerspenstigen Caleb Morgan und seinen nichtsnutzigen Söhnen!“

„Die hatten auch nicht ein Dutzend Cowboys auf ihrer Seite“, gab Dan Garth zu bedenken. Er hatte auch schon mit dem Gedanken gespielt, scheute aber das Risiko.

Ein hässliches schiefes Grinsen spielte um Roy Carters Mundwinkel.

„Zahlen Sie jedem der Männer einen Jahresverdienst. Was glauben Sie, wie schnell die über alle Berge sind!“

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Es war bereits dunkel, als der einsame Reiter die Stadt Amarillo erreichte.

Er war tagelang geritten. Den dunklen Hut trug er tief ins Gesicht gezogen, den Kragen seiner Jacke hatte er hochgeschlagen. An der Seite blitzte der Revolver hervor, den er im tiefgeschnallten Holster stecken hatte.

Der Reiter hielt geradewegs auf den Dead Indian-Saloon zu, in dessen Räumen sich Hotelzimmer befanden.

Sein Pferd machte er an der Querstange neben den anderen Gäulen fest, dann hängte er sich die Satteltaschen über die linke Schulter und nahm die Winchester aus dem Sattelschuh. So ging er durch die Schwingtüren.

Drinnen herrschte ausgelassene Stimmung. Ein paar Männer standen an der Theke, an den Tischen wurde Karten gespielt. Der Fremde blieb einen Augenblick in der Tür stehen und ließ den Blick über die Männer schweifen. Dann ging er gerade durch den Raum und legte seine Sachen auf die Theke.

„Ich will ein Zimmer mit Blick zur Straße“, sagte er zu der der schönen Saloonerin mit den hellblonden Haaren, die zusammen mit einem langen, dürren Kerl hier den Laden zu schmeißen schien.

Sie war ziemlich jung und außerordentlich hübsch. Wahrscheinlich kam ein Teil der Männer nur ihretwegen hier her, denn der Whiskey war teurer als in den anderen drei Saloons von Amarillo.

Die Blonde schenkte dem Fremden ein reizendes Lächeln und meinte: „Kein Problem!“

Plötzlich kam einer der anderen Kerle herbei. Seiner Kleidung nach war ein Cowboy. Er trug die ledernen Chaps noch um die Beine.

Er packte den Fremden an der Schulter und riss ihn herum. Er blickte ihm direkt in die dunklen Augen. Ein Drei-Tage-Bart stand in dessen Gesicht.

Aber der Cowboy erkannte ihn dennoch und erbleichte.

„Leslie Morgan“, flüsterte er und schüttelte fassungslos den Kopf. Der Cowboy wich ein paar Schritte zurück und stierte den Fremden an, als hätte er ein Gespenst vor sich. „Das ist unmöglich...“

Mit einem Mal herrschte Totenstille im Schankraum. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

„Ich kenne dich“, sagte Leslie Morgan mit ruhiger, tiefer Stimme an den Cowboy gewandt. „Du bist Haines - einer von Dan Garth' Männern!“

Der Cowboy sagte gar nichts.

Er stand mit offenem Mund da und schüttelte nur stumm den Kopf. Leslie Morgans Gesicht blieb regungslos. Seine dunklen Augen musterten Haines abschätzig.

„Du wunderst dich, dass noch einer der Morgans am Leben ist, nicht wahr?“

„Ich...“

„Ja, es war wirklich großes Glück dabei! Und es hat eine Weile gedauert, bis ich wieder einigermaßen auf den Beinen war. Aber ich habe es geschafft!“

„Hören Sie...“, flüsterte Haines, brach dann aber ab. Er schien selbst nicht so recht zu wissen, was er sagen sollte und deshalb stammelte er nur irgendetwas vor sich hin. Er hatte Angst. Vielleicht war es auch so etwas wie ein Gewissen, was sich bei ihm meldete. Die Gespenster der Vergangenheit waren zurückgekehrt und verlangten nach Gerechtigkeit... Haines wich noch zwei Schritte zurück.

Leslie Morgan bemerkte sehr wohl, wie sich die Hand des Cowboys immer weiter in Richtung des Revolverholsters stahl, dass er an der Seite trug...

„Drei Jahre ist es jetzt her, seit meine Eltern und mein Bruder umgebracht und unsere Ranch niedergebrannt wurde!“, fuhr Leslie indessen fort. Dabei ließ der den Blick nicht von Haines, der noch immer nicht so recht verdaut zu haben schien, was vor sich sah. „Drei Jahre!“, sagte Leslie und die ganze Bitterkeit kam in ihm wieder hoch. „Und du warst dabei, Haines! Ich habe dich unter den Reitern gesehen!“

Haines atmete tief durch.

Er hörte, wie die anderen Männer zu tuscheln begannen.

„Er ist es!“

„Kein Zweifel, er ist es!“

„Hieß es nicht, alle Morgans wären umgekommen!“

Haines war schon fast bei der Schwingtür.

Er schien sich noch nicht entschieden zu haben, ob er den Revolver ziehen oder sich davonmachen sollte.

„Du bist hier, um Ärger zu machen, nicht wahr?“, fauchte er Leslie dann an, nachdem er einigermaßen Luft geschnappt hatte.

„Ich bin hier, um die Morgan-Ranch wieder aufzubauen“, erklärte Leslie kühl und setzte dann noch hinzu: „Und um Gerechtigkeit zu fordern! Du kannst meinetwegen gleich zu deinem Boss rennen, um ihm das zu sagen!“

„Du musst wahnsinnig sein, Morgan!“, zischte Haines.

„Das wird sich zeigen!“

Damit wandte Leslie sich zum Schanktisch um und sagte zu der blonden Saloonerin: „Geben Sie mir das Gästebuch, Miss, damit ich mich eintragen kann. Außerdem brauche ich eine Mahlzeit, die unter die Rippen geht und ein Bad. Ich habe die letzten vier Tage im Sattel verbracht!“

Erst hatte es so ausgesehen, als wollte Haines durch die Schwingtüren ins Freie.

Aber urplötzlich überlegte er es sich anders. Haines' Rechte ging griff blitzartig zum Revolver. Nur den Bruchteil einer Sekunde später krachte bereits der erste Schuss. Aber Haines hatte überhastet losgeballert.

Die Kugel durchschlug dicht neben Leslie den Schanktisch und ließ dessen Holz splittern. Gleichzeitig waren die Salooner in Deckung gegangen.

Leslie Morgan reagierte blitzschnell, duckte sich, riss den Colt heraus und feuerte gerade noch rechtzeitig zurück, um Haines am zweiten Schuss zu hindern.

Haines hatte die Kugel mitten in den Oberkörper bekommen. Die Wucht des Geschosses ließ ihn rückwärts durch die Schwingtüren taumeln.

Draußen fiel er schwer auf den Boden und schien sich nicht mehr zu rühren.

Einer der anwesenden Zecher erhob sich von seinem Platz beim Kartenspiel und rannte hinaus. Einige andere folgten ihm.

„Er ist tot!“, hörte Leslie einen von ihnen feststellen. Die Männer kamen wieder herein. Keiner sprach ein Wort. Und Leslie Morgan wusste, weshalb.

Sie empfanden so etwas wie Scham.

Sie alle hatten sich viel zu lange vor Dan Garth geduckt. Sie hatten weggeschaut, wenn Garth sich einen von ihnen vorknöpfte.

So wie damals, vor drei Jahren. Niemandem aus Amarillo wäre es eingefallen, Dan Garth wegen der Sache anzuklagen. Unruhige Zeiten kamen auf Amarillo zu und allen im Raum war das instinktiv klar.

„Bringen Sie mir das Essen auf''s Zimmer“, sagte Leslie Morgan zu der blonden Saloonerin, nachdem er bezahlt und einen Schlüssel mit der Nummer 7 erhalten hatte.

„Soll ich Ihnen das Zimmer zeigen?“

„Ich werd's schon finden.“

Damit nahm er seine Sachen vom Schanktisch und ging in Richtung Treppe.

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Leslie brauchte nicht lange zu warten, bis das Essen kam.

„Wo soll ich es Ihnen hinstellen?“, fragte die junge blonde Frau, während sie mit dem Tablett in der Hand im Türrahmen stand.

„Da, drüben, auf den Tisch!“

Sie nickte und ging an ihm vorbei, um das Tablett abzustellen.

„Ich hoffe, es ist Ihnen recht: Kaffee, Schinken, Speck, Eier...“

„Es ist großartig!“

„Sie sind ein bisschen spät dran für eine warme Mahlzeit. Sonst ist unsere Auswahl etwas größer!“

„Ich sagte doch: Es ist okay, Ma'am!“

Sie kam zurück zur Tür und blieb dicht Leslie stehen. Ihre blauen Augen musterten ihn aufmerksam. Dann sagte sie: „Ich will Ihnen nicht vorschreiben, was Sie zu tun haben, Mister Morgan! Aber vielleicht wäre es das Klügste, wenn Sie verschwinden, solange Dan Garth noch nicht seine Meute von Bluthunden zusammengetrommelt hat, um Sie zu erledigen!“

„Ich danke Ihnen für die Warnung, Miss...“

„Casey.“

Ein kurzes Lächeln ging über Leslie Morgans Züge, die in den vergangenen drei Jahren etwas Hartes bekommen hatten.

„Ich kann schon auf mich aufpassen, Miss Casey!“

„Sie haben einen von Garth' Männern erschossen.“

„Notwehr.“

„Was auch immer. Für Garth sind solche Dinge unerheblich.“

„Sorgen Sie dafür, dass ich morgen früh um sechs geweckt werde.“

„Das geht in Ordnung.“

Er sah ihr nach, als sie die Treppe hinunterging. Und dabei dachte er: Wenn sie vor drei Jahren schon hier in Amarillo gewesen wäre, wäre sie mir sicherlich aufgefallen... Sie musste danach gekommen sein.

Sie blickte noch einmal kurz um.

Dann drehte Leslie sich um und ging in sein Zimmer. Sorgfältig verschloss er die Tür hinter sich.

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Es dauerte keine zehn Minuten, da klopfte es wild an der Zimmertür.

„Wer ist da?“, fragte Leslie.

„Ich. Miss Casey!“

Leslie hatte gerade die letzten Bissen von der Mahlzeit hinuntergeschlungen, die Miss Casey ihm bereitet hatte. Er erhob sich von dem groben Holzstuhl, den er im Zimmer hatte und trat zur Tür.

„Was ist noch?“

„Ich muss Ihnen noch frische Bettwäsche bringen.“

Leslie schloß die Tür auf und blickte in der nächsten Sekunde in die blanke Mündung eines Revolverlaufs.

„Schön ruhig“, zischte eine heisere Stimme und Leslie erstarrte zur Salzsäule.

„Wheaton“, flüsterte er.

„Er hat mich dazu gezwungen“, war Miss Carey zu hören, deren Arm nach hinten gebogen war und sich im eisernen Griff einer behaarten Pranke befand.

Der Mann, der Miss Carey jetzt grob von sich stieß, sodass sie fast die Treppe hinunterfiel, musste von den Toten auferstanden sein.

„Verschwinde!“, knurrte er der Blonden hinterher, die ihn anstierte wie ein Ungeheuer.

Ihm fehlte ein Auge. Die leere Höhle war von einer dunklen Filzkappe bedeckt. Außerdem trug er jetzt einen Bart. Aber er war es, daran konnte es für Leslie Morgan nicht den geringsten Zweifel geben.

Bill Wheaton, vor drei Jahren noch Vormann der Garth-Mannschaft. Unvorstellbar, dass er noch auf zwei Beinen steht, ging es Leslie durch den Kopf.

Schließlich hatte er doch mit eigenen Augen gesehen, wie der Vormann der Garth-Mannschaft getroffen wurde...

„Ich hatte gedacht, Sie wären tot“, stellte Leslie kühl fest, nachdem er den ersten Schrecken verdaut hatte. Wheaton verzog sein entstelltes Gesicht.

„Dasselbe hatte ich von Ihnen gedacht, Morgan! Aber wie Sie sehen, habe ich überlebt! Auch wenn ich jetzt ein Krüppel bin...“

Er wandte kurz den Kopf und bellte zu Miss Casey hinab: „Verschwinde endlich!“

Sie gehorchte und ging hinab, Richtung Schankraum. Dann machte Wheaton eine Bewegung mit seinem 45er. Leslie ging ein paar Schritte zurück. Wheaton betrat humpelnd den Raum und schloss die Tür hinter sich.

Die ganze Zeit über hielt er den Revolver in Leslies Richtung.

„Gürtel abschnallen!“, knurrte er. „Aber schön vorsichtig. Eine dumme Bewegung und Sie sind tot!“

„Ein weiterer Mord?“, meinte Leslie. „Sie nehmen das nicht so genau, was? Und dass unten im Schankraum jede Menge Zeugen sind, die einen Schuss hören würden, macht Ihnen wohl auch nichts!“

„Wer spricht denn von Mord?“, lachte Wheaton.

Er zog seine Jacke zur Seite.

Zum Vorschein kam etwas metallisch blinkendes. Leslie Morgan glaubte, seinen Augen nicht zu trauen. Ein Sheriff-Stern an der Brust des Mannes, der seinen Bruder erschossen hatte!

Das hat Garth sich schlau ausgedacht, schoss es Leslie bitter durch den Kopf. Vor drei Jahren hatte es noch keinen Sheriff in Amarillo gegeben, aber auf die Dauer war das wohl nicht zu verhindern gewesen. Und so hatte Garth den Posten mit einem seiner Männer besetzt. Vermutlich wäre Wheaton nach den Verletzungen, die er davongetragen hatte, auch gar nicht mehr in der Lage gewesen, als Vormann auf einer Ranch zu arbeiten. Aber um für Dan Garth in Amarillo den Stern herumzutragen, reichte es immer noch!

„Alle Achtung“, meinte Leslie ironisch und pfiff durch die Zähne.

Leslie blieb nichts anderes übrig, als zu gehorchen und den Revolvergurt abzuschnallen. Die Waffe krachte schwer auf den Boden. „Wer hätte das gedacht...“

„Sie hätten nicht zurückkehren sollen, Morgan! Das war ein Fehler!“

Leslie musterte sein Gegenüber abschätzig.

Und dabei überlegte er fieberhaft, wie er sich aus dieser Klemme befreien konnte...

Er musste Zeit gewinnen.

„Und jetzt?“, fragte er. „Eine Kugel in den Kopf? Oder bringen Sie mich aus der Stadt und überlassen die eigentliche Arbeit anderen?“

„Wo denken Sie hin! Bei uns herrscht jetzt das Gesetz!“, erklärte Wheaton in einem Tonfall, der vor Zynismus troff. „Ich werde Sie erstmal in ein anderes, nicht ganz so luxuriöses Zimmer umquartieren! Und dann sehen wir weiter. Schließlich haben Sie einen Mann erschossen, das hat der ganze Saloon gesehen! Dafür sind schon Männer aufgeknüpft worden...“

„Es war Notwehr!“

„Wird sich zeigen...“

„Haben Sie was dagegen, wenn ich meinen Kaffee noch zu Ende trinke? Ich war gerade beim Essen...“ Leslie machte einen vorsichtigen Schritt in Richtung Tisch.

„Nochmal so eine Bewegung und du siehst so löchrig wie ein Waschbrett aus!“, zischte Wheaton.

Der Einäugige kam etwas näher.

Sein Gesicht hatte sich zu etwas verzogen, das er vielleicht für ein Lächeln hielt. Es gefiel ihm, den Mann in seiner Gewalt zu haben, den er dafür verantwortlich machte, dass er ein Krüppel war.

„Gehen wir!“, zischte er.

Leslie Morgan nickte und machte vorsichtig einen Schritt. Er tat so, als wollte er sich in Richtung Tür wenden. Dann ließ Leslie blitzschnell seine Linke vorschnellen. Mit traumwandlerischer Sicherheit packte er zu. Sein eiserner Griff ging um Wheatons Handgelenk und bog den Waffenarm zur Seite.

Ein Schuss krachte und ging in den Holzboden.

Und dann erstarrte der Mann mit dem Blechstern auf einmal. Sein Mund ging vor Schrecken einige Augenblicke lang nicht mehr zu.

Wheaton blickte direkt in die kleine, blanke Mündung des Derringers, den Leslie blitzschnell aus seiner Jackentasche gefingert hatte.

Leslie brauchte nichts weiter zu sagen. Er nahm Wheaton den 45er aus der Hand.

„Wen Sie mich erschießen, ist das Ihr Todesurteil“, sagte Wheaton. „Polizistenmord ist ein schweres Verbrechen!“

„Ich habe nicht vor, Sie zu erschießen!“

Wheatons Körperhaltung entspannte sich sichtlich.

„Was hält Sie davon ab?“

„Die Versuchung ist groß. Aber ich bin im Gegensatz zu Ihnen kein dahergelaufener Mörder!“ Leslie spuckte aus. „Auch der Stern an ihrem Hemd wird aus Ihnen nichts anderes machen! Und nun scheren Sie sich hinaus! Und wenn Sie das nächste mal etwas von mir wollen, dann melden Sie sich besser an!“

Er humpelte zur Tür.

Er wollte etwas sagen, aber die Worte blieben ihm im Hals stecken.

Er riss die Tür auf und hinkte auf den Flur.

In der Zwischenzeit ließ Leslie Morgan die Patronen aus Wheatons Revolver herausfallen. Sie klackerten eine nach der anderen auf den Boden.

„Hier!“, rief Leslie dann und warf Wheaton die entleerte Waffe zu. Im letzten Moment fing dieser sie auf und steckte sie ins Holster zurück.

Einen Moment später hörte Leslie ihn die Treppe hinunterhumpeln

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Wenig später kam Miss Casey noch einmal die Treppe hinauf zu Leslies Zimmer.

„Ihnen ist nichts passiert, Mister Morgan?“

Leslie grinste matt.

„Nein.“

„Gott sei dank. Wir alle da unten haben den Schuss gehört und als Wheaton dann zurückkehrte...“

„Ich habe nichts abbekommen.“

Miss Casey lächelte.

„Es tut mir leid, dass ich Sie nicht warnen konnte.“

„Schon gut, was hätten Sie schon tun sollen!“

Sie zuckte mit ihren schmalen Schultern.

„Ich weiß es nicht.“

„Na, sehen Sie!“

Sie sah ihn mit ihren blauen Augen an und sagte dann nach einer kurzen Pause: „Sie sind ein mutiger Mann, Leslie Morgan!“

„Danke.“

„Es gehört schon eine ganze Menge dazu, sich gegen Dan Garth und seine Schergen zu erheben.“

„Nun...“

Sie fasste ihn am Arm und ihre Stimme klang nun fast beschwörend.

„Trotzdem! Sie sollten verschwinden, solange man Sie noch lässt, Les!“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, ich habe vor, mich hier niederzulassen. Das Gesetz ist auf meiner Seite und es gibt nichts und niemanden, der mich daran zu hindern vermag!“

Sie stemmte ihre schlanken Arme in die Hüften und meinte dann: „Glauben Sie, Sie wären der erste, der einen Grund hätte, sich an Dan Garth und der Bande von Halunken, die mit ihm reitet und seine Drecksarbeit macht, zu rächen! Glauben Sie das wirklich? Wenn ich eine Chance sehen würde, gegen ihn vorzugehen, dann hätte ich sie schon genutzt! Aber dieser Mann sitzt hier in der Gegend einfach zu sicher im Sattel. Wenn Sie einen Prozess führen wollen, dann bestellt er gekaufte Zeugen. Und wer aufmuckt, der hat schneller eine Kugel im Kopf, als er für möglich hält und kein Hahn kräht mehr nach ihm!“

Der Ton der jungen Frau war bitter geworden.

Leslie horchte auf.

Seine Augen wurden schmal.

„Erzählen Sie weiter!“

Da war etwas Glitzerndes in ihren blauen Augen. Tränen.

„Was glauben Sie wohl, warum ich im Dead Indian arbeite? Es ist der kleinste Saloon von Amarillo, aber der einzige, der nicht Dan Garth gehört!“

„Was hat Garth Ihnen getan?“

Sie atmete tief durch. Ihr Blick ging nach innen. Schließlich sagte sie: „Er hat meinen Bruder Rick erschossen. Rick und ich kamen vor zwei Jahren nach Amarillo. Wir arbeiteten in einem einem von Garth' Saloons. Rick war Klavierspieler...“

Sie hielt inne.

Unsagbare Traurigkeit stand in ihrem Gesicht und Leslie legte sanft den Arm um ihre Schulter. Und dabei fragte er sich, was ein Mann wie Dan Garth wohl gegen Klavierspieler haben konnte.

„Was ist passiert, Miss Casey?“

„Garth war betrunken. Er torkelte durch den Saloon und ballerte mit seinem Revolver herum. Nur so zum Vergnügen. Aber eine verirrte Kugel traf Rick in den Rücken. Drei Tage später war er tot...“

Leslie strich der jungen Frau über das dichte blonde Haar und sagte: „Auch Dan Garth wird eines Tages eine Rechnung präsentiert bekommen, Miss Casey...“

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Am Morgen wurde Leslie durch ein barsches Klopfen an der Zimmertür geweckt.

Seine Hand griff instinktiv zum Derringer, den er unter den Kopfkissen liegen hatte.

„Wer ist da?“, fragte er.

„Ich bin's. Miss Casey! Ich sollte Sie um sechs Uhr wecken!“

Es dauerte nicht lange und Leslie Morgan tauchte vollständig angezogen im Schankraum auf.

Miss Casey hatte ihm ein Frühstück gemacht.

Nachdem sie es ihm auf einen der rohen Holztische gestellt hatte, setzte sie sich zu ihm.

Sie waren allein im Schankraum.

„Was haben Sie vor, Les?“

„Die Ranch meiner Eltern wieder aufbauen.“

„Wie wollen Sie das machen? Sie haben keine Rinder und keine Mannschaft.“

„Ich werde Rinder kaufen, sobald es dafür an der Zeit ist. In den drei Jahren, die ich weg war, habe ich hart gearbeitet und etwas gespart...“

„Rinder kann man kaufen, Les. Aber eine Mannschaft werden Sie nicht bekommen. Kein Mann im Umkreis von dreißig Meilen wird so dumm sein, für Sie zu arbeiten...“

„Nach und nach wird sich das schon ändern...“

„Sie sind wahnsinnig, Les!“

Leslie lachte.

„Sie unterschätzen mich gewaltig, Ma'am.“

„So?“

„Warten Sie es ab!“

„Und Garth? Glauben Sie, er wird ruhig zusehen, wie Sie hier Unruhe stiften?“

Ein Lächeln ging über Leslie Morgans Gesicht. Ein Lächeln, das Miss Casey nicht verstand, denn es hatte etwas Triumphierendes. Und von einem Triumph war dieser einsame Reiter doch weit entfernt.

Er hatte nicht einmal eine Chance.

„Sagen Sie bloß, Sie haben noch ein Ass unter Ihren Karten, Les!“

„Habe ich!“

„Verraten Sie es mir?“

Der Blick ihrer blauen Augen war warm. Leslie Morgan hatte so etwas lange nicht gesehen...

„Es gibt ein neues Gesetz“, erklärte er dann. „Die Zeit der freien Weide ist vorbei, auch wenn sich das noch nicht überall herumgesprochen hat und viele Rancher es einfach nicht wahrhaben wollen. Jeder kann jetzt das Land von der Regierung erwerben, es einzäunen und anschließend damit machen, was er will. Und ich habe mir einen Besitztitel besorgt. Mir gehört jetzt alles Land bis hinunter zum Bear Creek...“

Miss Casey hob die Augenbrauen.

„Ein Schlag in das Gesicht von Dan Garth!

„Es ist der Anfang von seinem Ende! Er braucht dieses Land, um seine Tiere hinüberzutreiben, wenn er nicht einen riesigen Umweg machen will. Und er braucht das Wasser des Bear Creek...“

„Er wird Sie dafür umbringen.“

„Er wird es versuchen“, korrigierte Leslie.

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Mit der Winchester über der Schulter ging Leslie Morgan die paar Schritte zum Mietstall von Doug Garrison, wo er sein Pferd für die Nacht untergestellt hatte.

Es war noch niemand wach.

Leslie ging in den Stall, nahm seinen Sattel und setzte ihm seinem Gaul auf den Rücken.

Dann bemerkte er eine Bewegung, irgendwo in einer der der Boxen. Eines der Tiere schnaubte und trat einen Schritt zurück. Im ersten Moment hatte Leslie an eine Ratte gedacht, aber dann sah er eine menschliche Gestalt aus dem Stroh auftauchen und sich die Augen reiben.

Der Mann war schwarz, seine Haare schon deutlich ergraut. Er starrte Leslie mit gerunzelter Stirn an und schüttelte dann stumm den Kopf.

„Mister Morgan!“

„McGhee!“

„So stimmt es also! Sie sind wieder da!“

„Ja. Und ich habe vor, zu bleiben!“

John McGhee kam aus der Box heraus, ging auf Leslie Morgan zu und fasste ihn bei den Schultern.

„Es freut mich, Sie zu sehen!“

„Das Geld für den Gaul haben Sie hoffentlich erhalten!“

„Habe ich.“

Als die erste Wiedersehensfreude verflogen war, musterte Leslie sein Gegenüber nachdenklich. „Was machen Sie um diese Zeit hier im Stall, McGhee?“

„Doug Garrison ist so nett und hat mir gestattet, hier zu schlafen!“ McGhee zuckte die Achseln.

„Was ist mit Ihrer Farm?“

„Dan Garth hat in den letzten Jahren seine Herde stark vergrößert. Und meine Farm war ihm im Weg. Er wollte, dass meine Frau und ich verschwinden. Aber das wollten wir nicht. Anderswo nochmal von vorne anfangen, dazu bin ich zu alt!“

Seine Stimme wurde brüchig.

Leslie legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Was ist geschehen?“

„Eines Tages hat er einige hundert Longhorns über mein Land gehetzt, die haben meine Farm in Grund und Boden getrampelt! Meine Frau und ich konnten kaum mehr als das nackte Leben retten. Sie ist dann kurze Zeit später gestorben. War wohl einfach zuviel für sie...“

„Das tut mir leid!“

„Das war vor einem halben Jahr“, fuhr McGhee fort. „Und ich schlage mich seitdem mit Gelegenheitsjobs so durch. Aber wer will ein paar alte Knochen schon einstellen und dafür bezahlen?“

Leslie steckte seine Winchester in den Sattelschuh und überlegte einen Augenblick. Dann sagte er: „Ich kann einen Mann gebrauchen. Aber es wird nicht ungefährlich, denn was ich vorhabe, wird Dan Garth nicht gefallen!“

McGhee ballte unwillkürlich die Hand zu Faust.

„Dann bin ich auf jeden Fall dabei“, meinte er. „Fragt sich nur, ob Sie einen alten Mann wie mich überhaupt gebrauchen können!“

Ein mattes Lächeln ging über Leslies Gesicht.

„Wie man Zäune aufstellt, wissen Sie doch noch, oder?“

„Sicher.“ McGhee atmete tief durch und fuhr schließlich fort: „Ich habe nicht einmal eine Waffe, Mister Morgan!“

„Ich besorge eine. Bevor es losgeht, muss ich ohnehin noch einkaufen! Und einen Gaul können wir sicher im Mietstall bekommen.“

McGhee nickte langsam.

„Worum geht es? Was haben Sie genau vor, Mister Morgan?“

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Leslie Morgan hatte Werkzeug und eine Winchester gekauft. Die Waffe gab er McGhee.

Als die beiden Männer dann auf ihren Pferden saßen und die Main Street von Amarillo entlangritten, standen schon einige der Städter am Straßenrand und begafften sie.

Eine Mischung aus Bewunderung und Unverständnis stand auf den Gesichtern dieser Leute.

„Ich schätze, die haben schon Wetten darauf abgeschlossen, wie lange wir am Leben bleiben“, raunte McGhee. „Wahrscheinlich hat keine Seele auch nur einen Cent auf uns gesetzt!“

Leslie lächelte dünn.

„Schon möglich. Aber die meisten von ihnen werden ihr Geld dabei verlieren...“

„Sie haben eine Menge Vertrauen in die Zukunft“, brummte McGhee.

„Warum auch nicht?“, erwiderte Leslie. „Ich habe einen guten Plan und den Willen, ihn durchzusetzen.“ Leslie Morgan blickte McGhee einen Augenblick lang prüfend an. „Wenn Ihnen die Sache jetzt doch zu heiß ist, McGhee, dann können Sie immer noch umkehren.“

„Ich soll Sie im Stich lassen? Sie kennen mich aber schlecht!“

„Ich wollte es nur gesagt haben.“

„Das haben Sie ja jetzt. Und fangen Sie nie wieder davon an!“

„Wie Sie wollen, McGhee!“

„Ich war innerlich schon so gut wie tot. Aber jetzt lebe ich wieder!“

Sie ritten völlig unbehelligt die Main Street entlang. Insgeheim hatte Leslie damit gerechnet, dass Bill Wheaton, der einäugige Sheriff, ihnen vielleicht noch einmal in den Weg treten würde.

Aber der Sternträger zog es vor, in seinem Office zu bleiben. Leslie ritt mit McGhee zunächst in Richtung der alten Morgan Ranch. Vielleicht waren noch Dinge zurückgeblieben, die man verwenden konnte. Ein Pferdewagen zum Beispiel. Aber es war genauso gut möglich, dass alles nach und nach ausgeplündert worden war.

Die Tiere der Ranch, die aus dem brennenden Stall geflohenen Pferde und die Rinder waren sicher in den Beständen von Garth und Shaw aufgegangen...

Ein beklemmendes Gefühl machte sich bei Leslie bemerkbar, als sie jenen Hügel endlich erreichten, auf dem einst die Morgan-Ranch gestanden hatte.

Verkohlte Ruinen, mehr war nicht geblieben. Und die Asche hatte der Wind weit in die Umgebung gestreut. Eine gespenstische Stille lag über diesem Ort und McGhee bemerkte sehr wohl, wie sehr Leslie das alles mitnahm. Leslie stieg von seinem Pferd und stand eine Weile lang einfach nur stumm da. Ein kühler Wind pfiff von Nordwesten her über das Grasland. Die schrecklichen Bilder stiegen in ihm wieder auf, jene Bilder die er nie vergessen würde. Das Feuer, die Schüsse...

„Ich verstehe, was Sie empfinden“, sagte McGhee, der neben ihn getreten war und ihm eine Hand auf die Schulter gelegt hatte. Leslie schwieg.

Vielleicht verstand McGhee es wirklich. Schließlich hatte er auch alles verloren. Durch Garth.

„Ich werde alles wieder aufbauen“, versprach Leslie schließlich. Dann deutete er auf einem umgestürzten Pferdewagen mit gebrochener Achse, der etwas abseits vom Ranchhaus lag.

„Was glauben Sie, bekommen wir den wieder flott, McGhee?“

„Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn wir das nicht schaffen!“, erwiderte der Schwarze.

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Sie arbeiteten den ganzen Vormittag an dem Wagen und hatten ihn schließlich auch so gut wie fertig. Um Zäune zu ziehen, musste man die Pflöcke irgendwie transportieren und das ging mit einem Wagen einfach entschieden besser, als zu Pferd. McGhees Gaul sollte das Gefährt ziehen.

Dann tauchten am Horizont plötzlich dunkle Punkte auf, die sich rasch bewegten und größer wurden.

Reiter.

Mindestens ein Dutzend.

„Das wird Dan Garth's Meute sein“, flüsterte McGhee. Und bei aller Entschlossenheit klang in seiner Stimme Furcht mit. Er zog die Winchester aus dem Sattelschuh und lud das Gewehr mit einer energischen Bewegung durch.

Leslie pfiff durch die Zähne, als er die Ankömmlinge sah.

„Hat sich schnell herumgesprochen“, murmelte er. „Ich bin kaum hier und Dan Garth wird schon nervös...“

„Aber jetzt wird es ernst“, erklärte McGhee. „Am besten, ich hole gleich ein paar von denen aus dem Sattel, dann wissen sie, woran sie sind!“

Der Schwarze hob grimmig die Winchester, aber Leslie hielt ihn zurück.

„Nein, McGhee! Wir werden erst einmal abwarten, was sie wollen!“

Indessen war die Meute herangekommen.

Dan Garth' hagere Gestalt war deutlich zu erkennen. Der Rancher zügelte in einiger Entfernung sein Pferd und schob sich den Hut in den Nacken.

Seine Augen glitzerten kalt.

Das Erstaunen darüber, Leslie Morgan tatsächlich lebend vor sich zu sehen, konnte einigermaßen verbergen. Anders dagegen Carter, sein neuer Vormann.

„Wie ist das möglich, Boss? Wir haben ihn doch da liegen sehen, den Bastard“, raunte er Garth zu. „Verdammt, ich kann es nicht glauben!“

„Halt's Maul!“, zischte Garth.

Leslie und McGhee standen hinter dem Wagen, der aber nur notdürftige Deckung bot, falls es zum Kampf kam. Der Schwarze hielt die Winchester fest umklammert. Leslie ließ den Blick über die Garth-Mannschaft streifen und stellte fest, dass die Hände bei den Colts waren. Ein oder zwei der Kerle hatte ihre Gewehre aus den Sätteln gezogen und hielten sie im Anschlag.

Kein Zweifel, Garth und seine Meute hatten sich nicht nur aus reiner Neugier herbemüht.

„Sieh da, so sieht man sich wieder“, eröffnete Leslie ruhig.

„Es wundert mich, Sie hier zu sehen, Morgan“, erwiderte Garth. Seine Stimme klirrte wie Eis.

Leslie hob die Augenbrauen.

„Ich hatte Glück.“

„Sie sollten es nicht überstrapazieren. Wie auch immer Sie es geschafft haben, am Leben zu bleiben - es war ein Fehler, in dieses Land zurückzukehren...“

„Ich kann schon verstehen, dass ich Sie nervös mache, Garth!

Und Sie sollten nicht glauben, dass der Mord an meinen Eltern und meinem Bruder vergessen ist! Dafür werden Sie schon noch bezahlen!“

Garth verzog das Gesicht zu einem hämischen Grinsen.

„Wie Sie vielleicht gemerkt haben, haben wir inzwischen sogar einen Sheriff in Amarillo. Wenn Sie etwas vorzubringen haben, dann wenden Sie sich doch an ihn lassen mich verhaften!“

Einige der Kerle lachten hässlich.

„Solange einer Ihrer Bluthunde hier den Stern trägt dürfte das wohl wenig Sinn haben“, erwiderte Leslie kühl.

„Sehr richtig“, nickte Garth. „Und auch sonst könnte ich jederzeit ein Dutzend Zeugen aufbieten, die...“

„Was wollen Sie eigentlich von mir, Garth?“, unterbrach Leslie Morgan hart. Und der Rancher sah ihn einen Moment lang verwundert an.

„Verschwinden Sie, Morgan! Hier ist kein Platz für Sie!“

„Nur, um mir das zu sagen, Sind Sie hier hergekommen? Die Mühe hätten Sie sich sparen können!“

Leslie Morgan trat hinter dem Wagen hervor, direkt auf Dan Garth zu, der ihn mit zusammengekniffenen Augen anstarrte. Kurz vor Garth' Pferd blieb Leslie stehen.

Die Männer des Ranchers hatten sich indessen etwas verteilt und McGhee blickte sich hilfesuchend um. Die Winchester würde ihm kaum etwas helfen, wenn es zum Kampf kam. Ein Hagel von Geschossen würde auf Leslie und McGhee niederprasseln und die beiden Männer zerfetzen. Leslie Morgan sah Garth direkt in die Augen. „Ich habe vor, die Ranch meiner Eltern wieder aufzubauen, Garth!“

„Schlagen Sie sich das aus dem Kopf.“

„...und da Sie schon einmal hier sind, kann ich Ihnen auch gleich folgendes mitteilen: Ich habe das Land bis zum Bear Creek gekauft!“ Leslie holte aus der Innentasche seiner Jacke ein Papier heraus und hielt es Garth unter die Nase. Der Rancher warf nur einen flüchtigen Blick darauf und spuckte dann aus.

„Was kümmert mich dieser Wisch! Hier galt immer die freie Weide!“

„Mag sein. Das ist aber nun vorbei! Vielleicht kümmert Sie dieser Wisch nicht, aber fest steht, dass ich als Eigentümer dieses Landes eingetragen bin, während Sie wahrscheinlich noch nicht einmal einen Besitztitel über den Grund haben, auf dem Ihre Ranch steht!“

Dan Garth' Gesicht wurde puterrot.

Man konnte förmlich sehen, wie es in dem Rancher zu kochen begann. Dieser einsame Reiter war nicht so verrückt, wie es zunächst den Anschein gehabt hatte. Er hatte ein paar Trümpfe im Ärmel und verstand sie auszuspielen.

„Sie sind ein toter Mann, Leslie Morgan!“, zischte Dan Garth düster.

Leslie packte die Urkunde wieder weg. „Ich werde Zäune ziehen, Garth! Und ich habe das Gesetz dabei auf meiner Seite! Jeder Richter wird das anerkennen!“

„Ich kann auf das Wasser vom Bear Creek nicht verzichten“, knurrte Garth. „Aber das weißt du kleine Ratte wohl! Ein genialer Plan, um mich fertzigzumachen!“ Garth lachte plötzlich rau und schlug sich auf die Schenkel. „Er hat nur einen Fehler! Du wirst tot sein, ehe du ihn verwirklichen kannst!“

Dan Garth griff zur Seite, um den Revolver herauszureißen. Und auch seine Männer griffen zu den Eisen.

Für sie war das Verhalten des Ranchers das Signal gewesen, auf dass sie lange gewartet hatten.

Sekundenbruchteile später blickten McGhee und Leslie in ein Meer von Mündungen.

Aber Dan Garth feuerte nicht.

Er hatte die Waffe noch nicht einmal ganz hochgerissen, da spürte er einen leichten Druck an seinem Bauch. Es war Leslies Linke, in der sich sein Derringer befand. Wahrscheinlich hatte er er die kleine Waffe die ganze Zeit über in seiner großen Pranke verborgen.

Jedenfalls war Dan Garth klar, dass er weder McGhee noch Leslie Morgan töten konnte, ohne selbst dran glauben zu müssen.

„Sagen Sie Ihren Leuten, dass sie die Eisen einstecken sollen“, sagte Leslie leise.

„Steckt die Waffen weg!“

„Aber, Boss!“

„Tut, was ich sage! Sonst drückt er seinen Derringer ab!“ Dan Garth war zweifellos ein harter Mann, aber im Moment schwang ein Anflug von Panik in seiner Stimme mit. Die Männer steckten die Waffen weg.

Leslie nahm Garth den Colt aus der Hand.

„Absteigen!“, zischte er dann. „Aber ganz langsam!“

Dan Garth wusste, dass er keine andere Wahl hatte, als zu gehorchen.

Leslie steckte den Derringer ein, packte Garth beim Kragen und zog ihn vom Pferd herunter. Garth spürte die Revolvermündung im Rücken und wusste, dass jeder Widerstand zwecklos war.

„Na, worauf warten Sie noch, Morgan! Warum drücken Sie nicht einfach ab? Das würden Sie doch am liebsten, oder?“

„Sagen Sie Ihren Männern, dass sie verschwinden sollen! Sie sollen zur Ranch zurückreiten!“

Garth atmete tief durch.

Dann rief er: „Verschwindet!“

Carter meldete sich zu Wort.

„Ist das Ihr Ernst, Boss?“„

„Nun macht schon! Reitet zurück zur Ranch! Dieser Wahnsinnige jagt mir sonst eine Kugel in den Rücken!“

Man konnte Carter ansehen, wie sehr er das hasste, was er jetzt zu tun hatte. Er knurrte etwas Unverständliches vor sich hin, dann riss er seinen Gaul herum und gab den Männern das Zeichen zum Aufbruch. Sie gehorchten.

Es dauerte nicht lange und die ganze Meute war hinter dem Horizont verschwunden.

„Wenn Sie mich töten, werden meine Leute Sie wie einen Hasen jagen, Mister Morgan!“, zischte Garth in ohnmächtiger Wut.

Auf Leslies Gesicht zeigte sich daraufhin nur ein müdes Lächeln.

„Glauben Sie wirklich?

„Sie können sich darauf verlassen!“

„Ich werde Sie nicht töten, Garth! Aber ich werde dafür sorgen, dass Ihre Herrschaft über dieses Land zu Ende geht! Und Sie werden nichts dagegen tun können!“

„Nehmen Sie den Mund nicht reichlich voll?“

Leslie ließ Garth einfach stehen und wandte sich dem Pferd zu, mit dem der Rancher gekommen war.

McGhee richtete indessen seine Winchester auf den Rancher und hielt ihn in Schach.

Leslie klopfte dem Tier den Hals ab.

Es war ein edles Tier.

Auf der Stirn hatte es eine eigentümliche, schwarz-weiße Zeichnung, die es unverwechselbar machte. „Ein Pferdedieb sind Sie inzwischen also auch schon...“, murmelte Leslie bitter, denn er hatte das Tier sofort wiedererkannt.

Es war das Pferd seines Vaters gewesen.

Leslie hatte noch gut in Erinnerung, wie schwer es gewesen war, den Mustang zuzureiten. Eine ganze Woche hatte Caleb Morgan dafür gebraucht.

Offenbar hatte das Tier bei dem Überfall aus dem brennenden Stall entkommen können.

„Das Tier trägt mein Brandzeichen!“, knirschte Dan Garth zwischen den Zähnen hindurch.

Leslies Augen wurden schmal, als er einen Blick auf das Hinterteil des Tieres warf.

„Das sieht doch ein Blinder, dass daran herumgepfuscht wurde“, stellte er kalt fest.

Dann schnallte er dem Tier den Sattel ab, nahm die Winchester aus dem Futteral und warf ihn Dan Garth anschließend vor die Füße.

„Was soll das, Morgan?“

„Im Gegensatz zu Ihnen ist mir fremdes Eigentum heilig. Nehmen Sie Ihren Sattel und verschwinden Sie...“

Garth stand mit offenem Mund da.

„Na, los, hören Sie schwer!“, mischte sich McGhee ein. „Sehen Sie zu, dass Sie wegkommen, ehe Mister Morgan es sich anders überlegt und Sie doch noch über den Haufen schießt! Grund genug hätte er dazu ja wohl!“

Dan Garth schluckte.

So schlimm war er noch nie gedemütigt worden. Aber diesem dahergelaufenen Paar würde er es schon zeigen!

Der Rancher schulterte also knurrend den Sattel und zog davon.

Als er ein paar Dutzend Yards zwischen sich und Leslie Morgan gelegt hatte, schrie er noch: „Das werden Sie bereuen, Morgan! Das werden Sie bitter bereuen!“

„Puh!“, meinte McGhee indessen an Leslie gewandt. „Ich habe ganz schön gezittert. Dann lachte er rau. „Aber Dan Garth auch - und das war es wert!“

„Es wird hart werden“, versprach Leslie Morgan düster. „Sehr hart...“

„Allein werden wir es schwer haben! Wäre nicht schlecht, wenn wir noch ein paar Verbündete hätten!“, gab John McGhee seiner Überzeugung Ausdruck.

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Ich bringe ihn um!“, schrie Dan Garth, noch immer außer sich vor Wut. Er befand sich inzwischen wieder auf seiner Ranch. Einer seiner Cowboys hatte den Rancher aufgelesen und nach Hause gebracht.

Zusammen mit Carter saß er in der Wohnstube.

„Sie hatten uns befohlen, nichts zu unternehmen“, erwiderte der Vormann schwach.

„Sicher“, knurrte der Rancher und ließ erneut die Faust auf den Tisch sausen.

„Sie währen nicht unverletzt davongekommen, wenn wir uns geregt hätten“, erklärte Carter kühl. „Das sollten Sie bedenken.“

Dan Garth atmete tief durch.

Sein Koch ziemlich beleibter und fast zwei Metzer große Koch stellte ihm indessen sein Essen hin. Aber Garth schien nicht besonders viel Appetit zu haben. Nach ein paar Bissen schob er den Teller bei Seite.

Carter strich sich unterdessen über den dünnen Oberlippenbart und lehnte sich zurück.

„Sie sollten sich so schnell wie möglich auch eine Besitzurkunde über Ihr Land besorgen, Mister Garth!“

„Was redest du da! Ich habe diese Ranch aufgebaut, meine Rinder grasen hier seid zwanzig Jahren! Verdammt nochmal, ich denke nicht daran!“

„Das sollten Sie aber, Boss! Ich habe auch schon von diesem neuen Gesetz gehört. Gerüchteweise, aber immerhin. Und es werden andere kommen, um sich hier festzusetzen. Genau wie Garth werden sie ein Papier in der Tasche tragen, das Ihnen jedes Recht dazu gibt! Und da wird Ihnen auf die Dauer auch Sheriff Wheaton nicht helfen können!“

Garth blickte seinen Vormann wütend an.

Aber dann nickte der Rancher.

Carter hatte recht.

„Ich werde mich darum kümmern“, brummte er.

„Und zwar so schnell wie möglich, Boss!“

„Sicher.“

„Aber zuerst werde ich dafür sorgen, dass dieser Leslie Morgan mir hier nicht mehr auf der Nase herumtanzt!“

Carter machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Der wird eine Weile brauchen, um seine Zäune zu ziehen. Schließlich hat er nur diesen alten Schwarzen als Hilfe!“

„Trotzdem“, erwiderte Garth. „Wenn ich hier nicht sofort hart durchgreife, werden andere in der Gegend ebenfalls versuchen, sich gegen mich zu erheben.“

„Was schlagen Sie vor, Boss?“

„Er bekommt eine Kugel in den Kopf. Wie viel Männer brauchst du, um das zu erledigen, Carter?“

Ein zynisches Grinsen ging über Carters Gesicht.

„Ich suche mir ein paar gute Schützen aus, okay?“

In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen.

Ein Mann kam herein. Es war Kendall, einer von Garth' Cowboys. Er hielt sich die Schulter und als er sich herumdrehte, war zu sehen, dass sie blutrot war...

Carter pfiff durch die Zähne.

„Scheint, als gäbe es noch mehr Ärger“, meinte er, während der Cowboy sich auf einen der Stühle fallenließ.

„Was ist passiert?“, fragte Dan Garth mit einem Gesicht, das wirkte, als wäre es zu Granit erstarrt.

„Es war auf der Nordweide“, berichtete Kendall. Er keuchte. Seine Wunde sah schlimm aus, aber dafür hatte Garth kein Auge.

„Weiter!“, forderte er.

„Shaw tauchte mit seinen Leuten auf. Ehe wir uns versahen waren fünf von uns tot!“

Inzwischen kam der riesige Koch herbei und stellte Kendall eine Whiskeyflasche hin. Dieser nahm einen ausgiebigen Schluck, ehe er fortfuhr.

„Es kam zur Schießerei“, raunte er. „Ich bin der einzige, der überlebt hat!“

„Verdammt!“

Garth' flache Hand knallte auf den Tisch.

Das hatte ihm gerade noch gefehlt!

„Nicht genug, dass dieser größenwahnsinnige Leslie Morgan aus der Versenkung auftaucht - jetzt haben wir auch noch einen handfesten Weidekrieg am Hals!“

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Wir haben eine Menge Glück gehabt und ich frage mich, ob wir uns dauernd darauf verlassen sollten“, meinte McGhee, als sie am Abend zur Stadt zurückkehrten. Er saß auf dem Kutschbock des Pferdewagens, den sie zuvor flottgemacht hatten. Leslie Morgan hob die Augenbrauen

„Bis jetzt läuft es doch nicht schlecht“, meinte er. „Ich weiß gar nicht, was Sie so herumjammern, McGhee!“

„Liegt vielleicht an dem riesigen Loch, das sich in meinem Magen befindet!“

Sie hatten damit angefangen, einen Zaun zu ziehen und und den ganzen Tag hart gearbeitet.

Weder die Leute von Garth noch Shaws Mannschaft hatten sie dabei behelligt.

Es war schon fast etwas zu glatt gegangen.

Von Amarillo her kam jemand auf sie zugeritten. Leslie Morgan zügelte sein Pferd und zog sich den Hut etwas ins Gesicht, um besser gegen die tiefstehende Abendsonne blicken zu können.

Er sah die lange blonde Mähne im Wind sehen und dann wusste er, wer da kam.

Miss Casey.

Sie war eine passable Reiterin, auch wenn das tief ausgeschnittene Kleid mit den bauschigen Röcken, das sie im Saloon trug, nicht unbedingt als Reitkleidung taugte. Als sie Leslie und McGhee erreicht hatte, zügelte sie ihren Gaul.

„Was gibt es? Sie reiten ja wie der Teufel!“, sagte Leslie.

„Im Dead Indian warten ein paar üble Kerle auf Sie, Les! Reiten Sie nicht weiter!“

„Was sind das für Kerle?“

„Leute von Dan Garth natürlich. Sie sind in den Saloon gekommen, haben die Gäste verjagt und jetzt warten Sie dort auf Ihre Rückkehr. Ich konnte mich unter einem Vorwand davonmachen...“

„Dan Garth hat nicht lange gewartet“, kommentierte John McGhee grimmig.

Leslies Blick hing indessen an Miss Caseys wunderschönen blauen Augen. Er mochte diese Augen. Es war unmöglich zu sagen, warum, aber fühlte sich von ihnen magisch angezogen.

„Ich danke Ihnen für die Warnung“, sagte er dann sehr ruhig. Sie strich sich die Strähnen aus dem Gesicht und rief: „Es geht um Ihr Leben, Les! Um Ihres und das von Ihrem schwarzen Freund! Verschwinden Sie so schnell wie möglich! Für die Nacht werden Sie sicher irgendwo ein Versteck finden können!“

Aber Leslie schüttelte energisch den Kopf. „Ich bin einmal davongelaufen. Damals, vor drei Jahren. Aber da hatte ich keine andere Wahl und außerdem ein paar Kugeln im Körper...“

„Les...“

„Wie viele Männer sind es?“

„Fünf oder sechs.“

„Haben Sie eine Ahnung, wo sie ungefähr stecken?“

„Es ist sicher jemand in Ihrem Zimmer, denn sie haben sich die Zweitschlüssel genommen.“

„Gut, dass ich das weiß, Ma'am!“

„Zwei gegen sechs. Das werden wir schon schaffen!“, erklärte McGhee zuversichtlich.

Und Miss Casey ergänzte: „Wir sind zu dritt! Ich kann sehr wohl mit einer Winchester umgehen!“

Aber davon wollte Leslie Morgan nichts wissen. Er wusste es wohl zu schätzen, dass Miss Casey und McGhee auf seiner Seite standen.

Aber gegen Dan Garth' eisenharte Bluthunde hatten die beiden keine Chance. Sie würden ihnen nur ins offene Messer rennen. Und das wolle Leslie auf keinen Fall zulassen.

„Nein“, sagte er. „Das werde ich allein erledigen...“

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Es war kaum etwas los in Amarillo und das war für die Tageszeit schon recht merkwürdig.

Aber Leslie Morgan spürte die Blicke, die auf ihn gerichtet waren.

Die Städter saßen an den Fenstern und lauerten. Und sie hätten seelenruhig zugesehen, wie Leslie Morgan in seinen Tod ritt. Sie hatten das kommende Unheil gespürt wie ein aufziehendes Gewitter und sich verkrochen, um nichts abzubekommen. Man konnte es ihnen nicht verdenken.

Kurz bevor jener Teil der Main Street begann, an dem der Dead Indian-Saloon lag, bog Leslie in eine Seitenstraße ein. Er hatte nicht die geringste Lust, der Meute direkt in die Arme zu laufen.

Er ritt die Seitenstraße ein Stück entlang, zügelte dann sein Pferd und machte es irgendwo fest. Dann überprüfte die Ladung seines 45er Colts und ging weiter, bis er die Rückfront des Dead Indian zu sehen bekam.

Leslie blickte sich um.

Nirgends war eine Menschenseele zu sehen.

Aber wenn sie schon mit sechs Mann ankamen, um ihn zur Strecke zu bringen, dann war es ziemlich wahrscheinlich, dass einer der Kerle den Auftrag hatte, dafür zu sorgen, dass er sich nicht von hinten in den Saloon schlich.

Vor dem Saloon befand sich ein unansehnliches Lagerhaus, von dessen Dach aus man in die Zimmer des Obergeschosses vom Dead Indian gelangen konnte.

Leslie fackelte nicht lange, sondern begann hinaufzuklettern. Von einem herumstehenden Pferdewagen aus bekam er einen überhängenden Balken zu fassen. Von dort aus war es eine Kleinigkeit.

Leslie stand auf dem zum Glück nicht allzu schrägen Dach des Lagerhauses und ging dann vorsichtig in Richtung Saloon. Zum Glück gab es im Dead Indian kein Fenster, von dem aus man ihn im Moment sehen konnte.

Dann setzte Leslie zum Sprung über die vielleicht zwei Meter an, die zwischen Saloon und Lagerhaus lagen. Er landete auf dem Dach der hinteren Veranda und rutschte beinahe ab. Aber nur beinahe.

Er krallte sich irgendwo fest und und presste sich an das Holz. Einige Augenblicke lang verhielt er sich dann ganz ruhig, denn er hatte jetzt eine Menge Krach gemacht und konnte nur hoffen, dass die Kerle, die da drinnen auf ihn warteten, die Geräusche für etwas Harmloses hielten.

Dann ging es weiter.

Leslie erhob sich.

Vor ihm lagen die Fenster der Rückfront-Zimmer. Eine Kleinigkeit, eins davon hochzuschieben und einzusteigen. Aber wenn es das falsche war, dann war er tot. Leslie nahm den Revolver in die Rechte, schob eines der Fenster hoch und stieg vorsichtig ein.

Drinnen herrschte Halbdunkel

Aber es war niemand dort.

Leslie hörte aus den anderen Räumen Stimmen.

„Hey, Bud, war da nicht etwas?“

„Du hörst Gespenster!“

„Der verdammte Bastard lässt sich aber 'ne Menge Zeit!“

„Er wird schon kommen! Pass lieber auf, dass du den Moment nicht verpasst! Du hast ja gesehen, wie gefährlich und schnell er ist. Der erste Schuss muss sitzen. Wir werden ihm keine Chance lassen!“

Jemand ging mit schweren Schritten den Flur entlang und dann die Treppe hinunter.

Er pfiff dabei vor sich hin.

Leslie wartete noch einen Moment, dann öffnete er vorsichtig die Zimmertür.

Durch den Spalt konnte er niemanden sehen. Die Luft schien rein zu sein.

Also öffnete er die Tür ganz und trat hinaus. Sein Blick ging hinüber zu seiner eigenen Zimmertür, der Nummer 7.  Miss Casey hatte gesagt, dass dort einer der Kerle zu finden war.

Den würde er sich zuerst vornehmen.

Er schlich sich heran und spannte den Hahn des 45ers in seiner Rechten.

Die Tür stand sogar einen Spalt offen, durch den man allerdings nichts sehen konnte. Mit einer schnellen Bewegung riss Leslie die Tür auf.

Vor ihm tauchte ein völlig verdutzter dunkelhaariger Mann auf, der sich auf Leslies Bett gelegt hatte und gerade damit beschäftigt war, Patronen in das Magazin einer Winchester hineinzuschieben.

Leslie kannte den Kerl.

Er hieß Bates und war schon ziemlich lange bei Garth' Mannschaft. Einer von denen, der sich nicht zu fein für die Drecksarbeit waren.

Auch, wenn es um besonders dreckige Arbeit ging. Der Dunkelhaarige hielt mitten in der Bewegung inne, als er die Revolvermündung erblickte.

Alles hing einen Moment lang in der Schwebe.

„Ein Laut und du bist tot!“, zischte Leslie Morgan, während er hinter sich die Tür schloß. Ein dünnes Lächeln ging über sein Gesicht. „So schnell hast du nicht mit mir gerechnet, was?“

Bates wagte es nicht, auch nur einen einzigen Muskel zucken zu lassen.

Und das war gut so.

Leslie Morgan ging zu ihm hin, nahm ihm die Winchester aus der Hand und zog ihm den Colt aus dem Holster. Leslie öffnete den Revolver und ließ die Patronen auf den Boden klackern. Dann warf er dem dunkelhaarigen Bates die Waffe wieder hin.

Dasselbe machte er mit der Winchester.

Bates runzelte die Stirn.

„Was soll das?“, fragte er.

„Abwarten.“

„Wenn du jetzt abdrückst, werden die anderen es hören. Dann bist du ein toter Mann, Morgan!“

„Du allerdings auch.“

Bates machte die Augen schmal. In seinem Gesicht stand Verwunderung. Verwunderung darüber, dass Leslie Morgan ihn nicht gleich umgebracht hatte.

„Was... was hast du vor?“

„Steh auf!“, befahl Leslie.

Bates gehorchte.

„Und dann?“

„Zur Tür. Und dann den Flur entlang und die Treppe hinunter. Wo sind die anderen?“

„Im Schankraum. Unten.“

„Alle?“

„Ja.“

„Wir gehen zusammen nach unten in den Schankraum, wo deine Freunde warten!“

„Du bist wahnsinnig!“

Leslie lachte rau.

„Sie werden mir schon nichts tun. Schließlich wirst du vorangehen, Bates!“

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Bates, was zum Teu...“

Die Kerle wirbelten herum und erstarrten mitten in der Bewegung, als Leslie mit Bates die Treppe hinunterkam. Carter, der Vormann saß an einem der Tische und hatte sich gerade ein Glas Whiskey eingegossen.

Zwei finstere Kerle saßen bei ihm, beide mit einer Winchester auf den Knien.

Ein hochgewachsener Rotschopf stand beim Schanktisch und starrte Leslie an, als stünde der Leibhaftige vor ihm. Einer kam von draußen herein und erstarrte dann ebenfalls. Er hatte wohl auf der Straße Posten bezogen, um rechtzeitig Bescheid zu geben, wenn der Mann, den sie umbringen wollten, herannahte.

„Keiner bewegt sich!“, sagte Leslie ruhig.

Einen Moment lang hing alles in einer gefährlichen Schwebe. Die Wölfe blickten zu Carter hinüber. Leslie wusste nur zu gut, dass es auf den Vormann ankommen würde.

Zog er, würden sie alle ziehen.

„Was soll das werden, Morgan?“, zischte Carter gallig und strich sich dabei über den dünnen Oberlippenbart. In dem bleichen Gesicht zuckte es. Die Augen blitzten gefährlich. Er tat, als wollte er zum Whiskeyglas greifen, aber seine Hand ging zum Revolver.

Er riss das Eisen heraus und ballerte los.

„Nein!“, gellte ein Schrei. Das war Bates, der in Panik geriet. Carter war unglaublich schnell, aber sein erster Schuss traf nicht Leslie Morgan, sondern Bates, der getroffen zusammensackte und die Treppe hinunterrutschte. Zu einem zweiten Schuss kam der Vormann der Garth-Mannschaft nicht mehr. Leslie hatte seinen 45er Colt abgefeuert und ein Sekundenbruchteil später war mitten auf Carters Stirn ein roter Punkt zu sehen, der rasch größer wurde. Carters Gesichtszüge erstarrten. Die Wucht des Geschosses drückte ihn gegen die Stuhllehne, sodass er anschließend schlaff und leblos dasaß. Carters Schuss war das Signal für anderen gewesen. Die Kerle am Tisch hatten die Winchester-Gewehre emporgerissen und ließen ein wahres Feuerwerk los. Ein mörderischer Geschosshagel prasselte in Leslies Richtung, der sich nur mit einem verzweifelten Sprung zur Seite retten konnte. Das Treppengeländer brach.

Holz splitterte, während Leslie die Kugeln nur so um die Ohren flogen. Eines der Geschosse riss ihm den Hut vom Kopf. Ziemlich unsanft landete Leslie hinter dem Schanktisch. Seine Schulter schmerzte ziemlich von dem Aufprall, aber er hatte keine Zeit, sich darum zu kümmern.

Eine Salve von Gewehrschüssen räumte die Flaschen aus den Regalen und ließen einen Scherbenregen über Leslie niedergehen. Dann tauchte Leslie aus seiner Deckung hervor und feuerte blitzschnell hintereinander zwei Schüsse über den Schanktisch. Einen der Kerle erwischte er mit einem Bauchschuss. Einen zweiten am Bein.

Der Mann schrie auf und ballerte wie wild mit seiner Winchester herum.

Leslie musste sich ducken, tauchte einen Augenaufschlag später wieder hervor und streckte seinen Gegner mit einem Schuss in die Herzgegend nieder. Die Winchester fiel dem Kerl aus der Hand und er schlug mit einen hässlichen Geräusch der Länge nach hin.

Jetzt schoss niemand mehr.

Leslie erhob sich und ließ den Blick umherschweifen. Der Rothaarige fehlte.

Einen Augenblick später hörte man ein Pferd wiehern, so als ob ihm jemand die Sporen in die Weichen trieb. Leslie rannte hinaus.

Als er den Gaul ohne Reiter die Main Street entlangpreschen sah, wusste er, dass der Rotschopf ihn in eine Falle hatte laufen lassen.

Alles, was dann geschah, ging unglaublich schnell. Leslie wirbelte instinktiv herum.

Das nächste, was er sah, war das giftig aufblitzende Mündungsfeuer eines Revolvers...

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Das Gesicht des Rothaarigen war eine grimmige Maske, während er seinen 45er abfeuerte.

In seinen Augen leuchtete der Tod.

Zwei Schüsse krachten kurz hintereinander und Leslie Morgan wusste in dieser Sekunde, dass sein Leben an einem hauchdünnen Faden hing.

Katzengleich hatte Leslie sich zur Seite fallen lassen, sodass die Bleikugeln des Rothaarigen millimeterscharf an seinem Kopf und seinem Oberkörper vorbeijagten.

Leslie rollte sich auf dem Boden ab, während dicht neben ihm ein Geschoss den Staub der Straße zu einer kleinen Fontäne werden ließ.

Dann riss er seinen Colt hoch und feuerte.

Es war nur ein einziger Schuss, den Leslie Morgan abgab, aber der saß und traf den Rotschopf mitten in die Brust. Eine Sekunde lang stand dieser schwankend da, während sein Hemd rot wurde.

Dann fiel er schwer zu Boden.

Mit dem Gesicht nach unten.

Leslie erhob sich indessen und steckte den Revolver zurück ins Holster. Er klopfte sich den Staub von den Sachen und ließ den Blick die Main Street entlangschweifen.

Es dauerte nicht lange und ein Pferdewagen und ein Reiter kamen die Main Street entlang.

Leslie sah Miss Caseys blonde Mähne hinter ihr herwehen. Die junge Saloonerin sprang aus dem Sattel und lief zu Leslie hin. „Ich bin froh, dass Ihnen nichts passiert ist, Les!“

„Es war knapp.“

Unterdessen deutete McGhee auf den Toten und fragte: „Was ist mit den anderen Bluthunden?“

„Sie leben nicht mehr“, sagte Leslie düster.

Und dann regte sich bald auch wieder etwas auf der Main Street von Amarillo. Die Städter kamen aus ihren Häusern heraus und es dauerte nicht lange, bis sich eine Menschentraube gebildet hatte.

Einige liefen in den Saloon und sahen, was dort geschehen war.

„Diese Mörder haben es nicht besser verdient!“, meinte einer der Männer.

Und ein anderer meldete sich zu Wort: „Es wurde Zeit, dass mal einer Dan Garth und seiner Höllenmeute die Grenzen zeigt! Von unserem Sheriff kann man das ja wohl kaum erwarten!“

Dann gab ein Wort das andere.

„Machen wir ihn dch zum Sheriff!“

„Ja, setzen wir Wheaton, diesen Handlanger von Dan Garth, endlich ab!“

„Schließlich sind wir die Bürger von Amarillo und haben das Recht, unseren Sheriff zu wählen!“

Ein dicker Mann in einem für die Gegend entschieden zu feinen Anzug wandte sich an Leslie Morgan.

Leslie kannte ihn.

Es war Grant Collins, der Besitzer der einzigen Frachtlinie in Amarillo. In den Saloons erzählte man sich schon seit Jahren, dass er einen Teil seines Gewinnes an Dan Garth abführte, damit der seine Wagen passieren ließ.

„Wie wär's, Mister Morgan? Sie sind der einzige weit und breit, der hier endlich dafür sorgen könnte, dass endlich Gesetz und Ordnung in Amarillo und Umgebung herrschen - und nicht die Launen von Dan Garth!“

„Ihr habt doch einen Sheriff“, erwiderte Leslie Morgan ironisch.

Seine Stimme hatte einen abweisenden Tonfall, der Grant Collins schlucken ließ.

„Sie wissen doch, dass Wheaton Garth' Mann ist...“

„Gehen wir zum Office und setzen den Kerl ab!“, rief jemand anderes.

„Ja, los!“

Leslie Morgans Augen wurden zu schmalen Schlitzen, während er den Blick über die Leute schweifen ließ. Jetzt war ihnen Recht und Ordnung plötzlich wichtig, aber damals, vor drei Jahren, hatte keiner von ihnen auch nur einen Muck gesagt...

Leslie hatte nicht die geringste Lust, für diese Leute seinen Kopf hinzuhalten.

Trotzdem nickte er Collins zu.

„Ich nehme den Job“, knurrte er, obwohl er wusste, dass es ein Höllenjob war.

Aber da er sowieso auf Dan Garth' Todesliste an erster Stelle stand, spielte das für ihn keine Rolle.

Mit dem Stern an der Brust hatte er die Chance, sein Ziel noch schneller zu erreichen, als mit seinem ursprünglichen Plan. Dan Garth und Jesse Shaw würden für das, was vor drei Jahren passiert war zur Rechenschaft gezogen werden!

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Mit Leslie Morgan an der Spitze zog die Menge zum Sheriff Office.

„Kommen Sie raus, Wheaton!“, rief Collins.

Und ein paar andere fielen ein: „Aufmachen!“

Es rührte sich nichts.

Fast so, als wäre Wheaton gar nicht dagewesen. Mit einem Tritt öffnete Leslie Morgan die Tür. Bill Wheaton stand in einer Ecke wie ein wildes Tier, das man in die Enge getrieben hatte. Er musste durchs Fenster mitbekommen haben, was sich da gegen ihn zusammengebraut hatte. Jetzt hielt er in der einen Hand seinen Colt und in der anderen eine Shotgun.

Und zu allem Überfluss wirkte er ziemlich nervös.

„Zurück!“, fauchte er.

„Sehen Sie die Leute da draußen?“, fragte Leslie, dessen Hand unmerklich zur Hüfte gewandert war. „Die wollen einen neuen Sheriff!“

„Sie sind abgesetzt, Wheaton!“, erklärte Grant Collins nun, nachdem er endlich seine Sprache wiedergefunden hatte. „Die Bürger von Amarillo wollen, dass Leslie Morgan ihr neuer Sheriff wird!“

Wheaton verzog das Gesicht. In seinem einzigen Auge flackerte es unruhig. Er lachte wie irre.

„Das habt ihr euch ja fein ausgedacht!“, zischte es zwischen seinen dünnen Lippen hindurch.

„Machen Sie keine Schwierigkeiten“, sagte Grant Collins. Bill Wheatons einäugiges Gesicht verzog sich zu einer hasserfüllten Maske.

„So mutig geworden, Collins?“

„Ihre Zeit ist um, Wheaton! Die Leute wollen es so. Nehmen Sie Ihre Shotgun, setzen Sie sich auf Ihren Gaul und verschwinden Sie!“

Wheatons Blick hing an Leslies dunklen Augen. Der Einäugige schien zu ahnen, dass Leslie ihn nicht einfach ziehen lassen würde... Schließlich war er der Mörder von Ray Morgan...

Und dann feuerte Wheaton seine Shotgun und den Revolver gleichzeitig ab.

Aber Leslie hatte das vorausgeahnt.

Blitzschnell hatte er den Colt aus dem Holster gerissen und gefeuert. Sein Schuss traf Wheaton in die Schulter und riss ihn nach hinten, sodass die Ladung der Shotgun in die Decke ging, während die Revolverkugel dicht über Leslies Kopf pfiff und den Türsturz ankratzte.

Es machte klick! als Leslie den Revolverhahn dann erneut spannte.

Wheaton stöhnte.

Er wusste, dass er verspielt hatte.

„Waffen fallenlassen!“, rief Leslie. Wheaton gehorchte. Es war seine einzige Chance.

„Das wirst du bereuen, Morgan!“, krächzte Wheaton. Leslie sah ihn mit regungslosem Gesicht an. „Du hast meinen Bruder ermordet, Wheaton! Ich war dabei und habe es mit angesehen!“

„Pah!“, machte Bill Wheaton und hielt sich die blutende Schulter.

Leslie schluckte und fuhr dann fort: „Meine erste Amtshandlung als Sheriff von Amarillo wird darin besten, dich in eine Zelle zu stecken! Irgendwann wird dann ein Richter und eine Geschworenen-Jury entscheiden, was mit dir geschieht. Ein fairer Prozess - das ist sehr viel mehr, als mein Bruder und meine Eltern bekommen haben!“

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Du hättest dich nicht mit Dan Garth anlegen sollen, Jesse!“

Jesse Shaw stand am Fenster und blickte in die Nacht hinaus. Jetzt wirbelte er herum. Sein feistes Gesicht hatte sich ärgerlich verzogen.

Vor ihm stand Glenda, ein ehemaliges Saloon-Girl, dass seit einiger Zeit bei ihm auf der Ranch wohnte.

„Misch dich nicht in meine Angelegenheiten“, zischte er wütend.

„Wenn hier alles den Bach runtergeht, ist das auch meine Angelegenheit!“, sagte die dunkelhaarige Glenda, die wohl immer noch darauf hoffte, dass Jesse Shaw sie eines Tages heiratete und zur Ranchersfrau machte.

Aber im Moment hatte Shaw andere Sorgen.

Er wandte sich an Glenda.

„Meine Leute haben Garth' Leute von der Nordweide vertrieben. Was willst du mehr?“

„Sie haben fünf seiner Leute erschossen! Das bedeutet Krieg, Jesse! Dan Garth wird dich zerquetschen, denn auf die Dauer hat er die besseren Karten!“

Shaw machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Du bist eine Frau und hast von solchen Dingen keine Ahnung!“

Glendas Gesicht lief puterrot an. So etwas ließ sie sich nicht sagen. Sie stemmte ihre schlanken Arme in die geschwungenen Hüften und sagte: „Ich habe mehr Verstand im Kopf, als du, Jesse! Zumindest wäre ich nicht so dumm gewesen und hätte jetzt schon einen Kampf mit Garth vom Zaun gebrochen. Du hättest warten können...“

„Warten?“, lachte Shaw. „Worauf? Ich musste handeln! Früher oder später wäre Garth sonst damit angefangen! Er hat zusätzliche Rinder gekauft und seine Herde vergrößert! Bald wäre auch für mich kein Platz mehr gewesen!“

„Du hättest warten sollen, bis er sich an diesem Leslie Morgan die Zähne ausgebissen hat!“

Ein Pferd preschte draußen vor das Ranchhaus. Das Geräusch der Hufen war deutlich zu hören. Ein Mann sprang ab und und stürmte ohne anzuklopfen in das Ranchhaus hinein. Es war Barry, einer der Cowboys.

„Was ist los?“, knurrte Shaw.

Barry war ziemlich außer Atem. „Ich komme aus der Stadt!“, rief er. „Dort haben sie Leslie Morgan zum Sheriff gemacht!“

„Das ist nicht wahr!“

„Er ist mit einem halben Dutzend Killern fertiggeworden, die Dan Garth ihm auf den Hals gehetzt hatte. Und da dachten die Leute...“

„Verdammt!“, schimpfte Shaw. Seine Hände ballten sich grimmig zu Fäusten.

Barry berichtete indessen in knappen Worten von dem, was er in der Stadt gehört hatte.

Leslie Morgan wird auch mit mir abrechnen wollen, ging es dem Rancher durch den Kopf. Und jetzt hatte er sogar einen Stern an seiner Brust...

In diesem Moment verwünschte er sich dafür, damals an der Seite von Garth und seinen Leuten mitgeritten zu sein, um die Morgans zu vertreiben.

Aber es war nicht mehr zu ändern.

Jetzt nicht mehr.

Was geschehen war, war geschehen und die Toten konnte kein Mensch wieder zurückholen.

Plötzlich von draußen her Geräusche zu hören. Reiter.

Mindestens ein Dutzend.

Jesse Shaw war sofort klar, dass das nicht seine eigenen Leute sein konnten, denn die meisten von ihnen bewachten jetzt die Herden, um zu verhindern, dass Garth' Leute sich irgendeine Gemeinheit damit ausdachten.

Nur einen Augenblick später fielen ein paar Schüsse. Ein Todesschrei gellte. Offenbar hatte es einen der Wachtposten erwischt.

„Garth, dieser Hund!“, zischte der Rancher finster. Jesse Shaw riss eine Winchester aus dem Gewehrständer, lud die Waffe mit einer energischen Bewegung durch und lief vor die Tür. Barry folgte ihm mit gezogenem Revolver. Dunkle Gestalten hoben sich gegen das fahle Mondlicht ab. Reiter mit fackeln preschten durch die finstere Nacht. Shaw riss sofort die Winchester hoch und feuerte wild drauflos. Einer der schattenhaften Reiter schrie auf.

Sein Gaul stellte sich auf die Hinterhand und ließ den Mann schwer in den Staub fallen.

Einen zweiten holte Shaw noch aus dem Sattel und hörte er, wie es knisterte. Nicht lange und bei den Stallungen und den Baracken der Cowboys loderten die Flammen hell empor. Das Holz, aus dem sie errichtet waren, war staubtrocken. Monatelang hatte es nicht geregnet.

„Feuer!“, rief jemand.

Die Reiter waren so schnell wieder weg, wie sie gekommen waren. Shaw sah ihre schemenhaften Gestalten über das nächtliche Grasland reiten. Der Rancher rannte ein Stück hinter ihnen her.

Zwei seiner Cowboys sah er tot im Staub liegen, ein dritter schien verletzt.

Ohnmächtige Wut hatte Shaw erfasst.

Er feuerte hinter den Davonreitenden her, bis sein Winchestermagazin leergeschossen war.

Sie waren kaum noch zu sehen und nach wenigen Augenblicke hatte die Schwärze der Nacht sie verschluckt.

„Los!“, rief Barry. „Wir müssen verhindern, dass das Feuer auf das Wohnhaus übergreift!“

Shaw stand wie angewurzelt da. Er rührte sich nicht von der Stelle. Dann spürte er von hinten Glendas Berührung.

„Dan Garth macht ernst!“, sagte sie.

„Ja“, knurrte er düster. Vielleicht hatte sie wirklich recht gehabt und es war zu früh gewesen, sich gegen Garth aufzulehnen. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr, sondern nur noch einen Kampf auf Leben und Tod.

„Du musst dich mit Leslie Morgan zusammentun, Jesse!“, meinte Glenda.

Shaw lachte rau.

„Morgan wird mich umbringen oder ins Loch stecken - aber er wird den Teufel tun, mir zu helfen!“

„Wenn er klug ist, wird er! Schließlich habt ihr einen gemeinsamen Feind!“

„Du weißt doch genauso gut, wie jeder anderer hier, dass ich damals vor drei Jahren...“ Er sprach nicht weiter. Shaw wurde plötzlich ruhig.

Er sah in Glendas Augen

Dann murmelte er: „Vielleicht hast du recht!“

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Leslie Morgan hatte McGhee zum Deputy gemacht und keiner der Bürger hatte dagegen etwas einzuwenden gehabt.

„Was werden wir jetzt tun?“, fragte der Schwarze, während sie im Dead Indian saßen und sich von Miss Casey das Frühstück servieren ließen. „Ich schätze, Sie haben nicht vor, heute Zäune zu setzen?“

„Nein, das kann erstmal warten“, erwiderte Leslie. „Ich schätze, dass Garth bald die Entscheidung suchen wird... Wir werden nicht mehr allzu lange auf ihn warten müssen...“

Leslie nippte an dem heißen Kaffee.

„Was ist denn mit dem Gefangenen?“, erkundigte sich Miss Casey.

„Er wird uns kaum weglaufen, selbst wenn wir die Tür offenließen“, meinte Leslie. „Der Arzt war bei ihm. Der Kerl kann froh sein, wenn er überlebt.“

„Damit er dann an den Galgen kommt?“, fragte McGhee. Leslie zuckte die Achseln.

„So ist das Gesetz.“

In diesem Moment kam einer der Städter durch die Schwingtür.

„Da kommen sieben oder acht Reiter in die Stadt, Sheriff! Die haben schon nach ihnen gefragt!“

„Garth!“, zischt es zwischen McGhees Lippen hindurch. Aber der Mann schüttelte den Kopf.

„Nein. Das ist Jesse Shaw mit seinen Leuten!“

„Ich bin sowieso mit dem Essen fertig“, sagte Leslie und ging durch die Schwingtüren hinaus auf die staubige Main Street von Amarillo.

McGhee folgte ihm, nicht ohne die Winchester mitzunehmen. Shaws Leute ritten in einer Reihe nebeneinander, ihr Boss in der Mitte. Und eine Frau war auch dabei - Glenda, das ehemalige Saloon-Girl. Leslie kannte sie noch aus jener Zeit, als sie noch Cowboys zum Whiskey-Trinken animiert hatte... In einiger Entfernung zügelten sie die Pferde. Leslie Morgans Augen wurden indessen schmal, seine Hand ging unwillkürlich in die Nähe des Revolvers. Nur zu gut erinnerte er sich an dieses feiste Gesicht - damals an jenem Tag vor drei Jahren, der unlöschbar in sein Gedächtnis eingebrannt war.

„Ich frage mich, was dieser Bastard hier will“, knirschte der Sheriff kaum hörbar zwischen den Lippen hindurch und trat ein paar Schritte vor.

„Leslie Morgan, ich will mit Ihnen reden!“, rief Shaw herüber. Der Rancher schob sich den Hut in den Nacken und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Reden Sie!“, knurrte Leslie.

„Dan Garth' Männer haben mir gestern die Ranch angezündet! Es ist alles niedergebrannt. Die Flammen sind auch auf das Wohnhaus übergesprungen, obwohl wir die ganze Nacht alles versucht haben...“

„Mein Mitleid hält sich in Grenzen“, erwiderte Leslie Morgan kalt.

„Ich weiß, was Sie über mich denken. Morgan...“

„Sie gehören zu denen., die meine Eltern und meinen Bruder getötet haben! Ihr Platz ist am Galgen, Shaw!“

„Es war damals nicht meine Idee, die Ranch niederzubrennen und alle zu erschießen!“

„Ach, nein?“

„Ich wusste nichts davon, als wir aufbrachen. Es hieß, dass euch Morgans kräftig eingeheizt werden sollte, damit ihr endlich aus dieser Gegend verschwinden würdet... Von Mord war nicht die Rede!“

Leslie musste tief durchatmen bevor er sprach. Es fiel ihm nicht Leicht, die Fassung zu bewahren.

„Genau das ist aber passiert, Shaw!“

„Dan Garth hatte es befohlen!“

„Und Sie sind mitgeritten, Shaw!“

„Ja, das bin ich. Es war ein Fehler!“

Leslie lachte rau und freudlos. „Ein bisschen einfach machen Sie es sich da, finden Sie nicht, Shaw?“

Shaw hob die Hände.

„Was sollte ich denn machen? Mich gegen Dan Garth und seine Meute auflehnen? Ich habe es jetzt versucht und mir eine blutige Schnauze dabei geholt! Vielleicht war ich damals ein verdammter Feigling, aber jetzt müssen wir nach vorne blicken, Morgan!“

Leslie hob die Augenbrauen.

„So? Wie soll das aussehen?“

„Wir sollten uns zusammentun gegen Garth! Er ist unser beider Feind. Warum also nicht?“

Blitzschnell ging Leslie Morgans Rechte Hand zum Revolvergriff. Mit katzengleicher Eleganz brachte er die Waffe in Anschlag und spannte den Hahn.

Der Lauf deutete auf Shaw.

Das Ganze dauerte nicht länger als einen Augenaufschlag.

„Steigen Sie ab, Shaw!“

„Verflucht, was soll das?“, rief der Rancher unwirsch. „Wollen Sie sich von meinen Männer durchlöchern lassen, damit Dan Garth am Ende triumphiert, wenn wir uns gegenseitig umgebracht haben?“

„Ich habe gesagt absteigen - und ich werde es nicht einmal sagen!“, rief Leslie.

Shaw stieg langsam aus dem Sattel.

Und zur gleichen Zeit spürte Leslie die Hand von McGhee auf seiner Schulter.

„Er hat recht!“, meinte er.

„Was?“

„Sie müssen über Ihren Schatten springen, Mister Morgan. So schwer das vielleicht auch fällt.

„McGhee!“

„Vielleicht war Shaw ja wirklich nur feige... Ich weiß es nicht. Sie waren dabei, ich nicht. Aber wir können nicht gegen die ganze Welkt reiten, Morgan! Wir brauchen Shaw, auch wenn Ihnen sein fettes Gesicht nicht gefällt. Ich mag es auch nicht!“

Einen Moment lang hing alles in einer unangenehmen Schwebe. Keiner auf der Main Street rührte sich. Das darf doch nicht wahr sein, hämmerte es grimmig durch Leslies Kopf. Sich mit einem Mann wie Shaw zusammentun zu müssen, um Dan Garth zu besiegen...

Leslie atmete tief durch.

Alles in ihm sträubte sich dagegen und am liebsten hätte er den feisten Shaw in diesem Moment einfach über den Haufen geschossen. Immer wieder sah er die Szenen von vor drei Jahren vor seinem geistigen Auge...

Das Feuer...

Die Todesschreie...

Dann ließ Leslie den Colt sinken und steckte ihn ins Holster zurück.

McGhee hatte recht, auch wenn es Leslie nicht gefallen konnte.

Dan Garth würde jetzt bald die Entscheidung suchen, jegliche Maske fallenlassen und und alles daransetzen, die Herrschaft über dieses Land wiederzuerlangen.

Und Leslie Morgan zu töten.

Er brauchte also Verbündete und sonderlich wählerisch konnte er da nicht sein.

Der neue Sheriff von Amarillo nickte Jesse Shaw zu. „Mein Deputy hier hat mich überzeugt“, erklärte er dann.

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Gegen Mittag ritt Dan Garth mit seinen Leuten dorthin, wo noch am Vortag die Ranch von Jesse Shaw gewesen war. Jetzt war dort nur noch eine verkohlte Ruine.

„Von Shaw ist nirgends eine Spur!“, meinte einer der Männer. Er hieß Curtis und fiel dadurch, dass er immer noch den grauen Hut der Südstaaten-Armee trug, den er bei seinem Dienst in der Konföderierten-Kavallerie getragen hatte.

„Wahrscheinlich ist er auf und davon!“, meinte Dan Garth und verzog dabei das Gesicht zu einem wölfischen Grinsen. „Ähnlich sehen würde es ihm. Er war immer schon ein Feigling. Ich hätte ihn eher davonjagen sollen.“

„Bleibt nur noch dieser Morgan“, brummte Curtis.

„So ist es. Wir reiten gleich nach Amarillo, um ihn zur Strecke zu bringen!“

„Er hat immerhin Carter und fünf von den besten Schützen ins Gras beißen lassen“, gab ein bärtiger Blondschopf zu bedenken und spuckte dabei aus.

Garth wandte halb den Kopf zu dem Sprecher herum.

„Was willst du damit sagen, Jim?“

„Nur, dass ich nicht sonderlich scharf darauf bin, eine weitere Kerbe auf seinem Winchestergriff zu sein, Boss! Dieser Mann muss ein Teufel von einem Kämpfer sein!“

Dan Garth' Augen blitzten gefährlich.

„Bis jetzt hatte er Glück!“, zischte er.

„Er ist jetzt Sheriff!“, sagte der Blondschopf. Garth blickte auf.

„Na, und?“

Der Rancher sah sich um und instinktiv war ihm klar, dass er jetzt etwas tun musste, um seine Leute bei Laune zu halten. Die Tatsache, dass Carter und fünf andere Männer jetzt tot waren, war den Kerlen offensichtlich tiefer in die Knochen gefahren, als sie es jemals offen zugegeben hätten.

Sie brauchten, etwas, das sie anspornte.

Dan Garth wandte er an die Männer. „Hört her, Jungs!“, rief er mit heiserer Stimme. „Derjenige, der Leslie Morgan die tödliche Kugel gibt, bekommt tausend Dollar von mir! Soviel ist es mir wert, ihn endlich unter der Erde zu wissen!“

Der Blonde pfiff durch die Zähne.

„Tausend Dollar sind eine ganze Menge!“

„Verdient sie euch!“, rief Garth und trieb dabei seinem Gaul die Sporen in die Seiten.

Der Rancher ließ das Pferd pfeilschnell in jene Richtung über das Grasland preschen, in der Amarillo lag. Und seine Leute hatten Mühe, ihm zu folgten.

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Eine halbe Stunde später hatten Garth und seiner Männer Amarillo erreicht.

In wildem Galopp kam die Horde auf die Stadt zu. Dan Garth zügelte dann plötzlich seinen Gaul und die anderen folgten seinem Beispiel.

Der Rancher ließ kurz den Blick über die Ansammlung von Häusern streifen, aus der in den letzten Jahren eine richtige kleine Stadt gewachsen war.

Dann nickte er und wandte sich an die Männer.

„Ich hoffe, einer von euch verdient sich die tausend Dollar, die ich auf Leslie Morgans Kopf gesetzt habe!“

Ein zustimmendes Raunen entstand unter seinen Leuten. Er selbst zog mit einer schnellen Bewegung das Winchester Gewehr aus dem Sattelschuh und lud die Waffe durch.

„Kaufen wir uns Leslie Morgan!“, rief einer der Kerle.

„Am besten wir schauen uns zuerst das Sheriff-Office an!“, schlug indessen Curtis vor und zog sich seinen Konföderierten-Hut ins Gesicht, um besser gegen die Sonne blicken zu können.

„Meinetwegen!“, knurrte Garth. „Los! Ihr wisst, was Ihr zu tun habt! Und vergesst nicht, zuerst zu schießen, so fern ihr irgendwo einen Mann seht, der Leslie Morgan auch nur im entferntesten ähnlich sieht!“

Die Reiter kamen über die Main Street von Amarillo, die an diesem Tag wie ausgestorben wirkte.

Niemand war da.

Niemand, der Lust hatte, im Schusshagel eine Ladung Blei abzubekommen...

„Verdammt, das gefällt mir nicht, Boss!“, zischte Curtis Dan Garth zu.

Und auch der Rancher begann, sich unwohl zu fühlen. Die Reiterschar hielt das Sheriff-Ofice zu. Einige der Männer sprangen mit gezogener Waffe aus den Sätteln. Die Tür wurde eingetreten, aber die Revolver wanderten sogleich wieder ins Holster.

„Da ist niemand!“, meinte einer der Männer, nachdem er kurz eingetreten war und sich umgesehen hatte.

„Was?“, rief Garth ungläubig.

„Nur Bill Wheaton! Er liegt verletzt in der Zelle...“

„Dann lass ihn da versauern!“, knurrte Dan Garth und wirbelte herum, als er plötzlich auf den Dächern der Nachbarhäuser Bewegung sah.

Gewehre wurden durchgeladen und in Anschlag gebracht. Sechs oder sieben waren es, und zwar so verteilt, dass die Ankömmlinge mehr oder minder eingekreist waren.

„Keine Bewegung!“, rief dann eine Stimmte, die Dan Garth nur allzu gut kannte.

Es war Leslie Morgan, der sich an der Ecke des gegenüberliegenden Drugstores verschanzt hielt. Dan Garth verzog das Gesicht zu einer grimmigen Maske.

„Ihr seid allesamt verhaftet!“, fuhr Leslie Morgan indessen fort und kam einen Schritt aus seiner Deckung heraus. „Legt die Waffen ab, oder werdet es bitter bereuen!“

Dan Garth' Nasenflügel bebten vor Erregung, als er Jesse Shaw an der Tür eines Lagerhauses lauern sah.

„So, hast du dich also auf Morgans Seite geschlagen, du Ratte!“, zischte er zu ihm hinüber.

„Sie sind einfach zu weit gegangen, Mister Garth!“, erwiderte Jesse Shaw abweisend.

Einen Moment lang geschah gar nichts.

Garth' Männer waren in einer vierfachen Übermacht, aber ihre Gegner hatten eine hervorragende Deckung.

Dan Garth schien darüber nachzudenken, was schwerer wog. Und dann riss Dan Garth blitzschnell den Colt heraus und feuerte wild drauflos.

Der erste Schuss traf Jesse Shaw im Oberkörper, der zweite erwischte den Rancher mitten in der Stirn. Der Länge nach fiel der er in den Staub, ohne auch nur einen Schuss abgegeben zu haben.

Schon in der nächsten Sekunde brach das Chaos los. Leslie Morgan hob seine Winchester und feuerte nur einen Sekundenbruchteil später in Dan Garth' Richtung. Sein Schuss erwischte den Rancher nur an der Schulter. Dann musste Leslie sich zur Seite fallenlassen, um nicht von dem unbarmherzigen Geschosshagel durchgesiebt zu werden, der sich in seine Richtung ergoss.

Der Sheriff von Amarillo rollte sich am Boden herum, während rechts links die Kugeln kleine Staubfontänen aufwarfen. Einen Augenblick später hatte er sich dann zurück in seine Deckung gerettet.

Das Gefecht tobte mit großer Heftigkeit. Drei, vier von Dan Garth' Reitern erwischte es sofort. Mit gellenden Schreien riss es sie aus den Sätteln heraus.

Aber auch einer aus der Shaw-Mannschaft wurde aus seiner Deckung herausgeholt und stürzte vom Dach des Sheriff-Office hinab in den Staub der Main Street.

Dan Garth' Blick ging kurz herum, während er sich die Schulter hielt. Er sah, wie seine Männer zusammengeschossen wurden erkannte, dass sie trotz ihrer Übermacht im Moment nichts ausrichten konnten.

Also gab er seinem Gaul die Sporen und ließ ihn davonpreschen.

Seine Leute folgten ihm.

Leslie kam seiner Deckung heraus und feuerte auf Garth. Denn sobald Dan Garth tot im Staub lag, hatte der ganze Spuk ziemlich schnell ein Ende, das lag auf der Hand.

Garth war der Kopf des Ganzen.

Ohne ihn würde sein wilder Haufen sehr schnell auseinanderfallen. Aber Garth war ein geschickter Reiter. Er hängte sich seitwärts an seinen Gaul, wie es die Indianer taten und ritt im Zickzack die Main Street entlang.

Unter seinen Leuten herrschte das Chaos.

Jeder versuchte zuerst einmal, seine Haut zu retten und so sprengten sie in wilder Flucht davon.

Leslie rannte mitten auf die Main Street, feuerte noch ein paarmal seine Winchester ab und lief dann zu einem gesattelten Pferd, dass irgendjemand am Straßenrand abgestellt hatte. Mit einem Satz schwang er sich hinauf und preschte hinter Garth und seiner wilden Meute her.

Ein Bleihagel zischte in seine Richtung.

Leslie presste sich dicht an den Nachen des Tieres und feuerte zweimal kurz hintereinander seine Winchester ab. Einen der Kerle erwischte er. Die Wucht des Geschosses ließ ihn seitwärts aus dem Sattel rutschen, während sich sein Gaul wiehernd auf die Hinterhand stellte.

Ein wütendes Gegenfeuer aus mindestens einem Dutzend Revolver-und Gewehrmündungen wurde Leslie Morgan entgegengebracht.

Sein Pferd wieherte plötzlich laut auf und Leslie war instinktiv klar, was passiert sein musste.

Der Gaul war getroffen worden.

Das Tier geriet ins Straucheln und ging schließlich schwer zu Boden. Leslie sprang rechtzeitig ab, um nicht von dem massigen Leib begraben und zerquetscht zu werden. Er landete hart auf dem Boden, während der Pferdeleib noch etwas durch den Staub rutschte.

Leslie drehte sich am Boden herum, während rechts und links von ihm die Kugeln einschlugen.

Er riss dann blitzartig die Winchester hoch und feuerte. Einen der Kerle erwischte er in der Herzgegend, worauf hin er aus dem Sattel rutschte. Ein zweiter bekam eine Kugel in den Oberschenkel, woraufhin er lauthals fluchte und seinen Pferd die Sporen gab.

Mit den Augenwinkeln sah er dann McGhee, der ihm gefolgt war. Der Schwarze hatte sich hinter einem abgestellten Pferdewagen verschanzt und gab Leslie zumindest soviel Feuerschutz, dass dieser sich aufrappeln und hinter einer Hausecke in Sicherheit bringen konnte.

Dan Garth' Männer waren indessen zur Stadt hinausgeritten. Es dauerte nicht lange und sie waren außerhalb der Schussweite, sodass es keinen Sin mehr machte, Munition zu verschwenden.

Oben, auf einem Hügel befand sich eine Baumgruppe und dort schien die Meute sich zu sammeln.

Dann waren sie hinter dem Hügel verschwunden.

„Alles okay?“, fragte McGhee, nachdem er aus seiner Deckung herausgekommen war.

Leslie nickte.

„Alles okay“, erwiderte der neue Sheriff von Amarillo.

„Diese Banditen werden zurückkehren!“, prophezeite John McGhee im Brustton der Überzeugung.

Und Leslie Morgan wusste, dass McGhee recht hatte. Sie hatten einen Sieg gegen Dan Garth' übermächtige Meute errungen und ein halbes Dutzend seiner Killer hatten dabei ins Gras beißen müssen.

Aber Dan Garth würde es dabei nicht bewenden lassen. Er konnte gar nicht anders, wenn er die Herrschaft über dieses Land nicht verlieren wollte.

Leslie Morgan schob frische Patronen in das Magazin seiner Winchester und meinte: „Wir werden darauf vorbereitet sein, wenn sie kommen!“

„Diesmal hatten wir die Überraschung auf unserer Seite. Aber beim nächsten Mal wird das nicht mehr so sein“, erwiderte McGhee skeptisch.

„Warten wir es ab!“, knurrte Leslie Morgan.

Dann gingen sie gemeinsam zurück in Richtung Sheriff Office. Die anderen Männer waren indessen aus ihren Deckungen herausgekommen.

Und über den toten Jesse Shaw hatte sich Glenda, das ehemalige Saloon-Girl gebeugt.

In ihren Augen glitzerten Tränen.

Tränen der Trauer und der Wut.

Sie hatte Jesse Shaw die Augen geschlossen und ihm den Colt aus dem Holster genommen.

„Ich habe ihn geliebt!“, sagte sie, als sie Leslie sah. „Und so wahr ich hier stehe, Dan Garth wird dafür bezahlen! Und wenn es das letzte ist, was ich tue!“

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Leslie Morgan wirbelte herum, als er die Reiter herankommen sah.

Es waren Jesse Shaws Männer.

Sie senkten die Köpfe, als sie Leslie Morgan sahen. Aber dieser begriff sofort, was hier vor sich ging. Sie wollten verschwinden.

Ein großer Hagerer mit buschigem Schnauzbart fand als erster seine Sprache wieder und sagte: „Dan Garth und seine Bande von Killern wird zurückkehren! Aber wir werden dann nicht mehr hier sein!“

„Ich verstehe“, meinte Leslie düster.

Und Glenda, die noch immer bei dem toten Jesse Shaw ausharrte, schrie: „Was seid ihr doch für Feiglinge!“

Der Hagere vermied es, zu Glenda und dem toten Shaw hinüberzublicken.

Stattdessen wandte er sich an Leslie Morgan und fuhr schließlich fort: „Wir sind für unseren Boss geritten und für ihn haben wir auch unseren Hals riskiert! Aber wir tun dasselbe nicht für Sie, Morgan!“

„Sie können uns doch nicht einfach im Stich lassen!“, mischte sich McGhee erregt ein.

„Unser Boss ist tot. Die Sache geht uns jetzt nichts mehr an!“, erwiderte der Hagere eisig.

Einige der Männer hatten bereits ihre Hände bei den Eisen und es war Leslie klar, dass er sie kaum würde umstimmen können.

„Ich kann euch nicht daran hindern, jetzt davonzureiten“, erwiderte Leslie kühl.

„Schön, dass Sie das einsehen“, meinte der Hagere.

„Aber ich warne Sie! Dan Garth hat gesehen, auf wessen Seite Sie ihre Schießeisen benutzt haben und wenn Sie seinen Leuten da draußen begegnen, wird er kurzen Prozess mit Ihnen machen!“

„Garth und seine Leute haben die Stadt in südlicher Richtung verlassen und wir werden nach nach Norden reiten!“

Dann gaben sie ihren Gäulen die Sporen und preschten davon. Mit den Augenwinkeln bemerkte Leslie Morgan, wie Glenda sich von Jesse Shaws Leiche erhob und den Revolver auf die Davoneilenden richtete.

Mit beiden Händen hielt sie die Waffe umfasst, ein Daumen zog den Hahn zurück.

Mit einem schnellen Satz war Leslie bei ihr und riss gerade noch rechtzeitig ihren Arm in die Höhe.

Der Schuss ging ins Nichts, während Shaws Leute in den Sätteln herumwirbelten, die Eisen schon in den Händen. Glenda ließ den Revolver sinken und schluchzte, während sie den Kopf an Leslies breite Schulter legte.

„Diese feigen Bastarde!“, wimmerte sie. „Jetzt machen sie sich einfach aus dem Staub und die Leiche ihres Bosses ist noch nicht einmal kalt!“

„So sind sie nun einmal!“, versetzte Leslie kühl. Und in gewisser Weise konnte er diese Cowboys sogar verstehen... Sie hatten einfach keine Lust, sich gegen eine weit überlegene Übermacht blutige Nasen zu holen.

Oder den Tod.

Shaws Männer steckten indessen ihre Waffen wieder ein und machten, dass sie davonkamen.

Hier hatten sie nichts mehr verloren. Und bevor der Sturm erneut über Amarillo hereinbrach, wollten sie auf und davon sein...

„Verdammter Mist!“, fluchte McGhee und warf wütend seinen Hut in den Staub. „Wenn Garth und seine Meute zurückkehrt, werden wir allein dastehen!“

„Wollen Sie sich auch davonmachen, McGhee?“, fragte Leslie Morgan ruhig.

McGhee wandte den Kopf und sah den den Sheriff von Amarillo wütend an. „Für wen halten Sie mich eigentlich?“

„Es war eine Frage, McGhee. Nicht mehr und nicht weniger!“

„Es war eine Beleidigung! Ich bleibe hier! Garth soll bekommen, was er verdient!“

Leslie lächelte matt.

„Gut“, sagte er.

Er sah hinüber zu den Hügeln, draußen vor der Stadt und fragte sich, wie viel Zeit sich Dan Garth und seine Leute ihnen noch geben würden...

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Wenig später waren sie im Dead Indian-Saloon. Leslie Morgan und McGhee hatten sich mit frischer Munition versorgt und waren gerade dabei, ihre Waffen nachzuladen. Miss Casey half ihnen dabei.

„Ich bin froh, dass Ihnen nichts passiert ist, Leslie!“, sagte sie. Sie trug an diesem Tag nicht eines jener Kleider, die sie sonst im Saloon trug, sondern eine praktische Drillich-Hose und ein kariertes Hemd, das ihr viel zu groß war. Sie sah immer noch gut darin aus.

Hinter dem breiten Gürtel, der die Hose festhielt, steckte ein langläufiger Peacemaker-Colt.

„Wenn diese Bastarde das nächste mal hier auftauchen, werde ich mit Ihnen kämpfen, Leslie!“

Leslie sah sie erstaunt an.

„Das kommt nicht in Frage“, erwiderte er.

„Ach, haben Sie etwa so viele Bundesgenossen, dass sie in dieser Beziehung wählerisch sein könnten?“

„Ich möchte nicht, dass Ihnen etwas passiert, Miss Casey!“

„Ich kann mit dem Eisen umgehen, Les! Und wie Sie wissen, habe ich mit Dan Garth eine Rechnung offen. Eine Rechnung, die genauso schwer wiegt, wie die, die Sie mit ihm zu begleichen haben!“

Leslie Morgan wollte noch etwas erwidern, aber das Geräusch eines galoppierenden Pferdes ließ ihn verstummen. Kurz entschlossen packte Leslie seine Winchester und ging durch die Schwingtüren hinaus ins Freie.

Ein Reiter kam die Main Street von Amarillo entlang. Es war einer von Garth Männern. Leslie erkannte ihn wieder. In der Rechten schwenkte der Kerl mit einer weißen Fahne.

„Hey! Ich bin hier um zu reden!“, rief der Fahnenschwenker.

„Es gibt nichts zu reden!“, rief Leslie Morgan grimmig zurück.

„Mit dir vielleicht nicht, Leslie Morgan! Aber mit den Bürgern von Amarillo sehr wohl!“ Der Reiter drehte sich herum. „Ich bin sicher, ihr hört mich! Auch wenn Ihr euch hinter euren Gardinen verschanzt habt und die Ohren anlegt wie die Hasen! Ihr habt die Wahl! Entweder liefert ihr uns Leslie Morgan aus oder sorgt dafür, dass er die Stadt verlässt oder wir werden die ganze Stadt in Schutt und Asche legen! Dann seid ihr alle ruiniert! Außerdem werden wir niemanden lebend aus der Stadt hinaus oder in sie hineinlassen, solange Leslie Morgan unter euch ist!“

Der Reiter ließ sein Pferd ein bisschen seitwärts schreiten. Mit Zufriedenheit registrierte er die Bewegung an dem einen oder anderen Fenster.

Dann fuhr er fort: „Dan Garth setzt tausend Dollar auf Leslie Morgans Kopf!“

Leslie Morgan hob seine Winchester und feuerte. Es war ein gut gezielter Schuss, der den morschen Ast, an dem die weiße Fahne flatterte, zersplittern ließ. Das Pferd ging augenblicklich laut wiehernd auf die Hinterhand und der Reiter hatte alle Mühe, sich zu halten.

Er ließ den Rest des Holzstücks in den Staub fallen, riss seinen Gaul herum und preschte augenblicklich die Main Street in jene Richtung davon, aus der er gekommen war.

„Dieser Teufel!“, hörte Leslie hinter sich die Stimme von McGhee. „Jetzt versucht er, die Städter wieder auf seine Seite zu ziehen!“

Sie gingen zurück in den Saloon.

Und es dauerte keine zehn Minuten, da tauchte Grant Collins, der Fuhrunternehmer zusammen mit einigen anderen Bürgern auf.

Doug Garrison war darunter, der Besitzer des Mietstalls. Insgesamt mehr als ein halbes Dutzend angesehener Leute aus Amarillo.

Sie traten durch die Schwingtüren und ihren verkniffenen Gesichtern war anzusehen, dass sie nichts angenehmes zu sagen hatten.

„Es ist gut, dass Sie kommen“, murmelte Leslie Morgan, bevor einer der Männer etwas sagen konnte. „Wir brauchen jeden Mann, um die Stadt gegen Dan Garth und seine Meute zu verteidigen. Gewehre gibt es genug!“

Eisiges Schweigen schlug Leslie entgegen.

Die Männer blickten mit einer Hartnäckigkeit zu Boden, als gäbe es dort Goldstücke zu finden.

„Die Art und Weise, in der Sie Dan Garth entgegengetreten und hier für Ordnung gesorgt haben, hat uns allen imponiert“, sagte Grant Collins schließlich.

Aber es klang nicht so recht überzeugend.

Leslie hob die Augenbrauen. Der falsche Unterton war ihm nicht entgangen.

„Ach, ja?“, raunte er.

„Wirklich, Sir!“

Leslie verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln.

„Ihre Lobrede können Sie sich sparen!“, erwiderte er ziemlich kühl.

„Gut“, sagte jetzt Doug Garrison und schob sich dabei den Hut in den Nacken. „Dann können wir ja frei heraus sagen, was uns unter den Nägeln brennt!“

„Sicher“, nickte Leslie, obwohl er es sich inzwischen an den Fingern einer Hand ausrechnen konnte, worauf sie hinauswollten.

Jetzt war es wieder an Grant Collins, weiter zu sprechen Er steckte zwei Finger in die Tasche seiner blauen Samtweste und holte tief Luft.

„Wir respektieren Sie, Mister Morgan. Sonst hätten wir Sie auch nicht zum Sheriff gemacht. Aber jetzt wird die Sache zu heiß!“

„Was Sie nicht sagen!“

„Dan Garth will die Stadt niederbrennen. Sie haben diesen Wahnsinnigen so sehr gereizt, dass das wahrscheinlich keine leere Drohung ist!“

Leslie hob die breiten Schultern.

„Nein, das ist wahr! Eine leere Drohung ist das sicher nicht!“, stimmte er düster zu und verschränkte dabei die Arme vor der Brust.

Grant Collins schnappte noch einmal nach Luft und blies sich förmlich auf, bevor er weiterredete.

„Kurz und gut, wir wollen, dass Sie die Stadt verlassen, Mister Morgan!“, sagte er in deutlich gedämpfterem Tonfall. Er selbst schien sich für seine Worte wohl zu schämen.

Aber nun war es einmal ausgesprochen.

In Leslies dunklen Augen blitzte es wütend. Er wollte etwas erwidern, aber jemand anderes kam ihm zuvor.

Eine Frauenstimme.

„Ach, erst war er gut genug, um für Sie die Kastanien aus dem Feuer zu holen und jetzt wollen Sie ihn in den sicheren Tod schicken!“, fauchte Miss Casey. „Sie sollten sich schämen!“

„So, wie es aussieht können wir das Risiko nicht eingehen!“, war Grant Collins' kalte Erwiderung.

„Und wie wär's, wenn Sie und Ihresgleichen vielleicht auch mal ein Gewehr in die Hand nähmen, um die Stadt zu verteidigen? Was ist mit Ihren Frachtfahrern?“

Collins machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Die sind längst über alle Berge!“

Die Männer wechselten einige Blicke untereinander.

„Wir hatten gehofft, Sie wären vernünftig, Mister Morgan“, war dann Doug Harrison zu vernehmen. Und als dessen Jacke ein Stück zur Seite glitt sah Leslie für den Bruchteil eines Augenblicks etwas Blinkendes.

Einen Colt, der in seinem Hosenbund steckte.

Was dann geschah, ging sehr schnell.

Leslie Morgan hatte vorausgesehen, was geschehen würde. Noch bevor die Hand des Mietstallbesitzers sich so richtig um den Coltgriff gelegt hatte, hatte Leslie bereits sein Eisen herausgerissen und abgefeuert.

Zwei Kugeln brannte der Sheriff von Amarillo seinem Gegenüber kurz vor die Fußspitzen, sodass Doug Garrison einen Satz rückwärts machte und beinahe zu Boden fiel. Garrison kam hart gegen einen der Tische.

Ein unterdrückter Fluch kam über die Lippen des Mietstallbesitzers. Die anderen blickten wie entgeistert auf Leslie Morgans Colt und schluckten.

Wie erstarrt standen sie da und blickten auf den Mann, den sie vor kurzem erst Sheriff gemacht hatten und den sie nun wie einen Hund aus der Stadt jagen wollten - direkt in die Arme seiner Feinde.

Grant Collins hob beschwichtigend seine Arme

„Hören Sie, Morgan!“

„Verschwinden Sie!“, zischte Leslie eisig und brannte noch ein Ding kurz vor ihre Zehenspitzen.

Sie ließen es sich nicht zweimal sagen. Sie stolperten durch die Schwingtüren hinaus auf die Main Street und Leslie steckte den Revolver zurück ins Holster.

„Das wir auf die nicht zählen konnten, war mir von Anfang an klar!“, meinte McGhee. „Aber dass sie sich gegen uns stellen würden, dass überrascht mich doch!“

Leslie Morgan zuckte nur mit den Schultern.

„Sie haben Angst“, stellte er sachlich fest. „So viel Angst, dass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen können!“

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Irgendwo jenseits der Stadt waren plötzlich Schüsse zu hören. Ein kurzes aber dafür um so heftigeres Feuergefecht war da irgendwo hinter dem Horizonts im Gange.

Kurz und grausam.

Einige Todesschreie wurden durch den Nordwestwind bis nach Amarillo getragen.

Leslie Morgan konnte sich an den Fingern einer Hand ausrechnen, was da geschehen war. Es gehörte nicht viel Fantasie dazu, es sich auszumalen.

Etwa eine halbe Stunde später galoppierten dann einige Pferde die Main Street entlang.

Sie trugen eine ganz besondere Last auf ihren Rücken. McGhee stand mit geballten Fäusten an den Schwingtüren des Dead Indian und blickte hinaus.

„Diese Hunde...“, flüsterte der Schwarze leise vor sich hin und schüttelte dabei den Kopf.

Auf die Rücken der Pferde waren Leichen gebunden.

„Es sind Jesse Shaws Leute“, knurrte McGhee grimmig.

„Scheint, als hätten sie es nicht geschafft! Garth' Leute haben sie niedergemacht!“

Die Gäule mit den Toten auf dem Rücken verlangsamten ihre Geschwindigkeit und hielten schließlich an.

„Ich habe Shaws Männer verflucht, weil sie einfach davongezogen sind, aber das habe ich ihnen nicht gewünscht! Bei Gott!“, zischte McGhee.

Garth und seine Leute hatten die Leichen mit gutem Grund hier her geschickt.

Jedem in Amarillo sollte nun klar sein, dass Dan Garth seine Drohungen ernst meinte.

„Diese Männer hatten gedacht, den leichteren Weg zu wählen“, murmelte Leslie, als er neben McGhee trat und die Pferde mit ihrer makabren Last beobachtete. „Ich hatte sie gewarnt!“

„Wir sitzen wie in einer Mausefalle!“, stellte der Schwarze indessen fest. „Wahrscheinlich können wir jetzt kaum über die Main Street gehen, ohne dass einer dieser sauberen Bürger versuchen wird, uns eine Kugel in den Rücken zu jagen!“

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Dan Garth knurrte laut auf, als Curtis ihm die Wunde an der Schulter mit Whiskey desinfizierte.

„Verdammt, tut das brennt!“, schrie der Rancher unbeherrscht auf.

Curtis schob sich den grauen Hut zurück in den Nacken. Er blieb einigermaßen ruhig und sagte: „Es ist nur ein Streifschuss, Boss. Aber auch so etwas muss gereinigt werden, sonst gibt es eine Entzündung!“

„Mach schon!“

Curtis legte ihm einen vorläufigen Verband an, den er aus dem Ärmel von Garth' Hemd geschnitten hatte.

„Perfekt!“, meinte der Mann mit dem Südstaaten-Hut.

„Ich hoffe, du hast keinen Pfusch gemacht, Curtis!“, bellte Garth ziemlich unfreundlich.

Curtis kniff die Augen zusammen.

„Was glauben Sie, wie oft ich so etwas während des Krieges gemacht habe!“, versetzte der neue Vormann der Garth-Mannschaft kühl. Garth erhob sich wieder und zog sich vorsichtig die Jacke an. Die Verletzung an der Schulter war glücklicherweise links und hinderte ihn nicht beim Schießen.

„Wie geht es jetzt weiter, Boss?“, fragte Curtis. „Sollen wir hier ewig hinter den Hügeln lauern und abwarten, was sich da unten in Amarillo so tut?“

„Warum nicht?“, erwiderte Garth. „Die feigen Städter haben doch so gestrichen voll, dass sie uns Leslie Morgan früher oder später auf dem silbernen Tablett servieren werden!“ Der Rancher lachte heiser. „Irgendwer wird sich schon finden, der ihm von hinten eine Kugel in den Schädel jagt! Verlasst euch drauf!“

„Warum versuchen wir es nicht einfach nochmal?“, fragte jemand anderes.

Es war Jim, der Blondschopf.

Er schob sich den Hut in den Nacken und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Warterei ging ihm auf die Nerven, das war ihm deutlich anzusehen.

Garth verzog das Gesicht.

„Leslie Morgan ist wie eine einsame Raubkatze“, erklärte er finster. „Und ich habe wenig Lust, noch mehr Leute zu verlieren!“ Ein zynisches Grinsen ging über Dan Garth' Gesicht.

„Nein, wir werden hier abwarten. Die ganze Nacht, wenn es sein muss oder auch noch länger!“

Jim ließ nicht locker.

„Ich denke, wir sollten bald losschlagen, Boss! Shaws Leute, diese Verräter, sind tot! Er steht doch jetzt so gut wie alleine da!“

In Garth' hartem Gesicht blitzten jetzt zwei Reihen fast makelloser Zähne. „Ich entscheide hier, oder passt dir das nicht mehr?“

Aus der Ferne kam indessen ein gutes Dutzend Reiter heran.

„Das wird Cody mit dem Rest unserer Leute sein!“, meinte der Rancher. Er hatte jetzt seine gesamte Mannschaft zusammengezogen und ließ dabei seine Ranch seine Tiere unbewacht.

Aber diese Sache hier ging vor.

Niemand sollte Amarillo verlassen können.

Schon gar nicht Leslie Morgan!

„Es wird langsam Abend!“, knurrte der Rancher. „Macht ein Lagerfeuer! Ich hoffe nur, dass Cody uns etwas Stew mitgebracht hat, damit wir hier draußen nicht mit knurrendem Magen warten müssen!“

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Die Stunden krochen dahin, ohne das etwas geschah. Es war zermürbend.

McGhee lief unruhig mit der Winchester im Anschlag auf und ab und schaute immer wieder hinaus auf die Main Street, ob sich dort etwas tat.

Aber es tat sich nichts.

Von den Städtern zeigte sich keiner. Und von Dan Garth Meute ebenfalls nicht.

Leslie Morgan saß indessen ganz ruhig an einem der Tische im Dead Indian, nahm erst einen Drink und tat dann lange Zeit gar nichts.

„Wo ist eigentlich der Kerl, mit dem zusammen Sie hier den Laden führen?“, fragte er schließlich Miss Casey. Sie zuckte mit den Achseln.

„Keine Ahnung.Hat sich wohl verdrückt!“

„Scheint, als hätten Sie sich für die falsche Seite entschieden, Miss!“

„Sie können einem aber Mut machen, Les!“

„Ich sage nur, wie es ist!“

„Diese Warterei geht mir auf die Nerven!“

„Mir auch. Aber im Moment haben wir keine andere Wahl. Erst wenn es dunkel wird, können wir etwas unternehmen.“

Sie sah ihn erstaunt an. Und McGhee war ebenfalls herumgewirbelt und hatte die Augenbrauen hochgezogen.

„Was haben Sie vor, Les?“, fragte Miss Casey.

„Sobald es dunkel ist, werde ich hinausreiten und mir Dan Garth schnappen!“

McGhee lachte laut los. „Einfach so, ja?“ Er schüttelte ungläubig den Kopf. „So verrückt können doch nicht einmal Sie sein!“

„Ich bin nicht verrückt“, behauptete Leslie.

„Ach nein? Und was ist mit Shaws Leiten? Die waren zu sechst und haben es auch nicht geschafft, durchzukommen! Und ich wette, dass Dan Garth inzwischen den Rest seiner Mannschaft auch noch um Amarillo zusammengezogen hat, sodass es noch viel schwieriger werden dürfte!“

Leslie hob beschwichtigend die Hand und erklärte dann: „Shaws Männer wollten auf und davon, aber das habe ich ja gar nicht vor! Ich will mir den Kopf dieser Bande schnappen und hier bringen!“

„Sie sind wahnsinnig!“, erwiderte McGhee.

„Es ist unsere einzige Chance. Der ganze wilde Haufen wird schnell auseinanderfallen, wenn ihm der Kopf fehlt!“

McGhee machte eine ärgerliche Handbewegung und meinte dann: „Ich sehe schon, umzustimmen sind Sie nicht! Dann werde ich zumindest mitkommen.“

„Nein. Ich brauche Sie hier. Außerdem hat ein Mann bessere Chancen durchzukommen als zwei.“

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Als es dunkel war, nahm Leslie Morgan seine Winchester und wollte sich aufmachen.

Miss Casey hielt ihn noch am Arm. „Passen Sie auf sich auf, Les!“

„Sicher.“

Sie drückte ihm einen Kuss auf die Lippen.

Dann ging er hinaus in die Nacht.

Seinen Gaul hatte er drüben im Mietstall.

Auf dem Weg dorthin hielt Leslie sich nach Möglichkeit in der Nähe der Hauswände auf, um kein Ziel zu bieten. Es war ja nur zu gut möglich, dass irgendjemand aus Amarillo sich die tausend Dollar verdienen wollte, die Dan Garth vollmundig auf seinen Kopf ausgesetzt hatte.

Unbehelligt kam er bis zum Stall.

Er öffnete die Tür. Die Gelenke knarrten dabei etwas. Durch eine Öffnung im Giebel fiel das fahle Mondlicht herein. Leslie ging zielstrebig auf seinen Sattel zu und steckte die Winchester ins Futteral. Dann nahm er den Sattel und wuchtete ihn in Richtung seines Pferdes.

Er hatte das schwere Ding drei Schritte vorwärts gebracht, da machte es plötzlich klick! und er erstarrte zur Salzsäule. Der Hahn eines Revolvers war zurückgezogen worden. Leslie kannte dieses Geräusch nur zu gut.

„Schön den Sattel festhalten!“, zischte eine Stimme, die aus einer der Pferdeboxen kam. „Wenn Sie ihn loslassen, sind Sie tot, Morgan!“

Leslie wandte den Kopf halb herum und sah Doug Harrisons Gesicht im Mondlicht.

Seine Augen flackerten unruhig.

Und den Revolver hielt er mit beiden Händen, was auch keinen besonders sicheren Eindruck machte. Den Umgang mit dem Eisen war er augenscheinlich nicht gewöhnt.

„Was macht es schon für einen Unterschied, wenn ich den Sattel jetzt fallenlasse?“, knurrte Leslie. „Ich nehme an, Sie wollen sich die tausend Dollar verdienen und werden mich deshalb ohnehin erschießen - ganz gleich, was ich tue!“

„Die tausend Dollar interessieren mich nicht!“, fauchte der Mietstallbesitzer. „Ich will die Stadt retten! Ich will nicht, dass Dan Garth hier Ihretwegen alles dem Erdboden gleich macht, was wir hier aufgebaut haben!“

Er zielte.

Sein Finger spannte zitternd um den Abzug und zog ihn nach hinten.

In dieser Sekunde ließ Leslie den Sattel fallen, duckte sich, um dem Schuss seines Gegenübers auszuweichen und griff blitzartig selbst zum Eisen. Sein Schuss erwischte Doug Garrison am Unterarm.

Mit einem wütenden Schrei auf den Lippen entfiel dem Mietstallbesitzer der Revolver.

Dann sah Garrison den Sheriff mit großen Augen an. Aber dieser Steckte nur seinen Colt weg, nahm seinen Sattel wieder auf und legte ihn seinem Gaul auf den Rücken.

„Versuchen Sie so etwas nie wieder, Garrison!“, versetzte Leslie, als er die Riemen festgezogen hatte und mit dem Pferd nach draußen ging.

Dort stieg er sofort in den Sattel und preschte dann die Main Street entlang, hinaus in die Dunkelheit.

Irgendwo dort draußen vor der Stadt Amarillo kampierte Dan Garth. Und dort lag sein Ziel.

Leslie wusste, dass er Garth an der Schulter getroffen hatte. Der Rancher hatte daher wahrscheinlich keine Lust, selbst in dieser Nacht herumzupatrouillieren, um darauf zu achten, dass niemand aus Amarillo entkam. Andererseits war die Sache zu wichtig für ihn, als dass er sich auf seine Ranch zurückziehen und die Angelegenheit anderen überlassen kannte.

Er musste also hier in der Nähe sein, vermutlich hinter den Hügeln südlich der Stadt...

Und wenn er mit seinen Leuten wirklich das ganze Gebiet um die Stadt herum kontrollieren wollte, dann konnte er sich unmöglich mit seiner ganzen Streitmacht umgeben... Leslie ritt einen Bogen.

Er achtete dabei auf die Windrichtung, denn er wollte nicht, dass die Hufgeräusche seines Pferdes direkt zu seinen Feinden ins Lager getragen wurden.

Wenn er richtig gerechnet hatte, hatte er eine Chance... Dann trug der Nordwestwind plötzlich das Wiehern von Pferden an sein Ohr. Ganz kurz nur, aber es war deutlich genug gewesen.

Leslies Blick glitt über das nächtliche Brassada-Land, das sich südlich von Amarillo ausbreitete. Jeder Schatten konnte ein halbverdorrter Busch oder auch ein Reiter sein... Als er die herannahenden Hufgeräusche hörte, ließ sich Leslie aus dem Sattel gleiten und fasste sein Pferd bei den Nüstern, um es zu beruhigen.

Zwei Reiter sah er dann sich dunkel gegen das Mondlicht abheben.

Sie kamen direkt in seine Richtung.

Leslies Hand ging instinktiv zum Revolvergriff, aber er wusste, dass sein Vorhaben, Dan Garth in seine Hände zu bekommen, wahrscheinlich schon gescheitert war, wenn es hier draußen zu einer Schießerei kam.

Dann würde die ganze Meute alarmiert sein.

Also wartete Leslie erst einmal ab.

Die Männer kamen näher.

Die Winchesters hatten sie schon aus den Sätteln geholt. Leslie sah deutlich die Schatten der Gewehrläufe.

„Hey, Bud! Ich glaube, ich habe da hinten etwas gesehen!“, war einer von ihnen zu vernehmen.

Der Wind trug seine Worte ziemlich deutlich zu Leslie herüber.

„Wo?“

„Da vorne, bei dem Strauch!“

Leslie hörte, wie die Winchesters durchgeladen wurden. Kein Zweifel, diese Männer waren ziemlich nervös und sie würden wahrscheinlich schießen, sobald sie nur den Hauch einer verdächtigen Bewegung sahen.

Sie kamen heran.

Leslie band sein Pferd am nächsten Strauch fest und nahm die Winchester aus dem Sattel.

Dann schlich er ein Stück seitwärts.

Er duckte sich und verbarg sich hinter hüfthohen, halb vertrockneten Büschen. Die beiden Reiter hatten sich inzwischen auf wenige Meter genähert. Leslie konnte die beiden deutlich im Mondlicht sehen. Einer von ihnen war seiner Kleidung nach ein Mexikaner. Er trug einen Sombrero und hatte sich in einen dicken Poncho gewickelt, unter dem der Lauf einer Winchester hervorschaute. Der andere trug fast schulterlanges Haar, das im Nordwestwind wehte.

„Madre de dios, da steht ein Gaul!“, entfuhr es dem Mexikaner. Der Langhaarige ließ nervös den Blick umherschweifen, konnte aber keinen Reiter erblicken.

„Scheint, als ob hier jemand das Tier zurückgelassen hat...“

Einen Augenblick lang geschah gar nichts. Die Männer lauschten. Dann stieg der Mexikaner vom Pferd, um sich den Gaul näher anzusehen.

In diesem Augenblick schnellte Leslie vor. Ein Schlag mit dem Winchesterkolben ließ den Mexikaner in sich zusammensinken. Wie gefällter Baum ging er zu Boden, während Leslie das Gewehr hochriss und durchlud.

Er hielt es direkt auf den Körper des Langhaarigen gerichtet und murmelte: „Keine Bewegung, oder du bist ein toter Mann!“

Der zweite Mann erstarrte.

Sein eigenes Gewehr hätte er herumreißen müssen, um auf Leslie schießen zu können. Aber dazu war es zu spät. Das sah er wohl ein.

Und so nützte ihm die Winchester nichts, die er immer noch fest umklammert hielt.

„Lass die Waffe fallen!“, befahl Leslie indessen. „Erst das Gewehr, dann den Revolvergürtel! Und dann absteigen!“, befahl Leslie unmissverständlich.

Der Langhaarige gehorchte.

Als Leslie etwas vortrat, fiel das Mondlicht in sein Gesicht. Jetzt erkannte der Kerl endlich, wen er vor sich hatte und erbleichte.

„Leslie Morgan“, flüsterte er mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Kopfschütteln.

Leslie nickte knapp.

„So ist es!“

„Du musst wahnsinnig sein, Morgan!“

„Wo ist dein Boss?“

Der Langhaarige stand mit erhobenen Händen da, blickte in Leslies Winchesterlauf und schüttelte verständnislos den Kopf. Inzwischen fuhr Leslie fort: „Er kampiert hier irgendwo, nicht wahr?

„Nicht schwer zu erraten, Morgan!“

„Wenn du am Leben bleiben willst, dann musst mir jetzt helfen!“

Leslie hob den Winchesterlauf etwas an und hielt ihn dem Langhaarigen direkt unter die Nase.

„Hinter den Hügeln“, sagte dieser schließlich. „Nicht mehr weit, dann siehst du das Lagerfeuer!“

„Wir reiten zusammen hin!“

„Was hast du vor, Morgan?“

„Das lass mal meine Sorge sein!“

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Leslie ließ den Langhaarigen vor sich her reiten, sodass er ihn ständig gut im Auge hatte. Er hatte ihm seine Waffen zurückgegeben, allerdings zuvor die Patronen herausfallen lassen.

Dem Mexikaner hatte Leslie den Sombrero und den Poncho abgenommen. Er hoffte, dass er in dieser Verkleidung nicht sofort auffiel, wenn sie das Lager erreichten.

In der Ferne sahen sie bald ein Lagerfeuer.

„Ich rate dir, keine Dummheiten zu versuchen“, raunte Leslie seinem unfreiwilligen Begleiter zu. „Du weißt, dass ich ein guter Schütze bin.“

„Das weiß ich!“, knurrte der Langhaarige.

„Noch ehe du ein falsches Wort zu Ende gesprochen hast, habe ich bereits abgedrückt!“

Als sie sich dem Lager näherten, tauchte plötzlich hinter einem Gebüsch jemand auf.

„Wer ist da?“

„Wir sind's! Bud und Pedro!“, sagte der Langhaarige artig. Und Leslie sorgte dafür, dass der Sombrero ziemlich tief in seinem Gesicht stand, sodass man es bei der Dunkelheit nicht erkennen konnte.

„Alles in Ordnung!“, rief der Wachposten den anderen im Lager zu.

Insgesamt waren es nicht mehr als sechs Mann, die da um ein Feuer herum saßen.

Und Dan Garth war einer von ihnen.

Die anderen lauerten wohl in der Umgebung herum. Zwei der Kerle wirkten schon recht müde und schien ein wenig eingenickt zu sein.

Dan Garth hielt eine Blechtasse mit heißem Kaffee in der Hand und sprang wütend auf.

„Bud! Pedro! Was macht ihr hier? Soweit ich weiß, solltet ihr im Augenblick ganz woanders sein! Was fällt euch ein, einfach eure Posten zu verlassen!“

Er trat noch einen Schritt vor.

Leslie ließ sich aus dem Sattel gleiten und kam neben seinem Gaul zu stehen.

Und dann sah der Rancher plötzlich den Revolverlauf, der sich ihm unter dem Poncho des Mexikaners entgegenstreckte. Sein Gesicht wurde zu einer steinernen Maske.

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Die Hand hielt mitten in der Bewegung zur Hüfte inne. Dan Garth' Muskeln und Sehnen zuckten, aber er konnte sich beherrschen.

Er war klug genug, sich nicht zu bewegen.

„Nein, das ist nicht dein Ernst, Perdro“, flüsterte der Rancher grimmig.

„Schick die Männer weg“, wisperte es ihm unter dem Sombrero entgegen. Dan Garth konnte von dem Gesicht darunter nichts erkennen.

„Was soll das, Pedro?“

„Ich werde es nicht zweimal sagen!“

Die anderen Männer konnten Leslies Revolver nicht sehen, aber spürten, dass etwas nicht stimmte.

„Was ist los?“, fragte einer von ihnen. Es war Jim, der Blondschopf.

„Pedro scheint durchzudrehen und richtet eine Waffe auf mich!“, sagte Dan Garth ruhig, wobei er jegliche Bewegung vermied. „Er will, dass ihr verschwindet! Also macht schon! Sonst brennt er mur tatsächlich noch ein Loch in den Bauch, dieser mexikanische Hundesohn!“

Inzwischen hatte der langhaarige Bud, mit dem Leslie ins Lager gekommen war, seinen Gaul einen Schritt zur Seite machen lassen. Dann rief er plötzlich: „Das ist nicht Pedro! Das ist Leslie Morgan!“

„So ist es. Euer Boss ist verhaftet. Und wenn ihr nicht auch alle am Galgen landen wollt, dann setzt euch besser auf eure Pferde und seht zu, dass ihr schleunigst von hier fortkommt!“

„Dieser Teufel!“, zischte Garth, während Leslie ihm den Revolver aus dem Holster riss und die Waffe zu Boden fallen ließ. Der Rancher hatte mit vielem gerechnet.

Aber nicht damit, dass Leslie Morgan in der verzweifelten Lage, in der er sich befand, zum Angriff überging!

Aus dem Gejagten war ein Jäger geworden.

Sekundenlang geschah gar nichts.

Dan Garth war sich genauso unschlüssig über das, was jetzt geschehen sollte, wie seine Männer.

Mit den Augenwinkeln sah Leslie, wie sich die Hände in Richtung der Revolver stahlen...

Blitzschnell riss einer der Kerle seinen Colt aus dem Holster und Leslie blieb nichts anderes übrig, als seine eigene Waffe hochzureißen und zu feuern.

Leslies Schuss war den Bruchteil eines Augenblicks schneller und riss den Kerl nach hinten, sodass dessen Schuss hoch in den Sternenhimmel ging.

Mit einem zweiten Schuss machte er einen der Kerle kampfunfähig, indem er ihm in den Unterarm schoss. Schreiend ließ dieser daraufhin sein Eisen fallen, dessen Hahn er schon gespannt gehabt hatte. Als die Waffe auf den Boden knallte, löste sich ein Schuss, der als brandgefährlicher Querschläger durch das Lager ging.

Einige der angeleinten Pferde bäumten sich auf und rissen an ihren Halftern.

Dan Garth hatte erkannt, dass diese Sekunden des Chaos seine vielleicht letzte Chance waren, seinen Kopf doch noch aus der Schlinge zu ziehen.

Und so hatte er seine ganze Kraft zusammengenommen und sich auf Leslie gestürzt.

Leslie spürte, wie ein furchtbarer Schlag ihn in der Magengrube traf und ihn nach hinten taumeln ließ. Ineinander verkrallt gingen die beiden Männer zu Boden und wälzten sich übereinander.

Ein eiserner Griff ging um Leslies Handgelenk und bog es derart schmerzhaft nach hinten, dass der Sheriff von Amarillo den Revolver loslassen musste.

Garth versuchte, das Eisen zu erreichen, aber Leslie schlug es ein Stück weg.

Die Waffe rutschte über den steinigen Boden und war erst einmal wieder für beide Männer unerreichbar.

Die anderen Kerle standen außen herum und warteten ab. Sie konnten nicht eingreifen, ohne ihren Boss zu treffen. Zu heftig wogte der Kampf hin und her.

Garth bekam dann Oberwasser.

Er schwang sich rittlings auf seinen Gegner und Leslie fühlte den eisernen Griff des Ranchers um seine Kehle, während dessen Linke gleichzeitig nach hinten griff, dorthin, wo er sein langes Bowie-Messer im Gürtel stecken hatte.

Garth riss das Messer heraus und in der nächsten Sekunde sah Leslie die blanke Klinge auf sich zukommen.

Leslie packte zu.

Er fühlte, wie die scharfe Klinge seine Haut ritzte, aber es gelang ihm, den Stoß zur Seite abzubiegen. Das Messer fuhr mit mörderischer Wucht bis zum Heft in den Boden - keinen Fingerbreit von Leslies Hals entfernt.

Die Wucht dieses Stoßes nutzte Leslie geistesgegenwärtig aus, um Garth zur Seite zu stoßen und sich aus der Umklammerung zu befreien.

Er versetzte dem Rancher einen Fausthieb, der ihn benommen zurücksinken ließ.

Beide Männer rollten sich auf dem Boden herum und rappelten sich hoch.

Einer aus der Meute ballerte seinen Revolver ab und verfehlte Leslie nur um Haaresbreite. Dieser fingerte blitzschnell den Derringer aus seiner Weste heraus und feuerte ihn ab. Der Kerl, der gerade zu einem weiteren Schuss auf den Sheriff von Amarillo angelegt hatte, sank wie ein Klappmesser in sich zusammen, als ihn die Kugel erwischte.

Aber der Derringer hatte nur einen Schuss

Und so warf Leslie die Waffe zur Seite.

Er hielt sich die stark blutende Hand, während Garth das Messer sofort wieder aus der Erde gerissen hatte. Leslie wusste, dass seine einzige Chance darin bestand, in Garth' Nähe zu sein, sodass seine Männer ihre Revolver nicht gebrauchen konnten.

Der Rancher schleuderte das Messer in Leslies Richtung. Dieser duckte sich blitzschnell, während die Klinge über ihn hinwegsirrte, um dann in einem Baum steckenzubleiben. Leslie stürzte sich auf den Rancher.

Wie zwei ineinander verkrallte Raubtiere wälzten sie sich in Richtung des Feuers, walzten durch die Flammen und rissen den Kessel mit dem heißen Kaffee mit sich.

Garth schrie auf und auch Leslie spürte einen rasenden Schmerz.

Aber der Sternträger war hatte ihn schneller verwunden und nutzte seine Chance. Er hämmerte Dan Garth seine Faust mitten ins Gesicht, sodass der Rancher bewusstlos in sich zusammensackte.

Das Nächste, was er dann spürte, war etwas Hartes, Kaltes an seiner Schläfe.

Ein Revolverlauf.

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Leslie spürte ein Vibrieren, das vom Spannen des Revolverhahns herrührte...

Ausgespielt!, schoss es Leslie Morgan für den Bruchteil einer Sekunde bitter durch den Kopf.

Alles, was dann passierte, geschah sehr schnell. Eine tödliche Schnelligkeit...

Es waren zwei Kerle. Zwei von sechsen, die im Lager gewesen waren.

Der Mann, der Leslie den Revolver an die Schläfe drückte, war der langhaarige Bud. Er hatte inzwischen seine Waffe nachgeladen. Mit den Augenwinkeln konnte Leslie die Patronen in der Trommel sehen.

Der andere trug einen grauen Südstaaten-Hut, wie er in der Kavallerie der Konföderierten üblich gewesen war. Leslie kannte den Mann. Er hieß Curtis und war schon ziemlich lange bei Dan Garth' wildem Haufen. Er stand etwas abseits mit einer Winchester in der Hand.

Leslie Morgan reagierte blitzschnell und mit dem Mut der Verzweiflung.

Mit der einen Hand schlug er die Waffe zur Seite, während er mit der anderen heiße Asche aufwirbelte. Bud bekam sie ins Gesicht und schrie auf.

Jene Kugel, die eigentlich für Leslie bestimmt gewesen war, fuhr jetzt dem bewusstlosen Dan Garth mitten in die Brust. Genau in diesem Moment riss der Mann mit dem Konföderierten-Hut sein Gewehr hoch und feuerte in Leslies Richtung, aber dieser hatte sich längst zur Seite gehechtet. Er rollte sich am Boden herum, während links und rechts von ihm die Kugeln einschlugen.

Dann fühlte Leslie einen höllischen Schmerz am Bein und wusste, dass es ihn erwischt hatte.

Mit der Kraft der Verzweiflung wandte er sich noch einmal herum und rechnete damit, dass er jetzt den Rest bekam. Leslie streckte die Hände aus und fühlte etwas Glattes, Hartes. Es war der Griff einer Winchester, die einer der Kerle bei seinem Sattelzeug abgelegt hatte.

Leslie riss die Waffe herum und konnte nur hoffen, dass sie auch geladen war.

Er drückte ab.

Der Schuss ging dem Mann mit dem Konföderierten-Hut mitten durch den Hals und ließ ihn einen Schritt rückwärts taumeln. Er kam kam gegen einen knorrigen Baum und rutschte an diesem zu Boden.

Ein Geräusch ließ Leslie herumfahren.

Der langhaarige Bud hatte sich einen der Gäule geschnappt. Er hielt immer noch eine Hand vor das Gesicht und schien nicht richtig sehen zu können. Aber sein Pferd schien den Weg zu kennen.

Bud gab dem Gaul die Sporen und einen Augenblick später waren beide nur noch ein Schatten in der Dunkelheit...

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Drei Tage später hatte Leslie Morgan seine Sachen gepackt und ging die Treppe hinunter in den Schankraum des Dead Indian-Saloons von Amarillo.

Er legte genau dieselben Dinge auf den Schanktisch wie an jenem Tag, als er hier her zurückgekehrt war: Seine Satteltaschen und die Winchester.

Miss Casey strich sich die blonden Haare aus dem entzückenden Gesicht und zwang sich zu einem Lächeln.

„Sie wollen also wirklich gehen, Les?“

„Ja.“

„Und es gibt nichts, was Sie davon abhalten könnte?“

Er schüttelte den Kopf und nahm den Drink, den sie ihm ohne zu fragen hingestellt hatte.

„Nein“, sagte er. „Mein Bein ist wieder einigermaßen in Ordnung. Es ist eine Fleischwunde und die werde ich überleben!“

Miss Casey atmete tief durch.

„Die Leute reden sehr gut von Ihnen. Die ganze Gegend atmet auf, weil Sie diese Stadt von Dan Garth und seiner skrupellosen Bande befreit haben!“

„Ich haben es nicht für diese Leute getan“, sagte Leslie Morgan schulterzuckend. „Denn die hätten mich ohne zu zögern den Wölfen zum Fraß vorgeworfen.“

Sie nickte.

„Ich weiß!“

„Na, dann werden Sie mich ja verstehen!“

„Was ist mit der Ranch Ihrer Eltern, Les? Ich dachte, Sie wollten sie wiederaufbauen!“

Leslie sah die junge Frau einen Moment lang nachdenklich an. Sein Blick war dabei nach innen gekehrt.

Dann hob er die Augenbrauen und schüttelte energisch den Kopf.

„Nein“, murmelte er. „Es ist zwar ein schönes Stück Land gewesen, dass da auf meinen Namen eingetragen war... Aber ich habe es wieder verkauft.“

„An wen?“

„An die Bank.“

„Und Ihre Pläne, Les?“

Leslie zuckte die Achseln. „Ich werde anderswo von vorne anfangen. Das ist besser. Alles hier in dieser Gegend würde mich ständig an das erinnern, was geschehen ist. Aber irgendwann sollte die Vergangenheit ruhen, finden Sie nicht?“

„Vielleicht haben Sie recht, Les...“, murmelte Miss Casey. In diesem Moment kam McGhee durch die Flügeltüren des Dead Indian.

„Die Pferde sind soweit“, sagte er. „Wir können los.“

„Er kommt mit Ihnen?“, fragte miss Casey.

Leslie nickte.

„Ja, ich brauche einen, der mit anpackt!“

Dann leerte er seinen Drink und stellte das Glas hart auf den Tresen. Und aus irgendeinem Grund blieb sein Blick an den meerblauen Augen der jungen Frau haften.

Einen Augenblick lang sagte keiner von ihnen ein Wort.

„Was ist? Nehmen Sie mich auch mit, Les?“

Sie schaffte es, ihre Sachen in wenigen Minuten zu packen. Und bevor sie dann durch die Schwingtüren des Dead Indian ins Freie traten, hielt Leslie Morgan noch einmal kurz an. Er nahm den Blechstern von seinem Hemd und warf ihn auf einen der Tische

ENDE

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SONORA-GEIER

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von Alfred Bekker

Satteltramp Jeff Corley im Kampf gegen Vigilanten und Banditen - An Bord des Flussdampfers COLORADO QUEEN erfüllt sich das Schicksal eines Revolvermanns.

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Eine plötzliche Bewegung und ein schwarzer Schatten hoch oben, bei den Felsspitzen...

Ein unmenschlicher Schrei holte den einsamen Reiter aus der Lethargie heraus, die sich fast automatisch einstellte, wenn man, wie er, stundenlang bei vor Hitze flimmernder Luft im Sattel zugebracht hatte.

Jeff Corley sah zu den schroff und zackig in den azurblauen Himmel ragenden Felsen hinüber und zog sich die Hutkrempe ins Gesicht.

Corleys Augen wurden zu schmalen Schlitzen, als er gegen die hochstehende Sonne blinzelte.

Es war ein tierischer Schrei, den Corley gehört hatte. Über den Felsen sah der Reiter den dunklen, schemenhaften Umriss eines großen Vogels kreisen.

Ein Geier!

Das mächtige Tier krächzte erneut, und es konnte aller Erfahrung nach nicht allzu lange dauern, bis weitere Aasfresser angelockt würden. Corley ließ seinen Braunen stoppen und überlegte einen Moment. Ein kreisender Geier konnte alles Mögliche bedeuten. Vielleicht war irgendwo ein halbwildes Rind durch die Trockenheit zu Grunde gegangen oder ein Puma hatte Beute gerissen und jetzt gönnten ihm die Aasfresser seine Mahlzeit nicht...

Aber genauso gut konnte es sein, dass da jemand in einer misslichen Lage war und dringend Hilfe brauchte. Ein Verletzter vielleicht, oder einer, dem das Pferd gestorben und das Wasser ausgegangen war...

Die Geier waren immer die ersten, die erkannten, wann es mit einem Lebewesen zu Ende gehen würde. Sie hatten einen Instinkt dafür, und sie hatten Geduld. Stundenlang warteten sie, bis ihr Augenblick gekommen war...

Corley wusste, dass es seine Pflicht war, nach dem Rechten zu sehen.

In der Wildnis musste jeder jedem helfen, das war ein ungeschriebenes Gesetz - auch wenn sich lange nicht alle daran hielten.

Aber für Jeff Corley war das keine Frage und so trieb er den Braunen voran.

Nach kurzer Zeit hatte er das zackige Felsmassiv umrundet. Wenig später sah er dann, worauf es der Geier abgesehen hatte.

Es war ein Bild des Grauens!

Corley sah einen Wagen, dessen hintere Achse gebrochen war und der jetzt schräg im heißen Sand stand.

Es war ein Vierspänner gewesen. Die Deichsel ragte in Stück nach oben.

Von den Pferden sah Corley keine Spur.

Im Sand verstreut lagen die zum Teil merkwürdig verrenkten Leichen von acht Männern. Ein kurzer Blick genügte Corley, um zu wissen, dass hier ein mörderischer Kampf getobt haben musste.

Die Männer waren allesamt erschossen worden. Manche von ihnen lagen auf dem Bauch und hatten den Rücken blutrot. Es machte ganz den Anschein, als wären sie in einen Hinterhalt geraten und von hinten aus dem Sattel geschossen worden. Andere schienen gerade noch Gelegenheit gehabt zu haben, ihre Eisen zu ziehen.

Aber viel hatte ihnen das nicht genutzt.

Details

Seiten
1200
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738921328
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Mai)
Schlagworte
roman-paket wilder westen western juli

Autoren

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Titel: Roman-Paket Wilder Westen: 13 Top Western Juli 2018