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Schicksale im Haus an der Ecke #7: Vom Freier erkannt

©2018 88 Seiten

Zusammenfassung


Gwen und Eva-Maria, zwei hübsche Tüllen aus dem Haus an der Ecke - dem besten Bordell in Hamburgs Dirnenviertel - haben auf einer Seereise zwei nette, aber schüchterne junge Männer kennengelernt und sich Hals über Kopf in sie verliebt. Dass die Auserwählten aus reichem Hause sind, erfahren die Mädchen erst, als sie auf deren großen Anwesen in Frankfurt zu Gast sind, um herauszufinden, ob ihre Liebe Bestand hat. Die beiden Mädchen verleben dort unbeschwerte Tage, bis Gwen auf einen ihrer Stammkunden trifft …

Leseprobe

Table of Contents

Vom Freier erkannt

Copyright

Die Hauptpersonen:

1

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Vom Freier erkannt

Schicksale im Haus an der Ecke #7

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 88 Taschenbuchseiten.

 

Gwen und Eva-Maria, zwei hübsche Tüllen aus dem Haus an der Ecke - dem besten Bordell in Hamburgs Dirnenviertel - haben auf einer Seereise zwei nette, aber schüchterne junge Männer kennengelernt und sich Hals über Kopf in sie verliebt. Dass die Auserwählten aus reichem Hause sind, erfahren die Mädchen erst, als sie auf deren großen Anwesen in Frankfurt zu Gast sind, um herauszufinden, ob ihre Liebe Bestand hat. Die beiden Mädchen verleben dort unbeschwerte Tage, bis Gwen auf einen ihrer Stammkunden trifft …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen:

Uwe Kramer, Balduin Helmrich - Cousins einer reichen Familie, haben sich in Dirnen verliebt.

Helene Kramer - ihre Großmutter, ist aufgeschlossen und modern, kann aber eine Katastrophe nicht verhindern.

Gwen und Eva-Maria - Mädchen aus dem Haus an der Ecke, sollen in gut situierte Familien einheiraten.

Dazu die Bewohner vom Haus an der Ecke.

 

 

1

Der Diener Lorenz befand sich in der Küche des Eckhauses und bereitete das Frühstück vor. Er war nervös und unsicher. Das wäre ja nicht so schlimm gewesen, wenn die Aufpasserin dazu nicht auch noch beißende Bemerkungen gemacht hätte. Lorenz verdrehte die Augen zur Decke und fragte sich ernsthaft, warum mache ich das nur? Ich bin doch wohl nicht mehr ganz dicht im Oberstübchen! Ich könnte meine freie Zeit auch besser nutzen.

»Wo haste denn jetzt schon wieder deine Gedanken?«, ertönte es hinter ihm.

Lorenz drehte sich um und fauchte: »Noch ein Wort, und ich werfe den Kram hin!«

Ida, die Köchin im Haus an der Ecke, berührte das überhaupt nicht.

»Wenn die Mädchen ein paar Tage hungern müssen, ist das immer noch besser, als dass sie alle vergiftet werden.«

»Dass ich nicht lache!«, höhnte Mareks Diener wütend. »Ich vergifte die Mädchen? Kannst du mir mal sagen, womit?«

»Seit wann nimmt man Salz zum Kaffee?«, fragte Ida streng.

»Das ist Zucker! Ich habe mich vorher davon überzeugt! Vielleicht hast du es vergessen, aber ich führe für Marek seit vielen Jahren den Haushalt. Und er lebt noch immer!«

»Ein Lude merkt es doch gar nicht, wenn er Gift zu sich nimmt, die meisten sind doch voller Gift und Galle«, brummte Ida, steckte einen Finger in die Zuckerdose und stellte verdutzt fest, dass es wirklich Zucker war. Wie kam das denn? Sie hatte doch Lorenz einen Streich spielen wollen und ihm den falschen Topf hingestellt!

Der Diener des Großluden betrachtete Ida von der Seite, und jetzt dämmerte es ihm erst so richtig.

»Du falsche Schlange«, sagte er leise. »Erst rufst du mich an, ob ich dich hier drei Tage vertreten kann, weil du jemanden unter die Erde befördern musst. Ich soll mich hier bewähren, und jetzt merke ich, dass du mir pausenlos Fallen stellst. Kannst du mir mal sagen, was das zu bedeuten hat?«

Ida wurde rot. Schon wollte sie sich geschickt verteidigen, da hörten sie hinter sich Deikes Stimme. Deike war die Bordellmutter des Eckhauses. Sie war selbst mal eine Stardirne gewesen und hatte vor ein paar Jahren die Gelegenheit bekommen, diesen Laden zu übernehmen. Sie war an Krebs erkrankt, und man hatte ihr eine Brust amputiert. Seither wollte sie von Männern nichts mehr wissen. Sie sah deswegen in diesem Haus ihren Lebensinhalt. So war das Haus an der Ecke das bestgeführte Bordell weit und breit geworden. Vierundzwanzig Mädchen wohnten hier und verdienten durch Stammkunden ihren Unterhalt. Ein Lude, der sagen konnte, ich habe ein Mädchen im Eckhaus stehen, war in diesem Milieu sehr angesehen.

»Aber Lorenz, das musst du doch begreifen! Die Mädchen könnten dich möglicherweise besser finden als Ida. Davor hat sie eine Riesenangst!«, erklärte Deike lachend.

Jetzt wurde Ida wütend und ereiferte sich: »Das ist ja gar nicht wahr! Ich will nur, dass alles seine Ordnung hat!«

»Das wird es, Ida. Du kannst wirklich in Ruhe deine Verwandte beerdigen. Und wir werden dich auch gebührend vermissen.«

Lorenz wollte dazu auch seinen Senf geben, erhielt aber einen Wink von Deike und schwieg.

»Du kannst dich auf mich verlassen, Idachen! Ich werde hier meine Zelte aufschlagen. Nichts wird laufen, ohne dass ich es vorher überprüft habe. Jetzt aber Schluss! Keinen Zank mehr!«, befahl Deike energisch.

Ida zog es vor, sich in die Markthalle zu begeben. Wenn Deike sprach, sagte sie nie etwas dagegen. Deike war Idas Liebling.

Lorenz wollte wissen: »Warum durfte ich mich nicht verteidigen?«

Deike lächelte und sagte: »Du kennst doch unser altes Mädchen! Lorenz, fällst du denn noch immer auf ihre Tricks herein?«

»Aber sie wollte mich doch hier haben. Ich habe es bei Marek durchsetzen müssen. Ich opfere ein paar Tage meines Urlaubs, und Ida macht mir trotzdem das Leben schwer.«

»Das ist ihre Art, Liebe zu zeigen.«

»Ich werde die Frauen nie verstehen«, sagte Lorenz seufzend. »Das ist einfach zu hoch für mich.«

»Ich muss wieder nach vorne. Im Augenblick ist der Teufel los im Hof«, sagte Deike.

»Sind wieder viele Spanner da?«, wollte Lorenz wissen.

»Ja, in ein paar Bundesländern sind Ferien. Dann ist es immer ganz schlimm.«

»Wenn du Hilfe brauchst, sag mir Bescheid«, bat Lorenz.

Deike lächelte. Lorenz, einst dem männlichen Geschlecht zugetan, war auf dem Wege, ganz normal zu werden. Er hatte ihr mal erzählt, dass er als junger Bursche in die Homoszene hineingeschliddert war. Er war also nicht mit dieser Veranlagung geboren. Er hatte, da er ziemlich schüchtern war, bald Schwierigkeiten damit bekommen, vor allen Dingen als man erfuhr, was für eine Rolle er in der Unterwelt spielte. Marek war schließlich der King unter den Luden.

Deike befand sich nun wieder in ihrem Büro neben der Rampe. Die Mädchen spazierten hin und her und versuchten, aus der Menge von Männern ihre Kunden zu fischen. Sie waren lange genug Tüllen, um die herauszufinden, die wirklich zu einer Dirne wollten, sich aber nicht so recht trauten.

Eva-Maria und Gwen standen nebeneinander. Für sie hatte auch der normale Alltag wieder begonnen. Sie hatten zusammen eine herrliche Seereise unternommen, waren auf dem Schiff wie vornehme und reiche Frauen behandelt worden. Jede von ihnen hatte einen Mann kennengelernt. Gwen ihren Uwe Kramer und Eva-Maria ihren Balduin Helmrich. Sie hatten sich im Hafen verabschiedet. Die beiden Männer wussten noch nichts von dem Job der Mädchen, die Tüllen hielten die Burschen für arm. Eva-Maria hatte sich inzwischen gefangen und war nicht mehr so daneben, weil sie ihren Balduin nicht mehr sehen konnte. Gwen hatte es aber erwischt.

Unvermutet war ein postlagernder Brief gekommen. Die Männer wollten sich mit den Mädchen treffen, und zwar im Hotel »Vier Jahreszeiten«. Deike hatte davon erfahren und war etwas beunruhigt. Schließlich fühlte sie sich für ihre Mädchen verantwortlich. Sie hatte ihnen versprochen, sich darum zu kümmern.

Gwen und Eva-Maria hatten ihre Antwort geschickt und warteten jetzt jeden Tag auf weitere Nachricht.

So standen nun beide auf der Rampe und blickten in die auf sie gerichteten Männergesichter. Ihre Stammkunden kamen in den heißen Sommermonaten fast gar nicht, mussten sie doch auch mal in Familie machen und verreisen.

Gwen hatte einen jungen Mann im Auge, Eva-Maria auch. Als sie das bemerkten, lachten sie auf.

»Willst du ihn?«, fragte Eva.

Gwen schüttelte den Kopf. »Ich will dir nicht ins Gehege kommen.«

»Lassen wir doch den jungen Mann entscheiden«, schlug Eva-Maria vor. Seit sie zusammen die Seereise unternommen hatten, waren sie noch netter zueinander, zumal es Gwen immer schwerer fiel, mit einem Mann für Geld ins Bett zu steigen.

Der Mann entschied sich dann doch für Cony.

»Auch gut«, brummte Gwen.

»Ich denke, du willst dir ein Geldpolster anschaffen?«

»Vielleicht sollte ich es mal mit Lotto versuchen. Dieses eben fällt mir verdammt schwer, Eva-Maria!«

»Oh je, krieg jetzt bloß nicht den Moralischen!«

»Ich will mich bemühen. Aber es ist nicht leicht. Mich kotzen langsam die Kerle wirklich an!«

»Versteif dich doch nicht so auf Uwe!«

Gwen träumte vor sich hin. »Er ist meine große Liebe! Ich spür es ganz deutlich. Ich liebe ihn wirklich. Verrückt, nicht?«

Eva-Maria erschrak. Wenn das so weitergeht, dachte sie bestürzt, dann landet sie noch in der Klapsmühle. Ich kann einfach nicht glauben, dass das gut geht. Sicher, Uwe Kramer war ein netter Bursche, jung und unerfahren. Auf so etwas standen die Tüllen. Da wurden sie ganz weich und anschmiegsam. Sie waren süchtig nach Liebe, und weil sie die echte Liebe meist nicht erhielten, mussten sie sich diese bei Luden kaufen. Doch bald wurden die Luden gemein und widerwärtig und nutzten die Mädchen aus. Also ging alles wieder von vorne los. Eine Tülle schwamm sich häufig frei und zahlte ihren Luden aus, aber hatte sie es geschafft, war sie wieder allein. Deshalb waren die Mädchen im Haus an der Ecke oft in der Innung, nur wenige von ihnen hatten Luden als Beschützer. Die Tüllen wurden reich dabei, hatten aber nichts fürs Herz. Kam dann ein Kerl und machte sie weich, verfielen sie diesem sofort und verschenkten oft ihr ganzes Geld. Dann waren sie wieder am Ende und mussten von vorne beginnen.

Die Bordellmutter passte im Eckhaus aber auf. So etwas geschah hier nur ganz selten. Deshalb wollte Deike sich die jungen Burschen ansehen, die eigens wegen der beiden Tüllen nach Hamburg kamen. Marek hatte sich erkundigt und erfahren, dass sie nicht gerade arm waren. Deike konnte es nicht glauben. Vielleicht lag auch eine Verwechslung vor?

Gwen musste geschützt werden. Deike wollte das Mädchen nicht verlieren. Gwen war eine gute Tülle. Man konnte sich auf sie verlassen. Gwen sollte heute eigentlich ein paar gute Kunden bedienen. Nun sah aber alles ganz anders aus.

Gwen steckte sich eine Zigarette an und fing an zu träumen. Aus dem Haus kam ein Freier, hinter ihm Mariana. Diese stellte sich neben Eva-Maria und lächelte zufrieden.

»Ich kann es noch immer nicht glauben, dass ich wirklich bei euch anschaffe. Nachts werde ich plötzlich wach und habe furchtbare Angst.«

»Das legt sich alles noch!«

»Es ist wie ein Wunder! Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als hier zu arbeiten. Nicht wahr, Gwen?«

Gwen fuhr aus ihren Träumen hoch und merkte jetzt erst, dass sie nicht nur von Mariana angesprochen wurde. Auch einer ihrer Stammkunden war gekommen und lächelte sie an.

Eva-Maria zog Mariana zur Seite. »Gwen, schau wer gekommen ist!«

Gwen bemerkte den Kunden und schien sich sogar ein wenig zu freuen.

»Kann ich raufkommen, obwohl ich mich nicht angemeldet habe?«

»Klar! Ich stehe doch hier, komme nur!«

Die beiden verschwanden im Haus an der Ecke. Eva-Maria wandte sich an Mariana: »Du bist glücklich, und Gwen ist unglücklich. So ist das Leben. Sie sehnt sich weit weg, und du bist toll aufgelegt, weil du hier sein kannst.«

Mariana war als Dirne auf dieser Seereise gewesen, hatte die beiden Dirnen dort kennengelernt und ihnen die Wahrheit gesagt. Sie hatten sich angefreundet. Gwen war es dann gewesen, die Deike gebeten hatte, Mariana im Eckhaus eine Chance zu geben. So stand sie jetzt seit einer Woche hier und sollte sich bewähren. So wie es aussah, konnte sie bleiben. Es war nicht ein Mädchen im Hause, das die glutäugige Mariana nicht mochte.

»Sie will doch nicht wirklich weg?«, fragte Mariana. »Was will sie denn machen? Mensch, das müssen wir ihr ausreden!«

»Wegen dem Kerl!«, erklärte Eva.

»Oh je, daran habe ich ja gar nicht mehr gedacht. Ist es wirklich so ernst?«

»Tja, also, ich kann sie ja verstehen. Weißt du, mein Balduin war ja auch nicht so ohne. Ein netter Junge! Aber da muss schon noch etwas dazu kommen, wenn ich dies alles hier aufgeben soll.«

»Hoffentlich nicht! Das wäre doch schade, wo wir doch gerade Freundinnen geworden sind.«

»Behalten wir Gwen im Auge! Sie macht mir Sorgen. Ich bin mal gespannt, wie der Kunde sich gleich fühlt.«

 

 

2

Gwen war eine gute Dirne. Sie war liebenswert und ging auf die Wünsche der Männer ein. Gerade unterhielt sie sich mit ihrem Kunden und erzählte ihm ihre Kümmernisse. Zuerst war der Freier richtig gerührt, doch dann wurde es ihm zu langweilig, und er sagte es dem Mädchen.

»Entschuldige, aber ich habe nun mal keinen Menschen, mit dem ich reden kann«, sagte Gwen leise.

Der Mann nahm sie in die Arme. »Wirklich nicht?«, fragte er.

»Du bist doch mein liebster Kunde«, flüsterte die Dirne ihm ins Ohr. »Ich wollte es dir eigentlich nie sagen, damit du nicht übermütig wirst.«

Das war Balsam für die Seele des Mannes. Er fühlte sich großartig.

Sie liebten sich leidenschaftlich. Gwen schloss die Augen und träumte von Uwe Kramer. Der Kunde erlebte den Himmel auf Erden. Fast wäre Gwen ausgeflippt, als er ihr mehr Geld als ausgemacht auf den Tisch legte. Doch dann fiel sie in ihre normale Rolle zurück und bedankte sich.

Gwen brachte ihren Freier nach unten. Nur Mariana war da, die anderen Mädchen befanden sich oben.

»Hast wohl heute nicht so viel Glück, wie?«, fragte Gwen.

»War es nett?«, wollte Mariana von ihr wissen.

»Ach, Stammkunden sind immer nett. Wir sind so etwas wie eine große Familie. Jetzt habe ich auch einen tollen Trick entdeckt.«

»Wirklich?«

»Ich schließe die Augen und denke an meinen Uwe. Dann klappt es. Himmlisch ist das!«

»Aber Gwen, das ist doch nicht möglich! Jeder Kunde ist doch anders! Das könnte ich nicht bringen.«

»Wenn man will, kann man alles.«

»Na, dann brauchst du ja den Uwe gar nicht mehr«, sagte Mariana.

Gwens Augen funkelten.

»Hör zu, ich brauche ihn mehr denn je! Wenn ich ihn nicht kriege, flippe ich aus!«

Mariana war wirklich noch lächerlich jung, aber sie war schon so klug, dass sie wohl wusste, dass das Leben der Dirnen in der Regel nicht aus rosa Wolken bestand. Ganz selten war es, dass eine wirklich das große Glück fand.

Mariana versuchte, sich an diesen Uwe Kramer zu erinnern. Er war schrecklich schüchtern gewesen. Obwohl schon achtundzwanzig, hatte er sich fast gar nicht in den Vordergrund spielen können. Alle auf dem Schiff waren der Ansicht gewesen, Uwe Kramer und Balduin Helmrich hätten diese Reise gewonnen. Man hatte versucht sie auszufragen, doch die Burschen hatten geschwiegen. Mariana hatte sich deswegen nicht um sie gekümmert, weil sie offensichtlich kein Geld hatten. Sie lebten ganz bescheiden und einfach. Deswegen hatte sie die beiden Männer ja auch den beiden anderen Dirnen gegönnt. Sie hatte ja Geld ziehen müssen. Ihr Lude hatte ihr ein gewisses Soll aufs Auge gedrückt. Zum Glück hatte sie es gebracht und noch mehr. Die beiden Dirnen hatten ihr dann sogar noch netterweise geholfen, eine Menge Geld zu ziehen. Kein Kunde war sauer auf Mariana gewesen.

Das muss Liebe sein, wenn man das Haus an der Ecke für einen Kerl aufgeben will, dachte Mariana bei sich. So bescheuert wäre ich nie. Ich werde hier so lange stehen, wie man mich lässt.

Gwen wurde von Ida hineingerufen.

»Anruf für dich!«, schrie Ida schon von Weitem.

In der Halle befand sich ein zweites Telefon.

Gwen meldete sich.

»Hier spricht Bodo Kramer!«, horte sie den Anrufer sagen.

»Schau an, du bist auch mal wieder an der Strippe! Wie nett!«, flötete Gwen.

»Ich habe solche Sehnsucht nach dir, mein Mädchen! Kann ich heute noch kommen?«, fragte Bodo Kramer.

Oberstes Gebot einer guten Dirne war es, immer vollbeschäftigt zu erscheinen. Gwen sagte: »Ich muss mal eben nachsehen. Ich glaube nicht, aber ich will sehen, ob ich was machen kann.«

Gwen blätterte in ihrem Notizbuch. Es waren für heute keine Stammkunden angesagt. Am liebsten hätte sie Bodo abgesagt. Ausgerechnet Bodo! Das war ihr einziger abartiger Stammkunde. In ihren Augen war er harmlos. Wenn Deike es gewusst hätte, hätte sie eingegriffen. Sie duldete einfach keine dieser schrägen Kunden. Aus Erfahrung wusste sie, dass sie letztendlich immer nur Ärger machten.

Bodo Kramer zahlte für ein paar Stunden tausend Eier. Gwen dachte an Uwe. Sie brauchte das Geld für ihre gemeinsame Zukunft.

»Kannst du in zwei Stunden hier sein?«, fragte sie.

»Ich bin schon in Hamburg! Natürlich kann ich! Das Essen mit den Geschäftsfreunden ist gleich vorbei. Ich bin pünktlich wie immer!«

Gwen legte auf und ging nach vorn.

Wieder waren neue Kunden in den Kontakthof geströmt. Gwen sah Mariana an. »Alle für dich! Mein Stammkunde kreuzt gleich auf. Ich muss fit bleiben.«

»Aber dann geh doch rein«, schlug Mariana ihr vor.

»Im Zimmer langweile ich mich. Ich reiße lieber für euch die Kerle auf. Pflücken müsst ihr sie dann selbst.«

Gwen konnte wirklich eine ulkige Nudel sein, wenn sie nur wollte. Sie machte ihre Scherze, und die Männer brachen in schallendes Gelächter aus. Sie heizte sie noch mehr an, als sie ihnen verklickerte, dass sie heute nicht zu haben sei. Man bot jetzt sogar über Tarif. Gwen kannte das, wenn sie sich verweigerte, wurden die Geschäfte immer besser.

»Nichts zu machen, Jungs! Schaut her, so tolle Mädchen gibt es im ganzen Viertel nicht zu sehen!«

»Warum willst du denn nicht?«, fragte ein Freier.

»Ich bin heute nur der Kasper«, rief Gwen den Männern zu. »Ich habe heute Sendepause. Die Gewerkschaft will das so!«

Da lachten alle laut. Diese Ausrede von einer Dirne war wirklich zu köstlich.

Gwen hatte viele Witze auf Lager und turnte sich selber damit an.

 

 

3

Bodo Kramer erschien pünktlich. Ein wenig zögernd betrat er den Kontakthof. Dann sah er Gwen, lächelte und kam schnell an die Rampe. Ein paar Kunden wollten ihn zur Seite drücken. Im Augenblick waren mehr Kunden als Dirnen vorhanden.

»He, Alter, so geht das nicht! Auch wenn du ein reicher Knilch bist, musst du anstehen. Ist das klar?«

Bodo fuhr nervös zurück. Schon hatte er eine scharfe Antwort auf den Lippen, er besann sich aber sogleich und blickte die Dirnen an. Gwen war inzwischen an die Treppe getreten. »Komm rauf«, sagte sie kurz.

Dass passte den Männern gar nicht. Erst Marianas Einwand, dies sei ein Stammkunde, machte sie wieder friedlicher. Sie wollten sich den Kunden näher betrachten, doch da waren die beiden schon im Haus verschwunden.

»Warum bist du nicht durch die Hintertür gekommen?«, fragte Gwen.

»Ich habe es vergessen«, stammelte Bodo Kramer.

Gwen dachte, ich frage mich, wie er sein Geld macht, wenn er so viel vergisst.

In ihrem Zimmer angekommen, ging Gwen sofort zu ihrem Schrank. Bodo hatte, wie es sich gehörte, bereits einen braunen Schein auf das Tischchen gelegt. Gwen angelte sich ihn mit den Fingerspitzen und stopfte ihn in ihr Geldtäschchen.

»Dann wollen wir mal«, sagte sie. Dies alles gehörte zu ihrem Spiel. Bodo war wirklich ein wenig verrückt. Er hatte sich schon ausgezogen und legte sich jetzt selbst einen Maulkorb und Zügel an. Gwen hatte sich in eine schwarze Lederkluft gezwängt und dabei festgestellt, dass sie auf dem Schiff doch ein paar Pfund zugenommen hatte. Dann nahm sie die Peitsche, setzte sich damit auf ihr Bett und spielte Dompteuse. Das war für die Dirne ziemlich langweilig. Sie musste mit der Peitsche knallen, ihn anschreien, ihn Männchen machen lassen und vieles mehr. Bodo benahm sich wie ein braves, dummes Hündchen.

Warum er dieses Spiel brauchte, konnte Gwen sich nicht erklären. Der Mann schien dabei glücklich zu sein. Für Gwen zählte nur das Geld. Er nahm sie nicht mal als Frau, Bodo Kramer machte alles mit sich selber ab.

Gwen träumte inzwischen von ihrem jungen und romantischen Uwe und knallte dabei fleißig mit der Peitsche. Plötzlich passierte es, dass sie Bodo traf. Das war natürlich nicht abgemacht. Der Schlag saß. Rote Striemen zogen sich sofort über den nackten Rücken des Mannes. Er hörte auf Männchen zu machen und war wie erstarrt.

Gwen war furchtbar erschrocken, wollte sich gleich entschuldigen. Schließlich hatte sie gegen die Spielregeln verstoßen.

»Mach das noch einmal«, bat Bodo Kramer leise.

»Aber Bodo, du bist verrückt! Dazu gebe ich mich nicht her! Ich mag das nicht!«

»Los schon! Ich gebe hier die Befehle!« Plötzlich war Bodo ein ganz anderer Mensch geworden. Kalt, hart und brutal blickten seine Augen das Mädchen an. »Los schon!«, schrie er.

Gwen zuckte zusammen. Das war ja echt! Deike hatte also recht, wenn sie immer wieder sagte, abartige Männer vergessen leicht alle Grenzen.

Gwen dachte bestürzt, jetzt ist es also so weit. Ich muss höllisch aufpassen. Mit einem Auge schielte sie zum Alarmknopf. Wie lange würde Ida brauchen, um raufzukommen? War sie überhaupt im Haus?

Gwen musste immer wieder zuschlagen, und Bodos Haut platzte dabei schon an einigen Stellen auf. Er blutete. Er leckte sich das Blut ab und befand sich wie in einem Rausch. Von anderen Tüllen wusste Gwen, dass man Schläge setzen konnte, ohne dem Mann Wunden beizubringen. Sie versuchte es jetzt in ihrer Verzweiflung. Das war aber eine Kunst für sich, wie sie wenig später resigniert feststellen musste.

Bodos Rücken sah wirklich nicht mehr hübsch aus. Er musste große Schmerzen haben. Endlich wollte er nichts mehr davon wissen. Gwen warf die Peitsche weg und wollte sich um Bodo kümmern. Er stieß sie zur Seite.

»Ich bin doch nicht verweichlicht«, blaffte er sie an.

»Aber ich möchte doch nur nett zu dir sein«, sagte Gwen flehend. »Das ist doch mein Job. Ich habe das nicht gern getan!«

»Dann wirst du es lernen«, sagte Bodo Kramer kurz angebunden.

»Du meinst, du willst das jetzt immer so haben, Bodo?«, fragte Gwen.

»Ich werde mir andere Spielchen ausdenken. Ich werde es dich wissen lassen.«

Gwen zog sich den schwarzen Lederanzug aus und legte ihn wieder in das unterste Fach ihres Schrankes. Nein, dachte sie wütend, ich mach das nicht mehr mit. Wenn er das nächste Mal anruft, dann habe ich einfach keine Zeit mehr. Ich werde es Deike sagen. Sie muss mir helfen.

Plötzlich fielen ihr viele Geschichten ein. Immer wieder musste eine Dirne über die Klinge springen, weil sie abartige Kunden bediente. Gwen wollte nicht sterben.

Bodo Kramer duschte und war dann wieder der kühle Geschäftsmann. Mit seinen fünfzig Jahren sah er eigentlich noch recht gut aus.

»Bist du eigentlich verheiratet?«, fragte Gwen.

»Warum willst du das wissen?«

»Nun, ich denke, wenn deine Frau deinen Rücken sieht, wird sie Fragen stellen.«

»Ich bin nicht verheiratet«, sagte Bodo kurz, dann tätschelte er Gwens Wange. »Ich komme morgen wieder!«

Gwen fühlte, wie ihr Puls raste.

»Morgen habe ich keine Zeit!«, rief sie aus.

»Du wirst Zeit für mich haben«, befahl er eiskalt. Gwen spürte, dass er es gewohnt war, dass man sich nach seinen Befehlen richtete.

Er mag noch so reich sein, dachte sie bei sich, noch so viele Angestellte haben, mich kann er nicht kaufen.

Gwen brachte Bodo Kramer zur Hintertür. Sie blieb eine Weile im Gang stehen und sann über Bodo nach. Was war geschehen? Warum war er auf einmal so anders?

Gwen hatte noch Rampendienst, also ging sie wieder nach vorn. Der Betrieb hatte sich ein wenig gelegt. Eva-Maria kam auch wieder herunter. Sie räkelte sich wie eine Katze.

»Manchmal macht es richtig Spaß. Das war ein süßer Bubi, er erinnerte mich an meinen Balduin.«

Gwen ging darauf nicht ein, also wurde sie sofort gefragt, was ihr denn über die Leber gelaufen sei.

»Bitte lass mich zufrieden! Ich habe ein Problem.«

»Schlimm?«, wollte Eva wissen.

»Lass mich zufrieden!«, rief Gwen laut.

Eva-Maria war erstaunt, dass sie so angeschrien wurde. Sie wandte sich an Mariana, die auch gerade wieder einen Kunden nach unten brachte. Die erzählte ihr von Gwens komischem Kunden.

»Sie hat also immer noch Liebeskummer«, murmelte Eva-Maria.

»Der war wirklich unangenehm. Sag mal, sind alle Stammkunden so blöde?«, fragte Mariana.

»Das liegt an dir. Wer dir nicht passt, den nimmst du einfach nicht in deine Kartei auf. So einfach ist das.«

»Sie zahlen aber Spitzenpreise, nicht wahr?«

»Klar! Aber sei vorsichtig! Wähle gut, sonst kannst du großen Ärger bekommen. Stammkunden müssen ganz anders behandelt werden.«

»Gut, dass du mir das sagst. Noch habe ich keinen. Ich werde also gut aufpassen.«

»Na, dann viel Spaß! Du wirst es schon schaffen!«

Sie standen noch ein paar Stunden auf der Rampe, dann wurden sie abgelöst. Gwen legte sich sofort schlafen.

 

 

Details

Seiten
88
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921281
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juli)
Schlagworte
schicksale haus ecke freier
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