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GONDAR – die Götter der Urzeit #9: Der Weg nach Mo

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Weg nach Mo

Copyright

Was früher geschah:

Personenregister:

Kapitel 1: Mykos

Kapitel 2: Grettir

Kapitel 3: Algoli

Kapitel 4: Venner

Kapitel 5: Gondar

Kapitel 6: Fellahrd

Kapitel 7: Ursan

Kapitel 8: Ellinor

Kapitel 9: Hurdon

Kapitel 10: Ellinor

Kapitel 11: Soas

Kapitel 12: Mykos

Der Weg nach Mo

GONDAR – die Götter der Urzeit

Band 9

Fantasy von Roland Heller

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.

 

„Ich bin Sinclar. Und ich bin Meister in allen Klassen des Schwertkampfes.“

„Gut, Sinclar. Dann halte dich bereit, heute Nachmittag einen Schaukampf zu absolvieren. Du trittst gegen eine alte Frau an. Solltest du diesen Kampf verlieren, verlange ich künftig absoluten Gehorsam von dir.“

„Ich werde gewinnen, Hauptmann. Welcher Preis steht mir dann zu?“

„Das wird nicht der Fall sein, also mach‘ dir keine Hoffnungen. Wenn doch, dann tauschen wir unseren Rang.“

Tatua sagte es mit einem Lächeln im Gesicht. Diese Selbstsicherheit hätte Sinclar bereits zu denken geben sollen, doch der konnte sich in diesem Moment einfach nicht vorstellen, dass die Kraft seines Armes nicht das Entscheidende im kommenden Kampf sein sollte.“

 

Der große Krieg hat nun begonnen. Und das erste Angriffsziel der Mächtigen im Reich von Mykos ist seine Hafenstadt Cerzha. Rund um die Hafenstadt sammeln sich die Heere. Der erste Waffengang leitet bereits den Untergang der Seestadt ein. Die Mächtigen glauben an einen schnellen Erfolg und einen raschen Sieg, doch dann passiert Gondar ein Missgeschick. Ab nun läuft nichts mehr wie geplant...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Was früher geschah:

Vor zwanzig Jahren prophezeite der Seher Barrak den Untergang der Stadt Mo durch die Mächtigen. Die Mächtigen, die von den Menschen als Götter bezeichnet wurden und diese als solche einst verehrt hatten, ehe der Glaube an ihre Übermacht verloren ging, haben nun den Feldzug gegen Mo begonnen. Ihr Werkzeug der Rache ist Gondar, ein junger Gott, der über unheimliche Kräfte verfügt. In einem ersten Feldzug befreien die Mächtigen das Land Borea, die Geburtsstätte von Gondar. Nun stehen sie vor Cerzha, der Hafenstadt von Mo.

Auch unter den Göttern herrscht nicht Einigkeit. Soas vertritt das Prinzip der Ordnung, Grettir das Prinzip des Chaos. Beide Weltanschauungen ringen um die Vorherrschaft. Der Krieg gegen die Menschen soll auch diese Frage der Götter entscheiden: setzt sich die Ordnung oder das Chaos durch?

 

 

Personenregister:

Tatua Hauptmann in der Armee von Mo

Sinclar Ein aufmüpfiger Unterführer in Tatuas Armee

Mykos Herrscher von Mo

Barrak Er ist ein Seher – er hat den Untergang von Mo vorausgesehen

Ursan Leitwolf der Wolfsmenschen

Grettir Der Gott des Chaos

Gondar Der junge Gott führt seine Rache aus

Algoli, Isis Sie sind beide Göttinnen

Aleksa Eine Bewohnerin von Cerzha. Sie ist das erste Opfer.

Venner Sie ist die Königin der Amazonen

Aurona Sie ist ihr Hauptmann (Venner)

Andra Sie kennst sich mit Pespen aus

Goretti Er soll die Wolfsmenschen vernichten

Spitzer Herr von Arathen

Leon Oberster Priester in Arathen

Revrend Führer der Wachgarde von Mykos

 

 

Kapitel 1: Mykos

„Nicht vergessen, genau drei Mannslängen rechts von eurem Gegner! Verdammt, nicht auf den Mann!“, schimpfte Hauptmann Tatua. In gespielter Verzweiflung schlug er die Hände über seinem Kopf zusammen.

Wie sollte er seinen Leuten nur beibringen, dass sie es bei den kommenden Kämpfen nicht allein mit den Kämpfern persönlich, sondern auch mit ihrer Magie zu tun bekommen würden?

Seit einer guten Stunde trainierten sie den Nahkampf. Tatua kommandierte eine Hundertschaft ausgewählter Schwertkämpfer, die zu Fuß in den Kampf ziehen sollte. Gewiss waren alle kräftige junge Männer voller Tatendrang, aber wenn es darum ging, ihnen taktische Einzelheiten näherzubringen, ließen sie sich schwerlich etwas sagen.

Er hatte sie jeweils in Gruppen von vier Mann geteilt und ihnen den Auftrag erteilt, ihr direktes Gegenüber zu ignorieren und stattdessen ein Trugbild direkt daneben zu bekämpfen. Öfters hatte er ihnen erklärt, dass sie im kommenden Kampf vermutlich gegen Hexen zu kämpfen hatten und dass sie in diesem Fall das direkte Gegenüber nur ablenkte. Deshalb wollte er sie darauf trainieren, sich konzentriert nur einer Aufgabe zu widmen.

„Du verschwendest nur unsere Kräfte, Hauptmann!“, wehrte sich einer der Unterführer lautstark. „Was sollen wir uns hier verausgaben und gegen Luft kämpfen?“

„Das habe ich dir bereits mindestens zweimal erklärt“, schrie Tatua aufgebracht zurück. „Du und alle anderen Soldaten, ihr sollt nicht kopflos reagieren, wenn die Hexen in den Kampf eingreifen.“

„Wenn ..., wenn“, lästerte der Unterführer laut und steckte demonstrativ sein Übungsschwert in die Scheide zurück.

„Wie lautet dein Name?“, fragte Tatua streng.

„Ich bin Sinclar. Und ich bin Meister in allen Klassen des Schwertkampfes.“

„Gut, Sinclar. Dann halte dich bereit, heute Nachmittag einen Schaukampf zu absolvieren. Du trittst gegen eine alte Frau an. Solltest du diesen Kampf verlieren, verlange ich künftig absoluten Gehorsam von dir.“

„Ich werde gewinnen, Hauptmann. Welcher Preis steht mir dann zu?“

„Das wird nicht der Fall sein, also mach‘ dir keine Hoffnungen. Wenn doch, dann tauschen wir unseren Rang.“

Tatua sagte es mit einem Lächeln im Gesicht. Diese Selbstsicherheit hätte Sinclar bereits zu denken geben sollen, doch der konnte sich in diesem Moment einfach nicht vorstellen, dass die Kraft seines Armes nicht das Entscheidende im kommenden Kampf sein sollte.“

„Gegen eine alte Frau?“, vergewisserte sich Sinclar nochmals.

„Gegen eine Hexe, um genau zu sein.“

„Zwei Schwerthiebe ...“

Tatua schüttelte über so viel Unverständnis nur den Kopf. Er ließ Sinclar nicht einmal aussprechen. „Dich kann man anscheinend nur mit Tatsachen überzeugen!“

 

*

 

Am selben Tag erreichte der prächtig anzusehende Zug die Hafenstadt von Mo, Cerzha, die für dieses Ereignis extra und besonders herausgeputzte und geschmückte Hafenstadt. Mykos sollte sehen, welcher Wohlstand sich selbst in so weit entfernten Städten wie seiner Hafenstadt nach außen zeigte. Versicherte ihn dies ja in seiner Politik, auch für seine Untertanen nur für das Allerbeste zu sorgen. Für wie viel Leid und Kummer er abseits des äußeren Scheins verantwortlich war, kümmerte ihn nicht.

Entlang der Straße, die er für seinen Einzug gewählt hatte, reihten sich applaudierende und Fähnchen schwingende Bürger dicht an dicht. Sie wussten, was sie zu tun hatten, denn hinter ihren Rücken, sozusagen im Sichtschutz vor ihrem Herrscher, hatte sich eine halbe Hundertschaft von Soldaten aufgestellt, deren vordringliche Aufgabe es war darauf zu achten, wer seiner Begeisterung zu wenig bis gar keinen Ausdruck verlieh.

So sonnte sich Mykos im Gefühl der Beliebtheit und ließ sich alle paar Meter herab, seinen rechten Arm zum Gruß winkend den Bürgern von Cerzha darzubieten. Dabei ließ er die offene Handfläche für mehrere Sekunden unbewegt. Später spotteten einige, dass Mykos wohl darauf gewartet hatte, dass man ihn noch Geschenke in die Hand legte.

Vor gut dreißig Jahren hatte Mykos den Thron von Mo errungen. Böse Zungen behaupteten nach wie vor, dass er den rechtmäßigen König vergiftet hatte. Obwohl Mykos mit aller Gewalt gegen diese Vermutung vorging – die Zahl der Todesurteile wegen dieses Gerüchts ließ sich kaum mehr genau feststellen -, war es ihm nie gelungen, dieses Gerücht zum Schweigen zu bringen und es hielt sich hartnäckig und begleitete ihn bei jede seiner Reisen, eilte ihm sozusagen voraus: Hier kommt der, der sich nur durch List und Tücke an der Macht hält, hieß es im Volksmund.

Was sein Volk im Geheimen von ihm hielt und was offiziell verlautbart wurde, waren zwei Schuhe, die sich nie zu einem Paar vereinen ließen.

Mykos besaß selbstverständlich ein repräsentatives Bauwerk in der Hafenstadt, das ausschließlich zu seiner Verfügung stand, auch wenn er es manchmal jahrelang nicht besuchte. Dennoch wurde es ständig in Schuss gehalten. Sein Gefolge – zu dem engsten Kreis zählten gut 200 Menschen – fand bequem Unterkunft in dem Anwesen.

Obwohl er zu den unnachgiebigen Tyrannen zählte, wusste er, was er seinem Volk schuldig war. In stoischer Ruhe ließ er die Reden und Ehrungen über sich ergehen, ehe er sich in seine Privaträume zurückzog.

Zwei Stunden lang wollte er nicht gestört werden.

Einzig eine der Palastsklavinnen durfte ihm ein wenig die Zeit verkürzen.

Als er, seiner Meinung nach, erholt den großen Audienzsaal zwei Stunden später betrat, sah er sich einer Menschenmenge gegenüber, die nicht nur seine Laune augenblicklich in den Keller sinken ließ, sondern auch seine Leistungsfähigkeit fast spontan gegen Null senkte.

„Wer hat all die Leute hereingelassen?“, fragte er seinen Kämmerer, dem man das schlechte Gewissen bereits ansehen konnte, denn der musste gewusst haben, dass hier eine Entwicklung vor sich ging, die Mykos nicht behagte.

„Es ist das übliche Protokoll“, befleißigte sich der Kämmerer zu versichern.

„Die Untertanen haben das Recht, ...“

„Auch in Kriegszeiten?“

„Nun, in Krisenzeiten kann man eine Ausnahme machen.“

„Wir haben eine Krisenzeit!“, bestimmte Mykos und winkte mit der Hand, als könnte er mit dieser Bewegung alle Bittsteller in dem Saal mit einem Mal fortwischen.

„Schick die Leute nach Hause!“

„Wie soll ich es begründen?“

„Wir haben Krieg. Um ihre privaten Probleme kümmere ich mich gerne in Friedenszeiten. Aber heute will ich keinen von ihnen sehen.“

Dem Kämmerer blieb nichts anderes übrig, als vor die versammelten Bürger von Cerzha zu treten und ihnen den Befehl von Mykos mitzuteilen.

Das Gemurmel, das fast augenblicklich anhob, übersah der Kämmerer geflissentlich. Mit stoischer Ruhe stand er auf dem Podest knapp vor dem unbesetzten Thron von Mykos und wartete ab, bis sich der Saal endlich leerte.

Trotz der grimmig dreinblickenden Soldaten, welche die Wände flankierten, dauerte es eine geraume Weile, bis der Großteil der Bürger den Saal verlassen hatte.

Als der Kämmerer bereits glaubte, dass alle den Saal geräumt hatten und er sich zurückziehen konnte, rief ihm eine dröhnende Stimme zu:

„Die Bürger kannst du wohl verscheuchen, Kämmerer von Mykos. Doch was ist mit uns? Wir dienen direkt dem Herrscher und verlangen von ihm die neuesten Befehle! Sag etwa, er hat uns vergessen? Will er so seinen Krieg verlieren, bevor er ihn begonnen hat?“

„Ihr verkennt die Situation!“, verteidigte sich der Kämmerer. „Mykos hat hier wohl nur die Bürger ausgeladen. Seinen Offizieren tritt er gewiss demnächst gegenüber.“

„Dann soll er es uns wohl wissen lassen!“, höhnte eine zweite Stimme. „Ihm läuft ein gewisser Ruf voraus. Will er uns etwa daran erinnern, dass dieser Ruf nicht von ungefähr ihm vorauseilt?“

„Wage dich nicht zu weit nach vor!“, mahnte ihn der Kämmerer. „Jedes Wort, das hier geäußert wird, kann an sein Ohr dringen.“

„Willst du mir drohen, Kämmerer? Mykos will einen Krieg führen! Wie will er ihn führen, wenn ihn nur Memmen ausführen und alle tapferen Helden ihn längst verlassen haben?“

„Das ist Meuterei!“

„Wir befinden uns nicht auf einem Schiff!“, wies ihn der Offizier zurecht. „Aber du hast Recht. Es bedarf eines Verräters, wenn er wissen will, was wir hier besprechen. Ich kann dir nur eines sagen: Halte die Ehre der Soldaten Mos hoch und stemple sie nicht zu Feiglingen. Wir dienen Mykos. Wir leisten ehrliche Arbeit, und diese Arbeit soll anerkannt werden!“

„Habe ich jemals etwas anderes geäußert?“, meinte der Kämmerer.

„Weshalb streiten wir dann?“

„Vielleicht ist das eine oder andere Wort falsch aufgefasst worden“, meinte der Kämmerer süßlich und blickte plötzlich wieder selbstbewusst über die anwesenden Offiziere.

„Ich werde Mykos zu euch schicken, sobald er sich von der anstrengenden Reise erholt hat. Das verspreche ich euch.“

„Und seht zu, dass seine Begleiter ebenfalls bereitstehen“, mahnte Tatua.

Der Kämmerer versprach eiligst, ihre Wünsche zu befolgen, ehe auch er den Saal verließ. Die strenge Ordnung der wartenden Offiziere löste sich auf und ließ Raum für persönliche Gespräche.

„Du suchst eine Hexe für deine Soldaten, Tatua“, sagte da plötzlich eine brüchig klingende Stimme.

Eine in schwarz gekleidete Gestalt unbestimmbaren Alters trat neben den Hauptmann und blickte direkt in Tatuas Augen.

„Deine Soldaten glauben nicht, dass sie gegen eine alte Frau chancenlos sind? Das willst du ihnen zeigen.“ Fragend blickte sie den Offizier an.

„Habe ich recht?“, meinte sie.

Sie wartete die Antwort nicht ab, denn sie wusste, dass Tatua zurzeit viel zu sehr damit beschäftigt war, zu ergründen, woher sie ihre Informationen besaß. Mochte er sich ruhig den Kopf darüber zerbrechen. Das erhöhte lediglich ihr Geheimnis und machte sie für ihre Feinde noch unergründlicher.

„In einer Stunde erwarte ich deinen Krieger auf dem Übungsplatz!“

 

*

 

Mit dem kaltgepressten Öl des Hartnussbaumes massierte Sinclar seine Muskeln ein, hauptsächlich jene seiner Oberarme. Sie glänzten bereits und spiegelten jene Kraft, die in den Armen des Soldaten steckten.

Er streckte seine Arme aus und ließ die Muskeln spielen – auf und ab, er spannte seinen Arme an und ließ sie wieder locker, dann ballte er die Hände zu Fäusten. Die Daumen hielt er zuerst außerhalb der Finger, dann umgriff er sie mit seinen Fingern, dass sie nahezu verdeckt wurden von den Fingern. Dann presste er die Daumen gegen die sie umschließenden Finger und ließ die Daumen eine Gegenkraft entwickeln.

Seine Muskeln zeigten auf seinen Armen kaum eine Reaktion.

Sinclar war mit sich zufrieden.

Die Hexe mochte kommen.

 

*

 

„Wir sind keine kleinen Kinder“, beschwerte sich Sinclar, als Tatua die beiden Übungsschwerter herzeigte, deren sich Sinclar und die Hexe bedienen sollten.

Tatua warf dem Unterführer einen vernichtenden Blick zu. „Ich wünschte, die Hexe macht kurzen Prozess mit dir und dein Kopf rollt in zwei Minuten vor meine Füße. Ich bereite dich und deine Gruppe darauf vor, dass du nicht die gleichen Fehler begehst, wie zahlreiche andere Kämpfer vor euch. Von ihnen hat man tatsächlich nur mehr die abgetrennten Köpfe gefunden. Wenn du es ihnen gleichtun willst, dann nur zu.“

„Wo ist sie überhaupt, die Hexe?“, schimpfte Sinclar und blickte sich suchend um.

Im nächsten Moment schrie er auf. Ein blutiger Striemen zog sich über seine Brust.

Automatisch zuckten seine Arme zur Verteidigung hoch, doch er konnte keinen Gegner erkennen, keinen, der ihm diesen Hieb verpasst hatte.

Seine Arme senkten sich zur Kampfstellung und langsam drehte er sich um seine eigene Achse, lauernd, wer sich ihm entgegenstellen wollte. Mitten in diese Lauerstellung erhielt er einen weiteren Schlag mitten auf seinen Kopf. Seinen Helm hatte er noch nicht aufgesetzt. Deshalb spürte er diesen Schlag mit doppelter Intensität.

Als er seine Drehung beendet hatte, erblickte er seine Gegnerin.

Sie stand abwartend und in lockerer Haltung neben Tatua. In ihrer Hand hielt sie eines der Holzschwerter, die Tatua ausgeteilt hatte.

Sie blickte ihn lauernd an, als erwartete sie jederzeit, dass er auf sie losgehen könnte.

„Ich bin da“, sagte die Frau. „Können wir beginnen? Oder willst du deinen Kindern noch Märchen erzählen?“

„Verdammt! Wenn du das warst, dann war das unfair!“

„Wer hat behauptet, dass man in einem Krieg fair kämpft?“

„Ich will ...“

„Du sollst auf den Ernstfall vorbereitet werden!“, donnerte Tatua. „Und nun beginnt!“

Er gab den Kampfplatz frei.

Tatua hatte das letzte Wort noch nicht ausgesprochen, als Sinclar sein Übungsschwert mit aller Kraft hob und es auf den deutlich sichtbaren Körper der Hexe niedersausen ließ. Sinclar hielt das Schwert mit beiden Händen. Er wartete auf den zu erwartenden Widerstand, wenn die Schneide den Körper der Hexe traf. Doch dieser Moment blieb aus. Der Schwung trieb Sinclar vor. Seine Hände fuhren mit dem ausgestreckten Schwert Richtung Boden und die Spitze bohrte sich tief in die Erde. Für einen Moment musste er um sein Gleichgewicht kämpfen. Beide Hände hielten das Schwert noch umklammert. Er selbst war in diesem Augenblick hilflos. Da spürte er einen Fuß, der mit aller Wucht in sein Hinterteil krachte und ihn vorwärts schob. Das nächste, das er wahrnahm, war ein spöttisches Lachen.

„Wenn das einer deiner besten Krieger ist, ... , na danke.“

Sinclar vernahm den Spott. Und der spornte ihn natürlich weiter an. Er schaffte es, das Schwert aus der Erde zu ziehen. Mit einer flotten Halbdrehung stand er wieder so, dass er die Kampffläche überblicken konnte.

Tatua und die anderen Soldaten nahm er als Zuseher im Bruchteil einer Sekunde wahr. Doch die Hexe, seine eigentliche Gegnerin, konnte er nicht ausmachen.

Zumindest nicht gleich.

Aber dann kamen sie zu dritt auf ihn zu.

Alle identisch, jede vollführte die gleichen Bewegungen, jede hielt das Schwert in der gleichen Position. Jede Schwertspitze zielte auf ihn.

„In einem wirklichen Kampf wärst du bereits tot!“, sagte die Stimme de Hexe. Sinclar konnte nicht entscheiden, von welchem der Körper die Stimme kam. Und es war ihm, ehrlich gesagt, in dieser Situation auch egal. Ihn erfüllte augenblicklich nur mehr Zorn und Wut, Zorn deshalb, weil man ihn in eine solche Situation gebracht hatte, Wut, weil er langsam fühlte, dass er sich nicht wehren konnte.

Mit einem Aufschrei, der all sein Missbehagen enthielt, stürzte er sich auf die erste Figur und schwang sein Schwert kraftvoll von oben nach unten. Zuerst hatte er noch gehofft, er könnte einen Zufallstreffer anbringen, doch gleich, nachdem das Schwert eigentlich die Gegnerin hätte treffen müssen, spürte er, dass er auf keinen Widerstand traf. Enttäuschung mischte sich plötzlich mit Selbstaufgabe.

Hatte Tatua ihn nicht gelehrt, drei Mannslängen nebenan zu kämpfen?

Bevor diese Lehre aber in sein Gehirn vordrang, änderte sich die Situation erneut.

Sinclar spürte einen weiteren Treffer. Einen weiteren blutigen Striemen zog das Schwert der Zauberin quer über seine Brust bis zum Halsansatz auf seiner linken Seite. Wenn sie sich so nahe bei ihm befand, konnte er die „drei Mannslängen“ vergessen.

Er wirbelte herum und drehte sich wie verrückt im Kreis, das Schwert ausgestreckt. Wenn in seinem Umkreis sich ein Gegner befunden hätte, hätte er ihn treffen müssen. Doch er traf auf keinen Widerstand.

Sinclar spürte, wie er langsam zermürbt wurde.

Und plötzlich wusste er auch, dass dies zur Kampftaktik der Hexen gehörte.

Sie ließen den Gegner so lange ins Leere laufen, bis dieser aufgab. Dann kam ihre Zeit.

Sinclar stand kampfbereit, die Beine leicht gespreizt und in den Knien gebeugt, beide Hände um den Schwertgriff. So drehte er sich langsam.

Wenn er die Hexe schon nicht mit den Augen ausmachen konnte, vielleicht mit den Ohren?

Gerade als er wieder Hoffnung schöpfen wollte, wie er der Hexe doch noch beikommen konnte, schlug diese wieder zu.

Ein mächtiger Schlag mit der Breitseite des Holzschwertes wurde gegen seinen Brustkorb geführt und schleuderte ihn fast aus dem Kreis, der als Kampffläche gekennzeichnet war.

Sinclar landete auf dem Rücken.

Er wollte sich abrollen und erneut seine Kampfposition einnehmen, als er einen Fuß auf seiner Brust spürte, der ihn niederdrückte.

Im nächsten Moment verging jeglicher Zauber und Sinclar konnte plötzlich klar wahrnehmen, was rund um ihn geschah.

Er sah die Gesichter der Soldaten, die erstaunt und irgendwie fast ungläubig auf ihn herabsahen.

Dann kam mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht Tatua zu ihm heran.

„Gibst du deine Niederlage zu?“

„Ich habe verloren!“, presste Sinclar mühsam hervor. Das Gewicht der Hexe drückte auf seinen Brustkorb und behinderte ihn beim Sprechen.

„Drei Mannslängen rechts vom Gegner!“, spottete Tatua. „Du hast wieder gezeigt, dass du nicht würdig bist, Unterführer zu sein. Nun, du hast verloren. Du bist jetzt mein Sklave, Sinclar. Ich stelle dich vor die Wahl: Willst du gleich den Tod oder dienst du?“

 

*

 

Dem Mann, den die Diener vor Mykos schleiften – ja, es war das richtige Wort, anders konnte man es nicht bezeichnen -, sah man an, dass er mit seinem Leben bereits abgeschlossen hatte. Eine ausgemergelte Gestalt, gekleidet in graue Fetzen, die seinen Körper nur mehr notdürftig bedeckten und die zahlreichen Wunden sehen ließen, die der Körper in letzter Zeit zu erdulden hatte. Die langen, blutigen Striemen legten Zeugnis ab von den Peitschenschnüren, die seinen Körper gemartert hatten. Wahrlich, die Untergebenen von Mykos waren nicht zimperlich mit ihm umgesprungen.

Mykos blickte ohne eine Gefühlsregung zu zeigen dorthin, wo die Soldaten den Mann einfach hatten fallenließen. Einer der beiden Soldaten sah ebenfalls ungerührt zu, wie der Mann verzweifelt versuchte, seinen Sturz noch mit den Händen abzufangen, doch es gelang dem geschwächten Körper nicht mehr, den Aufprall abzufedern. Dafür trat der Soldat ihm mit dem linken Fuß noch zusätzlich heftig in die Seite.

„Steh auf, wenn du vor dem Herrscher von Mo stehst!“, fuhr er den Mann an.

Der Mann hob den Kopf und blickte zuerst den Soldaten, dann erst Mykos an. Alles an dem Mann strahlte Elend aus – nur nicht seine Augen. Sie strahlten nahezu. Von ihnen ging ein Licht aus, das nicht von dieser Welt schien.

„Was gibt es zu berichten, Magier!“, sagte Mykos plötzlich und kam auf Barrak zu. Mit einer Hand hielt er die beiden Soldaten von weiteren Aktionen ab, die sich gleich vor den Magier stellten und ihn vorsichtshalber mit weiteren Schlägen eindecken wollten.

„Ihr könnt mich mit ihm allein lassen. Wartet vor der Tür.“ Mit einer Hand wies er auf ihn. „Der bedeutet keine Gefahr mehr für mich.“

Wortlos drehten sich die beiden Soldaten um und verließen den Raum, postierten sich draußen vor der Tür, sollte Mykos dennoch Hilfe benötigen.

„Ich habe dich etwas gefragt, Barrak. Du hast mir diesen Schlamassel eingebrockt! Sieh zu, dass du einen Weg findest, wie ich ihn wieder loswerde.“

„Und wenn du mich weiterhin folterst, Mykos, ich kann dir nichts anderes sagen. Vor zwanzig Jahren habe ich dich gewarnt und dir den Untergang von Mo vorausgesagt, wenn du deinen unsäglichen Krieg beginnst.“

„Vor zwanzig Jahren hast du mir ein Opfer mitgebracht, das ich anstelle deines Lebens annahm.“

„Selbst wenn du mich getötet hättest, das Ergebnis wäre gleich geblieben. Du hast es dir selber zuzuschreiben, dass die Mächtigen nun gegen dein Reich ziehen.“

„Kannst du wenigstens sehen, wie sich das Kriegsglück entwickeln wird?“

Verwundert blickte Barrak auf den in den letzten zwanzig Jahren stark gealterten Herrscher. Soviel Starrsinn und Unglauben gehörte in seinen Augen einfach bestraft. Barrak war es müde, die gleichen Fragen, die in immer neuen Gewändern gestellt wurden, beantworten zu müssen.

„Du verlierst Mykos. Diesen Krieg verlierst du. Zwar mag manche Schlacht für dich glimpflich verlaufen, aber am Ergebnis ändert sich nichts.“

„Wozu lasse ich dich überhaupt noch am Leben!“, brauste Mykos dann plötzlich auf. „Du bist mir zu nichts mehr nützlich. Wozu nennst du dich Seher, wenn du nichts sieht.“

„Wenn du der Wahrheit keinen Glauben schenkst, ist jeder Magier machtlos. Los, bring' mich endlich um oder lass mich laufen, wie du willst. Aber unterlass' fortan diese sinnlosen Gespräche!“

In seiner Wut zückte Mykos die Peitsche, die an seiner rechten Hüfte in einer goldumfassten Schlaufe steckte und ließ die Schnüre auf den Seher niedersausen.

Das singende Geräusche der Peitschenschnüre und dann das klatschende Geräusch, als sie den Rücken trafen, ließ die beiden Soldaten aufhorchen, die vor der Tür Wache hielten.

Von Barrak kam nur mehr ein unterdrückter Schrei, dem ein stöhnendes Wimmern folgte.

„Bringt ihn weg!“, befahl er den Soldaten.

„Sollen wir ihn gleich …?“

„Untersteht euch! Dazu ist er mir zu wichtig. Vielleicht fällt ihn doch noch etwas ein, das er mir sagen will, wenn er die Schmerzen nicht mehr aushält.“

Die Soldaten umfassten Barrak an den Oberarmen und schleiften ihn in derselben Haltung, wie sie ihn gebracht hatten, hinaus. Sie machten sich nicht die Mühe, ihm ganz aufzuhelfen, damit er seine Beine benutzen konnte. Bis zu dem Ort, wohin sie ihn nun brachten, gab es unzählige Treppen. Dass er den Weg auf diese Weise zurücklegen musste, geschah auf Befehl von Mykos und war ein Teil der Folter, die sich Mykos ausgedacht hatte, um den Seher doch noch zur Mitarbeit zu überreden.

 

*

 

Die Hexe, die am Nachmittag Sinclar vor all seinen Kameraden zum Gespött gemacht hatte, saß nun Mykos gegenüber.

Der Herrscher hatte sein üppiges Abendmahl bereits hinter sich gebracht und bei dieser Gelegenheit dem Wein sehr freizügig zugesprochen. Die Hexe, die übrigens nur unter diesem Namen agierte, brachte zu ihrem Besuch einen weiteren Weinkrug mit. Sie wollte Mykos unter allen Umständen positiv stimmen und am besten gelang dies ihr, wenn er sich bereits in einer weinseligen Stimmung befand. Ihr Verhältnis konnte man beim besten Willen nicht als ungetrübt bezeichnen. Mykos gehörte nicht zu jenen Menschen, die mit anderen, vor allem solchen, die er brauchte, Freundschaft schloss. Dieser Grundsatz schloss ein vertrautes Verhältnis von vorneherein aus. Natürlich war es auch ausgeschlossen, dass sich auf dieser Basis so etwas wie Verlässlichkeit entwickeln konnte.

„Was willst du schon wieder, Hexe? Jedes Mal, wenn du mich besuchst, folgt dir irgendeine Katastrophe.“

„Die aber absolut nichts mit mir zu tun hat, Mykos. Du lässt das stets nachprüfen, sonst wäre ich längst tot.“

„Aus reiner Freundschaft besuchst du mich garantiert nicht.“

„Das erwartest du auch nicht. Nein, ich komme, um dich an unsere Abmachung zu erinnern!“

Die Hexe trug ein schwarzes Gewand, schwarze Hosen und ein schwarzes Übergewand und zusätzlich einen schwarzen Umhang, der es schwer machte, ihre Figur zu erfassen und auch jeder ihrer Bewegungen gleich zu folgen. Mykos hatte noch nicht herausgefunden, ob sie zu den begabten Kriegerinnen oder den mächtigen eigentlichen Hexen gehörte. Ebenso wenig konnte er in ihrem Gesicht ihr wahres Alter abschätzen. Eindeutig konnte er nur sagen, dass sie kein junges Mädchen war, aber ob sie dreißig, vierzig oder gar fünfzig Jahre zählte, konnte er keinesfalls erkennen.

Und auch aus ihrer Stimme konnte er keinen Hinweis auf ihr Alter entnehmen.

„Ihr stellt mir eure Kräfte zur Verfügung. So war es ausgemacht.“

„Dafür lässt du uns mit unseren Schwestern ziehen, die im Dienste von Soas stehen.“

„Was soll die Fragerei? Traust du mir nicht?“

„Euch läuft nicht gerade der beste Ruf voraus. Ich muss sichergehen, dass du mich und meine Schwestern nicht hintergehst.“

„Weißt du was, Hexe? Wenn dieser Krieg verloren geht, kümmert es mich überhaupt nicht, was aus euch wird. Sollte ich ihn wider Erwarten gewinnen, seid Ihr auf der Seite des Siegers, und dann könnt Ihr Euch jede Belohnung abholen, die zu zahlen ich fähig und gewillt bin. Weshalb also braucht es noch eine Zusicherung? Fürchtest du, deine Schwestern sehen dich als Verräterin, weil du an meiner Seite gekämpft hast?“

„Nein, auch wir kennen den Beruf des Söldners. Auch wir stellen unsere Dienste demjenigen zur Verfügung, der sie bezahlen kann.“

„Dann verstehe ich nicht, weshalb du mich aufsuchst.“

„Lass uns von meinem Wein kosten“, gab die Hexe eine ausweichende Antwort, „vielleicht bringt dich dies auf andere Gedanken.“ Zumindest für die letzten Tage deines Lebens, dachte sie bei sich. Sie war zufrieden mit dem, was sie erreicht hatte.

Sie selbst besaß nur geringe magische Kräfte, dafür aber eine unerklärliche Einsicht in die Absichten ihrer Gesprächspartner. Ein Wort über den Krieg, und sämtliche Verteidigungspläne lagen ihr klar vor Augen, ein Wort über Verrat, und jede Abmachung, die Mykos nicht einzuhalten gedachte, stand klar in ihrem Gedächtnis wie eine eidesstattlich abgegebene Erklärung.

Sie kannte nun den neuesten Stand, wie er die Verteidigung organisierte.

Und alles, was sie wusste, konnte sie ihren Schwestern übermitteln. Es gab mehrere bei ihnen, die auf dem Weg über die Gedanken miteinander kommunizieren konnten. Dabei spielte die Entfernung keine allzu große Rolle. Bedingung war lediglich, dass sich die Hexen persönlich kannten, damit sie sich aufeinander einstimmen konnten.

 

 

Kapitel 2: Grettir

Gut 20 Kilometer südlich von Cerzha befand sich eine geschützte Bucht, die bislang fast niemandes Interesse geweckt hatte. Sie war zu klein, um wirtschaftlich irgendwie genutzt werden zu können. Damit Schiffe anlegen konnten, lief das Meer zudem zu seicht an den Strand. Kein größeres Schiff fand genügend Tiefgang, um sich dem Ufer bis auf zehn Meter zu nähern.

Ein breiter Sandstrand, überall mindestens dreißig Meter breit, lag zwischen Meer und den sanft ansteigenden Hügeln, die zusätzlich einen Sichtschutz boten gegen das Landesinnere. Die Hügel erhoben sich nirgends so schroff, dass es Mühe gemacht hätte, sie zu ersteigen. Wenn man diese Hürde geschafft hatte, konnte man das relativ ebene Land überblicken, das sich, soweit das Augen reichte, vor einem erstreckte. Wenn man davon absah, dass es einige Flecken gab, die von Bauern bestellt wurden und die ihre Hütten in die Einsamkeit hineingestellt hatte, machte das Land einen verlassenen Eindruck.

Einen zweiten Nachteil besaß die Bucht außerdem. Die nächstgelegene Straße führte erst in einem Abstand von fünf Kilometern vorbei.

Für jemanden, der im Geheimen sein Tun verbergen wollte, bot sie allerdings beste Voraussetzungen.

Grettir kannte und nutzte diese Bucht bereits seit Jahren.

Bevor er seine Armee nun hierher holte, wollte er sich mit seiner neuesten Schöpfung bekannt machen.

 

*

 

Wenn sich Grettir von einem Ort zu einem anderen begeben wollte, benötigte er kein Hilfsmittel wie den Tunnel, durch die er seine Anhänger und Truppen schleuste. Er bewegte sich durch die Dimensionen auf Wegen, die ihm bekannt waren und die er deshalb benützen konnte. Für ihn waren es natürliche Abkürzungen, für andere Zauberei.

Von einer Sekunde zur anderen stand er am Strand. In seiner rechten Hand hielt er ein Geschöpf, das auf den ersten Blick noch unfertig erschien, doch täuschte dieser Eindruck.

Grettir war erhobenen Hauptes erschienen und wirkte von der ersten Sekunde an majestätisch, das begleitende Geschöpf hingegen hatte sich möglichst kleinmachen wollen, als fürchte es den Vorgang, welchen den Ortswechsel mit sich brachte.

Jetzt richtete sich das Geschöpf ebenfalls auf. Als es stand, überragte es Grettir sogar um nahezu zwei Kopfeslängen. Im menschlichen Maß gemessen hatte es die Zweimetermarke weit hinter sich gelassen.

Auf den ersten Blick glich es äußerlich einer Frau. Man musste schon genauer hinsehen, um die Unterschiede zu erkennen.

Die neue Ellinor trug im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin kein Gewand, das sie menschlich hatte erscheinen lassen. Ihre Haut war geschuppt und zeigte ein Karomuster. Sie glänzte vor Feuchtigkeit – eine Schlange, die aus dem Wasser kam. Ihre Gliedmaßen ließen einen Knochenbau erahnen, im Übrigen war ihr Körper biegsam wie der einer Schlange.

Und auch in ihrer Schulter befand sich eine ihrer wirksamsten Waffen: die fliegende Schlange.

Um ihre Hüfte trug sie einen breiten Gurt, in dem in Abständen von mehreren Zentimetern fünf Klingen verschiedener Länge und Machart in ihren Scheiden steckten.

„Willkommen in meinem Reich und zurück bei den Lebenden, Ellinor“, sagte Grettir bedeutungsvoll und betrachtete sein Geschöpf von allen Seiten. Ganz offensichtlich fiel seine Musterung zu seiner Zufriedenheit aus.

„Ich kann mich nicht an ein vorangehendes Leben erinnern!“, sagte das Geschöpf. Ellinors Stimme klang sonor und auch die zischenden Laute, welche die erste Ellinor ausgezeichnet hatte, drangen bei ihr nicht mehr so stark durch. Allerdings benutzte sie manchmal diese zischende Sprechweise bewusst, um ihre Gegner zu verunsichern.

„Natürlich nicht“, stimmte Grettir zu. „Du brauchst dich nicht mit der Niederlage deiner Vorgängerin zu belasten. Ich habe dich optimiert. Die bist stärker und auch klüger, dein Kampfwitz überragt jenen all meiner anderen Geschöpfe. Das macht dich zur geborenen Führerin meiner Armee.“

„Ich werde dich nicht enttäuschen.“

„Das hoffe ich. Ich habe dich hierher gebracht, damit du deine Bewegungen im Kampf testen und, wenn nötig, verbessern kannst.“

Grettir schnippte einmal mit seinen Fingern, dann näherten sich von der Landseite etwa zehn bewaffnete Gestalten.

„Ich habe dich mit verschiedenen Waffen ausgerüstet. Teste deine Fertigkeit an diesen ausgebildeten Kämpfern!“

Mit diesen Worten zog sich Grettir bis dicht an das Ufer zurück. Nur wenige Millimeter von seinen Stiefeln entfernt, liefen die Wellen im Sand aus.

Mit seiner rechten Hand zeichnete er dann ein Quadrat in die Luft und wie durch Zauberhand übertrug sich dieses Quadrat in den Sand und wuchs zu einer beachtlichen Fläche heran. Ellinor sollte diese Fläche nicht verlassen.

Inzwischen hatten die Kämpfer gegenüber von Ellinor Aufstellung genommen. Die gegenseitige Musterung dauerte nur Sekunden. Dann zog der erste seine Waffe.

„Gehen wir es an. Möge der Bessere gewinnen!“, sagte der Kämpfer, ehe er mit einem lauten Anfeuerungsschrei auf den Lippen in das Quadrat stürmte, direkt auf Ellinor zu.

Das Geschöpf Grettirs blieb absolut ruhig. Keine Bewegung verriet, wie sie reagieren wollte.

Dann ging alles blitzschnell.

Ellinors Hand holte eine Klinge hervor, in der nächsten Sekunde zuckte ihr Arm vor, die Klinge traf mit einem hell singenden Geräusch die gegnerische Waffe. Mit solcher Wucht hatte Ellinor ihren Schlag geführt, dass der Arm des Gegners zur Seite gerissen wurde und seine Waffe ungefährlich auf den Boden zuhielt. Das Auge konnte ihren Bewegungen kaum folgen, so schnell kamen nun die nächsten Hiebe.

Bevor der Kämpfer zu einer erneuten Gegenwehr bereit war, hatte Ellinor mindestens drei Hiebe anbringen können. Der erste entwaffnete den Kämpfer, der zweite zerschlug seine Panzerung und der dritte trennte schließlich seine Kampfhand von dem Arm.

Gepeinigt und wütend heulte er auf, wollte mit dem Armstummel nochmals zuschlagen, als hätte er noch nicht mitbekommen, dass ihn seine Gegnerin schwer verwundet hatte, da ertönte von den anderen Kriegern nun der Kampfschrei. Sie hatten mitangesehen, wie chancenlos ihr Kämpfer gegen diese Kampfmaschine war.

Gemeinsam drangen sie vor.

Mit der linken Hand griff sich Ellinor an die Schulter und warf die geflügelte Schlange in die Luft. Während die geflügelte Schlange dreimal Ellinor umrundete und dabei an Größe und Masse gewann, griff Grettirs Geschöpf nach einer zweiten Klinge, die sie nun links führte. Rechts führte sie ihr Schwert, in der linken Hand lag eine dünne, fast zart zu nennende lange Klinge, eine Art Säbel. Ellinor führte sie so, dass die geschärfte Seite von ihrem Körper abstand.

Zu dritt drangen die Kämpfer auf sie ein. Hatten sie anfangs geglaubt, jetzt leichtes Spiel zu haben, so sahen sie sich schnell eines besseren belehrt.

Und als die geflügelte Schlange genügend an Masse aufgebaut hatte und ebenfalls in den Kampf eingriff, ergriff die Kämpfer fast so etwas wie Panik.

Von einem geordneten Kampf konnte bald keine Rede mehr sein.

Wie eine Furie wütete Ellinor unter ihnen. Die Kämpfer kamen kaum mehr zu einem Angriff, zu sehr waren sie mit der Verteidigung beschäftigt, sie hatten richtig zu tun damit, die wuchtigen Schläge so abzufangen, dass sie ihre Körper so schützen konnten, damit die Wunden, die Ellinor schlug, nicht zu schwer ausfielen.

Ellinor benötigte keine drei Minuten, bis sie die zehn Kämpfer besiegt hatte. Von ihnen war keiner unverwundet und mindestens drei von ihnen würden nie mehr aufstehen.

Wenn man von einigen oberflächlichen Wunden absah, hatte Ellinor den Kampf unbeschadet überstanden. Triumphierend blickte sie sich nach Grettir um. Den Kämpfern widmete sie keinen Blick mehr. Sie stellten für sie keine Gefahr mehr dar.

Grettir nickte ihr anerkennend zu.

Ellinor trat aus dem Quadrat, das bereits anfing zu verblassen. Hier steckte sie ihre beiden Klingen zurück, dann hob sie den linken Arm und streckte zusätzlich die Hand aus, die sie zur Faust ballte.

Die geflügelte Schlange hatte nur darauf gewartet, denn sie kam herab und landete auf ihrem Arm. Ihr Schrumpfungsprozess schritt nun schnell voran und bald ringelte sie sich auf ihrer Schulter zusammen.

„Du bist bislang mein Meisterwerk!“, lobte Grettir sein Geschöpf.

„Wenn die Menschen nicht mehr zu bieten haben ...“

„Du wirst stärkere Gegner vorfinden. Mit denen hast du nicht so ein leichtes Spiel. Werde also nicht zu leichtsinnig.“

„Ich werde es mir merken, Herr!“

„Du übernimmst meine Horden, wenn ich sie dir sende. Orac wird dir helfen und dir alles erklären, was du wissen musst.“

 

*

 

Grettirs nächste Station führte ihn in ein Gebiet, das zu erreichen mit einem Pferd man mehrere Tage benötigte. Das Gebiet lag genau genommen inmitten des Reiches von Mo. Es wies Wüstencharakter auf und vielleicht lebten deshalb kaum Menschen in diesem Gebiet - und seit vielen Jahren, als die Wolfsmenschen dieses Gebiet für sich beansprucht hatten, fanden sich kaum mehr Menschen in dieser Gegend ein.

Vor Generationen bereits war es einer Gruppe von Wolfsmenschen gelungen, aus einem der Reiche Grettirs zu entkommen. Im Lauf der Jahre hatten die Wolfsmenschen begonnen, sich sicher vor Grettirs Nachstellungen zu fühlen.

Doch Grettir vergaß nicht. Manchmal schenkte er gewissen Ereignissen und Gruppen kaum Beachtung. Das änderte sich jedoch schlagartig, wenn er Unterstützung für seine Pläne benötigte.

So geschah es auch jetzt.

Grettir erschien in Sichtdeckung des Dorfes.

Das Dorf, falls man es überhaupt so nennen konnte und nicht einfach als Lager bezeichnete, lag in einer Senke, in der in ungeordneten Haufen ein Sammelsurium an Wohnstätten errichtet worden war. Manche der Hütten wirkten sogar stabil und machten einen durchaus wohnlichen Eindruck, die Mehrzahl der Hütten zeugte jedoch von der handwerklichen Ungeschicklichkeit der Bewohner. Neben den Hütten gab es Zelte und manche Dinge, die man höchstens als Verschlag oder einfach als überdachtes Erdloch bezeichnen konnte.

Ein Ring von Felsbrocken umgab die Senke. Vor vielen Jahren musste hier eine Mure den Abhang, der sich gleich dahinter erhob, herunter gedonnert sein und hatte den Steinwall errichtet. Die Senke dürfte sich vermutlich erst später gebildet haben.

Im Schutz eines dieser Felsen betrachtete Grettir das Dorf und das Treiben eine Zeitlang, dann war er sicher, wo er den Führer dieser Horde zu finden hatte.

Wie viele der Geschöpfe, die diese Welt neben den Menschen belebten, waren die Wolfsmenschen eine Schöpfung Grettirs, entstanden zu fast gleichen Teilen aus Wolf und Mensch. Die Intelligenz des Menschen sollte sich mit der Kraft, Wildheit und Schnelligkeit des Wolfes paaren. Äußerlich glichen diese Wesen krumm gewachsenen Menschen, deren Haut mit einem kurzen Fell bewachsen war. Einzig die Gesichtspartie zeigte deutliche wölfische Züge.

Grettir war mit dem Ergebnis nicht zufrieden gewesen!

Die Wolfsmenschen besaßen weder die Intelligenz der Menschen noch die typischen Attribute des Wolfes. Vielleicht hatte er deshalb seine Aufmerksamkeit anderen Wesen zugewandt und es zugelassen, dass ein Rudel entkommen konnte.

Grettir trat aus dem Schutz der Felsen hervor und blieb für alle gut sichtbar am Rand des Felswalls stehen.

Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis die Wolfsmenschen auf ihn aufmerksam wurden.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921267
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juli)
Schlagworte
gondar götter urzeit

Autor

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Titel: GONDAR – die Götter der Urzeit #9: Der Weg nach Mo