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Dr. Staffner packt aus #2: Die Spielsucht meiner Tochter

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Spielsucht meiner Tochter

Copyright

Aus Dummheit zerstörte ich mein Lebensglück

Durch eine Begegnung lernte ich Zufriedenheit

Plötzlich wurde ich gebraucht

Die Spielsucht meiner Tochter war für mich die Hölle auf Erden

Mein Seitensprung rettete meine Ehe

Meine Ex-Frau will mich ruinieren

Zwei Kinder zeigten mir den Weg zum Glück

Ich stürzte meinen Lehrer ins Unglück

Ich wollte meine Mutter für mich allein haben

Was ich mit meinem Bruder erlebte, werde ich nie vergessen

Ich brachte meinen Arzt in eine schlimme Situation

Ein Knochenbruch machte mich zum glücklichsten Menschen

Als der Blitz einschlug, lag ich in seinen Armen

Ein Engel bereitete mir Höllenqualen

Das Mädchen aus dem Park

Die Spielsucht meiner Tochter

Dr. Staffner packt aus

Der Psychotherapeut und 15 wahre Fallakten

von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 73 Taschenbuchseiten.

 

Dr. Staffner packt aus: Während meiner langjährigen Tätigkeit als Psychotherapeut kamen viele Menschen zu mir, die ein Ereignis oder ihr eigenes Verhalten aus dem seelischen Gleichgewicht geworfen hatte. Indem ich versuchte, ihnen zu helfen, erfuhr ich zum Teil erschütternde Lebensbeichten. Die Namen wurden selbstverständlich von mir geändert.

- Wegen einer Kleinigkeit entbrennt ein erbitterter Nachbarschaftsstreit, der schließlich blutig endet. Da ist es zur Einsicht zu spät.

- Dorthe ist mit ihrem Leben unzufrieden. Zu gerne würde sie auf der Bühne stehen, aber niemand nimmt sie ernst. Eines Tages begegnet sie einer bekannten Schauspielerin und erlebt eine Überraschung…

- Beruflich hat Susanne nur Pech. Dabei hätte sie Besseres verdient. Das findet jedenfalls die hilfebedürftige Frau Geller, um die sie sich liebevoll kümmert. Aber eines Tages ist Frau Geller tot.

Und 12 weitere wahre Schicksalsgeschichten aus dem Leben des Dr. Staffner – erzählt von Wolf G. Rahn.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Aus Dummheit zerstörte ich mein Lebensglück

Ich kann mich noch ganz genau an die Ursache unseres Streites erinnern. Es ging um einen jungen Apfelbaum, den unser Nachbar Robert Stöttner ein wenig zu dicht an den Zaun gepflanzt hatte.

Ich hatte an diesem Tag Ärger in der Firma gehabt und forderte den Mann unnötig barsch auf, 'diesen Besen‘ gefälligst woanders einzusetzen. Seine Äste würden in zehn Jahren in unseren Garten hängen und außerdem Schatten auf unsere Terrasse werfen.

Robert Stöttner kniff die Augen zusammen, holte einen Zollstock aus dem Haus und fragte mich bissig, ob ich mit so einem Instrument umgehen könne. Er habe den gesetzlichen Abstand genau eingehalten, und wenn mir etwas nicht passe, könne ich ihn ja verklagen.

Zum Rechtsanwalt lief ich zwar nicht, aber immer, wenn ich das Bäumchen sah, kam mir die Galle hoch. Der Typ nebenan war für mich gestorben.

Auch sein Verhalten änderte sich mir gegenüber grundlegend. Waren wir früher prima miteinander ausgekommen, hatten in lauen Sommernächten so manche gemütliche Gartenparty zusammen gefeiert und dem Anderen geholfen, wo es nur ging, so trieb der kaum armdicke Baumstamm mit den wenigen Ästen einen tiefen Keil zwischen uns.

Das wurde mir klar, als ich den neuen Wagen abholte. Mittelklasse mit Sonnendach. Der alte war am TÜV gescheitert.

Ich traute meinen Augen nicht, als kurz darauf vor dem Nebenhaus ebenfalls ein fabrikneues Auto hielt. Zwei Nummern größer als das unsere und mit erheblich mehr Extras.

Robert Stöttner stieg aus, warf einen triumphierenden Blick zu unseren Fenstern herüber und wischte ein Stäubchen vom glänzenden Lack. Ihm war anzusehen, dass es ihm große Genugtuung bereitete, mich übertrumpft zu haben.

Ich war wütend. Meiner Frau Edith gegenüber sprach ich die Vermutung aus, dass sich Stöttner mit dieser Anschaffung finanziell übernommen hatte. Schließlich wusste ich aus früheren Unterhaltungen, dass sich unsere Einkommen ungefähr die Waage hielten.

Edith lachte nur und fand, dass uns das überhaupt nichts anginge. Vielleicht hatten die Stöttners ja im Lotto gewonnen.

Überhaupt beobachtete ich unwillig, dass sie den Kontakt zu Heike Stöttner nicht abbrach. Wenn sich die Frauen auch nicht mehr wie früher regelmäßig gegenseitig zum Kaffee einluden, so gingen sie sich doch nicht aus dem Weg. Trafen sie sich beim Einkaufen, so plauderten sie miteinander, als wären unsere Familien nach wie vor befreundet.

Mehr als einmal redete ich Edith ins Gewissen. Ob sie denn gar keinen Stolz besäße, wollte ich wissen. Da wurde sie richtig böse und nannte mich einen sturen Dickschädel. Ja, sie riet mir sogar allen Ernstes, mit einer Entschuldigung bei den Stöttners diesen unseligen Streit aus der Welt zu schaffen.

Wieso ich? Hatte ich den Baum gepflanzt? Und dass Robert Stöttner es nur darauf anlegte, mich zu ärgern, wurde von Tag zu Tag deutlicher.

So kaufte er seiner Frau viel häufiger als früher ein neues Kleid. Als ob wir uns das nicht leisten könnten! Lächerlich!

Edith war überrascht und erfreut zugleich, als ich mit ihr das exklusive Modegeschäft aufsuchte. Das schicke Kostüm mit Pelzbesatz hatte ihr in der Auslage so gut gefallen.

Früher hätte ich es ihr ausgeredet. Wann zog sie ein so teures Stück schon an? Aber jetzt kaufte ich es ihr, ohne mit der Wimper zu zucken. Von mir aus sollte sie den Fummel beim Unkrautzupfen tragen. Hauptsache die Stöttner platzte vor Neid.

Leider machte das Kostüm auf Heike Stöttner nicht den erhofften Eindruck. Edith verriet mir den Grund. Die Nachbarin sah Mutterfreuden entgegen.

Ich schluckte, wusste ich doch genau, dass sich die Stöttners schon lange ein Kind wünschten.

Wenn sich auch ihr Vorsprung nicht mehr einholen ließ, so wollte ich doch keinesfalls zurückstehen. In der Folgezeit konnte sich Edith über mangelnde Zärtlichkeit nicht beklagen.

Tatsächlich zeigten meine Bemühungen auch schnellen Erfolg. Ein paar Monate später bestätigte Ediths Frauenarzt meine Hoffnungen. Sie war schwanger.

Am liebsten hätte ich ihr ein Kissen unter das Kleid geschoben, um damit zu demonstrieren, dass wir den Wettlauf der Natur doch noch gewinnen würden. Robert Stöttner sollte gefälligst merken, dass mein Kind größer und kräftiger auf die Welt kommen würde als seines.

Ach, ich weiß auch nicht mehr, welche Gedanken mich beschäftigten. Heute ist mir längst klar, dass ich mich wie ein kleiner, dummer Junge aufgeführt habe. Doch damals kreiste mein Bestreben auf geradezu krankhafte Weise um das Bemühen, den Nachbarn eins auszuwischen.

Einen ganzen Tag lang ließ ich unseren Kinderwagen vor dem Haus stehen. Es handelte sich um das neueste Modell.

Vom Fenster aus beobachtete ich, wie es Robert Stöttner beim Vorbeigehen förmlich einen Ruck gab, als er das chromblitzende Gefährt sah, wusste ich doch, dass sein Nachwuchs in dem gebrauchten Wagen seiner Schwägerin liegen würde.

Leider konnte ich meinen Triumph nicht lange genießen. Ich traute meinen Augen nicht, als ich eines Tages von der Arbeit heimkam. Tollte doch nicht ein junger Schäferhund drüben im Nachbargarten!

Ich hörte Robert Stöttners Stimme, die den Hund begeistert immer wieder aufforderte, 'das Stöckchen zu bringen'.

Der Kerl wurde richtig kindisch, fand ich. Und überhaupt, Schäferhunde gab es schon vier Stück in der Siedlung. Das war nun wirklich nichts Besonderes.

Trotzdem nagte von nun an Tag und Nacht die Frage an mir, womit ich meinen Erzfeind neuerlich ausstechen könnte.

Edith war mir bei der Lösung dieses Problems keine Hilfe. Sie interessierte sich neuerdings überwiegend für Babypflege und Häkelmuster. Sollte ich mir etwa einen selbstgestrickten Stoffhund zulegen?

Ich suchte einen Züchter auf und fand bei ihm auf Anhieb, wonach ich suchte. Ein kräftiger, furchteinflößender Rottweiler war genau das Richtige. Er hieß Rambo. Robert Stöttner würde Augen machen.

Zunächst bekam ich es allerdings mit Ediths Augen zu tun. Sie schauten mich entsetzt an. Meine Frau hatte ein Haustier für durchaus entbehrlich angesehen, im äußersten Fall aber an eine Katze oder einen Zwergpudel gedacht.

Sie hielt mir vor, dass Rottweiler nicht nur viel Futter, sondern auch viel Bewegung brauchten. Außerdem seien sie doch als Kampfhunde berüchtigt.

Es gelang mir, ihre ärgsten Bedenken zu zerstreuen, indem ich sie an die jüngsten Einbrüche in unserer Stadt erinnerte. Rambo würde uns nicht nur nächtliche Langfinger vom Halse halten, sondern auch dafür sorgen, dass lästige Vertreter und Hausierer einen Bogen um unser Haus machten.

Das schien sie einzusehen. Doch ich hatte sie im Verdacht, dass sie meine wahren Beweggründe durchschaute. Wie sonst sollte ich mir erklären, dass sie ausgerechnet jenen Kurs für Schwangerschaftsgymnastik besuchte, an dem auch Heike Stöttner teilnahm. Damit fiel sie mir in den Rücken.

Die beiden Frauen taten überhaupt so, als wäre nicht das Geringste zwischen uns vorgefallen. Ich wurde es leid, Edith auf die Folgen hinzuweisen. Insgeheim aber fürchtete ich, Robert Stöttner könnte glauben, ich schickte meine Frau vor, weil ich auf eine Aussöhnung hoffte. Na, da konnte er lange warten.

Während er im Garten alberne Spielchen mit seinem Schäferhund trieb, begann ich, Rambo abzurichten. Von dem Züchter wusste ich, dass bei dieser Rasse die richtige Erziehung besonders wichtig war.

Edith beobachtete mich mit gemischten Gefühlen. Sie hatte Angst vor dem Hund, obwohl ich ihn dazu brachte, ihr genauso zu gehorchen wie mir.

Nun, während einer Schwangerschaft reagieren Frauen eben sensibler. Ich vertraute darauf, dass sie sich an Rambo gewöhnen würde, sobald unser Kind geboren war.

Dass drüben das Baby fast ein halbes Jahr früher zur Welt kam, ließ sich nicht verhindern. Aber Robert Stöttner hatte sich mit seiner Miriam richtig affig. Als ob nicht alle Säuglinge auf der Welt süß und goldig und niedlich wären.

Für mich waren die folgenden Monate hart. Zum Glück besaß ich Rambo, der, das hatte ich ihm beigebracht, drohend knurrte, wenn er einen von den Stöttners sah.

Heike und Robert Stöttners Respekt vor dem Tier war offensichtlich. Schon deshalb stieß Ediths gelegentliche Bitte, den Hund doch wieder zu verkaufen, bei mir auf taube Ohren. Sie würde sich an Rambo gewöhnen. Er war nun mal kein Wuschelding zum Liebhaben. Aber da bot ihr schließlich Thomas vollen Ersatz, als er endlich geboren wurde.

Ein Junge! Mann, war ich stolz. Zweifellos platzte Robert Stöttner vor Ärger. Ich wusste, wie sehr er sich einen Sohn gewünscht hatte. Ich war zu jener Zeit einfältig genug, mir auf meine Leistung etwas einzubilden, als hätte es größerer Anstrengungen bedurft, einen Jungen zu zeugen.

Auch Edith war völlig aus dem Häuschen, wenn sie es auch für nebensächlich hielt, ob sie die Windeln eines Mädchen oder Buben wechselte, solange das Kind nur gesund war. Immerhin lenkte Thomas sie von ihrer Angst vor Rambo ab.

Mit mütterlicher Liebe umsorgte sie den Kleinen, der prächtig gedieh und bald, als wüsste er um den nachbarlichen Streit, mit der Stöttnerschen Miriam um die Wette schrie.

Das änderte sich, als die Beiden älter wurden, zu laufen anfingen und ihre Umwelt zu erforschen begannen. Da blieb es nicht aus, dass sie den möglichen Spielgefährten auf der anderen Seite des Gartenzaunes entdeckten.

Wenn es nach unserem Sohn gegangen wäre, hätte er die kleine Miriam sofort zu uns herübergeholt. Doch dem schob ich einen Riegel vor. Es gab genügend andere Kinder in der Nachbarschaft. Es musste nicht ausgerechnet die Stöttner sein.

Ihr Vater lauerte doch nur darauf, dass er unserem Thomas alle möglichen Bosheiten nachsagen konnte. Wenn seine Tochter in den Schmutz fiel, wer hätte sie dann wohl gestoßen? Oder wenn sie sich das neue Kleidchen beschmutzte, wer war dann der Übeltäter? Natürlich der Thomas Borgmann.

Nichts da! Zwar war ein so kleiner Junge meinen wohlüberlegten Argumenten nicht zugänglich, aber warum hatte ich wohl Rambo so konsequent erzogen, dass er genau spürte, wer seinem Herrchen sympathisch war und wer nicht?

So ergab es sich ganz von selbst, dass der Rottweiler wütend bellte, sobald sich Miriam in der Nähe des Zaunes blicken ließ. Dass das Mädchen aus diesem Grunde wenig Lust verspürte, die Bekanntschaft zu dem Nachbarjungen zu vertiefen, erschien nur logisch.

Während ich über meinen Erfolg hochzufrieden war, lag mir Edith ständig in den Ohren, Rambo wieder wegzugeben. Als Frau war es ihr wohl unheimlich, wie gut sich Thomas mit dem Hund vertrug. Der Junge kannte keine Angst, und das Tier ließ sich von ihm streicheln, als wären sie miteinander auf die Welt gekommen.

Rambo war nicht das einzige Thema, über das ich mit meiner Frau nun immer häufiger in Streit geriet. Sie beschwor mich, doch endlich den ersten Schritt zur Versöhnung mit den Stöttners zu tun. Sie wollte einfach nicht einsehen, dass ich mich im Recht befand.

Dabei nahm uns das junge Apfelbäumchen schon jetzt im Frühjahr und Herbst einen guten Teil der Morgensonne weg. Na, und Stöttner hätte ich hören wollen, falls unser Thomas eines Tages einen seiner wurmstichigen Äpfel abriss.

Außerdem wäre wohl Robert Stöttner Derjenige gewesen, der zu Kreuze hätte kriechen müssen. Ich vertrat die Ansicht, dass ich klar nach Punkten führte.

Mein Sohn und Rambo waren dabei meine besten Trümpfe. Aus einer derart starken Position zog man sich doch nicht freiwillig zurück und bot einen Waffenstillstand an. Auf so eine Idee konnte auch nur eine Frau kommen.

Manchmal argwöhnte ich, dass sich Edith und Heike Stöttner beim Spazierengehen mit den Kindern nicht nur zufällig trafen, sondern dies regelrecht verabredeten. Ich war aber sicher, dass dies meinem Nachbarn ebenso gegen den Strich ging wie mir.

Es war also nicht zu befürchten, dass mein Wille untergraben wurde. Was sich hinter meinem Rücken abspielte, sollte mir egal sein. Doch wenn ich zu Hause war, wurde der Name Stöttner nicht erwähnt.

Rambo verlangte seinen regelmäßigen Auslauf. Unser nicht sehr großer Garten reichte dafür nicht aus. Deshalb ging ich jeden Tag mit ihm spazieren und ließ ihn, wo es möglich war, frei laufen.

Als wir eines Tages nach Hause kamen, nahm das Verhängnis seinen Lauf. Ich hatte schon immer geahnt, dass die Kinder entgegen meinem Willen miteinander spielten, wenn sie mit ihren Müttern unterwegs waren. Doch dass Miriam während meiner Abwesenheit über unseren Zaun kletterte, um zu ihrem Freund zu gelangen, erboste mich.

Diesmal erwischte ich sie, doch bevor ich etwas sagen konnte, knurrte Rambo und raste auf das Mädchen zu, das sich laut schreiend in den elterlichen Garten flüchten wollte.

Thomas stellte sich unbekümmert dem Rottweiler entgegen. Stürmische Begrüßungen war er von dem Tier gewöhnt. Dass es sich diesmal um einen Ausdruck des Hasses handelte, den ich bei dem Hund gegen die Stöttners geschürt hatte, konnte der Junge nicht unterscheiden.

Während Miriam sich über den Zaun rettete, fiel Rambo über Thomas her und richtete ihn fürchterlich zu. Auf mein entsetztes Rufen reagierte er nicht. Erst als ich ihn mit aller Gewalt von dem blutenden Kind wegzerrte, beruhigte er sich allmählich.

Mit dem Notarztwagen wurde Thomas ins Krankenhaus gebracht. Sofortige Bluttransfusionen und eine mehrstündige Operation nützten nichts mehr. Er starb in der folgenden Nacht, und mir war klar, dass ich ihn auf dem Gewissen hatte.

Rambo wurde eingeschläfert. Meinen Sohn brachte mir das nicht zurück.

Edith war wochenlang kaum ansprechbar. Sie verrichtete schweigend ihre Hausarbeiten, und ich hoffte, dass sie bald über den Schock hinwegkommen würde.

Doch dann trennte sie sich von mir. Mit einem Mann, der aus Starrköpfigkeit und Dummheit den Tod ihres geliebten Kindes verschuldet hatte, konnte sie nicht länger zusammenleben.

Die Staatsanwaltschaft strengte einen Prozess gegen mich an, der mit einer empfindlichen Geldstrafe endete. Doch wie gerne würde ich meinen gesamten Besitz hergeben, sämtliche eitlen Statussymbole, die ich mir angeschafft hatte, um die Stöttners zu ärgern, könnte ich meinen verhängnisvollen Fehler ungeschehen machen.

Doch dazu ist es zu spät. Von nun an werde ich immer allein sein. Allein mit meinen quälenden Selbstvorwürfen. Allein mit meiner Trauer um mein Kind.

 

 

 

Durch eine Begegnung lernte ich Zufriedenheit

Als Jugendliche sammelte ich begeistert die Autogramme der gerade aktuellen Stars. Ich himmelte meine Lieblingssänger an, beneidete glühend die prominenten Schauspieler um ihren Ruhm und ihr herrliches Leben und war fest entschlossen, selbst einmal auf den bewussten Brettern zu stehen, die nach allgemeiner Meinung, die Welt bedeuten.

Meine Eltern redeten mir zwar diese Flausen aus und ließen mich einen 'vernünftigen' Beruf lernen, aber so richtig glücklich wurde ich als Büroangestellte nicht. Selbst als Erwachsene zog es mich mit Macht zur Bühne.

"An dir ist eine Maria Stuart verloren gegangen", zog mich mein Mann Herbert manchmal lächelnd auf, wenn ich allzu dramatisch einen zerbrochenen Teller beklagte. "Warum lässt du dich nicht zur Souffleuse umschulen?"

Das meinte er natürlich nicht ernst, aber er brachte mich auf eine tolle Idee. Warum sollte ich mich nicht an unserem Theater als Statistin bewerben? Dann konnte ich wenigstens manchmal jene Luft atmen, die mir meine Erziehung verwehrt hatte.

Ich hatte Glück. Man akzeptierte mich, und von nun an durfte ich gelegentlich bei Massenszenen eine Zigeunerin oder Baronesse mimen. Stumm zwar, aber doch im Licht der Scheinwerfer.

Leider im Schatten der Stars, die für uns namenlose Komparsen kaum ein Auge hatten. Sie schimpften allenfalls, wenn sie warten mussten, weil bei der Probe unser Auftritt nicht auf Anhieb klappen wollte.

Manchmal gastierten an unserem Theater wirklich große Künstler. Das war jedesmal ein Ereignis, das mir Gelegenheit gab, meine Autogrammsammlung zu erweitern.

Die Nachricht, dass Elvira Sanders einen Vertrag bei uns unterschrieben habe, brachte mich völlig aus dem Häuschen. Die Sanders gehörte zu jenen Schauspielerinnen, die ich von allen am meisten bewunderte.

Und nicht nur ich. Durch das Fernsehen war sie in den letzten Jahren einem Millionenpublikum ans Herz gewachsen. Mit unvergleichlichem Können verkörperte sie klassische Rollen genauso perfekt wie das moderne Repertoire.

Erst kürzlich hatte sie in einer TV-Serie als erfolgreiche und doch warmherzige Pianistin geglänzt, die, vom Ruhm verwöhnt, doch nie die weniger Glücklichen vergaß. Eine prachtvolle Frau, von der man wusste, dass sie sich auch privat auf der Sonnenseite des Lebens bewegte. Liebevoller Ehemann, eine reizende Tochter und ein Traumbungalow in der Schweiz.

Ich bin kein Mensch, der Anderen etwas neidet, aber wenn ich über Elvira Sanders nachdachte, fand ich doch, dass mich das Schicksal reichlich stiefmütterlich behandelt hatte.

Ich hatte nicht meinen Traumberuf erlernen dürfen, musste mir manchen Wunsch verkneifen, weil das Gehalt meines Mannes keine Riesensprünge gestattete und ich selbst seit der Geburt unseres dritten Kindes nicht mehr berufstätig war, na, und nach 14jähriger Ehe war für meinen Herbert leider auch vieles zur Selbstverständlichkeit geworden. War ich nicht auch daheim nur noch eine Statistin?

Ich steigerte mich so sehr in mein Selbstmitleid hinein, dass ich mich heute wundere, wieso es trotzdem zwischen Herbert und mir keinen nennenswerten Streit gab.

Die Sanders kam, und schon bei der ersten Probe, die ich mir natürlich nicht entgehen ließ, spürte ich das Besondere, das diese Frau umgab. Sie musste ein Sonntagskind sein, der eine gütige Fee Glück und Erfolg bereits in die Wiege gelegt hatte.

Als ich sie um ein Autogramm bat, fragte sie mich mit ihrer einfühlsamen Stimme, für wen es denn sein solle. Wahrscheinlich glaubte sie, dass ich die Unterschrift für meine Tochter haben wollte.

"Ach!", antwortete ich mit theatralischem Seufzen. "Schreiben Sie einfach: Für eine graue Maus."

Elvira Sanders lachte fröhlich, warf mir einen forschenden Blick zu und wirkte plötzlich nachdenklich, während sie ihren Namenszug unter das Foto setzte.

Mir wurde heiß und kalt zugleich. Was mochte in dem Kopf dieser bewunderungswürdigen Frau vorgehen? Spielte sie etwa mit dem Gedanken, mich bei unserem Regisseur für eine kleine Sprechrolle vorzuschlagen? Meine Stimme schien ihr gefallen zu haben.

Leider reichte sie mir nur die Fotografie, nickte mir freundlich zu und wandte sich ab.

Während der folgenden Proben wartete ich auf die Sensation. Was würde Herbert sagen, wenn ich ihm beweisen konnte, dass an mir ja doch eine Schauspielerin verloren gegangen war?

Doch das Wunder blieb aus. Wenn auch Elvira Sanders' stummer Blick gelegentlich auf mir ruhte, so konnte sie sich doch nicht dazu durchringen, mir das Tor zum Ruhm aufzustoßen.

Der Tag der Premiere nahte. Obwohl ich nur mit einigen anderen Statisten die Aufgabe hatte, in ein zerfetztes Gewand gehüllt, eine Gefangene darzustellen, war ich doch so aufgeregt, als müsste ich den Prolog deklamieren.

Elvira Sanders fuhr im Luxuswagen vor und verschwand im Bühneneingang. Ich erwischte einen Blick von ihr und erschrak. Ohne Frage hatte sie geweint.

Wenig später hörte ich sie in ihrer Garderobe schluchzen. Unschlüssig stand ich vor der Tür, wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921212
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v433574
Schlagworte
staffner spielsucht tochter

Autor

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Titel: Dr. Staffner packt aus #2: Die Spielsucht meiner Tochter