Lade Inhalt...

Fallen im Nichts

©2018 160 Seiten

Zusammenfassung


Beim Patrouillendienst der TERRA CONTROL hatten Captain Clint Mulloy und seine drei Crew-Mitglieder eher langweilige Routineflüge durchzuführen. Das soll sich ändern, als sie zum BEAGLE-GESCHWADER, einem Sonderkommando für die Erforschung unbekannter Systeme, unter Colonel Dan „Bullenbeißer“ Ramsgate versetzt werden. Der erste Einsatz der „kosmischen Spürhunde“ mit dem Raumschiff BIII betrifft den Hilferuf ihrer Geschwader-Kollegen von BIV, deren Hypertriebwerk im Einsatz ausgefallen war; Mulloy und seine Crew sollen ihnen die Ersatzteile für die Reparatur bringen. Während sie sich der roten Zwergsonne nähern, werden sie – genauso wie die BIV zuvor – von einem starken Zugstrahl erfasst, dem sie sich nicht entziehen können …

Leseprobe

Table of Contents

Fallen im Nichts

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

Fallen im Nichts

Science Fiction-Roman von Harvey Patton

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 140 Taschenbuchseiten.

 

Beim Patrouillendienst der TERRA CONTROL hatten Captain Clint Mulloy und seine drei Crew-Mitglieder eher langweilige Routineflüge durchzuführen. Das soll sich ändern, als sie zum BEAGLE-GESCHWADER, einem Sonderkommando für die Erforschung unbekannter Systeme, unter Colonel Dan „Bullenbeißer“ Ramsgate versetzt werden. Der erste Einsatz der „kosmischen Spürhunde“ mit dem Raumschiff BIII betrifft den Hilferuf ihrer Geschwader-Kollegen von BIV, deren Hypertriebwerk im Einsatz ausgefallen war; Mulloy und seine Crew sollen ihnen die Ersatzteile für die Reparatur bringen. Während sie sich der roten Zwergsonne nähern, werden sie – genauso wie die BIV zuvor – von einem starken Zugstrahl erfasst, dem sie sich nicht entziehen können …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen des Romans:

Captain Clint Mulloy - Der eigenwillige Kommandant wird strafversetzt.

Henny Gellert, Allan Bush, Marc Tailor - Clint Mulloys Crew.

Colonel Dan Ramsgate - Chef der „kosmischen Spürhunde“.

Captain Oda Bird - Ramsgates Adjutantin und spezielle Freundin der Crew.

Captain Igor Ustinow - Sein Schiff wird von einer unheimlichen Gewalt bedroht.

Mel Nolan - Ustinows Astrogator.

 

 

 

1

Es gab keinen Grund zur Beunruhigung - noch nicht.

Das Schiff glitt ruhig durch den Ultraraum, der Hyperantrieb sang sein monotones Lied. In dieser Phase gab es nichts zu tun, denn der Autopilot steuerte alle technischen Abläufe, und zudem war es nach Bordzeit Nacht. Die Besatzung schlief bis auf den Navigator, der im Steuerraum Sitzwache hielt, aber sie war mehr symbolischer Natur. Die Ortungsschirme zeigten nur ein silbriges Flimmern, und solange sich das Schiff in der höheren Dimension befand, hatte Mel Nolan permanent Langeweile.

Nur selten warf er einen Blick auf die Kontrollen, die sämtlich Grünwerte zeigten. Er befand sich zwar im Pilotensitz, doch er war mit einem Schachcomputer beschäftigt, der auf „Meisterpartie“ mit mittlerer Schwierigkeit programmiert war. Nolan war zwar durchaus kein Meister in diesem Spiel, besaß aber das Talent, intuitiv stets Züge zu tun, die zunächst verblüfften, sich in der Regel aber bald als richtig erwiesen. Damit gab er selbst dem Computer manch harte Nuss zu knacken und gewann im Durchschnitt jede zweite Partie.

Er war eben dabei, seine Dame in eine scheinbar völlig sinnlose Position zu bringen, als es urplötzlich geschah.

Ein leichtes Rütteln durchlief das Schiff, Mel fuhr zusammen, und das Schachspiel polterte zu Boden. Er achtete jedoch nicht darauf, sondern starrte auf die Anzeigen am Pult, auf denen nun deutliche Abweichungen von den Normalwerten zu erkennen waren. Schon wenige Sekunden später waren sie so stark geworden, dass zwischen ihnen die ersten roten Warnlampen aufzuckten, und parallel dazu verstärkte sich das Rütteln noch mehr.

Der Navigator war ein erfahrener Mann, den so leicht nichts aus der Ruhe brachte, doch etwas Derartiges hatte er bis dahin noch nie erlebt. Der Hyperantrieb galt als absolut ausgereift, von Pannen im Ultraraum hatte man seit mehr als hundert Jahren nichts mehr gehört, deshalb schüttelte Nolan verwundert den Kopf. Er glaubte an eine rein funktionelle Störung, doch schon im nächsten Augenblick wurde er eines Besseren belehrt.

Der Autopilot gab ein schrilles Warnsignal, auch seine bis dahin noch ruhig glimmenden Kontrollen begannen nun hektisch zu flackern. Und dann geschah etwas, das es noch nie gegeben hatte, zumindest in den letzten hundert Jahren nicht:

Das stetige Summen des Hyperantriebs wurde zu einem Stottern und verstummte dann ganz - abrupt fiel das Schiff aus dem Ultraraum ins normale Universum zurück ...!

Mel Nolan war blass geworden, doch er verlor trotz allem seine Fassung nicht. Er erleichterte sich durch einen halblauten Fluch, dann fiel seine Hand auf den Alarmknopf; in allen Kabinen wurden die Summer laut und rissen die übrige Besatzung aus dem Schlaf.

Nolan schaltete den nutzlos gewordenen Autopiloten aus, und das rote Feuerwerk am Schaltpult erlosch. Erst dann richtete er seinen Blick auf die Ortungsschirme, sah darauf zahllose Sonnen blinken und fluchte nun nochmals, aber bedeutend lauter als zuvor.

„Na, wenn das nicht heiter ist - jetzt sitzen wir so dicht in der ... Tinte wie noch nie!“

 

 

2

„Welch große Freude, Sie schon jetzt hier zu sehen, Captain!“, sagte Major Vilar messerspitz. „Mann, unsere Funk-Z hat Sie seit acht Uhr x-mal angerufen, aber erst um neun haben Sie endlich geruht, sich zu melden. Ihre ganze Mannschaft ist schon seit einer Stunde hier - weshalb nicht auch Sie ...?“

Clint Mulloy kniff nachdenklich die Brauen zusammen.

„Um acht Uhr, Sir? Ach ja, da stand ich gerade unter der Dusche, und wenn das Wasser rauscht, kann ich das Signal kaum hören. Dann habe ich meine morgendliche Yogaübung durchgeführt, und wenn ich mich der Meditation hingebe, bin ich für banale äußere Reize einfach unempfindlich. Tut mir wirklich leid, Sir, wie sollte ich auch ahnen, dass Sie schon so früh ...“

„Genug der faulen Ausreden!“, bellte Vilar mit hochrotem Kopf.

„Nichts davon stimmt! Sie waren entweder noch gar nicht zu Hause, oder Sie haben noch geschlafen wie ein Murmeltier. Von verlässlichen Zeugen weiß ich, dass Sie noch gegen vier Uhr in der El-Toro-Bar waren, und zwar in Begleitung einer spärlich bekleideten Blondine! Wollen oder können Sie das abstreiten, Captain?“

„Seit wann fallen Sie denn auf solch faule Gerüchte herein, Sir?“, meldete sich anstelle Mulloys Leutnant Bush zu Wort. „Der schmale Sold, den die TERRA CONTROL ihren Raumfahrern zahlt, erlaubt es selbst einem Captain nicht, derart feudale Lokale zu besuchen, das wissen Sie doch selbst. Ihre sogenannten Zeugen müssen sich einfach geirrt haben, vielleicht waren sie um diese Zeit schon nicht mehr ganz nüchtern, wer weiß?“

„Das vermute ich auch“, assistierte ihm Henny Gellert sofort. „Daneben ist Ihnen doch bekannt, dass unser Captain keine blonden Frauen mehr mag, seit ihn seine ... Nun, das hätte ich wohl nicht sagen sollen, entschuldige, Clint. Auf jeden Fall aber ...“

„Auf jeden Fall haltet ihr ihm wieder mal fest die Stange, wie ich sehe“, vollendete der Major resigniert und winkte ab. „Wetten, dass Sergeant Tailor auch noch ein paar windige Verteidigungssprüche dieser Art auf Lager hat?“

„Irrtum, Sir“, parierte der Techniker der Crew gelassen, „ein Mann wie Clint Mulloy kann sich sehr gut auch selbst verteidigen. Wenn ich nur daran denke, wie er damals auf Deneb VII ganz allein mit vier angreifenden Flugsauriern fertig geworden ist ...“

„Dann schafft er auch einen alten Drachen wie mich mit links, nicht wahr?“, knurrte Vilar sarkastisch. „Okay, lassen wir dieses unnütze verbale Gerangel jetzt, warum soll ich mich ausgerechnet am letzten Tag noch wegen euch ärgern. Das können in Zukunft andere tun, und darum beneide ich sie nicht gerade.“

„Andere - weshalb das, Sir?“, forschte Clint Mulloy verwundert.

Der Major lächelte süffisant, nahm eine Folie hoch, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag, und hielt sie ihm entgegen.

„Ihr Marschbefehl, Captain, vor drei Stunden hier eingetroffen! Sie und Ihre Leute unterstehen ab sofort nicht mehr mir, sondern sind nach England versetzt, zum sogenannten Spürhund-Geschwader auf Basis 016. Sie haben bis Mittag Zeit, Ihre Quartiere zu räumen und alle sonstigen Angelegenheiten zu ordnen, um halb eins startet die Maschine dorthin. Melden Sie sich dann bei Colonel Ramsgate, er ist Ihr neuer Chef. - Hier, lesen Sie es selbst.“

Mulloy nahm die Folie entgegen, las sie aufmerksam und zuckte dann fatalistisch mit den Schultern.

„Wie sagt doch das alte Wort so treffend: Nichts ist beständiger als der Wechsel, Sir! Sicher, das kommt reichlich überraschend, aber deshalb wirft es uns noch lange nicht um. Natürlich gibt man sein Schiff nach drei Jahren nicht eben leichten Herzens auf, mit ihm sind schließlich viele Erinnerungen verknüpft, an gute ebenso wie an schlimme Tage.“

Er reichte die Folie an Allan Bush weiter und fuhr fort:

„Andererseits dürfte es ganz reizvoll sein, eine neue Aufgabe zu erhalten. Unser Dienst war doch schon längst nur noch bloße Routine, sture Patrouillenflüge nach festem Plan können ebenso gut auch von Robotern absolviert werden. So gesehen, trifft es uns also wirklich nicht sehr hart - abgesehen davon, dass wir wohl kaum wieder einen solchen Chef bekommen werden, wie Sie es waren, Sir!“

Die anderen drei stimmten ihm einhellig zu, sodass Major Vilar ein deutlicher Anflug von verlegener Rührung überkam. Doch er nahm sich zusammen, drückte allen noch einmal die Hand und sagte einige passende Worte. Dann verließen sie sein Büro, er sah ihnen gedankenvoll nach und schüttelte langsam den Kopf.

„Im Grunde ist es schade, dass ihr geht“, murmelte er zwiespältig vor sich hin. „Sicher, der Umgang mit euch war nicht eben einfach, trotz eurer vielen Qualitäten ging es nie ganz ohne Ärger ab. Und doch habe ich euch mehr gemocht als die sogenannten braven Crews, eure impulsive Art und selbst euren kalkulierten Leichtsinn, wenn er auch manchmal bis hart an die Grenzen ging ... Den wird Danny Ramsgate aber weder schätzen noch tolerieren, ich kenne den alten Bullenbeißer in dieser Hinsicht gut genug. Ihr werdet drüben bei den BEAGLES nichts zu lachen haben, das steht fest!“

„Ich danke euch, ihr wart wieder einmal super, Freunde“, sagte Clint Mulloy, während er mit seiner Besatzung durch die Korridore der Raumhafenkommandantur von Sevilla ging. „Der Alte hatte natürlich recht, ich war letzte Nacht versackt und habe nur drei Stunden geschlafen und die auch nicht in meinem Bett ... Doch wer schlägt eigentlich nicht mal über die Stränge, wenn er nach drei Wochen langweiligem Patrouillendienst Gelegenheit dazu hat?“

„Zum Beispiel ich!“, konterte Henny Gellert sofort. „Gestern lag ich schon um 22 Uhr im Bett – allein wohlgemerkt, deshalb bin ich jetzt ausgeschlafen und habe ein gutes Gewissen, im Gegensatz zu dir. Ich frage mich nun ernsthaft, weshalb ich mich überhaupt habe dazu hinreißen lassen, dir auch noch zu helfen, Clint.“

„Aus einer Anwandlung von mütterlichen Gefühlen, vermute ich“, spöttelte Leutnant Bush, der Navigator der Crew. „Gar kein Wunder, denn normalerweise sind Frauen in deinen Jahren längst durch einen Ehekontrakt gebunden, haben einen folgsamen Mann und die amtlich erlaubten zwei Kinder. Dies alles fehlt dir eben, du bist mit dem Computer und der Funkanlage verheiratet, und das scheinen wohl doch nicht die idealen Partner zu sein.“

„Mütterliche Gefühle bei unserem Goldengel?“, überlegte Marc Tailor halblaut und schüttelte dann lächelnd den Kopf. „Nicht dass ich ihr solche grundsätzlich absprechen möchte, aber in Bezug auf einen Mann wie Clint ...“

„Schluss jetzt mit dem Nonsens“, fiel ihm der Captain ins Wort, denn das ging selbst ihm zu weit. „Wenn ich auch kaum ausgeruht bin, denke ich doch über den Augenblick hinaus und habe erkannt, dass unsere Zukunft nicht gerade rosig aussehen dürfte! Schließlich tändle ich in meiner Freizeit nicht nur herum, sondern rufe auch regelmäßig die Infos der TERRA CONTROL ab, um auf dem Laufenden zu bleiben. Wir gehören ab sofort nicht mehr zur normalen Raumflotte, sondern zu den 'Spürhunden'. - Was weißt du über sie, Allan?“

Der Navigator krauste die Stirn. „Nicht besonders viel“, gab er schließlich zu. „Man nennt diese Einheit die BEAGLES, nach irgendeiner Hunderasse der britischen Lords aus den alten Zeiten. Ich weiß das von meinem Großvater, er hat noch einem dieser Herren gedient, bevor zusammen mit dem König auch der gesamte Adel in Rente ging.“

„Soweit richtig“, sagte Clint Mulloy, „bei uns in Schottland soll es auch noch welche geben. Beagles natürlich, keine Lords, gesehen habe ich selbst aber noch keinen. Nun, vielleicht erfahren wir Genaueres darüber bei unserem neuen Verein, dort sollte man wissen, wie sein Wappentier beschaffen ist.“

„Und was weißt du über diesen aus deinen Infos?“, fragte Henny und strich ihre rote Haarmähne zurecht.

„Eine relativ kleine Sondereinheit“, erklärte Clint lakonisch, „sie gehört nicht zu einer der Raumflotten, sondern untersteht direkt der TERRA CONTROL. Sie fliegt Kreuzer vom Standardtyp mit normaler Bewaffnung, aber mit einer zusätzlichen Sonderausrüstung. Diese ist für die Erforschung unbekannter Systeme konzipiert, denn zu diesem Zweck werden die Schiffe vorzugsweise eingesetzt.“

„Genau das Richtige für uns!“, meinte der Bordtechniker erfreut. „Endlich keine Routineflüge mehr, die doch nichts bringen, weil jeder, der etwas zu verbergen hat, im voraus weiß, wann er uns aus dem Weg zu gehen hat. In neuen Systemen gibt es noch Abenteuer, und die Prämien für Sondereinsätze sind gar nicht so schlecht.“

„Geldgierig und vergnügungssüchtig - jetzt lerne ich dich erst richtig kennen“, kommentierte der Captain, aber seinem Lächeln fehlte jeder Anflug von Humor. „Diese Medaille hat aber auch noch eine andere Seite, und die dürfte euch weit weniger gefallen. Uns erwartet daneben nämlich auch noch ...“

Er unterbrach sich, denn sie hatten inzwischen die Haupthalle erreicht; eine andere Crew kam eben herein und direkt auf die vier Raumfahrer zu, und Captain Reuter zog verwundert die Brauen hoch. Er schüttelte Clint die Hand und erkundigte sich dann:

„Was macht ihr denn heute morgen für merkwürdige Gesichter? Hat es im Einsatz Ärger gegeben, hat euch der Alte den Urlaub gestrichen, oder was ist sonst los?“

Mulloy erklärte es ihm, Reuter trat unwillkürlich einen Schritt zurück und pfiff leise durch die Zähne.

„Na, wenn das kein Hammer ist! Ausgerechnet zu den BEAGLES werdet ihr abgeschoben - da kommt ja wohl so einiges auf euch zu ... Ich kenne eine Navigatorin, die voriges Jahr ersatzweise zwei Monate bei dem Haufen gewesen ist, und sie hat mir so einiges erzählt. Die Einsätze der 'Spürhunde' sind meist schon schwierig, aber ihr Chef schlägt sie noch um viele Längen. Gegen Colonel Ramsgate soll der brummige Vilar geradezu ein gütiger Vater sein.“

„Das sind ja reizende Aussichten“, meinte Bush seufzend, als sie dann weitergingen, und der Captain nickte.

„Genau das wollte ich vorhin sagen, als ich von der Kehrseite der Medaille sprach: Auf unserer alten Insel haben die Rosen besonders viele Dornen! Der alte Danny J. R. war von Anfang an bei den BEAGLES und hat sich auf vielen Fahrten bewährt, stand dann aber dem Pfeil eines primitiven Eingeborenen im Wege. Seitdem ist sein rechtes Bein steif, und damit war es für ihn mit der Raumfahrt vorbei; man hat ihn zwar behalten, doch nur noch im Bodendienst. Zwar ist er inzwischen Colonel und Basiskommandant geworden, sehr glücklich hat ihn das jedoch nicht gemacht.“

„Das kann ich schon verstehen“, sagte Henny Gellert. „Es dürfte ein ziemlicher Frust für ihn sein, wenn er immer nur andere in den Einsatz schicken, selber aber im Büro hocken muss. Das ist ihm aufs Gemüt geschlagen, hat ihn verbittert und missmutig gemacht, wie?“

„So ist es, Goldengel“, bestätigte Mulloy düster, „und nun gibt er, ohne es selbst richtig zu merken, einen Teil seiner Bitterkeit an seine Leute weiter. Nicht dass er wirklich ungerecht wäre, er führt nur ein besonders strenges Regiment. Das stand zwar nicht in den Infos, doch ich habe schon früher davon gehört.“

Marc Tailor zuckte mit den Schultern.

„C’est la vie, sagt man bei uns - irgendwie hat eben jeder sein Päckchen zu tragen. Versuchen wir also, dies bei den 'Spürhunden' in möglichst guter Haltung zu tun, ohne in die Knie zu gehen, wie bisher auch. Vielleicht geht doch alles besser, als ihr glaubt.“

„Es sprach unser Berufsoptimist.“ Der Navigator grinste, aber zur Überraschung der anderen nickte Clint Mulloy ernsthaft.

„Marc hat schon recht, Allan! Der wahre Optimist erwartet nicht, dass es immer gut geht, doch er ist davon überzeugt, dass durchaus nicht alles schiefgehen wird. Das dürfte auch für Basis 016 gelten, allerdings einige Anpassung von unserer Seite vorausgesetzt. Wir müssen uns erst einmal dort umsehen, zurechtfinden und einleben, bis wir den Rahmen unserer Möglichkeiten erkannt haben, und dann sehen wir weiter.“

Die Crew trennte sich draußen und flog zu ihren Quartieren. Sie lagen am Ortsrand von Sevilla weiträumig verteilt, Mitglieder derselben Besatzung wohnten grundsätzlich nicht zusammen. An Bord mussten sie das lange genug, doch während der Freizeit sollte jeder sein Privatleben führen können, ohne dass ihm einer der anderen über die Schulter sah.

Der Captain bewohnte einen Bungalow inmitten einer Grünanlage, und darin hatte er sich während der sporadischen Aufenthalte auf der Erde immer wohl gefühlt. Seine Koffer waren schnell gepackt, Raumfahrer hatten Übung darin und nahmen nur die unbedingt nötigen persönlichen Dinge mit an Bord. In den Schiffen gab es alles, was sie sonst brauchten, die TERRA CONTROL sorgte gut für ihre Leute.

Diesmal wurden die Koffer voll, denn es war ein Abschied für immer. Trotzdem war Clint schon nach zwanzig Minuten fertig, er suchte die Robotküche auf und orderte als „Henkersmahlzeit“ eine Auswahl typisch spanischer Gerichte. Er aß langsam und mit Genuss, steckte dann seine kurze Pfeife an und ging zur Nachrichtenkonsole, um sich von seiner derzeitigen Freundin zu verabschieden.

Mulloy hatte eine vierjährige Ehe hinter sich, und er hatte die blonde Mary aus Sheffield wirklich geliebt. Sie ihn aber offenbar weniger, das hatte sich erwiesen, als er einmal früher als erwartet vom Einsatz zurückgekehrt war. Sicher, Raumfahrer waren oft lange unterwegs, doch wenn man dann nach Hause kam und fand das Ehebett von einem anderen besetzt ...

Die Sitten im 26. Jahrhundert waren nicht mehr sehr streng, doch Mary verhielt sich so zynisch, dass Clint den Ehekontrakt umgehend gelöst hatte. Das war nun schon zwei Jahre her, doch er vermied es noch immer, sich erneut fest zu binden. Isabel wusste das, und so verlief der Abschied per Visifon kurz und undramatisch. Dann blieb ihm noch etwas Zeit, er ging hinaus in den Garten, warf sich in den Liegestuhl und sah sich abschiednehmend um.

Die Maisonne stand hoch am Himmel, Rosen und Hibiskussträucher waren mit leuchtenden Blüten förmlich übersät. Captain Mulloy war durchaus kein Romantiker, doch er hatte einen Sinn für Schönheit, und mit dieser hier war es für ihn nun endgültig vorbei ...

Raumfahrer konnten nie wirklich sesshaft werden, ihr eigentliches Medium war das All; selbst die Erde als Heimatplanet blieb mehr oder weniger nur noch Zwischenstation, und die Raumhäfen glichen sich überall. Es war aber doch ein gewaltiger Unterschied, ob man seinen Urlaub im sonnigen Süden verbrachte oder im kühlen England - sofern nach Lage der Dinge überhaupt noch damit zu rechnen war ...

Clint rechnete nicht damit, denn Colonel Daniel J: Ramsgate war kein Major Vilar! Dieser hatte die lockere Art der Mulloy-Crew trotz gelegentlicher Poltereinlagen längst akzeptiert, in Spanien sah man alles nicht so eng. Gegen ihn musste Ramsgate förmlich ein „Eisenfresser“ sein, der Fama nach zählten bei ihm nur Leistung und strenge Disziplin. Nun, in Bezug auf Leistung konnten Mulloy und seine Gefährten es unbedenklich mit allen anderen aufnehmen, aber was die Disziplin anging ...

Der Captain fuhr aus seinen Gedanken auf, die Zeit zum Abflug war gekommen. Noch ein letzter Blick über die Blütenpracht, dann brachte er sein Gepäck hinaus zum Gleiter, tippte dem Hauscomputer die Abmeldung ein und trat den Flug zum Raumhafen an.

 

 

3

Das Eingangsschott glitt leise zischend auf, Captain Ustinows massiger Körper fiel förmlich in den Steuerraum hinein. Er war nur mangelhaft bekleidet, und sein brauner Haarschopf ragte wirr in die Luft, doch seine Augen funkelten den Navigator drohend an.

„Was soll der Unsinn, Nolan?“, bellte er cholerisch. „Ich habe dir doch schon tausendmal gesagt, wenn ich schlafe ...“ Nun erst sah er die Sterne auf den Bildschirmen, und sein Unterkiefer fiel herab. „Was ... was ist denn das?“, brachte er ungläubig hervor.

Mel Nolan grinste matt. „Der Unsinn, Captain! Oder dachten Sie, ich hätte die ganze Crew nur so zum Spaß geweckt? Wir sind nicht mehr im Ultraraum, denn ganz plötzlich ...“

„Verdammt, das ist doch unmöglich!“, kam es vom Bordtechniker Ole Svensson, der zusammen mit der Kyb-Spezialistin hereingeeilt war.

„Das Triebwerk kann nicht ausgefallen sein, ich habe doch vor drei Stunden erst alle Anlagen noch mal überprüft. Hast du etwa ...?“

„Keine unnützen Mutmaßungen“, fiel ihm Ustinow ins Wort, der nun erst richtig wach geworden war. „Los, erzähl schon, Mel, was ist denn eigentlich passiert?“

Der Navigator berichtete, und danach war es für eine ganze Weile still im Raum. Die Crew versuchte das Unglaubliche zu verarbeiten, doch das fiel ihr schwer, weil es keinen Präzedenzfall dazu gab. Schließlich ließ sich der Schiffsführer schwer in den Pilotensitz fallen und sah kopfschüttelnd auf die dunklen Kontrollen vor sich.

„So etwas hatten wir noch nie, und ich bin jetzt zwanzig Jahre dabei, aber irgendwann passiert eben alles zum ersten Mal. Es fing also mit einem Rütteln an, und die Instrumente spielten verrückt, dann wurde das Rütteln stärker, und der Hyperantrieb setzte aus ... Hmmm, nichts gegen deine Fähigkeiten, Ole, aber könnte es nicht doch so gewesen sein ...?“

„Ganz ausgeschlossen!“, protestierte Svensson empört. „Wenn ich sage, dass die Aggregate okay waren, dann waren sie es auch; hier muss etwas ganz anderes im Spiel sein. Vielleicht hatte der Autopilot einen Defekt und hat den ganzen Trouble verursacht?“

„Vielleicht gibt es auch Geisterfahrer im Ultraraum, und wir sind mit einem zusammengestoßen?“, meldete sich die zierliche brünette Helen Bouwman spöttisch zu Wort. „Lassen wir doch das Raten, damit kommen wir bestimmt nicht weiter, Captain. Ich schlage vor, stattdessen die Aufzeichnungen des Computers abzufragen, zweifellos hat er alles gespeichert und kann uns eine Erklärung geben.“

Igor Ustinow verzog das Gesicht, dann nickte er langsam.

„Zeit genug haben wir dazu, hier in der Umgebung gibt es nichts, was uns irgendwie gefährlich werden könnte. Deine Sache, Mädchen, du bist ja für diese Dinge kompetent; auf das Ergebnis bin ich wirklich mehr als gespannt.“

Er räumte seinen Platz, die junge Frau nahm ihn ein und begann zu schalten. Lange Reihen von Zahlen und Computersymbolen huschten über einen Monitor, sie las sie flüssig ab, stoppte zuweilen ihren Lauf und ließ sie wiederholen. Schließlich versiegte der Datenfluss, sie tippte auf einige Sensoren, und die Vocoderstimme des Automaten klang auf:

„Endresultat nach Auswertung aller von mir erfassten Daten: Kein Versagen der diversen Schiffselemente, der Sturz aus dem Ultraraum wurde durch äußere Einflüsse verursacht. Vermutliche Ursache ist ein Widerstand unbekannter Art, darauf weisen die Begleiterscheinungen eindeutig hin. Ich habe versucht, ihn durch erhöhte Schubleistung des Hypertriebwerks zu überwinden, doch er nahm proportional zu und überstieg schließlich die Kapazität desselben. Da vonseiten des menschlichen Piloten keine Reaktion erfolgte, sah ich mich zuletzt genötigt, das Triebwerk stillzulegen, um eine Zerstörung des Fahrzeugs zu verhindern. Diese wäre infolge der zunehmenden Vibrationen innerhalb von 1,3 Sekunden eingetreten, Koeffizienz dieser Aussage beträgt 99,9 Prozent. Ende.“

Sekundenlang herrschte Schweigen, dann stieß der Navigator ein hektisch anmutendes Gelächter aus.

„Der menschliche Pilot - damit meint er mich, der Autoidiot! Verdammt, was hätte ich denn tun sollen, wo ich überhaupt nichts davon ahnte, was eigentlich vorging? Rote Lampen und Warnsignale können alles Mögliche bedeuten ... Weshalb ist eigentlich bis jetzt noch niemand auf die glorreiche Idee gekommen, den Computer auch entsprechende akustische Angaben machen zu lassen? Er kann es doch, verdammt noch mal!“

Ustinow klopfte ihm beruhigend auf die Schulter.

„Reg dich wieder ab, Nolan, dir gibt ja niemand von uns irgendeine Schuld. Ich werde deine Anregung jedenfalls weitergeben, vielleicht reagieren die Eierköpfe irgendwann im nächsten Jahrzehnt darauf ... Viel klüger als zuvor sind wir jetzt allerdings auch noch nicht, dieser ominöse 'Widerstand im Ultraraum' ist ein absolutes Novum. Jedenfalls muss es ihn aber geben, und wir müssen froh sein, dass der Autopilot schnell genug darauf reagiert hat.“ Der Bordtechniker schüttelte sich unwillkürlich.

„Sicher, wir wären schnell gestorben, ohne überhaupt etwas davon zu merken, aber wen tröstet so etwas schon? Okay, lassen wir das jetzt, wir sind ja noch einmal davongekommen. Der Fehler dabei ist nur, dass dasselbe auch ein zweites Mal passieren kann! Wir hängen jetzt hier irgendwo im leeren Raum, Lichtjahre von der nächsten Sonne und noch viel weiter von unserem Ziel entfernt. Wenn wir dorthin gelangen wollen, müssen wir wieder in den Ultraraum - und was geschieht dann ...?“

„Das ist allerdings ein schwieriges Problem“, gab der Captain missmutig zu. „Übereilen wir also nichts, sondern beschränken wir uns zunächst auf die naheliegenden Dinge. Wenn wir Fehler machen, reißt uns der Alte hinterher alle Ohren einzeln ab.“

„Falls wir dann überhaupt noch welche haben“, warf Helen Bouwman trocken ein. „Was befiehlst du also, Herr Kommandant?“

Igor Ustinow glättete sein Haar mit den Fingern, überlegte kurz und bestimmte dann: „Mel bestimmt zunächst unseren Standort, damit wir gegebenenfalls neue Kursberechnungen durchführen können. Ole, du kommst nicht daran vorbei, alle Anlagen im Maschinenraum sorgsam zu überprüfen, vielleicht hat das Triebwerk doch etwas abgekriegt. Helen, du checkst jetzt zunächst den Autopiloten durch, und dann koppelst du ihn mit dem Hauptcomputer. Anschließend werden wir zwei eine Generalanalyse durchführen - aber zuerst besorge ich einen starken Kaffee, denn mit dem Schlaf ist es jetzt für absehbare Zeit ohnehin vorbei ...“

 

 

4

„Immer dasselbe“, murrte der Gleiterpilot, als sich das Fahrzeug über der nördlichen Biskaya befand. „Wir warten monatelang umsonst auf etwas Regen, aber er fällt hier oben, wo man ihn gar nicht haben will. Verkehrte Welt, das.“

Sie flogen in eine dichte Wolkenformation, es wehte ein steifer Wind, und das Meer war unruhig geworden. Alles wies darauf hin, dass auf Basis 016 das „typisch englische“ Wetter herrschen würde, und die Raumfahrer begannen unwillkürlich schon jetzt zu frösteln. Als der Gleiter zum Landeanflug überging, kam er in strömenden Regen hinein, und Clint Mulloy bemerkte halblaut:

„Es geht eben nichts über einen guten Anfang, Freunde, und falls man dieses Wetter als Omen für uns werten kann ... Nun, wir werden sehen, wappnen wir uns vorsichtshalber für jede denkbare Möglichkeit. Sollten wir angenehm enttäuscht werden, ist die Freude umso größer.“

„Ihr Wort ins Ohr eines gewissen Colonels“, kommentierte der Pilot. „Nach dem, was man so hört ...“ Er unterbrach sich, denn nun klang das Fiepen des Peilstrahls der Basis auf, und bald kam auch das Areal des Hafens nördlich von Portsmouth in Sicht. Die Crew beugte sich vor und musterte das Bild, denn diese Basis war ihnen allen noch unbekannt. Doch nirgends war ein Schiff zu sehen, und auf die Frage Hennys erklärte Leutnant Garcia:

„Auch die 'Spürhunde' halten nichts vom Regen, in den man keinen ohne Not hinausjagen soll. Jetzt stehen alle anwesenden Raumer in unterirdischen Hangars, das erleichtert dem Bodenpersonal die Arbeit sehr. Die Kommandantur und ihre Anhängsel sind ohnehin dort unten untergebracht, es ist ein richtiger Maulwurfsbau.“

Die Funk-Z der Basis gab Landeerlaubnis, und vor dem mit vielen Antennenspiegeln bestückten Tower zuckte eine rote Leuchtmarke auf. Das Fahrzeug ging nieder, und als der Antrieb schwieg, hörte man wie ein Stakkato das Prasseln der Tropfen aufs Kabinendach. „Dann also hinaus ins feindliche Leben“, seufzte Mulloy und sah missmutig auf die großen Wasserlachen ringsum. „Haben Sie Schwimmwesten für uns dabei, Felipe?“

Der Pilot grinste leicht. „Keine Sorge, Captain, für uns gilt dasselbe wie für die großen Eimer. Früher soll es nicht so gewesen sein, erst Colonel Ramsgate hat es so einrichten lassen. Mag er sein, wie er will, er sorgt jedenfalls gut für seine Leute.“

Im selben Moment senkte sich der Boden und nahm den Gleiter mit, etwa acht Meter tief; über ihm schob sich eine Platte vor die Öffnung. Die Raumfahrer sahen in hellem Licht einen großen Hangar, in dem etwa zwanzig weitere Fahrzeuge standen, und schon glitt auch eins der drei großen Tore im Hintergrund auf. Drei Elektrowagen schossen heraus, kurvten ein und hielten neben dem Gleiter; zwei davon waren mit je zwei Robotern besetzt, in dem dritten befand sich dagegen ein Mann in Uniform. Er sprang ab und grüßte straff, als das Kabinendach auf glitt.

„Captain Mulloy und Crew, nicht wahr? Ich bin Leutnant McIntyre und habe Auftrag, Sie zur Kommandantur zu bringen. Steigen Sie hier bei mir ein, Ihr Gepäck übernehmen die Robs und schaffen es gleich in Ihr Quartier. Sie werden zunächst von Captain Bird empfangen, der rechten Hand des Colonels. Er selbst hat noch anderweitig zu tun, er wird Sie erst in etwa vierzig Minuten sehen können.“

Er sagte „sehen“ und nicht „begrüßen“, sein Gesicht zeigte nicht die Spur eines Lächelns, und Clint machte sich seinen Reim darauf. Die Crew winkte Garcia noch einmal zu, kletterte dann auf die offene Plattform des E-Cars, und McIntyre steuerte ihn aus dem Hangar hinaus. Marc Tailor zog eine Grimasse und bemerkte gedämpft:

„Ein wahrer Ausbund von Freundlichkeit, dieser stramme Max! Falls sein Verhalten symptomatisch für das Betriebsklima in Basis 016 ist, werden wir wohl bald an Unterkühlung leiden, Freunde.“

Der Captain lächelte grimmig und winkte ab.

„Wir sind sozusagen eine Allwettercrew und werden auch das schon in leidlich guter Haltung überstehen. Wappnen wir uns entsprechend, mit einer moralischen Pelzweste sozusagen - wir werden sehen, wer später die meisten Frostbeulen hat!“

Zwei Minuten Fahrt und mehrere Richtungswechsel, Knotenpunkte und immer wieder neue Korridore; der ganze Raumhafen schien von Tunnels unterminiert zu sein. Dann endlich rollte der Car in eine riesige Halle, in der es etwa zwei Dutzend lang gestreckte Gebäude gab. Hier war das Herz der Basis. Fahrzeuge summten hin und her, zahlreiche uniformierte Männer und Frauen bevölkerten die Gehsteige. Schilder und Leuchtsignale dienten zur Orientierung, und der Car stoppte schließlich vor dem größten Bau im Mittelpunkt.

„Bitte aussteigen“, sagte der Leutnant lakonisch. „Gehen Sie durch das Hauptportal und dann rechts in den Korridor, vor dem der Hinweis 'Zur Kommandozentrale' angebracht ist. Eine Orientierungstafel zeigt Ihnen dann, wo Sie die Adjutantur finden können.“

„Danke, Leutnant, Sie waren uns wirklich eine große Hilfe!“, gab Clint mit deutlichem Sarkasmus zurück, und die Raumfahrer betraten das Gebäude. Man merkte, dass es inzwischen fast 18 Uhr geworden war, die große Halle war fast leer, das meiste Personal gegangen. Die Crew bog in den bezeichneten Gang ein, sah die Tafel und stand dann bald vor der richtigen Tür.

„Kom Al - Adjutant Captain Bird“, las Henny Gellert halblaut von dem Schild daneben ab. „Ich will ja nicht unken, aber jetzt bin ich wirklich gespannt darauf, ob das Verhalten deines Landsmanns für alle hier gestanden hat, Clint. Da sagt man uns Deutschen immer eine gewisse Reserviertheit nach, vollkommen unbegründet natürlich, aber dieser Schotte ...“

„Nur nicht aufregen, Goldengel“, empfahl der Captain und strich ihr flüchtig über die roten Locken. „Ich hatte schon mit Chinesen zu tun, für die das sprichwörtliche Lächeln wohl ein Fremdwort war, negative Charaktere gibt es überall.“

Er tippte auf den Leuchtsensor neben der Tür, sie glitt auf, und die vier betraten einen Vorraum, in dem es fast dunkel war. Nur undeutlich waren Schreibtische, Computerterminals und sonstige Einrichtungen in dem Streulicht zu erkennen, das aus der nächsten, spaltbreit offenen Tür fiel. Mulloy ging auf sie zu, stieß sie auf und war dann für einen Augenblick geblendet. Er erkannte hinter einem Schreibtisch die Konturen einer Gestalt in Uniform und nahm ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit Haltung an.

„Captain Mulloy mit Crew, von Sevilla zur Basis 016 versetzt“, meldete er vorschriftsmäßig, doch im nächsten Moment malte sich deutliche Verblüffung in seinen Zügen ab. Colonel Ramsgates rechte Hand war kein Mann, sondern eine Frau, das sah er jetzt.

Eine noch junge und ausgesprochen attraktive Frau sogar, alle weiblichen Attribute waren vorhanden, die normale Männer schätzten! Halblanges, schwarzbraunes Haar umrahmte ein ovales Gesicht, unter perfekt geschwungenen Brauen saßen große, dunkle Augen. Die Nase war schmal und gerade, der Mund besaß volle, lockende Lippen, und was weiter unter der Jacke angedeutet war ...

Clint rief sich selbst zur Ordnung, setzte sein bestes Lächeln auf und sagte dann galant: „Verzeihen Sie, wenn ich Sie nicht so begrüßt habe, wie es Ihnen zusteht, Miss Bird, das helle Licht war schuld daran. Frauen sind in höheren Positionen der Flotte leider noch recht selten und ausgesprochene Schönheiten erst recht.“

Sein Lächeln erstarb im nächsten Augenblick, denn die Reaktion auf seine Worte kam einer eiskalten Dusche gleich. Der eben noch lockende Mund wurde zu einem verkniffenen schmalen Strich, über das anziehende Gesicht schien sich ein dunkler Schatten zu legen, und aus den dunklen Augen sprühten geradezu kalte Blitze. Eisig und spröde klang auch die Altstimme, die ihm dann die Antwort gab.

„Sparen Sie sich durchsichtige Komplimente dieser Art, Captain, sie kommen bei mir nicht an! Ich mag es nicht, wenn man mich nach längst überholten Klischees behandelt, privat nicht und erst recht nicht hier im Dienst. Hier bin ich nur Captain Oda Bird, Kom Al und Blitzableiter des Colonels gegenüber seinen Raumfahrern, und damit wären die Fronten nun wohl klar. Darf ich jetzt um Ihre Marschpapiere bitten, Captain Mulloy?“

Hinter Clint klang ein mühsam unterdrücktes Kichern auf, Henny Gellert schien ihm diese Abfuhr zu gönnen. Er selbst war viel zu überrascht, um so gewandt wie sonst zu reagieren, trat schweigend vor und übergab die Folie zusammen mit den Dienstmarken der Crew. Die junge Frau nahm sie gleichmütig entgegen, las die Angaben und nickte sparsam.

„Geht in Ordnung, Captain. Die Marken behalte ich bis morgen, damit die Daten unserer Dienststelle eingeprägt werden können. Sonst keine Fragen? Gut, dann suchen Sie jetzt das Dienstzimmer des Kommandanten auf, ich werde ihn unterrichten. Sie werden doch wohl allein dort hinfinden, hoffe ich.“

Sie sah auf, doch ihr strenger Blick begegnete bereits wieder dem unverhüllt spöttischen Lächeln Clint Mulloys. Dem entsprach auch sein Tonfall, als er nun zurückgab:

„Raumfahrer finden sich immer und überall zurecht, das sollten Sie eigentlich wissen. Noch etwas zur Frontenklärung - ich mache nie billige Komplimente, sondern sage stets nur das, was ich auch wirklich meine! Und das auch auf die Gefahr hin, missverstanden zu werden ... Ende des privaten Teils - Captain Mulloy mit Crew meldet sich ab, um Colonel Ramsgate aufzusuchen, wie befohlen.“

Er salutierte übertrieben korrekt, registrierte befriedigt das Zucken im Gesicht seiner Kontrahentin und wandte sich ab. Zusammen mit seinen Gefährten verließ er die Adjutantur, und draußen auf dem Korridor schüttelte Marc Tailor ausgiebig den Kopf.

„Eine wirklich fantastische Frau, zugleich aber auch eine Nuss mit meterdicker Schale. Sicher, du hast sie gut pariert, Clint, aber das dürfte sie erst recht verprellen. Ein steter Kleinkrieg mit ihr ist gewissermaßen schon vorprogrammiert.“

Der Navigator wiegte den Kopf und warf ein:

„Meiner Meinung nach ist die gute Oda psychisch restlos verklemmt! Anscheinend hat sie bisher mit Männern immer nur negative Erfahrungen gemacht, und entsprechend reagiert sie nun. Sie zieht sich sofort in ihren Panzer zurück, sobald jemand nur ein paar nette Worte zu ihr sagt, der ihr gefällt.“

„Clint soll ihr gefallen haben?“, zweifelte Henny. „Das halte ich für eine pure Einbildung, du Amateurpsychologe, und ich muss es wissen, schließlich bin ich ja auch eine Frau. Wo kämen wir wohl hin, wenn wir unbesehen alles als wahr akzeptieren wollten, was ihr angeblichen Herren der Schöpfung so sagt.“

„Du findest sie wohl gar noch sympathisch, wie?“, empörte sich Allan Bush. „Das hieße, Clint in den Rücken zu fallen, und das wäre ja wohl das Letzte. Du solltest dir wirklich etwas besser überlegen, was du da sagst.“

Sie waren inzwischen wieder in der Vorhalle angekommen. Clint Mulloy sah auf die Hinweistafel und deutete nach links.

„Jetzt sage ich etwas, und das ist gut überlegt: Wir müssen da lang und dann eine Treppe hoch. Dort oben werden wir den Colonel treffen und die wirklich entscheidenden Fronten klären - diesmal aber von Mann zu Mann.“

 

 

5

Mel Nolan löste seinen Blick von dem Bildschirm, der ihm das vor dem Schiff liegende All so zeigte, wie es der Refraktor im Mittelteil des Fahrzeugs sah. Er tippte einige Daten in den kleinen Computer am Navigationspult, las das Resultat ab und nickte dem Kommandanten zu.

„Von meinem Standpunkt aus gibt es keinen Grund zu besonderer Besorgnis, Igor. Wir sind trotz allem nicht wesentlich vom Kurs abgekommen, die Differenz beträgt nur 0,7 Grad. Nur eine kleine Korrektur, dann liegen wir wieder richtig und können den Rest von lächerlichen 182 Lichtjahren in einem Tag Bordzeit schaffen.“

„Könnten wir“, verbesserte Ustinow, ohne vom Computerdisplay aufzusehen. „Voraussetzung ist, dass auch sonst alles in Ordnung geht, und das scheint bisher noch fraglich ... Helen, ich glaube, wir sollten jetzt noch einmal die P-Komponente des Autopiloten mit den Daten der A-Reihe kombinieren. Die Werte beider stimmen nicht ganz, es könnte also sein ...“

Das war Fachchinesisch für Nolan, seine Kenntnisse lagen auf einem anderen Gebiet; er hörte also nicht weiter hin und wandte sich wieder seinen Instrumenten zu.

Da er im Moment nichts Besseres zu tun wusste, begann er damit, die Gestirne der Umgebung in Augenschein zu nehmen, um eventuell die Angaben im Sternenkatalog ergänzen zu können. Der Sektor, in dem das Schiff unter so dramatischen Begleitumständen zurück in den Normalraum gefallen war, gehörte zwar zur Terranischen Sphäre, war aber noch kaum erforscht.

Das lag daran, dass es hier fast nur Systeme von zwei, drei und vier eng zusammenstehenden Sonnen gab, bei denen bewohnbare Welten so gut wie nie zu finden waren. Doch auch die wenigen Einzelsterne gaben in dieser Hinsicht nichts her, sie waren entweder zu groß und damit zu heiß oder schon zu alt. Hier lag gewissermaßen ein „Loch“ im All, die nächste besiedelte Welt war 47 Lichtjahre von diesem Punkt entfernt.

Die nächste Sonne dagegen nur sechs Lichtmonate, und so widmete der Navigator ihr zuerst seine Aufmerksamkeit. Zu seinem Bedauern war sie nur ein roter „Zwerg“ der Spektralklasse M, kleiner als die irdische Sonne und schon fast ausgebrannt. Früher mochte sie bedeutend heller gestrahlt haben, doch nun wirkte ihre Kugel auf dem Refraktorschirm nur noch wie ein trübrotes Fischauge.

Immerhin besaß sie vier Planeten verschiedener Größe, und auf einem davon konnte einst durchaus Leben entstanden sein. Falls ja, war es damit aber schon längst wieder vorbei, dafür hatten sich die Bedingungen inzwischen zu sehr verschlechtert. Die rote Sonne gab zwar noch Licht, aber kaum noch Wärme ab; die Temperaturen auf ihren Trabanten mussten tief unter das nötige Minimum gefallen sein.

Mel Nolan war Pragmatiker und dachte nicht weiter darüber nach. Er machte Aufnahmen und errechnete alle Daten über das System, sie wanderten in den Speicher seines Computers und waren damit für ihn abgehakt. Er justierte das E-Teleskop neu und wollte sich einem anderen Objekt zuwenden, doch er kam nicht mehr dazu.

Der Bordsprech schlug an, und das Gesicht Ole Svenssons erschien auf seinem Bildschirm. Es war bleich und verstört, der Techniker musste mehrmals ansetzen, ehe er endlich das herausbrachte, was für alle unerwartet und schockierend kam.

„Captain, ich ... Es fällt mir schwer, das zu sagen, aber es führt leider kein Weg daran vorbei: Unser Hypertriebwerk ist defekt und kann von uns allein nicht repariert werden - wir können nicht mehr in den Ultraraum gehen, sondern sitzen hier fest'“

Igor Ustinow fuhr vom Operatorsitz am Hauptcomputer auf und war mit zwei riesigen Sätzen an der Sprechstelle. Seine Züge wirkten nur für einen Augenblick erschrocken, dann hatte er sich wieder in der Gewalt und erkundigte sich knapp: „Was ist die Ursache dafür?“

Svensson zuckte resigniert mit den Schultern.

Details

Seiten
160
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921182
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juli)
Schlagworte
fallen nichts
Zurück

Titel: Fallen im Nichts