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Heißer Stoff im Eichensarg: N.Y.D. – New York Detectives

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Roy Kinner plant einen angeblich sicheren Coup mit seinem Kumpel Mike Crawford. Er will der ,Organisation‘ auf Panama eine Lieferung Heroin stehlen und mit seinem Anteil seiner schwerkranken Freundin einen Traum erfüllen. Doch Crawford legt Kinner rein.

Leseprobe

Table of Contents

Heißer Stoff im Eichensarg: N.Y.D. – New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Heißer Stoff im Eichensarg: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

 

Roy Kinner plant einen angeblich sicheren Coup mit seinem Kumpel Mike Crawford. Er will der ,Organisation‘ auf Panama eine Lieferung Heroin stehlen und mit seinem Anteil seiner schwerkranken Freundin einen Traum erfüllen. Doch Crawford legt Kinner rein.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen des Romans:

Mike Crawford - Ein Schlitzohr mit Pech an den Fingern.

Roy Kinner - Es dauerte eine Weile, bis Bount Reiniger ihn umgepolt hatte.

Richard Parnell und Dennis Parnell - Sie waren Vater und Sohn und ein ganz und gar ungleiches

Gespann.

Norton Vanch - Er war der „Kronprinz“ einer gefährlichen Organisation.

Humphrey DeMille - Ein greiser Gangsterboss mit einer geheimnisvollen Vergangenheit.

Rhonda Ray - Ihr Herzenswunsch wäre eine Weltreise gewesen.

Julie McCone - Sie wusste zwar nichts, aber man glaubte ihr nicht, und als sie wieder zu sich

kam, lag sie eingegipst im Krankenhaus.

June March - unterstützt Bount Reiniger bei seinen Ermittlungen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

 

 

1

„In einem Sarg?“, fragte Mike Crawford grinsend, und sein Freund, ein Schlitzohr wie er, nickte mit leuchtenden Augen.

„Heroin im Wert von 300 000 Dollar“, sagte Roy Kinner und goss den weißen Rum in seine trockene Kehle. „Die ,Organisation‘ empfängt die heiße Sendung in einem wunderschönen, funkelnagelneuen Sarg. Klar, dass die Zöllner bestochen sind. Keiner wird dumme Frage stellen. Der Sarg kommt ins Lagerhaus und wird wenig später von Männern der ,Organisation‘ abgeholt.“

„Wann trifft der Stoff ein?“, wollte Crawford wissen.

„Morgen schon. Ein Schiff bringt ihn hierher, nach Panama City.“ Kinner rieb sich die Hände. „Wenn wir brüderlich teilen, kriegt jeder 150 000 Eier. Dafür muss manche Mutti ganz schön lange stricken.“

Sie saßen in einer kleinen schmierigen panamaischen Bar. Crawford winkte ein glutäugiges Mädchen an den dreckigen Tisch und bestellte nochmals zwei Schnäpse. Die schwarzhaarige Puppe mit dem tiefen Dekolleté und den alles versprechenden Augen schwang ihr Hinterteil hinter den hohen Tresen und kam mit der Rumflasche zurück. Dafür erhielt sie einen Klaps auf die pralle Kehrseite. Crawford schlug vor, sie solle die Flasche gleich dalassen. Sie hatte nichts dagegen, als sie die Dollars sah, die Crawford dafür auf den Tisch knallte.

Als sie wieder allein waren, neigte sich Crawford ein wenig vor. Mit gesenkten Lidern meinte er: „Die Organisation wird sich das nicht so einfach bieten lassen, Roy. Ich meine, wer lässt sich schon gern beklauen?“

Kinner schüttelte zuversichtlich den Kopf.

„Wenn wir es klug anstellen, kommt uns keiner auf die Spur, Mike. Die Sache kann gar nicht schiefgehen, sag ich dir.“

„Woher hast du den Tipp?“

„Darüber möchte ich nicht sprechen.“

„Hör mal, bin ich dein Freund, oder bin ich’s nicht?“

„Du bist es. Aber muss ich deshalb gleich über alles mit dir reden?“

„Wenn du mir misstraust, können wir es ja gleich sein lassen“, sagte Crawford beleidigt. „Ich möchte mir meine eigene Meinung bilden können. Dazu wäre es wichtig, zu wissen, wie seriös dein Informant ist.“

Kinner lachte. „So seriös wie wir beide ist er auf jeden Fall. Verlang nicht seinen Namen von mir! Ich habe ihm versprochen, ihn aus der Sache draußen zu lassen. Sollte dich das stören, dann suche ich mir eben jemand anderen, mit dem ich das Geschäft mache. Ich dachte nur, frag doch zuerst mal deinen alten Kumpel Mike. Der hat gewiss Verwendung für 150 000 Mäuse. Wenn das aber nicht der Fall ist, brauchst du’s nur zu sagen.“

Crawford grinste breit.

„Wirf doch nicht gleich das Gewehr ins Getreide, Junge! Man wird doch noch diskutieren dürfen, oder? Natürlich bin ich an der Sache interessiert. Sehr sogar. Du wirst deine wahre Freude an mir haben, Partner. Komm, trink noch einen auf meine Kosten! Und dann fahr mal langsam - zum Mitschreiben - fort, wie du dir den Coup weiter vorgestellt hast.“

Sie gurgelten mit dem Rum. Dann sagte Kinner: „Es ist die einfachste Sache der Welt.“

„Ja, ja. Ich glaub’s dir. Gesetzt den Fall, wir haben uns den Stoff unter den Nagel gerissen. Wie geht’s dann weiter? Ich meine, du denkst doch hoffentlich nicht daran, dich an irgendeine Ecke in Panama City zu stellen und das Heroin da feilzubieten.“

„Ich habe bereits Kontakt zu einem amerikanischen Rauschgifthändler aufgenommen“, sagte Kinner. Er war sichtlich stolz auf sein Organisationstalent, das er für ausgezeichnet hielt. „Der Mann wohnt zur Zeit hier in Panama City ...“

„Wie heißt er?“, fragte Crawford.

„Peter Losey.“

„Und wo ist er zu Hause?“

Kinner sagte es dem Freund. Und er fuhr fort: „Losey ist stark an dem Stoff interessiert. Die Ware, die die ,Organisation‘ bezieht, ist immer erstklassig, das weiß Losey natürlich. Deshalb hat er auch keinen Ton über den Preis verloren.“

„Wie kriegst du das Geld?“

„Cash.“

„Sofort auf den Tisch?“, fragte Crawford mit glasigem Blick. „Mensch, so viele Bucks schleppt der doch nicht mit sich herum.“

„Ich kriege die ganzen 300 000 Dollar innerhalb von zwei Tagen. Zwei Tage wirst du doch wohl darauf warten können, oder?“

„Und was ist, wenn er uns leimt? Dann gucken wir nicht nur in die Röhre, sondern haben auch noch die Killer der ,Organisation‘ am Hals.“

Kinner schüttelte amüsiert den Kopf.

„Du scheinst in deiner Kindheit zu viel Räuber und Gendarm gespielt zu haben. Losey ist ein Geschäftsmann. Wenn er eine Ware kriegt, dann bezahlt er sie. Denkst du, der riskiert es wegen lumpiger 300 000 Dollar.“

„Mann, spinnst du? Hast du eben lumpig gesagt?“

„Für Losey ist das ein lumpiger Betrag. Dafür riskiert er nicht, dass wir ihm sein Gehirn aus dem Schädel blasen. Er wird die Lieferung bezahlen. Dann wird geteilt ...“

„Brüderlich!“, kicherte Crawford und rutschte auf dem Stuhl hin und her, als hätte er Ameisen in der Hose.

„Und noch am selben Tag zischen wir ab aus Panama“, strahlte Roy Kinner.

Crawford streckte dem Freund hastig die Hand entgegen.

„Komm, Roy, schlag ein! Wenn’s morgen losgeht, bin ich dein Mann.“

 

 

2

Die Sonne ging im Osten auf, ein glutroter Feuerball war sie, getragen von den morgendlichen Dunstschwaden, die der nahe Dschungel produzierte. Roy Kinner schlug die Decke zurück und glitt aus dem Bett. Er trachtete, kein Geräusch zu verursachen, das sein Mädchen weckte. Auf Zehenspitzen erreichte er den Balkon. Draußen pumpte er seine Lungen mit würziger Luft voll und dehnte die schlaffen Glieder. Er hatte kaum geschlafen und war froh gewesen, den Morgengrauen zu sehen. Er dachte an den bevorstehenden Coup und gleichzeitig auch an den Grund, weshalb er dieses große Risiko, das er Crawford gegenüber bagatellisiert hatte, auf sich zu nehmen bereit war.

Der Grund hieß Rhonda.

Rhonda Ray. Sie lag drinnen im Schlafzimmer, träumte noch. Kinner wandte sich um. Durch die weiche, flatternde Gardine konnte er ihr hübsches, entspanntes Gesicht sehen. Und plötzlich krampfte sich sein Herz zusammen. Leukämie, dachte er verbittert. Sie ist an Leukämie erkrankt. Kinner konnte sich keine heimtückischere Krankheit als diese vorstellen. Da lag sein Mädchen und schlummerte friedlich, während die unheilbare Krankheit sie langsam auffraß. Die Ärzte gaben ihr noch ein Jahr. Auf keinen Fall länger. Ein lächerliches Jahr noch, dann war sie tot. Und Rhonda wusste das.

Kinner knirschte mit den Zähnen und ballte verzweifelt die Hände. Er war nicht gerade ein Vorbild für andere Menschen. Er hatte schon viele Gaunereien in seinem Leben getrieben, doch in der Liebe war er geradlinig, offen und ehrlich. Und gerade da erlitt er die größte Niederlage seines Lebens. Als er Rhonda kennengelernt hatte, war von dieser gefährlichen Blutkrankheit noch keine Rede gewesen. Sie hatten eine glückliche Zeit miteinander verbracht, hatten sich gebalgt wie die Kinder, hatten niemals genug Geld gehabt, und waren trotzdem froh gewesen, auf der Welt zu sein. Eines Tages hatte der Arzt ein Anschwellen der Lymphknoten festgestellt. Und dann traten die ersten Symptome auf, die keinen Zweifel darüber aufkommen ließen, von welcher teuflischen Krankheit dieses himmlische Mädchen befallen war: Mattigkeit, Abmagerung, Blutungen. Zuerst hatten sie sich beide verzweifelt gegen dieses furchtbare Schicksal aufgelehnt, das sie, so kurz nachdem sie zusammengekommen waren, schon wieder grausam auseinanderreißen wollte. Doch bald hatte Rhonda resigniert. Sie lernte, mit ihrer schrecklichen Krankheit zu leben, und sie bat auch Roy, das Unabwendbare zu akzeptieren, denn auch er müsse damit fertigwerden. Er war ergriffen von so viel Tapferkeit, und er fragte sie eines Tages: „Wenn du dir etwas wünschen dürftest, was würde das sein, Rhonda?“ Daraufhin hatte sie ohne zu zögern geantwortet: „Ich würde mir eine Reise rund um die Welt wünschen, Roy. An deiner Seite.“

Von diesem Tag an hatte Kinner gegrübelt, wie er das Geld auftreiben könnte, das für eine solche Reise notwendig war. Da kam ihm der Zufall zu Hilfe und flüsterte ihm ins Ohr, er solle doch die ,Organisation‘ bestehlen. Die Idee fasste in seinem Geist sofort Wurzeln. Er kam mit einem Mann zusammen, der der ,Organisation‘ eins auswischen wollte. Von ihm erfuhr er, wann und wie die nächste Heroinlieferung in Panama City eintreffen würde. Er arbeitete sogleich einen narrensicheren Plan aus. Die Sache war mit Crawford bereits besprochen. Heute würde sie steigen ...

Plötzlich rasselten hinter ihm die Gardinenhaken. Kinner wandte sich um. Rhonda strich sich eine lange rote Haarsträhne aus dem Gesicht. Kinner konnte sie kaum ansehen. Ihr magerer Körper wollte ihm das Herz brechen. Es kann keinen Gott geben!, dachte er verzweifelt. Wie könnte ein Gott so etwas zulassen? Sie war bleich, fast durchsichtig. Ihr Gesicht hatte nichts von seiner früheren Schönheit eingebüßt, aber ihr Körper hatte durch die rasche Gewichtsabnahme stark gelitten. Es war noch nicht lange her, da war sie üppig gewesen. Heute war ihr Busen klein, die Hüften schmal, die Schenkel fast schon zu dünn. Doch Kinner liebte sie immer noch. In seinen Augen war sie noch so schön wie an jenem Tag, als er sie kennengelernt hatte, mit jener Seerose im Haar und dem herzerfrischenden Lachen auf den Lippen. O Gott, wie lange hatte sie schon nicht mehr so wie damals gelacht.

„Guten Morgen, Roy“, sagte sie. Ihre Stimme hatte etwas Piepsendes in sich. Ein wenig hilflos. Noch nicht ganz erholt. „Was machst du so früh schon hier draußen? Konntest du nicht mehr schlafen?“

Er küsste sie auf die Lippen.

„Ich wollte mir den Sonnenaufgang ansehen“, log er. „Komisch. Man sollte meinen, das wäre die langweiligste Sache der Welt, weil sie doch jeden Tag immer wieder auf dieselbe Art vor sich geht. Und doch ist so ein Sonnenaufgang für mich immer wieder ein Erlebnis.“

„Komm rein! Ich mache uns Frühstück.“

Kinner ging mit Rhonda in die Wohnung. Während sie das Frühstück verzehrten, musterte ihn das Mädchen aufmerksam. Solange er aß, sagte sie kein Wort. Aber als er den letzten Bissen hinuntergeschluckt hatte, meinte sie: „Du hast Kummer, nicht wahr?“

Er zuckte schweigend mit den Schultern.

„Meinetwegen?“, fragte sie. „Wir haben doch abgemacht, dass wir nicht daran denken, Roy.“

Seine Brauen zogen sich zusammen. Er steckte sich die zweite Zigarette an diesem Morgen an und rauchte nervös.

„Ich versuche mein Versprechen zu halten, Rhonda.“

„Was bedrückt dich? Du musst es mir sagen. Ich will es wissen. Wir sollten keine Geheimnisse voreinander haben, Roy. Nicht mehr in diesem letzten Jahr.“

Er fand es beinahe grausam, wie sie das sagte. Sie sprach so, als würde sie von etwas sprechen, das eine dritte Person anging, und nicht sie persönlich. Damit schien sie den Schmerz vor sich selbst abzuschirmen. Rhonda bohrte so lange, bis er aus sich heraussprudeln ließ, was ihn bedrückte. Es war der Coup. Kleine Verbrechen hatte er sein ganzes Leben begangen. Aber solch große Dinge waren ihm nie ganz geheuer gewesen. Davor hatte ihm immer die Hose gewackelt. Und die ,Organisation‘ leimen zu wollen, das war das größte aller Dinge.

Rhonda erschrak zuerst, als er davon anfing. Und dann war sie natürlich sofort dagegen. Sie riet ihm ab, die Sache durchzuziehen. Sein Hinweis darauf, dass er es nicht allein machen wolle, sondern sich der Hilfe Crawfords versichert habe, fruchtete nicht.

„Es bleibt ein ungeheuer großes Wagnis“, sagte sie atemlos.

„Trotzdem werde ich es tun“, erwiderte Kinner starrsinnig. „Wir brauchen das Geld, Rhonda.“

„Geld. Was ist denn schon Geld? Wir hatten bisher keines. Wieso brauchen wir plötzlich welches? Ein Jahr noch, Roy. Ein winziges Jahr haben wir noch vor uns. Wir haben uns geschworen, es gemeinsam zu verbringen ...“

Kinners Wangen bedeckten sich mit Hektikflecken.

„Warum sollen wir dieses Jahr in Armut verbringen, Rhonda? Ich möchte dir etwas bieten können. Von Kindheit an träumst du von einer Weltreise - das tust du doch. Ich bringe das Geld dafür auf, Rhonda. Wir werden diese Weltreise gemeinsam machen. Wovon du immer nur geträumt hast, du wirst es sehen, ob das nun die Pyramiden von Gizeh sind oder die Niagarafälle - Paris - Rom - Wien - Athen ... Was immer du sehen möchtest, wir werden hinreisen. Du brauchst nur den Erdteil zu nennen ... Australien? Okay! Asien? Mir soll’s recht sein. Was dein Herz begehrt, sollst du haben, Rhonda. Schöne Kleider. Luxuriöse Hotels. Flugreisen, Schifffahrten. Es soll ein Jahr werden, das vollgestopft mit wunderschönen Dingen ist. Ich möchte, dass wir im Glück ertrinken, Rhonda. Wir sollen keine Minute Zeit haben, an das zu denken, was am Ende dieses Jahres auf uns wartet.“

Rhonda kam um den Tisch und setzte sich auf Kinners Schoß. Sie legte ihm die rechte Hand auf die Schulter, während sie mit ihrer linken zärtlich durch sein kastanienbraunes Haar strich. In ihren Augen standen Wehmut und Furcht.

„Was ist, wenn du dabei erwischt wirst, Roy?“

„Ich werde vorsichtig sein.“

„Stehlen ist unrecht.“

Kinner lachte. „Hör mal, denkst du denn nicht daran, wen ich bestehle? Ich klaue keinen Cent aus der Caritas-Kasse. Ich bestehle eine Verbrecherorganisation. Da ist doch wohl ein kleiner Unterschied.“

„Es ist zu gefährlich, Roy. Wenn sie erfahren, dass du sie bestohlen hast, bringen sie dich um. Dann muss ich das letzte Jahr meines Lebens allein und gepeinigt von einem schmerzlichen Verlust verbringen.“

Kinner fletschte mit gespieltem Optimismus die Zähne. Er klatschte Rhonda auf den Po, der nicht mehr so weich wie früher war.

„Es kann überhaupt nichts schiefgehen“, sagte er. „Die Sache ist bis ins kleinste Detail durchdacht. Ich habe jedes Risiko ausgeklammert. Du wirst sehen, in zwei Tagen sind wir stolze Besitzer von 150 000 Dollar. Überleg dir inzwischen schon, wohin du zuerst fliegen möchtest.“

 

 

3

Der Landrover stoppte am Rand des verfilzten Dschungels. Irgendwo im Gezweig machten bunte Papageien einen Mordsspektakel, als wären sie wegen des störenden Motorenlärms ungehalten. Crawford stellte die Maschine ab und jumpte aus dem Fahrzeug. Regenwolken hingen wie graue Säcke am blauen Himmel. Sie kamen vom Pazifik und schwebten zum Atlantik hinüber. 81,3 Kilometer waren bis dorthin zurückzulegen. Crawford lehnte sich an den rostzerfressenen, von Dellen übersäten Rover und rauchte ein Zigarillo. Die Papageien schienen ihm auch das übel zu nehmen, denn sie schrien immer noch. Er kümmerte sich nicht um sie, scharrte nervös mit dem Fuß den weichen Boden auf und wartete auf das Eintreffen von Roy Kinner.

Crawford hatte ein wildes Leben hinter sich, obwohl er erst vierzig Jahre alt war. Gott, was hatte er nicht schon alles angestellt. Er war für eine Zeitlang in Europa gewesen, hatte da von Einbrüchen und kleinen Betrügereien gelebt, war nach Venezuela gegangen, als ihm in Italien, Frankreich und England der Boden unter den Füßen zu heiß geworden war, und hatte sich für eine Weile in Kuba herumgetrieben. Doch auf der Zuckerinsel war ihm das politische Klima nicht bekommen, und so war er bei günstigem Wind nach Panama abgehauen. Hier klebte er nun schon seit sieben Jahren fest. Und er sah keine Chance, mit ein bisschen Geld von hier wieder wegzukommen. Sieben Jahre lang war er ein Schiff gewesen, das auf Sand aufgelaufen und nicht mehr flott zu kriegen war. Doch das sollte nun anders werden ...

Crawford war bullig, keine umwerfende Schönheit, aber dafür ein richtiger Mann, der vor allem im Bett außergewöhnliche Qualitäten aufzuweisen hatte, wie er selbst immer betonte, um sich vor anderen interessant zu machen.

Das Brummen eines Motors veranlasste ihn, sein Zigarillo auf den Boden zu werfen und wie ein Glühwürmchen zu zertreten. Er reckte den Hals und sah das gelbe Blech von Kinners klapperigem Wagen auftauchen. Und dann folgten bereits die ersten Fehlzündungen. Mike Crawford grinste.

„Was ich immer sage. Der Wagen hat Blähungen.“

Zwischen dem dunklen Gezweig schob sich der in den Federn ächzende Dodge heran. Kinner stieg aus und kam auf den Freund zu. Im Gegensatz zu Crawford war er schlank, aber nicht mager. Unter seiner sonnengebräunten Haut lagen Muskeln, die wie Stahltrosse aussahen, wenn er sie spannte.

„Wartest du schon lange?“, fragte Kinner den Komplizen.

„Zehn Minuten - nicht länger“, gab Crawford zurück. Er nagte an seiner Unterlippe, als wollte er sie langsam durchbeißen, seine Augen flatterten. Das veranlasste Kinner, ihn zu fragen: „Nervös?“

„Ein bisschen.“

„Ein bisschen viel würde ich sagen“, sagte Kinner grinsend. „Dabei besteht nicht der geringste Grund, sich aufzuregen.“

Mike Crawford knurrte: „Du weißt ja nicht, weshalb ich mich so sehr aufrege.“

„Dann sag es mir.“

„Ich - ich habe mir die ganze Geschichte noch einmal durch den Kopf gehen lassen, Roy.“

„Und?“

„Es ist eine gute Sache, die du da aufgerissen hast“, meinte Crawford. Mit einer beiläufigen Geste griff er ins Jackett. Kinner beachtete diese Bewegung zu wenig - das war sein Verhängnis. „Warum hast du sie nicht allein durchgezogen? Ich meine, der Coup ist so simpel, dass ihn auch ein Mann allein landen kann.“

„Ich wollte nicht, dass du leer ausgehst. Schließlich bist du mein Freund, Mike.“

„Quatsch doch nicht, Roy! Bei so ’nem Batzen Geld hört sich doch die Freundschaft auf.“

„Nun ja. Vielleicht war ich der Meinung, die Sache wäre für mich allein zu groß. Es gibt Typen, die machen gern alles mit einem Partner. Es stärkt ihnen den Rücken. Ich gehöre zu dieser Sorte. Ist doch weiter nicht schlimm. Mir genügen auch 150 000 Dollar.“

„Mir aber nicht“, sagte Crawford plötzlich krächzend. Und gleichzeitig holte er seine abgewetzte Beretta aus dem Jackett. Kinner glotzte die Waffe verständnislos an. Er begriff den Freund nicht, obgleich dieser sich unmissverständlich ausgedrückt hatte: Crawford wollte die Gaunerei allein schaukeln.

„Mike!“, presste er verdattert hervor. „Sag mal, hast du den Verstand verloren? Was soll der Engelmacher? Tu ihn weg! Du bist doch nicht bei Trost!“

Crawfords Gesicht zuckte. „Begreifst du meine Nervosität jetzt, Roy?“

„Junge, du bist meschugge!“

„Du bist raus aus dem Geschäft, Roy. 300 000 Dollar für mich allein. Du wirst verstehen, dass ich dieser Verlockung einfach nicht widerstehen kann.“

Kinner riss die Augen auf. „Willst du mich etwa umlegen?“

Crawford schüttelte den Kopf.

„Keine Angst, so schlimm soll es nicht kommen. Ich bringe doch keinen Freund um ...“

„Oh, du verdammter Heuchler!“

„Ich betrachte mich trotzdem immer noch als deinen Freund.“

„Er hat den Verstand verloren!“, schrie Kinner fassungslos. „Er hat tatsächlich den Verstand verloren!“

Crawford zog die Brauen zusammen.

„Ich weiß alles, was ich wissen muss - wann der Stoff ankommt und wo er zu klauen ist. Ich weiß auch, wer mir das Zeug abkauft, wenn ich es gestohlen habe. Wozu brauche ich also dich, Roy? Kannst du mir das verraten? Ich mach doch nicht bloß deshalb gemeinsame Sache mit dir, damit ich hinterher den Zaster teilen kann ...“

„Er ist verrückt!“, brüllte Kinner in den Urwald hinein. „Mike ist verrückt!“

Crawfords Gesicht verkantete.

„Umdrehen!“, befahl er scharf.

Kinner starrte ihn zornig an.

„Was ist? Kannst du deinem Freund nicht mehr in die Augen sehen?“

„Ich muss dir eins auf die Rübe geben. Dreh dich um!“

„Keine zehn Pferde bringen mich dazu!“, fauchte Kinner.

„Ich warne dich, Roy. Mach mir keine Schwierigkeiten!“

„Wer macht denn hier die Schwierigkeiten, verdammt noch mal? Wer denn? Herrgott noch mal, ich kann dir gar nicht sagen, wie enttäuscht ich von dir bin, Mike.“

Crawford hob gleichmütig die Schultern.

„Ganovenehre und Ganovenfreundschaft gibt es nur in Romanen. In Wirklichkeit ist sich jeder selbst der Nächste. Dreh dich jetzt um!“

Kinner sah plötzlich rot. dass Crawford eine Pistole in der Hand hatte, störte ihn nicht, ihn anzugreifen.

„Du verdammtes Schwein“, schrie er, und seine Linke fegte die Beretta zur Seite, während er mit der Rechten einen Schwinger von weither zog, der krachend an Mikes Kinnlade landete. Crawford flog zurück. Kinner sprang ihm fauchend nach. Mit einem Handkantenschlag entwaffnete er den Freund. Dann packte er ihn an der Gurgel und würgte ihn, so fest er konnte. Crawford spannte die harten Halsmuskel. Trotzdem bekam er keine Luft. Kinner war drauf und dran, ihm den Kehlkopf einzudrücken. Sie kreiselten mehrmals herum. Crawford stellte dem Freund ein Bein. Sie fielen um, doch Kinner hatte sich so sehr in Crawfords Hals verkrallt, dass er selbst dann nicht locker ließ. Mit zuckenden Fingern suchte Crawford einen harten Gegenstand, mit dem er den tollwütigen Freund ausschalten konnte. Er ertastete einen Stein. Die Finger schlossen sich sogleich darum. Es war keine Zeit zu verlieren. Schon tanzten die ersten schwarzen Flecken vor Crawfords Augen. Er schwang den Stein hastig hoch und schmetterte ihn Kinner auf den Hinterkopf. Augenblicklich erstarrte der Getroffene. Er bäumte sich auf. Sein Würgegriff erschlaffte. Mit einem Ächzen fiel er von Crawford herab und mit dem Gesicht auf den Boden.

Crawford rappelte sich hustend auf. Er wischte sich den Schweiß von der erhitzten Stirn, massierte mit schmerzverzerrtem Gesicht seine Kehle, versetzte dem Ohnmächtigen einen Tritt und schrie ihn an: „Idiot! Beinahe hättest du mich umgebracht!“

Rasch hob er seine zerkratzte Beretta auf und steckte sie ein. Dann hievte er den Freund hoch und trug ihn zum Rover. Wie ein nasser Sack hing Kinner in seinen Armen. Er warf ihn in den Rover und setzte sich dann ans Steuer, obwohl er noch nicht ganz bei Kräften war. Seine Knie zitterten. Er schlug darauf und brüllte sie wütend an: „Wollt ihr wohl aufhören, verrückt zu spielen? Es ist ja vorbei! Es ist ja überstanden!“

Der Motor jammerte auf. Mit einem Ruck fuhr der Landrover an. Die Papageien kreischten hinter ihm auf.

„Ach, haltet die Klappe, ihr verdammten Vögel!“, schrie Crawford aus dem Wagen. Sein Herz hämmerte wie verrückt in seiner Brust. Er hätte sich gern eine kurze Verschnaufpause gegönnt, doch dazu war keine Zeit. Es war noch zu viel zu erledigen. Jede Minute war wertvoll, er durfte sie nicht verschenken.

Der Rover sprang über die zahlreichen Unebenheiten und erreichte schließlich eine asphaltierte Straße. Auf ihr näherte sich Crawford dem Pazifik. Kinner lag neben ihm, als würde er schlafen. Einmal dachte Mike, er hätte den Freund erschlagen. Da wollte er die Fahrt sofort unterbrechen und nach Kinners Puls fühlen, doch dann gab Roy einen tiefen Seufzer von sich und bekundete damit, dass er noch lebte.

In einer stillen, abseits gelegenen Bucht wartete ein abgetakelter Kajütkreuzer, den Crawford für seine letzten Moneten gekauft hatte. Auf diesen schleppte er den Bewusstlosen. Er fesselte und knebelte ihn, sobald er ihn unter Deck gebracht hatte, und legte ihn auf das schmale Bett. Mehr Komfort konnte er ihm nicht bieten. Grinsend kniff er ein Auge zu. Während der Fahrt hatte er sich bereits wieder einigermaßen erholt. Er stieß Kinner an und meinte: „Mach’s gut, alter Junge. In diesem Leben werden wir uns wohl kaum mehr wiedersehen.“ Er kicherte. „Wahrscheinlich wäre es nicht ratsam, dass ich dir noch mal über den Weg laufe, he? Würdest bestimmt verdammt sauer reagieren. Kann ich sogar verstehen.“ Obwohl Kinner ihn nicht hören konnte, nickte er ihm jovial zu und sagte abschließend: „Wenn ich das Geld bekommen habe, kriegt Rhonda von mir einen Tipp, wo du zu finden bist. Sie wird dich von hier fortholen, und alles wird wieder in Ordnung sein für dich ... Und selbstverständlich auch für mich, denn ich werde zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg in ein neues, sorgenfreies Leben sein. Neue Heimat, neuer Name, neue Papiere - was will der Mensch mehr !“

 

 

4

Soeben hob der Kran den schwarzen Eichensarg von Bord. Ein dreckiger Kerl übernahm ihn mit seinem rasselnden Gabelstapler und brachte ihn ins Lagerhaus. Crawford nahm die Hand von der Stirn, mit der er seine wachen Augen überschattet hatte. In seinen Adern rollte kochendes Blut. Er schaute sich hastig um.

Das übliche Hafenbild umgab ihn. Kräne. Arbeiter. Seemänner. Schiffe an den Piers. Mächtig und mit Flaggen der verschiedensten Nationen versehen. Crawford nahm seine Reisetasche auf und strebte auf das Lagerhaus zu. Er war jedoch nicht so wahnwitzig, das Gebäude durch den Vordereingang zu betreten. Es gab einen kleinen Hintereingang, um den sich kein Mensch kümmerte. Das war die Pforte zum Reichtum. Über glitschige Bananen und Orangenschalen, über ölschillernde Pfützen erreichte Crawford sein Ziel. Mit einem Dietrich ließ er das Schloss aufschnappen. Ein Blick noch zurück dann trat er schnell ein. Im Lagerhaus vermengten sich die Gerüche von Kaffee, Früchten und Kautschuk. In großen Containern waren Erdölderivate aufbewahrt. Es gab Berge von Zuckersäcken und Bündel von Manilahanf, die bis unter das Dach reichten. In übereinander aufgestapelten Kisten befanden sich Tausende von Kokosnüssen. Bestimmungsländer: USA, Venezuela, Bundesrepublik Deutschland, Großbritannien, Kanada, Niederlande - das sind die wichtigsten Handelspartner Panamas.

Crawford musste lange nach dem Sarg suchen. Er war nahe daran, die Nerven zu verlieren, da entdeckte er das makabre Stück in einer dunklen Ecke. Sofort ging er mit seinem Schraubenzieher an die Arbeit. Sobald er die letzte Schraube entfernt hatte, hob er den schweren Deckel hoch. Sein Herz machte einen Salto nach dem anderen, als er die Nylonsäckchen mit dem kostbaren Inhalt erblickte. Mit fliegenden Händen verstaute er das wertvolle Heroin in seiner Reisetasche. Dicke Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn. Sie rannen ihm in die Augen, das brannte wie Feuer, doch er nahm sich nicht die Zeit, sie wegzuwischen. Sobald er das letzte Säckchen aus dem Sarg geholt hatte, schob er den Deckel wieder an seinen Platz. Die Schrauben wieder ins Holz zu drehen schenkte er sich allerdings.

Plötzlich hörte er Stimmen. Erschrocken drehte er sich um. Er war so in seine Arbeit vertieft gewesen, dass er nur die vertrauten Verladegeräusche vernommen hatte. Die Schritte der beiden Männer waren ihm entgangen. Sie kamen um einen Bananenberg herum. Crawford erkannte sie sofort: Dick Russell und Lee Carey, zwei Killer der ,Organisation‘. Natürlich erblickten auch sie ihn sofort. Noch hatte er die Finger auf dem Sargdeckel. Die Situation war eindeutig. Die Killer rissen augenblicklich ihre Waffen aus dem Schulterholster. Sie schossen immer zuerst und stellten hinterher die Fragen. Crawford griff sich seine Reisetasche und rannte um sein Leben. Russell und Carey ballerten hinter ihm her. Es störte sie nicht, dass die Schüsse gehört wurden. Crawford hatte Glück, dass das Lagerhaus zum Bersten voll war. Es gab unzählige Möglichkeiten, sich vor den Kugeln der Killer in schmalen Gängen zwischen hohen Stapeln in Sicherheit zu bringen. Crawford lief, als wäre der Teufel hinter seiner Seele her, und dieser Vergleich war gar nicht allzu weit hergeholt. Russell und Carey waren Teufel. Alle beide. Es fragte sich nur, wer von ihnen der Schlimmere war.

Sie trennten sich, um ihn in die Zange zu nehmen. Doch Crawford schaffte es trotzdem, die Hintertür zu erreichen, durch die er ins Lagerhaus gelangt war. Mit weiten Sätzen jagte er auf seinen Landrover zu.

Lieber Himmel, lass den Motor jetzt gleich beim ersten Mal anspringen!, hämmerte es in seinem Kopf. Er warf sich in den Wagen, schleuderte die Reisetasche auf den Beifahrersitz und ließ den Anlasser mahlen, nachdem er mehrmals mit dem Gaspedal gepumpt hatte. Der Himmel war ihm gnädig. Die Maschine brüllte sofort los. Als Russell und Carey aus dem Lagerhaus stampften, fegte der Rover mit allem, was er auf die Straße bringen konnte, los. Doch so schnell gaben die Killer nicht auf. Nahe dem Lagerhaus stand ihr kaffeebrauner Chrysler. Nur einer von ihnen rannte davon, um ihn zu holen. Es war Russell. Carey sprang in den Wagen, sobald er angerauscht war. Und dann begann eine Hetzjagd, die Mike Crawford in die Hölle treiben sollte.

Der Rover war alt und nicht kräftig genug. Crawford marterte ihn mit zusammengepressten Kiefern. Aber in so einer alten Mühle stecken eben keine großartigen Überraschungen mehr. Der frisierte Chrysler der Killer holte beängstigend auf. Crawford hoffte und baute auf seine Kurventechnik, doch die hatte Russell auch. Meter um Meter schob sich der Chrysler heran. Crawford sah ihn im zitternden Rückspiegel immer größer werden.

Plötzlich tauchte das Gesicht von Carey auf. Der Mann beugte sich weit zum Seitenfenster heraus. Der heftige Fahrtwind ließ sein öliges Haar flattern. Die Luft zerrte seine Mundwinkel nach unten und verzerrte sein Gesicht zu einer grausamen Fratze. Er legte die Pistole an und begann das ganze Magazin hinter dem Rover herzuballern. Die Kugeln schlugen überall im Wagen ein. Crawford nahm den Kopf nach unten. Er krümmte den Rücken, konnte kaum noch aus dem Wagen sehen. Im Chrysler stieß Carey soeben sein Reservemagazin in die Waffe. Und dann ging die Knallerei von Neuem los. Diesmal zerfetzte eine der Kugeln den rechten Hinterreifen des Rovers. Das Fahrzeug spielte urplötzlich verrückt. Crawford erschrak darüber so sehr, dass er einen heiseren Schrei ausstieß. Er kämpfte gegen das bockige Fahrzeug, das ihn herausschleudern wollte. Das Lenkrad zuckte und zerrte in seinen verkrampften Händen. Blitzschnell schälte sich der Gummi vom Hinterreifen. Und die Felge versuchte sich im Straßenbelag festzukrallen. Funken spritzten hinten weg. Ein Knirschen und Kreischen füllte die Luft gleichermaßen wie das Gebrüll der beiden Motoren ...

Der Rover sprang förmlich in den Straßengraben. Crawford hatte es nicht verhindern können. Er stieß sich heftig den Kopf. Eine Platzwunde war die Folge. Das Blut lief ihm übers Gesicht. Benommen warf er sich auf die Reisetasche. Hastig sprang er aus dem Fahrzeug. Mit unsicheren Schritten setzte er seine wilde Flucht zu Fuß fort. Flucht war seine einzige Chance. Wenn er stehengeblieben wäre, um sich zu ergeben, hätte ihm das unter Garantie den Tod gebracht. Kopfschuss! Das war keine Lösung. Nicht einmal wenn er jetzt das Rauschgift weggeworfen hätte, hätten sie ihn entkommen lassen. Er hatte einen Frevel begangen. Er hatte versucht, die ,Organisation‘ zu bestehlen. Auf ein solches Delikt stand die Todesstrafe. Ohne Gerichtsverhandlung. Und Russell und Carey waren Polizei, Richter und Henker in einem.

Crawford versuchte sich kurz zu orientieren. Er war bis Paraiso gekommen. Das ist ein Stadtviertel am Rand von Panama City. Sein gehetzter Blick fiel auf ein feudales Haus mit parkähnlichem Garten darum herum. Er überlegte nicht lange, sondern rannte darauf zu. Hinter ihm krachten die Türen des Chrysler zu. Crawford warf sich durch Büsche. Die Reisetasche blieb hängen. Er riss und zerrte mit gefletschten Zähnen daran. Fast wollte er sie aufgeben, da brach der Zweig, der sie nicht vorbeilassen wollte. Crawford keuchte atemlos weiter. Die Villa, die er kurz darauf erreichte, war unbewohnt. Er schlug das Glas der Terrassentür ein und stürmte in die Tiefe des Hauses vor.

Russell und Carey waren noch eine Weile unterwegs. Mit brennenden Lungen erreichten schließlich auch sie das Gebäude. Aber sie drangen nicht sofort ein. Als professionelle Menschenjäger wussten sie, wie sie sich zu verhalten hatten. Crawford hätte reagiert wie ein in die Enge getriebenes Tier. Mit Krallen und Zähnen hätte er sich gegen das Ende gewehrt, und vielleicht auch mit einem Schießeisen, wenn er eines besaß. Deshalb musste ihn das Ende wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffen. Russell und Carey waren in dieser Beziehung die besten Experten, die die ,Organisation‘ zu bieten hatte. Sie umschlichen das Gebäude und tauchten an zwei nebeneinanderliegenden Fenstern auf. Ihre kalten Augen entdeckten Crawford. Er stand bibbernd an einem Schreibtisch und hatte einen Telefonhörer ans Ohr gepresst. Sie handelten in derselben Sekunde. Mit dem Lauf ihrer Pistolen schlugen sie die Fensterscheiben kaputt. Das Klirren ließ Crawford mit einem schrillen Schrei herumfahren. Er wollte seine Beretta zu seiner Lebensrettung einsetzen, doch er kam nicht einmal dazu, sie hoch genug zu heben. Ein mehrfacher Tod brüllte ihm durch die beiden Fenster entgegen. Er tanzte im Kugelhagel und brach dann aus vielen Wunden blutend jäh zusammen ...

Jetzt erst stiegen die Killer ins Haus ein. Neben dem Toten stand die Reisetasche. Russell riss sie hoch, stellte sie auf den Tisch und warf einen Blick hinein. Plötzlich weiteten sich seine Augen.

„Leer!“, schrie er nervös.

Carey stieß ihn zur Seite und glotzte ungläubig in die Tasche.

„Verdammt, du hast recht!“

„Er muss den Stoff in der Eile irgendwo versteckt haben.“

„Aber wo?“

„Das müssen wir eben herausfinden!“, keuchte Russell.

„Liebe Güte, wenn wir das Zeug nicht finden ...“

„Red nicht, such lieber!“, fauchte Russell. Sie durchliefen die Räume mit aufgeputschten Nerven. Überall, wo Crawford den Stoff ganz schnell versteckt haben konnte, schauten sie nach. Sie dehnten ihre hektische Suche auch auf das Obergeschoss und auf den Keller aus. Doch sie hatten keinen Erfolg. Russell verfiel auf den Gedanken, Crawford könne den Stoff bereits auf dem Weg hierher wie lästigen Ballast abgeworfen haben. Daraufhin schnüffelten sie draußen auf dem Grundstück umher. Aber auch das bescherte ihnen das Rauschgift nicht wieder. Sie nahmen den Landrover auseinander. Nichts. Was sie auch anstellten, das Heroin blieb verschwunden.

 

 

5

Als der blondmähnige Wilkie Lenning von seinem in der vergangenen Nacht abrupt zu Ende gegangenen Liebesabenteuer erzählte, wollte sich June March schier ausschütten vor Lachen. Das Mädchen, das Wilkie so willig mit sich nach Hause genommen hatte, hatte dem sympathischen Jungen verschwiegen, dass es eigentlich kein Mädchen mehr war, sondern bereits eine Frau. Und noch dazu eine seit drei Jahren verheiratete. Da sie alles, was ihrem Mann gehörte, sorgfältig weggeräumt hatte - was Wilkie mehr als raffiniert fand, hatte er den gangbarsten aller Wege beschritten, und sie waren sehr bald schon da gelandet, wo die meisten Menschen die Nacht verbringen: im Bett. Die Sache hatte sich hervorragend angelassen, und Wilkie war in jeder Beziehung auf seine Kosten gekommen. Als Draufgabe kam aber dann der Mann des Mädchens um einen ganzen Tag zu früh von seiner Geschäftsreise nach Hause. Das übliche Klischee wurde abgespult: Wilkie musste sich im Schrank verstecken. Während das Mädchen den Ehemann dann draußen im Wohnzimmer mit einem überraschten und hocherfreuten Seufzer empfing, begann Wilkie im Schlafzimmer verzweifelt seine Jeans zu suchen. Er fand sie nicht, konnte sie nicht finden, weil das Girl sie in der Eile in den Müllschlucker geworfen hatte, um die verräterische Spur zu beseitigen. So kletterte er in Slippern und strahlend weißen Unterhosen aus dem Fenster und an der Regenrinne nach unten. Einem Kerl, der ihn deshalb aufziehen wollte, lockerte er in seinem Ärger einen Zahn. Dann eilte er zu seinem Wagen und fuhr stark gesäuert nach Hause nach Greenwich Village, wo er seine Wut mit ein paar Gläsern Whisky zu ertränken versuchte. Das gelang ihm aber deshalb nicht, weil das Luder schwimmen konnte.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738921069
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juli)
Schlagworte
heißer stoff eichensarg york detectives

Autor

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Titel: Heißer Stoff im Eichensarg: N.Y.D. – New York Detectives