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Dr. Härtling und die rätselhafte Baroness

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Adriana von Trauenfels - schön, klug, rätselhaft. Sie ist im Jetset zu Hause, lebt außerhalb der üblichen Konventionen und hat ganz bewusst mit den alten Traditionen ihrer Familie gebrochen. Dr. Härtling mag sie sehr, die aparte und ein wenig extravagante Frau. Umso schlimmer trifft es ihn, als sie eines Tages schwer verletzt in seine Klinik eingeliefert wird. Ihre Wunden kann er zwar heilen, doch wird es ihm gelingen, ihr die Erinnerung an ihre Vergangenheit zurückzugeben?

Leseprobe

Table of Contents

Dr. Härtling und die rätselhafte Baroness

Copyright

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Dr. Härtling und die rätselhafte Baroness

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 93 Taschenbuchseiten.

Adriana von Trauenfels - schön, klug, rätselhaft. Sie ist im Jetset zu Hause, lebt außerhalb der üblichen Konventionen und hat ganz bewusst mit den alten Traditionen ihrer Familie gebrochen. Dr. Härtling mag sie sehr, die aparte und ein wenig extravagante Frau. Umso schlimmer trifft es ihn, als sie eines Tages schwer verletzt in seine Klinik eingeliefert wird. Ihre Wunden kann er zwar heilen, doch wird es ihm gelingen, ihr die Erinnerung an ihre Vergangenheit zurückzugeben?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Die Baroness war eine wunderschöne Frau von siebenunddreißig Jahren. Eine interessante und rätselhafte Frau. Eine Frau, die auf ein wild bewegtes Leben zurückblicken konnte. Auf ein Leben mit vielen Höhen und Tiefen. Sie hatte Dinge getan, die andere Leute ihres Standes nie getan hätten. Deshalb war sie auch das schwarze Schaf der Familie Trauenfels.

Sie hatte an Damen-Skirennen teilgenommen, war als Schlagersängerin aufgetreten, hatte in mehreren Fernsehfilmen mitgewirkt - und man wollte sie in Tanger sogar als Schönheitstänzerin gesehen haben. Zuzutrauen wäre es ihr gewesen. Sie hatte dieses Gerücht auch niemals bestritten. Für einen handfesten Skandal hatte sie gesorgt, als sie den Heiratsantrag eines betagten spanischen Granden mit den Worten abgelehnt hatte, er brauche keine Ehefrau, sondern eine Krankenschwester.

Kurz darauf war sie in Acapulco in einen geheimnisvollen Mordfall verwickelt gewesen. Der mexikanische Playboy Don Raffael de Cordobez war auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Irgendjemand hatte ihn nachts auf seiner Jacht betäubt und über Bord ins haiverseuchte Meer geworfen, während seine schöne Begleiterin friedlich geschlafen hatte. Eine Agentengeschichte, wie sich später herausgestellt hatte. Don Raffael war - die Baroness hatte davon keine Ahnung gehabt - Drahtzieher einer militanten Untergrundbewegung gewesen, die von regierungsnahen Kreisen zerschlagen worden war.

Diese Baroness, die sich Zeit ihres Lebens über alle Zwänge und Traditionen des Adels unbekümmert hinweggesetzt hatte, saß nun Dr. Sören Härtling, dem Chefarzt der Berling-Klinik, in einem eleganten Kostüm gegenüber.

Die turbulente Vergangenheit hatte keinerlei Spuren in Adriana von Trauenfels’ Gesicht hinterlassen. Sie war eine klassische Schönheit mit der vollendeten Figur einer reifen Frau. Ihr langes Haar war hochgesteckt, wodurch ihr schlanker Hals noch besser zur Geltung kam.

Der Klinikchef sah auf den Computerausdruck, der vor ihm lag, und sagte: „Ihr Cholesterinspiegel ist leicht erhöht, Frau von Trauenfels, aber das kriegen wir mit einer Bärlauch-Mangan-Kombination bestens in den Griff. Der Wildknoblauch, wie man ihn auch nennt, fördert die Durchblutung in den Gefäßen und verhindert Ablagerungen in den Blutbahnen.“

Dr. Härtling stellte das Rezept aus und gab es der schönen Baroness.

„Danke, Herr Doktor“, sagte Adriana von Trauenfels.

„Und wie geht es privat?“, erkundigte sich Sören Härtling.

„Ausgezeichnet. Unser gemeinsamer Freund Clemens Bennet möchte mal wieder eine Schallplatte mit mir produzieren.“

„Sind Sie interessiert?“

Die Patientin zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es noch nicht. Kommt auf die Lieder an. Wenn sie mir gefallen, kann es schon sein, dass ich ins Studio gehe. Ich muss zum Glück ja damit kein Geld verdienen. Wenn mir etwas Spaß macht, tue ich es.“

Sie war reich, wohnte in einem prächtigen Schloss, besaß große Wälder und Ländereien und hatte das stattliche Vermögen der Familie Trauenfels im Rücken - das machte unabhängig.

Außer ihr gab es nur noch einen von Trauenfels: ihren Onkel Gabriel, der mit ihr aber nichts zu tun haben wollte, weil sie sich so überhaupt nicht standesgemäß benahm. Sie war ihm zu unorthodox, zu kumpelhaft, zu volksnah in ihren Ansichten, ließ Würde und Distanz vermissen - und jenes Quäntchen Arroganz, das einen echten blaublütigen Adeligen auszeichnet und das ihm bei der Geburt mit dem Auftrag und der Erwartung in die Wiege gelegt wird, dass er es später in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens deutlich zur Schau stellt. Deshalb gingen sie getrennte Wege, die sich, wenn Gabriel von Trauenfels es einrichten konnte, niemals kreuzen würden.

„Wie stehen die Dinge in Herzensangelegenheiten?“, erkundigte sich Dr. Härtling. Er hob lächelnd die Hände. „Sie brauchen diese Frage nicht zu beantworten, wenn Sie nicht wollen.“

Die Baroness gab das Lächeln zurück. „Sie sind mein Arzt. Ich habe keine Geheimnisse vor Ihnen. In Herzensangelegenheiten sieht es bei mir zurzeit leider etwas düster aus.“

„Warum denn das?“, fragte Sören Härtling.

„Ich finde einfach nicht den richtigen Partner.“

„Das ist doch nicht möglich“, sagte der Klinikchef. „Eine so bildschöne Frau wie Sie ...“

„Jedes Mal wenn ich denke, endlich den Richtigen gefunden zu haben, entdecke ich ein Haar in der Suppe. Der Letzte, dem ich den Laufpass geben musste, hat mich mit seiner Kusine betrogen.“

Dr. Härtling schüttelte den Kopf. „Zustände sind das!“

„Ich hätte gerne eine Familie – einen lieben, treuen Ehemann, zwei, drei süße Kinderchen. Ganz schön bieder und spießig, was? Passt eigentlich gar nicht zu dem Bild, das die meisten Leute von der ‘wilden Baroness’ - wie die Regenbogenpresse mich hin und wieder nennt - haben.“ Adriana von Trauenfels seufzte. „Leider gerate ich immer an die falschen Typen. Muss wohl auch ein bisschen an mir liegen.“ Sie sah dem Klinikchef in die Augen. „Wissen Sie, wovor ich Angst habe?“

„Wovor?“, fragte Sören Härtling.

„Davor, dass ich fürs Kinderkriegen bald zu alt sein werde.“

„Viele Frauen bekommen ihr erstes Kind erst mit vierzig“, sagte Dr. Härtling. „Das ist heute kein so großes Problem mehr wie früher. Die Medizin ist zum Glück nicht stehen geblieben. Sie hat beachtliche Fortschritte gemacht.“

„Man sagt, dass es für jeden Topf einen Deckel gibt. Ich bin gespannt, ob das auch auf mich zutrifft.“

„Aber ja“, sagte Dr. Härtling. „Ganz bestimmt sogar.“

 

 

2

„Sieh dir das an!“ Der neunundvierzigjährige Gabriel von Trauenfels warf seiner Lebensgefährtin empört eine aufgeschlagene Illustrierte in den Schoß. „Diese Person ist unmöglich. Einfach unmöglich!“

Sie saßen auf der Terrasse ihres schönen Landhauses und tranken Tee. Aus einem kleinen Transistorradio kam klassische Musik so leise, dass sie nicht störte.

Vera von Sakoszy, eine mollige, schwarzhaarige Frau von vierzig Jahren, sah sich die Fotos an.

„Die ‘wilde Baroness’ fährt Motorrad“, sagte Adrianas Onkel schneidend.

„Ich finde das nicht weiter schlimm“, erwiderte Vera von Sakoszy.

„Trägt eine schwarze Lederkluft, die wie eine zweite Haut an ihrem Körper klebt.“

„Ich wollte, ich hätte so eine gute Figur.“

„Du würdest sie niemals so schamlos zur Schau stellen, weil du nämlich weißt, was sich gehört, was Sitte und Anstand gebieten und was du deinem Stand schuldig bist. Aber Adriana hat sich ja schon immer über alle Grenzen des guten Geschmacks hinweggesetzt. Gott, was bin ich gestraft mit einer solchen Verwandten! Sie zwingt mich fortwährend, mich öffentlich von ihr zu distanzieren.“

„Musst du doch nicht“, entgegnete Vera.

Gabriel sah sie aufgebracht an. „Sollen die Leute etwa denken, ich wäre wie meine missratene Nichte? Ich lasse mir von dieser indiskutablen Person doch nicht meinen guten Ruf ruinieren.“

„Was ist denn schon dabei, wenn sie Motorrad fährt?“

„Es gehört sich nicht!“, sagte Gabriel, jedes Wort betonend. „Es ist undamenhaft und ordinär. Ich würde nie erlauben, dass du dich in einem solchen Outfit auf eine Maschine setzt und durch die Gegend rast.“

„Ich hätte gar keinen Motorradführerschein.“

Gabriel von Trauenfels warf seiner Lebensgefährtin einen rügenden Blick zu. „Ich bitte dich, bleib sachlich, ja?“

„Mach dir doch das Leben nicht selbst so schwer, Gabriel“, sagte Vera von Sakoszy sanft. „Kannst du nicht ein klein wenig nachsichtiger sein?“

„Wenn du mir vorschlagen möchtest, mich mit dieser Frau, mit der ich bedauerlicherweise verwandt bin und die nicht weiß, wie man sich zu benehmen hat, auf eine Stufe zu stellen, vergiss es.“

Vera winkte seufzend ab. „Wenn es um Adriana geht, kann man mit dir nicht reden.“

„Du bist viel zu tolerant“, warf der Baron seiner Lebensgefährtin vor. „Adriana ist eine von Trauenfels. Setze ich mich etwa ins Unrecht, wenn ich möchte, dass meine Nichte sich auch wie eine von Trauenfels benimmt?“

Vera von Sakoszy hatte keine Lust, diese sinn- und fruchtlose Diskussion fortzusetzen. Sie legte die Illustrierte auf den Tisch, stand auf und ging ins Haus.

Die klassische Musik endete, und die wohlklingende Stimme des Nachrichtensprechers kam aus dem kleinen Transistorradio überlagert von lästigen Nebengeräuschen, die immer lauter wurden.

Gabriel von Trauenfels warf dem Gerät einen ärgerlichen Blick zu. „Was ist denn mit dem Apparat los?“, murmelte er.

Es quietschte, rauschte und pfiff so sehr, dass der Baron die Stimme des Nachrichtensprechers kaum noch hörte. Und dann kamen auch noch andere Stimmen, vielleicht verursacht durch Frequenzverschiebungen, aus dem Radio.

Gabriel von Trauenfels legte die Fingerkuppen an seine Schläfen und massierte sie leicht. Erfasst von zunehmender Unruhe sprang er auf.

„Das ist ja nicht auszuhalten“, zischte er und schaltete das Gerät ab. Stille.

Der Baron entspannte sich und atmete erleichtert auf.

 

 

3

Josee, der zehnjährige Sonnenschein der Familie Härtling, hatte Bauchschmerzen. Nichts Ernstes. Sie hatte in der Küche nur zu viel herumgenascht.

Jemand klopfte leise an ihre Tür. „Josee.“ Das war Tom, ihr vierzehnjähriger Bruder.

„Jaaa ...“, stöhnte Josee.

Tom öffnete die Tür einen Spaltbreit. „Darf ich reinkommen?“

„Jaaa ...“

Tom öffnete die Tür etwas weiter und trat ein. „Wie geht es dir, Josee?“

„Nicht sehr gut“, seufzte sie in ihr Kopfkissen.

„Kann ich irgendetwas für dich tun?“

„Was?“

„Keine Ahnung. Irgendetwas.“

„Nein, kannst du nicht.“

„Ich hab ein paar Comics für dich.“

„Ich möchte jetzt nicht lesen“, ächzte Josee, ohne ihren Bruder anzusehen. Sie waren häufig wie Hund und Katze, doch wenn dem einen etwas fehlte, machte sich der andere Sorgen.

„Vielleicht später, wenn es dir besser geht“, sagte Tom.

„Ja, später, wenn es mir besser geht.“

Er sah sich um. „Ich lege die Comics auf deinen Nachttisch.“

„Okay.“

„Soll ich bei dir bleiben?“

„Nein.“

„Möchtest du allein sein?“

„Ja.“

„Gut – also ... dann gehe ich wieder“, sagte Tom. „Hoffentlich fühlst du dich bald besser.“ Er verließ das Zimmer.

„Tom.“

„Ja.“ Er drehte sich in der Tür um.

„Danke“, ächzte Josee. „Du bist lieb.“ Tom lächelte. Das hatte sie schon lange nicht mehr zu ihm gesagt. Er schloss behutsam die Tür und entfernte sich.

Ottilie, die grauhaarige Haushälterin, trat aus der Küche und erblickte Tom. „Warst du bei Josee?“

„Ja“, antwortete der Junge.

„Wie geht es ihr?“

„Sie will ihre Ruhe haben.“

„Ich hätte ihr genauer auf die Finger sehen sollen. An und für sich habe ich es ja ganz gern, wenn einer von euch mir bei der Arbeit Gesellschaft leistet. Auch gegen ein bisschen Herumnaschen habe ich nichts einzuwenden. Es sollte nur nicht gleich zu einer Magenkolik führen.“

„Wenn Josee etwas schmeckt, weiß sie manchmal nicht, wann sie genug hat.“

Die Wirtschafterin sah den Jungen schmunzelnd an. „Kenne ich da nicht noch so jemanden?“

„Wann habe ich mich das letzte Mal überfr... Wann habe ich zum letzten Mal zu viel gegessen?“

„Ist schon eine Weile her. Aber ich kann mich noch daran erinnern.“ Ottilie hob den Zeigefinger. „Nicht nur Elefanten haben ein gutes Gedächtnis.“

Vor der Härtling'schen Villa hielt ein Wagen.

„Vati kommt“, sagte Tom. Augenblicke später betrat Sören Härtling das Haus. Er begrüßte seinen Sohn und die Haushälterin und erfuhr von den beiden, für welche Sünde Josee gerade büßen musste. Er sah sofort nach der Kleinen, doch sie brauchte keine ärztliche Hilfe. Es genügte, wenn sie im Bett blieb, das Abendessen ausfallen ließ und mal länger als alle anderen schlief.

Als Dr. Härtling nach dem Abendessen mit seiner Frau allein war, erzählte er: „Heute war die ‘wilde Baroness’ bei mir in der Klinik. Ich soll dich von ihr grüßen.“

„Danke“, sagte Jana Härtling. „Wie geht es ihr?“

„Ihr Cholesterinspiegel ist etwas erhöht. Kaum der Rede wert.“

„Sie ist eine schillernde Persönlichkeit, eine faszinierende Frau, die jeden Rahmen sprengt.“

Sören lächelte.

„Die aus jedem Rahmen fällt, würde ihr Onkel sagen. Für ihn ist Adriana von Trauenfels ein Dorn im Auge. Wenn er könnte, würde er ihr verbieten, sich von Trauenfels zu nennen, denn er findet, dass sie diesen guten Namen in den Schmutz zieht.“

„Was tut sie denn schon?“, meinte Jana Härtling.

„Sie lässt sich bloß keine antiquierten Fesseln anlegen, das ist alles. Es ist kein Verbrechen, frei sein zu wollen. Als ich mich das letzte Mal mit ihr unterhielt, sagte sie: ‘Der Adelsstand soll eine Ehre und keine Bürde sein.’ Und ich finde, damit hat sie völlig recht.“

„Sie hat uns eingeladen“, erzählte der Klinikchef. „Sie wird demnächst ein Fest veranstalten, und wir dürfen dabei nicht fehlen.“

„Es ist sehr schön auf Schloss Kroneck“, sagte Jana Härtling, die mit ihrem Mann bereits zweimal dort gewesen war.

„Schade, dass sie ganz allein wohnt“, bemerkte Sören.

„Sie hat doch Personal!“

„Das schon, aber sie hätte gerne eine Familie. Sie hat mir heute ihr Leid geklagt. Sie tut sich so unendlich schwer damit, den richtigen Partner zu finden.“

„Das ist fast nicht zu glauben“, meinte Jana. „Sie ist reich. Sie ist schön. Sie ist intelligent. Sie müsste doch jedes Mannes Traumfrau sein.“

„Es sind viele Taugenichtse und Mitgiftjäger hinter ihr her“, erklärte Dr. Härtling. „Es ist nicht immer leicht für sie, die Spreu vom Weizen zu trennen, deshalb begegnet sie von vornherein jedem Verehrer mit einer gehörigen Portion Misstrauen - und wird trotzdem immer wieder enttäuscht.“

„Tut sie dir leid?“

„Ein wenig“, gab Sören zu. „Sie sehnt sich nach Glück und Geborgenheit an der Seite eines Mannes, der sie aufrichtig liebt, hätte gerne zwei, drei Kinder.“

„Das Schicksal wird sie nicht leer ausgehen lassen“, sagte Jana. „Das kann ich mir einfach nicht vorstellen.“

 

 

4

„Hast du alle Türen abgeschlossen?“, fragte zur selben Zeit Gabriel von Trauenfels seine Lebensgefährtin.

„Ja“, nickte Vera von Sakoszy, „habe ich.“

„Würdest du bitte noch einmal nach sehen? Und kontrolliere bei der Gelegenheit auch gleich die Fenster.“

„Worüber machst du dir Sorgen?“

„Dieses Haus steht in einer ziemlich einsamen Gegend.“

„In einer traumhaft schönen Gegend.“

„Ich möchte nicht, dass aus dem Traum ein Alptraum wird.“

Vera von Sakoszy musterte ihren Lebensgefährten besorgt. „Was ist mit dir, Gabriel? Wovor hast du Angst? Du hast dich in diesem Haus doch bisher immer wohl gefühlt. Und sicher.“

„Wir leben in einer Zeit des Umbruchs, meine Liebe. In jüngster Vergangenheit hat eine neue Völkerwanderung stattgefunden. Viele Menschen haben ihre Heimat verlassen. Nicht nur gute Menschen. Auch lichtscheues Gesindel. Wir sind nicht unvermögend, bei uns gibt es etwas zu holen. Es könnte jemandem in den Sinn kommen, uns einen Besuch abzustatten, während wir schlafen. Ich habe keine Lust, jemanden neben meinem Bett stehen zu sehen, wenn ich aufwache. Womöglich mit einer Waffe in der Hand.“

„Liebe Güte, hast du eine erschreckende Fantasie.“

„Sieh nach, ob Fenster und Türen gesichert sind“, verlangte der Baron und begab sich zum Telefon.

„Wen rufst du an?“, wollte Vera wissen.

„Niemanden. Ich möchte nur sichergehen, dass die Leitung nicht tot ist. In den meisten Fällen kappen sie sicherheitshalber die Telefondrähte, bevor sie in ein Haus eindringen.“ Er hob den Hörer an sein Ohr, nickte zufrieden und legte wieder auf.

„Rechnest du denn im Ernst damit, dass wir heute Nacht unerwünschten Besuch kriegen?“, fragte Vera fröstelnd.

Gabriel hob die Schultern. „Wie soll ich wissen, wann sie kommen? Heute ... morgen ... In einer Woche ... Ich weiß nur eines: Sie sind irgendwo da draußen und warten auf ihre Chance.“ Vera überlief es kalt.

 

 

5

„Chef“, sagte Dr. Härtlings attraktive Sekretärin. Sie stand in der offenen Tür, trug einen kornblumenblauen Rock und eine weiße Seidenbluse mit Brusttaschen. Es war früher Vormittag.

„Ja, Moni?“, gab der Chefarzt der Berling-Klinik zurück.

„Herr Bennet möchte Sie sprechen.“

„Auf welcher Leitung?“

Moni lächelte. „Auf keiner. Er steht in meinem Vorzimmer.“

„Herein mit ihm.“ Sören erhob sich und trat hinter seinem Schreibtisch hervor.

Moni Wolfram gab die Tür frei, und Clemens Bennet, der Plattenproduzent und Rennstallbesitzer, der Gott und die Welt kannte, betrat den Raum.

„Hallo, Sören!“ Lächelnd streckte er dem Klinikchef die Hand entgegen.

„Clemens“, sagte Dr. Härtling. „Schön, dich zu sehen. Gut siehst du aus.“

„Ich habe auf dieser Mittelmeerkreuzfahrt fünf Kilo zugenommen, also sag nicht, ich sähe gut aus!“

„Ach ja. Vielen Dank für die Karte. Wann bist du zurückgekommen?“

„Vorgestern“, gab Clemens Bennet zur Antwort.

„Schönes Wetter gehabt?“

„Jeden Tag Sonne. Diese zehn Tage waren einfach märchenhaft. Jedenfalls für die, die nicht seekrank waren.“

„Und zu denen hast offenbar du gehört.“

Bennet klopfte sich mit beiden Händen auf den Bauch. „Oh ja.“

„Darf ich dir irgendetwas anbieten?“

„Nichts, wovon man dick wird.“

„Kaffee?“

„Kaffee ist okay.“

Dr. Härtling sah seine Sekretärin an. Moni Wolfram nickte. „Kommt sofort.“ Sie schloss die Tür, und Dr. Härtling und Clemens Bennet setzten sich.

Als sie den Kaffee dann vor sich auf dem Couchtisch stehen hatten, sagte der Plattenproduzent: „Ich habe gestern mit Adriana von Trauenfels zu Abend gegessen.“

„Eine bessere Gesellschaft hättest du dir nicht aussuchen können“, bemerkte der Klinikchef.

„Sie war am Vormittag bei dir.“

Sören Härtling nickte. „Richtig.“

„Hat sie dir erzählt, dass ich eine neue Platte mit ihr machen möchte?“

„Ja, das hat sie.“

„Mit der letzten lag sie sehr gut in den Charts“, erzählte Clemens Bennet, „deshalb verstehe ich nicht, dass sie zögert, mein Angebot anzunehmen.“

„Sie ist nicht hungrig.“

„Ja“, seufzte Bennet, „sie braucht das Geld leider nicht, das sie damit verdienen kann.“

„Sie tut nur, was ihr Spaß macht.“

„Dennoch ist sie nicht so glücklich, wie sie es in ihrer Situation eigentlich sein müsste.“ Clemens Bennet sah den Klinikchef an. „Woran das wohl liegen mag?“

Sören Härtling schwieg und trank einen Schluck Kaffee.

„Sie veranstaltet bald wieder ein Fest auf Schloss Kroneck“, erzählte der Plattenproduzent. „Sie hat mir erzählt, dass sie Jana und dich eingeladen hat.“

„Wirst du auch da sein?“

„Ehrensache.“ Clemens Bennet lächelte. „Du könntest mir bei der Gelegenheit helfen, ihr zuzureden, das Album mit mir zu machen.“

Sören trank wieder vom Kaffee. „Ich bin ihr Arzt, nicht ihr Manager.“

„Aber wenn eine Sache für sie gut ist, kannst du sie ihr doch ans Herz legen, oder?“

„Wir werden sehen“, meinte Dr. Härtling nur und leerte seine Tasse.

 

 

6

Schloss Kroneck, südlich von München gelegen, erstrahlte in festlichem Lichterglanz. Hauptgebäude und Stallungen waren vor zwei Jahren renoviert worden und boten einen imposanten Rahmen für das Fest der schönen Baroness.

Neben wichtigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens hatte sich auch die High Snobiety eingefunden und zahlreiche Mitläufer, die auf jeder großen Party - und in den Klatschspalten sämtlicher Gazetten - zu finden waren. Das kalte Büfett erweckte den Eindruck, kilometerlang zu sein, und naturgemäß herrschte in seiner Nähe das meiste Gedränge.

Die Schlossherrin empfing ihre Gäste in einem bezaubernden weißen, knöchellangen und schulterfreien Designer-Abendkleid. Sie war atemberaubend anzusehen, hatte allerbeste Laune und für jeden ein freundliches Wort.

Über den Besuch von Jana und Sören Härtling freute sie sich ganz besonders. Der Chef der Berling-Klinik und seine Frau waren nicht allein gekommen. Sie hatten jemanden - nicht ganz ohne Hintergedanken - mitgebracht: Rex Stoever, einen achtunddreißigjährigen Journalisten, der nach ihrer Meinung hervorragend zu Adriana von Trauenfels gepasst hätte. Er sah nicht nur großartig aus, sondern war auch sehr sportlich, sympathisch, intelligent, tolerant und solo.

Vielleicht sprang zwischen den beiden der erwünschte Funke über. Es konnte auf jeden Fall nicht schaden, sie miteinander bekannt zu machen.

Dr. Härtling hatte Rex Stoever nach Längerem zufällig in seiner Klinik wiedergesehen. „Rex“, hatte er erstaunt gesagt. „Was machst du denn hier?“

„Hallo, Sören“, hatte der Journalist schief lächelnd erwidert. „Ich hätte nachher kurz bei dir reingeschaut.“

Dr. Härtling hatte ihn neugierig gemustert. „Was ist mit dir? Bist du krank?“

„Nein. Beim Tapezieren von der Leiter gefallen.“

„Was machst du denn für Sachen?“

„Diese Tapezierer marschieren, auf der Leiter stehend, quer durch jedes Zimmer. Ich dachte, ich kann das auch, aber das war ein Irrtum. Zwei Meter habe ich geschafft, dann ging es ‘rums’ und ich lag auf dem neuen Laminatboden.“

Sören Härtling hatte den Kopf gewiegt. „Zwei Meter sind trotzdem beachtlich.“

„Würdest du auch schaffen.“

„Glaube ich nicht.“

„Zwei Meter, das sind ja bloß eineinhalb Schritte.“

„Ja, aber hoch oben auf der Leiter. Hast du dich verletzt?“

„Ich hatte nach dem Sturz starke Schmerzen in der Brust.“

„Jetzt auch noch?“

„Jetzt nicht mehr. Ich dachte, ich lasse mich sicherheitshalber hier anschauen.“

„Das war sehr vernünftig.“

„Man hat mich geröntgt.“

„Und?“

„Es ist nichts gebrochen.“

„Dann hattest du Glück im Unglück.“

„Könnte man sagen, ja.“

„Bist du unter die Heimwerker gegangen, um Geld zu sparen?“, hatte der Klinikchef den Journalisten gefragt.

„Nein. Ich wollte im Wohnzimmer bloß dieses scheußliche Muster an der Decke so schnell wie möglich überkleben. Und da kein Handwerker von jetzt auf gleich kommt, habe ich mich eben für die Do-it-yourself-Methode entschieden.“

„Wir haben fast täglich einen Heimwerker in der Notaufnahme. Sie schlagen sich auf den Daumen, quetschen sich unter zu schweren Lasten die Finger, bohren, schneiden, stechen oder sägen sich in die Hand, verrenken sich bei Stürzen die Glieder, geraten in den Stromkreis, fallen von abenteuerlichen, selbst gebauten Gerüsten, erfinden wahnwitzige Konstruktionen, die allen statischen Gesetzen hohnsprechen und zwangsläufig über ihrem Kopf zusammenbrechen müssen, treten auf rostige Nägel ... Ich könnte diese Liste noch sehr lange fortsetzen.“

Rex Stoever hatte gelacht. „Das Geschäft mit den Heimwerkern boomt also auch in der Berling-Klinik. Interessant. Vielleicht schreibe ich mal einen Artikel darüber.“

„Wieso findest du das Tapetenmuster an deiner Wohnzimmerdecke plötzlich scheußlich?“, hatte Dr. Härtling gefragt.

„Sag bloß, dir gefällt es.“

„Nun ja, es ist vielleicht etwas eigenwillig ...“

„Es ist kitschig.“

„Das war es bereits vor zwei Jahren.“

„Damals war ich frisch verheiratet, und Ilona hat das Muster so gut gefallen, dass ich ihr die Freude nicht verderben wollte.“

„Und nun nimmst du keine Rücksicht mehr auf Ilonas Gefühle?“

„Das ist nicht mehr nötig.“

„Wieso nicht?“

„Weil ich frisch geschieden bin“, hatte Rex Stoever geantwortet.

„Seit wann?“

„Seit einem Monat.“

„Das tut mir leid.“

„Ilona hat es sich verbessert. Sie ist jetzt mit einem der größten Immobilienmakler Münchens zusammen. Ironie des Schicksals: Ich habe ihn ihr vorgestellt. Aber sie wäre ohnedies nicht bei mir geblieben. Sie ist zu flatterhaft, zu unbeständig, zu neugierig. Hätte der Makler sie mir nicht ausgespannt, hätte es ein anderer getan.“

„Und was nun?“

„Erst mal zu Hause weg mit den Spuren des schlechten Geschmacks. Und dann - mal sehen.“

„Bist du wieder zu haben?“, hatte Dr. Härtling gefragt.

Der gut aussehende blonde Journalist hatte genickt. „Ich bin wieder zu haben.“

Am Abend desselben Tages hatte Sören Härtling seiner Frau von seiner Begegnung mit Rex Stoever erzählt.

„Wundert mich gar nicht, dass diese Ehe nicht gehalten hat“, hatte Jana gemeint. „Die beiden haben von Anfang an nicht zueinandergepasst. Sie hätten erst gar nicht heiraten sollen. Weißt du, wer besser zu Rex passen würde?“

„Nein. Wer?“

„Adriana von Trauenfels.“

„Findest du?“

„Du etwa nicht?“

„Na ja, man könnte ja mal versuchen, die beiden zusammenzubringen“, hatte Sören Härtling gesagt.

„Auf dem Fest auf Schloss Kroneck, zum Beispiel.“

„Ja“, hatte Dr. Härtling zustimmend genickt. „Ja, das ist gar keine so schlechte Idee.“

Er hatte tags darauf die Baroness angerufen und gefragt, ob er eventuell einen guten Bekannten mitbringen dürfe. Sie hatte ja gesagt, und er hatte daraufhin den Journalisten angerufen und gefragt, ob er nach Schloss Kroneck mitkommen wolle - und nun waren die Härtlings mit Rex Stoever hier und hofften, dass die Dinge ihren von ihnen gewünschten Lauf nehmen würden.

 

 

7

Vera von Sakoszy nahm sich ein Glas Rotwein und setzte sich mit dem neuesten Werk ihres Lieblingsautors in den Lesesessel. Es war Abend.

Die aparte Frau knipste die Leselampe an, schlug das Buch auf, begann aber noch nicht zu lesen. Gabriel war heute sehr rastlos gewesen.

Keine fünf Minuten hatte er es an einem Platz ausgehalten. Ständig war er durch das Haus getigert, oder er hatte sich im Garten eine Arbeit gesucht.

„Was macht dich so unruhig?“, hatte Vera ihn gefragt.

„Unruhig? Mich? Nichts. Ich bin nicht unruhig. Ich mag nur nicht tatenlos herumhocken. Ein gesunder Mensch sollte etwas tun, sonst stiehlt er dem Herrgott den Tag.“

„Heute Abend findet auf Schloss Kroneck mal wieder ein großes Fest statt.“

„Ist mir bekannt.“

„Ärgert es dich, dass Adriana dich nicht eingeladen hat?“

„Warum sollte es mich ärgern?“

„Na ja, du bist ihr einziger noch lebender Verwandter.“

„Adriana weiß, dass ich ihre Einladung niemals annehmen würde. Sie hat sich die Peinlichkeit erspart, sich von mir einen Korb zu holen.“

„Weißt du, was ich mir wünsche, Gabriel?“

„Was?“

„Dass Adrianas überdrehte Unternehmungslust und deine störrische Intoleranz etwas nachlassen, denn dann könntet ihr unter Umständen irgendwann doch noch zueinanderfinden.“

„Wozu? Ich lege keinen Wert darauf, mich mit dieser ausgeflippten Irren abzugeben. Mein Leben verläuft ohne sie in wesentlich ruhigeren - und vor allem geordneteren und gesitteteren - Bahnen.“

„Jeder Mensch sollte auch auf die Stimme des Blutes hören. Adriana ist deine Nichte. Sie ist keine Fremde.“

„Ich wollte, sie wäre eine Fremde. Freunde kann man sich aussuchen, Verwandte leider nicht. Schade, dass das so ist.“

Gabriel hatte sich danach in die Garage begeben und an seinem chromblitzenden Oldtimer herumgebastelt.

Jetzt befand er sich im Bad. Sehr lange schon. Zu lange fast schon. Vera von Sakoszy schloss ihr Buch, ohne eine Zeile gelesen zu haben, und legte es beiseite. Ihr Blick war zur Decke gerichtet. Was macht er so lange dort oben?, fragte sie sich. Wieso kommt er nicht endlich herunter? Sie wurde unruhig. Vielleicht ist ihm in der Wanne schlecht geworden, durchfuhr es sie. Ich muss nach ihm sehen.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920994
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juli)
Schlagworte
härtling baroness
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Titel: Dr. Härtling und die rätselhafte Baroness