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Vom Schicksal gezeichnet - von einer Frau geliebt

2018 150 Seiten

Leseprobe

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Vom Schicksal gezeichnet - von einer Frau geliebt

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Vom Schicksal gezeichnet - von einer Frau geliebt

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

 

Als Margit Köster eine Stelle im Hause der Dibaldis antritt, ist sie zunächst glücklich, dass man ihr dort entgegenkommt, damit sie ihr Studium durchführen kann. Doch etwas im Haus ist unheimlich. Weshalb darf sie ein bestimmtes Zimmer nicht betreten, und wer ist der Mann, der sie insgeheim im Garten beobachtet. Als sie überraschend auf ihn trifft, ist sie entsetzt. Nach einem Unfall hat Kai Dibaldi kein Gesicht mehr. Wird die junge Frau mit dieser Entstellung zurechtkommen?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

Margit Köster schob vorsichtig das große, verschnörkelte Eisentor auf. Sie schlüpfte durch den Spalt und blieb für einen kurzen Augenblick atemlos stehen. Sie fühlte, wie ihr Herz heftig klopfte. Langsam setzte sie ihren Weg fort. Zu ihren Füßen lag gelber Kies, Blumenrabatten und Rasen dehnten sich zu beiden Seiten des Weges aus. Abseits standen große Blautannen und Fichten. Nun kam eine Schleife, dann lag das Haus vor ihr, weiß und groß, herrschaftlich und anmutig zugleich. Abermals blieb sie stehen, um alles mit großen Augen in sich aufzunehmen. Es war ein langgestrecktes Gebäude mit kleinen Erkern und Vorsprüngen, tiefen Fenstern und einer riesigen Eingangstür aus Bronze, an dessen Wänden Kletterrosen emporrankten.

Margit blieb sekundenlang stehen und ging dann unentschlossen weiter. Jetzt war sie schon so weit gegangen, nun musste sie den Weg wohl zu Ende gehen.

Vorsichtig stieg sie die breite Freitreppe hinauf. Kaum hatte sie den Klopfer betätigt, als sich auch schon die Tür öffnete. Ein betagter Diener stand bewegungslos auf der Schwelle und sah sie forschend an.

Ihre Hände verkrampften sich ineinander.

„Ach bitte, ich komme wegen der Anzeige!“, stammelte sie und fühlte, wie sie rot wurde.

Der Diener trat beiseite und forderte sie auf, einzutreten. Dann schloss er hinter ihr die Tür.

„Würden Sie bitte einen Augenblick warten, ich sehe nach, ob die gnädige Frau Sie empfangen kann!“

Fast lautlos verließ er die Diele und verschwand hinter einer breiten Flügeltür.

Margit sah sich verstohlen um. Die Diele war sparsam, aber mit kostbaren Stücken möbliert. Auf den hellen Fliesen lag ein riesiger blutroter Teppich. In diesem Augenblick kam die Sonne durch ein Seitenfenster, sie ließ die Farben noch intensiver leuchten.

Wie aus dem Boden gewachsen stand plötzlich der Diener wieder an ihrer Seite. Sie erschrak mächtig.

„Kommen Sie bitte mit, ich führe Sie!“

Mit klopfendem Herzen schlich sie hinter ihm her. Sie durchquerten zwei Räume. Dann schob der Mann sie sanft durch eine Tür, lächelte, als er ihr verängstigtes Gesicht sah, und schloss dann die Tür hinter ihrem Rücken.

Sie war allein!

Margit befand sich in einem riesigen Salon. Es herrschte Dämmerung hier, weil einige der schweren Samtvorhänge zugezogen waren.

„Kommen Sie näher, mein liebes Kind. So kann ich Sie leider nicht sehen!“

Sie erschrak abermals, als sie die menschliche Stimme hörte, die aus der hinteren Ecke kam. Margit durchschritt den großen Raum, bis sie einen riesigen Lehnsessel erreichte. Darin saß eine ältere Frau mit weißer Lockenfrisur und dunklem Seidenkleid. Das Mädchen hatte das Gefühl, plötzlich in eine andere Welt geraten zu sein.

„Kommen Sie, setzen Sie sich doch bitte, hier ist ein Stuhl. Im Sitzen plaudert es sich doch viel besser!“ Die Stimme klang leise und melancholisch.

Sie setzte sich auf den dargebotenen Stuhl und schwieg befangen.

„Ich bin Frau Dibaldi, Viktor sagte mir, Sie sind auf unser Inserat hin gekommen?“

„Ja!“

„Das freut mich, mein liebes Kind. Ich darf Sie doch so nennen? Ich könnte ja Ihre Mutter sein!“

Margit lächelte und fasste plötzlich Zutrauen zu der alten Dame.

„Warum wollen Sie bei mir als Stubenmädchen anfangen, mein liebes Kind? Heutzutage will doch keiner mehr dienen! Und Sie sind noch so jung! Warum? Können Sie keine andere Arbeit finden?“

„Schon, aber Sie erwähnten in der Anzeige, dass Kost und Logis frei wären, außerdem über die Freizeit gesprochen werden kann. Das ist sehr wichtig für mich. So brauche ich mir kein Zimmer zu suchen und bin versorgt. Dafür arbeite ich sehr gern bei Ihnen. Bestimmt. Ich kann arbeiten, auch wenn ich etwas dünn aussehe. Und ich hoffe sogar, dass Sie mit mir zufrieden sein werden. Mir macht jede Arbeit Spaß, und ich möchte mir gern etwas Geld verdienen.

Frau Dibaldi hatte sie lächelnd beobachtet. Plötzlich erhob sie sich ein wenig, und Margit bemerkte zu ihrem Erstaunen, dass sie gar keine alte Frau war. Ein Kummer musste sie so niederdrücken, dass sie sich selbst ganz vergaß.

„Warum legen Sie Wert darauf, über die Freizeit verhandeln zu können? War das der Grund, weshalb Sie meine Anzeige beachteten?“

Wiederum wurde Margit Köster rot. Sie nestelte an ihrem einfachen Kleid herum, und ihre großen dunklen Augen sahen die Frau unglücklich an.

„Vertrauen müssen wir gegenseitig schon haben! Sie sind ja für mich eine Fremde, und da ich Sie in meinem Haus aufnehmen will, muss ich Ihre Gründe schon kennen.“

„Ich, ich besuche die Universität!“ Nun war es heraus.

Keiner war erstaunter als die Frau selbst.

„Soll das heißen, dass Sie studieren?“

„Ja!“

„Haben Sie denn das Abitur?“ Abermals nickte sie.

„Was studieren Sie denn?“

„Medizin!“

Das Gesicht, der alten Frau verzog sich schmerzhaft, und sie ließ sich in den Sessel zurückgleiten.

„Das habe ich nicht vermutet!“

„Ich muss mir mein Studium selbst verdienen. Ich habe sehr früh meine Eltern verloren. Das Geld reichte gerade noch bis zum Abitur, aber jetzt muss ich meinen Lebensunterhalt erarbeiten. Putzen und Aufräumen habe ich gründlich gelernt, sonst leider noch nicht viel.“

„Beruf und Studium, – das wird aber sehr lange dauern. Bekommen Sie keine Unterstützung?“

„Es reicht nicht hin und nicht her, außerdem wäre ich dann noch einsamer. Wenn ich in einem Haushalt arbeite, habe ich wenigstens das Gefühl, irgendwo hinzugehören.“

Frau Dibaldi lächelte über das seltsame Mädchen, das nicht nur stolz und klug war, sondern auch noch hübsch. Aber es war ihr wohl nicht bewusst, wie hübsch sie war. Ihre schönen braunen Augen und das braune, gewellte Haar standen in krassem Gegensatz zu der unvorteilhaften Kleidung.

Margit fasste das Schweigen negativ auf. Sie stand auf und wich zwei Schritte zurück.

„Ich glaube, ich habe Sie verstanden. Sie wollen wahrscheinlich keine Studentin in Ihrem Hause. Sicher glauben Sie, ich würde nur Unruhe hereintragen. Es tut mir leid, dass ich Sie gestört habe.“

„Wer spricht denn davon! Natürlich können Sie bei mir arbeiten, ich werde sogar darauf sehen, dass Sie zu Ihren Vorlesungen pünktlich freibekommen. Ich bewundere Sie, weil Sie so tapfer sind. Viele Menschen leben heute ja so gleichgültig in den Tag. Wenn sie spüren, dass sie kämpfen müssen, verkriechen sie sich lieber und hadern im Stillen mit ihrem Schicksal!“

Margit spürte, dass diese Worte gar nicht an sie gerichtet waren. Ein seltsamer Schauer rann ihr den Rücken entlang. Die Augen der Frau wirkten unnatürlich groß und das Gesicht so blass.

Sie erkundigte sich nach Margit Kösters Personalien und streckte dann die Hand nach der Klingel aus. Kurze Zeit später erschien der Diener.

„Viktor, das ist Fräulein Köster! Sie will bei uns als Stubenmädchen anfangen. Bitte sorge doch dafür, dass das Zimmer zu ihrem Empfang in Ordnung ist. Wann wollen Sie anfangen?“

„Morgen?“

„Gut, also morgen. Gehen Sie mit Viktor, er wird für alles Sorge tragen.“

„Herzlichen Dank und auf Wiedersehen, Frau Dibaldi!“

Doch die Frau war wieder zurückgesunken und hatte alles um sich herum vergessen.

Sie ging mit dem Diener fort. Dieser musterte sie von der Seite.

„Ist sie krank?“

„Wer?“

„Frau Dibaldi?“

Er schüttelte den Kopf.

„Werden Sie viel Gepäck mitbringen?“, lenkte er sie von ihrer Frage ab.

„Nein, nur zwei Koffer!“

Dann war sie wieder allein und ging den kiesbestreuten Weg zurück. Einmal sah sie sich kurz um. Leise bewegte sich im Oberstock eine Gardine. Aber sie konnte sich auch getäuscht haben.

 

 

2

Viktor öffnete ihr am nächsten Tag wiederum die Tür. Er half ihr mit dem Gepäck und trug die Koffer die breite Wendeltreppe hinauf. Margit blieb nur das Handgepäck und ein Persilkarton voller Bücher. Oben endete die Treppe auf einem breiten Flur mit vielen Türen. Viktor ging bis zum hinteren Ende und stieß dort eine weißlackierte Tür auf.

Ein großer, hübscher Raum mit einem kleinen Balkon wurde sichtbar. In einem Alkoven stand das Bett, daneben der Schrank, an der anderen Seite eine behäbige Kommode und seitlich zum Fenster ein breiter Schreibtisch, über dem ein Regal angebracht war.

„Frau Dibaldi hat es extra so angeordnet. Sie meint, Sie würden ihn gut gebrauchen können.“

„Ja, das kann ich wirklich. Ich bin sehr froh darüber!“

Viktor lächelte leicht.

Margit hatte sich insgeheim schon überlegt, wo sie wohl ungestört arbeiten konnte. Und nun dies hübsche Zimmer! In der Stadt hätte sie sehr viel Geld dafür ausgeben müssen. Die Möbel waren aus Kirschbaumholz und sehr gediegen. In der Mitte lag ein kleiner Teppich.

„Es ist wirklich schön hier, eigentlich viel zu schön für ein kleines Stubenmädchen!“

Viktor schürzte die Lippen und setzte sich dann auf einen Stuhl. „Bei uns ist alles schön. Die Dibaldis haben erkannt, dass man viel lieber arbeitet, wenn man gut untergebracht ist, und auch gut behandelt wird. Ich bin schon über zwanzig Jahre hier im Dienst und möchte gar nicht fort!“

Sie plauderten munter miteinander, und Margit begann, ihre Sachen einzuräumen. So erfuhr sie, dass Herr Dibaldi eine riesige Fabrik besaß und sehr reich war. Seine Frau und er waren trotzdem bescheidene Menschen geblieben. Man musste sie einfach gern haben.

„Wer lebt denn alles hier im Haus? Es muss doch ziemlich groß sein, nicht?“

„Ja, das ist es auch. Hier wohnen nun Herr und Frau Dibaldi, dann die Köchin Liese Wimmer, jetzt auch noch Sie und meine Wenigkeit!“

„Mehr nicht?“, fragte sie verwundert. „Nein!“

„Aber dann haben Sie ja sehr viel zu tun, um immer alles in Ordnung zu halten!“

„O nein, es kommen noch jeden Morgen zwei Putzfrauen, die für die Sauberkeit zuständig sind. Ich muss lediglich Gäste empfangen, bei Tisch servieren. Herrn Dibaldi bedienen, falls es erforderlich ist, und ein wenig organisieren.“

„Was muss dann ich tun, wenn schon alles getan wird?“, fragte sie verwundert.

„Ich schätze, dass Sie zuerst mal für Frau Dibaldi da sind, dann gibt es noch viele Kleinigkeiten zu erledigen, die ich nicht alle schaffen kann. Zimmer aufräumen, der Köchin mal zur Hand gehen, Einkaufslisten aufstellen und so weiter. Aber das wird man Ihnen wohl schon alles sagen.“

„Dann ist es ja eine sehr leichte Arbeit, Viktor!“ Sie lachte.

„Ja, wie man es nimmt, aber die meisten Mädchen gehen lieber heute in die Fabrik oder als Verkäuferin. Die geregelte Arbeitszeit ist ihnen wichtig. Wir sind froh, dass Sie jetzt zu uns gekommen sind.“

„Aber Sie kennen mich doch noch gar nicht, Viktor!“, lachte sie amüsiert auf. „Vielleicht stehle ich, oder noch schlimmer, vielleicht liegen sie eines Tages alle mit durchschnittener Kehle in ihren Betten.“

Viktor kicherte, doch plötzlich hielt er sich die Hand vor den Mund und schwieg betreten.

Margit wunderte sich ein wenig darüber, schwieg aber.

„Nein, Sie sehen ganz passabel aus, das sagte Frau Dibaldi auch zu mir.“

Ihre Augen zwinkerten lustig.

„Sagen Sie mal, studieren Sie wirklich?“

„Ja! Erschreckt Sie das so?“

„Nun, wenn das so ist, dann werden Sie uns wenigstens fachmännisch den Hals durchschneiden, damit wir uns im Jenseits der Stümperarbeit nicht zu schämen brauchen.“

Nun lachte Margit laut auf.

Viktor schnellte hoch und schloss die Tür. Er kam zurück und stellte sich vor Margit.

„Sie dürfen vieles hier im Haus, ich will sogar sagen alles, nur eines nicht!“

„Und?“, fragte sie verwundert.

„Lachen!“

„Aber warum denn nicht? Ich lache doch so gern!“

„Nein, Margit, wenn Sie den Wunsch haben, recht lange bleiben zu wollen, dann hören Sie auf meine Worte.“

„Wer will es denn nicht haben?“

„Alle!“, sagte er schnell.

Nachdenklich sortierte sie die Bücher auf dem Regal. „Ich verstehe das nicht ganz, aber ich will es mir merken. Aber Sie lachen doch auch!“

„Ja, der Mensch ist nun mal schwach und kann sich nicht immer beherrschen. Wenn Sie lachen müssen, dann kommen Sie zu mir. Aber lachen Sie nie so, dass Sie jemand hören könnte!“

Margit sah ihn mit ihren großen Augen stumm an. Dann schloss sie die Koffer zu, und Viktor brachte sie in eine kleine Abstellkammer. Neben ihrem Zimmer lag das Bad. Sie konnte es allein benutzen, wie er ihr sagte, außer wenn Gäste oben wohnen würden. Da es sehr selten vorkam, konnte sie sich sozusagen als Besitzerin fühlen.

Als sie gemeinsam die Wendeltreppe hinunterstiegen, fragte Margit: „Haben die Dibaldis gar keine Kinder?“

Viktor warf ihr einen schnellen Blick zu, sah ihre unschuldigen Augen und sagte: „Nein.“

„Das ist aber traurig, finde ich. Ein so großes Vermögen ohne Erben!“

„Ja, aber das ist auch ein Thema, das man am Besten nicht anschneidet!“

„Das verstehe ich vollkommen“, sagte sie warmherzig.

 

 

3

Viktor brachte Margit zur Köchin. Diese war eine rundliche und sehr gemütliche Frau. Sie strahlte über das ganze Gesicht und lud Margit gleich zu einem Stück Kuchen ein. Sie hatte ihn frisch gebacken. Die Küche war sehr anheimelnd. Auf einem Schaukelstuhl beim Fenster lag ein schwarzer Kater. Er blinzelte mit den Augen und gähnte verschlafen.

Von den Fenstern hatte man einen sehr hübschen Blick auf den weitläufigen Park. Auf der Westseite befand siech eine große Terrasse aus Marmorfliesen.

Kurz nachdem Margit die Küche betreten hatte, klingelte es irgendwo. Viktor stand auf und verließ den Raum.

„Das ist die Gnädigste! Dann wünscht Sie immer Viktor zu sprechen. Sicher will sie fragen, ob Sie schon angekommen sind.“

Und so war es auch. Wenige Augenblicke später kam der Diener zurück und begleitete Margit in den Salon, den sie bereits kannte.

Eine fremde Frau mit listigen Augen stand in der Mitte des Zimmers und hielt einen großen flachen Karton. Als Margit eintrat, wandte sie sich gleich um und tat sehr vertraulich.

Elenore Dibaldi stand auf und kam Margit entgegen. „Das ist Frau Meister, meine Schneiderin. Sie hat zwei schwarze Faltenröcke und ein paar Blusen für Sie gebracht. Ich habe gestern Ihre Maße durchgegeben. Hoffentlich passen die Sachen.“

Margit war sehr verblüfft. Sie wusste nicht, was sie antworten sollte, War ihre Kleidung nicht gut genug?

Elenore Dibaldi schien ihre Gedanken zu erraten. „Kommen Sie, mein Kind. Ich sehe mein Stubenmädchen gern so. Es kleidet ganz gut, außerdem schonen Sie dann Ihre eigenen Sachen.“

„Muss ich auch eine Schürze und ein Häubchen tragen?“, fragte sie befangen.

Elenore lächelte leicht, schüttelte aber dann verneinend mit dem Kopf. Margit war sehr froh darüber.

„Nein, das erwarte ich nicht mehr. Aber nun schauen Sie sich die Sachen einmal an.“

Die Röcke und Blusen waren sehr hübsch geschnitten und von ausgesuchter Qualität. Sicher waren sie sehr teuer gewesen. Margit durfte im Nebenzimmer gleich probieren. Da alles genau saß, wurde Frau Meister verabschiedet. Viktor brachte sie zur Tür. Der Karton blieb mitten auf dem Salontisch stehen.

„Ich werde ihn auf mein Zimmer tragen und mich gleich umziehen.“

„Das hat keine Eile, Margit. Kommen Sie lieber mit mir. Ich möchte Ihnen gleich das ganze Haus zeigen, damit Sie sich heimisch fühlen können und sich nicht in den vielen Räumen verirren.“

Unten, hinter dem Salon, befand sich das Morgenzimmer, auch das Frühstückszimmer genannt. Auf der anderen Seite das Musikzimmer und die Bibliothek, daneben das Arbeitszimmer des Hausherrn mit schweren, wuchtigen Möbeln. Zur Terrasse hin lag das Wohnzimmer der gnädigen Frau und dahinter die einzelnen Schlafzimmer, Bäder und Ankleidezimmer.

Elenore Dibaldi, die Margit jetzt, da sie sie schon ein wenig besser kannte, auf fünfzig schätzte, erläuterte ihr auch gleich ihre Aufgaben. Putzen und schrubben brauchte sie nicht, wie Viktor ihr schon gesagt hatte.

Sie sollte die Zimmer aufräumen und dafür sorgen, dass nirgendwo Staub lag. Außerdem mussten die Vasen immer mit frischen Blumen gefüllt werden. Hinten im Garten hatte Herr Dibaldi sich ein kleines Gewächshaus bauen lassen, damit sie auch im Winter immer ihre eigenen Blumen schneiden konnten.

„Mit der Zeit werden Sie schon alles lernen. Machen Sie sich nur kein Kopfzerbrechen. Wenn Sie etwas nicht wissen, fragen Sie Viktor oder auch mich. Ich will gern all Ihre Fragen beantworten.“

Margit lächelte ihr dankbar zu. Es war ihre erste Stelle, und sie fühlte sich sehr verlegen und unbeholfen mit ihren neunzehn Jahren.

„Können Sie Sprachen?“

„Ein wenig natürlich. Am Liebsten spreche ich Französisch, aber Schulenglisch habe ich natürlich auch gelernt.“

„Das ist fein, vielleicht können Sie hin und wieder als Dolmetscherin fungieren. Mein Mann hat oft ausländische Besucher und Gäste. Natürlich bekommen Sie das dann extra vergütet.“

Über die reichgeschnitzte Wendeltreppe stiegen sie nun in das Obergeschoss. Es war sehr weitläufig und hatte ebenfalls viele Zimmer. Elenore öffnete nicht alle. Auf viele deutete sie nur mit dem Finger und bemerkte, dass es Gästezimmer wären, die nur jeweils kurz vor der Belegung gerichtet werden mussten. Liese wüsste auch, wo sich die Wäsche dafür befand.

„Ihr eigenes Zimmer kennen Sie ja schon. Um die Zimmer von Viktor und Liese brauchen Sie sich selbstverständlich nicht zu kümmern. Das erledigen die Putzfrauen und die Eigentümer selbst. So, wie niemand das Recht hat, Ihr Zimmer ungebeten zu betreten. Ich würde sogar raten, dass Sie anwesend sind, wenn die Putzfrauen Ihr Zimmer machen. Ich kann mir vorstellen, dass Sie es nicht gern haben, wenn fremde Hände auf Ihrem Schreibtisch arbeiten. Ich kenne das von meinem Mann.“

Margit sagte: „Ja, das stimmt. Anschließend findet man oft nichts mehr wieder und muss erst unnötig suchen. Ich werde mein Zimmer allein sauber halten.“

„Das bleibt Ihnen allein überlassen. Im Übrigen sagen Sie mir ruhig, wenn Sie zur Uni müssen. Ich glaube, wir werden uns wohl verstehen und uns mit der Arbeitszeit auch einigen.“

„Danke, Frau Dibaldi, Sie sind so gut zu mir!“

„Ach“, winkte die Frau ab, und Trauer senkte sich über ihr Gesicht.

Jetzt standen sie vor einer großen, geschnitzten Doppeltüre. Sie lag direkt gegenüber der Wendeltreppe und nicht weit von ihrem Badezimmer entfernt.

„Und dieses Zimmer? Ist es auch ein Gästezimmer? Die Tür lässt vermuten, dass ein großer Raum dahinter liegt?“

Täuschte sie sich, oder war wirklich ein dunkler Schatten über das Gesicht der Frau gezogen? Diese starrte für einen Moment die Tür an, drehte sich dann aber herum, um sich am Treppengeländer festzuhalten. Sie atmete schwer. Margit hatte Angst, dass sie einen Ohnmachtsanfall bekommen würde. Und das hier oben an der Treppe.

Frau Dibaldis Stimme klang plötzlich alt und brüchig, als sie schwer atmend zu sprechen begann.

„Das“, sagte sie leise und schloss gequält die Augen, „das ist das einzige Zimmer im ganzen Hause, dass Sie nie und nimmer betreten dürfen, Margit. Schwören Sie mir das! Ich muss Sie inständig darum bitten, dieses Verbot einzuhalten!“

Margit Köster war erstaunt und verblüfft zugleich. „Aber Frau Dibaldi, wenn Sie es nicht wünschen, tue ich es natürlich nicht.“

„Bitte, fragen Sie mich nicht, warum ich dieses Verbot geben muss. Ich könnte Ihnen darauf heute keine Antwort geben.“

„Es ist Ihr Haus, Frau Dibaldi! Wenn Sie nicht wünschen, dass ich dieses Zimmer betrete, werde ich es auch nicht tun. Ich habe nur gefragt, weil ich wissen wollte, ob ich etwas darin erledigen muss. Die Tür sieht so ganz anders ans als die andern hier oben auf dem Flur.“

„Und Sie werden auch nie neugierig werden und nachschauen?“

„Nein!“

Flackernd huschte der Blick der Frau über das Gesicht des jungen Mädchens. „Ich glaube Ihnen.“

Margit war sehr verwirrt. Sie konnte sich das rätselhafte Verhalten der Frau nicht erklären. Warum hatte sie solche Angst, dass sie dieses Verbot übertreten würde?

Nebeneinander stiegen sie die Treppe hinunter. Dann gingen sie in den Salon zurück. Hier ließ sich die Frau im Sessel nieder und starrte eine Weile wie abwesend vor sich hin. Margit wollte schon leise davongehen. Aber da hob sie den Kopf und lächelte verzeihend.

„Warten Sie, wir müssen ja noch über das Gehalt sprechen.“

 

 

4

Wenig später stieg Margit Köster allein die Treppe hinauf, um den Karton in ihr Zimmer zu bringen. Margit hatte ein mitfühlendes Herz. Sie war nicht neugierig, aber sie spürte ganz deutlich, dass ein tiefer Kummer auf Frau Dibaldi lastete. Und ihr schien, als hinge es mit der verschlossenen Tür zusammen. Sie zog sofort den hübschen Rock und eine der Blusen an. Neugierig musterte sie sich im Spiegel. Alles saß zu ihrer Zufriedenheit. Bald darauf verließ sie wieder ihr Zimmer. Mit einem scheuen Blick auf die große Flügeltür ging sie dann nach unten.

Hier traf sie Viktor und half ihm, die Mittagstafel zu decken. Für das Personal war hinter der Küche ein hübscher Ess-Wohnraum eingerichtet worden.

Viktor und Liese kannten sich schon lange und Margit fühlte sich im ersten Augenblick etwas fehl am Platze. Manchmal ruhte Viktors Blick ein wenig nachdenklich auf ihrem Gesicht. Worüber mochte er nachdenken? Sie mochte ihn gern, er war belesen und man konnte sich gut mit ihm unterhalten. Liese dagegen schien nur die Gemütlichkeit zu kennen und sich ansonsten nicht viel Gedanken zu machen.

Nach und nach lernte sie das große Haus kennen, sie sah sich alles genau an. Frau Dibaldi bat sie am Nachmittag, ihr ein Buch aus dem Arbeitszimmer des Hausherrn zu holen. Margit verharrte einen Augenblick auf der Schwelle und sah dabei direkt auf ein großes Bild über dem Kamin. Sie ging ein wenig näher und war vollkommen überrascht. Es zeigte einen jungen Mann in einer anmutigen Pose. Seine blauen Augen blitzten hell in der Sonne, und ein übermütiges Lächeln spielte um seine Lippen. Es war heiter und hübsch gemalt und wirkte direkt ein wenig jungenhaft. Es musste sich um einen etwa zwanzigjährigen Burschen handeln. Ihr schien als passte das Bild nicht zum Raum. Es sollte nicht von schweren Bücherwänden eingerahmt werden, sondern in einem hellen Raum hängen. Dann fand sie das Buch und brachte es in den Salon. Als sie Viktor traf, fiel ihr das Bild wieder ein.

„Ich habe noch selten so ein hübsches Bild gesehen. Der junge Mann wirkt fast lebendig auf dem Bild!“

„Wovon sprechen Sie, Margit!“, fragte der Mann.

Margit sah ihn groß an. Sie spürte, dass Viktor ganz genau wusste, welches Bild sie meinte. Langsam sagte sie: „Das Bild im Arbeitszimmer. Der junge Mann? Wer ist er?“

Viktor zuckte zusammen, sah auf seine Fußspitzen und sagte dann abrupt. „Es ist nur ein Gemälde. Kein Porträt!“

„Komisch, ich dachte die ganze Zeit, dass er große Ähnlichkeit mit Frau Dibaldi hat.“

„Warum interessieren Sie sich so für das Bild?“

„Weil ich es so schön finde, ganz einfach.“

Warum verhielten sich die Menschen so seltsam? Margit empfand es ganz deutlich. Wenig später fragte sie Liese. Diese kannte das Bild ebenfalls, war aber auch so ablehnend, ja, einen kurzen Augenblick sogar grob, da sie sich nicht zu helfen wusste. Gab es ein Geheimnis hinter der verschlossenen Tür?

Der Tag verging sehr schnell. Nach dem Abendbrot hatte sie frei und konnte tun und lassen, was sie wollte. Sie ging auf ihr Zimmer und nahm sich einige Bücher vor. Lautlose Stille herrschte im ganzen Haus. Der Hausherr selbst war verreist, sie hatte ihn somit noch nicht kennengelernt.

Seltsam war es schon, immer wieder musste sie an das Bild denken. Sie wollte es aus ihrem Gedächtnis drängen, aber es war da und blieb da.

Als sie endlich mit dem Lesen aufhörte, fühlte sie, wie steif sie geworden war. Es war bereits sehr spät. Sie zog sich aus, streifte den Morgenmantel über, verließ ihr Zimmer und ging ins Bad. Sie machte nur kurze Katzenwäsche, weil sie einfach zu müde war. Morgen wollte sie gründlicher sein. Margit gähnte, als sie wieder über den Flur ging. Dabei fiel ihr Blick auf die verbotene Tür. Narrten sie ihre Sinne, oder kam da wirklich ein Lichtschein unter den Ritzen hervor? Sie blieb stehen und fühlte, wie ihr Herz angstvoll zu klopfen begann. Das Mädchen lauschte, aber sie hörte keinen Ton. Lautlos lief sie in ihr Zimmer zurück, verriegelte die Tür und legte sich zu Bett.

Sie schlief gleich tief und fest ein. Nicht lange, dann quälten sie Träume. Und es war immer derselbe Traum. Sie wachte mit einem Schrei auf. Ihre Augen irrten umher, und sie fühlte Todesangst. Sie sprang aus dem Bett, stürzte auf die Tür zu, riss sie auf und blickte auf den Flur. Aber er lag still und düster da. Kein Knacken und kein Flammenmeer war zu sehen. Schweißgebadet kroch sie in ihr Bett zurück und sah zur Decke.

Dieser Traum war schrecklich. Von Zeit zu Zeit kehrte er immer wieder, sie konnte sich einfach nicht davon befreien. Er raubte ihr bald den Verstand. Die Ängste, die sie immer wieder ausstand, waren nicht zu beschreiben. Nie, nie in ihrem Leben würde sie all das vergessen können. Denn dieser Traum beruhte auf Erinnerungen.

Es war vor fünf Jahren, sie war dreizehn und sollte in vier Wochen ihren Geburtstag feiern. Ihre Eltern lebten am Rande der Stadt in einem kleinen Häuschen, sie hatte oben in der Dachstube ein kleines Zimmer und war sehr glücklich und zufrieden.

An diesem Abend, es war schon nach 23 Uhr gewesen, brach in der Küche ihres Hauses ein Feuer aus. Niemand bemerkte es rechtzeitig. Die Eltern schliefen unten neben der Küche und wurden von dem Rauch erstickt, bevor sie das Unglück überhaupt ahnten. Das Feuer kroch weiter. Es knackte und knisterte im Gebälk, so dass sie erwachte. Zuerst glaubte sie zu träumen, aber dann drang beißender Qualm durch die Ritzen in ihr Zimmer. Sie sprang aus dem Bett und riss die Tür auf. Hitze schlug ihr entgegen.

Schreckensstarr warf sie die Tür wieder zu. Über die Treppe konnte sie nicht mehr fliehen. Sie stürzte zum Fenster und schrie um Hilfe, so laut sie konnte. Immer wieder. Schon züngelten die Flammen aus dem Dach empor, glücklicherweise brannte es hauptsächlich auf der anderen Giebelseite, so dass ihr Zimmer noch verschont blieb. Sie schrie und schrie, bis endlich in den umliegenden Häusern Licht gemacht wurde. Dann ging alles sehr schnell. Sie hörte das Läuten der Feuerwehr in weiter Ferne. Die Nachbarn standen um das Haus herum, konnten ihr aber nicht zu Hilfe eilen.

Der Rauch wurde immer beißender, und sie fiel ohnmächtig vor dem Fenster nieder. Sie hörte nicht mehr den Ruf, dass sie springen sollte. Alles um sie herum wurde dunkel. Sie fiel tiefer, immer tiefer. Als sie erwachte, lag sie in einem Krankenhaus.

Aus der Zeitung erfuhr sie dann von ihrer wunderbaren Rettung. Die Feuerwehr war noch nicht eingetroffen, Nachbarn standen und schrien vor dem Haus, als ein Fremder mit seinem Wagen vorbeifuhr. Als er hörte, dass noch jemand in dem Haus war, griff er, ohne sich lange zu besinnen, nach mehreren Decken auf seinem Rücksitz.

Mittlerweile hatte man begonnen, mit Eimern eine Kette vom Graben hinter dem Haus zu bilden. Der junge Mann schrie ihnen zu, sie sollten nur auf das Treppenhaus zielen und versuchen, die Flammen dort einzudämmen. Seitwärts davon lag der Hauptbrandherd. Er wollte versuchen, das Kind zu retten. Er wickelte sich in mehrere Decken, ließ viel Wasser darauf schütten und sprang davon. Er fand Margit, riss sie an sich, warf auch ihr eine durchtränkte Decke über und stürzte im letzten Augenblick mit ihr die schon in sich zusammenfallende Treppe hinunter.

Beinahe wäre er ohnmächtig zusammengebrochen, aber er schaffte es noch rechtzeitig. In diesem Augenblick kam dann die Feuerwehr. Der Krankenwagen brachte Kind und Retter ins Krankenhaus.

Sie war gerettet worden, verlor aber auf diese Weise ihre Eltern.

Wer ihr Retter war, hatte sie nie erfahren. Selbst die Zeitungen, die diese Tat gern ausgeschlachtet hätten, spürten ihn nicht auf, da er sofort wieder aus dem Krankenhaus geholt wurde. Ein mutiger junger Mann! Langsam hatte sich ihre Angst wieder verflüchtigt. Sie wusste jetzt wieder, wo sie sich befand und schlief zum zweiten Male ein.

Diesmal ruhig und sanft. Sie fühlte sich geborgen.

 

 

5

Am nächsten Morgen schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Alle Ängste der Nacht waren wieder vergessen. Margit beschäftigte sich den ganzen Morgen im Haus. Es war sehr viel zu tun, vor allem war es für sie noch nicht einfach, sich zurechtzufinden. Sie machte viele Wege umsonst, bis sie das fand, was sie suchte. Es war alles noch zu neu für sie.

Elenore Dibaldi hielt sich hauptsächlich in dem Salon zu ebener Erde auf und wurde nicht viel gesehen. Gäste empfing sie selten. Sie führte ein sehr stilles und zurückgezogenes Leben. Margit empfand tiefes Mitleid mit der einsamen Frau.

Am Nachmittag endlich war sie soweit, dass sie einen Gang durch den weitläufigen Garten unternehmen konnte. Er war wie ein Park und wunderhübsch. Hinter der Terrasse begann gleich der Rosengarten. Dann entdeckte sie zu ihrem Erstaunen einen Tennisplatz und dahinter erst den Gemüsegarten mit dem Gewächshaus. Sie hatte sich einen Tragekorb mitgenommen und schnitt nun im Rosengarten Blumen für die Vasen im Salon und im Esszimmer. Sie war dem Hause sehr nahe.

Die Sonnenstrahlen glitzerten golden, und es war eine Lust zu leben. Sie hätte gern ein wenig vor sich hingesungen. Aber sie dachte an das Verbot. Margit beugte sich über die duftenden Blumen und lächelte. So schön war die Königin der Blumen, und hier war sie in allen Farben und Formen vertreten. Ein Meer von Rosen. Man konnte einfach abschneiden und bemerkte die entstandene Lücke gar nicht. Plötzlich verharrte sie in ihrer gebückten Haltung. Ein Schauer rann ihr den Rücken entlang. Es war ihr so seltsam zumute. Sie spürte ganz deutlich, dass man sie beobachtete, und zwar sehr intensiv. Sie drehte sich schnell um, konnte aber keinen Menschen entdecken. Sie glaubte sich selbst zum Narren zu halten und schnitt weiter vorsichtig die Rosen vom Stamm. Aber dieses unruhige Gefühl blieb. Diese Augen mussten sich buchstäblich in ihren Rücken bohren. Sie kannte das. Einmal hatte sie ein Mann auf der Straße angestarrt, und sie musste sich einfach umdrehen. Hier konnte es auch nicht anders sein.

Die Terrasse lag wie ausgestorben da. Auch die Fenster im unteren Stockwerk standen weit offen, so dass sie jeden hätte sehen müssen, der sie heimlich beobachten wollte. Langsam bückte sie sich wieder nach vorn.

Von unten herauf schielte sie zum oberen Stockwerk. Sie tat so, als wäre sie sehr beschäftigt. Dann bückte sie sich nach einer gefallenen Rose. Leise bewegte sich eine Gardine am Fenster. Sie hatte es ganz deutlich gesehen. Einen Schatten konnte sie aber nicht ausmachen. Sie überlegte fieberhaft, welches Fenster es war.

Ihr eigenes lag dort, und wenn man weiterging, ja! Siedend heiß wurde ihr bewusst, dass es genau das Zimmer sein musste, welches man ihr zu betreten verboten hatte.

Die Fensterflügel waren fest verschlossen, also konnte kein Wind die Gardine bewegt haben. Es musste jemand daran gestreift sein. Aber wer? Wer hatte Interesse daran, sie zu beobachten? Frau Dibaldi saß in dem Salon, sie hatte sie eben dort gesehen. Liese sang in der Küche, und Viktor war zur Stadt gefahren. Wer war es?

Wer außer ihnen war noch im Haus? Sollte sie von ihrer Entdeckung sprechen?

Jetzt fühlte sie sich wieder sicher. Die bohrenden Augen waren verschwunden. Nachdenklich ging sie ins Haus zurück. Margit füllte die Vasen mit den frischen Blumen und sortierte ein paar Bücher in die Regale. Dann hatte sie frei. Mit ein paar Büchern setzte sie sich in den Garten unter eine Blutbuche und machte es sich gemütlich.

Kurze Zeit später sah sie Frau Dibaldi auf der Terrasse stehen. Wie verloren stand sie da, blickte ins Weite und verharrte regungslos. Wie eine Statue. Margit wollte aufstehen und zu ihr gehen, doch Elenore machte ihr ein Zeichen zu bleiben. Dann ging sie schleppend ins Haus zurück.

Margit legte sich auf den Rücken und sah in das Blättergewirr des Baumes. Bienen summten um sie herum, und in den Bäumen sangen Vögel. Ein köstlicher Duft lag in der Luft. Sie hatte es besser getroffen, als sie es sich je in ihren kühnsten Träumen auszumalen gewagt hätte.

Bis vor Kurzem noch war sie zwischen den Verwandten hin und her geschoben worden. Die letzte Barschaft und die Versicherung der Eltern war aufgegangen. Sie hatte gerade das Abitur geschafft, als ihre Tante ihr eröffnete, dass an ein Studium nicht zu denken wäre. Sie hatte für alles zahlen müssen, für Unterkunft, Essen und ihre Kleidung. Jeden Pfennig hatte man ihr abverlangt und dann noch davon gesprochen, dass sie nicht dankbar genug wäre. Dabei hatte sie die ganzen Jahre in dem Haushalt der Tante mitgeholfen. Diese hatte sie zeitweise wie ein billiges Dienstmädchen herumkommandiert.

Margit schloss die Augen. Nein, sie wollte sich selbst nicht bemitleiden. Nun war alles überstanden, sie hatte ihr Leben in ihre eigene Hand genommen. Wenn es nach der Tante gegangen wäre, dann hätte sie eine Bürostelle suchen müssen, um weiterhin für das „Zuhause“ zahlen zu können. Ihre Hilfe im Haushalt wurde stets dem Konto „Dankbarkeit“ zugeschrieben. In Margit stieg jetzt noch das Würgen hoch. Zwei Koffer voll Kleinigkeiten konnte sie ihr Eigen nennen. Sie war erst neunzehn Jahre alt und hatte schon die ganze Bitternis, die das Leben bescheren konnte, zu spüren bekommen. Aber sie war kein Mensch, der sich selbst bedauerte. Jetzt konnte sie endlich so leben, wie sie es für gut hielt. Frei und froh.

Die Sonne ging hinter den Baumwipfeln unter. Sie stand auf und trug ihre Sachen ins Haus zurück. Frau Dibaldi stand wie ein lichtloser Schatten in der weitläufigen Halle. Sie verstand sie nicht. Warum führte sie ein so einsames und trostloses Leben?

„Es war so schön draußen, da habe ich mich ein wenig in den Garten gelegt“, sagte sie entschuldigend.

„Sie können mit Ihrer Freizeit beginnen, was Sie wollen.“

„Warum gehen Sie nicht auf die wundervolle Terrasse, Frau Dibaldi? Der Sommer und Ihr Garten sind wundervoll. Gerade jetzt stehen die Rosen in schönster Blüte!“ Hatte sie sich zu weit vorgewagt? Das Gesicht von Elenore verzog sich unmerklich. Ihre Augen weiteten sich für einen Moment.

Zusammenfassung

Als Margit Köster eine Stelle im Hause der Dibaldis antritt, ist sie zunächst glücklich, dass man ihr dort entgegenkommt, damit sie ihr Studium durchführen kann. Doch etwas im Haus ist unheimlich. Weshalb darf sie ein bestimmtes Zimmer nicht betreten, und wer ist der Mann, der sie insgeheim im Garten beobachtet. Als sie überraschend auf ihn trifft, ist sie entsetzt. Nach einem Unfall hat Kai Dibaldi kein Gesicht mehr. Wird die junge Frau mit dieser Entstellung zurechtkommen?

Details

Seiten
150
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920956
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juli)
Schlagworte
schicksal frau

Autor

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Titel: Vom Schicksal gezeichnet - von einer Frau geliebt