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SALTILLO #11: Gold am Sacramento

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Gold am Sacramento

Klappentext:

Roman:

SALTILLO

 

Band 11

 

Gold am Sacramento

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Tony Masero, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Sam O´Hara, genannt Saltillo und sein Freund Tortilla-Buck Mercer haben eine Rinderherde mit gutem Gewinn in Kalfornien verkauft. Einige Tausend Dollar in Gold befinden sich in ihren Satteltaschen, als sie den Rückweg nach Texas antreten. Aber unterwegs geraten sie in Schwierigkeiten, denn eine gewissenlose Bande von Halunken treibt auf den Goldfeldern ihr Unwesen, und Mord und Gewalt sind an der Tagesordnung. Aber das ist nicht der einzige Ärger, der auf Saltillo und Tortilla-Buck wartet. Denn sie begegnen einer Frau wieder, mit der beide nicht gerechnet haben – es ist Kitty Brennan, und sie hat mit Saltillo noch etwas zu klären, das nur eine Kugel lösen kann. Denn Saltillo hat Kittys Vater vor einigen Wochen getötet, und die schöne Frau hat ihren Racheschwur noch nicht vergessen ...

 

 

 

 

 

Roman:

Mondlicht lag über den Wäldern am Sacramento River. Wolkenschatten wanderten. Hufschlag brauste durch die Nacht heran.

Saltillo sprang zwischen moosbedeckten Felsen aus dem Sattel.

»Reite, Buck«, rief er seinem Freund zu. »Mein Brauner schafft keine halbe Meile mehr. Sieh zu, dass du die nächste Siedlung erreichst. Yellow Cloud liegt gleich hinter den Hügeln. Und dein Pinto kann nicht uns beide und dazu das Geld tragen.«

Buck Mercer, genannt Tortilla-Buck, zügelte keuchend seinen rammsnasigen Vierbeiner. Er blickte auf das Pferd des Hazienderos, das den Kopf hängen ließ und den rechten Vorderhuf nicht mehr aufzusetzen wagte. Die Verfolger waren zu nahe, dass Zeit blieb, die Verletzung zu behandeln.

Entschlossen zog der blonde Reiter das Harpers Ferry Gewehr aus dem Scabbard.

»Zum Teufel, Ich kann dich ohne Gaul nicht hier sitzenlassen. Da kommen zehn zu allem entschlossene Hundesöhne.«

Saltillo schnallte hastig die prall mit Goldstaub und Nuggets gefüllten Ledertaschen vom Sattel, Gold im Wert von zehntausend Dollar. Es war ein Teil des Erlöses aus der Rinderherde, die sie aus Texas quer durch die Wildnis zu den kalifornischen Goldfeldern getrieben hatten. Saltillos Mannschaft war mit dem restlichen Gold bereits auf dem Heimweg.

Saltillo und Buck hatten noch ein Rudel von fünfzig Longhorns nach Brandytown, einem Goldgräbernest weiter oben am Fluss, getrieben. Frischfleisch war Mangelware in diesen Siedlungen, die wie Pilze am Fuß der Sierra Nevada aus dem Boden schossen.

Glücksritter von überallher strömten in diesem Jahr 1849 nach Kalifornien. Der große Goldrausch fegte wie ein Sturm über das Land an der Westküste. Saltillo hatte auf seine Weise daran teilgenommen: mit dreitausend Rindern von der Hazienda, die mit Gold aufgewogen wurden. Doch seit die letzte Diggerhütte von Brandytown hinter ihnen lag, ritten Goldwölfe auf ihrer Spur.

»Niemand ist geholfen, wenn sie uns beide schnappen, Buck. Je eher du mit ein paar tüchtigen Männern aus Yellow Cloud zurück bist, desto besser sind meine Aussichten, den Skalp zu behalten.«

Saltillo zeigte auf den vom Mond beschienenen Hang, der hinter ihnen zu einem düsteren Felsmassiv, dem Grizzly Rock, emporschwang. Geröll bedeckte ihn. Vereinzelte Baumstümpfe ragten hoch. Löcher, Gräben und Erdhaufen verrieten, dass die rastlose Suche nach Gold auch in dieses einsame Seitental des Sacramento vorgedrungen war. Eine niedrige Hütte duckte sich am Fuß des Felssockels. Nichts rührte sich dort oben. Der Claim lag verlassen.

»Ich werd mich mit dem Gold in der Hütte verschanzen, bis du zurück bist«, drängte Saltillo.

Das Hufgetrappel erfüllte die Nacht wie ein schnell heraufziehendes Gewitter.

Tortilla-Buck kämpfte noch mit sich, als Saltillo aus dem Schatten glitt. Der schwere, weittragende Whitneyville Walker Colt lag in seiner Rechten. Buck zerbiss einen Fluch, zog den Pinto herum und preschte zwischen den Klippen und Kiefern davon.

Inzwischen war Saltillo schon am Hang. Er schaffte ungefähr fünfzehn Schritte, da tauchten die Reiter in dichtem Pulk an einer Felsbiegung auf.

»Da ist einer!«, gellte es triumphierend. »Er hat das Gold!«

Schüsse blitzten. Saltillo drehte sich halb und feuerte zurück. Ein Pferd stürzte und riss seinen Reiter mit. Sofort zerrten die anderen die Gäule zur Seite. Der Schatten einer Wolke glitt über sie. Saltillo sah sie nur als gespenstische Schemen. Er hetzte weiter. Steine und Lehmbrocken spritzten hinter ihm hoch. Das Schmettern einer Salve verschluckte auch das Hufgetrappel von Bucks Pinto. Schreiend spornten die Banditen ihre Pferde auf den steilen Hang.

Auf halber Strecke zur Hütte warf Saltillo sich hinter einen Erdwall. Eine Schaufel steckte darin, und der Schwingtrog daneben schien vor kurzer Zeit noch benutzt worden. Saltillo jagte zwei weitere Kugeln aus seinem Colt. Da sprangen die Banditen ab, duckten sich hinter Felsbrocken und Sträuchern und überschütteten Saltillos Deckung mit einem wütenden Bleihagel. Sie waren ebenso wie der Mann vom Rio Bravo mit mehrschüssigen Revolvern, statt mit den noch häufig üblichen Pistolen und Rifles bewaffnet.

Saltillo presste die Lippen zusammen. Buck konnte nicht vor Tagesanbruch mit den Männern aus Yellow Cloud zurück sein - vorausgesetzt, er fand überhaupt Helfer. Saltillo wartete, bis erneut der Schatten einer Wolke auf den verlassenen Claim fiel. Im selben Moment war er wieder auf den Füßen. In den mokassinähnlichen Weichlederstiefeln strebte er geschmeidig vorwärts. Die Satteltaschen auf seiner linken Schulter behinderten ihn kaum, obwohl sie mit vierzig Pfund Gold gefüllt waren.

Als der Mond wieder durch die treibenden Wolken lugte, war er nur noch ein Dutzend Yard unterhalb der Hütte. Das schwarze Haar flatterte, das rote Seidenhalstuch war verrutscht. Als er herumschnellte und auf die ebenfalls aus ihrer Deckung springenden Gegner schoss, blinkten die Türkise des sonnenförmigen Amuletts, das er an einer Lederschnur am Hals trug. Mondlicht tränkte die Pulverdampfschwaden. Ein Verwundeter fluchte.

Saltillo glitt aus, stürzte, kam jedoch mit den goldgefüllten Taschen sofort wieder hoch. Die Bohlenwände der Hütte ragten vor ihm auf. Kugeln hieben in die Tür. Saltillo stieß sie auf, schleuderte die Satteltaschen weg und hämmerte die letzten Kugeln aus seinem Sechsschüsser durch die einzige schmale Fensterluke. Das dämpfte erneut die Angriffslust der Goldwölfe. Doch sie waren nun schon halb am Hang. Revolverläufe glänzten über Erdhaufen und Grabenrändern. Hastig griff Saltillo in die Jackentasche, wo er die mit sechs Schuss geladene Reservetrommel aufbewahrte.

Sie war weg, beim Sturz verloren. So blieb Saltillo nur der Griff zu Kugelbeutel und Pulverflasche. Er war darauf angewiesen, dass die Banditen in den nächsten sechzig Sekunden nichts versuchten. Doch kaum hatte er die erste Kammer verpropft, schrie eine wilde Stimme:

»Zum Teufel, habt ihr denn nicht mitgezählt, ihr Dummköpfe? Seine Kanone ist leer! Vorwärts, holt euch das Gold!«

 

*

 

Einen Augenblick füllte dumpfe Leere Saltillos Gehirn. Doch es war nicht allein der Anblick der erneut aus ihrer Deckung schnellenden Goldbanditen, der ihn lähmte. Der Qualm des verbrannten Schießpulvers war ins Freie gezogen. Tabakgeruch durchdrang nun die fahle Dunkelheit in dem rohgezimmerten Bau. Als Saltillo begriff, dass er nicht allein war, löste sich eine Gestalt aus dem Hintergrund der Hütte. Die Tür stand noch halb offen. Das hereinflutende Mondlicht erfasste den Stahllauf eines Gewehrs und streifte noch einen erdverkrusteten Stiefel, ehe dieser die Tür mit einem Knall zustieß. Dann stand der Mann neben Saltillo, den Riflekolben an der Schulter.

Er zielte nicht lange, sondern drückte einfach ab. Für eine Sekunde erkannte Saltillo im Blitzen des Schusses ein wettergegerbtes, bärtiges Gesicht. Ein ohrenbetäubender Knall rüttelte an den Balkenwänden.

Saltillo und der Bärtige husteten. Dichter Qualm hüllte sie ein.

»Ich würd’ an deiner Stelle das Laden nicht länger aufschieben, Mister«, vernahm Saltillo eine heisere Stimme. »Meine Knarre kracht zwar wie eine Haubitze, aber ansonsten schießt sie um die Ecke. Treffer sind da Mangelware. «

Doch das schien den Bärtigen nicht weiter zu beunruhigen. Saltillo hatte in seinem Leben schon etliche Überraschungen verdaut, aber nun war er doch einige Sekunden sprachlos. Das hinderte ihn allerdings nicht, weitere Verdämmungspropfen in die pulvergefüllten Kammern seines 44ers zu pressen, Rundkugeln aufzusetzen und sie mit der Ladepresse festzustoßen. Das schaffte er, ohne hinzusehen. Jeder dieser tausendfach geübten Griffe war ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Als er dann an der breiten Schulter des Bärtigen vorbei auf den Hang spähte, lagen die Banditen wieder in sicherer Deckung.

Ein Grinsen überflog Saltillos scharfliniges Gesicht, das die Comanchenherkunft verriet.

»Scheint, dass sich die zweifelhaften Vorzüge der Kanone noch nicht rumgesprochen haben«, bemerkte er trocken. »Tut mir leid, dass ich dich aus dem Schlaf reißen musste, Hombre. Ich war überzeugt, dass hier niemand mehr lebt.«

»Das ändert nichts dran, dass wir jetzt beide diese Höllenbrut am Hals haben. Wo ist übrigens dein Partner geblieben?«

»Also doch nicht geschlafen, wie?«

»Seit Jake Melfords Claim-Wölfe die Täler am Sacramento unsicher machen, ist mancher, der ’nen zu gesunden Schlaf hatte, erst wieder in der Hölle aufgbwacht. Du schuldest mir noch immer eine Antwort, Mister.«

»Mein Name ist Saltillo. Mein Partner Buck versucht Hilfe aus Yellow Cloud zu holen.«

Der bärtige Goldgräber drehte halb den Kopf und spuckte auf den Lehmboden der Hütte. Das ersparte ihm jeden Kommentar. Inzwischen hatte Saltillo die Waffe geladen. Er ließ die Trommel auf dem angewinkelten linken Arm rotieren.

»He, Tom Farley, steckst du da oben?«

Das war dieselbe schneidende Stimme, die Saltillo vorhin schon gehört hatte. Farley hatte zwar bewiesen, dass ihn nichts so leicht aus der Ruhe bringen konnte, doch nun zog er unwillkürlich den massigen Schädel ein. Er war einen halben Kopf kleiner als Saltillo und ebenso bullig wie Tortilla-Buck.

»Wenn du denkst, die Kojoten haben sich in meiner Burg einquartiert und mit meiner Rifle schießen geübt, ist das ein Irrtum, Melford. Am besten sammelst du nun dein zweibeiniges Wolfsgesindel ein und verschwindest, bevor ich wütend werde.«

Dem Lachen, das hinter dem Erdwall am Hang erklang, fehlte jeder Humor. Es erinnerte Saltillo an das Klirren von Waffenstahl. Dann traute er seinen Augen kaum, als der Anführer der Goldbanditen sich in halber Coltschussweite hinter der Deckung erhob. Er war mittelgroß und so muskulös, dass ihm der mit Silberfäden bestickte Charro-Anzug zu eng schien.

Wie er so dastand, breitbeinig, die Fäuste auf die Hüften gestemmt, wirkte er furchtlos und voller Tatendrang. Offenbar fühlte er sich den beiden Männern in der Hütte haushoch überlegen. Als er den Kopf hob und den Sombrero zurückschob, beschien der Mond das Gesicht.

Saltillo hielt, einen Moment den Atem an. Melfords linke Gesichtshälfte war ein einziges grässliches Narbengeflecht.

»Du wirst bald den Teufel mit deinen Späßen unterhalten, Farley, wenn du vorhast, dich in das Spiel einzukaufen. Vorerst wollen wir nur den Bastard, der sich bei dir verkrochen hat.«

»Hab ich mir fast gedacht.« Tom Farley schaffte ein deutlich hörbares Gähnen. »Sonst noch was?«

»Verdammt, Farley, dieser Bursche schleppt Gold im Wert von zehntausend Dollar mit sich rum. Du weißt, dass meine Jungs und ich schon für weit weniger den Finger krümmen. Strapazier dein Glück nicht, indem du dich auf die Seite des Fremden schlägst, gleich was er dir dafür verspricht.«

»Bis jetzt habt ihr ihm keine Zeit dazu gelassen, mich anzuheuern. Es würde ihm auch nicht gelingen. Doch versteh mich nicht falsch, Melford, ich bin nicht zu kaufen - auch nicht von dir. Ich rette meine Haut nicht, indem ich irgend jemand ans Messer liefere. He, ich hab doch keine Tomaten auf den Augen! Ich seh die beiden Kerle, die da drüben den Hang raufschleichen.«

Die Bewegung, die auch Saltillo mit schmalen Augen beobachtete, erstarrte sofort. Der Haziendero behielt den Finger am Drücker und merkte sich die Stelle, wo die beiden Banditen im Schatten eines Erdhaufens verharrten. Ein Fluch ertönte, dann flammten mehrere Colts auf. Die Goldwölfe feuerten gezielt auf die Fensterluke. Holzsplitter wirbelten durch den Raum. Ein Topf schepperte zu Boden. Als die Rauchschwaden abzogen, war auch Jake Melford verschwunden.

»Farley, das wird dir noch leid tun!«, meldete er sich noch einmal.

»Versprich nichts, was du nicht halten kannst, Jake.« Farley fuhrwerkte mit seinem Ladestock herum und fluchte, als er ihn nicht mehr aus dem Lauf bekam. »Vielleicht hätt ich dieses Monstrum von Flinte doch nicht benutzen sollen, die Felsbrocken wegzustemmen. Nun taugt es höchstens noch, den Kerlen eins über den Schädel zu geben, falls sie tatsächlich reinkommen.«

»Wenn wir dann noch leben«, fügte Saltillo hinzu. »Woher kennst du Melford eigentlich, Partner?«

»Jeder hier kennt ihn. Doch keiner weiß, wer ihn und seine Halsabschneider mit den nötigen Tips versorgt. Bevor James Marshall voriges Jahr das erste Nugget aus dem South Fork des American kratzte, haben Melford und ich für Sutter gearbeitet. Du weißt ja, dieser Bursche aus dem alten Europa hat sich hier in Kalifornien seinen Traum von einem eigenen Reich erfüllt. Nuevo Helvetia hat er’s getauft. Wir nannten es Sutters Fort. Der Run auf das Gold hat von seinen Feldern, Weiden und Plantagen allerdings kaum was übrig gelassen.

Melford war einer der ersten, der alles hinwarf und der Jagd nach dem gelben Metall verfiel. Er war auch dicht dran, ein verflucht reicher Bursche zu werden bis ihm ein Grizzly in die Quere kam. Der hat ihm ’nen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Brauchst dir nur sein Gesicht anzusehen - oder das, was davon übrig ist.«

Ein paar Kugeln pochten ins Holz, aber Saltillo entdeckte nur milchige Pulverrauchschleier. Die Banditen hatten es nicht eilig. Sie schienen nicht damit zu rechnen, dass von irgendwo Hilfe für die Eingeschlossenen kam.

»Es dauerte ein halbes Jahr, bis Jake wieder auf den Beinen stand«, berichtete Farley weiter. »Andere hatten inzwischen seinen Claim ausgebeutet. Sie waren mit dem Gold auf und davon. Von da an rührte Melford keine Schaufel und keine Goldwaschpfanne mehr an. Statt dessen begann er mit dem Schießeisen zu üben. Bald hatte er die übelsten Kerle, die der Goldrausch nach Kalifornien schwemmte, zu einer Crew versammelt. Niemand kennt ihr Camp. Keiner weiß auch richtig, wer eigentlich zur Bande gehört. Warum? Well, niemand hat je ihren Besuch überlebt.«

»Dann wird’s Zeit, dass jemand damit anfängt.« Saltillos Schuss fuhr in einen Strauch, der an einem Grabenrand »wuchs«, wo vor einer Minute noch blankes Gestein schimmerte.

Ein Schrei vermischte sich mit dem Knall.

»Nicht schlecht«, brummte Farley, während ein neuer Kugelhagel die Hütte erbeben ließ. »Bloß lange nicht gut genug, Melfords Claim-Wölfen den Appetit auf zehntausend Dollar in Gold zu verderben. Spätestens im Morgengrauen kommen sie.«

 

*

 

Der Reitwind wirbelte Schaumflocken von den Nüstern des Pintos gegen Bucks Beine. Eben preschte er an den ersten Hütten von Yellow Cloud vorbei. Gleich achtlos hingewürfelten Kästen lagen sie in einer Schleife des Sacramento River; ein knappes Dutzend grob gezimmerte Gebäude mit wackligen Anbauten, Schuppen und Korrals.

Die Hänge beiderseits des Flusses waren vor einigen Monaten noch mit dichtem Eichenwald bedeckt gewesen. Davon war kaum etwas übrig. Spitzhacken und Schaufeln hatten dem Land böse Narben beigebracht. Claim reihte sich an Claim, und die Zelte, Bretterbuden und Erdbunker, in denen die Digger hausten, wirkten im milchigen Mondschein genauso hässlich wie bei Tageslicht.

Buck, der Kentuckier, hatte keinen Blick dafür. »Dutchman’s Bar« stand in verwaschenen Lettern auf dem Holzschild über der Blockhaustür, vor der er sich vom schweißbedeckten Pferd schwang.

Aus schießschartenschmalen Fenstern sickerte Licht. Eine Fiedel jauchzte, eine Frau sang dazu. Gerade als Buck aufhorchte, weil die Stimme eine Flut von Erinnerungen in ihm weckte, brach begeisterter Applaus los. Das Trampeln und Johlen ließ das klobige Gebäude erzittern. Der Saloon war zum Bersten voll. Die Petroleumlampen an der niedrigen Decke schwammen im Qualm. Niemand hatte den heranjagenden Reiter gehört. Niemand drehte sich nun zu ihm um.

In Bucks Ohren lag noch das Krachen der Schüsse, das ihm auf seinem wilden nächtlichen Ritt nachgehallt war. Mit Ellbogen und Schulterstößen begann er sich einen Weg zur Theke zu bahnen.

Der Hut baumelte an der Windschnur auf seinen breiten Rücken. Das blonde, von vereinzelten Silberfäden durchzogene Zottelhaar war zerzauster denn je. Er steckte noch auf halber Stecke zwischen gaffenden, grölenden, nach Fusel, Schweiß und Tabak stinkenden Diggern, als die Stimme der Frau wieder zu hören war. Halb verweht drang sie durch den Lärm.

»Lassen Sie mich los, Mclntosh. Ich will Ihren verdammten Whisky nicht, Mann!«

Tumult entstand an der Theke. Ein Schuss krachte. Die Frau schrie. Polternd kippte ein Stuhl um. Irgendwo zerklirrte ein Glas. Dann breitete sich nach kurzem Geschiebe Stille im verräucherten Raum aus. Ein raues Auflachen durchbrach sie.

»Misch du dich nicht auch noch ein, Kartenhai. Die Lady ziert sich doch nur. Ich hab sie bloß zu ’nem Drink eingeladen. ..Well, nach ’ner Flasche von Dutchmans Feuerwasser wird der alte Jerry Mclntosh erst richtig munter. He, Dutchman, altes Mondgesicht, stell schon mal die nächste Pulle hin! Eine Runde für alle! Stoßt auf meine Bonanza an! Doch du, Kartenhai, pflückst jetzt vorsichtig deine Bleispritze aus der Tasche und legst sie auf den Tresen, wo ich sie sehen kann. Los, überleg nicht lang, sonst sitzt du ebenfalls auf dem Hosenboden wie dieser komische Vogel mit seiner Geige.«

Buck hatte inzwischen den Rand des freien Platzes vor der aus Fichtenbrettern zusammengenagelten Theke erreicht. Mclntosh war ein Bulle, ein Holzfällertyp mit Pranken wie Schmiedehämmer. Der nagelneue Stadtanzug passte zu ihm wie die Faust aufs Auge. Dazu trug er ein Rüschenhemd, Kragenschleife, Lackschuhe und einen runden, schmalkrempigen Hut - das Abziehbild des erfolgreichen Goldgräbers. Bei anderer Gelegenheit hätte er Buck höchstens ein müdes Grinsen abgerungen.

Doch Mclntosh hielt eine doppelläufige Pistole. Er bedrohte einen schlanken, ebenfalls städtisch gekleideten Mann, der am Ende der Theke stand. Dessen glattes Gesicht mit dem strichdünnen Oberlippenbärtchen war zur Maske erstarrt. Nicht einmal die dunklen Augen verrieten, was er dachte. Vorsichtig zog er eine kurzläufige Taschenpistole unter dem vom offenen Prinz Albert-Rock hervor. Ein Ring blitzte an der schmalen Hand.

Zwischen ihm und Mclntosh kauerte der Geigenspieler mit dem Rücken an der Theke. Er war ein ziegenbärtiger, hohlwangiger Bursche, der schon einiges über die Fünfzig sein mochte. Sein verwaschener blauer Frack, das gelbe Hemd und die gestreifte Röhrenhose schienen aus dem billigsten Trödlerladen von San Francisco zu stammen. Ein zerknautschter Halbzylinder lag neben ihm: Die dünnrandige Brille war ihm auf die Nasenspitze gerutscht. Krampfhaft hielt er Geige und Bogen. Wahrscheinlich hatte Jerry Mclntosh ihn nur anzustupsen brauchen. Der Fiedler sah nicht aus, als könnte er irgendwem gefährlich werden. Buck streifte ihn nur mit einem flüchtigen Blick.

Seit Buck die Frau gesehen hatte, war sonst nichts mehr für ihn wichtig. Sie war so begehrenswert, wie er sie in Erinnerung behalten hatte. Ihr rotes Haar wirkte wie eine Flamme. Das knappe, tief ausgeschnittene Saloonkleid betonte jede Linie des biegsamen Körpers. In einem frauenlosen Goldgräbernest wie Yellow Cloud brauchte sie sicher nur den Saloon zu betreten, um Beifallsstürme zu entfesseln.

Buck hatte weder sich noch seinen Pinto geschont. Doch als er nun auch noch Mclntoshs Linke wie einen Schraubstock am Arm der Rothaarigen sah, vergaß er, weshalb er wie ein Wilder durch die Nacht galoppiert war.

Mclntosh grinste zufrieden. Der Spieler legte gerade den Derringer neben ein leeres Glas. Widerstrebend trat er dann von der Theke zurück. Nur das Glitzern in Mclntoshs Augen verriet ein Stadium gewalttätiger Unberechenbarkeit. Herausfordernd bewegte er die Pistole.

»Noch jemand dagegen, dass die Lady ’nen Drink mit mir nimmt?«

»Vielleicht fragst du sie selbst mal, du Büffel«, meldete sich Buck. Die Goldgräber, die ihm eben noch murrend Platz gemacht hatten, wichen nun wie vor einem Pestkranken zurück.

Jetzt erst bemerkte Kitty Brennan ihn ebenfalls. Die grünen Augen weiteten sich. Ihre Lippen formten seinen Namen, ohne dass ein Ton über sie kam. Buck war es trotzdem, als hätte sie laut gerufen. Ihre Blicke trafen sich, und alles, was Buck zu vergessen versucht hatte, war wieder lebendig.

 

*

 

»Hallo, Kitty.«

Sie und ihr Vater hatten sich in El Paso der Treibherde auf dem Weg zu den kalifornischen Goldfeldern angeschlossen. Als sich herausstellte, dass Sam Brennan und seine hübsche Tochter mit einer Bande von Rustlern unter einer Decke steckten, war es für die Freunde von der Hazienda fast schon zu spät gewesen. Doch Saltillo überlistete die Halunken, nachdem sie ihm bereits die Herde abgeknöpft hatten. In einem kurzen, heftigen Kampf waren Sam Brennan und der Anführer der Trailbanditen ums Leben gekommen. Kitty war mit dem Rest der Bande geflohen. Sie hatte sich an Saltillo zu rächen versucht. Doch auch Buck, der sie liebte, war in den Hinterhalt geraten. Kittys Kugel hatte den Mann, der Buck in den Rücken schießen wollte, im letzten Moment niedergestreckt. Das war am Gila River geschehen. Eine halbe Ewigkeit schien seitdem vergangen. Buck hatte nicht damit gerechnet, Kitty jemals wiederzusehen.

Nun schluckte sie und musste sich ebenfalls erst von ihrer Überraschung erholen. Da war Mclntosh schon herumgeruckt. Seine Augen flackerten drohend. Die Doppelmündung seiner Pistole deutete auf den Kentuckier.

»Zum Henker, was ...«

»Lass sie los, du Büffel. Sie sucht sich die Männer selbst aus, mit denen sie trinkt.«

Mclntoshs Mund stand noch halb offen. Irritiert starrte er den bulligen, blonden Fremden an, der genauso stur auf die angeschlagene Pistole zumarschierte, wie er das selbst getan hätte. Doch Tortilla-Buck hatte einen Blick für Männer wie Mclntosh. Dieser auf Krösus getrimmte Hüne war ein Faustkämpfer. Solange Buck nicht zum Eisen griff wie der Kartenhai zuvor, blieb bestimmt auch Mclntoshs Pistole aus dem Spiel. Buck dachte wieder an Saltillo. Jede Sekunde, die er hier verlor, ging von der Frist ab, die sein Freund in der Hütte am Grizzly Rock noch besaß. Buck war entschlossen, es kurz zu machen. Prompt legte der whiskyselige Digger die Waffe weg. Er grinste breit.

»Endlich wieder mal solide Handarbeit«, freute er sich, schob Kitty zur Seite und stellte sich mit angewinkelten Fäusten in Positur. Die Nähte der Anzugjacke spannten sich. Der runde, schmalkrempige Hut rutschte verwegen über das linke Ohr.

Bevor Dutchmans Gäste Wetten auf den möglichen Sieger abschließen konnten, war Buck Mercer schon in Aktion.

Mclntosh erwartete noch ein erstes vorsichtiges Abtasten, als Buck ihn schon voll erwischte. Es war ein blitzschneller Hieb über die Gürtelschnalle. Bevor der massige Goldgräber begriff, wie ihm geschah, fetzte Bucks hinterherschießende Linke seine Deckung auseinander und explodierte an seinem nach vorn ruckenden Kinn.

Der Fiedler konnte gerade noch nach seinem Halbzylinder grapschen und wegspringen. Um ein Haar hätte sich Mclntosh auf ihn gesetzt. Ein Stöhnen durchlief den verqualmten Bau. Dem glatzköpfigen Besitzer der Whiskybude fiel die Zigarre aus dem Mund.

Dennoch war noch nichts entschieden. Jeder andere Mann in »Dutchman’s Bar« wäre wohl bedient gewesen - nicht so Jerry Mclntosh.

Buck hatte kaum die Fäuste sinken lassen, um sich Kitty Brennan zuzuwenden, da kam der Hüne wieder auf die Beine. Kittys Warnruf wäre zu spät gekommen, hätte Buck sich nicht instinktiv zur Seite geduckt. Mclntoshs Schmiedehammerfaust erwischte nur seine linke Schulter.

Das genügte allerdings, Saltillos Partner wie von einem Huftritt gegen den Tresen zu schleudern. Der deutschstämmige Salooner, dessen wirklichen Namen in Yellow Cloud niemand kannte, rettete gerade noch eine eben erst angebrochene Whiskyflasche.

Mclntosh schien entschlossen, Bucks Beispiel zu folgen und ihn mit einem sofort hinterher gejagten Schwinger auf die Bretter zu legen. Doch Buck war weit beweglicher, als die bullige Statur vermuten ließ. Geistesgegenwärtig krümmte er sich. Mclntoshs Faust sauste über ihn hinweg. Gleichzeitig stieß Buck sich von der Theke ab und rammte seinen Schädel gegen Mclntoshs Bauchdecke.

Die Mauer der Zuschauer geriet ins Wanken, als Buck und Mclntosh dagegenprallten.

Der Digger packte Buck an den Schultern und versuchte ihm das Knie in den Leib zu stoßen.

Tortilla-Buck war nicht zimperlich und trat ihm mit voller Wucht auf die Zehen. Daraufhin vergaß Mclntosh sein Vorgehen. Brüllend und mit hochrotem Kopf hüpfte er auf einem Fuß herum.

Buck sah sich diesen Kriegstanz zunächst beifällig an. Dann nahm er Maß, und gerade als Mclntosh wieder den malträtierten Fuß auf den sägemehlbestreuten Boden setzte und sich zur wütenden Revanche entschloss, landete Bucks steinharte Gerade erneut an seinem Kinn.

Der Goldgräber fiel prompt auf die Knie, verdrehte seufzend die Augen und sank vornüber. Dutchmans Gäste standen da, als hätten sie eins mit einem Knüppel über den Schädel gekriegt.

»’nen Drink, Salooner«, krächzte Buck und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht.

.Da hing Kitty schon an seinem Hals.

»Buck, Lieber«, stammelte sie. Der Kentuckier hielt sie fest. Alles, was je zwischen ihnen gestanden hatte, existierte in diesem Augenblick nicht mehr.

 

*

 

Die Wiedersehensfreude währte nicht lange. Kitty erstarrte plötzlich.

Als Buck sich umdrehte, begegnete er dem stechenden Blick der dunklen Spieleraugen. Der schlanke, städtisch gekleidete Mann hielt wieder den vernickelten Derringer, den er vorhin auf der Theke deponiert hatte. Seine Mundwinkel waren verkniffen.

Kitty löste sich hastig von dem Kentuckier, ein bisschen zu hastig. Es gab Buck einen Stich. Andererseits war ihm klar, dass die junge, hübsche Frau ohne einen »Beschützer« in den rauen Goldgräbersiedlungen nicht auskommen konnte. Er hatte kein Recht, gestand er sich, Kitty einen Vorwurf daraus zu machen. Sie, der Spieler und der ziegenbärtige Fiedler, der mit besorgter Miene eben sein Instrument überprüfte, gehörten zusammen.

»Das ist Buck Mercer, der mich ein ziemliches Stück auf meinem Weg nach Kalifornien begleitet hat«, stellte sie ihn vor. »Buck, das sind Frank Hardin und Fiddler-Jim, mit denen ich seit einigen Wochen die Diggertowns am Sacramento abgrase.«

Ihr perlendes Lachen schnitt erneut in Bucks Herz.

Hardin und Fiddler-Jim starrten ihn nur an. Buck brauchte jetzt dringend den Whisky, den Glatzkopf Dutchman ihm eingegossen hatte. Er stellte sich an die Theke und kippte den Drink wie ein Verdurstender. Die Gäste drängten ebenfalls zu ihren auf den Tischen abgestellten Gläsern. Rasch wandte Buck sich um.

»Moment, Amigos, ich brauche eure Hilfe. Die Claim-Wölfe wollen meinen Freund draußen beim Grizzly Rock an den Kragen.«

Mit eindringlichen Worten schilderte er die Lage. Dabei entging ihm nicht, wie Kittys Schultern sich spannten und sich die sonst so verlockend geschwungenen Lippen zusammenpressten. Sie würde wohl nie vergessen, dass Saltillos Kugel ihren Vater getötet hatte.

Kittys schmales Gesicht war nun bleich. Vielleicht war aber auch nur das vom Tabakqualm getrübte Lampenlicht dafür verantwortlich.

Buck schwieg. Vergeblich wartete er darauf, dass er nun mit Fragen bestürmt wurde oder eifrige Zustimmung erhielt.

Die rauen Männer verharrten nur reglos. Buck spürte ein heißes Aufwallen, als er die Ablehnung in ihren Mienen las. Er ballte die Fäuste.

»Hölle, nun stellt euch nicht so an, weil ich euren Freund Mclntosh für ’ne Weile ins Traumland schicken musste!«, schrie er. »Mein Partner kämpft in der Hütte am Grizzly Rock nicht nur um einen Haufen Gold, sondern um sein Leben. Allein hab ich keine Chance, ihn rauszuhauen. All right, ihr seid harte Burschen. Und vielleicht kriegt ihr nie wieder die Chance, den Goldwölfen das Handwerk zu legen.«

Es war, als würde er gegen eine Mauer schreien. Es schien ihm plötzlich sinnlos, dass er überhaupt hergeritten war. Hier würde er wohl nicht mal ein frisches Pferd bekommen.

»Gieß schon ein«, knurrte er und legte eine Münze neben das leere Glas.

Dutchmans Mondgesicht zeigte ein unverbindliches Grinsen. Als Buck wieder nach dem Drink griff, schob der Spieler sich neben ihn.

»Mir auch einen, Dutchman.« Er sah Buck dabei an. Seine Miene war so glatt und ausdruckslos wie vorhin, als Mclntosh ihn in die Doppelmündung seiner Pistole hatte blicken lassfen. »Ich lasse nie eine Schuld unbezahlt, Mercer. Wenn du denkst, wir beide schaffen’s, dann los. Ich muss nur den Gaul satteln. Er steht in Dutchmans Stall. Du kannst Fiddler-Jims Klepper nehmen. Mit der Geige richtet Jim am Grizzly Rock eh nichts aus.«

Er prostete Buck zu, immer noch ohne die Miene zu verziehen, leerte das Glas und warf es zielsicher in die Spül wanne.

»Nimm’s den Männern nicht übel, Mercer, dass sie so misstrauisch sind. Das hat nichts mit deinem Kampf zu tun. Jeder Fremde wird hier erst mal als Spitzel von Melford verdächtigt. Und du musst zugeben, Hombre, dass deine Story reichlich verwegen klingt. Wie sollen die Jungs wissen, dass du sie am Grizzly Rock nicht in die Falle der Claim-Wölfe führst?«

»Woher weißt du’s?«

Frank Hardin gestattete sich den Anflug eines Lächelns.

»Kitty weiß es, das genügt. Außerdem hab ich dich vorige Woche drunten in Coloma gesehen, wo vor einem Jahr noch nur Sutters Sägemühle stand. Ihr Burschen aus Texas habt da einen Teil eurer Herde an den Mann gebracht, während ich für Kitty, Jim und mich nach neuem Terrain Ausschau hielt.«

»Täuschst du dich auch nicht, Hardin?«, vergewisserte sich ein rotbärtiger, hagerer Digger. Er sprach mit schwedischem Akzent. Hardin drehte sich halb um.

»Weißt du, Björnsen, ein Spieler, der sich nicht mehr auf seine Augen verlassen kann, sollte schleunigst den Job an den Nagel hängen. Doch das hab ich nicht vor.«

»Dann sind wir mit von der Partie«, verkündete der Hagere entschlossen. »Teufel auch, halb Kalifornien spricht von der Herde, die ihr Burschen aus Texäs herübergetrieben habt. Nichts für ungut, Mercer. In zehn Minuten sind wir unterwegs.«

 

*

 

Mclntosh stockte, als er den ersten Grenzmarkierungspfosten seines Claims erreichte. In der klaren Nachtluft machte sich der viele Whisky, den er in sich reingeschüttet hatte, erst so richtig bemerkbar. Sein Gehirn war benebelt, und das Wackeln seiner Knie stammte nicht nur von dem Knockout, den Tortilla-Buck ihm verpasst hatte. Blinzelnd starrte der Hüne auf die halb in den Hang gegrabene Bretterhöhle. Vergeblich versuchte er sich zu erinnern, ob er selbst die Petroleumlampe angezündet hatte, bevor er losgezogen war, den Goldfund in »Dutchman’s Bar« zu begießen.

Sein Whiskyhirn kam nicht auf den Gedanken, dass es noch Tag gewesen war und er kein Licht brauchte, um sich vor dem zerbrochenen Spiegel in Schale zu werfen. Genausowenig fiel ihm ein, umzukehren. Statt dessen tastete er schweratmend nach der Pistole, die vorn in seinem Gürtel steckte.

Nur ein Lauf der Waffe war geladen. Doch wenn Mclntosh überhaupt so etwas wie Furcht verspürte, dann war es nicht Angst um sein Leben, sondern um das Gold. Er hatte es in einer Ecke des Bretterbaus unter dem Matratzenlager verbuddelt. Gold, das ihn schlagartig zum reichsten Mann von Yellow Cloud gemacht hatte; Nuggets so groß wie Walnüsse. Mclntoshs Kehle wurde jedesmal trocken, wenn er daran dachte. Womöglich war er deshalb auch so durstig.

»Verdammter Fusel!«, knurrte er, eine Hand um das Schießeisen, die andere um den Claimpfosten geklammert.

Er lauschte. Von den Reitern, die mit großem Hallo und einem Henkerstrick für Jake: Melford Yellow Cloud verlassen hatten, war längst nichts mehr zu hören. Mclntosh hatte für den steilen Weg den Berg hinauf fast eine Stunde benötigt. Mondschein glänzte auf den Dächern unter ihm. In »Dutchman’s Bar« brannte kein Licht mehr. Es war still. Der Schatten eines Nachtvogels glitt lautlos über den Sacramento River. Nur auf einem weit entfernten Claim unter einem abgeholzten Bergrücken geisterte noch der Schein einer einsamen Lampe. Ein Unentwegter wühlte dort immer noch die Erde auf, besessen von der Hoffnung, dass ihm plötzlich jenes Gleißen in die Augen stach, das sie alle hierher geführt hatte.

Den Blick starr auf die lichtgefüllten Ritzen der Hüttentür gerichtet, bewegte Mclntosh sich weiter. Er wich einem Graben aus, stieß dafür eine gegen den Schwemmkasten gelehnte Schaufel um. Ein paar leere Konservendosen schepperten.

In der Hütte rührte sich nichts. Mclntosh schwitzte. Der Mond versteckte sich hinter einer Wolke, und die Dunkelheit legte sich wie ein Schleier um ihn. In ihrem Schutz erreichte er die Unterkunft. Er hatte sich nicht viel Mühe damit gemacht. Die Tür hing schief in den Angeln. Nur die breitesten Spalten waren notdürftig mit Lehm verschmiert. Eine Pistolenkugel konnte die dünnen Wände mühelos durchschlagen. Trotzdem presste Mclntosh ein Auge an die nächste Ritze, um einen Blick ins Innere zu erhaschen.

Er sah von dem Mann, der zurückgelehnt an dem aus Kistenbrettern gezimmerten Tisch saß, nur die dunklen Umrisse.

»Nun hör schon auf, draußen wie ein Elefant rumzutrampeln, Mclntosh, während ich hier auf dich warte.«

Der Digger kannte die Stimme. Er war zugleich überrascht und erleichtert. Es war keine. Absicht, dass er noch immer die Pistole hielt, als er die Tür mit dem Fuß aufstieß und gebückt eintrat.

»Himmel, hast du mich erschreckt, Mann«, schnaufte er grinsend. »Was willst du noch so spät?«

»Ein Geschäft, Mclntosh.« Der nächtliche Besucher grinste ebenfalls. »Da es um deine hübsche Nuggetsammlung geht, spielt die Zeit wohl keine Rolle.«

Mclntosh war nicht so betrunken, dass er den triumphierenden Beiklang überhörte. Er verharrte noch gebückt, um nicht mit dem Kopf an die erdgedeckten Dachsparren zu stoßen. Die Hütte war Schlafstelle und Wetterschutz, mehr nicht. Das Gold wäre überall besser aufgehoben gewesen als hier. Mclntoshs Blick zuckte in die Ecke. Die Matratze war hochgekippt. Das Kistenbrett, mit dem er das Loch darunter abgedeckt hatte, fehlte. Der Digger musste nicht erst nachsehen, ob das Versteck leer war. Jetzt fiel ihm auch auf, dass die Lampe auf dem Tisch von einem Krug so abgeschirmt wurde, dass ihr Schein zwar voll auf ihn fiel, der Mann dahinter aber halb im Dunkel saß.

»Ich hab nur gewartet, Mclntosh, weil ich auf den Beutel mit den Nuggets, den du bei dir trägst, nicht verzichten kann«, hörte er die Stimme seines Mörders wie von weit her.

Er brachte die Pistole noch halb in die Höhe. Da füllte ein ohrenbetäubender Knall den primitiven Bau.

Die Kugel aus einem fünfschüssigen Paterson Colt traf Jerry Mclntosh mitten ins Herz.

 

*

 

Dünne Nebelschleier durchwoben die Dämmerung. Himmel, Erde und Felsen verschmolzen zu einem undurchsichtigen Grau. Es legte sich wie ein Eispanzer um die Hütte am Grizzly Rock. Totenstille herrschte.

Da warf ein letztes Aufglimmen der Pfeifenglut einen mattroten Schimmer auf Tom Farleys bärtiges Gesicht. Er klopfte sie aus. Es war eine endgültige Bewegung. Das leise Klirren von Steinen weiter unten am Hang verriet ihm und Saltillo, dass es soweit war.

Der stämmige Goldgräber erhob sich von der Kiste. Richtige Möbel gab es nicht in dem schmucklosen Raum. Ein Kanonenofen, dessen verbeultes Rohr das Dach durchstieß, ein paar Wandbretter, Kisten und ein Deckenlager auf dem blanken Boden waren die ganze Einrichtung. Mit der Rifle, in der noch immer der Ladestock festklemmte, trat Farley neben die Tür.

Saltillo stand beim Fenster, den 44er Colt in der Rechten. Die beiden Männer sahen einander nur als Schemen.

Die Hütte am Felssockel schien abgeschnitten von der übrigen Welt. Das war nicht eben der Ort, wo Saltillo begraben sein wollte. So fern von der Hazienda und dem Dorf am großen Fluss, wo Layla Sheen, die hübsche Kreolin, auf seine Rückkehr wartete. Doch Saltillo blieb keine Zeit für bittere Gedanken. Draußen lauerte der Tod, und das nächste Geräusch, das er hörte, war nur knapp zehn Schritte von der Hüttenfront entfernt: das unverkennbare metallische Knacken eines Revolverhammers.

Es war kalt. Hier im Norden Kaliforniens, in den zerklüfteten Seitentälern des Sacramento, waren die glühenden Täler, weißen Sandstrände und Blütensträucher in den Innenhöfen alter spanischer Paläste nur ein Traum.

Saltillo spürte die Kälte tief in seinem Innern. Er atmete ruhig. Seine Hand würde nicht zittern, wenn sie das tödliche Blei aus der Waffe jagte.

Farley wäre wohl erschrocken, wenn er jetzt Saltillos zur Bronzemaske erstarrtes Gesicht aus der Nähe gesehen hätte. Es war das Gesicht eines Kämpfers, der keine Gnade erwartete, aber auch kein Pardon geben würde.

Jetzt schabte ein Stiefel über lockeres Erdreich. Ein paar Lehmbrocken fielen dumpf in einen Graben. Plötzlich riss Farley die Tür auf.

»Kommt und holt euch das Gold, ihr Bastarde!«

Trotz der Gefahr, dass ihm das Flintenmonstrum in hundert Einzelteilen um die Ohren flog, krümmte er den Abzugshebel. Es gab einen Donnerknall, dass Saltillo dachte, der Grizzly Rock müsste die Hütte unter sich begraben.

Ein gellender Schrei antwortete. Sekundenlang tauchte eine schwankende Gestalt vor der Fensterluke auf. Der Ladestock aus Farleys Rifle war einem der Banditen wie ein Spieß in die Brust gedrungen. Der Todesschrei des Getroffenen bekam ein wütendes Echo aus mehreren Kehlen. Schatten huschten durch die Dämmerung heran.

Saltillo feuerte nun ebenfalls. Doch die Angreifer waren nicht mehr zu stoppen. Hereinfauchende Kugeln trieben Saltillo zurück. Er nahm die Goldtaschen auf. Weder er noch Farley hatten bisher einen Blick auf sie verschwendet. Saltillo schwang sie sich auf die Schulter. Im nächsten Moment war er bei der Tür. Keuchend fuhr der Digger herum. Saltillos Augen hatten sich so an die Dunkelheit gewöhnt, dass er den Schweiß auf Tom Farleys Gesicht erkannte. Farley hielt das Gewehr am Lauf, um es beim Eindringen der Gegner als Keule zu benutzen.

»Was.hast du vor, Saltillo?«

»Lass mich raus und riegle hinter mir ab! Vielleicht lassen sie dich ungeschoren.«

»Du spinnst«, schnappte der Bärtige. »Entweder schaffen wir’s gemeinsam oder keiner. Pass auf, das Fenster!«

Während Saltillo sich sofort drehte, sprang Farley vorwärts. Sein Anprall stieß den Texaner zur Seite. Ein Blitz füllte die Luke. Saltillo spürte den Schuss wie einen knapp vorbeifauchenden Peitschenhieb.

Er landete hart auf den Knien. Sein Whitneyville Walker antwortete mit einem dumpfen Aufbrüllen.

Farley hatte den Riegel vorgeschoben. Ein wuchtiger Schlag erschütterte die aus massiven Eichenbohlen gezimmerte Tür. Kugeln bohrten sich in sie. Bevor Saltillo aufspringen und zum Fenster stürzen konnte, tauchte dort wieder ein Revolverlauf auf.

Im Blitzen des Schusses schleuderte sich Saltillo zur Seite und rollte sich gegen die Wand in den toten Winkel. Farley kroch zu ihm. Er blutete über dem linken Wangenknochen, grinste jedoch verzerrt.

»Noch haben sie uns nicht. Wenn wir aushalten, bis es hell wird ...«

Neue Schläge dröhnten gegen die Tür. Saltillo presste sich gegen die roh zubehauenen Stämme und richtete den Colt auf die Fensteröffnung. Das Lederhemd klebte ihm auf der Haut.

Buck, dachte der Haziendero inbrünstig, und wie als Antwort erklang eiliges Hufgetrappel im Grau des zaghaft erwachenden Tages. Die Hiebe gegen die Bohlentür setzten jäh aus.

»Was, zum Teufel...«, begann einer der Kerle, die sich draußen an die Balkenwand drückten. Unten am Hang wieherten Pferde. Hufschlag klapperte auf Fels, und eine Stimme schrie:

»Melford, sieh zu, dass du deinen Skalp rettest. Ein Aufgebot aus Yellow Cloud ist in ein paar Minuten hier. Die Burschen haben extra ’nen Strick für dich dabei.«

Das Hufgeträppel schwenkte ab und wurde gleich darauf leiser. Das plötzliche Auftauchen des Warners erschien noch unwirklicher, als auf dem Hang und vor der Hütte mehrere Sekunden lang Stille herrschte. Dann folgten wilde Verwünschungen. Noch einmal flammte ein aufs Geratewohl abgefeuerter Schuss in die Hütte. Dann entfernten sich Geräusche hangabwärts.

»Brad, Glenn, die Pferde her, verdammt noch mal!«, schrie Melford. Es klang schon ziemlich entfernt.

Farley schluckte und wischte mit dem Ärmel das Blut ab.

»Ein lausiger Trick«, schnaufte er. »Sie wollen uns rauslocken.«

»Hoffentlich nicht«, murmelte Saltillo. Sie lauschten mit neuem Mut.

 

*

 

Nässe tropfte aus den tief herabhängenden Zweigen der Hemlocktannen und vermischte sich mit dem Schweiß auf den angespannten Gesichtern der Reiter. Die erste blasse Helligkeit des Tages sickerte zwischen Felsen und Bäume. In breit auseinandergezogener Linie rückten die Männer auf das Tal des Grizzly Rock zu. Sie saßen auf Wagen und Reitpferden, auf Eseln und Maultieren. Wahrscheinlich wären sie auch auf Ochsen geritten, falls es in Yellow Cloud welche gegeben hätte - nur um dabei zu sein, wenn den gefürchteten Claim-Wölfen das Handwerk gelegt wurde.

Unterschiedlich war auch ihr Äußeres. Einige trugen noch dieselben Anzüge, die sie in Office und Store anhatten, bevor sie sich in das große kalifornische Abenteuer stürzten. Andere sahen in ihrer derben Kluft wie Farmer und Holzfäller aus. Ein paar Mexikaner mit Strohsombreros und ehemals weißen Leinenkitteln waren ebenfalls darunter. Zwei oder drei Männer, trugen Weidereitertracht.

Alle waren bis an die. Zähne bewaffnet. Schwielige Fäuste umkrampften Rifles, Pistolen und Revolver. Ein ehemaliger Soldat hatte den Kavalleriesäbel am Sattel befestigt. Die Mexikaner schleppten breitklingige Machetas mit. Den meisten waren Waffen und Sattel jedoch ungewohnt. Das änderte zwar nichts an ihrer wütenden Entschlossenheit, aber in dem rauen Gelände kamen sie nur langsam voran.

Viel zu langsam für Buck, der immer ein Stück voraus war. Alles in ihm fieberte danach, einfach loszujagen. Doch er hatte als Ersatz für den Pinto auch nicht gerade den besten Renner erwischt. Es war ein knochiger Brauner. Er konnte es vielleicht in puncto Hässlichkeit mit Bucks langjährigem vierbeinigem Kameraden aufnehmen, nicht aber, was Ausdauer, Kraft und Schnelligkeit betrafen.

Buck zügelte ihn neben einem umgestürzten Baumriesen. Das Gelände stieg an. Nebelfetzen hingen zwischen den nass glänzenden Tannen und Felsen. Die Reiter bewegten sich wie graue Gespenster heran. Ein paar waren abgestiegen und führten ihre Gäule. Buck hatte den Eindruck, dass bei jedem Schritt Stiefel und Hufe am Boden festklebten. Er zerbiss einen Fluch. Leichten Herzens hätte er seinen Anteil am Herdenerlös für die Begleitung von nur vier oder fünf Mexikanern aus Saltillos verwegener Vaquero-Mannschaft gegeben.

Die Digger zuckten zusammen. Ihre Waffen fuhren hoch, als in einem Wipfel der aus dem Schlaf gerissene Häher zu kreischen begann. Die Gestalten, die Buck folgten, nahmen deutlichere Konturen an. Ein Schatten überflog das Gesicht des Kentuckiers, als er das Fehlen eines bestimmten Mannes bemerkte. Er wendete und ritt auf Björnsen zu, der ihm seit dem Aufbruch aus Yellow Cloud, als Wortführer der bunt zusammengewürfelten Schar galt.

»Wo ist Hardin?«

Der hagere Schwede blickte ihn überrascht an.

»Hast du ihn denn nicht als Kundschafter vorausgeschickt, Mercer, als wir durch den Mulebone Creek ritten?«

Bucks Rechte schloss sich noch fester um das Harpers Ferry Gewehr, das vor ihm auf dem Sattel lag. Seine Knöchel schimmerten weiß. Ein böser Verdacht keimte in ihm.

»Hat er das behauptet?«

»Aber ja! Heißt das etwa ...« Björnsen brach ab. Ein Flackern war in seinen tiefliegenden Augen.

Noch mehr Reiter schlossen zu ihm und dem Kentuckier auf. Bucks heftige Handbewegung ließ sie erstarren. Nun hörten sie es auch.

Ein merkwürdig dumpfes Brausen wie von einem nahenden Unwetter durchdrang den trüben Morgen. Es dauerte nur eine halbe Minute, bis sie erkannten, dass es das Trommeln von vielen Hufen auf dem Nadel- und Moosboden war.

Gleich darauf tauchten weiter oben am Hang, wo es schon heller war, verwischte Schemen zwischen den mächtigen Tannen auf.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920864
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juli)
Schlagworte
saltillo gold sacramento

Autor

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Titel: SALTILLO #11: Gold am Sacramento