Lade Inhalt...

Klaus Störtebeker – Der Schrecken der Weltmeere Band 3: Unter der roten Flagge

2018 120 Seiten

Leseprobe

Klaus Störtebeker – Der Schrecken der Weltmeere Band 3: Unter der roten Flagge

nacherzählt von Tomos Forrest

––––––––

image

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth, 2018

Lektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

Klappentext:

image

Der Graf von Ritzebüttel wird von Hauptmann Dirksen und dessen Gefolge durch eine unvorstellbare List gewaltsam aus seinem Schloss vertrieben, das sich seit vielen Generationen in Familiensitz befindet, und dabei tödlich verletzt. Klaus Störtebeker findet den alten Grafen, der ein Freund seines verstorbenen Onkels war, und schwört ihm auf dem Sterbebett Rache zu nehmen. Keine leichte Aufgabe, steht ihm doch eine schier endlose Macht an Kämpfern gegenüber, die alle Störtebekers Tod wollen, denn er ist mittlerweile vom Hamburger Senat für friedlos und landflüchtig erklärt worden und wird zu den Piraten gezählt.

Und noch eine zweite geradezu gigantische Kriegsmacht steht ihm plötzlich gegenüber, und es geht jetzt nicht mehr nur um sein eigenes Leben, sondern auch um das all seiner Anhänger ...

***

image
image
image

1.

image

Was hast du vor, Klaus Störtebeker?“

„Endlich Rache für die Schmach nehmen, die mir die Hamburger angetan haben!“

„Ich dachte, dass du dich schon gerächt hast! Es sind noch mindestens zwanzig Schiffe, die du ihnen weggenommen hast!“

„Schon, aber der größte Schurke läuft noch immer ungestraft in den Straßen Hamburgs herum und spinnt seine Ränke.“

„Wen meinst du?“

„Keinen anderen als Detlev von Schenck, den Senator, der sich sogar an meiner Mutter vergriffen hat!“

„Da stimme ich dir zu, Klaus, das ist der größte Halunke, den ich je kennengelernt habe. Und was willst du mit ihm machen?“

„Ihn aus dem Nest mit den Gaunern und Spekulanten herausholen, wo er sich hinter den Spießen seiner Konstabler sicher fühlt, und dann ...“

Magister Wigbold sah den Anführer der Vitalienbrüder gespannt an. Doch der deutete auf die Küste vor ihnen und antwortete:

„Sieh mal dort hinüber, Wigbold! Das Schloss des Grafen von Ritzebüttel ist taghell erleuchtet! Pechpfannen brennen auf den Zinnen und die Musik ist bis hier herüber zu hören! Seit wann gibt der alte Graf denn so rauschende Feste?“

„Das habe ich auch noch nie gehört. Er soll doch seit dem Verschwinden seines einzigen Sohnes vollkommen zurückgezogen leben. Oder ist der Verschollene vielleicht zurückgekehrt?“

„Wer weiß? Aber ich bin neugierig geworden“, erwiderte Störtebeker. Der Graf ist ein vornehmer, edler Mann, an dessen Schicksal ich wirklich Anteil nehme. Er war ein guter Freund meines verstorbenen Onkels Andres Eisenbart.“

„Die Hamburger urteilen anders über den Grafen. Sie nennen ihn störrisch und eigensinnig und haben manchen Strauß mit ihnen ausgefochten, weil ...“

„Weil die Schufte das Schloss an der Elbemündung in ihren Besitz bringen wollen“, unterbrach ihn Störtebeker. „Aber der alte Graf hat es immer wieder verstanden, die habgierigen Finger dieser unersättlichen Pfeffersäcke von seinem Eigentum fernzuhalten.“

„Sie werden doch jetzt nicht wieder irgendetwas gegen ihn im Schilde führen?“

„Blut und Tod, Meister! Ich möchte es ihnen nicht raten. Aber wir wollen doch mal sehen, welches freudige Ereignis im Schloss gefeiert wird. Nach Steuerbord das Ruder“, befahl er laut. „Bringt den Sturmbock so nahe ans Ufer, wie das ohne Gefahr aufzulaufen, möglich ist!“

Der Steuermann führte den Befehl aus, und bald konnte Störtebeker die Anker fallen lassen. Ein Boot brachte ihn mit wenigen Ruderschlägen zum Ufer hinüber, und gleich darauf sprang er an Land ohne jede weitere Begleitung.

Als er sich dem Schloss näherte, hörte er das Schmettern von Fanfaren und den dröhnenden Gesang aus rauen Männerkehlen. Dazu kamen immer wieder Hochrufe, die von einem freudigen Ereignis kündeten.

Klaus verharrte auf der kleinen Anhöhe, weil er plötzlich glaubte, einen menschlichen Seufzer gehört zu haben. Er stand vor einem kleinen Gehölz, konnte jedoch nichts wahrnehmen.

„Aber – da ist das Geräusch wieder, ich kann meinen Ohren trauen, trotz der lauten Fanfaren!“, sagte er zu sich selber. Dabei drang er zwischen den Büschen hindurch und entdeckte einen menschlichen Körper, den er rasch untersuchte.

„Wer immer Ihr auch sein mögt“, flüsterte plötzlich der Mann, „Ihr kommt noch zur rechten Zeit. Doch schwört mir, dass Ihr meinen letzten Willen anhört und mit allen Mitteln versucht, ihn zu erfüllen!“

Als Störtebeker den Mann etwas aufrichtete, erkannte er, dass er einen Sterbenden vor sich hatte. Es war der alte Graf.

„Was Ihr auch von mir verlangt“, antwortete er, ich schwöre Euch, dass ich Rache nehmen werde, wenn Euch ein Unrecht geschehen ist!“

„Bitteres Unrecht ist mir geschehen“, stöhnte der Mann. „Aber wer seid Ihr, dass Ihr solchen Anteil an mir nehmt? Ich bin hier von lauter Feinden umgeben, und die Hamburger warten auf meinen Tod, um das Erbe endlich in Besitz zu nehmen!“

„Ich war früher Junker Klaus von Winsfeldt. Unter diesem Namen werdet Ihr mich kennen, Graf!“

„Ja, natürlich!“, stammelte der alte Mann. „Ihr seid Störtebeker, der vom Hamburger Senat für friedlos und landflüchtig erklärt wurde und zu den Piraten gezählt wird!“

„Die Schufte lügen!“, brauste Störtebeker auf. „Ich bin kein Pirat, denn ich führe nur gerechte Fehden gegen die Schurken, die mich ohne jeden Grund aus Hamburg vertrieben haben.“

„Ich weiß es, Störtebeker“, antwortete der Graf. „Seht mich an, es geht mit mir zu Ende. Ich will die kurze Zeit noch nutzen, um Euch ein Vermächtnis zu hinterlassen. Seht her!“

Der Graf riss sein blutgetränktes Wams auf und zeigte auf eine tiefe Wunde in der Nähe seines Herzens.

„Das war der Hamburger Hauptmann Dirksen mit den Stadtknechten.“

„Aber der führt doch nur den Befehl seines Auftraggebers aus. Wer ist dieser Schuft?“

„Der Senator Detlev von Schenck!“

„Dachte ich es mir doch! Der Schuft soll an den Galgen oder, noch besser, verkehrt herum an den Rahen meines Schiffes aufgehängt werden!“

„Er hätte es verdient, Störtebeker, hundertfach! Aber jetzt hört mir zu. Mein einziger Sohn ist verschollen. Heimtücke, List und rohe Gewalt haben mich aus der Burg meiner Väter vertrieben. Soll die Geschichte unseres Geschlechtes damit enden, dass der letzte lebende Graf erschlagen wurde? Störtebeker, ich flehe Euch an, duldet es nicht, dass ein Edelmann wie ein Hund im Wald stirbt!“

„Nein, Graf, das lasse ich nicht zu. Ich werde Euch – tot oder lebendig – in Euer Schloss zurückbringen!“

„Tot oder lebendig!“, wiederholte der Graf. Über seine vom Schmerz verzogene Miene huschte ein Lächeln. „Ich kehre auf den Stammsitz meiner Vorfahren zurück.“

image
image
image

2.

image

Der alte Graf war zurückgesunken, und Störtebeker beugte sich über ihn, um festzustellen, ob er schon tot oder nur ohnmächtig war. Sein Atem war noch ganz schwach zu spüren, und Klaus erinnerte sich daran, dass es in der Nähe eine Quelle gab. Dorthin lief er und holte ihm etwas Wasser in den Händen, um ihn zu beleben. Tatsächlich schlug der Graf wenig später die Augen erneut auf.

„Der Hauptmann hatte gestern in aller Stille das Schloss umstellen lassen. Danacn zeigte er mir einen Befehl des Senators von Schenck, dass ich sofort die Burg, die Eigentum der Stadt Hamburg sei, zu verlassen habe. Sollte ich mich zur Wehr setzen, so habe er Befehl, mich zu verhaften.“

„Und mit welchem Grund behauptet der Senator, dass Ritzebüttel nicht mehr Euch gehört, sondern der Stadt Hamburg?“

„Oh, das war alles sehr schön eingefädelt, Junker Klaus. Auf so etwas versteht sich der Senator! Es war alles verbrieft und versiegelt. Hauptmann Dirksen zeigte mir eine alte Urkunde, nach der Schloss und Amt Ritzebüttel aufgrund einer alten Schuld meiner Vorfahren an Hamburg verpfändet und jetzt verfallen sei.“

„Und diese Urkunde?“

„Ist gefälscht, wie auch die ganze Geschichte von der Verpfändung nur eine Lüge ist.“

„Ihr habt Euch zur Wehr gesetzt?“

„Natürlich! Ich erklärte dem Hauptmann, ich müsste ein Hundsfott sein, wenn ich das Schloss meiner Väter freiwillig verließe. Ein Wort gab das andere, ich zog vom Leder, es kam zum Handgemenge, und Dirksen brachte mir diesen Stich bei.“

„Erzählt weiter! Dann hat man Euch hinausgebracht, und Ihr habt Euch bis hierher geschleppt?“

„Oh nein, so gut erging es mir nicht. Man warf mich in das Verließ, um mich dort verhungern zu lassen.“

„Aber wie konntet Ihr von dort in die Freiheit entkommen?“

„Das Verließ hat einen geheimen Gang, der nur mir bekannt ist. Noch nicht einmal meine Diener kennen ihn. Es gibt dort eine niedrige Säule, die dicht an der Wand steht und das Gewölbe an dieser Stelle trägt. Hinter der Säule, links zur Ecke hin, befindet sich drei Schuh über dem Boden ein großer Stein, der aussieht wie ein dicker Quader. Das ist aber nur eine Täuschung. In Wirklichkeit ist es eine dünne Platte, die durch einen unsichtbaren Mechanismus geöffnet werden kann. Der Gang mündet in einem alten Brunnenschacht außerhalb der Mauern, der vollkommen von Buschwerk überwuchert ist. Unter unsäglichen Schmerzen bin ich dort hindurchgekrochen und schließlich hierher gelangt, wo Ihr mich gefunden habt.“

Störtebeker bückte sich zu ihm herab, als der Graf schwieg, und wollte ihn auf seine Arme nehmen.

„Wollt Ihr mit mir allein in das Schloss gehen?“

„Ja, das habe ich vor!“

„Aber dort sind die Soldaten mit ihrem Hauptmann! Und die Hamburger sind doch Eure Todfeinde!“

„Alles richtig, und mein Schiff liegt auch gleich in der Nähe. Aber vorerst gehe ich nur mit Euch hinein!“

Störtebeker hob behutsam den Verwundeten vom Boden auf. Doch obwohl er ganz vorsichtig mit ihm ging, verschwand das Leben aus dem Körper während ihres Weges, und Klaus wollte seine Leiden nicht noch vergrößern. Behutsam legte er ihn wieder ab, und gleich darauf tat der alte Mann seinen letzten Atemzug.

„Also doch tot, aber, Hauptmann Dirksen, ich werde Euch mit dem toten Grafen aufsuchen!“

image
image
image

3.

image

Mit dem Körper auf den Armen eilte Störtebeker nun den leichten Hügel hinauf und fand das Tor weit offen. Die Wache trat ihm sofort in den Weg und wollte wissen, was er hier zu suchen habe.

„Ich bin Klaus Störtebeker und bringe die Leiche des Grafen von Ritzebüttel!“, antwortete er und versetzte dem Soldaten einen heftigen Tritt, sodass der Mann aufschrie und in die Knie brach. Von mehreren Seiten liefen Bewaffnete auf ihn zu, aber niemand wagte es, ihn aufzuhalten. Mit dem Toten auf den Armen stieg er anschließend eine breite Treppe hinauf, die durch hell erleuchtete Flure in ein Vorzimmer und den großen Rittersaal führte, in dem das Bankett abgehalten wurde.

Wer den Fremden erblickte, zuckte zusammen, aber niemand trat ihm in den Weg, als er mit seiner seltsamen Last eintrat.

Rasch flog sein Name von Mund zu Mund, und der Kerkermeister sprang von seinem Sitz auf.

„Ist das ...“, stammelte er nur und streckte die Hand nach dem Toten aus. Er hatte ihn sofort erkannt, aber es war ihm unerklärlich, wie der Graf aus seinem Gefängnis entkommen konnte.

Die vom vielen Trinken erhitzte Gesellschaft, die hier an einer langen Tafel saß, verstummte bei seinem kurzen Ausruf sofort. Hauptmann Dirksen war aufgesprungen. Auch er hatte Klaus Störtebeker erkannt und überlegte fieberhaft einen Ausweg.

„Wer seid Ihr und was wollt Ihr hier?“, rief er dem Mann zu, der sich jetzt mit dem Toten auf den Armen in seine Nähe gestellt hatte.

„Macht Platz!“, antwortete Störtebeker. „Der tote Graf braucht Platz an seiner Tafel!“

Dirksen zischte seinem Nachbarn zu:

„Wo sind die Wachen?“

Klaus hatte diese Frage trotzdem gehört und antwortete:

„Verlasst Euch nicht auf Eure Wachen, Hauptmann!“, donnerte er mit Stentorstimme durch den Saal. „Sie werden es nicht wagen, den Grafen von Ritzebüttel anzufassen!“

Zwei Schritte, und Störtebeker stand direkt vor ihm.

„Steht auf und macht dem Grafen Platz!“ Damit drehte er sich zu den anderen herum und fügte hinzu: „Niemand verlässt den Saal! Das Schloss ist umstellt, wer flieht, findet den Tod!“

Dirksen sah sich nach der anderen Tür, die sich hinter ihm befand, um, aber Störtebeker rief ihm sofort zu: „Bleibt, Hauptmann Dirksen! Ihr werdet als Gast dem Grafen von Ritzebüttel die Ehre erweisen, an seiner Rechten zu sitzen. Ich selbst nehme zur Linken meines Freundes Platz. Lasst Euch nicht weiter stören, ich möchte nur niemandem raten, den Saal zu verlassen! Also weiter, lasst es Euch schmecken!“

image
image
image

4.

image

Störtebeker hatte den toten Grafen auf den hohen Lehnstuhl gesetzt und wies jetzt zwei Diener an, ihn an der Lehne des Stuhles festzubinden. Voller Entsetzen hatte der Hauptmann neben dem Toten Platz genommen. Klaus tat überhaupt so, als befände er sich in heiterer Gesellschaft unter besten Freunden, und gerade diese unerschütterliche Sicherheit, mit der er hier auftrat, verblüffte die Hamburger dermaßen, dass sie nichts gegen ihn zu unternehmen wagten.

„So, nun bringt aber mehr Wein!“, rief er laut. „Was sind das überhaupt für Kindergläser? Habt Ihr nicht einen anständigen Humpen, aus dem ein ehrlicher Christenmensch gern trinkt? Holt mir einen anständigen Krug her!“

Der Haushofmeister eilte herbei, verbeugte sich und antwortete:

„Ich werde sofort den Befehl geben, Euer Gnaden sofort alles Gewünschte zu bringen! Es gibt einen silbernen Pokal, den wir Euch sofort bringen werden!“

Der Mann warf dem Hauptmann einen entsprechenden Blick zu und eilte hinaus. Dirksen hatte sofort begriffen, während Klaus ihn nicht bemerkt hatte. Als der Haushofmeister mit einem gut gefüllten Pokal zurückeilte, hatte er nicht den geringsten Argwohn gefasst. Er führte den Becher an die Lippen und leerte ihn in einem Zug. Danach stülpte er ihn umgedreht auf die Tafel. Bei dem krachenden Geräusch waren alle von ihren Sitzen aufgesprungen, und Klaus donnerte ihnen entgegen:

„Soll ich hier allein trinken? Tut mir den Gefallen, Ihr Herren! Auf das Wohl unseres erlauchten Gastes, dem Grafen von Ritzebüttel!“

Gehorsam hoben alle ihre Becher und ließen den Grafen hochleben.

Doch Störtebeker schwankte. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, er wischte sich über die Augen, schwankte stärker. Seine Hände suchten nach einem Halt, dann fiel er wie ein gefällter Baum um.

„Verrat – Gift ...“, murmelte er, dann trat ihm weißer Schaum vor den Mund und sein Kopf kippte kraftlos zur Seite.

Was jetzt folgte, lässt sich kaum beschreiben.

Alles lief zu dem Gestürzten, um sich davon zu überzeugen, dass er nun wirklich ungefährlich war. Dabei schrie und tobte alles durcheinander, die meisten hatten Angst, dass jeden Augenblick die Vitalienbrüder hereinstürzen könnten.

„Was hast du getan!“, schrie der Hauptmann. „Hast du ihm Gift gegeben?“

„Kein Gift, aber ein starkes Schlafmittel. Jetzt macht mit ihm, was Ihr wollt, Hauptmann! Am besten, Ihr schneidet ihm gleich die Kehle durch!“

„Du musst wahnsinnig sein! Ich stehe im Dienste des Senats von Hamburg und muss die Gefangenen, die in meine Hand fallen, dem Senat übergeben. Ich habe keine Gewalt über Leben und Tod!“

„Na, dann passt schön auf, dass er nicht wieder wach wird und Euch die Kehle durchschneidet, Hauptmann!“

„Wie konntest du es überhaupt wagen, diesen Mann so zu reizen? Hast du nicht gehört, dass er das Schloss umstellt hat? Wir werden alle über die Klinge springen, wenn sie erfahren, was hier geschehen ist!“

Jetzt lachte der Haushofmeister laut heraus.

„Mit Verlaub, Herr Hauptmann!“, erwiderte er. „Ich habe vor der Burg keinen einzigen Menschen gesehen, Ein paar Diener haben rasch die Umgebung abgesucht, während ich den Wein eingefüllt habe. Dort draußen befindet sich kein einziger Pirat!“

Bei diesen Worten brach erneuter Tumult aus. Am liebsten hätten sich jetzt alle auf Störtebeker gestürzt und ihn ermordet. Nun war es Dirksen, der ihn schützte.

„Zurück! Wagt es nicht, Hand an den Gefangenen zu legen! Er gehört dem Senat der Stadt Hamburg! Sperrt ihn in das Verlies! Aber durchsucht die Räume genau, ich möchte wissen, wie der Graf von dort entkommen konnte!“

Der Kerkermeister trat vor und berichtete, dass er schon alles untersucht habe, die Kerkertür weit geöffnet vorfand, die Wache jedoch nicht mehr anwesend war.

„Stellt zwei Wachen davor, wenn er unten ist. Und den toten Graf werft ebenfalls in die Zelle!“

Von allen Seiten ertönten beifällige Zurufe, und einer der Anwesenden rief laut: „Die beiden sind ja Freunde! Und uns hat er gezwungen, mit der Leiche am Tisch zu sitzen. Da wird er seine Freude im Kerker mit ihm haben!“

Schallendes Gelächter antwortete ihm.

Dirksen widersprach nicht und ließ die beiden hinaustragen. Danach wurde das Gelage verstärkt fortgesetzt, man war von dem seltsamen Spuk, der so plötzlich in den Saal geplatzt war und sie mit Angst und Schrecken erfüllt hatte, wie befreit.

Hauptmann Dirksen weigerte sich allerdings, erneut auf dem Lehnstuhl Platz zu nehmen, nachdem der Tote entfernt wurde.

image
image
image

5.

image

Als Störtebeker erwachte, war er nicht wenig erstaunt, in einem finsteren Raum zu liegen. Seine starke Natur überwand die Wirkung des Schlafmittels schneller, als der Haushofmeister berechnet hatte. Sofort fiel ihm die Schilderung des sterbenden Grafen ein, und er begann, sich tastend in dem Raum zu bewegen. Dabei stieß er auch auf den Toten und knirschte vor Wut mit den Zähnen.

Schließlich fand er die Säule und bewegte sich dahinter auf die beschriebene Ecke zu. Nach vielen Versuchen fand er endlich auch den Stein, der sich herauslösen ließ und in einem Scharnier zur Seite klappte. Im nächsten Augenblick kroch Klaus hinein. Der Gang war so niedrig, dass er sich nur auf den Unterarmen bewegen konnte, bis er schließlich an eine Treppe gelangte. So rasch es ihm bei den schlechten Sichtverhältnissen möglich war, eilte er hinauf und fand eine nur angelehnte, eiserne Tür, die der geschwächte Graf wohl nicht mehr hinter sich verschlossen hatte. Von hier aus ging es weiter durch einen Stollen, in dem er aufrecht stehen konnte, anschließend in den Brunnenschacht und gleich darauf atmete er wieder frische Luft.

Störtebeker befand sich im Freien, lief zum Ufer hinunter und rief mit seiner kleinen Pfeife, die er an einer Kette bei sich trug, das Boot herbei.

Wenig später schwang er sich über die Schanz auf das Deck und rief laut heraus:

„Freunde! Brüder! Das Schicksal ist uns günstig! Uns werden rund zweihundert Hanseaten in die Hände fallen!“

„Nieder mit ihnen! Schlagt sie wie tolle Hunde tot! Das Gesindel verdient es nicht anders!“, riefen seine Männer durcheinander.

„Ihr wisst, ich bin kein Freund von unnötigem Blutvergießen!“, antwortete ihnen Störtebeker. „Hört mir zu, was diese Mörder getan haben! Durch eine gefälschte Urkunde haben sie den Graf von Ritzebüttel, meinen väterlichen Freund, aus der Burg verjagt, die Diener teilweise ermordet und den alten Grafen selbst tödlich verwundet. Ich bin jetzt auch davon überzeugt, dass sie vor einiger Zeit auch den einzigen Sohn, Reimar, verschwinden ließen.“

Ein Wutgeheul war die Antwort. Störtebekers Gefährten wollten sofort zum Angriff geführt werden.

„Langsam, Brüder!“, antwortete er ihnen. „Ihr sollt Euren Wunsch in Erfüllung gehen sehen, bei Morgengrauen. Ich verlange für mich nur Hauptmann Dirksen. Ihn will ich an die Rahe des Großmastes knüpfen, als abschreckendes Beispiel für die hinterlistigen und feigen Schurken, die mir ein Schlafmittel in den Wein gemischt haben.“

„Hurra!“, kam der zustimmende Ruf.

„Hört meinen Plan! Er ist so eingerichtet, dass uns niemand entgehen kann!“

Die Vitalienbrüder drängten zur Schanze, und Störtebeker fuhr fort:

„Bis auf die Schiffswache bewaffnen sich alle. Danach führe ich euch durch den Wald und stelle euch vor dem Schloss so auf, dass keine Maus entrinnen kann. Sobald der Angriff beginnen soll, gebe ich einen Schuss ab. Vergesst nicht, zum Beginn mit den Schwertern auf die Schilde zu schlagen und ein paar Schüsse abzugeben. Je mehr Kampflärm ihr macht, desto besser!“

Es war sonst nicht Störtebekers Art, mit Lärm in den Kampf zu ziehen, aber seine Männer waren davon überzeugt, dass er jetzt dafür gute Gründe hatte.

„Ich will euch gleich erklären, wozu der Lärm dienen soll. Alle Männer, die sich außerhalb des Schlosses befinden, werden sich rasch dorthin zurückziehen. Danach wird das Tor verrammelt und die Zugbrücke hochgezogen. Die Hanseaten werden zur Verteidigung auf die Mauern eilen.“

Das schien den Likedeelern allerdings ein seltsamer Plan zu sein. Sie sahen sich fragend an, aber keiner schien zu verstehen, was ihr Anführer da plante, bis er schließlich fortfuhr:

„Während das alles geschieht, werde ich mit ein paar ausgesuchten Männern einen Weg nehmen, den nur ich kenne, und auf diese Weise den Verteidigern in den Rücken fallen. Das wird ihnen einen gehörigen Schrecken versetzen, denn sie glauben, ich wäre im Gefängnis unter dem Schloss. Wen wir bis dahin noch nicht niedergemacht haben, der wird versuchen, durch das Tor zu entkommen und euch direkt in die Hände laufen.“

„Dann werden wir sie niedermachen! Klaus Störtebeker, führe uns zum Kampf! Wir folgen dir!“, riefen die Vitalienbrüder begeistert aus.

image
image
image

6.

image

An Land herrschte unter den Angreifern sofort tiefstes Stillschweigen. Als sie vor den Mauern standen, begannen sie sofort mit ihrem Lärm, doch es sollte lange dauern, bis die betrunkenen Hanseaten dadurch alarmiert wurden. Viele von ihnen lagen in den Ecken und schliefen, andere hatten alle Behältnisse aufgebrochen und nach Schmuckstücken gesucht.

Hauptmann Dirksen in seinem Ärger über die Rolle, die er beim Erscheinen Störtebekers gespielt hatte, trank so viel Wein, dass er kaum noch stehen konnte.

Schließlich brachte er mit schwerer Zunge eine Idee heraus, die ihm gerade durch den Kopf geschossen war. Er schlug seinen Zechgenossen vor, Störtebeker einen Besuch im Kerker zu machen und dabei den Kerl einfach abzustechen. Sein benebelter Kopf hatte plötzlich nicht mehr den Willen, diesen kostbaren Gefangenen vor den Senat zu stellen – er wollte ihn nur noch tot sehen.

Allgemeiner Jubel begleitete seine Worte, die er mühsam formuliert hatte. Schwankend erhob er sich und gleich darauf torkelte die ganze Gesellschaft über den Flur, gefolgt von Dienern, die Fackeln in den Händen trugen.

Störtebeker hatte inzwischen seine Leute aufgestellt und eilte mit seinen ausgesuchten Kämpfern durch den Gang in das Gefängnis hinunter. Rasch füllte sich der Raum, in dem noch immer der tote Graf lag, und einige mussten sogar draußen auf dem Gang das weitere Geschehen abwarten. Eben wollte Störtebeker die Tür des Kerkers aufsprengen, als sich der Lärm der betrunkenen Männer vernehmen ließ. Lächelnd trat er von der Tür zurück, als die Riegel laut zurückgeschoben wurden und sich anschließend der Schlüssel kreischend im Schloss drehte.

„Wo ist dieser See...räuber?“, lallte der Hauptmann.

„Hier!“, donnerte ihm Störtebeker entgegen und stieß mit dem Fuß gegen die Tür, die dem ersten Mann an den Kopf schlug.

Hauptmann Dirksen fiel vor Schreck die Waffe aus der Hand, und auch die anderen wichen zurück, als sie ihren Feind so munter vor sich sahen. Die hinteren wandten sich bereits zur Flucht, während die Vitalienbrüder rasch nachdrängten und alle niederschlugen.

Den Hauptmann fesselte Störtebeker selbst, die anderen wurden kurzerhand danebengelegt, anschließen eilten sie nach oben. Hier war schon von Weitem der Lärm der Angreifer zu hören, und auf den Mauern standen die Verteidiger, die sich vollkommen sicher fühlten. Störtebeker zog die Männer, mit denen er durch den Kerker eingedrungen war, um sich und gleich darauf begann der Angriff aus Fenstern und Türen des Schlosses. Die Soldaten auf den Mauern wurden unter Beschuss genommen, und schließlich stürmten sie auf den Hof hinaus.

„Das ist Störtebeker!“

Der laute Ruf klang über den Gefechtslärm und lähmte die Verteidiger für einen Moment. Gleich darauf sahen die Männer von der Mauer herab die Feinde in den Hof laufen und sofort versuchten die meisten von ihnen, die Mauer an einer Stelle zu verlassen, die weiter entfernt war, um das Tor zu erreichen. Einige sprangen sogar über die Mauer in den Wassergraben. Die Menge aber hatte das Tor erreicht und riss es auf, jedoch nur, um vom Regen in die Traufe zu kommen. Denn dort wurden sie von den Angreifern bereits erwartet, und nun entspann sich ein fürchterlicher Kampf, der aber nicht lange andauerte.

Gegen die wütend angreifenden Vitalienbrüder hatten die Soldaten kaum Chancen. Sie verteidigten sich zwar, so gut es ging, aber die Angreifer waren ihnen stark überlegen. Eine blutige Spur führte bald darauf vom Tor in den Innenhof, in den einige von ihnen rasch zurückdrängten. Doch hier stießen sie auf die anderen Angreifer, und das ließ den Kampf schnell beenden.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920833
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v432530
Schlagworte
klaus störtebeker schrecken weltmeere band unter flagge

Autor

Zurück

Titel: Klaus Störtebeker – Der Schrecken der Weltmeere Band 3: Unter der roten Flagge