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Klaus Störtebeker – Der Schrecken der Weltmeere Band 2: Kampf gegen die Schwarze Margarete

2018 120 Seiten

Leseprobe

Klaus Störtebeker – Der Schrecken der Weltmeere Band 2: Kampf gegen die Schwarze Margarete

nacherzählt von Tomos Forrest

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Titelbild: Nach einem Motiv von William L. Wyllie, 2018

Lektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Junker Klaus von Winsfeldt, auch Störtebeker genannt, ist es gelungen, die Vitalienbrüder zu einen und die Flotte unter sein Kommando zu stellen. Doch die Zahl seiner Feinde wächst ständig. Da ist zunächst Goedeke Michels, der aus einer Gefangenschaft auf die Piratenburg geflohen ist, die er sich auf Helgoland errichtet hat. Und dann ist da noch die Schwarze Margarete, wie die Königin von Dänemark genannt wird. Sie hat nicht nur der schönen Hilde von Schleswig mit dem Tod gedroht, sondern auch allen Vitalienbrüdern. Klaus Störtebeker bleibt nichts anderes übrig, als Kopenhagen anzugreifen. Aber dort erwartet ihn eine gefährliche Überraschung ...

***

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1.

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Blut und Tod, das wird ein Sturm, wie ich noch keinen erlebt habe!“, rief Klaus Störtebeker und sprang aus seiner Koje. Die heftigen Stöße des Schiffes hatten ihn geweckt. „Der Meeresgott versetzt ja dem Eisernen Michel Rippenstöße, dass sich alles umdreht. Ich werde doch mal nachsehen müssen, wie es an Deck aussieht!“

Auf dem Deck umfing ihn rabenschwarze Finsternis. Kaum die Hand vor Augen war zu erkennen. Zum Sturm hatten sich Hagel- und Regenschauer gemischt, die ihm jetzt in das Gesicht peitschten.

Donnernd schlugen haushohe Wellenberge gegen die Planken des Schiffes, und wie Wasserfälle ergoss sich die See über das Deck. Rasch sprang Störtebeker auf die Schanze, um das Kommando zu übernehmen.

„Alle Segel herunter und Sturmsegel gesetzt!“, rief er durch das Sprachrohr über Deck. „Noch zwei Mann an das Steuerruder und haltet das Schiff mit dem Bug in die See!“

Aber vergeblich stemmten sich vier Männer in die Speichen des großen Steuerrades. Brüllend tobten die Wogen gegen den Bug, hoben es mit mächtiger Gewalt hoch hinauf und stürzten es wieder hinab in das nächste Wellental.

Ein gellender Schrei zerriss plötzlich die Luft.

Einer der Männer am Ruder war durch die heftigen Bewegungen ausgeglitten und das nicht mehr zu haltende Ruder fuhr herum und zerschmetterte dem Unglücklichen die Knochen.

„Hölle und Teufel!“, schrie Störtebeker und sprang zum Steuerrad, um es mit seinen eisernen Fäusten zu packen. Langsam, aber doch Strich für Strich drehte er gemeinsam mit den anderen das Steuer nun so, dass der Bug des Schiffes wieder gegen die anstürmenden Wasserberge gerichtet war.

„Brandung voraus!“, erklang in diesem Moment die warnende Stimme des Ausgucks vom Fockmast, fast übertönt vom Pfeifen und Heulen des Windes im Takelwerk.

Aber Störtebeker hatte den Ruf vernommen und spähte in die Nacht hinaus. Da zuckte ein ganzes Bündel schwefelgelber Blitzschlangen vom Himmel herunter, und ein betäubendes Krachen folgte fast gleichzeitig.

Das Schiff erbebte heftig.

Ein Blitz hatte in den Mast eingeschlagen und die oberste Stenge zertrümmert. Holz- und Takelwerk stürzte auf das Deck herunter, und die herunter brechende Rah stieß mit ungeheurer Wucht ein Loch in den Boden der Schanz unmittelbar neben Störtebeker, der um ein Haar erschlagen worden wäre.

Aber der verlor keinen Augenblick seine Geistesgegenwart. Er durfte seinen Posten nicht verlassen, sondern musste das Steuerrad halten, egal, was da noch kam.

„Beile her!“, dröhnte seine kräftige Stimme durch das Wüten des Sturmes. „Kappt die Haltetaue! Über Bord mit dem unnützen Splitterwerk! Wo ist der Zimmermann?“

Hinrik Nissen, der Fischersohn, den Klaus Störtebeker einst aus der Nordsee gerettet hatte, vernahm den Ruf seines Kapitäns. Er kletterte geschickt über die Trümmer der zersplitterten Stenge und arbeitete sich durch das Gewirr der zerfetzten Takelage zur Großluke, um nach unten zu gelangen.

Lange blieb er nicht unter Deck und stand gleich darauf wieder neben dem Steuer.

„Kapitän!“, schrie er, seinen Mund dicht an das Ohr Störtebekers haltend. „Der Zimmermann liegt gefesselt in seinem Raum und stöhnt. Durch die offene Luke bricht die See herein. Würden wir tiefer liegen, müssten wir sinken!“

„Blut und Tod! Ich wittere Unrat! Da ist Verrat im Spiel! Steuermann, haltet das Ruder und nehmt alle dazu, die ihr benötigt!“

Die Leute, die ihren Kapitän staunend bewunderten, sprangen sofort herbei und unterstützen die anderen am Steuerrad, während Klaus Störtebeker unter Deck eilte. Hier blickte er aus der offenen Luke auf das Meer hinaus und erkannte das dort noch hängende Tau.

„Beim Satan! Goedeke Michels ist geflohen!“

So rasch es ihm möglich war, schlug Störtebeker die Luke zu und vernagelte sie, damit kein weiteres Wasser eindringen konnte. Dann erst befreite er den Zimmermann von seinen Fesseln.

„Was ist hier passiert?“, herrschte er den Mann an, dem die Fesseln tief ins Fleisch geschnitten hatten. Der Zimmermann berichtete, was sich zugetragen hatte, und dass der Matrose Willers Goedeke Michels zur Flucht verhalf.

„Wie lange ist er schon von Bord?“

„Schon lange bevor der Sturm einsetzte, Kapitän!“

„Dann muss ihn der Sturm mitten auf dem Meer erfasst haben. Was meinst du, Zimmermann, kann er das überlebt haben?“

„Kaum, Herr. Es war zwar ein tragfähiges Floß, das er sich mit dem Schuft Willers zusammengebaut hat. Goedeke ist ein alter Fahrensmann, der schon manchen Sturm erlebt hat. Ihm allein würde ich es zutrauen, dass er es schafft.“

„Blut und Tod! Mir wäre es auch gar nicht recht, wenn er dabei ertrinkt. Ich brauche ihn noch, denn er hat großen Einfluss bei den Vitalienbrüdern und kennt alle Küsten, Schlupfwinkel sowie Freund und Feind genau. Hast du gehört, wo er hin wollte?“

„Nein, Kapitän. Aber wo kann er anders hinwollen, als nach Helgoland? Da haben die Brüder ihren Sitz, außerdem treibt die Strömung auf Helgoland zu. Wenn er es tatsächlich in diesem Sturm schafft, dann kann er nur nach Helgoland.“

„Nimm einen Schluck Rum, damit du wieder auf die Beine kommst, und dann aufs Deck mit dir, wir brauchen dich dort dringend!“, ordnete Störtebeker an.

„Mir ist zwar noch immer nicht ganz wohl, Kapitän, aber ich helfe euch zuerst an Deck, bevor ich einen Schluck Rum zu mir nehme.“

„So liebe ich es, Zimmermann! Du bist ein Kerl, wie ich ihn brauchen kann!“

Damit schulterte der Zimmermann seine Axt und eilte mit seinem Kapitän auf das Deck, wo die Matrosen auf Anweisung des Bootsmannes bereits mit dem Aufräumen begonnen hatten.

Aber noch tobte der Sturm, und die Männer mussten sich bei ihrer Arbeit festbinden, um nicht mit einer Welle über Bord zu gehen.

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2.

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Endlich hatte der furchtbare Orkan nachgelassen.

Die See ging zwar noch immer hoch, aber die größte Gefahr war doch vorüber. Die Blitze zuckten seltener, der Donner grollte in der Ferne. Jetzt konnte sich Störtebeker wieder hinlegen, er wusste sein Schiff in guten Händen und hatte Übermenschliches am Steuerrad geleistet.

Aber schon am nächsten Morgen war Klaus Störtebeker wieder früh auf den Beinen, denn es wurde Zeit, dem Verräter seinen Lohn auszuzahlen. Pluto hatte bei ihm gute Wache gehalten, und der Mann eine fürchterliche Nacht in der kleinen Kammer verbracht. In seiner entsetzlichen Angst war er auf einen merkwürdigen Ausweg gekommen. Er wollte Störtebeker sein Gold anbieten.

„Marsch, hoch auf das Deck mit dir zur Aburteilung!“, herrschte ihn der Kapitän an, als er ihn aus der Kammer zerrte.

„Gnade, Barmherzigkeit!“, winselte der Verräter und fiel vor Störtebeker auf die Knie.

„Mach, dass du nach oben kommst, oder, beim Satan, ich lasse dich hier von dem Hund zerfleischen! Und wage nicht, von Bord zu springen, sonst sitzt dir das Tier im nächsten Augenblick an der Kehle!“

Pluto schien alles verstanden zu haben. Er gab einen grollenden Ton von sich und stieß den noch immer am Boden sitzenden Mann so heftig mit der Schnauze an, dass der gellend aufschrie.

Störtebeker dauerte das alles viel zu lange. Er packte den Mann am Kragen und schleppte ihn, als hätte er kein Gewicht, die Treppen hinauf und warf ihn wie einen alten Sack auf die Planken.

Laut aufheulend und ständig um Gnade wimmernd, zog er natürlich die Aufmerksamkeit der Mannschaft auf sich, die sich auf einen Wink des Kapitäns im Kreis um ihn stellte.

„Wir haben einen Verräter unter uns. Zimmermann, berichte, was der Schurke getan hat!“

Mit kurzen Worten schilderte der Zimmermann die Ereignisse, und als er endete, rief Störtebeker: „Ihr habt es gehört. Was hat der Kerl verdient?“

„Den Tod! Knüpft ihn an die Rahe! Werft ihn über Bord!“

So riefen alle durcheinander, bis Störtebeker mit der Hand winkte.

„Keine unnötigen Grausamkeiten, die dulde ich nicht. Macht kurzen Prozess mit ihm. Den Tod hat der Schuft verdient, ihr entscheidet, auf welche Weise!“

Jetzt trat der Zimmermann vor und bat ums Wort, das ihm Störtebeker gestattete.

„Dieser Schuft hat mich wohl am meisten geschädigt. Wenn ihn keiner von euch verurteilen will, gebt ihn mir. Ich verspreche euch, dass er nie wieder einen solchen Streich ausführen wird!“

„Gnade!“, rief Willers erneut und kroch auf allen Vieren zu Störtebeker hinüber.

„Lasst mich frei, Herr! Ich biete euch ein großes Lösegeld! Eine ganze Sturmhaube voller Golddukaten soll euer Eigentum sein. Ja, ich kann euch noch viel mehr davon zeigen, denn ich weiß, wo ganze Berge von Gold versteckt sind. Wenn ihr mich aber tötet, werdet ihr das Versteck nie erfahren!“

„Du willst mich bestechen?“, schrie ihn Störtebeker an und versetzte ihm dabei einen kräftigen Fußtritt.

„Hört mich an, Kameraden, ich habe unermessliche Schätze, die mir Goedeke Michels geschenkt hat! Jeder von euch kann so viel bekommen, dass er es kaum wegschleppen kann! Was habt ihr davon, wenn ihr mich ermordet? Mit mir stirbt das Geheimnis, denn Goedeke ist geflohen und sicher in dem Sturm ertrunken! Wählt zwischen mir und Störtebeker, wer zu mir hält, soll reich belohnt werden!“

Aber ein lauter Schrei der Empörung antwortete ihm und die Hände streckten sich bereits nach ihm aus.

„So sollst du wenigstens mit mir zur Hölle fahren!“, schrie er und hatte plötzlich ein verborgenes Messer in der Hand. Ein gewaltiger Satz, und er sprang auf Störtebeker zu, hatte aber nicht mit dem Zimmermann gerechnet, der ebenfalls ein Messer gezogen hatte und es jetzt tief in die Brust des Verräters stieß.

Sterbend stürzte Willers auf das Deck und wurde gleich darauf von den Matrosen über Bord geworfen.

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3.

STÖRTEBEKER TRAF SEINE Anordnungen, um den Kurs auf Helgoland zu nehmen und dabei Ausschau nach dem Geflohenen zu halten. Mit Magister Wigbold unterhielt er sich darüber. „Sollte ich Goedeke Michels lebend antreffen und er unterwirft sich nicht sofort, dann Gnade ihm Gott!“

„Wenn er die Burg der Vitalienbrüder erreicht, wird das nicht so leicht werden!“, antwortete der Magister. „Die Frage ist aber, wie wir in die Burg gelangen können, um ihn zu bezwingen!“

„Alle Männer, die sie einmal gesehen haben, bestätigen, dass man sie von der Seeseite nicht einnehmen kann“, antwortete Störtebeker. „Aber viele von ihnen glauben auch, dass es einen geheimen Zugang geben muss.“

„Den zu finden wird nicht einfach werden!“

„Richtig, aber wir haben unseren Pluto dabei, der die Spur Goedekes aufnehmen kann. Aber wie auch immer, wir werden Helgoland noch in der Nacht erreichen. Am Morgen danach soll meine Fahne über der Burg wehen!“

„Wie willst du das anstellen, Klaus?“

„Ich werde mich an einer abgelegenen Stelle an Land setzen lassen und nach dem Geheimgang suchen, anschließend eindringen und Goedeke Michels überwältigen.“

„Du ganz allein?“

„Je weniger wir dort sind, desto unauffälliger. Aber ich werde natürlich meinen treuen Hund mitnehmen.“

„Dann bin ich auch mit Rat und Tat an deiner Seite, Klaus. Ich hätte vielleicht auch ein Mittel, die ganze Festung in Trümmern zu legen!“, erklärte der Magister mit einem listigen Lächeln.

„Oh nein!“, antwortete Störtebeker rasch. „Das verbiete ich dir ausdrücklich! Meinetwegen komm mit, aber die Festung will ich erhalten und später selbst nutzen!“

In diesem Augenblick trat Hinrik zu ihnen.

„Kapitän, der Steuermann sagt, dass wir nicht näher an die Insel heran dürfen, weil es hier Untiefen mit Felsen gibt!“, berichtete der junge Matrose.

„Es ist gut, Hinrik, du kannst ihm ausrichten, dass ich gleich selbst das Steuer übernehme, ich kenne mich hier zur Genüge aus. Na – was ist? Was stehst du hier noch herum?“

Hinrik war sichtlich verlegen, hatte aber noch etwas auf dem Herzen.

„Kapitän, Ihr plant doch etwas mit der Piratenfestung heute Nacht, stimmt’s?“

„Kann sein, warum fragst du?“

„Bitte, Kapitän, nehmt mich mit an Land, ich beschwöre Euch!“

„Das ist nichts für Kinder!“

„Ich bin kein Kind mehr, Kapitän!“, antwortete Hinrik beleidigt. „Ich bin alt genug und will nicht immer an Bord bleiben, wenn ein Abenteuer winkt!“

Klaus Störtebeker musste schmunzeln.

„Aber du setzt dein Leben dabei aufs Spiel!“

„Habt Ihr nicht auch Euer Leben für mich aufs Spiel gesetzt, Kapitän?“

„Hm, wenn du es wirklich riskieren willst, meinetwegen, du kannst mitkommen!“, sagte Störtebeker etwas zögerlich.

„Danke, Kapitän, Ihr werdet es bestimmt nicht bereuen!“, rief Hinrik und eilte hinauf zum Steuermann.

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4.

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Kaum war die Nacht hereingebrochen, als Störtebeker befahl, ein Boot zu Wasser zu lassen. Alles schien für sein Vorhaben bestens geeignet, die Nacht war stockfinster, kein Stern stand am Himmel. Doch die See ging noch hoch. Schaumkronen waren in der Dunkelheit auf den sich überstürzenden Wellen erkennbar. Der Steuermann machte deshalb Einwände und meinte, dass sich sein Kapitän in unnötige Gefahr begäbe, aber Störtebeker war von seiner Fahrt nicht abzubringen. In das Boot stiegen außer ihm, dem Magister, Hinrik und dem Hund Pluto nur noch zwei Ruderer.

Ihre Bewaffnung bestand nur aus wenigen Stücken wie einem Messer oder einem Schwert, um sich nicht unnötig zu belasten. Dann stießen sie vom Schiff ab, ständig bemüht, so wenige Geräusche wie möglich zu verursachen.

Durch die zahlreichen Felsen und Untiefen trieben die Männer das Boot mit kräftigen Schlägen auf Helgoland zu, wobei sich Störtebeker am Steuer nur nach einem Kompass richten konnte. Er hatte sich seinen Weg genau überlegt, denn falls man Wachen ausgestellt hatte, würden die sich auf dieser Seite kaum zeigen. Von dieser Seite war kein Angriff zu befürchten, dafür sorgten schon die natürlichen Hindernisse. Aber Störtebeker hatte keine Sorge, mit dem kleinen Boot aufzulaufen und hielt deshalb seinen Kurs, als befände er sich in vollkommen sicheren Gewässern.

Doch dann schien auch seine Kunst am Ende zu sein, denn ein mächtiger Felsblock versperrte dem Boot ohne jeden Ausweg die Weiterfahrt. Kurz entschlossen sprang Störtebeker auf den schwarzen Felsen, fand auch Halt und half anschließend seiner Dogge, ebenfalls auf den Felsen zu gelangen.

Hatte er den geheimen Zugang der Vitalienbrüder hier gefunden? Der Felsen lag noch zu weit im Wasser, das ließ sich jetzt trotz der Dunkelheit erkennen. Als er seinen Pluto ein wenig umher schnüffeln ließ, hatte der offenbar nach einer Weile eine Spur aufgenommen und führte seinen Herrn an eine Stelle am Felsen, an der auch in der Dunkelheit helle Schrammen im Felsgestein erkennbar wurden. Störtebeker bückte sich tief über den Untergrund und konnte bald darauf ausmachen, dass man hier offenbar regelmäßig die Boote herübergezogen hatte.

Als er sich wieder aufrichtete und zum Felsenufer Helgolands blickte, war dort zwar keine Burg zu erkennen, aber er war sich sicher, dass es hier einen geheimen Zugang geben musste. Also ließ er seine Männer aussteigen und das Boot ebenfalls über den Felsen ziehen, um dann die Distanz zur eigentlichen Insel zu überwinden.

Hier war das Wasser erheblich ruhig, aber in der Dunkelheit nirgendwo eine geeignete Stelle zum Landen zu erkennen.

Klaus Störtebeker drehte das Boot mit dem Bug zur Insel und ließ es treiben, bis es gegen die Felsenwand stieß. Er kletterte in den Bug und tastete sich an den Felsen entlang, ohne einen Eingang zu entdecken. Dicht neben ihm drängte sich auch Pluto an die Felswand und schien noch immer eine Fährte zu wittern. So schob der Kapitän das Boot langsam an der Wand entlang und stieß schließlich einen Fluch aus.

„Blut und Tod! Es ist wie verhext! Wir stehen vor einer Mauer und kommen nicht weiter. Wenn man wenigstens besser sehen könnte! Aber wir haben ja kein Licht mitgenommen!“

„Damit kann ich dienen!“, erwiderte der Magister im Flüsterton. „Ich habe eine sogenannte magische Laterne mit dabei, Klaus.“

Mit diesen Worten zog der ein kleines Fläschchen hervor, das plötzlich ein gelb-grünes Licht von sich gab. Es blendete nicht, aber mit seinem Schein konnte man die Felsenwand vor dem Boot besser erkennen.

Auf die beiden Ruderer machte diese seltsame Laterne, die der Magister wohl brennend in seiner Tasche getragen hatte, einen so unheimlichen Eindruck, dass sie sich unwillkürlich bekreuzigten. Dabei war die Erklärung für Störtebeker sofort klar. Magister Wigbold hatte etwas Phosphor in eine Flasche mit Öl gelegt, das nun, nach dem kurzen Öffnen des Verschlusses, dieses Licht erzeugte.

Störtebeker leuchtete damit jetzt die Felsenwand an der Wasserlinie ab und rief nach einer kurzen Weile:

„Großartig! Zieht an Backbord mit den Rudern an, aber langsam und vorsichtig, damit wir uns nicht den Schädel einrennen!“

„Was ist großartig?“, erkundigte sich der Magister.

„Du wirst gleich eine Überraschung erleben, Meister Wigbold. Nur einen Augenblick, dann haben wir Gewissheit – ja, hier! Zieht an, Jungs, langsam, aber nachhaltig! So – jetzt – bückt euch, legt euch flach ins Boot und zieht die Ruder ein!“

Sein Befehl wurde augenblicklich befolgt, und im schwachen Schimmer der Flasche konnte man die schwachen Umrisse der Felsen über und neben sich erkennen. Das Boot war in eine Höhle geglitten, deren Eingang nur knapp über dem Meeresspiegel lag.

„Seht euch das an! Da haben doch die Kerle hier im Felsen einen richtigen Hafen angelegt! Hier liegt ein kleines Fahrzeug neben dem anderen!“, flüsterte Klaus, während ihr Boot langsam weiter trieb.

Jetzt reichte der schwache Lichtschein nicht mehr aus, um die Größe der Höhle zu erkennen. Endlich lief ihr Boot auf einen natürlichen Sandstreifen auf, hinter dem sich ein dunkler Gang erkennen ließ.

„Jetzt heißt es, ganz vorsichtig zu sein! Seid leise! Wir dürfen kein Geräusch mehr machen, das hier unten laut hallen würde!“, mahnte Störtebeker seine Leute. Als er an Land sprang, war Pluto sofort an seiner Seite und schnüffelte im Ufersand. Hier lag offenbar das Floß, mit dem Goedeke Michels geflohen war. Klaus untersuchte es rasch und war nun restlos überzeugt, dass seinem Gefangenen die Flucht bis in sein Versteck tatsächlich geglückt war. Er befahl den beiden Ruderern, sich bereit zu halten und wies Hinrik an, bei den Männern zu bleiben, anschließend folgte er rasch dem vorauseilenden Hund in den Gang hinein. Der alte Magister schloss sich den beiden an.

„Das ist hier wie in einer Klamm“, erklärte Magister Wigbold. „Ein Felsenriss, der im Laufe der Jahrtausende vom eindringenden Wasser ausgespült wurde. Deshalb gibt es in der Höhle auch den Schwemmsand. Du merkst, wie der Weg langsam ansteigt und uns direkt in die Burg der Piraten bringen wird.“

„So habe ich es mir vorgestellt!“, antwortete Klaus im Flüsterton. Nach einer Weile stieß sein Fuß gegen einen Stein, und als er mit seinem Phosphorlicht leuchtete, erkannte er eine Stufe. „Aber horch doch mal – da sind Stimmen zu vernehmen!“

Mit diesen Worten hatte er sein Schwert gezogen und war lauschend stehen geblieben. Doch dann wollte er weitereilen, was Wigbold mit einem raschen Griff verhinderte.

„Du willst doch nicht mitten in das Piratennest stürmen, Klaus?“

„Und warum nicht?“, antwortete ihm der Kapitän.

„Weil dich da jeder Trottel von hinten abstechen kann, Klaus, und du hast noch nicht einmal eine Schusswaffe bei dir!“

„Brauche ich nicht, Wigbold. Wir haben den Überraschungseffekt auf unserer Seite, außerdem bin ich stark genug und werde mir den Weg mit dem Schwert freischlagen!“

„Die Übermacht wäre zu groß. Lass uns überlegen, wie wir vernünftig vorgehen, Klaus!“

„Du bist eine Unke, Wigbold. Mich drängt es vorwärts. Dem Mutigen gehört die Welt, und noch in dieser Nacht muss die Festung in unsere Hand fallen!“

Damit schritt Störtebeker energisch vorwärts. Die Stufen gingen in eine regelmäßige Treppe über, und aus dem Felsengang wurde ein gemauerter Gang mit regelmäßigem Gewölbe.

Die Luft hier war dumpf, feucht und modrig, ein Zeichen, dass der Gang nicht ganz offen war und keinen freien Abzug hatte.

„Wir werden wohl gleich auf ein Hindernis treffen“, brummte Störtebeker. „Es wäre fatal, wenn wir auf eine Tür stoßen, die wir nicht öffnen können, ohne Lärm zu machen.“

„Dein ganzes Unternehmen ist wie ein Stück aus dem Tollhaus, Störtebeker!“, antwortete Wigbold. „Wenn wir in diesem verfluchten Gang überrascht werden, sitzen wir in der Falle. Hör auf mich, Klaus, renn nicht mit dem Kopf gegen die Wand!“

„Ich kann sie singen und lachen hören!“, antwortete der. „Das macht mich rasend. Für mich ist es, als würden sie sich über mich lustig machen!“

Plötzlich vernahm der Magister einen unterdrückten Fluch seines Kapitäns.

„Was ist jetzt wieder?“

„Ein Hindernis, aber diesmal scheint es unüberwindlich zu sein!“, kam die Antwort.

„Eine Tür aus dicken Eichenbohlen und mit Eisen beschlagen. Hier scheint unser Weg zu Ende zu sein.“

Klaus Störtebeker begann sofort damit, die Tür abzutasten, während auch die Dogge daran herumschnüffelte. Er beobachtete den Hund, dann drehte er sich zu den beiden Gefährten Wigbold und Pluto um und flüsterte kaum vernehmbar:

„Hinter der Tür steht ein Posten, Pluto hat ihn gewittert. Das kommt mir wie gerufen!“

Noch ehe Wigbold etwas antworten konnte, klopfte Störtebeker mit dem Knauf seines Schwertes an die Tür.

„Wer da?“, kam der Ruf der Wache.

„Kapitän Preen vom Leopard!“, antwortete Störtebeker.

„Der ist doch gesunken?“, kam die Antwort.

„Ja, leider, der Satan half diesem Störtebeker dabei, als er unser schönes Schiff in den Grund gebohrt hat. Mit Müh und Not konnte ich mich auf einer Spiere retten und bin nach unsäglichen Mühen endlich hier gelandet. Öffne jetzt, ich bin zu Tode erschöpft!“

„Wenn du Preen bist, hast du doch einen Schlüssel für die Tür!“

„Dummkopft! Glaubst du, ich habe meine Sachen noch am Leib? Es ist mir in Fetzen alles zerrissen worden, zum Teufel, öffne jetzt, oder ich melde es Goedeke Michels!“

Ein unwirsches Brummen, dann die Antwort:

„Ich habe strengen Befehl, niemandem zu öffnen. Wer hier herein will, muss selbst aufschließen können!“

„Du bist ein Narr! Mein Schiff ist gesunken, ich bin erschöpft dem Tod entronnen, und du verlangst, dass ich die Tür aufschließe!“

Erneut brummte die Wache etwas, dann wurde ein Schlüssel in das Schloss geschoben, mehrfach herumgedreht, und ein schmaler Spalt öffnete sich.

Darauf hatte Störtebeker gewartet. Er hatte sich so postiert, dass er nicht sofort durch den Spalt erkannt werden konnte, und die Wache musste nun die Tür weiter aufmachen. Da sprang Störtebeker vor, packte den Wächter blitzschnell an der Kehle und zischte dem Magister zu: „Nimm deinen Gürtel, Wigbold, und fessle den Kerl damit!“

Anschließend riss Störtebeker dem Mann einen Stoffstreifen aus dem Hemd, knebelte ihn zusätzlich und legte ihn auf die Seite. Danach zog er die Tür wieder zu und steckte den Schlüssel zu sich.

Deutlich war das Stimmengewirr nun zu hören, und Störtebeker befahl den beiden, hier auf seine Rückkehr zu warten.

„Klaus, das ist doch Wahnsinn, allein zu den Burschen zu gehen!“, antwortete mit unterdrückter Stimme der Magister. „Was auch passiert, ich bleibe an deiner Seite!“

„Gut, also vorwärts, es gibt für uns kein Zurück mehr!“

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5.

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Es ging noch eine zweite Treppe hinauf in einen Raum, der direkt über dem Kellergewölbe mit dem Wachtposten lag. Doch auch hier war noch niemand zu sehen, bis die beiden Männer mit dem Hund auf einen Gang trafen, der ebenfalls so dunkel war, dass sie sich mit dem Licht aus der Flasche orientieren mussten. Zudem gaben ihnen die Stimmen der Anwesenden die Richtung vor. Hinter einer Tür schimmerte Licht hervor. Störtebeker hielt sein Ohr daran, als er die Stimme Goedeke Michels heraushörte. Offenbar fand ein wüstes Zechgelage statt, denn immer wieder lachten und gröhlten die Männer durcheinander.

„So macht es dieser Störtebeker!“, schrie Michels gerade über den Lärm. „Er säuft den Humpen aus und knallt ihn auf den Tisch!“

Erneutes Gelächter, dann hörte man erneut, wie ein Becher auf den Tisch geschlagen wurde.

„Stürze den Becher!“, schrie Michels. „Ja, während er oben fröhlich feierte, feilte ich meine Ketten durch. Wahrscheinlich sitzt er noch immer an der Tafel und säuft! Das kann manchmal zu unangenehmen Überraschungen führen!“

In das folgende Gelächter rief eine kräftige Stimme von der Tür:

„Da hast du wohl recht, Goedeke Michels!“

Wie erstarrt saßen die Männer auf ihren Bänken und konnten nicht glauben, wer da vor ihnen plötzlich wie ein Spuk im Raum erschienen war. Wie war es möglich, dass dieser Mensch in ihre Festung gelangte?

Schließlich erlangten die Ersten ihre Reaktionsfähigkeit zurück, sprangen auf und griffen zu den Waffen. Doch bei dem Tumult wurde die einzige Öllampe auf dem Tisch umgerissen, und es wurde schlagartig dunkel im Raum.

Aber gleich darauf war ein seltsames Licht in der Dunkelheit zu erkennen, das frei in der Luft hing. Kaltes Grauen ergriff die kampferprobten Männer, als dieses grünlich-gelbe Licht über dem Kopf eines Mannes zu schweben schien.

„Keiner rührt sich von der Stelle!“, donnerte sie Störtebeker an. „Wir haben eure Burg besetzt, die überwältigten Posten haben mir ihre Treue geschworen. Jetzt liegt es an euch, was weiter geschehen wird. Mir liegt nichts daran, das Blut der Vitalienbrüder zu vergießen, denn wir sind alle Bundesgenossen. Im Gegenteil. Ich wünsche mir nichts mehr, als in die Bruderschaft dieser tapferen Männer aufgenommen zu werden. Seid ihr dazu bereit?“

Ein Murmeln lief durch die Reihen der abwartenden Männer.

So einen Kerl hatte noch keiner von ihnen erlebt! Klaus nutzte den Moment und fuhr fort:

„Eure Feinde sind auch meine Feinde, Dänen und Hamburger, besonders die reichen Pfeffersäcke. Wir wollen nicht Seeraub betreiben, sondern gerechte Fehden führen. Aber eine Bedingung stelle ich euch: Nur der stärkste soll der Anführer sein!“

„Das ist wohl klar!“, rief jemand aus der Dunkelheit, und andere Stimmen ergänzten:

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920802
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juli)
Schlagworte
klaus störtebeker schrecken weltmeere band kampf schwarze margarete

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Titel: Klaus Störtebeker – Der Schrecken der Weltmeere Band 2: Kampf gegen die Schwarze Margarete