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Die unheimliche Gruft

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Lilian Scanner ist eine junge Schauspielerin, die zwar schon einige Filmrollen hatte, aber derzeit ziemlich blank war. Als der bekannte Nachwuchsregisseur Howard Wenderworth sie als Hauptdarstellerin für seinen neuen Vampirfilm wünscht, ist sie begeistert – schließlich könnte das ihr Durchbruch werden, zumal die männliche Hauptrolle von dem Frauenschwarm Christopher Munderlow gespielt wird. Die Dreharbeiten finden in Callham-Manor, einem alten, düsteren Schloss in Schottland, statt, in dessen Kellergewölbe die Filmleute auf einen Sarkophag stoßen, in dem ein Skelett mit einem Pflock in der Brust liegt. Tags drauf ist der gepfählte Leichnam verschwunden …

Leseprobe

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Die unheimliche Gruft

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Romantic Thriller von Frank Rehfeld

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

Lilian Scanner ist eine junge Schauspielerin, die zwar schon einige Filmrollen hatte, aber derzeit ziemlich blank war. Als der bekannte Nachwuchsregisseur Howard Wenderworth sie als Hauptdarstellerin für seinen neuen Vampirfilm wünscht, ist sie begeistert – schließlich könnte das ihr Durchbruch werden, zumal die männliche Hauptrolle von dem Frauenschwarm Christopher Munderlow gespielt wird. Die Dreharbeiten finden in Callham-Manor, einem alten, düsteren Schloss in Schottland, statt, in dessen Kellergewölbe die Filmleute auf einen Sarkophag stoßen, in dem ein Skelett mit einem Pflock in der Brust liegt. Tags drauf ist der gepfählte Leichnam verschwunden ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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"Das ist der schlechteste Scherz, den du je in deinem Leben gemacht hast", sagte Lilian Scanner missbilligend. "Ich kann jedenfalls nicht darüber lachen. Sieh lieber zu, dass du endlich ein paar handfeste Aufträge an Land ziehen kannst."

Wütend knallte sie den Telefonhörer auf die Gabel, ohne eine weitere Entgegnung abzuwarten. Sie zündete sich eine Zigarette an, zog zweimal kräftig daran und blies den Rauch zur Nase hinaus.

Es gab keinen Grund, sich so aufzuregen. Scherze wie diesen hatte Jack Malloney, ihr Agent, schon öfters gemacht. Erst vor ein paar Monaten hatte er mit ernsthafter Stimme erklärt, ihm läge aus Amerika ein Angebot für sie vor, als neue Hauptperson bei Dallas einzusteigen. Damals hatte sie mit ihm zusammen darüber gelacht.

Und wo war ihr Humor zwischenzeitlich geblieben? Anscheinend im Kühlschrank tiefgefroren, aber bei ihrer Situation war das ja auch kein Wunder.

Lilian hatte die Schauspielschule besucht und dann versucht, beim Film oder wenigstens beim Theater zu arbeiten. Als man ihr auch prompt einige Nebenrollen angeboten hatte, war sie in ihrer grenzenlosen Euphorie überzeugt gewesen, binnen eines Jahres die Hauptrolle in einem Kassenschlager zu spielen, nach Hollywood zu wechseln und zumindest einmal auf der Nominierungsliste zum Oskar aufzutauchen.

Das war ihre Vorstellung von ihrer beruflichen Zukunft gewesen.

Die Realität sah leider ein klein wenig anders aus.

Die zwei Filme, in denen sie Nebenrollen gespielt hatte, waren Kinoflops gewesen. Auch wenn das sicherlich nicht an ihr lag, hatte sie anschließend nur noch ein paar idiotische und außerdem schlecht bezahlte Werbespots an Land ziehen können, und obwohl sie mit ihren kurz geschnittenen blonden Haaren, dem ebenmäßigen Gesicht und der schlanken Figur ihrer bescheidenen Meinung zufolge ziemlich hübsch aussah, hatte es nicht einmal für eine Karriere als Fotomodell gereicht. So kam es, dass ihre finanzielle Situation alles andere als rosig aussah. Zeitweise musste sie sich sogar durch das Austragen von Zeitungen über Wasser halten.

Und nun rief Malloney an und erzählte ihr, er hätte ein Angebot für sie, an der Seite bekannter Stars die Hauptrolle in einem Film zu spielen, der seiner Meinung nach alle Aussichten hatte, sich zum Kassenschlager des Jahres zu entwickeln.

Nein, zu solchen Scherzen war sie im Moment wirklich nicht aufgelegt.

Das Telefon klingelte erneut. "Scanner", meldete sich Lilian.

"Ich bin's wieder, Jack. Dieser Auftrag, von dem ich erzählt habe ..."

"Treib es nicht zu weit", drohte Lilian. "Ich bin absolut nicht in der Stimmung, mir dumme Witze anzuhören. Noch ein Wort darüber, und ich lege den Hörer sofort wieder auf."

"Zum Teufel, du wirst nichts dergleichen tun, sondern mir jetzt endlich einmal in Ruhe zuhören. Ich treibe wirklich keine Scherze mit dir, sondern das Angebot ist echt. Vor zehn Minuten rief mich Howard Wenderworth höchstpersönlich an. Den Namen des mittlerweile wahrscheinlich bedeutendsten Nachwuchsregisseurs dürftest du ja wohl kennen. Er hat zufällig einige alte Unterlagen über dich gefunden und sich deine alten Schmachtfetzen angesehen. Du wärest genau der Typ Frau, den er sich für die weibliche Hauptrolle vorgestellt hat, aber unter allen Bewerberinnen bislang nicht finden konnte."

Malloney schwieg, und auch Lilian sagte einige Sekunden lang nichts.

"Du meinst das wirklich ernst?", hakte sie dann erst ungläubig nach.

"Wenn es um Aufträge von dieser Größenordnung geht, dann vergeht selbst mir der Humor. Natürlich möchte Wenderworth dich erst noch persönlich kennenlernen, bevor er den Vertrag unterschreibt, aber wenn alles klappt, dann wirst du an der Seite von Christopher Munderlow und Dorothy Cunning spielen."

Wieder schwieg Lilian beeindruckt. Der Streifen versprach wirklich ein Erfolg zu werden. Munderlow hatte sich in den letzten zwei Jahren zum größten Herzensbrecher der Leinwand entwickelt, und Dorothy Cunning war ebenfalls zu ziemlicher Berühmtheit gelangt."

"Dorothy Cunning", wiederholte Lilian. "Sie hat mit mir zusammen die Schauspielschule besucht. Aber ist ja jetzt egal. Um was für einen Film handelt es sich überhaupt?"

"Einen Gruselfilm."

"Nicht gerade mein Metier, aber die Welle rollt und rollt ja. Übrigens, warum hast du mir eigentlich nicht früher von dem Film erzählt, damit ich mich bewerben konnte, statt darauf zu warten, dass der Regisseur mich durch puren Zufall entdeckt? So etwas nennt sich nun Agent."

"Jetzt wird sie größenwahnsinnig", seufzte Malloney. "Also los, worauf wartest du noch? Binnen einer Viertelstunde stehst du in meinem Büro, dann fahren wir zusammen zu Wenderworth. Die Dreharbeiten sollen bereits in zwei Tagen beginnen."

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Lilian brauchte nicht einmal zehn Minuten. Sie bewohnte ein winziges Appartement in der Londoner City, nicht weit von Malloneys Agentur entfernt. Er war ein kleiner, wohlbeleibter Mann mit wässrigen Augen und spärlichem blondem Haar.

"Alle Achtung, du hast dich ja wirklich beeilt", lobte er. "Aber hättest du dir nicht wenigstens die Zeit nehmen können, etwas Hübscheres anzuziehen?"

"Das ist mein teuerstes Kleid", protestierte Lilian. "Du hast nur keine Ahnung von Mode, das ist alles. Also spiel dich nicht so auf."

Sie quälten sich mit Malloneys Wagen durch den Berufsverkehr. Erst als sie die Innenstadt verlassen hatten, wurden die Straßen etwas freier.

"Welchen Eindruck hattest du denn eigentlich?", wollte Lilian wissen. "War er einfach nur so an mir interessiert oder schien ihm wirklich etwas daran gelegen zu haben, mich für die Rolle zu bekommen?"

"Natürlich gab er sich nüchtern, aber meiner Meinung nach will er dich unter allen Umständen haben. Ich glaube, wir können ein ganz hübsches Sümmchen herausschlagen. Aber überlass mir die geschäftlichen Verhandlungen und sag ihm bloß nicht, wie deine finanzielle Situation aussieht, sonst geht er mit seinem Angebot sofort runter. Tu so, als ob du mehrere Angebote hättest."

"Wenn ich andere Angebote von dieser Größenordnung hätte, wäre mein Name sicherlich etwas bekannter", gab Lilian zu bedenken.

"Trotzdem, lass mich nur machen. Wir sind gleich da."

Howard Wenderworth bewohnte eine etwas außerhalb gelegene Villa, ein traumhaftes modernes Landhaus in einem ebenso traumhaften Garten, wie Lilian fand. Vor einem schmiedeeisernen Tor mussten sie anhalten. Es öffnete sich erst, als Malloney seinen Namen in eine Sprechanlage gerufen hatte. Über eine gewundene Zufahrt näherten sie sich dem Haus.

Wenderworth erwartete sie bereits vor dem Portal. Lilian war angenehm überrascht. Natürlich kannte sie ihn von Fotos und Fernsehinterviews her, aber in Natur sah er noch viel besser aus. Anscheinend war er kein besonders fotogener Typ, denn die ungeheure Persönlichkeit, die er ausstrahlte, und die Lilian sofort gefangen nahm, ließ sich nicht auf Film bannen, wodurch auch sein gutes Aussehen nicht richtig zur Geltung kam.

Kräftiges schwarzes Haar rahmte sein ausdrucksstarkes, trotz seiner höchstens dreißig Jahre bereits von markanten Falten geprägtes Gesicht ein. Seine Augen waren von einem tiefen Blau, und sein athletischer Körperbau verriet, dass er viel Sport trieb.

Er begrüßte Jack Malloney nur flüchtig und wandte sich dann sofort an Lilian."Es freut mich, dass Sie so schnell kommen konnten, Miss Scanner", sagte er, während er ihr galant beim Aussteigen half. Er musterte sie aufmerksam und lächelte dann andeutungsweise.

Etwas an der Art der Musterung und des Lächelns verriet Lilian, dass sie die Rolle bereits jetzt so gut wie sicher hatte, wenn sie bei den sicherlich gleich noch erfolgenden Tests nicht völlig versagte. Sie jubelte innerlich, bemühte sich aber, sich ihre Gefühle nicht allzu deutlich anmerken zu lassen.

Howard Wenderworth geleitete sie in ein großes, geschmackvoll eingerichtetes Wohnzimmer, forderte sie auf, sich zu setzen und bot ihnen etwas zu trinken an.

"Mr. Malloney hat Ihnen sicherlich schon erzählt, um was es geht", begann er das Gespräch. "Wir werden übermorgen mit den Dreharbeiten zu einem Gruselfilm beginnen. Nicht die übliche, brutale Dutzendware, die nur auf Video vertrieben wird, sondern ein atmosphärisch dichter Streifen mit erstklassigen Spezialeffekten, einem intelligenten Drehbuch und prominenter Besetzung."

"Man kann mich nicht gerade als prominent bezeichnen", wandte Lilian ein. Sie fieberte innerlich, doch ihre schauspielerische Ausbildung half ihr, nach außen hin ruhig und gefasst zu wirken.

"Das ist richtig", stimmte Wenderworth zu. "Aber an Ihrer Seite werden Christopher Munderlow und Dorothy Cunning spielen. Eine Weile habe ich schon überlegt, Miss Cunning notgedrungen die weibliche Hauptrolle zu geben, aber in einer der recht umfangreichen Nebenrollen macht sie sich viel besser, und Sie kommen meinen Vorstellungen von der Hauptdarstellerin wesentlich näher."

"Wir haben noch einige andere Angebote, aber für eine so große Produktion würden wir sie natürlich absagen", wandte Malloney ein.

Wenderworth schüttelte spöttisch den Kopf.

"Ich habe mich über Miss Scanner informiert", sagte er. "Von anderen Angeboten kann keine Rede sein. Seit Monaten versuchen Sie bereits erfolglos, Aufträge für sie zu bekommen." Amüsiert beobachtete er, wie Malloneys Kinnlade nach unten klappte. "Aber seien Sie unbesorgt, mit der Gage werden Sie sicherlich zufrieden sein", fügte er rasch hinzu.

Er stand auf, nahm einen Schnellhefter aus der Schublade eines kleinen Schränkchens und reichte ihn Lilian.

"Das sind einige kurze Probetexte. Ich möchte Sie bitten, sich diese kurz anzusehen und sie mir dann vorzutragen."

Lilian überflog die Texte. Es handelte sich um winzige Handlungsausschnitte, jeweils nur wenige Sätze lang, die ihr schauspielerisches Talent in verschiedenen Stimmungslagen zeigen sollten. Trauer, Freude, Entsetzen und dergleichen mehr.

Sie trug die Texte vor und beging nicht den Fehler vieler unerfahrener Neulinge, bei der Darstellung maßlos zu übertreiben.

"In Ordnung, das reicht schon", sagte Wenderworth nach kaum einer Minute. "Ich verstehe gar nicht, wieso man Sie nicht längst für größere Rollen entdeckt hat."

Als Lilian zusammen mit Jack Malloney eine Viertelstunde später das Haus verließ, hatte sie einen Vertrag in der Tasche, der über eine fünfstellige Summe in britischen Pfund ausgeschrieben war.

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Lilian Scanner erreichte den Drehort erst am späten Vormittag. Sie war zwar schon sehr früh aufgebrochen, hatte sich aber ein paarmal verfahren und dadurch lange Umwege in Kauf nehmen müssen. Mit ihrem altersschwachen Kleinwagen hatte sie die verlorene Zeit nicht durch größere Geschwindigkeit herausholen können, und da sie von einem kleinen Vorschuss abgesehen ihre Gage erst nach Abschluss der Dreharbeiten bekommen würde, war an einen neuen Wagen vorerst noch nicht zu denken.

Sie hatte befürchtet, die Letzte zu sein, doch diese Befürchtung war absolut grundlos. Wie Howard Wenderworth ihr bei der Begrüßung auf dem Schlosshof mitteilte, war kaum die Hälfte des Teams bislang eingetroffen. Anscheinend hatten auch die anderen Schwierigkeiten, Horlborough zu finden, ein winziges schottisches Gebirgsdorf.

Ein gutes Stück außerhalb des Ortes lag Callham-Manor, ein altes Schloss, in dem der größte Teil des Filmes gedreht werden sollte. Es war von der Filmgesellschaft gekauft worden. Das war billiger, als auf dem Gelände der Studios eine entsprechende Kulisse aufzubauen, zumal sich die Umgebung von Callham-Manor auch ideal für Außenaufnahmen eignete.

Lilian ließ ihren Blick über die zum Teil mit Efeu bewachsene Fassade gleiten. Callham-Manor eignete sich wirklich fast ideal für einen Gruselfilm. Das Hauptgebäude war wuchtig und gedrungen, mit mehreren Seitenflügeln, einem eckigen Turm, und einem von einer Wehrmauer eingefassten Innenhof. Alles machte einen ziemlich verfallenen, düsteren Eindruck.

"Ich zeige Ihnen sofort Ihr Zimmer, damit Sie ihr Gepäck hinbringen und sich etwas frisch machen können", bot Wenderworth an, doch in diesem Moment kam ein älterer Mann herbeigeeilt, grüßte Lilian flüchtig und überschüttete den Regisseur dann mit einem wahren Schwall von Fremdwörtern und Fachbegriffen, von denen Lilian kaum etwas verstand.

"Tut mir leid, aber Sie werden sich einen Moment gedulden müssen. Es gibt Schwierigkeiten mit der Beleuchtung", erklärte Wenderworth. "Das Zimmer zeige ich Ihnen dann gleich."

"Wenn du nichts dagegen hast, kann ich das ja übernehmen", sagte eine männliche Stimme hinter Lilian. Sie fuhr herum. Ein junger Mann mit blondem Haar und strahlenden Augen war unbemerkt zu ihnen getreten. Er hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben und lächelte Lilian mit einem Charme an, der bereits Millionen Frauen in aller Welt das Herz gebrochen hatte.

Christopher Munderlow.

Die Presse hatte ihn nach seinem ersten Film mit Robert Redford verglichen, aber mittlerweile hatte er sich längst aus dessen Schatten lösen können. Natürlich hatte auch Lilian schon Filme mit ihm gesehen. Zu Beginn ihrer bislang nicht gerade berauschenden Karriere war es sogar einer ihrer Wunschträume gewesen, einmal mit Munderlow zusammen spielen zu dürfen.

Mittlerweile hatte sie zahlreiche andere Stars getroffen; nicht ganz so berühmte, aber immerhin auch Stars, und hatte erlebt, dassß vieles nicht gerade Gold war, was auf der Leinwand blinkte. Dennoch war die Begegnung mit Munderlow etwas Besonderes für sie.

"Guten ... guten Tag, Mr. Munderlow", stotterte sie. Diesmal gelang es ihr nicht ganz, ihre Unsicherheit zu verbergen.

"Nichts da", sagte er, schüttelte den Kopf und schaute sie streng an. "Völlig falsch."

Lilian spürte, wie sie rot wurde, und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Was sollte sie denn bloß falsch gemacht haben, dass Christopher Munderlow seine gute Laune so plötzlich verlor?

Er schaute sie noch einen Moment tadelnd an, dann konnte er nicht mehr ernst bleiben und begann wieder zu grinsen, wobei er strahlend weiße Zähne entblößte. "Nicht Mr. Munderlow", sagte er. "Christopher. Beim Film ist es nun mal üblich, sich zu duzen, vor allem unter den Darstellern."

"Idiot", sagte Howard Wenderworth respektlos. "Jag unserem zukünftigen Star doch nicht gleich so einen Schrecken ein. Also los, bring sie schon hoch", fügte er hinzu und ging über den Schlosshof davon.

"Tja, so ist Howard", sagte Christopher Munderlow. "Er ist der Einzige, der als Boss nicht viel vom Duzen hält, aber er kommt nicht gegen uns alle an. Wir haben uns gegen ihn verschworen, und du musst dich unbedingt auch daran halten."

"Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig", entgegnete Lilian. Sie wollte nach ihrem Koffer greifen, aber Munderlow war schneller.

"Ich bitte mir zu folgen, gnädige Frau."

Sie traten durch ein großes, zweiflügeliges Portal und gelangten in eine riesige Eingangshalle. Es gab einige hohe, schmale Fenster mit bunten Scheiben. Die gewölbte Decke wurde durch Pfeiler abgestützt. Alles erinnerte Lilian an den Innenraum einer Kirche, sah man davon ab, dass die gewaltige Halle völlig kahl war.

"Hier sollen wir drehen?", fragte sie zweifelnd. "Das sieht ja so kahl aus, wie der Wartesaal eines lange stillgelegten Bahnhofs."

"Abwarten. Vor ein paar Tagen war der ganze Bau noch eine halbe Ruine. Howard hat den Schutt wegräumen lassen, und gestern war eine Putzkolonne hier drin. Sobald die Wagen mit der Ausrüstung hier sind, statten wir alles mit Attrappen aus. Ein paar Teppiche, Bilder, Ritterrüstungen, Möbel und so ein Krimskrams, und schon sieht alles originalgetreu wie im Mittelalter aus. Zumindest so, wie die Zuschauer sich das Mittelalter vorstellen."

"Laut Drehbuch soll das Schloss am Schluss abbrennen. Das wird dann aber wohl nur ein Trick sein, oder?"

"Von wegen. Bei Howard doch nicht. In der Beziehung ist er Purist. Er will alles so echt, wie nur möglich."

"Aber es ist doch viel zu schade um das Gebäude."

"Zu schade?", wiederholte Munderlow und lachte. "Ich sage ja, du hättest den alten Kasten vor ein paar Tagen sehen sollen. Abgesehen von den Trakten, in denen wir drehen und wohnen, ist Callham-Manor völlig baufällig. Nur deshalb bekamen wir auch die Genehmigung, es abzubrennen. Es fällt nicht einmal unter den Denkmalschutz."

Er führte Lilian zu einer breiten, sehr alt aussehenden Treppe. "Keine Angst", sagte er, als er ihren skeptischen Gesichtsausdruck sah. "Die Treppe sieht nur so alt aus. In Wahrheit ist sie völlig neu eingesetzt."

Während sie in den ersten Stock hinaufstiegen und einen langen Gang betraten, sprachen sie über einige Aspekte des Films. Lilian wunderte sich selbst, dass sie plötzlich so locker mit dem berühmten Schauspieler plaudern konnte. Seine natürliche Art half ihr, die Aufregung und Nervosität zu überwinden. Sie vergaß beinahe, wen sie vor sich hatte. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen legte Munderlow weder Arroganz noch andere Starallüren an den Tag, und das machte ihn sympathisch.

Vor einer Tür blieb er stehen. "Dein neues Domizil", sagte er und öffnete.

Es handelte sich um einen großen, hohen Raum, in dem jedoch nicht die dazu passenden alten Möbel standen, sondern ein weißer Kunststoffschrank und ein Campingtisch mit zwei zusammenklappbaren Stühlen. Einzig das Bett sah einigermaßen bequem aus.

"Und ich dachte immer, Stars wohnen in den vornehmsten Hotels", seufzte Lilian.

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Nur ein paar Minuten, nachdem Christopher Munderlow gegangen war, wurde die Tür plötzlich aufgerissen, und eine Frau mit kupferrotem, gelocktem Haar kam ins Zimmer gestürzt.

"Dorothy!", rief Lilian und ließ eine Bluse fallen, die sie gerade in den Schrank hatte legen wollen. Die beiden Frauen umarmten sich.

"Du bist es tatsächlich", sagte Dorothy Cunning und schob Lilian auf Armeslänge von sich. "Ich habe gar nicht gewusst, wer die weibliche Hauptrolle spielt; Howard sagte nur, es wäre eine Unbekannte. Erst gerade erwähnte Christopher deinen Namen, aber ich konnte kaum glauben, dass du es wirklich bist."

Sie hatte sich in den vergangenen Jahren kaum verändert, aber vielleicht kam es Lilian auch nur so vor, weil sie ständig Fotos oder Filme von ihr sah. Das Gesicht wirkte immer noch zart und zerbrechlich wie Glas, und sie war auch noch genauso schlank. Hautenge Jeans und eine knappe Bluse brachten ihre Figur hervorragend zur Geltung. In ihrem Blick, der durch winzige mimische Veränderungen sowohl Eiseskälte, wie auch tiefste Leidenschaft ausdrückten konnte, spiegelte sich im Moment nur ehrliche Wiedersehensfreude.

"Drei Jahre liegt die Schauspielschule nun schon fast zurück", überlegte Lilian laut. "Seither haben wir uns nicht mehr gesehen. Natürlich habe ich eine Menge von dir gehört und gesehen. Du hast ja eine geradezu kometenhafte Karriere gehabt."

"He, den Vergleich will ich nicht gehört haben. Kometen verglühen nach kurzer Zeit, zumindest die meisten. Ich habe jedoch vor, mich noch eine ganze Weile zu halten. Aber du hast recht. Nach dem Abgang von der Schule habe ich fast auf Anhieb eine Rolle bekommen, der dann rasch weitere folgten. Und was war mit dir? Was hast du die ganze Zeit über gemacht?"

Lilians Gesicht verdüsterte sich.

"Nicht so besonders gut. Es waren einfach keine Aufträge zu bekommen."

"Das wird sich nach diesem Film schlagartig ändern", tröstete Dorothy. "Dann wirst du dich vor Angeboten kaum noch retten können, du wirst sehen. Am besten erwürge ich dich jetzt direkt, bevor du zu meiner härtesten Konkurrentin wirst."

Lilian lächelte gezwungen.

"Damals wäre es ein paarmal schon fast so weit gewesen, also lassen wir dieses Thema lieber."

Damit spielte sie auf die Schauspielschule an. Sie hatten sich zu Beginn angefreundet, sich aber bald in die Haare gekriegt, da jede unbedingt die Jahrgangsbeste werden wollte. Vor allem Dorothy Cunning hatte viel daran gelegen. Sie war schon damals von einem fast krankhaften Ehrgeiz besessen gewesen. Sie hatten einen regelrechten Hass aufeinander entwickelt, der aber nach den vergangenen Jahren jetzt vergessen war.

Ihr Ziel hatten sie beide nicht erreicht. Ein unscheinbares Mädchen, das mittlerweile in einigen Theatervorführungen mitgewirkt hatte, war Beste geworden; Lilian hatte den zweiten Platz belegt und Dorothy damit auf den dritten verwiesen.

"Du hast recht, darüber sollten wir keine Scherze machen", stimmte Dorothy zu. "Wir dürfen es nicht wieder so weit kommen lassen. Vor allem hat sich ja gezeigt, dass das Zeugnis gar nicht so wichtig war. Dieser Job besteht aus zehn Prozent Talent, ebenso viel Fleiß und achtzig Prozent Glück. Ein paar gute Beziehungen können auch nicht schaden."

"Mit diesem Film wird mein Glücksstern jetzt hoffentlich wohl auch endlich aufgehen. Es hat ja lange genug gedauert. Was ist es denn eigentlich für ein Gefühl, so berühmt zu sein?"

"Ein wunderbares. Ich finde es toll, wenn ich überall erkannt und umlagert werde, aber das ist Ansichtssache. Einige Kollegen wagen sich kaum noch unter Menschen, weil sie diesen Trubel um ihre Person hassen. Mir könnte das nie passieren."

"Vielleicht ergibt sich das erst mit der Zeit", gab Lilian zu bedenken. "Ich könnte mir auch vorstellen, dass es mir irgendwann mal auf die Nerven geht, überhaupt kein normales Leben mehr führen zu können."

"Ach was. Außerdem braucht man sich kaum noch unter das Volk zu mischen, wenn man es nicht mehr will. Sobald man bekannt und einigermaßen reich ist, trifft man lauter andere berühmte Leute und bewegt sich fast nur noch in diesem Kreis."

Lilian antwortete nichts darauf, obwohl sie da anderer Ansicht war. Sie mochte die High Society nicht besonders, und aus Dorothys Worten sprach eine gehörige Portion Überheblichkeit. Um aber nach ihrem Wiedertreffen nicht sofort wieder einen Streit zu provozieren, behielt sie ihre Meinung für sich.

"Außerdem lernt man die tollsten Männer kennen, und das nutze ich leidlich aus", fuhr Dorothy nach einer kurzen Pause fort. "Nur an Christopher habe ich mir bislang die Zähne ausgebissen. Aber den kriege ich auch noch rum, und er ist momentan der Einzige, bei dem ich mir vorstellen könnte, dass es sich nicht nur um ein flüchtiges Abenteuer handelt."

"Ich wünsche dir viel Glück", sagte Lilian. "Warum stehen wir eigentlich hier herum? Setzen wir uns doch, dann können wir uns gemütlicher unterhalten."

"Tut mir leid, Schätzchen, aber dafür werden wir später noch genug Zeit haben. Jetzt muss ich erst einmal meinen Text büffeln. Ich wollte dich nur eben begrüßen. Wir sehen uns nachher."

Sie zwinkerte Lilian zu und huschte leichtfüßig wieder aus dem Zimmer.

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Mit weit geöffneten Augen lag die Frau in ihrem Bett und starrte in das Zwielicht, mit dem der Vollmond ihr Zimmer erfüllte. Schon den ganzen Tag über war sie unruhig und nervös gewesen, und dieses Gefühl hatte sich mit Einbruch der Dunkelheit noch verstärkt.

Bestimmt trug die Einsamkeit im Schloss die Schuld daran. Wenn nur George bald zurückkehrte! Irgendetwas stimmte nicht, und sie war beinahe sicher, dass er mehr über die unheimlichen Vorfälle wusste, die sich in der letzten Zeit zugetragen hatten. Aber er hatte ihr nichts gesagt, sondern war am frühen Morgen überhastet aufgebrochen, weil er nach eigener Aussage unbedingt etwas überprüfen müsste.

Ein leises Flattern ließ sie hochschrecken. Mit angehaltenem Atem lauschte sie. Eine eisige Hand schien über ihren Rücken zu streichen.

Erneut vernahm sie das Flattern, so als würde ein großer Vogel mit den Flügeln schlagen, und jetzt erkannte sie, dass es vom Fenster her stammte.

Plötzlich sah sie dort zwei tanzende rote Punkte: die dämonisch glühenden Augen einer riesigen Fledermaus.

Sie wollte schreien, doch eine unsichtbare Hand presste ihr den Mund zu. Dann war die Fledermaus verschwunden. Grauer Nebel kroch durch die Fugen des Fensters in ihr Zimmer, ballte sich immer dichter zusammen, und mit einem Mal stand ein hochgewachsener, bleicher Mann in einem schwarzen Umhang im Zimmer. Im Licht des Vollmondes sah die junge Frau, wie die unheimliche Gestalt die Lippen öffnete. Die Eckzähne waren doppelt so lang wie die übrigen Zähne, und sie liefen nadelspitz zu.

Endlich konnte sie ihre Erstarrung abschütteln. Mit einem gellenden Schrei schlug sie die Decke zurück und sprang aus dem Bett. Sie rannte zur Tür, öffnete sie - und kreischte noch einmal in panischer Angst auf!

Eine weitere, ebenso bleiche Gestalt stand vor ihr, diesmal eine Frau in einem weißen Totengewand. Auch die Eckzähne der Frau ragten weit vor, und in ihren Augen stand rasende Gier geschrieben.

"Beverly", schluchzte die Frau fassungslos. "Was ist mit dir geschehen?"

"Du brauchst keine Angst zu haben, Caroline. Bald schon wirst auch du zu uns gehören, und alle Leiden, die du als Mensch ertragen musst, werden ein Ende haben."

Der Mann der auf so unfassbare Weise in ihr Zimmer eingedrungen war, packte sie an der Schulter, wirbelte sie herum und schleuderte sie auf das Bett zurück.

Langsam kamen die beiden Gestalten näher, immer näher ...

"Wunderbar!", rief Howard Wenderworth, sprang von seinem Stuhl auf und klatschte in die Hände. "Ihr habt ganz fantastisch gespielt. Ganz genau so, wie ich es haben wollte."

"Immer wenn es interessant wird, ist Schluss", murmelte Christopher Munderlow und nahm sich das falsche Gebiss aus dem Mund.

Verwirrt blinzelte Lilian und richtete sich auf. Die beiden Gestalten vor ihr waren Dorothy und Christopher, der eine Doppelrolle als Vampir und rettender Held spielte. Natürlich waren weder die Fledermaus dagewesen, noch gab es jetzt, am helllichten Tag, Vollmond, und Christopher war auch nicht durch das Fenster eingedrungen. Er war nur aus einer dunklen Ecke vorgetreten. Die entsprechenden Spezialeffekte würden später in den Film eingefügt werden, aber Wenderworth bestand darauf, Szenen möglichst in einem durchzuspielen, mit mehreren Kameras zugleich aufzunehmen und hinterher erst alles nach Bedarf zusammenzuschneiden, statt jede Einstellung einzeln zu drehen.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich Lilian wieder in der Realität zurechtfand. Um überzeugend zu spielen, versetzte sie sich so stark in ihre Rolle, dass alles andere um sie herum verschwamm. Für einige Minuten war sie wirklich Caroline Duncan gewesen, die ihre erste Begegnung mit den Vampiren hatte und erst im letzten Moment von ihrem Mann George - alias Christopher Munderlow - gerettet werden würde.

Selbst jetzt noch spürte sie eine leichte Gänsehaut an den Armen.

"Okay, Kinder, das war's. Wir machen eine halbe Stunde Pause", rief Wenderworth. "Als Nächstes drehen wir Szene siebenunddreißig, also gleiche Kulisse. Kommst du mal für einen Moment rüber, Lilian?"

"Um was geht es? Warst du wirklich zufrieden, oder hast du das nur so gesagt?"

"Aber keine Spur. Wenn mir etwas nicht gefällt, dann sage ich es auch. Das hier war großartig. Eigentlich fast schon zu gut, und das macht mir ein wenig Sorgen."

"Ich verstehe kein Wort."

"Alle anderen kennen das Drehbuch bereits seit Wochen und haben Gelegenheit gehabt, es ausgiebig zu studieren. Du hattest bislang kaum drei Tage lang Zeit, dabei hast du neben Christopher den meisten Text. Dir wird nicht entgangen sein, dass ich die Szenen an den Anfang gestellt habe, in denen du entweder nicht mitspielst, oder nur wenig zu sprechen hast."

"Howard, das ist furchtbar nett von dir. Aber du brauchst keine Rücksicht auf mich zu nehmen. Ich habe jede freie Minute zu lernen genutzt, und ich habe ein gutes Gedächtnis. Ich kann fast meine ganze Rolle."

Er nickte.

"Das ist beachtlich, sogar phänomenal. Mir ist auch nicht entgangen, mit welchem Engagement du dich in die Rolle der Caroline versetzt hast. Ich wünschte, alle professionellen Schauspieler würden dieses Engagement aufbringen. Aber darin liegt für dich auch eine Gefahr. Du darfst dich nicht zu sehr verausgaben, sonst wirst du nach spätestens vier oder fünf Filmen ausgebrannt sein. Ich spreche hier aus Erfahrung. Du kannst nicht im Leben einer fiktiven Figur aufgehen, sondern immer nur einen Teil von dir in dein Spiel einbringen, sonst weißt du irgendwann selbst nicht mehr, wer du bist."

Lilian ließ sich seine Worte durch den Kopf gehen. Howard Wenderworth besaß sicherlich die größere Erfahrung, und er gab ihr diese Ratschläge sicherlich nicht nur zum Spaß. Wenn sie erst einmal richtig in Stress geriet, mochten die Gefahren, auf die er hinwies, wirklich bestehen. Überhaupt bemühte er sich während der nun zwei Tage, die sie auf Callham-Manor verbrachten, rührend um sie.

Fast schon mehr, als sich allein mit seiner Sorge um eine unerfahrene Hauptdarstellerin erklären ließ ...

"Ich werde darüber nachdenken", versprach sie.

"Was ist denn mit euch los?", erkundigte sich Christopher Munderlow. "Seid ihr etwa ernste Probleme am Wälzen?" Er drohte scherzhaft mit dem Zeigefinger. "Du weißt doch, Howard, in den Drehpausen dürfen die Darsteller nicht abgelenkt werden. Das sind deine eigenen Worte. Komm, Lilian, trinken wir eine Tasse Kaffee. Die hast du dir redlich verdient."

Er hakte sich bei ihr ein und zog sie mit sanfter Gewalt von dem Regisseur weg, hin zur provisorischen Küche, die in einem Raum neben der Eingangshalle errichtet worden war. Dort gab es Getränke und Sandwiches.

Sie bemerkten nicht, dass sie vom Ende des Korridors her von zornfunkelnden Augen beobachtet wurden. Erst als sie die Küche betreten hatten, wandte sich Dorothy Cunning mit einem Ruck ab und eilte wütend auf ihr Zimmer.

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Versonnen nippte Lilian an ihrem Kaffee und beobachtete Munderlow dabei über den Rand der Tasse hinweg. Sie hatte in den vergangenen Tagen fast alle Leute des Filmteams näher kennengelernt, nicht nur die Darsteller, sondern auch den zahlenmäßig viel größeren technischen Stab. Beleuchter, Kameramänner, die Leute, die für die Kostüme und das Schminken zuständig waren, und all die vielen, die sonst in irgendeiner Form zum Gelingen eines Filmes beitrugen. Die meisten waren sehr nett, und sie verstand sich gut mit ihnen.

Nur Christopher Munderlow blieb für sie immer noch ein Buch mit sieben Siegeln. Sie wurde einfach nicht schlau aus ihm.

Er gewann aller Sympathie durch seine humorvollen Bemerkungen und sein Lächeln; war stets nett und aufmerksam, und das nicht nur Lilian gegenüber, aber das war nur die eine Seite seiner Persönlichkeit.

Oftmals wirkte er geistesabwesend und saß einfach nur irgendwo schweigend herum. Sein Gesicht zeigte dann meist einen melancholischen, traurigen Ausdruck, und er schien überhaupt nicht wahrzunehmen, was um ihn herum vorging. Sprach man ihn an, reagierte er manchmal erst nach dem zweiten oder dritten Mal, und er machte den Eindruck, als erwache er aus einem tiefen Schlaf. Immerhin ließ er niemals einen anderen oder auch nur die Arbeit unter seinen Launen leiden.

Jetzt schien er wieder ausgesprochen fröhlich und gut gelaunt zu sein. Howard Wenderworth hatte sie in die Küche begleitet. Sie saßen an einem Tisch und die beiden Männer scherzten miteinander.

Beide waren Lilian sympathisch, und sie hatte das Gefühl, dass zumindest Wenderworth nicht nur beruflich an ihr interessiert war. Christopher Munderlow hingegen behandelte sie genauso freundlich distanziert, wie er sich allen anderen gegenüber auch verhielt.

Lilian wusste nicht, ob sie darüber froh sein sollte oder nicht. Einerseits war er derjenige, der einen stärkeren Eindruck auf sie machte, aber anderseits war da noch Dorothy, mit der sie sich nach wie vor prächtig verstand. Sie erinnerte sich noch gut, dass die Freundin hinter ihm her war, und wenn die offensichtlichen Bemühungen bislang auch erfolglos geblieben waren, wollte Lilian ihr nach Möglichkeit nicht in die Quere kommen, um kein böses Blut zu schüren.

Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als ein Mann, der für die Ausstattung der Kulissen zuständig war, in den Raum gelaufen kam.

"Mr. Wenderworth", keuchte er. Anders als die Schauspieler siezte die übrige Crew den Regisseur. "Phil und ich haben uns gerade den Raum angesehen, der als Gruft vorgesehen war. Aber er ist etwas sehr klein, für die Kameras und Darsteller, und so haben wir uns etwas weiter umgesehen. Dabei haben wir etwas entdeckt, das Sie sich unbedingt ansehen sollten."

"Was ist es denn?"

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920765
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juni)
Schlagworte
gruft

Autor

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Titel: Die unheimliche Gruft