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Ein Scheck über 10.000 Rubel: Arztroman Exklusiv Edition

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Ein Scheck über 10 000 Rubel

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ARZTROMAN VON GLENN Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

In die Tannenhof-Klinik wird nach einem Unfall eine hochschwangere Frau eingeliefert, sie und ihre ebenfalls verletzte Schwester stammen aus Russland und gehören zu einer Kulturdelegation. Doch verletzte Gefühle und die eigentlich nicht gestattete Liebe zu einem deutschen Arzt  erzeugen ein Durcheinander zwischen den Personen, die in einem diplomatischen Zwischenfall gipfeln. Gibt es eine Zukunft für Tamara und Dr. Weber? Und kann Irina mit ihrem neugeborenen Kind ihren Mann zurückerobern? Oder sind die Grenzen selbst für die große Liebe zu hoch?

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Copyright

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

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1

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KARL OTTO BRÄUNINGER stieg schnaufend die Stufen zum obersten Stockwerk der Klinik empor. Dort oben wohnte Professor Winter mit seiner Familie. Die Tür oben war nur angelehnt. Er stupste sie ein Stück weiter auf und rief: „Frau Winter? I hab fei die Post. I legs auf den Tisch.“

Aus irgendeinem Zimmer ertönte die Stimme von Frau Winter: „Ja, legen Sie’s nur hin, Herr Bräuninger. Ist schon in Ordnung. Vielen Dank. Ich hol’ sie gleich herein.“

Manchmal gab sie ihm ein Trinkgeld. Und auch heute wartete er noch ein paar Sekunden, aber sie kam nicht. Da verzog er das Gesicht, setzte sich die Mütze wieder auf und stapfte zögernd, als wartete er auf einen Ruf, doch zurückzukommen, wieder die Treppe hinunter. Aber niemand rief ihn zurück. Heute nicht. Dabei hätte er sich gerne ein Bier verdient, wo es doch so heiß war.

Er war noch nicht die halbe Treppe hinunter, da hörte er einen Jubelschrei.

Er wusste gleich, wer geschrieben hatte. Das konnte nur Stefan sein, Professor Winters zehnjähriger Sohn. Dass er heute zu Hause ist, wunderte sich Bräuninger. Hatte er keine Schule?

Aber dann hörte er, wie der Junge rief: „Mami, da sind ja russische Marken drauf. Ob die Papi mir gibt? Ich habe noch nie russische Marken in meinem Album gehabt.“

Bräuninger entsann sich. Da war ein Brief aus Russland. Aus Moskau, soweit konnte er die russischen Buchstaben schon entziffern, dass er das Wort Moskau lesen konnte. Aber das übrige hatte er nicht entziffert. Nur die Anschrift. Eine weiche runde Schrift, an den Herrn Professor Winter in der Tannenhof-Klinik. Merkwürdig, sagte sich Bräuninger, dass er Post aus Russland bekommt ...

Bräuninger war längst unten, da hielt Stefan oben, der Zehnjährige, diesen gelben Brief noch immer in der Hand, wedelte ihn seiner Mutter vor der Nase herum.

„Russische Marken! Ein Brief für Papa mit russischen Marken! Er muss sie mir geben. Ich habe noch nie russische Marken gehabt. Mami, du musst ihm sagen, dass er ...“

„Nun gib mir erst mal den Brief. Er ist ja nicht an dich, und er ist auch nicht an mich“, sagte Frau Winter, „er ist an Papi. Also, und er kommt erst zu Mittag herauf. Vorher wird er ihn gar nicht lesen. Ich bin sicher, er gibt dir die Marken. Er sammelt ja keine.“

Sie war eine hübsche blonde Frau, und obgleich sie bereits Ende Dreißig war, sah sie noch immer sehr gut aus. Sie trieb Sport, und ihre Neigung zur Korpulenz hatte sie damit nicht nur bekämpft, sondern auch beseitigt. In den letzten zwei Jahren war sie wieder schlank geworden wie eine Gerte. In blauen Hosen und einer leuchtenden Bluse wirkte sie noch jugendlicher.

Stefan war noch heller blond als seine Mutter, hatte die blauen Augen seines Vaters. Auch im Gesicht war er der Mutter ähnlich.

Sie betrachtete den Brief. „Merkwürdig“, murmelte sie, „es steht gar kein Absender darauf. Dass Papa Post aus Russland bekommt? Aus Moskau? Die Schrift sieht aus wie von einer Frau. Eine schöne Schrift.“ Sie ahnte etwas.

„Ich will nur die Marken. Die Schrift kann Papa behalten“, meinte Stefan.

„Nun mach mich nicht verrückt!“, erwiderte Frau Winter. „Jetzt nehme ich die Post erst einmal mit und lege sie Papa auf den Schreibtisch. Wenn er heute Mittag kommt, wird er dir die Marken schon geben. Aber jetzt kommen sie nicht herunter. Sie bleiben drauf, bis Papa das entschieden hat. Ich kann das nicht tun. Er würde es mir übel nehmen. Es ist sein Brief.“

Ungeduldig fügte sich Stefan in diese Anordnung. Aber am Liebsten hätte er die Marken abgelöst. Immer wieder schielte er zum alten Sekretär hinüber, der aufgeklappt war und auf dem die Briefe lagen. Eine ganze Menge Briefe. Aber Stefan interessierte nur der gelbe aus Moskau.

„Noch zwei Stunden“, maulte Stefan.

„Wenn du in der Schule wärst, würdest du es gar nicht wissen, dass dieser Brief da ist“, sagte seine Mutter, die dabei war, die Gardinen wieder aufzuhängen, die sie vorhin gewaschen hatte. „Komm lieber her und hilf mir mal! Da, fass das Ende an, aber zerre nicht so verrückt daran!“

„Ich zerre ja gar nicht“, protestierte Stefan. „Ich halte ja ganz ruhig. Immer schimpfst du.“

„Ich schimpfe nicht immer. Aber du solltest dich auf das konzentrieren, was du machst. Bist immer mit den Gedanken sonstwo. Das hat mir übrigens auch dein Klassenlehrer gesagt. Du bist nicht immer dabei.“

„Ich bin immer da“, meinte Stefan.

„So ist es nicht gemeint. Du konzentrierst dich nicht. Du bist mit deinen Gedanken nicht dabei. Du siehst oft zum Fenster hinaus, sagte er.“

Stefan hatte es sich abgewöhnt, Einwände zu machen, wenn seine Mutter von einem Lehrer irgendeinen Hinweis bekommen hatte. Offensichtlich befand sie sich immer auf der Seite der Lehrer. Sie war ja selbst Lehrerin gewesen. Da war Papi anders. Mit dem konnte man freimütig über alles reden. Der blieb objektiv. Der nahm nie Partei für die Lehrer.

Wenn es doch schon Mittag wäre, dachte Stefan, und Papi käme herauf, dann bekäme ich vielleicht die Marken. Ganz sicher bekäme ich sie! Er sammelt ja wirklich keine. Russische Marken! Und gleich drei Stück. Der eine auf der Marke, das ist Lenin. Aber die andern, die kenne ich gar nicht. Vielleicht weiß Papi auch nicht, wer sie sind. Ich werde ihn fragen. Und ich werde im „Michel“ nachgucken. Im Katalog sind sie alle drin. Alle Marken der Welt. Die drei bestimmt auch. Und ich werde sehen, was sie wert sind. Ich könnte eigentlich jetzt schon nachsehen, wenn ich nur diese verdammte Gardine nicht halten müsste. Da hat man nun mal einen Tag keine Schule und schon muss man helfen.

„Du sollst nicht so zerren!“, schalt seine Mutter. „Halt doch mal still! Wie soll ich die denn auf die Schiene bekommen, wenn du auf der anderen Seite ziehst wie verrückt.“

Sie stand auf der Leiter, er stand unten. „Da lass mich doch, Mami, dann mach ich es!“

Sie sah ihn nur ungläubig an. Aber sie schwieg. Doch in ihrem Blick las er, dass sie es ihm einfach nicht zutraute. Das machte ihn wütend. Papi ist ganz anders. Papi lässt mich alles machen, was ich machen will. Aber bei ihr kann ich tun, was ich will, es ist immer falsch. Und sie war Lehrerin. Sie müsste es doch viel besser kennen. Aber so sind die Lehrer alle. Die wollen nur anderen etwas beibringen, dabei können sie es selbst nicht.

Er war richtig zornig auf seine Mutter.

Als er wieder nach der Seite zog, weil er sich nicht auf das konzentrierte, was er da tun sollte, schickte sie ihn weg. Und er ging gar zu gern.

Die Zeit verging nur langsam. Aber dann endlich war es soweit. Kurz nach zwölf kam sein Vater. Stefan hatte Glück, dass Professor Winter heute einigermaßen pünktlich auftauchte. Meistens kam er später. Aber heute schien alles geklappt zu haben.

Die Hände in den Kitteltaschen, den Kittel offen, das blonde Haar nicht mehr so glatt gekämmt wie noch am Morgen, so kam er herein, freute sich auf die eine Stunde der Erholung und wurde sofort von seinem Sohn stürmisch empfangen.

„Papi, ein Brief aus Russland, ein Brief aus Moskau. Mit drei russischen Marken. Papi, ich habe schon im Michel nachgeguckt. Sie sind zwei Mark vierzig wert. Zwei Mark vierzig, Papi. Gibst du sie mir?“

„Ein Brief aus Russland?“ Winter blickte verwundert auf seinen Sohn herab. „Woher weißt du das?“

„Ich habe ihn doch gesehen, Papi.“

„Und wo ist der Brief?“

„Auf dem Sekretär, Papi. Die Marken, Papi, gibst du ...“

Da rief Frau Winter schon vom anderen Ende des Zimmers her: „Nun hör auf und lass Papi in Ruhe! Du musst nicht immer an ihm hängen wie eine Klette. Er ist auch froh, wenn er sich etwas entspannen kann. Du wirst die Marken schon bekommen. Nun mach ihn nicht verrückt! Außerdem essen wir erst.“

Professor Florian Winter hatte seinen Kittel ausgezogen, hängte ihn draußen auf und ging dann in das ans Wohnzimmer angrenzende Arbeitszimmer, wo sein Sekretär stand, dessen Schreibplatte aufgeklappt war.

Er sah die Post durch und legte ganz bewusst diesen Brief beiseite, nach dessen Marken sein Sohn so sehnsüchtig schielte. Denn Stefan stand nicht weit von ihm und ließ den Vater nicht aus den Augen. Er wartete unter dem Rundbogen der Tür und hoffte, sein Vater werde ihm nun endlich die Marken geben.

Frau Winter hatte inzwischen das Essen auf dem Tisch und mahnte ihren Mann, doch zu kommen. Aber er reagierte gar nicht. Denn jetzt hatte er den Brief aus Moskau in der Hand und öffnete ihn, zog den Inhalt heraus und machte ein äußerst überraschtes Gesicht. Der Inhalt war in erster Linie ein Scheck. Ein Scheck über 10.000 Rubel. Und da war noch ein Begleitschreiben, auf dem stand in einwandfreiem Deutsch und in einer schön geschwungenen Schrift:

„Sehr geehrter Herr Professor Winter!

Nehmen Sie diesen Scheck zum Zeichen unseres Dankes dafür, was Sie für Tamara getan haben. Wir hoffen, damit Ihre Aufwendungen materieller Art erstatten zu können. Für das, was mit Geld nicht zu bezahlen ist, können wir nur danken, und wir tun es aus ganzem Herzen. Unsere westdeutschen Auslandsmissionen sind angewiesen, Ihren Scheck in konvertierbare Währung umzutauschen, wenn Sie dies wünschen. Zugleich aber wiederholen wir die Einladung, uns in unserem Lande zu besuchen. Wir würden uns sehr freuen. Und dies meinen wir ganz ehrlich. Nochmals Dank. Und ganz besondere Grüße an Herrn Doktor Weber, für seine besonderen Bemühungen um Tamara. Alles Gute für Sie und Ihre Familie Ihre

Olga Saskitinova

Leiter der Sektion Planung im Landwirtschaftsministerium“.

„Florian, mein Gott, wann kommst du denn?“, rief Frau Winter ungeduldig. „Und du, Stefan, setz dich endlich!“

„Andrea ist auch noch nicht da“, maulte Stefan.

„Andrea isst ja bei den Eltern ihrer Freundin zu Mittag. Das habe ich gewusst, und das geht dich auch weiter nichts an. Jetzt setz dich endlich hin, und du, Florian, komm auch! Das Essen wird doch kalt.“

Den Scheck und das Schreiben in der Hand, kam Professor Winter nachdenklich durch den Rundbogen der Tür, durchquerte das Wohnzimmer, betrat das Esszimmer und sah seine Frau an. „Ich habe Post von Olga bekommen. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals wieder von ihr höre.“

„Post von Olga? Welche Olga?“

„Erinnerst du dich nicht mehr? Olga Saskitinova. Die schöne Olga. Damals haben sie Olga hier im Hause die Kommissarin genannt. Irgendwie war das doch eine verzwickte Geschichte. Jetzt hat sie geschrieben. Sie bedankt sich und schickt einen Scheck über 10.000 Rubel.“

„10.000 Rubel? Und für wen sind die?“, wollte Frau Winter wissen, die ihren Mann überrascht anschaute.

„Für uns. Aber natürlich will ich sie nicht für mich. Für etwa entstandene Unkosten. Materielle Unkosten, schreibt sie. Für die Ideellen kann sie nur danke sagen. Als wenn wir für zehntausend Rubel materielle Kosten gehabt hätten.“

„Wie viel ist das denn, 10.000 Rubel?“, wollte Frau Winter wissen.

Winter zog die Schultern hoch. „Ganz genau weiß ich es nicht. Der Rubel ist nicht ohne weiteres konvertierbar. Aber sie schreibt auch, dass ich das Geld an jeder Auslandsmission hier im Lande umgewechselt bekomme. In Mark oder Dollar, was immer ich will. Soviel ich weiß, ist ein Rubel neun oder zehn Mark.“

„Mein Gott, das ist ja ein Haufen Geld.“

„Finde ich auch. Und vor allen Dingen hatten wir diese Unkosten gar nicht. Sie bedankt sich für das, was wir für Tamara getan haben. Hättest du das gedacht?“

Helga Winter schüttelte den Kopf. „Ich hätte auch nicht gedacht, dass wir je wieder von ihr hören.“ Sie lächelte versonnen. „Die kleine Tamara. Mein Gott, dieses liebe Mädchen. Ich sehe sie heute noch, wie das damals anfing.“

Winter nickte. Ihm ging es wie seiner Frau. Er erinnerte sich, wie das alles begonnen hatte. Eine rührende, eine zu Herzen gehende Geschichte war das gewesen. Die Geschichte von Tamara und Olga. Aber auch die Geschichte von Heinz Weber, diesem jungen Assistenzarzt, der gerade zwei Wochen im Hause gearbeitet hatte, als es geschah ...

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2

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ES WAR AN EINEM HERRLICHEN Maitag. Die Sonne schien, der Himmel war strahlend blau, und in den Tannen im Park der Tannenhof-Klinik zwitscherten die Vögel.

Es war so warm geworden, dass Frau Winter die Tische zur Geburtstagsfeier nach draußen stellen konnte, oben auf die große Terrasse. Die Penthousewohnung der Winters auf der Klinik ließ die vielen kleinen Gäste gar nicht ahnen, dass unter ihnen eine Klinik war, in der Kranke lagen.

Die Kinder freuten sich, feierten, dass Stefan acht Jahre alt geworden war.

Ausgerechnet an diesem Tag konnte sich Stefans jüngere Schwester Andrea nicht so recht mitfreuen. Sie nahm zwar an der Feier teil, aber sie musste im Stuhl sitzen, trug einen Gipsverband am rechten Bein, denn sie hatte sich den Knöchel gebrochen. Aber alle Kinder hatten ja auf den Gips schon ihre Namen geschrieben. Denn im Gegensatz zu Andrea konnten Stefans Freunde und Freundinnen alle schon schreiben.

Frau Winter und eine Freundin hatten alle Hände voll zu tun, sich um die Rangen zu kümmern. Professor Winter und seine Anästhesistin Dr. Gerti Lamprecht waren zur Kaffeetafel für ein halbes Stündchen aus der Klinik nach oben gekommen. Auch Dr. Hahn und der Chefchirurg Dr. Münzinger kamen für ein paar Minuten, um zu gratulieren. Aber es war eigentlich eine Gratulation an die Adresse der Eltern.

Als der sympathische Oberarzt der chirurgischen Abteilung, Dr. Hahn, auftauchte, war er es, der von Frau Winter und ihrer Freundin Glückwünsche erhielt, denn er hatte am vergangenen Wochenende geheiratet.

„Werden Sie denn an unserer Klinik bleiben, Herr Doktor Hahn?“, fragte Frau Winter.

Der untersetzte, sportlich wirkende junge Arzt nickte. „Vorerst ja. Aber sie können sich denken, dass meine Schwiegereltern eine Menge tun, um mich in ihre Nähe zu bekommen. Ich möchte aber nicht. Meine Frau und ich sind uns einig. Wir bleiben hier. Allerdings, das bekenne ich ehrlich, möchte ich mich sehr gern selbständig machen. Ich will nur nicht auf die Mittel meiner Frau zurückgreifen müssen.“

„Das ist ja eine richtige Heiratswut zur Zeit“, meinte Frau Winter. „Frau Doktor Petersen hat ja auch geheiratet. Jetzt heißt sie gar nicht mehr Petersen. Jetzt müsste ich Frau Doktor Brandt sagen.“

Dr. Armin Hahn lächelte. „Sie wird es Ihnen bestimmt nicht sagen, wenn Sie sich mal versprechen, Frau Winter.“ Er schaute verstohlen auf die Standuhr. „Ich kann nicht lange bleiben. Auch Herr Münzinger muss wieder nach unten. Wir haben ein paar schwere Fälle. Ich wollte lediglich gratulieren.“

„Für eine Tasse Kaffee werden Sie doch Zeit haben, Herr Doktor Hahn“, meinte Frau Winter.

„Na ja, für eine Tasse Kaffee“, sagte er bescheiden.

Dr. Münzinger, der Chefchirurg, unterhielt sich mit Professor Winter am anderen Ende des Zimmers. Dort stand auch Frau Dr. Lamprecht. Und worüber sprachen sie, obgleich das hier eine ganz private Sache war: Natürlich über medizinische Probleme.

Helga Winter bemühte sich, Dr. Armin Hahn Gesellschaft zu leisten. Gegen seinen Willen legte sie ihm ein Stück Torte auf den Teller und fragte dann: „Wieso müssen Sie denn so eilig nach unten? Wir haben doch jetzt Hilfe. Mein Mann hat noch einen neuen Assistenten eingestellt. Mein Mann sagt, er sei sehr gut.“

„Sie meinen Herrn Weber.“ Armin Hahn blickte gar nicht auf. Nicht so begeistert widmete er sich dem Stück Torte.

„Ja, sind Sie nicht so zufrieden mit ihm?“

Nun schaute Armin Hahn die Frau seines Chefs doch an. „Natürlich sind wir zufrieden. Aber er hat noch nicht so sehr viel Erfahrung. Allerdings ist er sehr eifrig. Er ist sehr bemüht, verstehen Sie?“

Helga Winter spürte, dass Armin Hahn nur widerwillig von diesen Dingen sprach. Und so wechselte sie wieder das Thema. „Wie geht es denn Ihrer Frau?“

„Na ja, sie ist glücklich, dass sie wieder laufen kann. Richtig laufen. Wir gehen sogar jeden Tag eine Stunde spazieren. Nicht sehr schnell. Sie muss sich erst daran gewöhnen. Aber uns ist es eben wie ein Wunder, dass sie nicht im Rollstuhl sitzen muss, sondern wieder richtig laufen kann. Und dass Münzinger diese Operation geglückt ist, dass er sich soviel Mühe gegeben hat, werde ich ihm nie vergessen. Auch ein Grund mit, warum ich noch hierbleiben will.“

„Er hält aber auch große Stücke auf Sie, Herr Doktor Hahn“, sagte Helga Winter.

Das Arztrufgerät in Armin Hahns Tasche fing an, Pieptöne auszustoßen.

Er hörte es, hielt sofort mit dem Essen inne, sah Frau Winter an und sagte: „Tut mir leid. Kann ich hier einmal anrufen? Ich werde wohl gebraucht.“

„Das Telefon ist nebenan. Wie schade. Hoffentlich kommen Sie noch einmal ums Helfen herum“, rief sie ihm lachend nach, denn er war schon unterwegs zum Apparat.

Als er wiederkam, sah sie ihm an, dass er gehen musste. Und nicht nur er. „Tut mir leid, Frau Winter, ich muss nach unten und zwar schnell. Würden Sie bitte Herrn Münzinger sagen, dass er ebenfalls gebraucht wird. Eben ist ein Unfall eingeliefert worden.“

Helga Winter kannte das. Die Leiden einer Arztfrau. Kein Privatleben. Immer wieder spielte die Arbeit ihres Mannes in alles hinein. Und nicht nur die ihres Mannes, wie sie jetzt sah.

Dr. Hahn war schon weg, da ging Helga Winter zu der Gruppe, die um ihren Mann herumstand und zu der Dr. Münzinger zählte.

Der große schnurrbärtige und bullig wirkende Arzt schaute ihr schon entgegen und ahnte, was ihm blühte.

„Herr Doktor Münzinger, Sie werden unten gebraucht. Ein Unfall.“

Er nickte nur, murmelte etwas in Professor Winters Richtung und wandte sich dann ab. Auch Dr. Lamprecht, die sympathische Anästhesistin, wusste wohl, dass sie gebraucht wurde. Sie entschuldigte sich und folgte Münzinger aus der Wohnung, um nach unten zu gehen.

„Schade“, sagte Helga zu ihrem Mann, der mit einem Mal allein stand.

„Na ja, ich glaube, ich muss auch gehen, ich habe unten noch genug zu tun. Die Feier macht ihr beiden Frauen ja wunderbar. Und im Grunde brauchen die Kinder niemand, der sie beschäftigt. Du siehst ja, was hier los ist. Man kann kaum sein eigenes Wort verstehen.“

„Nun geh du nicht auch schon! Bleib wenigstens noch ein Viertelstündchen!“, flehte Helga Winter ihren Mann an.

Schweren Herzens blieb er nur noch wenige Minuten. Aber dann ließ er sich nicht mehr halten und verschwand ebenfalls.

Mehr beiläufig fragte er, bevor er sein Arbeitszimmer betrat, seine Sekretärin im Vorzimmer: „Was ist das für ein Unfall, der da eben eingeliefert wurde?“

„Eine junge Frau oder ein Mädchen. Ich weiß es nicht genau. Ein Verkehrsunfall.“

„Immer diese Verkehrsunfälle“, knurrte Winter, bevor er in seinem Zimmer, dem sogenannten Allerheiligsten verschwand.

Da klingelte das Telefon. Er hob ab, meldete sich. Es war Münzinger, der vom OP aus anrief.

„Herr Chefarzt“, hörte Winter Münzinger sagen, „wir haben einen Verkehrsunfall. Eine junge Frau. Vermutlich im siebten oder achten Monat schwanger. Die Geburt setzt ein.“

„Was für Verletzungen?“, wollte Winter wissen.

„Unterschenkelfraktur. Ich muss eine Osteosynthese machen. Komplizierter Bruch. Würden Sie kommen?“

„Ich bin schon unterwegs“, erklärte Winter, legte auf und stürmte aus dem Raum. 

Das kannte er. Wenn Hochschwangere Unfälle erlitten, kam es meist vorzeitig zur Geburt. Und das war mitunter gefährlicher als die eigentliche Unfallverletzung ...

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3

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DIE PATIENTIN LAG BLASS auf dem Tisch. Ihr schmales, sympathisches Gesicht war von dunklem Haar umrahmt. Nach Gerti Lamprechts Schätzung, die die Narkose ausführte, konnte die Patientin kaum älter als sechsundzwanzig Jahre sein.

Professor Winter und seine Helfer waren dabei, eine Schnittentbindung durchzuführen. Dazu hatte sich Winter der unzulänglichen Wehenstärke wegen entschlossen. Und die Beinverletzung war gestreckt und eingerichtet. Alles Weitere musste später erfolgen, wenn die Entzündung heraus war. Vielleicht in drei oder vier Tagen. Dann würde man den zersplitterten Knochen durch Platten und Verschraubungen verbinden, eine sogenannte Osteosynthese.

Aber jetzt ging es erst einmal um die Geburt des Kindes. Das musste sehr schnell erfolgen, sonst wirkte sich die Narkose nachteilig auf das Kind aus.

Die Fruchtblase war zerplatzt. Die Austreibungsphase hatte eingesetzt. Aber die Wehen waren zu schwach.

Winter hatte schon die Gebärmutter vom Bauch her geöffnet, und jetzt brachte er das Kind heraus.

Für Gerti Lamprecht war es immer wieder ein Erlebnis, wenn ein kleiner Mensch geboren wurde, ob nun auf normale Weise oder durch Schnittentbindung. Dieses glitschige, kleine, rote Etwas war ein Junge. Das war unverkennbar.

„Alles wunderbar. Er lebt“, sagte Winter und reichte der Hebamme diesen Kleinen, der noch ziemlich phlegmatisch auf dem Tuch lag.

Die Nabelschnur wurde abgeklemmt, die üblichen Handgriffe. Während sich zwei Hebammen um das Kind kümmerten, begann Winter sofort wieder mit dem Verschließen der Gebärmutteröffnung und dann der Bauchdecken. Er arbeitete präzise und sicher. Geburtshilfe war seine Spezialität, besonders unter schwierigen Umständen wie jetzt.

Ohne aufzusehen, sagte er zu der Anästhesistin Dr. Gerti Lamprecht: „Wenn die Narkose nachlässt, geben Sie ihr noch eine örtliche Betäubung ins Bein.“

Erst als die letzte Naht saß, trat Winter vom Tisch zurück, wandte sich der Anästhesistin zu und fragte: „Alles gut?“

Gerti nickte. „Alles bestens.“

„Ich gehe noch mit und kümmere mich um die Streckung“, sagte Münzinger, der als Chefchirurg die Beinverletzung versorgt hatte und Winter während der Schnittentbindung assistierte.

„Wo steckt eigentlich Weber?“, erkundigte sich Oberarzt Dr. Hahn, der ebenfalls zugegen war.

„Ich habe ihn hinausgeschickt. Da ist ja noch eine zweite Verletzte. Sie ist wohl irgendwie dabei gewesen. Schwester Ines meint, die beiden wären Russen.“

„Russen?“, fragte Hahn überrascht.

Münzinger nickte. „Sagt sie.“ Er wandte sich an die erste OP-Schwester: „Stimmt doch, Schwester Ines. Oder?“

„Ja. Die draußen spricht russisch. Sie versteht aber auch deutsch. Ich habe das nur ganz flüchtig mitbekommen. Und mit ihr hier haben wir ja gar nicht sprechen können.“ Sie deutete auf die Frau, die auf dem Tisch lag und eben entbunden worden war.

Das Kind gab jetzt seinen ersten Ton von sich. Ziemlich kläglich noch und schwach. Die Wirkung der Narkose. Auch die Mutter schien wieder zu sich zu kommen. Dr. Gerti Lamprecht hatte die Narkose so genau gesetzt, dass nicht mehr betäubt wurde, als unbedingt sein musste, um dem Kind nicht zu schaden. Und das hielt auch nicht so lange vor.

Winter hatte sich schon aus dem OP entfernt, Münzinger folgte ihm. Bloß Dr. Hahn blieb bei der Patientin zurück. Die Schwestern begannen schon das Besteck zusammenzuräumen. Lediglich die Anästhesistin und die Narkoseschwester waren noch voll beschäftigt.

„Ich möchte bloß wissen, wie das passiert ist?“, fragte Dr. Hahn.

Gerti sah ihn an. „Wahrscheinlich einer von diesen wahnsinnigen Verkehrsunfällen. Das hört überhaupt nicht auf. Langsam sollten die Menschen doch begreifen, dass die Raserei nichts bringt.“

„Das Bein sieht ziemlich schlimm aus. Aber wir kriegen das wieder hin“, meinte Hahn. „Die sieht aus, als hätte sie mit ihrem Bein einen Bus gestoppt.“

„Ich habe etwas gehört, dass es ein Bus war“, meinte Gerti.

Er hatte es gar nicht so gemeint und sah sie überrascht an. „Wirklich ein Bus?“

„Ja. Soviel ich mitbekommen habe“, sagte die Narkoseärztin, „ist sie zwischen zwei Autos herausgetreten und voll von einem Bus erfasst worden. Er hat sie irgendwie am Bein erwischt, herumgewirbelt und zu Boden geschleudert. An der Schulter hat sie eine Schürfwunde, aber nicht von Bedeutung.“

„Ich weiß. Da haben wir gar nicht viel gemacht. Wie ist der Kreislauf?“

„Tadellos. Jetzt kommt sie.“

Gerti beugte sich über die Patientin und lächelte sie besänftigend an. „Na, wie geht es uns denn?“

Die Frau hatte die Augen geöffnet. Dunkle Augen. Daraus sah sie verwundert auf Gerti.

„Es ist alles gut. Sie haben einen kleinen Sohnemann bekommen.“ Gerti Lamprecht richtete sich etwas auf und wandte sich hinüber zu den beiden Hebammen: „Wie sieht es aus mit dem Sohnemann? Geht es ihm gut?“

Eine der Hebammen, eine Frau um die Fünfzig, drehte sich um. „Es geht ihm prächtig.“

„Na“, meinte Gerti und blickte wieder auf die Patientin. „Haben Sie gehört? Es geht dem Sohnemann prächtig.“

Die Frau hatte einen unverändert ernsten Gesichtsausdruck.

„Haben Sie mich nicht verstanden?“, fragte Gerti und blickte dann hilfesuchend auf Dr. Hahn. „Du kannst nicht zufällig auch russisch, Armin?“

„O nein, Gerti. Aber vielleicht versteht sie Englisch.“

Die Frau bewegte den Mund, als wollte sie sprechen. Aber es kam kein Ton heraus. Und immer noch dieser ernste Gesichtsausdruck.

„Ist sie vielleicht doch irgendwo mit dem Kopf angerannt?“, meinte Gerti und wandte sich wieder an die Frau. „Können Sie mich nicht verstehen? Verstehen Sie mich? Dann nicken Sie doch. Oder sagen etwas.“

Die Frau öffnete wieder den Mund. Und dann hörte Gerti, dass sie einen Namen aussprach. Den Namen Tamara.

„Tamara?“, wiederholte Gerti. „Heißen Sie Tamara?“

Die Frau schloss die Augen, sagte etwas, das Gerti nicht verstehen konnte.

„Frag sie doch auf englisch“, sagte Hahn und kam näher. Er fragte auf englisch, ob sie diese Sprache verstünde. Die Frau hatte die Augen wieder geöffnet. Das Gesicht entspannte sich.

Und sie sagte auf englisch: „Ja, ich verstehe.“

„Sie haben ein Kind bekommen. Einen kleinen Jungen“, erklärte ihr Hahn in fließendem Englisch. „Und Sie sind am Bein verletzt. Aber Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Wir flicken Ihr Bein schon wieder zusammen. Und was Ihr Kind angeht, das ist völlig in Ordnung. Sie haben noch mal Glück gehabt. Wir mussten eine Schnittentbindung machen.“

Sie verstand wohl nicht alles von dem, was er sagte, aber doch das Wesentliche. Sie lächelte sogar und wirkte sehr erleichtert.

„Also deutsch versteht sie nicht“, meinte Gerti. „Dann wissen wir ja Bescheid.“

Aber dann sprach die Fremde: „Tamara. Wo ist Tamara? Was ist mit ihr? Sie war doch bei mir.“

Armin Hahn blickte auf Gerti. „Das muss die andere sein, die in der Ambulanz sitzt. Die hatte wohl eine Schulterprellung oder etwas am Arm. Ich weiß es nicht so genau. Weber hat sie versorgt.“

„Dann schau doch mal nach ihr! Vielleicht kannst du etwas erfahren.“ Sie wandte sich an die Patientin und fragte auf englisch: „Wie heißen Sie?“

„Irina. Irina Mikailowa.“

„Frau Mikailowa, ich nehme an, dass Tamara dieses Mädchen ist, das in der Ambulanz versorgt wird. Sie ist nicht sehr verletzt. Nur etwas am Arm oder an der Schulter. Mein Kollege ist jetzt hinausgegangen und wird nachsehen. Er kommt gleich wieder, und wir sagen Ihnen Bescheid. Seien Sie unbesorgt. Wir kümmern uns um Sie und um Tamara. Wer ist Tamara?“

„Meine Schwester“, antwortete die Patientin.

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TAMARA BLICKTE DEN Arzt aus großen Augen an. Sie saß auf einem weichen Stuhl. Ihr rechter Arm war geschient. Dr. Weber, der vor ihr stand, hielt ihr eine Röntgenaufnahme hin und versuchte ihr zu erklären, dass kein Oberarmbruch vorlag.

Obgleich sie sehr gut deutsch verstand und auch sprach, hörte sie gar nicht richtig hin. Sie sah nur ihn an. Er hatte ein richtiges Lausbubengesicht, blondes Haar und leuchtend blaue Augen. Um seinen Mund waren Falten, die von vielem Lachen zeugten. Ebenso in den Augenwinkeln. Sie versuchte zu schätzen, wie alt er war. Und sie glaubte, dass er nicht viel älter als sechs- oder siebenundzwanzig sein konnte. Er hatte eine wohlklingende Art zu sprechen. Und sie hätte ihm stundenlang zuhören können.

Dass mit ihrem Arm nichts war außer einer Prellung, hatte sie verstanden. Es kümmerte sie auch nicht mehr. Sie hatte nur das Gefühl, dieses Gesicht und diesen Mann, der da vor ihr stand, schon ewig zu kennen. Dabei kannte sie ihn höchstens eine Stunde. Er hatte vorhin die Prellungen an ihrer Schulter versorgt, ihren Arm geröntgt, geschient und ihr auch die kleine Kopfplatzwunde genäht. Sonst fehlte ihr nichts. Und sie fühlte sich im Grunde wohl, von dem brennenden Schmerz an der Schulter einmal abgesehen. Aber da, so hatte ihr Dr. Weber gesagt, würde man morgen etwas Salbe draufmachen, nur am ersten Tag müsste es so bleiben, wie es jetzt ist.

Er hatte die Röntgenaufnahme sinken lassen und sagte: „Was Sie mir noch nicht erzählt haben, Fräulein Tubarova, ist die Ursache dieses Unfalls. Wie konnte es dazu kommen?“

Tamara sah ihn mit einem Male aus ganz anderen Augen an. Warum fragte er das?, dachte sie. Und dann stellte sie ihm diese Frage auch.

Er lächelte. „Ich bin nicht von der Polizei. Es geht mich nichts an. Aber für Ihre Schwester war dieser Unfall kein Zuckerlecken. Selbst wenn sie entlassen wird, muss sie fünf bis sechs Monate auf Krücken gehen, bis sie wieder frei laufen kann. Und sie hat ein Baby.“

„Ich möchte das Baby sehen!“

„Es ist ja noch drinnen im OP. Später bestimmt“, erwiderte der Arzt und lächelte sie versöhnend an. „Sie müssen mir nicht sagen, wie es zum Unfall kam. Es war reine Neugier von mir. Eigentlich Anteilnahme. Und da fragt man sich schon einmal, wie so etwas passieren kann. Reden wir also nicht mehr davon.“

„Doch“, widersprach sie. „Es ist eine sehr lange Geschichte.“

Sie wollte gerade damit beginnen, da kam Dr. Hahn in die Ambulanz.

Hinten in der Ecke hantierte die Ambulanzschwester, Hahn schaute kurz zu ihr hinüber, wandte sich dann an seinen jüngeren Kollegen und schaute schließlich auf Tamara.

„Na? Unserem angeschlagenem Hühnchen scheint’s schon wieder ganz gut zu gehen.“ Er nahm die Röntgenaufnahme aus Webers Hand, hielt sie gegen das Licht und meinte: „Oho, keine Fraktur. Na blendend. Dann ist das ja noch mal gut ausgegangen. Aber Prellungen tun auch ganz schön weh.“ Er schaute wieder Tamara an und lächelte: „Kopf hoch! Übrigens, der Bub, den Ihre Schwester geboren hat, ist wohlauf. Sie sind doch die Schwester, nicht wahr?“

Tamara nickte.

„Ihre Schwester ist verheiratet, nicht wahr?“, wollte Hahn wissen.

Tamara zögerte erst, dann nickte sie wieder und sagte: „Ja ... ja, sie ist verheiratet.“

„Sollten wir nicht den Ehemann benachrichtigen? Haben Sie die Adresse?“

Tamara antwortete wieder nicht gleich. Es war, als müsse sie erst genau überlegen, was sie sagen sollte. Und dann sagte sie mit ihrem reizenden Akzent, aber in völlig einwandfreiem Deutsch: „Er ist auch hier in München. Aber ich weiß nicht wo. Ich nehme an, dass ich ihn finden werde. Ich werde es ihm selbst sagen.“

„Also gut, dann brauchen wir uns nicht darum zu kümmern?“

Tamara schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Ich sag es ihm.“

Dr. Armin Hahn sah Tamara nachdenklich an, stand noch eine ganze Weile, und es war, als wollte er noch etwas sagen, aber er ließ es dann doch und ging zurück in den OP.

„So“, meinte Dr. Weber und lächelte zufrieden, „glauben Sie, dass Sie jetzt kräftig genug sind, um allein zu gehen? An den Beinen ist ja nichts. Oder? Tut Ihnen noch irgend etwas weh?“

Tamara lächelte. „Sie sind so freundlich, Herr Doktor.“

„Ich tue meine Pflicht. Mehr nicht.“ Er half ihr vom Stuhl hoch. Und sie stand schon ziemlich sicher. Ihm war klar, dass sie einen Schock erlitten hatte, aber jetzt ging es wohl besser.

„Vielleicht sollte Sie jemand begleiten.“ Weber wandte sich um. Die Ambulanzschwester war gerade dabei, Rollen mit Gipsbinden in einen Schrank zu schichten.

„Ach was, lassen Sie nur, ich komm mit nach vorn. Der Portier wird Ihnen ein Taxi rufen.“

„Und das Baby? Ich wollte doch das Baby sehen“, sagte Tamara.

„O ja. Dann sollten Sie noch etwas warten. Es ist noch zu früh. Vielleicht in einer halben Stunde.“

„Dann werde ich draußen warten.“ Weber wollte etwas antworten, aber da kam eine andere Schwester zur Tür herein und rief ihm zu: „Herr Doktor Weber, eine Kopfplatzwunde in der Ambulanz II, kommen Sie?“

Weber blickte Tamara entschuldigend an. „Tut mir leid. Sie haben’s gehört. Alles Gute. Ich nehme an, wir sehen uns noch mal wieder. Und zwar in drei Tagen. Da möchte ich Ihren Arm noch einmal kontrollieren und die Platzwunde am Kopf. Und wahrscheinlich wollen Sie auch Ihre Schwester besuchen.“

Tamara kam gar nicht dazu, ihm zu antworten, da war er schon draußen im Nebenraum der Ambulanz II.

Tamara ging hinaus, fand irgendwie den Weg zum Foyer, und als sie da draußen warteten, fragte sie sich, ob man sie jemals informieren würde, dass sie das Kind sehen konnte. So suchte sie auf der großen Tafel unten im Foyer, dem Hauswegweiser, wie sie zur gynäkologischen und geburtshilflichen Abteilung kommen konnte. Die lag im zweiten Stock. Also ging sie langsam die Treppe hinaus. Sie hatte ja Zeit genug.

Als sie dann oben einen Pfleger nach ihrer Schwester und dem Baby fragte, wusste der erst gar nicht Bescheid. Aber er war sehr hilfsbereit. Er ging zum Telefon, und nach einer Weile kam er zurück und sagte: „Also, das läuft irgendwie anders. Ihre Schwester ist in der chirurgischen Abteilung untergebracht. Man hat ihr zunächst einmal das Bein gestreckt. In vier Tagen etwa wird man das Bein operieren. In der geburtshilflichen Abteilung hat man keine Einrichtung für solche Unfälle. Aber sie hat ein Einzelzimmer bekommen, und das Baby wird zu ihr gebracht. Das Kind ist ein wenig zu früh auf die Welt gekommen. Sie können es heute deshalb noch nicht sehen. Man gibt es ihr erst zu den Stillzeiten, weil das Kind zu viel Wärme braucht. Morgen dann wird man es wohl länger bei der Mutter lassen, und dann können Sie es auch sehen. Es tut mir leid, aber etwas anderes kann ich Ihnen nicht sagen.“

Tamara sah es ein, wenn sie auch nicht gerade beglückt über diese Auskunft wirkte.

Als sie dann wieder unten war und gerade die Klinik verlassen wollte, stieß sie zufällig auf Dr. Weber.

„Hallo“, sagte er, „ich muss dringend weg. Ein Notfalleinsatz. Waren Sie bei dem Kleinen von Ihrer Schwester?“

„Ich darf ihn erst morgen sehen“, erwiderte sie.

Sie hätten sich wohl mehr zu erzählen gehabt, aber er musste rasch weiter, rannte nach draußen, aber als er an der Pförtnerloge vorbeikam, rief er noch dem alten Bräuninger zu: „Herr Bräuninger, bestellen Sie der Dame ein Taxi, bitte!“ Dann war er draußen.

Bräuninger blickte über seine Lesebrille hinweg suchend herum, entdeckte dann Tamara und fragte: „Ist es für Sie, das Taxi?“

Tamara nickte nur, sah ihn telefonieren, und dann deutete er nach draußen. „Es kimmt glei“, rief er.

Sie murmelte einen Dank und verließ die Klinik.

Nach ein paar Minuten tauchte das Taxi auf. Ein älterer Mann fuhr es.

„Eden Wolff Hotel“, sagte sie nur und ließ sich hinten auf den Sitz sinken.

Der Fahrer fuhr wortlos davon.

Eine Viertelstunde später hatte sich das Taxi durchs Verkehrsgewühl gekämpft und hielt vor dem Hotel Eden Wolff an.

Gar nicht lange danach hatte Tamara den Schlüssel des Zimmers, das sie bewohnte, ging aber nicht dorthin, sondern nach nebenan an die Tür. Sie klopfte, versuchte dann die Tür zu öffnen, aber sie war verschlossen. Sie klopfte erneut, dann wurde die Tür von innen geöffnet. Eine große, schlanke Frau mit kurzgeschnittenem kastanienbraunem Haar und einem schmalen Gesicht stand vor Tamara. Sie war größer als Tamara, trug eine schwarze Seidenbluse und schwarze, sehr weit geschneiderte ebensolche Hosen. Ihre Füße steckten in hochhackigen Pantöffelchen.

„Was willst du?“, fragte die Frau mit dunkler Stimme auf russisch. „Was ist mit deinem Arm?“

„Ich will mit dir reden“, entgegnete Tamara. „Lass mich herein!“

Die Frau hatte eine Zigarette in einer sehr langen Spitze in der rechten Hand, trat nun beiseite, und als Tamara vorbeiging, blies sie ihr den Hauch ins Gesicht.

Tamara tat, als habe sie das gar nicht bemerkt.

„Du bist hier nicht willkommen, Tamara.“

„Es stört mich nicht, ob ich willkommen bin oder nicht, Olga. Ich möchte dir nur sagen, was passiert ist. Du kannst es ja dann sofort deinem Minister melden.“

„Mein Minister ist dein Schwager. Was soll dieser Ton? Wie redest du?“

Zusammenfassung

Ein Scheck über 10 000 Rubel
Arztroman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

In die Tannenhof-Klinik wird nach einem Unfall eine hochschwangere Frau eingeliefert, sie und ihre ebenfalls verletzte Schwester stammen aus Russland und gehören zu einer Kulturdelegation. Doch verletzte Gefühle und die eigentlich nicht gestattete Liebe zu einem deutschen Arzt erzeugen ein Durcheinander zwischen den Personen, die in einem diplomatischen Zwischenfall gipfeln. Gibt es eine Zukunft für Tamara und Dr. Weber? Und kann Irina mit ihrem neugeborenen Kind ihren Mann zurückerobern? Oder sind die Grenzen selbst für die große Liebe zu hoch?

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920734
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juni)
Schlagworte
scheck rubel arztroman exklusiv edition

Autor

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Titel: Ein Scheck über 10.000 Rubel: Arztroman Exklusiv Edition