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Albtraum in alten Mauern

©2018 130 Seiten

Zusammenfassung

Albtraum in alten Mauern
Romantic Thriller von Frank Rehfeld

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

Nach einem mysteriösen Anruf in der Detektei bricht die Ermittlerin Janine Villon von Paris aus auf in ein kleines französisches Dorf, um die ungewöhnlichen Vorkommnisse im lokalen Chateau aufzuklären. Der Auftraggeber Bernard Treton behauptet, dass es im Chateau spuke und der Hausgeist versuche ihn umzubringen. Janine Villon glaubt nicht an Übernatürliches und nimmt die Ermittlung auf: Doch dann geschehen immer mehr unerklärliche Dinge, und Janine beginnt zu zweifeln…

Leseprobe

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Albtraum in alten Mauern

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Romantic Thriller von Frank Rehfeld

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

Nach einem mysteriösen Anruf in der Detektei bricht die Ermittlerin Janine Villon von Paris aus auf in ein kleines französisches Dorf, um die ungewöhnlichen Vorkommnisse im lokalen Chateau aufzuklären. Der Auftraggeber Bernard Treton behauptet, dass es im Chateau spuke und der Hausgeist versuche ihn umzubringen. Janine Villon glaubt nicht an Übernatürliches und nimmt die Ermittlung auf: Doch dann geschehen immer mehr unerklärliche Dinge, und Janine beginnt zu zweifeln...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Man könnte wahnsinnig werden“, stöhnte Janine Villon. Sie bedachte den Papierstapel auf ihrem Schreibtisch mit einem bösen Blick, wodurch dieser aber auch nicht kleiner wurde. Sehnsuchtsvoll lehnte sie sich zurück und schaute aus dem Fenster. Die Sonne schien warm und mild, das reinste Sommerwetter, das sich in diesen frühen Herbsttag verirrt hatte.

„Was ist los mit dir?“, erkundigte sich Patrick Clochant, ihr Partner, mit dem sie zusammen gleichberechtigt eine bekannte Pariser Detektei leitete. Um seine Mundwinkel lag ein spöttisches Lächeln. Er kannte die Antwort nur zu gut, aber ebenso, wie sie es umgekehrt auch tat, ließ er keine Gelegenheit aus, sie zu ärgern.

„Ich hasse diesen Papierkram“, stieß Janine hervor. „Besonders bei solchem Wetter. Das ist etwas für trübe Regentage.“

„Nichts zu machen“, Patrick schüttelte in gespieltem Bedauern den Kopf. „Auch die Buchführung muss erledigt werden. Du weißt, dass wir nächste Woche eine Prüfung bekommen.“

„Aber können wir das nicht auf morgen verschieben?“, fragte Janine hoffnungsvoll. „Dann ist es immer noch fast eine Woche. Vielleicht regnet es morgen ja.“

„Kommt gar nicht in Frage. Wir haben das schon viel zu lange hinausgezögert. Im Augenblick haben wir keine dringenden Aufträge, da ist endlich Zeit. Wer weiß, wie es morgen aussieht.“ Betont unschuldig schaute er seine Partnerin an: „Außerdem weiß ich gar nicht, was du hast. Mir macht der Papierkram Spaß.“

„Dann mach doch meinen Teil mit“, entgegnete Janine patzig und beugte sich wieder über den Stapel.

Sie wussten beide, dass solche Wortgefechte nicht ernst zu nehmen waren, sondern nur dazu dienten, die Atmosphäre aufzulockern. In Wirklichkeit verstanden sie sich prächtig und konnten sich blind aufeinander verlassen. Sie bildeten ein prächtiges Team. Janine liebte Außeneinsätze, die Beschattung und Überführung von Verdächtigen, während sich Patrick meist im Hintergrund hielt und von dort seine Fäden zog.

Von Leuten, die ihn nicht näher kannten, wurde er aufgrund seiner scheinbaren Faulheit und Bequemlichkeit leicht unterschätzt. Er war hochgewachsen und leicht übergewichtig. Sein dunkles Haar trug er schulterlang. Meist lümmelte er sich in einem Sessel herum, und wenn er einmal ein paar Schritte gehen musste, stöhnte er bereits, als hätte er an einem Marathonlauf teilzunehmen.

Doch dieser Eindruck täuschte. Hinter seiner vordergründigen Maske verbarg sich ein messerscharfer, analysierender Verstand, und in Wahrheit war er alles andere als faul, wenn es darauf ankam. Zudem besaß er phantastische Verbindungen zu einflussreichen Leuten und bekam von ihnen fast alle wichtigen Informationen.

Einige Minuten lang arbeitete Janine konzentriert weiter. Als plötzlich das Telefon zu klingeln begann, griff sie rasch zum Hörer, mehr als froh über diese willkommene Abwechslung.

Sie kam kaum dazu, ihren Namen zu nennen, als bereits ein wahrer Redeschwall über sie hereinbrach, so schnell, dass sie überhaupt nicht mehr dazu kam, etwas zu sagen.

„Ich heiße Bernard Treton. Sie leiten eine Detektei, nicht wahr? Ich habe in der Zeitung von Ihren Fälle gelesen, dadurch bin ich an Sie geraten. Ich brauche unbedingt Ihre Hilfe. Man hat versucht, mich umzubringen. Sie sind wahrscheinlich die Einzige, die mir helfen kann, und ich...“

„Um was geht es denn?“, fragte Janine, als der Mann einen Moment lang Pause machte, um Atem zu schöpfen. „Beruhigen Sie sich und sprechen Sie langsamer, wenn Sie wollen, dass ich Sie verstehe.“

„Beruhigen, pah, das sagt sich so leicht. Hat man Sie schon einmal umzubringen versucht? Ja, wahrscheinlich, als Detektiv sind Sie die Gefahr ja geradezu gewöhnt. Aber mir ist so etwas noch nie...“

„Man hat also versucht, Sie umzubringen“, unterbrach Janine, bevor Treton sich wieder in einen endlosen Redeschwall steigern konnte. Patrick Clochant warf ihr über den Schreibtisch einen interessierten Blick zu, als sie etwas vom Umbringen sagte. „Haben Sie sich bereits an die Polizei gewandt? Die scheint mir in diesem Fall eher zuständig zu sein.“

„Nein, ich...“, Treton geriet ins Stocken. „Ich glaube nicht, dass die Polizei mir helfen kann. Aber das kann ich Ihnen am Telefon schlecht erklären. Wäre es möglich, dass wir uns treffen und persönlich darüber sprechen? Ich komme selbstverständlich für alle anfallenden Spesen auf.“

„Sicherlich, Mr. Treton. Wo sollen wir uns treffen? Irgendwo in der Stadt oder kommen Sie hier im Büro vorbei?“

„Nein, es wäre günstiger, wenn Sie zu mir kommen könnten. Vor Ort könnte ich Ihnen alles direkt zeigen. Wie gesagt, ich komme für alle Kosten auf. Ich wohne im Chateau d'Argent, das liegt bei Cardillan.“

„Cardillan?“, Janine überlegte kurz, während sie die Adresse notierte. „Aber das sind fast hundert Kilometer von Paris aus.“

„Ich weiß, aber...“

„Aber Sie kommen für alle Kosten auf“, beendete Janine den Satz. „Also gut. Ich werde direkt losfahren. Bis später dann.“

„Bis später“, erwiderte Treton mit hörbarer Erleichterung. „Und im Voraus schon mal vielen Dank für Ihre Hilfe.“

„Ob ich Ihnen helfen kann, wird sich erst noch herausstellen.“

Janine legte den Hörer auf. Patricks Gesicht war ein einziges Fragezeichen.

„Nun erzähl schon, statt mich auf die Folter zu spannen“, forderte er. „Was will dieser Typ von uns?“

Janine zuckte die Achseln.

„Tja, das weiß ich auch noch nicht. Er wollte am Telefon nicht mehr sagen, als dass man versucht hätte, ihn umzubringen. Ich soll mich mit ihm persönlich treffen.“

„In Cardillan?“

„Ja, da bewohnt er irgendwo ein Chateau. Klingt ziemlich vornehm.“ Sie blickte auf ihren Notizblock. „Chateau d'Argent. Ich bin mal gespannt, was das alles zu bedeuten hat.“

„Das werden wir ja herausfinden. Losen wir, wer von uns hinfährt?“, ein hoffnungsvoller Unterton schlich sich in Patricks Stimme.

„Nichts da“, lehnte Janine entschlossen ab. „Er will mich persönlich sprechen.“ Das hatte der Mann zwar nicht ausdrücklich verlangt, aber eine kleine Notlüge, die Patrick nicht nachprüfen konnte, erschien ihr angebracht. Sie stand auf und griff nach ihrer Jacke. „Wir können auch nicht beide fahren“, ergänzte sie, während sie zur Tür schlenderte. „Einer muss ja zumindest den Papierkram erledigen. Übrigens, im Schrank liegen noch mehr Akten und warten auf dich.“

„Klar, und ich muss mich natürlich darum kümmern“, brummte Patrick verdrossen.

„Ich weiß gar nicht, was du hast“, sagte Janine, öffnete die Tür und schenkte ihrem Partner ein betont unschuldsvolles Lächeln. „Du hast doch selbst gesagt, dass dir das Spaß macht.“

Hastig schlug sie die Tür hinter sich zu, um nicht von dem Schnellhefter getroffen zu werden, den Patrick ihr hinterherschleuderte.

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Janine Villon brauchte mehr als zwei Stunden, bis sie Cardillan erreichte, obwohl sie einen schnellen Sportwagen besaß und die Straßen zu dieser frühen Nachmittagsstunde fast frei waren, nachdem sie einmal aus dem Pariser Innenstadtverkehr heraus war. Eine durch Straßenarbeiten bedingte Umleitung zwang sie, von der direkten Strecke abzuweichen. Die Umleitung war so schlecht ausgeschildert, dass sie sich verfuhr und einen großen Umweg in Kauf nehmen musste.

Das störte Janine nicht weiter, dieser Treton würde ja alles bezahlen. Hauptsache, sie war der langweiligen Schreibtischarbeit und der stickigen Enge des Büros entkommen. Sie genoss das schöne Wetter und die Fahrt durch die freie Landschaft in vollen Zügen und hatte das Verdeck des Wagens zurückgeklappt, so dass ihre langen, lackschwarzen Haare im Fahrtwind flatterten.

Cardillan war ein kleines Dorf mit kaum zweihundert Einwohnern. Die größtenteils uralten Häuser gruppierten sich ringförmig um eine Kirche, vor der sich ein freier Platz erstreckte.

Janine parkte ihren Wagen dort und genoss die halb neugierigen, halb staunenden Blicke der Passanten, die einen so exklusiven Sportwagen wahrscheinlich höchstens vom Fernsehen her kannten. Ähnlich verhielt es sich wohl auch mit der brandaktuellen, modischen Kleidung, die sie trug, und die es bislang nur in Paris, der unbestrittenen Stadt der Mode, zu kaufen gab.

Und mit gesundem Selbstbewusstsein setzte Janine auch eine entsprechende Wirkung ihrer eigenen Person voraus. Sie wusste, dass sie gut aussah, schließlich hatte sie mehrere Jahre als hochbezahltes Fotomodell und Mannequin gearbeitet und hatte auch bereits erste Filmangebote erhalten. Doch irgendwann war sie es leid gewesen, ihre Haut als Marke zu tragen und nur als hübsches Mädchen, nicht aber als intelligente Person betrachtet zu werden. Von einem Tag zum anderen hatte sie alles hingeschmissen, für eine Zeitung gearbeitet und sich schließlich als Detektivin zusammen mit Patrick Clochant selbstständig gemacht.

Ihre schlanke Figur erhielt sie sich mit regelmäßigem Sport und ihr hübsches Gesicht hätte es ihr jederzeit ermöglicht, mit ihren siebenundzwanzig Jahren wieder für eine Fotoagentur zu arbeiten. Die hochangesetzten Wangenknochen verliehen ihr ein leicht exotisches Aussehen und ließen sie nicht nur für Fotografen besonders interessant erscheinen. Über mangelndes Interesse von Seiten der Männer brauchte sie sich wahrlich nicht zu beklagen.

Ihr Vater war Australier gewesen, ihre Mutter Französin. Janine besaß die französische Staatsbürgerschaft, obwohl sie während einer Kreuzfahrt auf einem Überseedampfer zur Welt gekommen war.

Sie schlenderte auf ein paar ältere Jugendliche zu, die an einem Tisch vor einem Straßencafé saßen und ihr mit offensichtlichem Interesse entgegenstarrten.

„Entschuldigung, können Sie mir sagen, wo ich das Chateau d'Argent finde?“, erkundigte sie sich.

„Aber sicher“, antwortete einer der Angesprochenen, ein etwa zwanzigjähriger Junge mit blondem Haar und athletischer Figur. Anscheinend war er der Wortführer der Clique und zudem schien er sich auch noch für unwiderstehlich zu halten. Er grinste unverfroren. „Ich kann Sie sogar hinbringen, wenn Sie mich in ihrem Flitzer mitnehmen.“

„Danke, es reicht schon, wenn Sie mir den Weg beschreiben.“

„Ich würde Sie aber viel lieber hinbringen“, entgegnete er und grinste noch ein wenig breiter. „Eine Frau wie Sie sieht man nicht oft in so einem Kaff. Ich heiße übrigens Marc.“

„Das ist ja hochinteressant.“

Janine musterte ihn mit einem eisigen, betont abfälligen Blick und wandte sich dann an die anderen Jugendlichen. „Kann mir vielleicht einer von Ihnen den Weg beschreiben?“

„He, du hast mit mir gesprochen, Süße“, protestierte Marc und griff nach ihrem Arm.

Kaum eine Sekunde später saß er mit ziemlich verdutztem Gesicht auf dem Boden und massierte seine schmerzende Schulter. Janine hatte einen ganz einfachen, aber ungemein wirkungsvollen Judogriff angewandt. Solche plumpen Anmachtouren mochte sie gar nicht.

Der Besitzer des Cafés kam ins Freie gelaufen.

„Was geht hier vor?“, fragte er scharf. „Ich möchte keinen Ärger und...“

„Ich auch nicht“, fiel Janine ihm ins Wort. „Ich möchte nur wissen, wie ich zum Chateau d'Argent komme.“

Der Mann erklärte es ihr. Sie bedankte sich höflich und kehrte zu ihrem Wagen zurück, nachdem sie Marc, der immer noch verdutzt auf dem Boden saß, besonders freundlich angelächelt hatte.

Ihr Ziel lag etwa einen Kilometer außerhalb des Ortes. Beim Anblick des Chateaus stöhnte Janine unwillkürlich auf. Das Gebäude war groß, fast schon ein Schlösschen, aber zum größten Teil in einem hoffnungslos verwahrlosten Zustand. Hier sollte der Mann wohnen, der sie engagieren wollte und großzügig erklärt hatte, alle Spesen zu übernehmen?

Sie parkte den Wagen vor dem Haus, stieg aus und betätigte den wuchtigen Türklopfer. Schon nach wenigen Sekunden wurde ihr geöffnet.

Überrascht schaute sie den Mann an. Der Telefonstimme und dem abgelegenen Chateau nach, hatte sie eine ältere Person erwartet, doch der Mann vor ihr war kaum älter als sie selbst. Er war schlank und dunkelhaarig. Graue Augen beherrschten sein kantiges, markant geschnittenes Gesicht. Auch er schien im ersten Moment überrascht. Offenbar hatte auch er sich ein anderes Bild von ihr gemacht. Um auch weiterhin unauffällig recherchieren zu können, hatte Janine stets dafür gesorgt, dass zu den Berichten über ihre Fälle keine Fotos von ihr in den Zeitungen abgedruckt wurden. Mit dem früher so bekannten Fotomodell brachte sie ohnehin niemand in Verbindung.

„Janine Villon“, stellte sie sich vor. „Sind Sie Bernard Treton?“

Er überwand seine Überraschung schnell und lächelte ihr unsicher zu.

„Höchstpersönlich. Kommen Sie herein, Madame Villon.“

„Mademoiselle“, verbesserte Janine. „Ich bin nicht verheiratet.“

Sie trat in eine große, lichtdurchflutete Eingangshalle. Die hohen Fenster waren ähnlich wie Kirchenfenster mit Motiven aus Buntglas versehen und warfen farbige Lichtreflexe in den Raum. In den Ecken standen große Grünpflanzen und schufen eine behagliche Atmosphäre. Eine breite Marmortreppe führte in ein höheres Stockwerk. Ebenfalls aus Marmor bestanden die Säulen, die das Dach der Halle stützten.

Janine erfasste alles mit einem einzigen, raschen Blick. Sie war durch ihren Beruf daran gewöhnt, ihre Umgebung möglichst rasch und umfassend wahrzunehmen. Hier drinnen war nichts mehr von dem Verfall festzustellen, der das Äußere des Chateaus so unvorteilhaft prägte.

Bernard Treton führte sie in ein behaglich eingerichtetes Wohnzimmer und wies sie an, in einem der ledernen Clubsessel Platz zu nehmen.

„Möchten Sie etwas trinken?“, erkundigte er sich.

„Vielleicht später. Zuerst würde ich gern erfahren, weshalb Sie mich hergebeten haben. Sie sagten, man hätte versucht, Sie umzubringen. Was ist genau passiert?“

Treton nahm ihr gegenüber in einem Sessel Platz und musterte sie ernst.

„Erlauben Sie mir zuvor eine persönliche Frage“, bat er und machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr: „Glauben Sie an Geister?“

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Wie bitte?“, Janine glaubte sich verhört zu haben. „Sagten Sie Geister?“

Treton nickte.

„Sie haben richtig verstanden. Bitte lachen Sie nicht; auch wenn sich das ziemlich lustig und seltsam anhört, ist die Frage doch sehr ernst gemeint.“

Unbehaglich rutschte Janine in ihrem Sessel hin und her und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Sie begriff nicht, worauf Treton hinauswollte, aber etwas in seine Stimme zeigte ihr, dass ihm die Antwort wirklich wichtig sein musste. Nach einigen Sekunden entschloss sie sich, ehrlich zu antworten.

„Nein, ich glaube nicht an Geister“, sagte sie. „Weder an Geister, noch an Vampire oder sonst irgendwelche Spukgestalten. Das ist für mich nichts als billiger Aberglaube.“

Treton nickte, doch wirkte er ein wenig betrübt.

„Ich habe nichts anderes erwartet. Bis vor kurzem habe ich ja selbst nicht anders gedacht, ich kann es Ihnen also nicht verübeln. Doch ich habe mich nicht ohne Grund gerade an Ihre Detektei gewandt. Sie haben bereits einmal an einem Fall gearbeitet, in dem es um einen während der französischen Revolution hingerichteten Marquis ging, der aus dem Jenseits zurückkehrte und eine Frau in den Tod trieb.“

Janine schüttelte entschieden den Kopf.

„Das stimmt so nicht ganz. Der Fall hatte in Wahrheit nichts Übernatürliches an sich. Hinterher stellte sich heraus, dass eine junge Frau, Sylvie Trelon, hinter allem steckte. Sie war die Geliebte des Ehemannes und wollte ihre Rivalin ausschalten.“

„Stimmt, jetzt erinnere ich mich wieder“, sagte Treton. „Es liegt schon eine Weile zurück, und ich wusste nur noch den Namen Ihrer Detektei. Der Fall schlug damals ziemliche Wellen in der Presse. Das liegt etwa zwei Jahre zurück, nicht wahr?“

„Ziemlich genau, ja.“ Janine schüttelte den Kopf, als wolle sie die Erinnerungen verdrängen. Sie dachte nicht gerne an diesen Fall zurück. Es war einer der schlimmsten gewesen, den sie je bestanden hatte. Zudem hatte sie bei dieser Gelegenheit den Reporter Daniel Fouron kennengelernt und sich in ihn verliebt. An ihn dachte sie beinahe ebenso ungern zurück.

„Aber darum geht es ja jetzt nicht“, wechselte sie das Thema. „Was ist Ihnen denn nun zugestoßen, Monsieur Treton?“

„Sagen Sie Bernard zu mir“, bat er.

„Also gut, Bernard, bitte erzählen Sie mir endlich, um was es geht.“

Er seufzte.

„Es ist alles ziemlich kompliziert. Am besten berichte ich von Anfang an. Ich träumte schon lange davon, einmal so ein einsam gelegenes altes Haus zu besitzen. Vor kurzem erst wurde ich hier fündig. Das Chateau d'Argent stand seit langem leer. Es fand sich beim besten Willen kein Käufer dafür, so dass ich es ziemlich billig erstehen konnte. Zuerst ließ ich nur den Hauptflügel des Gebäudes renovieren. Sie haben ja wahrscheinlich selbst schon gesehen, wie es teilweise hier noch aussieht. Ich richtete mich also hier ein, wobei ich alle Warnungen der Menschen aus Cardillan in den Wind schlug.“

„Was für Warnungen?“, hakte Janine nach.

„Das ist es ja gerade. Man warnte mich davor, dass es hier spuken sollte. Deshalb stand das Chateau auch solange leer. Angeblich soll ein Fluch auf dem Gebäude lasten. Ich konnte darüber nur lachen, hielt so etwas - genau wie Sie - für abergläubisches Geschwätz der einfachen Leute vom Land, und wollte mir dadurch nichts verderben lassen.“

„Und mittlerweile glauben Sie etwas anderes?“

„Ich wurde geradezu dazu gezwungen. In der ersten Nacht blieb noch alles ruhig. In der zweiten begannen dann die Geräusche.“

„Was für Geräusche?“, fragte Janine, als er nicht weitersprach.

Er machte eine vieldeutige Handbewegung.

„Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Zuerst hielt ich alles für Einbildung. Das Knacken des alten Holzes und so. Aber die Geräusche nahmen zu. Ich hörte Schritte im Stockwerk über mir. Schwere, schleifende Schritte, aber dort hielt sich niemand auf. Ich wohne ganz allein hier. Trotzdem ging ich nachsehen, aber ich konnte niemanden entdecken. Immerhin hörten die Geräusche auf.“ Er räusperte sich. „Möchten Sie nicht doch etwas trinken? Ich habe einen guten Weinbrand.“

„Lieber nicht, ich muss nachher noch fahren.“

„Dann vielleicht einen Fruchtsaft? Ich für meinen Teil habe einen ziemlich trockenen Mund.“

„Gut, einen Fruchtsaft“, stimmte Janine zu. Das Gespräch schien doch länger zu dauern, und sie hatte vom langen Fahren über die staubigen Landstraßen ebenfalls einen trockenen Hals bekommen. Der Fall begann sie zu interessieren. Ihr detektivisch geschultes Gehirn begann bereits zu arbeiten und nach möglichen Erklärungen zu suchen, wenn gleich sie keine fand. Dafür wusste sie noch zu wenig.

Treton stand auf und verließ das Zimmer. Als er nach kurzer Zeit zurückkehrte, hielt er ein Tablett in der Hand, auf dem ein Glas und eine Karaffe mit Orangensaft standen. Er schenkte ein und stellte das Glas vor Janine auf den Tisch. Für sich selbst holte er ein kleineres Glas und die Flasche Weinbrand aus dem Schrank.

„Danke“, sagte sie und nippte an dem Saft. „Was hatte es nun mit den Schritten auf sich?“

„Eben das sollen Sie herausfinden“, antwortete er, nachdem er sich wieder gesetzt und ebenfalls getrunken hatte. „In der nächsten Nacht kehrten die Geräusche zurück. Wieder hörte ich Schritte, aber noch etwas anderes. Ein Poltern, als würde jemand schwere Möbel hin und her rücken. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen und versuchte mir einzureden, dass ich mir alles nur einbildete. Ich habe vorher in Paris gewohnt, müssen Sie wissen. Wenn man den Großstadtlärm und einen modernen Neubau gewöhnt ist, und dann plötzlich in ein so altes und einsames Haus zieht, kann es schon mal vorkommen, dass einem die Nerven einen Streich spielen, dachte ich mir. Außerdem war ich ziemlich überarbeitet.“

„Dann muss es aber eine ziemlich realistische Einbildung gewesen sein. Doch Sie haben recht, so etwas kann vorkommen.“

„Es war keine Einbildung. Alles war Realität, nur fragen Sie mich nicht nach einer Erklärung. Seit fast einer Woche höre ich nun schon jede Nacht diese Geräusche. Sie treiben mich schier in den Wahnsinn. Gestern Nacht wurde es besonders schlimm. Ich vernahm plötzlich Klopfgeräusche. Als Kind war ich bei den Pfadfindern, von daher kenne ich das Morsealphabet. Es handelte sich bei dem Klopfen eindeutig um Morsezeichen.“

Er griff in seine Tasche und zog einen Zettel heraus, den er Janine reichte. Verwundert starrte sie auf die Worte, die in eilig hingekritzelten Blockbuchstaben darauf standen.

„Störe nicht die Ruhe der Toten“, las sie laut vor. „Sonst wirst du sterben.“

„Das war der wörtliche Inhalt der Morsezeichen“, erklärte Treton. „Ich habe mitgeschrieben. Dreimal wurde die Nachricht wiederholt, dann herrschte Stille.“

„Und was haben Sie gemacht?“, wollte Janine wissen.

„Was sollte ich schon machen? Ich habe mir ernsthaft überlegt, aus dem Haus auszuziehen, aber das geht nicht. Fast mein ganzes Geld habe ich für den Kauf und die bisherigen Renovierungen ausgegeben. Wie schon der Vorbesitzer, müsste ich wahrscheinlich Jahre, wenn nicht noch länger warten, bis ich einen Käufer fände. Das kann ich mir nicht leisten. Ich hätte das ganze Geld zum Fenster hinausgeworfen.“ Er lächelte schmerzlich. „Keine Angst, es ist noch genug da, um Ihr Honorar zu bezahlen.“

„Und was hatte es mit diesem Mordversuch auf sich?“, fragte Janine, ohne auf den letzten Satz einzugehen. Treton schien wirklich Hilfe zu brauchen und in einem solchen Fall konnte man zur Not auch über das Honorar verhandeln. Zeitungsberichte über so mysteriöse Fälle wirkten wie Werbeanzeigen und würden im Nachhinein indirekt für Geld sorgen.

Treton trank sein Glas leer und schenkte sich nach, bevor er weitersprach.

„Es geschah heute Nacht, in den frühen Morgenstunden. Jemand - oder Etwas - klopfte an die Tür meines Zimmers. Ich bekam panische Angst, aber dann ging ich doch nachsehen. Kaum hatte ich die Tür geöffnet, stürzte direkt vor mir ein Schwert herab. Wenn ich nur einen Schritt weiter vorgetreten wäre, hätte es mich glatt durchbohrt. Ich hatte schon vorher überlegt, einen Detektiv zu engagieren, das gab nun den endgültigen Ausschlag. Zur Polizei konnte ich nicht gehen. Niemand würde mir glauben. Ich habe mich heute Nacht aus Verzweiflung völlig betrunken, und sobald ich heute Mittag aufwachte, habe ich Sie angerufen. So, jetzt kennen Sie die ganze Geschichte.“

Einige Minuten lang herrschte Schweigen. Janine zündete sich eine Zigarette an und überlegte.

„Das ist wirklich alles außerordentlich mysteriös“, sagte sie schließlich. „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.“

„Ich bitte Sie inbrünstig, es herauszufinden. Nehmen Sie den Auftrag an?“

„So eine seltsame Geschichte habe ich noch nie gehört“, antwortete Janine nachdenklich. „Aber gerade deshalb interessiert mich die Angelegenheit. Ich werde versuchen, Ihnen zu helfen, Bernard.“

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Zunächst ließ sich Janine im Chateau d'Argent herumführen. Ein großer Teil des Gebäudes war wirklich kaum mehr als eine Ruine, die nach hinten liegenden Flügel mehr noch als die, die sich in Richtung der Straße erstreckten. Einige Trakte ließen sich überhaupt nicht betreten, weil Einbruchgefahr bestand. Stellenweise waren Decken und Dach bereits herabgebrochen.

Kein Wunder, dass das Haus billig zu kaufen gewesen war, überlegte Janine. Und es war auch nicht weiter verwunderlich, dass sich vorher lange kein Käufer gefunden hatte, ganz abgesehen von allem Aberglaube. Leichtgläubige Gemüter konnten beim Anblick dieses unheimlichen, alten Gemäuers wirklich leicht zu der Überzeugung gelangen, hier ginge es nicht mit rechten Dingen zu. Diese ganze Ruine wieder in einen bewohnbaren Zustand zu versetzen, musste gigantische Geldmengen verschlingen.

Allerdings musste sie zugeben, dass der renovierte Hauptflügel wirklich ziemlich wohnlich anmutete. Mit wenigen einfachen Mitteln hatte es Bernard Treton geschafft, eine behagliche Wohnatmosphäre zu erschaffen. Allerdings war der Verfall hier wohl auch schon vor seinem Einzug nicht ganz so weit fortgeschritten. Anscheinend hatte auch schon der Vorbesitzer nur diesen Trakt bewohnt und instandgehalten.

„Von hier also sollen diese unheimlichen Geräusche gekommen sein“, sagte sie, als Treton sie in das Stockwerk führte, das über seinen Wohnräumen lag. Auch hier hatten erst vor kurzer Zeit Handwerker gearbeitet und alle schweren Schäden behoben, was aber nicht bedeutete, dass die Räume sonderlich gemütlich erschienen. Zwar hatte man alles saubergemacht, aber nicht tapeziert. Die Räume dienten als Abstellkammern für viele alte, reichlich morsch anmutende Möbel, die wohl im Kaufpreis des Chateaus enthalten gewesen waren. Die meisten waren so schlecht erhalten, dass sie trotz ihres hohen Alters nicht einmal mehr antiquarischen Wert besaßen.

„Ja, aus diesem Trakt“, antwortete Treton. Er führte sie in einen besonders großen Raum, in dem vorwiegend große Schränke standen. „Genau hier drunter liegt mein Schlafzimmer. Von hier hörte ich das Rücken der Möbel. Aber wenn ich am nächsten Tag nachsah, stand alles genauso da, wie zuvor. Ein Mensch allein könnte diese Schränke überhaupt nicht bewegen. Einige würden eher auseinanderbrechen, als sich verrücken zu lassen.“

Dem konnte Janine nur zustimmen.

„Gehen wir wieder hinunter“, schlug sie vor. „Dort lässt es sich besser plaudern. Ich habe alles gesehen, was ich sehen wollte.“

„Wie denken Sie über die Angelegenheit?“, wollte Treton wissen, als sie wieder im Wohnzimmer zusammensaßen. „Nachdem ich Sie nun kennengelernt habe, kann ich mir nicht vorstellen, dass es Ihnen nur darum geht, mein Geld einzustreichen. Glauben Sie, dass Sie eine Lösung der Geheimnisse finden können?“

„Das sind mehrere Fragen auf einmal. Es geht mir bestimmt nicht darum, nur Geld zu kassieren, ohne etwas dafür zu tun, das vorweg. Und was ich von der ganzen Angelegenheit halte, nun, das ist schwer zu sagen. Zunächst einmal glaube ich auch weiterhin an nichts Übernatürliches. Wenn Ihnen etwas Derartiges vorschwebt, dann wären Sie bei einem obskuren Exorzisten besser aufgehoben. Sollte es aber eine kriminalistische Lösung geben, werde ich alles in meiner Macht stehende tun, um sie zu finden, und solange kann ich zumindest versuchen, Sie zu schützen.“

„Das ist eine ehrliche Antwort. Auch wenn es mir nach allem schwerfällt, an eine natürliche Ursache zu glauben, wäre mir das natürlich am liebsten. Es wird sich zeigen. Aber ich glaube, ich habe eine gute Wahl getroffen, Sie zu engagieren. Wenn jemand diesen Fall lösen kann, dann sind Sie es bestimmt.“

„Warten Sie mit solchen Lorbeeren lieber, bis ich mit der Arbeit begonnen, oder besser noch, bis ich sie abgeschlossen habe“, wehrte Janine ab. „Haben Sie sich eigentlich schon Gedanken über den Ablauf meiner Ermittlungen gemacht?“

„Nun, es sind rund hundert Kilometer bis nach Paris. Der Spuk tritt nur nachts auf. Wenn Sie den Fall wirklich übernehmen, wäre es wohl am günstigsten, Sie würden für ein paar Tage hierherziehen. Ich werde ein Gästezimmer für Sie herrichten.“

„Anders wird es kaum gehen, obwohl ich in Paris genug Arbeit habe“, stimmte Janine zu. Mit geheimer Schadenfreude stellte sie sich Patricks Gesicht vor, wenn sie ihm diese Nachricht überbrachte und verkündete, er könnte sich die nächste Zeit allein mit den Bilanzen herumärgern. „Wenn Ihnen hier Gefahr droht, ziehe ich am besten noch heute ein.“

„Das wäre wundervoll“, erwiderte Treton mit freudig glänzenden Augen. „Ich habe nicht gewagt, Sie darum zu bitten.“

„Gut, dann sind wir uns ja einig. Ich muss wohl noch zurück nach Paris, um ein paar Sachen zu holen, die ich dringend brauche.“

Mit reichlich zwiespältigen Gefühlen machte sich Janine auf den Weg.

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Die Rückfahrt dauerte kaum eine Stunde, da Janine die Strecke nun einmal kannte und sich nicht mehr verfuhr. Sie fuhr direkt zum Büro, in der Hoffnung Patrick Clochant dort noch anzutreffen.

Doch das Büro war bereits verlassen und sie konnte ihn auch bei sich zuhause nicht telefonisch erreichen. Offenbar ging Patrick nach Feierabend lieber aus, statt wie ein anständiger Detektiv Überstunden zu schieben, um die Bilanzen in Ordnung zu bringen.

Janine fuhr zu ihrer Appartement-Wohnung und packte einen Koffer mit den wichtigsten Sachen, die sie in den nächsten Tagen brauchen würde, hauptsächlich Kleidungsstücke. Nach kurzem Zögern steckte sie auch eine Pistole ein. Als Detektivin besaß sie einen Waffenschein. Was Bernard Treton erzählt hatte, klang gefährlich, und wenn Janine ihre Fälle auch lieber mit dem Köpfchen, als mit Gewalt löste, würde sie die Waffe möglicherweise brauchen.

Die Dämmerung senkte sich bereits über das Land, als sie nach Chateau d'Argent zurückkehrte. Treton hatte in der Zwischenzeit ein Zimmer für sie hergerichtet. Wie alle anderen bewohnten Räume, lag es im Erdgeschoss. Es war nicht allzu groß und die altmodische Einrichtung entsprach auch nicht gerade Janines Geschmack, aber da sie ohnehin nicht länger als ein paar Tage hierbleiben wollte, war das nebensächlich.

Die langweilige Büroarbeit am Vormittag und die drei langen Fahrten hatten sie müde werden lassen. Sie bat Treton um Verständnis dafür, dass sie sich ein wenig ausruhen wollte. Angezogen legte sie sich aufs Bett, nachdem sie ihren Koffer ausgeräumt hatte.

Eigentlich wollte sie nur ein paar Minuten ruhen, doch die Augen fielen ihr von allein zu. Vielleicht besaß die alte Bauernregel, dass frische Landluft müde machte, doch einen wahren Kern. Vielleicht lag es auch einfach an der für einen Stadtmenschen ungewohnten Stille, die einschläfernd wirkte.

Als sie plötzlich hochschreckte, hatte sie nicht das Gefühl, geschlafen zu haben, und wenn, dann höchstens ein paar Minuten. Doch ein Blick zur Uhr zeigte ihr, dass es fast eineinhalb Stunden gewesen waren.

Draußen war es inzwischen völlig dunkel geworden. Janine tastete nach dem Lämpchen auf ihrem Nachttisch und schaltete es ein. Im ersten Moment blendete die grelle Helligkeit sie, dann hatten ihre Augen sich daran gewöhnt, und sie nahm die noch ungewohnte Einrichtung des Zimmers wahr. Benommen rieb sie sich den Schlaf aus den Augen.

Erst jetzt wurde Janine mit jäher Deutlichkeit bewusst, dass sie nicht von allein wachgeworden war.

Durch die dicken Bohlen der hölzernen Decke drang das Geräusch schwerer Schritte an ihre Ohren, begleitet von einem anderen Laut, der sich fast wie das Schleifen von Ketten anhörte!

Mit einem Schlag war sie hellwach und sprang vom Bett. Es waren immer nur zwei oder drei Schritte zu hören, dann erfolgte eine kurze Pause, bevor der Unbekannte weiterging, sinnlos im Kreis herum, wie es sich anhörte.

Aber Janine war sich sicher, dass sie sich nicht täuschte. Bernard Treton hatte recht gehabt. Es handelte sich unzweifelhaft um Schritte, und genauso unzweifelhaft klangen sie aus dem leerstehenden Stockwerk genau über ihrem Zimmer auf.

Aber vielleicht war Treton ja selbst hinaufgegangen, um noch einmal nach dem Rechten zu sehen? Das war eine Möglichkeit, aber Janine verwarf den Gedanken sofort wieder. Der junge Mann ging ganz anders, nicht so langsam, und er würde auch nicht ständig nach wenigen Schritten schon wieder stehenbleiben.

Janine verließ das Zimmer. Es gab ja eine ganz einfache Möglichkeit, sich Gewissheit zu verschaffen. Sie brauchte nur nachzusehen.

Als erstes ging sie ins Wohnzimmer hinüber. Es war leer, und so ging sie zu Tretons Zimmer. Auf der Türschwelle zeichnete sich ein schmaler Lichtbalken ab, und sie klopfte an.

„Wer ist da?“, fragte Treton furchtsam.

„Ich bin es, Janine Villon.“

„Dem Himmel sei Dank. Einen Augenblick.“ Ein Schlüssel wurde im Schloss gedreht, dann schwang die Tür auf und Treton trat auf den Flur heraus. Er sah blass und ziemlich verstört aus.

„Ein Glück, dass sie wach sind“, sagte er. „Ich habe mich nicht getraut, Sie aufzuwecken.“

„Ich wollte gar nicht einschlafen“, erwiderte Janine. „Tut mir leid. Aber dafür habe ich die Schritte gerade gehört.“

„Sie haben sie wirklich gehört?“, aufgeregt knetete Treton seine Hände. „Dann muss es sie auch geben. Demnach bin ich nicht verrückt geworden und habe mir auch nichts eingebildet.“

„Nein, das haben Sie bestimmt nicht, aber das ist noch kein Beweis, dass es sich um einen echten Spuk handelt. Es kann sich ein Unbekannter eingeschlichen haben. Wir müssen nachsehen gehen.“

Treton nickte, dann legte er den Kopf schräg und lauschte.

„Es hat aufgehört“, sagte er überrascht. „Nichts mehr zu hören.“

„Ein Grund mehr, nachzusehen. Kommen Sie, beeilen wir uns.“

Sie stiegen die Treppe hinauf und erreichten den ersten Stock. Alles war ruhig und dunkel. Treton schaltete das Deckenlicht an. Sie durchsuchten jeden Raum. Janine öffnete sogar die Türen der alten Schränke, um sicherzugehen, dass sich niemand darin verborgen hielt.

Erfolglos.

Sie fanden keinerlei Spuren, die darauf hindeuteten, dass sich hier vor wenigen Minuten noch ein Mensch - oder auch nur irgendein Lebewesen - aufgehalten hatte, sah man von den Spinnen ab, die in den Ecken fleißig ihre Netze spannen. Der Anblick erfüllte Janine mit Ekel und Abscheu. Sie hasste Spinnen. Diese behaarten, widerlichen Biester waren die einzigen Tiere, die sie auf den Tod nicht ausstehen konnte. Rasch wandte sie den Blick ab.

„Gibt es außer der Treppe, die wir benutzt haben, noch einen anderen Zugang zu diesem Trakt?“, erkundigte sich Janine.

Treton schüttelte den Kopf, zögerte kurz und nickte dann halbherzig.

„Aha“, entgegnete Janine. „Ich liebe so präzise Auskünfte. Was stimmt denn nun?“

„Es gibt einen Zugang zum Südflügel, aber er ist nicht begehbar. Es wäre selbstmörderisch. Gerade der Südflügel befindet sich in besonders schlechtem Zustand. Ein einziger Trümmerhaufen.“

Details

Seiten
130
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738920680
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juni)
Schlagworte
albtraum mauern
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Titel: Albtraum in alten Mauern