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Wohin mit all den toten Mädchen - Privatdetektiv Tony Cantrell #49

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Die übel zugerichtete Leiche einer schönen jungen Frau sorgt für Aufruhr, nicht nur bei der Polizei in Chicago. Privatdetektiv Tony Cantrell und sein Team werden beauftragt, den Mörder zu finden. Die Spur führt zum Goldenen Ra, dem Anführer eines obskuren Pharaonenkults. Als eine zweite Frau auf die gleiche Weise ermordet wird, stecken Polizei und die Detektive in einer Sackgasse. Carol Cantrell will Undercover in die Sekte eintreten, doch viel zu schnell gerät sie ebenfalls in tödliche Gefahr.

Leseprobe

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Wohin mit all den toten Mädchen

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Privatdetektiv Tony Cantrell #49

von Earl Warren

Der Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.

Die übel zugerichtete Leiche einer schönen jungen Frau sorgt für Aufruhr, nicht nur bei der Polizei in Chicago. Privatdetektiv Tony Cantrell und sein Team werden beauftragt, den Mörder zu finden. Die Spur führt zum Goldenen Ra, dem Anführer eines obskuren Pharaonenkults. Als eine zweite Frau auf die gleiche Weise ermordet wird, stecken Polizei und die Detektive in einer Sackgasse. Carol Cantrell will Undercover in die Sekte eintreten, doch viel zu schnell gerät sie ebenfalls in tödliche Gefahr.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Im Sarg war zwar genügend Platz, aber niemand konnte sagen, wie die zweite Leiche dort hineinkam

In fünfzehn Jahren bei der Mordkommission von Chicago hatte Lieutenant Harry Rollins mehr Tote gesehen als die meisten anderen Männer in ihrem ganzen Leben. Berufsbedingt war der Lieutenant hart und abgebrüht geworden. Er konnte in einem kugeldurchsiebten Auto zerschossene Leichen inspizieren, die in ihrem eigenen Blut schwammen, und zehn Minuten später bei der Abfassung seines Erstberichtes seelenruhig ein Sandwich kauen. Harry Rollins war keine Seite der menschlichen Natur mehr fremd, und er war kaum noch durch etwas zu erschüttern. Doch manchmal wurden auch ihm noch die Knie weich wie einem Anfänger. Es packte ihn so, dass es ihn in der Kehle würgte und er glaubte, sich übergeben zu müssen. Dazu gehörte schon allerhand.

An diesem frühen Februarmorgen im Washington Park wurde Lieutenant Rollins mit einem der furchtbarsten Morde seiner gesamten Berufslaufbahn konfrontiert. Ein früher Spaziergänger hatte im Park eine Leiche gefunden. Harry Rollins stand neben der Toten, während der kleine, schon weißhaarige Polizeiarzt Doc Hunter, der wegen seiner bärbeißigen Wesensart allgemein „Bulldog“ genannt wurde, die erste Untersuchung vornahm.

Die Tote war etwa achtzehn Jahre alt, hatte schwarzes, schulterlanges Haar und war nur mit weinroten Cordsamt-Jeans bekleidet. Das Mädchen musste einmal bildhübsch gewesen sein, doch davon war nicht mehr viel zu erkennen. Ihr Leib und ihr nackter Oberkörper wiesen so viele Messerstiche und Schnitte auf, dass Lieutenant Rollins sie gar nicht alle zählen konnte.

Rollins war froh, dass er noch nichts gegessen hatte. Sein Magen revoltierte bei dem Anblick, der sich ihm bot. Die toten, gebrochenen Augen des Mädchens schienen ihn anzustarren. Ihr Gesicht war schrecklich verzerrt.

Es war früh am Morgen, erst kurz nach sechs Uhr. Reif bedeckte die Gräser, die Äste und die Zweige des Rhododendronbuschs, unter dem die Tote lag. Vom Parkweiher her zogen Nebelschwaden.

Doc Hunter richtete sich ächzend auf. Er hatte Rheumatismus, und das Bücken fiel ihm schwer. Sein sonst so rosiges, blühendes Gesicht war fahl geworden.

„Der Tod ist zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens eingetreten“, sagte er. „Die Todesursache ist klar. Ein Sexualverbrechen scheidet aus. Missbraucht worden ist das Mädchen nicht. Wenn ich sie in der Anatomie habe, werde ich bei der Obduktion genau feststellen, was an ihr alles zerstochen und zerschnitten worden ist. Harry, ich bin nun schon fast vierzig Jahre Polizeiarzt, aber so etwas habe ich noch nicht gesehen. Das muss ein Irrer gewesen sein oder einer, der im Drogenrausch nicht wusste, was er tat.“

„Das werden wir herausfinden“, sagte der Lieutenant hart. Er hatte die Hände in den Taschen seines hellen Trenchcoats vergraben, der auf der ganzen Welt die uniforme Kleidung vieler Kriminalbeamter ist. „Wann kann ich den Bericht haben?“

„Wann brauchst du ihn, Harry?“

Wegen seines Alters und seiner langen Zugehörigkeit zur Metropolitan Police duzte der Doc jeden.

„So schnell wir möglich, Doc. Dieser Mord wird eine Menge Wirbel verursachen. Ich werde den Fall persönlich bearbeiten, mit aller Energie.“

„Ich habe nichts anderes erwartet, Harry. Du kriegst den Bericht noch heute. Ich kümmere mich gleich um die Tote, sowie sie in der Anatomie ist.“

Der Doktor verstaute die Instrumente, die er zu der Untersuchung gebraucht hatte, in seiner schwarzen Arzttasche. Der Polizeifotograf und die Männer des Erkennungsdienstes gingen an die Arbeit. Doc Hunter marschierte zu seinem alten Packard, der bei den beiden dunklen Limousinen der Mordkommission und dem Transitbus, in dem ein Kleinlabor eingerichtet war, geparkt war.

Der Lieutenant sah zu, wie der Doc einstieg und wegfuhr. Rollins dachte nach. Er vermied es, die Tote anzusehen.

„Hol mir den Alten, der sie gefunden hat“, sagte er zu einem seiner beiden Assistenten.

Der junge Mann ging zu einer der Limousinen. Die Standheizung des Wagens lief. Ein alter Mann saß im Fond des Wagens. Der junge Robbins, Rollins' Assistent, sagte etwas zu ihm, und er stieg aus. Der Alte führte einen zerzausten Terrier an der Leine.

„Also, Mr. Steiner“, sagte der hochgewachsene Lieutenant, als der Alte vor ihm stand, „wie war das genau, als Sie die Tote fanden? Sie waren reichlich früh unterwegs, scheint mir.“

„Ja, ich bin ein alter Mann und kann nicht mehr lange schlafen. Manchmal bin ich schon um vier Uhr morgens wach. Dann nehme ich Terry an die Leine und gehe spazieren. Was soll ich auch sonst tun? Auch heute morgen ging ich gegen halb fünf aus dem Haus und machte einen Spaziergang durch den Washington Park. Zu dieser Jahreszeit und bei der Kälte gibt es keine Herumtreiber und Strolche, die einem Menschen für fünfzig Cents den Schädel einschlagen. Ich ließ Terry frei laufen. Plötzlich hörte ich, wie er jämmerlich zu heulen begann. Ich ging hin, und da sah ich sie. Es drehte mir fast den Magen um. Das viele Blut und diese Verletzungen. Ich habe mal einen Mann gesehen, der in der Konservenfabrik in den Fleischwolf geraten war. Der sah ähnlich aus, und das war ein Unfall. Aber das hier ...“

„Wann fanden Sie die Tote, Mr. Steiner?“

„Kurz nach fünf Uhr. Auf die Minute genau kann ich es nicht sagen, denn ich dachte an alles andere, nur nicht daran, auf die Uhr zu sehen, nachdem ich sie gefunden hatte.“

Die Männer des Erkennungsdienstes suchten die Umgebung der Toten mit Scheinwerfern ab. Auch die Leiche selbst wurde von Batteriescheinwerfern angestrahlt, denn um diese Zeit war es noch dämmrig. Die Sterne waren bereits verblasst, aber der Mond stand noch am Himmel.

„Haben Sie jemanden in der Nähe der Leiche gesehen, oder ist Ihnen etwas aufgefallen, Mr. Steiner?“

„Nein, nichts. Hier im Park bin ich keinem Menschen begegnet.“

Rollins stellte dem Alten noch ein paar Fragen, konnte aber nichts von Interesse erfahren. Er schrieb sich Steiners Adresse auf und sagte ihm, er würde zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal zum Police Headquarters gebracht, wo er seine Aussage zu Protokoll geben müsse.

Rollins ließ den Alten gehen, nachdem dieser es abgelehnt hatte, sich nach Hause fahren zu lassen. Der Lieutenant wandte sich an Robbins.

„Nun, habt ihr schon was gefunden?“

Der junge Mann zuckte mit den Schultern. Er war aus dem Bett geholt worden, wirkte verschlafen und fror, denn ein eiskalter Nordostwind wehte vom Lake Michigan herüber.

„Nein, nichts. Das Mädchen ist irgendwo massakriert worden. Sie sehen noch die Fesselungsspuren vom Riemen an ihren Hand- und Fußgelenken. Dann wurde sie hierher gebracht und wie ein Müllsack einfach aus dem Wagen geworfen.“

Rollins nickte. Die Reifenspuren des Wagens hatten er und seine Leute gleich ganz zu Anfang gesehen. Während der Lieutenant sich mit Robbins besprach, fuhr ein Buick den Rainey Drive entlang und stoppte bei den Wagen des Morddezernats.

Lieutenant Wallace und einer seiner Detektive, ein riesiger Schwarzer mit sympathischem Gesicht, stiegen aus. Wallace schlenderte näher, die Hände in den Manteltaschen vergraben. Er warf einen Blick auf die Tote und verzog angewidert das Gesicht.

„Schön, dass man auch mal was davon erfährt, dass im Revier eine Tote gefunden worden ist“, sagte der Lieutenant.

Er war der Leiter des 57. Polizeireviers, zu dessen Bezirk der Washington Park gehörte. Eine Vorschrift besagte, dass alle gewaltsamen Todesfälle zunächst vom Morddezernat bearbeitet wurden. In der Praxis wurde der Fall allerdings meist früher oder später an das zuständige Revier weitergegeben. Deshalb hatte der Lieutenant auch diesmal erst wesentlich später als Lieutenant Rollins von dem Mordfall gehört.

Der Name des Schwarzen war Brown und er war ein ehemaliger Footballchampion. Er wandte sich von der Leiche ab.

„Jesus“, sagte er kehlig, „was für eine Schlächterei. Schon irgendwelche Spuren, Lieutenant?“

Rollins schüttelte den Kopf.

„Na“, meinte der grauhaarige Wallace, „da werden wir wieder einmal die Arbeit tun müssen, nachdem ihr Siebengescheiten vom Morddezernat euch die Zähne ausgebissen habt.“

Es gab in Chicago und in allen anderen Städten eine gewisse Rivalität zwischen den Polizeirevieren und den übergeordneten Polizeiorganen, die zumeist mit Wortplänkeleien ausgetragen wurden. Die normalen Cops behaupteten steif und fest, die Männer vom Capital Crime Department pickten sich die Rosinen aus dem Kuchen, hätten bei Weitem nicht soviel zu tun und anderes mehr. Harry Rollins Mitarbeiter sagten wieder, bei den meisten auf den Polizeirevieren reichte es mit Mühe und Not dazu, Einbrecher und Reifendiebe dingfest zu machen.

„Keine Sorge, Lieutenant“, sagte Rollins. „Mit diesem Fall wird das 57. Revier nichts zu tun haben. Darum kümmere ich mich selbst.“

Der Lieutenant warf noch einmal einen Blick auf die blutige, schrecklich zugerichtete Leiche.

„Um diesen Fall beneide ich Sie nicht, Lieutenant“, sagte er.

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Die Identität der Toten stand schon am selben Nachmittag fest. Nachdem ihr Gesicht auf den Fernsehschirmen gezeigt worden war, kamen mehrere Anrufe. Das Mädchen hieß Hazel Bend und war die Tochter eines steinreichen Konservenfabrikanten.

Lieutenant Rollins suchte die Telefonnummer des Konservenfabrikanten B. Bend aus dem Chicagoer Telefonbuch. Er rief Bend zu Hause an, erfuhr aber nur, dass er in seiner Firma zu erreichen sei. Als Rollins die Firmennummer wählte, wurde er über mehrere Stationen weitervermittelt.

Er wurde einer hartnäckigen Sekretärin gegenüber massiv und erreichte, dass Bend aus einer Aufsichtsratssitzung geholt wurde. Der Konservenfabrikant meldete sich, hörbar ungeduldig.

„Was kann ich für Sie tun, Lieutenant? Fassen Sie sich bitte kurz, ich bin mitten in einer wichtigen Sitzung und ...“

Rollins konnte sehr grob und direkt werden, wenn es nötig war. Zudem hatte er an diesem Tag, der bereits in aller Frühe begonnen und einen hektischen Verlauf genommen hatte, nicht mehr die beste Laune. Lieutenant Rollins war seit dem frühen Morgen in die übliche Ermittlungsroutine eingespannt, hatte eine Pressekonferenz sowie ein Telefongespräch mit dem Bürgermeister hinter sich, der auf schnellste Erledigung und Aufklärung des Falles drängte. Die Kommentare der einzelnen Fernsehgesellschaften zu dem Mord hatten Rollins bereits einen Vorgeschmack davon vermittelt, wie die Schlagzeilen der Abend- und Nachtausgaben der Presse aussehen würden. Zudem hatte Rollins gerade den Obduktionsbericht Doc Hunters gelesen.

Er unterbrach Bend also grob.

„Hören Sie, Mr. Bend, Ihre Tochter ist ermordet worden. Ich weiß nicht, um was es bei Ihrer Sitzung geht, aber für den Tod Ihres Kindes und die Aufklärung des Falles sollten Sie Zeit haben.“

Was er jetzt hörte, war ein neuer Schock in diesem Mordfall für den Lieutenant.

„Ich weiß, dass Hazel tot ist“, sagte Bend. „Das Fernsehen hat ihr Bild schließlich oft genug gezeigt. Eine schreckliche Sache. Aber gerade jetzt bin ich geschäftlich derart beansprucht, dass mir einfach keine Zeit bleibt, mich darum zu kümmern. Außerdem könnte ich Ihnen ohnehin wenig helfen, Lieutenant. In den letzten drei Jahren habe ich Hazel nur zwei oder drei Mal gesehen.“

..Ist das alles, was Sie zu dem Tod Ihrer Tochter zu sagen haben?“

„Es tut mir natürlich furchtbar Leid, dass sie tot ist. Aber was soll ich tun? Wenden Sie sich an Hazels Mutter, meine frühere Frau. Sie heißt jetzt Mrs. Gloria Rankers und wohnt in Burbank, Long Street 895. Sie weiß mehr über das Mädchen.“

Rollins merkte, dass Bend es eilig hatte, einzuhängen.

„Mr. Bend“, sagte er mit deutlicher Betonung, „ich bin in einer halben Stunde bei Ihnen, und Sie werden mir dann soviel Ihrer kostbaren Zeit widmen, wie in diesem Fall nötig ist. Sollten Sie dazu nicht bereit sein, werde ich Sie vorführen lassen. Es geht hier um Ermittlungen in einer Mordsache, ich kann das ohne Weiteres tun.“

„Hören Sie, Lieutenant“, rief Bend laut, „ich habe Verbindungen in der Stadtverwaltung. Das wird Sie teuer zu stehen kommen. Ich habe keine Lust, mich ...“

„In einer halben Stunde. Guten Tag.“

Rollins knallte den Hörer auf die Gabel. Er sah zu Robbins hinüber, der am zweiten Schreibtisch saß. Rollins Büro war nicht besonders groß, und es sah auch nicht besonders imposant aus. Es war ein nüchterner, auf Zweckmäßigkeit abgestimmter Raum mit stählernen Aktenschränken, einer großen Karte von Chicago an der Wand und zwei Schreibtischen, die bessere Tage gesehen hatten. Aus dem Fenster konnte Rollins auf die Straße hinuntersehen, in der der Verkehr brodelte. Hochhäuser versperrten ihm auf der anderen Seite der Straßenschlucht den Blick.

Rollins Büro befand sich im 13. Stock, aber er war nicht abergläubisch.

Rollins informierte Robbins, dass er gehen müsse, und wo er zu erreichen sei. Robbins hatte gehört, was Rollins zu dem Vater des toten Mädchens sagte.

„Glauben Sie, der Bursche kann uns weiterhelfen, Chef?“, fragte er.

„Keine Ahnung, aber reden wird er, so wahr ich Rollins heiße.“

Der Lieutenant ließ sich zu Bends Konservenfabrik in der Sheridan Road in Evanston fahren. Es war ein typisches Industrieviertel mit rauchenden Schornsteinen und übervollen Parkplätzen. Es war noch knapp vor vier Uhr. Rollins hatte Glück gehabt, nicht in den Feierabendverkehr zu geraten.

Das Hauptherstellungswerk von Bends Konserven, die auch Rollins ein Begriff waren, war nicht schwer zu finden. Über zweieinhalbtausend Menschen arbeiteten hier. Einer der vier Pförtner wies den Lieutenant ein. Der Fahrer, einer der Männer des Bereitschaftsdienstes, parkte den Wagen auf dem Besucherparkplatz vor dem Hauptverwaltungsgebäude.

Der Lieutenant stieg aus, ging zum Empfang, wo er am Bends Büro verwiesen wurde. Nun hatte er nur noch zwei Sekretärinnen zu passieren, eine nette und eine enorm tüchtige mit Haaren auf den Zähnen, um zu Bend zu gelangen. Bends Büro befand sich im obersten Stockwerk des Hauptverwaltungsgebäudes.

Man konnte das gesamte Firmengelände überblicken. Bend, sichtlich missgestimmt, erhob sich hinter seinem massigen Schreibtisch und bat Rollins mit einer Handbewegung, Platz zu nehmen.

Bend war ein typischer Geschäftsmann Ende vierzig mit Maßanzug, Bauchansatz und kurzgeschorenem, leicht ergrautem Haar.

„Also“, sagte er frostig, „was gibt es? Ich ...“

„... habe wenig Zeit“, vollendete der Lieutenant den Satz.

Er warf drei Hochglanzfotos auf Bends Schreibtisch. Dazu eine Kurzfassung des Obduktionsberichts von Doc Hunter. Er sagte kein Wort, bis Bend die Fotos betrachtet und den Bericht durchgelesen hatte. Als Bend dann aufsah, war sein Gesicht bleich, und kleine Schweißperlen standen auf seiner Oberlippe, obwohl das Büro vollklimatisiert war.

„Das das wusste ich nicht“, sagte er mit rauer Stimme. „In den Nachrichten hieß es, dass Hazel schlimm zugerichtet worden sei, aber dass es so schlimm ist ...“

Die Stimme versagte ihm. In der nächsten Dreiviertelstunde erfuhr Lieutenant Rollins die typische Geschichte des vielbeschäftigten Vaters, der keine Zeit für seine Tochter hatte. Hazel war in Internaten aufgewachsen, bis sie mit sechzehn von einem der Institute durchbrannte und sich strikt weigerte, ein weiteres zu besuchen. Eine Aussprache mit ihrem Vater blieb erfolglos.

Hazel tat alles, um ihren Vater und seine dritte Frau zu schockieren. Alle Teile waren erleichtert, als Hazel aus der Villa auszog. Von da an tauchte sie auf der Drogenszene auf. Sie war eines der vielen Mädchen ohne jeden Halt. Nacheinander war sie die Geliebte eines Rockers, Hippies, Anhängerin einer obskuren buddhistischen Sekte. Bend schickte jeden Monat einen Scheck, von dem Hazel gut leben konnte, aber damit hatte sich der Fall.

Er war es so zufrieden, seine Tochter auch. Erst Hazels gewaltsamer Tod beendete dieses Arrangement.

Erfahren konnte Rollins von Harvey B. Bend nichts. Mit ihrer Mutter, der jetzigen Mrs. Rankers, hatte das Mädchen keine Verbindung gehabt. Als Rollins sich verabschiedete, blieb Bend in düstere Gedanken versunken in seinem geräumigen Büro sitzen, die Ellbogen auf den Nussbaumholztisch gestützt.

Es knackte in der Sprechanlage.

„Mr. Campbell von Campbells Foods wartet auf Sie, Mr. Bend“, hörte der Konservenfabrikant die Stimme seiner ersten Sekretärin.

Er drückte den Knopf, der die Verbindung herstellt, und sagte kurz angebunden: „Soll warten. Ich habe jetzt etwas anderes zu tun.“

„Aber Mr. Bend, die Fusion mit Campbells ...“, quiekte die Sekretärin erschrocken.

„Lassen Sie das meine Sorge sein, Mrs. Franklin.“ Das war eine deutliche Zurechtweisung. „Geben Sie mir die Telefonnummer von diesem – diesem – na, wie heißt er doch gleich, der die Konkurrenz in dieser Sache vor einem halben Jahr, als es um Werkspionage und einen Staatsauftrag ging, so hervorragend unterstützte?“

„Meinen Sie die Detektei, Mr. Bend?“

„Freilich, wen sonst? Wie heißt der Bursche noch?“

Die Sekretärin war für ihr Namensgedächtnis bekannt.

„Cantrell. Mr. Tony Cantrell.“

„Okay. Ich brauche die Nummer. Keine Vermittlung, ich wähle selbst über meinen Privatanschluss.“

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Der Anruf erreichte Cantrell in seinem modernen Bungalow in Villenvorort Western Springs zwei Minuten vor siebzehn Uhr. Der schlanke Anwalt meldete sich, nachdem Carol, die die eingehenden Telefongespräche entgegennahm, ihn über den Anrufer instruiert hatte.

Cantrell hatte aus den Nachrichten bereits erfahren, dass im Washington Park die grässlich zugerichtete Leiche eines jungen Mädchens gefunden worden war. Die Bevölkerung von Chicago war von jeher an Verbrechen gewöhnt. Seit Al Capones Gang in den späten zwanziger Jahren die Stadt terrorisiert hatte, haftete Chicago der Ruf eines Eldorados für Gangster und Verbrecher aller Schattierungen an, nicht ganz zu Unrecht übrigens.

Zwar gab es, von Einzelfällen abgesehen, keine Korruption in der Verwaltung mehr, doch nach wie vor war in Chicago die Aktivität größer als in den anderen Städten der USA. Es gehörte schon einiges dazu, um Chicagos Bürger zu schocken, die morgens zwischen Kaffee und Toast per Zeitung oder Rundfunknachrichten etliche Morde zu konsumieren pflegten.

Doch die außergewöhnliche Brutalität, mit der das Mädchen im Washington Park abgeschlachtet worden war, die Begleitumstände des Todes, die dem Massaker an Sharon Tate und den anderen in ihrer Villa nicht nachstanden, hatte die Dreieinhalb-Millionen-Stadt aufgeschreckt.

Cantrell sagte zu Harvey B. Bend am Telefon das, was er in einem solchen Fall immer zu sagen pflegte.

„Sie werden jetzt sicher annehmen, dass ich gegen meine Geschäftsinteressen rede, Mr. Bend, aber in diesem Fall ist es besser, wenn Sie die Ermittlungen der Polizei überlassen. Das Capital Crime Department hat sehr tüchtige Leute. Da der Mord an Hazel Bend“, ursprünglich hatte er sagen wollen: an Ihrer Tochter, doch er unterließ es, um nicht unnötigerweise Emotionen auszulösen, „die Öffentlichkeit so stark beschäftigt, ist es ganz sicher, dass mit aller Energie an dem Fall gearbeitet wird. Ich glaube nicht, dass ich mehr tun kann als das Morddezernat. Wie es in den Nachrichten hieß, bearbeitet Lieutenant Rollins den Fall. Ich kenne ihn persönlich. Ein sehr tüchtiger Mann, bei dem die Ermittlungen in den besten Händen sind.“

„Hören Sie, Mr. Cantrell, wollen Sie den Fall, oder wollen Sie ihn nicht? Sie sind als sehr guter Mann in der Branche bekannt, vielleicht sind Sie sogar der Beste. Aber es gibt auch noch andere.“

Cantrell behielt die Ruhe. Aufgeregte und nervöse Klienten war er gewohnt. Er hatte schon Fälle erlebt, in denen ein Klient Zeter und Mord schrie, Gott und die Welt rebellisch machen wollte, um zu seinem Recht zu kommen, und sich beim Lesen des Kostenvoranschlags dann klamm und heimlich für eine simple Anzeige beim nächsten Polizeirevier entschied.

„Ich habe Ihnen lediglich die Fakten mitgeteilt, Mr. Bend. Wenn Sie uns den Fall übertragen wollen, übernehmen wir ihn zu den üblichen Bedingungen. Wenn Sie wollen, fährt einer meiner Mitarbeiter sofort zu Ihnen und bespricht alles Nötige. Sie können sofort einen Antrag unterzeichnen, der uns ermächtigt, in Ihrem Namen Ermittlungen anzustellen, und wir nehmen noch heute den Fall auf.“

„Das hört sich schon besser an, Mr. Cantrell. Wann kommt der Mann?“

„Der Mann ist Mrs. Carol Cantrell. Wo sind Sie zu erreichen, Mr. Bend?“

Harvey B. Bend nannte die Firmenanschrift. Cantrell sah auf seine Uhr.

„Bei dem Verkehr, der jetzt herrscht, wird es mindestens anderthalb Stunden dauern.“

„Gut, ich warte hier, Mr. Cantrell. Mich interessieren nicht die Kosten, die Ihre Nachforschungen verursachen, sondern einzig und allein das Resultat. Hazel war meine einzige Tochter. Man hat sie abgeschlachtet wie ein Stück Vieh und und ...“ Die Stimme versagte ihm.

„Meine Frau fährt zu Ihnen, Mr. Bend“, sagte Cantrell sanft. „Wir werden unser möglichstes tun, um den Mörder Ihrer Tochter zu stellen und seiner Strafe zuzuführen, wenn ich auch, nach wie vor der Ansicht bin. dass das Capital Crime Department in diesem Fall beste Arbeit leistet.“

Harvey B. Bend legte auf. Cantrell saß zwei volle Minuten am Schreibtisch und dachte nach, wie immer, bevor er einen neuen Fall in Angriff nahm. Tony Cantrells Anwaltskanzlei, eine der renommiertesten in Chicago, lief ausgezeichnet, die Detektei noch besser. Cantrell konnte es sich leisten, sich seine Fälle auszusuchen.

Er vergeudete nicht gern seine Zeit und die seiner Mitarbeiter für einen Fall, der bei den staatlichen Stellen in den besten Händen war. Cantrell hätte Harvey B. Bends Auftrag wohl gar nicht angenommen, wenn dieser außerordentlich brutale Mordfall nicht auch ihn entsetzt und schockiert hätte. Es lag ihm daran, nähere Einzelheiten zu erfahren, die Ermittlungen mitzuerleben, vielleicht, sie voranzutreiben.

Deshalb hatte Cantrell sich eingeschaltet. Der Anwalt erhob sich und ging ins Nebenzimmer. Neben Carols Arbeitszimmer ratterte die elektrische Schreibmaschine. Dort war Mrs. Sandford am Werk, eine enorm tüchtige Person, die schon seit Jahren Cantrells auf Band gesprochene Korrespondenz abschrieb. Mrs. Sandford war eine mütterliche, absolut verschwiegene Person um die fünfzig, die Carol ständig „Kindchen“ nannte.

Cantrell instruierte seine Frau über den neuen Fall, den sie bearbeiten würden. Jack O’Reilly und Morton Philby, die beiden übrigen Mitarbeiter des Cantrell-Teams, waren in der Stadt unterwegs. Sie hatten gerade einen Erpressungsfall erfolgreich abgeschlossen und wollten sich eine kleine Abwechslung gönnen.

Die blonde Carol nahm die erforderlichen Formulare aus dem Büroschrank und machte sich auf den Weg. Zwei Minuten später sah Cantrell ihren roten VW Käfer die Auffahrt entlangfahren. Carol hupte zweimal kurz, wie immer, wenn sie losfuhr.

Das elektronisch gesteuerte Tor öffnete sich vor dem Wagen.

Cantrell kehrte in sein Arbeitszimmer zurück. Er rief das Police Headquarters an und ließ sich mit Lieutenant Rollins verbinden. Die beiden Männer hatten schon öfter zusammengearbeitet. hatten auch private Kontakte und waren Freunde.

Rollins meldete sich.

„Hallo, Harry“, begrüßte ihn der Anwalt. „Du arbeitest an dem Rhododendron-Mord, wie ich höre?“

Die Bezeichnung „Rhododendron-Mord“ hatte ein Nachrichtensprecher geprägt, weil die Tote unter einem Rhododendron-Busch gefunden worden war.

„Ja, allerdings. Interessierst du ich auch dafür?“

„Muss ich wohl, Harry, ich habe einen Klienten, der mich mit Ermittlungen in diesem Fall beauftragt hat.“

Rollins pfiff durch die Zähne.

„Hat der alte Moneymaker also doch plötzlich sein Vaterherz entdeckt. Glaubst du, du kannst mehr erreichen als meine Abteilung?“

Das war keine bösartige Frage, sondern sie war vom Interesse diktiert. Das Capital Crime Department verfügte über Möglichkeiten und über einen Polizeiapparat, der Cantrell nicht zur Verfügung stand. Aber Lieutenant Rollins wusste den scharfen Verstand des Anwalts, die Tüchtigkeit seiner Mitarbeiter und ihre oft unkonventionelle Arbeitsweise zu schätzen. Er hatte auch schon erlebt, dass das Cantrell-Team in Fällen, an denen sich die Metropolitan Police die Zähne ausgebissen hatte, Erfolg gehabt hatte.

„Ich weiß es nicht“, antwortete der Anwalt wahrheitsgemäß. „Ich muss ehrlich sagen, dass ich persönlich an diesem Fall interessiert bin. Die abscheuliche Brutalität dieses Verbrechens an einem jungen Mädchen empört mich, anders kann ich es nicht bezeichnen. Ich will dazu beitragen, um den oder die Täter zu entlarven.“

„Mir geht es ebenso“, sagte der Lieutenant. „Du weißt, ich trinke im Dienst sonst nie, aber als ich aus dem Washington Park zurückkam, brauchte ich erst einmal einen doppelstöckigen Whisky, und nachdem ich den Obduktionsbefund gelesen hatte, einen zweiten.“

In den folgenden zwanzig Minuten sprach Lieutenant Rollins offen mit Cantrell über den Stand der Ermittlungen. Die Fakten waren mager genug. Hazel Bend. weiß, weiblichen Geschlechts, achtzehn Jahre alt, war zwischen Mitternacht und Viertel vor eins von einem oder mehreren Unbekannten irgendwo in Chicago durch achtzig Messerstiche und zahllose Schnitte ermordet werden.

„Jetzt halte dich fest“, sagte der Lieutenant. „Das Mädchen lebte noch, als ihr die leichteren Verletzungen zugefügt wurden. Sie wurde regelrecht massakriert. Hier im Headquarters kursiert die Theorie, dass ein Verrückter oder ein Drogensüchtiger die Tat begangen hat. Der äußere Anschein spricht dafür, das muss ich zugeben.“

„Deshalb braucht diese Theorie nicht richtig zu sein“, meinte Cantrell, der in seiner langjährigen Praxis der Verbrechensbekämpfung seine Erfahrungen gesammelt hatte.

Wie Cantrell weiter von dem Lieutenant erfuhr, gab es keinerlei Hinweise auf die Identität des Täters oder der Täter. Die Reifenspuren im Park hatten nur erwiesen, dass es sich bei dem Reifen um ein Produkt der Reifenfirma mit dem größten Marktanteil handelte. Zudem war es auch noch der Reifentyp, der am meisten verkauft worden war. Besonderheiten, mit deren Hilfe der Wagen eventuell später hätte identifiziert werden können, hatte die Reifenspur nicht aufgewiesen. Diese Möglichkeit schied also aus.

„Wir haben gar nichts auf der Hand“, beendete der Lieutenant seinen Bericht. „Ich kann mir schon denken, wie die Kommentare der Presse aussehen werden. Wir wissen nicht einmal, wo das Mädchen zuletzt gewohnt oder gelebt hat. Ihre Mutter konnte uns da auch nicht weiterhelfen.“

Cantrell ließ sich für alle Fälle Mrs. Gloria Rankers Anschrift geben. Er dankte Rollins und verabschiedete sich.

Fünf Minuten, nachdem Cantrell den Hörer aufgelegt hatte, kamen O’Reilly und Philby zurück, seine beiden Mitarbeiter. Sie präsentierten dem Anwalt eine Auslese der Abendzeitungen. Die Schlagzeilen sprachen für sich.

Morton Philby, vom Cantrell-Team wegen seiner Vorliebe für seidene Krawatten Silk genannt, stoppte den Buick Electra vor dem vierstöckigen Wohnhaus in Burbank, Long Street 895. Er fand einen Parkplatz, am Bordstein.

Silk stieg aus und sah sich gewohnheitsmäßig um. Es war Morgen, halb zehn Uhr, und die Straßen waren leer. Der kalte Wind traf Silk wie ein Messer. Auf der Straßenseite gegenüber, vor einem Zeitungskiosk, stand ein Mann mit einer dicken Pelzjacke und las in der Zeitung.

Silk sah sich die Namensschilder an. George Rankers wohnte im zweiten Stock. Da Silk sich bereits telefonisch angemeldet hatte, ersparte er sich ein Klingeln an der Haustür und ging gleich nach oben. Er klingelte an der Wohnungstür.

Eine Dame um die Vierzig öffnete die Tür, ließ die Sicherheitskette aber vorgelegt.

„Mr. Philby?“, fragte sie.

„Der bin ich“, antwortete Silk. „Darf ich eintreten?“

Er durfte. Mrs. Gloria Rankers trug ein einfaches helles Kleid, das ihre schlanke Figur vorteilhaft herausstrich, und hatte getöntes, kastanienbraunes Haar. Ihre Augen waren etwas gerötet, als hätte sie geweint.

„Kommen Sie, Mr. Philby“, sagte sie.

Sie führte Silk in einen solide eingerichteten Wohnraum.

„Möchten Sie etwas trinken?“

Silk lehnte dankend ab. Mrs. Rankers schüttelte den Martini-Shaker und schenkte sich selber ein gutes Quantum ein. Sie steckte sich eine Zigarette an und musterte Silk.

Silk schätzte sie seinerseits unauffällig ab. Er wusste, dass Mrs. Rankers in zweiter Ehe mit einem leitenden Angestellten einer Elektrofirma verheiratet war. Hazel war ihr einziges Kind gewesen. Mrs. Rankers lebte in zwar nicht gerade reichen, aber doch recht guten Verhältnissen. Die Rankers können ihren Zweitwagen nicht im eigenen Swimmingpool waschen, hätte Butch treffend gesagt.

Mit den geringen Anforderungen, die ihr Mann und ihr Haushalt an sie stellten, war Mrs. Rankers nicht ausgelastet. Sie erschien Silk als eine Frau mittleren Alters mit viel freier Zeit und ohne besondere Interessen, eine Frau wie hunderttausend andere in Chicago.

„Sie haben sicher der Polizei schon eine Menge Fragen beantwortet, Mrs. Rankers“, sagte Silk und bemühte sich, Mitgefühl zu zeigen. „Ich möchte Sie aber dennoch bitten, mir nochmals alles zu erzählen, was Sie über Ihre Tochter wissen.“

Bei Hazels Erwähnung wurden Mrs. Rankers Augen wieder feucht. Sie begann zu sprechen. Silk brauchte sich nur in Geduld zu fassen und hin und wieder eine Frage zu stellen. Er machte ein paar mitfühlende oder zustimmende Bemerkungen, wenn Mrs. Rankers das erwartete.

Zunächst sprach sie weniger über Hazel als vielmehr über Harvey B. Bend, ihren ersten Ehemann. Bend schnitt in dieser Schilderung gar nicht gut ab. Mrs. Rankers ließ kein gutes Haar an ihm.

„Ständig musste ich ihn wegen der Unterhaltszahlungen mahnen, bevor ich wieder verheiratet war“, sagte Mrs. Rankers. „Um seine Tochter hat er sich nie gekümmert. Er schob sie einfach in ein Internat nach dem anderen ab. Er hat ein gerütteltes Maß Schuld daran, dass sie so sterben musste.“

Im Prinzip hatte Mrs. Rankers recht, sie vergaß nur, dass sie Hazel auch nie eine Mutter gewesen war.

Das Mädchen selbst hatte sie im letzten Jahr nicht häufiger als einmal im Monat gesehen. Hazel hatte sie gelegentlich besucht, hatte ein paar Stunden mit ihr geplaudert und war dann wieder gegangen.

„Wurde Ihre Tochter hergebracht, oder kam sie allein?“, fragte Silk.

„Sie kam immer allein. Einen Wagen hatte sie nicht, sie benutzte die öffentlichen Verkehrsmittel, den Omnibus oder die Subway.“

„Fiel Ihnen etwas an Ihrer Tochter auf, Mrs. Rankers?“

Mrs. Rankers überlegte. Silk ließ ihr Zeit. Er wusste, dass er sie nicht drängen durfte. Tony Cantrell hatte nicht von ungefähr Silk zu Mrs. Rankers geschickt. Silk war der älteste des Cantrell-Teams, und er war der, der am vertrauenerweckendsten wirkte.

Cantrell pflegte ihn als „distinguiert“ zu bezeichnen, Butch, mit dem er sich ständig rieb, als „Witwentröstertyp“. Silk war in seinem Metier ein sehr fähiger Mann, der es allerdings auch faustdick hinter den graumelierten Schläfen und den Ohren hatte. Silk war etwas über mittelgroß, schlank und drahtig, und er steuerte auf die Fünfzig zu. Er kleidete sich stets betont korrekt und dezent.

„Aufgefallen ist mir nichts“, sagte Mrs. Rankers nach einer ganzen Weile. „Hazel war so wie immer. Sie war irgendwie verbittert, und sie flüchtete sich in Künstler- und Hippiekreise, weil sie mit ihrem Vater und dessen Lebensbereich so wenig wie möglich zu tun haben wollte. Hazel war ein gutes Mädchen. In manchen Dingen hatte sie ein wenig verworrene Ansichten, sie war gegen das Establishment, predigte den öffentlichen Verkauf von Rauschgift und die freie Liebe, aber das waren nicht ihre Überzeugungen, sondern Ansichten, die sie gehört hatte und die sie nachplapperte, weil sie ihr modern erschienen.“

„Sie muss Ihnen doch gesagt haben, wo sie lebte und wie, Mrs. Rankers?“

„Nein, Mr. Philby, das hat sie nicht. Ganz zu Anfang hatten wir einmal einen bösen Streit, weil Hazel in einer Kommune untergekommen war und ich ihr deshalb Vorhaltungen machte. Sie besuchte mich ein paar Monate nicht. Als sie dann wieder erschien, trafen wir ein stillschweigendes Abkommen. Hazel erzählte mir nur soviel, wie sie für gut hielt, ich stellte ihr keine Fragen und erhob ihr gegenüber keine Vorwürfe.“

„Wie sah sie aus? Ich meine, wie war sie gekleidet? Hatten Sie den Eindruck, dass es ihr gut oder schlecht ging?“

„Nun, sie kleidete sich, wie die jungen Dinger sich heute eben kleiden. Meist trug sie Jeans, enge Pullover oder im Sommer T-Shirts. Im Winter meist einen von diesen grässlichen Parkas. Mich hätte in dem Alter nie jemand in so ein Ding hineinbekommen. Sie aß meist hier bei mir etwas, aber mit ganz normalem Appetit. Ausgesprochen hungrig war sie nicht. Warum sollte sie auch? Ihr Vater schickte ihr ja jeden Monat einen Scheck über zwölfhundert Dollar. Davon konnte sie gut leben.“

„Hatten Sie den Eindruck, dass Ihre Tochter Rauschgift nahm, Mrs. Rankers?“

„Vielleicht rauchte sie hin und wieder Marihuana, das weiß ich nicht. Vielleicht unternahm sie auch den einen oder anderen Versuch mit LSD, aber dass sie regelmäßig harte Drogen nahm, wie der Lieutenant vom Capital Crime Department es nannte, halte ich für ausgeschlossen. Das hätte ich merken müssen.“

Silk sah auf den Teppich. Was Mrs. Rankers ihm erzählte, war wenig genug. Hazel Bend musste zu Lebzeiten recht verschlossen gewesen sein, wenn sie mit ihrer Mutter so wenig über die kleinen Freuden und Ärgernisse sprach, die ihr Alltag wie der jedes anderen mit sich bringen musste.

Silk stellte Mrs. Rankers eine diesbezügliche Frage, doch Mrs. Rankers konnte ihm keine Auskunft geben. Einmal hatte Hazel sich beklagt, dass Jean Symond, der Rocker, mit dem sie zusammengelebt hatte, sich bei ihrer Trennung gemein benommen hätte, doch das war erst gewesen, nachdem alles bereits vorüber war.

„Dieser Symond scheint Hazel noch eine ganze Zeitlang nachgestellt zu haben“, sagte Mrs. Rankers. „Kein Wunder, er lebte recht gut mit ihr von ihrem Geld. In der Beziehung war Hazel ein richtiges Schaf. Vor ein paar Wochen erwähnte sie einmal, dass sie Symond wiedergetroffen habe.“

„Und? Drohte er ihr, oder hatte sie Angst vor ihm?“

„Nein, Mr. Philby, nein. Der Lieutenant fragte mich auch danach, aber erst später fiel mir genau ein, was Hazel zu mir sagte. Es war etwas ganz Merkwürdiges, Sinnloses. Ich habe den Lieutenant nicht noch einmal angerufen, wie er es haben wollte, falls mir noch etwas einfällt, weil es überhaupt keinen Sinn ergab.“

„Was war es denn?“

„Hazel sagte in etwa: Jean kann mir jetzt gestohlen bleiben, und er soll sehen, dass er die Finger von mir lässt. Gegen den Goldenen Ra hat er nichts zu melden.'“

„Den Goldenen Ra?“

„Ja, so sagte sie, Mr. Philby. Können Sie sich darunter etwas vorstellen? Ich hielt es für eine von Hazels religiösen Phantasien. Für manche Drogensüchtige sind Jesus und Buddha attraktiv geworden, weil sie sonst nichts mit ihrer Zeit anzufangen wissen und etwas suchen, das sie beschäftigt und ausfüllt.“

Silk stellte Mrs. Rankers noch ein paar Fragen, konnte aber nichts mehr erfahren. Sie hatte keine Ahnung, wo ihre Tochter in den letzten Wochen vor ihrem Tod gelebt hatte, mit wem sie Umgang gehabt und was sie getan hatte. Hazel hätte ebenso gut auf dem Mond leben können, was Mrs. Rankers Kenntnisse vom Leben ihrer Tochter betraf.

Silk dankte Mrs. Rankers und verabschiedete sich. Er überließ sie ihrer Trauer und dem nächsten Martini. Silk verließ das Haus, stieg in den Wagen und fuhr nach Western Springs, um Tony Cantrell Bericht zu erstatten.

Während der ganzen Fahrt überlegte er, was oder wer wohl mit dem Goldenen Ra gemeint sein könnte.

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Eine Sekte“, kombinierte Tony Cantrell sofort. „Fragt sich nur, wo sich diese Sekte befindet, und wie wir an sie herankommen. Der Name allein ist äußerst wichtig.“

Der Anwalt, Silk und der hünenhafte O’Reilly, wegen seiner Vorliebe für gutes und reichhaltiges Essen von den anderen Butch genannt, saßen am Tisch. Carol, die Frau des Anwalts, kam mit einem Tablett herein. Eine Silberglocke war über die Speisen gedeckt.

Butch schnüffelte wie ein Jagdhund.

„Was ist das?“, fragte er.

„Das wirst du gleich sehen“, erwiderte die blonde Carol.

Als sie die Silberglocke hob, wurden Butchs Augen groß und rund wie die eines Kindes unter dem Weihnachtsbaum. Zwei Hühner lagen auf der Platte, braun gebraten.

„Huhn im Topf auf normannische Art. Mit Kognak flambiert.“

„Warum sind es zwei Hühner?“, wollte Butch wissen.

„Ich kenne doch deinen Appetit, Butch. Eins ist für dich.“

Eine größere Freude hätte Carol Butch wohl kaum bereiten können. Die nächsten zwanzig Minuten war er wunschlos glücklich.

„Du solltest viel öfter für uns kochen“, sagte er dann, als er sich gesättigt zurücklehnte. „Das war ein Gedicht, Carol. Wenn du nicht schon mit Tony verheiratet wärst, würde ich dich sofort zum Traualtar führen.“

„Da bei dir die Liebe durch den Magen geht, Butch, würde das ganz sicher eine der glücklichsten Ehen Chicagos“, meinte Cantrell lächelnd. Der schlanke Anwalt trug auch an diesem Tag seine dunkle Brille, die seine Augen vor dem direkten Licht schützen sollte. Seit ein Gangster im Gerichtssaal ein Attentat auf Cantrell verübt hatte, waren seine Augen sehr empfindlich. „Doch kommen wir jetzt wieder zu unserem neuesten Fall. Außer dieser Bemerkung Hazel Bends über den Goldenen Ra haben wir keine Spur.“

„Nein, keine“, sagte Silk. „Wir müssen hier nachfassen. Oder weiß jemand etwas Besseres?“

Diese Frage war an alle gerichtet. Niemand antwortete.

„Dieser Sache müssen wir auf jeden Fall nachgehen“, sagte Cantrell. „Ich weiß auch schon, an wen ich mich da wenden kann.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920642
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juni)
Schlagworte
wohin mädchen privatdetektiv tony cantrell
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Titel: Wohin mit all den toten Mädchen - Privatdetektiv Tony Cantrell #49