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REDLIGHT STREET #34: Rose – Lady des Strichs

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Rose – Lady des Strichs

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REDLIGHT STREET #34

von G. S. Friebel

Der Umfang dieses Buchs entspricht 106 Taschenbuchseiten.

Nach einem schweren Schicksalsschlag fällt die einst lebenslustige Rose in ein tiefes Loch und droht in der Gosse zu landen: auf dem Hafenstrich. Gibt es noch einen Menschen, der ihr Halt gibt und sie auffängt?

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Copyright

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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SIE WAR EINE LUSTIGE Betriebsnudel! Man konnte Pferde mit ihr stehlen. Wohin sie kam, war was los; da wurde gelacht und Spaß gemacht. Alle mochten das Mädchen gern. Sie war einfach erfrischend.

Auch ihre beiden Freundinnen fühlten sich wohl in ihrer Nähe. Sie verstanden sich wirklich gut und erzählten sich auch vieles. In den Pausen und auch nach Feierabend waren sie viel zusammen.

Aber dann, eines Tages, war alles anders!

Rose hatte einen Freund gehabt, den sie heiß und innig liebte! Sie ging völlig in dieser Freundschaft auf, die einfach alles für sie bedeutete.

Doch dann zerbrach sie!

Fassungslos stand sie vor diesem Scherbenhaufen und wusste eigentlich nicht, wie es dazu gekommen war. Er hatte nicht mit ihr gespielt, nein, das nicht; aber der Mann hatte eingesehen, dass er sie nicht an sich binden konnte. Dann musste er auch für lange Zeit nach Amerika. Er hatte von Anfang an mit offenen Karten gespielt, aber Rose hatte es in ihrer Verliebtheit einfach vergessen. Sie hatte die Augenblicke inbrünstig geliebt. Und jetzt war alles aus.

Sie war am Ende.

Zutiefst fühlte sie sich verletzt. Sie hatte ihn angefleht: »Verlass mich nicht, ich will auch alles tun, was du sagst, aber verlass mich nicht!«

»Hör zu, das geht nicht gut. Bitte, du musst das verstehen. Du würdest nur unglücklich werden, meine Liebe! Du bist noch zu jung, das Leben liegt vor dir!«

Er war zwanzig Jahre älter als sie.

Aber so war sie nun einmal, die Rose; sie liebte die älteren Männer, weil ihr Vater aus dem Kriege nicht heimgekommen war. In ihrer Verzweiflung wandte sie sich an die Freundinnen. Maria sagte: »Du musst ihn eifersüchtig machen, du musst dir schnell einen Freund suchen und ihn das wissen lassen, das wird ihn treffen.«

Ellen aber warf ein: »Nein, das ist nicht schön. Du solltest mal über alles nachdenken, was er dir gesagt hat.«

Rose hörte auf Maria. Sie wollte ihn zurückhaben, die stille Ellen lag ihr im Augenblick nicht. Sie ahnte nicht, dass Maria gar nicht in der Lage war, wirklich zu lieben.

Sie hatte einen Kurzurlaub angetreten und kam fünf Tage später zurück.

»Ich habe einen neuen!«, sagte sie strahlend.

Ellen sah sie an.

Sie spürte instinktiv: Etwas stimmte bei Rose nicht. Sie wusste zwar nicht was, aber die Freundin kam ihr verändert vor.

Maria lachte: »Na also! Dann hast du ja jetzt alles, um ihn wild zu machen.«

»Ja«, sagte Rose.

Sie war wie aufgedreht, man kannte sie nicht wieder. Aber es war eine hektische Fröhlichkeit. Sie überschlug sich selbst.

Dann lernten die Freundinnen den besagten Mann kennen. Er war zehn Jahre älter als Rose und hieß Hugo. Maria war oberflächlich und dachte nicht viel darüber nach. Doch Ellen fand, Rose war nicht wirklich glücklich bei diesem Mann.

Ein paar Wochen später kam sie geknickt zu Ellen. Sie war den Tränen nahe.

»Was ist denn geschehen?«

»Ich habe ihn wiedergetroffen«, sagte sie leise.

»Du meinst Fred?«

»Ja.«

»Und!«

»Hugo war bei mir. Wenig später trafen wir uns allein.«

»Und hat es geklappt, wie Maria sagte?«

»Nein«, antwortete sie spröde, »das ist es ja. Mein Gott, Ellen, ich bin ein Trottel, ein Esel, einfach alles.« Dann konnte sie die Tränen nicht länger zurückhalten.

»Was ist denn los?«

»Er ist zurückgekommen. Er hatte sich alles gründlich überlegt und sich gesagt: Wenn Rose mich wirklich so liebt, wie sie gesagt hat, dann will ich es mit ihr versuchen. Er war bereit, Ellen, und jetzt ...«

»Das ist doch wunderbar«, sagte Ellen. »Dann bist du also jetzt glücklich.«

»Nein!« Sie schrie es fast. »Er war geschockt, betroffen. Er hat mir gesagt, ich hätte ihn gar nicht wirklich geliebt, wenn ich mich so schnell trösten könnte. Das hat er mir mitten ins Gesicht gesagt.«

»Mein Gott«, sagte Ellen leise.

»Ich habe versucht, ihm zu sagen, wie es sich in Wahrheit verhält; aber du kannst dir ja denken, dass man mir das nicht glaubt. Er ist der Meinung, das wäre jetzt nur eine Ausrede von mir. Und dann ist er gegangen, endgültig.«

»O Rose, das tut mir entsetzlich leid.«

Ihr Gesicht wirkte spröde.

»Nun denn, dann muss ich halt in den Apfel beißen, den ich selbst aufgehoben habe.«

»Was willst du damit sagen?«

»Du kennst die Ansichten meiner Mutter nicht!«, sagt sie auflachend. Aber es war ein unschönes Lachen. Aller Kummer lag darin.

»Wieso?«

»Ich war doch mit ihm verreist, Ellen; ich wollte doch alles vergessen, du weißt doch. All die herrlichen Stunden wollte ich überdecken. Es ist mir zwar nicht gelungen, aber ich war doch mit ihm fort. Meine Mutter sagt, mit wem man geschlafen hat, den muss man auch heiraten.«

»Aber das sind doch antiquierte Ansichten, Rose.«

»Das sagst du, aber es ist meine Familie. Sie macht mir die Hölle heiß.«

»Liebst du Hugo?«

Rose sagte: »Ich muss runter, bestimmt wird man schon auf mich sauer sein. Wir treffen uns am Mittag in der Kantine?«

»Ja, wie immer.«

Sie hatte also keine Antwort auf diese Frage gegeben.

An diesem Tag trafen sie sich dann doch nicht. Oben war wieder einmal hektischer Betrieb gewesen.

Erst zwei Tage später sah sie Rose wieder, in der Kantine, mit Hugo. Er arbeitete in der Nähe und nahm mittags das Essen hier ein.

Rose war hektisch und aufgedreht.

Ellen war verblüfft.

Sie war wie eine fremde Person. Die alte liebe Rose hatte sie in einer Schublade verstraut, und dort sollte sie für lange, lange Zeit liegenbleiben.

Ellen versuchte sie ein paarmal aufzurütteln, aber sie hörte nicht mehr auf sie. Wenn Rose etwas in Angriff nahm, dann tat sie es gründlich. Innerlich hatte sie sich von dem ersten Mann getrennt; jetzt hatte sie Hugo. Also wollte sie auch glücklich werden mit Hugo. Auf Biegen und Brechen.

Sie veränderte damit aber auch ihre Persönlichkeit.

Hugo machte alles mit, was Rose sagte oder verlangte.

Er hatte einige unschöne Angewohnheiten, aber Rose meinte, ihm die abgewöhnen zu können. Darin sollte sie sich aber gründlich irren.

Wenn sie von der Zukunft oder der Ehe sprach, dann nur von Kindern. Sechs wollte sie haben. Jedem sagte sie das. Dann heirateten sie, Ellen übrigens in dieser Zeit auch. Maria war zu flatterhaft, sie wollte nie heiraten.

Ellen und Rose blieben in Verbindung, zumal sie auch beide zur gleichen Zeit schwanger wurden. Rose war hektischer denn je, wie ein aufgezogenes Jo-Jo. Man kam einfach nicht mehr an sie heran.

Hugo sagte nichts, Hugo tat alles, er ließ sie gewähren, er sagte auch nichts dazu, als sie oft und öfter sagte: »Es wäre doch schön, wenn wir es wie die Bären machen würden. Sobald man schwanger ist, verlässt der Bär das Weibchen, und kommt erst wieder, um sie abermals zu decken.«

Hugo grinste und sagte nichts.

Ellen war entsetzt. Immer wieder fragte sie sich: Wie wird das enden? Sie ist nicht mehr die alte Rose. Wann wird sie aufwachen?

Dann wurde Heiner geboren. Das arme Kind. Die Mutter überschüttete es mit ihrer Liebe. Sie war nur um das Kind herum. Alles andere kümmerte sie überhaupt nicht. Der Mann war ihr vollkommen gleichgültig. Sie betete das Kind an, suchte darin den Ersatz ihrer Liebe.

Hugo schwieg noch immer, grinste nur und ließ sie gewähren. Viele sagten: Das ist doch wirklich die Höhe! Er muss doch endlich begreifen, dass man auf diese Art keine normale Ehe führen kann.

Die Mutter, die Geschwister, alle waren der gleichen Ansicht. Rose ging mit einem Trotz ihren Weg, der ohnegleichen war.

Viel Schuld trug auch die Mutter daran, da sie dem Mädchen solche verschrobenen Ansichten eingepaukt hatte.

Rose war nur sie selbst, wenn sie sich bei ihrer Freundin aufhielt und der Mann weit weg war. Dann kam sie für Augenblicke wieder zu sich. Es war, als ob sie aus einer Haut schlüpfte. Dann konnte man hinter ihre Maske blicken.

Sie führte ein sehr einsames Leben.

Dann wurde sie abermals schwanger.

Das erste Kind wurde schon größer. Sie brauchte wieder etwas, um sich abzuschirmen. Das schaffte sie auch vollkommen. Mit dem Baby schloss sie sich ein, sie wollte niemanden dabeihaben. Die Mutter-Kind-Beziehung durfte nicht gestört werden. Sie kostete jede Sekunde mit dem Baby aus. Es war ihre kleine Welt. Alles andere versank dagegen, wurde völlig unwichtig.

Dann kamen finanzielle Schwierigkeiten auf. Sie bewährte sich wundervoll, stand zu ihrem Mann und half, wo sie nur konnte. Darin war sie wirklich perfekt, ließ sich vieles von seinen Geschwistern gefallen. Alles schluckte sie; und Hugo stand dabei und grinste.

Sie wurde älter und reifer. Die Kinder wurden größer, wollten nicht mehr so von der Mutter gegängelt werden. Zwar versuchte sie es immer wieder, aber Kinder reagieren manchmal fast brutal. Und mehr als zwei Kinder hatten sie sich bei der Geldknappheit nicht leisten können.

Die Beziehung zu ihrer Freundin Ellen war mal eng, dann auch wieder ganz locker.

Anfangs lud man sich noch ein, aber Ellen mochte Hugo und dessen Fehler nicht, die ihr auf die Nerven gingen. Was sie einfach nicht übersehen konnte, war sein Schmarotzer- und Angebertum. Sie litt mit Rose, wenn sie das Ehepaar gemeinsam einlud. Hugo störte sich kein bisschen daran; Hauptsache war, dass sein Magen mit allen Köstlichkeiten bis zum Rande gefüllt wurde. Und wenn er dazu die Schüssel einem anderen vor der Nase fortnahm. Er bemerkte wohl auch nicht, dass jedes Mal alle erstarrten und nur aus Barmherzigkeit Rose gegenüber das überspielten. Aber dieser sein größter Fehler nahm mit den Jahren immer schlimmere Ausmaße an. Man konnte es einfach nicht mehr ertragen.

Ellen hatte Mitleid mit Rose, und so ging sie zu ihr, wenn sie wusste, dass der Mann nicht im Hause war.

»Warum gehst du nicht wieder arbeiten?«, fragte sie die Freundin, um sie zu aktivieren, sie auf andere Gedanken zu bringen. »Das Geld könntet ihr doch auch nötig gebrauchen.«

»Die Kinder brauchen mich noch.« Das war jedes Mal die Antwort.

»Aber sie sind jetzt schon größer und selbständiger.«

»Nein, jetzt brauchen sie mich erst recht, viel mehr noch.«

Wieder legte sie sich Scheuklappen an. Sie hatte einfach Angst, die Kinder könnten tatsächlich selbständig werden; damit wäre ihr Leben sinnlos und leer geworden.

All die Jahre hatte sie geschauspielert, hatte ihr Bestes gegeben, hatte eine perfekte Ehe geführt, hatte sich für die Familie aufgeopfert. Doch allmählich kam sie der Erschöpfung nahe. Sie konnte einfach nicht mehr.

Einmal hatte sie mit der Freundin ein langes Gespräch.

»Weißt du, mein größter Fehler war wohl, dass ich immer geglaubt habe, Hugo liebe mich. Aber ich habe Perfektion verwechselt mit Liebe.«

»Wie meinst du das?«

»Oh, er ist ein perfekter Liebhaber, wirklich, das muss man ihm bescheinigen, aber sonst nichts, gar nichts.«

»Wie bitte?«

»Es geht nicht unter die Haut, wenn du verstehst, was ich damit sagen will. Er kann, glaube ich, nicht mit dem Herzen lieben, er ist wie ein Roboter.«

»Willst du damit sagen, dass ihr ohne Liebe gelebt habt?«

»Ich habe mich bemüht, Ellen, das musst du mir glauben. Ich habe mir damals gesagt, gut, ich hab die Sache verpatzt, meine eigene Schuld, also mach ich jetzt das Beste draus. Ich hab es getan, mein Gott, ich hab so viele Kämpfe ausgestanden! Aber ich bin am Ende.«

»Du hast ihn also nie geliebt?«

»Weißt du«, sagte sie müde, »du kanntest doch meinen Fimmel. Ich fand es einfach schick, dass sich ein älterer Mann für mich interessierte. Ich war richtig weg, wirklich, habe es mit Liebe verwechselt. Und dann kam auch Trotz hinzu. Die Mutter hat mir so sehr in den Ohren gelegen. Zuerst hat sie pausenlos gesagt, ich müsste ihn heiraten, weil ich schon mit ihm intim gewesen war. Als sie ihn dann näher kennen lernte, wollte sie mich dann doch davon abhalten.«

»Das wollte deine Mutter wirklich?«

Sie nickte.

»Mein Gott, und ich hab die ganze Zeit geglaubt, deine Mutter wäre keine Menschenkennerin.«

Rose lächelte müde.

»Du meinst, wegen seiner Fehler?«

»Ach, weißt du, die gehen mich nichts an; aber sag mal, Rose, haben die dich denn nie gestört?«

»Und wie! Von Anfang an. Aber ich habe halt gedacht, das könnte ich ihm abgewöhnen.«

Ellen musste unwillkürlich auflachen.

»So naiv warst du wirklich? Aber hast du denn nie gehört, dass man das nicht kann?«

»Schon, aber ich hielt mich für klüger. Ich hab gedacht, das krieg ich schon hin.«

»Du tust mir wirklich leid.«

»Ich habe ja meine Kinder«, sagte sie müde.

»Verschließ doch nicht schon wieder deine Augen, Rose. Die Kinder hast du zwar noch, aber sie gehen ihre eigenen Wege; und sie werden immer stärker fortgezogen. Ein paar Jährchen noch, und sie verlassen das Haus.«

Rose schloss die Augen.

»Was soll dann werden?«

»Ich habe dir schon so oft gesagt, nimm doch wieder eine Arbeit an, das hilft über vieles hinweg, meine Liebe. Du weißt wohl noch gar nicht, dass Arbeit auch sehr wichtig sein kann, dass man darin so etwas wie Erfüllung finden kann?«

»Meinst du?«

»Aber sicher, glaube mir nur dieses eine Mal.«

»Na schön, ich werde mich mal umhören. Vielleicht hast du wirklich recht. Wenn ich bedenke, wenn ich damals auf dich und nicht auf Maria gehört hätte, wäre mein Leben jetzt ganz anders verlaufen.«

»Du darfst nicht mehr zurückdenken, Rose, nur vorwärts!«

»Du machst mir Mut.«

Sie erhob sich.

»Ich muss jetzt gehen.«

»Sehen wir uns nächste Woche.«

»Ich weiß es noch nicht, ich werde dich anrufen.«

Sie trennten sich.

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ZEHN TAGE SPÄTER.

Das Telefon klingelte. Ellen nahm den Hörer ab und meldete sich.

»Ellen?«

»Ja.«

»Ich bin es, Rose. Du, ich hab eine Arbeit gefunden!«

»Ehrlich?«

»Ja, ich sag dir, das ist ein toller Job!«

Das war wieder die alte Rose, die dort am Telefon sprach.

»Das freut mich aber für dich, Rose. Was machst du dann?«

Die andere lachte glucksend.

»Das wirst du nie erraten, deshalb werde ich es dir erzählen. Also, halte dich fest, ich werde Abtasterin; na, was sagst du jetzt?«

Ihre Stimme klang richtig ausgelassen, richtig fröhlich.

»Wie bitte?«, lachte Ellen zurück.

»Ja, da staunst du, was? Hier am Flughafen! Die brauchen Frauen, die die weiblichen Fluggäste auf Schusswaffen abtasten, verstanden?«

»Das ist ja wunderbar! Der richtige Job für dich! Da kommst du mit vielen Menschen zusammen und hast deinen Spaß.«

»Ja«, sagte sie ehrlichen Herzens, »da hast du vollkommen recht. Du weißt gar nicht, wie lustig es hier sein kann. Vom Geld mal ganz abgesehen.«

Dann kam wieder die Entschuldigung.

»Es ist nur stundenweise, so kann ich mich noch immer um meine Familie kümmern.«

Sie wollte sich selbst wieder recht geben.

»Hör mal, für die wird es auch gut sein, wenn du mal auf andere Gedanken kommst.«

»Ich ruf dich wieder an!«

Dann hörte Ellen einige Wochen nichts mehr von Rose. Sie ging in die Wohnung der Freundin und stellte erfreut fest, dass Rose bald wieder die alte war.

»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sich jetzt mein Leben langsam verändert.«

»Doch, denn du bist aufgewacht, Rose, das ist alles.«

Aber da gab es noch immer ein paar Wälle, die sie übersteigen musste. Ein Anfang war immerhin gemacht worden. Jetzt band sie sich auch nicht mehr so sehr an ihre Kinder.

Hugo sagte wie üblich nichts.

Rose meinte: »Er ist froh, dass ich jetzt etwas hinzuverdiene, so brauchen wir nicht mehr so schrecklich zu sparen.«

Ellen hatte es oft auf der Zunge gelegen, zu fragen: »Was machst du eigentlich, wenn du mit deinem Mann allein bist?« Aber sie tat es nicht.

Wieder vergingen einige Wochen.

Da stand Rose eines Tages plötzlich auf der Matte vor Ellens Tür.

»Hast du Zeit für mich?«

Ellen spürte sofort, dass da etwas war. Also sagte sie spontan: »Sicher, komm rein! Ich wollte mir sowieso gerade eine Tasse Kaffee kochen.«

»Störe ich dich auch wirklich nicht? Ich meine, nicht dass dein Verleger sauer wird.«

»Der kann auch mal warten. Komm! Außerdem, man kann alles nachholen.«

Sie saßen sich gegenüber.

Rose schaute auf ihre Hände. »Ich weiß nicht, ob du mich verstehen wirst, vielleicht wirst du mich auch verurteilen, aber ich brauche einen Rat.«

»Dann fang mal an. Von Berufs wegen habe ich schon so viel erlebt und erfahren, dass mich so schnell nichts mehr umhauen kann; und du weißt doch, dass ich tolerant bin.«

»Ja, das habe ich mir auch gesagt; deswegen bin ich auch zu dir gekommen. Ich muss einfach darüber reden. Aber meine Familie, du kennst sie ja. Nein, ich möchte, dass du mir einen Rat gibst.«

»Dann erzähle mal.«

»Ich habe einen Mann kennengelernt, auf dem Flughafen. Ellen, ich, ich liebe ihn. Er liebt mich auch. Mein Gott, du weißt ja gar nicht, was das bedeutet. Mir ist, als wäre ich zwanzig Jahre jünger geworden.«

Ellen sagte: »Aber das ist doch wunderbar!«

Rose blickte sie an.

»Denkst du das wirklich?«

»Ja, sonst würde ich es nicht sagen. Aber worin liegt jetzt dein Problem?«

»Mein Mann«, brachte sie mühsam über die Lippen. »Ich kann dir einfach nicht sagen, wie mir zumute ist. Es ist, es ist einfach alles aus. Ich kann nicht mehr, Ellen, ich kann einfach nicht mehr. Seit Wochen verweigere ich mich ihm. Es geht über meine Kraft. Was soll ich nur tun?«

»Tust du es nur, weil du den anderen Mann kennengelernt hast, oder seit wann?«

»Weißt du, seit ich dort arbeite, bin ich aufgewacht. Ich habe gemerkt, wie seltsam ich doch bin und mich benehme. Mein ganzes Leben habe ich nur geschauspielert, jetzt bin ich fix und fertig. Ich möchte endlich wieder die alte Rose sein.«

»Was sagt dein Mann dazu?«

Sie machte ein gequältes Gesicht.

»Das ist es ja eben, er sagt nichts!«

»Wie?«

Sie knetete ihr Taschentuch in der Hand.

»Er hat mir gesagt, er respektiere das.«

»Aber Rose.«

Sie hatte ganz traurige Augen.

»Eigentlich müsste ich ihm doch dankbar sein, nicht wahr?

Ellen war entsetzt.

»Wie soll das denn mit dem anderen Mann weitergehen?«

»Ich weiß es noch nicht. Ich meine, wir lieben uns, aber wir haben noch nicht miteinander geschlafen. Ich habe also noch keinen Ehebruch begangen.«

»Was würdest du denn jetzt am liebsten tun?«

»Du wirst mich verstehen, nicht wahr?«

»Sag es mir!«

»Wenn ich die Kinder nicht hätte, wäre ich schon auf und davon. Letzten Herbst schon. Einfach weg, ihn nicht mehr sehen müssen, nie mehr zurückkommen, sich einfach treiben lassen.«

»Siehst du jetzt endlich, wie wichtig es ist, dass man sich nicht so sehr an seine Kinder hängt?«

»Ich sehe jetzt so vieles ein, Ellen. Aber ist es denn nicht schon zu spät? «

»Du bist doch erst fünfunddreißig, Rose, da ist das Leben noch nicht vorbei.«

»Ja, schon, aber ich muss mir noch etwas überlegen.«

»Rose, denk jetzt mal an dich; tu wirklich, was du möchtest, hörst du!«

Als sie fort war, dachte Ellen noch lange über die Freundin nach. Sie konnte ihr nicht helfen, sie musste allein damit fertig werden.

Sie versuchte zu überlegen, wie sie sich an Roses Stelle verhalten hätte.

Das war wirklich schwer.

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»ELLEN, SO WARTE DOCH einmal!«

Sie war in der Stadt und hörte hinter sich ihren Namen rufen. Sie blieb stehen.

»Rose, du?«

Die Freundin strahlte über das ganze Gesicht.

»Du bist also glücklich?«

»Ich bete ihn an, er ist einfach zauberhaft! Mein Gott, Ellen, jetzt weiß ich erst einmal, was Liebe bedeutet. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie lieb er zu mir ist. In allem zeigt er mir, dass er mich liebt. Ich übrigens auch, ich kann einfach nicht anders. Ich bin verliebt wie ein Backfisch.«

Ellen lachte.

»Du siehst wunderbar aus.«

»Ja, nicht wahr?«

»Du bist wieder die alte Rose, du hast den Sprung tatsächlich geschafft.«

»Sollen wir eine Tasse Kaffee trinken? Du, ich habe dir so viel zu erzählen.«

»Ja, komm.«

Wenig später saßen sie in einem kleinen Straßencafé. Niemand konnte sie belauschen.

»Was sagt denn Hugo dazu? Oder hast du noch nicht mit ihm gesprochen? Am Telefon habe ich dir doch gesagt, dass es nicht schön ist, wenn man es dem Mann nicht sagt.«

»Ja, ich habe mich darangehalten, was du mir gesagt hast. Also, ich bin zu ihm gegangen, habe ihm offen gesagt, dass ich Bob liebe, übrigens er kennt ihn, ich habe ihn nämlich schon ein paarmal zu uns eingeladen.«

»Was hast du?«, fragte Ellen sprachlos.

»Jetzt bist du baff, was? Aber es kommt noch viel schöner. Also, ich sage dir, das kannst du sogar für deine Romane verwerten, meine Liebe.«

»Na, da bin ich aber wirklich neugierig.«

»Ich habe also mit Hugo gesprochen. Weißt du, ich habe nur gedacht, so viele Jahre kann man doch nicht einfach auslöschen. Die vielen Schulden damals, der Ärger mit seinen Geschwistern. Ich dachte, das ist so oder so doch ein Stück von meinem Leben. Ich will mich zusammenreißen. Dann habe ich ja auch noch die Kinder.«

Sie zögerte einen Augenblick.

»Ich habe also zu Hugo gesagt: Es wird nichts mehr mit uns, ich kann es einfach nicht mehr. Ich liebe Bob, jetzt weißt du es; du kannst also sagen, was du willst, ich lasse mich davon nicht abbringen. Weißt du, als ich ihm das so knallhart sagte, da habe ich mir gewünscht, gewünscht ...« Wieder stockte sie. Für einen Augenblick sah es aus, als könnte sie nicht weiterreden.

»Ja?«

»Er würde toben, schreien, alles Mögliche tun, mich aus dem Haus werfen, wirklich, ich habe einfach etwas Derartiges erwartet. Aber es ist nichts geschehen, gar nichts.«

»Rose!«

»Er hat nur dagesessen und gesagt: Wie stellst du dir das vor? Wer soll denn den Haushalt machen und alles? Ich brauche außerdem eine Frau fürs Bett, schließlich bin ich noch kein Mummelgreis. Jetzt hast du ja lange genug deine Marotten gehabt.«

Sie wischte sich eine Träne aus den Augen.

»Soll das heißen, es hat ihn kalt gelassen, als du ihm sagtest, du liebst einen anderen Mann?«

Sie nickte.

»Mein Gott!«

»Ich habe ihn zum letzten Mal herausgefordert. Du bist mein Zeuge: Ich habe es so oft getan, habe es versucht, immer wieder; aber er reagiert gar nicht darauf. Weißt du, jetzt hab ich nur noch Verachtung für ihn, anders kann ich das einfach nicht schildern. Er ekelt mich an, ja, das letzte Restchen Mitleid ist schon längst auf und davon.«

»O Rose!«

»Das ist noch nicht alles.«

»Nein? «

Sie lachte auf.

»Jetzt kommt ja erst die Story!«

»Noch eine?«

»Ja! Komödie kannst du es auch nennen. Also, zu Ostern war Bob bei uns!«

»Herrje, und was hat er gesagt?«

»Ob wir in Zukunft zu dritt leben wollten!«

»Nein!«

»Doch!«

»Ich hab ihm Schlafpulver aufs Butterbrot geschmiert, Leberwurst drüber und dann ganz toll gewürzt. Zehn Minuten später war er weg, dann haben wir uns geliebt!«

Ellen starrte die Freundin an.

»Das ist doch nicht wahr?«

»Doch!« Sie lachte Tränen. »Es war einfach köstlich, sag ich dir. Mein Gott, ich hätte mich totlachen können! Weißt du was, er hat es ja gar nicht anders verdient.«

»Gott, Rose, wie soll das denn weitergehen?«

»Weißt du, im Augenblick bin ich so selig, so glücklich, da denk ich einfach nicht an morgen.«

»Du steckst ja bis zum Hals in Schwierigkeiten. Aber deine Kinder?«

»Och, weißt du, mit denen könnte ich schon darüber reden; aber im Augenblick ist es ja noch nicht nötig, er will mich ja nicht fortschicken. So lebe ich doch ziemlich billig daheim, ich brauche mir noch keine eigene Wohnung zu suchen.«

»Was sagt denn Bob dazu?«

»Er ist auch am Flughafen beschäftigt und nach England versetzt worden. Jetzt können wir uns nur einmal im Monat treffen. Na ja, wir suchen einfach nach einer Lösung. Für ihn ist das ja auch nicht so einfach. Wenn er geht, dann verliert er einen sehr guten Job, weißt du. Er wird sich schon irgendeinen Rat schaffen, da bin ich nicht bange. Aber das eine sage ich dir: Jetzt lasse ich mich nicht mehr unterbuttern, jetzt nicht mehr! Mein Gott, so viele Jahre habe ich vertan!

Ellen, ich muss doch ein Trottel gewesen sein, nicht wahr?«

»Nun, anfangs habe ich ja versucht, mit dir darüber zu reden, aber du hast mich nicht verstanden. Und dann habe ich gedacht, du bist glücklich in deinem Leben.«

»Glücklich? Ich war immer in Aktion, habe immer alles überspielt. Du weißt ja gar nicht, diese bewussten Fehler meines Mannes, wenn wir irgendwo hinkamen, wo sie Hugo noch nicht kannten, ist mir beim Essen immer der blanke Schweiß ausgebrochen. Aber er hat ja noch ganz andere Gewohnheiten, davon möchte ich dir nicht erzählen. Aber ich sage dir: Ich kann sie einfach nicht mehr ertragen.«

»Eigentlich hättest du von Anfang an wissen müssen, dass er gar nicht zu einer wirklichen Liebe fähig ist. Wer so protzt, mit buchstäblich nichts und dann auch noch dieses Schmarotzertum an den Tag legt, da muss doch ein Blinder sehen, dass er nur an sich denkt. Sonst hätte er doch mal darüber nachgedacht. Vor allen Dingen kann ich mir einfach nicht erklären, dass er selbst nicht weiß, wie sehr er damit ins Fettnäpfchen tritt. Aber das ist ihm einfach gleichgültig.«

»Ach, Ellen, ich wünschte, er würde eine andere Frau finden und sich von mir scheiden lassen.«

»Warum lässt du dich denn nicht scheiden?«

»Er hängt im Augenblick wie ein Hündchen an mir, ich kann ihn nicht zurückstoßen.«

Das war mal wieder typisch die liebe Rose, die keinem weh tun konnte.

»Er hängt doch nur an dir, weil er seine Bequemlichkeit verlieren würde. Es ist doch so einfach, alles laufenzulassen und die Augen vor den Tatsachen verschließen; Weißt du, wenn er dich wirklich liebte, dann würde er doch um dich kämpfen wie noch nie. Aber nicht einmal dazu kann er sich aufraffen. Jetzt wird die Mitleidspose ausgespielt. Er kennt dich ja und weiß, welch empfindsames Herz du hast. Dass du es dann nicht fertigbringst, aufzugeben. Und dann hat er ja noch einen Trumpf in seinen Händen.«

»Und der ist?«

»Die Kinder!«

»Du glaubst gar nicht, wie gleichgültig mir die im Augenblick sind, Ellen.«

»Aber du würdest auch nicht glücklich werden mit Bob, wenn du wüsstest, dass deine Kinder nicht glücklich wären.«

»Da hast du recht.«

»Lange kannst du die Entscheidung nicht mehr hinausschieben.«

»Weißt du, bald ist Sommer, dann werde ich mir etwas überlegen. Ich weiß noch nicht was, aber irgendetwas wird mir schon als Ausrede einfallen.«

»Wieso? Du brauchst doch keine Ausreden mehr. Er weiß doch Bescheid, du hast mit offenen Karten gespielt. Auch damals schon, als du die Sache mit der Bärin brachtest. Wir alle waren über deine Ansichten entsetzt; kein junger Mann hätte sich das gefallen lassen. Vor allen Dingen hätte man doch darüber nachgedacht, wenn die eigene schwangere Frau so spricht. Nun, lassen wir das. Du bist nicht schuldig, Rose, er hätte dich nie heiraten dürfen.«

»Ich muss jetzt gehen, in drei Stunden fängt mein Dienst an. Ich rufe dich noch an.«

»Wenn du einen Menschen brauchst, kannst du auf mich zurückgreifen.«

Als Ellen nach Hause fuhr, dachte sie über alles nach. Sie fand, selbst sie als Schriftstellerin konnte das nicht schreiben, dann würde man ihr das nicht glauben, es als Unsinn abtun. Aber das Leben konnte so skurril sein.

Die Worte der Freundin gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie versuchte sich Hugo vorzustellen.

Roboter, irgendwann war einmal dieses Wort gefallen. Ja, war er denn wirklich ein Mensch ohne Herz, dem nur die Bequemlichkeit wichtig war.

War er ein Mann, der nur den nackten Sex verstand, aber nicht wirklich lieben konnte? War er denn damit zufrieden? Begriff er denn nicht, dass er seine Frau auf einen Abgrund zusteuern ließ? Warum hielt er sie nicht zurück?

Noch lag es in seiner Macht. Rose wartete ja nur darauf, sie wollte ja gar nicht die Ehe zerbrechen! Aber sie konnte nicht mehr schauspielern. Warum wurde er nicht endlich aktiv?

Eigentlich war Rose ja zu beneiden; im Augenblick erlebte sie etwas sehr Schönes.

Tagtäglich war Ellen mit der Liebe auf dem Papier beschäftigt, musste sich immer neue Romanzen ausdenken und dachte oft daran, wie das Leben durch Liebe verzaubert werden konnte. Ohne sie ging der Sinn einfach verloren.

Hatte sie deswegen mehr Verständnis für alles, weil sie darüberschrieb, oder warum?

Ellen dachte darüber nach, wie man Rose helfen könnte. Aber das schien im Augenblick sehr schwierig zu sein.

»Ellen, er kommt heute! Können wir zu dir kommen?«

»Ja, sicher.«

»Ich möchte, dass du ihn kennen lernst, Ellen. Ich geb auf dein Urteil sehr viel.«

»Aber das brauchst du jetzt nicht mehr, denn du bist wieder die alte Rose.«

»Wir kommen trotzdem!«

Ellen legte auf. Sie spürte, dass die Freundin sich einfach mitteilen musste. Sie brauchte einen Menschen, dem sie ihr Glück zeigen konnte. Was ja eigentlich selbstverständlich war.

Obwohl Ellen nicht sehr viel Zeit hatte, sagte sie das nicht. Irgendwie würde sie es wohl wieder hinbiegen. Dann musste sie mal am Abend schreiben, worüber zwar ihr Mann nicht sehr entzückt sein würde, doch die Freundin ging jetzt vor.

In zwei Stunden wollte sie hier sein.

Diese zwei Stunden waren jetzt längst vorbei, aber Rose war nicht da.

Ellen versuchte zu schreiben, aber es klappte nicht. Sie musste immer an die Freundin denken. Als eine weitere Stunde verstrichen war, wurde sie böse. Sie hätte mich anrufen können, wenn etwas dazwischengekommen ist. Darauf habe ich doch wohl ein Recht. Der ganze Nachmittag ist mir jetzt verdorben!

Sie überlegte, ob sie Roses Nummer anrufen sollte. Aber im Augenblick waren nur die Kinder dort, und sie wusste nicht, was Rose ihnen gesagt hatte.

Endlich wollte sie für sich allein Kaffee kochen, da klingelte es. Sie stürzte zur Tür.

Rose stand da, grau im Gesicht.

Ohne etwas zu sagen, wankte sie ins Wohnzimmer. Sie war wie erstarrt, die Augen wirkten erloschen, tot. Ellen war das unheimlich. Doch sie musste sie erst einmal lassen. So ging sie in die Küche zurück, kochte den Kaffee fertig und holte das Geschirr.

Rose saß noch immer auf dem gleichen Platz, sah aus dem Fenster. Nur rollten jetzt ganz langsam ein paar Tränen über ihr Gesicht.

Ellen setzte sich zu ihr und legte den Arm um sie.

»Trink ein paar Schluck! Oder soll ich dir einen Schnaps bringen?«

Rose trank fast nie Alkohol. In der Regel wurde ihr übel davon. Doch jetzt nickte sie.

»Ja, bring mir einen Schnaps.«

Ellen holte Flasche und Glas. Sie goss ihr ein wenig ein. Rose nahm das Glas, kippte den Inhalt mit einem Ruck in sich hinein und goss sich gleich nach, ohne zu fragen.

Da wusste Ellen, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Fieberhaft ging sie alle Möglichkeiten durch. War Bob ein Schuft? Hatte er nur mit ihr gespielt? War er jetzt nicht mehr gekommen, oder hatte sie durch Zufall erfahren, dass er auch noch andere Frauen hatte? Sie waren doch beide am Flughafen angestellt. Es war ja nur ein kleiner Zubringerflughafen, da kannte doch jeder jeden.

Wie sollte sie sich verhalten?

Roses Blick wurde glasig.

»Nimm jetzt mal Kaffee, Rose, bitte!«

Gleichgültig nahm sie die Tasse, trank daraus, stellte sie wieder hin. Dann endlich warf sie sich in die Arme der Freundin und brach in fürchterliches Weinen aus. Es war so schrecklich anzuhören, das Herz tat einem weh dabei.

Sie konnte ihr nur über die zuckenden Schultern streichen, das Haar aus dem Gesicht schieben und sie einfach weinen lassen. Dann kamen die ersten gestammelten Worte: »Das ist zu viel, das halte ich nicht mehr aus; das kann ich einfach nicht mehr verkraften! Ich bin am Ende, am Ende!«

»Rose, Rose, liebe Rose, so sprich doch endlich.«

Tränen strömten ihr übers Gesicht.

»Du weißt es ja noch gar nicht«, sagte sie dumpf. »Nein, du weißt es ja noch nicht, aber ich ...«

»Rose, so sag doch endlich, was ist los?«

»Ich stand auf dem Flugfeld, wir dürfen das ja, ich wollte ihn gleich empfangen. Ich war ja so happy, mein Gott, du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie wichtig Bob für mich geworden war. Er war der Inbegriff aller Zärtlichkeiten, er hat mich verstanden. Ich konnte mich an seine Schulter lehnen, ich musste nicht immer stark sein. Er liebte mich wirklich, er konnte so süß eifersüchtig werden.

Mein Gott, Ellen, für ihn wäre ich auf Knien überall hin gerutscht. Er hat mich geliebt, wir haben uns so geliebt.

Vor zwei Stunden habe ich ihn noch angerufen, er hat sich genauso auf das Wiedersehen gefreut. Und er freute sich auch, dich kennenzulernen. Ich habe so viel von dir erzählt. Ach, ich kann dir gar nicht beschreiben, wie herrlich diese zwei Stunden des Wartens für mich waren. Gleich wird er kommen. Jetzt steigt er in London ins Flugzeug, jetzt ist er in der Luft, jetzt fliegen sie schon über Deutschland. Jetzt ist er mir schon so nah. Meine Bekannten am Flughafen lachten darüber, aber sie verstehen mich zum Teil.

Dann kam die Maschine!

Ich stand auf dem Flugfeld. Sein Gesicht, ich suchte es, aber ich fand es nicht. Ich dachte: Er wird hinten in der Reihe stehen, wenn er gleich die Treppe runtersteigt, dann sehe ich ihn, dann winke ich ihm zu. Unsere Herzen werden sich zufliegen. Ich stand da, und so viele fremde Leute stiegen aus. Wann kam Bob?

Dann kam das Personal.

Ich rannte ihnen entgegen.

Aber es muss noch jemand in der Maschine sein!

Nein, die Passagiere sind längst alle ausgestiegen, sie befinden sich schon in der Abfertigungshalle.

Zusammenfassung


Nach einem schweren Schicksalsschlag fällt die einst lebenslustige Rose in ein tiefes Loch und droht in der Gosse zu landen: auf dem Hafenstrich. Gibt es noch einen Menschen, der ihr Halt gibt und sie auffängt?

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920598
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (August)
Schlagworte
redlight street rose lady strichs

Autor

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Titel: REDLIGHT STREET #34: Rose – Lady des Strichs