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Circle C-Ranch #28: Das Gesetz der alten Männer

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Das Gesetz der alten Männer

Klappentext:

Roman:

CIRCLE C-RANCH

 

Band 28

 

Das Gesetz der alten Männer

 

Ein Western von Heinz Squarra

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Cliff Copper und sein Bruder Jimmy treiben eine Rinderherde nach Silvertown, um sie dort zu verkaufen. In der Stadt bekommen die beiden Ärger mit einigen Cowboys der Wagenrad-Ranch, aber bevor es zu einer Schießerei kommt, kann der Streit zum Glück geschlichtet werden, und die Cowboys verlassen die Stadt wieder. Sie ahnen zu dieser Stunde noch nicht, dass nur Stunden später ein Händler von einem Unbekannten getötet wird, und dass die Stadtbewohner die Cowboys für die Schuldigen halten. Ein Suchtrupp reitet los und verfolgt die Männer. Cliff und Jimmy schließen sich ihnen an, um Schlimmeres zu verhindern. Dies ist aber erst der Beginn einer Kette von verhängnisvollen Ereignissen, an deren Ende Menschen sterben. Für etwas, das sie gar nicht getan haben!

 

 

 

 

 

Roman:

Jimmy Copper ließ die Bullpeitsche sinken, als er die vier Reiter über die flache Hügelkuppe kommen sah. Auch sein Bruder Cliff ließ von den zehn Rindern ab, die sie am Hügel vorbeitrieben. Die Tiere liefen langsam weiter.

Jimmy schob sich den Hut zurück, so dass sein hellblonder Haaransatz sichtbar wurde. Aus zusammengekniffenen Augen blickte er noch immer zu den auf der Hügelkuppe verharrenden vier Reitern hinauf.

Cliff näherte sich seinem Bruder, rollte seine Peitsche auf und hängte sie ans Sattelhorn.

„Mindestens zwei kenne ich“, sagte Jimmy und spuckte ins verbrannte Gras.

„Ich kenne sie alle“, erwiderte Cliff und rieb mit dem Handrücken über sein verstaubtes, schmales Gesicht. „Sie reiten für Morrison.“

„Genau.“

Cliff blickte hinter den zehn Rindern her, mit denen sie unterwegs waren. Die Longhorns blieben eins nach dem anderen im Schatten der Ocotillos am Fuß des Hügels stehen.

Plötzlich stieß einer der Reiter einen schrillen Ruf aus und trieb sein Pferd an. Das Tier schnaubte erschrocken. Die Männer lachten wild und sprengten den Hügel herunter.

Jimmy wollte das Gewehr aus dem Sattelfutteral ziehen, aber Cliff legte ihm die Hand auf den Unterarm.

„Das hat keinen Sinn. Warten wir ab, was sie hier wollen. Wir sind weit von der Wagenrad-Ranch entfernt, Jimmy!“

Jimmy ließ den Kolbenhals des Gewehrs los und fluchte unterdrückt.

Die vier Reiter hatten den Fuß der Halde erreicht und zügelten die Pferde vor den beiden Coppers. Dichte braune Staubwolken stiegen auf.

Cliff blickte von einem zum anderen und zuletzt auf Ranse Frey, der mit seinen dreißig Jahren der älteste der vier Männer war. Er war ein großer, breitschultriger Mann mit schwarzem Haar und finsterem Aussehen, und er wirkte gefährlich, obwohl er aufgekratzt lachte.

Die drei anderen grinsten die beiden Coppers an. Shad Miles, mit zweiundzwanzig der jüngste der Männer, ein braunhaariger, hagerer Reiter mit schiefstehender Nase, sagte: „Was macht ihr denn hier?“

„Wir treiben ein paar Rinder nach Silvertown“, erwiderte Cliff.

„Silvertown?“ Shad Miles blickte den Mann neben sich an.

„Wieso denn das?“, fragte der. „Silvertown besteht aus ein paar Hütten und vielleicht zehn Einwohnern. Was wollt ihr denn dort mit den Rindern, Copper?“

„Geht euch das was an?“, fragte Jimmy gedehnt. Er blickte auf Ward Tamplin, einen Mann mit brandrotem Haar und dem Gesicht voller Sommersprossen.

„Es interessiert uns“, meinte der vierte der Männer, von dem Cliff wusste, dass er Malvin Green hieß und Texaner war. Er hatte blondes Haar, bernsteinfarbene Augen und konnte sich wild wie ein junger Stier gebärden, und er trug als einziger der vier Männer zwei Revolver.

„Es geht euch einen Dreck an!“ Jimmy legte die Hand auf den Kolben seines Revolvers. „Reiten wir weiter, Cliff?“

„Nur nicht so unfreundlich“, knurrte Ranse Frey. „Man wird doch noch fragen dürfen, wenn man alte Bekannte trifft. Wir würden euch helfen.“

„Morrisons Leute haben uns noch nie geholfen“, gab Cliff zurück.

Die vier Reiter grinsten wieder. Shad Miles sagte: „Das mit Morrison ist vorbei, Copper. Habt ihr noch nicht gehört, dass er seit einiger Zeit einen Ranchboss eingestellt hat?“

„Doch.“

„Ein Kerl, der gar nicht zu Morrison passt. Ein richtiger Rindermann, würdet ihr sagen. Er hat die Mannschaft ausgesiebt. Und Morrison hat noch nicht mal was dazu gesagt.“

„Na sowas“, sagte Jimmy und grinste nun ebenfalls. „Hat er euch etwa entlassen?“

„Wie schlau der Kleine ist.“ Ward Tramplin lachte blechern..

„Also, wie ist es?“, brummte Frey. „Wir helfen euch. Du gibst jedem von uns drei Dollar, dann treiben wir die Longhorns bis Silvertown!“

Cliff schüttelte den Kopf. „Wir schaffen das allein, Frey. Tut mir leid, wenn der Ranchboss euch entlassen hat, aber das ist nicht unsere Sache. Bis Silvertown sind es nur noch ein paar Meilen, die schaffen wir schon. Und zehn Rinder machen zwei Männern wirklich nicht zuviel Arbeit.“

Der Texaner spuckte aus. „Wir könnten aber dringend noch ein paar Dollar gebrauchen. Wir haben nämlich keine Ahnung, wo wir jetzt einen Job bekommen sollen.“

„Warum habt ihr das Morrison oder seinem Ranchboss nicht gesagt?“, wollte Cliff wissen.

„Ihr findet das wohl ziemlich lustig, he?“, sagte Shad Miles gedehnt.

Der Texaner griff mit der linken Hand zum Revolver. Da hatte Jimmy seine Waffe schon gezogen, richtete sie auf den Texaner und spannte den Hammer.

Malvin Green blickte unentschlossen von Jimmy auf Cliff, während seine Finger noch immer den Kolben des einen Colts umspannten.

„Malvin, hör auf!“, schimpfte Frey. „Wenn sie nicht wollen, dass ihnen geholfen wird, können wir nichts machen.“

Der junge Texaner ließ den Kolben langsam los.

„Wir reiten auch nach Silvertown“, fuhr Ranse Frey fort. „Da wir sowieso den gleichen Weg haben, dachten wir...“

„Wir werden mit den zehn Rindern allein fertig!“, unterbrach Cliff den Mann heftig.

„Und wir tun uns nicht mit Leuten zusammen, die immer gegen uns waren!“, setzte Jimmy schroff hinzu. „Ihr hättet uns das Haus angebrannt, wenn Morrison es befohlen hätte!“

Ranse Frey grinste schon wieder. „Ein armer Cowboy muss tun, was sein Boss verlangt. Kommt, Freunde!“ Er zog sein Pferd herum und ritt wieder zur Hügelkuppe hinauf.

Miles und Tamplin folgten ihm. Der junge Texaner blickte von Cliff auf Jimmy und dann auf den Revolver, der noch auf ihn gerichtet war.

„Vielleicht reden wir in Silvertown noch mal darüber“, sagte er. „Wir treffen uns ja dort, Jimmy.“ Er zog sein Pferd heftig herum, stieß einen schrillen Ruf aus und sprengte hinter den anderen her.

Jimmy schob den Colt in die Halfter und starrte in die Staubwolke hinein, die die Reiter mehr und mehr verhüllte. Dann verschwanden die vier Cowboys hinter der Hügelkuppe. Jimmy lachte plötzlich und schlug sich auf den Oberschenkel.

„Ranchboss O’Brien entlässt die wilden Reiter! Was sagst du dazu?“

„O’Brien ist ein vernünftiger Mann, Jimmy. Was soll man noch dazu sagen.“ Cliff nahm die Peitsche vom Sattelhorn und rollte sie mit einer schlenkernden Bewegung auf. „Komm!“

 

*

 

Die Stadt lag in einer Bodenfalte zwischen den Hügeln, dreißig Meilen von Tucson, sechzig von Fort Mason, vierzig von Benson und fünfundzwanzig von der Circle C-Ranch entfernt. Sie bestand aus insgesamt elf Gebäuden, zu denen der Store, der Saloon, der Stall, ein Schuppen und ein Lagerhaus gehörten.

Jimmy und Cliff Copper trieben ihre zehn Rinder über den Hügel im Nordwesten in das Tal hinunter. Sie sahen Männer im grellen Sonnenlicht auftauchen und wieder verschwinden. Dann hatten sie das Tal erreicht und trieben ihre zehn Rinder in die einzige Straße des winzigen Nestes hinein. Ganz im Gegensatz zu anderen Städten im Süden Arizonas gab es hier in Silvertown keine Hütten aus Lehmziegeln, sondern sie bestanden alle aus Brettern, sahen windschief, steinalt und angenagt aus.

Das erste Gebäude war der Stall, der quer zur Straße stand und einen umzäunten Sandhof hatte. Kane Brewster, der Stallmann, stand am Zaun und blickte den beiden Coppers und ihren Rindern verkniffen entgegen. Brewster war ein bulliger Mann, älter als fünfzig Jahre, wie alle Bewohner des Nestes, abgerissen, stoppelbärtig und schmutzig, und aus seinem linken Hosenbein ragte ein nackter Holzstumpf.

Jimmy hielt sein Pferd am Zaun an und fragte: „Sind vier Männer in die Stadt gekommen?“

Brewster nickte nur.

Jimmy ritt weiter.

Cliff hielt die Rinder vom Haus des Sattlers gegenüber dem Stall ab. Das Knallen seiner Peitsche schallte laut durch die kleine Stadt.

Sie kamen am Saloon vorbei, der alle anderen Gebäude um ein Geschoss überragte, große Fenster hatte und vor einigen Jahren mit Farbe angestrichen worden war, die allerdings zum größeren Teil bereits wieder abgeblättert war.

Die Schwingflügel schoben sich auseinander, und der junge Texaner Malvin Green tauchte auf. Green hatte eine selbstgerollte Zigarette im Mundwinkel hängen und grinste spöttisch.

Cliff und Jimmy trieben die Rinder vorbei in den Spalt zwischen dem Lagerhaus und dem Store. Hinter dem Store befand sich ein kleiner Korral mit sandigem Boden, ein paar leeren Futterkrippen und einem Tränktrog, zu dem aus dem Haus eine Holzrinne führte.

Earl Longmire, ein kleiner Mann mit ewig glänzendem Gesicht, faltiger Stirn, Schweinsaugen und dem Ausdruck ewiger Unzufriedenheit, kam hinten aus dem Haus und blickte auf die Rinder, die Cliff und Jimmy in den kleinen Korral trieben. Longmire hatte ein glattrasiertes Gesicht und trug einen maßgeschneiderten Anzug von brauner Farbe, darunter eine gelbe Weste und ein weißes Hemd, das eine Samtschleife zierte.

Jimmy stieg ab, ging zurück und hing die Fenz ein. Cliff bahnte sich einen Weg durch die Tiere, stieg vor dem Storebesitzer ab und sagte: „Da sind die zehn Rinder.“

„Mageres Vieh“, knurrte Longmire unzufrieden und verzog das Gesicht noch mehr.

Jimmy kam mit seinem Pferd näher. „Sie müssen Wasser in den Trog füllen. Unterwegs waren alle Löcher trocken.“

„Mageres Vieh“, schimpfte Longmire wieder. „Was hatte ich mit eurem Vater vereinbart?“

„Acht Dollar“, sagte Cliff.

„Ist es nicht wert.“ Longmire zog ein riesiges Taschentuch unter der Jacke hervor und wischte über sein Gesicht.

„Für achtzig Dollar haben wir die Rinder bis hierher getrieben!“, schimpfte Jimmy. „Das hat sich nicht gelohnt, und wir konnten es nur, weil gerade wenig Arbeit auf der Ranch ist, Mister!“

„Es ist keine achtzig Dollar wert“, knurrte Longmire. „Sechzig vielleicht - höchstens!“

„Wenn Sie den vereinbarten Preis nicht bezahlen, nehmen wir die Rinder wieder mit." Cliff zog seinen Tabakbeutel aus der Tasche und rollte sich eine Zigarette. „Sie müssen schnell überlegen.“

„Ich setze zu!“

„Ausgeschlossen.“ Cliff schob sich die Zigarette in den Mundwinkel und suchte in seinen Taschen nach einem Schwefelholz. „Sie verkaufen ein Rind nach dem anderen an den Salooner, oder sie schlachten die Tiere nach und nach selbst. Für Sie ist ein Rind mindestens fünfzig Dollar wert.“

„Wenn das reicht“, zischte Jimmy.

Cliff hatte ein Schwefelholz gefunden und rieb es an der Trommel seines Colts an. „Also?“ Er blickte Longmire über die kleine Flamme hinweg an.

„Na gut, weil ihr es seid.“ Longmire wandte sich ab und ging ins Haus.

Cliff brannte seine Zigarette an, hörte ein scharfes Lachen und fuhr herum.

Jimmy legte die Hand hitzig auf den Revolver. Er und sein Bruder sahen den jungen Texaner am Zaun.

Malvin Green schob sich den Hut in den Nacken. „Zehn Rinder für achtzig Dollar fünfundzwanzig Meilen weit getrieben! Das ist doch nicht zu fassen!“

„Kümmere dich um deinen Dreck, hörst du!“, schrie Jimmy zornig. '

Green sprang mit einem Satz über den Zaun und kam näher. Dann blieb er plötzlich stehen, ungefähr acht Schritte von Jimmy entfernt. „Was willst du, Copper?“ Er grinste scharf. „Streit? Den kannst du haben!“

Cliff sah, wie sich die Hand seines Bruders zur Seite bewegte. Da griff er zu und zog ihn herum. „Wir sind nicht hier, um uns mit einem halbwilden Mann zu streiten, der seinen Job verloren hat und die ganze Welt dafür hasst, Jimmy! Lass ihn!“

Jimmy fluchte, machte sich heftig frei und starrte den jungen Texaner wieder an.

„Na los, Copper!“, drängte Green. Seine dürr wirkende Gestalt krümmte sich etwas zusammen, und seine beiden Hände hingen wie geöffnete Klauen über den blanken Kolben seiner Colts.

Jimmy machte einen Schritt rückwärts.

„Daraus wird nichts, Green!“ Cliff ging langsam auf den Texaner zu.

Green fuhr plötzlich herum und griff nach dem rechten seiner beiden Colts. Aber Cliff sprang ihn mit einem Satz an, schlug seine halb erhobene Hand nach unten und schmetterte ihm die Linke mit solcher Wucht ins Gesicht, dass der ehemalige Cowboy gegen die Fenz geschleudert wurde und zu Boden stürzte.

Cliff wandte sich ab, als der Texaner sich heftig auf die Seite rollte und die Waffe zog.

Da hatte Jimmy den Colt gezogen und schoss. Dem Texaner wurde der Revolver aus der Hand geschleudert. Jimmy spannte den Hammer wieder.

„Steh auf und verschwinde, Green!“

Der junge Texaner kniete sich und blickte auf seine unverletzte Hand. Sein überhebliches Grinsen war verschwunden. Er stand ganz auf, blickte zu Cliff weiter, schwang sich dann über den Zaun und hob draußen seinen Revolver auf.

Frey und Miles kamen um die Ecke des Stores gehastet und blieben stehen. Jimmy richtete den Colt auf sie. Green betrachtete seinen Revolver und versuchte, die Trommel zu drehen, aber es ging nicht.

„Er scheint ohne Streit nicht leben zu können“, sagte Cliff. „Und er kann von Glück reden, dass er noch lebt.“ Malvin Green stopfte den Colt in die Halfter und wischte sich mit dem schmutzigen Ärmel seines Flanellhemds über das Gesicht.

„Was soll der Quatsch, Malvin?“, knurrte Frey. „Heute bezahlt dich niemand mehr dafür, wenn du mit ihnen Händel suchst. Du musst dich endlich an die veränderten Verhältnisse gewöhnen, verdammt!“

Green fluchte und blickte wieder auf seine Hand.

„Wir wollen keinen Streit, Copper.“ Frey fluchte. „Er kann sich nicht daran gewöhnen, dass alles anders ist.“

„Jimmy hätte ihn auch erschießen können. Es wäre Notwehr gewesen.“ Frey und Miles zerrten den jungen Texaner mit sich und verschwanden.

Cliff wandte sich um. Der Storebesitzer stand an der Hintertür seines Hauses und hatte ein paar Geldscheine in der Hand. Cliff ging auf ihn zu und streckte die Hand aus. Longmire gab ihm das Geld.

„Viel zu teuer, Copper. Von dem mageren Vieh kann die Stadt nicht lange leben!“

Cliff zählte das Geld nach, schob es in die Hosentasche und ging zu seinem Pferd. Er führte es zur Fenz, hing sie aus und ging hinaus. Jimmy folgte ihm und hing die Fenz wieder ein.

Longmire verschwand im Haus.

Cliff und sein Bruder blieben mit den Pferden nebeneinander in der Lücke zwischen Store und Lagerhaus an der Straße stehen und blickten auf den hochrädrigen Wagen, der gegenüber im Schatten einer verlassenen, stabilen Hütte stand. Auf den Wagen war ein großes Holzfass montiert, das dunkel und ölig aussah.

„Petroleum“, sagte Jimmy. „Hier ist ein Händler, der etwas verkaufen will. Ich frage mich, wieso die Stadt leben kann, Cliff.“

„Sie haben sicher mal ganz gut gelebt. Damals, als viele Männer nach Mexiko gingen. Hier war ihre letzte Station in Amerika. Nur die alten Männer sind noch hier.“ Cliff zog sein Pferd über die Straße. „Reiten wir gleich zurück?“

„Heute schaffen wir es nicht, und ich denke, wir haben uns eine Pause und ein paar Whisky verdient. Morgen, Cliff.“

Cliff nickte und zog sein Pferd am Saloon vorbei und dem Stall entgegen.

 

*

 

Als sie wieder aus dem Stall kamen, sahen sie zwei Indianer aus dem Store kommen. Es waren zwei mittelgroße, magere Gestalten in zerlumpten Kleidern, denen strähniges, schwarzes Haar unter den hohen Topfhüten hervorhing. Die beiden kamen die Straße herunter.

Cliff und Jimmy waren am Zaun stehengeblieben und blickten auf die beiden struppigen Pferde, die am Lagerhaus standen und nur bunte, zerfletterte Satteldecken trugen.

Der Stallmann näherte sich und blieb neben Jimmy stehen.

„Was machen denn Indianer hier?“, fragte Jimmy.

„Sie werden etwas gekauft haben“, knurrte der Mann. „Habt ihr was dagegen? Sie kaufen öfter etwas. Wir müssen schließlich auch leben!“

Als die beiden Indianer die Pferde erreicht hatten, begannen sie heftig miteinander zu schnattern. Cliff glaubte an den Gesten zu erkennen, dass der eine dem anderen Vorwürfe machte.

„Was haben sie denn?“, fragte Jimmy.

„Der eine meint, sie wären überfahren worden“, brummte der Stallmann. „Das meinen sie immer.“

Cliff ging am Zaun entlang, durch das offene Tor und die Straße hinauf. Die beiden Indianer waren indessen auf die Pferde gestiegen und ritten aus der kleinen Stadt. Cliff blieb am ersten Fenster des Saloons stehen und blickte durch die Scheibe. Er sah einen großen Raum, eine Treppe, die zu einer Galerie führte, eine lange Theke und viele Tische und Stühle. Morrisons entlassene Cowboys saßen an einem Tisch.

An der Theke lehnte ein schwarzhaariges Barmädchen, an dessen Schönheit der Zahn der Zeit erheblich genagt hatte. Neben dem Mädchen stand ein Mann in einem langen, zerfledderten Mantel, der eine Melone auf dem Kopf hatte. Der Mann nahm die Melone gerade ab, legte sie auf die Theke und sprach auf das Barmädchen ein. Er hatte eisgraues, lichtes Haar und ein stoppelbärtiges, langes, pferdeähnliches Gesicht.

„Scheint der Petroleumhändler zu sein“, sagte Jimmy neben seinem Bruder.

Cliff nickte. Der Mann an der Theke zog eine goldene Uhr mit langer Kette aus der Tasche, ließ den Deckel aufschnappen und redete wieder auf das Mädchen ein.

„Gehen wir endlich weiter?“, fragte Cliff gereizt. „Ich habe Durst!“

Cliff Copper blieb am Ende der Theke stehen.

„Nein, ich brauche wirklich keine Uhr!“, rief das Barmädchen heftig. „Lassen Sie mich endlich in Ruhe, Mr. Hartnell!“

Cliff blickte zu den vier stellungslosen Cowboys hinüber, die ihn anstarrten.

„Ich verkaufe sie weit unter dem Wert!“, zischte der Mann im zerfledderten Mantel, griff nach der Melone und stülpte sie wieder auf den Kopf.

„Ich verstehe das nicht“, meinte der Keeper, der aus der Küche kam. „Sie haben doch die Taschen voll Geld, Hartneil!“

„Was habe ich?“

„Letzte Nacht, als sie voll waren, haben Sie zweitausend Dollar auf die Theke gezählt.“ Der Salooner, ein dicker, hemdsärmliger Mann mit rundem, schwitzendem Gesicht, kam hinter der Theke näher. „Das hat jeder gesehen. Verkaufen Sie die Uhr sonstwo. Hier braucht niemand eine. Wir teilen unsere Zeit nach der Sonne ein.“

Der Händler steckte seine Uhr schimpfend in die Tasche, wandte sich an der Theke um und blickte die beiden Coppers an. „Wollen Sie nicht eine Uhr kaufen?“

„Er sieht wie ein Pferd aus“, meinte Jimmy leise.

Der Mann kam näher und zog die goldene Sprungdeckeluhr wieder aus der Tasche. Er ließ den Deckel aufschnappen und kam noch näher. „Spottbillig! Fünfzig Dollar!“

„Nein“, sagte Cliff abweisend. „Wir brauchen keine Uhr, Mister.“

„Sie geht auf die Minute genau und läuft über dreißig Stunden, Mister! Hören Sie nur, wie leise sie tickt!“

Der Mann wollte Cliff die Uhr ans Ohr halten, aber der stieß die Hand des Mannes zurück. Die Uhr entfiel dem Petroleumhändler und rutschte durch die Sägespäne, die den Boden bedeckten, um hart gegen ein Tischbein zu prallen.

Green stand auf und bückte sich nach der Uhr. Er ließ sie mehrmals an der langen Kette hin und herschwingen, dann hielt er sie an sein Ohr und sagte: „Sie steht.“

Cliff blickte auf den großen roten Stein, der außen in den Deckel eingearbeitet war.

„Was?“, fragte Hartnell erschrocken.

„Sie steht.“ Green grinste Cliff an und warf dem Händler die Uhr zu. Aber der Mann griff ungeschickt an der Uhr vorbei, und sie flog ins Spülbecken, in dem sie mit einem leisen Klatschen versank.

Der schwitzende Keeper grinste hämisch, langte ins Spülbecken, zog die Uhr heraus und knallte sie hart auf die Theke.

Cliff ärgerte sich nachträglich über seine heftige Reaktion, griff nach der Uhr, schüttelte sie und hielt sie ans Ohr. „Nein, sie geht immer noch.“

„Sie steht“, sagte Green und schob die Beine auseinander.

Cliff blickte ihn an und hielt dem Petroleumhändler die Uhr hin. „Sie ist wirklich sehr gut, denn sie geht wirklich noch. Aber ich brauche keine Uhr, Mr. Hartnell.“

Der Petroleumhändler nahm die Uhr und lauschte an ihr.

„Sie steht“, sagte Green. „Sagen Sie ihm, dass die Uhr steht, Hartnell!“

„Sie...“ Hartnell unterbrach sich und starrte Green an.

„Sagen Sie, dass die Uhr steht, Mann, los!“

„Sie geht noch“, erklärte Cliff. „Aber es ist ja auch unwichtig, was er meint.“

Hartnell schob die Uhr in die Tasche.

„Sie sollen sagen, sie steht!“, schrie Green.

Frey stand auf und stieß Green hart auf einen Stuhl. „Ende, verstanden!“

Cliff wandte sich dem Keeper zu. „Wir würden über Nacht bleiben. Ein Zimmer und ein Bad.“

Der Mann nickte.

Das Barmädchen mit dem faltigen Gesicht und den großen hübschen Augen schob sich um den Petroleumhändler herum und lächelte Cliff an. „Sie haben Rinder verkauft?“

Green lachte lauthals. „Für achtzig Dollar, Rachel! Und die muss er bei seinem Daddy abliefern. Bei dem hast du kein Glück!“

Das Lächeln fror auf dem Gesicht des Mädchens ein.

„Ich verkaufe auch noch Petroleum“, erklärte der Händler. „Zehn Galonen zehn Dollar!“

„Können wir gleich ins Bad?“, wandte Cliff sich an den Keeper.

Der Mann nickte, schaute dann den Petroleumhändler an und sagte: „Wenn Sie mit Longmire keinen Ärger haben wollen, dann pfuschen Sie ihm lieber nicht ins Geschäft, Hartnell. Er nimmt das übel. Sie haben ihm doch schon Petroleum verkauft!“

Frey stand auf und kam zur Theke. Neben dem Händler blieb er stehen. „Warum sind Sie denn nicht zufrieden, wenn Sie zweitausend Dollar in den Taschen haben? Meine Freunde und ich haben zusammen nur zwanzig. Und heute Abend, wenn wir weiterreiten, sind es vielleicht nur noch zehn.“

„Es ist verrückt, mit soviel Geld durch die Gegend zu fahren“, knurrte der Keeper und schob Cliff einen langen Schlüssel zu. „Sehen Sie zu, dass Sie das Zeug in Tucson bei der Post loswerden!“

Cliff griff nach dem Schlüssel, nickte Jimmy mit dem Kopf zu und ging an den Männern vorbei.

 

*

 

Es begann langsam dunkel zu werden, und die schwarzen Schatten der Häuser verwischten.

Cliff verließ den Saloon und lehnte sich draußen an die warme Wand. Er sah den Petroleumhändler, der zwei Maultiere vor seinen Wagen spannte. Der Storebesitzer stand neben dem Wagen und rief eben: „Und lassen Sie sich hier nie mehr sehen, Hartnell! Keinen Tropfen kaufe ich von Ihnen, wenn Sie mir dann das Geschäft verderben wollen!“

Der Petroleumhändler kletterte auf den Bock, rückte seine Melone gerade und griff nach der Peitsche. „Wollen Sie nicht doch die Uhr kaufen? Ich mache Ihnen einen Sonderpreis, Mr. Longmire! Sie waren doch interessiert!“

„Wieviel?“

Cliff sah, wie Longmires Augen zu glänzen begannen.

„Fünfundvierzig.“ Hartnell nahm die Peitsche in die andere Hand.

Longmire schien einen Augenblick zu überlegen, dann schüttelte er den Kopf und wandte sich ab.

„Dreiundvierzig!“, rief der Petroleumhändler ihm nach. „Das ist fast geschenkt, Mr. Longmire!"

Der Storebesitzer wandte sich nicht mehr um. Als er in seinem Haus verschwunden war, fluchte der Händler leise und knallte mit der Peitsche. Seine Maultiere zogen an. Hartnell parierte sie wieder, als er Cliff an der Saloonwand sah. Er zog den Hut und stülpte ihn wieder auf. „Sie sehen nach dem Bad zehn Jahre jünger aus, Mr. Copper.“

„Dann müsste ich fast noch ein Kind sein“, sagte Cliff. „Gibt es eine Tour, auf die Sie es nicht versuchen?“

„Ich biete Ihnen die Uhr zu einem Spottpreis. Fünfundvierzig Dollar, Mr. Copper!“

„Eben waren Sie schon billiger. Ich brauche keine Uhr." Cliff wollte sich abwenden.

„Ob auf Ihrer Ranch Petroleum gebraucht wird?“, rief der Händler.

Cliff lächelte ihn an. „Weder Petroleum noch eine Uhr.“

„Schade. Dann vielleicht das nächste Mal.“

„Vielleicht, Mr. Hartnell.“

Der Mann tippte an seine Melone und fuhr weiter. Am Stall hielt er abermals. „Wollen Sie die Uhr nicht kaufen, Mr. Brewster? Sie stammt aus einer erstklassigen Werkstatt, beste Schweizer Ware!“

„Scheren Sie sich zum Teufel!“, rief der Stallmann, den Cliff nicht sehen konnte.

Der Wagen rumpelte weiter.

Cliff ging in den Saloon hinein, lehnte sich an die Theke und blickte auf die vier ehemaligen Cowboys, die um eine fast geleerte Whiskyflasche saßen.

„Wo ist denn der Kleine?", fragte der junge Texaner. „Schläft er schon, Copper?“

Cliff winkte dem Keeper und warf ein Geldstück auf die Theke.

„Er redet nicht mit jedem“, sagte Miles.

Tamplin stand auf. Im Halbdunkel des Saloons wirkte sein brandrotes Haar fast braun, und die Sommersprossen waren kaum zu erkennen. Frey griff nach der Flasche und füllte sein Glas. Green stand jäh auf und kam an die Theke. Er grinste Cliff an.

„Ich habe gefragt, ob der Kleine schon schläft, Copper!"

„Ich habe es gehört, Green.“ Cliff griff nach seinem Glas, aber als er es anheben wollte, legte Green ihm die Hand auf den Unterarm und hielt ihn fest.

„Willst du nicht antworten?“

„Wozu, Green? Du willst doch nur Streit.“ Cliff sah das gefährliche Leuchten in Greens bernsteinfarbenen. Augen, und ein klein wenig Trunkenheit schien auch schon dabei zu sein.

„Aufhören!“, schimpfte der Keeper.

„Was willst du?“ Green ließ Cliffs Arm los und wandte sich dem Salooner zu. „Los, Bouchor, spuck aus, was du zu sagen hast!“

„Malvin, lass ihn in Ruhe!“ Frey trank den Whisky und griff dann nach der leeren Flasche. „Los, komm her, wir trinken noch eine und dann hauen wir ab!“

Green wandte sich um und ging zu dem Tisch zurück.

„Los, noch eine Flasche!“, rief Frey. „Wo steckt denn das Mädchen, Bouchor?“

„Rachel hat gemerkt, dass bei euch nichts zu verdienen ist. Ich weiß nicht, wo sie ist.“

„Wie sie die stinkende Langeweile nur aushält in dem Nest?“, knurrte Miles.

Der Keeper brachte eine Flasche an den Tisch und streckte verlangend die Hand aus.

Frey warf einen halben Dollar in die dicke Hand. „Den Rest zahlen meine Freunde. Sag Rachel, sie bekommt was von dem Whisky!“

„Na schön. Erst das Geld her!“

Green und Miles griffen in die Taschen. Tamplin zuckte die Schultern. Der Keeper steckte das Geld ein und wandte sich um. „Rachel, komm herunter, sie wollen dir Whisky geben!“, schrie er.

 

*

 

Jimmy tauchte auf der Galerie auf und blickte herunter. Dann stand Rachel neben ihm, lächelte ihn an und sagte laut: „Hast du Geld für was anderes als den ordinären Whisky?“

„Vielleicht, Rachel.“

„Sie könnte seine Mutter sein“, meinte Frey. „Cliff, sag dem Kleinen, er soll die Frau in Ruhe lassen!“

Einen Moment war es still im Saloon. Dann sagte Rachel: „Dann komm, Jimmy. Und kümmere dich nicht um diese halbwilden Cowboys. Sie tun nur so stark!“

Jimmy kam mit dem Mädchen die Treppe herunter. Green füllte sich sein Glas zur Hälfte und trank es auf einen Zug aus. Der Keeper brannte über der Theke eine Lampe an. Green stand auf. Jimmy und das Barmädchen erreichten den Fuß der Treppe, und Malvin Green ging ihnen entgegen. Auch die anderen drei Cowboys waren aufgestanden. Green versperrte Jimmy den Weg. Jimmy wollte ihn zur Seite schieben, aber Green schlug ihm die Faust in den Leib. Jimmy schrie leise auf und krümmte sich zusammen. Da schlug ihm Green ins Gesicht. Jimmy taumelte zu einem Tisch und flog über die Platte.

Das Mädchen schrie erschrocken auf und rief: „Euch sollte der Teufel holen!“

Green lachte wild, packte das Mädchen am Arm und stieß es zu dem Tisch, an dem die anderen standen. Er wollte hinter Rachel her, aber Cliff verstellte ihm den Weg, zog ihn herum und wuchtete ihm die Faust mitten ins Gesicht.

Green taumelte an die Theke und knallte dagegen. Er sprang wieder vorwärts und lief in Cliffs Aufwärtshaken, der ihn über die Theke hinwegschleuderte.

Da fielen die anderen Cliff von hinten an.

„Jetzt haben wir ihn!“, schrie Tamplin und schlug auf Cliff ein.

Miles kam von der anderen Seite, aber Frey stieß ihn zurück und schrie keuchend: „Nicht gar zu unfair, Shad! Immer nur einer!“

Cliff drehte sich auf dem Boden und stieß Tamplin von sich herunter. Noch auf der Schulter liegend, schlug er dem Mann ins Gesicht und sprang auf. Tamplin kam auf die Beine und lief in Cliffs nächsten Schwinger. '

Cliff wandte sich um und starrte die anderen an. Jimmy kam schwankend an die Theke, und Green lag offenbar besinnungslos auf dem Boden vor dem Mädchen, dessen schmales Gesicht bleich geworden war.

„Wer noch?“, fragte Cliff keuchend.

„Genug“, sagte Frey. „Aber das Mädchen haben wir kommen lassen, Copper. Das musst du schon verstehen.“

„Das Mädchen kann trinken, mit wem es will, Frey. Das wirst du verstehen müssen.“

Tamplin kam schaukelnd wieder herein und sprang Cliff mit einem Wutschrei an.

„Du sollst das lassen, zur Hölle!“, schrie Frey.

„Denkst du, Buster Tom gibt dir jemals im Leben einen Job?“ Miles lachte verächtlich. „Der denkt immer daran, dass wir für Morrison geritten sind. Und er hasst uns dafür, Ranse!“

„Ich will mit ihnen keinen Streit“, sagte Frey. „Sie stellen hier unten eine Macht dar, und keiner weiß vorher, wie sie eine Sache danach auslegen.“

„Hier unten gibt es keinen Job mehr für uns, Ranse.“ Miles starrte Cliff mit glimmenden Augen an. „Wir müssen sowieso aus Südarizona verschwinden.“

Frey ging rückwärts zum Tisch, griff nach der Flasche und trank aus ihr.

„Wir verlassen die Stadt. Trinkt den Whisky, dann reiten wir!“

Green stand auf und schwankte auf Jimmy zu, der jetzt an der Theke lehnte.

Draußen vor den Fenstern waren die Gesichter mehrerer Männer aufgetaucht, und jemand sagte: „Was von Morrison gekommen ist, war nie was Gutes!“

„Jagt sie doch aus der Stadt!“, rief eine keifende Stimme. „Geld haben sie doch keins!“

„Los, trinkt den Whisky!“, kommandierte Frey. „Oder nein, wir können ihn auch mitnehmen.“

„Kane, hol die Pferde der Kerle!“, rief es draußen. „Wir jagen sie davon!“

Frey steckte die Flasche in die Hosentasche, zog den Revolver und spannte den Hammer. Dann feuerte er über die Schwingflügel hinweg. Pulverrauch wehte durch den Saloon und trieb zur Galerie hinauf, während das Knallen noch an den Wänden rüttelte.

„Verschwindet da draußen, ihr Narren!“, schrie Miles: „Sonst nehmen wir euer schäbiges Nest auseinander!“

Die Gesichter verschwanden. Auf den Bretterwegen hämmerten Stiefel davon.

 

*

 

„Irgendwie passt Frey nicht zu den anderen“, sagte das Mädchen und blickte auf den Staub, der in der rasch zunehmenden Dunkelheit draußen schnell unsichtbar wurde.

Cliff lauschte noch auf den leiser werdenden Hufschlag.

„Er ist nur älter und besonnener“, erklärte Jimmy. „Aber es hat ihm genauso in den Fingern gejuckt. Er hat gern jemanden im Rücken. Den findet er hier nicht.“

Draußen liefen Männer die Straße hinunter. Jemand kam grölend näher. Eine Frau rief schrill: „Tennessee, wo willst du denn hin? Bleib hier, was gehen dich die fremden Reiter an? Sie sind doch fort!“

„Wie viele Frauen gibt es denn in Silvertown?“, wollte Jimmy wissen.

„Zwei“, erklärte das Barmädchen. „Zwei Frauen und mich.“

Eine Gestalt schwankte an einem Fenster vorbei, dann am nächsten, dann stand sie vor der Tür. Cliff sah ein hohlwangiges, von Bartstoppeln verdecktes, verdrecktes Gesicht, leicht schielende Augen, einen offenen Mund, hinter dem Zahnlücken klafften, und die hochgeschobene Schulter des Mannes, über der die speckige Jacke aufgerissen war. „Wer ist denn das?“, fragte Jimmy.

„Lefty, verschwinde, hier gibt es nichts für dich!“, schrie der Keeper wild.

Der Mann schob die Schwingflügel auseinander, lachte krähend und kam herein. Seine ganze Kleidung bestand aus Lumpen, er hatte einen schweißdurchtränkten Hut auf dem Kopf, von dem ein Stück der Krempe fehlte, und an seinen Füßen hingen durchlöcherte Schnürschuhe, mit Riemen zusammengebunden. Der schielende Mann mit der stark verwachsenen Schulter kam ein paar Schritte auf die Theke zu, feixte Cliff an und sagte: „Nur einen Whisky, Mr. Copper! Einen ganz winzigen!“

„Verschwinde, Lefty!“, zischte der Keeper. „Du bekommst nichts!“

„Wer ist er denn?“, wollte Jimmy wieder wissen.

„Der Stadtsäufer“, sagte das Mädchen. „Früher konnte er hin und wieder ein Loch in den Boden graben, aber heute stirbt niemand mehr. Keiner hat Arbeit für ihn. Sie haben ja alle selbst nichts mehr zu tun. Nicht wahr, Mr. Porter, so ist es doch?“

Der Verwachsene grinste das Mädchen schief an. „Früher haben sich die hübschen Puppen für mich ausgezogen, mein Schatz. Damals, ehe ich von dem Mast stürzte. Und heute gibt mir keiner einen Whisky. Mr. Copper, haben Sie Mitleid mit einem armen Mann! Nur einen ganz winzigen Whisky! Ein Gläschen, Mr. Copper!“

„Du sollst verschwinden, Lefty!“, schrie der Keeper mit überkippender Stimme und zog ein abgesägtes doppelläufiges Schrotgewehr unter der Theke hervor.

„Geben Sie ihm den Whisky“, sagte Cliff und warf ein Geldstück auf die Theke.

„Danke, Mr. Copper! Sie haben ein gutes Herz!“ Der Verwachsene schlurfte an Cliff vorbei, grinste das Mädchen an und trommelte dann mit seinen knochigen Fingern auf die Theke.

Der Keeper füllte widerwillig brummend ein Glas und schob es Lefty Porter zu. „Den einen, dann verschwindest du.“

Cliff ging zur Schwingtür und blickte hinaus. Gegenüber vor dem Lagerschuppen standen drei Männer, zu denen eben der Storebesitzer kam.

„Komisch“, sagte der herkulische Schmied. „Sie sind nach Nordwesten geritten, woher sie kamen.“

„Hab’ ich gesehen“, meinte Longmire. „Dorthin ist auch der Petroleumhändler.“

Cliff wandte sich ab.

„Für mich einen Whisky und für Rachel, was sie trinken will“, sagte Jimmy gerade.

„Ich gehe schlafen", erklärte Cliff. „Und denke daran, wenn es hell wird, reiten wir, Jimmy!“

 

*

 

Der Petroleumhändler bewegte sich unruhig in seiner Decke, rollte über die Schulter und stieß mit dem Kopf gegen ein Rad. Er war sofort munter, blickte suchend um sich und kroch dann unter dem Wagen hervor. Das langgezogene Heulen eines Wolfes ließ ihn zusammenzucken. Im hellen Mondlicht sah er die Buschgrenze. Er überlegte noch, was ihn in seiner Ruhe gestört haben könnte, als es ihm war, als würden sich die trockenen Büsche bewegen und leise rascheln.

„Ist da jemand?“, fragte er.

Die Büsche raschelten lauter, bewegten sich aber nicht mehr.

William Hartnell starrte noch einen Moment auf die Mauer aus trockenen Ästen und Blättern, dann warf er sich herum, rannte zum Vorderrad und wollte auf den Bock hinaufklettern.

Da raschelte es hinter ihm so laut, dass er es trotz seines hastigen Atmens hörte. Und plötzlich fiel ein Schuss.

Der Petroleumhändler spürte einen Schlag gegen den Rücken und etwas Heißes, das in ihm wühlte, seinen Körper schnell auszufüllen begann und seine Bewegungen erlahmen ließ. Er hörte das scharfe Knallen wie aus weiter Ferne nachhallen, seine Hand öffnete sich und er stürzte zurück. Hartnell rollte auf den Leib und sah die Buschgrenze wieder vor sich, aber es war ihm, als würde sie sich wie ein Schiff auf tanzenden Wellen bewegen. Und zwischen den Büschen meinte er ein Gesicht zu sehen, vermochte es aber nicht zu erkennen, weil es breiter und länger wurde, sich wieder zusammenschob, in der Dunkelheit verschwamm und hinter Nebeln zu tanzen schien.

„Was...?“ Seine Stimme brach ab. Hartnells Kopf schlug auf den Boden. Der Schmerz wühlte sich ihm in den Kopf, dann war es ihm, als würde etwas explodieren, er glaubte zu schreien, und dann versank sein Bewusstsein für immer im schwarzen Nichts einer ewigen Nacht, die alle seine Gedanken und den Schmerz auslöschte.

 

*

 

Cliff griff Jimmy in die Zügel, als er das ölige Fass auf dem Wagen über die Büsche hinweg sehen konnte.

„Der ist aber nicht weit gefahren“, meinte Jimmy. „Weiter als zwei Meilen können wir von Silvertown noch nicht weg sein.“

Cliff ließ Jimmys Zügel wieder los und ritt weiter. Als sie die Büsche erreichten, schaute er zurück. Im Osten hatte flammendes Morgenrot den Himmel überzogen, und gleich würde die Sonne aufgehen.

Sie ritten in die Büsche hinein, kamen auf eine kleine Lichtung und hatten den Wagen direkt vor sich. Davor sahen sie den Mann mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden liegen.

Sie hielten jäh wieder an und starrten einen Moment auf die reglose Gestalt. Dann sprang Jimmy aus dem Sattel und rannte auf den Liegenden zu, den er auf den Rücken wälzte.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920567
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v429838
Schlagworte
circle c-ranch gesetz männer

Autor

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Titel: Circle C-Ranch #28: Das Gesetz der alten Männer