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3 Roboter Krimis

©2018 100 Seiten

Zusammenfassung

Seit den frühen 2000er Jahren vermuteten Wissenschaftler aus Kalifornien, es gäbe einen Planeten, der seine Bahn hinter Pluto ziehen müsste. Das war allerdings immer eine umstrittene Theorie gewesen, bis ein Observationsposten der Marskolonie schwaches Infrarotlicht empfangen hatte. Damit war das Objekt bestätigt. Ein Mitarbeiter im Dienste von Perkov-Stellar-System macht sich mit einem Firmenroboter auf, den neuen Planeten nach Bodenschätzen zu untersuchen. Was sie dort allerdings vorfinden, ist unglaublich...

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis


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Der neunte Planet

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VON HENDRIK M. BEKKER

Der Umfang dieses Buchs entspricht 17 Taschenbuchseiten.

Seit den frühen 2000er Jahren vermuteten Wissenschaftler aus Kalifornien, es gäbe einen Planeten, der seine Bahn hinter Pluto ziehen müsste. Das war allerdings immer eine umstrittene Theorie gewesen, bis ein Observationsposten der Marskolonie schwaches Infrarotlicht empfangen hatte. Damit war das Objekt bestätigt. Ein Mitarbeiter im Dienste von Perkov-Stellar-System macht sich mit einem Firmenroboter auf, den neuen Planeten nach Bodenschätzen zu untersuchen. Was sie dort allerdings vorfinden, ist unglaublich...

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Copyright

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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JOSHUA FILLIAN BLINZELTE gegen das Licht.

„Guten Morgen, Josh. Wir befinden uns nun im Anflug auf Objekt Pilger.“

Josh richtete sich auf und streckte sich. Er fühlte sich verspannt und unleidlich nach der Zeit in der Stasiskapsel. Vom Mars aus war es aufgrund der günstigen Stellung der Planeten zueinander ein Flug von mehreren Monaten gewesen. Dennoch hatte er einen Großteil der Zeit mit heruntergeregeltem Organismus in einer Stasiskapsel verbracht. Es sparte Energie und vor allem auch seine Lebenszeit, die er nicht allein nur mit dem Vaucan verbringen musste.

„Ihre Werte sind alle normal“, stellte 41Bert fest. Josh nannte ihn nur Albert. Er war ein Vaucan, wie man die nützlichen Dienerroboter nannte. Man hatte Josh diesen hier zugeteilt, der Vaucan war Firmeneigentum.

„Das freut mich“, brummte Josh und setzte sich aufrecht hin. Der Vaucan reichte ihm eine Hand und half ihm auf. „Gibt es Neuigkeiten?“

„Bisher noch nicht, ich kann es aber noch einmal überprüfen, wenn Sie wollen.“

Nachrichten konnten immer nur zeitverzögert zu ihnen gelangen. Sie waren aufgebrochen von einer Siedlung auf dem Mars, die eine Kooperation zwischen der Eurasischen Raumfahrt-Vereinigung und dem Perkov-Stellar-System-Konzern darstellte. Es war nicht so, dass sich Joshua um den Auftrag gerissen hatte. Er war schlicht der einzige Mitarbeiter im Dienste von Perkov-Stellar-System, der nicht nur nahe genug am Objekt Pilger war, sondern auch das momentan einzig verfügbare Raumschiff dorthin fliegen konnte: einen betagten Frachter der Atlas-Klasse.

Objekt Pilger hatte alles verändert.

Joshua war froh, dass das Schiff bereits in Rotation versetzt worden war. Die künstlich erzeugte Schwerkraft ermöglichte ihm, zügigen Schrittes zu seiner Kabine zu kommen. Nach einer kurzen Dusche und in frischer Kleidung setzte er sich ins Cockpit und rief noch einmal alles auf, was sie über Objekt Pilger wussten.

Es war erst vor Kurzem eindeutig bestätigt worden. Der Vaucan Albert setzte sich schweigend neben ihn in den Sitz des Kopiloten. Objekt Pilger war schon lange ein Thema, seit den frühen 2000er Jahren. Damals vermuteten Wissenschaftler aus Kalifornien, es gäbe einen Planeten, der seine Bahn hinter Pluto ziehen müsste. Mathematisch gesehen hätte er die zehnfache Erdmasse und würde seine Umlaufbahn in zehn- bis zwanzigtausend Jahren vollziehen. Das war allerdings immer eine umstrittene Theorie gewesen, bis nun Anfang des Jahres ein Observationsposten der Marskolonie schwaches Infrarotlicht empfangen hatte. Damit war das Objekt bestätigt, zumindest einigermaßen.

„Gibt es neue Meldungen vom Firmensitz?“, fragte Joshua an den Vaucan gerichtet.

„Nein, da die Umlaufgeschwindigkeit von Objekt Pilger derartig langsam für menschliche Maßstäbe ist, bisher nicht. Lediglich weitere Aufnahmen des von ihm ausgesendeten Infrarotlichts.“

Joshua nickte.

„Wir befinden uns nun in Sichtweite“, stellte Albert fest.

„Dann zeig es mir“, befahl Joshua. Er war wirklich neugierig. Die Firma wollte natürlich, dass er als erstes herkam. Es galt internationales Recht hier draußen, wenn also er den Planeten für die Firma sicherte, konnte sie etwaige Bodenschätze exklusiv ausbeuten.

Auf dem Bildschirm vor den beiden erschien eine Art kleiner grauer Ball.

„Den Sensoren nach handelt es sich um einen Eisplaneten, die Hülle besteht aus Wasserstoff und Helium. Die Temperatur liegt bei knapp minus 263 Grad Celsius“, erklärte Albert.

„Ähnlich wie Neptun“, murmelte Joshua. „Okay, wir haben ja eine Reihe von Zusatzspielzeug bekommen, um so viele Daten wie möglich zu sammeln.“

Er betätigte einige Schaltungen. „Ich werde zusehen, dass wir in einen stabilen Orbit kommen. Sorg du dafür, dass wir jedes bisschen Information aufnehmen, das wir können.“

„Zu Befehl“, sagte der Vaucan und machte sich in den Frachtraum auf. Dort war eine Reihe von Zusatzinstrumenten mehr oder weniger professionell verbaut worden. Der Boden des Frachtraums wirkte, als hätte man eine Kiste Bauklötze ausgekippt. Viele dieser kastenartigen Auswüchse enthielten die Zusatzsensoren, für die man kurzerhand durch die Hülle gebohrt hatte. Da der Atlas-Frachter beim Starten nicht durch eine erdähnliche Atmosphäre musste, war die Hüllenintegrität vollkommen vertretbar. Allerdings musste eine Reihe von Schaltungen dort per Hand bedient werden, weil es keine direkte Kommunikation mit dem Bordcomputer gab. So waren an Dutzenden dieser kastenartigen Auswüchse auch ein Bildschirm sowie eine Reihe Schaltmöglichkeiten angebracht.

Joshua schüttelte langsam den Kopf, während er sich einige der Daten der Fernortung auf dem Schirm anzeigen ließ. Der Planet besaß mehrere Erdmassen und einen Radius von mehr als drei Erden.

Über das interne Kommunikationssystem meldete sich nun der Vaucan.

„Ich empfange etwas, bitte bestätigen Sie das mit den Schiffssensoren.“

„Höre zu, Albert“, sagte Josh. „Worauf soll ich achten?“

„Funkwellen.“

„Funkwellen?“, fragte Joshua irritiert. Er sah den Lautsprecher, aus dem Alberts Stimme drang, fragend an. „Die brauchen Jahre, um herzukommen und ...“

„Ich habe laut den Anzeigen hier schwache Funkwellen.“

„Vielleicht sind wir ja nicht die ersten“, murmelte Joshua. Er änderte auf der Sensorenstation einige Einstellungen. „Immerhin könnte ein anderes Unternehmen noch überstürzter aufgebrochen sein als wir. Nun stecken sie vielleicht in der Klemme?“

Albert erwiderte nichts. Er hatte wiederholt deutlich gemacht, dass er keine Spekulationen anstellte, solange ihm die Faktenbasis zu gering war. Also überprüfte Joshua schweigend die Werte.

„Tatsächlich, Funkwellen“, sagte er verdutzt. Er stellte sie auf die zur Sensorstation gehörenden Kopfhörer und lauschte dem Funksignal.

Es war ein seltsamer Klang. Beinahe erinnerte es ihn an Walgesänge, doch tiefer, aber mit eindeutigen Lücken. Er rief eine grafische Darstellung der Schallwellen auf. Er selbst erkannte kein Muster, ließ aber erst mal einen Algorithmus darüber laufen. Dieser erkannte Muster, aber es kam nicht mehr dabei herum als eine Auflistung der eindeutig regelmäßigen Intervalle.

„Albert, ich habe eine Aufzeichnung von den Funkwellen. Sieh sie dir mal an.“

Er mochte es sich nicht eingestehen, aber der Vaucan war besser darin, hier ein Muster zu finden. Kommunikation und Sensordatenbank fielen in sein Feld, Josh war ein Pilot und zusätzlich in der Lage, den Atlas-Frachter im Notfall zu reparieren.

Joshuas Herz klopfte, während er die Aufzeichnung erneut anhörte. Das klingt wirklich regelmäßig, ja richtig intentional!, ging es ihm durch den Kopf. Irgendwer hat da etwas gesendet! Andererseits, rief er sich in Erinnerung, kann es auch eine Scheinrelation sein. Etwas natürliches, das nur so wirkt, als wäre es mit einem Willen geschaffen worden. Er dachte an etwas, das ihm mal ein Biologielehrer gesagt hatte: „Wir sind als Spezies dazu verdammt, immer nach Mustern zu suchen. Wir stammen schließlich von dem haarlosen Affen ab, der dachte: ‚Vielleicht raschelt es da hinten, weil da ein Tier ist‘, und nicht von dem, der unbedarft einfach gefressen wurde.“

Albert kam ins Cockpit und Joshua räumte seinen Stuhl. „Bitte, sieh es dir mal an und sag, ob du ein Muster erkennst!“

Der Vaucan setzte sich und rief eine Reihe Programme auf. Anschließend aktivierte er das Terminal und gab einige Zeilen Code direkt ein. Josh beobachtete ihn dabei und grinste dann.

Er hätte es nie direkt zugegeben, war aber beeindruckt vom Vaucan. Mittels einer kurzen Zeile ließ dieser nun einen Algorithmus über die Daten laufen, für die er gar nicht gedacht war.

„Jetzt warten wir“, sagte Albert und Josh nickte.

„Sag, wenn du was hast“, sagte er und setzte sich in den Pilotensitz. Er tippte ein paar Zeilen an seiner Konsole, lediglich ein Update für seine Chefs bei Perkov-Stellar-System, dass sie Funksignale empfangen hatten und sich Objekt Pilger nun genauer ansehen würden.

Er ließ sich einen Punkt berechnen, von wo aus er einen Marssatelliten erreichen konnte. Die ganze Nachricht wurde optisch gesendet, mittels Lichtimpulsen. Es gab nichts Schnelleres und selbst das Licht brauchte eine Weile bis zum Mars. Dort würde es erneut Zeit brauchen, bis man antworten würde. Er würde sicher nicht allzu bald von ihnen hören.

„Kannst du ihnen etwas senden?“, fragte Josh.

„Natürlich, was?“

Josh verfluchte die Konzernleute, dass er zwar ein Dutzend Möglichkeiten hatte, für jedweden Notfall vorgefertigte Nachrichten zu senden, aber keine für einen Erstkontakt. Es ging hier nicht mehr nur um Rohstoffe, es ging um etwas nie dagewesenes!

Er betätigte die Aufnahmefunktion, der Konsole vor sich.

„Hier spricht Joshua Fillian in Vertretung des Perkov-Stellar-System-Konzerns. Wenn Sie uns verstehen, melden Sie sich bitte.“

An den Vaucan gewandt fügte er hinzu: „Schick das mit einer Grußbotschaft auf Funkwellen und dazu auch noch gemorst als Funksignal. Irgendwas werden sie schon bemerken.“

„Aber möglicherweise nicht verstehen“, stellte der Vaucan fest.

„Klar“, sagte Josh. „Aber es reicht, wenn sie uns überhaupt reden hören. Dann wissen sie, dass wir da sind und senden können.“

Joshuas Herz schlug bis zum Hals, während der Vaucan sendete.

Möglicherweise machte er nun hier den Erstkontakt mit einer fremden Spezies! Nicht dass er bezweifelte, dass es anderes Leben im All gab, das war durch Bakterienfunde schon lange bekannt. Doch höheres Leben, welches, das fähig war, Funkwellen auszusenden, das war etwas anderes!

Eine Weile saßen sie schweigend im Cockpit, während er den Frachter in eine langsame stabile Umlaufbahn einschwenkte und die Oberfläche des Planeten die Sicht ausfüllte. Er war erstaunlich schön, befand Joshua. Tiefe Krater waren unter ihm zu sehen, möglicherweise Einschlagstellen von Asteroiden.

„Ich empfange einen Lichtstrahl.“

„Bitte was?“, fragte Joshua und drehte sich leicht, um Albert anzusehen. Der Vaucan sah ihn ruhig in der ihm eigenen Art an.

„Ich empfange einen Lichtstrahl“, wiederholte er. „Ich markiere ihn, damit Sie ihn besser sehen.“

Auf Joshuas Bildschirm erschien nun eine deutlich sichtbare grüne Linie, die vom Planetoiden ausging.

„Das ist ein Richtstrahl“, stellte Joshua fest. „Warte mal.“

Er flog das Schiff so, dass es vom Strahl getroffen wurde, und richtete es auf den Planetoiden aus. Er wartete.

Gerade als er etwas sagen wollte, konnte er sehen, wie sich eine Felsspalte öffnete.

„Tatsächlich scheinen sie uns einzuladen“, bemerkte er.

„Möglicherweise ist es allerdings auch eine Falle“, stellte Albert klar. „Allerdings sind Sie der Bevollmächtigte, es ist Ihre Verantwortung.“

„Danke für die Erinnerung“, brummte Joshua. „Ich denke, wir fliegen rein. Jedwede Kommunikation dauert Wochen! Bis irgendwer hier ist, kann nochmal so viel Zeit vergehen. Ich denke also, wir gehen rein. Wenn sie uns töten wollten, wieso sollten sie unsere Aufmerksamkeit erlangen?“

„Ich denke nicht, dass es sich lohnt, Vermutungen über die Motivation einer anderen Spezies anzustellen“, stellte der Vaucan fest. Joshua grinste ihn an.

„Habe ich etwas Missverständliches oder Humorvolles gesagt?“, fragte der Vaucan.

„Schon irgendwie“, bemerkte Josh. „Aber lassen wir das.“

Er steuerte den Frachter in die Öffnung herein. Der Schlund, der sich vor ihm auftat, war mehr als neunmal so groß wie der Frachter. Joshua unterdrückte ein Zittern seiner Hände, als er den Frachter dort hineinlenkte. Ungewollt kam ihm die Geschichte von Jona und dem Wal in den Sinn. Dieser hatte nach seinem Ungehorsam erst nach drei Tagen des Gebets den Wal wieder verlassen dürfen.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Albert. „Ihr Herzschlag ist erhöht.“

„Ach nee“, erwiderte Joshua bissig. „Wie kann ich nur aufgeregt sein! Verdammt, Albert, das hier ist möglicherweise der erste Kontakt mit einer fremden Spezies! Anderes Leben als das Erdleben!“

„Es wurden bereits Bakterien nachgewiesen auf ...“, setzte Albert an, doch Joshua unterbrach ihn.

„Nicht irgendwelches Leben! Intelligenzen, die uns ebenbürtig sind! Keine, die wir geschaffen haben wie euch, und keine Mikroben, sondern der Beweis, dass wir nicht allein sind! Nicht allein im Sinne von: Ein gleichwertiges Gegenüber ist da draußen!“

Albert schwieg und sah beinahe nachdenklich zu Joshua. Im Inneren der Felsspalte war ein großer Hangar, verkleidet mit Metallplatten. Hier und dort hing etwas wie ein Kabel herum, aufgrund der geringen Schwerkraft sah es aus, als würden sich die Kabel bewegen.

„Es herrscht hier dieselbe Atmosphäre wie auf Objekt Pilger“, stellte Albert fest. „Die Luken stehen weiterhin offen.“

„Hoffen wir, dass es so bleibt. Wohin führt mich dieser Peilstrahl?“

„Zu einer runden Öffnung“, sagte Albert und rief eine Vergrößerung eines Bildes der Bugkamera auf. „Das könnte eine Andockvorrichtung sein.“

„Die Tore schließen sich“, bemerkte Joshua. Er wechselte die Ansicht. Es war deutlich zu sehen. Er versuchte, sich zu beruhigen. Das Gefühl, eingesperrt zu werden, behagte ihm nicht. Er sagte sich immer wieder, dass er streng genommen in dem Frachter ja auch eingesperrt war in einer überdimensionierten Dose.

„Das ist seltsam“, sagte Albert. „Sie ändern die Schwerkraft.“

„Wie das?“, fragte Joshua.

„Ich weiß es nicht, aber sehen Sie sich die Daten an!“, sagte er und auf dem Bildschirm vor Joshua erschienen kleine Tabellen. „Sie drehen langsam die Schwerkraft hoch.“

„Faszinierend“, bemerkte Joshua. „Ich versuche, das Schiff zu landen. Immerhin haben wir jetzt quasi ein ‚unten‘ dafür.“

Sie schwiegen, bis der Frachter sicher aufgesetzt hatte. Joshua war froh, ein Modell vom Mars zu haben und keinen Erdfrachter. Ein Frachter, der für den Handel mit der Erde konstruiert war, besaß schlicht und ergreifend keine Landekufen, weil der Atmosphäreneintritt nicht vorgesehen war. Das sah bei der niedrigen Schwerkraft und geringeren Atmosphäre des Mars schon ganz anders aus.

„Scanne den Raum!“, befahl er Albert. „Gibt es irgendwo eine Öffnung? Wer uns auch eingeladen hat, will es sicher nicht hierbei bewenden lassen.“

„Das sicher nicht“, stimmte Albert zu. „Es gibt einen Korridor, an dessen Ende möglicherweise eine weitere Tür ist, vielleicht auch eine Schleuse. Wie wollen Sie fortfahren?“

„Raumanzüge“, entschied Joshua. „Wir haben keine Ahnung, welche Umweltgifte, Viren oder sonst was da auf uns warten können. Als die Europäer die Pocken in die Neue Welt mitbrachten, sind sie auch nicht davon ausgegangen, damit tausende Indianer zu töten.“

Sie zogen sich die etwas klobigen Raumanzüge an, deren Helme Josh immer an Goldfischgläser erinnerten. Der gesamte Bereich, in dem ein Mensch sehen konnte, war durch eine durchsichtige Kunststoffoberfläche einsehbar, nur hinten am Kopf gab es einen blinden Fleck, an dem Technik untergebracht war. Der durchsichtige Kunststoff diente gleichzeitig als Bildschirm, sodass Josh in einer Ecke sowohl eine Übertragung dessen sehen konnte, was Alberts Helmkamera erfasste, als auch eine Anzeige der Atmosphärenzusammensetzung. Auch der Vaucan musste einen Raumanzug tragen, obwohl er natürlich sehr viel besser mit Druckunterschieden zurechtkam als Josh. Sie wussten nicht, was da draußen auf sie einwirken würde.

Sie verließen den Atlas-Frachter durch die Luftschleuse. Die Atmosphäre war dichter, als sie es gewohnt waren.

„Der Druck fühlt sich an, wie durch Wasser zu laufen“, bemerkte Josh. Es war ein irritierendes Gefühl, durch vermeintlich durchsichtige Luft zu waten wie durch Wasser. Sein Verstand brauchte eine Weile, um sich daran zu gewöhnen.

Als sie schlussendlich vor dem Schott standen, das am Ende einer Vertiefung lag, war er sich nicht sicher, ob es sich dabei wirklich um einen Durchgang handelte.

„Und nun?“, fragte Albert, nachdem sie eine Weile schweigend dort gestanden hatten. Josh hielt einen kleinen Handscanner, der fortwährend Informationen an das Raumschiff sendete.

„Na ja, jetzt“, setzte er an, doch in diesem Augenblick war ein Knirschen und Knacken zu hören, als mehrere Segmente der Wand sich teilten und einen Durchgang freigaben. Es gab ein metallisches Kreischen, seltsam verzerrt durch die ungewohnt dichte Atmosphäre, und viel zu dumpf. Dann hielten die Segmente inne. Sie gaben einen x-förmigen Durchgang frei.

„Entweder sie sind völlig anders gebaut als wir oder sie klemmt“, bemerkte Albert trocken und Josh lachte heiser.

„Ich wusste gar nicht, dass ihr Vaucans einen Sinn für Humor habt.“

„Haben wir nicht.“ Er setzte sich in Bewegung.

„Hey, lass mich vorgehen“, bemerkte Josh, doch Albert ignorierte ihn.

„Ich kann nicht riskieren, dass Sie verletzt werden. Insofern ist meine Schadensnahme ein kalkulierbarer Verlust.“

Josh brummte und wartete, während Albert sich durch die schmale Öffnung zwängte. Die Kanten des halb offenen Schotts waren scharf und an den Enden gezackt.

Dahinter lag ein Korridor in relativer Dunkelheit, kaum erleuchtet von den beiden Lampen, die jeder von ihnen an den Schultern hatte.

Hinter Albert zwängte sich Josh hindurch und spürte einen Ruck. Er hörte einen Alarmton.

„Sie haben den Anzug beschädigt“, bemerkte Albert und Josh verkniff sich wegen des engen Bewegungsspielraums jedwedes Nicken.

„Das ist richtig. Moment.“

Er hielt inne und bewegte sich nicht. Der Anzug war aus einem Mischgewebe, das ein Tintenfischprotein enthielt.

Es war Feuchtigkeit in der Luft. Mehr brauchte es nicht für die Kleidung, um sich zu reparieren. Das Protein, das aus den Saugnäpfen von Kalmaren stammte, ließ sich mit leichtem Druck wieder zusammenfügen.

Er bewegte sich weiter, fuhr mit der behandschuhten Hand über die Stelle. Tatsächlich hatte sich das Loch geschlossen. Er nahm einen Flicken aus einer kleinen Tasche am Arm und klebte ihn darüber.

Das reparierte Loch würde ihm nichts nutzen bei einem plötzlichen Druckabfall, dafür musste der Flicken drauf.

„Führe einen vollständigen Scan durch!“, befahl Josh dem Vaucan. „Sollte ich mich ... sollte etwas eingedrungen sein, ein Virus oder sonst etwas ... ist das Wichtigste, dass du nach Hause meldest, was wir gefunden haben.“

„Jawohl“, bestätigte der Vaucan.

Sie gingen einen langen Korridor voller geometrischer Projektionen entlang. Es waren in der Luft schwebende Hologramme, durch die sie einfach hindurchschreiten konnten.

Eine Weile blieb Josh dort stehen und betrachtete die in der Luft schwebenden Projektionen.

„Wirst du daraus schlau?“, fragte Josh und betrachtete die Projektionen nachdenklich. Einige drehten sich langsam um sich selbst, andere hingegen bewegten sich durch den Raum. Der Vaucan betrachtete erst den kleinen Handscanner und dann die Projektionen.

„Ich kann keine Projektoren ausmachen“, sagte Josh und fuhr mit der Hand vorsichtig die Seitenwände ab. Keine Stelle verriet ihm, von wo aus die Hologramme in die Luft projiziert wurde. Dann hielt Josh nachdenklich inne.

„Du kannst doch auch andere Spektren sehen als das für Menschen sichtbare Licht, oder?“, fragte er den Vaucan.

„Korrekt“, erwiderte Albert.

„Dann sieh die Spektren durch.“

„Einen Augenblick.“

Der Vaucan blieb stehen und bewegte sich eine Weile kaum. Nichts an seinen Augen verriet, dass er die Lichtspektren durchwechselte. Welche Bereiche er genau sehen konnte, wusste Josh nicht mehr, doch sicherlich bis hinab zum Infraroten.

„Sie haben recht“, stellte der Vaucan fest. „Es gibt hier sehr viel mehr als diese Projektionen zu sehen. Zu ihnen gehören andere Bilder und Objekte, die nur in bestimmten Lichtspektren angezeigt werden.“

Er reichte dem Menschen seinen Handscanner, nachdem er den passenden Frequenzbereich eingestellt hatte. Auf dem kleinen Bildschirm des Geräts war es zwar nicht so detailliert zu erkennen, doch Josh bekam einen Eindruck davon, dass die geometrischen Objekte sehr viel komplexer waren, als er sie wahrnehmen konnte.

„Ihr Spektrum muss sehr viel weiter als unseres sein“, murmelte er.

Der Vaucan nickte. „Es entgeht uns hier eine ganze Reihe von Informationen.“

„Uns? Eher mir“, brummte Josh und ging den Korridor weiter entlang.

„Mitnichten. Ich kann zwar verschiedene Spektren wahrnehmen, aber nicht alle gleichzeitig. Diese Projektionen erfordern aber Bereiche, die ich nicht gleichzeitig sehen kann.“

„Möglicherweise sind sie auch nicht so gedacht“, warf Josh ein. „Wenn jemand das Spektrum wechseln kann, ist es vielleicht wie ein Monogramm, mehrere Buchstaben gleichzeitig.“

„Das ist möglich“, stimmte Albert zu.

Sie entdeckten, dass der Korridor einen Knick machte und in einen großen kuppelartigen Saal mündete. Dort wurde ein einziges Symbol in die Mitte des Saals projiziert. Dutzende Korridore mit weiteren schimmernden Projektionen gingen von der Kuppel ab.

Sie kontrollierten alle abgehenden Korridore. Jeder war voller Projektionen, teils im menschlichen Sichtspektrum des Lichts, teilweise nicht. Keiner der Korridore ging weiter als zwanzig Meter weit ab und jeder endete einfach. Die Wände waren metallisch glatt, ohne Nieten oder erkennbare Stellen, an denen man sie zusammengefügt hatte.

Sie stellten mehrere Aufnahmegeräte in die Korridore und benutzten sie, um dreidimensionale Abbilder der Anlage zu erstellen. Gleichzeitig zeichneten sie die Hologramme auf und Josh fertigte eine Version an, in der er die verschiedenen Lichtbereiche übereinanderlegte. Auch diese blieben für ihn aber abstrakt und er begann, Algorithmen über die Formen laufen zu lassen, die nach Mustern suchen sollten.

Erst dann bemerkten sie, dass in der Kuppel bestimmte Funkwellen ausgestrahlt wurden, wenn die Symbole wechselten.

Albert erstellte in Joshs Auftrag eine Reihe von Korrelationsmodellen. Josh hatte die vage Idee, dass möglicherweise Bild und Ton zusammengehörten, ähnlich einer Aufnahme des Wortes Apfel, die gleichzeitig mit einem Bild gezeigt wird.

Der Vaucan tat, was Josh von ihm verlangte, auch wenn sich Josh nicht sicher war, ob er die Wahrscheinlichkeit hoch einschätzte. So erstellten sie tatsächlich eine ganze Reihe von Übersetzungslisten und begannen damit, das gesammelte Material der Korridore zu rastern.

So verbrachten sie mehrere Wochen und entdeckten immer neue Abschnitte der Anlage. Hinter einigen Wandsegmenten verbargen sich weitere Gänge. Nirgendwo fanden sie Spuren eines Lebewesens, die Anlage war vollkommen verlassen.

„Unsere Vorräte gehen zur Neige“, erklärte Albert schlussendlich Josh, als dieser nach einer weiteren Aufzeichnungssitzung zurück zum Schiff kam. Er hatte versucht, so viele Informationen wie möglich zu sammeln und war doch nicht sicher, ob er nur an der Oberfläche kratzte. Josh ließ sich eine Auflistung aller verbleibenden Ressourcen bringen und entschied, die Mission abzubrechen. Sie hatten schon mehr Zeit hier verbracht als geplant. Eigentlich hatte dies nur ein Aufklärungsflug sein sollen, dem weitere folgen sollten. Niemand hatte geglaubt, dass sie etwas anderes finden würden als einen Klumpen Eis im All, der im besten Fall einige Metalle enthielt.

Josh sandte einen kurzen Bericht vorab darüber, was er entdeckt hatte, an die Zentrale von Perkov-Stellar-System auf dem Mars. Er hatte es bisher vermieden, das Raumschiff zu starten, aus Sorge, dass er nicht wieder in die Anlage hineinkonnte. Noch immer wusste er nicht, wieso sich die Anlage ihm geöffnet hatte. Nach dem ersten längeren Bericht begab sich Josh in die Stasiskapsel.

Während sein Organismus langsamer wurde, kreisten Joshua Fillians Gedanken um dieses mysteriöse Volk, dessen Hinterlassenschaften sie hier entdeckt hatten. Er versuchte sich vorzustellen, was sie ihm hatten mitteilen wollen. Würden sie je herausbekommen, wie ihre Sprache funktionierte?

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JAHRTAUSENDE ZUVOR ...

Tov‘okol stützte sich unter Ächzen auf drei andere seiner acht Beine. Der Kopffüßler fand es einfach zu kalt in diesen Korridoren. Er schritt die holografischen Programme ab und kontrollierte, ob sie auf sein Annähern begannen, ihre Texte abzuspielen. Die Projektionen waren vortrefflich, das musste der W‘Kalar einfach zugeben. Das Mausoleum war seiner Meinung nach wunderschön. Jeder Korridor eine Epoche des Großen Reiches der W‘Kalar! Selbst wenn sie nicht mehr sein würden, würde das Mausoleum vom Großen Reich noch existieren. Die Anlage war hervorragend gearbeitet. Einige der Techniker hatten ihm bei ihrem Leben geschworen, dass die Anlage es sogar überstehen würde, durch eine Supernova aus dem System geschleudert zu werden. Möglicherweise würde sie ein ganz anderes System einfangen, wer wusste schon, was kommen würde? Tov‘okol fuhr sich mit einem seiner acht Beine über den Hinterkopf und kratzte die schorfige Stelle. Bald würde es für ihn vorbei sein, er würde den Weg eines jeden W‘Kalar gehen müssen. Er drehte sich noch einmal um und musterte die Kuppel. Er seufzte und versuchte sich vorzustellen, wie sie wohl aussehen würden, die die Anlage fanden. Würden sie so gewöhnliche Kopffüßler sein wie er? Wie würden sie klingen? Er verscheuchte die Gedanken und machte sich auf, die letzten Schritte zum Verschließen des Mausoleums einzuleiten.

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Details

Seiten
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738920550
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juni)
Schlagworte
roboter krimis
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Titel: 3 Roboter Krimis