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Flucht in die Maschinenstadt

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

„…Stromimpulse weckten eine Legion scheußlicher metallischer Vierbeiner mit glänzenden Reißzähnen hinter implantierten Lefzen, von denen dampfendes Maschinenöl tropfte. Bald schon wälzte sich ein diabolisches Heer stählern schimmernder Seelenlosigkeit den glitschig-schleimigen Stein ins Tal hinab.
Und wie in einem bösen Traum schwirrten jetzt, einem Chor von Myriaden Moskitos gleich, hybride Fledermäuse und Greifvögel einen Schacht hinauf, der sie schließlich, dicht geballt zu einem einzigen nachtschwarzen Körper, über die steinerne Stadt spie.“
Nach dem großen nuklearen Feuer leben die letzten Menschen unter der Erde – ebenso, wie die letzte Menschlichkeit: Die Übertagewelt beherrschen verstrahlte, mutierte Wesen. Berserker. Eines Tages beginnt diese Spezies zu graben. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

In zwölf Geschichten nimmt Till Kammerer den Lesenden auf unterirdische wie auch interstellare Science Fiction- und Horror-Reisen mit.

Über den Autor: Till Kammerer arbeitete mehrere Jahre als Verlagsredakteur. Der Autor ist bis heute als freier Journalist, Sachbuchautor sowie Dozent für Journalismus und Online-Redaktion tätig.
2014 erschien seine Horror-/SciFi-Kurzgeschichten-Sammlung „Es ist in der Ecke“ im AAVAA-Verlag. Weitere Kurzgeschichten-Veröffentlichungen im A. Fritz Verlag, bei Begedia, p.machinery und im Smart Storys Verlag (Österreich).

Leseprobe

„...Stromimpulse weckten eine Legion scheußlicher metallischer Vierbeiner mit glänzenden Reißzähnen hinter implantierten Lefzen, von denen dampfendes Maschinenöl tropfte. Bald schon wälzte sich ein diabolisches Heer stählern schimmernder Seelenlosigkeit den glitschig-schleimigen Stein ins Tal hinab.

Und wie in einem bösen Traum schwirrten jetzt, einem Chor von Myriaden Moskitos gleich, hybride Fledermäuse und Greifvögel einen Schacht hinauf, der sie schließlich, dicht geballt zu einem einzigen nachtschwarzen Körper, über die steinerne Stadt spie.“

Nach dem großen nuklearen Feuer leben die letzten Menschen unter der Erde – ebenso, wie die letzte Menschlichkeit: Die Übertagewelt beherrschen verstrahlte, mutierte Wesen. Berserker. Eines Tages beginnt diese Spezies zu graben. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

In zwölf Geschichten nimmt Till Kammerer den Lesenden auf unterirdische wie auch interstellare Science Fiction- und Horror-Reisen mit.

Über den Autor: Till Kammerer arbeitete mehrere Jahre als Verlagsredakteur. Der Autor ist bis heute als freier Journalist, Sachbuchautor sowie Dozent für Journalismus und Online-Redaktion tätig.

2014 erschien seine Horror-/SciFi-Kurzgeschichten-Sammlung „Es ist in der Ecke“ im AAVAA-Verlag. Weitere Kurzgeschichten-Veröffentlichungen im A. Fritz Verlag, bei Begedia, p.machinery und im Smart Storys Verlag (Österreich).

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INHALT

Flucht in die Maschinenstadt

In tiefem Lorbeer

Mais und Spiele

Hinkebein

Little private Halloween

Der Transport

Abendbrot auf der Loggia

Die Legende von Songor

Mutter hat gerufen

Ein falscher Gott

Glockenschlag

Übergang

I.

Flucht in die Maschinenstadt

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1. LEBENDIG BEGRABEN

Seda blickte nach oben und lächelte. Mit dem Gewicht ihres schlanken Körpers dehnte sie das verschlissene Segeltuch ihres Stuhls problemlos nach hinten, bis sie beinahe horizontal lag. Durch die gigantische Glas-Kuppel, die sich über ihr in allen Richtungen erstreckte, sah sie die Sterne. Der nächtliche Sommerhimmel war wolkenlos.

Die Welt wirkte in diesem Moment nicht wie ein durch Glas, Stahl und Beton begrenztes Grab für Lebende. In der Kuppel des alten Naturkundemuseums ließ sich die bittere Wahrheit für den Augenblick verdrängen.

Die Kuppel war schon bei ihrer Einweihung vollkommen überdimensioniert gewesen. 2056 war das gewesen, wie Seda einem der überall verfügbaren, digitalen Archiv-Terminals entnommen hatte. Der damalige Gouverneur von Groß-Mexico-City hatte sich ein Denkmal setzen wollen, mit dem Ergebnis, dass der gläserne Überbau von Kantine und Eingang des Naturkundemuseums die Ausmaße der Check-in-Halle eines internationalen Flughafens erreicht hatte.

Seda hatte diesen Zufluchtsort ihrer Traumreisen nachts meist für sich allein, da ihn viele gespenstisch fanden. Der Teil, den die Bevölkerung ihres Sub-Distriktes heute noch nutzte, war geräumt und hergerichtet worden. Alles Übrige verfiel. Genau diesen morbiden Charme mochte Seda. Ohnehin hatte sie eine einzelgängerische Seite. Seda kräuselte die brünette Locke, die über ihr rechtes Ohr fiel. Sie fühlte sich öfter allein, wenn sie unter Menschen war, als wenn sie allein war. Mit Joaquim allerdings, das war etwas anderes... Seda blickte gedankenverloren durch die Kuppel. Sie hatte den jungen Aqua-Farmer erst kürzlich kennengelernt, bei einer Sitzung. Er war neu in den Rat des Sub-Distrikts gewählt worden.

Dass das alte Naturkundemuseum überhaupt an die verzweigte, unterirdische Welt, die sie bewohnten, angeschlossen worden war, war einzig durch die Kuppel begründet. Das gesamte Museum lag auf einer Anhöhe, die einen strategischen Blick auf schier endlose Ruinen bot: die Reste der alten Welt, die sie vor Jahrhunderten aufgegeben hatten. Gezwungenermaßen. Der Komplex lag am Rand ihres Sub-Distrikts, wie ein vorgeschobener Ausguck.

Das riesige Glasdach bildete, naturgemäß, den höchsten Teil der alten Anlage. Darunter erstreckten sich mehrere Ebenen. Direkt unter dem Glas hatten sich Mitte des 21. Jahrhunderts Familien mit Kindern und alle anderen Besucher, die sich für populär aufbereitete Naturwissenschaften interessierten, von langen Nachmittagen vor Vitrinen und interaktiven Ausstellungsstücken erholt. Hatten lärmend und mit Bratwurst-Geschirr scheppernd über Aggregatzustände und frühe Fleischfresser palavert. Wegen seiner herausgehobenen Lage nannte Seda diesen Stock das „Sonnendeck“ (auch, weil sie die Videos in den Archiven, die Kreuzfahrten auf großen, mehrstöckigen Vergnügungs-Schiffen zeigten, stets tagträumen ließen – das Meer hatte kein Bewohner ihres Distrikts je mit eigenen Augen gesehen).

Das Sonnendeck ruhte auf zahlreichen Säulen, die es, als innenarchitektonische Klammer, mit der Eingangs-Halle und den übrigen, tiefer liegenden Etagen des alten Museums verbanden. In der ehemaligen Eingangs-Halle thronte der etwa 15 Meter hohe Skelett-Rumpf eines Brontosaurus über einer langen Reihe von verwaisten Kassen und Besucherschranken. Eine dicke Schicht aus Staub und Dreck lag hier über allem.

Die obere Hälfte des langen Bronto-Halses war, Ergebnis jahrhundertelanger Materialermüdung, abgebrochen. Große Wirbelknochen lagen verstreut zwischen verrenkt in ihren Fassungen hängenden, früheren Automatik-Türen und eingerosteten Besucher-Drehkreuzen.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte ein orangefarbener, dreieckiger Wimpel auf dem Kundentresen eines staubig-schmutzigen Informationsschalters, der sich rechts neben der Kassen-Reihe befand. Neben diesem einladenden Marketing-Fähnchen war der riesige Brontosaurier-Schädel gelandet. Er glotzte aus hohlen, schwarzen Löchern ins Nichts.

Seda wandte ihren Blick vom Sternenhimmel ab und schabte einen Löffel aus der halben Avocado, die sie in der Hand hielt. Die Beständigkeit der Glas-Konstruktion über ihr beeindruckte sie auch in fachlicher Hinsicht: An der Technischen Akademie ihres Distrikts hatte sie Keramik-, Glas- und Baustofftechnik studiert und viel über Spezialverglasungen gelernt. Die Kuppel war ein Meisterstück früher Materialwissenschaft. Monolithisches, teilvorgespanntes Kalk-Natron-Glas – es hatte die Anforderungen der höchsten Feuerwiderstandsklassen seiner Zeit erfüllt. Neunzig Minuten Feuerwiderstandszeit. Das schaffte nur Glaskeramik. Ebenso wie den Test mit dem Temperaturschock, den sie sogar heute noch durchführten; als Teil eines insgesamt allerdings wesentlich aufwendigeren Prüf-Verfahrens: Nachdem eine Scheibe extremer Hitze ausgesetzt worden war, schoss man mit hohem Druck eiskaltes Wasser auf sie. Was dann nicht barst, ließ sich guten Gewissens in Brandschutztüren verbauen. Vermutlich hatte der damalige Gouverneur an die verheerenden Waldbrände gedacht, deren Feuersbrünste in jener Zeit regelmäßig die Vororte Groß-Mexiko-Citys heimsuchten. Das Naturkundemuseum lag am Rand der früheren Megalopolis, die zu dieser Zeit einer noch über-irdischen Besiedlung von rund 30 Millionen Menschen bewohnt gewesen war.

So hatte die Kuppel auch dem nuklearen Feuermeer des Planetenbrandes standgehalten. Es war über sie gebrandet, nachdem sich die Atompilze der Mini-Nukes zwischen den Hochhäusern des Zentrums der City zum Himmel gereckt hatten. Einen direkten Treffer hatte das Museum nie abbekommen.

Dank der Werkstofftechnik ihrer eigenen Zeit hatten die Glastechniker und Ingenieure des Distrikts unter der ursprünglichen Kuppel eine Schicht aus Schutzglas eingezogen, die gesundheitsschädliche Gamma-, Röntgen- und sonstige Strahlen fernhielt. 

Seda seufzte beim Gedanken an den allgegenwärtigen, unsichtbaren Tod, der außerhalb der zerbrechlich wirkenden Schutzhülle über ihrem Kopf lauerte. Er zwang sie zu einem Leben unter der Erde. Dem Leben intelligenter Maulwürfe, die keinen Himmel kannten – wenigstens keinen, den sie, auf einer Wiese liegend, hätten ungeschützt mit allen Sinnen genießen können.

Sie kratzte den letzten Rest grünlich-gelben Fleisches aus der Frucht in ihren Händen. Dann zielte sie mit dem glitschigen Avocado-Kern auf die grauen Kunststoff-Ohren eines etwa fünfzig Zentimeter hohen Plastik-Elefanten aus uralter Zeit. Der Elefant war zwischen einem verwitterten Softdrink-Automaten und einem wuchtigen Palmen-Kübel aufgestellt, dessen organischer Inhalt längst zu Staub zerfallen war. Aus Lust am Schrauben an jeder Art von Retro-Technik hatte Seda seine Schaltkreise vor einigen Monaten wieder ins Laufen gebracht. Der hölzerne Samen traf den – zielgruppengerecht – kindshohen Touchscreen-Monitor unter den Segelohren des glupschäugigen Rüsseltiers. Obwohl sie mutig war, zuckte Seda unwillkürlich zusammen, als das dadurch ausgelöste mechanische Quäken in die Grabesstille ihres gläsernen Sarkophags schnitt:

„Bitte wirf eine Münze ein!“ 

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2. PLANETENBRAND

Das nukleare Feuer, das den Planeten am Ende des 22. Jahrhunderts in einem vierjährigen, zuletzt globalen Krieg verzehrt hatte, begann, so zynisch muss man es rückblickend sagen, gnädig. Keinem der beteiligten polit-ökonomischen Blöcke war anfangs daran gelegen, die andere Seite vollständig zu vernichten. Die Mentalität des im Frieden zuvor praktizierten weltweiten Warenverkehrs, umfassende digitale Vernetzung, die Globalisierung, die alle Teile des Lebens erfasst hatte, von Kinofilmen bis zu Ernährungsgewohnheiten: All dies hatte ein beinahe grenzüberschreitendes Gefühl globaler Gemeinschaft erzeugt, eines wechselseitigen Aufeinander-angewiesen-Seins.

Aber man hatte die großen Regionen der politisch, wirtschaftlich und ökologisch Abgehängten vergessen, die neben den prosperierenden Einflussgebieten der polit-ökonomischen Blöcke mehr vegetierten, als existierten. Die Millionen frustrierter Jugendlicher hervorbrachten, deren letzte Perspektiven von autoritären, korrupten Regimen geraubt wurden; in einem Umfeld ohnehin chronischer Wirtschaftsmisere und schrumpfender natürlicher Ressourcen.

Die massenhaften Wanderungsbewegungen, die in der zweiten Hälfte des 22. Jahrhunderts einsetzten, waren ein Vorgeschmack. Für die, die weiter in den dunkler werdenden Teilen der Welt ihr Dasein fristeten, übernahmen fanatische Hassprediger den unseligen Rest. Um von ihrem eigenen Versagen in Sachen guter Regierung abzulenken, förderten die Regime dieser finsteren Winkel der Welt den Glauben daran, dass „fremde Mächte“ (und insbesondere der von dort einsickernde, verwerfliche Lebensstil) für Rückstand und Misere der eigenen Länder verantwortlich seien. Heerscharen schwärmten aus, den so bezeichneten Teil der Menschheit mit Anschlägen auf den „rechten“ Weg zu bomben. Der internationale Terrorismus wuchs exponentiell. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis einige radikalisierte Splittergruppen in den gescheiterten Staaten dieser Zeit erst Massenvernichtungswaffen in ihren Besitz brachten, später dann Sendungsbewusstsein und Expertise der zugehörigen Techniker.

Was folgte, war das mechanische, automatisch zu nennende Aktivieren und Ineinandergreifen bündnislogischer Schritte, die als Wind begannen und im Sturm endeten, wie man es schon beim 1. Weltkrieg des 20. Jahrhunderts hatte beobachten können, in sich wiederholender Geschichte: Dem Anschlag auf X (von Y) folgte die Aktivierung des Beistandspakts mit X durch Z und eine gemeinsame „Antwort“ von X und Z gegen Y, was wiederum dessen Bündnispartner auf den Plan rief – und so weiter. Am Ende brannte der gesamte Planet. Das sollte vier Jahre dauern.

Wie schon gesagt: Wenn entscheidende Akteure in einem durch-ökonomisierten Denken von Nutzen, „Investment Opportunities“, Ressourcen und Vernetzung verhaftet sind (und sich dieses jahrhundertelang für sie ausgezahlt hat), dann zögern sie, rote Knöpfe zu drücken. Wer noch an (s)einen Sieg glaubt, der versucht, nicht in Ruinen einzurücken. Die langjährigen militärwissenschaftlichen Forschungen an Waffensystemen, die Gegner ausschalteten, aber ihre Häuser, Industrien und Getreidespeicher unbeschadet ließen, waren Ausdruck dieser strategischen Denkschule. So war die erste Phase des Planetenbrandes von wechselseitigen Schlägen begrenzter Reichweite geprägt. Zerstörungen, gar großflächige Auslöschungen ganzer Städte, interessierten in dieser frühen Phase kaum einen der Kontrahenten.

Es war die Zeit, in der die Abstiege begannen.

Die Distrikte großer Städte und Metropolregionen legten weitverzweigte unterirdische Bunker an, die das Leben, wie es die Menschen zuvor gekannt hatten, in technisch größtmöglicher Imitation nachbildeten. Neben Schlaf- und Aufenthaltsräumen, Sportanlagen und Vorratsräumen schuf man Schulen, durch deren Fenster Kinder keinen Himmel sahen. Schließlich begann man, mit dem unterirdischen Anbau von Agrarprodukten zu experimentieren, um unabhängiger von der immer verstrahlteren Natur der Übertagewelt zu werden. Was als Provisorium geplant war, wurde zum Dauerzustand. Und war doch Glück im Unglück: Die Jahre der Vorbereitung brachten die Zeit, die für technische und naturwissenschaftliche Versuche und Neuerungen nötig war, beispielsweise um die Untertage-Bevölkerungen der einzelnen Distrikte mit Energie, Licht und Wärme zu versorgen. Die unterirdischen Hochschulen und Akademien spezialisierten sich fast durchgängig auf Lebens-, auf Über-Lebens-Wissenschaften: Geforscht wurde in Materialwissenschaft, Energietechnik, Glastechnik, zahlreichen Disziplinen der Ingenieurswissenschaften, den Naturwissenschaften.

Die frühen, öffentlichen Bunker-Anlagen wurden zum Kern weit verzweigter unterirdischer Anlagen und Lebens-Welten, die sich zu Städten ausdehnten. Sie entstanden meist direkt unter ihren älteren, überirdischen Pendants. Viele dieser Sub-Distrikte waren untereinander mit Tunnelsystemen verbunden. Das ermöglichte nicht nur einen distriktübergreifenden Handel: Man konnte auch, wie in Friedenszeiten, seinen Distrikt verlassen, um anderswo eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen.

Als die verfeindeten Blöcke erkannten, dass sie in Stellungskriegen gefangen waren, die keine Sieger kannten, lösten strategische Interkontinentalraketen die Phase schultergestützter Mini-Nukes und räumlich begrenzter Guerilla-Attacken ab. Wen man nicht besiegen konnte, dem sollte – wenigstens – nichts als verbrannte Erde vor der Haustür bleiben. Die letzte und zerstörerischste Phase des Krieges begann.

Die Menschen, nicht nur jene Groß-Mexiko-Citys, waren zu jener Zeit bereits zu Maulwürfen geworden; verbannt zu einem Leben in Tunneln, Röhren und Bunker-Höhlen; einem Leben, das Lüfte, die unter natürlichem Himmel um Nasen wehten, nur noch aus Erinnerungen kannte. Erinnerungen, die von Generation zu Generation blasser wurden.

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3. KLIMA-SPHÄREN

„Algen sind Leben!“ Schon die Kleinsten sämtlicher Sub-Distrikte sogen diese Weisheit ständig auf – von Lehrern, Eltern, Nachbarn.

Als die Abstiege begannen, begann auch ein Rennen gegen die Zeit: Zu sehr hatte die Evolution alles Leben, auch das auf Äckern und in Ställen, an Sonne und Sauerstoff gebunden, als dass man die natürlichen Bedingungen, unter denen Landwirtschaft funktionierte, mir nichts dir nichts hätte technisch untertage „nachbauen“ können.

Mit den Abstiegen kamen daher die Hungersnöte. Die historischen Dateien der Archiv-Terminals informieren darüber, dass in zahlreichen Sub-Distrikten bis zur Hälfte der Bevölkerung starb, ehe sich die Menschen an ihr neues, selbstgewähltes Leben unter der Erde anpassen konnten.

Ein wenig Zeit in ihrem Wettlauf verschafften den unermüdlich forschenden Technikern und Naturwissenschaftlern die gewaltigen Mengen an Kaliumjodidtabletten, die alle Distrikte gehortet hatten. Die Pillen waren Teil der Kriegs-Bevorratung: Die Einschläge nuklearer Sprengköpfe setzten radioaktive Jod-Isotope frei, die über Nahrung und Atemluft in den Körper gelangten. Dort lagerten sie sich in der Schilddrüse ab, von wo aus sie umliegende Zellen verstrahlten. Der Verzehr der Tabletten führte zu einer organischen Blockade: Man führte der Schilddrüse so viel Jod zu, dass diese „voll“ war und kein radioaktives Jod mehr aufnehmen konnte.

Dies half, um die Zeit bis zur vollständigen hydrologischen Erschließung der uralten Sedimentbecken zu überbrücken, die sich unter Groß-Mexiko-City befanden.

Das Wasser der höher gelegenen Becken war zu verunreinigt und verstrahlt, um es zu verwenden. Dort hausten skurrile Geschöpfe: etwa der fluoreszierende Blatul, eine Mischung aus Fisch und Krebstier, das am Schwanz eine Flosse und vorne, seitlich seiner Stielaugen, zwei Scheren besaß. In kurzwelligem Licht, etwa von Schwarzlicht- oder UV-Lampen, schimmerten Blatuls bläulich-fahl. Kinder machten sich einen Spaß daraus, das eigentümliche Tier in leere Einmach-Gläser zu stecken und als Laterne zu nutzen.

Die tiefer gelegenen Sedimentbecken jedoch boten ein gigantisches Reservoir an urzeitlichem, genießbarem Grundwasser. Bis hierher hatte es die Strahlung, die die Oberwelt vergiftet hatte, nicht geschafft.

Algen schließlich waren der letzte, ultimative Schlüssel zur Unabhängigkeit von überirdischen Ressourcen; für den Abschied vom früheren Leben der Menschen unter einer Sonne, die sich für ihre Bewohner in naher Zukunft endgültig verdunkeln würde. Es waren Chlorella-Algen, die die Sub-Distrikte zu bewohnbaren Klima-Sphären machten: Auf gewaltigen, viele Quadratkilometer großen Aqua-Farmen produzierten sie den Sauerstoff, den eine zu Maulwürfen mutierte Menschheit brauchte. Gleichzeitig filterte sie deren ausgestoßenes Kohlendioxid ab.

Die Süßwasseralge wuchs bald in den Nährlösungen endloser, künstlich beleuchteter Zucht-Teiche. Ihr Anbau löste noch zwei weitere Probleme: Auch wenn der Chlorella-Verzehr keine sinnlichen Explosionen auslöste, so enthielt die Pflanze doch ausreichend Vitamine, Eiweiß, Mineralstoffe und Fettsäuren, um den gröbsten Hunger auszulöschen.

Was nicht für die Ernährung benötigt wurde, ging als Energieträger in Photobioreaktoren und Biomasse-Heizanlagen, die die Untertage-Siedlungen beleuchteten und wärmten. Das Licht aus der Alge wiederum ließ die Chlorella-Pflanzungen gedeihen: ein Kreislauf, der Leben bedeutete.

Die Erdlinge legten eine Atempause ein.

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4. DAS AUGE

Seda pochte ein weiteres Mal mit dem Zeigefinger gegen die Spitze des Mikrofons. Es hallte hohl und trocken. „KommPort1 an...“ Weiter kam sie nicht. Ein Trommelfell zerreißendes Pfeifen flutete ihr Gehör so schmerzhaft, dass sie reflexartig die Hände auf die Ohren presste. Die öffentlichen Kommunikations-Terminals dieser Ebene waren museumsreif, doch die Distrikt-Verwaltung unternahm – nichts. Seda ärgerte sich.

Das Pfeifen ging in ein Knarzen über. Eine männliche Stimme durchdrang den akustischen Dunst: „Spähposten1 an KommPort1, hier Jorge. Seda?“

Spähposten1 oder „das Auge“, wie alle ihn wegen seiner strategischen Position nannten, war der am weitesten vorgelagerte Ausguck ihres Sub-Distrikts. Aufgrund dieser exponierten Lage war er Teil eines weitflächigen Sperrgebiets, das auch den gesamten Tunnel umfasste, der das „Auge“ mit einem anderen, ebenso wichtigen Beobachtungspunkt ihrer äußeren Sicherungsanlage verband: der Kuppel des alten Naturkundemuseums.

Bewachte Kontrollpunkte durchzogen den Tunnel alle paar hundert Meter. Wegen der umfangreichen Sicherheitsprüfungen konnte es einen halben Nachmittag dauern, von der Kuppel zum Auge zu gelangen. Seda bevorzugte die unberechenbaren Mikrofone der KommPorts.

„¡Hola, Jorge! Keine besonderen Vorkommnisse in der Kuppel. Scheint ein ruhiger Tag zu werden.“

Als Technikerin war Seda für die Wartung der Museums-Kuppel verantwortlich. Da diese einen strategischen Blick runter auf die Ruinen-Landschaft des früheren Groß-Mexiko-Citys bot, hatte sie eine Zusatzaufgabe im Sicherheitsdienst ihres Sub-Distrikts übernommen: Dreimal am Tag (und natürlich bei außergewöhnlichen Beobachtungen) musste sie, zu festgelegter Uhrzeit, eine Meldung über das KommPort an das „Auge“ absetzen. Von dort kam ebenfalls ein knapper Lagebericht zurück. Meistens das Gleiche, dachte Seda gelangweilt: „Nichts Genaues hat keiner gesehen.“

Das Mikro knarzte wieder. Es war Jorge.

„¡Hola, wunderschöner Geist des Museums! Bei uns auch nichts, außer ein paar mutierten Kojoten vorm Periskop...“

Das „Auge“ war ein viergeschossiger Mannschafts-Bunker aus der Zeit des Planetenbrands. Aus seiner obersten Etage führte ein betonierter Schlot senkrecht nach oben, bis kurz unter die Erdoberfläche. Auf den letzten Metern mündete dieser in eine schmale Metall-Röhre, aus der sich eine leistungsstarke Kamera ausfahren ließ, wie das Periskop eines U-Boots. Sie funktionierte auch bei Nacht. Das „Auge“ war ihr äußerster Vorposten.

Manchmal, wenn Seda ihre immergleichen, ritualisierten Nicht-Beobachtungen mit Jorge austauschte, dachte sie, dass es sich auf irgendeine Art selbst erledigt haben musste, das Grauen, dass dort draußen zwischen strahlendem, zerfetztem Beton hausen sollte. Vielleicht hatten sie sich gegenseitig massakriert, kannibalisiert...?

Jorge hatte einmal gemeint, dass es gut sei, dass einer von ihnen, gut sichtbar, in Reichweite der Außenkamera des „Auges“ lag. Es würde sie aufmerksam bleiben lassen und daran erinnern, warum sie dort wachten, eingegraben unter meterdickem Beton, wie in einem Sarkophag, einem Vorhof zur Hölle. „Wir haben eine Grenze zur Hölle“ lautete eine Redensart in ihrem Sub-Distrikt, die vorgeschobene Posten wie das „Auge“ meinte.

Auch an diesem Tag richtete Jorge seine elektronische Linse auf das Ding. Er hatte „John“, wie sie ihn im Bunker nannten, schon hunderte Male angezoomt.

„Er“ oder „es“ lehnte etwa zehn Meter von der Kameralinse entfernt mit dem Rücken am geschmolzenen Vorderreifen des schwarz verrußten Skeletts eines ausgebrannten Reisebusses. Beinahe friedlich saß er dort, mit auf die Brust gesunkenem Kinn. Sein Kopf und die sichtbaren sonstigen Körperteile waren von walnussgroßen Löchern überzogen, wohl das Ergebnis geplatzter Haut-Blasen. Die widerwärtige Physiognomie war die gleiche wie jene aller seiner Artgenossen: Seine Arme und Beine waren, infolge jahrhundertelanger evolutionärer Anpassung an die natürliche, radioaktiv verseuchte Umgebung und die in ihr überlebensnotwendige schnelle Fortbewegung, etwa gleich lang. Was die verwilderten Hunde vom Fleisch gelassen hatten, hatte der trockene heiße Wind zu einer faltigen, gelblich-braunen Lederhülle mumifiziert. Sie ließ eine für humanoide Arten überdurchschnittliche Muskulatur zu Lebzeiten ahnen. Mit dieser, wie auch mit den gleich langen Armen und Beinen, hatte das Wesen sich blitzschnell auf allen Vieren bewegt.

Staub wehte durch die gebleichten Knochen seines hohlen Brustkorbes.

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5. X-RAYS

Sie nannten die Kreaturen der Oberwelt X-Rays, in den meisten Sub-Distrikten. Manchmal auch „Rasende“, wegen ihrer pfeilschnellen, von unnatürlichem Kreischen und abstoßendem Schreien begleiteten Fortbewegung. „X-Rays“ deshalb, weil alle Übertage-Mutanten bei den Kernwaffenexplosionen des Planetenbrands ionisierender Strahlung ausgesetzt gewesen waren, die die Strahlenkrankheit auslöste: Alpha-, Beta-, Gamma-, und Röntgenstrahlung.

Vom Tod in Minuten bis zu geringeren Langzeitschäden: Die Überlebenschancen der Strahlenkrankheit hängen von der Dosis ab, die auf den Körper wirkt. Viele hatten überlebt, wie die Kamera-Fallen, die die Sub-Distrikte überall in den Ruinen Groß-Mexiko-Citys installiert hatten, regelmäßig demonstrierten.

Aber zu welchem Preis.

Seda erinnerte sich an Exemplar, das eines ihrer Außenteams einmal überwältigt hatte (dem gar nichts anderes übrig geblieben war – es war sofort auf sie losgegangen, als es sie bemerkt hatte): Nennenswerte Zeit, es näher zu untersuchen, war ihnen nicht geblieben. In seiner sinnlosen Wut und Raserei richtete es sich selbst, indem es, wieder und wieder, mit dem Schädel voraus gegen die Betonwand seines Verlieses rannte. Die Mediziner des Sub-Distrikts stellten bei dem „Ding“, das mit deformierter Stirn unter dem roten Fleck an der Zellen-Mauer lag, später einen selbst verursachten Schädelbasisbruch fest.

Seda schüttelte sich reflexartig.

Dann setzte sie ihren Kontrollgang durch die Kuppel des alten Naturkundemuseums fort. Als sie die Etage des ehemaligen Besucher-Restaurants erreichte, ihr „Sonnendeck“, wie sie es aufgrund seiner Lage direkt unter dem Spezialglasdach nannte, blickte sie hinab auf die tote Steinwüste der verstrahlten Megacity. 

Die Fläche zwischen der Kuppel und dem weit unten gelegenen, vom Museum aus nicht sichtbaren „Auge“, nannten sie das „Stachelschwein“, da es an den Rücken eines gigantischen, versteinerten Stachelschweins erinnerte: Granateinschläge aus der Zeit des Planetenbrands hatten hier eine bizarre Landschaft aus zerborstenem Stahlbeton geschaffen. Wie in einem gelbroten Antennen-Wald reckte sich rostiger Betonstahl gen Himmel. Die Explosionen hatten das oxidierte Geflecht zu skurrilen, teils unheimlich wirkenden Gebilden modelliert: Manches Mal wirkten die in alle Richtungen gespreizten Stäbe wie erstarrte Klauen, die ins Nichts griffen.

Seda sah einen Blitz zucken. Der Himmel über der Kuppel verdüsterte sich. Offenbar setzte ein Unwetter ein. Das war einer der Gründe, warum Außenteams immer den Wetterbericht studierten, bevor sie bei Expeditionen in die Ruinen den Weg über das „Stachelschwein“ wählten: Das Gelände dort war heimtückisch. Es fiel teils unmerklich, aber stetig nach unten hin ab, bis es, etwa auf Höhe des „Auges“, wieder ein natürliches Plateau erreichte. Bei Starkregen wurde es lebensgefährlich. Die Einschläge des Krieges hatten Betontrümmer zu unnatürlichen Rinnen getürmt, die, aus der Vogelperspektive erkennbar, wie Gräten in Richtung der Wirbelsäule eines Fisches ausgerichtet waren. Den Wadis in Wüsten vergleichbar, füllten sich diese Rinnen bei Regen innerhalb kürzester Zeit mit Wasser und wurden reißend.

Seda konnte das Prasseln auf dem Kuppeldach nicht hören. Doch sie sah, wie sich der von Blitzen durchzuckte Nieselschleier zu Starkregen verdichtete, der Rinnsäle, bald schmutzig-graue Ströme auf dem Glas bildete.

Sie trugen das unsichtbare Gift des Strahlentodes in die zyklopischen Betonfetzen des „Stachelschweins“, suchten sich ihren Weg durch den Rostdschungel tausender wie Finger in den toten Himmel zeigender Stahlstäbe.

Weit unten, für Seda nicht zu sehen, überraschte das Wasser zwei X-Rays, die, müde vom Furor, an totem Stein lehnten, in stumpfsinnigem, bloßem Sein, und riss sie schäumend fort.

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6. JOAQUIM

„Na, meine Schöne, du hast dich aber wirklich fein rausgeputzt heute. Gehst du noch tanzen?“ Die Albino-Languste in Joaquims Händen bog sich, um ihn mit einer ihrer kräftigen Scheren zu erreichen. Im Erfolgsfall war dies eine überaus schmerzhafte Erfahrung. Nur die Weibchen besaßen dieses Paar Werkzeuge. Joaquim blickte dem Krebstier in die Stielaugen und schwenkte es ein wenig – so, als führte er eine Tanzpartnerin im Ballhaus. Dann fuhr er fort, den Rücken der Languste zu schrubben. Das „Bodegon“, ein Feinschmecker-Restaurant, dass die Tranche bestellt hatte, wünschte optisch einwandfreie Ware. Zum Schluss band er die Scheren des Tieres mit einem Band zusammen.

Joaquim mochte die meditative Entspannung, die sich beim Reinigen der Krebse ab einem gewissen Punkt stets einstellte, wenn die erste Langeweile aufgrund der monotonen, routinierten Bewegungen, die dabei nötig waren, verflogen war. Im Langusten-Flow ließ er seine Gedanken schweifen.

Als Aqua-Farmer baute er nicht nur Chlorella-Algen an, die seine Familie in ausgedehnten, künstlich beleuchteten Teichen und Glas-Bassins züchtete. Ihr zweites Standbein war die Viehzucht, die sich, den Untertage-Bedingungen geschuldet, vor allem auf die Vermehrung von Krebsen aller Art konzentrierte: Flusskrebsen, Hummern, Garnelen, Langusten.

Allen Tieren war gemeinsam, dass sie ihre natürliche Färbung in den unterirdischen Bassins trotz künstlicher Beleuchtung über die Jahrhunderte vollständig eingebüßt hatten: Sie hatten sich zu beinahe blinden Albinos entwickelt.

Joaquim schrubbte mechanisch weiter. Aus dem Augenwinkel sah er, dass sich, wenige Meter entfernt, etwas bewegte. Eine kaninchengroße Rasal-Spinne glitt lautlos auf den Rand eines Krabbenteichs, wo sie regungslos verharrte. Sie besaß fünfzig Beine, die allesamt dünn wie Glasnudeln waren. Aufgrund der Abdeckung der Zuchtanlage hatte sie keine Chance auf ihre erhoffte Shrimps-Mahlzeit. Joaquim ekelte sich vor Rasals und warf einen Stein.

Trotz der gelegentlichen Besuche der ekligen Spinnentiere war ihm der Job in den Aqua-Zuchtfarmen tausendmal lieber als seine frühere Beschäftigung als Tierpflegehelfer in den Gnadenhöfen. Dort war das tierische Elend versammelt gewesen, das Ergebnis früher genetischer Experimente der Menschen für eine Viehzucht, die möglichst viel Milch und Muskelmasse produzieren sollte. Längst hatten ihre Agro-Ingenieure und Lebensmitteltechniker neue, ethisch vertretbarere Kreuzungen erschaffen – doch noch immer vegetierten einige hundert Exemplare ihrer ersten Versuche in den Gnadenhöfen, einer Art Tier-Hospiz, das den gequälten Kreaturen ein würdevolles Sterben erlauben sollte. Joaquim erinnerte sich an Kaczynski-Schweine, benannt nach ihrem genetischen Erschaffer, die unter dem Gewicht ihres Fleisches in den Ställen zusammengebrochen oder an den Wülsten ihrer Hälse qualvoll erstickt waren. Manchmal träumte er vom unnatürlichen Muhen der Morella-Kühe, bei dem er sich immer gefragt hatte, ob es mit der Last ihrer sechs Euter zusammengehangen hatte. Er vertrieb den Gedanken.

Vor einigen Monaten hatten sie ihn in den Rat des Sub-Distrikts berufen, als Landwirtschafts-Experten. Die letzten Male war ihm bei den Sitzungen eine junge Ingenieurin aufgefallen, sie war Glastechnikern oder so ähnlich. Sedan...? Selda? Er musste ihren Namen rausfinden. Manchmal hatte sie ihn verstohlen gemustert, von der Seite. Glaubte er wenigstens.

Ihre Wortmeldungen waren sehr selbstbewusst, fast hochnäsig. Obwohl... Das konnte Unsicherheit sein. Er wusste, wie aufregend es war, vor großen Gruppen zu sprechen. In den historischen Dateien der öffentlichen Archiv-Terminals hatte Joaquim von einem Schriftsteller gelesen, der mal gesagt hatte, das menschliche Gehirn sei eine wunderbare Sache: Es funktioniere zuverlässig vom Tag der Geburt bis zu dem Augenblick, in dem man aufstünde, um eine Rede zu halten. Er schmunzelte. Bei solchen Funden schätzte er die Archiv-Terminals, auch wenn er grundsätzlich ein gespaltenes Verhältnis zur Geschichte hatte: Zu oft hatten die Analyse und das Verstehen des Vergangenen seinen Glauben an die Zukunft zerstört.

In zwei Tagen fand eine Dringlichkeitssitzung des Sub-Distrikt-Rats statt. Joaquim blickte dem Krebs, den er in seinen Händen hielt, in die Stielaugen und dachte wieder an die vorlaute Ingenieurin.

Ob sie Langusten mochte?

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7. DUNKLE ZEICHEN

Jorge kippte den Führungs-Stick der Kamera nach vorn. Irgendetwas hatte sich unter dem ausgebrannten Wrack des Reisebusses dort draußen, im verstrahlten Niemandsland, bewegt. Ganz kurz nur. Viele Meter über den Betondecken des Bunkers, weit weg von Jorge und den Anderen von der Wachmannschaft des „Auges“, kniff eine Kamera surrend ihr elektronisches Auge zusammen, um schärfer zu sehen.

Es war irrational, aber Jorge stellte es bei jedem fest, der Dienst an den Video-Monitoren hatte, sich selbst eingeschlossen: Man bewegte den Stick, der die Außenelektronik steuerte, wie ein rohes Ei. So, als könne irgendjemand oder etwas oben, in den Beton-Ruinen, andernfalls die eigene Position erraten. Als schliche man durch einen Wald und konzentrierte sich darauf, keinen Stock unter seinen Sohlen knacken zu lassen.

Sie hatten die Außenkameras so installiert, dass es im überwachten Feld keine toten Winkel oder unsichtbare Nischen gab. Die Außenkamera, die Jorge anwählte, zeigte mit mehr als tausend Pixeln Auflösung und einer Aufzeichnungsrate von 20 Bildern pro Sekunde... – den feisten Kopf einer bibergroßen mutierten Ratte, der neben dem zerfetzten Hinterreifen des rußigen Busses hervorlugte.

Jorge entspannte sich.

Es war ein heißer Tag. Die Temperatur an der Oberfläche musste bei etwa 40 Grad im Schatten liegen. Kein Wunder, dass der verstrahlte Nager unter dem verkohlten Reisebus-Gerippe Schutz suchte.

„¡Hola“, dachte Jorge, als „John“, einen Kamera-Schwenk nach rechts später, ins Visier geriet. Der tote X-Ray, der stumm am geschmolzenen Vorderreifen des Busses lehnte, war wie ein alter Bekannter. Der heiße, strahlende Wind musste alles aus ihm gesaugt haben, was jemals nach Lebenssaft geschmeckt oder gerochen hatte: Selbst die mutierten Ratten und verwilderten Hunde, die sonst nichts verschmähten, nicht einmal ihre eigenen toten oder lebenden Artgenossen, ließen die Leiche in Ruhe. Vielleicht ging es den Bestien ja wie ihnen, in ihrem Bunker, und sie betrachteten „John“ mittlerweile als Teil des „Inventars“ des staubigen Plateaus dort draußen.

Auf „Johns“ gebleichtem Oberschenkel-Knochen döste eine zweischwänzige Eidechse. Ihre vorgeschobenen Glupschaugen folgten einem Artgenossen, der wieselflink über den brütenden Beton wetzte, bemüht, die heiße Oberfläche des toten Stein-Meeres so wenig wie möglich zu berühren und schnellstmöglich einen schattigen Spalt zu finden. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil die mutierten Monster-Ratten den Reptilien das Revier streitig machten und immer an Kleintier-Kalorien interessiert waren.

Jorge schwenkte auf die freie Fläche vor dem Wrack. Ungefähr in seiner Mitte hatte sich eine kleine Luftsäule aus Staub und Rost gebildet, jener Mischung, die ständig von der Anhöhe des „Stachelschweins“ herüberwehte. Um die Mittagszeit herrschten dort oben Temperaturen von bis zu 50 Grad, die den Boden schnell aufheizten. Wenn er mit kälteren Luftschichten in Berührung kam, bildeten sich solche kleinen Wirbel, die sie „Tanzteufel“ nannten. Sie fegten über den rostigen Rücken des „Stachelschweins“ und verstärkten seine geisterhafte Atmosphäre. Der schmutzig-rote Mini-Tornado gab dem trostlosen Ort die Illusion von Leben, bevor er, Minuten später, wieder in sich zusammenfiel und mit dem alles verschluckenden bleiernen Betongrau verschmolz.

Als Jorge die Kamera wieder auf den Bus hielt, legte sich eine eiskalte Klaue um sein Herz. Für einen Moment bekam er keine Luft mehr.

„John“ war verschwunden.

In panischem Reflex holte sich Jorge nacheinander die Außenbilder alle Kameras auf den Monitor.

Endlich, bei der sechsten Kamera, sah er etwas, schemenhaft... Dunkle Konturen zuckten im Halbschatten einer geborstenen Betonmauer. Es waren mehrere. Sie bewegten sich äußerst sparsam, schienen in der Gruppe zu stehen. Offenbar wussten sie nichts von der Außenkamera, da niemand zur Linse hochsah. Jorge hatte keine Zeit, die lichtscheuen Gestalten zu untersuchen. Sekunden später stoben sie in verschiedene Richtungen auseinander, rasend schnell, wie irre kreischend, ohne erkennbaren Anlass.

Jorge aktivierte sämtliche Horch-Installationen, die sich auf dem von ihnen überwachten Plateau befanden. Hektisch kippte und zog er an allen Kamera-Sticks auf dem Steuerungspult. Seine Handflächen waren feucht.

Als er die Kamera wählte, die die Front des Bus-Wracks zeigte, schossen ihm Blut und Hitze so plötzlich und stark in den Kopf, dass er mechanisch an seinen Hemdkragen griff und den obersten Knopf abriss. „John“ thronte auf dem Fahrersitz des Fahrzeug-Kadavers.

Irgendjemand oder irgendetwas hatte ihn dort positioniert.

Zwischen den vorderen Scheinwerfern des Busses prangte noch immer der Name des verblichenen Reise-Unternehmens: „Excursiones Jesús“. Ausflüge mit Jesús. Trotz seines makabren Humors war Jorge für die Doppelbödigkeit der Szene in diesem Augenblick nicht empfänglich. Noch immer hatte er alle seine Sinne auf den Empfang neuer Informationen konzentriert. Verkrampft presste und riss er die Sticks vor ihm in alle Richtungen; nach vorne, hinten, links, rechts. In immer kürzeren Intervallen, als rauschhaftes Stakkato. Sein Handballen schmerzte und wurde rutschig vom Angstschweiß.

Erst ein widerlich unnatürliches Kreischen, mit dem ihre elektronischen Außen-Ohren den Bunker fluteten, ließ ihn versteinert innehalten.

Sekunden später bäumte sich ein scheußlich entstellter Mutant in seinem Monitor auf und schlug mit etwas länglichem, festem Undefinierbarem ins Bild.

Das erstarb in schwarz-weißem Pixelsturm.

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8. ABGESCHNITTEN

Joaquim unterdrückte ein Gähnen. Letzteres wäre mehr als unhöflich gewesen. Schließlich war Pedro Barrasa, der mit seinem fülligen Leib vor dem Rednerpult der Sub-Distrikt-Ratsversammlung stand, nicht nur Rats-Sekretär für Landwirtschaftsfragen. Er war auch sein, Joaquims, langjähriger Berufsschullehrer gewesen, während seiner Ausbildung zum Aqua-Farmer. Ein herzensguter, aber detailverliebter und somit meist langatmiger Redner. In monotonem Singsang referierte er über den Ausstoß ihrer unterirdischen Agrar-Produktion: Albino-Shrimps – Steigerung zum Vorjahr um 300 Tonnen oder 14,3 Prozent. Anbaufläche für Algen – Erweiterung zum Vorjahr um 200 Hektar oder 4 Prozent... Barrasas Zahlen-Reihen nahmen kein Ende. Joaquim kritzelte auf ein Stück Papier.

Er wusste, dass er mit seiner Berufswahl Glück gehabt hatte, was die sinnvolle Nutzung seiner Lebenszeit anging: Ihr Sub-Distrikt verfügte über alle Ausbildungseinrichtungen, die man besuchen musste, um Landwirt zu werden. Joaquims Schwester musste sich schon seit zwei Jahren täglich vier Stunden in Shuttle-Zügen langweilen, die sie im Vakuumtunnel zur Musikhochschule im Nachbar-Distrikt chauffierten. Bei Zugfahrten konnte Joaquim weder lesen noch schlafen. Vier Stunden täglich, ein Albtraum...

Joaquim faltete seine Zeichnung zusammen und schrieb einen Namen oben drauf. Dann bat er seinen Sitznachbarn, das Papier weiterzureichen.

Einige Plätze weiter hatte der Zettel seine Empfängerin erreicht. Seda Rodriguez, vom Ingenieurs-Korps des Sub-Distrikts in den Rat entsandt, grinste. Auf dem Zettel vor ihr stand eine dicke Languste mit langen Stielaugen vor einem Mikrofon und fuchtelte mit den Scheren in der Luft. Sie lächelte Joaquim kurz zu.

Der Chef des Sub-Distrikt-Sicherheitsdienstes, der als nächster ans Rednerpult trat, musste nichts sagen, um Joaquims und Sedas Aufmerksamkeit wieder nach vorn zu lenken. Seine bedrückte Mimik, im Scheinwerferlicht gut erkennbar, reichte.

Sämtliche Außenkameras ihres Sub-Distrikts waren in den vergangenen fünf Wochen systematisch zerstört worden. Für technische Defekte jedenfalls waren die Ausfälle zu abrupt gewesen. Und die Rückkehr der beiden Außenteams, die sie zur Installation neuer Anlagen nach oben geschickt hatten, mit entsprechendem Begleitschutz natürlich, war seit zwei Tagen überfällig. Alle Kontaktversuche per Satelliten-Telefon verhallten im Nichts.

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9. EINE UNHEILVOLLE Entdeckung

Jorge del Santa, 3. Observator im vorgeschobenen Überwachungsbunker, den sie „das Auge“ nannten, saß angespannt vor seinem Monitor. Mit dem Stick auf dem Pult vor ihm steuerte er einen „Halcón 2050“ – ihr Modell „Falke“.

Unmittelbar nach dem Ausfall der Außenkameras hatten sie Beobachtungs-Drohnen gestartet. Die Fluggeräte waren ihre zweite Wahl, da sie in den heftigen Stürmen der Übertagewelt häufig abstürzten. Jetzt waren sie ihre einzige Wahl.

Natürlich ließen sich die Kameras der „Falken“ um 360 Grad drehen. Ihr menschliches Steuerpersonal an den Bildschirmen in der Erde, tief unter meterdickem Beton, konnte aber nur in eine Richtung blicken. So entgingen Jorge die ersten Steine, die links und rechts an der zu diesem Zeitpunkt tief fliegenden Drohne vorbei schwirrten. Das Geschoss, das gegen den Heck-Rotor des „Falken“ schlug, traf auch Jorge – ins Mark. Es warf die Drohne aus der Bahn, ließ sie, wie in einem Wurmloch um die eigene Achse kreisend, erst kurz an Höhe gewinnen, dann auf die unteren Geschosse eines hohlen, zerbombten Beton-Gerippes zusteuern. „Neeeeein“, rief Jorge und schlug für eine Sekunde die Hände vors Gesicht.

Der Aufprall auf dem rauen Beton ließ das Kamerabild stark wackeln. Für einen kurzen Moment war nichts zu erkennen außer dunklen, grauen Aufnahme-Fetzen, durchsetzt mit hellen Blitzen, die Funkenschlag sein mochten.

Als das havarierte Fluggerät zum Stillstand kam, war es Jorge, als schlössen sich die kalten Finger einer eisigen Faust langsam um sein Herz: Offenbar war die Drohne bis zum Rand der Gebäudeetage geschliddert, auf die sie gestürzt war. Dort hing sie nun, in gespenstischer Balance wippend, etwa hälftig über dem Abgrund, der zu den unteren Geschossen führte.

Und filmte... Leben.

Das widerwärtige Gewusel, das die Kamera am Boden aufzeichnete, war eindeutig: Wie in einem von Maden überquellenden Topf kletterten sie auf allen Vieren nebeneinander, übereinander, überall in einer Art trichterförmigem Krater herum. Viele schienen etwas aus dem Loch heraus zu schleppen, das sie sich, in Arbeits-Ketten, immer eins dem nächsten, zuwarfen.

Das Gewürm wirkte wie ein einziger Organismus, dessen Brust sich hob und senkte; der sein ekelhaftes Inneres in unnatürlichem Zucken wieder und wieder in wuselnden Wogen erbrach, um sich sofort wieder aufs Neue zu formieren.

In jenem unseligen Schreck-Moment verlor die gestrandete Drohne endgültig das Gleichgewicht und stürzte in den scheußlich pulsierenden organischen Brei, dessen alptraumhafte Bilder sie dem Observator Jorge del Santa gefunkt hatte. Sie landete im Dreck am Rand des Trichters.

Jorge hielt sich die Ohren zu, als beinahe im gleichen Augenblick ein unnatürliches, entsetzliches Kreischen einsetzte.

Die Kamera filmte die ledernen, echsenartigen Beine eines X-Rays. In der Übertragung wirkten sie so groß, dass Jorge mit seinem Stuhl reflexartig vom Steuerungspult zurückrollte.

Dann brach die Übertragung abrupt ab.

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10. LAUSCHENDE MAULWÜRFE

Seit klar war, dass die X-Rays gruben (und über das Ziel ihrer diesbezüglichen Bemühungen machte sich niemand im Sub-Distrikt Illusionen), gruben die Menschen ebenfalls. Allerdings wühlten sie sich nicht selbst durch den Untergrund: Zu groß schien die Gefahr, dass sich die Tunnel beider Seiten unglücklich kreuzten und man ihnen so auch noch ein Einfallstor schaffen würde.

Die Militärgeologische Sektion des Sub-Distrikt-Rats trieb vielmehr schmale Stollen durch Gestein und Erdreich, mit einem Radius von gerade einmal 30 Zentimetern. Es glich einem Stochern im Nebel: Sie wollten wissen, an welchen Stellen sich die verstrahlten Missgeburten der Übertagewelt an sie heranwühlten.

Die Arbeiten an diesen Horchstollen kamen im Großen und Ganzen gut voran. Bissen die ferngesteuerten pneumatischen und elektrischen Bohrer, die sie einsetzten, einmal auf Granit, so trieben sie ihre Maulwurfsarbeit mit konventioneller Sprengung voran. Die Mineure der Sektion fluchten in diesen Situationen, weil die Sprengungen ihre eigene Position verraten konnten. Ferngelenkte Pneumatikhämmer und andere Schlagbohrmaschinen waren ihre erste Wahl.

War ein Tunnel nach Ansicht der Geologen ausreichend weit ins Dunkel vorgetrieben und verzweigt, so „verwanzten“ sie ihn: Kleine Roboter-Spinnen krochen hinein, mit langen Kabeln im Schlepptau, die sich von großen Rollen an den Eingängen der Tunnel abrollten. In regelmäßigem Abstand waren hochsensible akustische Messgeräte an den so verlegten Leitungen angebracht. Die unterirdischen Lauscher würden es anzeigen, wenn sich die scheußliche Brut näherte.

Wochenlang geschah nichts. Viele Sub-Distrikt-Bewohner begannen zu hoffen. Hatten sie die widerwärtigen Aufzeichnungen des havarierten „Falken“ falsch gedeutet? Waren die Mutierten zu primitiv, um gemeinsam etwas Größeres wie eine solche Grabung zu planen – sie oder vielleicht die Werkzeuge, die sie besaßen?

In der siebten Woche nach Vollendung ihrer Horchstollen meldete eines der Messgeräte ein undefinierbares Geräusch. Es war zu regelmäßig, um einen natürlichen Ursprung zu haben. 

Angsterfüllt fassten sich die menschlichen Maulwürfe an den Händen, blickten nach oben und horchten. Sie lauschten dem widerwärtigen, rhythmischen Scharren über ihnen, das sich, wie ein streuendes Krebsgeschwür, an immer mehr Positionen orten und immer klarer vernehmen ließ.

Sie kamen.

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11. DIE STUNDE DER MINEURE

Es war die Stunde der Mineure, der Spreng-Spezialisten unter den Militär-Geologen ihres Distrikt-Sicherheitsdienstes. Wie Maulwürfe mit Stethoskopen horchten sie über, neben und unter sich in das Dunkel der Erde. Ihre akustischen Messgeräte waren so fein, dass sie „Regenwürmer furzen“ hörten, wie es ein Mineur einmal bildlich gemacht hatte.

Wann immer sie ein Geräuschmuster identifiziert hatten, eines, das von den X-Rays kam, legten sie Minen an: in Stein oder Erde eingeschlossene Sprengladungen, die im Idealfall die Grabungsspitze eines X-Ray-Vorstoßes lebendig begruben.

Besonders gut geeignet waren dafür Quetschminen. Bei ihrer Explosion entstand kein Trichter, da sie gerade so schwach geladen waren, dass es reichte, um naheliegende feindliche Gänge oder Tunnel einstürzen zu lassen. Die Kunst der Mineure bestand darin, die naturgemäß direkt benachbarten eigenen Grabungs-Hohlräume bei solchen Sprengungen nicht zu beschädigen.

Somit war es immer auch ein Rennen gegen die Zeit. Wer die andere Seite als erstes hörte, zündete seine Ladung ebenfalls als erster.

Nicht nur mit ihren technischen Geräten versuchten die Mineure, die X-Rays zu orten. Sie trieben auch Horchstollen in den Untergrund. Sie mussten jedoch feststellen, dass Ton oder andere undurchlässigeren Schichten die widerwärtigen Wühl- und Schabegeräusche der Gegenseite oft ablenkten und sie im Hinblick auf die tatsächliche Richtung zur Schallquelle in die Irre führten.

Perfider, im Erfolgsfall nicht weniger wirksam, aber auch riskanter waren Dampfminen: Waren die gegnerischen Mineure geortet, man selbst aber noch nicht, bohrten sie, am besten durch die Decke des feindlichen Tunnels, ein schmales Loch. Durch dieses schoben sie Pulverpatronen, zündeten das Pulver und vertrieben die Mutanten durch giftiges Gas aus ihren hohlen Kammern – wenn sie es überhaupt schafften, ihr tödliches Gefängnis rechtzeitig zu verlassen.

Solche und andere Operationen, die sie in unmittelbare Nähe ihrer Gegner brachten, gingen die Strategen des Sub-Distrikts nur mit größter Vorsicht an. Um die Grabungen für Horchstollen oder Dampfminen geheim zu halten, verzichteten sie kurz vor dem Erreichen ihres Ziels auf Pneumatikhämmer und andere Schlagbohrmaschinen und quälten sich mit Meißeln, Spaten, Brechstangen und Handbohrern durch die Erde. In den Horchstollen schufteten jeweils nur drei Mann zur gleichen Zeit, in vier Schichten zu acht Stunden. Rund um die Uhr. Für frische Luft sorgte ein System, das auf einer Art überdimensioniertem Blasebalg basierte. Es war erheblich leiser als ihre sonst genutzten elektrotechnischen Ventilatoren.

Die unmittelbare Nähe zu den tierähnlichen Wesen, den seelenlosen Monstren, belastete die Mineurs-Kompanien seelisch schwer. Die Nervenärzte des Sub-Distrikts beobachteten eine neue Krankheit, die ihnen unbekannt gewesen war: Immer wieder fielen einzelne Arbeiter aus, weil sie sich ohne Pause zwanghaft schütteln mussten und am ganzen Leib zitterten. Diese Symptome quälten die Betroffenen so lange bis sie, erschöpft von ihren Krämpfen, zusammenbrachen. Manche fantasierten, während sie auf Bahren weggetragen wurden; schrien, mit aufgerissenen Augen und geweiteten Pupillen, von dem unausweichlichen Blutbad, das die nahenden, verfluchten Ungeheuer unter den Menschen anrichten würden.

Ihr Glück war die technische Überlegenheit, die sich nicht nur darin äußerte, dass sie die Mutanten oft zuerst entdeckten. Ihre Angreifer arbeiteten zudem ganz offenkundig mit primitiven Werkzeugen. Dank ihrer empfindlichen akustischen Messinstrumente konnten sie den Grabungsfortschritt der scheußlichen Wesen gut bestimmen. Die Biester kamen relativ langsam voran.

Das gab ihnen Zeit, ihren „Plan B“ voranzutreiben. Der Rat des Sub-Distrikts wollte sich eine Evakuierung als Exit-Strategie offenhalten. Dafür hatten sie Teams aus Spezialisten zusammengestellt, um Neuland zu entdecken. Ziel der Trupps waren die weitgehend unerforschten Kavernen östlich ihres Sub-Distrikts. Die Ausmaße dieser natürlichen, unterirdischen Hohlräume konnten sie nur ahnen. Doch reichte ihre Fantasie, um sie sich als Kern einer neuen Besiedlung vorzustellen, falls sich die Mutanten-Flut über ihre vertraute Welt ergießen würde. Sie wollten dieses mögliche Ausweich-Areal möglichst rasch erforschen.

Nach einer Umsiedlung, so der verzweifelte Notfall-Plan, würden sie die Verbindungen zu ihrer alten Welt mit gewaltigen Sprengungen für alle Zeiten kappen und in den Trümmern ihrer jahrhundertelang mühselig aufgebauten Lebenswelt auch die scheußliche Brut begraben, die über sie kam.

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II.

1. Terra incognita

Sie hatten mehrere Expeditionskorps gebildet, da sie keine Zeit hatten, um zu scheitern – sprich: um keinen Ausweichort für die Bewohner ihres bedrängten Distrikts zu entdecken.

Alle Durchbrüche durch die Gesteinsschichten, die sie von den „Segräischen Feldern“ im Osten ihrer Lebenswelt trennten, waren innerhalb weniger Tage vollendet. Die „Segräischen Felder“ waren ein weitgehend unentdecktes Land, von dem sie im Wesentlichen nur wussten, dass es aus Kavernen-Ketten bestand, die sich krakenförmig in alle Himmelsrichtungen ausdehnten.

Ihre elektronischen Augen schickten sie voran: Kartografie-Drohnen erstellten, während sie in etwa einem Meter Höhe über dem Felsboden durch die endlosen Gänge und Grotten surrten, dreidimensionale Bilder ihrer Umgebung. Diese übertrugen sie in das Kontrollzentrum der Expeditionen im Herzen des Sub-Distrikts.

Die Gasspür-Drohnen waren ihre mechatronischen Kanarienvögel: So, wie man vor Jahrhunderten Kanarien-Käfige in Kohlegruben mitführte, damit die Bergleute vor Gasen gewarnt wurden, wenn einer der Vögel tot von seiner Stange fiel, so meldeten auch diese kleinen Fluggeräte zuverlässig den unsichtbaren Tod, den ihre Militärgeologen fürchteten: Kohlenmonoxid beispielsweise – farblos, geruchslos, giftig. Die fliegenden Helfer waren der Stolz ihres Ingenieur-Korps: Alle Gas-Drohnen waren mit einem Geigerzähler und einem Gaschromatografen ausgerüstet. Auf bis zu 30 verschiedene Gase schlugen diese elektronischen Spürhunde zuverlässig an, und das selbst bei Gasen, die eine Konzentration von unter einem Milliardstel Gramm aufwiesen.

Als Mitglied des Ingenieurs-Korps des Sub-Distrikts hatte Seda die Leitung eines ihrer Expeditionstrupps übernommen. Noch immer fühlte sie sich geehrt, dass man ihr die Herausforderung zutraute.

Sie kamen gut voran, was vor allem bedeutete: Ihre Stirnlampen reichten aus, den Weg so zu beleuchten, dass sich niemand den Kopf verletzte. Dabei half, dass sie die meiste Zeit aufrecht gehen konnten. Je weiter sie jedoch in das dunkle Geflecht der östlichen Höhlen vordrangen, desto mehr schwankte die Höhe der Tunnel. Ab dem vierten Tag bewegten sie sich gebückt, manchmal sogar kriechend durch die nässezerkauten Gänge.

Am Ende der ersten Woche erreichten sie jenes Hindernis, das ihnen die vorausgeilten Vermessungsdrohnen bereits angekündigt hatten: einen gigantischen Schlund, dessen Boden sie von seinem Rand aus nicht erkennen konnten – nicht einmal der Aufprall zu Testzwecken heruntergeworfener kleiner Felsbrocken ließ sich vernehmen.

Die Scans der Kartografie-Drohnen, die sich längst in maschineller Furchtlosigkeit in den Schlund gestürzt hatten, „verhießen“ einen Höhen-Unterschied von etwa zweihundert Metern bis zum Grund. Und dass dort, in der Tiefe, am Ende des schwarzen Nichts, irgendein Gewässer sein musste. Die Aufzeichnungen ihrer vorausgeeilten Fluggeräte waren zu ungenau, um zu erkennen, ob es sich um stehendes oder fließendes Wasser handelte.

Sie blickten in ein schwarzes Loch.

Für den Abstieg ordnete Seda die Technik an, die sie in den überstürzt anberaumten Vorbereitungskursen der Expeditionskorps erlernt hatten: Alle Crew-Mitglieder waren aneinandergebunden und die gesamte Menschenkette mit einem starken Tau am Startpunkt des Abstiegs verbunden. Es hätte ein Vielfaches ihres addierten Gewichts ausgehalten. Dennoch – es war, in psychologischer Hinsicht, wie stets beim gesicherten Freiklettern. Auch wenn man wusste, dass der freie Fall in die Tiefe unmöglich war: Jener Teil des menschlichen Gehirns, in dem die Angst ihr Zentrum hat, war evolutionsgeschichtlich älter als alle Whiteboard- und Flipchart-Zeichnungen der Instruktoren ihrer Vorbereitungsklassen mit ihren an den Verstand appellierenden, physikalisch einwandfreien Formeln und den aus diesen abgeleiteten, naturgesetzlichen Unmöglichkeiten.

Ihre Gnade war die Technik. Die Kartografie-Drohnen hatten die Wand, die sie hinabsteigen mussten, gründlich gescannt und neben einigen kurzen, aber lebensgefährlichen Wegen auch eine halbwegs begehbare und sichere Route entdeckt. Seda band sich eine der Drohnen mit einem leichten Seil an ihren Gürtel. Die surrende Metall-Kugel schwebte an der Spitze ihres Zuges.

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2. ABSTIEG

Es dauerte keine halbe Stunde, bis Seda zum ersten Mal wünschte, weder die Schar an sie Gebundener in ihrem Rücken noch die Bürde der Führung angenommen zu haben. Der Wunsch überflutete sie im gleichen Augenblick, in dem sich zu ihrer Furcht, den einen falschen Tritt zu machen, ein weiteres, gleichermaßen belastendes Gefühl gesellte: Ekel.

Sie tasteten sich, einem Lindwurm in Zeitlupe gleich, mit ihren Füßen behutsam die glitschige, schmale Stiege entlang, die die Leit-Drohne ihnen mit beharrlichem, sanftem Ziehen wies. Dabei passierte Seda als Erste, einer sinnlich-sensorischen Vorhut gleich, jene unheimlichen schwarzen, höhlenartigen Einbuchtungen in der ansonsten durchgängig grauen, feuchten und scharfkantigen Felswand, an die sie sich beim Absteigen pressten. Die unnatürlich wirkenden Löcher begleiteten sie von da an auf ihrem Weg in die Tiefe.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920505
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juni)
Schlagworte
flucht maschinenstadt

Autor

Zurück

Titel: Flucht in die Maschinenstadt