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Wenn die Todesglocke läutet

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Wenn die Todesglocke läutet

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Romantic Thriller von Frank Rehfeld

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

Zum ersten Mal besucht die Journalistin Corinna ihren neuen Freund Robert in seinem einladenden Haus an der schönen Küste Englands und freut sich auf einen neuen, vielversprechenden Lebensabschnitt voller Glück und Freude. Schnell muss Corinna jedoch erkennen, dass das verschlafene englische Fischerdörfchen ein dunkles Geheimnis hütet, in das sie ungewollt und auf gefährliche Weise mit hineingezogen wird.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Es war eine der Nächte, von denen der Volksmund behauptete, dass der Teufel persönlich zu dieser Zeit auf die Erde käme, um seine bösen Taten zu verrichten. In diesen Nächten verkrochen sich die Menschen in ihren Häuser und schlossen die Fensterläden, um zu ihren Schutzheiligen zu beten.

Im Laufe des Abends war Wind aufgekommen und hatte sich binnen weniger Minuten zum Sturm gesteigert. Orkanböen peitschten das Meer und trieben dunkle, bauchige Wolken vor sich her. Haushohe Brecher schmetterten gegen die Klippen, als wollten sie das Land mit sich fortreißen. Gischt sprühte in nebeligen Schleiern auf.

Von einem Augenblick zum anderen zerbarst der Himmel in einer gewaltigen Explosion greller Helligkeit. Ein Blitz tauchte das Land für einen Sekundenbruchteil in taghelles Licht. Gleichzeitig grollte der Donner und übertönte das leise Läuten der Glocke, die im Turm einer kleinen Kapelle dicht bei den Klippen läutete.

Die Todesglocke...

Eine vermummte Gestalt betrat den von einer Petroleumlampe dürftig erleuchteten Innenraum der Kapelle und wandte sich der jungen Frau zu, die gefesselt auf dem Boden lag. Vor einem Madonnenbild neben dem schmucklosen Altar brannten ein paar Kerzen, die aber kaum Licht verbreiteten.

"Nun wirst du für alles büßen, was du uns angetan hast, du Hexe", raunte die Gestalt und hob ein Messer. Die Klinge funkelte auf, als ein neuerlicher Blitz die Nacht zerriss. "Nicht einmal Satan wird dir jetzt noch helfen können. Diese Narren glauben alle, du wärest fortgelaufen. Nur du und ich, wir wissen es besser, und wir werden unser kleines Geheimnis für uns behalten, nicht wahr?"

Die junge Frau bäumte sich auf und begann laut zu schreien, als sich das Messer ihrer Kehle näherte. Niemand außer der unheimlichen Gestalt konnte ihre Schreie hören. Wie besessen zerrte sie an ihren Fesseln und plötzlich hatte sie Erfolg. Die Schnur um ihre Handgelenke zerriss.

Sofort sprang die Frau auf, aber es war zu spät. Das Messer bohrte sich tief in ihre Brust. Mit schier übermenschlicher Kraft stieß die Frau ihren Mörder von sich und taumelte auf den Ausgang zu. Sie nahm nicht wahr, dass sie die Lampe umstieß. Das Glas zersplitterte und sofort fing das auslaufende Petroleum Feuer. Noch bevor sie das Portal erreichte, brach die Frau leblos zusammen.

Mit einem Fluch sprang die vermummte Gestalt auf sie zu und zerrte sie mit sich. Sie öffnete eine Bodenklappe unter dem Glockenturm, die in einen muffig riechenden Kellerraum führte. Hastig stieß sie die Leiche hinab und wandte sich dem Feuer zu.

Es war bereits zu spät. Die Flammen hatten auf die hölzernen Bänke übergegriffen und ließen sich nicht mehr löschen.

Die Gestalt hastete aus der Kapelle und tauchte unerkannt im Dunkel der Nacht unter, während hinter ihr die Kapelle ein Raub der Flammen wurde. Selbst Jahre später ahnte noch niemand, welch grausames Geheimnis unter den Trümmern verborgen lag.

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Das >Paradise<, ein kleines Restaurant in der Londoner City, machte seinem Namen keinerlei Ehre. Es war weder besonders paradiesisch eingerichtet, noch konnte es ausgefallene Köstlichkeiten aufweisen. Dennoch kam Corrina Davis häufig hierher. Das Essen war einfach, aber es schmeckte gut und sie schätzte die gemütliche, freundschaftliche Atmosphäre des Lokals. Ihren Ansprüchen genügte es jedenfalls vollauf. Man kannte sie und sie wurde stets höflich bedient.

Corrina war eine hübsche blonde Frau mit strahlend blauen Augen und einer leichten Stupsnase, die sie fast genauso wenig leiden konnte, wie die paar Sommersprossen um ihre Nase herum. Sie arbeitete als Kunstkritikerin bei einer renommierten Zeitung, deren Redaktionsgebäude nur wenige Häuser von dem Restaurant entfernt lag. Das Essen kostete im >Paradise< nicht viel mehr, als in der Redaktionskantine, schmeckte aber wesentlich besser und das war der Hauptgrund für sie, mittags so oft herzukommen.

Heute aber hatte sie sich mit ihrer Freundin Betty Newston zum Abendessen hier verabredet.

"Nun erzähl schon, weshalb du mich eingeladen hast", drängte Betty. Sie saßen bereits seit mehr als einer halben Stunde zusammen und hatten längst ihr Essen bekommen. Bislang hatten sie jedoch nur über allgemeine, unwichtige Dinge gesprochen. "Du siehst ja aus, als hättest du in eine besonders saure Zitrone gebissen. Hat es etwas mit Peter zu tun?"

"Wir haben uns getrennt", stieß Corrina hervor. Sie griff nach ihrem Weinglas und trank einen großen Schluck. "Vorgestern schon."

Betty zuckte zusammen.

"Ihr habt euch getrennt?", wiederholte sie ungläubig und strich sich eine Strähne ihres dunklen Haares aus der Stirn. "Das verstehe ich nicht. Ihr wart doch immer ein Herz und eine Seele."

"In letzter Zeit nicht mehr", entgegnete Corrina betrübt. "Ich habe schon lange vermutet, dass es noch eine andere Frau gibt. Letzte Woche bin ich Peter nachgefahren. Nicht die feine Art, ich weiß, aber es hat sich gelohnt. Sie ist die Tochter eines reichen Industriellen." Corrina schnaubte verächtlich. "Genauer gesagt handelt es sich um seinen Chef. Bei der Begrüßung umarmte und küsste sie Peter so stürmisch, dass es keinen Zweifel an ihrem Verhältnis mehr geben konnte."

"So eine Unverschämtheit. Hast du denn mit ihm darüber gesprochen?"

"Natürlich." Corrina nickte bestätigend und verzog ihr Gesicht zu einem säuerlichen Lächeln. Sie schob ihren Teller von sich, obwohl sie noch nicht aufgegessen hatte. Das Essen wollte ihr nicht mehr schmecken. Stattdessen griff sie nach ihren Zigaretten und zündete sich ein Stäbchen an. Erst dann fiel ihr auf, dass Betty noch aß. "Entschuldige", sagte sie und wollte die Zigarette wieder ausdrücken."

"Lass doch", sagte Betty und winkte ab. "Mich stört das nicht. Erzähl lieber, was Peter gesagt hat."

"Er hat alles zugegeben. Wir sind nicht verheiratet, deshalb hätte ich ihm verzeihen können, aber ich sehe nicht ein, ihn mit einer anderen Frau zu teilen. Also habe ich ihn vor die Wahl gestellt: sie oder ich."

"Und er hat sich für die andere entschieden?"

"Ja, das hat er. Er sagte, dass er so einen Goldfisch nicht wieder von der Leine lassen würde. Anscheinend glaubt er, durch sie eine Traumkarriere vor sich zu haben."

"Das ist ja wirklich ein Schweinehund", empörte sich Betty. "So etwas hätte ich Peter nicht zugetraut. Dem brauchst du wirklich keine Träne nachzuweinen."

"Das passiert mir auch nicht", entgegnete Corrina und zwang sich zu einem Lächeln. "Aber es tut doch ein wenig weh. Immerhin waren wir mehr als ein Jahr zusammen und ich hatte geglaubt, endlich den richtigen Mann für mich gefunden zu haben."

"Es kommen andere", tröstete Betty. "Bei deinem Aussehen hast du doch wirklich die besten Chancen bei Männern."

Corrina antwortete nicht. Wie gebannt hing ihr Blick an einem jungen Mann, der gerade das Lokal betrat. Er hatte volles, schwarzes Haar und ein sympathisches, jugendlich wirkendes Gesicht, obwohl er bestimmt schon dreißig war. Durch seine vornehme Kleidung wirkte er in dem schlichten Lokal wie ein Fremdkörper. Er schaute kurz in ihre Richtung, wandte dann aber fast hastig den Blick wieder ab und setzte sich an einen freien Tisch.

Es dauerte einige Sekunden, bis Betty merkte, dass die Freundin ihr überhaupt nicht mehr zuhörte. Sie wandte den Kopf und musterte den Neuankömmling.

"Da scheint ja schon ein Ersatz für Peter in Sicht zu sein", bemerkte sie scherzhaft. "Hm, sieht gut aus der Knabe, der könnte mir auch gefallen. Erinnert mich ein wenig an Remington Steele. Aber starr ihn doch nicht so an, was soll er denn von dir denken?"

Corrina schrak zusammen und wandte den Blick wieder ihrer Freundin zu.

"Dieser Mann da vorne...", stieß sie aufgeregt hervor. "Das ist kein Zufall, dass er hier auftaucht. Er verfolgt mich!"

"Was?" Betty lachte leise. "So viel Wein hast du doch noch gar nicht getrunken."

"Betty, ich rede keinen Unsinn. Ich habe den Kerl in den letzten zwei Tagen fünfmal gesehen. Dauernd war er irgendwo in der Nähe. Als ich vorhin das Haus verließ, kam er wie zufällig die Straße entlanggeschlendert. Und jetzt taucht er hier auf. Hältst du das vielleicht für einen Zufall?"

Betty drehte sich noch einmal um. Da der Fremde gerade in ihre Richtung blickte, winkte sie nach dem Ober, um nicht aufzufallen und bestellte sich ein weiteres Glas Orangensaft.

"Schlecht sieht er jedenfalls nicht aus", sagte sie, als sie sich wieder Corrina zuwandte. "Und reich scheint er auch zu sein. Schau dir nur mal seinen Anzug an. Wenn der von der Stange stammt, fress ich einen Besen. Der ist maßgeschneidert. Ich hätte überhaupt nichts dagegen, von so einem Mann verfolgt zu werden."

"Du nimmst mich ja überhaupt nicht ernst", protestierte Corrina wütend. "Verdammt, der Kerl macht mir wirklich Angst. Warum läuft der hinter mir her?"

Betty schüttelte mitleidig den Kopf.

"Kannst du dir das nicht denken? Das ist ein schüchterner Verehrer und ich an deiner Stelle würde versuchen, ihn an Land zu ziehen. Nur wegen Peter darfst du dich jetzt auf keinen Fall in ein Schneckenhaus verkriechen."

"Ich habe aber keine Lust, mich von einem Unbekannten verfolgen zu lassen", entgegnete Corrina noch immer etwas zornig. "Wenn er was von mir will, dann soll er es sagen oder mich in Ruhe lassen, wenn er zu feige dazu ist. Komm, lass uns gehen."

„Meinetwegen“, willigte Betty seufzend ein. Dabei verdrehte sie in gespieltem Bedauern die Augen. Sie bezahlten und erhoben sich von ihren Plätzen. Beim Hinausgehen würdigte Corrina den Unbekannten keines Blickes, obwohl die Versuchung groß war, ihn noch einmal genau zu betrachten. Beinahe gegen ihren Willen musste sie sich eingestehen, dass er wirklich geradezu unverschämt gut aussah.

Besorgt stellte sie sich die Frage, ob Betty mit ihrer Vermutung Recht hatte, oder ob der Mann sie aus ganz anderen Gründen verfolgte.

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Am nächsten Tag hatte Corrina viel in der Redaktion zu tun und saß fast die ganze Zeit an ihrem Schreibtisch in dem Großraumbüro. Schreibmaschinengeklapper und leise Gesprächsfetzen erfüllten den Raum.

Sie hielt sich nicht gerne länger als unbedingt nötig hier auf. Alles war so unpersönlich und kalt, außerdem lag das Büro von Mr. Jackson, dem Chefredakteur, ein wenig erhöht und war nur durch Glasscheiben abgetrennt, sodass sie sich ständig beobachtet fühlte. Natürlich war es nicht verboten, sich mit Kollegen zu unterhalten, aber sobald Jackson den Eindruck gewann, dass jemand auf diese Art seine Pause verlängerte, gesellte er sich wie durch Zufall hinzu und unterbrach die Gespräche auf diese Art, wenn er auch allgemein ein netter Bursche war, mit dem man gut auskommen konnte.

Aber Corrina war lieber zu irgendwelchen Recherchen unterwegs. Dann fühlte sie sich freier und konnte tun, was sie wollte. Insbesondere mochte sie die langweilige Schreibtischarbeit nicht, aber manchmal ließ sie sich nicht umgehen und da an diesem Tag schlechtes Wetter herrschte, wollte sie endlich das Aktenmaterial durcharbeiten, das sich schon seit Tagen auf ihrem Schreibtisch türmte. Mit einigen nicht so dringenden Artikel befand sie sich zeitlich bereits ziemlich im Rückstand. Lustlos tippte sie auf ihrer Schreibmaschine und stellte anhand einiger Prospekte einen Kulturkalender für die nächste Woche zusammen.

Es ging auf drei Uhr nachmittags zu, als der Unbekannte die Redaktion betrat. Auch jetzt war er wieder in einen maßgeschneiderten Anzug gekleidet, der ihm hervorragend stand, wie sie zugeben musste. Wie versteinert blickte Corrina ihn an. Was erdreistete sich der Kerl, jetzt sogar hier aufzutauchen und sie zu belästigen? Wenn er jetzt zu ihr kam, würde sie ihm einmal gehörig die Meinung sagen.

Aber er trat nicht an ihren Tisch, auf seinem Gesicht zeichnete sich sogar ein wenig Erstaunen ab, als er sie erblickte.

Darauf aber fiel Corrina Davis nicht herein. Natürlich verstellte er sich nur. Sie beobachtete, wie er zu einer Kollegin trat und ein paar Worte mit ihr wechselte. Sie deutete auf das Treppchen, das zu Mr. Jacksons Büro führte. Der Fremde bedankte sich mit einem knappen Nicken. Er steuerte das Büro des Chefredakteurs an, klopfte und trat ein. Jackson bot ihm einen Stuhl an, wie Corrina überrascht sah.

Neugier keimte in ihr auf. Was wollte der Kerl von ihrem Chef? Sie sah, wie er durch die Glasscheiben ein paarmal zu ihr herüberblickte und auch Jackson schaute einmal knapp in ihre Richtung. Also sprachen die beiden offenbar über sie. Beschwerte sich der Fremde etwa unter irgendeinem Vorwand über sie, um sie auf diese Art kennenzulernen? Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen, obwohl theoretisch alles denkbar war.

Gerne hätte sie ihre Kollegin gefragt, was der Mann gesagt hätte. Aber es wäre aufgefallen, wenn sie jetzt aufgestanden und hinübergegangen wäre.

Der Unbekannte blieb nicht lange. Schon nach ein paar Minuten stand er wieder auf und trat aus dem Büro. Während er die Redaktion durchquerte, schaute er noch ein paarmal in Corrinas Richtung.

Kaum war die Tür hinter ihm zugefallen, wollte sie aufstehen und zu ihrer Kollegin gehen, aber da läutete das Telefon auf ihrem Schreibtisch. Jackson befand sich am anderen Ende.

"Kommen Sie bitte in mein Büro, Miss Davis", ordnete er an und legte wieder auf.

Von widersprüchlichen Gefühlen erfüllt, machte Corrina sich auf den Weg. Nun würde sie ja erfahren, was der Fremde gewollt hatte. Unsicher musterte sie Jacksons scharfgeschnittenes Gesicht. Es zeigte keinen Ärger, also würde es wohl nichts Schlimmes sein. Zu ihrer Überraschung erwähnte der Chefredakteur seinen Besuch allerdings mit keinem Wort.

"Setzen Sie sich, forderte er sie auf. "Wie Sie wissen, wird in der Galerie zehn heute Abend eine Ausstellung mit Bildern von Robert Caine eröffnet. Ich möchte, dass Sie hinfahren und darüber berichten. Dafür können Sie den Rest des Tages freinehmen."

"Ich denke, das sollte ein Agenturbericht werden?", wandte Corrina ein.

"Ich habe umgeplant. Caine ist eines der großen kommenden Talente in der Malerei. Er feiert bereits internationale Erfolge, nur hier ist er bislang sträflich vernachlässigt worden, obwohl er Spitzenhonorare für seine Bilder erzielt. Wenn er nicht so zurückgezogen leben würde, könnte er bereits eine Berühmtheit sein. Mit einem Exklusivartikel werden wir ihm den Weg ebnen. Wie ich erfahren habe, wird er heute Abend persönlich anwesend sein."

"Glauben Sie denn, dass er sich für ein Interview zur Verfügung stellen wird?"

"Er hat sich einverstanden erklärt. Das war's, was ich Ihnen sagen wollte, Miss Davis. Ich rechne morgen mit Ihrem Artikel."

Einen Moment überlegte Corrina, ob sie sich nach dem Mann erkundigen sollte, der gerade hier gewesen war, entschied sich aber dagegen. Sie wollte nicht aufdringlich erscheinen, da Jackson nicht von sich aus darüber sprach. Verwirrter als zuvor verließ sie das Büro.

Jetzt erkundigte sie sich bei ihrer Kollegin, was der Unbekannte gewollt hätte.

"Er hat nur nach Mr. Jacksons Büro gefragt", bekam sie zur Antwort.

"Hat er denn seinen Namen nicht genannt oder gesagt, um was es geht?"

"Nein, nichts dergleichen. Wieso interessiert dich das so?"

"Ach, nur so", erklärte Corrina ausweichend. "Ich meine ihn schon einmal gesehen zu haben, aber das kann auch eine Täuschung sein."

Zahlreiche Fragen schwirrten ihr durch den Kopf, als sie sich auf den Heimweg machte.

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Der Name >Galerie zehn< war von der Hausnummer des Gebäudes abgeleitet, in dessen weitläufigem Erdgeschoß sich die Ausstellungsräume befanden.  Es war eine der bekanntesten Galerien Europas. Künstler aus aller Welt rissen sich darum, ihre Werke hier ausstellen zu dürfen. Wer hier akzeptiert wurde, der zählte zu den internationalen Spitzenkönnern.

Die Innenarchitektur des Gebäudes stellte eine gekonnte Kombination von alten und neuen Baustilen dar. Zahlreiche Sitzgruppen luden dazu ein, Platz zu nehmen, um die Bilder in den vielen Räumen in Ruhe zu betrachten.

Corrina war einige Minuten zu früh eingetroffen und musste sich zusammen mit den vielen anderen geladenen Gästen in einer Vorhalle gedulden. Sie kannte viele der Anwesenden und vertrieb sich die Zeit bis zur Eröffnung mit belanglosen Gesprächen.

Dann war es endlich so weit, dass der Besitzer der Galerie an ein Rednerpult trat und die Gäste willkommen hieß. Zu seinem Bedauern sei Mr. Caine trotz mehrfacher Einladung nicht eingetroffen, sodass der Maler die Ausstellung nicht persönlich eröffnen könne.

Corrina war enttäuscht, aber dem unruhigen Gemurmel um sie herum konnte sie entnehmen, dass es ihr nicht allein so ging. Robert Caine schien ziemlich exzentrisch zu sein. Jedenfalls vermochte er sein Inkognito nun schon lange Zeit zu wahren. Er gab keine Interviews und zeigte sich nie in der Öffentlichkeit. Es existierte nicht einmal ein öffentliches Foto von ihm. Entweder scheute er jeden Rummel oder seine Geheimniskrämerei stellte eine gezielte Werbekampagne dar.

Es hätte Corrina fast überrascht, wenn er heute Abend wirklich gekommen wäre. Anderseits aber war er doch mit einem Interview einverstanden gewesen. Sie begriff nicht, warum er Jackson überhaupt zugesagt hatte, wenn er nun sein Versprechen brach.

Der Besitzer der Galerie hielt eine kurze Rede über Caines Werk und seinen Einfluss auf die moderne Malerei, bevor er die Ausstellung endlich eröffnete.

Corrina ging erst einmal durch alle Räume, um sich einen Überblick zu verschaffen. Dann nahm sie sich die einzelnen Bilder genauer vor. Einige kannte sie bereits als Fotographien aus verschiedenen Katalogen, aber es war ein ganz anderes Erlebnis, die Gemälde im Original zu sehen. Fast alle gefielen ihr. Einige wichtige Anmerkungen für ihren Artikel schrieb sie in ein Notizbüchlein, das sie stets bei sich trug.

Vor einem Bild, das sie besonders beeindruckte, blieb sie längere Zeit stehen. Es zeigte eine sturmgebeutelte Küstenlandschaft in Cornwall. Finstere Wolkenbänke jagten über den Himmel und verdeckten den Mond. Der Sturm schmetterte haushohe Wellen gegen die Klippen, wo sie zu schäumender Gischt zerstoben.

Corrina bewunderte den Pinselstrich des Malers und die Detailtreue mit kunstgeübtem Auge.

"Ein schönes Bild, nicht wahr?", vernahm sie eine wohlklingende Stimme. Als sie sich umdrehte, stand der Unbekannte hinter ihr, den sie am Nachmittag noch in der Redaktion gesehen hatte. Sie wollte aufbrausen und ihm an den Kopf werfen, was sie davon hielt, wenn jemand sie so dreist verfolgte, aber sein jugendliches Lächeln und ein Blick in seine dunklen Augen verwirrten sie und bliesen ihren Ärger fort.

"Wirklich... schön", sagte sie stockend und wandte ihren Blick wieder dem Bild zu, damit der Fremde ihre Unsicherheit nicht bemerkte. Verflixt, was war mit ihr los, dass sie in Gegenwart eines Mannes, den sie nicht einmal kannte, wie ein junges Mädchen beim ersten Rendezvous ins Stammeln geriet und rot wurde? Warum sagte sie ihm nicht, was sie von ihm hielt?

"Schön ja, aber mir erscheint es etwas leblos", fuhr er fort. "Ein Mensch sollte auf den Klippen stehen und aufs Meer hinausschauen, das würde dem Bild erst Leben und Aussage verleihen."

"Das finde ich nicht", widersprach Corrina und versuchte ihre Selbstsicherheit zurückzugewinnen. "Gerade die ungebrochene Kraft der Naturgewalten fasziniert mich. Ein stillstehender Mensch würde für meinen Geschmack zu viel Ruhe hineinbringen."

Sie wusste nicht, ob sie sich darüber freuen sollte, dass der Mann sie endlich angesprochen hatte. Er erwähnte mit keinem Wort, dass er ihr in den letzten Tagen gefolgt war. Sie wollte ihn nach seinem Namen fragen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt. Also gut, entschied Corrina. Dann würden sie sich eben über das Bild unterhalten. Die Kunst war ihr Fachgebiet, da kannte sie keine Hemmungen. Irgendwann würde er seine Scheu schon überwinden und sein mehr als sonderbares Verhalten erklären.

Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion zwischen ihnen. Corrina vertrat weiterhin ihre Ansicht, dass eine Person auf dem Bild den Zauber der Landschaft zerstören würde, während das Bild dem Unbekannten in seinem jetzigen Zustand ein wenig steril erschien.

"Sie vertreten ihre Meinung recht überzeugend", lobte er schließlich. "Trotzdem denke ich, dass ich es ändern werde. Schließlich bin ich der Maler."

Corrina erstarrte, als hätte man sie mit Eiswasser übergossen. Ungläubig riss sie die Augen auf.

"Sie sind..."

Warnend legte der Mann den Zeigefinger an die Lippen und blickte sich hastig um, doch glücklicherweise hielt sich gerade niemand in der Nähe auf.

"Nicht so laut", bat er. "Ja, ich bin Robert Caine."

"Aber wieso... warum..." Verwirrt brach Corrina ab. Die Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf, aber sie war nicht in der Lage, sich zu artikulieren.

"Warum ich mich nicht öffentlich zu erkennen gebe?", vollendete Caine den Satz an ihrer Stelle. "Ich mag den ganzen Rummel nicht. Solange keine Fotos von mir kursieren, kann ich mich überall frei bewegen, ohne erkannt zu werden. Wenn ich meine Adresse bekannt gäbe, käme ich kaum noch zum Arbeiten. Man würde mich um Interviews bitten, Fernsehauftritte, andere Maler würden mich besuchen, um Tipps zu erhalten und vieles mehr. So wie jetzt fühle ich mich viel wohler. Selbst bei meinen eigenen Ausstellungen kann ich mich unerkannt unter die Leute mischen und ihre ehrliche Meinung erfahren. Alles Geschäftliche regelt meine Agentur für mich."

"Aber Mr. Jackson gegenüber sind Sie von Ihrem Kurs abgewichen", wandte Corrina ein. "Sie haben ihm ein Interview zugesagt."

"Ja, das habe ich", gab Caine zu. "Allerdings habe ich ihm nicht gesagt, wer ich bin. Mir ging es nur darum, Sie kennenzulernen."

"Gesehen haben wir uns ja schon ein paarmal", gab Corrina anzüglich zurück. "Sie hätten mich auch längst schon ansprechen können, wenn es Ihnen nur darum gegangen wäre. Warum wollen Sie überhaupt mit mir reden und weshalb haben Sie mich beobachtet?"

"Das ist eine komplizierte Geschichte", antwortete der Maler seufzend. "Hier sind zu viele Leute, um in Ruhe darüber zu sprechen. Sind Sie einverstanden, wenn ich Sie zum Essen einlade? Dann können wir uns ungestört über alles unterhalten und Sie können auch Ihr Interview mit mir führen."

"Gut", willigte Corrina ein. "Gehen wir gemeinsam etwas essen. Aber ich warne Sie: ich habe ein paar recht unangenehme Fragen auf Lager."

"Das", erwiderte Robert Caine lächelnd, "kann ich mir gut vorstellen. Aber es scheint, als wäre ich Ihnen in der Tat eine Reihe Erklärungen schuldig."

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Robert Caine führte sie in eines der vornehmsten Lokale der Stadt. Anfangs sträubte sich Corrina, aber er lächelte nur und erklärte ihr mit jeder Logik entbehrendem Humor, dass er ihretwegen schließlich auch in das >Paradise< gegangen wäre, das er normalerweise keines Blickes würdigen würde. Gegen solche Unlogik war kein Kraut gewachsen, sodass sie sich fügte.

Nun saßen sie sich an einem Ecktisch gegenüber, nachdem sie gerade ihre Bestellung aufgegeben hatten und der Kellner sich mit den Speisekarten unter dem Arm in Richtung der Küche entfernte.

"Warum sind Sie mir in den letzten Tagen gefolgt?", fragte Corrina. Sie wollte nicht erst höflich um den heißen Brei herumreden und ihm Gelegenheit zu Ausflüchten geben, sondern fiel direkt mit der Tür ins Haus. Ihre Scheu vor dem berühmten Maler war geschwunden; sie hatte ihre gewohnte Selbstsicherheit zurückgewonnen. Sie war diejenige, die die Fragen stellte und das verlieh ihr sogar ein Gefühl der Überlegenheit.

Robert Caine seufzte. Er griff in die Innentasche seines Jacketts und zog eine Brieftasche heraus. Als er sie aufklappte, kam ein Foto zum Vorschein, das er Corrina über den Tisch reichte. Sie betrachtete es kurz und legte es dann achtlos zur Seite.

"Wann haben Sie das aufgenommen? Ich kann mich nicht erinnern, von Ihnen fotografiert worden zu sein."

"Das Foto entstand vor mehr als drei Jahren", antwortete Caine mit genau berechneter Ruhe. Lauernd beobachtete er ihre Reaktion.

"Sie lügen", behauptete Corrina und zwang sich ebenfalls zur Ruhe. "Vor drei Jahren habe ich mein Haar noch viel kürzer getragen."

"Das mag sein. Ich habe ja auch nicht gesagt, dass Sie die Frau auf dem Bild sind."

Unsicher geworden griff sie nach dem Foto und betrachtete es noch einmal, diesmal viel genauer als beim ersten Mal. Es stimmte, die Frau auf dem Bild hatte weniger Sommersprossen, die Lippen waren ein wenig voller und ein Kleid, wie die Unbekannte es trug, hatte Corrina nie besessen.

Aber ansonsten...

Die Ähnlichkeit war beängstigend. Auch jetzt hatte sie noch fast den Eindruck, in einen Spiegel zu schauen. Die Frau hatte die gleichen wallenden, blonden Haare, wie Corrina jetzt. Das Gesicht war dem ihren bis auf die winzigen Unterschiede genau nachempfunden. Man hätte sie für Zwillingsschwestern halten können.

Der Anblick zerbrach Corrinas gerade erst zurückgewonnene Sicherheit. Sie gab dem Maler das Foto zurück, konnte aber nicht verhindern, dass ihre Hände dabei zitterten.

"Wer ist die Frau?"

"Sie heißt Jennifer. Ich war ein Jahr mit ihr verheiratet, bevor sie mich plötzlich verließ. Das war wenige Tage, nachdem das Foto aufgenommen wurde. Ich habe seither nichts mehr von ihr gehört." Robert Caine zündete sich eine Zigarette an und sprach rasch weiter, als er merkte, dass Corrina etwas sagen wollte. "Es war keine glückliche Ehe. Jennifer war ein personifizierter Teufel, aber das habe ich erst zu spät bemerkt. Es war wie eine Erlösung, als sie verschwand. Ich habe ihr keine Träne nachgeweint."

"Als Sie mich zum ersten Mal sahen, dachten Sie, ich wäre ihre Frau", vermutete Corrina.

Caine nickte.

"Ja, ich war mir sogar sicher. Deshalb bin ich Ihnen gefolgt. Eine solche Ähnlichkeit konnte kein Zufall sein. Ich wollte sehen, wie Sie reagieren. Dann aber wurde mir recht schnell bewusst, dass es sich doch um Zufall handelte. Ich wusste nicht, dass Sie bei einer Zeitung arbeiten. Als ich Sie heute Mittag in der Reaktion erblickte, wurde mir der Irrtum bewusst. Jennifer hätte überhaupt nicht das Niveau, sich in so einem Beruf zu behaupten."

"Danke für das Kompliment", sagte Corrina. "Allmählich wird mir einiges klar. Aber warum sind Sie überhaupt in die Redaktion gekommen?"

"Ich trat als mein eigener Agent auf und wollte etwas wegen des Berichts über die Ausstellung besprechen. Ihr Chefredakteur erwähnte dann Ihren Namen und Ihre Aufgabe als Kunstkritikerin. Da stellte ich ihm ein Interview in Aussicht, um sicherzugehen, dass er Sie schicken würde. Ich wollte mich bei Ihnen auf alle Fälle für mein Verhalten entschuldigen."

"Das hätten Sie auch einfacher haben können."

"Sicher hätte ich das. Aber ich wollte Sie gerne auch kennenlernen. Sie sind genauso hübsch wie Jennifer, aber ansonsten scheinen Sie das genaue Gegenteil von ihr zu sein. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir Freunde werden könnten."

"Nur Freunde?", fragte Corrina mit spöttischem Unterton. Sie verspürte plötzlich das Bedürfnis, ihm wehzutun. Vielleicht entstammte es der Hilflosigkeit, die sie ihm gegenüber empfand. Ein wenig kam sie sich wie eine Marionette vor, deren Fäden er in der Hand hielt. Sie war so durcheinander, wie schon seit langem nicht mehr und tief in ihrem Inneren wusste sie, was mit ihr geschah.

Sie hatte sich verliebt, auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte. Dieser Mann übte eine fast magische Wirkung auf sie aus und obwohl sie sich noch dagegen wehrte wusste sie doch, dass sie diesen Kampf längst verloren hatte.

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Am nächsten Morgen kam Corrina erst um mehr als eine Stunde zu spät in die Redaktion. Sie war lange mit Robert Caine zusammen gewesen und irgendwann hatte sie aufgehört, gegen ihre Gefühle anzukämpfen. Es war Liebe auf den ersten Blick und ein wahrer Gefühlssturm durchtobte sie, sobald sie nur an ihn dachte. Wenn es jemals zwei Menschen gegeben hatte, die füreinander bestimmt waren, dann sie beide, davon war Corrina überzeugt.

Gemeinsam waren sie durch zahlreiche Bars und Clubs gezogen und obwohl es bereits weit nach Mitternacht war, als Robert sie schließlich nach Hause fuhr, hatte sie nicht schlafen können. Nachdem sie eine halbe Stunde hellwach im Bett gelegen und an Robert gedacht hatte, war sie wieder aufgestanden und hatte das Interview abgetippt, dass sie zuvor stenographisch festgehalten hatte. Auch den mehrspaltigen Artikel über die Ausstellung hatte sie noch in der Nacht geschrieben.

Mr. Jackson bestellte sie sofort in sein Büro. Seinem Gesicht zufolge schien er an diesem Tag besonders schlechte Laune zu haben. Wie eine fette Spinne hockte er hinter seinem Schreibtisch und blickte sie an, als ob er sie fressen wollte.

"Wenn Sie schon auf eigene Faust Recherchen durchführen, könnten Sie wenigstens anrufen und Bescheid sagen, Miss Davis", brummte er. "Ich will zu Ihren Gunsten mal annehmen, dass Sie die vergangene Stunde mit  Recherchen beschäftigt gewesen sind."

"Nein", erwiderte Corrina kühl. "Ich habe verschlafen. Schlicht und einfach verschlafen."

"Verschla..." Jackson schnappte nach Luft. Er sah aus, als stünde er dicht vor einem Herzinfarkt. Sein Gesicht lief rot an. "Das sagen Sie mir so einfach? Ich bezahle Sie nicht fürs Schlafen. Sie sollten schon längst an Ihrem Schreibtisch sitzen und an dem Bericht über die Ausstellung arbeiten. So einen Schlendrian lasse ich auch bei Ihnen nicht durchgehen."

Corrina verbiss sich mühsam ein Lächeln. Sie wusste, dass Jackson es nicht so meinte. Er war viel zu gutmütig, um ernsthaft böse zu werden. Wenn er schlechte Laune hatte, spielte er sich gerne auf, aber sie hatte längst begriffen, dass das nicht ernst zu nehmen war. Sie öffnete ihre Tasche und nahm einige Blätter heraus, die sie vor ihn auf den Tisch legte.

"Der Bericht und das Interview", kommentierte sie.

Jacksons Augen leuchteten auf. Seine schlechte Laune war mit einem Schlag verschwunden.

"Sie haben tatsächlich ein Interview bekommen und schon fertig geschrieben? Wunderbar, ich nehme alles zurück, was ich gesagt habe, Sie Goldkind. Haben Sie auch ein Foto von Caine?"

"Nein, das wollte er nicht. Er bleibt allerdings noch eine Woche in London und wäre bereit, sich in zwei Stunden noch einmal mit mir zu treffen."

Jackson reagierte genau, wie sie gehofft hatte. "Gehen Sie auf jeden Fall hin", beschwor er sie. "Versuchen Sie so viel wie möglich zu erfahren."

Corrina lächelte zufrieden, als sie das Büro verließ. Zur verabredeten Zeit traf sie sich mit Robert Caine. Er hatte ihr einen großen Strauß Rosen mitgebracht.

Sie verbrachten fast den ganzen Tag zusammen und trafen sich auch an den folgenden so oft wie möglich. Die Woche verging wie im Flug. Corrina wusste, dass die schöne Zeit nicht ewig währen würde, aber sie verdrängte jeden Gedanken an eine Trennung. Leider konnte sie der Wirklichkeit damit nicht entfliehen.

"Morgen Nachmittag kehre ich nach Gorlwingham zurück", sagte Robert Caine eines Abends.

"Morgen schon?" Trauer überkam Corrina.

"Ich bin bereits einen Tag länger geblieben, als ich vorgesehen hatte. Noch länger kann ich die Abreise nicht aufschieben. Außerdem..." Er zögerte kurz. "Außerdem ertrage ich die Großstadt nicht auf Dauer. Ein paar Tage, ja, aber nicht länger. Ich bin ein Naturkind, das weißt du doch. Schon jetzt habe ich wieder Sehnsucht nach Cornwall."

"Und ob ich Sehnsucht nach dir habe, interessiert dich wohl nicht", stieß Corrina aufgeregt hervor. Die traurige Nachricht ließ sie zornig werden. Sie sprach härter, als sie beabsichtigt hatte, aber Robert blieb ruhig.

"Doch", erwiderte er. "Das interessiert mich sehr und auch ich würde mich ohne dich sehr einsam fühlen. Deshalb möchte ich dir einen Vorschlag machen. Warum kommst du nicht mit mir?"

Sie griff nach seiner Hand und drückte sie fest. Tränen traten in ihre Augen. Ihr Wutausbruch tat ihr schon wieder leid.

"Das würde ich sehr gerne", sagte sie. "Aber es geht nicht und das weißt du. Du bist an keinen festen Ort gebunden, aber ich habe einen Beruf und kann nicht so einfach weg."

"Dann ist der Beruf für dich also wichtiger als ich es bin?"

"Nein, so habe ich das nicht gemeint. Ich meine ja nur... ich wollte sagen..." Sie verlor den Gesprächsfaden und brach ab. Ein unterdrücktes Schluchzen kam über ihre Lippen.

"Du kannst dir doch bestimmt eine Weile freinehmen", schlug Robert vor. "Dieser Jackson machte auf mich den Eindruck, als ob man mit ihm reden könnte."

"Ja, vielleicht." Corrina griff nach einem Taschentuch und trocknete sich die Tränen ab. "Ein oder zwei Wochen könnte ich bestimmt herausholen, vor allem, wenn ich ihm noch einen Artikel über dich verspreche. Aber das wäre auch nur ein Aufschub. Hinterher würde mir der Abschied nur noch schwerer fallen."

"Unsinn", rief Robert laut. "Du sollst Gorlwingham zumindest einmal kennenlernen. Falls es dir gefallen sollte, kannst du dir noch überlegen, ob du bleiben möchtest. Zur Not musst du dann kündigen. Sollten wir irgendwann merken, dass wir doch nicht zusammenpassen, kann ich dir jederzeit einen neuen Posten bei einer Zeitung beschaffen. Für meinen Agenten ist das ein Kinderspiel. Er braucht nur ein paar Anrufe dafür."

"Das möchte ich nicht", lehnte Corrina ab. "Ich habe bislang alles aus eigener Kraft erreicht und so soll es auch bleiben."

"Ach was, wenn du durch mich deinen Job verlierst, ist es wohl nur recht und billig, wenn ich für einen Ersatz sorge. Aber wir sollten nicht gleich das Schlimmste annehmen. Ich bin überzeugt, dass wir miteinander sehr glücklich werden können."

Corrina schöpfte wieder Hoffnung. Der Vorschlag gefiel ihr immer besser.

"Meinst du das wirklich?"

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920499
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juni)
Schlagworte
wenn todesglocke

Autor

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Titel: Wenn die Todesglocke läutet