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Die Raumflotte von Axarabor #18 - Die entartete Sonne

von Wilfried A. Hary (Autor) Marten Munsonius (Autor)

2018 100 Seiten

Leseprobe

Die Raumflotte von Axarabor #18 - Die entartete Sonne

Axarabor, Volume 18

Wilfried A. Hary and Marten Munsonius

Published by Cassiopeiapress Extra Edition, 2018.

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Die entartete Sonne

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DIE RAUMFLOTTE VON Axarabor -  Band 18

von Wilfried A. Hary & Marten Munsonius

Der Umfang dieses Buchs entspricht 68 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Die H.I.M. war eine optimierte Kreuzung zwischen einem Kriegs- und einem Forschungsschiff. Obwohl jeder an Bord geschworen hätte, es handele sich wirklich ausschließlich um ein Wissenschaftsschiff. Weil es ausschließlich wissenschaftlichen Zwecken diene. Dass es außerdem auch noch kampfstark war, das diene lediglich dem persönlichen Schutz, weil man sich immerhin in Regionen wagte, in denen tödliche Gefahr drohte oder die zumindest eben noch nicht erforscht waren.

Oder in eine Region, deren Erforschung zwar vor achtzig Jahren in Angriff genommen worden war, doch bislang ohne Ergebnis, wie in dem gegenwärtigen Fall!

Das lag einfach daran, dass dieses damalige Forschungsschiff bis heute nicht zurückgekehrt war...

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Copyright

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author COVER: 300AD 123rf Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Unglück!

Glück hält es allein am Leben.

Glück!

Alles Unglück birgt sich darin...

Weiß jemand, wo das endet?

Gibt es eine universelle Ordnung?

Denn wisse: Ordnung kann sich ins Ungewöhnliche verkehren.

Selbst Gutes – es kann sich ins Absonderliche verkehren...

Und dann – dann dauert die Verwirrung

des Menschen eine Ewigkeit.

Und das ist eine wahrlich lange Zeit

(Dem Wissen der GUTEN ALTEN ERDE zugeschrieben)

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DIE BERECHTIGTE FRAGE von Captain Croft, bevor er den Auftrag übernommen hatte, nachzusehen, was aus dem damaligen Forschungsschiff überhaupt geworden war: „Wieso erst nach achtzig Jahren? Wieso hat man sich darum nicht schon vorher gekümmert?“

Die Antwort war mehr als unbefriedigend ausgefallen: „Das Forschungsschiff DOWNSTAR war damals im geheimen Auftrag unterwegs gewesen. Sie wissen ja, wie das bei geheimen Aufträgen so abläuft: Sowohl bei Erfolg als auch bei Misserfolg muss das auf jeden Fall geheim bleiben.“

„So geheim, dass man jegliche Rettungsaktion vermied?“

„So wird es wohl gewesen sein. Immerhin wissen wir nach achtzig Jahren zwar, dass es sich eben um einen Geheimauftrag gehandelt haben muss, aber nicht, wie der eigentlich lautete.“

„Über die reine Erforschung sogenannter Zombie-Sterne hinausgehend?“, hatte sich Captain Croft vergewissert.

Der Admiral hatte ihm nur stumm zugenickt.

Ein Gespräch unter vier Augen. Klar. Ohne Aufzeichnungen. Genauso klar. Er würde sich also niemals darauf berufen können. Offiziell waren sie einfach nur deshalb auf dem Weg hierher, um das angeblich bisher Versäumte nachzuholen: Diesen Stern näher in Augenschein zu nehmen.

Immerhin einer der sagenhaften Zombie-Sterne, die schon vor vielen Jahrtausenden entdeckt worden waren, von einer Erde aus, die damals noch gar nicht so richtig Raumfahrt betrieben hatte. Es sei denn, die Erdumlaufbahn und Sonden in den Tiefen des Sonnensystems sollte man bereits als Raumfahrt werten. Was aus heutiger Sicht gesehen jedoch eher... lächerlich erschienen wäre!

Zudem blieb die Frage, ob es diesen Planeten Erde wirklich gegeben hatte.

Das wäre ja gerade so gewesen, als würde man das erste Rad kurz nach seiner Erfindung gleich setzen mit einem Rennwagen. Der hatte zwar auch Räder...

Captain Croft ging noch einmal durch den Kopf, was man inzwischen über Zombie-Sterne wusste: Sie waren eigentlich schon tot, weil ausgebrannt. Eigentlich. Und wieso strahlten sie dann immer noch? Bei den bisher erfolgten Forschungen war die Frage zumindest dahingehend beantwortet worden: Ein solcher Stern wurde am Ende seiner Lebenszeit zur Nova oder gar zur Supernova. Genauso wie die meisten normalen Sterne. Mit einem gravierenden Unterschied, und das hatten Forscherteams bereits unmittelbar vor Ort genauestens anmessen können: Dabei vergrößerte sich die abgegebene Lichtfülle nur unmaßgeblich im Verhältnis zu „normalen“ Supernovaen, allen Vorhersagen zum Trotz. Deshalb wohl wurden sie von den Astronomen, damals vor tausenden von Jahren, erst einmal gar nicht zur Kenntnis genommen.

Und dann wurde es sogar noch merkwürdiger: Die Helligkeit nahm wieder ab, ging herunter bis unter die vorangegangene Marke, um bei einer erneuten Schockwelle zur nächsten Supernova zu werden.

Das ging immer so weiter. Mit anderen Worten: Der Stern starb, erwachte anschließend quasi zu neuem Leben und starb erneut, in einem immer wiederkehrenden Rhythmus, der sich im Wochentakt bis zum Monatstakt einpendeln konnte.

Ihr Zielstern mit der Katalognummer i89-lb22-3 war also ein solcher Zombie-Stern. Allerdings mit einer weiteren unerklärbaren Abweichung. Nun, wenn man bedachte, dass Zombie-Sterne an sich schon eine unerklärbare Absonderlichkeit darstellten, bis heute wohlgemerkt, trotz aller Versuche, dem Phänomen auf den Grund zu kommen, war also ihr Zielstern auch noch eine Ausnahme unter den Ausnahmen.

Und wieso war das vorangegangene Forschungsschiff vor achtzig Jahren im Geheimauftrag unterwegs gewesen?

Captain Croft hätte nie zugegeben, besonders neugierig zu sein, aber... er war es auf jeden Fall! Sonst hätte er wahrscheinlich kein als Wissenschaftsschiff getarntes Forschungs-Kriegsschiff befehligt.

Und dann tauchte die H.I.M. aus dem Überlichtfeld am Ziel auf. Dort, wo sich normalerweise die habitable Zone erstreckte, also am Rande der Massenballung auf einer der gedacht flachen Seite.

Nur waren sie jetzt gar nicht am Rande der Massenballung – und vor allem, wo sollte es hier überhaupt so etwas wie eine habitable Zone geben, bei einem Zombie-Stern, der rhythmisch starb, um danach zu neuem Leben zu erwachen?

Sie fanden sich jedenfalls mitten in der ultraheißen Gashülle einer TYP-II-Supernova wieder.

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GEISTESGEGENWÄRTIG wie eine Bord-KI konnte wirklich kein Mensch sein. Sicherlich hatten alle an Bord ihrer Bord-KI deshalb ihr Leben zu verdanken, denn die KI schaltete sofort die Schutzschirme ein. Auf volle Kraft!

Das war allerdings nur möglich, weil Captain Croft vorgebaut hatte. Ein Überlichtfeld, wie es von einigen Wissenschaftlern veranschaulichend genannt wurde, ließ nur einen eingeschränkten Schutz zu. Die dabei aufgewendete Energie störte den Sprung. Daher wurde in der Regel während eines Sprunges auf Schutzfelder generell verzichtet.

Was ja nicht hieß, dass man sie nicht so vorbereiten konnte, dass sie in Sekundenbruchteilen nach dem Verlassen des Überlichtfeldes aktiv werden konnten.

Wie jetzt!

„Voller Kraft zurück!“, befahl Captain Croft heiser.

Seine Stimme wurde im gesamten Schiff übertragen. Da sie einen echten Zombie-Stern zum Ziel gehabt hatten, war das Schiff sowieso in Alarmbereitschaft. Weil natürlich niemand garantieren konnte, dass eine Annäherung an ein solches kosmisches Phänomen ungefährlich war. Sowieso.

In fieberhafter Eile wurde alles getan, um dem Schiff die Flucht zu ermöglichen, doch die Anzeigen an der Kommunikationswand in der Hauptzentrale sprachen eine überdeutliche Sprache: Die Schutzschirme waren auch bei voller Aktivierung nicht in der Lage, lange das Schiff zu schützen. Immerhin im Innern einer auseinanderstiebenden Glutwolke während einer gerade erfolgenden Supernova!

Wobei es Captain Croft jetzt wunderte, wieso sie überhaupt noch lebten. Denn die Schutzschirme hätten eigentlich nur für Sekunden ausreichend sein sollen.

Aus der schnellen Flucht jedenfalls wurde nichts. Denn erstens wussten sie überhaupt nicht, ob das die richtige Richtung war, weil sämtliche Ortungsversuche scheiterten, und zweitens hätte voller Schub ein Ausschalten der Schutzschirme bedingt. Also konnten sie sowieso nur mit vermindertem Schub versuchen, der tödlichen Falle zu entkommen.

Zumindest die Richtung stand fest, in der die Glutmoleküle auseinanderstieben. Da sich eine Supernova annähernd kugelförmig ausbreitete, erschien klar, wieso sie mitten drin materialisiert waren. Weil es jetzt überhaupt keine Scheibenanordnung des Systems mehr gab.

Ja, war es denn nicht sogar häufig, dass Zombie-Sterne gar kein System mehr hatten?

Man musste sich vorstellen: So ein Stern explodierte. Ein Kern blieb zurück, während eine dicke Schale abgesprengt wurde, die sich in alle Richtungen verteilte.

Bei einer normalen Supernova entstand eine riesige Glutwolke, die sich nach den Gesetzen der Astrophysik im Weltraum verteilte, teilweise über hunderte von Lichtjahre weit. Bei einem Zombie-Stern jedoch verlief das anders: Er explodierte zwar in ähnlicher Weise, doch die Glutmoleküle kamen irgendwann wieder zurück und bildeten gemeinsam wieder genau jene Schale, die vorher abgesprengt worden war.

Bevor man das so genau hatte wissen können, gab es nicht wenige Wissenschaftler, die ernsthaft an der Existenz eines solchen Phänomens zweifelten. Trotz aller astronomischer Hinweise. So lange zumindest, bis ihre eigenen Erklärungen zu den Messergebnissen aus der Ferne widerlegt waren: Weil nämlich das erste Forscherteam vor Ort die Existenz von Zombie-Sternen unzweifelhaft gemacht hatte.

Alles Dinge, die Captain Croft wusste, während er sich nach wie vor darüber wunderte, wieso sie noch existierten, denn die angezeigten Werte waren irrwitzig.

Natürlich gab es keinerlei Vergleichsdaten. Denn bis jetzt hatte noch kein Raumschiff das Innere einer Supernova überstanden. Was ja auch völlig unwahrscheinlich gewesen wäre.

So unwahrscheinlich eigentlich wir ihr eigenes Überleben!

Die Glutwolke war zwar nicht sehr dicht, aber die Millionen Grad Hitze hätten normalerweise nach einigen Sekunden spätestens die Schutzschirme regelrecht zerfetzen müssen. Aber das taten sie nicht! Ganz im Gegenteil: Jetzt sah es beinahe so aus, als würden die Schutzschirme sogar davon profitieren, indem sie umgebende Energie in sich aufnahmen!

Captain Croft konnte darüber nur den Kopf schütteln, und nicht er allein zeigte sich vollkommen fassungslos, sondern auch sein Chefwissenschaftler Rhein Clearwater.

Clearwater galt in Fachkreisen als absolutes Genie. Er stammte von Fried’s Stern, einer überzeugten Monarchie, aber treues Mitglied im Sternenreich, und war dem Vernehmen nach schon in blutjungen Jahren als Genie vom dortigen Königshaus besonders gefördert worden.

Eine seiner Ausbilderinnen in wissenschaftlichen Dingen war Cosima Torem gewesen, die ebenfalls als Genie gegolten hatte. Eine der jüngsten Dozentinnen, die Fried’s Stern jemals gesehen hatte, denn Cosima Torem war gerade mal zehn Jahre älter gewesen als Rhein Clearwater. Vielleicht hatte er sich deshalb in sie unsterblich verliebt?

Es ging jedenfalls das Gerücht um, dass die Liebe von Cosima Torem nicht erwidert worden war, weil sie sich in ihrer Rolle als seine Ausbilderin nicht darauf hatte einlassen wollen. Ja, sie war regelrecht von Fried’s Stern geflohen, wohl um ihrem verliebten Schützling aus dem Weg zu gehen.

Rhein Clearwater hatte ein Leben lang nach ihr gesucht und sie niemals wieder gefunden! Nur deshalb hielt sich das Gerücht bis heute und blieb hartnäckig.

In der Regel ignorierte er es allerdings, nahm niemals Stellung dazu. Obwohl auch zu beobachten war, dass er anscheinend mit der Wissenschaft verheiratet war, weil er sich niemals in eine Beziehung einließ. Was ja den Verdacht nahe legte, dass er immer noch von „seiner“ Cosima träumte.

Fakt jedenfalls war und blieb: Seine Familie, die aus ärmsten Verhältnissen gestammt hatte, war durch ihn in den Adelsstand erhoben worden, und er selbst hatte sein Leben und seine Ausbildung am Hofe des Königs genießen dürfen, bevor er von den hohen Akademien von Axarabor verpflichtet worden war.

Um jetzt der Chefwissenschaftler auf der H.I.M. zu sein!

Einen solchen Topwissenschaftler bei sich an Bord zu haben, rechnete sich Captain Croft als wahre Ehre an. Deshalb war Rhein Clearwater ja auch mit bei ihm hier in der Zentrale.

„Es gibt keinerlei Erklärung dafür!“, bekannte der berühmte Wissenschaftler, und man konnte ihm dabei ansehen, wie schwer ihm dieses Bekenntnis fallen mochte.

Captain Croft bellte seinen Befehl: „Maschinenraum: Keine Beschleunigung mehr. Wir konzentrieren alle Energie jetzt auf die Schutzschirme.“

„Die richtige Entscheidung!“, lobte ihn Clearwater und trat neben ihn, um fachmännisch die Anzeigen zu überprüfen. Er war zwar kein Raumfaher, wusste jedoch durchaus etwas mit den angezeigten Werten anzufangen.

„Entweder die KI spinnt oder wir sind eigentlich schon längst tot, vernichtet, aufgelöst...“, murmelte er vor sich hin.

„Wie bitte?“, entrüstete sich Captain Croft und widerstand in letzter Sekunde dem Impuls, sich in den Arm zu kneifen. Er fühlte sich auch so noch lebendig genug. Was war das denn für ein Unsinn? Ein Zombie-Stern, der Raumfahrer-Zombies erzeugte?

Rhein sah ihn an und musste lachen.

„Vielleicht wählen wir einfach nur den dritten Weg?“

„Dritter Weg?“, echote Captain Croft verblüfft.

„Nun, schauen Sie sich um. Alles ist intakt. Nichts ist uns passiert. Weil die KI rechtzeitig die Schutzschirme aktiviert hat. Obwohl sie eigentlich wesentlich zu schwach sind, um uns so lange vor den Urgewalten dort draußen zu schützen, tun sie das trotzdem. Aber ist ein Zombie-Stern denn nicht an sich schon ein physikalischer Widerspruch?“

„Ja, ist er, durchaus“, gab Croft zu. „Und daraus leiten Sie jetzt ab, dass wir auch weiterhin eine Überlebenschance haben?“

„Sehen Sie, Captain, so ein Stern wird ja nicht von allein zur Supernova. Er hat seinen Vorrat an Brennstoff verbraucht und kollabiert. Doch welche Kräfte wirken eigentlich innerhalb einer solchen Glutwolke, wenn sie sich nicht physikalisch korrekt im umgebenden Weltraum verteilt, sondern zurückstürzt zum Zentrum, um dort erneut einen leuchtenden Stern zu bilden? Das sind doch offensichtlich Kräfte, die man zwar beobachtet hat, die aber bis heute unerklärbar geblieben sind.“

„Ach, jetzt verstehe ich“, behauptete Captain Croft: „Sie meinen, es wären wohl dieselben Kräfte, die uns jetzt überleben lassen?“

Rhein Clearwater nickte lächelnd.

„Was aussieht wie ein verdammtes Pech für uns, erweist sich genauer betrachtet eigentlich als ein verdammtes Glück. Denn jetzt sind wir mittendrin und haben Möglichkeiten zur Erforschung des Phänomens, die bislang unerreichbar gewesen waren. Denn dafür hätte sich ja erst einmal jemand freiwillig inmitten einer solchen Supernova begeben müssen. Und wer wäre schon so verrückt gewesen?“

„Wir auch nicht. Wir taten es dafür ja unfreiwillig!“, meinte der Captain zerknirscht.

Rhein Clearwater nickte abermals. Dann erstarb sein Lächeln. Er deutete stumm auf eine ganz bestimmte Anzeige.

Noch ehe Captain Croft dorthin blicken konnte, gab die Bord-KI bereits Alarm.

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NIEMAND HATTE VORHER jemals Captain Croft fluchen hören. Er galt als ein Mann, der niemals den Kopf verlor und vor allem niemals seine Nerven. Bis heute. Bis jetzt:

„Scheiße!“, schrie er.

Denn die Anzeige war eindeutig: Die Schutzschirme blähten sich regelrecht auf und saugten dabei alle Energie ab, die das Schiff noch hatte.

Noch!

Laut Anzeige weniger als eine Minute!

„Scheiße!“, folgte erneut. Und dann: „Schutzschilde reduzieren!“

Leiser fügte er hinzu, eher zu Rhein Clearwater gewandt „Sonst haben wir überhaupt keine Energie mehr und damit auch keine Schutzschirme. Wir werden innerhalb von Sekundenbruchteilen verglühen.“

Genau das jedoch befürchtete auch der Chefwissenschaftler Rhein Clearwater.

Mit seinen hundert Jahren wirkte er eher wie ein Vierzigjähriger, was allerdings heutzutage im Sternenreich von Axarabor nicht so ungewöhnlich erschien. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von weit über hundert bis teilweise sogar zweihundert Jahren. Zumindest in den obersten Schichten der Gesellschaft, also bei den Leuten, die sich das auch leisten konnten.

Jedenfalls hatte er nicht beabsichtigt, hier und heute bereits zu sterben! Obwohl ihm wohl nach Lage der Dinge nichts anderes mehr übrig bleiben würde.

Die Schutzschirme wurden trotzdem reduziert. Zumindest wurde das versucht, doch im gleichen Maße, da dies geschah, blähten sie sich wieder auf und saugten erneut Energie ab.

In den wenigen Sekunden, die der Besatzung noch zur Verfügung standen im Kampf um das nackte Überleben, reduzierte die Besatzung, unterstützt von der Bord-KI, die Schutzschirme quasi bis auf Null.

Doch sie blähten sich immer noch auf!

Auf NULL reduzieren hieß jedoch, dass keinerlei Energie mehr da hinein fließen konnte.

Und wieso standen sie trotzdem noch?

Ja, sie standen nicht nur, sondern sie hatten sich jetzt weiter aufgebläht, umschlossen nicht mehr das Schiff ganz dicht, sondern immer weiträumiger, drängten die tosenden und ultraheißen Sonnengase weiter weg vom Schiff, trieben sie regelrecht vor sich her...

„Unfassbar!“, murmelte Captain Croft. „Was – was geht da vor?“

„Unsere endgültige Rettung?“, vermutete Rhein Clearwater.

Und dann schlossen die Schutzschirme, die jetzt ihre Energie offensichtlich genau von der Gaswolke bezogen und nicht mehr vom Schiff... ein weiteres Schiff mit ein.

„Abstand: Fünf Millionen Kilometer!“, ächzte der Ortungsoffizier ungläubig.

„Dann hat die Energieblase, zu der unsere Schutzschilde geworden sind, immerhin einen Durchmesser von zirka zehn Millionen Kilometer!“, schlussfolgerte der Chefwissenschaftler Rhein Clearwater. „Aber was ist das für ein Schiff? Eine Art... Geisterschiff?“

„Zombie-Stern – Geisterschiff...!“, stöhnte jetzt Captain Croft. „Zum Teufel mit diesem ganzen Unsinn. Wir müssen auf jeden Fall alles tun, um hier wieder lebend zu entkommen.“

„Wieso haben Sie es denn dermaßen eilig, Captain?“, tadelte ihn daraufhin Rhein Clearwater gutmütig. „Wir sind derzeit eigentlich überhaupt nicht gefährdet. Und dann wird die Glutwolke wieder sich zusammenziehen und uns von allein befreien. Bis zur nächsten Schockwelle, wenn die nächste Supernova entsteht.“

„Wie – wie lange soll das denn dauern?“

„Keine Ahnung“, gab Rhein Clearwater zu. „Es gibt ja speziell über diesen Stern hier keinerlei verlässliche Daten. Teleskopaufnahmen auf Axarabor zeigen in einer zeitlichen Verzögerung von immerhin fünfhundert Lichtjahren einen Rhythmus von zwei Wochen. Jetzt sind wir vor Ort und in der Gegenwart dieses Sterns. Wie sollen wir wissen, ob sich das inzwischen nicht geändert hat?“

„Egal“, versuchte der Captain, sich selber wieder Mut zu machen, „Sie haben zumindest in einem völlig recht: Noch sind wir nicht unmittelbar gefährdet, allem zum Trotz, was uns die Astrophysik bisher lehrte.“

„Eine – eine... Botschaft!“, ächzte jetzt der Funkoffizier.

Alle Blicke fielen auf ihn.

Und dann ertönte es aus dem Lautsprecher:

„Helft uns! Zusammen können wir es schaffen, vor der nächsten, der alles vernichtenden Schockwelle zu fliehen!“

Der Ortungsoffizier: „Die Glutwolke steht still! Das könnte bedeuten...“

„...dass der höchste Punkt der Ausdehnung bereits erreicht ist!“, ergänzte Rhein Clearwater tonlos.

„Zusammen könnten wir es schaffen!“, kam es ein letztes Mal aus dem Lautsprecher. Dann riss die Verbindung jäh wieder ab. Es drang nur noch atmosphärisches Rauschen und Brummen aus dem Lautsprecher.

Hatten die ultraheißen Gase um ihre Schutzblase herum eine weitere Funkverständigung unmöglich gemacht?

Jedenfalls traf jeglicher Versuch der H.I.M., ihrerseits Kontakt zu bekommen, ins Leere.

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DER STILLSTAND DER Glutwolke dauerte nicht lange. Dann begann sich alles in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen.

Dort war das Zentrum der Sonne. Jetzt zog sie sich gewissermaßen wieder bis knapp unter ihrer ursprünglichen Größe zusammen. Um in einer erneuten Schockwelle wieder zu explodieren.

„Wieso geht das so schnell?“, wunderte sich der Captain.

Zumindest dafür hatte Chefwissenschaftler Rhein Clearwater eine Begründung parat: „Es geht nicht schnell! Wir meinen das nur, weil irgendetwas die Zeit verkrümmt. Diese Vorgänge bei einem Zombie-Stern... Das konnte bisher nicht abschließend ermittelt werden, weil sich noch niemals jemand quasi im Innern befunden hat. So wie wir jetzt... Vielleicht ist der Zeiteffekt auf dasselbe Phänomen zurückzuführen, das einen solchen Stern überhaupt erst zum Zombie-Stern werden lässt?“

„Sie meinen, die Zeit wird verzerrt, weil...?“ Captain Croft unterbrach sich selbst. Er nagte an seiner Unterlippe. „Und was wäre denn, wenn gerade diese Zeitverzerrung der Grund für alle anderen Phänomene ist und nicht umgekehrt?“

Rhein Clearwater lachte, aber nicht, um den Captain auszulachen, sondern ganz im Gegenteil, wie er sogleich richtig stellte: „Sie haben ja so was von recht, Captain! Ich sehe schon, ich bin an Bord des richtigen Schiffes. So viele schlaue Köpfe auf einem einzigen Schiff, allen voran der Captain...“

Dieser musterte ihn misstrauisch von der Seite, weil er nicht sicher war, ob der Chefwissenschaftler ihn möglicherweise nur auf den Arm nehmen wollte, doch Clearwater schien das völlig ernst zu meinen.

„Nun gut“, machte der Captain leichthin, „und welche Schlussfolgerungen ziehen wir daraus?“

Clearwater deutete mit dem Kinn auf das fremde Schiff.

„Das hat ja gar kein Kennzeichen. Zumindest ist auf der uns zugewandten Seite keins ersichtlich.“

„Stellt sich mir erst recht die Frage“, meinte Captain Croft dazu, „um welches Schiff es sich überhaupt handelt und wie es hierhergekommen ist.“

„Immerhin sollen wir ja nach einem verschwundenen Forschungsschiff suchen!“, erinnerte ihn Clearwater.

„Aber das würde ja bedeuten, dass dieses Schiff hier achtzig Jahre lang überstanden hat!“, rief Captain Croft erschüttert. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein, das kann und will ich nicht glauben. Zeitverzerrung hin oder her: Es kann ja wohl nicht sein, dass hier vielleicht nur Minuten vergingen, während in der Zwischenzeit ganze achtzig Jahre...“ Er schüttelte abermals den Kopf.

Rhein Clearwater schüttelte jetzt ebenfalls den Kopf.

„Nein, das glaube ich jetzt auch nicht unbedingt.“

„Nicht unbedingt?“, echote der Captain, aber Clearwater kam zu keiner Antwort mehr, denn in diesem Moment rief der Funkoffizier: „Captain, Kontakt, aber sehr schlecht diesmal. Kann jeder Zeit wieder zusammenbrechen.“

„Was wird da gesagt?“

„Hören Sie selbst, Captain!“

Und nicht nur der Captain hörte es, in einer für ihn völlig unverständlichen Sprache:

„Oft ist es der eigne Geist, der Rettung schafft,

die wir beim Himmel suchen. Unsrer Kraft

verleiht er freien Raum, und nur dem Trägen,

dem Willenlosen stellt er sich entgegen.

Mein Liebesmut die allerhöchste Höh ersteigt –

doch naht mir nicht, was sich dem Auge zeigt.

Des Glückes weitster Raum vereint die Natur,

dass sich das Fernste küsst wie Gleiches nur.

Wer klug noch abwägt und dem Ziel entsagt,

weil er vor dem, was nie geschehn, verzagt,

erreicht das Größte nie. Wann rang nach Liebe

ein volles Herz und fand nicht Gegenliebe?

Mein Rhein...“

„Nein!“, schrie jetzt Rhein Clearwater entsetzt.

Das konnte natürlich niemand nachvollziehen, am wenigsten Captain Croft an seiner Seite.

Und da war die Verbindung erneut abgebrochen.

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ES DAUERTE MINUTEN, bis sich Rhein Clearwater soweit beruhigt hatte, dass er zumindest einmal einen zusammenhängenden Satz hervorbringen konnte: „Dieser Text, den außer mir wahrscheinlich niemand hier an Bord überhaupt verstanden hat... Er – er wird einem gewissen William Shakespeare zugeschrieben – wenn es ihn denn jemals gab. Ich beziehe mich bei dieser Aussage ausdrücklich auf Axarbors RHEIN-Universität im Jahre 9996 n.T.“

„Wie bitte?“ Captain Croft verstand anscheinend auch kein Wort von dem, was der Chefwissenschaftler ihm da sagte.

Rhein Clearwater sah ihn an.

„Vielleicht fällt Ihnen mein Name auf: Die Familie Clearwater stellte einen der letzten Könige auf der Erde, bevor der Kontakt mit der Erde verloren ging. Soweit jedenfalls die Mythen um die Erde. Es wird innerhalb unserer Familie die Geschichte von Generation zu Generation weitergegeben, dass eines Tages die letzten Clearwater fliehen mussten, weil sie in einer tödlichen Fehde mit einer anderen Königsfamilie unterlagen. Meine Vorfahren verloren damals alles, und eigentlich wissen nur noch wir selber, dass wir Nachfahren eines einstigen Königs sind. Während unsere Familie im Laufe der Jahrtausende immer tiefer in der Bedeutungslosigkeit versank. Ich entstamme also einerseits einer der ärmsten Familien auf Fried’s Stern – und bin andererseits der letzte Nachfahre zumindest eines der letzten Könige der Erde. Wenn man den Geschichten glauben schenken mag.“

„Aha?“, machte Captain Croft. „Aber was hat das jetzt mit hier und heute zu tun?“

Clearwater lachte humorlos.

„Berechtigte Frage, Captain: Von daher gesehen erkenne ich den Text wieder. Und ich weiß, was man über seinen Ursprung behauptet. Weil mich das ganz besonders interessieren musste. Dieser gerade gehörte Text gehört angeblich zu dem Gesamtwerk ‚Des Glückes weitester Raum vereint die Natur...‘. Das weiß ich deshalb so gut, weil genau das von meiner Dozentin Cosima Torem immer wieder zitiert worden ist!“

Details

Seiten
100
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920444
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v429462
Schlagworte
raumflotte axarabor sonne

Autoren

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #18 - Die entartete Sonne