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Konstantins verlorene Liebe

2018 120 Seiten

Leseprobe

Konstantins verlorene Liebe: Schicksalsroman

G. S. Friebel

Published by Cassiopeiapress Extra Edition, 2018.

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Konstantins verlorene Liebe

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Roman von G. S. Friebel

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

So unterschiedlich ihre Charaktere auch sind, so gleichen sie sich wie ein Ei dem anderen, denn Clarissa und Sabine sind eineiige Zwillingsschwestern, aufgewachsen auf einem großen Bauernhof.

Doch das Schicksal bringt beide nach Wien, wo sich Clarissa sich sofort heimisch fühlt – aber Sabine nicht. Sie vermisst das ländliche Leben sehr.

Als Clarissa ihrer Schwester nach einer längeren Schifffahrt mitteilt, dass sie sich verlobt hat, schlägt das Schicksal erneut zu, jedoch so, wie beide es niemals auch nur ansatzweise geahnt hätten  ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Nach einem arbeitsreichen Tag sehnte sich Sabine Bachl nach Ruhe und einem warmen Bad. Als der Fahrstuhl im achten Stock hielt und sie leichtfüßig ausstieg, musste sie unwillkürlich wieder an die alte Heimat denken. Das tat weh, riss von neuem die alte Wunde auf, aber dieses Hochhaus, die Millionenstadt, hasste sie. Sie hatte sich nie daran gewöhnen können. Mein Gott, alles hätte anders sein können! Einfach und schön. Sabine konnte sich im Augenblick nicht daran erinnern, wie lange sie nun schon hier lebte. Aber sie erinnerte sich noch genau an das Rauschen der Bäume, die um den alten Hof gestanden hatten, an den Duft des Heus und die Abendstille, die aufgehende Sonne, wie sie die Berge rot färbte. Ach, es tat so weh, und sie fühlte wieder die Tränen in sich hochsteigen. Doch soweit ließ sie es nicht kommen.

Sie ging den schwach beleuchteten Flur mit den vielen Wohnungstüren entlang. Vor der ihren war neben der Klingel ein kleines Schild angebracht, darauf stand: »Clarissa und Sabine Bachl.«

Sabine lächelte leicht, als ihr Blick darauf fiel. Clarissa wollte immer als Erste genannt werden, wenn es auch noch so unbedeutend war, aber sie konnte wohl nicht anders. Wie immer war sie Siegerin geblieben, obwohl sich Sabine deswegen gar nicht gestritten hatte. Clarissa versuchte ihr mit vielen Worten zu erklären, warum.

Und während sie nun die Wohnungstür aufschloss, kam ihr wieder der Gedanke, dass ihr nur drei Dinge im Leben geblieben waren: die Schulbildung, der Beruf und ihre Zwillingsschwester Clarissa. Das war auch schon alles, restlos alles.

Vor dem Garderobenspiegel nahm Sabine das leichte Tuch ab und betrachtete sich kurz. Nun quoll das helle, blonde Haar üppig über ihre Schultern und ließ sie schmal und kindlich erscheinen. Ihre veilchenblauen Augen waren ein wundersamer Kontrast dazu. Sie war nicht eingebildet, nein, ganz und gar nicht. Stets bemühte sie sich, so wie alle jungen Mädchen zu sein. Oft glückte ihr das auch, aber Clarissa ließ es nicht zu. Sie bildete sich noch immer etwas ein, glaubte, auch hier allen Leuten erzählen zu müssen, dass sie in Wirklichkeit von einem großen Hof aus der Provinz stammten.

Clarissa, dachte die Schwester jetzt, ja, sie war so ganz anders als sie selbst, obwohl sie sich zum Verwechseln ähnlich sahen.

Sie ging weiter. Das Wohnzimmer war gähnend leer und ohne die übliche Unordnung. Alles war so, wie sie es am Morgen verlassen hatte. Eine leise Traurigkeit kroch in ihrem Herzen hoch. Clarissa hatte wieder nicht geschrieben. Na ja, sie wird wohl keine Zeit dazu haben, verteidigte Sabine die Schwester in Gedanken, wie so oft.

Sabine war mit ihrem Leben zufrieden. Es hätte ja auch noch viel schlimmer kommen können, dachte sie. So lange sie mit der Schwester zusammen war und beide gut verdienten, konnte ihnen so schnell nichts passieren. Wenn da nur nicht immerzu die vielen Gedanken waren. Clarissa machte es sich leicht, sie dachte gar nicht mehr an die Vergangenheit. Aber sie selbst sah so oft den Vater vor sich und seine traurigen Augen.

Um der Mutter willen - sie war eine Wienerin gewesen - hatte er einst den schönen Erbhof verkauft. Und warum? Weil kein Erbe vorhanden war, kein Sohn! Damals schon hatte Sabine es sehr schmerzhaft empfunden, dass der Vater sie beide nicht für vollnahm. Clarissa hatte immer gesagt, sie wolle den Hof nicht haben. Aber Sabine liebte den Väterhof über alles, und sie hätte ihn gern behalten. Aber der Vater hatte sie nur kurz angesehen und gemeint: »Du bist zu schwach dafür, mein Kind. Das kannst du nicht. Um so einen Hof führen zu können, da braucht man nicht nur Verstand, sondern auch Kraft, verstehst? Und die hast du nicht, genau wie die Mutter. Sei froh, dass ich nicht darauf bestehe, dass eine von euch den Hof übernimmt!«

Sie hatte ihn angesehen und leise gesagt: »Aber Vater, die Mutter ist doch auch nicht stark!«

»Eben«, hatte er dumpf geantwortet. »Eben, das ist ja das ganze Unglück gewesen, deswegen hat sie es ja noch nicht mal zum Erben gebracht. Zwei Mädchen ...«

Sabine erinnerte sich noch, wie er dann sein Gesicht in beide Hände vergraben hatte.

Normalerweise wäre sie damals still aus dem Zimmer gegangen, wie so oft, sie war immer still und sanftmütig. Aber als sie im Dorf vernahm, der Vater wolle den Hof an den Meistbietenden verkaufen, da blieb sie standhaft mit zuckendem Herzen.

»Lass es mich doch versuchen, Vater! Sie hat doch auch all die Jahre hier gelebt. Bitte!«

Der Vater hatte die Hände vom Gesicht genommen, sie lange angestarrt und ihr dann sanft über das Haar gestrichen.

»Ich glaub’, du bist mir ähnlich, Kind«, hatte er mit rauer Stimme geantwortet. »Aber schau, ich will es dir erklären, Sabine. Wenn die Zeiten noch so wären wie damals, als ich die Mutter heiratete, dann würd’ ich dir mit Freuden den Hof überlassen. Aber die Zeiten haben sich geändert, so vollkommen geändert.«

»Was hat das mit mir zu tun, Vater? Clarissa liebt den Hof nicht, aber ich. Genügt das denn nicht?«

Er hatte wieder einen Blick auf sie geworfen. Damals schon empfand sie es widersinnig, als Bauerntochter so elfenhaft zu sein. Am liebsten wäre sie auch rotwangig, grobknochig wie die Mädchen im Dorf gewesen. Es war das Erbe der Mutter. Von ihr hatten die Töchter das Zarte.

»Hör zu und vergiss es nicht, mein Kind. Damals gab es noch genug Personal, verstehst du, da brauchte die Mutter nur die Oberaufsicht zu führen, alles wurde von anderen Händen gemacht. Aber jetzt will niemand mehr auf dem Lande arbeiten. Jetzt behelfen wir uns mit den Maschinen, und die Bauersleut selbst müssen hart zupacken, verstehst du? Allein schaff ich es nimmer, die Mutter ist zu zart. Also, was bleibt mir da anderes übrig, als zu verkaufen.«

»Nein«, hatte sie gestammelt. »Vater, das kannst doch nicht wirklich wollen?«

»Ach Kind«, hatte er resignierend gesagt. »Schon lange weiß ich, dass ich einen großen Fehler im Leben gemacht hab’. Das ist nun die Strafe. Weißt, man wird immer bestraft, wenn man sich gegen das Überlieferte auflehnt. Aber damals, da war ich jung und stark, und ich liebte deine Mutter über alles. Mein Vater hat es nicht gewollt, dass ich das Mädchen aus der Stadt zur Frau nahm. Ich hab’ sie kennengelernt, als ich Verwandte besuchte, und mich Hals über Kopf in sie verliebt. Damals hab ich den Vater auch nicht verstanden, als er sagte, es gibt ein Unglück, wenn man aus der Reihe springt. Es ist das Gesetz der Berge, dass man sich auch aus den Bergen ein Weib nimmt. So haben es die Altvorderen immer gehalten, und das war gut so. Aber ich war starrköpfig, was ich mir einmal in den Kopf gesetzt hab’, davon ließ ich nicht ab. Ich dachte, man muss mal mit der Tradition brechen, das ist so verstaubt. Ich will nicht so leben wie der Vater, der die Mutter nur genommen hat, weil ihre Äcker an die unsrigen grenzten und weil sie gut schaffen konnte. Von Liebe war nie die Rede gewesen. Weißt du mein Kind, von Liebe wird auf einem Berghof nicht gesprochen. Sieh dich doch mal um! Immer wird nur nach Geld und Besitz geheiratet. Aber ich hatte die Liebe kennengelernt, wollte nicht mehr auf sie verzichten, und so heiratete ich gegen den Willen meiner Eltern. Sie haben es mir nie verziehen.

Bald darauf sind sie dann gestorben. Euch haben sie nie kennengelernt. Nicht mal das kümmerte mich sehr viel. Ich war wirklich glücklich. Im Dorf beneidete man mich um meine schöne Frau. Ich hatte nicht nur den schönsten und größten Hof weit und breit, ich hatte auch eine wunderbare Frau. Ach, ich war wirklich von Herzen froh und glücklich. Wir haben eine sehr schöne Zeit zusammen verbracht. Dann wurdet ihr geboren. Zwillinge, selbst das war eine kleine Sensation im Dorf. Ihr wurdet toll gefeiert, ach Kind, das war ein herrliches Fest. Damals dachte ich, so muss es weitergehen, immer weiter. Segen liegt über dem Hof, und wir sind glücklich. Was der Vater gesagt hat, das stimmt alles nicht.

Aber die Jahre vergingen, meine Frau hatte noch zwei Fehlgeburten. Es wären alles Mädchen gewesen, den erhofften Erben schenkte sie mir nicht. Da endlich verstand ich meinen Vater.

Der Mutter konnte ich nicht die Schuld geben. Nein, sie hatte ja alles getan, was in ihrer Macht lag. Im Dorf war man natürlich schadenfroh. All die Jahre hab’ ich die Zähne zusammengebissen und geschwiegen. Keiner hat mir angesehen, wie sehr ich darunter gelitten hab’, keinen Buben zu haben. Dem hätte ich alles zeigen können, aber es sollte nicht sein.

Tja, so einfach ist das! Und seit wir kein Personal mehr bekommen, seit die Mutter das große Haus allein bewirtschaften muss, wird sie müd’ und matt. Jeden Tag sehe ich, wie schwer es ihr fällt, sie sich aber tapfer hält. Aber all die Jahre hatte sie auch die Sehnsucht im Herzen. Sie will heim, verstehst du, heim nach Wien. Darum verkauf’ ich den Hof, Kind. Ihr zwei habt eine gute Schulbildung genossen. Darauf hab’ ich gesehen. Also werdet ihr einen Beruf erlernen, wie es in der Stadt üblich ist. Die letzten Jahre meines Lebens will ich mich nicht mehr abrackern, ich will noch was von deiner Mutter und vom Leben haben.«

Somit wurde der Hof verkauft. Nur Sabine wusste, wie nahe es dem Vater ging, aber er war ein stolzer Mensch. Hochaufgerichtet verließ er den Erbhof und drehte sich auch nicht mehr danach um.

So waren sie denn alle nach Wien gezogen. Doch ein Jahr später war die Mutter tot. Der Vater hatte sich mit dem Stadtleben nie anfreunden können. Er war zu alt für die Umpflanzung gewesen. Er vergaß nie den Hof und die Heimat. Und um alles besser ertragen zu können, begann er zu trinken. Als die beiden Schwestern es bemerkten, war es schon zu spät. Das ganze Erbe war vertan, der Vater war schwerkrank. Für sein Leiden ging der Rest auf, dann starb er ganz still.

Sie hatten nie mehr den Hof wiedergesehen. Sabine wusste ganz genau, wenn sie hinfuhr, würde sie vor Kummer trübsinnig werden. Sie konnte sich das liebe Haus mit fremden Leuten einfach nicht vorstellen.

So waren sie jetzt Stadtkinder geworden. Sie selbst hatte eine Stellung als Sekretärin bei einem alten Gelehrten angenommen, der an wissenschaftlichen Büchern arbeitete. Clarissa hingegen war Leiterin eines großen Modesalons. Sie verstand es, mit Leuten umzugehen. Sie war ganz das Kind der Mutter. Sie hatte sich ja in den Bergen auch nie wohl gefühlt. Wo sie hinkam, war sie bald der Mittelpunkt.

Clarissa, wo mochte sie im Augenblick sein? Auf dem Mittelmeer? Da schien bestimmt die Sonne, dort war Urlaubsstimmung. Sie gönnte der Schwester diese Reise von Herzen.

Clarissa war so glücklich gewesen und hatte gleich allen Bekannten erzählt, sie würde eine Mittelmeerreise unternehmen. Jetzt im Herbst, wenn die Stürme über die Stadt zögen, würde sie sich von der Sonne braten lassen. Man staunte und bewunderte sie, aber niemand wusste, dass diese kostspielige Reise, die Clarissa unternahm, der erste Preis eines Preisausschreibens war. Sabine lächelte, als sie wieder daran dachte.

»Und pass auf! Auf dieser Reise werde ich den Mann meines Lebens kennenlernen und mich gleich in ihn verlieben. Natürlich wird er sehr reich sein«, hatte Clarissa prophezeit.

Sie gönnte der Schwester das Glück des Lebens und auch die Reise. Nur  wenn Clarissa fortging, dann würde sie ganz allein sein. Es war schon jetzt sehr einsam ohne die Schwester. Aber was sollte man machen, es würde nicht mehr lange dauern, dann kam sie zurück und würde eine Menge zu erzählen haben. Und darauf freute sich Sabine jetzt schon.

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2

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Die »Harlem«, ein schneeweißes Luxusschiff, schaukelte gemächlich auf den Wellen. Es war Nacht, und sie fuhr nur mit halber Kraft. An Bord brannten alle Lichter, denn in den großen Gesellschaftsräumen der ersten Klasse fand ein Ball statt. Eine hohe Gestalt stand an der Reling und sah sinnend auf das Meer. Verwehte Musik drang bis zu dem Mann hin, aber er störte sich nicht daran. Der erste Offizier kam vorbei und grüßte. Er dankte lächelnd und wandte sich dann wieder ab. Diese schweigsame Gestalt war ein junger Mann, Konstantin Benedetti aus Hintertux, Anfang dreißig, eine blendende Erscheinung. Viele Damen auf dem Schiff hatten sich schon um ihn bemüht. Aber Konstantin war am liebsten allein, wie jetzt in dieser lauen Nacht, da er an zu Hause dachte.

Überhaupt, dieses Schiff, diese Reise, er konnte es noch immer nicht so recht glauben, dass er hier war. Freunde in Genua hatten ihn dazu überredet.

»Später wirst es vielleicht bereuen«, hatten sie in ihrem südländischen Temperament herzlich gemeint. »Wann wird dir das mal wieder geboten. Außerdem, hast du doch Geld genug, also, gib es doch einmal aus! Vergrab dich nicht pausenlos dort oben in den Bergen! Du musst leben, Amico, verstehst du, das Leben genießen, glücklich sein, nicht immer an das Morgen und Übermorgen denken.«

Sie waren so ganz anders, die Verwandten. Er hatte nichts mehr mit ihnen gemeinsam, sogar die Sprache beherrschte er kaum noch.

Ach, was verstanden sie denn schon von der Bergwelt? Wenn man hier unten im Süden, in der Sonne und am Meer lebte, dann war man wohl anders, nicht so schwerblütig, so grüblerisch. Konstantin fühlte, dass zwei Seelen in seiner Brust wohnten. Aber wenn er sich entscheiden sollte, dann war er doch ein Österreicher, nicht Italiener. Schon der Name verriet, dass er aus dem Süden stammte. Vor langer Zeit, da waren die Vorfahren aus Südtirol herübergezogen über die Weißspitze, den Olperer, ins Zillertal. Und das auch nur, weil sie arm waren und dort ein kleines Erbe antreten konnten. Der Ursprung der Familie aber lag in Genua. Nun ja, man hatte sich dort in den rauen Bergen niedergelassen. Wie lange war das nun schon her? Bald hundert Jahre, eine lange Zeit.

Damals, so wusste der junge Benedetti, hatten sie es nicht leicht gehabt. Die Hintertuxer hatten sie lange als Fremde behandelt. Zäh hatten sie mit der Natur gerungen. Arbeitsam waren sie gewesen, das kleine seltsame Völkchen mit den dunklen Augen und dem krausen Haar. Verbissen und schlau waren sie gewesen. Wurde irgendwo etwas verkauft, so kaufte es ein Benedetti auf, wenn man sich dafür auch krumm schuften musste, aber man schaffte es, und dann war ja auch der große Kindersegen daheim. Für alle musste man sorgen. So kam zu dem Höfchen, das mit den Jahren stattlich wuchs - angebaut wurde alle Augenblicke - noch die Sägemühle im Tal und ein wenig später die Käserei. Sie war jetzt die modernste weit und breit, und die Urlauber profitierten davon. Aber auch die Einheimischen. Die Benedettis besaßen viele Almen und Wiesen, und alle dem Dorf zugerichtet, ohne Buckel. Man hatte sie einfach bewirtschaften können, musste sich also nicht mehr abplagen.

Aber dann wurde dieses kleine Dörfchen am Ende der Welt sozusagen, denn in Hintertux hörten alle Straßen auf, vom Tourismus entdeckt. Am Ende des Dorfes befand sich jetzt eine Gletscherbahn. Sie führte hoch hinauf in die Eiswelt. Als man dieses kleine verschlafene Nest entdeckte und feststellte, dass man auch im Sommer droben Skifahren konnte, da wurde es sehr schnell berühmt. Nicht nur im Winter, auch im Sommer schoben sich jetzt die Autos die scharfen Serpentinenkurven hinauf.

Konstantins Vater hatte sehr schnell erkannt, wie man noch reicher werden konnte, ohne viel zu arbeiten. Denn seit man durch die Touristen leicht und schnell sein Geld machen konnte, wollte niemand mehr auf einem Hof mithelfen. Überall in ganz Österreich war es das gleiche Übel. Alles drängte in die Touristenzentren. In Hintertux hatte man noch Glück, dort war man gleich an Ort und Stelle. Und so mancher Häusler baute jetzt seinen Kuhstall zu ein paar Fremdenzimmern um und hatte so einen bescheidenen Nebenverdienst. Straßenbauer wurden gesucht, Skifahrer, Wanderführer. Ganz neue Berufszweige taten sich auf. Hotels wurden gebaut. Man konnte dem Ansturm kaum standhalten.

Der Hof der Benedettis lag etwas oberhalb von Hintertux und eine kleine Sehenswürdigkeit für sich. Der italienische Einschlag war nicht zu übersehen. Der Bürgermeister selbst hatte sich einmal auf den Weg gemacht und den alten Benedetti gefragt, ob er seinen Hof nicht zum Hotel umbauen wolle.

Nein, das wolle er nicht! Der blieb für den einzigen Buben als Heimat.

Krankheit und Krieg hatte die Benedetti-Familie bis auf diese drei Leute zusammenschrumpfen lassen. So war denn wieder alles in eine Familie geflossen. Konstantin war der letzte der Sippe. Dreißigjährig und noch immer unbeweibt.

Der Vater hatte ein paar unwichtige Landstriche verkauft, von dem Erlös zwei Pensionen erbauen lassen und diese standen nun in Pacht. Man bekam also Geld, ohne dass man selbst noch arbeiten musste. Aber sie waren es nicht gewöhnt. Sie hatten lebenslang nie die Hände in den Schoß gelegt.

Als der herrische Vater vor vier Jahren starb, hatte der Sohn die Landwirtschaft aufgegeben und ein Gestüt gegründet. Auch damit machte man Geld! Jetzt besaß er zwei Reitlehrer, vier Stallburschen. Urlauber schienen sich für alles zu interessieren. Die Pferde waren im Sommer ständig ausgebucht.

Im Dorf sagte man: »Er hat mal wieder den richtigen Riecher gehabt, der Italiener!«

Das galt als Schimpfwort und auch dann, wenn man neidisch war.

Konstantin war auch noch zweisprachig aufgewachsen. Darauf hatten die Väter Wert gelegt. Schon deswegen, weil ja die Grenze gleich hinter den Bergspitzen begann. Außerdem war ja auch noch die Seitenlinie in Genua. Man musste sich mit den Blutsverwandten ja noch verständigen können.

Und dann war Tante Assunta gestorben!

Sie hatte lange bei ihnen gelebt, aber als sie ihr Ende fühlte, wollte sie heim ans Meer. So war sie vor einem halben Jahr abgereist und dann in aller Stille gestorben. Ihr Erbe hinterließ sie dem Konstantin. So war er nach Genua gereist und hatte mit dem Anwalt der Tante alles geregelt. Dann hatten die Vettern ihn dazu gedrängt, diese Schiffsreise zu unternehmen.

»Das bist du deinem italienischen Blute schon schuldig«, hatten sie gesagt.

Zu Hause lief alles seinen normalen Gang. Die Mutter war ja auch noch da! Er wusste ganz genau, dass diese hoffte, er würde sich eine Frau hier unten suchen. Endlich sollte wieder Leben in das große Haus einziehen. Sie konnten sich ja alles leisten, und die Frau eines Benedetti hätte für alle Zeiten ausgesorgt.

Alle Mädchen im Dorf bemühten sich vergebens. Konstantin begriff selbst nicht, warum ihn noch nicht die Liebe gepackt hatte. Da gab es welche, die nicht minder reich waren und sich nicht scheuten, den Vater für sie fragen zu lassen, weil sie in alter Tradition erzogen worden waren - Geld zu Geld!

Die Mutter, aber auch der Vater, hatten ihm immer wieder gesagt: »Heirate nur aus Liebe, Bub! Denke daran, auf einer unglücklichen Ehe liegt ein Fluch! Man arbeitet nicht miteinander, sondern nebeneinander, da wird nichts Rechtes draus. Außerdem, die Liebe verschönt das Leben.«

Bis jetzt hatten sich die Benedettis noch immer ihre Frauen aus Italien geholt, weit entfernte Verwandte, und waren glücklich mit ihnen geworden. Vielleicht war es doch noch das zwiespältige Wesen, das ihn so brüsk hatte werden lassen. Noch hatte er nicht begriffen, wieviel Macht die Liebe haben konnte.

Fast ein wenig nachsichtig hatte er dann zugesagt, diese Reise zu machen. Auch wollte er dabei testen, warum die Verwandten das Meer so liebten. Er vermisste seine Berge, ja, er war schon fast krank vor Sehnsucht. Dabei war er noch nicht einmal vier Wochen fort.

Und jetzt befand er sich seit drei Tagen auf diesem Schiff. Es sollte eine vierzehntägige Kreuzfahrt werden. Griechenland und die Türkei hatten sie schon hinter sich gelassen. Morgen würden sie in Ägypten sein, und so ging es dann weiter, bis sie wieder in Genua waren. Aber er langweilte sich schrecklich.

In den Saal wollte er nicht zurückkehren. Tanzen! Wenn man keinen Menschen kannte, dann machte das auch keinen Spaß. Obwohl er sogar ein fabelhafter Tänzer war. Sein Blut schien voll Musik zu sein, nur ahnte er es nicht.

Noch ein paar Züge an der Zigarette, dann wandte er sich um und wollte gehen.

Da sah er das Mädchen!

Konstantin glaubte im ersten Augenblick an eine Erscheinung. Er starrte verwundert auf das Mädchen, das in der dunklen Nacht ganz allein auf dem menschenleeren Deck tanzte. Das Mondlicht fiel voll auf ihr blondes Haar. Sie trug ein rotes Chiffonkleid, das bis auf den Boden reichte.

Konstantin hielt den Atem an, immer noch glaubend, im nächsten Augenblick würde der Spuk beendet sein. Dann vernahm er ein leises Lachen, eine gesummte Melodie.

Die Tanzende kam nun direkt auf ihn zu, ohne ihn zu bemerken. Konstantin war wie gebannt. Nun war sie ganz in seiner Nähe. Sie wirbelte herum und wäre über ihn gestolpert, wenn er sie im letzten Augenblick nicht aufgefangen hätte. Fest hielten seine Arme die zierliche Gestalt.

»Oh!« Clarissa richtete sich auf und lächelte ihn an. »Ich habe Sie gar nicht gesehen!«

»Das dachte ich mir. Sind Sie wirklich keine Meernixe? Ich glaubte es die ganze Zeit, als ich Sie tanzen sah.«

»Vielleicht, vielleicht bin ich dem Meer entstiegen, um ein wenig Verwirrung unter den Menschen zu stiften«, erwiderte sie lächelnd.

Seine Müdigkeit war verflogen. Clarissa stand, den schlanken Körper an die Reling gelehnt, neben ihm und sah ihn voll an.

»Warum haben Sie allein hier in der Dunkelheit getanzt? Fanden Sie unten im Saal keine Tänzer?«, fragte er.

Sie lachte leise auf.

»O nein, ich bin nur hierhergekommen, weil ich so glücklich bin. Verstehen Sie, ich musste einfach fort. Ich bin weggelaufen, weil ich zu ersticken glaubte. Ich musste tanzen, um mir Luft zu machen.«

Konstantin Benedetti war in seinem Leben zum ersten Male wie verzaubert.

»Und warum sind Sie so glücklich?«

»Warum?« Clarissa blickte nachdenklich zum Himmel empor. »Nur so, weil ich lebe, weil ich hier auf dem Schiff sein darf - die herrliche Reise, die Luft - dass ich lebe. Muss man darüber nicht glücklich sein?«

»Nun, nicht alle Menschen denken so wie Sie!«

»Nein, natürlich nicht«, antwortete sie. »Aber ich fühle mich unbeschreiblich glücklich, und dann muss ich einfach tanzen, immerzu tanzen.«

»Jetzt, wo Sie mir alles erklärt haben, spüre ich auch etwas von diesem wundervollen Zauber. Ja, ich glaube, Sie haben recht. Man muss sich freuen und dem Schicksal dankbar sein!«, erwiderte Konstantin.

»Nicht wahr?«, sagte sie eifrig. »Oh, kommen Sie, wir wollen tanzen, tanzen! Es ist so wundervoll, im Mondschein zu tanzen!«

Konstantin lachte. »Aber wo sind denn die Musikanten?«

»Kommen Sie, kommen Sie! Ich werde singen, und wir werden tanzen.«

Noch ehe er begriffen hatte, wie ihm geschah, fühlte er sich von ihren Händen erfasst und mitgezogen. Er legte den Arm um die schlanke Gestalt, sie summte eine leise Melodie, und so tanzten sie über das Deck.

Lachend hielten sie nach einer Zeit inne und lehnten sich an die Reling.

»Nicht wahr, es ist schön!«, sagte sie atemlos und sah ihn voll an.

Welch ein Mann! Oh, welch ein Mann! Er war groß und schlank, mit feinen Gesichtszügen, aber zugleich auch außerordentlich männlich und sehr vornehm.

»Ich sehe Sie heute zum ersten Mal. Wo haben Sie denn die ganze Zeit gesteckt?«

»Oh, ich hatte so viel zu tun. Ich musste doch erst einmal das Schiff kennenlernen.«

Konstantin sagte: »Ich glaube, es ist jetzt wohl angebracht, dass ich mich vorstelle. Ich heiße Konstantin Benedetti und bin in Österreich zu Hause.«

Clarissa lachte.

»Sie lachen?«, wunderte er sich.

»Merken Sie nicht, dass wir die ganze Zeit österreichisch miteinander gesprochen haben?«

»Nein, in der Tat! - Und darf ich jetzt vielleicht Ihren Namen erfahren?«

Clarissa wandte sich ab und sah auf das Meer. Sollte sie ihm den Namen nennen? Dem Dialekt nach kam er aus Tirol. Und sie selbst hatten dort ja ihren Hof gehabt. Bestimmt kannte man den Vater, zumindest wusste man, wie er geendet hatte.

In ihren Augen war der Vater ein Bankrotteur. Einfach das Geld auf die Kasse bringen, dann zu trinken anfangen. Das hatte sie ihm nie verziehen. Nein, man konnte auf den Vater nicht stolz sein. Clarissa hatte sich in den Bergen nie wohlgefühlt, auch jetzt verstand sie die Schwester nicht, warum diese noch immer unter Heimweh litt.

Sie waren damals siebzehn gewesen, als man nach Wien zog. Da hatte für sie das richtige Leben begonnen. Aber als dann der Vater starb, hatten sie so gerade ihre Ausbildung beenden können. Er allein trug die Schuld, dass man jetzt jeden Schilling umdrehen musste.

Clarissa hatte den Vater nie verstanden. Bis auf den heutigen Tag begriff sie nicht, dass man einen Berghofbauern nicht in die Stadt verpflanzen konnte. Daran war er zerbrochen, und daran, dass er seinen Hof hatte verkaufen müssen. Er hatte nur immer Clarissa gesehen. Sie war die Ältere. Sabine hatte er sich nie richtig angeschaut. Und weil er wusste, wie sehr Clarissa den Hof hasste, gierig auf die Erzählungen der Mutter lauschte, die alle nur von der Stadt handelten, darum hatte er den Hof verkauft. Er wusste aus Erfahrung, wenn man jemand zwang, dann wurde es doch nichts. Das zumindest hatte er sich selbst ersparen wollen, wie sein Hof langsam vor die Hunde ging.

Das war der eigentliche Grund gewesen, aber wenn sie es auch wusste, denn der Vater hatte ihn ihr angeboten, die Schwester wusste zum Glück nichts davon, verstand sie den Vater trotzdem nicht. Clarissa war ein Mensch, der nur sich selbst lieben konnte.

Nein, dachte sie fast zornig, die alten Schatten sollen mich nicht wieder einholen. Ich will glücklich sein und sonst gar nichts.

Als sie diese wundervolle Reise angetreten hatte, war alles Hässliche, die bescheidene Umgebung und die Heimat weit zurückgeblieben. Hatte sie Sabine nicht gesagt: »Nach der Reise fange ich ein ganz neues Leben an.«

»Nennen Sie mich einfach Clarissa, die dem Meer Entstiegene«, wandte sie sich jetzt wieder lachend an den Mann.

»Sonst keinen anderen Namen?«

»Nein!«

Ihre Blicke trafen sich.

»Ihr Wunsch ist mir Befehl, Clarissa!«

»Ich glaube, es wird Zeit, dass ich endlich schlafen gehe«, erklärte sie unvermittelt.

»Werden wir uns morgen wiedersehen, Clarissa?«

»Vielleicht«, lächelte sie spitzbübisch. »Wenn es mir auf dem Meeresgrund zu langweilig wird, werde ich wiederkommen!«

»Ich werde auf Sie warten.«

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3

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Unentschlossen stand Clarissa am nächsten Morgen am Eingang zum Speiseraum und wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte. Sie wurde nicht erwartet und kannte niemanden auf dem Schiff. Viele liefen an ihr vorüber, lachten und plauderten miteinander. Das verstimmte sie sofort, denn sonst war sie immer der Mittelpunkt bei den Freunden in Wien. Und ein klein wenig ärgerte sie sich auch, dass der Mann nicht auf sie gewartet hatte.

Ein Steward kam auf sie zu.

»Möchten Sie jetzt das Frühstück einnehmen?«

»Ja«, sagte sie zögernd. »Ja, bringen Sie es mir!«

»Darf ich Ihnen diesen Platz hier anbieten? Er ist ausgezeichnet, und von hier aus werden Sie nachher Alexandria gut sehen können.«

»Danke!«

Doch bevor Clarissa zu dem bezeichneten Tisch gehen konnte, sah sie die hohe, schlanke Gestalt hinter dem Steward auftauchen.

»Erlauben Sie, dass ich an Ihrem Tisch Platz nehme?«

Sie drehte sich zu ihm um und blickte in seine dunklen Augen. Sie fühlte noch immer Unmut in sich. Konstantin schob Clarissa den Stuhl zu, setzte sich ihr gegenüber und betrachtete sie. Er fand sie noch genauso schön wie in der vergangenen Nacht. Jetzt, in der hellen Morgensonne, sah er ihre blauen Augen, die zarten Linien um ihren Mund und den schlanken, biegsamen Hals. Clarissa war wunderschön!

»Ich hoffe, Sie haben eine gute Nacht gehabt.«

Sie wollte ihm noch keine Antwort geben. Ein wenig Strafe hatte er schon verdient. Nach dem Gespräch auf Deck hätte er zumindest so tun können, als habe er auf sie gewartet.

»Habe ich Sie verstimmt?«

Sie sah ihn für einen Moment an und dann dachte sie, unsere Freundschaft ist noch zu frisch. Wenn ich ihn jetzt vor den Kopf stoße, dann geht er womöglich. Ich bin ja froh, dass ich hier jemanden kenne.

»Nein«, sagte sie schnell und setzte dabei ihr schönstes Lächeln auf.

»Fein, ich hatte schon Angst, dass Sie mich nicht mögen.«

Jetzt war sie verwirrt. Das hatte sie nicht erwartet.

»Werden wir uns nachher in der Stadt sehen? «

»Ich gehe nicht von Bord«, sagte sie heftig.

»Schade, Sie verpassen eine ganze Menge!«

»Konstantin!« Clarissas Lippen bebten; sie wollte etwas sagen, doch die Worte blieben ihr im Halse stecken.

»Ja?«

Wenn doch nur ihr Herz nicht so stürmisch schlagen würde, dann wäre alles nicht so schlimm.

Clarissa stand auf.

Konstantin wollte ihr folgen.

»Sie entschuldigen«, flüsterte sie und verschwand.

Als das Fallreep heruntergelassen wurde und die Reisenden an Land gingen, stand Konstantin an der Reling und hielt nach Clarissa Ausschau. Doch er fand sie nicht unter den Ausflüglern. Da, endlich, entdeckte er die einsame Gestalt am Achterdeck. Clarissa stand da und sah mit sehnsüchtigen Augen hinüber. Ohne dass sie es bemerkte, kam er von hinten heran. Erst als er ganz nahe war, spürte sie seine Gegenwart. Sie schnellte herum. Konstantin lächelte sie an.

»Darf ich Sie zu einem Landspaziergang einladen?«

Clarissa zögerte; doch dann siegte die Neugierde. Gemeinsam gingen sie von Bord.

»Schauen Sie, gnädiges Fräulein, welch ein herrliches Gewühl in den Straßen!«

Ruckartig blieb sie stehen. »Warum reden Sie mich so an?«

»Schimpfen Sie mich einen Tölpel, Clarissa, ich habe es verdient, aber Sie haben mir Ihren Nachnamen nicht genannt, und da wagte ich nicht, Sie beim Vornamen zu nennen. Deswegen, ich wollte Sie nicht necken.«

»Später erzähle ich Ihnen vielleicht einmal, warum ich noch nicht meinen wirklichen Namen nennen will.«

»Gut, so nenne ich Sie ab jetzt nur noch Clarissa. Ich werde mich nicht mehr aufdrängen und Sie nach Ihrem Namen fragen. Aber kommen Sie, sehen wir uns doch jetzt einmal die Stadt an.«

Der kleine Streit war schnell vergessen.

Sie durchstreiften die engen Gassen. Konstantin war ein angenehmer Unterhalter. Darüber wunderte sie sich sehr, sagte er doch, dass er immer in den Bergen gelebt habe. Woher also sein großes Wissen? Clarissa vermutete mit Recht Geld hinter dem Namen.

Die Geschäftsstraßen waren voller Menschen. Konstantin verharrte vor einem Stand, der wunderschöne Seidenschals anbot. Clarissa hielt den Atem an. Welch eine Pracht! Ihre langen, schlanken Finger glitten sacht über die wertvollen Stoffe. Ach, und die Preise! Unwillkürlich fühlte sie wieder einen tiefen Zorn gegen den toten Vater in sich aufsteigen. Er hatte das alles verschuldet.

Konstantin hatte ihr Verlangen gesehen. Er wies den Verkäufer an, einen seiner schönsten Stücke einzupacken, zahlte den hohen Preis und überreichte Clarissa sein Geschenk. Sie zögerte.

»Als Buße für meine Unartigkeit von vorhin«, sagte er lachend.

Nein, man konnte ihm nicht böse sein. Zum ersten Mal sah er sie lachen, und sein Herz wurde weit.

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Konstantin Benedetti hatte sich verliebt. Eine wundervolle Nacht und ein Nachmittag in Alexandria hatten genügt, um sein schweres Bauernblut in Wallung zu bringen. Clarissa musste eine Zauberin sein, dass sie das fertig gebracht hatte.

Konstantin ging über das Promenadendeck und stellte sich in den Schatten der Aufbauten. Die Sonne ging gerade unter, ließ das Meer rotgolden schimmern. Wie gebannt starrte er auf dieses Schauspiel. Bisher hatte er nur Sonnenuntergänge in den Bergen gesehen. Für die Natur hatte er ja von klein auf etwas übrig. Die einsamen Hochwälder, die Bergtouren, die man mit guten Freunden unternahm. Die Gletscherwanderungen. Aber jetzt wollte er nicht an die ferne Heimat denken. Wo war Clarissa? Er wollte sie sehen, mit ihr sprechen, er konnte ohne sie nicht mehr leben. Seine Blicke gingen unruhig hin und her. Viele Passagiere gingen an ihm vorüber oder blieben bewundernd stehen. Nur sie kam nicht! Spielte sie ein Spiel mit ihm? Wusste sie um ihre Macht?

Dann sah er sie endlich! Sie ging langsam über das Deck. Konstantin trat aus dem Schatten. Clarissa erkannte ihn und lächelte ihn heiter an.

»Ah, genießen Sie auch den wunderschönen Abend?«

»Ja«, sagte er rau. »Die Sonnenuntergänge sind einmalig.«

Sie stand vor ihm und wippte auf den Zehen. Er hatte das Gefühl, als wollte sie weitergehen, ohne ihn!

»Sie sind verabredet?«, fragte er.

Clarissa sah ihn für einen Moment an. Seine dunklen Augen glühten. Er liebte sie! Ja, sie spürte es ganz genau, und ihr Herz klopfte schnell und unruhig. Oft schon hatte sie mit Männern geflirtet, deren Feuer geahnt., Aber diesmal spielte sie nicht, nein, sie liebte ihn, das wusste sie schon längst.

Und obwohl sie nun erkannte, dass sie seine Liebe besaß, hatte sie plötzlich den Wunsch, mit ihm zu spielen.

»Vielleicht«, erwiderte sie lächelnd.

Er atmete schneller. »Und wenn ich Sie bitte, den Abend mit mir zu verbringen?«

Sie lehnte sich an die Reling, blickte auf die Wellen und fragte: »Und was schlägt der Herr vor?«

»Nun«, er zögerte leicht, »wir könnten ins Kino gehen.«

»Ich möchte lieber tanzen«, entgegnete sie.

»Wie Sie wünschen - kommen Sie!«

Die Kapelle spielte gut. Viele junge Leute amüsierten sich in der Tanzbar. Clarissa wurde von allen begehrt, und sie tanzte mit jedem. Konstantin musste es geschehen lassen. Seine Blicke folgten ihr, wenn sie davonschwebte. Sie war weitaus die Schönste im ganzen Saal. Er hörte ihr perlendes Lachen, und sein Herz zog sich vor Schmerz zusammen.

Endlich kam sie an seinen Tisch zurück. Er saß stumm da und sah sie an. Ihre Wangen waren vom Tanzen leicht gerötet. Sie trank ein Glas Sekt in einem Zuge leer und sah ihn dann strahlend an.

»Warum sind Sie so schweigsam, Konstantin?«

Mit seinen dunklen Augen sah er sie an, als wollte er auf den Grund ihrer Seele blicken. Über ihren Kopf hinweg sah er, dass wieder ein Tänzer kam, um sie aufzufordern. Clarissa verneinte; sie sagte, sie sei müde und wolle sich ausruhen.

Tat sie es seinetwegen?

»Woran denken Sie, Konstantin? Sie machen ein so nachdenkliches Gesicht.«

»Woran ich denke? Nun im Augenblick denke ich an zu Hause. An den Hof. Er liegt hoch oben in den Bergen, am schönsten Platz des Dorfes. Die Wälder sind ganz nah, man hört die Bäche rauschen, es ist sehr still dort, aber im Hof selbst ...« Er brach ab.

»Ja?«, sagte Clarissa, denn sie wollte alles über ihn erfahren, bevor sie ihm zeigte, dass sie ihn liebte. Sie besaß einen scharfen Verstand. Als sie jetzt das Wort Hof hörte, wäre sie am liebsten aufgesprungen. Sollte die Vergangenheit sie schon wieder einholen? Aber dann erinnerte sie sich, wo sie waren, und sie sagte sich, ein einfacher Bergbauer kann unmöglich so viel Geld für so eine Reise vergeuden. Nur einfach so. Da steckt noch mehr dahinter.

Konstantin sprach jetzt von der Sägemühle, die Käserei von den Pensionen und auch von der Erbschaft.

Aha, dachte sie tief befriedigt, so ist das. Also kein simpler Bauer!

Konstantin beugte sich vor und nahm ihre rechte Hand.

»Auf dem Hof selbst, er ist sehr alt und doch so traulich und modern zugleich, müssen Sie wissen, aber dort ist die Einsamkeit zu Hause. Nur die Mutter und ich leben dort.«

Clarissa sah ihn aus ihren schönen Augen unverwandt an. Aber sie wollte nicht die Einsamkeit. Die kannte sie zur Genüge, sie lebte in Wien, wollte das Stadtleben nie aufgeben. Aber er besaß Geld, sehr viel Geld! Lachend sagte sie: »Und warum heiraten Sie nicht, wenn es so einsam dort oben ist? « Sie forderte ihn heraus.

»Ja, heiraten«, sagte Konstantin versonnen. »Mutter wünscht es sich schon seit langem, aber bisher habe ich niemanden gefunden, den ich dort als Frau sehen wollte.«

»Bisher?« Ihre Lippen zitterten ganz leicht.

»Clarissa!« Wie rau seine Stimme klang. »Was würden Sie sagen, wenn ich jetzt eine Frau gefunden hätte, die ich liebe, die ich heiraten möchte?«

Sanft entzog sie ihm ihre Hände.

»Und das Mädchen? Liebt das Mädchen Sie auch?«

Er lehnte sich zurück in den Sessel.

»Um das zu wissen, würde ich viel geben.«

War das nicht schon deutlich genug? Ein junger Mann verbeugte sich. Clarissa stand auf und ging mit ihm zur Tanzfläche.

War das nicht schon Antwort genug? Er dachte an die Mutter, an den Hof, an sein Herz! Zum ersten Male spürte er den Zauber der Liebe. Er strich sich über die Stirn. Clarissa kam und kam nicht wieder. Er stand auf, beglich die Rechnung und wollte den Tanzsaal verlassen. Da rauschte eine helle Gestalt auf ihn zu.

»Sie wollen schon fort?«, fragte Clarissa.

»Ich bin müde.«

Carissa spürte, dass sie einen Fehler begangen hatte. Sie nahm seinen Arm und ging mit ihm.

»Werden wir uns morgen wiedersehen?«

Welch eine Frage! Sah man sich auf einem Schiff nicht jeden Tag? Oder sollte das etwa heißen, dass ihr etwas an seiner Gesellschaft lag?

Er drehte sich zu ihr um und fasste sie bei den Schultern.

»Clarissa«, sagte er leise. »Clarissa!« Dann wandte er sich abrupt ab und eilte davon.

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Diesmal trug Clarissa ein zitronengelbes Sommerkleid und einen großen Strohhut, der sie vor den Sonnenstrahlen schützen sollte. Es war sehr heiß; viele befanden sich unter Deck und suchten dort Kühlung; nur sie und Konstantin waren hier oben allein. Sein Herz pochte zum Zerspringen. Er musste sich endlich Klarheit verschaffen. So konnte er nicht mehr leben. Entschlossen zog er ein schmales langes Päckchen hervor.

»Ich möchte Ihnen so gerne Blumen schenken, aber Sie wissen, dass ich das hier nicht kann. Darum erlauben Sie mir, Ihnen eine andere Kleinigkeit zu überreichen«, sagte er lächelnd.

Clarissas Hände zitterten ganz leicht, als sie das Päckchen entgegennahm. Rasch entfernte sie das Seidenpapier. Ein hübsches Etui kam zum Vorschein, und als sie den Deckel hob, stockte ihr der Atem. Ein wunderschönes Armband lag auf Samt gebettet vor ihren Augen. Er musste es wohl in Ägypten erstanden haben.

»Wie können Sie nur!«

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920420
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v429414
Schlagworte
konstantins liebe

Autor

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Titel: Konstantins verlorene Liebe