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Bount Reiniger und der Wettlauf mit der Zeit: N.Y.D. – New York Detectives

2018 120 Seiten

Leseprobe

Bount Reiniger und der Wettlauf mit der Zeit: N.Y.D. - New York Detectives Kriminalroman

Wolf G. Rahn

Published by Cassiopeiapress Extra Edition, 2018.

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Bount Reiniger und der Wettlauf mit der Zeit: N.Y.D. – New York Detectives

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Krimi von Wolf G. Rahn

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

Ohne es verhindern zu können, muss Mandy Munroe miterleben, wie ihr Bruder Ned auf offener Straße entführt wird. Ihr Vater Lawrence soll eine Viertelmillion Dollar für die Herausgabe seines Sohnes zahlen und die Polizei heraushalten. Mandy will einen Privatdetektiv beauftragen, aber Munroe traut den Schnüfflern nicht, was letztendlich beiden Kindern zum Verhängnis wird. Bei der Geldübergabe läuft etwas schief und Neds Leben ist keinen Pfifferling mehr wert. Daraufhin schaltet Mandy den New Yorker Privatdetektiv Bount Reiniger ein, damit er das Schlimmste verhindern kann – aber dafür ist es fast schon zu spät ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Lawrence Munroe - Von seinen Freunden im Stich gelassen, vertraut er Leuten, die alles andere als sein Bestes wollen.

Mandy Munroe - Durch ihren Vater gerät sie in eine Situation, aus der sie nur einen fürchterlichen Ausweg sieht.

Sheldon Farmer - Als nicht alles nach seinem Plan verläuft, greift er bedenkenlos zur Waffe.

Logan Bosse - Der kleine Gauner ergattert durch Zufall ein Vermögen. Als er merkt, wie heiß die Sore ist, sucht er das Weite.

June March - unterstützt Bount Reiniger bei seinen Ermittlungen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

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Hoffentlich kam Ned bald! Es nieselte, und die Kälte kroch Mandy Munroe durch den dünnen Stoff. Um diese Jahreszeit wusste man nie genau, wie man sich anziehen sollte.

Die Männer warfen ihr eindeutige Blicke zu. Einer hatte sie sogar schon angesprochen und wäre um ein Haar handgreiflich geworden, weil er nicht glauben wollte, dass sie hier nur stand, weil sie auf ihren Bruder wartete.

Zu blöd, dass ihr Wagen in der Werkstatt war. Mit dem Fahrzeug war doch auch immer etwas los. Typisches Montagsauto.

Das Mädchen fröstelte. Es ging ungeduldig auf und ab. Den Kragen des Popelinmantels hatte es hochgeschlagen.

Wie der Kerl dort drüben sie anstierte! Ein unangenehmer Mensch. Nur gut, dass diese Gegend ziemlich belebt war. Dem hätte sie nicht allein im Central Park begegnen wollen. Schon gar nicht um diese Zeit.

Die Dämmerung brach herein. Dunst senkte sich über die Stadt. Mandy freute sich auf zu Hause.

Der Bursche ließ keinen Blick von ihr. Zum Glück kam er nicht näher und sprach sie an. Der konnte bestimmt ekelhaft werden. In seinen Augen lag etwas Drohendes, Besitzergreifendes.

Er trug dünne, schwarze Handschuhe. Als wollte er jemand umbringen, fuhr es Mandy Munroe durch den Kopf. Sie schüttelte sich bei diesem Gedanken.

Angestrengt starrte sie nach links, obwohl Ned von der anderen Seite kommen musste. Aber da stand der unsympathische Mensch, und sie wollte seinen Blicken nicht begegnen.

Sie sah auf die Armbanduhr. Sicher war Ned noch durch einen Kunden aufgehalten worden. Im Grundstücksgeschäft gab es keinen Feierabend. Aber wenn man sein Metier verstand, konnte man in kurzer Zeit erstaunliche Erfolge erzielen. Und Ned stellte sich offenbar äußerst geschickt an. Ihr Vater war sehr zufrieden mit ihm.

Endlich kam er.

Den metallicbraunen Chevrolet Caprice erkannte sie schon am Motorengeräusch. Sie drehte sich um und winkte.

Ned blinkte und stoppte am Bordstein. Er sah müde aus. Aber auch ein wenig stolz. Er musste ein gutes Geschäft abgeschlossen haben.

Mandy Munroe lachte erleichtert. Jetzt spürte sie den Nieselregen nicht mehr. Sie freute sich auf das Wochenende draußen in ihrer Ferienhütte.

Sie eilte zu dem wartenden Wagen. Ned öffnete gerade den Schlag auf der Beifahrerseite.

Da wurde sie brutal zur Seite gestoßen. Sie stolperte und stürzte. Mitten in eine Pfütze hinein.

Sie verletzte sich am Fußgelenk. Aber das war nicht so schlimm. Viel entsetzlicher war das, was sie mit ansehen musste, ohne eingreifen zu können.

Der Kerl mit den drohenden Augen hatte sich neben Ned auf den Beifahrersitz geworfen und die Wagentür zugeknallt. Er hielt einen Revolver in der Faust. Den Lauf drückte er Ned in die Seite. Sein Gesicht war verzerrt. Neds Augen weiteten sich. Mandy rechnete jede Sekunde mit dem Schuss, der ihren Bruder töten würde.

Hastig kam sie in die Höhe und achtete nicht auf die Schmerzen in ihrem Fuß. Sie wollte die Autotür aufreißen. Vielleicht wurde der Schuft dann abgelenkt, und Ned erhielt eine Chance, ihn aus dem Wagen zu stoßen.

Doch dazu kam es nicht mehr. Der Chevrolet Caprice fuhr mit auf jaulenden Reifen wieder an und verschwand so schnell, dass kaum einer der zahlreichen Passanten auf das Verbrechen aufmerksam geworden war.

Eine Hand legte sich auf Mandy Munroes Schulter.

„Alles in Ordnung, Miss?“, erkundigte sich eine dunkle Stimme.

Mandy blickte auf. In ihre braunen Augen traten Tränen. Sie erkannte den Mann vor ihr nur verschleiert. Ihre Beine zitterten. Sie ließ sich gefallen, dass er sie stützte.

„Ned!“, stammelte sie. „Mein Bruder. Er ist entführt worden.“

„Richtig gekidnappt?“ Der Mann war perplex. „Wo sind die Schufte?“ Er sah sich suchend nach allen Seiten um.

Mandy wies mit der ausgestreckten Hand in die Richtung, in der der Chevy verschwunden war. „Es war nur einer, aber er hatte einen Revolver. Er hat mich umgestoßen und Ned in dessen eigenem Wagen bedroht.“

„Wir müssen hinterher“, schlug der Fremde aufgeregt vor. „Vielleicht holen wir sie noch ein. Sie kennen ja den Wagen und die Zulassungsnummer.“

Das Mädchen schöpfte Hoffnung. Sie fühlte sich nicht mehr so entsetzlich hilflos und allein. Vielleicht wurde doch noch alles gut.

Der Mann schob sie zu einem schon etwas verbeulten Buick. Der konnte es mit dem Caprice bestimmt nicht an Schnelligkeit aufnehmen, aber der Kidnapper musste schließlich auch auf das speed limit achten, um nicht die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich zu lenken.

Wie in Trance stieg sie ein und merkte kaum, dass die Verfolgungsfahrt begann.

„Wie heißen Sie?“, hörte sie den Fremden fragen. Er reichte ihr eine Zigarettenpackung, und sie bediente sich daraus.

„Mandy Munroe“, antwortete sie mit belegter Stimme. „Ich kann es noch gar nicht fassen. Es ist zu schrecklich.“

„Ich heiße Frank Smith. Das Gangsterwesen in dieser Stadt nimmt überhand, und die Polizei ist machtlos. Da muss man sich schon selbst helfen. Bestimmt versucht der Kerl, nach New Jersey hinüber zu entkommen. Da schnappen wir ihn.“

„Glauben Sie?“

„Verlassen Sie sich auf mich, Mandy. Ich kenne mich ein bisschen mit diesen Typen aus. Ich arbeite in der Versicherungsbranche. Da erlebt man allerhand.“

Sie ließen die George Washington Bridge hinter sich, und Smith lenkte den Buick über die Sylvan Avenue nach Norden.

„Woher wollen Sie wissen, dass sie ausgerechnet hier entlanggefahren sind?“, fragte Mandy Munroe zweifelnd.

„Intuition, Mandy. Man muss sich in die Gedanken eines Verbrechers hineinversetzen können. Ich wette, der versteckt sich vorläufig irgendwo im Engle Wood. Da gibt es nämlich ein paar Möglichkeiten, an die kaum einer denkt. Wir hatten mal einen Juwelendieb, der dort untergekrochen ist. Er hatte Pech, weil ich den Ort kannte. Jetzt sitzt er für ein paar Jahre in einer Gegend, in der es keinen Wald gibt.“ Frank Smith lachte siegessicher.

Mandy Munroe hätte sich gerne von seinem Optimismus anstecken lassen, doch ihre Zweifel waren zu groß.

Sie wurden noch größer, als Smith den Wagen auf einen Waldweg lenkte und kurze Zeit später auch noch von diesem herunterfuhr. Er stoppte den Buick und schaltete den Motor ab. Das Licht ließ er ebenfalls erlöschen.

„Ist es hier?“, fragte sie ahnungsvoll. „Ich sehe nirgends einen Wagen.“

„Hier ist es, Baby“, bestätigte der Mann grinsend. Er ließ das Lenkrad los und legte einen Arm besitzergreifend um ihre Schultern. Er beugte sich zu ihr hinüber. Sein Atem strich an ihrem Gesicht vorbei.

Mandy versteifte sich. Das war es also. Keine Sekunde lang hatte der Bursche vorgehabt, ihr zu helfen. Ihm war es nur darum zu tun gewesen, sie in seinen Wagen zu bekommen.

Du darfst jetzt nicht die Nerven verlieren, sagte sie sich. Wenn du dich falsch verhältst, bringt er dich womöglich um.

Das wollte sie nicht, das andere, was er im Sinn hatte, aber auch nicht. Die Angst um Ned schnürte ihr das Herz ab, und sie saß hier neben einem Strolch, der ihre Situation auf gemeinste Weise ausnutzte.

Seine Hand kroch auf ihr Knie. Sie war feucht und widerlich.

„Sie werden keinen Spaß mit mir haben“, prophezeite sie mit erzwungener Ruhe. „Lassen Sie mich gehen, dann vergessen wir das Ganze. Ich habe im Augenblick andere Sorgen, als Sie anzuzeigen.“

„Die hast du, Puppe“, bestätigte der Widerling. „Und Spaß werden wir ’ne Menge haben. Ich verstehe mich darauf.“

Er riss sie an sich heran und presste dabei ihre Arme so gegen ihren Körper, dass sie sich nicht wehren konnte.

„Es ... es ist so eng hier“, klagte sie. Dabei wandte sie ihr Gesicht von seinem ab. Schon sein Anblick bereitete ihr Übelkeit.

„Das können wir ändern, Darling.“ Mit einem Ruck riss er ihr den Mantel auf und griff nach dem Pullover.

Sekundenlang bekam sie einen Arm frei. Sie reagierte nicht mehr überlegt, sondern nur noch instinktiv. Mit den Fingern fuhr sie ihm ins Gesicht und hinterließ dort blutige Streifen.

Der Mann schrie auf und griff sich an den blutenden Kopf.

Blitzschnell riss Mandy Munroe die Wagentür auf, doch sie kam nicht mehr dazu, sich hinausfallen zu lassen. Smith, der sicher ganz anders hieß, zerrte sie zurück und versetzte ihr eine schallende Ohrfeige.

„Du verdammte Hexe!“, brüllte er. „Du willst es ja nicht anders. Jetzt wirst du mich kennenlernen. Ich habe noch jede zahm gekriegt. Du wirst mich noch anwinseln, verlass dich drauf.“

Warum kam denn niemand, um ihr zu helfen? Aber er hatte schon recht gehabt. Es gab hier Plätze, die kaum einer kannte. Er wusste Bescheid. Sicher war er nicht zum ersten Mal mit einem seiner Opfer hier.

Der Mann zerfetzte ihr den Pullover. Seine Augen wurden gierig.

Das Mädchen wurde von Todesangst ergriffen. Die verlieh ihr ungeahnte Kraft. Sie krümmte sich zusammen, warf sich in den Sitz mit angezogenen Beinen zurück und drehte sich herum. Dann streckte sie sich mit voller Wucht und stieß dem Angreifer ihre hochhackigen Schuhe entgegen. Ihr war egal, wo sie ihn traf.

Im nächsten Moment ließ sie sich nach hinten durch die noch immer geöffnete Tür fallen. Hart schlug sie auf dem belaubten Boden auf. Aber sie verbiss den Schmerz und raffte sich hastig auf.

Nur weiter! Fort von diesem Scheusal!

Sie rannte los. Hinter sich hörte sie Fluchen und eilige Schritte. Er dachte gar nicht daran, sie laufen zu lassen.

Mandy hatte im Wagen einen Schuh verloren. Jetzt schleuderte sie auch noch den anderen vom Fuß. Das Laub war feucht und glatt. Immer wieder rutschte sie darauf aus, wodurch ihr Vorsprung verringert wurde.

Sie schrie um Hilfe, obwohl sie wusste, dass sie niemand hören würde. Es war jetzt fast dunkel. Kein Mensch trieb sich mehr in dieser Gegend herum.

„Bleib stehen!“, befahl ihr Verfolger. „Sonst bringe ich dich um.“

Sie kümmerte sich nicht um diese Drohung, obwohl sie ohne Weiteres glaubte, dass er sie ernst meinte.

Wie recht sie mit dieser Befürchtung hatte, bewies der Schuss, der plötzlich aufbellte. Eine Kugel strich höchstens zwei Handbreit an ihrem Kopf vorbei.

Mandy Munroe blieb wie angewurzelt stehen und drehte sich herum.

Da stand er. Der Revolver in seiner Faust war auf ihre Brust gerichtet. Das Gesicht des Mannes trug ein zynisches Grinsen. Bedächtig kam er näher. Er genoss jeden Schritt.

„Bravo!“, krächzte er. „Ich wusste doch, dass wir uns auf irgendeine Weise verständigen werden. Jetzt weiß ich wenigstens, welche Sprache du verstehst. Ich werde mir das für die Zukunft merken. Es könnte ja sein, dass dir wieder mal etwas nicht passt. Dann werde ich allerdings in dein hübsches Lärvchen ein hässlich schwarzes Loch pieken. Du kennst mich jetzt gut genug, um zu wissen, dass ich nicht spaße.“

Mandy wusste es, und sie wusste auch, dass sie ihm jetzt endgültig ausgeliefert war. Sie konnte jetzt nur noch beten, dass er sie wenigstens am Leben ließ, wenn sie schon alles andere nicht mehr verhindern konnte.

Ihr nächster Gedanke galt wieder ihrem Bruder. Sie hatte Angst um ihn. Erbärmliche Angst. Ihr gegenüber besaß er nur einen Vorteil. Man würde ihn nicht vergewaltigen. Aber vielleicht war er schon tot.

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2

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Lawrence Munroe betrachtete sein Werk. Er hatte sich besondere Mühe gegeben, den Tisch ansprechend zu schmücken. Aus der Kochnische duftete der Braten. Zwei Flaschen vom besten französischen Rotwein standen bereit. Das Besteck glänzte, obwohl es nicht das teure Silber war. Hier draußen im Ferienhaus begnügte er sich mit Edelstahl.

Ein ganzes Wochenende mit den Kindern! Er freute sich darauf, und er wusste, dass Mandy und Ned ebenso darüber dachten. Seit ihre Mutter gestorben war, hatten sie sich ihm noch stärker zugewandt. Er war ihnen beides: Vater und Mutter. Nicht nur deshalb, weil er gut und gerne kochte.

Lawrence Munroe war einundfünfzig. Als Finanzberater spürte er die Rezession im positiven Sinne. Die Leute machten sich viel mehr Gedanken, wie sie ihr Vermögen retten konnten. Fachkundige Hilfe war ihnen einen angemessenen Preis wert.

Natürlich hätte er wieder heiraten können. Er sah nicht schlecht aus, wenn er sich auch selbst nicht mehr schlank nannte und sein Haar dünn und grau wurde.

Kandidatinnen hätte es einige gegeben. Manche hätten ihn auch nicht nur seines Geldes wegen genommen. Judith zum Beispiel, die heute noch glänzende Augen bekam, wenn sie sich trafen. Oder Shirley, die sich seit dem Unfall ihres Mannes hilflos und einsam fühlte.

Aber er dachte an die Kinder. Er wollte ihnen nicht zumuten, sich an eine neue Mutter gewöhnen zu müssen, obwohl sie ja selbst bald aus dem Haus gehen würden. Leider!

Lawrence Munroe blickte zum nun schon wiederholten Male auf die Uhr. Wo sie nur bleiben! Wenigstens anrufen hätten sie können, wenn sie sich schon derart verspäteten. Das war er von ihnen gar nicht gewöhnt.

Er rückte die Leuchter mit den Kerzen gerade und legte die Zündhölzer zurecht. Er hatte sich vorgenommen, jede Mahlzeit zu einem kleinen Fest zu gestalten. Das war er Mandy und Ned schuldig. Schließlich war es nicht selbstverständlich, dass sie in ihrem Alter ein ganzes Wochenende mit ihrem alten Vater verbrachten.

Das Telefon schlug an. Das war bestimmt Ned. Hoffentlich war nichts mit dem Wagen passiert. Der Junge fuhr manchmal ein bisschen riskant. Besonders wenn er unter Zeitdruck stand.

Er eilte zum Apparat, hob den Hörer ab und tadelte sanft: „Wo bleibt ihr denn? Ich habe mir schon Sorgen um euch gemacht.“

„Die sind nur nötig, wenn Sie nicht mitspielen, Munroe“, kam eine fremde Stimme aus der Muschel. „Aber Sie sind ja ein kluger Mann, wie man sich erzählt. Und vor allem sollen Sie sehr an Ihrem Sohn hängen.“

Lawrence Munroe überlief es eiskalt. Er wusste sofort, was dieser Anruf bedeutete. Solange die Kinder noch jünger waren, hatte er manchmal Angst davor gehabt, sie würden eines Tages nicht von der Schule nach Hause kommen. Inzwischen war Ned fünfundzwanzig und Mandy zwei Jahre jünger. Er hatte geglaubt, diese Angst nun vergessen zu können. Er hatte sich gründlich geirrt.

„Wer sind Sie, und was wollen Sie von mir?“ Ihm war die törichte Frage bewusst. Den ersten Teil würde der Unbekannte nicht beantworten, und wegen des zweiten Teils rief er ja an.

„Was sind schon Namen, Munroe“, sagte der Anrufer. Seine Stimme klang unnatürlich dumpf. Wahrscheinlich hatte er ein Tuch über den Hörer gelegt. „Dafür kann man sich nichts kaufen. Für zweihundertfünfzigtausend Dollar kann man sich dagegen schon die dringendsten Wünsche erfüllen. Sie wissen doch, jeder Mensch hat Wünsche. Sie zum Beispiel wollen vermutlich Ihren Sohn lebend wiedersehen. Mir schwebt ein Urlaub in der Südsee mit allem drum und dran vor. Was liegt näher, als dass wir uns zusammentun und gegenseitig unsere Wünsche erfüllen. Sie kriegen Ihren Sprössling zurück und überlassen mir dafür einen kleinen Teil Ihres Vermögens. Mit einer Viertelmillion bin ich zufrieden. Unbescheidenheit ist ein hässlicher Charakterzug.“ Er lachte meckernd.

Lawrence Munroe war nicht zum Lachen zumute. Sein Innerstes krampfte sich zusammen. Ned in der Gewalt eines Kidnappers. Und Mandy? Was war mit ihr?

Er zwang sich zur Ruhe und konnte doch nicht verhindern, dass seine Stimme vibrierte, als er sagte: „Bevor wir weiterverhandeln, muss ich sicher sein, dass Ned noch lebt. Außerdem haben Sie meine Tochter noch mit keiner Silbe erwähnt. Was haben Sie mit ihr gemacht?“

„An Weibern vergreife ich mich nicht, Munroe. Die machen nur Ärger. Das kleine Biest wollte sich mir in den Weg stellen. Ich habe ihr eine gewischt, das war aber auch schon alles. Die taucht bestimmt bald auf. Ihren Sohn sehen Sie allerdings nur als Leiche wieder, falls Sie sich zu zahlen weigern. Dass er sich in gutem Zustand befindet, müssen Sie mir schon glauben. Wo ich ihn versteckt habe, gibt es kein Telefon, und ich kann ihn ja schließlich nicht jedes Mal mitschleppen, wenn ich mit Ihnen plaudere. Sie können mir aber ein paar persönliche Fragen stellen. Die werde ich Ihnen beantworten, wenn mir der Bengel die Auskünfte gegeben hat. Bei der Gelegenheit teile ich Ihnen auch gleich mit, wo Sie mit den Mäusen aufkreuzen sollen. Ich hoffe, dass Sie die Summe bis morgen Abend aufgetrieben haben. Ich hoffe es für Sie und für Ned.“

„Eine Viertelmillion? Unmöglich! Sie haben von Geld ja keine Ahnung. Man kann nicht zur Bank gehen und zweihundertfünfzigtausend Dollar abheben. Selbst dann nicht, wenn diese Summe auf dem Konto wäre.“

Der Gangster lachte fröhlich. „Sehen Sie, Munroe, diese Feinheiten interessieren mich wahnsinnig. Dummerweise lernt man sie nur dann, wenn man den entsprechenden Zaster besitzt. Meine Bedingungen bleiben. Ich weiß genau, dass Sie die Kröten heute noch zusammenbrächten, wenn ich darauf bestünde. Ich bin aber ausgesprochen human. Das ändert sich allerdings schlagartig, sollten Sie die Dummheit begehen und die Polizei bemühen. Diese Leute mag ich nicht besonders. Falls Sie also eine Schweinerei planen, können Sie Ihren Sprössling gleich unter Verluste buchen. Kann sein, dass ich mir dann doch noch Ihre Tochter hole.“

„Sie sind ein Teufel“, ächzte Lawrence Munroe.

„Was wollen Sie?“, höhnte der andere. „Auch Teufel wollen leben. Die Inflation macht vor der Hölle nicht halt. Sie wissen anscheinend noch nicht, dass dort schon seit Längerem mit Öl geheizt wird, und über diese Preise brauche ich Ihnen wohl nichts zu erzählen. Ich melde mich also morgen wieder. Richten Sie es ein, dass ich Sie telefonisch erreiche. Ned wird es Ihnen danken.“

Es knackte in der Leitung. Der Gangster hatte aufgelegt.

Lawrence Munroe starrte den Hörer noch eine Weile ungläubig an. Er konnte es nicht fassen, und er wusste nicht, was er tun sollte.

Dem ersten Impuls, entgegen der ausdrücklichen Warnung doch die Polizei zu informieren, widerstand er. Er wollte nicht schuld sein, wenn Ned etwas passiert. Erst wenn der Junge in Sicherheit war, sollte die Jagd auf den Verbrecher beginnen.

Sein Blick fiel auf den festlichen Tisch. Der Braten roch angebrannt. Wie unter Hypnose ging er zum Herd und schaltete ihn aus.

Eine Viertelmillion! Er würde das Geld aufbringen. Es würde nicht leicht sein. Er musste seine Lebensversicherung verpfänden und alles zu Geld machen, was nur ging. Neds Leben stand auf dem Spiel. Wenn der Junge starb, wusste er nicht, was er dann tat.

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Der Gangster kam auf sie zu. Der Revolver in seiner Hand ließ ihr keine Chance zur Flucht. Sie sah seinem gewalttätigen Gesicht an, dass er sofort schießen würde.

Mandy Munroe stand stocksteif. Am liebsten hätte sie die Augen geschlossen, aber das wagte sie nicht.

Noch zwei Schritte. Er genoss ihr Entsetzen.

„Ich liebe temperamentvolle Weiber“, sagte er. „Nur widerspenstig dürfen sie nicht sein. Da werde ich ekelhaft.“

Mandy rührte sich nicht. Sie versuchte, ihr Bewusstsein abzuschalten, aber das gelang ihr nicht. So nahm sie in jeder Phase wahr, wie Frank Smith sich ihr bis auf wenige Zoll näherte und schließlich nach ihr griff.

Dabei achtete er nicht mehr auf seinen Revolver. Sein Gesicht war voller Gier. An ihrem Tod lag ihm nicht viel. Jedenfalls nicht vorher.

Das Mädchen reagierte, als hätte jemand bei ihm einen Schalter betätigt. Das Knie ruckte in die Höhe. Gleichzeitig fuhr sie dem Gangster mit gekrümmten Fingern ins Gesicht.

Der Kerl brüllte heiser auf und krümmte sich vor Schmerzen. Er stieß wilde Drohungen aus und warf ihr Abscheulichkeiten an den Kopf, die Mandy die Schamröte ins Gesicht trieben.

Doch sie ließ sich nicht irritieren. Sie brachte sich mit einem knappen Rückwärtsschritt in vorläufige Sicherheit. Dann trat sie ein zweites Mal zu. Sie trug zwar keinen Schuh mehr, aber sie traf so geschickt mit der Ferse, dass der Revolver in einer blitzsauberen Parabel davonflog.

Dann rannte sie los. Sie brauchte nicht zu überlegen, um zu wissen, welches ihre einzige Möglichkeit war.

Der Buick war ihr Ziel. Wenn es ihr gelang, ihn zu erreichen und damit loszufahren, hatte sie gewonnen.

Smith rechnete sich ihren Plan aus, aber da war sie bereits an ihm vorbei.

Jeder Schritt tat ihr mörderisch weh. Ohne Schuhe war dieser mit Wurzeln durchzogene Boden eine Tortur. Aber sie führte sich immer wieder vor Augen, dass es ganz allein an ihr lag, einer viel schlimmeren Tortur zu entgehen. Das trieb sie vorwärts.

Der Gangster rannte hinter ihr her. Unaufhörlich fluchte und wetterte er. Und er war höllisch schnell. Die Schmerzen im Unterleib hatte er offensichtlich schon wieder vergessen. Der Stoß war nicht sehr kraftvoll gewesen.

Mandy Munroe keuchte. Sie musste es schaffen. Es war ihre große Chance. Mit letzter Kraft erreichte sie den Wagen und warf sich hinters Steuer. Zum Glück sprang der noch warme Motor beim ersten Versuch an. Sie gab so stürmisch Gas, dass der Wagen einen unbeherrschten Sprung nach vorn ausführte. Erst jetzt schlug sie die Tür auf ihrer Seite zu. An die andere kam sie nicht heran. Sie ließ sie offen.

Der Verbrecher kam schräg von vorne. Er packte die offene Tür und war im Begriff, sich in das Innere zu ziehen.

Voller Panik lenkte Mandy Munroe den Buick durch Herumreißen des Speichenrades hart nach rechts und hielt auf eine stämmige Fichte zu.

Frank Smith sah das Unheil nahen. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. Im letzten Augenblick ließ er los und rollte an dem Baum vorbei.

Aber er gab noch nicht auf.

Während das Fahrzeug sich mühsam einen Weg durch die Bäume suchte und einen weiten Bogen fuhr, um auf den Waldweg zurückzukehren, sprintete er los und holte sich den Revolver, den ihm das Mädchen aus der Hand gefetzt hatte.

Er wusste genau, an welcher Stelle er lag, und nachdem er ihn vom Boden hochgerissen hatte, legte er ihn an und feuerte dreimal hintereinander.

Mandy Munroe spürte den Ruck, als der Buick zur Seite ausbrechen wollte. Sie steuerte zwar dagegen, konnte aber nicht verhindern, dass die Tür auf der Beifahrerseite gegen einen Baum knallte und halb herausgerissen wurde. Scheppernd schleifte sie das Blechteil hinterher.

Einer der Schüsse hatte das hintere Seitenfenster bersten lassen. Ein anderer war danebengegangen, aber der dritte hatte einen Reifen getroffen, Jetzt fuhr sie auf einer Felge.

Egal! Nur vorwärts! Nur weg von diesem Scheusal, in dessen Revolver sich noch immer ein paar Patronen befanden.

Mandy Munroe stieg aufs Gaspedal. Die Räder schleuderten Erde und Moos nach hinten. Ein breiter Baumstamm tauchte haarscharf vor ihr auf. Mandy schrie und riss das Lenkrad herum. Blech kreischte gequält auf. Dann war das Hindernis überwunden.

Hinter ihr belferten Schüsse. Einer donnerte gegen die Karosserie, durchschlug das Blech aber zum Glück nicht. Die Entfernung war schon zu groß.

Sie blickte sich nicht um. Die Spiegel waren so verstellt, dass sie darin nichts erkennen konnte. Sie nahm sich nicht die Zeit, sie neu einzustellen. Sie starrte unentwegt geradeaus, preschte endlich auf den Waldweg und holperte mit nur drei heilen Reifen bis zur Einmündung in die Staatsstraße.

Hier entwich auch noch die Luft aus einem der Vorderreifen. Er hatte die wenig feinfühlige Behandlung übelgenommen.

Mandy Munroe versuchte zwar noch, das Fahrzeug trotzdem weiterzupeitschen, aber es gelang ihr nicht, es unter Kontrolle zu halten.

Erst jetzt warf sie einen Blick zurück.

Von Frank Smith war nichts zu sehen. Sie hatte ihn weit hinter sich gelassen. Er konnte sie nicht mehr einholen.

Erst jetzt merkte Mandy, dass sie weinte. Zitternd verließ sie den Wagen, in dem sie so Fürchterliches erlebt hatte.

Sie sah schlimm aus. Ihre Kleidung war zerfetzt, sie selbst voller Schmutz, den die Tränen in ihrem Gesicht auch noch verschmiert hatten.

Ihre Handtasche hatte sie verloren. Sie war also ohne Geld und ohne Papiere. Ein Taxi, selbst wenn eins in dieser Gegend gekommen wäre, hätte sie aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht mitgenommen. Also musste sie per Anhalter fahren.

Der erste Wagen war ein schmetterlingsgelber Chrysler. Sie gab bereits ein Zeichen, doch dann trat sie hastig zurück und war froh, als der Wagen vorbeifuhr, ohne sein Tempo zu vermindern. Das eben erst überstandene Erlebnis hinderte sie daran, ein zweites Mal zu einem fremden Mann ins Auto zu steigen.

Mandy Munroe ließ siebzehn Fahrzeuge passieren, wobei sie ständig weiterlief, denn sie wusste noch immer Frank Smith mit seiner Wut hinter sich.

Der achtzehnte Wagen wurde endlich von einer Frau gesteuert. Sie hielt aber nicht an. Erst bei der dritten weiblichen Fahrerin hatte sie Glück. Sie durfte einsteigen, und die Frau wollte sie sogar zur Polizei fahren, nachdem sie die Geschichte gehört hatte. Aber Mandy Munroe wollte auf dem schnellsten Weg zu ihrem Vater. Nachdem sie alles überstanden hatte, dachte sie nur noch an Ned und daran, dass zwei Menschen selten die gleiche Portion Glück hatten.

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Lawrence Munroe hoffte, dass er keinen Fehler beging. Sein Handeln wurde durch die Sorge um Neds Leben bestimmt. Für ihn kam es nicht in Frage, seinen Sohn zu gefährden.

Keine Polizei!, hatte der Kidnapper verlangt. Also hatte er selbstverständlich die Polizei aus dem Spiel gelassen.

Mandy hatte empfohlen, wenigstens einen Privatdetektiv einzuschalten, aber auch das hatte er abgelehnt. Diese Leute waren ihm nicht zuverlässig genug. Einem Mann, den er nicht genau kannte, wollte er nicht Neds Schicksal anvertrauen. Und vor allem wollte er sich nicht später den Vorwurf machen müssen, das Leben seines Sohnes verkauft zu haben. Für eine Viertelmillion.

Er hatte das Geld beisammen. Fristgerecht. Jetzt wartete er auf den Anruf des Gangsters, damit die Übergabe stattfinden konnte.

Lawrence Munroe trank einen Bourbon, aber er schmeckte ihm nicht. Falls etwas schieflief, würde ihm nie wieder etwas schmecken. Er durfte nichts riskieren.

Das war auch nicht nötig. Mandy hatte den Schuft gesehen. Sie konnte ihn beschreiben, und sie würde der Polizei detaillierte Angaben machen, sobald Ned in Sicherheit war. Keine Minute früher.

Auch Mandy hatte viel durchmachen müssen, aber sie war mit dem Schrecken und ein paar ungefährlichen Schrammen davongekommen. Seelisch würde sie das Ganze auch irgendwann verkraften. Das Mädchen war erstaunlich stark. Er war stolz auf seine Kinder.

Natürlich hatte er auch dieses Verbrechen nicht der Polizei gemeldet. Mandy hätte aussagen müssen, aus welchem Grund sie überhaupt zu dem fremden Mann in den Wagen gestiegen war. Dadurch käme zwangsläufig die Entführung zur Sprache, und genau das durfte auf keinen Fall geschehen.

Der Mann mit den schütteren Haaren ging nervös im Zimmer auf und ab. Er fixierte das Telefon wie eine Schlange das Kaninchen. Sein hypnotischer Blick führte anscheinend zum Erfolg. Der Apparat schlug an.

Hastig griff er nach dem Hörer und meldete sich mit heiserer Stimme.

„Brav, brav!“, lobte der Unbekannte höhnisch. „So lasse ich es mir gefallen, Munroe. Ich sehe schon, wir haben die leidige Angelegenheit bald über die Bühne. Wie sieht es aus? Haben Sie die Mäuse?“

„Das Geld liegt bereit. Lassen Sie mich jetzt mit meinem Sohn sprechen. Eine gewisse Sicherheit, dass er noch am Leben ist, kann ich wohl verlangen.“

Der Gangster lachte. „Verlangen können Sie gar nichts. Aber Sie sollen ein Lebenszeichen haben. Ihr Sohn lässt Ihnen folgendes ausrichten: Sie sollen in seinem Zimmer nachsehen. Im Bücherschrank steht in der zweiten Reihe von unten ein Wälzer in Leder. Es ist das erste Buch ganz links. Sie sollen es holen und den Titel lesen. Dann werden Sie wissen, dass Sie sich keine Sorgen um ihn zu machen brauchen. Hauen Sie jetzt ab und sehen Sie nach. Ich habe keine Ahnung, welcher Schmöker das ist. Das weiß nur Ihr Ned. Aber bleiben Sie nicht zu lange weg. Wir haben doch heute noch einiges vor, nicht wahr?“

Lawrence Munroe schluckte. „Bleiben Sie am Telefon“, bat er und legte den Hörer behutsam neben den Apparat.

Eilig verließ er sein Arbeitszimmer und öffnete die gegenüberliegende Tür. Hier befand sich Neds Reich. Der Raum war mit Büchern und Papieren geradezu vollgestopft. Der Junge kannte keinen Feierabend. Er wollte es zu etwas bringen. Er hatte das Zeug und die Energie dazu.

Der Einundfünfzigjährige fand das bezeichnete Buch ohne Schwierigkeiten. Seltsam! Kaum sah er es, als ihn Zuversicht erfüllte, dass alles gut ausgehen würde. Es handelte sich um eine Bibel, und nur Ned hatte wissen können, wo genau er sie hingestellt hatte. Er musste also noch leben.

Lawrence Munroe hastete zurück und riss den Hörer an sich. „Es ist in Ordnung“, keuchte er hinein. „Was verlangen Sie jetzt?“

„Haben Sie sich an meine Bedingungen gehalten, Munroe? Keine Bullen?“

„Ich schwöre es Ihnen.“

Wieder dieses ekelhafte Lachen. Zu gerne hätte er diesem Lumpen dafür ins Gesicht geschlagen. Dieses Gesicht eines Vierzigjährigen, dessen markantestes Detail ein riesiger Schnurrbart war. So hatte Mandy den Schuft beschrieben.

„Ich glaube nicht, Munroe“, hörte er den Gangster sagen, „dass Sie in diesem Fall für einen Meineid zur Verantwortung gezogen werden würden. Jedenfalls von keinem Richter. Von mir auch nicht. Das müsste lediglich Ihr Sohn büßen. Ich wäre zu meinem Bedauern gezwungen, ihn umzulegen. Ich setze also voraus, dass Sie klug genug waren, wirklich den Mund zu halten. Passen Sie also auf! Sie packen das Geld in einen schwarzen Koffer. Ein Mann von Welt wie Sie hat so etwas bestimmt im Haus. Dann fahren Sie in den Central Park, und zwar sofort nach unserem Telefonat. Kommen Sie allein, und kommen Sie ohne Waffe. Alles verstanden, Munroe?“

Der Mann nickte, bevor er begriff, dass der andere das nicht sehen konnte. „Verstanden“, antwortete er knapp. „Aber wie kann ich Sie erkennen? Der Central Park ist groß, und es ist dunkel.“

„Das ist mir auch schon aufgefallen. Zerbrechen Sie sich darüber nicht den Kopf. Mein Mann wird Sie erkennen. Er hat eine genaue Beschreibung von Ihnen.“

„Ihr Mann?“, fragte Munroe überrascht. „Kommen Sie denn nicht selbst?“

„Das könnte Ihnen so passen, Munroe. Ich weiß doch, wie verlockend es wäre, mir bei der Übergabe eine Kugel in den Bauch zu jagen. Aber daraus wird nichts. Falls Sie meinen Mittelsmann auch nur ankratzen, wird das Ihr Sohn zu büßen haben. Mich kriegen Sie nicht zu sehen, aber ich werde in der Nähe sein. Verlassen Sie sich darauf. Fahren Sie den West Drive bis zur Transverse Road Number 4. Steigen Sie dort mit dem Koffer aus und warten Sie ab, bis man Kontakt mit Ihnen aufnimmt. Das wird geschehen, sobald wir sicher sind, dass Sie sich an die Spielregeln gehalten haben. Zweihundertfünfzigtausend, Munroe. Ihr Sohn wird freigelassen, sobald ich das Geld gezählt habe. Das wird noch in dieser Nacht sein, sofern kein Dollar fehlt. Falls es ein paar mehr sind, verzeihe ich Ihnen das großzügig. Und lassen Sie uns nicht warten, sonst erlebt Ned, wie ich auch noch sein kann.

Es klickte. Das Gespräch war beendet.

Lawrence Munroe hob den Kopf. Sein Gesicht war angespannt.

Als sich die Tür leise öffnete, zuckte er unwillkürlich zusammen. Erst als er Mandy erkannte, die sich von den beiden Schocks des letzten Abends noch längst nicht erholt hatte, entspannte sich sein Gesicht.

„Ach, du bist es“, sagte er erleichtert.

Mandy sah, dass seine Hand noch auf dem Hörer lag. „Hat er sich gemeldet?“, wollte sie angstvoll wissen.

Ihr Vater nickte. „Es geht los, Mandy. Wollen wir hoffen, dass Ned in ein paar Stunden wieder wohlbehalten bei uns ist.“

Mandy hatte Tränen in den Augen. „Wohin sollst du das Geld bringen?“, fragte sie leise.

Lawrence Munroe schüttelte den Kopf. Eine der dünnen Haarsträhnen fiel ihm dabei ins Gesicht. „Nein!“, stieß er fast wütend hervor. „Ich werde es dir nicht sagen, Mandy. Ich will dich nicht in Versuchung bringen, im letzten Moment doch noch einen dieser Detektive einzuschalten, von denen du anscheinend so viel hältst. Das würde Neds Leben nur gefährden.“

„Ich liebe Ned genauso wie du“, sagte das Mädchen ernst. „Auch ich will nicht, dass ihm etwas zustößt. Aber ich habe auch Angst um dich. Falls du nicht zurückkommst, weiß ich nicht einmal, wo ich nach dir suchen lassen soll.“ Jetzt flossen die Tränen ungehindert.

Lawrence Munroe nahm seine Tochter tröstend in den Arm. Er streichelte ihren zitternden Rücken und sagte beruhigend: „Er wird mir nichts tun, denn er will nur das Geld. Warum sollte er sich mit einem Mord belasten, der ihm keinen Vorteil verschafft. Sobald er sieht, dass ich fair spiele, wird auch er sein Versprechen einlösen. Hole mir jetzt bitte den schwarzen Koffer aus dem Abstellraum. Ich muss mich beeilen.“

Mandy verließ das Zimmer und kehrte wenig später mit einem schwarzen Lederkoffer zurück. Für das viele Geld war er fast zu klein, aber Lawrence Munroe stopfte mit Gewalt alles hinein. Der Kidnapper sollte keinen Grund zur Beanstandung haben. Er würde zweihundertfünfzigtausend Dollar bekommen und keinen einzigen weniger.

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Als er den Wagen verließ, beschlich ihn doch ein ungutes Gefühl. Hinter jedem Strauch konnte der Entführer liegen und ihn beobachten. Vielleicht war längst der Revolver, mit dem der Gangster auch Ned bedroht hatte, auf ihn gerichtet.

Lawrence Munroe schritt betont langsam einen der Seitenwege entlang. Er war davon überzeugt, dass der Mittelsmann sich in seiner Nähe befand. Er würde nur noch abwarten, ob die Luft rein war, bevor er sich zu erkennen gab.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920413
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v429413
Schlagworte
bount reiniger wettlauf zeit york detectives

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Titel: Bount Reiniger und der Wettlauf mit der Zeit: N.Y.D. – New York Detectives