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An der Straße - OFF THE ROAD

2018 120 Seiten

Zusammenfassung


Welche Erfahrungen erwachsen uns aus der ausweglosen Situation des Eingekerkertseins? - Wie fühlt es sich an, wenn Panik aufsteigt und einen zu ersticken droht? - Worauf warten wir vielleicht ein ganzes Leben lang?
Helga Meffert stellt in ihren Kurzgeschichten psychische Zustände dar, zeigt eindringliche Begegnungen zwischen Menschen und versucht, hinter das Rätsel der Liebe zu blicken. - Die Märchen (für Erwachsene) spiegeln auf humorvolle und zum Teil groteske Art das menschliche Verhaftetsein an bestimmte Tätigkeiten oder Gegenstände, die uns den Blick für das Eigentliche rauben.

Leseprobe

Welche Erfahrungen erwachsen uns aus der ausweglosen Situation des Eingekerkertseins? - Wie fühlt es sich an, wenn Panik aufsteigt und einen zu ersticken droht? - Worauf warten wir vielleicht ein ganzes Leben lang?

Helga Meffert stellt in ihren Kurzgeschichten psychische Zustände dar, zeigt eindringliche Begegnungen zwischen Menschen und versucht, hinter das Rätsel der Liebe zu blicken. - Die Märchen (für Erwachsene) spiegeln auf humorvolle und zum Teil groteske Art das menschliche Verhaftetsein an bestimmte Tätigkeiten oder Gegenstände, die uns den Blick für das Eigentliche rauben.

INHALT

ERZÄHLUNGEN

Das Gesicht

Panik

Was bliebe noch, wenn sie mir alles nehmen würden?

Melancholie

Der Frosch

An der Straße

Arme Erwachsene

Zwingende Stille

Kinderahnung

Worauf wartest du eigentlich immerfort?

Noch immer

Im Kerker

Bilder der Einsamkeit 

Erna

Aufzeichnungen und Brief an die Verlobte

––––––––

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MÄRCHEN

Die Hausfrau

Der Eingebildete

Der Junge und das Meer

Das Rentnerehepaar und der Fernseher

Der Dichter

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DAS GESICHT

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Ich sah ihr Gesicht hinter dem Fenster: ein schönes, ein seltsam schönes Gesicht. Ich sah es oft dort hinter dem Fenster, sah es oft herausblicken, heraus auf die vielen Menschen, auf die Autos, die Bäume, den Park. Es blickte nicht neugierig heraus, nein, es schien eher gespannt. Gespannt, ob alles beim alten geblieben sei, ob es alles wie immer vorfinden würde. Die Augen tasteten sich die Straße entlang, ließen sich von den grünen Wipfeln der Bäume anlocken und verweilten oft auf dem einen oder andern Gesicht, das sich aus der Menschenmenge heraushob. Groß und tief dunkelnd standen die Augen hinter der Scheibe, waren es gewohnt, sanft umherzuschweifen, sanft und suchend die Gesichter der Menschen zu betrachten. Der Mund lächelte immer ein wenig: kindlich unbeholfen, gänzlich versunken. Hie und da beantworteten die Mundwinkel eine Beobachtung mit einer unbewussten Zuckung.

Das Gesicht wurde von weichem, hellem Haar umrahmt, das einen schönen Gegensatz zu den dunklen Augen bildete. Gegensätzliches bestimmte auch sonst den Ausdruck des Gesichts: Ruhiges, versonnenes Betrachten stand Seite an Seite mit ungestümer Freude und Kraft. Dieses Gesicht war jung und stark, ruhig und überlegen. Allem schien es gewachsen; alles betrachtete es mit denselben klar blickenden Augen. Nichts schien diesem Gesicht zuwider, nichts vermochte es zu beunruhigen, zu erschrecken. Hell blickte es durch die gläserne Scheibe auf die vielen Menschen heraus, und jeden dieser vielen Menschen betrachtete es mit derselben Freundlichkeit, mit derselben Anteilnahme, sanft und suchend.

Ich saß oft auf der Bank im Park, dem Haus gegenüber, hinter dessen Fenster ich das Gesicht jedes Mal mit Spannung und Ungeduld erwartete. Erschien es dann endlich, so vermochte ich meinen Blick nicht eher abzuwenden, als bis es wieder vom Fenster verschwunden war. Im Augenblick, da es hinter dem Fenster auftauchte, gab es für mich nichts, was mich mehr hätte fesseln können, und nichts, was mir mannigfaltigere Empfindungen hätte verursachen können. Ich versank in den Anblick dieses Gesichts, das mir wie kein anderes vertraut war und mich doch jedes Mal mit einem neuen Zug überraschte, mich doch jedes Mal noch etwas dazulehrte. Ich saß nach jeder Begegnung mit diesem seltsamen Gesicht wie angeschmiedet auf meiner Bank und sann darüber nach.

Einmal erwachte ich erst nach vollen zwei Stunden aus meiner Gedankenverlorenheit. Ich wollte mich sofort erheben, aber — ich weiß nicht warum — ich konnte es nicht. Ich starrte vor mich hin, starrte teilnahmslos auf all die Leute, die an meiner Bank vorüberkamen: Nur wenige konnten meine Aufmerksamkeit erregen.Ehepaare mit Kindern,alte Leute, Liebespaare, Herren mit Zeitungen unterm Arm: lauter langweilige Spaziergänger ohne Eigenleben, ohne Gesicht.

Ich dachte an die Frau hinter dem Fenster, an ihr sprechendes, sanftes Gesicht, an den Blick, mit dem sie jeden der Passanten bedachte. Und es wollte mir unmöglich scheinen, jeden dieser Menschen, die an mir vorübergingen, mit demselben, mit solch einem Blick zu bedenken! — Und doch: Der Blick dieses Gesichts ließ mir keine Ruhe, er schwebte mir über all den langweiligen, mich unberührt lassenden Gesichtern, die ich wahrnahm. Was musste dazugehören, die Leute mit solchen Blicken bedenken zu können? Wie war es möglich, solches Verständnis und solche Heiterkeit aufbringen zu können, während man in diese fremden Gesichter blickte?

Meine Augen schweiften hierhin und dorthin und blieben schließlich an einer alten Dame im Rollstuhl hängen, die sich ohne fremde Hilfe — etwas mühsam — fortbewegte. Ich blickte ihr nach und empfand Mitleid mir ihr. Unweigerlich fragte ich mich: Wie würde die Frau hinter dem Fenster, wie würde ihr Gesicht darauf reagieren? Würden die Mundwinkel zucken, die großen dunklen Augen mitfühlend und traurig der Frau im Rollstuhl folgen?

Ich versuchte mir das Gesicht vorzustellen: Ich hatte es noch nie anders als heiter und gelöst gesehen, hatte noch nie den Widerschein irgendeines Elends darin gesehen. musste es nicht einfach beim Anblick dieser armen Person im Rollstuhl zusammenzucken, einen vollkommen anderen Ausdruck annehmen?

Plötzlich, durch irgendetwas hochgetrieben, sprang ich auf und hastete der Frau im Rollstuhl nach — ohne jeden klaren Gedanken im Kopf. Außer Atem erreichte ich sie, und während ich neben ihr herging, hörte ich mich ihr in undeutlichen Worten meine Hilfe anbieten. Die Frau verlangsamte die Fahrt und kam schließlich zum Stillstand. Sie wandte mir langsam den Kopf zu, bis ich ihr ganzes Gesicht sehen konnte. Der Mund lächelte ein wenig unbeholfen, die dunklen Augen unter dem weichen, hellen Haar brachten mir Heiterkeit und Verständnis entgegen, über den alten Zügen lag eine unbeschreibliche Ruhe und Kraft: Es war ein schönes, ein seltsam schönes Gesicht.

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PANIK

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Der Atem der Frau ging schneller, die Frau spürte den dumpfen, beharrlich dröhnenden Schlag ihres Herzens. Sie presste verkrampft die Hände ineinander, ihre Magen- und Bauchgegend wurde zu einer harten, festen Wand.

Der Bus näherte sich der steil abfallenden Straße.

Die Frau atmete flach und kurz, der Atem schien kaum auszureichen. „Es geht nicht . . . ich kann nicht. . .”

Alles schien zu kreisen; die Gedanken hüpften wirr durcheinander wie aufgescheuchte Vögel. Die Augen sahen — und was sie sahen, war wild und ungestüm, war gewaltsam und unabänderlich. Die Augen weiteten sich. Schweißkalte Hände gruben sich in zähes, braunes Leder.

Der Bus hatte den Kamm erreicht. Vor den Augen der Frau öffnete sich der Blick auf die steil abfallende Straße.

„Was ist? Mein Gott, wie oft bist du hier schon hinabgefahren? . . . Was ist?! . . .“

Der Bus passte sich der Straße an, er senkte sich vorne.

„Ich kann es nicht . . ., ich halte es nicht aus!“

Der Bus rollte den Berg hinab und gewann immer mehr an Fahrt. Er war nicht mehr zu bremsen, nicht mehr aufzuhalten. Die Katastrophe war nicht abzuwenden; es war nur eine Frage der Zeit, wie lange die Frau es aushalten, wie lange sie sich unter Kontrolle haben würde.

Aber es war nicht abzuwenden, das wusste die Frau, sie spürte es mit jeder Faser ihres Körpers.

Der Bus raste den Berg hinab; er war nicht zu bremsen. Er schien sich im freien Flug zu befinden, stürzte unaufhörlich, unbarmherzig hinunter.

Die Frau hatte den Atem angehalten, der verkrampfte Bauch ließ es nicht mehr zu, dass sie atmete. Auf ihrem kalkweißen Gesicht standen gläserne Schweißperlen.

„Ich kann es nicht!!“

Die Frau rang mit sich. Aber unaufhaltsam fuhr der Bus schneidend in die Luft hinein — nicht zu bremsen!

Auch die Panik war nicht zu bremsen. Sie hüllte die Frau ein, ließ ihr keinen Ausweg. Sie presste ihr den Körper zusammen und rüttelte sie; sie machte sie schwindeln und trug sie hinweg. Die Panik ließ das kalkweiße Gesicht erstarren, meißelte die Hände fest an das braune Leder der Handtasche, ließ die Füße sich, das Unaufhaltsame von sich stoßen wollend, wild gegen den Boden stemmen.

Die Frau hatte ja gewusst, dass sie es nicht konnte, sie hatte es sicher gewusst.

Sie wollte ja nicht, sie wollte nicht mit hinabgezogen werden, gegen ihren Willen. Alles in ihr empörte sich dagegen.

Plötzlich schien eine Grenze erreicht zu sein. Die Frau wollte schreien, ihr Atem jedoch reichte dazu nicht aus.

Im selben Moment huschten ihr blitzschnell stechende, dumme Erinnerungen durch den Kopf, Erinnerungen an peinliche Situationen, die sie irgendwo aufgeschnappt hatte. Sie sah Blicke von Leuten: drohende, richtende Blicke, milde lächelnde, Blicke ohne jedes Verständnis.

Nein, sie konnte nicht schreien.

Alle Luft war aus der Frau gewichen; sie saß da, nur noch Krampf und Panik.

Die Luft, die der Bus mit seiner Vorderseite hart verdrängte, warf sich direkt der Frau entgegen, drohte sie zu erdrücken, zu ersticken. Die Frau focht einen verzweifelten Kampf aus, aber sie wusste, dass sie unterliegen würde.

,,. . . kann nicht, kann nicht, kann nicht . . .“ Endlich wurde die Grenze überschritten, wurde der Qual ein Ende bereitet. Der Körper verlangte nach seinem Recht; er schüttelte sich, er stieß die alte, verbrauchte Luft hinaus und sog gewaltsam die frische, lang entbehrte Luft ein. Er lockerte durch das Schütteln die Muskulatur und löste den Krampf, er brachte den Schlag des Herzens wieder ins Gleichgewicht.

Die Frau sank erschöpft in sich zusammen; sie hatte sich bewiesen, dass sie unterliegen musste.

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WAS BLIEBE NOCH,

WENN SIE MIR ALLES NEHMEN WÜRDEN?

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Was bliebe noch, wenn sie mir alles nehmen würden?

Wenn sie mir mein Haus wegnehmen würden, was würde ich tun? Würde ich auf der Straße wohnen oder bei Freunden oder in meinem Auto?

Wenn sie mir mein Auto wegnehmen würden, womit führe ich zur Arbeit, in den Urlaub, zum nächsten Wald, in dem ich spazieren gehen kann?

Wenn sie mir meine Arbeit wegnehmen würden, was würde ich tun? Würde ich mir neue Arbeit suchen oder einfach nichts mehr tun?

Wenn sie mir mein Toupé wegnehmen würden, würde ich dann einen Hut tragen oder meine Glatze uneitel zur Schau stellen?

Wenn sie mir meine Familie wegnehmen würden, mit wem würde ich leben, reden, mich freuen? Würde ich vielleicht zu Freunden ziehen?

Wenn sie mir meine Freunde nehmen würden, wäre ich dann einsam?

Wenn sie mir meine Ehre nehmen würden, wäre ich dann ein Hanswurst, wäre ich weniger wert?

Wenn sie mir alle Bücher, Zeitungen und Zeitschriften nehmen würden, wie würde ich mich informieren, erbauen, amüsieren?

Wenn sie mir die Beine amputieren würden, was würde ich tun? Würde ich resignieren, mein Leben nicht mehr für lebenswert erachten?

Wenn sie die Kunst abschaffen würden, was wäre dann? Müsste man nicht veröden und verdorren?

Wenn sie mir die Freiheit nehmen würden, was könnte ich tun?

Wenn sie die Natur abschaffen würden, was wäre?

Wenn sie die Menschen abschaffen würden — was bliebe noch?

Was bliebe noch, wenn sie mir alles nehmen würden?

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MELANCHOLIE

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Wenn das Wetter doch nur etwas schöner wäre, nur ein ganz kleines bisschen schöner wäre! Der Blick der jungen Frau ruhte schwer auf den tropfenden Bäumen im Vorgarten, diesen trostlos tropfenden, gekrümmten Gestalten. — War es ihre einzige Aufgabe, all das Wasser, das vom Himmel kam, zur Erde weiterzuleiten? Jedenfalls taten sie dies scheinbar gleichgültig, als ginge es sie nichts an. Oder waren sie so gleichgültig, weil sie keine andere Wahl hatten, als diese Aufgabe zu erfüllen? Sie konnten sich nicht einfach fortbewegen, konnten nicht einfach ihre Wurzeln aus dem Boden reißen und davon laufen! Arme Bäume, dachte die junge Frau und ließ den Blick mitleidig zwischen Birken und Tannen hin und her schweifen.

Die Frau stützte sich am Fensterbrett auf, hob den Kopf und sah in den verhangenen Himmel hinein. Sie beobachtete, wie der Regen grau herabströmte, wie Tausende von einzelnen Tropfen herunter prasselten; sie hörte das gewaltige Rauschen, das alle Tropfen zusammen hervorbrachten: ein riesenhaftes Orchester von lauter eintönigen, traurigen Musikanten, die sich zu einer gleichförmigen, müden Musik zusammengeschlossen hatten.

Grau war der Himmel, und grau schienen die vielen Wassertropfen, die daraus hervorquollen. Sie passten sich ihrer Umgebung an, veränderten ihre Farbe je nach Hintergrund. Auch die Bäume dort unten passten sich an, sie ließen alles mit sich machen. Sie wehrten sich nicht. — Warum wehrten sie sich nicht? Warum wehrten sich die Regentropfen nicht, warum hatten sie nicht ihre eigene Farbe?

Die junge Frau schüttelte melancholisch den Kopf. Sie hatte lange zum Fenster hinausgeblickt, ehe sie sich langsam aufrichtete und zum Bett ging. Sie legte sich darauf, stützte den Kopf in die linke Hand. Bäume. . . Regen. . ., dachte sie; warum wehren sie sich nicht, warum haben sie nicht ihren eigenen Willen? Oder gefällt ihnen, was mit ihnen gemacht wird? — Aber nein, sie können ja nicht anders! — Sie sind auf ewig dazu verdammt, dieses und jenes mit sich machen zu lassen. Sie können nicht anders. Vielleicht wollen sie auch nicht anders. Ob sie zufrieden sind, ob sie glücklich sind?

Die junge Frau lag da und sann über Bäume und Regen nach . . .

Oh ihr Bäume, mit euren Wurzeln, die ihr nicht weglaufen könnt; oh farblose, gleichgültige Regentropfen! Die Frau schauderte.

Jedoch, dachte sie irgendwann, was für einen Sinn hätte es, wegzulaufen, die eigene Natur zu fliehen? Wozu die Wurzeln ausreißen, ausreißen aus dem lebenspendenden Boden? Wozu sich dem Wind, dem Regen, der Natur widersetzen?

Die junge Frau hatte keine Wurzeln wie der Baum, war nicht farblos wie der Regen —, und trotzdem konnte auch sie nicht einfach weglaufen, trotzdem konnte auch sie keine selbstgewählte Farbe annehmen. Sie konnte es versuchen, sie konnte so tun als ob — aber sie würde es in Wahrheit niemals fertigbringen. Sie würde in Wahrheit niemals der Natur, niemals sich selbst entrinnen können. Sie war um keine Spur freier als die Bäume im grauen Vorgarten oder als der farblose Regen! Und — seltsam — sie lächelte darüber.

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DER FROSCH

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Ein Pfiff gellte zu ihr herüber; sie musste ihn nicht wahrgenommen haben, denn sie ging weiter. Es gellte noch einer herüber, diesmal lauter. Sie wandte sich um und blickte an dem grauen Häuserblock hoch: nichts, niemand war dort. Sie ging weiter und wieder gellte ein Pfiff herüber, und wieder blickte sie an der grauen Hauswand hoch und blickte an ihr entlang.

Sie konnte niemanden sehen. Langsam ging sie weiter — in ihrem hellblauen, hübschen Kleid.

Die Hitze war um diese Tageszeit am schlimmsten; man atmete heiße, brennende Luft in sich hinein.

Sie ging noch etwas langsamer, dachte an das Bad, an die Kühle des blauschimmernden Wassers, an die Schatten der Pappeln.

Das rhythmische Dröhnen eines Froschs drängte sich gegen ihr Ohr, drängte sich bald gegen den ganzen Körper. Es kam näher und näher und stieß ihr mehr und mehr entgegen. Ihr Kopf vibrierte unter dem harten Dröhnen.

Sie sah den Mann, der den Frosch führte; er stand mit nacktem Oberkörper da, schweißglänzend, die Muskulatur an den Oberarmen trat stark hervor. Zwei weitere Männer standen daneben; sie sahen ihr entgegen.

Die Hitze zog ihr das Wasser aus den Poren; ihre Oberlippe war feucht, sie wischte mit dem Handrücken darüber und rieb den Schweiß am weichen Stoff ihres Kleides ab. Ihre Schritte wurden ungleichmäßig; doch sie mochte nicht mit dem rhythmischen Geräusch des Froschs synchron gehen.

Die Gesichter der Männer blickten ihr neugierig entgegen, ihre Körper waren ungeduldig und straff.

Sie ging direkt auf die Gruppe zu, vom Dröhnen des Froschs begleitet. In dieses Dröhnen mischten sich die Stimmen der Männer; fremdländische Ausrufe wurden von den Froschgeräuschen zerfetzt. Dröhnen — Satzfetzen — Gelächter: es drohte den Kopf bersten zu lassen.

Sie sah den Männern ins Gesicht, sie sah Augen, die lachend und schmierig an ihrem Kleid auf und ab glitten. Sie blickte weg und ging schneller, ihre Füße traten hart gegen den Boden. Sie sah an ihrem Kleid hinab. Die Männer riefen ihr etwas nach; sie verstand es nicht, aber es klang in ihren Ohren schallend und aufdringlich wie das Dröhnen des Froschs. Sie bemühte sich wieder, ihre Schritte nicht mit den hässlichen Klängen des Froschs zusammenfallen zu lassen. Wieder wischte sie sich über die feuchte Oberlippe, aber sie rieb den Schweiß nicht an ihrem Kleid ab.

Sie ging rasch und steif den erhitzten Gehsteig entlang, vom Geräusch des Froschs und den Blicken der Männer begleitet.

„Hallo, Kleine, wie wär's mit einer Rundfahrt? Komm steig auf!“ Drei Mopeds mit ebenso vielen Halbwüchsigen darauf knatterten um sie herum, versperrten ihr wieder und wieder den Weg. Sie blickte starr zum Boden; ihr ganzes Gesicht bedeckte sich langsam mit klebrigem Schweiß, den sie nicht wahrnahm. Sie suchte verbissen nach einem Weg durch die ratternde Meute.

Grinsende Gesichter geilten ihr entgegen, flackernde Augen grapschten nach ihr. Die Halbstarken stachelten ihren Mut aneinander auf, schwirrten tollkühn um sie herum, dicht, so dicht, dass sie wieder und wieder erschrocken zurückwich.

„Sie will nicht, deine Kleine will nicht — kommt, lasst uns ’ne andre suchen!“

Die Motoren schrien auf, es surrte und summte.

Sie hörte noch ein paar Rufe, die ihr galten — johlende und berauschte Rufe —, dann war sie allein.

Ihre Knie waren zu weich zum schnellen Gehen, das Haar klebte ihr nass an der Stirn. Sie spürte den Schlag ihres Herzens — diese furchtbar dröhnenden Stöße. Ihre Füße setzten schwindelnd auf dem Boden auf. Sie wischte sich mit beiden Händen übers Gesicht und drückte die Hände gegen das blaue Kleid — eine heiße, eine brennende Welle von Ekel und Abscheu rollte über sie hinweg, spülte gefräßig durch sie hindurch und entriss ihr etwas Unwiederbringliches: entriss ihr die Würde ihrer Kindheit, die ganze Würde eines unbefangenen Seins — und hinterließ ihr nur ein schales Gefühl des Misstrauens, des Hasses gegen ihren plötzlich veränderten, plötzlich feindgewordenen Körper.

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AN DER STRASSE

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Ich stehe an der breiten, vollkommen unbelebten Straße. Grelles Sonnenlicht lässt mich die Augen zusammenkneifen; durch die schmalen Schlitze blicke ich auf die Kornfelder zu beiden Seiten der Straße, die sich sacht im lauen Wind wiegen. Die reifen Ähren thronen stolz und schwer auf den langen Halmen.

Ich blicke die Straße entlang, die sich in beide Richtungen flach und endlos dahinzieht. Die heiße Luft über der Straße flimmert und zuckt, an manchen Stellen scheint es, als sei die Straße nass. Ich nehme die Hände aus den Hosentaschen und reibe mir die müden, brennenden Augen. Ich schließe sie für einige Sekunden und höre währenddessen das sachte Rauschen der reifen Kornfelder, spüre die Sonne und spüre den Wind, der mir den Geruch des heißen Asphalts zuträgt. Die Wärme hüllt meinen Körper ein; meine Gedanken kommen träge und zäh. Ich blicke interesselos auf die großen Schweißperlen, die vor mir den dunklen Asphalt bedecken. Mein Blick bleibt an ihnen kleben, lässt sich von ihnen festhalten.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920406
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juni)
Schlagworte
straße road

Autor

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Titel: An der Straße - OFF THE ROAD