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Bount Reiniger und die Erbarmungslosen: N.Y.D. – New York Detectives

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Bount Reiniger und die Erbarmungslosen: N.Y.D. – New York Detectives

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KRIMI VON WOLF G. RAHN

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

Als Ron Epson in das Haus seiner Angebeteten Susan Collin zu einem nächtlichen Stelldichein einsteigt, wird er von einem Unbekannten niedergeschossen. Kurz darauf kommt das Mädchen nach Hause und findet seinen Freund in einer Blutlache. In Panik ergreift sie die Waffe, um sich gegen einen möglichen Angreifer zu verteidigen. Da es die Tatwaffe ist, wird sie verdächtigt. Ihre Freundin wendet sich daraufhin an den Privatdetektiv Bount Reiniger, damit dieser Susan Collin von dem Tatverdacht befreit und den wahren Schützen findet. Unerwartete Hilfe erhält der New Yorker Detektiv von Cleopatra, einer aufgeweckten Bullterrierdame ...

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Copyright

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen des Romans:

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RON EPSON - ER GERÄT, ohne es zu ahnen, in eine Lage, die mehr als gefährlich für ihn wird.

Susan Collin - Sie mag keine Detektive, muss aber ihre Meinung sehr bald revidieren.

Stewart Collin - Als man ihm auf die Schliche kommt, verschwindet er und muss plötzlich feststellen, dass nicht nur die Polizei ihn jagt.

Cleve Scott - Er liebt nicht nur schöne Frauen, sondern noch mehr das Knistern von Geldscheinen.

June March - unterstützt Bount Reiniger bei seinen Ermittlungen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

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1

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RON EPSON KANNTE DAS Fenster genau. Oft genug hatte er darunter gestanden und sich den Hals verrenkt, bis Susan endlich auf ihn aufmerksam geworden war. Ihr Vater leider auch, und der hatte mit Romantik nicht viel im Sinn. Besonders dann nicht, wenn sich ein Hungerleider in seine Tochter verliebte.

Ron erinnerte sich mit Unbehagen an die unerfreuliche Auseinandersetzung mit Stewart Collin, in deren Verlauf kränkende Worte gefallen waren. Eigentlich besaß er ein dickes Fell. Ihn konnte so schnell keiner beleidigen. Aber wenn es um seine Eltern ging, die sich schließlich nicht mehr rechtfertigen konnten, konnte auch er laut werden.

Leider hatte Lautstärke bei Susans Vater nichts bewirkt. Der Aufforderung, gefälligst seine Tochter in Ruhe zu lassen, war das strikte Hausverbot gefolgt. Und, wie Susan ihm unlängst berichtet hatte, sah sich Collin sogar nach einem geeigneteren Lebensgefährten für seine einzige Tochter um.

Ron Epson grinste amüsiert. Dass es so etwas heutzutage noch gab, war eigentlich unvorstellbar. Aber Amerika war eben das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Warum sollte man da nicht auch mal ins finsterste Mittelalter zurückfallen?

Die Hauptsache war, dass Susan dieses Theater nicht mitmachte. Sie hielt zu ihm, auch wenn er ihr keine Reichtümer bieten konnte. Sie würde sich niemals zu einer Ehe zwingen lassen. Notfalls trennte sie sich von ihrem Elternhaus und brannte mit ihm, Ron Epson, durch.

Durchzubrennen hatte der junge Mann in Jeans und leichtem Blouson nicht vor. Jedenfalls jetzt noch nicht. Er hoffte immer noch, einen offenen Bruch mit Stewart Collin vermeiden zu können.

Aber er wollte Susan sehen. Jetzt auf der Stelle. Zwei lange Tage hatten sie sich nicht mehr getroffen, weil Susan für ihr Examen büffeln musste. Länger hielt er es nicht aus. Er musste mit ihr sprechen. Und wenn es nur ein paar Worte waren.

Ron war ein sportlicher Typ. Das Fenster in der oberen Etage des Bungalows stellte ihn vor keine Probleme. Zumal sich ein alter Kirschbaum in unmittelbarer Nähe befand, der eine Leiter voll und ganz ersetzte.

Im Haus war alles dunkel. Kein Wunder. Es war bereits weit nach Mitternacht. Collin arbeitete in einer Firma für elektronische Anlagen. Er musste frühmorgens zeitig aufstehen. Seine Frau hielt sich nicht in New York auf. Sie war viel unterwegs. Die Ehe ging nicht besonders gut. Vielleicht war auch das ein Grund, warum Collin glaubte, den Partner seiner Tochter besonders sorgfältig aussuchen zu müssen. Miss Pickard, die Haushälterin, hielt sich nur tagsüber im Collin'schen Haus auf Staten Island auf. Und Susan schlief natürlich ebenfalls schon. Die bevorstehenden Prüfungen und der Ärger mit ihrem Vater nahmen sie ziemlich mit.

Ron blickte sich noch einmal nach allen Seiten um, ob ihn auch kein zu fälliger Passant beobachtete, aber auch die Straße lag ruhig. Hier draußen herrschte ohnehin nur wenig Verkehr. Es war eine ideale Wohngegend.

Der junge Mann rieb Sich die Hände. Dann begann er, auf den Kirschbaum zu klettern. Um die untersten, starken Äste zu erreichen, musste er sich schon ein wenig anstrengen.

Vor allem hatte er auf das Baumharz zu achten, das klebrig aus der Rinde quoll.

Aber er schaffte es spielend. Wenig später, kauerte er vor Susans Fenster, das halb geöffnet war. Susan brauchte viel frische Luft.

Auch darin passten sie gut zueinander.

Um sie nicht zu erschrecken, hätte er gerne an die Fensterscheibe geklopft. Doch Stewart Collin schlief gleich nebenan. Wenn er die Geräusche hörte, war der Teufel los, und alles wurde nur noch verfahrener.

Also verzichtete Ron Epson darauf, sich bemerkbar zu machen, und schob das Fenster vollends in die Höhe. Er zog sich durch die dunkle Öffnung, während unter ihm der nachfedernde Ast leicht gegen die Mauer schlug und ein schleifendes Geräusch verursachte.

Der junge Mann duckte sich und verharrte. Hoffentlich hatte Collin das nicht gehört.

Aber ein Baum wurde auch vom Wind bewegt. Er schöpfte bestimmt keinen Verdacht.

Ron war noch nie in diesem Zimmer gewesen. Das hätte Collin auch vor dem Streit niemals zugelassen. Aber Susan hatte ihm oft erzählt, wie sie sich eingerichtet hatte. Aus diesem Grund wusste er, an welcher Stelle die Schlafcouch stand. Er musste nach links hinübergehen.

Von dort vernahm er auch den leisen Atem. Susan schlief.

Der Junge richtete sich auf und bewegte sich geräuschlos vorwärts.

Da zuckte dicht vor ihm ein greller Blitz auf. Gleich darauf traf ihn ein grässlicher Schlag, der glühendes Feuer in seine Brust trieb.

Ron Epson schrie auf und taumelte ein paar Schritte bis zum Fenster zurück. Er wollte einen Halt finden, warf aber dabei eine Vase um, die klirrend auf dem Boden zerbrach.

Gleichzeitig starrte er in den nächsten heimtückischen Blitz. Die Detonation des Schusses war wie beim ersten Mal stark gedämpft. Nur der Schmerz tobte ungebremst.

„Susan!“, röchelte Ron. Das Bild des geliebten Mädchens stieg vor ihm auf. Eine unsagbare Schwäche ergriff ihn. Die Beine sackten unter ihm weg. Alles drehte sich um ihn. Er begriff nicht, was mit ihm geschehen war. Nur eins war ihm klar. Das Schicksal hatte nicht gewollt, dass er mit Susan glücklich wurde.

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2

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MATT BOGART WAR VON den Siebzig nicht mehr weit entfernt. In diesem Alter brauchte man nicht mehr so viel Schlaf. Und wenn man dann auch noch einen Hund besaß, der ausgerechnet immer nachts ein dringendes Bedürfnis verspürte, blieb einem nichts anderes übrig, als diesem Bedürfnis nachzugeben.

Matt Bogart hörte sich das Jaulen seines Bullterriers eine Weile an. Dann schwang er seine Beine aus dem Bett und nörgelte halblaut: „Sei still, Cleopatra! Du weckst ja die ganze Nachbarschaft auf: Deinetwegen hatte ich schon ’ne Menge Ärger. Wenn du so weitermachst, werde ich dich weggeben müssen. Sergeant Henry hat mich schon zweimal verwarnt.“

Cleopatra unterbrach ihr Jaulen nur sekundenlang. Dann setzte sie es wieder fort. Ein Mister Henry konnte die Hundedame nicht beeindrucken. Besonders dann nicht, wenn er nur Sergeant war.

Allerdings hätte sie auch vor einem Captain keinen Respekt gezeigt. Hosenbein war Hosenbein. Darin konnte man sich so herrlich verbeißen. Zu dumm, dass ihr Herrchen so wenig Verständnis für ihre Lieblingsbeschäftigung aufbrachte. Das war auch der Grund, warum sie tagsüber nur an der Leine hinaus durfte und sie deshalb die Nachtstunden für ihre Erkundungen bevorzugte.

Matt Bogart zischte ärgerlich und suchte seine Pantoffeln. Natürlich hatte Cleopatra sie wieder mal versteckt. Aber das machte nichts. Er musste sich ohnehin anziehen. Die Hündin bestand darauf.

In wenigen Minuten war er fertig und verließ mit dem Bullterrier das Haus. Vorläufig hielt er ihn noch an der Leine. Man konnte ja nie wissen, ob nicht ein später Heimkehrer unterwegs war.

Aber die Straße war leer. Matt Bogart bückte sich, um Cleopatra die Freiheit zu geben, als ihn ein Geräusch erschreckte.

Er hob den Kopf und sah, wie sich auf dem gegenüberliegenden Grundstück ein Schatten bewegte.

Das Grundstück gehörte Mister Collin, nicht jedoch der Schatten. Das war ein jüngerer Mann, und der schwang sich jetzt über den Zaun und rannte direkt auf ihn zu.

Matt Bogart wollte keinen Ärger, aber er fand schon, dass er etwas tun musste. Der Bursche dort besaß kaum ein reines Gewissen. Man schwang sich nicht nachts über fremde Zäune. Da war etwas faul.

„He! Sie da!“, rief der alte Mann. „Was wollten Sie denn bei den Collins? Bleiben Sie mal stehen!“

Aber der Bursche dachte gar nicht daran. Er stutzte nur kurz, dann lief er weiter, ohne die Richtung zu ändern.

Matt Bogart bekam es mit der Angst zu tun. Zum Glück hatte er Cleopatra bei sich. Entschlossen trat er dem Jüngeren in den Weg.

Viel konnte er von dem Halunken nicht erkennen, denn er hatte sich eine Wollmütze tief ins Gesicht gezogen. Er sah nur einen Spitzbart, der irgendwie komisch wirkte, ein paar gehetzte Augen und einen verzerrten Mund.

„Aus der Bahn, Opa!“, warnte der Kerl.

Matt Bogart breitete die Arme aus und stellte sich dem Flüchtenden entgegen.

Das hätte er nicht tun sollen. Er empfing einen Hieb, der ihn zur Seite fegte. Er stolperte und stürzte. Mit dem Kopf landete er auf dem Pflaster und blieb benommen liegen.

Er hörte Cleopatras wütendes Kläffen, und gleich darauf plärrte Mrs Jackson, die nebenan wohnte, aus dem Fenster: „Natürlich wieder dieses ekelhafte Hundeviech. Jetzt ist meine Geduld zu Ende. Das Biest muss weg. Bei Tage traut man sich schon nicht mehr auf die Straße, und nachts kann man nicht schlafen. Ich rufe die Polizei.“

Das Fenster wurde zugeknallt, aber deshalb trat keine Ruhe ein. Auch andere Bewohner waren wach geworden und ließen ihren Unmut über die Störung an Matt Bogart und seinem Bullterrier aus.

Der Mann hielt sich den Kopf. Zum Glück blutete er nicht. Auch sonst schien er nichts gebrochen zu haben. Er fühlte nur einen Schwindel. Und Angst, dass man ihm Cleopatra wegnehmen könnte.

Wo war sie nur?

In seinem Schreck hatte er die Leine losgelassen, und die Hündin war auf und davongerannt. Er hörte sie in der Ferne bellen.

Was sollte er tun? Der Jackson traute er ohne Weiteres zu, dass sie ihm die Polizei auf den Hals hetzte. Was nützte es da, wenn er etwas von einem Einbrecher bei den Collins erzählte? Er würde sich von Cleopatra trennen müssen.

Er musste etwas erfinden. Etwas, was die Jackson umstimmen würde.

Wenn er zum Beispiel behauptete, jemand habe versucht, in ihr Haus einzudringen und Cleopatra habe den Ganoven verjagt, musste sie dem Tier dankbar sein.

Matt Bogart erhob sich und schüttelte seine Benommenheit ab. Ganz wollte es ihm nicht gelingen. Mit unsicheren Schritten ging er zu dem Haus, in dem die Jackson ganz allein wohnte, und läutete an der Tür.

Im Haus wurde es hell. Die unverkennbare, keifende Stimme schrie von oben: „Was ist los? Wer ist da?“

„Ich bin’s, Mrs Jackson. Matt Bogart. Ich muss Ihnen etwas Wichtiges sagen.“

„Sie? Bilden Sie sich nur nicht ein, mich umstimmen zu können. Das Biest muss weg. Das ist ja lebensgefährlich. Bestimmt ist es bissig.“ Längst nicht so bissig wie du, dachte Bogart und schüttelte sich. Er konnte nicht begreifen, warum die Frau so ekelhaft war. Vielleicht lag es daran, weil sie schon seit vierzig Jahren Witwe war. Ihr Mann war im Weltkrieg gefallen. Seitdem lebte sie allein in dem großen Haus. Allein wie er. Aber er hatte wenigstens Cleopatra.

„Hören Sie mich wenigstens an, Mrs Jackson. Bei Ihnen wollte jemand einbrechen.“

„Waaas?“

Das Fenster wurde zugedonnert. Sekunden später stand Emely Jackson vor ihm. Sie trug ein bodenlanges Flanellnachthemd und darüber einen selbst genähten Morgenmantel, der ihre nicht vorhandenen Reize verdecken sollte.

Ihr Gesicht war das einer Eule. Auch ohne, dass sie ein Wort sagte, wirkte sie wie die Hexe aus dem Märchen. Sie funkelte den Mann durch ihre Brillengläser an, und Matt Bogart fürchtete, dass sie seine Lüge längst durchschaute.

„Ein Einbrecher?“, fragte sie. Ihre Stimme klang überraschend kläglich. „Bei mir im Haus?“

Bogart nahm seinen ganzen Mut zusammen, als er bestätigte: „Cleopatra hat ihn gehört und keine Ruhe gegeben, bis ich mit ihr vors Haus ging. Sie hat ihn vertrieben, als er gerade eine Fensterscheibe bei Ihnen einschlagen wollte. Ihnen ist doch hoffentlich nichts passiert?“

Emely Jackson öffnete ihren Mund, bekam aber außer einem Krächzen keinen Ton heraus. Sie wurde grün im Gesicht und fiel in Ohnmacht.

Matt Bogart fing sie auf und sah sich bereits vor neuen Komplikationen. Wie er die Jackson kannte, würde sie ihm unterstellen, sie während ihrer Bewusstlosigkeit geschändet zu haben.

Er schüttelte sich vor Entsetzen.

Durch diese heftige Bewegung kam die Frau wieder zu sich. Sie schlug die Augen auf, fand sich in den Armen eines Mannes und seufzte auf: „Oh, Bogy! Endlich!“ Dann schlang sie ihre dürren Arme besitzergreifend um ihn und zog ihn ins Haus.

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SUSAN COLLIN FUHR DEN altersschwachen Pontiac in die Garage und stellte den Motor ab. Sie war froh, dass sie zu Hause war. Sie war nicht ganz nüchtern. Eigentlich wäre es vernünftiger gewesen, ein Taxi zu nehmen. Aber leider war man gerade dann nicht vernünftig, wenn es am nötigsten wäre.

Na, es war ja gut gegangen. Keine Polizeistreife hatte sie angehalten, und sie hatte auch keine Laterne gerammt.

Hoffentlich war Dad nicht wach geworden. Wenn er merkte, dass sie jetzt erst nach Hause kam, dass sie getrunken hatte und sich trotzdem hinters Steuer gesetzt hatte, war wieder mal der Teufel los. Dad war sehr streng mit ihr. Und seit sie ihm erklärt hatte, dass für sie außer Ron kein anderer Mann in Frage käme, hätte er sie am liebsten in ihrem Zimmer eingesperrt. Es war zum Verrücktwerden.

Das Mädchen mit den schwarzen Locken und den dunklen, träumerischen Augen seufzte, als es das Garagentor schloss. Alice hatte es gut. Nächste Woche war sie verheiratet. Und zwar mit dem Mann, den sie liebte und den sie sich selbst ausgesucht hatte. Ob Ron und sie das auch schaffen würden?

Vorläufig jedenfalls nicht. Ron besaß kein Vermögen, und sie musste auch erst das Examen hinter sich bringen. Dann kam das Studium und danach womöglich die Arbeitslosigkeit.

Dad wusste genau, dass er über sie bestimmen konnte. Sie war von ihm abhängig. Daran führte kein Weg vorbei.

Susan Collin suchte den Hausschlüssel und sperrte die Tür leise auf. Sie hatte die Angeln erst vor ein paar Tagen selbst geölt, damit sie wenigstens hin und wieder ein Stück Freiheit genießen konnte, ohne gleich von ihrem Vater zur Rede gestellt zu werden.

Heute hatte sie zusammen mit ein paar Freundinnen das Glück von Alice gefeiert. Kein Wunder, dass es spät geworden war.

Alice war voller Optimismus. Sie freute sich auf die Ehe, obwohl die ihrer Eltern auf sehr hässliche Weise in die Brüche gegangen war. Einer hatte dem anderen misstraut. Privatdetektive hatten sich an ihnen eine goldene Nase verdient. Übelsten Schmutz hatten diese Leute ans Licht gekehrt. Mit Kamera und Notizblock, mit Fernglas und Tonbandaufnahmen hatten sie für die peinlichen Beweise gesorgt, die endlich zur Scheidung geführt hatten.

Alice glaubte trotzdem an ihr zukünftiges Glück, und auch Susan wollte daran glauben, wenn es auch momentan nicht so aussah, als ließe sich ihr Vater erweichen.

Susan Collin schloss die Tür leise hinter sich und verzichtete auf Licht, um ihren Vater nicht aus dem Schlaf zu reißen. Gerade in letzter Zeit war er ziemlich misstrauisch und nervös. Sicher würde er glauben, sie habe sich mit Ron getroffen.

Sie zog ihre Pumps aus und schlich die Treppe hinauf. Ein leichter Nebel umwölkte noch immer ihr Gehirn. Am liebsten hätte sie gesungen, aber sie bezwang sich. Das hätte eine Katastrophe gegeben.

Sie erreichte ihr Zimmer und schaltete auch hier kein Licht an. Sie schnupperte. Bei Alice war viel geraucht worden. Ihre Kleidung hatte den Geruch auf genommen. Und auch ihre Haare. Am besten war, wenn sie gleich duschte und sich die Haare wusch.

Aber davon würde ihr Vater wach werden. Wohl oder übel musste sie ihr Vorhaben auf morgen früh verschieben.

Seltsam! Es roch nicht nur nach Zigarettenrauch. Da war noch etwas anderes. Etwas Fremdes, das sie nicht einordnen konnte.

Susan wollte das Fenster öffnen, entdeckte jedoch, dass es bereits ganz offen stand. Merkwürdig! Sie wusste genau, dass sie es nur zur Hälfte hochgeschoben hatte. Das tat sie immer. Es war eine Angewohnheit von ihr.

Vielleicht drang der ekelhafte Gestank von draußen herein. Dann war es besser, wenn sie das Fenster schloss, obwohl sie gerade in ihrer augenblicklichen Verfassung frische Luft brauchte.

Sie näherte sich dem Fenster, als ein klirrendes Geräusch sie erschreckte. Sie war mit dem Fuß gegen ein paar Scherben gestoßen. Als sie sich bückte, stellte sie fest, dass es sich um die schöne Rauchglasvase handelte. Sie war zerbrochen.

Aber wieso? Durch einen Luftzug konnte sie kaum vom Tisch geworfen worden sein. Sie war ziemlich schwer.

Susan Collin spürte etwas Klebriges zwischen ihren Fingern. Zu dumm! Jetzt hatte sie sich auch noch geschnitten.

Sie verließ ihr Zimmer, um sich im gegenüberliegenden Bad die Hände zu waschen. Als sie die Schnittwunde suchte, konnte sie nicht den leichtesten Kratzer finden, sooft sie ihre Hände auch drehte.

Jetzt bekam sie es mit der Angst zu tun. Sollte sie ihren Vater wecken? Besser wohl nicht. Das hätte alle möglichen Fragen zur Folge gehabt, und sie wollte im Moment nichts weiter als schlafen.

Sie kehrte in ihr Zimmer zurück und knipste nun doch das Licht an, um wenigstens die Scherben wegzuräumen.

Ihr Schrei gellte durch das ganze Haus. Mitten auf dem Fußboden lag ein junger Mann in seinem Blut. Sie kannte diesen Mann genau, wenn sein Gesicht jetzt auch wächsern war. Es war Ron Epson.

Ihre Beine drohten ihr den Dienst zu versagen. Sie konnte das Furchtbare nicht fassen. Sie begriff nur eins: Es würde für sie kein Glück an Rons Seite geben.

Wieso sich Ron in ihrem Zimmer befand und was sich während ihrer Abwesenheit abgespielt hatte, konnte sie sich nicht erklären. Aber durch die Tränen, die ihren Blick trübten, sah sie in dem grauen Blouson, das Ron so gerne getragen hatte, ein hässliches Loch mit versengtem Rand. Sogar sie, die sich mit derartigen Dingen nicht auskannte, wusste, dass es sich um eine Schusswunde handeln musste. Und da war ihr klar, dass man ihren Ron ermordet hatte.

Schluchzend sank sie neben dem leblosen Körper nieder.

Minutenlang kauerte sie auf dem Teppich und weinte. In ihr war eine grenzenlose Leere. Das Leben war zu Ende. Nicht nur für Ron. Auch sie selbst sah keinen Sinn mehr darin.

Welcher Schuft hatte das getan? Und warum? Ron war zu allen freundlich. Er besaß keine Feinde.

Sie musste einen Arzt verständigen. Vielleicht konnte er noch helfen.

Obwohl sie sich sagte, dass dies nur eine trügerische Hoffnung war und die Enttäuschung hinterher umso größer sein würde, mobilisierte sie ihre letzten Kräfte und kroch buchstäblich zu dem Tischchen, auf dem der Telefonapparat stand. Sie zog sich an der Tischkante hoch. Ihre Hand griff nach dem Hörer.

Da sank sie erschrocken zurück.

Auf der Treppe hatte sie ein schlurfendes Geräusch gehört. Es kam von unten. Befand sich der Mörder noch im Haus? Kam er zurück, um auch sie umzubringen?

Sie sagte sich, dass es am besten war, zusammen mit Ron aus dem Leben zu scheiden. Wenn sie aber den verkrümmten Körper ansah, packte sie kalte Angst vor einem solchen Tod. Es war schrecklich, auf diese Weise zu enden. Von der Hand eines Killers.

Die Schritte kamen näher. Eine eisige Klammer legte sich um ihre Kehle. Sie wollte schreien, konnte es aber nicht. Gebannt starrte sie auf die Tür, unfähig, wenigstens hinter dem Tisch Schutz zu suchen.

Warum hatte sie nicht die Polizei verständigt. Dann würde die Sirene den Killer vielleicht jetzt verjagen. So aber war sie ihm schutzlos ausgeliefert.

Angstvoll sah sie sich nach einer Waffe um. Da war nichts, was ihr geeignet erschien. Sie konnte sich nicht mit einem Schuh eines zum Töten entschlossenen Gangsters erwehren.

Da weiteten sich ihre Augen. Drei Schritte vor ihr auf dem Fußboden lag etwas Metallenes, das ihr nicht gehörte. Für eine Pistole sah es etwas ungewöhnlich aus. Der lange, bauchige Lauf erschien ihr fremd.

Susan überlegte nicht lange, was es mit dieser Waffe auf sich hatte. Wahrscheinlich war sie auch gar nicht geladen, aber zur Not konnte sie den Angreifer damit in die Flucht jagen. Vermutlich kam er auch nur deshalb zurück, weil er den Verlust der Pistole gemerkt hatte.

Das Mädchen stürzte regelrecht auf das Schießeisen zu und riss es an sich. Mit zitternden Händen hob es die Pistole auf, schaffte es aber nicht, sie ruhig zu halten.

Sie zielte auf die Tür, durch die der Gangster kommen würde. Sie nahm sie lediglich verschwommen wahr.

Ihr Zeigefinger suchte den Abzug. Sie hatte noch nie so ein Mordinstrument in der Hand gehalten und keine Ahnung, ob es genügte, einfach abzudrücken. Sie zweifelte, ob sie dazu überhaupt in der Lage war.

Sie dachte an Ron und hämmerte sich immer wieder ein, dass er tot war und dass der Kerl, der jetzt vor ihrer Tür zögernd verharrte, sein Mörder war. Da fiel ihr der Gedanke, ebenfalls zu töten, leichter.

Die Tür wurde aufgestoßen.

Susan schrie leise auf und ließ die Waffe fallen.

Der Mann in der Tür starrte erst sie an. Dann wanderte sein Blick durch den Raum. Seine Stimme klang blechern, als er hervorstieß: „Um Himmels willen, Susan! Was hast du getan?“

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BOUNT REINIGER HATTE seine eigenen Methoden, seine Besucher zu behandeln. Wenn ihm normalerweise auch die Zeit auf den Nägeln brannte und sein Tag eigentlich vierzig Stunden hätte haben müssen, so wurde er doch selten ungeduldig, wenn jemand nicht sofort zur Sache kam.

Die junge Frau, die vor ihm auf dem Besucherstuhl Platz genommen hatte, war hochgradig aufgeregt. Es war offensichtlich, dass sie nach dem richtigen Anfang suchte. Er wollte sie nicht drängen. Damit erreichte man meistens das Gegenteil.

Er bot ihr eine Pall Mall an, gab ihr Feuer und entzündete sich anschließend selbst eine Zigarette. Eine Weile rauchten sie schweigend.

Sie hatte sich mit dem Namen Gable vorgestellt und behauptet, wegen einer Freundin zu kommen. Das war alles, was er bisher erfahren hatte.

Die Geschichte mit der Freundin nahm er ihr nicht so ganz ab. Solche Ausreden wurden häufig benutzt, wenn sich jemand weigerte zuzugeben, dass er sich selbst in Schwierigkeiten befand.

Miss Gable war schlank, schwarzhaarig und langbeinig. Ein überaus erfreulicher Anblick, zumal auch ihre weiblichen Proportionen stimmten. Bount studierte sie unauffällig und versuchte, sie einzuordnen.

Aus der gehobenen Gesellschaftsschicht stammte sie wohl nicht, wenn es ihr wohl auch nicht schwerfallen würde, sich bei einer entsprechenden Heirat in die höheren Kreise einzuleben. Wahrscheinlich war sie als Sekretärin tätig. Vielleicht auch als Mannequin oder gar als Schauspielerin.

Es war müßig, sich den Kopf über ihre Schwierigkeiten zu zerbrechen. Zu ihm kamen junge Frauen mit den absonderlichsten Ansinnen. Die meisten brauchten wirkliche Hilfe. Einige aber wollten sich aber nur ihren Liebeskummer von der Seele reden oder suchten bei ihm neuen.

„Sie werden sich wundern, warum meine Freundin nicht selbst zu Ihnen kommt, Mister Reiniger“, begann die Frau endlich, nachdem sie die Zigarette halb geraucht und danach im Aschenbecher ausgedrückt hatte.

„Sie wird ihren Grund haben“, Bount lächelte unverbindlich. „Vielleicht hält sie nichts von Privatdetektiven.“ Die Schwarzhaarige starrte ihn überrascht an. „Woher wissen Sie das? Können Sie Gedanken lesen?“ Bounts Lächeln wurde intensiver. „Nur gelegentlich, Miss Gable. Sie sprachen von Ihrer Freundin.“

„Richtig. Ich habe mich nach ihrem Anruf sofort entschlossen, zu Ihnen zu kommen. Warum ich mich gerade für Sie entschieden habe, kann ich nicht begründen. Vielleicht weil ich keinen anderen Detektiv in der Nähe weiß. Ich wohne in der 62. Ost, müssen Sie wissen. Meine Freundin ist auf Staten Island zu Hause. Ihr ist etwas Furchtbares passiert, und sie braucht dringend Hilfe. Es geht um einen Mord.“

Bount horchte auf. Jetzt wurde die Angelegenheit interessant.

„Ich nehme an, dass Ihre Freundin nicht das Opfer ist“, vermutete Bount.

„Wie man’s nimmt, Mister Reiniger. Erschossen wurde der Mann, den Susan über alles geliebt hat. Damit aber nicht genug. Die Polizei macht keinen Hehl daraus, dass sie sie für die Mörderin hält. Es spricht eine ganze Menge gegen sie.“

„Aber Sie glauben das nicht.“

„Selbstverständlich nicht. Dieser Verdacht ist ganz einfach absurd.“

„Dann machen Sie sich keine Sorgen, Miss Gable. Ich halte sehr viel von unserer Polizei. Besonders zu den Beamten der Mordkommission besitze ich einen heißen Draht. Wenn Ihre Freundin mit dem Verbrechen nichts zu tun hat, werden die Beamten das auch aufklären.“

Die Schwarzhaarige sah nicht gerade hoffnungsvoll aus. „Mag sein“, räumte sie ein. „Wahrscheinlich haben Sie sogar recht. Aber es geht nicht nur darum, Susans Unschuld zu beweisen, sondern vor allem um die Ergreifung des wirklich Schuldigen. Ich fürchte, und Susan teilt meine Sorge, dass inzwischen der Mörder reichlich Gelegenheit hat, seine Spuren zu verwischen. Er kann sich ein Alibi besorgen, die Stadt oder auch das Land verlassen. Er kann alles Mögliche tun, und er kann erneut so einen sinnlosen Mord begehen. Bis die Polizei die richtige Spur verfolgt, vergehen unter Umständen Wochen. Verstehen Sie jetzt, was ich meine?“

„Ich denke schon.“ Bount Reiniger machte eine kleine Pause und sah seine Besucherin durchdringend an. Dann sprach er weiter: „Sie beauftragen mich, den wirklichen Mörder zu ermitteln und der Polizei zu übergeben.“

„So ist es.“

„Dabei sehe ich allerdings ein beachtliches Problem.“

„Um das zu lösen, sind Sie ja Detektiv.“

„Genau das meine ich, Miss Gable. Ihre Freundin wird nicht bereit sein, mit mir zusammenzuarbeiten. Oder habe ich Sie in diesem Punkt falsch verstanden?“

Alice Gable lächelte gequält. „Es ist so. Susan weiß, dass die Ehe meiner Eltern in die Brüche gegangen ist. Ein paar Detektive haben da kräftig mitgemischt. Wo anfangs vielleicht noch etwas zu kitten gewesen wäre, haben sie dafür gesorgt, dass immer mehr Unrat aufgetürmt wurde. Susan hält es für einen verhängnisvollen Fehler, wenn man Menschen beschnüffeln lässt, wie sie es nennt. Ich konnte sie deshalb auch nicht überreden, sich selbst an Sie oder einen Ihrer Kollegen zu wenden. Trotzdem wird Ihnen Susan Rede und Antwort stehen. Wegen Ihrer Bezahlung brauchen Sie sich auch keine Gedanken zu machen. Ich werde nächste Woche heiraten. Ich mache eine sogenannte gute Partie. Das Beste daran ist mein Zukünftiger, das Zweitbeste der Umstand, dass ich dadurch in der Lage bin, Susan in dieser schlimmen Situation finanziell zu unterstützen. Irgendwann wird sie es mir zurückzahlen. Und wenn nicht, wird das auch nicht unseren Bankrott bedeuten.

Bount blieb bei so viel Großzügigkeit misstrauisch, zeigte es jedoch nicht. Er ließ sich die ganze Geschichte haarklein erzählen und suchte dabei nach der Rolle, die die Gable womöglich darin spiegelte. Vorläufig blieb es aber lediglich ein unbegründeter Verdacht.

Er erfuhr von der Feier, an der Susan teilgenommen hatte, und von ihrer nächtlichen Rückkehr in leicht angeheitertem Zustand.

„Als sie in ihr Zimmer kam“, fuhr Alice Gable fort, „fand sie Ron Epson in seinem Blut. Zwei Kugeln hatten seine Brust durchbohrt. Er selbst hatte keine Waffe bei sich. Susan war noch völlig durcheinander, als sie Geräusche im Haus hörte. Sie konnte ja nicht ahnen, dass ihr Vater, den sie in seinem Zimmer wähnte, erst nach ihr nach Hause gekommen war. Ihr Vater sah Licht in ihrem Zimmer, stieß die Tür auf und fand Susan, die eine Pistole mit Schalldämpfer auf ihn richtete. Zum Glück drückte sie nicht ab. Aber da lag Ron, und aus dem Magazin der Pistole fehlten zwei Patronen. Angeblich wies die Waffe ausschließlich die Fingerabdrücke meiner Freundin auf. Niemand sonst befand sich im Haus. Für die Polizei steht der Täter fest. Und auch ein paar mögliche Motive.“ „Nämlich?“

„Eifersucht zum Beispiel, obwohl das bei Susan und Ron lächerlich ist. Die beiden waren wie zwei Turteltauben. Für die existierte überhaupt kein anderer Mensch. Außerdem schließt die Mordkommission nicht aus, dass Susan ihren Freund für einen Einbrecher hielt und aus diesem Grund auf ihn schoss. Auch das stellt sie natürlich in Abrede.“

„Es wäre auch reichlich ungewöhnlich, dafür eine Pistole mit Schalldämpfer zur Hand zu haben“, wandte Bount nachdenklich ein. „Allerdings könnte dieser Ron Epson die Waffe mitgebracht haben. Es gab ein Handgemenge, die Schüsse lösten sich, und der Mann ...“

„... und der Mann trug keine Handschuhe“, unterbrach die Frau diese Kombination. „Also hätten sich auch seine Abdrücke auf der Pistole finden müssen. Allerdings ist da die Aussage eines Nachbarn, der Ron gesehen haben will, als er gerade in ein anderes Haus einsteigen wollte. Angeblich hat er ihn mit seinem Hund verjagt. Die Polizei leitet daraus ab, dass Ron es daraufhin in dem Haus seiner Freundin versucht hat, zumal er dies leer zu wissen glaubte. Ron besitzt keine Reichtümer. Er ist zwar Lehrer, aber ohne Beschäftigung. Er hat sich mit Nachhilfeunterricht und Aushilfsjobs durchgeschlagen.“

Bount stellte noch verschiedene Fragen zu den Beteiligten des Dramas. Dann willigte er ein, sich des Falles anzunehmen.

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BEVOR ER NACH STATEN Island fuhr, führte er ein Telefongespräch mit Toby Rogers, dem Leiter der Mordkommission Manhattan C/II, mit dem er befreundet war.

Toby hatte aber von dem Mordfall noch nichts gehört, da er für diesen Bezirk nicht zuständig war. Er versprach jedoch, sich zu informieren und Bount über das Ergebnis zu verständigen.

So lange wollte der Privatdetektiv allerdings nicht warten. Er beauftragte seine Mitarbeiterin June March, das Gespräch entgegenzunehmen. Er würde sich wieder bei ihr melden.

Mit seinem silbergrauen Mercedes 450 SEL machte er sich auf den Weg.

Die erste Überraschung erlebte er, als ihm die Tür des Collin'schen Hauses geöffnet wurde. Eine ungefähr fünfzigjährige Frau mit Tränensäcken und aufgelöster Frisur bat ihn herein. Doch als er ihrer Aufforderung Folge leistete, wurde er von hinten angefallen. Jemand riss ihm die Arme auf den Rücken. Ein anderer tastete ihn ab.

Er entdeckte die Automatic in dem Schulterholster und triumphierte: „Schau mal, Fatty, was ich da gefunden habe. Scheint ein besonders schräger Vogel zu sein.“

Bount schmeckte der schräge Vogel nicht, aber noch weniger der schmerzhafte Griff, der ihm keine Verteidigungsmöglichkeit ließ. Da war er ja in die reinste Räuberhöhle geraten.

Er versuchte es mit allen Tricks, sich zu befreien, aber ein Kerl mit schwarzem Vollbart und mindestens genauso schwarzer Miene hielt ihm einen. Revolver vor die Nase und warnte:

Keine Mätzchen, mein Freund. In den Überstunden wird uns immer wieder versichert, dass diese Dinger sehr leicht losgehen. Man braucht nur an diesem kleinen Hebelchen zu ziehen. Schon macht es bumm, und es gibt einen Halunken weniger auf der Erde.“

„Polizei?“, tippte Bount Reiniger. „Der Junge gehört zu den Schnellmerkern“, meinte der Typ hinter ihm. „Das ist dir wohl unangenehm, wie? Kann ich mir lebhaft vorstellen. So einem Galgenvogel wie dir sind wir meist nicht willkommen.“

„Sind Sie hier, um einen Mörder zu fangen oder um alberne Reden zu schwingen“, antwortete Bount ungehalten. „Geben Sie mir meine Pistole zurück. Ich habe einen Waffenschein dafür. Im Übrigen kann ich Ihnen meine Lizenzkarte nicht zeigen, wenn Sie mir die Arme brechen.“

„Lizenzkarte?“, fragte der Bärtige unsicher.

„Ich bin Privatdetektiv. Reiniger ist mein Name. Wenn sich die Gesetze nicht über Nacht geändert haben, habe ich ein Recht, hier zu sein.“

„Sieh mal in seinen Taschen nach, Earl“, forderte die Stimme hinter Bount den Mann mit dem Vollbart auf.

Der brachte die Lizenzkarte zum Vorschein und auch verschiedene Visitenkarten.

„Scheint zu stimmen“, meinte er enttäuscht.

Der andere ließ los.

Bount massierte seine Handgelenke und blickte sich um.

Er sah sich einem breitschultrigen Zweizentnermann gegenüber, der ihn mit eng stehenden Augen musterte. „Lieutenant Cooper“, schnarrte er. „Tut mir leid. Die Collins behaupteten beide, Sie nicht zu kennen. Also mussten wir auf der Hut sein.“

„Ist schon gut, Lieutenant“, sagte Bount grinsend. „Wenn unsere Zusammenarbeit auch in Zukunft so eng ist, soll es mir recht sein.“

„Zusammenarbeit?“ Er sagte dieses eine Wort so vorsichtig, als hielte er eine heiße Kartoffel zwischen den Zähnen.

„Ist bei einer Suche nach einem Verbrecher nie verkehrt“, fand Bount. „Selbst dann nicht, wenn man ihn schon zu haben glaubt.“

„Sie sind ja ausgezeichnet informiert, Reiniger. Von wem stammt denn Ihre Weisheit?“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920376
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juni)
Schlagworte
bount reiniger erbarmungslosen york detectives

Autor

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Titel: Bount Reiniger und die Erbarmungslosen: N.Y.D. – New York Detectives