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Wenn du mich doch lieben könntest

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Wenn du mich doch lieben könntest

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Bergroman von G. S. Friebel

––––––––

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PETER BACHLER GLAUBT die hübsche Selma zu lieben. Als er nach einem von ihr verschuldeten Unfall schrecklich verstümmelt ist, löst sie die Verlobung und läuft davon. Es dauert lange, bis der junge Hoferbe sich zusammenreißt und in einer Wiener Klinik seine Brandwunden behandeln lässt. Aber auch die neu entdeckte Liebe zu Susan hilft ihm dabei. Doch dann steht Selma eines Tages wieder vor der Tür ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author COVER ALFRED HOFER /123rf

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Der junge Bauernsohn Peter Bachler lehnte sich gegen das Holzgatter. Seine Augen waren dunkel vor Kummer. Warum stand er hier in der Einsamkeit und war nicht drüben im Skihotel?

»Selma!« Er spürte es selbst nicht, dass er immerzu ihren Namen vor sich hin flüsterte.

Selma liebte er, obwohl die Eltern es nicht gern sahen. Sie waren miteinander verlobt und würden bald ein Paar sein. Dann würden sie zusammen den Hof bewirtschaften und glücklich sein. Seine Eltern würden begreifen, dass sie die Rechte war.

Sie war schön, und alle im Tal waren hinter ihr her. Obschon sie mit ihm spielte, konnte er sich nicht von ihr lösen. Noch immer hoffte der junge Mann, wenn sie erst einmal mit mir verheiratet ist, dann wird sie sich auch ändern.

Er besaß einen großen Hof; und man kannte die Bachlers im Tal. Sie waren angesehen, und wer dort Hofbäuerin wurde, die konnte sich wirklich freuen. Dass er nur geduldet wurde, weil er so reich war, begriff er noch nicht. Wenn seine Eltern über die Zukünftige sprachen, dann meinte er nur immer wieder: »Sie ist doch noch jung. Sie hat vom Leben noch nix gehabt. Sie wird schon noch eine gute Frau werden.«

Ein Schatten tauchte auf. Peters Herz klopfte schneller. War Selma endlich zu ihm gekommen? Freudig ging er auf sie zu.

»Peter?«

Es war nur seine Kusine Britta, die dort stand.

»Warum bist du hier so allein?«

»Weil ich es möchte.«

»Peter, Mutter schickt mich. Selma, sie ...« Britta stockte.

Man feierte die Einweihung des neuen Hotels. Von Jahr zu Jahr kamen mehr Gäste in dieses kleine Tal.

»Sie ist betrunken und weiß nicht mehr, was sie sagt.«

»Ich komme«, sagte er kurz.

Dann sah er Selma, wie sie im Raum herumwirbelte. Einheimische wie Gäste amüsierten sich köstlich. In den Gesichtern der Burschen sah er einen gewissen Glanz. In diesem Augenblick empfand er keinen Stolz auf seine schöne Braut, sondern nur Scham.

»Ich bringe dich heim, Selma!«

»Ich will nicht. Mir gefällt es hier. Ich brauch noch was zu trinken.«

Zum Glück halfen die Eltern Brittas, und so stolperte sie dann endlich nach draußen. Als man zum Wagen kam, setzte sie sich gleich ans Steuer.

»Bitte, lass mich fahren, Selma!«

»Ich kann noch fahren. Ich kann deine Kriecherei hier nicht ertragen.«

Sie brauste los.

»Angst?« Sie lachte auf und warf ihr schönes Haar zurück. »Weißt, so muss man fahren, und so. Das Leben muss man spüren. Es ist so kurz. Es muss prickeln.«

Die Räder kreischten, wenn sie durch eine Kurve fuhr. Peter schloss gequält die Augen. Sie befanden sich unten im Tal. Aber auch hier schlängelte sich die Straße um viele Kurven.

Und dann geschah es!

Die Räder fassten nicht mehr, der Wagen schleuderte. Selma kurbelte wild an dem Lenkrad herum. Das schwere Fahrzeug schoss die Böschung hinunter, überschlug sich krachend und blieb dann still liegen.

Die rechte Wagentür hatte sich durch den Aufprall geöffnet. Peter lag mit dem Oberkörper draußen. Das Auto konnte jeden Augenblick in Flammen aufgehen. Das Blut lief ihm jetzt über das Gesicht.

Mühsam kroch er aus dem Wagen. Plötzlich schoss eine Feuersäule hoch. Dann sah er die reglose Gestalt hinter dem Lenkrad.

»Selma«, schrie er.

Aber das Mädchen rührte sich nicht.

Wie gehetzt stürzte der Mann zum Wagen und riss die Wagentür auf. Schnell zog er sich die Jacke vom Leib und warf sie über das Mädchen. Und dann war da etwas Grelles, unsagbar Heißes und Schmerzhaftes, das ihm ins Gesicht schlug. Ächzend nahm er das Mädchen hoch und schleppte es aus der Nähe des Wagens. Auf dem Acker waren sie in Sicherheit.

Dort ließ er Selma auf den weichen Boden fallen. Seine Kräfte waren zu Ende. Als er auf dem Rücken lag, die Arme weit von sich gestreckt, sah er in den Himmel. Ein wilder Schluchzer der Erleichterung kam aus seinem Mund.

Nun spürte er den qualvollen Schmerz im Gesicht, aber er wagte nicht, mit den Händen danach zu greifen. Er spürte, dass er ständig Blut verlor, und das machte auch wohl die Schwäche aus.

Endlich erwachte Selma aus ihrer Erstarrung. Sie richtete sich auf und schaute sich verstört um. Dann sah sie das brennende Auto und ein Riesenschreck fuhr durch ihre Glieder. Himmel, der teure Wagen, und sie war schuld. Sie griff sich mit beiden Händen an den Kopf. Fast das ganze Haar war verbrannt, und sie begann zu jammern. Jetzt erst entdeckte sie Peter neben sich auf dem Acker.

Warum lag er hier so stumm? Konnte er keine Hilfe holen? Oder war er vielleicht tot? Sie mochte sich kaum rühren vor Angst.

»Selma!«

Sie drehte sich nach ihm um. Das Mondlicht fiel auf sein Gesicht. Selmas Augen weiteten sich vor Entsetzen. Sie legte die Hand auf den Mund und sprang auf. Nein, o nein, nein ... nein!

Und dann hörte Peter Bachler das Mädchen schreien. Er wunderte sich ein wenig darüber. Aber er war so schrecklich müde!

Selma stolperte über die weichen Furchen und erreichte auf Strümpfen die Straße. Dort blieb sie erschöpft stehen.

Endlich, für sie schien es wie eine Ewigkeit, wurden zwei Lichtkegel am unteren Ende der Straße sichtbar.

Der Autofahrer, ein Feriengast, stoppte, als er das Mädchen wie betrunken über die Straße stolpern sah.

»Was ist denn los?«

Selma lehnte sich an den Wagen. »Dort droben, wir – wir hatten einen Unfall. Dort liegt er auf dem Acker. Er braucht Hilfe, schnell!«

Sie durfte einsteigen, während der Mann zu Peter ging. Sie sah vom Wagen her, wie er sekundenlang, anscheinend erschüttert, vor dem Verletzten stehenblieb, ehe er sich über ihn beugte.

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Peter erwachte. Noch konnte er sich nicht besinnen, wo er sich befand. Er grübelte nach. Eine große hagere Gestalt stand plötzlich vor ihm.

»Wo bin ich?«

»In der Klinik!«

»Ich bin verletzt?«

»Ja.«

Dann schlief er wieder ein. Für Stunden, Tage. Es war auch gut so. Aber einmal musste er wieder erwachen. Mit den Händen tastete er seinen Kopf ab. Er war verbunden.

Seine Eltern besuchten ihn.

»Wo ist Selma? Ist sie gesund?«

»Sie ist gesund. Ihr Haar wird nachwachsen«, sagte die Mutter mit kalter Stimme.

Peter wusste ja, dass sie Selma nicht mochte. Auch jetzt nahm er sie wieder in Schutz. »Nicht bös sein. Wird schon alles gut. Selma wird sich jetzt ändern, ganz bestimmt.«

Seine Mutter brach plötzlich in Tränen aus.

Diese große herbe, stille Frau weinte! Für Peter etwas Unfassbares.

»Sie ist mit den Nerven herunter«, sagte der Vater hölzern. Auch in seinem Gesicht zuckte es wild.

Sie gingen, und er wartete auf seine Braut. Aber sie kam nicht. Alle kamen, alle Freunde aus dem Tal, alle. Er biss die Zähne zusammen und wartete.

Dann wurden die Verbände entfernt. Er wollte aufstehen und sich im Spiegel besehen. Sicher würde er jetzt eine schöne Schramme auf dem Kopf haben. Man hielt ihn ab. Er müsse noch warten.

Seit die Verbände weg waren, kam niemand mehr. Peter wunderte sich darüber. Einmal kam der Vater. Er stand an der Tür gelehnt und sah ihn an.

»Mein Bub!«

Tränen schimmerten in den Augen des Vaters.

»Wo ist Mutter?«

»Sie – sie wird bald kommen, ihr Herz, du weißt, sie fühlt sich beim Föhn nicht recht gut.«

Warum diese seltsame Stimme, so brüchig? Peter begriff das nicht. »Es haben jetzt wohl alle viel zu tun, dass mich niemand mehr besuchen kommt. Es ist verdammt langweilig hier. Ich möchte nach Hause. Die Arbeit, sie muss doch getan werden. Wir stehen doch mitten in der Heuernte. Und dann die Käserei und das Sägewerk, ich muss doch noch all die Abrechnungen machen.«

»Das hat alles noch Zeit, mein Junge. Ich hab um Aufschub gebeten. Das Finanzamt war so nett.«

»Selma soll endlich kommen.«

Sein Vater blickte aus dem Fenster. Plötzlich wurden seine Züge hart: »Ich werde sie selbst mitbringen«, sagte er und stand auf.

Der Tag verging so unendlich langsam, und dann wieder die lange Nacht. Peter konnte kaum Schlaf finden.

Heller Tag herrschte im Zimmer, und er lag da und wartete. Endlich ging die Tür auf. Freudig drehte er sich um. Selma kam herein, und hinter ihr sein Vater.

»Selma, endlich. Oh, dein schönes Haar. Es tut mir so leid für dich. Ich weiß doch, wie stolz du darauf bist. Es wird nachwachsen. Bis zur Hochzeit bist du wieder strahlend schön, Selma.«

Das Mädchen blieb wie gelähmt an der Tür stehen. In ihren Augen las er Ekel und Entsetzen.

»Selma«, rief er erschrocken.

»Ah«, flüsterte sie erstickt, »ah!«

Der Vater schob sie brutal näher. »Sieh dir an, was du ihm angetan hast! Es ist dein Werk, hörst du, deins allein!«

Selma sah ihn aus hasserfüllten Augen an. Plötzlich zerrte sie an ihren Händen und warf ihren Verlobungsring auf die Bettdecke.

»Selma«, rief Peter gebrochen und sein Herz blutete.

»Schön«, sagte der Vater ruhig.

»Hast du je geglaubt, ich würde mich jetzt noch an ihn binden? Niemals, niemals, niemals!« Sie lachte grell und laut, drehte sich um und stürmte aus dem Zimmer.

Für einen Moment lag Peter wie gelähmt im Bett, doch dann warf er die Decke fort und sprang auf. Der Vater wollte ihn daran hindern. Aber er schob ihn einfach zur Seite. Warum hatte sie Ekel vor ihm? Warum?

Und dann sah er den Spiegel und stürmte darauf zu. Aufstöhnend lehnte er sich an die Wand. Das war doch nicht er? Das zerfressene Gesicht, überall Narben von den Verbrennungen. Es war grauenvoll, was er im Spiegel sah.

»Nein«, gurgelte er und ließ sich fallen, wo er stand. »Nein!«

Pfleger kamen sofort und trugen ihn behutsam ins Bett.

»Mein Junge«, stammelte der Vater, und die hellen Tränen liefen über sein Gesicht.

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Den Hut tief ins Gesicht gezogen, den Mantelkragen hochgeschlagen, stand Peter da und wartete. Ein leiser Nieselregen fiel vom Himmel. Endlich bog der Wagen ein. Er stieg ein und vergrub sich in seinen Mantel.

Peter sah aus dem Fenster. Berge, Wälder, Häuser, alles glitt an ihm vorbei. Wie gut kannte er die Strecke.

Und dann war man im heimatlichen Tal. Natürlich wussten sie alle von dem Unfall. Versuchten, einen Blick auf Peter zu werfen. Er war ja jetzt ein Monster, so flüsterte man es sich zu. Die Angestellten im Sägewerk, in der Käserei, überall sprach man davon. Der einzige Hoferbe, strahlend und schön, konnte sich jetzt nie mehr in der Öffentlichkeit zeigen. So schnell wendete sich das Blatt. Nun war er zu einem Nichts zusammengeschrumpft.

Die Mutter stand im Laubengang. Niemand durfte ihn sehen. So hatte der Vater es angeordnet. Zum Glück lag das Haus ziemlich weit von der Straße ab und hohe Büsche und Bäume umzäunten es.

»Ich habe den Kaffee schon aufgetragen«, sagte die Mutter mit zittriger Stimme. Für sie war es ein schrecklicher Schock, ihren schönen Buben so arg zugerichtet wiederzubekommen. Oh, Gott, das Schicksal konnte schon erbarmungslos sein.

Peter sagte leise: »Dank auch schön, aber ich geh auf mein Zimmer. Ich möcht allein sein. Hast mich verstanden?«

»Es macht mir nix aus«, flüsterte sie gebrochen.

Das Erschrecken der anderen war ihm unerträglich. Er hatte noch nicht gelernt, mit seinem Schicksal fertig zu werden.

Die kleine Italienerin, die in Mutters Diensten stand, brachte den Kaffee und ein Stück Guglhupf! Eine Spezialität der Mutter.

»Stell es dort hin.« Er wandte sich ab. Ein bitterer Zug lag um seine geschundenen Lippen.

So lernte der Peter Bachler, Bergsohn und Erbe eines großen Hofes, ein neues Leben kennen. Er blieb den ganzen Tag in seiner Kammer. Nur wenn es dunkel draußen wurde, dann ging er wieder nach draußen, in den Wald, über die Wiesen und Äcker. Sein Herz wollte ihm zerspringen. Seine Arme wurden müde. Er war so voller Tatendrang und durfte doch nichts tun. Man würde vor ihm davonlaufen. Er musste sich wie ein Tier verstecken und dahinvegetieren.

Der Vater bekam einen schwermütigen Blick, und die Mutter konnte nicht mehr an Gott glauben und mied die Kirche. Sie hörten Tag für Tag ihren Buben dort droben hin und her laufen.

Er hatte einfach aufgehört, an das Leben zu glauben. Wäre es von Gott nicht barmherziger gewesen, ihn gleich sterben zu lassen? War er denn nicht jetzt schon lebendig tot? Die Eltern hätten es dann besser verwunden. Was war ihnen denn jetzt geblieben? Eine Last! Eine schreckliche Last!

Manchmal wollte er aufspringen und mit dem Kopf gegen die Wand laufen. Schreien, schreien,

aber er tat es nicht. Er saß nur da und starrte aus dem Fenster und sah, wie die Urlauber sich in den Bergen vergnügten, wie die Nachbarn das Heu einfuhren. Wie man rechtschaffen müde von der Arbeit heimkam.

»Oh, mein Gott!« Wie gebrochen klang seine Stimme.

Und so ging es Monate!

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»Ich muss mit dir reden«, sagte der Vater und vermied, den Buben anzublicken.

»Warum? Lass mich allein.«

»Der Klagbicherl, du kennst ihn doch, von der Genossenschaft. Er sprach von einer Klinik. Dorthin sollt ich dich schicken. Die würden dann schon wieder einen rechten Menschen aus dir machen. Mit plastischen Operationen und dergleichen.«

Peters Herz stockte, doch dann schüttelte er den Kopf.

»Ich kann mich nicht unter anderen Menschen zeigen, ich kann es einfach nicht. Wenn ich ihre Augen sehe, dann  dann möchte ich sie umbringen vor Zorn.«

»Dort sind Menschen wie du, und die Ärzte und Pfleger, die es gewöhnt sind.«

»Vielleicht sollte ich es wirklich tun«, meinte er müde. »Sonst gibt es doch keine Hoffnung mehr für mich. Und dieses Leben bringt mich um. Ich halte es nicht mehr aus. Ich kann nicht mehr.«

Der Vater schrieb an die Klinik und erhielt auch bald eine Antwort. Er müsse Vertrauen mitbringen, das wäre sehr wichtig. Diese Worte waren ein wenig Balsam auf sein wundes Herz. Der Vater brachte ihn selbst in die Klinik. Und als sie durch das weite Tal fuhren, dachte der Gequälte, wenn ich dort keine Hilfe finde, dann mach ich Schluss, dann will ich nicht mehr leben, dann werden die Eltern eines Tages alles verschenken müssen. Es tut so weh, zu denken, so jung zu sterben. Aber ewig droben in der Kammer? Verfault man da nicht lebendig? Und was ist, wenn die Eltern sterben? Dann muss ich mich auf Fremde verlassen, und die wirtschaften dann in ihre eigene Tasche. Nein, ich werde Schluss machen.

In der Klinik wurden sie vom Professor begrüßt. Peter sah jetzt Patienten, die noch schlimmer dran waren. Viele hatten sogar am ganzen Körper Verletzungen. Einige hatten nur noch verstümmelte Hände.

Die Klinik lag in der Nähe von Wien. So weit von daheim weg. Er würde Heimweh bekommen.

Aber was hatte er nicht schon alles auf sich genommen.

Er lernte einen Mann mit Namen Bob kennen. Er kam nicht aus Österreich. Sie freundeten sich in dieser schweren Zeit an.

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Susan Köglberg schob mit beiden Händen die kastanienbraunen Locken zurück. Sie befand sich auf einer kleinen Party bei ihrer Freundin Petra. Sie wohnte ziemlich weit außerhalb der Stadt.

Eben hatte sie dem Mann erzählt, dass sie noch immer auf die große Liebe warte und für Tändeleien nichts übrig habe.

Der junge Mann lachte ein wenig schnoddrig auf. »Sie lesen zu viele Romane. So etwas gibt es nicht mehr.«

Susan hasste diese überheblichen jungen Männer aus der Großstadt. Sie fühlte sich ganz und gar nicht wohl. Doch man musste Geld verdienen, und das konnte man nur hier und nicht daheim, wo man mit der Mutter ein winziges Häuschen besaß und jetzt, wo auch nicht mehr so viele Urlauber kamen, da hatte sie dann die Stelle in der Stadt annehmen müssen.

Ich bin müde, dachte sie, ich mag das lose Geschwätz nicht mehr mit anhören. Ich möchte in mein Zimmer. Warum also raff ich mich nicht auf und geh?

Ihre Freundin verstand sie nicht, und sie begriff auch nicht, dass sie ablehnte, von einem jungen Mann heimgefahren zu werden. Schließlich war es ein weiter Weg. Aber Susan kannte die jungen Männer und lehnte ab. So machte sie sich denn allein auf, um zur Bushaltestelle zu gehen.

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Peter saß mit seinem Freund Bob viel zusammen, und sie spazierten auch herum. Das war sehr wichtig für den jungen Bergsohn. Er brauchte Auslauf, um so seine Aggressionen abzubauen. Er wunderte sich noch mehr darüber, dass man hier fröhlich war.

»Warum sollen wir den Kopf hängen lassen, Peter? Dadurch wird es auch nicht besser. Wir müssen Mut haben und an die Zukunft glauben, hörst du, das ist sehr wichtig. Wir dürfen einfach den Mut nicht verlieren.«

Gleich in den ersten Wochen durfte Peter miterleben, wie ein Patient nach langer Zeit als geheilt entlassen werden konnte. Viele schmerzhafte Operationen hatte er über sich ergehen lassen müssen. Aber nun konnte er in die Gesellschaft zurückkehren, war heil an Leib und Seele.

Sehnsüchtig dachte Peter an seinen Hof, und langsam glomm wieder so etwas wie Hoffnung in seinem Herzen auf. Er würde heimkehren, und alles würde wieder wie damals sein. Er würde arbeiten können, mit den Holzfällern im Wald, im Büro, alles. Was er bisher getan hatte, das würde er wieder können. Auch in die Berge steigen. Alles! Sein schweres Blut kam leise in Wallung.

Immer, wenn der Vater ihn besuchen kam, musste er von daheim erzählen. Wie weit man sei und was das Vieh auf der Alm machte. Der Vater war froh, dass sein Sohn jetzt schon wieder mehr Anteil am Leben nahm. Bestimmt würde er es schaffen! Bestimmt!

Abends machten die zwei Freunde noch oft einen Spaziergang in den nahen Wald. Peter brauchte den Duft der Tannen und das Rauschen der Blätter. Das linderte sein Heimweh zu den Bergen.

Es war schon recht spät, und der übergroße Mond stand am Himmel. Niemand sprach, es war alles so ruhig und still und ganz hoch oben dieser ewige Himmel mit den vielen Sternen.

Sie rauchten und redeten miteinander.

»In der nächsten Woche will der Professor endlich mit mir beginnen«, sagte Peter.

»Ich halte dir die Daumen«, sagte sein Freund Bob.

Peter kannte den Wald schon wie seine Westentasche. Jeder Weg war ihm auch im Dunklen vertraut. Bob staunte immer wieder darüber.

»Wenn man in den Bergen aufwächst, muss man die Natur kennen oder man geht unter.«

»Ach, wirklich? Auch jetzt noch? Ich mein, wo es doch Motoren gibt und alles. Damals, nun ja, da kann ich mir schon vorstellen, dass Naturgewalten den Menschen zu schaffen machen konnten. Aber jetzt?«

»Wenn du in eine Wand steigst, bist du auf dich allein angewiesen. Auch wenn du hoch im Wald raufsteigst. Da musst dich auskennen oder du verläufst dich auf Stunden.«

Er lächelte und ging voran, um den Freund zu warnen, wenn ein Graben oder ein umgestürzter Baum ihnen den Weg versperren sollte. Es war gut, dass die Klinik hier am Walde lag. Ja, es war wirklich gut.

Er ging weiter, doch plötzlich stockte sein Fuß. Und dann hörten sie diesen Schrei in höchster Not. Lang und qualvoll. Und dann wieder Stille!

Peter war schon fort, bevor Bob zur Besinnung kommen konnte.

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Susan war glücklich, endlich dem Trubel entronnen zu sein. Hier auf der nachtdunklen Straße fühlte sie sich wohl. Sie hob den Kopf und sah zum Sternenhimmel empor. Da musste sie wieder an die Berge daheim denken. Den kleinen Ort. Und sie dachte auch an Ferdl, der vorgegeben hatte, er würde sie lieben, aber sie dann nur ins Heu ziehen wollte. Ferdl dachte gar nicht daran, eine arme Kirchenmaus zu seiner Bäuerin zu machen. Es sei nun mal Tradition, hatte er ihr gesagt. Es muss schon eine Bäuerin sein, die meine Frau werden soll. Aber du bist es ja nicht.

Auch ihre Einwände, dass man doch alles lernen könne, hatte er fortgewischt. Bis sie begriffen hatte, Ferdl besaß überhaupt kein Herz. Er hatte mit ihr gespielt, weil sie so hübsch war. Die er dann zur Frau nahm, die war schwerfällig und breit. Ja, die Marie brachte auch was mit in die Ehe. Zwei Äcker und einen Wald. Das zählte daheim.

Sie presste die Zähne zusammen.

Und sie hatte ihn geliebt! Für ihn hätte sie alles getan! Einfach alles!

Es war nicht gut, wenn man an die Vergangenheit dachte. Niemand wusste darum und wunderte sich nur ein wenig, warum dieses reizende Mädchen so spröde war. Wer verstand denn auch schon, dass sie die Berge dem Trubel vorzog?

Der Weg war doch länger, als sie es angenommen hatte. Jetzt ärgerte sie sich, dass sie kein Taxi gerufen hatte. Naja, sie hatte es ja so gewollt. Dann sah sie am unteren Ende ein Auto. Sollte sie es anhalten und darum bitten, mitgenommen zu werden? Bevor sie winken konnte, war es an ihr vorüber gerauscht. Aber dann geschah das Wunder. Sie hatte das Winken schon aufgegeben, und doch hielt plötzlich vor ihr ein Wagen.

Ein älterer Herr öffnete die Tür.

»Wollen Sie mitfahren?«

»Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen. Ich bin nämlich schon sehr müde. Wenn Sie mich mit in die Stadt nähmen?«

»Na, dann kommen Sie mal mit!«

Sie machte es sich bequem, während der Fahrer sie aufmerksam betrachtete. Ein toller Käfer, dachte er. Hoffentlich ist sie so modern eingestellt, wie sie aussieht. Naja, mal abwarten ...

Sie war wirklich müde, und die Polster waren weich, sie lehnte sich bequem zurück. Sie hätte das aber nicht getan, wenn sie die Gedanken des Mannes neben sich hätte erraten können. Susan dachte einfach an gar nichts. Sie schloss die Augen und döste vor sich hin.

Der Mann umkrampfte das Steuer und blickte angestrengt in die Nacht hinaus. Bis jetzt war ihm noch kein Auto begegnet. Es war Zeit, die Situation auszunutzen.

Seine Hände wurden schweißnass vor Aufregung.

Susan bewegte sich leicht in ihrem Halbschlummer. Plötzlich hielt der Wagen mit einem Ruck. Der Mann beugte sich über das Mädchen.

»Sind wir schon da?«

»Nein!«

»Aber ...?« Susan sah aus dem Fenster und bemerkte, dass sie den Wald noch gar nicht verlassen hatten, sondern sich auf einem Waldweg befanden.

»Was soll das bedeuten?«, fragte sie und rückte zur Seite.

»Tu doch nicht so, mein Täubchen! Schließlich will ich meinen Lohn für die Fahrt haben!«

»Ach so«, sagte Susan und nahm ihre Handtasche.

»Kein Geld«, zischte er leise an ihrem Ohr.

»Bitte lassen sie mich los!«

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920352
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juni)
Schlagworte
wenn

Autor

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Titel: Wenn du mich doch lieben könntest