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Lilos heimliche Liebe

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Die junge Lilo hat einen Traum, an den sie glaubt. Sie ist fest entschlossen, den Hof ihrer Eltern zu vergrößern und alles zu tun, dass es für sie und ihre Familie eine gute Zukunft wird. Zum volkommenen Glück fehlt nur der Mann ihres Herzens. Dass dies einmal Peter Kessner sein wird – davon ahnt sie noch nichts. Er ist nur zu Besuch bei seiner Cousine Anna, und die ist wiederum Lilos beste Freundin. Lilo findet Peter auf Anhieb sympathisch und verliebt sich in ihn. Aber Peters Urlaub geht schnell zu Ende, und er muss wieder zurück nach Bremerhaven. Er verspricht ihr jedoch, bis spätestens zum Einbruch des Winters zurückzusein und dann mit ihr ein gemeinsames Leben zu beginnen. Aber als die ersten Schneeflocken fallen, ist Peter immer noch nicht da – und es kommen auch keine Briefe mehr von ihm. Hat er Lilo vielleicht schon vergessen?

Leseprobe

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G.S.FRIEBEL

Lilos heimliche Liebe

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Alfred Hofer /123rf

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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DIE JUNGE LILO HAT einen Traum, an den sie glaubt. Sie ist fest entschlossen, den Hof ihrer Eltern zu vergrößern und alles zu tun, dass es für sie und ihre Familie eine gute Zukunft wird. Zum volkommenen Glück fehlt nur der Mann ihres Herzens. Dass dies einmal Peter Kessner sein wird – davon ahnt sie noch nichts. Er ist nur zu Besuch bei seiner Cousine Anna, und die ist wiederum Lilos beste Freundin. Lilo findet Peter auf Anhieb sympathisch und verliebt sich in ihn. Aber Peters Urlaub geht schnell zu Ende, und er muss wieder zurück nach Bremerhaven. Er verspricht ihr jedoch, bis spätestens zum Einbruch des Winters zurückzusein und dann mit ihr ein gemeinsames Leben zu beginnen. Aber als die ersten Schneeflocken fallen, ist Peter immer noch nicht da – und es kommen auch keine Briefe mehr von ihm. Hat er Lilo vielleicht schon vergessen?

»Du alter Mistkratzer, damischer, das sag ich dir, wenn ich dich erwisch ...«

Die Gummistiefel waren für die Verfolgung völlig ungeeignet. Leopold raste über den Hof und wusste, nur in der Flucht lag die Rettung.

Das Mädchen gab nicht so schnell auf. »Na wart nur, ich erwisch dich schon, und dann kannst du was erleben, in die Suppen kommst demnächst!«

Das hübsche Mädchengesicht war vor Wut ganz verzerrt. Die blonden Haare flogen um die geröteten Wangen.

Dort war der Holzstoß! Ein paar Flügelschläge, und er war gerettet! Sie musste schleunigst ihren Lauf bremsen, sonst wäre sie doch glatt mit der Nase gegen die Holzscheite gerannt.

Da stand sie nun etwas unterhalb und reichte nicht hinauf. Das machte ihre Wut noch schrecklicher.

»Kannst ruhig hämisch blicken, ich krieg dich noch, ich geb nicht so schnell auf. Ein Saubazi bist, jawohl, das bist du, und das schwör ich dir hier und jetzt, du verdammtes Biest, wenn du noch einmal meinen schönen Garten betrittst, dann dreh ich einem deiner Weiber den Hals herum. Hast mich verstanden?«

Leopold hatte sich ein wenig erholt, plusterte sich auf und schüttelte sein buntes Gefieder. Dann neigte er seitlich den Kopf, und äugte misstrauisch zu dem aufgeregten Mädchen hinab. Nicht mal die angedrohte Tat an einem seiner Weiber ließ ihn empört aufschreien. Er hatte ja fünfundzwanzig. Da konnte man getrost auf eins verzichten. Außerdem war die Liese ein falsches Stück; ja, er wusste, dass sie oft zum Nachbarn rübermachte.

Lilo schwang noch immer den Besenstiel. »Komm sofort herunter, verdammt noch mal.«

Da erscholl vom Hof her eine Stimme.

»Lilo, das Frühstück ist fertig. Ja in drei Teufels Namen, lass doch den armen Hahn zufrieden. Immer müsst ihr streiten. Er ist schon ganz grantig.«

»Ach«, kreischte die Lilo zurück. »So ist das also, Vater. Den Gockel nimmst in Schutz, dieses Miststück von einem Hahn, er gehört in die Sonntagssuppe, verstehst, schau dir mal den Garten an!«

»Reg dich doch nicht so auf. Komm erst mal frühstücken.«

Schnaufend wandte sich Lilo zum Hof zurück, drehte sich aber noch einmal herum und fauchte Leopold an. »Glaub bloß nicht, ich würd’ dich vergessen.«

Wenig später betrat sie die Küche. Im Herrgottswinkel hatte die Mutter den Tisch gedeckt.

»Das war ja wieder ein Mordsgeschrei am frühen Morgen, Lilo. Man kann dich in Bezau hören, ehrlich.«

Die Tochter ließ sich mit einem Plumps auf die Bank fallen und griff nach dem Brot. »Von mir aus, aber ich lass es mir nicht gefallen, Mutter.«

»Was hat er denn jetzt schon wieder angestellt, der Leopold?«

»Vier Tage war ich oben auf der Alm, und jetzt, schau dir mal meinen Garten an. Es ist zum Heulen. Alle Hennen hat er hingeführt! Alle!«

Der Vater lachte.

»Wär auch gemein, wenn er eine links liegenlassen würde, oder?«

»Du mit deinen Scherzen!«, brauste die junge Tochter auf.

»Ich hab ganz bestimmt die ganze Zeit das Gatter verschlossen gehalten, Lilo, das darfst mir glauben.«

»Alle Salatpflanzen hat das Luder geköpft und die Blumen herausgewühlt, ich sag dir, ich könnt’ sie alle umbringen!«

»Vielleicht sind sie unschuldig die Hühner und ihr Herr?«, meinte der Vater. »Vielleicht war es ein Hase?«

»Warum nicht gleich ein Hirsch«, sagte sie wütend.

»Ich werde mich schon auf die Lauer legen und herausfinden, wie das Luder es schafft, in meinen Garten zu gelangen.«

»Ja, das tu nur«, sagte der Vater.

Wütend schlang sie das Essen hinunter.«

»Schau«, sagte die Mutter. »Draußen ist so schönes Wetter. Jetzt bist wieder daheim, und du machst so ein sauertöpfisches Gesicht.«

»Daheim«, lachte die Lilo verächtlich auf, »geh, ich war doch nur auf der Alm.«

Jetzt kam der alte Zank zurück. Dem kam die Mutter aber rasch zuvor.

»Aber wir haben dir doch erlaubt, mit der Freundin eine Woche am Bodensee zu verbringen. Hast das vergessen?«

Jetzt leuchteten Lilos Augen wieder auf. In der Tat, über den Ärger hatte sie das wirklich vergessen.

»Und wann darf ich?«

»Wann du Lust hast. Das Heu hat ja noch ein wenig Zeit. Die Arbeit schaff ich schon allein.«

»Fesch«, jubelte das Mädchen. »Herrje, jetzt sieht die Welt schon viel besser aus. Da will ich gleich hinunter zur Anna und sie fragen...«

Ehe sich es die Eltern versahen, war sie schon aus der Küche gesaust.

Die Mutter rief ihr noch nach: »Kind, es ist ja noch viel zu früh, wart noch ein wenig zu.«

Aber Lilo hörte nicht auf sie. Wenn sie sich was vorgenommen hatte, dann musste es auch sofort geschehen.

»Zu früh«, brummte sie vor sich hin und schob ihr Moped aus dem Schuppen. »Doch nicht für die Anna.«

Vergnügt sprang sie auf das Vehikel und sauste den Berg hinunter. Im Augenblick hatte sie keine Zeit für die Schönheit der Berge. In sausender Fahrt ging es hinunter in den Ort Bezau. Manchmal wunderte sich das Mädchen, dass so viele Touristen in den Bregenzerwald kamen. Sie langweilte sich oft ganz schrecklich daheim. Bezau mit seinen 1200 Einwohnern war ja auch keine Großstadt. Aber der Bodensee! Ach, sie hatte schon' so viel davon gehört. Dieser See zog sie magisch an. Vielleicht konnte man auch mal rüber nach Deutschland oder in die Schweiz? Ach, sie kam wieder ins Träumen.

Fast wäre sie auf der nächsten Wiese gelandet. Da hatte mal wieder so ein Trottel von Feriengast einen Stein mitten in den Weg gelegt. Im letzten Augenblick sah sie ihn und umfuhr ihn elegant, dabei ratschte sie ein wenig an der Felswand entlang. Der Arm tat weh, aber wenn man jung ist, und überhaupt keine Zeit hat, dann störten so Kleinigkeiten überhaupt nicht.

*

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ES WAR WIRKLICH NOCH sehr früh!

Auf den Höfen stand man für gewöhnlich um fünf Uhr auf. Ja, und jetzt war es erst sieben! Das Dorf machte einen verschlafenen Eindruck. Der Milchwagen rumpelte durch die Gegend, und der Fahrer winkte ihr fröhlich zu.

»Ist das nicht die Geschneitle Lilo?«

»Freilich«, grinste sie den Fahrer an.

Das war ein junger Bursch und immer lustig und fidel! Das wussten die Mädchen in Bezau.

»Fesch, fesch, meine Dame. Mir zerläuft das Herzchen, wenn ich dich so fesch in der Morgensonn’ stehen seh. Sag, Lilo, können wir uns nicht mal treffen? Du, ich hab jetzt auch einen eigenen Wagen, wir könnten also ganz gut nach Bregenz fahren. Dort haben sie eine neue Discothek, du ich sag dir ...«,

Sie lachte ihn strahlend an.

»Scheinst dich ja gut auszukennen, Hubert, aber nein, ich fall’ auf deine goldenen Sprüch’ nicht herein.«

»Was denn?«, tat dieser entsetzt, »ich denk die ganze Zeit nur an dich, Tag und Nacht!«

»Du mei, da kommst ja nimmer zum Arbeiten.«

»Du brichst mir das Herz.«

»Hast dein Sprüchlein aber fein auswendig gelernt. Geh, Hubert, versuch es bei den Feriengästen, die glauben dir noch deinen treuen Augenaufschlag.«

»Du weißt ja gar nicht, was dir entgeht«, sagte er lachend. »Sie reißen sich um mich, wirklich. Wenn ich wollt’, könnt ich an jedem Finger zehn haben.«

»Donnerwetter, und da redest noch mit mir Bauemtrampel?«, gab sie fröhlich zurück.

»Weißt was du bist, Lilo?«

»Nein, leider nicht!«

»Ein Biest bist, ein Kleines!«

Sie lachte hell auf.

»Jetzt erinnerst mich an unseren eifersüchtigen Leopold! Der übernimmt sich auch ständig.«

»Zum Teufel, wer ist denn das? Habt ihr etwa einen Gehilfen bekommen?«

»Nein, das ist unser Mistgockel!«

Hui, da war sie schon verschwunden.

Sie sauste die Dorfstraße entlang und kurvte rasant an der Kirche vorbei, wurde ein wenig leiser, weil der Herr Pfarrer recht ärgerlich werden konnte, wenn man ihn am Morgen schon störte.

Da war das hübsche Lehrerhäuschen. Es lag ruhig im Morgensonnenschein. Es war noch alles still im Haus. Lilo dachte ein wenig neidisch, Lehrer müsst man sein, dann hat man ein feines Leben.

Sie stellte ihr Moped hinter dem Haus ab.

Alle schienen noch zu schlafen.

Aber das störte sie kein bisschen, wusste sie doch, wo die Leiter zum Äpfelpflücken lag. Wie oft hatte sie auf diesem Weg schon ihre Freundin besucht.

Vorsichtig wurde die Leiter an die Hauswand gestellt, hurtig hinauf geklettert. Anna schlief immer bei offenem Fenster. Lilo sah den Kissenberg und dachte, wie kann man nur noch so müde sein, wenn schon die Sonne eine Stunde am Himmel steht.

Mit einem Plumps ließ sie sich auf das Bett fallen und rief fröhlich: »He, Anna, aufwachen, du alte Schlafmütze, die Sonne scheint längst! Sag mal, hast gestern vielleicht getanzt, dass du noch so müde bist? Da bin ich ein paar Tage fort auf der Alm, und schon reißen hier Zustände ein!«

Sie griff unters Deckbett und kniff die Schläferin freundschaftlich in die Wade.

Lilo störte es kein bisschen, dass sie noch keine Antwort bekam.

»Du, die Eltern haben es mir endlich erlaubt, ich darf eine Woche Urlaub machen, zum Bodensee runter. Ist das nicht fesch? Du, jetzt müssen wir nur noch deine Eltern bitten, sie dürfen einfach nicht nein sagen. Verflixt, wir sind doch schon achtzehn und erwachsen. Sie können uns doch nix mehr anhaben. Wenn du willst, red ich mit deinem Vater. Du weißt doch, er mag mich leiden. He, du alte Schlafmütze, wach mal endlich auf. Hast überhaupt gehört, was ich dir erzählt habe?«

Resolut, wie es nun mal ihre Art war, sprang sie auf und riss mit einem Ruck das Federbett mit sich. Lilo sagte sich, wenn die Frühkälte an die warmen Beine kommt, dann wird sie schon wach, und sonst kann man ja noch ein wenig nachhelfen!

Mit einem wilden Schrei fuhr der Bettgenosse hoch und warf sich herum.

Lilo traute ihren Augen nicht!

Noch immer das Oberbett umkrallend, wich sie bis zur Wand zurück.

»Äh ...« röchelte sie und spürte, wie ihr langsam das Rot in die Wangen stieg. »Äh, Verzeihung, äh, aber das ist doch ... das gibt es doch nicht...«

In diesem Augenblick sah sie nicht sehr geistreich aus.

Der junge Mann starrte noch immer das fremde Mädchen an. Dann lachte er auf.

»Gib mir das Kissen wieder, es ist kalt!«

Hastig warf sie es ihm zu.

»Hier«, sagte sie verdattert.

Lilo sprang zum Fenster.

»So bleib doch«, rief er ihr nach.

»Ich schau doch nur nach, ob ich mich auch nicht verstiegen hab«, sagte sie ein wenig kleinlaut. Aber das hätte sie sich ersparen können. Ihr kleiner Zeh sagte ihr, dass es ein Ding der Unmöglichkeit war. Das nächste Haus war das Pfarrhaus, und wie der Pfarrer sah der junge Mann auch nicht aus.

Meine Güte war ihr das peinlich. Da war sie in das Zimmer eines jungen Mannes eingestiegen.

Sie stand wie zur Salzsäule erstarrt am Fensterkreuz.

Dem jungen Burschen schien das sichtlich Spaß zu bereiten.

»Jetzt hat’s dir die Sprache verschlagen, wie?«

Wie seltsam er die Worte formte!

»Ich hab gedacht, du bist meine Freundin?«, stotterte sie verdattert.

»Seh ich wie die Anna aus?«, fragte er lustig zurück.

»Aha«, sagte sie resolut. »Du kennst sie also, die Anna?«

»Aber natürlich.«

»Du liebe Güte«, sagte die Lilo zu sich. »Ich bin doch nur vier Tage fortgewesen.«

»Wenn du die Anna sprechen willst, dann musst weit reisen.«

»Wie? Was?«

»Die ist im Augenblick in Bremerhaven.«

»Waas?«

»Mund zu, es zieht!«

Sie stierte ihn noch immer verblüfft an.

»Sag mal, willst mich verulken?«

»Geh, warum sollte ich?«

»Ich versteh nix mehr! Vielleicht hätte ich den Leopold doch nicht so scheuchen sollen. Jetzt sind meine Gedanken ganz wirr. Ich kapier nix mehr, gar nix.«

Der junge Mann hatte nun ein wenig Mitleid mit dem Mädchen.

»Dann bist du also die Lilo Geschneitle?«

»Mich kennst auch?«, keuchte sie. »Aber ich hab’ dich noch nie gesehen!«

»Die Anna hat mir von dir berichtet. Schöne Grüße soll ich dir bestellen. Und sollst nicht böse auf sie sein. Es ist halt alles so schnell gegangen.«

»Was?«

»Ach, du weißt also von nix? «

»Würd ich sonst so dämlich fragen?«, fauchte sie zurück. Sie war ärgerlich, dass er klüger war als sie selbst.

»Sind die hier alle so grantig? Dann Prost Mahlzeit!«, brummte die junge Mann.

»Hör zu, du geschniegelter Lackaffe, ich kann ganz lieb und nett sein, aber wenn du mir jetzt nicht endlich erzählst wie du hierherkommst und was du hier willst, dann ...«

»Was dann?«, fragte der Mensch in dem gestreiften Schlafanzug fröhlich.

»Dann, dann, dann .. .« Lilo fiel es noch rechtzeitig ein, dass sie ihn schwerlich so brutal wie den Leopold ausschimpfen konnte.

Sie grinste ihn an.

»Sag lieber was los ist!«

»Das ist ein Wort.«

Er schwang sich aus dem Bett und ließ die Beine über den Bettrand baumeln.

»Ich bin der Peter Kessner, ich bin also der Cousin der Anna Hofer, ich leb in Bremerhaven. Ich bin neunzehn Jahre alt. Ja, und unsere Eltern haben geschrieben, es sei doch gar keine schlechte Idee, wenn jeder seine Wohnung der anderen Familie überlassen würde, für die Ferien wohlverstanden. So könne jeder billig Urlaub machen. Der eine in den Bergen und der andere an der See! Ist das nicht fein ausgedacht?«

»Dass die Anna mir nix erzählt hat«, murmelte Lilo.

»Die Eltern haben es mir auch erst kurz vorher beigebracht. Na, ich war auch nicht begeistert mitzukommen. Aber was will man machen. Als Lehrling verdient man ja nicht so viel und da muss man noch tun, was die Eltern wollen. Doch jetzt find ich es schon gar nicht mehr so scheusslich«, meinte Peter fröhlich.

»Warum nicht?«, fragte Lilo naiv.

»Nun, jetzt hab ich dich ja kennengelernt, jetzt kann der Urlaub doch recht lustig werden, wie?«

Sie grinste ihn unwillkürlich an.

»Na ja«, meinte sie ein wenig verlegen. »Aber gemein ist es schon. Und ich wollt’ die Anna mitnehmen, zum Bodensee, weißt! Endlich haben es meine Eltern erlaubt, und jetzt ist sie futsch, also, wenn man da nicht wütend werden soll!«

Sie hätte sich ganz gewiss noch weiter in ihre Rage hineingesteigert, aber dann erinnerte sie sich an den jungen Mann und klappte den Mund rechtzeitig zu.

»Du bist auch nicht auf dem Kopf gefallen wie?«

»Nein, warum auch.«

Peter lachte sie an.

Lilo dachte, er sieht nicht übel aus, ehrlich nicht. Sehr nett und fröhlich scheint der Bursche auch zu sein, aber trotzdem ist es Mist. Mein schöner Urlaub geht also flöten. Die lassen mich doch nie und nimmer allein reisen.

»Fertig mit dem Betrachten?«

»Wie?«

»Na? Bewunderst du nicht die ganze Zeit meine Schönheit?«

Sie warf einen Pantoffel nach ihm. Lachend fuhr er zur Seite.

»Verstehst du denn überhaupt keinen Spaß, Lilo?«

»Ich soll wohl noch vor Freude aufschreien, dass ich dich jetzt kenne wie?«, schnaubte sie.

»Was ist denn los?«

»Diese Anna, na warte, die kann ihr blaues Wunder erleben. Mich einfach so sitzen zu lassen. Das ist wirklich die Höhe.«

»Hör mal, ich freu mich wirklich, dass ich dich kennengelernt habe.«

Sie blinzelte ihn von unter herauf an.

»Ehrlich?«

»Wenn du nicht gerade herumzankst, siehst du, ganz nett aus, ehrlich.«

»Na ja«, lenkte sie vorsichtig ein. Lilo war immer nur für einen Moment aufbrausend. Über verschüttete Milch zu schimpfen war sowieso zwecklos.

»Vielleicht können wir es uns richtig gemütlich machen. Ich meine, du könntest mir doch deine Heimat zeigen und ich erzähle dir dann alles über meine!«

Sie grinste ihn an.

»Nun ja«, meinte sie zögernd. »Also, es ist ja nicht übel. Ich lern ja gerne neue Menschen kennen. Aber so plötzlich, nun ja, ich muss mich wohl mit der Tatsache abfinden. Verflixt, mein schöner Urlaub.«

»Die Anna bleibt doch nur drei Wochen fort, danach könnt ihr dann doch noch immer zum Bodensee!«

»Ist das wahr?«

Vor lauter Freude wär sie ihm bald um den Hals geflogen. Sie war nun mal spontan, die Geschneitle Lilo. Sie schwebte schon auf ihn zu, aber dann wurde alles ganz anders.

Mutter Kessner ging in diesem Augenblick an der Tür vorbei und hörte das Mädchen.

»Das gibt es doch nicht«, murmelte sie verblüfft. »Das ist einfach unmöglich.«

Mutter Kessner war resolut und ging verdächtigen Dingen gleich auf den Grund. Kurzentschlossen riss sie die Tür auf und was sahen ihre mütterlichen Augen? Ein fremdes Mädchen wollte sich grad auf auf ihren wehrlosen Buben werfen.

»Das ist ja die Höhe!«, kreischte sie auf.

Ehe sich Lilo Geschneitle versah, hatte sie auch schon eine heftige Watschen abgekriegt.

»Au!«, kreischte sie laut auf!

Mutter Kessner war jetzt in ihrem Element.

»Du schandbares Mädchen, du Schlampe, sofort lässt du meinen guten Buben in Frieden. Kaum vierundzwanzig Stunden sind wir hier, da fallen die Mädchen schon meinen Jungen an, das ist ja die Höhe. Zustände sind das!«

Sie ging auf Lilo zu.

Jetzt wurde auch der gestreifte Schlafanzug lebendig. Er brauchte halt ein paar Minuten, ufn den Schreck zu verdauen.

»Mutter, bist du denn verrückt geworden, so lass dir doch erklären. Es ist alles ganz harmlos. Das verspreche ich dir.«

»Harmlos? Dass ich nicht lache! Sie steigen schon in die Stuben ein. Wenn ich das geahnt hätte wäre ich nicht hergekommen!«

Lilo rieb sich die brennende Backe. Eine Handschrift hatte die Frau. Da war es wohl besser, sie flüchtete. Sie schwang sich also auf das Fensterbrett, angelte mit den Füßen nach der Leiter und war auch schon draußen.

»Du kannst mir nicht entfliehen!«, rief Mutter Kessner.

Peter schrie: »Wo können wir uns wiedersehen?«

»Wiedersehen?« Lilo lachte spöttisch. »Das ist ja lustig! Danke für die Einladung, aber eine Watschen genügt mir vollkommen.«

Peter war richtig unglücklich.

Wie ein Eichkätzchen sauste Lilo die Leiter hinunter. Sie machte sich noch nicht mal die Mühe und brachte sie wieder hinter den Holzstoß. So wütend war sie noch.

»Hoffentlich hat der Pfarrer mich nicht gesehen«, murmelte sie zornig vor sich hin. »Sonst gibt es noch mal ein Donnerwetter. Und dabei ist das alles nur ein Versehen gewesen.«

Peter im gestreiften Schlafanzug stand noch immer am Fenster und ruderte mit den Armen.

Sie trat das Moped an und sauste jetzt mit Krach um die Ecke. Des Küsters Hühner stoben wild durcheinander, und die Katze vom Bäcker fiel fast vom Gartenzaun.

Fuchsteufelswild war sie. Sowas musste ihr passieren, stieg zu einem Burschen ins Zimmer ein! Als sie daran dachte, dass sie ihn in die Wade gekniffen hatte, stieg ihr die Röte ins Gesicht.

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DIE GESCHNEITLIN KNETETE den Brotteig geschmeidig. Die Tochter saß am Fenster und blickte auf die Berge.

»Was ist denn los?«

»Nichts, wieso denn?«

»Lilo, es ist doch was?«

Im Augenblick ging ihr alles auf die Nerven. Sie war ja noch immer sauer. Die Eltern verstanden die Tochter nicht. Da hatte man ihr die Einwilligung erteilt, Urlaub zu machen, und wenn man sie jetzt daraufhin ansprach, wurde sie nur rasend.

Sie waren klug genug, um ihr ein wenig Freiheit zu gönnen. Schließlich lebte sie hier in den Bergen und musste hart mit anpacken. Sicher, eines Tages würde ihr das Anwesen gehören. Aber viele Töchter und Söhne waren heute nicht mehr bereit, für ein Taschengeld daheim zu arbeiten. Sie verstanden sich auch mit den Eltern nicht mehr. Der Tourismus hatte sie verdorben.

Aber zum Glück war die Lilo nicht so. Sie hing mit Leib und Seele an dem elterlichen Hof. Sie brachte auch immer wieder neue Vorschläge, wie man noch parktischer und rationeller arbeiten konnte. Sie ging ja auch seit ein paart Monaten auf die landwirtschaftliche Schule.

Lilo erhob sich.

»Ich schau leiber nach ob die Wäsche schon trocken ist, dann kann ich ja mit dem Bügeln anfangen.«

»Warum? Das pressiert doch nicht!«

Lilo hörte nicht hin.

Sie umrundete das Haus und stand dann auch schon sofort auf der Hauswiese. Zuerst war sie so in Gedanken versunken, dass sie es nicht wirklich sah. Aber dann traute sie ihren Augen nicht.

Die Wäsche flatterte nicht mehr lustig auf der Leine! Nein, sie lag am Boden! Aber das war noch nicht das schlimmste.

Die drei Schweine wälzten sich vergnügt auf der Wäsche herum. Sie sah also gar nicht mehr strahlend weiß aus!

Lilo schrie so barbarisch, dass selbst der Vater vom Holzhacken fortrannte, in dem Glauben, ihr sei etwas Schreckliches zugestoßen.

Lilo rannte wie verrückt hinter den dicken Schweinen her und wollte sie an den Schwänzen festhalten. Aber sie waren schneller, quiekten laut und fegten in den Hochwald. Mit einem Sprung hatten sie den Zaun überwunden.

Lilo blieb sprachlos stehen. Das hatte sie noch nie erlebt, dass Schweine so hoch springen konnten.

Das hatte so urkomisch ausgesehen, dass sie jetzt in ein helles Gelächter ausbrach.

Die Mutter kam angerannt.

Lilo drehte sich herum.

»Vater, wie oft hab ich dir schon gesagt, dass du die Pfosten nachsehen musst. Schau dir an was sie angerichtet haben, schau dir diese Sauerei an.«

Der Bauer lachte.

»Ich? Ach, jetzt bin ich der Sündenbock? Die Schweine haben die Pfosten herausgewühlt, das ist es.«

»Verflixt, daran hätte ich denken müssen, als ich sie rausließ.«

»Nun, dann müssen wir sie halt noch einmal waschen«, sagte die Mutter. »Das ist doch kein Beinbruch.«

»Ich werde Stacheldraht um die Pfosten binden.«

»Und ich hol’ die verdammten Biester aus dem Wald zurück.«

»Ja, tu das, sonst denkt der Förster noch, es sei Schwarzwild und erschießt sie.«

In diesem Augenblick rief eine Stimme vom Hof. »Ist dies der Geschneitlehof?«

Die Familie dreht sich herum.

Lilo bekam ein ganz rotes Gesicht.

Peter Kessner kam langsam näher.

»Da bist du ja«, sagte er freundlich. »Da habe ich mich also doch nicht verstiegen.«

»Grüß dich«, murmelte sie ein wenig verlegen.

Die Eltern machten erstaunte Augen. Den jungen Mann hatten sie noch nie in Bezau gesehen. Lilo schien ihn zu kennen.

»Willst ihn uns nicht vorstellen?«, brummte der Vater.

»Ach, hab ich das noch nicht?«

»Nein«, sagte die Mutter.

»Also, das ist doch der Vetter der Anna, versteht ihr. Die haben für den Urlaub die Häuser getauscht. Ist es nicht so?«

»Sicher«, sagte Peter mit fröhlicher Stimme.

Lilo setzte hastig hinzu: »Die Anna hat mir aufgetragen, mich ein wenig um ihren Vetter zu kümmern.«

»Ach so«, sagte der Bauer. »Freut mich, Sie kennenzulernen. So statten Sie also unseren Bergen einen Besuch ab?«

»Ja!«

Peter wunderte sich ein wenig, dass die Lilo das gesagt hafte. Aber natürlich verriet er sie nicht.

»Kannst mir jetzt ein wenig die Umgebung zeigen?«, fragte er und blinzelte ihr fröhlich zu.

»Ich muss in den Hochwald«, brummte sie.

»Kann ich mitkommen?«

Die Eltern wunderten sich, dass sie so grantig zu dem Buben war.

Ohne sich nach dem Peter umzusehen, stapfte sie los. Er folgte ihr mit ferdemden Schritten. Als die ersten Bäume sie aufnahmen, konnten die Eltern die zwei nicht mehr sehen.

Sofort blieb die Lilo stehen.

»Was kommst hier herauf?«, fauchte sie ihn an. »Überhaupt, wieso hast mich gefunden?«

»Das war einfach, ich hab’ nur unten im Ort nach dir gefragt. Du scheinst ja mächtig bekannt zu sein.«

In ihren Augen blitzte es auf und sie holte tief Luft.

»Geh«, lachte der Peter. »Musst dich doch ein wenig um mich kümmern«, machte er ihre Sprache nach. »Hast es gesagt oder nicht?«

»Das habe ich doch nur getan, damit die Eltern nicht gar so dumm fragen, verflixt noch mal.«

Sie schritt weiter, gelangte an das kleine Holzbrückchen. Der Bach aus den Bergen toste hier mit voller Wucht ins Tal. Das Wasser sprühte nur so auf. Es war mächtig laut. Schon ein schönes Naturschauspiel. Oft entdeckten Fremde dieses kleine Naturwunder. Lilo hatte es gar nicht gerne, wenn sie hier herumstanden. Noch gehörte es zu ihrem Hof.

Auch der Peter aus Bremerhaven blieb stehen und blickte auf die blanken Steine.

Lilo drehte sich um, als sie ihn dort reglos stehen sah, ging sie zurück.

»Ich muss in den Wald, die Schweine suchen!«, schrie sie ihm ins Ohr.«

»Das ist wunderschön hier«, schrie Peter zurück. »Kann man da unten baden?«

Sie grinste ihn fröhlich an.

»Möchtest es?«

»So klares Wasser, da kann man daheim lange suchen, bis man so schönes Quellwasser findet.«

Lilo freute sich, dass es ihm hier gefiel.

»Wenn wir zurückkommen, dann zeig ich dir die Stelle, wo man hinabsteigen kann.«

lEr ging mit ihr weiter. Jetzt mussten sie schon ganz schön klettern. Über Wurzeln und umgestürzte Bäume. Immer höher ging es hinauf. Lilo war so flink wie eine Eichkatze. Der junge Bursche aus dem Norden kam ganz schön ins Schwitzen.

»Willst nicht unten warten?«

»Nein«, presste er zwischen den Zähnen hervor. Er wusste, wenn er jetzt schlapp machen würde, dann würde sie ihn nur verachten, dieses seltsame Mädchen Lilo. Er fragte sich schon die ganze Zeit, warum er gekommen war.

Dann hatten sie eine Lichtung erreicht und Lilo blieb stehen. Sie hockte sich auf eine Baumwurzel und sah ihm entgegen.

»Arg heiß heute, wie? Musst dir anderes Schuhwerk kaufen, sonst schaffst du unsere Berge nicht. Mit Sandalen, typisch Ausländer.«

»Willst mich ärgern und necken?«

»Pah, warum denn?«

Er blickte ihr in das gerötete Gesicht. Beim Teufel, dachte Peter, sie ist wirklich fesch. Die Anna hat mir gar nicht erzählt, wie hübsch die Freundin ist. So ganz anders als die Mädchen daheim in Bremerhaven. Und spröde war sie auch, aber irgendwie machte ihm das viel mehr Spaß, als wenn sie sich anbiederten.

»Bestimmt bist du noch böse wegen meiner Mutter, Lilo!«

Sie sah ihn fuchsteufelswild an.

»Erinnere mich nicht daran.«

»Ich habe ihr alles erklärt. Es tut ihr leid, und wenn du willst, wird sie sich bei dir entschuldigen!«

»Waas?«

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920345
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juni)
Schlagworte
lilos liebe

Autor

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Titel: Lilos heimliche Liebe