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Sammelband 5 Schicksalsromane für den Strand Juni 2018

von Alfred Bekker (Autor) G. S. Friebel (Autor) A. F. Morland (Autor) Glenn Stirling (Autor)
2018 500 Seiten

Leseprobe

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Sammelband 5 Schicksalsromane für den Strand Juni 2018

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ERGREIFENDE SCHICKSALSROMANNE um Liebe und Romantik und die Wendungen des Lebens.

Dieses Buch enthält die Romane:

G.S.Friebel: Er glaubte an die Treue

Alfred Bekker: Das unheimliche Schloss

A.F.Morland: Geliebter Schutzengel Christine

A.F.Morland: Von ihren Tränen wusste niemand

Glenn Stirling: Ist es denn wirklich Krebs?

Eine harte Zeit liegt hinter Barbara Wanders. Ihr Mann ist beim Baden ertrunken und sie musste ihren kleinen Sohn allein großziehen. Keine einfache Aufgabe für eine trauernde Frau. Barbara griff daher zur Flasche und nur mit viel Mühe konnte sie den Alkohol schließlich hinter sich lassen. Jetzt aber hat sie ihr Leben wieder im Griff. Sie hat zwar keinen Partner mehr, aber dafür ihren Sohn und ihren Beruf. In letzter Zeit hat ihr Sohn sich jedoch sehr verändert. Er ist nicht mehr so offen wie früher und geht Barbara mehr und mehr aus dem Weg. Außerdem ist er so dünn und blass geworden. Barbara macht sich große Sorgen.

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Er glaubte an die Treue

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ROMAN VON G. S. FRIEBEL

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

Philipp hat seinen besten Freund durch einen Flugzeugabsturz verloren. Damals hatte er dem Sterbenden versprochen, sich um dessen Verlobte zu kümmern, und er nimmt diese Pflicht sehr ernst. Als er hört, dass ein Damm gebrochen und Steffis Heimatort überschwemmt worden ist, macht er sich sofort auf den Weg, um ihr zu helfen. Sie hat sich mit ihrem Kind auf das Dach ihres Hauses gerettet und bittet Philipp, für ein paar Tage ihre kleine Tochter zu sich zu nehmen – nur so lange bis sie alles wieder in Ordnung gebracht hat. Also nimmt Philipp den kleinen Wirbelwind mit zu seiner Familie, wo sie die Herzen aller im Sturm erobert.

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Copyright

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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ACHTUNG, ACHTUNG! Flug frei für Nr. 73! Startfertig machen!“ Die Stimme schnarrte durch den Bordlautsprecher.

„Sind Sie soweit, Gotting?“

„Okay!“

„Na, dann wollen wir mal den Probeflug starten.“

Der Silbervogel vibrierte leise, ein Surren war zu hören. Die beiden Männer horchten angespannt, ob sich nicht ein anderes Geräusch einmischte. Schließlich hing ihr Leben davon ab. Sie waren Flugkapitäne, im Staatsdienst angestellt, und mussten jedes Flugzeug einfliegen.

„Start frei!“, kam wieder die Stimme vom Kontrollturm. „Ja, ja, wir kommen ja schon“, brummte Limberg vor sich hin.

Das Flugzeug schwenkte herum, glitt über die Bahn, und die Geschwindigkeit wurde zusehends größer. Dann war ein Pfeifen in der Luft, und sie hoben ab, fegten über den Wald, die nahen Häuser. Immer höher und höher schraubte sich der stählerne Pfeil.

Kapitän Limberg hatte sein Flugzeug fest in der Hand. Es reagierte so, wie er es wollte. Ein Lächeln — flüchtig wie ein Windhauch — huschte über seine wettergebräunten Züge. In diesem Augenblick durchbrachen sie die Wolkendecke und sanken in eine unendlich tiefe Bläue. Atemberaubend schön! Die Sonne ging gerade auf und warf ihre Strahlen auf den silbernen Vogel.

„Schön“, sagte Limberg andächtig. „Wunderschön!“

Er achtete nicht darauf, dass sein Co Pilot schwieg.

Ruhig und sicher glitt das Flugzeug durch diese Bläue, und er hatte das Gefühl, als schwebten sie allein im Raum. Kein Erschütterungszeichen, nichts. Eine gute Maschine, sie würde lange Jahre ihren Dienst tun. Er hatte sie getestet und würde sie sehr loben. Nicht immer verlief ein Probeflug so glatt und lautlos. Unten auf der Erde würden sie jetzt zu ihm heraufstarren und warten.

Philipp Limberg blickte unwillkürlich nach unten, sah die winzigen Häuser, die kleinen Menschen, Straßen, nun zu Strichen zusammengeschrumpft.

„Wenn ich hier oben bin, dann fühle ich mich frei, merkwürdig. Sehen Sie sich die Welt an, Götting, wie klein und nichtig erscheint doch alles aus dieser Höhe! So winzig! Und doch, da zerfleischen sich die Bewohner, zanken, hadern, lassen den Mitmenschen keine Ruhe. Sie sollten mal alle von hier aus die Erde sehen, dann würden sie wissen, dass sie nur Staubkörner sind. Ganz

unwichtige Staubkörner. Glauben Sie, dass sie sich dann ändern würden?“ Limberg sah Götting an und erschrak plötzlich.

„Bei Gott, Sie haben doch nicht etwa Angst?“

Götting lächelte schief und wischte sich die Schweißtropfen von der Stirn. „Nein“, antwortete er gequält.

„Doch“, sagte Limberg leise. „Ich spüre es, ich rieche Ihre Angst.“

„Und wenn es so wäre? Werden Sie es melden?“

„Unsinn!“

Limberg sah nach vorn, kontrollierte die Messinstrumente und schwieg geraume Zeit. Dann fragte er:

„Haben Sie Angst, weil Sie mit mir fliegen müssen?“

„Nein, nein, das nicht. Wie kommen Sie auf solch einen Gedanken! Mir geht es einfach auf die Nerven. Testpilot! Haben wir eine Garantie, heil wieder unten anzukommen? Meine Frau hat mich heute morgen nervös gemacht. Sie hat von einem Flugzeugunglück geträumt. Das wird es wohl sein.“

„Weshalb melden Sie sich dann nicht zu einer anderen Staffel? Sie haben die Auswahl unter vielen tüchtigen Kollegen.“

„Nein, ich wollte mit Ihnen fliegen.“

„Danke für das nette Kompliment!“ Götting lehnte sich zurück. „Jetzt geht es schon wieder. Verzeihen Sie mir.“

„Ach, glauben Sie, ich hätte nie Angst?“ Philipp lachte leise.

„Ja, ich weiß. Es gibt ein Gerücht um Ihre Flucht in die Wolken“. Wenn Sie mit etwas auf der Erde nicht fertig werden, fliehen Sie, so heißt es.“ Limberg kniff die Augen zusammen, seine Hand umkrampfte den Steuerknüppel.

„Das erzählt man von mir?“

„Ja. Hätte ich es nicht sagen sollen?“

„Nun, warum nicht? Vielleicht haben sie alle recht. Flucht in die Wolken . .. Verdammt, es stimmt. Mir ist das nur noch nicht aufgegangen.“

„Warum fliehen Sie? Sie sind doch kein Feigling!“

Der Kapitän streifte den jüngeren Kollegen mit einem sarkastischen Blick.

„Mein lieber Freund, Sie kennen das Leben noch nicht! Werden Sie erst einmal so alt wie ich, dann werden Sie eines Tages feststellen, dass man gar nicht kämpfen kann. Sie werden merken, dass es besser ist, man flieht, verzieht sich, verkriecht sich irgendwohin. Leider.“

„Aber Sie sind doch noch nicht alt, erst fünfundvierzig und dann solche Gedanken? Und das bei Ihrem Aussehen! Die Mädchen reißen sich doch um sie.“ Es sollte lustig klingen.

„So? Davon weiß ich nichts.“

Stille senkte sich über die beiden Männer.

Limberg hatte ein kaltes Gefühl in der Magengrube. Er hätte das mit dem Hader und Zank vorhin, nicht sagen sollen. Es war Unsinn, aber es war ihm so herausgerutscht. Wenn man niemanden hatte, mit dem man kameradschaftlich reden konnte, dann war es schlimm. Alt? Ja, er fühlte sich alt und verbraucht. Früher war er der beste Kunstflieger gewesen, jetzt nur noch Testpilot. Er hatte es selbst gewünscht. Man wollte ihn zum Bodenpersonal versetzen, aber Götting hatte recht, er brauchte diese Flucht in die Wolken. Hier oben war alles gut und schön.

Wenn ich einen Sohn hätte, dachte er bekümmert, mit dem hätte ich darüber sprechen können. Aber er hatte keinen Sohn, nur zwei Töchter, vierzehn und sechzehn Jahre alt. Zwei rätselhafte Geschöpfe, die er nicht verstand, und die ganz wie ihre Mutter waren. Tulla! Ja, jetzt wusste er, warum er heute die Sehnsucht in sich verspürt hatte, alles hinter sich zu lassen.

Tulla hatte ihn wieder gequält. Es war ihre Art. Immer hatte sie ihn drangsaliert, und er hatte resigniert. Einmal hatte er an Fortgehen gedacht, aber dann waren die Kinder gekommen, und er fühlte sich verpflichtet. Er war eben ein gewissenhafter Mensch, und das brach ihm das Genick.

Tulla hasste ihn und wünschte, dass er ginge. Ihre Ehe war zerrüttet.

Damals — zwanzig Jahre war dieses Damals schon her — hatte er Tulla, die in Wirklichkeit Mathilde hieß, — im Fliegerschuppen kennengelernt und sich gleich in das Mädchen verliebt. Sie sah aus wie eine Madonna und war doch das Weib des Teufels. Doch damals war er jung und unbekümmert und er hatte nur von ihren großen Augen und schwarzen Haaren geträumt. So intensiv, dass er einmal fast mit einer Maschine abgestürzt wäre.

Tulla wusste um ihre Macht. Als sie sich schwanger fühlte, hatte sie ihn geheiratet. Er war in Gefangenschaft, sie verlor das Kind. Er kam nach Hause und begriff nichts. Und als ihm endlich die Augen aufgingen... Ach, es war nicht gut, wenn man ins Grübeln kam.

„Umkehren! Oder wollen Sie die Maschine noch weiter testen?“

Er schrak aus seinen Gedanken empor.

„Vom Kontrollturm fragen sie an, wie lange wir noch oben bleiben wollen.“

„Gut, kehren wir zurück!“

Er wendete, zog eine weite Schleife und ließ die Maschine langsam absacken.

Das wundervolle Gefühl, das er sonst während eines Fluges verspürte, hatte sich nicht eingestellt. Sie kamen über die Stadt, gingen in Wartestellung und durften dann landen.

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2

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WEICH WIE BUTTER HATTE das Flugzeug aufgesetzt. Götting schnallte sich los, das letzte Zittern im Rumpf war verebbt, der Vogel stand still. Er lächelte. „Jetzt habe ich keine Angst mehr.“

„Schön, so fliegen wir morgen wieder zusammen?“

„Selbstverständlich. Ich möchte alles von Ihnen lernen.“

„Dafür sind die Schulen da“, wehrte Limberg das Lob ab.

„Fahren Sie gleich in die Stadt?“, fragte Götting.

„Ja. Wieso?“

„Nehmen Sie mich mit? Meine Mühle hat heute morgen gestreikt und bis ein Bus kommt...“

„Natürlich.“

Die Tür schwenkte auf, das Licht blendete sie für einen Augenblick. Die Treppe kam angerollt.

„Alles klar, Jungs!“, rief er den Technikern zu.

„Fein, da haben wir ja heute früh Feierabend!“

Der Jeep stand auf der Wiese, und der Fahrer wartete auf sie, um sie zum Flughafengebäude zu fahren.

„Wird wieder mieses Wetter. Unten soll es immer noch regnen“. Er kaute Kaugummi und hörte sich das Geplärr im Radio an.

Plötzlich wurde die Musik unterbrochen, und eine Stimme sagte: „Heute morgen um drei Uhr ist in Bilstein der Damm gebrochen. Der Fluss hat die kleine Stadt überschwemmt. Seit Stunden sind die Rettungsmannschaften pausenlos im Einsatz. Viele Bewohner wurden obdachlos. Wir bitten die Zufahrtsstraßen für die Räumungsfahrzeuge freizuhalten!“

Philipp Limberg schrak aus seinen Gedanken auf. Bilstein! Das konnte doch nicht wahr sein. Er kannte das kleine Städtchen. Früher war er oft dort gewesen. Mit Tom Brunner, seinem einzigen Freund. Der hatte auch viel zu früh ins Gras beißen müssen. War abgestürzt. Er war bei ihm gewesen bis zum letzten Atemzug. Tom hatte ihn gebeten, sich um seine Braut zu kümmern. Er hatte es dem Sterbenden versprochen. Später war er dann nach Bilstein gefahren und hatte dieses Mädchen aufgesucht.

Groß, schlank, herb, mit violetten Augen in einem rätselhaften Gesicht. Sie war Junglehrerin. Nein, sie wollte keine Hilfe. Heftig wies sie sein Angebot ab. Dann erfuhr er, was sie so herb hatte werden lassen. Sie trug ein Kind. Tom war tot und konnte sie nicht mehr heiraten. Klaglos nahm sie das Unglück auf sich. Als er spürte, er konnte nichts für sie tun, da war er wieder gegangen.

Stephanie Fels und ihre kleine Tochter! Sie mussten noch in Bilstein wohnen, und jetzt war dort eine Überschwemmung. Sicher hatten sie kein Dach über dem Kopf und wussten nicht wohin. Und er hatte doch Tom versprochen, sie nicht im Stich zu lassen, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Tom war schon fünf Jahre tot, aber er konnte sein Sterben immer noch nicht vergessen.

Er wandte sich nach Walter Götting um.

„Tut mir leid, aber ich kann Sie nicht mitnehmen. Mir ist etwas Wichtiges eingefallen. Sind Sie mir sehr böse?“

„I wo, ich werde warten. Einer der Jungs wird ja wohl bald frei haben. Machen Sie sich um Gottes willen keine Sorgen um mich!“

„Danke“, sagte Philipp.

„Na, wie war der Flug?“, fragte der Fahrer zum Co-Piloten gerichtet. Er wusste, dass dies sein erster Flug mit Limberg war.

„Prima!“

„Keine Angst gehabt?“

Götting grinste nur.

„Alle haben Angst, wenn sie mit dem großen Limberg fliegen sollen. Aber lassen Sie man, mit dem liegen Sie prächtig, wie in Abrahams Schoß. Der hat noch jeden Vogel runter gebracht, ganz egal, was die Maschine für Zicken macht. Er hat mit dem Teufel einen Bund geschlossen.“

„Noch nie Bruchlandung?“, fragte Götting verblüfft.

„Und wie, aber keine Menschenseele ging jemals dabei drauf. Nee! Die Maschine wohl. Er ist ein Teufelskerl. Hätten Sie nicht gedacht, wie? So ruhig, wie er da in der Ecke sitzt!“ Berger kicherte und schielte zu Limberg herüber.

„Man sollte dir dein Schandmaul stopfen“, meinte der gutmütig.

„Woher wissen Sie das, Berger?“, wollte der junge Mann nur wissen.

Der Alte kratzte sich am Kopf.

„Je nun“, murmelte er und schwieg.

„Schau an, er kneift“, lachte Limberg. „Götting, nehmen Sie sich vor Berger in acht. Der ist genauso ein verwegener Kerl gewesen wie ich. Ja, noch schlimmer hat er es getrieben. Wir haben uns direkt Schlachten in den Wolken geliefert.“

Götting machte runde Augen.

„Er kann nicht mehr fliegen, er hat ein Holzbein. Es war seine eigene Schuld. Das kommt von zu großer Tollkühnheit.“

Berger grinste von einem Ohr zum anderen. „Das waren noch Zeiten, was Limberg?“

„Ja.“

Sie hatten das Gebäude erreicht. Limberg verabschiedete sich und ging mit elastischen Schritten auf die Kanzlei zu.

„Prächtiger Mensch“, murmelte Berger.

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3

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PHILIPP LIMBERG BESTIEG seinen Wagen und brauste davon. Bilstein lag vierzig Kilometer vom Flughafen entfernt. Es führte eine abschüssige Straße in das Tal. Die Kurven waren eng und glitschig. Aber ihm machte das nichts aus. Er liebte die Gefahr, und er konnte sicher sein, wenig Verkehr hier anzutreffen. Die meisten benutzten die gut ausgebaute Strecke. Als er die letzte Kurve nahm, prasselte der Regen gegen die Scheiben. Düsteres Gewölk hing über ihm, und er stellte die Scheinwerfer ein. Das kam oft vor, oben merkte man nichts von einem Unwetter und die unten versanken bald im Regen. Seit Tagen regnete es nun schon. Der Himmel hielt ununterbrochen seine Schleusen geöffnet. Um diese Jahreszeit! Limberg wusste, dass die Dämme von Bilstein Tagesgespräch waren. Aber man war zu bequem, glaubte, es könnte nichts passieren. Und nun war es geschehen. Sicher, Menschenleben würden nicht in Gefahr sein, dazu war der Fluss zu klein, aber er würde viel Schaden in den Häusern anrichten. Von der Ernte ganz zu schweigen.

Er musste weit vor dem Städtchen seinen Wagen abstellen und ging zu Fuß weiter. Auf dem erhöhten Kirchplatz drängten sich die Leute, und es kamen immer noch mehr mit dem Boot angefahren. Die untere Gegend war überschwemmt, man sah es von hier aus.

Philipp ging durch die Menschenmenge und suchte das Gesicht, dessentwegen er gekommen war. Aber er konnte Steffi Fels nirgendwo entdecken.

„Fräulein Fels, antworten Sie mir, bitte!“, rief er immer wieder.

Man machte ihm Platz, aber sonst geschah nichts.

Er trug noch seine schwarze Lederkombination, die er auf den Testflügen anhatte. Der Regen rann daran herab. Seine Haare waren durchweicht.

Kurzentschlossen hielt er einen jungen Mann an und fragte ihn: „Hören Sie, haben Sie schon die Leute von der Bleiche geholt?“

„Verdammt, die Bleiche haben wir ganz vergessen!“

Limberg wurde weiß vor Schrecken. „Sind Sie verrückt?“, rief er.

„Mann, wir schuften schon den ganzen Morgen, haben die abgelegene Gegend total vergessen. Los Jungs, die Leute von der Bleiche sind in höchster Gefahr auf der niedrigen Bank zum Fluss hin!“

„Warten Sie, ich komme mit!“

„Sie sind uns nur im Weg.“

„Ich kann rudern“, mehr sagte Philipp nicht, ging an dem verdutzten Mann vorbei und bestieg das Boot.

Mit raschen Schlägen durchfuhren sie die kleinen, überschwemmten Straßen und Gassen. Niemand sprach ein Wort. An der Bleiche lebte nur Steffi mit ihrem Kind und eine alte Frau, soweit er sich entsinnen konnte. Die Gegend war zu einsam für eine junge Frau. Er dachte an Tom, und ihm wurde bang. Das Fahrzeug kroch ja förmlich durch die trübe Flut.

Von weitem sahen sie schon das kleine Haus. Die Bewohner hatten sich auf das Dach geflüchtet, sie saßen dort dem Regen preisgegeben und froren entsetzlich. Seit Stunden mussten sie schon so auf Hilfe warten.

„Steffi Fels, sind Sie da?“

Eine junge Frau in einem grauen Umschlagtuch hob müde den Kopf, sah den Mann durchdringend an und sagte: „Philipp Limberg!“

„Ja, ich bin gekommen, um Ihnen zu helfen. Kommen Sie, geben Sie mir Ihre Hand und steigen Sie ins Boot!“

„Ich brauche keine Hilfe, aber vielleicht sind Sie so gütig und nehmen mir das Kind ab? Meine Arme sind schon ganz lahm!“

Erst jetzt bemerkte er das lebende Bündel auf ihrem Schoß. Er übergab es dem zweiten Mann im Boot. Auch nun kam sie immer noch nicht. Fürsorglich half sie der alten, zittrigen Frau, und dann reichte sie einen kleinen Koffer mit ihren Habseligkeiten, danach sprang sie selbst, jede Hand verschmähend.

Der Regen rann über ihr Gesicht. Für einen Augenblick standen sie sich gegenüber, dann hockte sie sich neben ihrem Kind im Bug nieder und umschlang es ungestüm.

Philipp biss sich auf die Lippen, nahm die Ruder und steuerte das Boot aus der Strömung zurück in die Mitte. Niemand sprach ein Wort. Nur die Kleine weinte leise vor sich hin.

Auf dem Marktplatz streckten sich ihnen helfende Arme entgegen. Aber Limberg nahm wortlos das Kind, zog die Lederjacke aus, hüllte das zitternde Menschlein darin ein und stieg aus dem Boot. Steffi kam ihm nach. Zwischen den fremden Menschen standen sie und sahen sich an.

„Ich bin gekommen, um Ihnen meine Hilfe anzubieten. Diesmal werden Sie sie doch annehmen?“

Ihre violetten Augen waren dunkel. Ein Schatten huschte über das schöne Gesicht. Sie war auch älter geworden, er fühlte es und war seltsam erstaunt darüber.

„Warum wollen Sie sich nicht von mir helfen lassen? Ich habe es Tom versprochen.“

Jetzt konnte er ruhig den Namen des Toten aussprechen, die Wunde schmerzte nicht mehr.

„Ich weiß, und es tut mir leid, dass Sie es so ernst damit nehmen. Aber ich kann mir selbst helfen!“

„Im Augenblick nicht: Ihr Häuschen steht voll Wasser, und es wird Tage dauern, bis Sie es wieder bewohnen können. Kommen Sie zu mir in mein Heidehaus! Wir haben Platz genug.“

Sie sah ihn mit einem rätselhaften Blick an, dann schaute sie auf ihre kleine Tochter, und ihre Züge wurden weich.

„Sie haben recht. Wenn Sie mir wirklich helfen wollen, dann nehmen Sie das Kind mit. Im Augenblick weiß ich nicht, wo ich es betten soll. In ein paar Tagen komme ich und hole es wieder ab. Britta ist ein liebes Mädchen, sie wird Ihnen nicht zur Last fallen.“

„Warum kommen Sie nicht mit? Sie sehen müde und erschöpft aus. Sie brauchen Ruhe und Erholung.“

„Ich bin auch müde und erschöpft, warum soll ich es nicht zugeben? Aber ich kann nicht fort, ich bin die Lehrerin hier am Ort, ich muss da sein, wenn man mich braucht. Außerdem muss ich mich um mein Haus kümmern. Aber wenn Sie das Kind nähmen, wäre es mir wirklich eine große Erleichterung.“

„Gut, selbstverständlich nehme ich die Kleine mit mir. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, sie wird es gut haben!“

„Das weiß ich“, sagte sie still.

Er war tief erschrocken über ihre Magerkeit und die hohlen Wangen. Wie hatte sie sich doch in letzter Zeit verändert! Warum nur hatte er sich in den fünf Jahren nicht mehr um sie gekümmert? War sein Stolz verletzt gewesen, da sie sein Angebot nicht angenommen hatte?

Britta hatte die ganze Zeit kein Wort gesprochen, ihn nur mit ihren großen, blauen Augen angesehen. Er fühlte ihr Herz an seinem, und ein seltsames Beben ging durch sein Blut. So nah war ihm noch nie eins seiner Kinder gewesen.

„Britta, Herr Limberg wird dich mitnehmen. Ich hole dich bald. Nicht wahr, du hast keine Angst, mein Herz?“, fragte Steffi Fels leise.

Die Fünfjährige hob den Kopf, sah den Mann an und sagte: „Nein, gar nicht, mir ist sehr warm in seiner Jacke.“

„Hier im Koffer sind ein paar Sachen für Britta. Ich konnte in der Eile nicht viel einpacken. Ich musste mich ja auch noch um die alte Frau Jörnsen kümmern.“

„Wir werde schon zurechtkommen, machen Sie sich keine Sorgen. Und wenn Sie sehen, dass Sie hier nicht gebraucht werden, dann kommen Sie einfach zu uns, ja?“

Sie nickte nur leicht, beugte sich über das Kind und küsste es. „Sei ein braves Mädchen, ja?“

Britta lächelte.

„Wohin gehen wir?“

Philipp sah sich noch einmal um, aber Steffi war schon in der Menschenmenge verschwunden. Sicher suchte sie die alte Nachbarin. Immer dachte sie nur an andere, nie an sich.

„Zu mir“, antwortete er dem Kind. „Wo ist das, war ich schon mal dort?“

„Nein. Ich wohne in der Heide. Ich habe ein richtiges Heidehaus, du wirst es bestimmt hübsch finden.“

„Fein, aber jetzt bin ich sehr müde,auf dem Dach durfte ich nicht schlafen. Mami hatte Angst, ich würde in das olle Wasser fallen.“

„Gleich sind wir bei meinem Wagen, und dann kannst du unbesorgt die Augen schließen.“

Aber sie hörte ihn nicht mehr. An der schweren Last, die er trug, spürte er, dass sie schon schlief. Lächelnd sah er auf das engelhafte Gesicht. Blonde Locken zierten ihren Kopf, aber jetzt waren sie nass und verklebt.

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DER GELBE SANDWEG ZWISCHEN den Birken war matschig und aufgeweicht. Nur mühsam fassten die Räder den Untergrund und bewegten sich vorwärts. Philipp merkte es wohl, und er wusste auch, dass dieser Weg ein Anlass für viele Streitigkeiten mit seiner Frau war. Sie wollte ihn befestigt sehen, damit man gut zum Haus gelangen konnte. Aber Philipp liebte diesen Weg zwischen den Birken über alles. Gelber, weicher Sand, man musste sich nur daran gewöhnen. Bis jetzt war noch keiner von ihnen steckengeblieben. Die Natur sollte bleiben, wie sie war.

Hinter der letzten Biegung wurde endlich das Haus sichtbar. Es war ein rechtes, echtes Heidehaus und wunderschön. Mit tiefgezogenem Rasendach, dickbauchigen Wänden, Butzenscheiben,eingebettet in eine Fülle von Blumen, Ginster, Rosen, Birken und Latschenkiefern, sowie Wacholderhecken. Ein wunderschönes Haus mit sehr viel Platz. Die Eingangstür war geschnitzt, und im Hauptraum befand sich ein großer Kamin.

Sein ganzes Leben hatte er von so einem Haus geträumt, und als er vierzig wurde, hatte er es sich leisten können. Der Grund und Boden war hier billig, und daher hatte er einen sehr großen Garten.

Philipp stellte den Wagen ab. Britta wachte nicht auf, so musste er sie auf dem Arm ins Haus tragen. Er sah seine Frau und die Töchter auf der Terrasse sitzen. Seit Stunden hatte der Regen aufgehört, und die Sonne bequemte sich zu scheinen. Bienen summten herum.

Der Mann lächelte versonnen und zugleich schüchtern. Was sollte er seiner Frau von dem Kind erzählen?

Tulla kam ihm entgegen, zog die Augenbrauen hoch und starrte auf das Bündel in seinem Arm.

„Du hast doch nicht etwa einen Hund mitgebracht? Das fehlte mir noch!“

„Nein, ein kleines Mädchen.“

Die großen, ausdrucksvollen Augen der Frau unter dem Madonnenscheitel wurden merklich dunkler und kälter. „Wie bitte?“, fragte sie spitz.

„Ja, Tulla, du hast richtig gehört. Ich habe hier ein Kind, es wird vorläufig bei uns bleiben. Ich habe es seiner Mutter versprochen!“

„Du schleppst mir das Kind eines deiner Flittchen ins Haus? Bist du verrückt?“

Er sah sie von der Seite an. Schon wollte er das Haus betreten, wandte sich aber nach ihr um, maß sie mit einem langen Blick und sagte sehr ruhig: „Man sollte nicht von sich auf andere schließen, das ist nicht gut und trifft auch nie zu.“

Sie biss sich auf die Lippen und wurde rot.

Ruhig, und ohne sich noch einmal umzudrehen brachte er Britta in das Fremdenzimmer, entkleidete sie und deckte sie behutsam zu. Sie lag wie ein Engel und schlief.

Tulla war ihm nachgekommen und blieb im Türrahmen stehen und sah die beiden an. Ohne sich nach ihr umzuwenden, sagte er leise: „Das ist Britta Fels, die kleine Tochter von Steffi Fels, du kennst sie nicht. Sie war die Verlobte meines Freundes Tom Brunner, und ich war heute in Bilstein und habe die Kleine geholt, weil die Mutter im Augenblick nicht weiß, wohin mit dem Kind.“

„Warum?“

„Hörst du keine Nachrichten? In Bilstein ist der Damm gebrochen, und ihr Häuschen steht unter Wasser.“

„Wenn ich in der Stadt wohnen würde, wäre ich immer auf dem Laufenden“, erwiderte sie kalt.

Tulla hasste das Heidehaus, er wusste auch warum. Aber jetzt wollte er sich nicht mit ihr streiten.

„Und wer kümmert sich um das Mädchen? So ein kleines Kind macht viel Arbeit.“

Er schloss leise die Tür, ging in den Hauptraum und setzte sich in den tiefen Lehnstuhl.

„Ich werde mir freinehmen und mich um sie kümmern. Ich hatte nicht die Absicht, dich darum zu bitten. Also, du hast keine Arbeit mit ihr. Ich bitte dich nur um eins, sei ein wenig freundlich zu der Kleinen und mach nicht so ein abweisendes Gesicht. Sie könnte darüber erschrecken.“

Sie war maßlos wütend. Aber sie bezähmte sich noch und schluckte den Ärger hinunter.

„Wenn man dich so reden hört, könnte man weinen vor Rührung, du Unschuldsengel. Aber bei Gott, so ganz ohne bist auch du nicht. Wer kümmert sich wohl sonst um ein fremdes Kind?“

„Ich hab es Tom versprochen, das sollte dir genügen.“

„Ja, ja ich weiß, die Rechtschaffenheit in Person! Du ödest mich an! Deine Tugendreden kannst du dir sparen. Ich werde deinem kostbaren Balg nicht zu nahe treten. Meinetwegen kann sie hier bleiben, von mir aus.“

„Tulla, warum bist du so hart? Hast du gar kein Herz? Warum bist du nur so?“ Es klang müde und resigniert. Nach all den Jahren hatte er aufgehört, um ihre Liebe zu betteln, er war zu oft verwundet und gedemütigt worden.

Aufgebracht verließ sie das Haus. Er sah ihr nach wie sie im Sonnenlicht stand, eine außergewöhnlich schöne Frau. Jeder Mann drehte den Kopf nach ihr, wenn sie durch die Straßen ging. Ja, sie war schön wie eine Madonna, aber ihr Herz war aus Stein.

Seine Töchter betraten den Raum, beide rothaarig, mit grünen Augen.

Alice war vierzehn und Monika sechzehn Jahre alt. Bezaubernd und schlank wie die Mutter. Manchmal fragte er sich, ob er wirklich ihr Vater war. In seiner Familie hatte es nie rote Haare gegeben, aber auch darüber schwieg er. Er hatte sich zu ihnen bekannt, und nun musste er das Leben hinnehmen, wie es kam.

Er war zwar viel draußen, aber das war doch kein Grund, dass man so gar keinen Kontakt zu den Kindern hatte. Tulla hatte es so gewollt, aber warum sie die Mädchen gegen ihn beeinflusste, wusste er nicht.

„Guten Tag, Vater“, sagten sie kühl und gingen an ihm vorbei.

Er dachte an die kleine Britta. Was für ein anderes Kind! Für einen Augenblick tauchte auch Steffis Gesicht vor ihm auf. Aber dann verschwand es, und er war wieder allein.

„Nachher muss ich zu Töffi gehen“, murmelte er. „Ich hab ihm Tabak mitgebracht, er wird sich freuen,wenigstens einer, der sich freut, wenn ich komme.“

Britta wachte nicht mehr auf, sie schlief den ganzen Tag und auch die nächste Nacht. Sie hatte die vorige Nacht auf dem Dach zubringen müssen und war erschöpft. Das war gut, so würde sie morgen frisch und heiter sein.

Philipp telefonierte mit dem Flughafen und erklärte, er nähme jetzt einige Tage frei für seine vielen Überstunden, die er gemacht habe. Man war damit einverstanden.

Er legte den Hörer auf und ging zu Töffi.

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BRITTA SAß AUF DER Eckbank in der gemütlichen Bauernküche. Die Gardinen waren rotkariert, und die Möbel lustig angemalt. So etwas hatte Britta noch nie gesehen, und darum ließ sie ihre Augen wandern. Vor sich hatte sie eine große Tasse Milch stehen und ein Honigbrot.

Am Herd hantierte Tulla klappernd mit den Töpfen. Bis jetzt hatten beide noch kein Wort miteinander gewechselt. Nun drehte die Frau sich um, kam zum Tisch und setzte sich Britta gegenüber. Fliegen summten um die Lampe. Philipp betrat den Raum und nahm neben der Kleinen Platz.

„Na, schmeckt’s?“

„O ja, danke!“

Sie kaute mit vollen Backen.

„Du bist also die kleine Britta“, sagte Tulla, um überhaupt etwas zu sagen.

Britta sah sie aufmerksam an, lächelte ihr zärtliches Lächeln und meinte sehr liebenswürdig: „Du bist wunderschön! Ich habe noch nie eine so schöne Frau gesehen. Vielleicht Schneewittchen in meinem Bilderbuch. Das ist auch sehr schön, aber nicht lebendig.“

„Oh“, sagte Tulla und wurde rot. Sie hörte es gerne, wenn man ihre Schönheit erwähnte.

Das Kind sah sie mit gläubigen Augen, klar und offen an.

„Sie kommen nicht aus dem Märchen, nicht wahr?“

„Nein, mein Kind, ich bin echt.“

„Hier ist übesehen, Frau Limberg?“

„Natürlich. Aber du kannst Tante Tulla zu mir sagen.“

Britta kicherte.

„Tulla, das klingt nach Trollen und Kobolden, meine Mutti hat mir davon erzählt. Aber du lebst ja in der Heide, und da muss das vielleicht so sein. Es gibt gute und böse Kobolde. Habt ihr auch Schafe?“, plauderte das Kind weiter. 

„Nein, die haben wir gottlob nicht, aber es kommen oft welche vorbei“, sagte Philipp.

Sie rutschte von der Bank. „Darf ich jetzt nach draußen? Ich reiß’ auch keine Blume ab. Ich weiß, das ist verboten.“

„Bei uns kannst du das ruhig. Die Wiesen sind voll davon. In der Stadt ist das natürlich etwas anderes.“

Britta hüpfte davon. Tulla warf ihrem Mann einen seltsamen Blick zu. „Nettes Kind“, murmelte sie und verließ die Küche.

Britta hatte für sich selbst geworben. Er wusste nun, seine Frau würde freundlich zu ihr sein.

Das Kind traf Alice und Monika, die sich natürlich für Kinderspiele viel zu erwachsen vorkamen. Sie lagen in den Liegestühlen und bepinselten sich die Fußnägel. Britta sah ihnen andächtig zu. Sie unterhielt sie dabei mit ihren drolligen Reden, dass die beiden lachen mussten. Das kam selten vor. Meistens waren sie mürrisch oder schlecht aufgelegt. Im Augenblick waren Schulferien, und so lebten sie daheim und nicht in der Stadt bei einer Tante.

„Habt ihr schon mal die Roggenmuhme gesehen?“, wollte Britta wissen. „Wer ist denn das?“

„Die lebt doch im Kornfeld, und wenn einer reingeht, den schnappt sie sich dann“, flüsterte Britta und schielte hinüber zu den wogenden Ähren. Sie reichten bis zum Gartenzaun.

„Ach du“, lachte Alice, „hier brauchst du keine Angst zu haben. Komm, ich zeig’ dir unsere Igel, die sind putzig.“

„Richtig lebendige?“

„Ja.“

Britta kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wie im Märchen war es in dem großen Garten. Über jeden Käfer beugte sie sich und wollte ihm interessiert zusehen. Alice ließ sie bald allein und ging zu ihrer Schwester zurück. Britta wandelte immer tiefer in den Garten hinein. Plötzlich stockte ihr Fuß, und sie versteckte sich hinter einer Hecke. Oh, wie klopfte das Herz! Jetzt hatte sie doch wirklich einen Troll entdeckt. Du liebe Güte!

Hinten zwischen den Hecken stand ein wunderliches Häuschen. Es war ein ausrangiertes Zugabteil. Jetzt hatte es zwar keine Räder mehr, dafür aber einen Schornstein, Gardinen vor den Fenstern und Fensterläden, und ein Treppchen führte zu einer bunten Tür. Und auf dem Treppchen saß der Kobold, ganz gewiss, sie irrte sich darin nicht. Ein wunderliches Männchen, mit weißem Bart und einem mächtigen Buckel. Sehr merkwürdig, und eine Katze hockte auf seiner Schulter, und vor ihm im Sande pickten Hühner Körner auf.

Da musste man erst vorsichtig aus der Ferne ein wenig äugen. Der Mann blickte zu ihr herüber. Seine wasserblauen Augen schauten sie freundlich an, und als sie fortlaufen wollte, sagte er lächelnd: „Du hast doch nicht etwa Angst?“

„Doch!“, flüsterte sie und steckte einen Finger in den Mund. „Ganz doll sogar!“

„Aber, ich tu’ dir doch nichts“, sagte er fröhlich.

„Verzauberst du mich auch nicht?“

„Nein, so tüchtig bin ich nicht. Komm nur näher, liebes Kind, du bist bestimmt die Britta, nicht wahr?“

„Ja. Und wer bist du? Ein Waldkobold?“

Der Mann lachte so herzlich, dass die Katze empört von seiner Schulter rutschte. Sie streckte sich und schritt würdevoll auf Britta zu. Sie war wunderbar weiß und seidig.

„Ich bin nur ein alter Mann. Ich heiße Töffi. Tritt nur näher,ich tu dir nichts, mein Kind. Ganz im Gegenteil, ich freue mich, dass du mich besuchen kommst. Ich erhalte selten Besuch. Nur Philipp kommt, sonst keiner.“ Er sprach es mehr zu sich als zu dem Mädchen.

„Aber Tante Tulla und Alice und Monika, die kommen dich doch bestimmt besuchen.“ Britta schlich langsam näher, sie traute dem Braten noch nicht so recht.

„Nein, die haben anderes zu tun“,. knurrte der Alte böse. „Ist auch egal. Magst du ein Stück Kuchen? Ich habe frischen gebacken.“

„O ja, darf ich da mal in dein Häuschen reinschauen? Es ist so lustig wie meine Puppenstube.“

Töffi lachte und machte die Tür auf. „Du kannst dir alles ansehen.“ So schlossen die beiden Freundschaft, die sich noch bewähren sollte.

Töffi hasste die Frau seines Freundes, da er sie durchschaute, und er wütend wurde, wenn sie ihren Mann betrog. Tulla hasste ihn ebenfalls und ärgerte sich, dass er auf ihrem Grundstück leben durfte. Philipp war zu gutherzig, alle nutzten ihn aus, ohne einen Pfennig zu bezahlen.

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6

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ES WAR BEI BEIDEN LIEBE auf den ersten Blick. Man erkannte Philipp nicht wieder. Sonst grüblerisch und in sich gekehrt, war er jetzt fröhlich und lachte unbeschwert. Das hatte Britta vollbracht. Britta, dieses kleine Mädchen mit den großen blauen Augen und den blonden Locken. Sie war ein unkompliziertes, liebenswürdiges Kind. Sie kannte keine Launen, immer war sie vergnügt. Über eine winzige Kleinigkeit konnte sie vor Freude außer sich geraten. Sie klatschte dann in die Hände und strahlte den Geber so herzlich an, dass diesem ganz eigen zumute wurde.

Philipp hatte seinen Urlaub erhalten. Tulla brauchte sich nicht um das Kind zu kümmern. Schon taten ihr die harten Worte des ersten Tages leid. Aber sie hatte sie einmal ausgesprochen, und nun sah sie mit seltsamen Augen dem Treiben der beiden zu.

Britta, Philipp und Töffi hielten unverbrüchliche Freundschaft. Sie hockten immer zusammen. Die Kleine liebte Tiere über alles, sie hatte sich in Muschi, die feine Katze von Töffi, vernarrt. Wenn Sie mit Philipp in die Heide ging, trafen sie dort den alten Gert mit seiner Schafherde War das eine Freude! Diese vielen niedlichen Tierchen!

„Schenkst du mir eins?“, fragte sie vertrauensvoll den alten Mann. „Ich werde es ganz liebhaben und immer dafür sorgen.“

Gert, vom Wetter gebräunt und sehr schweigsam von Natur, starrte in die blauen Kinderaugen und kratzte sich am Kinn. Schon war er gewillt, dieser Bitte nachzugeben. Auch Philipp geriet ins Wanken, aber dann sah er das Gesicht seiner Frau vor sich und schüttelte den Kopf.

„Je nun“, sagte Gert langsam.

Britta legte die Ärmchen um den Hals eines Schäfchens und sah ihn unverwandt an. Das Schaf rieb seinen Kopf an ihren zarten Schultern.

„Ja, weißt du“, begann Philipp zögernd, und zum ersten Mal sprach er vom Fortgehen. „Wenn du wieder in Bilstein bist, wie willst du es dann versorgen? Das Schäfchen würde sich in der Stadt einsam und traurig fühlen. Und du musst doch auch zum Herbst in die Schule, da kannst du es dann gar nicht mehr so umhegen, wie du es gerne möchtest. Wollen wir es nicht lieber bei seiner Mutter lassen? Hier ist es glücklich und froh.“

Britta hatte ein weiches, empfindsames Gemüt. Sie sah das Schäfchen an und schluckte. Liebend gern hätte sie eins ganz für sich besessen. Aber was Philipp sagte, stimmte, sie war ja kein dummes Mädchen.

Dicke Tränen füllten die Augen, und leise sagte sie: „Ja, wir wollen es bei seiner Mutti lassen. Eigentlich, Philipp, hätte es auch bei dir bleiben können, und wenn ich dann auf Besuch mit der Mutti gekommen wäre, hätte ich immer mit ihm gespielt, und es hätte sich gefreut.“

Philipp erschrak. Besuch? Sicher, es war eine natürliche Reaktion des Kindes, so zu denken. Aber er sah Steffi vor sich, ihr herbes Gesicht und dann das seiner Frau. Seltsam, sein Herz zuckte zusammen. So sehr hatte er sich schon an das Kind gewöhnt. Sein Fortgehen würde schmerzen. So nah waren seine Kinder ihm nie gewesen. Er verstand die kleine Seele vollkommen und ging ganz auf sie ein.

„Komm“, sagte er rau.

Britta winkte dem alten Schäfer noch einmal zu, und dann stapfte sie neben ihm durch den weichen Sand. Auf einer Anhöhe machten sie halt und setzten sich ins Heidekraut. Ringsherum blühten die Heiderosen. Es war still und schön hier. Ein anderes Kind hätte sich vielleicht gelangweilt, aber die Kleine hatte immer etwas zu denken.

Mit plötzlicher Lebhaftigkeit wandte sich Britta an den Mann.

„Ich wünschte, du wärst mein Vater“, sagte sie klar und deutlich. „Ja, ich wünschte es mir, so sehr. Warum kann es nicht sein?“

Philipp war über diesen Ausspruch so überrascht und erstaunt, dass er im ersten Augenblick keine Worte fand.

Das Mädchen bemerkte dieses Schweigen nicht und redete weiter. „Zuerst habe ich gedacht, es wäre hübsch, wenn Töffi mein Vater wäre. Er ist auch sehr nett, kennt viele schöne Tiere und lacht immer so ulkig. Es wäre fein, in seinem niedlichen Häuschen zu leben. Aber jetzt weiß ich, noch lieber habe ich dich, Philipp. Du wärest bestimmt der beste Vater der Welt. Vorhin hast du gesagt, ich muss wieder fort. Warum muss ich wieder fort? Warum kann ich denn nicht bei dir bleiben?“ „Aber, Britta, das ist eine einfältige Frage. Deine Mutter wird kommen, wenn alles wieder in Ordnung ist. Sie wird dich holen, und dann wirst du wieder in Bilstein leben. Oder willst du das nicht?“

„Mami kann doch auch hier in dem hübschen Heidehaus leben. Es sind doch so viele Zimmer da. Dann braucht sie nicht mehr so schwer zu arbeiten. Dann wären wir alle zusammen. Warum geht das denn nicht?“

„Das kann ich dir nicht erklären, Britta“, sagte er rau. „Das begreifst du noch nicht. Später werde ich es dir vielleicht einmal erzählen.“

Sie schüttelte das Lockenköpfchen. „Ich weiß, was du meinst, Mami hat mir von Vati erzählt. Der war auch schön und lustig, ich kenne sein Bild. Ich hab’ ihn ja auch lieb, den Vati. Aber er ist doch schon tot, und er wird bestimmt nicht böse sein, wenn ich so tue, als seiest du jetzt mein Vati. Alle Kinder haben doch einen, warum ich nicht? Warum musste meiner sterben? Vati war auch Flieger wie du, und dann ist er vom Himmel gefallen und war tot.“ Sie krauste die Stirn und sagte leise: „Du sollst nicht fliegen, Philipp, du wirst auch vom Himmel fallen. Ich habe dich lieb, ich möchte nicht, dass du tot bist. Warum bleibst du nicht hier?“

„Es ist mein Beruf, Liebling, ich muss fliegen.“

„Muss man das, so wie man als kleines Mädchen zur Schule muss?“

„Ja.“

Sie nickte verstehend, „aber trotzdem möchte ich es nicht.“

„Komm, wir müssen nach Hause. Sicher wird man schon auf uns warten. Und Hunger wirst du auch haben. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Soll ich dich ein wenig tragen?“

„Kannst du das denn? Mami ist immer so müde.“

„Komm nur, Häschen.“

Und jubelnd flog sie in seine Arme. Er trug sie wie vor einer Woche. Er fühlte ihr Herz an dem seinen. Ihre Worte gingen ihm durch den Kopf.

Der Gedanke des Mädchens war gar nicht so abwegig. Sie suchte Geborgenheit und Liebe und glaubte sie hier zu finden. Steffi musste Geld verdienen und konnte sich nicht viel um das Kind kümmern. Britta suchte eine heile Welt, darum sollte er ihr Vater sein!

Er stellte sich vor, wie Steffi jetzt neben ihm ging, und er das Kind trug, ihr Kind! Ein heißer Schauer rann ihm den Rücken herunter. Nein, es waren keine guten Gedanken, er durfte sie nicht weiterdenken.

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7

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ÜBER EINE WOCHE WAR inzwischen vergangen. Die Zeit raste wie im Fluge. Jeder Tag war voller Sonnenschein und Bienengesumm. Alice schloss sich manchmal Britta und dem Vater an, und sie zogen los und suchten Heidelbeeren. Alice konnte mitunter sehr nett sein, wenn sie wollte. Aber meistens räkelte sie sich daheim herum und langweilte sich. Was sollte aus seinen Töchtern einmal werden unter dem Einfluss der Mutter? Philipp machte sich in dieser Hinsicht mehr Sorgen, als Tulla ahnte.

Britta hockte auf dem breiten Sandweg und betrachtete intensiv eine Ameisenstraße. Neben ihr kauerte Muschi und sah eifrig zu. Wie emsig die Tiere doch am Werke waren.

Philipp saß auf der Terrasse und las in der Zeitung. Durch die Heide fuhr eine junge Frau auf dem Fahrrad. Nun hatte sie den Zaun erreicht und stieg ab. Sie schob das Kopftuch zurück und ihre Augen strahlten, als sie das Kind dort in der Sonne sah. Wie braun und kräftig es ausschaute. Es schien glücklich zu sein, trotz der Trennung. Sie konnte sich von dem Anblick nicht losreißen.

Steffi musste wohl ein Geräusch verursacht haben, denn plötzlich hob Britta den Kopf, erkannte die Mutter und flog jubelnd den Gartenweg hinab.

„Mami, Mami, liebste Mami“, hörte Philipp sie rufen.

Er stand auf und beschattete die Augen mit der Hand. Zwei Punkte flogen aufeinander zu und umarmten sich stürmisch. Eine Mutter und ihr Kind. Er ließ ihnen Zeit, bis er kam, um Steffi zu begrüßen.

Ihre großen, violetten Augen lachten ihn an, und das wie Silber gesponnene Haar leuchtete in der Sonne. Aber Philipp erschrak so sehr über ihr Aussehen, dass er es kaum verbergen konnte.

„Ich werde Ihnen nie vergessen, wie hilfreich Sie zu meinem Liebling waren. Ich spüre, Britta hat es gut gehabt, sonst würde sie nicht so glücklich aussehen. Ich habe mir die ganze Woche Vorwürfe und Sorgen gemacht.“

„Wie steht es in Bilstein?“, lenkte der Mann ab.

„Es geht aufwärts. Wir haben alles wieder in Ordnung gebracht. In den Räumen riecht es zwar noch etwas muffig, aber sobald die Wände ganz trocken sind, kann ich neu tapezieren. Das gibt noch allerhand Arbeit.“

„Kommen Sie, Steffi, leisten Sie mir Gesellschaft beim Frühstück. Sicher sind Sie müde. Wie sind Sie heraufgekommen?“

„Mit dem Fahrrad, ein Bus fährt ja nicht.“

Er schob ihr den Korbsessel zurecht. Erschöpft ließ sich die junge Frau darin nieder. Tulla kam in diesem Augenblick aus dem Haus. Sie starrte das Mädchen an. Zwar war Steffi schon 28 Jahre alt. Dabei aber von unberührter und mädchenhafter Grazie und mit natürlichen, anmutigen Bewegungen. Tulla sah, diese dort war wirklich schön. Sie brauchte nicht wie sie viele Mittelchen, um anziehend zu sein, um bei den Männern Wirkung zu erzielen.

Sehr höflich und zuvorkommend begrüßte sie den Gast und erklärte sich bereit, das Gedeck zu bringen. Philipp sah seine Frau einen kurzen Augenblick von der Seite an. Wenn sie höflich zu einer Frau war, erkannte sie deren Schönheit an.

Für eine Weile war das Gespräch unterbrochen. Britta lief wieder in den Garten. Steffi sah ihr nach.

„Sie haben es hier herrlich, wie im Paradies. Ich verstehe gar nicht, dass Sie da noch Lust haben, Ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Ich würde mit dem zufrieden sein, was ich hätte.“

„Nicht alles ist Gold, was glänzt“, sagte Philipp leise. Sie sah ihn lange nachdenklich an, so, als verstehe sie seinen geheimen Kummer.

„Nun wollen Sie uns den kleinen Sonnenschein wieder fortnehmen, Steffi? Warum lassen Sie das Kind nicht noch eine Weile hier oben? Wir würden uns darüber freuen, wirklich. Wir haben Britta sehr gern. Sie sehen so müde und abgespannt aus. Verzeihen Sie mir, dass ich es ausspreche. Aber bevor Sie wieder Ihren Beruf aufnehmen, sollten Sie zuerst einmal an Erholung denken. Sie müssen doch schon die ganze Zeit von Ihren Reserven gelebt haben. Das Kind braucht Sie noch lange, wissen Sie das nicht?“

Steffi nickte langsam und nippte an dem Kaffee. Tulla spürte, dass das Mädchen mit ihrem Mann allein sprechen wollte, und so ging sie zurück ins Haus. Aber sie beobachtete voller Grimm die beiden durch das Fenster.

„Sie haben gewiss recht, ich muss unbedingt etwas für mich tun, sonst kann es zu Komplikationen kommen. Der Arzt hat festgestellt, dass meine Lungenflügel angegriffen sind. Ich muss nächste Woche für zwei Monate in ein Sanatorium in den Schwarzwald.“

Philipp erschrak. So schlimm stand es also. Und er hatte es die ganze Zeit nicht gewusst.

„Das tut mir sehr leid, Steffi, aber sicher werden Sie schnell wieder gesund.“

„Das hoffe ich, schon Brittas wegen. Wie ich daran gekommen bin, weiß ich nicht. Ganz gesund war ich ja nie. Ich habe jahrelang die Bürde und Last allein tragen müssen und habe nie einen Menschen besessen dem ich mich anvertrauen konnte. Da gehen Energie und Kraft dahin. Sie wissen, Britta ist unehelich, und die Vorurteile in so einer kleinen Stadt... Dass ich die Stelle als Lehrerin behalten durfte, ist mir bis jetzt noch rätselhaft.“

Du hättest mich ja als Freund haben können, dachte Philipp. Ich war damals gekommen, wollte dir beistehen, weil ich es dem Kameraden versprach. Aber sie hatte ihm fast verletzend die Tür gewiesen.

„Ich bin gekommen, um Britta zu holen.“

„Aber Sie müssen doch zur Kur. Wo lassen Sie das Kind?“

„Ich habe mich um alles gekümmert. Zum Glück war eine Stelle in einem nahen Kinderheim frei. Britta wird dort so lange unterkommen, bis ich wieder daheim bin.“

Philipp schnellte vor. „Britta in ein Kinderheim? Wissen Sie auch, was Sie dem Mädchen antun wollen?“

Ihre Augen flimmerten, und die Hand zitterte leicht, als sie die Tasse hob.

„Warum machen Sie es mir so schwer? Natürlich weiß ich es, aber was soll ich denn machen? Mir bleibt doch keine andere Wahl. Diese Zeit wird auch noch vorübergehen.“

„Lassen Sie das Kind doch einfach hier!“

Sie zuckte zusammen und sah ihn an. „Das kann ich nicht, ich kenne Sie doch kaum. Für diese lange Zeit? Jetzt geht es um viele Wochen. Ich kann Ihnen diese Bürde nicht aufhalsen. Es ist sehr lieb von Ihnen, mir dieses Angebot zu machen. Aber ich kann es einfach nicht annehmen!“

„Und warum nicht?“, fragte er hart. „Wieder einmal zu stolz? Damals waren Sie es schon einmal, soll jetzt sogar das Kind unter Ihrem Hochmut leiden?“ Sie war sehr bleich geworden, blickte ihn kurz an und sah dann wieder in den blühenden Garten.

„Sie sind sehr hart, Herr Limberg.“

„O nein, ich spreche nur die Wahrheit. Wir mögen Britta, und ich meine es so wie ich es ausspreche. Ich denke in erster Linie an das Kind. Lassen Sie es hier. Sollte es Ihnen wirklich so schwerfallen, einmal etwas zu tun, was Sie nicht beschlossen haben? Denken Sie an Britta, hier wird sie glücklich sein, aber nicht in einem Heim. Dieses kleine, zärtliche Mädchen!“

„Aber ihre Frau, sie wird mir böse sein.“

Philipp rief Tulla. Er erzählte ihr, um was es sich handelte.

Ihre erste Regung war Ablehnung. Sie hasste diese Frau wegen ihrer Schönheit. Aber wenn das Kind ging, würde dadurch wahrscheinlich alles noch schlimmer.

„Sie können sie ruhig hierlassen, Frau Fels, wir mögen Britta alle, und sie macht uns keine Arbeit, wirklich nicht.“

„Sehen Sie!“, lächelte Philipp.

„Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll“, flüsterte Steffi leise.

„Lassen wir das. Wir freuen uns, dass Britta noch bleiben darf.“

So geschah es nun. Steffi versprach, dem Heim abzuschreiben. Philipp erbot sich, sie mit dem Wagen zurück nach Bilstein zu bringen und gleichzeitig die Sachen für Britta zu holen. Das Mädchen war natürlich traurig, von der Mami getrennt zu werden, aber der Gedanke, die ganze Zeit im Heidehaus bleiben zu können, stimmte sie wieder froh und heiter.

Steffi sah mit Verwunderung, wie sehr Philipp und Britta sich verstanden. Es gab ihr einen leisen Stich. Bis jetzt war sie allein die Vertraute des Kindes gewesen. Nun war da ein anderer in ihr Leben getreten. Noch einmal drückte sie Britta an ihr Herz, dann ging sie, ohne sich noch einmal umzublicken.  .

Philipp Limberg kam von Bilstein zurück und stellte gleich seinen Wagen in der Garage ab. Heute würde er ihn nicht mehr benötigen. Er stand hinter dem Haus und sah wie traumverloren zum Forstbruch. Rötlich schimmerte der Torf zwischen den Latschenkiefern. Langsam ging die Sonne unter.

Tulla war hinter ihn getreten, ohne dass er es bemerkte. Und mit dem Instinkt der Frau sagte sie leise: „Sie liebt dich.“

Philipp schnellte herum, fast hätte er den Koffer mit Brittas Sachen fallen gelassen.

„Was sagst du da?“, stammelte er.

„Sie liebt dich“, erwiderte sie ruhig.

Ungeachtet ihrer finsteren Augen, lachte der Mann. Ja, er lachte zum ersten Mal nach vielen Jahren in Gegenwart seiner Frau.

„Du bist verrückt“, keuchte er nach einer Weile. „Total verrückt. Du siehst Gespenster. Steffi soll mich lieben? Ausgerechnet Steffi Fels? Mein Gott, wir kennen uns ja kaum. Und damals, weißt du, was sie mit mir gemacht hat? Sie hat mich aus ihrem Haus geworfen, war wütend, dass ich ihr meine Hilfe anbot. Steffi und mich lieben? Du irrst, meine Gute.“

Tulla ließ ihn ausreden, nagte an ihren Lippen und sah ihn nachdenklich an. „Du kannst sagen, was du willst, eine Frau spürt das. Meinetwegen sei so störrisch, wie du kannst, aber dass du sie liebst, das wirst du zugeben müssen.“ Er erschrak so tief, dass er zitterte. Triumph stand in ihren Augen. Sie hatte es bemerkt. Hämisch setzte sie hinzu: „Aber ich lasse mich nicht scheiden, jetzt nicht mehr. Sie soll dich nicht bekommen!“

Wortlos drehte er sich um und stürmte in das Haus. Erst in seinem Arbeitszimmer machte er halt und fiel kraftlos in seinen Schreibtischsessel. Er legte aufstöhnend die Hände vor das Gesicht. Bei Gott, Tulla hatte ja recht, er liebte tatsächlich diese Frau. Wie lange schon? Er wusste es nicht, hatte sich nie Gedanken darüber gemacht. Steffi! Er sah aus dem Fenster und lächelte bitter. Mit ihr, dieser stillen, herben Frau, hätte er das Glück gefunden. Ja, er liebte sie, und diese Erkenntnis machte ihm das Herz schwer.

Aber was nutzte diese Liebe? Gar nichts! Steffi wusste nicht darum und würde es auch nie erfahren und außerdem liebte sie ihn ja auch gar nicht. Was Tulla da faselte, war Unsinn. Steffi Fels war achtundzwanzig Jahre alt und er schon fünfundvierzig. Es war vermessen von ihm, überhaupt sehnsüchtig an das Mädchen zu denken.

Wenn ich frei wäre, grübelte er weiter, frei von meiner Frau? Jetzt wollte Tulla die Scheidung nicht. All die Jahre hatte sie ihn damit gequält, aber er wollte den Kindern nicht das Elternhaus nehmen. Er war zu anständig gewesen, sie sollten unter dem Zwist der Eltern nicht leiden. Aber vielleicht hätten sie gar nicht gelitten. Doch darüber nachzudenken war sinnlos.

Nun, da eine andere Frau in sein Leben getreten war, verweigerte sie ihm die Scheidung, obschon er sie noch nicht mal darum gebeten hatte. Welch eine Frau!

Er kannte Steffi nicht, aber konnte sich denken, dass diese Frau niemals einen Mann nahm, der ihretwegen seine Familie im Stich ließ. Auch, wenn diese Ehe schon lange keine Ehe mehr war. Sie war zu anständig und gerade.

Was ihm also blieb, war Entsagung wie in all den Jahren,er durfte nur aus der Ferne dem Glück zusehen, mehr nicht. Es war ihm nicht vergönnt, glücklich zu sein. Britta fiel ihm ein, das Kind Steffis. Liebte er es deswegen so stark?

Warum war sie immer so kalt und abweisend, wenn er sich anbot. Es war doch sonst nicht ihre Art. Irgend etwas musste vorgefallen sein. Hatte er sie damals vielleicht unbewusst gekränkt? Er konnte sich nicht daran erinnern. Fünf Jahre! So lange hatte diese Liebe in ihm geschlummert, jetzt wusste er es. Es war wie ein Wunder. Er hatte sie vom ersten Augenblick an geliebt mit jeder Faser seines Herzens. Darum war er auch so unglücklich gewesen, dass sie ihn von ihrer Schwelle getrieben hatte. Wenn man wirklich liebt, will man helfen, gut sein! Jetzt begriff er alles, seine Verletzlichkeit, sie kam von der Liebe. Zu scheu den Frauen gegenüber, war er nicht mehr wiedergekommen, bis...., ja, bis vor einer Woche diese Überschwemmung gewesen war.

Wäre der Damm nicht gebrochen, er hätte vielleicht nie von dieser Liebe erfahren.

Die Dämmerung war inzwischen eingetreten. Er hörte das Kind mit seiner hellen, hohen Stimme etwas zu Tulla sagen. Tassen und Teller klapperten in der Küche. Er fühlte sich alt und verbraucht. Mit schweren Schritten ging er durch das Zimmer und öffnete die Tür.

Britta saß unter der Hängelampe und kaute mit vollen Backen. „Komm, Philipp, es gibt Honigbrote! Hier bei mir ist noch Platz.“

Philipp setzte sich, strich über die wirren Locken und schob ihr die Tasse zurecht. Seine Frau belauerte ihn. Er fühlte ihre Blicke auf seinem Nacken, doch er sah nicht auf.

Britta lehnte sich an ihn. „Ich hab dich lieb, ich hab es gern, wenn du abends bei mir sitzt. Komm doch ein bisschen näher.“

Ein Kloß steckte in seiner Kehle.

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ÜBER DEN SANDWEG KAM eine seltsame Gestalt daher gewankt. Britta sah sie zuerst und riss Mund und Augen auf. Sie war so verblüfft, dass sie nur schauen konnte. Philipp lag nicht weit von ihr in einem Liegestuhl. Das Kind war nur mit einem Lufthöschen bekleidet. Tulla und die Mädchen waren schon in der frühen Morgenstunde in die Kreisstadt gefahren.

Es war keine Erscheinung, es musste sich wirklich um einen Menschen handeln. Jetzt war er mittlerweile so nahe gekommen, dass man ausmachen konnte, wie dick und rund er war. Wie ein Storch watete dieses Wesen durch den weichen Heidesand. Sein Kopf war das Lustigste, was Britta je gesehen hatte. Hellrosa und mit Haaren, die aussahen wie weiße Watteflöckchen.

Sie musste lachen und zupfte Philipp am Arm.

„Du, schau mal, ist das vielleicht ein großer Gartenzwerg? Der sieht aber ulkig aus!“

Philipp war ein wenig eingenickt und raffte sich hoch.

„Wie? Wo? Was ist los?“

„Da kommt einer, kannst du ihn denn nicht sehen?“

Er richtete sich auf und blickte zur Einfahrt. Wahrhaftig da kam jemand, und er lag hier in seinem Hausanzug. Welcher Besuch wollte ihn wohl in seiner Freizeit überfallen? Langsam stand er auf, er war ärgerlich, dass man ihn störte. Wenn es jemand vom Flughafen war, würde er ihm ordentlich Bescheid sagen.

„Hallo, ist hier niemand?“, hörte er in diesem Augenblick eine dröhnende Stimme.

Und die kannte er!

Philipp grinste vergnügt, als er dem Besucher entgegenging. Dieser hatte eine wilde Anstrengung unternommen, um sich salopp zu geben. Das sah aber so komisch aus, als ob ein Zebra Muttchens bestes Kleid übergestreift hätte. Von Natur aus zu einer Tonne geformt, steckten die kleinen, kurzen Beinchen in weiten Hosen, und darüber trug er ein schreiend buntes Lufthemd.

„Professorchen, Professorchen“, lachte Philipp. „Nein, bist du auf Maskerade oder hast du Fieber?“

Der rosa Schädel ruckte vor und zurück und die Augen wurden giftig.

„Du alte Natter, empfängt man so seine Gäste? Lach nicht, was kann ich dafür, dass ich Sand in den Schuhen habe? Dieser verdammte Weg,überhaupt, die verfluchte Heide!“

„Fluche nicht, hier ist ein Kind“, sagte Philipp streng.

Der kleine, dicke Mann beäugte Britta, schmunzelte und meinte: „Spätzünder von dir?“

„Nein. Irrtum. Was du wieder denkst!“

„Wem gehört sie denn, wenn nicht dir?“

Philipp sah auf Britta hinab und lächelte leicht. Ja, wem gehörte sie wohl? „Drücken wir es mal so aus, sie ist meine beste Freundin. Nicht wahr, Britta, so ist es doch?“

„Ja, ja“, rief die helle, hohe Kinderstimme.

Ein großes Taschentuch kam zum Vorschein, und der mit Professor Angeredete stülpte es sich über seinen kahlen Schädel. Die Sonne schien ihn zu stören.

„Komm mit auf die Terrasse, dort ist Schatten, und außerdem bin ich heute in Geberlaune, ich spendiere ein kühles Bier. Na, ist das kein Angebot?“

„Dir sei großzügig vergeben, aber trotzdem solltest du dafür sorgen, dass die Heide richtige Straßen bekommt.“

„Den Teufel werde ich“, lachte Philipp. „Mir gefällt es so. Hast du eine Panne gehabt? Ich habe schon immer gesagt, du bist der elendeste Autofahrer den es gibt, Professorchen!“

„Wenn du mich noch mal Professorchen nennst, drehe ich dir den Hals um“, knurrte der absonderliche Besucher.

Philipp lachte nur, wie sollte er das bewerkstelligen? Sein Gegenüber war nur 1,65 cm groß, und er maß fast zwei Meter. Aber man soll über kleine Leute nicht spotten.

Jost Jaspers und Philipp waren Schulkameraden und Freunde fürs Leben. In ihrer Jugend waren sie als der Lange und der Dicke bekannt gewesen. Wo sie auftraten, gab es Gelächter. Philipp hatte sich der Fliegerei verschrieben, und Jost war ein berühmter Gehirnchirurg geworden. Und als er dann noch den Professorentitel erhielt, konnte Philipp es sich nicht verkneifen, ihn nur noch so anzureden. Jost war ein gutmütiger Mann, und der Spott prallte wirkungslos an ihm ab.

Genießerisch schlürfte er das kühle Bier, und er fühlte sich schon merklich wohler. Nun sah er auch die Schönheit ringsumher und stieß einen Pfiff aus. Bis jetzt hatte er noch keine Zeit gefunden, seinen besten Freund in dessen neuer Behausung zu besuchen.

„Das war also dein Jugendwunsch! Davon gefaselt hast du ja genug, und hübsch, wirklich, du hast Geschmack.“

„Ich liebe die Einsamkeit“, sagte Philipp.

„Hast du nicht schon genug davon in deinem Beruf, wenn du so zwischen den Wolken gondelst? Ihr seid ein komisches Volk, ihr von der Fliegerei“. Er schüttelte sich. Jost war kein Feigling, aber was das Fliegen betraf, so machte er einen gehörigen Bogen darum.

„Na, anderen Leuten den Schädel aufschneiden, ist auch nicht gerade amüsant.“

Jost sah auf das spielende Kind. „Sie ist wirklich hübsch, sieht deiner Tulla aber nicht ähnlich, von dir ganz zu schweigen.“

„Sie ist meine Freundin, wie ich bereits sagte. Lass deine blühende Fantasie ruhen, bitte. Aber du bist doch nicht hierher gefahren, nur um mir guten Tag zu sagen. So viel Anhänglichkeit glaube ich nicht. Was hast du auf dem Herzen? Heraus mit der Sprache!“

„Du bist so direkt“, klagte Jost. „Man soll nicht mit der Tür ins Haus fallen! Schone meine empfindsame Seele! Feinheiten des guten Anstandes gingen dir schon immer ab. Also, um es kurz zu machen, in der nächsten Woche findet in Australien ein großer Kongress der Gehirnchirurgen aller Staaten statt. Und unsere Regierung hat mich dazu auserwählt, unser Land zu vertreten. Tolle Sache, außerdem soll ich noch einige Vorlesungen dort halten.“

„Gratuliere, ganz große Ehre für dich, wirklich Jost, ich hätte nie gedacht, dass mal ein so großes Tier aus dir würde. Und dazu quälst du dich herauf, nur um mir davon zu berichten? Da ist doch noch ein Haken?“

„Jawohl, alter Gauner, Du merkst auch alles. Das Dumme an der ganzen Sache ist: Australien liegt so weit. Mir steht zwar eine Sondermaschine zur Verfügung, aber ich misstraue den leichtsinnigen Jungs, die sie fliegen sollen. Also hab’ ich klipp und klar gesagt, ich würde nur mit einem diese Reise unternehmen. Sie haben akzeptiert und mir die Wahl des Flugzeugführers überlassen. Nette Leute an der Regierung, muss man wohl sagen. Sie hatten Mitleid mit deinem alten Professor.“

Philipp Limberg kniff die Augen zusammen und sah Jost böse an. „Und wer ist das, mit dem du fliegen willst?“

„Du!“, feixte sein Freund.

„Hast du mich nicht einen Himmelsclown, einen Tollpatsch genannt, als ich mal eine Bruchlandung hatte? Ich erinnere mich noch gut an deine Worte, Professorchen.“

Jost rutschte unruhig hin und her. „Je nun, das ist schon so lange her, und wenn du willst, nehme ich alles zurück. Aber, Philipp, du wirst mich doch fliegen, nicht wahr? Sonst muss ich den Auftrag ablehnen.“

„Um deinen kostbaren Körper wieder heil zurückzubringen, soll ich meinen Urlaub unterbrechen?! Ich denke gar nicht daran. Haben sie dir am Flughafen nicht gesagt, ich sei in Urlaub?“

„Ja, natürlich, aber ich dachte, aus alter Freundschaft müsstest du mir diesen Liebesdienst erweisen. Hast du nicht immer gesagt, du wolltest Australien kennenlernen? Du würdest schon alle Länder kennen außer Australien? Nun kannst du es gratis durchstöbern, drei Wochen lang.“

Philipp strich sich über das Kinn. „Hm, nicht schlecht, aber wenn wir abstürzen, was dann?“

Jost machte große Augen. „Mit so etwas spaßt man nicht, mein Lieber. Ich kenne dich, ich habe zu viel über dein Können gehört und gelesen.“

„Soso, auf einmal bin ich gut für dich. Früher durfte ich dir nicht mal die Schuhriemen binden.“

Sie boxten sich in die Seiten und lachten.

„Du nimmst also an? Mensch, Philipp, das wird eine famose Zeit. Wir werden noch einmal jung, alter Knabe!“

„In denke, du sollst Vorträge halten?“

„Aber dazwischen haben wir Muße, und die Maschine steht zu unserer Verfügung. Also können wir Abstecher über das ganze Land machen. Ich freu mich schon darauf, hab schon eine ganze Menge über Australien gelesen. Interessantes Land, wirklich. Es gibt noch viele Landstriche, die kein Weißer betreten hat. Dort leben Stämme, von denen wir überhaupt keine Ahnung haben. Die letzte Steinzeit in unserer Welt.“

„Du willst sie doch nicht etwa aufsuchen?“

„Ach wo, ich sagte nur, wie interessant es sein wird.“

Philipp träumte mit offenen Augen. Da sah er Britta auf sich zulaufen und erwachte. Für eine ganze Weile hatte er das Kind vergessen. Sie hatte Töffi einen Besuch abgestattet und kam jetzt zurück. Ihretwegen hatte er ja Urlaub genommen.

„Es geht nicht“, sagte er langsam. Jost sah ihn erstaunt an. Philipp erklärte ihm mit wenigen Worten die Sachlage.

„Aber es sind doch nur drei Wochen, mein Bester. Du machst geradeso, als wollte ich dich für die Ewigkeit entführen. Inzwischen kann deine Frau doch auf das Kind aufpassen.“

Jost wusste nichts von seiner Ehe, und er sollte es auch nicht erfahren. Sein Kreuz trug er lieber alleine.

„Wenn sie nachher aus der Stadt kommt, werde ich sie schon einwickeln. Ich bin doch ein Frauenheld, wie du weißt. Ich breche Damenherzen gleich bündelweise: Ich werde das Kind schon schaukeln.“

Philipp musste lachen. Jost und ein Frauenheld! Er hatte mehr Angst vor dem weiblichen Geschlecht, als alles andere. Darum war er auch Junggeselle geblieben. Wenn er es mit Tulla aufnehmen wollte, schien ihm in der Tat sehr viel daran zu liegen. Armer Jost!

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JOST JASPERS TANZTE wie ein Irrwisch um Tulla herum. Sie konnte nicht anders, sie musste über ihn lachen. Die Komplimente waren zwar dick aufgetragen, und sie sprudelten wie ein Wasserfall, trotzdem musste sie schmunzeln. Seine Komik war umwerfend.

„Hören Sie auf, Jost! Man bekommt ja Magenschmerzen, wenn Sie so weitermachen. Gott, Sie sind eine Plage der Menschheit, heraus mit der Sprache, was wollen Sie von mir?“

Jost sah sie mit geneigtem Kopf von der Seite an und seufzte: „Wenn Sie mir jetzt einen Korb geben, gehe ich ins Wasser, dort, wo es am tiefsten ist. Sie sind dann schuld, dass die Welt um den bedeutenden Professor Jaspers ärmer ist.“

Monika und Alice grinsten von einem Ohr bis zum anderen. Zuletzt hatten sie den merkwürdigen Mann gesehen, da waren sie noch recht klein gewesen. Er hatte den Nikolaus spielen sollen war über den langen Mantel gestolpert und mitsamt dem Sack ins Zimmer gerollt. Nein, er hatte sich nicht geändert.

„Liebe verehrte gnädige Frau, ich möchte Ihren Mann für drei Wochen entführen, und wie ich jetzt von ihm höre, kann er nicht fort. Aber Sie werden doch nicht so grausam sein und eine kleine Bitte ihres alten Freundes abschlagen, nicht wahr? Der Himmel wird Ihre gute Tat belohnen, dafür werde ich schon sorgen. Also sagen Sie ja, und ich bin der glücklichste Mensch unter dieser Sonne!“

„Sie haben mir noch gar nicht gesagt, um was es sich handelt, Jost“, sagte Tulla.

„So, hab’ ich das noch nicht? Nun, ich brauche Philipp, er soll mich in drei Tagen nach Australien fliegen. Regierungsauftrag sozusagen. Er kann gar nicht nein sagen. Das darf er der Wissenschaft nicht antun. Jawohl, gnädige Frau, alles reißt sich um Ihren Mann, wie Sie sehen.“

Tulla sah Philipp an, aber dieser schwieg und wandte sich zum Fenster.

„Er hat mir gesagt, er will mich nicht fliegen, er müsse hier Kindermädchen spielen“, jammerte Jost. „Ich muss aber fliegen, und ohne Philipp besteige ich kein Flugzeug, nein, die anderen Piloten bringen mich um.“

„Es stimmt. Philipp ist für Britta zuständig“, sagte Tulla kalt. „Für wie lange soll es überhaupt sein?“

„Nur drei kleine Wochen!“, flötete Jost.

Waren es die flehenden Augen des kleinen Mannes? Tulla biss sich auf die Lippen und überlegte. Alice mischte sich plötzlich ein.

„Britta ist doch gar nicht lästig. Ich werde mich mit ihr beschäftigen, wenn du willst, Vater. Es sieht ja so aus, als wäre sie ein Säugling, das ist sie gar nicht. Drei Wochen sind doch schnell vorbei.“

Philipp lächelte seine Tochter an. „Das ist sehr lieb von dir, Alice. Ich werde dir auch ein hübsches Geschenk mitbringen. Euch allen werde ich etwas mitbringen. Dir auch, Britta. In der Tat. es reizt mich. Australien kennenzulernen. Aber von mir aus konnte ich nicht zusagen.“

„Na ja. ich will ja nicht so sein. Jost, nehmen Sie ihn mit. Sie sehen, ich habe ein weiches Herz.“

Der Professor geriet außer Rand und Band. Es wurde ein sehr lustiger Abend, bis spät in die Nacht hinein saß man noch zusammen und sprach von der bevorstehenden Reise. Monika wäre liebend gern mitgeflogen. Aber leider war es keine Privatmaschine, sonst hätte sie ihren Vater bedrängt. Nur er und der Professor würden also reisen. Unterwegs würden sie viele Stationen machen. Sumatra und Java waren die letzten Etappen ihres Fluges, dann ging es direkt nach Australien. In Sydney würden sie landen. Dort fand der Kongress statt.

Endlich dachte der Professor an den Aufbruch. Philipp versprach, in drei Tagen pünktlich an Ort und Stelle zu sein. Er begleitete ihn noch bis zum Gartentor, anschließend ging er zu Töffi und erzählte ihm von der Reise.

Der kleine, bucklige Mann saß auf dem Treppchen vor seiner Hütte und schmauchte.

„Und das Kind?“, fragte er leise.

„Tulla und Alice haben mir versprochen, über sie zu wachen, solange ich nicht da bin. Es kann ihr ja hier nichts passieren. Aber vielleicht hältst du auch ein Auge auf Britta. Willst du das tun, Töffi? Ich weiß, ihr beiden versteht euch prächtig, sie mag dich ganz besonders.“

„Gut, ich will aufpassen. Britta ist ein liebes Mädchen, ich glaube, wenn sie eines Tages wieder fort muss, wird es hier sehr einsam und still sein. Wie man sich doch an ein Kind gewöhnen kann! Früher habe ich Kinder gefürchtet.“

Ruhig und klar standen die Sterne am Himmel, Philipp sah hinauf und dachte an seinen Flug zu dem fernen Kontinent,und er sah auch Steffi vor sich. Die Wunde riss wieder auf. Langsam stand er auf und ging zum Haus zurück.

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BITTE, GEH NICHT FORT!“

Philipp war betroffen und drückte das weinende Mädchen an seine Brust. Sie bebte förmlich, und die Tränen rannen unaufhaltsam über das kleine, rote Gesicht.

„Du hast gesagt, du hast mich lieb, und nun lässt du mich im Stich, o Philipp!“, hohl und zittrig klang die Stimme durch den Vorraum.

Tulla stand seitwärts und nagte an ihrer Lippe. So ein blödes Ding, sie tat, als sei sie der Mittelpunkt. Das würde ja noch was geben, wenn er erst mal fort war.

Philipp kniete auf dem Steinboden und streichelte zärtlich die zuckenden Schultern. Er trug schon seine Fliegerkombination. Neben ihm stand der Lederkoffer mit seinen Habseligkeiten.

„Aber ich komm’ doch wieder, Britta, was hast du denn? Die Zeit vergeht so schnell, und auf einmal bin ich wieder da. Du bist doch schon ein großes Mädchen. Komm, trockne dir jetzt die Tränen.“

Britta löste die Ärmchen von seinem Hals und ging einen Schritt zurück.

„Du wirst wie mein Vati aus den Wolken fallen und tot sein, ich weiß es. Ich hab dich so schrecklich lieb, du sollst nicht auch tot gehen, du nicht!“

Philipp war entsetzt. Es war nicht gut, kurz vor einem Flug an einen toten Kameraden und Freund zu denken. Man wurde nervös und machte dann tatsächlich Fehler. Er stand auf und zog seine Jacke zurecht. Seltsames Mädchen, als die Mutter fortging, hatte sie nicht geweint, aber jetzt, da er gehen musste — und er musste fort, sonst kam er zu spät — da klammerte sie sich mit aller Macht an ihn.

Britta sah wie ein Häufchen Elend aus. Es ging ihm zu Herzen, und ein dicker Kloß saß in seinem Halse. Er schluckte und schluckte, aber er ging nicht weg.

„Wenn du lieb bist und alles tust, was Tante Tulla dir sagt, während ich nicht da bin, werde ich dir auch etwas ganz Hübsches mitbringen, hörst du, Britta?“ Er begann ihr zu schmeicheln, er wollte keine zweite Tränenflut erleben.

Das Kind stand verloren zwischen den Erwachsenen.

„Ich möchte zu meiner Mami“, flüsterte es.

Philipp musste gehen, es wurde höchste Zeit. Er sah das Kind ein letztes Mal an, dann drehte er sich abrupt um und ging zur Garage. Britta machte keine Anstalten, ihm zu folgen. Langsam glitt ihr Blick von der Tante zu den beiden Mädchen. Alle drei starrten sie an.

Der Motor dröhnte auf.

„Komm“, sagte Alice und nahm ihre Hand. „Wir gehen zum Gartentor und winken ihm nach. Er wird sich freuen. Dann kannst du ihn noch einmal sehen. Und wenn du Lust hast, gehen wir nachher Blaubeeren pflücken, willst du?“

Mit schwerfälligen Schritten lief sie dem großen Mädchen nach. Ihre Füße waren aus Blei. Philipp sah in den Rückspiegel. Das Haus war nicht mehr zu sehen. Auf dem Sandweg zwischen den Birken stand Britta. Sie hob ihre Ärmchen zum Himmel und winkte. Er hupte noch einmal, dann war er um die Biegung verschwunden.

Die Straße war hier sehr abschüssig, und er musste sich konzentrieren. Jetzt durfte er an nichts anderes denken, der Flug stand ihm bevor. In zwanzig Minuten hatte er den Flughafen erreicht. Er stellte seinen Wagen ab und überquerte den weiten Platz. Er traf Jost, der schrecklich aufgeregt war.

„Ich dachte schon, du wolltest zurückbleiben!“

Philipp gab ihm die Hand. „Eigentlich wäre das keine schlechte Idee!“

„Du machst doch nur einen Scherz, nicht wahr?“

„Wo steht die Maschine?“, wandte sich der Kapitän an das Bodenpersonal.

Berger kam angehumpelt. „Komm, ich fahr euch raus. Grüß dich, Philipp, hast du dich fein erholt?“

„Wie man es nimmt“, knurrte er.

Sie nahmen in dem Jeep Platz und rasten über die Rollbahn. Das kleine Flugzeug stand am Rande des Feldes. Es machte einen ordentlichen und soliden Eindruck. Obschon Philipp meistens schwere Maschinen einflog, freute er sich, mal wieder so etwas wie ein Sportflugzeug fliegen zu dürfen.

Jost sagte kein Wort, er sah mit starren Augen vor sich hin, eine schwarze Tasche hielt er fest an sich gepresst. Limberg blickte ihn an, und er tat ihm leid. Wenn einer vor der Fliegerei Angst hatte, so war er zu bedauern. Man konnte die Furcht einfach nicht überwinden. Er nahm sich vor, besonders behutsam zu landen und starten. Der Freund sollte mit ihm zufrieden sein.

Berger gab ihnen beiden die Hand. „Na, dann viel Vergnügen. Es ist alles vorbereitet, ich glaube, in zehn Minuten könnt ihr starten. Wann kommt ihr wieder?“

„In drei Wochen.“

„Wenn nichts dazwischen kommt“, murmelte Jost düster.

„Haben Sie Ihre Schwimmweste mit, Mister?“, feixte Berger.

„Wieso?“, stotterte Jost. „Wofür braucht man die denn?“

„Sie überfliegen doch den Indischen Ozean, ich meine, wenn ihr mal wassern müsst?“

Jost ächzte und kroch mit zittrigen Beinen in das Flugzeug.

„Du bist ein Sadist“, sagte Limberg. „Jetzt habe ich meine Last mit ihm. Den ganzen Weg wird er sich nun ängstigen.“

„Tschuldigung, hab’ ich nicht gewusst, sollte ja nur ein Scherz sein.“

Der Jeep verschwand, und dann erhielten sie auch schon die Starterlaubnis. Limberg rollte über das weite Flugfeld, erreichte die Startbahn, drehte den Vogel um seine Längsachse. Noch einmal sah er zurück. Berger winkte den Fliegergruß. Er winkte zurück, dann startete er die Maschine. Er hatte sie gleich im Griff, sie war federleicht und elegant gebaut. Sie wurde immer schneller und schneller. Philipp lächelte. Nun war er wieder in seinem Element. Hier gehörte er hin! Er war erst restlos glücklich, wenn er hinter einem Steuerknüppel saß. Die Maschine hob ab, sie flogen.

Jetzt sah er sich nach seinem Freund um. Dieser saß neben ihm und hielt die Augen fest geschlossen.

„Sag mir Bescheid, wenn wir abgehoben haben“, flüsterte er mit trockenen Lippen.

„Wir fliegen schon lange.“

„Tatsächlich?“

„Hast du Juwelen in der Tasche?“

„Nein, wieso?“

„Dann leg sie doch zur Seite!“

„Es ist meine Instrumententasche, und die geb ich nicht aus der Hand!“

„Jost, du bist ein Original!“

„Du sollst nicht sprechen, sondern dich auf den Flug konzentrieren! “

Er seufzte, das würde ja was geben.

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DIE HITZE IN DJAKARTA war schrecklich. Das Tropenklima ist nicht jedermanns Sache. Philipp hatte seinen weißen Tropenanzug angelegt, und doch schwitzte er mächtig und war froh, jetzt für eine Nacht ausruhen zu dürfen. Seit drei Tagen waren sie nun schon unterwegs. Morgen würden sie nach Australien fliegen, und dort würde er sich erst einmal von den Strapazen erholen. Jost hatte ihm mit seiner Angst zugesetzt, obschon er nach jeder sicheren und guten Landung zuversichtlicher wurde. Aber die Furcht ließ sich nicht gänzlich bannen.

Mit einem vorsintflutlichen Taxi fuhren sie in die Stadt. Das Hotel war klein und sehr belegt. Aber ihre Zimmer waren reserviert. Philipp nahm gleich eine Dusche, aber das Wasser war handwarm und brachte keine Abkühlung. Später traf er Jost in der weiten Halle.

Hellbraune, schöne und anmutige Javanerinnen bedienten sie. Sie waren so liebreizend anzusehen, dass er seinen Blick nicht von ihnen wenden konnte. In den liebenswerten Geschöpfen mit den anmutigen Gesten ahnte man die uralte Kultur des Landes. Wenn er da an die jungen Mädchen in Deutschland dachte, wie burschikos sie sich gaben. Er lächelte.

Jost wollte noch einen Rundgang durch die fremde Stadt machen, aber Philipp winkte ab.

„Meinetwegen kannst du gehen. Ich aber marschiere gleich auf mein Zimmer und schlafe. Ich bin hundemüde.“

Jost schmollte. „Wann kommen wir schon wieder hierher? Man muss die Gelegenheit nutzen. Schlafen können wir daheim, jetzt müssen wir etwas erleben.“

„Ich habe kein Interesse, aber ich halte dich nicht ab, geh nur!“

Limberg stand auf und verließ die Halle. Stimmen aller Nationen schwirrten um ihn herum. Und wirklich, er sah sogar Frauen in Dirndln. Wahrhaft internationale Atmosphäre. Für einen kurzen Augenblick dachte er daran, daheim anzurufen. Es würde zwar viel Geld kosten, aber seine innere Unruhe dämpfen. Er sah auf die Uhr, aber als er die Zeit überrechnete, ließ er es doch. Er würde von Sydney aus telefonieren.

Im Zimmer war der Ventilator in der Decke unermüdlich dabei, ein wenig Kühlung herbeizuzaubern. Vergeblich.

Philipp legte sich auf das Bett und schlief ein. Tief und traumlos. Er hörte nichts mehr von seiner Umgebung. Er wurde erst wieder wach, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Ein Blick auf die Uhr, schnell frühstücken, und dann mussten sie wieder weiterfliegen.

Jost hatte die Rechnung schon bezahlt. Sie aßen ausgiebig und eilten hinaus. Das Taxi wartete bereits.

„Du denkst an alles!“, bewunderte Philipp seinen Freund. „Anscheinend hast du auch mit der Sprache keine Schwierigkeiten, Junge, jeder hat seine Vorzüge, ich die meinen, du die deinen. Wie ist das Flugwetter?“

„Herrlich, bis auf die Hitze. Ich schmelze schon dahin.“

Philipp sprach mit dem Bodenpersonal, aber trotzdem sah er selbst noch einmal die Maschine gründlich durch. Auf die Einheimischen war nicht immer Verlass. In Australien musste sie gründlich überholt werden. Manchmal stotterte die Maschine ein wenig. Aber die letzte Etappe würde sie noch überstehen, dann konnte sie sich wie die Menschen ausruhen.

Jost schlüpfte in das Flugzeug und ließ sich seine berühmte Tasche zureichen. Von ihr trennte er sich nie.

Sie schnallten sich an. Die Sonne brannte erbarmungslos. Sie setzten die dunklen Brillen auf. Dann bekamen sie auf Englisch ihre Starterlaubnis angesagt. Philipp ließ die Motoren warmlaufen, drehte und startete. Noch einmal sahen sie die Stadt aus der Vogelperspektive. Aber in der Ferne erblickten sie schon das Meer. Wunderschön, dunkelblau und still. Wie ein weiter, samtiger Mantel.

Jost sah aus seinem Fenster und staunte.

„Ich glaube, jetzt verstehe ich deine Leidenschaft. Bei Gott, ist das herrlich. Sieh nur die Sonne, wie sie dort schräg über dem Wasser steht, und da die winzigen Boote. Schön und erhaben ist das alles.“

„Das sind keine Boote, sondern Passagierdampfer“, lächelte Philipp.

„Wann, glaubst du, sind wir da? Ich meine, können wir wohl um die Mittagszeit eintreffen?“

„Klar, wir sind ja früh genug gestartet. In den Morgenstunden ist es immer besser.“

„Wie fliegst du?“

„Wir kommen von Norden, fliegen entlang der Küste und dann quer über die große Sandwüste nach Sydney, das ist der kürzeste Weg.“

„Dann werden wir ja eine Menge Interessantes sehen“, stellte Jost fest.

„Wenn du Sandwüsten, Regenwald und Steppen interessant findest! Oder die vielen Tafelberge. Kannst dich ja im Klettern üben.“

„Du sollst dich nicht immer über mich lustig machen“, knurrte der Freund.

Limberg stimmte ein Lied an.

Seit einer Stunde waren sie nun wieder unterwegs. Die australische Küste wurde schon sichtbar. Tiefe Buchten, darüber vereinzelt die Berge und dahinter in der Ferne der große Regenwald. Er verbarg seine Geheimnisse gut. Noch nicht überall war der weiße Mann vorgedrungen. Im australischen Busch gab es viele Strecken, die niemand kannte, und die meisten Fremden hielten sich auch davon fern.

Die Maschine begann wieder zu tuckern. Das fehlte gerade noch. Die Instrumente schlugen bedenklich nach rechts aus. Es wurde höchste Zeit, sie in die Werkstatt zu geben. Noch flogen sie ruhig, und Jost merkte nichts davon.

Immer größer wurde die Landfläche vor ihnen. Auf einmal sackte sie ein ganzes Stück weg, Philipp hatte Mühe, das Flugzeug wieder hochzuziehen. Jost wurde zur Seite geschleudert und starrte den Flugkapitän an.

„Was ist los?“, keuchte er.

„Nichts, wenn es so weitergeht, werden wir eben einmal notlanden müssen.“

„Du liebe Güte, auf dem Meer?“

Limberg sah nach unten, er musste Australien erreichen und dann sehen, wo er seinen Vogel hinsetzen konnte. Die Störungen wurden schlimmer. Etwas schien mit dem rechten Motor nicht zu stimmen.

Plötzlich schrie Jost auf und sah aus dem rechten Fenster. Seine Augen waren weit aufgerissen. Der rechte Tragflügel brannte lichterloh. Limberg sah es mit zugekniffenen Augen, und Schweiß glänzte auf seiner Stirn. Diese verdammte Hitze! Ob sie wohl Schuld war, oder ob das Bodenpersonal nicht gut genug die Zuleitungen überprüft hatte?

Jost krallte sich an Philipp fest.

„Was machen wir?“, flüsterte er angstbebend. „O Gott, ich habe es geahnt.“

Für eine Sekunde sah Philipp Brittas Gesicht vor sich. Er presste die Zähne zusammen. Er musste sich jetzt konzentrieren. Sie durften jetzt nicht in Panik verfallen. Noch flogen sie. Die grüne Hölle Australien lag unter ihnen. Nirgends ein Fleckchen groß genug zum Landen. Nur der Regenwald.

„Mach dich bereit zum Springen“, schrie er seinem Freund zu. „Du weißt doch, ich hab dir alles erklärt.“

„Bist du verrückt? Da hinunter? Die Tiger werden mich fressen.“

„Hier gibt es keine Tiger“, sagte Limberg kalt. „Los, oder willst du verbrennen?“

„Schaffen wir es denn nicht mehr bis zum Flughafen?“

Über so viel Naivität konnte man nicht einmal mehr lachen. Die Bäume wurden größer und bedrohlicher, schon rasten sie über die Wipfel dahin. Ein Glück, sie hatten das Meer verlassen. Eine Notlandung zwischen den Bäumen? Würden sie mit dem Leben davonkommen? Mit letzter Anstrengung riss er noch einmal die Maschine hoch. Widerwillig tat sie ihm den Gefallen. Schon wollte er auf jubeln. Aber dann sah er, wie sich die Schnauze immer tiefer neigte, jetzt war keine Rettung mehr. Sie mussten sich mit dem Schleudersitz herauskatapultieren.

Philipp umkrampfte den roten Knopf. Er musste für beide gleichzeitig genug Druck haben. Jost war nicht mehr ansprechbar, wie ein nasser Sack hing er in seinen Gurten, die Augen vorgequollen.

Verdammt!, dachte Philipp.

Das Krachen und Bersten hörte er nicht mehr, sah auch nicht, wie die Bäume unter der schweren Last nachgaben. Nacht umgab sie beide.

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SEIT ZWEI TAGEN WAR die Maschine mit dem deutschen Professor überfällig. Die letzten Funkzeichen hatte man über dem Indischen Ozean erhalten. Hatte sie sich verspätet oder was war geschehen? Der Kongress in Sydney hatte begonnen. Man hielt also Rücksprache im Heimatland des Professors. Gerade auf ihn war man so gespannt gewesen. Er hatte eine ganz neue Methode, im Kleinhirn mit dem Laserstrahl zu operieren. Und nun fehlte ausgerechnet diese Kapazität. Das war ärgerlich.

Aus Deutschland erhielt man die Nachricht, dass der Professor vor fünf Tagen mit einer Sondermaschine gestartet sei. Die genaue Flugstrecke wurde angegeben. Sonderbar! Ob sie irgendwo einen Schaden hatten und nicht weiterkonnten? Alle Flughäfen auf dieser Route wurden angefunkt. Aber jeder teilte nach einer gewissen Zeit mit, der deutsche Professor sei pünktlich wieder abgeflogen. Auch Java, die letzte Station, gab diese Auskunft.

Ein Frösteln ging durch die Männer. Suchflugzeuge wurden gleich losgeschickt und das Resultat nach Deutschland durchgegeben. Noch blieb alles im geheimen, noch erfuhr die Weltpresse nichts von dem Unglück. Der ganze Indische Ozean wurde abgesucht, aber kein einziges Wrackstückchen ließ erkennen, ob die Maschine ins Meer gestürzt war oder nicht. Und über dem Meer hatte Limburg zuletzt mit den Bordstationen auf Australien gesprochen, seine Flugrichtung angegeben. Er hatte nichts von einem Schaden oder dergleichen verlauten lassen.

Sollte das Flugzeug über Australien abgestürzt sein? Wieder suchte man die ganze Flugstrecke über dem Land ab. Nichts, auch die Siedler im Busch und an der Küste hatten von keinem Flugzeug gehört, das heruntergekommen sei. Es war und blieb spurlos verschwunden.

Nur der Regenwald konnte nicht untersucht werden. Diesen abzugrasen, würde Wochen und Monate Gefahren und Strapazen mit sich bringen. Wenn das Flugzeug wirklich über dem Regenwald abgestürzt war, so waren die Insassen nicht mit dem Leben davongekommen. Der Wald, die Hitze, und die wilden Stämme würden ihr Übriges tun. Es sollten sogar Menschenfresser darunter sein.

Nach einer Woche gaben die Behörden die Sucherei auf. Die Delegierten von Deutschland flogen nach Haue zurück. Sie hatten eine schwere Aufgabe zu erledigen.

Als sie auf dem Flugplatz in der Heide landeten, stand Berger mit seinem Jeep bereit. Man brauchte ihm nichts zu sagen, er wusste auch so Bescheid. Über das runzlige Gesicht rannen die Tränen, pausenlos. Nun hatte es ihn auch erwischt, einen der besten Männer, den die Welt jemals gesehen hatte.

„Nehmen Sie sich zusammen“, sagte der Flugdirektor eindringlich.

„Verflucht, verflucht“, schrie Berger. „Diese ganze Fliegerei, ich scheiß drauf“, warf sein Käppi in den Sand und trampelte wie verrückt darauf herum.

„Wir haben ihn alle gern gehabt, Berger, nur zeigen wir unsere Trauer nicht so!“

Berger humpelte über den Platz und war bald verschwunden.

Der Direktor wandte sich an seine Begleiter. „Er war sein bester Freund, wir alle waren seine besten Freunde. Limberg war ein großartiger Mann, ohne Starallüren, nett und kameradschaftlich. Schade, dass es ihn erwischen musste. Und wir wissen nicht einmal, wo er sein Grab gefunden hat.“

Sie nickten zustimmend, betraten das Gebäude und erledigten, was erledigt werden musste.

„Ja, meine Herren, jetzt bleibt uns nur noch ein Weg, wir müssen der Witwe sofort Mitteilung machen. Noch steht es nicht in den Zeitungen, und wir wollen ihnen zuvorkommen. Sie soll es möglichst schonend erfahren.“

„So wollen wir wirklich nicht länger warten, kommen Sie, meine Herren“, erklärte der Regierungsabgeordnete. „Hatte der Professor auch Angehörige?“

„Darüber ist nichts bekannt. Soweit wir von Philipp Limberg gehört haben, soll er Junggeselle gewesen sein. Ob noch Verwandte vorhanden sind, das werden Sie wohl in der Kreisstadt erfahren. Wir sind da überfragt!“

Sie nahmen den Dienstwagen und fuhren in die Heide. Sie fuhren die gleiche Strecke, die Philipp immer benutzt hatte. Ein paar hundert Meter vor dem Haus mahlten die Räder in dem weichen Sand und kamen nicht mehr weiter. Der Flughafendirektor gab dem Fahrer die Anweisung, inzwischen den Wagen wieder flott zu machen. Sie wollten das letzte Stück zu Fuß gehen.

Solch ein Gang wurde ihm immer schwer, aber es war seine Pflicht.

Bis jetzt war er noch nie hier gewesen und er war, wie so viele Besucher, überrascht von der Anmut und Lieblichkeit des Hauses. Alles so friedvoll und still. Wie glücklich mussten die Menschen sein, die in so einem schönen Haus leben durften. Er ging langsam weiter.

Mitten auf dem Weg saß ein kleines Mädchen und spielte selbstvergessen im Sand. Es sah die fremden Männer kommen, in letzter Zeit kamen derer so viele. Es achtete nicht darauf und backte seine Sandkuchen weiter. Britta sah ihnen nach, wie sie feierlich und steif auf das Haus zugingen. Niemand hatte sie angelächelt oder angesprochen.

Tulla sah die Männer vom Wohnzimmerfenster aus. Sie kam heraus, eine Falte zwischen der Nasenwurzel. Auf der Terrasse empfing sie die Herren. Sogleich erkannte sie den Chef ihres Mannes. Ob sie die Nachricht ahnte? Sie ließ sich nichts anmerken, strahlte und führte die Besucher zu der Plauderecke. Sie veranlasste Monika, kühles Bier zu servieren.

„Nein, bitte, Frau Limberg, wir wollen Ihnen keine Arbeit machen, bitte“, flüsterte der Direktor.

„Aber bei diesem Wetter ist doch jeder Mann durstig“, lachte sie.

Die beiden Männer starrten wie fasziniert auf diese schöne Frau mit den großen, sprechenden Augen. Sie hatten das Gefühl, als verhießen sie viel und würden es auch halten. Dämonisch wirkten diese Augen, magnetisch und sanft zugleich. Der Regierungsbeamte hatte Mühe, seine Verwirrung nicht merken zu lassen. Wie sollte er das Schreckliche in Worte kleiden?

Die Männer nahmen das Bier in Empfang und sahen sich bewundernd im Garten um. Dann gab sich der Direktor einen Ruck.

„Sehr verehrte, gnädige Frau, es ist mir so schrecklich, ich möchte Ihnen viel lieber eine andere Nachricht bringen. Wir haben eine sehr schwere Aufgabe übernommen, ich will nicht viel Worte machen. Verehrte, gnädige Frau, Ihr Mann . ..“

„Ja?“, fragte Tulla lauernd. „Was ist mit ihm? Ist er nicht in Australien?“

„Ja, nein, das heißt, er wird vermisst!“

„Vermisst“, murmelte sie gedehnt und brachte es sogar fertig, verstört auszusehen. „Was soll das heißen, Herr Direktor?“

„Frau Limberg, ich will Sie nicht vertrösten, ich muss Ihnen klar sagen, Ihr Mann ist tot, abgestürzt über dem Ozean oder über dem Urwald Australiens. Er ist seit einer Woche überfällig, und Sie müssen mir glauben, wir haben nichts unversucht gelassen, ihn und den Professor zu finden. Aber wir haben keine Spur gefunden, gar nichts. Sie werden wohl ins Meer gestürzt sein, denn von dort wurden die letzten Funkzeichen der Maschine aufgefangen.“

Tulla legte ihre Hände vor das Gesicht, ihre Schultern zuckten. Sie blieb ganz still sitzen. Auch die Männer wagten nicht sich zu bewegen.

„Wie schrecklich“, hauchte sie nach einer Weile, „wie fürchterlich! Oh, meine Herren, bitte, ich kann es noch nicht fassen. Es kommt so plötzlich. Ich kann es noch nicht glauben, ich, ach, ich bin ganz durcheinander. Philipp tot, vor einer Woche war er noch gesund und strahlend. Oh!“

Hoffentlich bricht sie nicht zusammen, dachte der Regierungsbeamte. Er konnte Frauen nicht leiden sehen. Tulla tupfte sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln. Sie sah sehr bleich aber gefasst aus.

„Ich danke Ihnen, Herr Direktor, ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, aber ich muss mich erst mal fassen, ich kann es noch nicht glauben!“

„Wir alle können es noch nicht glauben, liebe, gnädige Frau. Er war unser Bester, ein guter Kamerad, ein steter Freund. Wir alle trauern schrecklich um ihn, und Sie dürfen mir glauben, wir werden Ihren Mann nie vergessen. Die ganze Mannschaft spricht Ihnen das tiefste und wärmste Mitleid aus. Es ist ein harter Schlag, wir wissen es, aber Gottes Wille ist nicht zu durchschauen. Wir können nur hoffen und annehmen, dass er nicht lange gelitten hat.“

Tulla stand langsam auf.

„Und ich habe nichts, was ich der Erde übergeben kann, kein Grab, an dem ich weinen könnte. Das ist schrecklich!“

Die Männer schwiegen.

„Wir werden eine Feierstunde halten, gnädige Frau, nicht sofort, ein wenig später, etwa in einer Woche. Wir nehmen Rücksicht auf ihre Gefühle. Wir können verstehen, wenn Sie im Augenblick die Öffentlichkeit meiden.“

„Ich danke Ihnen nochmals von Herzen, dass Sie mir persönlich diese Nachricht brachten. Es ist ein kleiner Trost. Aber jetzt müssen Sie mich entschuldigen, ich muss allein sein, in meinem Zimmer, ich muss um meinen Mann weinen. Wir haben uns so geliebt, ich kann es noch nicht fassen ...“

Sie lief ins Haus.

„Tragisch“, murmelte der Direktor.

„So schön und jung“, sagte der Regierungsbeamte. „Dieser plötzliche Verlust muss für diese sensible Frau ein schwerer Schlag sein.“

„Kommen Sie, wir wollen nicht länger stören.“

Sie gingen durch den Garten und kamen wieder an Britta vorbei.

„Ich bin froh, dass ich diesen Gang hinter mir habe“, seufzte der Direktor. Ruhig und gemessen schritten sie den Heideweg entlang, beide in Gedanken versunken. Niemand sah den kleinen, verwachsenen Mann, der zwischen den Holunderbüschen hockte und ihnen mit eigenartigen Augen nachsah. Er hatte ihre letzten Worte vernommen, und er begriff, Philipp war tot, abgestürzt.

Er legte den alten Kopf ins Heidekraut und weinte, weinte still und leise wie ein Kind. Sein bester Freund war ihm genommen worden, der gute Philipp. Warum nicht er? Er war doch alt und verbraucht. Doch er musste leben, während Philipp ...!

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TULLA SCHLOSS DIE TÜR und lehnte sich für einen Augenblick dagegen. Ihr Körper zuckte vor verhaltener Erregung. Als sie sich im Spiegel sah, da konnte sie sich nicht mehr beherrschen. Das Lachen, das in ihrer Kehle saß, wollte hinaus. Und sie lachte und lachte.

Die Augen zu zwei Schlitzen zusammengezogen, sprudelte sie die große, die unbegreifliche Freude in ein befreiendes Gelächter hinaus.

Frei, endlich frei, frei! Noch konnte sie es nicht glauben, es war einfach zu schön. Frei von einem Mann den sie nie geliebt hatte, frei von einem Aufpasser, von dem langweiligsten Menschen, den sie je kennengelernt hatte. Dieser alte Moralprediger! Sie schüttelte das schwarze Haar und strich sich über die vollen Hüften. Sie war noch jung und schön, und nun konnte sie endlich leben, wie sie wollte. Jetzt war sie reich und frei, die Männer würden sie nur so umschwirren.

Die Männer!

Damals im Fliegerschuppen, Himmel, was war das doch für eine tolle Zeit gewesen. Plötzlich hob sie lauschend den Kopf, schlich zum Fenster und beugte sich hinaus. Da gingen sie, diese Botschafter. Sie durfte sich nichts anmerken lassen, sie musste den Schein wahren. Kurze Zeit die trauernde Witwe spielen, ja, das musste sie der Leute wegen. Aber dann!

Wieder lachte sie und schnitt eine Grimasse. Dieses Haus, diese langweilige Gegend, alles konnte sie über Bord werfen und gehen!

Dann sah sie das fremde Kind auf dem Gartenweg, es hockte im Sonnenschein und spielte selbstvergessen. Britta, die ihn liebte, die ihn vergötterte!

Es drängte sie, etwas Böses, Hässliches zu tun, sie musste sich befreien, sonst würde sie daran ersticken. Wie ein Kloß saß dieses Gefühl in ihrer Kehle, sie musste sich an dem Schmerz eines anderen weiden, erst dann konnte sie ihr Glück glauben.

Sie rannte aus dem Haus. Sie sah nur noch dieses Kind, das sie hasste, weil die Mutter so schön war, so schön, wie sie selbst es nie werden würde. Diese verdammte Brut!

Britta sah auf, lächelte und backte ihre Kuchen weiter. Tulla stellte sich breitbeinig vor sie hin.

„Sieh mich an“, befahl sie in herrischem Ton. „Los, sieh mich an!“

Verwirrt hob das Kind den Kopf. So hatte noch nie jemand zu ihm gesprochen. Die Tante hatte ganz dunkle und böse Augen. Fast hätte Britta sich gefürchtet. Langsam stand sie auf, die kleinen Arme hingen schlaff an ihrem Körper herab.

Tulla beugte sich vor, fast streifte ihr Gesicht das des Kindes, und dann schrie sie es heraus.

„Philipp ist tot, tot!“

Britta zuckte zusammen und ging einen Schritt zurück. Unverwandt sah sie die Tante an.

„Hörst du, er wird nicht mehr wiederkommen, nie mehr, er ist tot, abgestürzt. Niemals wird er wiederkommen. Die Männer haben es mir eben gesagt!“

Das kleine Herz klopfte bang und laut. Hilfesuchend gingen Brittas Augen in die Runde. Aber Tulla ließ sie nicht aus ihrem Bann.

„Dein wundervoller Philipp“, ätzte sie.

Brittas Lippen zitterten. Tränen perlten über ihre Wangen.

„O nein“, flüsterte sie. „Nein!“

„Doch, doch, er ist tot, tot, tot!“ Sie weidete sich an dem Wort. Sie konnte es nicht oft genug aussprechen. „Mit seiner Maschine abgestürzt. So, jetzt weißt du es.“

Das Kind schluchzte, wollte sich an die Tante klammern, sie anflehen, es nicht mehr zu sagen. Aber diese schüttelte das Kind von sich.

„Philipp ist nicht tot, er kommt wieder, er hat es mir versprochen. Wenn ich brav bin, kommt er wieder, hat er gesagt. Ich weiß es. Er wird wiederkommen.“

„Dummes Kind, wie sollte er? Er kann nicht, kapierst du es nicht? Nie mehr kommt er wieder!“

Tulla wandte sich um. Die erhoffte Reaktion hatte sich nicht bei der Kleinen eingestellt Sie konnte sich nicht daran weiden. Entweder verstand Britta nicht, oder sie war blöd. Tote kehren nie mehr wieder. Sie ging in das Haus zurück. Was sollte sie sich noch mit dem fremden Balg abgeben!

Britta sah ihr nach, und als sie verschwunden war, drehte sie sich um und lief den langen Weg hinunter. Sie keuchte. Aber die Beine hörten nicht auf zu laufen. Endlich sah sie Töffis Haus, und er saß auf der Treppe wie immer, still und einsam. Vielleicht noch ein wenig stiller und einsamer als früher. Als sie bei ihm angekommen war, warf sie sich in seine Arme und weinte. Er wiegte sie leise hin und her, sprach kein Wort, ließ sie gewähren. Britta schluchzte, zitterte.

Endlich hatte sie sich gefasst, sie zog sich ein wenig zurück, setzte sich neben ihn auf die Treppenstufe, legte die Hände in den Schoß und sah Töffi an.

„Tante Tulla hat mich erschreckt, sie sagt, Philipp ist tot, aber ich weiß es besser. Nein, er ist nicht tot. Philipp ist nicht tot!“

Sie sagte es ganz ruhig und selbstverständlich.

Töffi sah das Kind von der Seite an.

An den langen Wimpern hingen noch die Tränen. Er zögerte, wie sollte er es ihr sagen?

„Philipp kommt wieder, er hat es mir versprochen, ganz fest, er kommt wieder!“

„Britta“, sagte Töffi leise. „Britta!“

Sie sah den verwachsenen Mann an und lächelte. Eine letzte Träne kullerte über die Backe.

„Sie hat mich nur erschreckt, mehr nicht. Aber ich bin nicht traurig.“

Dieser Kinderglaube, wenn man doch auch so zuversichtlich sein könnte, dachte der alte Mann bei sich. Aber er hatte im Leben so viel Schreckliches erlebt und gesehen, Wunder gab es nicht. Philipp war von ihnen gegangen.

„Hast du schon die Hühner gefüttert?“

„Wie?“, er schrak aus seinen Gedankengängen auf. „Nein, ich hab es ganz vergessen.“

„Ich hole die Schüssel, ja?“ Und schon sprang sie die kleine Treppe hinauf und kam mit der blauen Schüssel mit dem Körnerfutter wieder zurück.

„Putt, putt, putt“, rief sie die Hühner, und sie kamen angelaufen und scharrten.

Britta lachte! Sie hatte den Schmerz vergessen, sie war wieder getröstet.

Töffi lehnte den Kopf an den Türpfosten und hatte Tränen in den Augen. Der Schmerz saß tief, riss alte Wunden wieder auf. Nun würde nur noch Einsamkeit um ihn sein. Eines Tages würde auch dieses Kind gehen, und dann gab es nichts mehr, auf das er sich freuen konnte.

Tränen rannen in die dichten Bartstoppeln, aber Britta sah es nicht.

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DAS LEBEN GING SEINEN Gang. Die Töchter wussten nun auch um den Verlust des Vaters. Sie trauerten nicht um ihn, war er doch im Grunde genommen ein Fremder für sie gewesen. Die Mutter hatte von klein auf zwischen ihnen gestanden. Er war nicht an sie heran gekommen. Sie fühlten wohl, dass sie hätten traurig sein müssen, es gelang ihnen aber nicht. Das Leben, das sie jetzt führen sollten, wovon die Mutter den ganzen Tag sprach, ja, darauf freuten sie sich. Alle Freundinnen würden sie darum beneiden.

Die Trauerfeierlichkeiten waren vorüber. Man durfte die schwarzen Sachen wieder in den Schrank hängen. Jetzt würde das Vergnügen, so richtig beginnen. In der Kreisstadt sollten sie jetzt leben, mitten im Trubel.

Britta ging zwischen ihnen umher. Sie saß am selben Tisch, sah und hörte ihnen zu. Alle wunderte sich über ihre seltsame Art. Man hätte von ihr mehr Trauer und Kummer erwartet, liebte sie Philipp doch abgöttisch. Aber Britta sagte nur immer wieder: „Er kommt wieder, ich weiß es genau!“

Alice fuhr manchmal zusammen, wenn sie diese Worte hörte. Aber die Mutter und Monika lachten über das dumme Kind.

Man hatte nicht viel Zeit, sich um die Göre zu kümmern. Die Stuben standen voll Koffer und Kästen. Sie packten, der Umzug stand bevor. Alles, was sie mitnehmen wollten aus dem Heidehaus, musste verpackt werden.

Noch hatte Tulla keinen Käufer für das Haus finden können. In der Stadt würde sie ihre Angelegenheit einem Makler übergeben. Er sollte sich damit herumschlagen, sie wollte nichts mehr damit zu tun haben.

Nur wenige Möbel würde sie mitnehmen, in der Stadt konnte man sich alles neu kaufen. Wie herrlich zu denken, zu planen. Ein Fieber hatte sie ergriffen.

Noch waren erst vierzehn Tage verstrichen. Seit vierzehn Tagen war Philipp tot.

Und eines Morgens war es soweit, ein Möbelwagen keuchte durch den weichen Heidesand. Die Männer fluchten unentwegt.

„Sie sollten eine feste Straße bauen“, sagte der Vorarbeiter zu Tulla.

„Warum? Ich habe sie nicht mehr nötig. Wir ziehen ja heute um. Der nächste Besitzer soll sich darum kümmern.“

„Uns ist es egal, Hauptsache, wir kommen auch mit dem vollen Wagen wieder aus der Sandwüste heraus.“

Sie versprach ihnen ein großzügiges Trinkgeld. Damit gaben sie sich zufrieden.

Töffi sah den Wagen, und er hatte eine Ahnung, was das bedeuten sollte.

So schnell es seine krummen Beine zuließen, lief er auf das Haus zu. Auf der Terrasse stieß er mit Tulla zusammen. Sie überwachte das Aufladegeschäft.

„Was geht hier vor?“, fragte er ernst.

Tulla drehte sich um und sah ihn scharf an, ihre Stimme war eiskalt. „Dir bin ich wahrhaftig keine Rechenschaft schuldig“, sagte sie.

„Nein, das nicht, aber ich bin Philipps Freund, ich muss es wissen.“

„Wir ziehen in die Stadt. Und damit du es weißt, die goldene Zeit hat für dich jetzt auch ein Ende. Der neue Besitzer wird es bestimmt nicht zulassen, dass du umsonst auf seinem Grund und Boden lebst.“

Er war außer sich und schrie sie an: „Kaum vierzehn Tage ist dein Mann tot. Bist du besessen? Kennst du so wenig Mitleid? Du solltest dich schämen!“

Tulla wurde zornig. „Scher dich zum Kuckuck oder meinetwegen auch zur Hölle, ich will dich nicht mehr sehen.“

„Wie sehr hat er dieses Haus geliebt, wie sehr“, murmelte der alte Mann, „und nun wirfst du es fort wie ein Stück alte Ware. Du sollst dich besinnen. Glaub’ mir, das gibt noch ein Unglück. Ich warne dich. Ehre die Dinge, die Philipp heilig waren, ich flehe dich an. Geh nicht fort, bleib.“

Sie lachte amüsiert auf.

In diesem Augenblick fiel sein Blick auf Britta. Verstört saß das kleine Mädchen auf einer Kiste und sah mit traurigen Augen um sich. Sie hatte ihr Köfferchen fest an sich gepresst. Die Tränen wollten ihr kommen, aber sie war tapfer und schluckte sie  hinunter.

Das geliebte Heidehaus musste sie nun verlassen, und die Mutti war weit fort. Das arme, kleine Herz bebte und zitterte vor Furcht.

Töffi wandte sich zu der Frau um. „Und was hast du mit dem Kind vor?“

„Britta? Nun, ich schicke sie fort, ich habe nichts mit ihr zu tun. Sie gehört nicht zu uns, ich habe schon zu viel Langmut bewiesen. Aber jetzt kann ich sie nicht gebrauchen, sie wird mich in der Stadt nur stören.“

„Aber die Mutter ist doch nicht da.“

„Ich weiß, ich geb sie in ein Kinderheim. Ja, ich bezahle sogar für diese Zeit. So schlecht, wie du denkst, bin ich gar nicht. Siehst du, ich denke an alles!“ In Töffis Fäusten zuckte es. Am liebsten hätte er sie geschlagen. Sie war eine Frau, die keine Barmherzigkeit kannte. Dieses kleine, sensible Mädchen fortzugeben, in ein Heim! Er konnte so viel Hartherzigkeit nicht begreifen.

„Das werde ich nicht zulassen“, sagte er ruhig.

„So“, sagte sie spitz. „Willst du mir Vorschriften machen?“

„Nein, aber Britta kommt nicht, in ein Heim, dafür sorge ich!“

„Und wie, wenn man fragen darf?“

„Britta!“, er hörte gar nicht mehr auf die Worte der Frau. „Britta!“, rief er noch einmal.

Sie sprang auf und lief zu ihm. „Onkel Töffi, ich muss fort aus dem Heidehaus“, schluchzte sie.

Er strich ihr mit seinen alten Händen über das helle Haar. „Ja, ich weiß, ich kann es auch nicht ändern. Es ist schrecklich, Britta, ich bin auch traurig. Möchtest du bei mir bleiben, bis deine Mutter dich holen kommt?“

„Bei dir, Töffi, in dem niedlichen Häuschen soll ich wohnen?“

„Wenn du möchtest?“

Sie sahen sich an, lächelten und fassten sich bei den Händen.

„Oh, wie schön!“, flüsterte sie voller Staunen. „Ich kann es gar nicht glauben.“

„Britta kommt mit mir“, sagte Tulla hart.

Er drehte sich um, und trotz seiner Kleinheit maß er sie von oben bis unten.

„Vom ersten Augenblick an habe ich gemerkt, dass du eine minderwertige Person bist. Nur Philipp hat es nicht gemerkt, der Gute. Geh in dein Leben zurück, und du wirst dort landen, wo dich Philipp einst herausgezogen hat. Geh und lebe dein lasterhaftes Leben, aber wage ja nicht, ein Wort über das Kind zu sagen. Es bleibt bei mir, und ich werde es hüten wie meinen Augapfel, als Vermächtnis von Philipp!“

Nun war Tulla doch erbleicht. In ihrem Gesicht zuckte es. Die Töchter hörten zu und schwiegen. Bevor er noch ein Wort sagen konnte, rauschte sie davon.

„Komm“, sagte Töffi ruhig und nahm das Kind bei der Hand.

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DIE AUGEN WAREN GESCHWOLLEN und verklebt. Nur mit Mühe brachte er sie einen Spalt breit auf. Aber das, was er gesehen hatte, war so grauenvoll, dass er sie gleich wieder schloss. Der Atem kam flach, und seine Gedanken regten sich nur zögernd. An nichts konnte er sich mehr erinnern. Nur diese schaukelnde Bewegung, sein ganzer Körper wurde davon in Mitleidenschaft gezogen. Und er musste überall Wunden haben, heftige Schmerzen machten sich bemerkbar.

Philipp stöhnte leise. Dann erst hörte er die anderen Geräusche. Tausendfach angestimmt,fremde Laute von Vögeln und Tieren. Ich muss wissen, wo ich bin, dachte er und öffnete abermals die Augen. Die Fratze, die ihn anblickte, ließ sein Blut stocken. Und dann auf einmal begriff er. Sie waren abgestürzt, und nun befanden sie sich im Urwald von Australien. Diese schaukelnde Bewegung wurde durch das Tragen verursacht. Es mussten mehrere dieser braunen, schrecklichen Gesellen sein. Er wollte ihnen ein Zeichen geben, dass er nun wach war und selber gehen wollte. Aber er war gefesselt. Stumm sah er in die riesigen Baumkronen. Jost entdeckte er eine Weile später, die kleinen Wilden schleppten schwer an dem dicken Mann. Jost war wach, und sie sprachen miteinander.

„Zum Teufel, was soll das heißen?“, knurrte er.

„Verdammt, wie soll ich das denn wissen!“

„Kannst du dich entsinnen, wie wir hierhin gekommen sind?“

„Wir sind mit dem Flugzeug abgestürzt, vielleicht erinnerst du dich und hast jetzt genug von mir als Pilot.“

Jost grunzte und warf ihm einen Blick zu. „Warum?“, fragte er spöttisch. „Ich habe schon immer gesagt, niemand kann dich übertreffen. Bei einem anderen hätte ich mir das Genick gebrochen, wir aber leben noch.“

Philipp schwieg.

Sie wurden durch Flussläufe und Bäche geschleppt. Unermüdlich kämpften sich die sehnigen, braunen Männer durch das Dickicht. Hin und wieder wechselten sich die Träger ab. Das taten sie im Laufen, und Philipp und Jost wurden unsanft herumgeworfen. Jeder Knochen tat ihnen weh, und das Gekreisch der Tropenvögel raubte ihnen bald die Besinnung.

„Bestimmt tragen sie uns zu einer Missionsstation“, knurrte Jost zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.

„So? Und dafür haben sie uns gefesselt? Nein, mein Lieber, ich habe nicht das Gefühl, sie sehen mir zu barbarisch aus. Hast du nicht gesagt, im australischen Busch gäbe es noch Menschenfresser?“

„Hör auf, du machst mich krank. Ich versuche die ganze Zeit nicht daran zu denken, und du sprichst den Gedanken aus!“

Philipp stöhnte leise vor sich hin. „Beim Teufel, sie müssten doch unser Fehlen bemerken und eine Suchmannschaft losschicken Ich habe nicht den Wunsch, in einem Kochtopf dieser Wilden zu landen.“

„Wie lange mögen wir ohnmächtig gewesen sein?“, fragte der Freund.

„Ich weiß es nicht, ich habe keine Uhr mehr. Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Aber wie ich sehe, hast du deine verdammte Tasche immer noch bei dir. Wie kommt das?“

„Ich werde sie wohl auch im Sturz festgehalten haben Freue dich, so sind wir nicht ganz wehrlos.“

„Nein?“

„Ich sagte dir doch, ich habe mein Chirurgenbesteck bei mir, und vielleicht erinnerst du dich, dass man als Arzt auch Skalpelle haben muss!“

„Welch ein Trost,ein Revolver wäre mir aber lieber“, spöttelte Philipp.

Die Männer, die sie schleppten, gaben nun seltsame Laute von sich.

In einem bestimmten Abstand wurden sie immer wiederholt. Dann kam eine Antwort. Nun liefen sie noch schneller, wenn dies überhaupt möglich war. Endlich traten sie aus dem Regenwald heraus und befanden sich in einer tiefen Schlucht. Die Bäume traten zurück, und damit waren sie aber auch der Hitze ausgesetzt. Mit einem Ruck wurden sie zu Boden geworfen, und dort lagen sie wie zusammengebundene Hühner und konnten sich nicht regen.

Sie befanden sich in einem Dorf, und es war so primitiv, dass sie das Gefühl hatten, in die Steinzeit zurückversetzt worden zu sein. Jetzt konnten sie auch ihre Retter genau ansehen. Es waren schwarze Wilde mit sehr hässlichen Gesichtern und gelben Zahnstummeln. In die Nase hatten sie ein rundes Holz gepresst, was ihre Gesichter noch wilder erscheinen ließ. Die Haare waren verfilzt und fettig und rochen abscheulich. Auf den verkrusteten Körpern liefen kleine Tiere herum. Die Männer fingen sie hin und wieder und knackten sie genussvoll.

„O mein Gott“, stöhnte Jost und verdrehte die Augen.

Die im Dorf gebliebenen Wilden und ihre Frauen kamen näher, liefen aber gleich wieder kreischend davon. Endlich wurden sie befreit, und sie konnten aufstehen. Eine hagere Gestalt stand vor ihnen. Sie war bunt bemalt, und Philipp nahm an, dass es der Häuptling sei. Sie konnten sich nicht verständigen, es sei, in der Zeichensprache. Die Männer ringsum lachten und machten freundliche Gesichter, aber Erstaunen lag in ihren Augen. Wahrscheinlich hatten sie noch nie einen Weißen zu sehen bekommen. Die Gefangenen wurden aufgefordert, mitzukommen. Man wies ihnen eine Hütte zu. Philipp trat ein und wäre bald zurückgestolpert, so sehr stank sie. Aber er durfte die Wilden nicht verärgern. Sie waren frei. Zwar wurden sie ständig beobachtet, und so bald sie sich ein wenig außerhalb des Krals bewegten, war immer gleich ein Krieger mit einem Speer hinter ihnen. An eine Flucht war also nicht zu denken. Die beiden Männer hockten sich vor den Eingang, und sahen immer wieder zum Hauptplatz hinüber. Dort brodelten Töpfe, und auf einmal fühlten sie ihren Hunger. Aber als sie sahen, wie diese Mahlzeiten zubereitet wurden, und was alles hineingeworfen wurde, drehte sich ihnen der Magen um.

„Was nun?“, fragte Jost.

„Weiß der Teufel, zuerst einmal leben wir noch und sind nicht einmal verletzt. Nun gibt es nur eines, wir müssen flüchten!“

„Weißt du auch in welche Richtung?“

„Nein, aber das müssen wir eben auskundschaften.“

In klobigen Holzschalen wurde ihnen etwas zu essen gebracht. Es sah nicht sehr einladend aus. Beide Männer schüttelten den Kopf. Die Wilden blickten sie erstaunt an und begannen sogleich, vor ihren Augen alles in sich hineinzuschlingen.

„Etwas müssen wir aber essen“, meinte Philipp, „sonst schwinden unsere Kräfte. Wir müssen an unser Vorhaben denken.“

„Das weiß ich auch, aber ich glaube nicht, dass ich diesen Fraß zu mir nehmen kann. Mein Magen ist zu zartbesaitet.“

Da entdeckte Philipp zu seiner Freude eine Staude Bananen und Nüsse. Um was für Nüsse es sieh handelte, wusste er nicht. Aber sie waren noch in der Schale und sahen appetitlich aus. Er zeigte darauf und dann auf seinen Mund. Der Wilde war überrascht und lachte, aber gutmütig trabte er los und brachte ihnen das Gewünschte. Später sollten sie erfahren, dass diese Kost hauptsächlich für die Schweine der Wilden vorgesehen war. Die Einwohner selbst aßen weder Bananen noch Nüsse. Heißhungrig verschlangen die beiden Weißen ihr karges Mahl. An einer sprudelnden Quelle stillten sie ihren Durst und kühlten sich auch das Gesicht und den Oberkörper.

Sie wurden von einer Menge Leute umringt, die sie angafften. Waschen war auch etwas, was diese Naturkinder nicht kannten. Alles in allem wurden sie ausgesucht höflich und freundlich behandelt. Nur fortgehen durften sie nicht. Wie sollten Philipp und Jost auch wissen, dass sie so etwas wie Götter für die Wilden waren. Sie waren fremde Wesen, groß und seltsam, man musste sie bei guter Laune halten, sonst würde etwas Schreckliches auf die armen Eingeborenen zukommen. Sie lebten ständig in der Furcht vor den Göttern. Bis jetzt hatten sie noch nie welche gesehen, und darum konnten sie sich auch keine klare Vorstellung machen. Aber diese zwei fremden Wesen waren bestimmt Götter, und sie waren gekommen um zu sehen, ob sie auch alles taten, was sie ihnen befahlen.

Die Nacht brach unvermittelt herein. Jost kroch in die Hütte, aber sie war so voller Ungeziefer, dass er schnell wieder zum Vorschein kam. Um ihre Hütte standen eine Menge Krieger, sie wollten die Götter schützen. In der Dorfmitte war ein großes Feuer entfacht und zu ihren Ehren wurden groteske Tänze aufgeführt. Die Hütten waren klein und mit Palmenblättern bedeckt. Das Leben spielte sich wohl in der Hauptsache unter freiem Himmel ab.

Wie würde es weitergehen? Sie konnten keine Antwort darauf finden. Immer wieder horchten sie nach oben, ob sie keine Flugzeuge hörten. Aber wenn sie auch welche hören würden, wie sollten sie ihnen denn ein Zeichen geben?

Nein, sie durften nicht verzweifeln,solange noch ein Funke Leben in ihnen war, durften sie nicht aufgeben. So teuer wie möglich würden sie ihr Leben verkaufen. Dazu waren sie fest entschlossen. Jost lehnte an der Hüttenwand und schlummerte. Philipp fand lange keinen Schlaf.

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DIE SCHMATZENDEN UND knackenden Laute waren nicht zu überhören. Die Wilden aßen oder vielmehr fraßen und schlangen alles in sich hinein. Die Schweine wurden totgeschlagen und gleich geröstet, ohne dass man sie ausnahm. Auch Schlangen und alle möglichen anderen Kriechtiere wurden verzehrt.

„Ich träume jede Nacht von einer Schüssel knuspriger Bratkartoffeln“, sagte Jost.

„Hör auf, vom Essen zu reden, ich werde sonst noch krank“, rief Philipp.

Seit über zwei Wochen — nach ihrer primitiven Zeitrechnung — hausten sie nun schon bei den Wilden. Die ganze Zeit hatten sie nichts anderes als Bananen und Nüsse zu sich genommen.

„Oder einen saftigen Rinderbraten“, sinnierte Jost weiter. Er war sichtlich abgemagert, und die Haut schwabbelte um seinen Körper.

„Ich schlag dir gleich den Schädel ein“, knurrte der Freund und stand auf.

„Geh doch mal zu ihnen und frage, ob wir nicht ein Stück von einem Schwein bekommen können, wir würden es uns selbst am Spieß braten. Ich kann keine Bananen mehr sehen!“

„Ich will versuchen, was sich machen lässt. Aber womöglich werden sie mich gar nicht verstehen.“

„Ach, streng dich ein wenig an. Sieh mal, wie schlapp ich schon bin. Ich brauche unbedingt Fleisch, wenn ich bei Kräften bleiben will.“

Philipp musste lachen und sagte: „Wenn ich mich nicht irre, haben sie heute gar keine Schweine geröstet. Ich habe kein Gequieke vernommen.“

„Nein, sie haben aus dem Busch etwas mitgebracht. Die Krieger waren ja lange genug fort.“

„Schön, ich will mein Glück versuchen. Röste du inzwischen ein paar Bananen auf den Steinen in der Sonne. Vielleicht geben sie dann einen anderen Geschmack und unser Menü wird etwas feudaler.“

Philipp schlenderte zur Dorfmitte und blieb eine Weile verschwunden. Jost sah ihm nach und kroch auf allen Vieren zu den heißen Steinen. Er kratzte sich angewidert. Dieses Ungeziefer! Das Waschen mit kaltem Wasser half nicht viel.

Ein Schatten fiel auf ihn, und als er hinblickte, bemerkte er Philipp. Er war totenbleich. Er trug auch kein Essen bei sich. Aufstöhnend warf er sich auf die Erde und keuchte.

„Was ist denn los? Bist du krank oder hast du einen Sonnenstich?“

„Lass mich, sonst werde ich noch verrückt!“

„Wollten sie dir nichts abgeben von ihrem Fleisch?“

„Doch!“, stöhnte er, drehte sich um, würgte und erbrach sich.

„Was ist denn los? So erzähle doch!“

„Weißt du, was sie heute dort rösten, die Wilden?“

„Wie soll ich?“

„Jost, sie haben fünf kleine Kinder zusammengebunden und haben die Absicht, sie zu rösten. Vielmehr sind sie schon dabei, sie ...“

„Hör auf“, schrie Jost und wurde schneeweiß. Sein Haar sträubte sich.

„Es sind tatsächlich Menschenfresser“, stöhnte Philipp. „Ich möchte bloß gerne wissen, warum sie uns bis jetzt noch verschont haben.“

„Vielleicht sind wir noch nicht schmackhaft genug.“

„Du wirst ja immer dünner, das müssen sie doch sehen!“, rief der Freund.

„Oder wir werden für eine große Festlichkeit aufgespart. Wer weiß, vielleicht sucht der Häuptling sich bald eine neue Frau, und wir sind dann der Festschmaus!“

Die beiden Männer sahen sich lange an.

„Sind es ihre eigenen Kinder?“, fragte Jost entsetzt.

„Ich glaube nicht, die Krieger haben sie bestimmt von einem anderen Stamm geraubt.“

Jost krabbelte hoch. „Ich muss das untersuchen. Ich geh hin!“

„Bleib! Ich sage dir, es ist ein schrecklicher Anblick, ich flehe dich an!“

Doch der Arzt war schon fort. Philipp lief zur Quelle, schöpfte mit der Hand Wasser, trank und wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Wie lange sollte die Qual noch anhalten? Lieber schnell sterben, als ständig den Tod vor Augen haben. Er war schrecklich müde. Aber sie durften nie beide zusammen schlafen, sie mussten auf einen Angriff achten und bereit sein.

Sie hatten die Flugzeuge gehört, und nichts war geschehen, keine Suchtruppe war bis zu ihnen vorgedrungen. Von oben hatte man wohl die Absturzstelle nicht sehen können. Die Bäume versperrten die Sicht.

Jost kam zurück.

„Du verdammter Kerl!“, schrie er Philipp an. „Mir so einen Schrecken einzujagen!“

„Wieso?“

„Das sind keine kleinen Kinder, sondern Koalabären.“

„Wirklich?“

„Ja, ein bisschen verstehe ich von der menschlichen Anatomie. Aber du hast recht, im ersten Augenblick habe ich das auch angenommen. Es war ein grauenhafter Anblick. Erst bei näherer Betrachtung erkannte ich die Wahrheit. Wie ist es. Koalafleisch soll nicht schlecht schmecken.“

„Du kannst meinetwegen davon essen, aber ich bringe keinen Bissen über meine Lippen.“

„Na schön, dann bleiben wir halt bei unseren Bananen. Schau’, eine ist schön braun. Hier nimm sie, ich leg die anderen auf den Stein.“

Philipp aß, obwohl sein Hunger verschwunden war.

„Vielleicht sollten wir selbst auf die Jagd gehen und etwas schießen.“

„Womit?“

„Du hast ja recht. Man müsste es lernen, wie die Wilden mit dem Blasrohr oder dem Speer umzugehen. Aber ich wüsste nicht, welches Wild wir erlegen könnten.“

„Vielleicht Papageien?“, ulkte der Arzt.

„Ich denke allen Ernstes daran.“

„Du vergisst, dass sie uns nicht fortlassen? Ich brauch bloß bis zum Buschrand zu gehen, schon sind ein paar von den Gesellen hinter mir. Feixen mich an, spielen mit dem Speer in der Hand. Nein danke, ich bin froh, dass sie uns mit Bananen versorgen.“

„Willst du dein Leben hier beenden? Wir müssen uns gut mit ihnen stellen. Nur einer von uns geht auf die Jagd. Wenn wir immer wiederkommen, werden sie größeres Vertrauen zu uns bekommen.“

„Ich weiß nicht“, sinnierte der Arzt. „Irgend etwas braut sich zusammen. Was es ist, kann ich nicht sagen. Ich habe das Gefühl, als gehe ihnen die Geduld mit uns aus. Vielleicht verlangen sie Wunder von uns!“

„Wieso?“

„Vielleicht halten sie uns für Götter. Und Götter, die nur essen und nichts leisten, sind für sie wertlos.“

„Daran habe ich noch nicht gedacht!“, meinte Philipp sorgenvoll.

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VIELLEICHT WAREN DIE Fremden doch keine Götter oder Geister. Der Häuptling machte sich Gedanken. Aßen Götter kein Schweinefleisch? Nichts nahmen sie von den üppigen Mahlzeiten, die sie ihnen zu Ehren zubereiteten.

Seine Krieger hatten die beiden Männer unter Flaschenbäumen liegend entdeckt. Es war Nacht gewesen, und sie hatten an Spione der Feinde geglaubt und sie daher mitgeschleppt. Als sie später ihre Beute betrachtet hatten, waren sie hocherfreut über den wunderbaren Fund gewesen. Waren sie wirklich heilig?

Götter saßen nicht den ganzen Tag herum, ohne Wunder zu vollbringen.

Jost und Philipp merkten den Stimmungsumschwung. Ihre Wirte grinsten nicht mehr so freundlich. Irgend etwas führten sie im Schilde, aber was war es?

Sicher, sie kannten nur Waffen und Werkzeug aus Stein. Aber dafür waren sie in der Überzahl. Sollten sie bei Nacht flüchten? Aber der Regenwald war tief, und sie wussten nicht einmal genau, wo die Küste lag. Und nur zur Küste durften sie fliehen, ins Land weiter hinein, das würde ihren Untergang bedeuten.

Schon Wochen mussten sie bei den Wilden leben. Die Welt da draußen hatte sie bestimmt schon aufgegeben. Philipp sah oft in der Nacht Britta und Steffi vor sich, und er biss die Zähne zusammen. Immer nur diese beiden Gesichter, nie das Gesicht seiner Frau oder seiner Töchter. Er wollte Jost, fragen, ob auch er von der Heimat träume, aber er schämte sich.

Eines Tages lag das Dorf wie ausgestorben da. Nichts regte sich. Ihre Augen brannten. Sie starrten zur Häuptlingshütte herüber. Dort waren alle versammelt. Würde jetzt der Kampf losgehen? Jost hatte sich ein Skalpell zugesteckt, und auch Philipp trug eines unter seinem Hemd.

Sie kamen! Alle hintereinander. Der Häuptling zuerst. Einige trugen einen Jungen und legten ihn vor ihre Füße. Er mochte ungefähr zehn Jahre alt sein. Es war der Sohn des Häuptlings. Jost sah Philipp an. Was sollte das bedeuten? Schweigend standen die Wilden um sie herum, kein Laut war zu hören. Es herrschte eine unerträgliche Spannung. Der Junge wand sich vor Schmerzen. Sein Herz raste. Schweiß stand auf seiner Stirn, und er stöhnte vor Qual.

„Er ist krank, und nun erwarten sie von uns, dass wir ihn heilen.“

„Das merk ich auch“, knurrte Jost.

„Los, tu was, du bist Arzt!“

„Ich bin Gehirnchirurg“, gab dieser zurück.

„Ist doch jetzt egal, du wirst es doch können, oder?“

Jost stand auf und begann den Jungen zu untersuchen. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Philipp hielt den Atem an.

„Sein Blinddarm ist entzündet“, sagte Jost und drehte sich zu seinem Freund um.

„Kannst du ihm helfen?“

„Sicher, eine so simple Operation könnte ich in jedem Krankenhaus vornehmen. Schließlich habe ich mein Studium nicht umsonst gemacht.“

„Ich will wissen, ob du es hier kannst, Jost?“

„Hier?“, er sah den Häuptling an. „Weißt du, die Instrumente habe ich ja bei mir, und Äther hätten wir auch, aber ich werde es nicht tun“, schloss er fest. „Die Verantwortung ist zu groß.“

„Sie werden uns umbringen, wenn wir den Jungen sterben lassen. Sie erwarten anscheinend ein Wunder von uns.“

„Dann tu du’s doch“, brauste Jost auf.

Philipp war enttäuscht.

„Nein, mein Freund, wenn ich dem Jungen helfe, und er wird gesund, weißt du, was dann passiert?“

„Nein?“

„Wir werden in dieser elenden Schlucht unser Leben beenden und nie in die Zivilisation zurückkehren. Denn, wenn sie erst merken, was für Kräfte in uns wohnen, werden sie uns nie mehr fortlassen.“

Daran hatte Philipp nicht gedacht,bei Gott, Jost hatte recht.

„Aber der Junge darf doch nicht sterben.“

„Nein, das habe ich auch nicht vor. Ich habe eine gute Idee. Sie könnte sogar unsere Rettung sein. Wir müssen ihnen begreiflich machen, dass ich dem Jungen nur helfen kann, wenn wir ans Meer gehen. Wir müssen alle Beredsamkeit aufwenden.“

„An die Küste?“

„Ja. Wenn wir die Küste erreichen, stoßen wir sicher auf Siedler, weiße Siedler, und dann sind wir gerettet!“

„Du willst den todkranken Jungen durch den Urwald schleppen? Jost, er wird es nicht überleben.“

„Es ist die einzige Chance hier wegzukommen. Weißt du vielleicht eine bessere?“

„Nein.“

„Außerdem, wenn es zum Schlimmsten kommen sollte, kann ich mich ja immer noch unterwegs zu der Operation entschließen.“

„Du bist ein Optimist“, murmelte Philipp.

Jost stand auf und begann in Zeichensprache mit dem Häuptling zu sprechen. Es war schwer, ihm klarzumachen, was sie vorhatten. dass der Junge krank war, sah der Vater. Und diese weißen Männer wollten ihm helfen, aber nicht hier? An einem Fluss? Nein, noch breiter, viel mehr Wasser wollten sie dazu. Der Häuptling hatte die Küste noch nie gesehen. Doch eine Überlieferung erzählte von einem riesigen Wasser im Westen. Aber bis dahin mussten sie mehrere Tage quer durch den Wald. Er nickte. Er hatte verstanden. Dann ging er, sich mit seinen Kriegern zu beraten. „Glaubst du, dass sie es tun werden?“

„Ich weiß es nicht.“

Der Häuptling kam zurück. Unmissverständlich machte er ihnen in Zeichensprache klar, wenn der Junge sterben würde, müssten auch sie sterben. Jost schauderte vor Entsetzen.

Der Junge wurde in eine Hängematte gebettet, und die Hälfte der Krieger schloss sich diesem Marsch an. Der Arzt drängte auf Eile.

Diesen Marsch durch den Regenwald, ohne Aufenthalt, fast ohne Rast, würde Philipp nie in seinem Leben vergessen. Der Junge stöhnte laut, er musste schreckliche Schmerzen ausstehen. Sie rannten um das Leben. Eingekesselt von den Kriegern, konnten sie an eine Flucht gar nicht denken. Jost stolperte mit seiner Tasche neben dem Jungen her. Jede Schaukelbewegung verursachte diesem große Schmerzen. Nur in der Nacht lagerten sie kurz, machten eine Rast und aßen. Der Knabe bekam nur frisches Wasser, er durfte seinen Magen nicht belasten.

So ging das über drei Tage und Nächte. Zerstochen, mürbe und mit Blasen an den Füßen, glaubten sie schon nicht mehr daran, je an die Küste zu kommen. Jost Jaspers roch das Meer zuerst, auch die Wilden wurden aufgeregt, sie mussten diesen neuen Geruch geschmeckt haben. Sie hoben witternd den Kopf.

Am vierten Morgen, im Licht der aufgehenden Sonne, sahen sie das Farmhaus in einer Mulde liegen. Die Wilden blieben sofort stehen und strebten in den Urwald zurück. Aber Jost zeigte auf das Haus. Sie hatten fürchterliche Angst. Sie ließen den Jungen fallen und rannten davon.

„Los, Philipp, fass mit an, wir bringen den Jungen ins Farmhaus.“

Sie hoben ihn hoch und schleppten ihn über den Anger. Das Haus schien ausgestorben zu sein. Keine Menschenseele zeigte sich. Doch in diesem Augenblick schlug ein Hund an. Jost keuchte und sah sich um. Die Sorge um den Sohn ließ den Häuptling die Angst vergessen. Er kam ihnen nach, krampfhaft den Speer in der Hand, immer auf dem Sprung zu fliehen.

Die beiden Männer umrundeten das Haus und fanden den Hund an der Kette. Er raste wie verrückt. Die Küchentür ging auf, und ein Mischling — wohl die Köchin — trat heraus. Als sie den Aufzug sah, rannte sie schreiend davon.

„Los, in die Küche mit ihm. Ich muss sofort operieren, sonst macht er es nicht mehr lange. Kannst du mir helfen?“

„Auf keinen Fall. Ich kann kein Blut sehen. Ich bin auch zu ungeschickt, glaube ich“, knurrte Philipp.

„Tu nur, was ich sage. Los, wir legen ihn hier auf den Tisch. Ein Glück, dass heißes Wasser vorhanden ist. Und sauber ist es hier auch. Komm, ich zeige dir, wie man die Narkose macht. Geh, stell dich nicht so zimperlich an!“

Der Kapitän hatte keine Wahl, er musste tun, was der Freund ihm sagte. Der Junge zitterte vor Angst, seine Augen verdrehten sich. Noch nie hatte er ein Haus gesehen, auch der Häuptling schlotterte an allen Gliedern. Sie kümmerten sich nicht weiter um ihn. Jost machte die Narkose fertig, und bald war der Junge ins Reich der Träume verschwunden. Als er jetzt sein Besteck hervorholte, um die Bauchdecke zu öffnen, kam Leben in den Häuptling. Den Speer fest in seiner Hand, sprang er vor. Er wollte Jost umbringen. Philipp sah es im letzten Augenblick und warf ihm einen Holzstuhl an den Kopf. Er brach zusammen.

„Binde ihn, ich darf jetzt nicht gestört werden.“

Limberg tat wie ihm geheißen. Dann war es in der Küche sehr still.

Jaspers pfiff durch die Zähne. „Das war aber buchstäblich im letzten Augenblick. Ein Prachtexemplar von Blinddarm.“ Er ließ schwer atmend die Arme sinken.

An der Tür entstand ein polterndes Geräusch. Ein weißes Ehepaar und die entlaufene Köchin starrten in die Küche.

„Was geschieht denn hier?“, fragte der Mann entsetzt, als er den Wilden unter dem Tisch liegen sah.

„Ich operiere, bleiben Sie draußen!“

„Hören Sie mal, Mann, das ist mein Haus. Was fällt Ihnen ein, hier einfach einzubrechen?“ Sie hatten englisch gesprochen. Jetzt fluchte Jost laut auf deutsch, vernähte gleichzeitig die Wunde und verband sie anschließend.

„Wir brauchen ein Zimmer und ein Bett für den Jungen. Die ersten Tage muss er unter meiner Obhut bleiben.“

„Sie sind Deutscher?“, rief die Frau freudig überrascht.

„Klar, Madame, warten Sie, gleich sind wir fertig!“

Limberg hielt es jetzt für angebracht, den Bewohnern zu erklären, wieso sie diesen Einbruch gewagt hatten. Der Mann lachte erleichtert, und die Frau zeigte willig eines der Gästezimmer. Jost trug den Jungen in das Bett und deckte ihn behutsam zu.

„Selbstverständlich können Sie bei uns bleiben,übrigens, meine Frau stammt aus Deutschland, ich bin Australier. Aber woher kommen Sie so plötzlich, und was machen wir mit dem Wilden da unter unserem Küchentisch?“ Der Häuptling war inzwischen wieder zu sich gekommen und blickte um sich. Das Zittern hatte aufgehört, nur Staunen war in seinen Augen.

„Ich musste ihn niederschlagen. Wahrscheinlich glaubte er, wir wollten seinen Sohn verspeisen, als Jost mit dem Messer zu hantieren begann.“

Sie lachte. Philipp und Jost versuchten gemeinsam dem Häuptling zu erklären, dass der Sohn eine Weile hier bleiben müsse. Sie brachten ihn in das Gästezimmer und sagten ihm, der Knabe würde bald wieder in den Busch gehen können. Glaubte er ihnen? Er musste wohl, denn die Weißen waren in der Überzahl, und seine Krieger hatten ihn verlassen. Stumm ließ er sich neben dem Bett seines Jungen nieder. Der Kleine war sein einziger Sohn. So blieb er die ganzen Tage reglos sitzen, aß widerwillig von den Speisen der Weißen und war dann nur noch ein Schatten seiner selbst. Sie versuchten mit Hilfe der Köchin seine Sprache zu ergründen, aber diese versicherte, sie noch nie gehört zu haben. Sie waren tatsächlich auf einen Stamm gestoßen, der im Innern verborgen lebte, und den noch kein Weißer entdeckte hatte.

Für die beiden Freunde wurde diese Zeit bei den Farmersleuten eine angenehme Erholung. Sie erzählten von ihrem Abenteuer, ihre Gastgeber staunten. Die Männer baten, noch nicht der Regierung mitzuteilen, dass sie gefunden worden seien. Sie verschmähten den Trubel, der dann einsetzen würde. Ganz still wollten sie nach Hause zurückkehren. Jetzt erfuhren sie auch, dass sie seit über vier Wochen für tot galten.

Das Farmhaus lag an der Eighty Mile Beach, nicht weit vom Ort Broome. Sie waren also an der Westküste. Sie konnten von Glück sprechen, dass sie nicht in der großen Sandwüste abgestürzt waren. Dort wären sie der heißen Sonnen preisgegeben gewesen.

Nach acht Tagen zog Jost die Fäden aus der Wunde und der Junge durfte aufstehen. Staunend besah er sich die Narbe und war sehr stolz darauf. Die Krieger des Stammes hatten sich in den Urwald zurückgezogen. So mussten Vater und Sohn sich allein auf den Weg zu ihrem Stamm machen. Sie bekamen Geschenke von den Weißen. Töpfe aus Metall, geschliffene Messer und Süßigkeiten. Für ihre Gaumen waren das seltene Leckerbissen. Wenn Jost und Philipp allein gewesen wären, hätte der Häuptling sie vielleicht überlistet und wieder mitgenommen. Aber der Hausherr spielte ein wenig mit seiner Flinte, und der Häuptling hatte deren Donnergetöse vernommen und die Wirkung gesehen. Gegen die Blitze der Götter konnte man nicht ankämpfen.

In der Tat, die Fremden waren große Götter! Jetzt wusste er es. Und als sie ihm bedeuteten, er solle gehen, da verstand er, und trollte sich mit dem Sohn in den Busch zurück.

Der Farmer, Herr Jesterton, hatte ein Kabel an die Regierung in Sydney abgeschickt. Diese versprach, der Presse noch nichts von der wunderbaren Rettung der beiden Deutschen zu erzählen. Wenige Tage später erschien eine kleine Maschine der australischen Regierung. Sie sollte die Männer zur Hauptstadt bringen.

Schweren Herzens nahmen sie Abschied von dem netten Ehepaar und versprachen zu schreiben und wenn möglich, sie auch einmal zu besuchen.

Jost atmete schwer, als er das Flugzeug sah. Diesmal führte ihr Weg über die große Sandküste. Philipp begriff, was in dem Freund vorging. Aber tapfer kletterte er in den Vogel und ließ kein Sterbenswörtchen verlauten.

Die Sonne ging gerade auf, als sie abflogen. Der Pilot erklärte ihnen die Route, und darüber vergaß Jost seine Angst.

Trotzdem lachte er erleichtert, als sie endlich in Sydney landeten.

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BOTSCHAFTER BREHM HOB sein Glas und trank den Geretteten zu. „Was Sie mir da erzählen, meine Herren, klingt wie ein Roman. Man kann kaum glauben, dass Ihre Abenteuer wahr sind!“

Jost saß beglückt vor einer mächtigen Speisetafel und hatte für nichts anderes mehr Augen und Ohren. Er strahlte vor Wonne. Philipp blieb es überlassen, Konversation zu machen.

Sie waren wieder mit neuen Pässen und Kleidern ausgestattet und fühlten sich wie Könige. Die Strapazen waren vergessen. Sie hatten nur noch den Wunsch, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen.

„Selbstverständlich steht Ihnen eine Maschine zur Verfügung, Herr Limberg, Sie brauchen nur ein Wort zu sagen. Es wird mir ein Vergnügen sein, Ihnen zu helfen.“

„Ach, wissen Sie, vom Fliegen habe ich im Augenblick genug. Ich möchte mich gerne fliegen lassen, wir nehmen eine ganz gewöhnliche Linienmaschine. Warum sollen wir Kosten verursachen, wo es zu vermeiden ist?“

„Ich sehe, Sie wollen von Ihren Taten kein Aufsehen machen. Sie sind ein merkwürdiges Gespann, meine Herren. Aber ich beuge mich Ihren Wünschen. Ich habe nur den zuständigen Behörden Bescheid gegeben. Wie Sie sehen, lassen wir Ihnen eine Menge Vorsprung. Sobald Sie in Deutschland sind, werden wir der Welt Mitteilung machen. Vorher nicht, wie abgesprochen!“

„Danke, das ist sehr freundlich von Ihnen. Außerdem denke ich an meine Familie. Wir wurden für tot erklärt, und ich möchte nicht, dass sie durch die Presse von unserer Auferstehung erfahren.“

„Das kann ich verstehen.“

Philipp riss den Freund aus seinen nahrhaften Betrachtungen. „Denk an deine Linie!“, mahnte er lächelnd.

„Dass du mir die kleinste Freude missgönnst, ist nicht nett“, klagte der.

Sie stellten sich an das große Panoramafenster. Philipp dachte an sein Heidehaus und an die kleine Britta. Ob Steffi wusste, dass er als tot galt? Was mochte sie jetzt denken? Und Britta, hatte seine Frau das Kind anständig behandelt? Was mochte Tulla wohl machen? Immer wieder war er versucht, ein Gespräch anzumelden, doch dann hielt ihn etwas davon zurück. Nein, er wollte sie überraschen.

Drei Tage blieben sie noch in Australien, dann hielt sie nichts mehr. Der Botschafter und seine Frau brachten sie zum Flughafen.

„Grüßen Sie mir die Heimat und gute Heimkehr!“

„Danke!“

Sie standen auf der Treppe und winkten ihm zu. Jost krabbelte an ihm vorbei ins Innere.

„Ich bin froh, wenn ich die ganze Fliegerei hinter mir habe. Nie im Leben fliege ich mehr, jetzt habe ich für immer genug davon. Dies ist mein letzter Flug, mein Lieber!“

„Hast du mir nicht gesagt, du wolltest Australien richtig kennenlernen? Nun, und das haben wir doch, meinst du nicht auch?“

Der Vogel hob ab, und sie schwebten über der Stadt. Bald sahen sie auch die Westküste und den Regenwald. Sie blickten herunter und versuchten die Stelle ausfindig zu machen, wo sie die ganze Zeit gelebt hatten. Aber das war schwer, nur ungefähr konnten sie es sich vorstellen. Dann sahen sie das Farmhaus mit dem netten Ehepaar. Danach, über dem Ozean, sprachen sie kein Wort mehr miteinander.

Heimat! Was würden sie vorfinden? Warum klopfte das Herz so seltsam, so eigen?

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TÖFFI SAH VERDUTZT das kleine Mädchen an. Britta lachte schelmisch und spürte seine Unsicherheit. Natürlich musste man baden, wie er das nur vergessen konnte. Aber, beim Teufel, wie sollte er das bewerkstelligen? Er hatte kein Bad! Und das Heidehaus war ja seit Wochen verschlossen. Außerdem sah er in diesem Augenblick wieder einen Riss in ihrem Röckchen.

„Du hast mir doch versprochen aufzupassen“, sagte er vorwurfsvoll.

Britta sah an sich herab und sagte. „Och, der ist schon eine ganze Weile dort, du hast es nur noch nicht bemerkt.“ Er kratzte sich den Kopf. Seit er das kleine Mädchen zu sich genommen hatte, war seine Welt nicht wiederzuerkennen. Alles hatte sie in seinem Häuschen umgekrempelt. Wie friedlich hatte er die Jahre dahingelebt, und nun war dieser Irrwisch hier, und er musste kochen, waschen und nähen. Vom Bügeln ganz zu schweigen, das hatte er gleich zu Anfang aufgegeben.

Zuerst war das Problem mit der Schlafgelegenheit aufgekommen. Er hatte nur ein Bett im Abteil stehen. Es wurde durch eine geblümte Gardine am Tag versteckt. Es war ein recht schmales Bett, also konnte Britta dort nicht schlafen. Das Kind war glückselig über so viel Neuheit. Schließlich und endlich entschieden sie sich für die große Holzkiste neben dem Herd. Sie war groß genug für das kleine Persönchen. Jauchzend machte sie sich daran, die himmelblaue Kiste als Bett umzugestalten.

„Bald wird ja deine Mutter wiederkommen, ist ja nur für eine kurze Zeit gedacht“, meinte er vor Wochen.

„Aber ich lebe ja ganz schrecklich gern bei dir. Zwar war es im Heidehaus wunderhübsch, aber bei dir ist alles lustig und fein.“

So lebten die beiden einträchtig beieinander. Manchmal bekamen sie durch den Schäfer Besuch. Wenn er in der Nähe weilte, kam er stets vorbei. Dann saßen die beiden alten Männer auf dem Treppchen und unterhielten sich. Britta spielte dann im Garten.

„Sie wird dir fehlen, pass nur auf“, meinte der Schäfer gutmütig. „Du hast dich da in eine Sache eingelassen. Bis jetzt hast du friedlich gelebt, aber durch das Kind bist du zu einem neuen Leben erwacht. Was willst du machen, wenn es fort ist und der neue Besitzer des Heidehauses kommt?“

Töffi schmauchte sein Pfeifchen und sah den blauen Wolken nach. „Ich weiß, ich weiß, aber sollte ich es denn zulassen, dass man sie in ein Heim steckt?“

„Natürlich nicht, ich hätte auch so gehandelt.“

„Bis jetzt ist das Haus noch nicht verkauft. Ich mache mir erst Sorgen, wenn sie da sind, früher nicht.“

Jetzt in diesem Augenblick musste er an das Gespräch mit dem Schäfer denken.

„Mutti badet mich jede Woche, manchmal auch öfter, je nachdem wie schmutzig ich bin!“

„Dass du schmutzig bist, das sehe ich, aber wie machen wir es denn? Kannst du in dem kleinen Bach baden?“, fragte er hoffnungsvoll.

„Nein, das ist nicht richtig, außerdem viel zu kalt.“ Und dann hüpfte sie von einem Bein aufs andere. „Ich hab’s, weißt du was, wir nehmen einfach die Regentonne, jawohl. Wir kippen sie aus, machen warmes Wasser, und als Dusche nehmen wir die Gießkanne, ja, das ist fein!“

Der alte Mann schmunzelte über das ganze Gesicht. „Wie die Lady befehlen. Machen wir uns ans Werk! Was du immer für Einfälle hast, du liebe Güte!“

„Was gibt es heute zu essen?“, forschte die kleine Naschkatze.

„Blaubeerkuchen mit viel Zucker!“

„Fein, die mag ich schrecklich gerne. Töffi, da musst du 100 Stück für mich machen!“

„Mach ich!“

Auf den Herd wurde ein großer Topf gestellt, und bald siedete das Wasser.

Mit vereinten Kräften machten sie sich ans Werk, das Bad zu richten. Endlich war es soweit! Handtuch und Seife lagen parat, und Britta sprang als Nacktfrosch in das Fass. Was gab es da für ein Gelächter und Gejuchze. So viel wie in den letzten Wochen hatte Töffi schon jahrelang nicht mehr gelacht. Die Gießkanne stand bereit. Britta konnte sich schon ganz allein waschen. Bald kam wieder ein rosiges, sauberes Mädchen zum Vorschein. Zum Anbeißen süß sah sie aus.

„Jetzt kommt die Dusche“, jauchzte sie.

Ernst holte Töffi sie hervor und kippte den Inhalt über die sich windende Britta.

„Oh, uh, ah, das ist ja kaltes Wasser!“, schnaufte sie.

„Das ist gut, meine Dame, sehr gut gegen Rheuma.“

„Was ist Rheuma?“, wollte sie wissen.

Ihre Wissbegier setzte Töffi immer wieder in Erstaunen. Fast täglich entdeckte sie Worte, die sie noch nicht gehört hatte oder nicht verstand. Dann musste er sie erklären. Das war nicht immer einfach. Ein lebendiges Fragezeichen nannte er sie darum.

Als alles Wasser verbraucht war, hob er sie heraus und stellte sie auf die Wiese.

„Weißt du, ich trockne mich gar nicht ab, die Sonne kann mich ja trocknen, dann hat sie wenigstens etwas zu tun!“

Er lachte und sah zu, wie sie auf der Wiese herumsprang und glücklich war. Sie war wirklich ein nettes Kind. Nie weinte oder maulte sie. Immer war sie zu einem lustigen Streich aufgelegt. Während er so saß und ihr zusah, kam sie ganz schnell heran, legte die Ärmchen um seinen Hals und drückte ihn ganz fest, dass ihr Gesicht vor Anstrengung rot anlief.

„Ich hab dich schrecklich lieb, Töffi. Ganz doll. Zwar nicht so lieb wie Philipp, aber auch sehr, sehr lieb.“

So eine kleine Hexe! Sein Herz war weich wie Butter und zerrann. Er klopfte ihr auf den Rücken und streichelte über die blonden Locken.

„Ich hab dich auch lieb, Britta“, sagte er leise mit zittriger Stimme.

„Wird jetzt bald Philipp kommen?“, fragte sie fröhlich und hüpfte schon wieder zwischen den Blumen herum.

Der Mann hatte aufgehört, ihr zu sagen, dass er nie mehr wiederkommen würde. Ihr Kinderglaube geriet nicht ins Wanken, sie war felsenfest davon überzeugt, dass sie ihren Freund wiedersehen würde, so wie er es ihr versprochen hatte. Aber die drei Wochen waren schon lange vorbei.

„Ich geh jetzt rein und backe die Pfannkuchen. Mach dich aber nicht wieder schmutzig, hörst du?“

„Nein, nein, ich pass auf. Sonst nehme ich einfach noch ein Bad und bin dann doppelt so sauber.“

„Das kostet aber Geld, meine Dame!“ Sie kicherten.

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LIMBERG UND JASPERS waren in Deutschland angekommen. Großer Jubel herrschte auf dem Flughafen. Alle Freunde und Kollegen standen auf dem Rollfeld, als die Maschine landete. Noch immer konnten sie es nicht glauben. Kurz vor der Landung war von der Regierung die Mitteilung eingetroffen. Sie glaubten zuerst an einen üblen Scherz, aber alle waren erschienen, um sich zu überzeugen.

Die Tür öffnete sich, die Treppe wurde herangerollt und Philipp, braungebrannt und strahlend stand da und winkte. Berger heulte vor Rührung und konnte sich kaum beruhigen.

Die beiden Heimgekehrten wurden fast erdrückt. Philipp war sehr erfreut über die echte Zuneigung, die er auf den Gesichtern seiner Kameraden sah.

Trotzdem blieb er nicht lange bei ihnen. Es drängte ihn nach Hause. Das war verständlich. Der Professor hatte um ein Auto gebeten und war in die Kreisstadt weitergefahren. Philipps Wagen war von seiner Frau abgeholt worden. Ein Kollege brachte ihn in die Heide. An einer Gruppe von Latschenkiefern ließ er halten und stieg aus.

„Ich bringe dich gern zum Haus. Du brauchst es nur zu sagen.“

„Nein, nein, ich möchte zu Fuß gehen. Ich muss sie langsam vorbereiten. Schließlich bin ich in ihren Augen tot.“

„Alles Gute, Philipp!“

„Danke!“

Dann ging er weiter. Er trug eine leichte Tropentasche. Darin waren die Geschenke verstaut. Er hatte an alle gedacht. Als er sein Grundstück erreichte, klopfte sein Herz, und er lugte durch die Birkenstämme. Was er zuerst sah, war Britta als Nackedei. Er lächelte, das war ein gutes Zeichen. Jetzt erst wurde ihm bewusst, wie sehr er sie vermisst hatte in der ganzen Zeit.

„Töffi. Töffi kann ich jetzt kommen? Ich rieche sie schon“, trällerte sie und hüpfte von einem Bein aufs andere.

Er ging den langen Sandweg entlang. Da wandte sich das Kind um, sah den Mann, stutzte einen Augenblick, und dann hörte er einen Schrei! Nein, es war ein Jubellaut, so hell und klar! Sie ruderte mit den Armen durch die Luft und schrie: „Philipp, Philipp, oh, du bist endlich gekommen, Philipp!“ Limberg kniete nieder und fing das kleine Persönchen auf. Sie fiel ihm um den Hals, und sie küssten sich stürmisch. Sie lachten und konnten sich nicht satt sehen. Glücklich strahlten die Kinderaugen.

„Du bist ja nass wie eine Katze, die in den Brunnen gefallen ist!“

„Ich habe ja auch in der Regentonne gebadet“, lachte sie fröhlich.

Töffi hatte in der kleinen Küche am Herd den Schrei vernommen und war zur Tür gelaufen. Er sah eine große Gestalt auf der Erde knien. Rasch lief er auf seinen krummen Beinen zurück und holte seine Brille. Es war wirklich Philipp! Er begann zu zittern und musste sich setzen, so schwach fühlte er sich. Dass der Pfannkuchen anbrannte, bemerkte niemand in der Aufregung.

„Philipp lebt“, murmelte er immer wieder.

Nun kam dieser näher, lachend und freundlich wie eh und je! Die Männer sahen sich stumm an, drückten sich die Hände und schwiegen lange Zeit.

Endlich stammelte Töffi. „Sie hat es nie geglaubt, die Britta, sie war felsenfest von deiner Rückkehr überzeugt. Ich konnte es ihr nicht ausreden. Sie hat nicht an deinen Tod geglaubt!“

Philipp hatte das kleine Mädchen auf seinen Schoß gezogen. „Aber du hast daran geglaubt, nicht wahr?“

„Wie konnte ich denn auch anders? Sie sagten es uns, und durchs Radio kam es auch. Ist der Professor auch gesund?“

„Ja, es ist ein Wunder, dass wir tatsächlich noch leben. Aber das ist eine lange Geschichte. Du, was riecht hier denn so?“

Töffi sprang auf. „Meine Blaubeerpfannkuchen“, schrie er.

Aber sie waren gänzlich verkohlt. Die Hühner bekamen auf diese Weise einmal Pfannkuchen als Extraportion. Philipp stand auf. Noch war ihm nicht aufgefallen, wie still es hier war.

„Ja, dann will ich mal weitergehen. Einmal muss ich mich ja wohl zeigen, was meinst du?“

Der Freund hielt ihn am Ärmel fest.

„Geh nicht, Philipp, bleib, iss mit uns zu Mittag. Ich habe genug Pfannkuchen, bleib noch bei uns, Britta möchte es auch, nicht wahr?“

Warum sprach er so erregt, der alte Mann? Philipp kniff die Augen zusammen. „Aber ich muss gehen, meine Frau hat ein Recht darauf zu wissen, dass ich noch lebe! Später komme ich auf dein Angebot zurück!“

„Bleib!“ Tränen rannen Töffi über die runzligen Wangen.

„Warum Töffi? Was erwartet mich denn, dass du mich zurückhalten willst? Ich kenne dich doch!“

„Es erwartet dich nichts, gar nichts!“

„Was soll das heißen?“, fragte er scharf.

„Einmal musst du es doch wissen. Niemand ist im Heidehaus, es ist seit Wochen verschlossen und wartet auf einen Käufer.“ Diese Nachricht traf tief. Der Mann erbleichte.

„Sie ist gleich in die Kreisstadt gezogen, gleich nach der Meldung. Sie blieb keinen Tag länger hier.“

„Oh, mein Gott“, langsam ließ er sich auf die Stufen nieder und vergrub das Gesicht in den Händen.

Töffi ließ ihn gewähren.

„Und das Kind?“, fragte er rau.

„Sie sollte in ein Kinderheim, da die Mutter ja noch nicht daheim war. Aber ich konnte es nicht zulassen. Und so lebt Britta bei mir.“

Er stand auf! „Du musst mich entschuldigen, Töffi, ich muss einen Augenblick mit mir allein sein. Ich muss das erst verkraften.“

Er verschwand zwischen den Rosensträuchern. Britta wollte ihm nach, aber er hielt sie zurück.

„Lass nur, er kommt gleich wieder. Er ist jetzt traurig, wir dürfen ihn nicht stören.“

„Warum ist er traurig?“

„Weil alle fort sind, weißt du.“

„Aber sie werden doch wiederkommen, jetzt ist Philipp wieder ja. Tante Tulla und die Mädchen kommen bestimmt wieder.“

Töffi humpelte zurück. Er wusste darauf keine Antwort. Er litt mit seinem Freund.

Philipp ging stumm um das Heidehaus. Er stand am Forstbruch und sah hinüber in den Wald. Er sah die Schmetterlinge, wie sie durch die Luft gaukelten und seine Blumen. In diesen Sekunden und Minuten erkannte er das wirkliche Wesen seiner Frau.

Jetzt musste er einen Weg gehen, der bitter und hart war. Aber er wusste auch, er hätte ihn schon lange gehen müssen. Rasch wandte er sich um und ging zurück.

Britta flog ihm entgegen. Er presste sie ungestüm an sich. Dieses Kind, dieses kleine, zärtliche Herz, hatte ihn nicht verraten, es hielt zu ihm.

„Mein Goldschatz“, murmelte er in ihre Locken.

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ER KAM, BEVOR TULLA die Nachricht aus dem Radio hören konnte. Er stand vor der Tür und wusste kaum, wie er dort hingekommen war. Das, was er dann sah, ließ ihn zu einem Rasenden werden.

Das Zimmer war dunkel, nur die rote Lampe warf einen flachen Schein in die Mitte des Raumes. Es war heller Tag draußen, aber man hatte die dichten Vorhänge zugezogen. Im Zimmer befanden sich vier Menschen. Die Musik war überlaut. Drei Männer und eine Frau waren anwesend. Sie hielten Gläser in der Hand, tranken und waren stark angeheitert. Sie lachten aus vollem Halse, griffen mit gierigen Händen nach der Frau, und ein wüstes Grölen erfüllte den Raum.

Seine Frau!

Als Philipp auf der Türschwelle stand, verschwamm alles vor seinen Augen. In seinem Kopf war eine große Leere, er begriff nichts. Hatte er eine falsche Adresse erhalten?

Tulla und drei Männer!

Tulla in der Mitte. Tulla mit einem grässlich geschminkten Mund, lachend, kreischend und betrunken. Tulla wie besinnungslos nach der Musik tanzend. Sie war nackt. Das rötliche Licht spielte mit ihrem Körper. Straff hoben sich die Brüste empor. Die Spitzen waren mit Lippenstift nachgedunkelt. Ihr Körper bog sich in Wollust. Ein Mann, halbnackt, stand auf und umarmte Tulla. Sie verschmolzen mit der Musik, waren eins, sie sahen sich und sonst nichts.

„Freddy komm!“, hörte er sie flüstern.

Zusammen glitten sie auf den Teppich.

„Komm, ich bin verrückt nach dir!“

Das schwarze Haar flutete über das Gesicht. Rhythmische Bewegungen, Händeklatschen der anderen Männer.

Philipp stand wie gelähmt, er konnte keinen Schritt vorwärts machen. Ekel stieg in ihm hoch, er wollte fliehen, aber er konnte nicht. Die Musik dröhnte!

Der Mann ließ von der Frau ab. Erschöpft setzte er sich auf den Teppich. Tulla räkelte sich wie eine Schlange, ihre Gebärden waren eindeutig. Die Blicke der anderen Männer wurden gierig. Schon kam einer, beugte sich über sie und keuchte.

„Dass du so toll bist, hätte ich nicht gedacht. Tulla, du hast Feuer im Blut! Du verbrennst uns alle. Du versprichst viel und gibst noch mehr. Wie machst du das?“

„Geheimnis, Schätzchen, ich hab es nötig gehabt, schrecklich nötig. Jetzt können wir alles nachholen, brauchen uns nicht mehr heimlich rumzudrücken. Nun kann die Tulla von einst wieder zeigen, was sie im Fliegerschuppen gelernt hat. Ich bin immer noch die Beste seit eh und je!“

Ein wilder Schrei erfüllte den Raum. Unwillig hob die Frau den Kopf und sah zur Tür. Ihre Augen wurden riesengroß, das Gesicht weiß wie der Tod. Sie wollte aufspringen und fliehen, sie fuchtelte mit den Händen, dann fiel sie in Ohnmacht.

Philipp stürzte hervor, Mordgedanken im Kopf. Die Männer mussten es seinen Augen angesehen haben. Sie sprangen auf, umdrängten ihn und führten ihn mit Gewalt zur Seite.

„Wer ist dieser Kerl?“, fragte einer. „Verdammt, wie soll ich das wissen! Es schellte, und ich ließ ihn rein, dachte, er gehört mit zum Verein!“

Philipp tobte wie ein Irrsinniger. Er hatte Bärenkräfte, warf die Angreifer von sich und unterlief sie, wollte sie zu Boden schlagen. Aber plötzlich kam ihm die Unsinnigkeit seines Tuns zu Bewusstsein. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und sah sie an.

„Verschwinden Sie“, sagte er eisig. „In einer Minute will ich keinen mehr von euch hier sehen! Los, fort, oder ich rufe die Polizei!“

„He, Bürschchen, das kannst du mit uns nicht machen. Wir sind zu dieser Party eingeladen und bleiben, solange es uns lieb ist, kapiert? Willst das Vögelchen da drinnen wohl für dich allein haben, wie?“

Philipp mahlte mit den Backenknochen, seine Hände ballten sich zu Fäusten. Sie waren weichliche Burschen, darum gingen sie vorsichtig zurück.

„Was willst du hier? Wer bist du?“, maulte einer.

„Wer ich bin? Ich bin Philipp Limberg, vielleicht sagt Ihnen der Name etwas!“

Sie waren wie vom Donner gerührt, starrten sich an, wurden rot und wollten sich davonschleichen.

„Aber“, murmelte einer heiser, „die Frau hat gesagt, ihr Mann wäre tot!“

„Auch Tote können wieder auferstehen“, sagte Philipp. „Los, jetzt, raus!“

Sie zogen hastig ihre Kleider an und rempelten sich an, um möglichst schnell aus dem Haus zu kommen.

In wenigen Minuten hatte er die Wohnung von dem Pack befreit. Es sah wüst aus. Flaschen und Teller mit Essensresten standen herum. Erschöpft lehnte er sich für einen Moment gegen die Tür, dann wurden seine Augen hart, und er betrat das Zimmer, in dem er Tulla zurückgelassen hatte.

Spielte sie noch die Ohnmächtige? Rücksichtslos kippte er ihr den Sektkübel über den Kopf. Prustend kam sie hoch, sie öffnete die Augen und wich sogleich zur Wand zurück. Mit den Händen versuchte sie die Blößen zu bedecken. Philipp hob einen umgekippten Sessel hoch, setzte sich und steckte sich eine Zigarette an. Das Licht störte ihn, mit einem Ruck riss er die schweren Samtvorhänge zur Seite. Strahlendes Sonnenlicht erfüllte den Raum.

„Philipp“, stammelte die Frau leise und ängstlich. „Bist du es wirklich oder nur dein Geist?“

„Ich bin es wirklich, und ich lebe!“

Sie fasste sich mit der Hand an den Hals. Angst stieg in ihr hoch. Sie hatte vorhin seine Augen gesehen. Jetzt waren sie allein in der Wohnung. Würde er sie umbringen? Sie zitterte.

Unwillkürlich bewegten sich seine Hände, griffen und lösten sich wieder. Im Geist drehte er ihr den hübschen, weißen Hals um. Er bezwang sich.

„Wie lange geht das Spiel schon?“

„Was meinst du?“

„Du weißt verdammt genau, was ich meine. Los, heraus mit der Sprache, wie lange hältst du mich schon zum Narren?“

„Wieso? Ich fühlte mich als Witwe. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Ich war dir keine Rechenschaft mehr schuldig!“

Er riss seine Frau hoch, starrte in ihr Gesicht.

„Ein Jahr, zwei, das ganze Leben, wie lange?“

„Du tust mir weh“, wimmerte sie leise und suchte nach einem Ausweg.

Zum ersten Mal in seinem Leben vergaß er sich und schlug ihr mitten ins Gesicht. Er stieß sie gegen die Wand.

Sie schrie wie am Spieß. Dieser Schrei brachte ihn wieder zur Besinnung. Er ließ die Hände sinken und wandte sich um.

„Jetzt habe ich dich endlich durchschaut. Jetzt kenne ich dich. Wie müssen sie über mich gelacht haben! All die Jahre! Der Ehemann war ein Tölpel, merkte nichts! Steh auf, sieh mich an! Nein, oh. nein, ich mach mir die Hände an dir nicht schmutzig. Ich habe dich in letzter Zeit nicht mehr geliebt, aber ich war dir treu gewesen — und habe auch an deine Treue geglaubt.“

Sie nahm die Decke vom Tisch und hüllte sich darin ein dann lachte sie gellend auf: „Treue! Was du dir darunter vorstellst? Du törichter Mensch!“ Philipp war ausgelaugt und erschöpft. Er konnte nicht mehr. Wenn er jetzt nicht das Haus verließ, würde ein Unglück geschehen. Ein Würgen saß in seiner Kehle. Er durfte jetzt nicht denken. Nur fort, weit fort, sich verkriechen, weg, sie nicht mehr sehen müssen, dieses widerliche Weib.

Er rannte aus dem Zimmer, und die Tür schlug hinter ihm zu. Tulla war wie erstarrt. Endlich kam Leben in sie, sie setzte sich und kippte mit einem Ruck den Sekt in sich hinein. Langsam ließ das Zittern ihrer Glieder nach.

Der Rundfunk unterbrach die Musik und berichtete von der glücklichen Rettung der beiden Männer. Sie lächelte verächtlich!

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WIE EIN IRRSINNIGER raste Limberg durch die Stadt. Es war ein Wunder, dass kein Unglück geschah. Er hatte aufgehört zu denken. In ihm war alles tot und leer. Wohin? Instinktiv suchte er den alten Zufluchtsort. Sein Wagen fuhr fast automatisch zum Flughafen. Er passierte die Sperre, sah seine Kollegen aus der Ferne wie hinter einer milchigen Glasscheibe. Alles war verzerrt und verworren. Auf dem Feld stand die Maschine, startbereit. Er rannte, sprang hinein und klemmte sich hinter den Steuerknüppel.

Götting riss Mund und Augen auf, als er ihn gewahrte.

„Hallo, aber ich fliege heute mit Steffens, Kapitän!“

Limberg hörte ihn gar nicht, nahm ihn gar nicht wahr. Die Motoren dröhnten auf. Er wartete nicht auf das Startzeichen, die Maschine fegte über das Rollfeld.

Götting schrie ihn an. Er merkte erst jetzt den seltsamen Gesichtsausdruck des Piloten.

„Halten Sie an! Verdammt noch mal, was ist los? Sofort halten Sie die Maschine an!“

Limberg riss das Flugzeug hoch. Vom Kontrollturm kamen erregte Anweisungen. Er warf den Kopfhörer von sich. Da waren sie schon über den Wolken. Er flog!

Die Maschine würde zu Schanden geflogen werden, wenn der Verrückte nicht bald aufhörte, sie so zu traktieren. Götting konnte nichts tun. Einmal hob Philipp den Arm, als wollte er ihn niederschlagen.

Fort! Nicht mehr zurück müssen. Alles vergessen, vergraben, zuschütten. Sich einfach fallen lassen, ein schöner Tod. Nicht leiden müssen. Wie ein Stein sich auf die Erde fallen lassen. Das war gut!

Er musste irrsinnig geworden sein, anders konnte sich Götting das Verhalten Philipps nicht erklären. Aber er wollte nicht sterben. Wenn der andere es vorhatte, er nicht. Aber wie konnte er sich retten?!

„Kehren Sie um! Los, kehren Sie zum Flughafen zurück, verdammt noch mal!“

Nichts geschah. Sie jagten weiter, immer weiter, wie besessen, so, als sei der Teufel hinter ihnen her.

Götting sprang auf: „Feigling, Feigling, wollen Sie wieder fliehen? Sich nicht den Tatsachen stellen? Fliehen ist einfacher. Feigling, Feigling!“

Wie aus einem tiefen Brunnen tauchte das Bewusstsein an die Oberfläche. Plötzlich sah Limberg wieder klar, erkannte den Mann neben sich. Er sah, wie seine Hand den Steuerknüppel umkrampfte, die Messinstrumente bedenklich ausschlugen.

„Walter“, stammelte er und fiel nach vorn.

Der Co-Pilot riss ihn zurück. Er wehrte sich nicht mehr. Zum Glück hatte er sich nicht angeschnallt. Er lehnte erschöpft an der Bordwand. Götting achtete nicht weiter auf ihn. Er wendete die Maschine, konzentrierte sich ganz auf seine Aufgabe. Er dachte: Wenn er mich jetzt von hinten anspringt, dann sind wir verloren. Ich kann nicht fliegen und ihn zugleich abwehren.

Als nichts geschah blickte er sich um. Da stand Philipp an die Tür gelehnt, und Tränen rannen über sein Gesicht. Das Wort „Feigling“ hämmerte in seinem Kopf. Er war sein ganzes Leben feige gewesen. Er hätte viel früher von allem erfahren, aber er hatte immer nur den Kopf in den Sand gesteckt. Nichts hören und sehen müssen, das war seine Devise gewesen. Zitternd glitt er in den Sessel. Er fühlte sich alt und verbraucht!

Der Flughafen lag unter ihnen, sie landeten. Für einige Sekunden war es ganz still in der Kanzel. Götting erhob sich, kalkweiß im Gesicht. Diesen Flug würde er nie vergessen. Sie hatten mit dem Tod gespielt!

„Verzeih mir“, flüsterte Limberg.

Walter sah auf und ihn überkam Mitleid. Wie musste der Arme leiden! Berger rannte herbei, zitternd und mit verstörten Augen. Er nahm Philipp wie ein Kind an die Hand und führte ihn zum Jeep. Sie fuhren zum Flughafengebäude. Berger flüsterte Götting zu: „Du darfst ihm nicht böse sein, Philipp hat heute erfahren, was für ein Flittchen seine Frau ist!“

Alle wussten von dem heimlichen Treiben Tullas.

„Ich bin ihm nicht böse, Berger!“

„Das ist anständig von dir.“

Im Büro des Direktors gab Limberg seine Papiere ab. Er wollte nie mehr fliegen. Er wünschte, zum Bodenpersonal eingereiht zu werden. Sein Gesicht war steinern. Niemand sprach ihn an, als er den langen Flur entlangging. Alle gingen ihm scheu aus dem Wege.

Philipp Limberg war ein gebrochener Mann.

Zwei Tage später reichte er die Scheidung ein.

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DIE DUNKLEN TANNEN standen schwarz gegen den hellen Hintergrund. Philipp hielt unwillkürlich den Schritt an. Soviel Schönheit! Das langgestreckte Gebäude lag in einer tiefen Mulde, und warmer, satter Rasen umgab es wie einen Mantel. Seitwärts entdeckte er den üppigsten Rosengarten, den er je gesehen hatte. Still und kühl wirkte die riesige Halle. Er ging nervös auf und ab und wartete. Endlich hörte er ein Geräusch, und eine junge Schwester kam auf ihn zu.

„Kommen Sie, mein Herr, ich führe Sie zu Frau Fels! Sie befindet sich oben am Rosenhang.“

„Danke, Schwester!“

Der Park war riesig, er hätte sich bestimmt verlaufen. Das Sanatorium lag auf einer Anhöhe. Man hatte einen weiten Blick in das Tal. Auf der Gegenseite stieg der dunkle Tannenwald wieder an.

Steffi Fels lag in einem Liegestuhl und schien zu schlafen. Aber dann öffnete sie die Augen und sah den Mann über sich gebeugt. Sie konnte es kaum glauben, und eine leise Röte zog über das liebliche Gesicht.

„Philipp Limberg?“, sagte sie leise.

„Ja, ich bin es. Ich bin gekommen.“ Impulsiv nahm er ihre Hände und küsste sie. Sie stand auf und blieb vor ihm stehen.

„Sie sehen bezaubernd aus. Gar nicht mehr müde und abgespannt. Ich hätte Sie fast nicht wiedererkannt.“

„Sie Schmeichler!“, lächelte sie. „Kommen Sie, hier in der Sonne ist es zu heiß gehen wir ein wenig unter den Bäumen spazieren.“

Sie wanderten dahin. Seltsam, auf einmal fühlte er keine Scheu mehr diesem Mädchen gegenüber. Es war ihm, als wären sie alte Bekannte. Er konnte sich an dem reizenden Gesicht nicht sattsehen. Wie unberührt und schön! Dann schob sich ein anderes Gesicht dazwischen, und er presste die Zähne zusammen. Er war fürs Leben gezeichnet. Waren nicht viele Frauen so wie Tulla? Konnte er je wieder ohne Vorbehalte mit einer Frau zusammensein?

„Sie fragen gar nicht, weswegen ich zu Ihnen komme?“

Steffi blieb stehen, sie sah ihn an. „Britta lässt sie schön grüßen. Ihr geht es gut, und sie freut sich, wenn die Mutti wieder heimkommt.“

„In drei Wochen ist meine Zeit hier zu Ende.“

„Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, dass Sie sich keine Sorgen zu machen brauchen, dass alles so ist, wie wir es versprochen haben. Sicher haben Sie gewusst, dass ich für tot erklärt worden bin, nicht wahr?“

Das Mädchen setzte sich auf eine Bank. Philipp tat dasselbe.

„Wie gut dass ich krank gewesen bin. Ich habe es nicht gewusst, Ich habe erst durch Ihre Rettung erfahren, was mit Ihnen geschehen war. Wir leben hier friedlich und von der Welt abgeschieden, hören keine Nachrichten und lesen keine Zeitungen. Wir sollen ganz abschalten, und ich glaube, dass ich mich darum so gut erholt habe. Alles hinter sich liegen lassen und nicht mehr denken müssen ! So habe ich keine Ängste ausgestanden um Britta und auch um Sie nicht. Aber jetzt sind Sie hier!“

„Ja, jetzt bin ich hier, und ich bin froh, dass ich gekommen bin!“

„Ja?“

Er sah sie an. Seine guten, grauen Augen suchten die ihren. Sie hielt diesem Blick stand, ruhig und freundlich. Er dachte an die jüngste Vergangenheit. Sein Gesicht wurde hart. Sie spürte, dass er einen geheimen Kummer trug, aber sie mochte ihn nicht zu einer Mitteilung drängen.

„Was sagt denn Ihre Frau dazu, dass Sie hierher zu mir kommen?“

Seine Züge verfinsterten sich noch mehr, und er biss sich auf die Lippen. Er überging diese Frage.

„Dürfen Sie dieses Heim verlassen und mich ein wenig herumführen? Ich liefere Sie auch wieder pünktlich ab.“

„Natürlich darf ich. Kommen Sie, es ist sehr schön hier, und wir wollen die Zeit ausnutzen.“

Sie bestiegen seinen Wagen und fuhren in die Stadt. Aber da war es ihnen zu lebhaft, und so spazierten sie in den Wald. Dort war Steffi ein hübsches Gasthaus bekannt, in das sie einkehrten.

„Wenn Sie heimkommen, werden Sie dann wieder Ihren alten Beruf aufnehmen, Steffi?“

„Natürlich, alles wird wieder so sein wie früher. Nein, halt nicht ganz. Ich habe inzwischen einen Freund gewonnen, einen sehr guten Freund, und da ist doch vieles leichter, und man ist ja auch nicht mehr so einsam.“

Seltsam, Eifersucht quälte ihn in diesem Augenblick. Er wusste schon lange, dass er diese Frau liebte, wie er noch nie zuvor geliebt hatte. Er wollte sie mit allen Fasern seines Herzens nur verwöhnen, gut zu ihr sein. Er verlangte keine Liebe, er hatte nur den Wunsch, dass sie immer bei ihm bleiben möge.

Ihre langen, schlanken Hände zerbröckelten nervös ein Stück Brot. Wenn er sie doch festhalten und niemals mehr loslassen könnte, diese Hände!

„Sie haben diesen Freund hier kennengelernt? Wollen Sie mit ihm ein neues Leben beginnen?“

„Ach nein“, sie schüttelte den Kopf. „Sie missverstehen mich, Philipp. Man muss doch nicht immer an Heirat denken. Heirat zerstört mitunter eine echte, gute Freundschaft. Freundschaft ist oft viel wichtiger.“

„Das finde ich nicht. Freundschaft kann eine tiefere Bindung nicht ersetzen. Wenn Mann und Frau eine Ehe gründen, sind sie dann nicht so etwas wie ein Bollwerk gegen diese Welt? Wenn sie echt zusammenhalten, sich lieben, sich gegenseitig stützen, glauben Sie nicht, dass das viel besser ist?“

„Ich habe solch eine Ehe noch nicht gefunden. Möglich, dass ich mich täusche, dass es sie doch gibt. Vielleicht! Bestimmt sprechen Sie aus Erfahrung, Sie und Ihre Frau leben sicher auf diese Weise zusammen, in Harmonie und Frieden.“

Er wandte sich ab.

„Ich spreche nicht aus Erfahrung, Steffi, nein leider nicht, es ist eine Wunsch, Vorstellung. Verstehen Sie, ich glaube, ich habe mein ganzes Leben nur geträumt mit offenen Augen. Vor einigen Tagen bin ich plötzlich aufgewacht und habe gesehen, wie die Welt wirklich ist. Schmutzig und gemein, roh und brutal. So, wie ich mein ganzes Leben von meinem Häuschen in der Heide geträumt habe, so habe ich auch von einem guten Leben geträumt.“

„Und es ist nicht eingetroffen?“

„Das Häuschen, das wissen Sie ja, ist eingetroffen. Aber man kann nicht alles mit Geld kaufen.“

„Nein, die Liebe nicht“, sagte sie ernst. „Aber muss man sich nicht bemühen, immer wieder? Vielleicht sind die Fehler nicht so schlimm, sind sie zu verzeihen.“

„Ich bin ein Feigling, Steffi. Ja, hören Sie mich an. Ich bin nicht der Held, wie man meint. Ich bin nur ein Feigling, ich bin mein ganzes Leben vor den Tatsachen davongelaufen. Ich habe mir ein Traumreich aufgebaut. Meine Kollegen nannten es Flucht in die Wolken, und das stimmt. Ich habe es nun erkannt.“ Flucht in die Wolken, er hing diesem Gedanken eine Weile nach. Dann richtete er sich auf und sagte leise: „Ich fliege nicht mehr, ich werde nie mehr fliegen!“

Sie starrte ihn an. Er sah gequält und traurig aus. Leise strich sie über seine Hand. Als ihr bewusst wurde, was sie tat, wurde sie rot und zog die ihre schnell wieder zurück. Philipp hatte es gespürt, sein Atem hatte einen kurzen Augenblick gestockt. Wie lange, ach wie lange, war das her, dass ihn eine Frauenhand gestreichelt hatte!

Er trank hastig sein Glas leer.

Es war ruhig um sie her. Sie schwiegen.

„Wir sind vom Thema abgekommen. Wir sprachen von einem Freund, den Sie gewonnen haben. Erzählen Sie mir von ihm, ich möchte ihn kennenlernen.“

Sie hatte Tränen in den Augen. „Ach, Philipp, Sie verstehen mich nicht. Sie verstehen gar nichts!“

„Wieso?“

„Sie bringen mich in Verwirrung. Ich hätte nicht davon anfangen sollen. Wie soll ich Ihnen nur die Wahrheit nahebringen? Sie sind dieser Freund, Philipp.“

Ungläubig blickte er in ihre Augen. Darin las er die Wahrheit. Er öffnete die Lippen und wollte etwas sagen, war aber zu erschüttert.

„Ich?“, flüsterte er fassungslos. „Ich?“

„Ja, Sie waren der Einzige, der in der Not an mich dachte, mir seine Hilfe anbot. Wenn ich dann feststelle, was Sie alles für mein Kind tun und getan haben, muss ich da nicht sagen, dass Sie mein Freund seien?“

„Steffi, Sie wissen nicht, was Sie da sagen!“

„Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie damit verletzt habe.“

„Keine Rede davon, liebe Steffi. Aber begreifen Sie denn nicht? Erinnern Sie sich doch bitte. Vor fünf Jahren habe ich Ihnen meine Freundschaft angeboten, weil ich es dem Kameraden versprach. Mein Wort in seiner Todesstunde war mir heilig. Und was taten Sie?!“

Sie wandte ihr erglühtes Gesicht zur Seite.

„Damals, damals war es alles ganz anders, Philipp. Damals konnte ich nicht. Ich durfte es nicht. Ich musste mich so verhalten, sonst. ..“

Der Mann verstand kein Wort.

„Und jetzt können Sie es?“

„Ja, jetzt ist es überwunden, jetzt ist Gras darüber gewachsen.“

„Ich verstehe Sie nicht, Steffi!“

„Es ist auch besser so. Ich glaube, jetzt müssen wir aufbrechen. Ich muss zum Sanatorium zurück. Und Sie haben noch eine lange Reise vor sich.“

„Wie sie meinen.“

Schweigend fuhren sie durch den Wald heim. Die Gedanken hämmerten wie ein Mühlstein in seinem Kopf. Er hatte das Gefühl, kurz vor der Lösung zu stehen.

„In drei Wochen hole ich Britta wieder ab!“

Sie standen vor dem Portal. Steffi gab ihm die Hand. Er hielt sie lange fest, war ihr ganz nahe, spürte den süßen Duft ihrer Haare. Sie jetzt in die Arme nehmen und küssen! Wie lange hatte er diesen Wunsch in sich begraben. Nun wurde er beinahe übermächtig.

„Grüßen Sie meine Britta und Ihre Frau von mir. Ich danke Ihnen, Philipp, dass sie sich die Mühe gemacht haben, mich zu besuchen. Ich bin sehr glücklich darüber. Hoffentlich kann ich es einmal wieder gutmachen, dass Sie sich Brittas so annehmen!“

„Sprechen wir nicht mehr davon. Ich tue es gern. Noch eins, Steffi. Wenn Sie das Kind fortholen, dann wird es sehr einsam für mich sein. Ich habe mich sehr schnell an die Kleine gewöhnt.“

Sein Kopf neigte sich über ihre Hände. Noch einmal küsste er sie. Die Hände durfte er küssen. Ob sie wohl ahnte, wie sehr er sich danach sehnte, ihren Mund zu küssen? Aber er war zu alt, und sie war das blühende Leben. „Jetzt muss ich gehen!“

„Ja. Das müssen Sie.“

Er bestieg den Wagen.

Sie winkte ihm nach. Er brauste die Auffahrt hinunter, und dann war er im Tannenwald verschwunden. Er sah nicht mehr, wie sie weinte. Hilflos überließ sie sich ihrem Schmerz.

Mit langsamen Schritten ging sie ins Haus zurück. Das Gesicht unbewegt. Niemand sollte sehen, wie sehr ihr Herz zuckte.

Auf der Rückfahrt dachte Philipp, warum er Steffi nichts von der Scheidung erzählt hatte. Hatte er wieder die Flucht ergriffen vor einer unangenehmen Wahrheit?

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24

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WENN DAS KIND NICHT gewesen wäre, wenn der Sonnenschein sein Dasein nicht erhellt hätte, er wäre am Leben zerbrochen, hätte mit sich und der Welt gehadert. Aber so kam er nicht dazu. Sie hielt ihn in Atem, ließ ihm keine Ruhe. Immer war sie da, legte die Arme um seinen Hals, wenn sie spürte, dass er traurig war, war glücklich, wenn er lachte.

Sie hatte es ohne Frage hingenommen, dass die Mädchen und die Tante nicht mehr zurückkamen. Als er es ihr gesagt hatte, war sie stumm geblieben und hatte ihn nur angeschaut.

Sie bewohnten nun das große Haus allein. Es gab Arbeit für sie beide. Dann mussten sie auch noch Töffi besuchen und Töffi besuchte sie. Den alten Schäfer suchten sie bei seiner Herde auf, und sie marschierten stundenlang in der Heide umher.

Heute war ein besonders anstrengender Tag. Schon ganz in der Frühe war Britta aufgestanden und hatte im Haus rumort.

„Um Gottes willen, was machst du denn um Mitternacht?“, rief Philipp von seinem Lager aus.

„Ich putze“, rief sie zurück.

„Marsch ins Bett, bist du närrisch?“ Britta lachte. „Nein, aber du hast gesagt, wenn die Mutti kommt, dann muss das ganze Haus blitze blank sein. Und morgen früh kommt die Mutti, und ich habe noch schrecklich viel zu tun.“

Philipp schmunzelte und schwieg. Er drehte sich auf die andere Seite und versuchte noch etwas Ruhe zu finden. Sich mit Britta in eine Debatte einlassen, war nie gut. Man zog immer den Kürzeren, das hatte er schon gelernt.

Wieder fiel ein Gegenstand zu Boden. Da konnte er nicht mehr liegenbleiben. Er brummte, und Britta hörte es in der Küche.

„Es ist gar nicht mehr Nacht, und die Sonne kommt auch schon hervor. Philipp, du bist ein Langschläfer.“

Die Uhr zeigte erst sechs.

Ächzend stand er auf und kam in die Küche. Britta war in dem Topfschrank verschwunden und warf alles heraus, was ihr unter die Hände geriet.

„Bist du des Teufels?“

„Nein, hier ist es nur schmutzig.“

„Eigentlich verdientest du jetzt einen Klaps irgendwohin!“

„Tu’s doch, du wagst es ja doch nicht.“

„Du, ich warne dich!“

Sie kicherte.

Dann kam ihm ein Gedanke. „Du, ich muss mit dir etwas besprechen.“

„Ja?“

„Sag mal, was mag deine Mutti denn besonders gern? Wir müssen doch morgen ein Essen kochen. Was soll ich also kochen?“

„Hasenbraten mag sie gern!“

„Das ist mir zu schwer, und außerdem gibt es jetzt keinen.“

„Oder Klöße!“

„Kann ich auch nicht.“

„Was kannst du denn?“

„Bratkartoffeln mit Spiegelei!“

Das Kind verzog das Gesicht.

„Töffi kann besser kochen, viel besser“, sagte sie düster.

„Das ist eine Idee! Wir werden Töffi morgen als Koch einstellen.“

„Gut, aber jetzt musst du wirklich aufstehen und mir helfen sonst werden wir nicht fertig!“

„Ich fliege ja schon“, rief der Mann und eilte zum Badezimmer.

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25

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MAMI, MAMI, MAMI!“ Wie ein Pfeil flog das Kind dahin.

Eine junge Frau stieg aus dem Zug, streckte die Arme aus und fing ihr Kind auf. Wild klopften beide Herzen. Für eine ganze Weile waren sie stumm vor Freude. Sie hatten sich wieder, nach so langer Zeit!

„Wie groß du geworden bist“, sagte Steffi und wischte sich die Tränen fort. „Du weinst?“

„Nur aus Freude, Britta. Ach, ich bin ja so froh, dass ich wieder daheim bin, schrecklich froh. Jetzt werden wir immer zusammen sein, wir beide.“

„Ja, Mami, und du erzählst mir abends wieder Geschichten, das kann niemand so fein wie du.“

„Ja, mein Schatz.“

„Guten Tag, Steffi.“ Philipp war langsam näher gekommen.

Unbefangen reichte sie ihm die Hand und lächelte ihn an. „Wie hübsch, dass Ihr mich abholen gekommen seid. Ich bin ganz verwirrt und glücklich. Ich muss mich erst fangen.“

„Komm, Mutti, wir dürfen nicht so lange ausbleiben. Wir müssen Töffi helfen.“

„Wer ist denn das Britta?“

„Ach, das wirst du alles noch sehen. Komm jetzt schnell. Philipp und ich haben schon eingekauft, und Töffi braucht die Sachen. Ach, ich muss dir ja so viel zeigen. Weißt du, Mami, das Heidehaus ist wunder, wunderschön. Können wir nicht immer bei Philipp wohnen? Ich möchte es soooo gerne!“

„Du bist mal wieder ein lebendiges Fragezeichen, Britta. Ich weiß gar nicht, was ich zuerst beantworten soll.“

Philipp lachte. „Das habe ich schon längst aufgegeben.“

Sie waren am Auto angelangt, und er verstaute die Koffer, und dann fuhren sie los.

„Wohin fahren wir zuerst?“

„Zum Heidehaus!“

„Ich wollte eigentlich bei mir vorbeischauen und nachsehen, ob alles für Brittas Rückkehr in Ordnung ist. Ich habe meiner Nachbarin geschrieben. Sie wollte dafür Sorge tragen.“

Philipp Limberg steuerte den Wagen durch die engen Straßen. Er schwieg. Britta würde ihn nun verlassen. Die ganzen Tage hatte er versucht, nicht daran zu denken.

Als er keine Antwort gab, schwieg auch die junge Frau an seiner Seite. Britta sprach um so mehr. Sie war glücklich, endlich die Mutti wieder bei sich zu haben. Sie hatte sie oft vermisst, hatte aber nie geklagt. Sie wollte nicht, dass Philipp darüber traurig wurde. Außerdem war sie ja ein großes Mädchen und wusste, dass die Mutti unbedingt Erholung brauchte.

Das Heidehaus kam in Sicht. Das Tor stand weit offen, und sie fuhren bis zur Garage. Sie stiegen aus, und Steffi blieb versonnen für einen Moment stehen und sah sich um. Wenn man so schön wohnen durfte, konnte man doch nicht traurig sein und bittere Gedanken hegen?

Philipp und Britta schleppten die Einkaufstüten auf die Veranda. Ein alter, verwachsener Mann mit schneeweißen Haaren kam aus der Küche und sah sie lächelnd an.

„Das ist Töffi“, sagte Philipp. „Und das ist Brittas Mutter, Töffi.“

„Willkommen daheim“, sagte der alte Mann und nahm behutsam ihre Hand und hielt sie fest.

Steffi wurde rot. „Aber dies ist doch nicht mein Heim, ich gehöre doch nicht hierher, aber trotzdem vielen Dank für Ihren freundlichen Empfang. Mir wird richtig warm ums Herz!“

Der Frühstückstisch war auf der Terrasse gedeckt. Es fehlte nichts.

„Kommen Sie, Steffi, Sie werden nach der langen Bahnfahrt bestimmt Hunger haben!“

„Ja, und der Kaffee ist noch heiß. Mich müssen Sie entschuldigen, ich habe mich um das Mittagessen zu kümmern. Ich bin der Koch.“

Verwirrt setzte Steffi sich. Wie sollte sie sich das erklären?

„Ist Ihre Frau verreist? Philipp, das hätten Sie mir sagen müssen. Jetzt mache ich Ihnen so viel Arbeit. Dann wäre ich lieber in Bilstein geblieben. Es tut mir wirklich leid.“

Philipp goss den Kaffee ein, trank einen Schluck, bestrich ganz ruhig eins der Brötchen mit Butter und Honig. Erst dann sah er auf. Sie blickte in die grauen Augen, sie waren klar und ernst. Trotz der vielen Fältchen die sein Gesicht durchzogen war er noch ein schöner Mann. Die weißen Schläfen machten ihn nur noch interessanter.

„Meine Frau wird nicht mehr wiederkommen. Das ist ausgestanden für immer. Ich habe vor drei Wochen die Scheidung eingereicht.“

Stille!

Ihr Herz hämmerte. Sie musste sich zwingen, ruhig zu bleiben. Nein, sie hatte kein Recht zu erfahren, warum. Sie fühlte sich hilflos. Irgend etwas musste sie sagen, um die Stille zu unterbrechen.

„So haben Sie die ganze Zeit für Britta gesorgt, Sie allein, Philipp?“

„Ja, und sie war mir ein großer Trost. Ich fand in ihr Halt und Stütze“

„Ist Britta schuld am Zerbrechen Ihrer Ehe? Bitte ich muss es wissen. Wenn dem so ist, dann will ich sofort zu Ihrer Frau gehen und ihr sagen...“ Sie brach ab.

Er beugte sich über den Tisch und fragte gespannt: „Was wollen Sie ihr sagen?“

Sie senkte den Kopf.

„Ach, Steffi, wie harmlos Sie doch sind. Sie hat etwas ganz anderes gesagt.“

Details

Seiten
500
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920314
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v429040
Schlagworte
sammelband schicksalsromane strand juni

Autoren

  • Autor: Alfred Bekker

    Alfred Bekker (Autor)

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Titel: Sammelband 5 Schicksalsromane für den Strand Juni 2018