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Die Raumflotte von Axarabor # 16: Kollision im All

von Wilfried A. Hary (Autor) Marten Munsonius (Autor)

2018 100 Seiten

Leseprobe

Die Raumflotte von Axarabor # 16: Kollision im All

Axarabor, Volume 16

Wilfried A. Hary and Marten Munsonius

Published by Uksak Sonder-Edition, 2018.

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Kollision im All

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Die Raumflotte von Axarabor -  Band 16

von Wilfried A. Hary & Marten Munsonius

Der Umfang dieses Buchs entspricht 75 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Die OSMENT kollidierte im Leerraum, am Rande der Massenballung des Systems Sixsence, da, wo die Atome gewissermaßen noch einzeln gezählt werden können, mit einem Objekt mittlerer Masse und eigentlich gar nicht mal so heftig, so dass es eigentlich kaum zu Beschädigungen hätte kommen sollen.

Normalerweise.

So erwartete man es zumindest.

Bis die Bord-KI Alarm gab, weil das krasse Gegenteil eintraf.

Und der Alptraum begann...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Cover: 3000AD 123rf mit Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Beide Objekte, das Schiff mit Namen OSMENT und das unbekannte DING waren sehr schwer, und auch wenn es nur mit geringer Drift zu dem Einschlag kam, wurde daraus eine echte Katastrophe. Denn so ein Schiff der Entdeckerklasse wie die OSMENT mit vielen Kilometer langen Lebensröhren, war ja alles andere als unzerbrechlich mit ausgeschalteten Schutzschirmen. Ganz im Gegenteil. Und es war ja nicht nur die schiere Masse, die sich da hineinbohrte: Dieses DING, das der Erste Offizier in einem ersten Impuls einfach „NoSinn“ nannte, bevor er starb, leuchtete und blitzte nämlich dabei unaufhörlich, und die Dutzenden von Schockwellen, die dabei entstanden, zerstörten immer mehr Lebensröhren, Maschinenräume und „grüne Batterien“, wie man die Bestückung auf terraformierbaren Planeten für die zukünftigen Pflanzen-Lebensräume nannte.

Die OSMENT war... verloren – kein Zweifel!

Das Schiff schien von innen heraus zu glühen. Wie im Fieber, wie ein waidwundes Tier. Die explosionsartig entweichende Atmosphäre gefror sofort in der Weltraumkälte nahe absolut Null und versprühte sich wie feiner Eisnebel in das Vakuum. Gefolgt von Metallteilen und Kunststofffragmenten.

Und über der Ebene, wo die NoSinn eingeschlagen war, schaffte es keine der angedockten Rettungskapseln, auch nur rechtzeitig vom Schiff wegzukommen.

Dutzende von traurig glühende Sternenschnuppen, in die sie sich durch die frei werdende Energie verwandelten, beleuchteten das Schiff, glühten noch einmal in aller Stärke kurz von innen heraus auf und vergingen innerhalb weniger Sekunden, umgeben von sich rasch verteilenden rötlichweißen Wolken aus Blut und bald gefrorenen Luftmolekülen.

Da gab es keine Überlebenden. Alles wurde von einer energetischen Entladung gefressen, die mit Leichtigkeit alle Abschirmungen, Metalle und sogar Schutzschilde überwand. Falls es den Leuten, die mit einer Rettungskapsel fliehen wollten, überhaupt noch gelang, solche Schutzschilde zu aktivieren.

Unterhalb der Einschlagebene sah es zunächst allerdings besser aus.

Einige wenige Rettungskapseln konnten sich von der OSMENT lösen und schienen es doch tatsächlich zu schaffen, in Richtung des Systems der Sonne Sixsence fliehen zu können.

Eine einzelne Lichtlanze, dann gleich darauf drei weitere Lichtlanzen, eine Art Blitze von unglaublicher Lichtintensität und Hitze aus dem DING, das später auch den offiziellen Namen NoSinn erhielt, schienen nach den Rettungskapseln zu greifen, die viel zu nah beieinander waren und bereits nach dem Treffer der zweiten Lichtlanze zu verglühen begannen.

Diese Lichtlanzen waren lediglich eine Art Randerscheinungen der radikalen Zerstörungen, keine gezielten Angriffsmanöver, zu denen hier niemand mehr in der Lage gewesen wäre.

Wie auf einer gigantischen Bühne in dieser ansonsten fast völligen Leere senkte sich gnädig eine Art Leichentuch aus Dunkelheit und Weltraumkälte über die Szene, als dieses Glühen allmählich verebbte.

Im Weltraum, im Vakuum, kann man keine Schreie hören – nicht das Stöhnen von Verwundeten und nicht das letzte Flüstern von tödlich Verletzten. Nicht einmal die Explosionen ihrer Körper, wenn sie von ihrem eigenen Innendruck zerrissen wurden, sobald sie nichts mehr gegen das Vakuum schützte. Ihre zerfetzten Überreste, sogleich schockgefroren, verschwanden einfach. Die Unendlichkeit verschluckte sie.

Alle!

Und niemals würde wieder von ihnen etwas wiedergefunden werden können. Als hätten sie niemals existiert.

Aber auch das „Ding“ musste einen gehörigen Blutzoll zahlen! NoSinn war zwar massig-massiv, jedoch erheblich kleiner, und eine der Lebensröhren der OSMENT stach mitten in das HERZ des unbekannten Raumschiffes wie das Schwert eines Rächers der untergegangenen OSMENT.

Es gab nach der Berührung mit unbekannten Materialien unerklärbar heftige Reaktionen in Form von vernichtenden Detonationen, während sich halb geschmolzene Legierungen mit Masseteilchen des NoSinn-Schiffes verbanden und in Sekundenbruchteilen die Besatzung jenes Schiffsabschnittes tötete.

Nicht so gravierend als würde Antimaterie auf Materie treffen, aber doch vergleichbar.

Keine Überlebenden!

Auch hier!

Die Besatzung konnte nichts dagegen tun. Sie wurde von einem Moment zum anderen komplett ausradiert.

Zumindest an dieser Stelle, denn... gab es vielleicht doch noch... Ausnahmen?

Angeblich sollte sogar ein Abschnitt der lanzenähnlichen Lebensröhre der OSMENT, die bis tief in das Herz des fremden Schiffes vorgedrungen war, dabei in mindestens genauso unerklärlicher Weise erhalten geblieben sein.

Falls die Gerüchte stimmen sollten...

Diese Gerüchte basierten auf eher dürftig gelungenen Aufnahmen, die mittels Nanosonden nach Axarabor gelangten, neben dem letzten Kommentar des 1. Offiziers über die NoSinn, unmittelbar vor seinem Tod.

Diese Nanosonden: Das war modernste Technik, hier unmittelbar angewendet. Die OSMENT hatte schier unzählige dieser Nanosonden mitgeführt. Deshalb so viele, damit zumindest eine am Ende ihr Ziel erreichen konnte – im Falle eines Falles.

Und diese Katastrophe, das war ja genau so ein Fall des Falles!

Ja, trotz der vernichtenden Katastrophe gelang es immerhin ein paar dieser Sonden, Axarabor zu erreichen. Der Rest war entweder verloren gegangen oder aber, sie hatten es nicht geschafft, überhaupt erst auf die Reise zu gehen.

Vielleicht, weil es eben doch noch Überlebende gab, allen Anzeichen zum Trotz? Die noch Sonden zurückhielten, um sie von ihrem letzten Kampf ums Überleben berichten zu lassen?

Ja, bloß ein Gerücht. Für Axarabor. Und man überlegte dort trotzdem ernsthaft, eine Untersuchungskommission, bestehend aus Experten, zu entsenden, die in der Lage waren, so etwas wie Ursachenforschung zu betreiben. Wobei jetzt schon keinerlei Zweifel darüber bestand, diese Katastrophe als einen unerhörten Angriff auf ein Schiff der Flotte von Axarabor einstufen zu müssen!

Der Angriff eines Feindes, den man allerdings erst einmal noch identifizieren musste, um sich mit der gebotenen Härte dafür zu rächen.

NoSinn?

Obwohl es bei ihrer Ankunft längst zu spät sein würde, irgendwem noch zu helfen, wenn überhaupt der unwahrscheinliche Fall eintrat, Überlebende zuzulassen. Denn allein bis die Sonden Axarabor erreicht hatten...

Und dann, bis die Untersuchungskommission dann endlich vor Ort sein würde...

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Die Zentrale jenes Schiffes, das der 1. Offizier der OSMENT NoSinn genannt hatte, ehe es ihn regelrecht zerfetzt hatte, war beinahe unbeschädigt geblieben! Doch die ganzen Anzeigen waren erloschen, die Bildgeber zeigten ebenfalls nichts mehr an, und in der Dunkelheit, verursacht durch den Ausfall sämtlicher Systeme, war eigentlich nichts mehr erkennbar.

Eigentlich!

Aber die Führungselite in der Zentrale des Schiffes bestand nicht aus Menschen. Sie waren noch nicht einmal entfernt menschenähnlich. Das betraf auch ihre Augen, die in dieser Dunkelheit zwar nicht sehen konnten wie am hellen Tag, aber doch genug, um sich umzuschauen.

Die „NoSinns“ sahen aus wie eine irre Kreuzung aus Spinnen und Haien.

Die Spinnenform bezog sich auf ihre acht Gliedmaße, von denen jeweils die Hälfte für Fortbewegung und als Greifwerkzeuge diente. Aber auch der tropfenförmige Spinnenkörper mit den dicht stehenden schwarzen Tasthaaren vertiefte den Eindruck einer Riesenspinne, immerhin mit einem Durchmesser von fast einem Meter.

Darüber dann... der Haikopf!

Die weit auseinander liegenden Augen, die eine einhundertachtzig Grad Umsicht ermöglichten, die geblähten Nüstern, die auch Wasser aufnehmen konnten, um es durch die am Übergang zum Spinnentorso vorhandenen Kiemen wieder abzulassen, was natürlich eine zusätzliche Wasseratmung ermöglichte, dann das Haifischmaul mit den wie spitz zugeschliffen aussehenden Zähnen...

Ein Mensch hätte wohl einen Schock bekommen allein schon beim Anblick.

Und in der Tat: Es hatte in der fernen Vergangenheit durchaus Menschen gegeben, die einem solchen Schock ausgesetzt gewesen waren. Bei der ersten Begegnung nämlich mit den NoSinns.

Dabei war ihr furchterregendes und zugleich auch aus der Sicht eines Menschen mit seinen ästhetischen Vorgaben, um nicht zu sagen Vorurteilen, ekelerregendes Aussehen allein nicht das Schlimmste für einen Menschen: Wenn sie sprachen, kamen aus ihrem Haifischmaul Druckwellen, die innerhalb einer Distanz von anderthalb Metern immer noch so gewaltig wirkten, dass sie beinahe alles pulverisierten. Sogar gewisse Metalle und Kunststoffe, wahrscheinlich sogar Gestein!

Ein Glück, dass sie in geschlossenen Räumen nicht viel redeten. Obwohl sie in der Regel besondere Materialien verwendeten, die äußerst stabil wirkten und weitgehend unempfindlich gegenüber diesem enormen Schalldruck. Denn ihre Verständigung untereinander funktionierte nicht nur verbal, sondern auch halbtelepathisch. Solche zerstörerischen Laute stießen sie vor allem unter Wasser aus, wo das wie ein Echolot wirkte.

Unter Wasser kommunizierten sie auf diese Weise bevorzugt, denn halbtelepathische Unterhaltungen führte man nur, wenn es nicht anders ging, wie beispielswiese in der Zentrale, bevor man durch die eigene Stimme doch noch irgendwelche Instrumente und Anzeigen beschädigte.

Und natürlich mit engen Vertrauten.

Dass ihr Schiff überhaupt mit der OSMENT kollidiert war, das war keine Absicht gewesen, obwohl es aus der Sicht der OSMENT zwingend so erschien. Beide Schiffe waren rein zufällig am Rande der Massenballung des Systems Sixsence praktisch gleichzeitig materialisiert. Etwas, was der Wahrscheinlichkeit nach nicht in aller Ewigkeit jemals passieren sollte und in diesem speziellen Fall dennoch passiert war.

Der Raumabschnitt, aus dem sie stammten, war von Axarabor aus schon vor Jahrtausenden entdeckt worden. In den Sternenkarten wurde der Bereich X-Dor-23Y genannt.

Die ersten Kontakte konnte man einfach nur als verheerend bezeichnen, denn die Unterschiedlichkeit der beiden Arten war unüberbrückbar, weil so etwas wie Missverständnisse vorprogrammiert waren. Beinahe wäre dabei sogar ein Krieg ausgebrochen zwischen den beiden so unterschiedlichen Völkern: Die Menschen, die allein schon vom Anblick schockiert wurden und nicht einsahen, mit Wesen zu kommunizieren, die allein schon durch Sprechen jeden töteten, der es wagte, ihnen zu nah zu kommen...

Die NoSinns, die sich selbst eine Bezeichnung gegeben hatten, die man eigentlich nur mit Menschen übersetzen konnte, was allerdings für die „wahren Menschen“ irgendwie keinen Sinn ergab...

Da hatte der 1. Offizier der OSMENT nicht falsch gelegen, als er NoSinn gesagt hatte. Zumal er anscheinend der einzige an Bord gewesen war, der ein solches DING von einem Raumschiff schon einmal in einer Beschreibung über den Sektor X-Dor-23Y gesehen hatte.

Ansonsten war jegliche Beschreibung dieses Sektors und der NoSinns sowieso eher nebulös gehalten und bot sehr viel Freiraum für eigene Interpretationen, um nicht zu sagen eigenes Raumfahrergarn. So wurde der Sektor, der ja nun schon seit Jahrtausenden zur absolut verbotenen Zone erklärt worden war, aus wirklich naheliegenden Gründen, von den Raumfahrern nur DER SCHRECKEN genannt.

Angeblich gab es immer wieder verbotene Expeditionen dorthin, weil man sich das Finden wertvoller Schätze erhoffte – oder weil das Verbotene sowieso ganz besonders lockte? -, doch es war jedenfalls noch niemals jemand zurückgekehrt, um davon zu berichten.

Dass umgekehrt die NoSinns den gesamten Teil der Galaxis, in dem mehr oder weniger die Menschen dominierten, sei es als das Imperium von Axarabor oder seien es Bereiche verlorener Siedlerwelten, ebenfalls als VERBOTEN erklärt hatten, konnte man natürlich genauso nachvollziehen.

Und jetzt dieses unglückliche Zusammentreffen, das zwangsläufig in einer Katastrophe hatte münden müssen, weil keine der beiden Parteien rechtzeitig hatte reagieren können.

Weil man beim Eintreten einer eigentlich absoluten Unmöglichkeit eben nicht reagierte und weil in diesem Fall auch keine KI mangels entsprechender Programme in der Lage war, zu reagieren.

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Der Kapitän der NoSinn iii-Doctaar war der erste, der sich von dem Schock erholte: Sie hatten ihr Schiff verloren! Und das, was sie jetzt noch umgab, war eigentlich kein Schiff mehr, sondern einfach nur noch ein besserer Trümmerhaufen, der irgendwie noch so zusammenhielt, dass es noch atembare Atmosphäre gab.

Er bellte seine Befehle – und das im wahrsten Sinne des Wortes, wobei er sich natürlich nicht in Richtung der Kontrollen wandte, um keine zusätzlichen Beschädigungen zu riskieren.

Die anderen beiden in der Zentrale, die gleich ihm überlebt hatten, reagierten sofort, bemüht, dem Kapitän nicht zu nah zu kommen. Das war unter den NoSinns gewissermaßen obligatorisch ob ihrer Stimmgewalt. Denn ihre unmenschlichen Körper waren ja nicht unverletzbar.

ii-Maschtix war als 1. Offizier nicht nur der Stellvertreter des Kapitäns, sondern vor allem für die Technik zuständig, i-Furdox war der Vertreter der einfachen i-Besatzung und eigentlich in der Zentrale nicht unbedingt nötig. Hier war er nur der Repräsentant seiner Leute und ihr Vermittler gegenüber der Schiffsführung, denn nur ein i-Offizier durfte i-Leuten persönlich Befehle erteilen.

Aber er sorgte sich natürlich um seine i-Leute.

Wie aber sollte er herausfinden, ob auch nur einer von denen überlebt hatte, wenn er vielleicht gar nicht die Zentrale verlassen konnte und außerdem keines der Instrumente mehr funktionierte, weil keine Energie mehr darauf lag?

Das Energieproblem wurde jedoch im Handumdrehen von ii-Maschtix gelöst. Anscheinend gab es eine Art Notaggregat für die Zentrale, von dem i-Furdox nicht einmal etwas geahnt hatte.

iii-Doctaar zeigte sich zumindest diesbezüglich zufrieden, was er mit einem deutlichen Zittern seiner langen Spinnenbeine zum Ausdruck brachte. Das erzeugte ein Rascheln wie in einem Blätterwald bei Sturm.

Ein paar der Anzeigen flammten auf. Es gab sogar ein Bild von einem Versorgungstunnel. Und dann wurde noch ein weiteres Bild eingeblendet: Ein Teil des großen Schiffes, mit dem die NoSinn kollidiert war, hatte sich tief hinein gebohrt und dabei die Hauptenergieversorgung komplett ausgeschaltet. Der Versuch, sie wieder in Gang zu bringen, würde eine gewaltige Detonation provozieren, was den endgültigen Untergang der ineinander verkeilten Wrackteile bedeuten würde.

Eine Anzeige war besonders alarmierend, fand Kapitän iii-Doctaar: Es war die biometrische Anzeige, die ihm sagte:

In dem Teil, das sich tödlich in sein Schiff gebohrt hatte, gab es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch Leben!

Was für eine Art von Leben?

Das, was während der Kollision und in den Sekundenbruchteilen davor hatte aufgenommen werden können, war ohne Aussagekraft. Ein gigantisches Schiff mit einem Durchmesser von mehreren Kilometern? Welche Rasse in diesem Universum war denn so verrückt, ein solches Ungetüm zu bauen und zu welchem Zweck?

Dabei hatte iii-Doctaar bislang angenommen, selber das größte überhaupt denkbare Schiff zu kommandieren. Obwohl es gegenüber der OSMENT beinahe wie ein Beiboot gewirkt hatte.

Ein Beiboot jedoch mit ungeheurer Masse, weil die NoSinns ganz besonderen Wert auf Masse und Beständigkeit und Stabilität legten.

Was in diesem Fall allerdings die Katastrophe nur noch vergrößert hatte. Genauso wie der Permanentschutzschirm letztlich die OSMENT zu einem Schrotthaufen hatte werden lassen, in dem es nur noch stellenweise genügend eingeschlossene Atmosphäre für ein Überleben gab, das man nur noch in Stunden messen konnte.

Höchstens!

Und für iii-Doctaar stand ganz klar der eigentliche Schuldige fest: Die OSMENT hatte sie bei der Materialisation am Ende ihres letzten Sprunges absichtlich blockiert mit ihrer Übergröße und Übermasse, und weil ihr Schiff trotzdem vielleicht heil geblieben wäre, hatten die Feinde in einem letzten Aufbäumen dieses Bruchstück hinein gerammt, wie zum Todesstoß!

Und ein paar der Feinde zumindest befanden sich auch noch genau dort im Innern!

Wollten sie jetzt hierher in die Zentrale kommen, um den letzten Überlebenden der NoSinn den Rest zu geben?

iii-Doctaar zweifelte in diesem Moment nicht mehr daran.

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Die Zentrale der OSMENT existierte nur noch zum Drittel. Einer der wenigen überlebenden Menschen darin war Captain Golden Dawn. Seine Verdienste bei den letzten Missionen hatten ihm dieses äußerst begehrte Kommando über die OSMENT ermöglicht. Wie hätte er auch nur ahnen können, dass bereits der erste Flug zu einem solchen Disaster werden würde?

Er wusste, dass bereits automatische Nanosonden unterwegs waren nach Axarabor, um dort über die Katastrophe zu berichten, aber nach dem Ausfall aller Systeme würden ihnen höchstens noch Stunden bleiben zum Überleben. Wenn das überhaupt reichte. Auf jeden Fall zu wenig Zeit, um auch nur den Hauch eines Überlebens zu sichern, das immerhin bis zur Ankunft eines Rettungsteams hätte andauern müssen.

Captain Golden Dawn hatte noch einige dieser Sonden zur Verfügung. Er stand in ständiger Verbindung mit ihnen, übermittelte ihnen ununterbrochen alle Daten, über die er verfügte.

Viele waren es ja nicht gerade.

Er konnte persönlich noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, was überhaupt passiert war, wie es zu dieser Katastrophe hatte kommen können. Das mussten dann wohl die Empfänger dieser Daten selber auswerten, auch was die Zuordnung durch den 1. Offizier betraf, der ja das Wort NoSinn in den Mund genommen hatte.

Von seiner Warte aus gesehen, war jedenfalls nicht wirklich erkennbar, ob es sich eben um jene Fremdrasse handelte, über die man noch dermaßen wenig wusste.

Sicher war für ihn nur eines: Dieses Ding hatte sich in sein Schiff gebohrt, um es mit unwiderstehlicher Gewalt zu zerstören, wobei niemandem die Flucht gelungen war, wirklich niemandem!

Die Rettungskapseln, die normalerweise der Besatzung in der Zentrale zur Verfügung standen, hatte es als erstes gekostet. Sie waren ganz einfach detoniert. Deshalb war von der Zentrale eben nicht mehr viel übrig und hatte nicht nur der 1. Offizier sein Leben lassen müssen.

Für Dawn war ganz klar: Dieses fremde Schiff hatte die Kollision absichtlich herbeigeführt. Was da aufgeblitzt war, das waren starke energetische Schutzfelder gewesen.

Offensichtlich waren die Angreifer davon ausgegangen, dass sie dadurch genügend geschützt waren, um selber keinen Schaden zu nehmen. Und außerdem hatten diese Schutzfelder für die eigentliche Zerstörung der OSMENT gesorgt.

Konnte es denn noch offensichtlicher sein, dass es sich um einen tödlichen Angriff gehandelt hatte?

Ja, hätten sie im Augenblick der Materialisation um die OSMENT herum selber Schutzschirme aufgebaut, hätte eine Chance bestanden, doch das hatten sie nun einmal nicht. Weil sie im Zielsystem niemanden erwartet hatten. Denn dieses war doch erst entdeckt und eindeutig als frei von intelligentem Leben eingestuft worden.

Es war für Captain Golden Dawn nicht erkennbar, aus der zerstörten Zentrale heraus, ob die Angreifer ihr selbstmörderisches Vorgehen überhaupt selber überlebt hatten. Ob diese Schutzschirme wirklich bis zuletzt hatten durchhalten können?

Er ahnte ja noch nicht einmal, dass die Parmenentschutzschirme der NoSinn natürlich nicht stark genug gewesen waren, um das Schlimmste zu verhindern. Die NoSinn-Besatzung hätte die Schutzschirme dazu verstärken müssen, was sie nur dann getan hätte, wäre das wirklich ein Angriff auf die OSMENT gewesen.

Und so ging eigentlich die Katastrophe weiter – für alle Überlebenden an Bord beider Wracks. Sowohl für die Menschen auf der einen Seite als auch für die NoSinns auf der anderen Seite: Einer sah in dem anderen den Todfeind, gegen den man alles tun musste, um vielleicht doch noch eine verlängerte Überlebenschance zu erhalten.

So konnte aus dem Unfall letztlich ein Krieg auf engstem Raum werden, anstatt dass man sich zusammengerauft hätte, um gemeinsam eine Strategie zu entwickeln, möglichst alle Überlebenden zumindest so lange durchzubringen, bis endlich Hilfe kommen konnte.

Ein Krieg zunächst nur hier, an Ort und Stelle, aber er könnte sich ausweiten und beide Imperien erfassen. Sobald Axarabor die Bestätigung vorfand, dass es sich tatsächlich um die NoSinns aus dem Sektor X-Dor-23Y handelte...

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Captain Golden Dawn sah keine Alternative: Er befahl den drei Offizieren, die mit ihm in der Zentrale überlebt hatten, die Schutzanzüge überzuziehen. Die Lufterneuerung in der zerstörten Zentrale funktionierte sowieso nicht mehr. Nur die Notbeleuchtung brannte noch. Also konnten sie hier nicht mehr lange überleben. Mit Schutzanzügen konnten sie es zumindest wagen, den Bereich der Zentrale zu verlassen.

Sie gehorchten, dankbar überhaupt etwas zu tun zu bekommen.

Captain Dawn selbst ging mit gutem Beispiel voran.

Kaum hatte er seinen Anzug übergestreift, probierte er den Helmfunk aus. Sender und Empfänger waren auf kurze Distanz eingestellt. Nicht nur um Energie zu sparen: Es erhöhte die Abhörsicherheit.

Um per Helmfunk zu kommunizieren, mussten die Helme natürlich nicht geschlossen werden.

„Falls jemand von Ihnen verletzt ist, bitte rechtzeitig Bescheid geben!“, riet er als erstes.

Eliza Fennon, eine der beiden Frauen, nickte ihm zu: „Ich habe mir das Knie verstaucht. Außerdem bin ich mit dem Kopf angestoßen, aber ansonsten hatten wir, glaube ich, alle  vier unverschämtes Glück, weil wir nicht im unmittelbaren Einflussbereich der Detonationen waren. Das Schlimmste ist verpufft, ehe es uns alle hätte umbringen können.“

„Ja, Glück im Unglück!“, bestätigte die zweite Frau, Berila Purmon.

Der Mann, Jule Torn, wirkte eher mürrisch. Aber das hatte nichts zu sagen. Er wirkte eigentlich immer so. Seit ihn Dawn kannte, obwohl das erst ein paar Tage her war, hier an Bord.

Jule Torn war der 2. Offizier, Eliza Fennon die Funkexpertin und Berila Purmon die Chefnavigatorin. Captain Dawn bezweifelte jedoch stark, dass die drei ohne KI-Unterstützung etwas zuwege brachten. Das mussten sie ja auch im Alltagsbetrieb nicht. Sie mussten lediglich die Zusammenhänge begreifen, um gezielt eingreifen zu können. Die Feinarbeit jedoch wurde dann stets von der Bord-KI übernommen.

Und die hatte im wahrsten Sinne des Wortes den Geist aufgegeben – ohne Energie.

„Besteht eine Wahrscheinlichkeit, die Lage zu scannen, ohne die Zentrale verlassen zu müssen?“, erkundigte sich Captain Dawn in die Runde.

Nicht ohne Grund, denn er selbst sah da durchaus noch eine Chance, aber er wollte zuerst die Meinung seiner überlebenden Offiziere dazu hören.

Der Vorschlag kam von der Funk- und Ortungsexpertin Eliza Fennon, die einzige anscheinend unter ihnen, die verletzt worden war, was sie allerdings vorbildlich überspielte: „Wir könnten die Bordscanner aktivieren und außerdem die Bordsprechanlage, um über diese zu versuchen, mit eventuellen Überlebenden Kontakt zu kriegen!“

„Aber?“, hakte Dawn nach.

„Dazu fehlt halt die Energie!“

Jule Torn knurrte mürrisch wie ein gereizter Hund: „Und wieso benutzen wir nicht einfach den Helmfunk dafür?“

Eliza lächelte entwaffnend: „Ich gehe mal davon aus, dass sich unser gesamtes Schiff, besser gesagt, das, was davon überhaupt noch übrig geblieben ist, zu einem Metall- und Kunststoffhaufen verformt hat, der die relativ schwachen Funkimpulse der Helmfunkgeräte schwerlich durchlässt.

Das heißt, wenn wir jetzt vergeblich versuchen, Kontakt zu erhalten, müsste das nicht zwingend bedeuten, dass wir die einzigen Überlebenden sind. Aber ich würde davon sowieso abraten, denn erstens bestünde dann ja auch die Möglichkeit, vom Feind abgehört zu werden, und zweitens würde es Energie verbrauchen, die wir vielleicht dringender zum Überleben benötigen.“

Feind!

Damit hatte sie ausgesprochen, was sowieso jeder von ihnen dachte.

Jule Torn schwieg daraufhin in seiner mürrischen Art.

Die Chefnavigatorin Berila Purmon enthielt sich ihrer Meinung, weil sie anscheinend die Auffassung vertrat, alles sei sowieso schon gesagt worden.

Also blieb es an Captain Dawn, die Initiative zu ergreifen, und das tat er höchst ungern und daher nur aus dem einen Grund: Es war die letzte Möglichkeit, wirklich mehr über das zu erfahren, was von beiden Schiffen übriggeblieben war!

„Also gut!“, leitete er es ein. „Ich werde es Ihnen vorher erklären müssen, damit der Schock der Erkenntnis gewissermaßen gelindert ist.“

Sie schauten ihn überrascht an, als wäre er plötzlich verrückt geworden.

Er winkte mit einer läppisch anmutenden Handbewegung ab. Dann begann er, seinen Schutzanzug wieder auszuziehen.

„He?“, rief Berila Purmon.

Erst als Dawn den Schutzanzug achtlos beiseite geworfen hatte, redete er weiter:„Der Sauerstoffvorrat meines Anzugs ist für Sie vielleicht noch entscheidend. Wir müssen auch noch weitere funktionierende Schutzanzüge finden. Sie wissen ja, dass jeder von diesen einen permanenten Vorrat an atembarem Sauerstoff und Energie besitzt. Das müssen Sie nutzen. Auch wenn die Überlebenschance insgesamt gesehen noch so klein erscheint, dürfen Sie nichts unversucht lassen.“

„Moment mal jetzt!“, rief Eliza Fennon dazwischen. „Ich verstehe nicht ganz: Was wollen Sie damit erreichen? Wollen Sie sich für uns opfern oder was?“

Captain Dawn lächelt sanft.

„Nein, nicht opfern. Ich will damit nur demonstrieren, dass ich keinen Schutzanzug benötige. Genauso wenig wie Luft zum Atmen.“

„He?“, machte Berila Purmon wieder, und Jule Torn war jetzt endgültig davon überzeugt, dass ihr Captain den Verstand verloren hatte.

„Außerdem“, fuhr dieser jedoch ungerührt fort: „Was das Energieproblem für den Scan und die mögliche Entdeckung weiterer Überlebender betrifft, hätte ich da vielleicht eine Lösung. Sie wirkt zwar nur vorübergehend, ist also unvollkommen, aber immerhin verschafft es uns vielleicht die nötigen Erkenntnisse, um dieses Desaster irgendwie doch noch zu überstehen?“

Sie verstanden nach wie vor eigentlich gar nichts.

Deshalb ging jetzt Captain Dawn einfach in Richtung der Instrumente für Innenscan und Innercom und winkte dabei Eliza auffordernd zu.

„Kommen Sie! Ich brauche Sie, um den Scan durchzuführen und auch, um mit möglichen Überlebenden Kontakt aufzunehmen. Falls die überhaupt noch in der Lage sind, uns zu antworten. Der Innerkom ist vielleicht weitgehend zerstört? Dann würden nur noch die Helmfunkgeräte angesteuert werden können über die entsprechenden Verstärker, soweit vorhanden. Jedenfalls kann das niemand besser versuchen als Sie.“

„Aber die Energie...?“, versuchte sie einen letzten Einwand, schloss sich ihm jedoch an.

Details

Seiten
100
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920307
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v428684
Schlagworte
raumflotte axarabor kollision

Autoren

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor # 16: Kollision im All