Lade Inhalt...

Die Raumflotte von Axarabor #15: Das letzte Gefecht eines einsamen Planeten

2018 0 Seiten

Leseprobe

Die Raumflotte von Axarabor #15: Das letzte Gefecht eines einsamen Planeten

Axarabor, Volume 15

Bernd Teuber

Published by Uksak Sonder-Edition, 2018.

image
image
image

Das letzte Gefecht eines einsamen Planeten

image

Die Raumflotte von Axarabor -  Band 15

von Bernd Teuber

Der Umfang dieses Buchs entspricht 82 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Der Planet Lutireez ist eine unwirtliche Trockenwelt. Für die gestrandeten Siedler bedeutet jeder Tag ein verzweifelter Kampf ums Überleben. Vor allem die Auseinandersetzungen mit den Ureinwohnern sorgen immer wieder für Verluste. Schließlich kommt es zur entscheidenden Konfrontation. Die Siedler sehen sich schon als Sieger, doch sie unterschätzen die geheimnisvollen Mächte, die von den Ureinwohnern heraufbeschworen werden.

Gelingt es der Besatzung des Raumschiffs STARFIRE die Todgeweihten zu retten?

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

1

image

Die steinerne Festung lag auf einer Anhöhe, die aus der weiten Ebene aufragte. Es war ein würfelförmiger Bau mit einer Kantenlänge von rund einhundert Metern. In jeder der vier Seiten waren kleine quadratische Öffnungen eingelassen. In der vorderen Wand befand sich ein großes hölzernes Tor. Kurz nach Sonnenaufgang wurde es geöffnet und zwei Männer kamen heraus. Retor Kavan war Mitte fünfzig, korpulent, und er humpelte. Er hatte einen sehr undankbaren Job, musste ständig auf dem Posten sein in der verschlafenen Festung, die keine Kämpfe ausfocht. Seit einem Jahr hatte es keinen Ärger mehr mit den Picari gegeben.

Die Kampfbereitschaft der Männer und Frauen war eingelullt worden. Langeweile und tödliche Stille hatten sich breitgemacht. Die Siedler gingen ihren Pflichten nach wie Kinder, die Militär spielten.

Sein Begleiter hieß Marai Cajaval. Er war neunzehn Jahre alt, mager und wirkte etwas linkisch. Er hatte hohe Backenknochen, einen breiten Mund und dunkle Augen. An einem Zügel führte Kavan ein großes schuppenbedecktes Tier hinter sich, auf dessen Rücken zwei runde Behälter befestigt waren. Bereits so früh am Morgen lag die Hitze wie eine schwere Decke über dem Land, drang durch die Hemden, in Nase und Mund, durch die Nackenhaare. Sie war ein Teil der Luft, die man atmete, wie der Staub, und sie zog alle Kraft aus den Körpern.

Kavan blickte an sich selbst hinab. Ein noch immer kräftiger Körper, etwas dick um die Taille, breite Schultern, ein gesundes Bein, und das andere ... Er runzelte die Stirn. Sein rechtes Bein war wie das eines Kindes, schwach und unkontrollierbar, und so nutzlos wie ein Stein. Rasch humpelte er vorwärts, um den Gedanken an sein Bein zu vertreiben. Er wollte so schnell wie möglich wieder zurück in die Festung.

Cajaval marschierte neben ihm. Er war einer jener blendend gebauten Männer mit geradem Rücken und starken, gesunden Beinen. Er ging wie ein König, bewegte sich über den sandigen Boden wie eine wunderbare, unbesiegbare Maschine. Kavan fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Er konnte das Rauschen des Flusses hören. Nur noch wenige Hundert Meter, dann hatten sie es geschafft. Sie brauchten nur die Behälter mit Wasser zu füllen und konnten wieder in die Festung zurückkehren. Das war die einzige Abwechslung in ihrem monotonen Alltag.

In der Festung gab es kein fließendes Wasser. Jeden Morgen mussten sie zum Fluss hinuntergehen und Nachschub holen. Unablässig behielt Kavan das Gelände im Auge. Seine Blicke glitten hierhin und dorthin. Sehr genau achtete er auch auf das Quappa. Es war eines der wenigen Nutztiere, die es auf diesem Planeten gab, und außerdem ein wertvoller Fleischlieferant. Es witterte eine Gefahr schon auf wenige Meter. Es schnaubte dann oder weigerte sich, weiterzugehen.

Die Stille bedrückte die beiden Männer. Die Welt um sie herum schien ohne Leben zu sein. Doch das täuschte. Hoch über ihren Köpfen schwebten einige Vögel im Aufwind. Ihr Flug war gleitend und lautlos. Sonst gab es keine Anzeichen von Leben in dieser Einöde.

Unvermittelt hielt Kavan an. Er hatte einen schwachen Laut gehört. Auf Anhieb konnte er nicht sagen, was diesen Laut verursacht hatte. Es war ein leises Geräusch gewesen, wie von rollenden Steinen. Aufmerksam musterte er seine Umgebung. Cajaval war ein Stück zurückgeblieben und hielt seine Hand am Blaster.

„Was war das?“ fragte er leise. „Hast du das auch gehört?“

„Wäre ich sonst stehengeblieben?“

„Es klang wie rollende Steine.“

„Möglich. Sogar wahrscheinlich. Das Geräusch, meinte ich. Trotz allem weiß ich es nicht“, antwortete Kavan gedämpft. „Etwas ist plötzlich nicht mehr so, wie es war.“

Die Blicke der beiden Männer glitten über die Ebene, sahen jedoch nichts Verdächtiges.

„Geh weiter, ich decke dir den Rücken.“

Kavan nickte und setzte sich wieder in Bewegung. Das Quappa witterte immer noch nichts. Kavan richtete sein Augenmerk auf die Felsen. Nach einigen Sekunden blieb er stehen und wandte sich um. Cajaval kam heran und gab durch ein Zeichen zu verstehen, dass er sich wieder in Bewegung setzen sollte. Kavan ging weiter, das Quappa an der Leine. Er näherte sich einigen Felsen. Was dahinter lag, konnte er nicht sehen. Der Wind wehte von der Ebene her, brachte aber keine Witterung mit. Vor den Felsen wartete Kavan wieder. Cajaval kam schnell heran, doch diesmal gab er kein Zeichen.

„Es ist so unheimlich still“, sagte er und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn.

Kavan nickte. „Das Quappa wittert sonst jeden Feind auf mindestens zweihundert Meter. Ich weiß nicht, warum das nicht klappt. Sie sind in der Nähe. Ich fühle das mit jedem Nerv.“

Cajaval deutete auf die Felsen. „Vielleicht da hinter?“

„Nehme ich auch an. Diese Taktik kenne ich. Sie warten, bis man an ihrem Versteck vorbeikommt, und dann greifen sie an. Hilft aber nichts. Wir müssen daran vorbei.“

Die beiden Männer setzten sich wieder in Bewegung. Es war ein Spiel mit dem Tod. Nun kam es nur noch darauf an, wer die besseren Karten hatte. Nichts war zu hören. Kein noch so kleiner Schatten bewegte sich. Wie ein leichter Windhauch strich der Pfeil an Cajavals Schulter vorbei und blieb hinter ihm im Sand stecken. Die beiden Männer starrten sich ungläubig an. Aber die nächsten vier Pfeile überzeugten sie davon, dass sie angegriffen wurden. Das schuppige Tier bäumte sich plötzlich auf und brach zusammen. Ein hölzerner Schaft ragte aus seinem Hals.

Kavan ließ das Seil fallen. Cajaval stürzte hinter den nächsten Felsblock. Zu spät erkannte er, dass aus dieser Richtung die Pfeile gekommen waren. Kavan duckte sich neben ihn. Erleichtert sah der junge Mann, dass sein Begleiter den Energiestrahler hervorgezogen hatte. Er griff ebenfalls nach seiner Waffe. Das Material fühlte sich kühl und fremd in seiner Handfläche an. Plötzlich bemerkte Cajaval, dass Kavan sich an ihn drückte. Er fürchtet sich genauso wie ich, dachte er. Aber sicher hat man ihm doch beigebracht, wie man schießt.

„Bist du in Ordnung?“ fragte Kavan.

„Ja.“

Kavans Augen waren groß und glasig. „Wo sind sie? Ich kann niemanden sehen.“ Schwitzend richtete er sich ein wenig auf und blickte um die Seite des Felsblocks.

„Diese Pfeile scheinen alle von einer Seite gekommen zu sein“, sagte Cajaval. „Vielleicht handelt es sich nur um einen. Wenn das der Fall ist, können wir hinter dem Felsen hervorstürmen und ihn überraschen.“

„Ich kann nichts sehen. Aber ich werde schießen und unsere Leute aufmerksam machen.“

Er hob seine Waffe.

„Nein, sei still“, zischte Cajaval. Er hatte keine Zeit, Kavan zu erklären, dass sie schon drei Mal tot sein würden, bevor die anderen Männer aus der Festung eintrafen.

Ein Geräusch erklang jenseits des Felsblocks Kavan zuckte zusammen, duckte sich und eine Steinaxt krachte an die Stelle, wo noch vor einer Sekunde sein Kopf gewesen war.

„Hier sind wir nicht sicher“, flüsterte er. „Sie werden uns töten.“

Cajaval blickte sich um und begann dann auf Händen und Füßen um den Felsen herumzukriechen. Er blickte nach allen Seiten und signalisierte Kavan, auf die andere Seite zu schleichen. Der Mann starrte ihn aus angstgeweiteten Augen an, nickte und kroch dann hinter Cajaval her.

„Die andere Richtung“, sagte der junge Mann.

Kavan schaute ihn verwirrt an.

„Oh, Entschuldigung“, stammelte er.

Tief geduckt, beinahe auf dem Bauch kriechend, bewegte sich Cajaval zwischen kleinen Büschen hindurch und versuchte in alle Richtungen gleichzeitig zu blicken. Er zitterte, und ein Eisklumpen schien zwischen seinen Schulterblättern zu hängen. Eine leichte Brise strich über ihn hinweg, aber ihm erschien sie wie ein Sturm. Doch dann erkannte er, dass die Brise für ihn von Vorteil war. Sie bewegte Blätter und Zweige, sodass er sich gefahrloser und ohne verräterischen Lärm vorwärtsbewegen konnte.

Neben ihm befand sich ein großer Felsblock und verbarg alle Gefahren, die hinter ihm lauern mochten. Etwas weiter vorne zitterte ein niedriger Busch im Wind, harmlos, als sei ein Tag wie jeder andere, als würde nirgendwo der Tod warten. Etwas rasselte hinter dem Felsblock. Aufgeschreckt blickte Cajaval sich um. Er war kein Spurenleser und, wie er fürchtete, auch kein Kämpfer, aber er klammerte sich an die Hoffnung, dass sie es nur mit einem Gegner zu tun hatten.

Als er auf den Boden sah, verdichtete sich seine Hoffnung beinahe zur Gewissheit. Er konnte Spuren sehen, und sie konnten nur von einem einzigen Lebewesen stammen. Es waren zu wenige Abdrücke, um auf mehrere Gegner zu schließen. Er fuhr mit der Zunge über seine trockenen Lippen. Um ihn herum war nichts als Schweigen. Der Felsblock schimmerte in der Hitze und warf beinahe keinen Schatten, obwohl die Sonne noch nicht im Zenit stand.

Er blickte sich nach Kavan um und konnte einen schwachen Schatten durch die Büsche schimmern sehen. Cajaval stöhnte. Die Axt hatte offenbar jeden Kampfgeist aus Kavan vertrieben. Das kam davon, wenn man Männer zum Wasserholen ausschickte, die keine Lust dazu hatten. Die Fußspuren führten um den Felsblock herum. Er überlegte. Es sah so aus, als sei Kavans und seine Position viel besser als die ihres Gegners. Der Platz war schlecht gewählt für einen Hinterhalt. In der Nähe des Felsens gab es fast keine Büsche, in denen man sich verstecken konnte.

Die Sache sah immer besser aus. Wenn nur Kavan endlich wieder zum Leben erwachen und auf der anderen Seite um den Felsen kriechen würde, dann konnten sie den Feind leicht überrumpeln. Cajaval fand es jedoch merkwürdig, dass der Feind so schlecht geschossen hatte. Und so schnell hintereinander. Er hatte immer gehört, das diese Picari tödliche Schützen waren. Wenn die Pfeile getroffen hätten ...

In der Festung musste man doch mittlerweile bemerkt haben, dass sie noch nicht zurückgekehrt waren, dachte Cajaval. Der Mut hatte ihn bereits wieder verlassen. Aber sie taten es nicht. Ich werde hier mit Kavan sterben und in der Sonne verwesen. Warum habe ich mich nur jemals zu diesem Job gemeldet? Ich muss den Verstand verloren haben. Wenn dieser Picari auch nur noch halb lebendig ist, wird er mich in einer Minute entdecken und hinter dem Felsen hervorkommen. Dann ist es um mich geschehen. Vielleicht hat er Kavan schon getötet. Heiliger Himmel, was ist mit Kavan los?

Cajaval richtete sich ein wenig auf und lauschte angespannt. Nichts. Wieder begann der Wind zu wehen und die Zweige der Büsche zuckten in wildem Rhythmus hin und her. Ein leises Knacken, der Schatten einer Bewegung hinten auf der rechten Seite ... Cajaval erstarrte. Er glaubte, etwas aus dem Busch brechen und hinter dem Felsen verschwinden zu sehen. Ein Kopf. Kavans Kopf.

Tatsächlich, er kroch um den Felsen! Der alte Kerl. Cajaval triumphierte und musste einen Jubelschrei unterdrücken. Dann fiel ihm ein, dass er ja auf seiner Seite weiterkriechen musste. Er bewegte sich vorwärts und versuchte dabei, seine Waffe nicht zu beschmutzen. Langsam schlängelte er sich über den sandigen Boden. Wenn ich hier getötet werde, dann erfährt niemand, dass Marai Cajaval ein großer Held war. Wenn ich in der Festung geblieben wäre ...

Er kroch schneller, glitt an Felsgestein und dornigem Gestrüpp vorbei und tauchte blitzschnell hinter einem Busch auf. Er atmete tief durch und fühlte sich seltsam befriedigt. Er setzte sein Leben aufs Spiel. Es tat gut, auf diese Weise herauszufinden, dass er kein Feigling war. Cajaval wischte sich mit dem Handrücken über die Oberlippe, an der sich Schweiß angesammelt hatte. Sein Gesicht fühlte sich kühl und taub an. Plötzlich erkannte Cajaval, dass er sich nicht mehr fürchtete. Dieser Gedanke erregte ihn.

Er fühlte den Wunsch, vorzustürmen und in lautes Geheul auszubrechen. Aber er beherrschte sich. Die trockene Luft war voller Staub, aber er sog sie gierig ein. Jetzt musste er sich Kavan zu erkennen geben. Langsam zählte er bis fünf. Kein Anzeichen deutete daraufhin, dass sich jemand hinter dem Felsen befand. Die Zweige der Büsche schlugen immer härter auf den Boden. Cajaval richtete sich auf und schnellte vor. Der Wind fühlte sich in seinem Gesicht eiskalt an.

„Kavan, jetzt!“ schrie er.

Mit gezogener Waffe glitt er um den Felsen und hätte beinahe auf einen Schatten im Gestein gefeuert. Vage sah er das Messer an seinem Kopf vorbeisausen, und im selben Augenblick tauchte Kavans kräftige Gestalt auf der anderen Seite des Felsblocks auf. Undeutlich sah Cajaval eine Bewegung und dann dröhnte Kavans Waffe, hieb Splitter aus dem Gestein. Cajaval hob seinen Blaster und drückte ab. Er sah die hagere Gestalt gekrümmt ab Boden liegen. Langsam kamen die beiden Männer näher.

Cajaval merkte plötzlich, dass er die Waffe immer noch erhoben hielt. Er senkte ihn. Schweigend und erschrocken standen er und Kavan vor der zusammengesunkenen grauen Gestalt.

„Wir – wir müssen ihn doch nicht töten?“ fragte Cajaval verschämt und atmete erleichtert auf, als Kavan abwinkte.

Die graue Gestalt lag am Boden und beobachtete sie aus alten, dunkel geränderten Augen. Er trug nur einen Lendenschurz, der mit seinem schwarzen Blut durchtränkt war. An seinen langen, mageren Beinen zogen sich dünne Muskeln entlang. Seine Lippen waren nach innen gezogen. Neben ihm lag ein Bogen, aber keine Pfeile. Der alte Picari streckte seine dunkelblaue Zunge heraus und leckte sich über die Lippen, schweigend, abwartend.

Cajaval deutete ihm mit der Waffe, sich nicht zu bewegen. Der Grauhäutige sah gar nicht so aus, als ob er sich bewegen könnte. Während Cajaval seine dürren Glieder musterte, fragte er sich, wie es möglich gewesen war, dass der Alte Pfeile abgeschossen und eine Axt geschleudert hatte. Er warf Kavan einen Blick zu. Der große Mann sah den Grauhäutigen unbehaglich an. Auch Cajaval fühlte sich unwohl. Eine so mitleiderregende Kreatur konnte man doch nicht töten. Einen starken Feind, ja, aber nicht diesen Alten.

Was suchte er überhaupt hier in der Gegend? Das Dorf der Picari lag weit im Norden. Seit mehr als einem Jahr war es zu keiner Konfrontation mit ihnen gekommen.

Ein leises Rascheln schreckte ihn hoch. Er hob die Waffe und sah sich um. Doch nirgendwo gab es etwas Verdächtiges zu entdecken. Erleichtert atmete er auf. Das Geräusch hinter ihm war kaum hörbar, wie ein Wispern. Cajaval drehte sich wieder um und sah, dass Kavan sein Messer im Sand abwischte. Aber er konnte nicht das gesamte Blut entfernen. Der Grauhäutige lag immer noch in der gleichen Position am Boden, aber jetzt war seine Kehle durchgeschnitten. Das Blut strömte aus der Wunde und versickerte im Sand.

„Der Bastard versuchte mich anzugreifen“, sagte Kavan ruhig und steckte das Messer in die Scheide an seinem Gürtel. „Das hätte ich dir schon vorher sagen können, aber du hättest mir nicht geglaubt.“

Cajaval blickte den Toten an, und plötzlich spürte er wilde Trauer, ein Gefühl, für das er keine Worte finden konnte. Kavan beobachtete ihn, dann humpelte er ein paar Schritte auf ihn zu. Cajaval wich zurück.

„Hör mal, Junge, vielleicht neigst du dazu, das Leben derer, die dich töten wollen, zu schonen. Aber hier herrschen andere Prinzipien. Dieser Bastard hat versucht, mich zu töten, und deshalb tötete ich ihn.“

Seine Stimme klang gleichgültig. Cajaval fühlte Verwirrung in sich aufsteigen. Tränen traten in seine Augen. Er war unglücklich und gleichzeitig beschämt. Er schüttelte den Kopf und kaute an der Unterlippe.

„Ich glaube auch, dass er im Sterben lag. Wie du. Vielleicht hat er es deshalb getan. So sind diese Picari.“

Cajaval schloss die Augen. Er konnte den Anblick des Toten nicht mehr ertragen. Wieder sprach Kavan in die dumpfe Stille hinein.

„Sieh mal, Junge, es tut mir leid, dass dich das so mitgenommen hat. Beim ersten Mal ist es schwer.“

Er musterte Cajaval, ohne seinem anklagenden Blick auszuweichen. Es lag sogar etwas in seinen Augen, das Cajaval zu bitten schien, ihm zu glauben. Aber was spielte das schon für eine Rolle? Sein Optimismus war verschwunden. Kavan drehte sich um und marschierte auf die Festung zu. Cajaval folgte ihm. Sie kamen an dem toten Tier vorbei. Es lag auf der Seite. Die gebrochenen Augen blickten ins Leere. Nur einer der beiden Wasserbehälter war unbeschadet. Kavan band ihn los, lud ihn auf seine Schulter und ging weiter.

Bis jetzt war Cajaval noch keiner wirklichen Gefahr begegnet. Er hatte die meiste Zeit seines Lebens in der Festung verbracht. Die kriegerischen Auseinsetzungen mit den ursprünglichen Bewohnern dieses Planeten lagen lange zurück. Er war noch ein Kind und hatte nur wenig davon mitbekommen. Rückblickend erschien ihm das Erlebnis mit dem alten Picari harmlos. Aber er fühlte sich bereits so, als habe er eine schwere Schlacht geschlagen. Er fühlte sich weise und abgeklärt, nachdem er den Alten hatte sterben sehen. Einer oder viele, das machte keinen Unterschied.

image
image
image

2

image

Während sich die Männer entfernten, richteten sich zwei hasserfüllte Augen auf sie. Hinter einem Busch hielt sich ein weiterer Picari versteckt. Er hatte genau beobachtet, wie sein älterer Gefährte Kha-hina von den beiden Eindringlingen ermordet worden war. Ein leichter Wind wehte, als er auf die Leiche blickte. Er spürte die Kälte auf seinem nackten Rücken und begann zu zitternd. Ausgestreckt lag der Tote dicht vor ihm.

Der junge Picari bückte sich und legte das Ohr auf die stille Brust. Er wusste, er würde bald unsagbare Trauer fühlen, aber jetzt war er zu benommen dazu. Er stand wieder auf und blickte sich um. Das Licht der aufsteigenden Sonne verwandelte die rauen Steine in weiche Schatten. Paha-ta prägte sich das Bild genau ein, das sich ihm bot. Den glänzenden gelben Sand, das Gesicht des Toten.

Er wusste, dass er schrecklichen Zorn fühlen würde, wenn er sich das Bild in Erinnerung rief. Er starrte auf die Stiefelspuren der beiden Männer im schimmernden Sand. Sie hatten einen seiner Gefährten getötet. Das Gesicht des Grauhäutigen wurde maskenhaft und leblos. Wieder einmal war ein Picari von diesen Hellhäutigen ermordet worden. Wieder einmal war Blut geflossen. Paha-ta wusste nicht, wie viel Zeit seit der Ankunft der Fremden vergangen war. Sein Großvater hatte ihm davon erzählt. Er war damals noch ein Kind, als die Fremden von den Sternen kamen.

Seit unzähligen Generationen lebten die Picari schon auf dieser Welt, aufgeteilt in fünf Dörfer. Sie benutzten Waffen und Werkzeuge aus Stein, jagten Wild, sammelten Wurzeln und betrieben Ackerbau. Um in der extrem trockenen Wüste zwei Mal ernten zu können, errichteten sie ein System von Bewässerungskanälen, die sich wie ein Spinnennetz über ihre Felder ausbreiteten.

Ansonsten gaben sie sich damit zufrieden, die Wunder der Natur zu bestaunen und Wissen und Erfahrung aus dem Lauf der Gestirne zu schöpfen. In ihren Vorstellungen hatten fast alle Tiere, Pflanzen und Naturgewalten ihre Geister und Götter, die ständig mit Tänzen und Gesängen versöhnt werden mussten. Viele ihrer Zeremonien standen mit dem Wetter in Zusammenhang, denn Regen war lebensnotwendig und entschied über Leben und Tod. Wenn es nicht regnete, wurden die Quellen zu sandigen und schmutzigen Löchern.

Die Erde trocknete aus. Die Pflanzen gingen ein und die Felder verdorrten. Die Götter mussten ständig bei Laune gehalten werden, damit sie nicht Unglück über das Volk brachten. Ihr Glaube war die Basis allen Lebens. Fast jede noch so alltäglich erscheinende Handlung war bei den Picari religiös begründet. Die Religion hielt ihr Volk zusammen, und politische und gesellschaftliche Ordnung waren entweder nebensächlich, untergeordnet oder resultierten aus dem gemeinsamen Glauben.

Religiöser Mittelpunkt war ein hoher Berg. Auf ihm befand sich der Tempel der Sterne. Dort sammelten die Picari Kraft für bevorstehende Kämpfe. Dort baten sie Goywarah um Unterstützung. Doch mittlerweile lag der Tempel verwüstet. Ein Steinhaufen, angefüllt mit den Echos der Vergangenheit. Von den fünf Dörfern existierte nur noch ein einziges.

Immer lächelnde Fremde waren mit einem Schiff von den Sternen gekommen, hatten freigiebig gegeben und wenig dafür genommen. Die Picari halfen ihnen über die ersten Jahre hinweg, zeigten ihnen, wie man Nahrungsmittel in der trockenen Erde anbaut, wie man jagt und wie man sich in den unwegsamen Wüsten zurechtfand. Im Gegenzug bekamen die Picari Handelsgüter wie Haushaltswaren und Werkzeuge aus Metall.

Doch die Fremden brachten auch Unheil. Mit ihnen kamen Krankheiten, die den Picari bisher unbekannt waren. Selbst leichte Infektionen rafften ganze Familien dahin. Nachdem sie bisher versucht hatten, friedlich mit den Fremden auszukommen, wandten sie sich nun gegen sie, auch um die bösen Geister zu vertreiben, die mit den Neuankömmlingen im Bunde zu sein schienen. Die Bewohner der fünf Dörfer schlossen sich zu einer Streitmacht zusammen und überfielen die Siedlung der Fremden.

Die Kolonisten setzten sich zur Wehr. Dank ihrer Feuerwaffen gelang es ihnen, die Picari zu besiegen. Sie töteten den Anführer, zerhackten ihn in vier Teile und steckten seinen Kopf auf einen Pfahl. Dann wandten sie sich den Dörfern zu, zündeten die Hütten an und ließen mehrere Hundert Frauen, Kinder und Greise in den Flammen verbrennen. Schließlich zerstörten die Fremden auch noch den Sternentempel in den Bergen. Die einstige Stärke der Picari geriet in Vergessenheit, lebte nur noch in einigen wenigen weiter. Doch mittlerweile war eine neue Generation herangewachsen, die sich nicht mit den bestehenden Verhältnissen abfinden wollte. Sie hatte sich vorgenommen, die Fremden von diesem Planeten zu vertreiben.

Doch dazu musste einer von ihnen in die Berge gehen und den Tempel der Sterne aufsuchen. Nur dort konnte er Goywarah anrufen, damit er die Picari bei ihrem Vorhaben unterstützte. Paha-ta wollte diese Aufgabe übernehmen. Das hatte er sich geschworen. Er wollte die Fremden von diesem Land vertreiben, damit endlich Frieden herrschte.

Nach einiger Zeit begann er, schwerfällig nach Norden zu wandern. Einmal blickte er zurück zu der Stelle, wo der tote Kha-hina lag und ein Stöhnen rang sich aus seiner Kehle. Dann setzte er seinen Weg fort. Ein heißer, trockener Wind kam auf und blies den Staub wie scharfe Nadeln auf den Rücken des jungen Grauhäutigen. In seinem Magen war nagende Leere. Er ging durch eintöniges Land, das außer ein paar verdorrten Büschen kein Grün hervorbrachte.

Er kämpfte gegen seine Müdigkeit an, und langsam wanderte die Sonne über den blauen Himmel. Doch er gab nicht auf. Die Kraft, die er von seinen Ahnen geerbt hatte, trug ihn weiter. Etwas, das die äußeren Sinne abtötet, aber die Inneren anspannt, dass den Schmerz vergessen lässt und den Willen zum Leben aufrechterhält. Bald betäubte ihn die Hitze, aber er ging weiter. Das Land senkte sich und teilte sich in eine Reihe gleitender Täler und sanfter Hügel.

Schritt für Schritt schleppte er sich vorwärts. Seine Augen gaukelten ihm die sonderbarsten Dinge vor, und nahmen doch nichts weiter auf, als seine eigenen Füße, den linken und den rechten, immer abwechselnd im Rhythmus der Schritte. Steine und Geröllstücke auf seinem Weg sah er erst, wenn sie direkt vor ihm lagen zum drum herumgehen reichten weder seine Energie noch seine Entschlusskraft. Er stolperte hinüber, fing sich, taumelte weiter. Als die Sonne wie ein roter Ball am Himmel stand, erreichte der Grauhäutige eine Quelle und trank.

Bald darauf sah er die Felsblöcke, die das Lager seines Stammes umgaben, und er sah die Hütten und die Feuer. Er blieb stehen, während sich die Nachricht von seiner Ankunft im Lager verbreitete und seine Stammesmitglieder ihm entgegengingen. Feierlich standen sie um ihn versammelt, feierlich und erwartungsvoll. Der junge Grauhäutige erwiderte ihre Blicke, und der Schmerz in seiner Brust wuchs.

Dann senkte er den Kopf und begann zu erzählen, was ihm wie eine Last auf der Seele lag. Er berichtete, wie sein Gefährte von den Eindringlingen niedergemäht worden war, wie er sich nur schwach und hilflos wehren konnte. Dann schwieg er und sah, wie die Angehörigen seines Stammes ihre Trauer verbargen. Er ging davon. Sie machten ihm Platz. Der alte Schamane mit dem Faltengesicht folgte ihm und führte ihn in eine Hütte. Dort hieß er ihn, sich auf das Bett zu legen. Er brachte ihm Wasser und er sprach nicht.

Aber als der Junge auf dem Lager ruhte und zur Spitze der dunklen Hütte emporstarrte, rieb der Schamane die Hände aneinander und fragte: „Sie waren zu zweit?“

„Ja, aber daran denke ich jetzt nicht. Ich denke nur an Rache für meinen Bruder.“ Er sagte es mit fester Stimme, aber sein Blick wandte sich ab.

Der alte Schamane schwieg eine Weile. Dann meinte er: „Du hast richtig gehandelt.“ Trauer und Stolz lagen in seiner Stimme. Als der Junge nicht antwortete, ging der Alte wortlos aus der Hütte. Paha-ta versuchte zu schlafen, doch es gelang ihm nicht. Immer noch verfolgte ihn das Bild des toten Kha-hina.

Nach einer Weile kam der Schamane zurück, um nach Paha-ta zu sehen. Er besaß ein umfangreiches Wissen und verfügte über große Kraft. Für die Picari wurde alles, was sie umgab, von Geistern und geheimnisvollen Mächten beherrscht. Glück und Pech, Wohlstand und Armut, Sieg und Niederlage hingen vom Willen der Geister ab. Die Sonne, die Berge, das Land und auch das Wasser, alle besaßen eine magische Kraft. Die Picari waren ständig bemüht, mit genau festgelegten Zeremonien, die Geister gnädig zu stimmen, damit alles, was die Erde umgab, fruchtbar und ertragreich war.

Das Überleben des Stammes lag ausschließlich in den Händen des allwissenden Schamanen. Es gehörte zu seinen Aufgaben, Zwiesprache mit den Geistern zu halten. Die Unsichtbaren lehrten ihn Weisheit und weihten ihn in die Geheimnisse des Lebens ein. In seinen Visionen gewann der Schamane tiefste Einsichten. Seine ernsthaften Aufgaben schlossen aber weder belehrende Narrheit noch Gaukelkunst aus.

Als Junge hatte Paha-ta einmal gesehen, wie der Schamane sich unverwundbar machte und mit Pfeilen auf sich schießen ließ. Die staunenden Zuschauer sahen, wie die Pfeile an seinem Umhang abprallten, den er sich umgeworfen hatte. Damals als Kind hatte Paha-ta darüber sehr gestaunt. Doch sein Vater hatte später behauptet, dass dies keine Zauberei, sondern ein Trick wäre, mit deren Hilfe es der Schamane verstünde, seine Macht aufrechtzuerhalten.

Paha-ta konnte dies alles nicht so recht glauben, hatte er doch mit eigenen Augen gesehen, wie die drei Pfeile auf den Schamanen abgeschossen wurden. Doch heute war er dessen nicht mehr so sicher. Wenn der Schamane wirklich über so große Macht verfügte, warum vertrieb er die Fremden dann nicht von diesem Land? Warum ließ er zu, dass die Picari getötet wurden?

Die Fremden sind nicht wie wir, dachte er. Wir sind verschiedene Rassen mit verschiedenem Ursprung und verschiedenen Schicksalen. Es gibt nichts Gemeinsames zwischen uns. Wir entstammen der Erde dieses Landes. Sie kommen von den Sternen. Wir müssen uns für den Tag rüsten, an dem wir uns den Fremden entgegenstellen. Und dieser Tag ist nicht mehr fern.

Der Schamane salbte den Körper des Jungen und sprach einige Gebete. Als er gegangen war, lag der Grauhäutige allein in der dunklen Hütte, keuchend und zitternd. Plötzlich kam eine wilde Trauer über ihn, die ihn aufschluchzen ließ. Er fühlte, wie dieses Weinen ihm neue Kräfte verlieh. Er fühlte, wie sein Geist sich erhob und den schwachen Körper besiegte.

Der Schamane hatte das Schluchzen gehört und blickte fragend in die Hütte. Aber da lag der Junge schon wieder schweigend und reglos auf dem Bett und der Schamane entfernte sich. Paha-ta blieb allein mit seinen Gedanken. Er würde den Rachefeldzug anführen. Das war sein Recht und seine Pflicht. Er würde sich an den Eindringlingen rächen, die ihm und seinen Gefährten so viel Leid zugefügt hatten. Er würde kämpfen, wie noch nie zuvor ein Angehöriger seines Stammes gekämpft hatte.

Der Schamane stand vor der Hütte und blickte zu dem Scheiterhaufen hinüber, der die Bestattungsplattform zusammenbrechen ließ. An den senkrechten Tragestangen des Gerüsts waren die Waffen und andere Habe des Toten befestigt. Denn all das war nun herrenlos und kein Picari hätte je das Eigentum eines Toten angerührt. Die Flammen nahmen Kha-hina und all jene Dinge, die er im Jenseits gerne bei sich haben würde, in sich auf.

Bald wird er sich mit der Asche des Holzes vermischen, selbst zu Asche werden. Seine Seele wird dorthin fliegen, wo sich alle anderen Seelen sammeln. Auch die Hütte, die er einst bewohnte, wurde ein Opfer der Flammen. So taten es die Picari mit ihren berühmtesten Männern. Der Schamane hatte für Kha-hina genau das getan, was dieser sich wünschte. Kha-hinas Seele wird also froh und erlöst ihren Weg antreten.

image
image
image

3

image

In der Festung herrschte eine angespannte Stimmung. Kavan und Cajaval waren zurückgekehrt und hatten Ole Lindberg, dem Anführer der Siedler von der Konfrontation mit dem Grauhäutigen erzählt. Auf Gegenfragen antwortete Kavan nur ausweichend. Auch Cajaval sagte nicht viel. Aber allen war bewusst, dass die Picari auf Rache sinnen würden. Lindberg ließ die Wachposten verstärken und arbeitete einen Verteidigungsplan aus. Am problematischsten war die Nahrungs- und Wasserversorgung.

Lindberg stand am Fenster seines Büros, blickte auf den Innenhof und beobachtete das emsige Treiben, das dort herrschte. Die Menschen, die in dieser Festung lebten, waren Nachfahren von Gestrandeten, Überlebende eines Raumschiffes, dass Siedler von Axarabor nach Teema bringen sollte. Doch dann versagten die automatischen Kontrollen. Das Schiff verließ seinen ursprünglich programmierten Kurs und stürzte auf diesem Planeten ab.

Seitdem begegneten die Männer, Frauen und Kinder den Herausforderungen des nackten Überlebens. Anfangs fiel es ihnen schwer, doch die Menschen waren schon immer erfindungsreiche Geschöpfe. Sie lernten sehr schnell, sich ihrer neuen Umgebung anzupassen. Es gelang ihnen sogar, Handelsbeziehungen zu den Grauhäutigen aufzubauen, die diesen Planeten bewohnten. Anfangs verliefen die Kontakte auch friedlich, doch bald kam es zu Missverständnissen.

Schuld daran waren die Krankheiten, die von den Siedlern eingeschleppt wurden. Die Picari besaßen keine Abwehrkräfte dagegen. Viele von ihnen starben. Die Siedler versuchten ihnen zu helfen, soweit es ihnen möglich war, doch die andersartige Physiognomie der Picari und die begrenzten Möglichkeiten machten es so gut wie unmöglich, wirksame Medikamente herzustellen.

Zum endgültigen Zerwürfnis kam es schließlich, als einige betrunkene Siedler einen Picari töteten, weil sie davon überzeugt waren, er hätte sie bestohlen. Diese Anschuldigung erwies sich jedoch als Irrtum. Die Gegenstände waren nicht gestohlen worden. Eine Siedlerin hatte sie den Picari geschenkt. Doch nun war es zu spät. Die Picari übten Vergeltung. Sie überfielen mehrere Farmen, brannten die Häuser nieder, töteten die Bewohner und vernichteten die Ernte auf den Feldern.

Die Situation eskalierte. Um Rache zu nehmen, überfiel eine Siedlermiliz die Dörfer der Picari, tötete Männer, Frauen und Kinder. Nun brach offene Feindschaft zwischen den Siedlern und den Picari aus.

Die Stimme seines Assistenten riss Lindberg aus seinen Gedanken.

„Einer der Männer möchte Sie sehen“, sagte Troy Santora. „Er möchte wissen, wann Sie mit den Leuten sprechen werden, um sie mit der Situation vertraut zu machen.“

„Ich verstehe.“

Er nickte Santora zu. Sorgenfalten gruben sich in seine Stirn, obwohl er nicht zeigen wollte, dass er zutiefst verstört war. Es konnte sehr viel davon abhängen, was er den Männern und Frauen erzählte. Wenn er die Gefahr, in der sie schwebten, falsch beurteilte, konnte es zu einer Katastrophe kommen. Aber wenn er die Dinge schlimmer zeichnete, als sie waren, konnte das seine Position als Anführer beeinträchtigen. Er hatte getan, was er konnte, um die Wahrheit über den Zusammenstoß mit dem alten Picari herauszufinden, doch tief in seinem Innern wusste er, das Kavan und Cajaval nicht alles erzählt hatten und diese Ungewissheit nagte an ihm.

Machtlos ballte er die Hände. Das hätte nicht passieren dürfen. Seit einem Jahr hatten die Picari nur wenig gegen die Siedler unternommen. Hauptgrund dafür war ihre schlechte Bewaffnung. Hätten sie mehr gehabt als Pfeil und Bogen und einige erbeutete Blaster, wären ihre Überfälle schlimmer gewesen. Doch so begnügten sie sich mit einem fortwährenden Kleinkrieg. Wahrscheinlich hofften sie, dass die Siedler bei diesen ständigen Verlusten die Festung eines Tages aufgeben würden.

Der Tod des alten Picari gab ihnen jedoch den Vorwand, den sie brauchten, um einen Großangriff zu starten. Lindberg hegte wenig Hoffnung, dass sie die Sache so einfach vergessen würden. Ein Krieg war unvermeidlich. Und diesmal würden die Siedler teuer dafür bezahlen. Vermutlich waren sie schon von mehr als hundert Picari eingeschlossen, die sich in weiter Runde in den Hügeln verborgen hielten und auf einen günstigen Augenblick für einen Angriff warteten.

Wenn er diese böse Angelegenheit nicht in Ordnung brachte, dann bewies er, dass er als Anführer ungeeignet war. Und dieser Gedanke zerrte an seinen Nerven. Plötzlich bemerkte er, dass Santora ihn beobachtete und darauf wartete, was er dem Mann sagen sollte.

„Führen Sie ihn herein.“

„Ja.“

Santora machte kehrt und kam gleich darauf mit einem älteren Mann zurück. Er hieß Wesley Collins, war groß mit einem roten Gesicht, vorspringender Hakennase und durchdringenden grünen Augen. Soweit Lindberg wusste, hatte Collins eine magere Frau und fünf Kinder. Er tippte mit den Fingern an seine Stirn.

„Ich hoffe, Sie verzeihen mir, Mr. Lindberg, aber wir würden Sie gerne um etwas bitten.“

Lindberg sah angewidert, dass der Mann große gelbe Zähne hatte, und wenn er lächelte, lag ein idiotischer Ausdruck auf seinem Gesicht. „Wir wissen, dass Sie die Sprache der Picari sprechen, und da dachten wir, Sie könnten vielleicht mit ihnen reden und irgendwelche Vereinbarungen mit ihnen treffen, damit sie uns nicht angreifen.“

Details

Seiten
0
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920277
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v428528
Schlagworte
raumflotte axarabor gefecht planeten

Autor

Zurück

Titel: Die Raumflotte von Axarabor #15: Das letzte Gefecht eines einsamen Planeten