Lade Inhalt...

Die Raumflotte von Axarabor #14: Das kosmische Kartell

2018 120 Seiten

Leseprobe

Die Raumflotte von Axarabor #14: Das kosmische Kartell

Axarabor, Volume 14

Wilfried A. Hary

Published by Uksak Sonder-Edition, 2018.

image
image
image

Das kosmische Kartell

image

DIE RAUMFLOTTE VON Axarabor -  Band 14

von Wilfried A. Hary

Der Umfang dieses Buchs entspricht 70 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Ein abgelegener Dschungelplanet, irgendwo am Rand des Sternenreichs von Axarabor. Das Adakoni-Kartell vernichtet eine ganze Siedlung, so dass niemand überlebt bis auf das Kind der Rache. Als nach vielen Jahren endlich erneut Mitglieder des Adakoni-Kartell diese Welt besuchen, ergibt sich eine ganz besondere Gelegenheit...

image
image
image

Copyright

image

EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

1

image

DER KLEINE JUNGE SCHIEN erst fünf Jahre alt zu sein. Sein blonder Lockenschopf umrahmte ein pausbäckiges Gesicht mit einer kleinen Stupsnase und zwei leuchtend blauen Augen. Sie schauten so groß und staunend, als könnte er die Welt noch lange nicht begreifen und als hätten diese Augen noch niemals etwas Negatives oder gar Grausiges gesehen.

Zumindest das täuschte!

Er saß in dem extra von Vater angefertigten wenngleich ziemlich roh zusammengezimmerten Stuhl und schaute dem faszinierenden Spiel des Feuers zu, das sein Gesicht leicht zum Glühen brachte.

Er hatte seinem Vater versprochen, hier sitzen zu bleiben, bis er zurückkam von der Jagd. Das Lagerfeuer brannte ja schon. Auch der Spieß stand darüber, aus Metall gefertigt, das Vater aus der zerstörten Siedlung geborgen hatte.

Es war nicht ganz ungefährlich, die zerstörte Siedlung zu besuchen, um dort noch Brauchbares zu finden. Dort wimmelte es nur so von hungrigem Getier.

Vater hatte seinem kleinen Jungen erklärt, dass die Tiere nicht wirklich böse waren. Sie wollten einfach nur ihren Hunger stillen, und in der Siedlung hielten sie sich deshalb auf, weil sie nicht begreifen konnten, dass es dort schon sehr lange nichts mehr Fressbares gab. Seit nicht nur sämtlicher Proviant der ehemaligen Siedler aufgebraucht war, sondern seit die Siedler selbst komplett aufgefressen worden waren. Beziehungsweise das, was von ihnen noch übrig geblieben war.

Der Junge wusste längst, wer die eigentlich Bösen waren. Sie nannten sich Adakoni-Kartell, und sie fielen damals über die Siedlung her, nicht weil sie etwa Hunger hatten wie die wilden Tiere, die jetzt dort herumstreunten, sondern weil sie damit gerechnet hatten, auf wenig Gegenwehr zu stoßen.

Übermütige junge Leute, denen man ein schwer bewaffnetes Raumschiff überlassen hatte, mit dem sie als Piraten auf Beutezug gingen. Die Siedlerwelt hatte einfach nur auf ihrem Weg gelegen. Sie hatte ja nicht wirklich etwas zu bieten, nichts, wofür es sich gelohnt hätte, auch nur hier zu landen. Es sei denn, man wollte sich mal gründlich austoben, indem man folterte, vergewaltigte und sinnlos tötete.

Sinnlos?

Nein, es geschah ja aus reinem Vergnügen! Also hatte es für die Piraten des Kartells durchaus einen Sinn.

Zumindest hatte Vater dem kleinen Jungen das so erklärt.

„Wir wären jetzt ebenfalls tot, aber es gelang uns, dich zu retten und dich tief im Dschungel zu verstecken!“, endete jede dieser Geschichten.

Oh, Vater versäumte es niemals, auch Details zu schildern. Wie beispielsweise die nette Familie in unmittelbarer Nachbarschaft ausgelöscht worden war. Die Schreie der gepeinigten Opfer hörte er angeblich heute noch.

Der kleine Junge starrte stumm vor sich hin. Das Feuer spiegelte sich in seinen weit geöffneten Augen wider, als würde es nicht vor ihm brennen, sondern hinter diesen Augen, in seinem kleinen Kopf.

Er verschränkte die zarten Händchen über dem leicht vorgewölbten Bauch und schürzte die Lippen.

„Adakoni-Kartell!“, murmelte er vor sich hin. „Vater, ich weiß, das sind die Bösen. Nicht wie die blutrünstigen wilden Tiere, sondern viel, viel schlimmer. Weil die Tiere einfach nur Hunger haben und überleben wollen, doch diese Teufel in Menschengestalt...“

„Erik!“, rief eine helle Frauenstimme.

„Ja, Mama?“, rief der kleine Erik zurück, ohne seinen Blick vom Feuer abzuwenden.

„Du sollst doch nicht immer über diese schrecklichen Dinge nachdenken!“

„Nein, sollte ich nicht!“, räumte er ein.

„Ich habe deinem Vater nun schon so oft gesagt, dass er das unterlassen soll. Diese Geschichten sind nichts für einen kleinen Jungen wie dich!“

Er wandte den Kopf und schaute in Richtung Hütte. Sie war eigentlich viel zu klein für zwei Erwachsene, und doch lebte er dort mit seinen Eltern. Schon so lange er zurückdenken konnte.

Nein, es stimmte nicht ganz: Er hatte ja das Massaker noch selbst miterlebt damals. Er hatte all das Blut gesehen, die Schreie gehört, das brutale Gelächter dieses Abschaums von Raumpiraten... Bis sein Vater ihn geschnappt hatte und davon gerannt war.

Keine Ahnung, ob sie verfolgt worden waren von dieser verruchten Brut. Sie hatten es trotzdem geschafft bis hierher und sogar noch weiter, denn später erst waren sie zurückgekehrt in die Siedlung, als sie sicher sein konnten, dass die Piraten wieder gestartet waren.

Aber sie waren nicht in der Siedlung geblieben. Sie hatten alles das hinter sich gelassen und waren wieder eingedrungen in den ewigen Dschungel. Bis zu dieser kleinen Lichtung hier, wo dann Vater mit der Unterstützung von Mutter die Hütte gebaut hatte.

Er starrte wieder in das Feuer.

Wie lange war es eigentlich her inzwischen?

Er hatte kein Zeitgefühl und konnte es nicht sagen.

Vielleicht waren es ja erst wenige Tage?

Nein, das war nicht möglich, denn dann hätten in der Siedlung noch die Leichen liegen müssen, und die Natur hätte sie nicht schon dermaßen überwuchert.

Erik hatte es zwar nicht selber gesehen, aber sein Vater hatte es ihm genau geschildert, während Mutter mal wieder geschimpft hatte, weil Vater in der Regel nicht das geringste Detail ausließ, so grausam es auch klingen mochte.

„Scheiß Adakoni-Kartell!“, murmelte Erik vor sich hin mit seiner kindlichen Stimme.

Hätte es einer dieser Piraten gehört, wäre er wohl in schallendes Gelächter ausgebrochen. Was sollte schon so ein kleiner Junge, vielleicht gerade mal fünf Jahre alt, gegen das mächtigste Kartell außerhalb des Imperiums von Axarabor unternehmen?

Axarabor und seine Raumflotte... Erik wusste nicht, was das war. Obwohl Vater versucht hatte, es ihm zu erzählen. Aber er hatte es nicht verstehen können. Er war hier, auf dieser Welt, geboren worden. Das hier war seine Heimat, und er war inzwischen noch der einzige Mensch auf einer ganzen Welt, nachdem die Raumpiraten alle getötet hatten und wieder auf und davon waren. Irgendwohin, wo es anscheinend noch mehr Welten gab. Wie die Sterne nachts am Himmel?

Klar hatte Vater ihm das immer wieder zu erklären versucht, aber wenn er es nun einmal nicht verstehen konnte!

Ja, er als der einzige Mensch hier auf der ganzen weiten Welt!

Nicht eingerechnet natürlich seine Eltern: Mama und Papa!

image
image
image

2

image

PAPA KAM VON DER JAGD zurück, mit einem erlegten Kleinwild, das eigentlich viel zu wenig Fleisch bot für eine dreiköpfige Familie, aber sie mussten sich damit begnügen. Wie immer.

Überhaupt auch nur diese kleinen Biester zu kriegen, nur bewaffnet mit einem selbstgebastelten Speer, war schon eine ganz besondere Herausforderung. Nicht nur, weil diese Biester  sehr schnell waren und bei jeder Annäherung sofort die Flucht ergriffen, sie gehörten auch noch auf den Speisezettel so einiger Fleischfresser, mit denen sich niemand anlegen sollte, vor allem nicht als Nahrungskonkurrent.

Und vor allem nicht mit den Gorlos, eine Raubsaurierart, vergleichbar vielleicht mit Raptoren, von denen Erik natürlich noch nie etwas gehört hatte. Einen Gorlo mit diesem Speer abwehren zu wollen, das wäre wie ein Zwerg, nur bewaffnet mit einem Zahnstocher, gegen einen übermächtigen Riesen.

Doch Eriks Vater war nicht nur tapfer, er war auch geschickt genug, um wenigstens einen kleinen Braten zu sichern.

Erik sprang auf und eilte seinem Vater entgegen. Er klammerte sich ganz fest an ihn, weil er sich so sehr freute, ihn heil wiederzusehen.

Papa streichelte ihm liebevoll über die blonde Haarpracht, lächelte erfreut und wartete, bis sein Sohn ihn wieder los ließ, damit er alles für den Braten vorbereiten konnte.

Erik sah ihm dabei aufmerksam zu. Es entging ihm nicht die geringste Kleinigkeit.

Ebenfalls so wie immer.

Am Ende drehte sich der kleine Braten am Spieß über dem lodernden Lagerfeuer. Mutter trug das Ihrige dazu bei, indem sie zwischendurch neues Holz auflegte. Es qualmte jedes Mal fürchterlich, bis die Hitze die Feuchtigkeit aus dem Holz getrieben hatte.

Erik hielt tapfer aus, auch wenn ihm der beizende Rauch hin und wieder mitten ins Gesicht blies. Er freute sich schon auf das Essen.

Vater hatte ihm erzählt, dass Fleisch in ihrer Situation besonders wichtig sei. Aber es gab nicht nur Fleisch. Mutter hatte einiges sammeln können, von dem sie wusste, dass Menschen es gut vertrugen.

Vater sagte dazu stets, dass nicht nur das Protein im Fleisch schließlich wichtig sei, damit ein Junge wie Erik sich entwickeln konnte, sondern natürlich auch die Vitamine der Pflanzenkost.

Erik nahm das lediglich zur Kenntnis. Es interessierte ihn nicht wirklich.

Dann durfte er sich als Erster sattessen. Weil seine Eltern der Meinung waren, er würde es am ehesten brauchen. Weil er sich ja noch entwickeln musste.

Erik hatte keine Hemmungen dabei, fast alles aufzuessen und nur noch einen verhältnismäßig kümmerlichen Rest für seine Eltern übrig zu lassen.

Sie freuten sich sogar darüber und lobten ihn ob seines gesunden Appetites.

Kaum war das Mahl dann beendet, brach die Nacht herein, in der gewohnten Schnelligkeit. Also verzogen sich alle drei in die viel zu kleine Hütte, um dort die Nacht zu verbringen.

Es war wie ein Wunder, dass die Hütte bislang noch nie angegriffen worden war von den wilden Tieren des Dschungels. Die Siedlung, als sie noch bestanden hatte, war mit mächtigen elektrisch geladenen Zäunen geschützt worden. Gerade die Gorlos hatten wirklich alles versucht, sich des frischen und anscheinend leicht zu bezwingenden Fleischvorrates zu bedienen, den die Siedler für sie verkörperten. Doch sie hatten keine Chance bekommen, die Zäune zu überwinden. Die Hütte jedoch hätten sie leicht angreifen können. Wie hätte sich die kleine Familie denn verteidigen sollen? Mit einem selbstgebastelten Speer, der eigentlich noch nicht einmal so richtig für die Jagd taugte?

Ja, Erik hatte sich von seinem Vater sagen lassen, dass sie einfach nur unverschämtes Glück hatten. Nicht nur, dass sie die Adakoni-Piraten überlebt hatten, sondern die wilden Tiere des Dschungels schienen sie voll anzuerkennen. Warum sonst wurden sie von ihnen in Ruhe gelassen?

image
image
image

3

image

NICHTS IN DEN TAGESABLÄUFEN änderte sich. Jeder Tag lief eigentlich gleich ab. Nur wenn Vater zur verfallenen Siedlung ging, um noch einmal zu versuchen, irgendetwas Brauchbares dort zu finden, wobei er in der Regel mit leeren Händen zurückkehrte, geschah einmal etwas anderes. Auf die Jagd ging er sowieso täglich. Den Raubtieren ging er dabei stets aus dem Weg, und auch da hatte er ausgesprochen Glück, wie er immer wieder berichtete. Ganz einfach, weil es ihm überhaupt gelang.

Und wenn es dann ans Essen ging, durfte sich Erik immer als Erster sattessen. Obwohl er sich dabei nicht wirklich veränderte. Er blieb der kleine Junge, der aussah wie 5, ohne dass ihm jemand sagte, wie alt er wirklich war. Er wollte es auch überhaupt nicht wissen. Weil Zahlen für ihn sowieso keinerlei Bedeutung hatten. Er kannte ja nur die Siedlung, wie sie vorher gewesen war, bis zum Überfall. Und dann das Überleben im Dschungel. Auf einer Welt, die ihm ansonsten fremd weitgehend geblieben war, obwohl seine Mutter ihn hier geboren hatte.

So verging die Zeit. Wie viel Zeit, das wusste genauso niemand zu sagen. Es ging halt nur um das nackte Überleben. Alles andere spielte keine Rolle mehr.

Außer für Erik und dabei nur in einer Hinsicht: Er dachte jeden Tag an die Piraten, die seiner Familie das angetan hatten. Abgesehen davon, dass sie die ganze Siedlung ausgerottet hatten, um alles mitzunehmen, was ihnen auch nur im Entferntesten wertvoll genug erschienen war. Um dadurch das Überleben der kleinen Familie noch schwerer zu machen.

Und Erik wurde nur von einem Gedanken beherrscht: Rache!

Er wollte groß und stark werden, diese Welt verlassen, das Adakoni-Kartell finden und es genauso auslöschen wie dieses es mit der Siedlung getan hatte.

Aber er war nun einmal nicht groß, und vor allem, wie sollte er diese Welt jemals verlassen können? Brauchte man dafür nicht so etwas wie ein Raumschiff?

Obwohl er keine Ahnung hatte, was das sein sollte. Zumindest hatte er begriffen, dass die Piraten damals mit einem solchen Ding hier gelandet waren.

Also, wenn er es recht besah, waren sie einfach vom Himmel herabgestiegen, wie Götter, aber sie waren keine Götter gewesen, sondern finsterste Dämonen, obwohl sie wieder zum Himmel zurückgekehrt waren. Doch wer sagte denn, dass sie nicht eines Tages wieder zurückkommen würden vom Himmel? Vielleicht einfach nur, um zu sehen, ob sie hier noch jemandem zum Quälen und Töten fanden?

Dann würde seine Stunde kommen.

Er würde sich diesmal nicht verstecken vor ihnen, auch nicht verstecken lassen von seinen Eltern. Davon war er fest überzeugt. Er würde alles tun, um sie zu bestrafen, egal wie groß er bis dahin war – oder wie klein...

image
image
image

4

image

ES WAR AM ABEND EINES der ungezählten und deshalb unbedeutenden Tage, als etwas geschah, was die unablässige Routine durchbrach.

Zunächst nur ein Geräusch, das nicht auf diese Welt gehörte, nach allem, was Erik wusste.

Und doch hatte er dieses Geräusch schon einmal irgendwann gehört.

Es fiel ihm wieder ein: Das war gewesen, als die verruchten Piraten, dieser Abschaum vom Adakoni-Kartell, gekommen waren.

Er sah sie noch grinsend aus dem Metallding steigen, das größer war als das größte Haus in der noch blutjungen Siedlung. Ja, grinsend!

Das Siedlungsoberhaupt war ihnen entgegen getreten, anscheinend um die überraschenden Besucher zu begrüßen. Deshalb war er als erster gestorben. Einer dieser Kerle war vorgetreten und hatte ihn einfach niedergestochen.

Nein, er hatte keine Schusswaffe benutzt, sondern schien es sogar zu genießen, dass das Siedlungsoberhaupt am Boden sterbend verblutete, während er das Messer an dessen Kleidung abwischte.

Erik hatte den Rest nicht mehr unmittelbar mitbekommen, weil seine Eltern ihn geschnappt hatten, um ihn zu verstecken.

Das ganze Massaker hatte begonnen.

War das auch nicht vor Einbruch der Nacht gewesen?

Es war die grausamste Nacht geworden, die dieser Planet jemals erlebt hatte in seiner bereits Milliarden zählenden Vergangenheit – und hoffentlich niemals wieder erleben würde in aller Zukunft.

Seitdem war kein Raumschiff mehr gekommen.

Ja, jetzt wusste Erik wieder, wie so ein Raumschiff eigentlich aussah. Irgendwie hatte er diese Szene die ganze Zeit über verdrängt.

Er verließ die Hütte und legte den Kopf in den Nacken.

Ein Feuerschweif, der die Dämmerung versuchte zu erhellen. Doch diese herrschte nur ganz kurz, um der Nacht Platz zu machen. Nur wenn der Himmel sternenklar war, gab es nachts ein wenig Licht. Die fünf winzigen Monde, die sich von den Sternen nur unterschieden, weil sie sich rasch bewegten, erhellten die Nachtseite eigentlich so gut wie gar nicht.

Heute war der Nachthimmel zwar fast wolkenfrei, es gab aber einen Dunst dort oben, der nur die am stärksten strahlenden Sterne durchschimmern ließ.

Der Feuerschweif senkte sich nieder – dort, wo sich die Siedlung befunden hatte.

„Papa, bitte trage mich hinüber!“

„Das ist viel zu gefährlich!“, versuchte sein Vater zu widersprechen.

„Bitte!“, flehte Erik.

Mutter trat hinzu. Sie schaute mit weit aufgerissenen, erschrockenen Augen hinüber und wollte etwas sagen, doch kein Laut verließ ihre bebenden Lippen. Da nahm der Vater endlich seinen Sohn auf den Arm und setzte sich in Bewegung.

Mutter folgte den beiden.

Es war nicht so weit, dass sie lange brauchten, und dennoch weit genug, damit die wilden Tiere in der überwucherten Siedlung normalerweise kein Interesse an der Hütte fanden.

Die kleine Familie erreichte ihr Ziel genau in dem Moment, als das Raumschiff bereits auf der natürlich entstandenen weiten Lichtung nahe der ehemaligen Siedlung landete. Ein Stück weitgehend unfruchtbarer Boden, der nur von niedrigen Moosarten bedeckt wurde, die verzweifelt sich bemühten zu überleben.

Auf dem Bug des Raumschiffes prangte ein Symbol, das mehrere ineinander verflochtene Schlangen zeigte.

„Das Adakoni-Symbol!“, entfuhr es Eriks Vater.

Er duckte sich unwillkürlich tiefer.

Sie starrten gebannt hinüber.

Der Ausstieg öffnete sich. Eine Art Treppe fuhr aus. Drei Männer verließen nacheinander das Schiff.

Wie viele gab es eigentlich insgesamt an Bord?

Einer der Männer schaute sich besonders aufmerksam um.

„Scheiße, was ist hier denn passiert? Ich dachte, hier würde sich eine Siedlung befinden?“

„Ja“, meinte ein anderer, „dachte ich eigentlich auch. Andererseits ist es beinahe egal. Wir müssen ausweichen, seit die Flotte von Axarabor so viele von uns besetzte Welten gefunden hat. Sie wissen plötzlich vom Kartell, und niemand weiß, wie das geschehen konnte.“

„Vielleicht Verräter in unseren eigenen Reihen?“, vermutete ein vierter, der im Ausstieg erschien.

Der erste winkte läppisch ab.

„Kann ich mir nicht vorstellen. Jeder weiß schließlich, was mit Verrätern geschieht. Da hat Großmogul Tscholu Fandamino so seine ganz besonderen Methoden.“ Er deutete zu dem hinüber, was von der ehemaligen Siedlung noch übriggeblieben war. „Ich möchte wissen, was denen widerfahren ist. Da blieb ja kaum ein Stein auf dem anderen.“

Der vierte Mann stieg jetzt ebenfalls aus dem Raumschiff aus und meinte: „Kaum vorstellbar, dass hier jemand überleben konnte. Vielleicht gibt es hier wilde Tiere, die denen den Garaus gemacht haben?“

„Also, gemäß unserer Unterlagen ist das schwer vorstellbar!“, widersprach der dritte, der zum ersten Mal etwas sagte. Ein vierschrötiger, bärbeißig wirkender Geselle in einer so schmuddeligen Uniform, als würde er schon seit einiger Zeit im Dschungel überleben müssen, ohne die Gelegenheit, sich auch mal zu waschen. Wieso ertrugen die anderen überhaupt seinen zweifelsohne vorhandenen Gestank?

Er trat jetzt vor und musterte die überwucherten Ruinen.

„Nein!“, schloss er aus dem, was er sehen konnte, „da muss was anderes passiert sein.“

„Was denn?“, fragte der Erste unschuldig.

„Na, was wohl?“, knurrte der Bärbeißige. „Du weißt doch selber, wie das so ist. Da wollen ein paar mal ordentlich Dampf ablassen, suchen eine solche Siedlung heim... und du siehst, was dabei herauskommt.“

„Du hast recht“, rief der Erste erschüttert. „Verdammt und zugenäht, mir wäre es allerdings lieber, die würden alle noch leben. Dann könnten wir die neuen Herren sein und alles vorbereiten. Der Planet wäre als Ausweichquartier bestens geeignet. So schnell würde die Flotte uns nicht finden. Die wissen gar nichts von dieser Welt, denn sie wurde ja von einer Welt innerhalb unseres Einflussbereiches aus besiedelt.“

„Aber die scheinen sich inzwischen auch nicht mehr darum gekümmert zu haben, sonst würde es hier anders aussehen.“

„Bring mich hin!“, bat Erik seinen Vater.

Dieser bewegte sich jedoch nicht von der Stelle.

Erik überlegte es sich anders. Er war der Meinung, genug gehört zu haben. Das waren eindeutig Leute des gleichen Schlages wie die, denen die Siedlung ihren Untergang verdankte.

„Lass mich bitte herunter!“

Diesmal gehorchte sein Vater, und Erik machte sich auf den Weg in Richtung Landeplatz des Raumschiffes des Adakoni–Kartells. Auf seinen kurzen Beinchen, ganz ohne seine Eltern, die ihn zwar mit leisen Zurufen zurück beordern wollten, doch er ignorierte es einfach und lief weiter, so schnell er konnte. Dabei hatte er alle Mühe, nicht über irgendwelche Luftwurzeln zu stolpern und sich einen Weg durch das Gestrüpp zu bahnen, das für ihn haushoch erschien und das er mit seinen kurzen Ärmchen jedes Mal mühsam teilen musste.

Doch irgendwann erreichte er das gelandete Kartell-Schiff.

Davor standen jetzt fünf Männer.

Ausgerechnet der Bärbeißige sah Erik als erster.

„He!“, rief er und machte die anderen damit aufmerksam auf seine Entdeckung.

Sie stierten Erik entgegen, als wäre er ein Gespenst, und wollten ihren eigenen Augen nicht trauen.

image
image
image

5

image

DER ERSTE DER MÄNNER, der ausgestiegen war, nahm kurzerhand Erik auf den Arm und strich ihm eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht.

„Das darf doch nicht wahr sein, Captain!“, murmelte der Mann neben ihm erschüttert. „Die Siedlung sieht ja nun wirklich nicht danach aus, als hätte hier jemand überleben können. Und jetzt so ein kleiner Junge? Ganz allein?“

Seine Augen suchten den Dschungel ab, doch da war nichts zu sehen außer allgegenwärtigem Grün.

Aus welcher Richtung war der Kleine überhaupt gekommen?

Auch da war nichts. Sogar die Fußspuren waren wieder verschwunden. Das niedergetretene Gras hatte sich beinahe sofort nach Erik wieder aufgerichtet.

„Hallo!“, rief er laut. „Ist da jemand? Zeigen Sie sich bitte. Wir tun Ihnen nichts. Sind Sie die einzigen Überlebenden?“

Keine Antwort. Keinerlei Reaktion.

Er wandte sich an seinen Captain.

„Das kann doch gar nicht sein!“

Der Bärbeißige trat hinzu und musterte Erik.

„Ein guter Happen Frischfleisch, der Kleine“, knurrte er böse.

„Unterstehe dich, Samwell! Wie sollen wir die Eltern des Jungen finden, wenn du solche Äußerungen tätigst?“

„Die kommen schon von selber. Was sollen sie im Dschungel, allein?“

Einer der anderen herrschte ihn an:

„Bist du jetzt völlig bescheuert oder was? Wir wissen nicht, wie lange die Siedlung schon tot ist, aber immerhin haben die Eltern gemeinsam mit dem Jungen bis jetzt überlebt. Glaubst du denn wirklich, die kommen jetzt freiwillig, weil sie es nötig haben? Die werden sich so verstecken, dass wir sie nicht finden. Und sie werden uns hassen, weil solche wie du die Siedlung platt gemacht haben. Glaubst du denn, die halten uns jetzt für Freunde?“

Captain Morlog deutete auf den Jungen.

„Seht ihn euch an. Er ist sauber. Kein verdrecktes Lumpenbündel. Also haben seine Eltern Mittel und Wege gefunden, einigermaßen gut zu überleben in diesem mörderischen Dschungel.“

„Mörderischer Dschungel?“, echote der Bärbeißige aber anscheinend nicht besonders kluge Samwell und schaute sich alarmiert um.

Der Dritte lachte gehässig.

„Hast du denn nichts gelesen über diese Welt? Da gibt es sogar ziemlich gefährliche Bestien. Wenn die Hunger haben, schnappen sie sich natürlich den Dicksten – und das bist du.“

Der Bärbeißige schielte unwillkürlich zur Ausstiegsluke hinüber.

„Ich gehe mal zurück an Bord und schau dort nach dem Rechten!“, kündigte er an und setzte sich bereits in Bewegung.

Die anderen lachten gehässig, was ihn allerdings nicht von seiner Absicht abbrachte.

Die beiden, die außer dem Captain draußen blieben, betrachteten jetzt ebenfalls den kleinen Erik, der sie mit großen, blauen Augen anschaute. Das Scheinwerferlicht, das die nähere Umgebung taghell beleuchtete, während am leicht dunstigen Nachthimmel nur wenige Sterne leuchteten, zeigte jede Einzelheit.

Ja, Erik machte einen ziemlich gepflegten Eindruck, dafür, dass er für unbestimmte Zeit im Dschungel hatte hausen müssen.

Mit seinen Eltern?

„Wie heißt du denn, Kleiner?“, fragte Captain Morlog freundlich.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920260
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v428524
Schlagworte
raumflotte axarabor kartell

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Raumflotte von Axarabor #14: Das kosmische Kartell