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Die Raumflotte von Axarabor #13: Prinz der Tränen

2018 120 Seiten

Leseprobe

Die Raumflotte von Axarabor #13: Prinz der Tränen

Axarabor, Volume 13

Wilfried A. Hary

Published by Uksak Sonder-Edition, 2018.

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Prinz der Tränen

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DIE RAUMFLOTTE VON Axarabor -  Band 13

von Wilfried A. Hary

Der Umfang dieses Buchs entspricht 72 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Tscholu Fandamino, der Großmogul des Adakoni-Kartells ist wütend. Jemand hat die dem Kartell gehörende Welt REBELLION angegriffen und seine Identität angenommen. Nun macht er sich auf, herauszufinden was vorgefallen ist, wohl ahnend, dass es eine Falle für ihn sein könnte.

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Copyright

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Prolog

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MAN NENNT MICH DEN „Prinz der Tränen“, den Herrn der Tränen, weil ich Entscheidungen treffen muss, Entscheidungen über Leben und Tod.

Ich kann nicht anders. Auch wenn ich wollte.

Und keiner kann mir helfen.

Vor allem nicht gegen die Erinnerungen, beginnend mit dem, was ich zunächst als das Schlimmste empfunden hatte, das überhaupt möglich erschienen war:

Ich bin gefangen in einem Käfig voller Squallags, tierischen Wesen, die es lieben, Menschen und Menschenähnlichen das Leben zur Qual zu machen, zu einer Hölle, aus der es kein Entrinnen gibt.

Ich höre noch meine flehentlichen Gedanken: So grausam kann das Universum nicht sein! Darum bitte ich euch, bitte ich alle, die mich verstehen, die mich hören können, sogar die mythischen Wesen des Subraums, HELFT MIR!

Und hilf mir, Setna, allmächtiger Gott des Raumes, falls es dich wirklich geben sollte.

Ich bitte zumindest um deine Gnade, selbst wenn dies mein Tod bedeutet.

Alles, ja, alles ist besser als das hier. Sogar der Tod!

Und sogar DIE RAUMVERSCHLINGER könnten mir doch nicht Schlimmeres antun, oder?

Diese Schmerzen... Feuer bis in meine Träume. Hört das denn niemals auf?

SETNA – ich bitte um Erlösung!

In Ordnung: Lass mich meinetwegen sterben... endlich sterben.

Mein Fleisch soll endgültig verbrennen, denn mein Herz ist rein. Zumindest mein Herz.

Schließlich bin ich der Prinz der Tränen... und damit mein Ende endlich nah ist, erhöre dieses Gebet:

SETNA – erlöse mich.

Ich will dir dienen.

Immer!

Auf ewig.

Bis zum Ende aller Zeiten.

Setna, erlöse mich!

Mein soll für Dich die Rache sein!

SETNA!

Doch da ist noch jemand. Jemand, der ins Spiel gekommen ist. Einer, den ich nicht kenne. Der dem Herrn dient?

Setna? Dein Sendbote gar? Um meinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen, meinen Tod?

Doch ich kann seinen Namen erkennen. Er steht brennend auf einer Wand: SCHWARZER MANTEL!

Egal. Er kommt – und ich will einfach nur sterben. Einfach nur...

SETNA!

Schnell: Die Squallags hört man nicht, man sieht sie nicht, bis sie sich zu erkennen geben.

Wenn es eine Hölle gibt, wenn es die RAUMVERSCHLINGER wirklich geben sollte, dann sind das hier die Wesen, die alles ankündigen werden, alles bis auf das Ende aller Zeiten. Eine Ankündigung in der Sprache unsäglicher, niemals enden wollender Schmerzen...

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1

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VERDAMMT, WENN ICH die Augen schließe, wird es noch schlimmer. Ich sehe es deutlich. Deutlicher geht es nicht. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Alles verschmilzt zu einer untrennbaren Einheit:

Der Ozean unter mir erscheint unendlich.

Blau. In ihm schimmert das grelle Licht der Sonne CANOPUS 23, einem Stern der gelben Zwergenklasse. In diesem Ozean des einzigen Planeten in der habitablen Zone um CANOPUS 23.

Die Ortung, die als einziges noch eine Funktion erfüllt nach dem tödlichen Treffer, zeigt deutlich, wo die Bruchlandung erfolgen soll. Schon wenige Meter unter der Oberfläche des glasklaren Ozeanwassers kann man die FISCHÄHNLICHEN sehen und einige, die springen können, um dem Wasser zu entrinnen und vielleicht schon in wenigen Jahrtausenden das Land zu erobern.

Ich werde mich nicht um sie kümmern können, und viele werden sterben. Sowieso. Vielleicht sogar alle? Zumindest an dieser Stelle.

Der Aufprall. Nicht nur die Bewohner des Wassers werden dabei sterben müssen.

Ich werde es vielleicht als einziger überleben? Und dann werde ich weiterreisen. Weiter verfolgt von SCHWARZER MANTEL. Ich hasse ihn. Er will mir weh tun, dermaßen weh tun. Was waren denn die Squallags dagegen, von denen er mich befreit hat? Befreit, nur um mich zu töten.

Ein Tod jedoch, der keine Erlösung bringen sollte. Ganz im Gegenteil: Er will, dass ich nur deshalb sterbe, damit meine Qualen unendlich werden.

Ein unendlich währender Tod. Schlimmer als jede Hölle sein könnte. Schlimmer sogar noch als die Squallags, obwohl ich mir nicht hätte vorstellen können, dass es danach jemals noch eine Steigerung geben könnte.

Falls ich es zulasse, heißt das, doch ich werde das niemals zulassen!

Ich werde ihn vernichten!

Wenn ich das denn nur könnte...

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UND ENDLICH SCHLUG die STARBUST auf die Wasseroberfläche des zweiten Planeten von CANOPUS 23 auf.

Der Winkel war günstig. Er rettete zwar keine Menschen, und er rettete vor allem nicht das Schiff. Dazu war der Winkel dann doch zu steil, aber...

Am Himmel war zuerst ein Leuchten und dann ein ohrenbetäubender Ton. Hoch und schrill. Und er wollte einfach nicht aufhören.

Dieser Himmel hatte etwas von der guten alten Erde. Doch das Blau der Wasserwüste war vermischt mit hellen, rosafarbenen Streifen, und Winde heulten auf der Wasseroberfläche, wie zornige Derwische, und jeder Wassertropfen wurde von heftigen Böen wie der stoßweise Atem eines schieren Windriesen zurückgeschleudert und erzeugte Gischt und Schaum, den man auf der guten alten Erde so nicht gekannt hätte.

Dann berührte die STARBUST die aufschäumende Wasserfläche und zerbrach trotz der Abschirmungen in unzählige Trümmerteile.

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ICH KANN NICHT ANDERS, ich muss es einfach immer und immer wieder aufs Neue erleben. Ohne die geringste Chance, es jemals zu vergessen. Nicht einmal das winzigste Detail.

Und dann ist da immer noch SCHWARZER MANTEL.

Wie konnte er damals nur davon wissen, dass wir im Anflug waren? Woher kannte er das System CANOPUS 23?

Er wollte nur mich treffen – und traf doch alle.

Wie kann ich ihm jemals endgültig entrinnen? Früher oder später findet er mich. Wie über dieser Welt im System CANOPUS 23.

Will mir denn niemand helfen?

Es ist spät!

Zu spät!

Wir stürzen ab. Die letzte Abschirmung fällt.

Stahl und Legierungen, die zwanzigtausend Grad aushalten, doch fünfundsechzigtausend Stundenkilometer und der Aufprall auf einer Wasseroberfläche... Das hält kein Schiff aus.

Die glühende Spur durch die Atmosphäre, kochende Luft hinterlassend, einen zusätzlichen Sturm erzeugend, ein Krachen und Bersten, noch bevor das Schlimmste überhaupt geschehen wird.

Und dann das Finale, wenn alles innerhalb von Augenblicken restlos zerstört wird.

Keine Rettung, keine Hilfe mehr möglich, wenn alles Leben endgültig erlischt. Im Schiff. Und am Auftreffpunkt im weiten Umkreis, wenn alles zerfetzt wird wie bei der Detonation einer Megatonnenbombe.

Nur in der Rettungseinheit, die sich erst lösen lässt als es eigentlich schon zu spät erscheint, noch für bange Sekunden der Kampf ums nackte Überleben.

Es scheint nicht nur zu spät, sondern ist es auch. Zu nah am Einschlagsort. Die ungeheure Druckwelle. Aller Stahl und die Abschirmungen auch hier fallen.

Und dann ist da nur noch Blut, das Zerbersten von Knochen, Zerfetzen von Fleisch und Sehnen, wo sogar Stahl nicht widerstehen kann.

Schließlich nur noch Wasser, ungeheuer viel Wasser...

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4

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SETNA, HILF MIR DOCH! Ich erlebe es schon wieder: Etwas schleudert mich in Richtung Wand. Alle Gurte reißen, nachdem sie mir ins Fleisch geschnitten und blutende Wunden hinterlassen haben.

Neben mir – etwas erhöht - sitzt Kapitän Hain-tze, den alle immer hinter seinem Rücken nur „Maatze“ nennen, langgezogen das „a“, aber was soll's, er ist ein erfahrener Kapitän, in der Blüte seines Alters und gerade mal 80 Jahre alt.

„Tschubbers“ heißt die KI-Projektion auf seiner Schulter, ein verdammt schönes Hologramm von einer Frau mit roten, langen Haaren, die aussieht wie ein kleiner Teufel, aber die Seele des Schiffes ist.

Und diese, ja, diese Seele erlischt von einem Augenblick zum anderen.

Gleich wird das Schlimmste passieren. Ich bekomme es mit der Angst zu tun. Denn das ist keine Übung. Das ist der Ernstfall, und der bringt uns viel zu schnell auf die Oberfläche des zweiten Planeten von CANOPUS 23.

Ich will noch Anweisungen geben, auch wenn das für einen Menschen eine viel zu kurze Zeitspanne ist, um wirklich noch etwas bewirken zu können.

Nicht einmal die Auswerfer, wie man die schnellen und wendigen Beiboote nennt, kommen rechtzeitig davon, und dann dominiert nur noch das Kreischen überbelasteten Materials.

Wird es mir genau so ergehen wie an Bord all der anderen Schiffe, die havarierten, und bin auch ich irgendwann nur noch eine Fußnote in der Geschichte, und dann, schon einige Jahrhunderte später, erinnert sich überhaupt niemand mehr an mich?

Ich werde zumindest den Kapitän retten – koste es, was es wolle.

Ich greife nach Kapitän Hain-tze und reiße ihn mit mir.

Etwas brennt an mir: Zwei Abschirmungen umschließen uns beide gemeinsam, und so gewinnen wir Zeit, während um uns herum das Chaos immer schlimmer wird und eigentlich gar nichts mehr geht.

Ich schau auf meinen Arm, mit dem ich Kapitän Hain-tze mitgezogen habe, und sehe, dass ich zwei Finger verloren habe. Sie wurden vermutlich abgetrennt von umherfliegenden Splittern aus der Kommandozentrale.

Sie bluten nicht einmal. Und ich habe keine Zeit mehr, auch nur darüber nachzudenken.

Nur noch einen Meter, und wir sind in dieser Rettungskapsel. Schlechter als ein Auswerfer, aber besser als umzukommen.

Ich werde es nicht zulassen, dass der Kapitän einfach stirbt.

Und dann bin ich mit ihm in der Kapsel.

Doch bevor sich das Gefährt hermetisch abriegelt und eine wirksame Abschirmung aufbaut, treffen mich hintereinander zwei Stöße.

Sie sind wuchtig.

Sie sind brutal!

Die Luft riecht plötzlich nach Eisen. Schließlich spritzt Blut auf die Sitze.

Und während ich mich plötzlich schwach fühle und mir die Beine einknicken, seufze ich, denn es ist geschafft und der Kapitän gerettet. Die Abschirmung steht – und der Kapitän erlebt seine letzten Sekunden, unfähig, selber etwas zu tun, nur noch fähig zu einem letzten lauten Schrei.

Seine Augen sind erfüllt von unsäglichem Entsetzen. Er hat noch immer nicht begriffen, was passiert ist, dass man uns abgeschossen hat, dass wir nicht mehr in der Lage gewesen sind, unseren Flug abzubremsen, um in einen ordentlichen Orbit um den zweiten Planeten von CANOPUS 23 einzuschwenken. Weil wir tödlich getroffen sind, um mit fünfundsechzigtausend Stundenkilometern in die Atmosphäre einzuschießen, als bereits erledigtes Wrack. Unfähig eben, die Auswerfer zu benutzen, um sonst noch jemanden von Bord zu retten.

Dass ich es als Einziger geschafft habe, eine Rettungskapsel nicht nur zu besteigen, sondern sogar zu starten, ohne ihn dabei zurückzulassen, hat er noch genauso wenig begriffen, und die Kapsel entfernt sich mit höchstmöglicher Beschleunigung vom Schiff.

Viel zu knapp vor dem endgültigen Aufprall. Ja, ich war ungeheuer schnell gewesen, habe etwas geschafft, was eigentlich unmöglich erscheint, und doch bin ich letztlich nicht schnell genug gewesen, und wir sind nicht ausreichend geschützt, nicht vor den Auswirkungen der unvorstellbaren Detonation beim Untergang des gerade erst verlassenen Schiffes und vor der Energie des nur teilweise abwendbaren Aufpralls unserer Kapsel - und noch nicht einmal angeschnallt.

Beim Aufprall, bevor uns die Druckwelle davon fegt wie ein Orkan eine Daunenfeder, wird der Kapitän direkt aus dem Pilotensitz geschleudert, in den ich ihn soeben erst bugsiert habe, und man kann trotz des auditiven Chaos der Vernichtung auch noch das Krachen der Knochen und das Splittern der Zähne hören.

Sein Gesicht verändert sich zu einer Maske aus Blut!

Dann packt auch mich ein unsichtbarer Riese und schleudert mich in eine Ecke. Meine Welt verändert sich in ein Universum aus Schmerz!

Und ich kann einfach nicht mehr aufhören zu schreien...

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ICH LEBE!“, ÄCHZTE der Großmogul des Adakoni-Kartells Tscholu Fandamino und schämte sich nicht der Tränen, die dick aus seinen Augen quollen.

Es sah ja niemand. Denn er ließ es nur dann zu, wenn er sich sicher sein konnte, allein zu sein und unbeobachtet. Nicht einmal die Bord-KI durfte es überhaupt registrieren. Er hatte sie persönlich darauf programmiert – programmiert gewissermaßen zum Wegsehen!

Zumal eine Bord-KI nicht wirklich eine Intelligenz war. Sie hieß nur so. Weil sie Unglaubliches fertig brachte, einem Menschen haushoch überlegen war, ohne jedoch so etwas wie ein Ich-Bewusstsein zu besitzen, was man auch Seele nannte, falls man daran glauben mochte.

Tscholu Fandamino gehörte zu den Gläubigen. Heimlich. Genauso heimlich, wie er sich seinen grausigen Erinnerungen hingab.

Er kam nicht dagegen an. Nicht für lange. Deshalb brauchte er genügend Freiraum für jene Augenblicke, in denen es ihn übermannte.

Seit so langer Zeit bereits. Denn Großmogul Tscholu Fandamino war nicht nur über alle Maßen alt, sondern... er konnte nicht sterben.

Nicht wirklich jedenfalls!

Obwohl es nichts gab, was er sich sehnlicher wünschte.

Er hatte es sich gewünscht, als er den Squallags zum Opfer gefallen war. Damals. Jeder normale Mensch wäre von ihnen qualvoll zu Tode gequält worden. Was aber, wenn man gar nicht sterben konnte? Dann waren die Qualen unendlich.

Setna hatte ihm SCHWARZER MANTEL geschickt. Jedenfalls hatte er damals daran glauben wollen. Bis ihm klar wurde, dass er gewissermaßen vom Regen in die Traufe geraten war. Schlimmer noch: Schwarzer Mantel, den man so nannte, weil niemand wusste, wie er aussah, weil man eigentlich nur... eine Art schwarzen Mantel sehen konnte... Er war nicht nur gekommen, um ihn von den Squallags zu befreien, sondern um ihm danach noch Schlimmeres anzutun!

Er wusste noch heute nicht, aus welchem Motiv heraus Schwarzer Mantel so handelte. Woher dieser unvorstellbare Hass gegen ihn? Dieser gnadenlose Vernichtungswille? Dieser Wille, ihn auf ewig unsäglich leiden zu lassen?

Wie hätte man das überhaupt jemals begreifen können?

Es war ihm die Flucht gelungen. Irgendwie. Er wusste bis heute noch nicht, wieso eigentlich. Hing es denn mit seiner Unsterblichkeit zusammen? Eine Unsterblichkeit, die er sich genauso wenig erklären konnte wie den Hass von Schwarzer Mantel auf seine Person.

Seitdem hatte die Flucht nicht mehr enden dürfen. Und immer wieder hatte ihn Schwarzer Mantel aufgespürt. Wie zuletzt im System CANOPUS 23. Ein Angriff, den nur ein Unsterblicher hatte überleben können – so unsterblich wie er.

Um in die Tiefen des unendlichen Ozeans abzutauchen, um dort unten im Minutentakt zu ertrinken und immer wieder zu neuem Leben zu erwachen. Schier unendlich oft und unendlich lange, bis er endlich wieder an Land gelangt war.

Nur um sich dort wie eine Ratte zu verkriechen und in einem Versteck auszuharren, wie es unwürdiger nicht hätte sein können. Und gefährlicher! Denn er war bei lebendigem Leib gefressen worden. Immer und immer wieder. Bis er endlich sicher gewesen war, dass Schwarzer Mantel ihn nicht mehr finden konnte.

Erst nach einer gefühlten Ewigkeit danach war Rettung von außerhalb gekommen. Die hatte er erst einmal als Rettung erkennen müssen, weil er immer noch damit gerechnet hatte, Schwarzer Mantel könnte zurückkehren, um ihn endgültig und für immer aufzugreifen.

Ein Raumschiff des Kartells. Genau des Adakoni-Kartells, das er in der Folgezeit zur Blüte gebracht hatte. Als Tscholu Fandamino, wie er sich seit seiner Rettung vom zweiten Planeten des Systems CANOPUS 23 nannte.

Mit anderen Worten: Er hatte die Gelegenheit ergriffen, um zu einem mächtigen Mann aufzusteigen, innerhalb eines Kartells, das der Raumflotte von Axarabor ernsthaft Sorgen hätte bereiten können, was es aber überhaupt nicht beabsichtigte. Zumindest nicht so, dass die Raumflotte von Axarabor überhaupt mitbekam, dass es dieses Kartell gab außerhalb ihrer Grenzen.

Für Tscholu Fandamino war es ganz besonders wichtig gewesen, eine solche Unantastbarkeit zu erreichen, denn dann konnte er sich ohne aufzufallen von Doppelgängern vertreten lassen, um nicht das geringste Risiko einzugehen, von Schwarzer Mantel doch noch gefunden werden zu können.

Die letzte Begegnung war nun schon so lange her, dass er manchmal sogar dazu neigte, anzunehmen, Schwarzer Mantel habe die Suche nach ihm aufgegeben. Doch kürzlich war etwas geschehen, was ihn im höchsten Maße stutzig gemacht hatte:

Der Braune Zwergstern REBELLION war vom Kartell schon vor längerer Zeit vereinnahmt worden. Man konnte an seiner Oberfläche nicht nur Siedlungen bauen, sondern diese Oberfläche bestand aus einem ganz besonderen Material: Mit HALON legiertes Eisenerz. HALON-Erz war extrem selten und extrem wertvoll und wurde nach seinem Entdecker Somil Halon so genannt. Baute man es ab und verhüttete es, gewann man eine Stahllegierung, die mit relativ geringem Energieaufwand Schwerelosigkeit und sogar Antischwerkraft erzeugen konnte.

Deshalb befand sich das Naturvorkommen an der Oberfläche: Blitze hatten es aus dem Eisenkern gesprengt und emporschweben lassen, um es dort oben teilweise in Kontinentgröße für immer zu halten. Oder bis es irgendwann komplett abgebaut war.

HALON war natürlich nicht nur ungeheuer selten, sondern von daher gesehen auch ganz besonders wertvoll. Kein Wunder, dass Axarabor das nicht gerade begrüßte, wenn ein solches Vorkommen verloren ging. Das Kartell jedoch ließ es so aussehen, als hätten die Siedler vor Ort aus freien Stücken sich losgesagt vom Sternenreich, um ihren braunen Zwergstern künftig eben REBELLION zu nennen, in Erinnerung an ihre Befreiung vom Imperium.

So weit, so gut. Doch kürzlich war es eben zu einem bedeutsamen Zwischenfall gekommen, den niemand im Nachhinein so recht erklären konnte. Ein Raumschiff war gekommen und hatte sich ausgerechnet als Nobelkreuzer Fandamino ausgegeben, mit dem Besitzer Tscholu Fandamino an Bord.

Der Wachhabende in der Systemkontrolle hatte das Schiff durchgelassen. Man warf ihm heute noch vor, er habe den Betrug nicht nur erkannt, sondern sogar erst ermöglicht. Allerdings schwor er nach wie vor, sich an nichts erinnern zu können.

Was das fremde Schiff am Ende auf REBELLION überhaupt gewollt hatte, war ebenfalls bis heute völlig unklar. Die Besatzung hatte anscheinend einiges durcheinander gebracht und war danach unverrichteter Dinge wieder abgezogen. Mit unbekanntem Ziel.

Als Tscholu Fandamino davon gehört hatte, war alles wieder in ihm aufgekocht. All diese Ängste, seine Erinnerungen, seine Todesangst vor Schwarzer Mantel...

Einiges sprach seiner Meinung nach unmissverständlich dafür, dass Schwarzer Mantel ihm doch noch auf die Spur gekommen war: Erstens einmal, weil dieses fremde Schiff sich für sein Schiff ausgegeben hatte und sogar sein Name mit ins Spiel gekommen war. Zweitens, weil eigentlich weiter gar nichts passiert war, wenn man den Worten der Siedler Glauben schenken wollte. Als hätte die Besatzung jenes Schiffes einfach nur... nach etwas oder jemandem gesucht.

Gesucht nach ihm?

Vielleicht wäre es jetzt vernünftiger gewesen, jemand anderen hierher zu schicken, jemanden, dem er vertrauen konnte? Vielleicht erwartete ihn ja sogar vor Ort eine Falle? Vielleicht hatte Schwarzer Mantel dies alles nur deshalb inszeniert, um seiner endlich habhaft zu werden?

Und vielleicht war er gerade dabei, sehenden Auges in sein eigenes Verderben zu fliegen?

Das waren eigentlich viel zu viele Vielleicht. Wie hätte er sich da anders entscheiden können, als sich allen Risiken zum Trotz am Ende doch noch persönlich auf den Weg zu machen, auf der Suche nach Erkenntnis?

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WENN ERNSTO FALLION mehr hasste als die sprichwörtliche Pest, dann war es ein Auftrag mit zu vielen freien Variablen.

Sprich: Man ließ ihn offensichtlich gezielt im Ungewissen, was die in seinen Augen wichtigsten Details betraf, und schickte ihn an eine Front, ohne überhaupt auch nur im Geringsten über mögliche Gefahren und Risiken aufzuklären.

Das Einzige, was man ihm mitgeteilt hatte von Seiten des Gewählten Hochadmirals von Axarabor, war eigentlich nur dieses:

„Das System Brauner Zwergstern REBELLION ist seit längerer Zeit abtrünnig. Zugriff durch die Flotte von Axarabor ist unmöglich. Sie Siedler haben ihr System vollkommen abgeschottet und drohen, bei unberechtigter Annäherung der Flotte von Axarabor, alles zu vernichten, was von Interesse wäre, einschließlich sich selber. Und sie haben schon vor längerer Zeit eindrucksvoll demonstriert, dass sie dazu durchaus in der Lage sind.

Ein geheimes Spähkommando war dennoch kürzlich vor Ort, um endlich die näheren Umstände zu klären, die bis heute unklar geblieben waren. Sie haben herausgefunden, dass die Siedler von REBELLION nicht freiwillig das Sternenreich verlassen haben, sondern von einem bis dato noch unbekannten scheinbar mächtigen Kartell namens Adakoni-Kartell dazu gezwungen wurden. Seitdem sorgt das Kartell für weiteren Abbau des begehrten HALON-Erzes und vermarktet es offensichtlich außerhalb des Imperiums an mögliche Feinde von Axarabor.

Ein gewisser Großmogul des Kartells Tscholu Fandamino scheint große Macht zu besitzen und im Namen und Auftrag des Kartells für REBELLION zuständig zu sein.

Das geheime Spähkommando ging so vor, dass niemand dort weiß, dass wir jetzt über das Kartell und die besondere Rolle jenes Großmoguls informiert sind. Sie müssen nach wie vor annehmen, unentdeckt zu sein.

Ihre Aufgabe ist es nun, ein Raumschiff des Adakoni-Kartells beim Verlassen des Systems REBELLION zu verfolgen, um militärische Maßnahmen ergreifen zu können!

Achtung: Dies ist kein Kampfauftrag, sondern lediglich ein Spähauftrag!“

Seine Rückfrage war jedenfalls eindeutig gewesen:

„Und wieso schicken Sie dann nicht jenes Schiff vor Ort, das sich als Spähkommando bereits bewährt hat? Und wer ist das eigentlich?“

„Erstens, diese sind genauso geheim wie Ihre Crew von Superkriegern. Zweitens, für die Verfolgung gewissermaßen in die Höhle des Löwen sind Sie mit Ihrem Schiff besser geeignet.“

„Dann rüsten Sie doch ganz einfach dieses andere Schiff entsprechend aus!“, war sein Vorschlag gewesen.

„Dies ist ein Befehl und keine Verhandlungsgrundlage, Captain Ernsto Fallion! Sie wurden zwar als Ersatz für Captain Kanot Borglin eingesetzt, der leider nicht mehr zur Verfügung steht, aber das heißt nicht, dass Sie nicht jederzeit wieder diesen Posten verlieren können.

Also: Nehmen Sie die Koordinaten von REBELLION auf und alle über das System bekannten Daten.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920253
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v428515
Schlagworte
raumflotte axarabor prinz tränen

Autor

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #13: Prinz der Tränen