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5 Mitternachts-Thriller: Albträume und Masken

2018 550 Seiten

Leseprobe

5 Mitternachts-Thriller: Albträume und Masken

Alfred Bekker

Published by Cassiopeiapress Extra Edition, 2018.

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5 Mitternachts-Thriller: Albträume und Masken

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Dieses Buch enthält die Romane:

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ALFRED BEKKER: DEIN Albtraum wird zur Wirklichkeit

Alfred Bekker: Patricia Vanhelsing und die Burg der Tempelritter

Alfred Bekker: Der Schlangentempel

Alfred Bekker: Der Orden der Maske

Alfred Bekker: Die Magie der Maske

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LINDA WIRD VON ALBTRÄUMEN geplagt, in denen sie von einer Gestalt in eine Burgruine gehetzt wird. Ist sie nur überarbeitetet oder schon dem Wahnsinn nahe? Als sie dann dieselbe Burgruine auf einem Reiseprospekt entdeckt und sie ihren scheinbar grundlosen Ängsten auf den Grund zu gehen versucht, wird ihr Albtraum zur Wirklichkeit...

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Dein Albtraum wird zur Wirklichkeit

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von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 106 Taschenbuchseiten.

Linda wird von Albträumen geplagt, in denen sie von einer Gestalt in eine Burgruine gehetzt wird. Ist sie nur überarbeitetet oder schon dem Wahnsinn nahe? Als sie dann dieselbe Burgruine auf einem Reiseprospekt entdeckt und sie ihren scheinbar grundlosen Ängsten auf den Grund zu gehen versucht, wird ihr Albtraum zur Wirklichkeit...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Der Mond schien fahl zwischen schnell daherziehenden Wolken hindurch. Einen Augenblick später wirkte er nur noch wie ein verwaschener Fleck am Nachthimmel.

Das graue Gemäuer der uralten Burgruine wirkte kalt und abweisend. Aus irgendeinem Grund schien die Vegetation diesen Ort zu meiden, obwohl sie ihn nach all den Jahrhunderten, in denen er sich selbst überlassen gewesen war, längst hätte überwuchern müssen. Nirgends war auch nur ein Moosbewuchs in den bröckeligen Mauerfugen zu finden.

Nebelschwaden krochen wie formlose, kriechende Ungeheuer über den schlüpfrigen Boden dieses unheimlichen Labyrinthes.

Die Aura des Todes hing schwer über diesen Mauern.

Linda zitterte - halb vor Angst und halb wegen der alles durchdringenden feuchten Kälte.

Linda presste sich an den kalten Steinwänden entlang. Grauen hatte sie erfasst.

Sie hörte das Galoppieren eines Pferdes. Das Tier wieherte.

Das ist er!, ging es ihr schaudernd durch den Kopf.

Ihr unbarmherziger, düsterer Verfolger...

Der Puls schlug Linda bis zum Hals. Vorsichtig stieg sie die rutschigen, vom Nebel feuchten Stufen hinauf... Sie saß in der Falle und wusste das auch sehr genau. es gab kein Entkommen. Wenn der Verfolger sie erreichte, dann war es um sie geschehen. Lautlos glitten ihre Füße über den Stein, bis sie einen Wehrgang erreichte.

Sie hielt inne und lauschte. Dabei hielt sie sich geduckt, damit man sie aus dem Burghof heraus nicht sehen konnte.

Einige Sekunden lang geschah gar nichts.

Und das war beinahe noch schrecklicher, als wenn sie jetzt die schweren Schritte der eisenbeschlagenen Stiefel gehört hätte, die der Unheimliche trug. Das Rasseln der Sporen, das metallische Klappern von...

Sie wusste es nicht.

Eine Eule schrie irgendwo von einem der Türme her und ließ Linda zusammenzucken.

Dann hörte sie die Schritte.

Dumpf und drohend kamen sie immer näher.

Linda starrte in den Nebel. Schreckensbleich und einen Augenblick wie gelähmt stand sie da und sah, wie etwas die Treppe hinaufschritt.

Eine Gestalt zeichnete sich schattenhaft im Nebel ab. Wie ein schwarzer Umriss aus reiner Finsternis.

"Nein!", flüsterte sie.

Und dann lief sie davon. Den Wehrgang entlang und dem Westturm entgegen, der als einziger noch ungefähr die Gestalt hatte, die seine mittelalterlichen Erbauer ihm gegeben hatten.

Dort endete der Wehrgang.

Zu beiden Seiten waren die steinernen Brustwehren und dahinter ging es so tief hinunter, dass jeder Gedanke daran, dort hinabzuspringen buchstäblich halsbrecherisch war.

So blieb nur der Turm, der sich als düsterer Schatten gegen das fahle Mondlicht abhob.

Die Tür war bereits seit Jahrhunderten verfault und zu Staub geworden. Nur die metallenen, über und über mit Rost bedeckten Halterungen steckten noch im Gemäuer.

Hinter der Türöffnung war nichts als Dunkelheit, so schien es. Linda zögerte deshalb. Ihr Kopf wandte sich halb herum. 

Hinter sich sah sie den Verfolger mit gemessenen Schritten herankommen. Als Mondlicht für einen Moment das Gesicht erhellte, sah sie totenbleiche, hohlwangige Züge und vor abgrundtiefem Hass blitzende Augen.

Woher kenne ich dieses Gesicht?, ging es ihr durch den Kopf.

Es war absurd. Sie hatte das Gesicht noch nie gesehen, dessen war sich die eine Hälfte ihrer selbst völlig sicher.

Andererseits war da dieses unbestimmte Gefühl der Vertrautheit.

Vertrautheit, die irgendeiner finsteren Vergangenheit entsprang...

Der Unheimliche trug einen dunklen Umhang, unter dem etwas hervorragte.

Eine Schwertspitze!

Linda war irritiert, als sie das erkannte.

Der Unheimliche blieb stehen.

Er schlug den Umhang zur Seite und im Mondlicht sah sie dann einen mittelalterlichen Brustpanzer metallisch blitzen.

Schon wollte Linda in die Finsternis im Innern des Turms flüchten, da hörte sie seine Stimme.

"Gwen!", rief er.

Sie blieb wie erstarrt stehen. Seine Hand hob sich und deutete in ihre Richtung.

"Ich bin nicht Gwen!", erwiderte sie wie automatisch, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken.

Dieser Name..., ging es ihr dann verzweifelt durch den Kopf. Woher kommt dieser Name mir so bekannt vor?

"Gwen!", rief der Düstere dann erneut und setzte anschließend noch einige dunkel klingende Worte hinzu, die sich in Lindas Ohren wie Donnergrollen anhörten. Aber sie verstand kein einziges Wort. Er sprach in einer ihr unbekannten Sprache, die entfernte Ähnlichkeit mit dem Französisch zu haben schien, das sie in der Schule gelernt hatte. Einzelne Worte und Wortfetzen glaubte sie wiederzuerkennen, aber denn Sinn konnte sie nicht begreifen.

Wohl aber, dass ihr geisterhaftes Gegenüber es nicht freundlich gemeint hatte. Sein Tonfall ließ darüber keinerlei Zweifel zu.

Er kam näher.

Die Hand hatte er um den Griff seines gewaltigen Schwertes gelegt, so als wollte er die Waffe im nächsten Moment herausziehen.

"Was habe ich dir denn getan?", flüsterte Linda verzweifelt.

Er kam mit entschlossenen Schritten auf sie zu und die dumpfen Worte, die dabei über seine blassen Lippen kamen, klangen wie das drohende Knurren eines Raubtiers...

Linda floh in die Dunkelheit des Turmes.

Sie strauchelte. Fühlte, wie ihre Knie hart gegen die Kante einer steinernen Treppenstufe kamen. Der Unheimliche war bereits hinter ihr. Sie drehte sich herum, rappelte sich auf, obwohl ihr das Knie schmerzte.

Er streckte seine Hand nach ihr aus und als er sie an der Schulter berührte schrie sie aus Leibeskräften.

"Nein!"

Eine unmenschliche Kälte durchströmte sie. Die Kälte schien von der Hand des Unheimlichen auszugehen und durchflutete ihren gesamten Körper mit einem eisigen Schauer.

"Gwen...", flüsterte der Düstere.

Sein Atem war wie der erste Frosthauch im Oktober.

Linda riss sich los und hetzte in grenzenloser Panik die schmale Wendeltreppe hinauf. Die Stufen waren tückisch. Es war fast stockdunkel hier und manche der Stufen waren teilweise unter der Last der Jahrhunderte zerbröckelt.

Linda strauchelte, aber die Angst trieb sie vorwärts.

Und dann erreichte sie wieder das Freie.

Der Turm wurde von einer Brustwehr begrenzt. Das Mondlicht schien auf den grauen Stein.

Jetzt gibt es keine Flucht mehr!, wurde es ihr klar.

Sie stand an der steinernen Brüstung und sah hinab in die Tiefe. Weiter konnte sie nicht. Sie drehte sich halb herum und sah den Düsteren auf sich zukommen. Sein kaltes, bleiches Gesicht ließ sie erschaudern. Sie fühlten den Griff der eisigen Hände...

Und schrie, wie sie noch nie in ihrem Leben geschrien hatte, als sie im nächsten Moment über die Brüstung in die Tiefe fiel.

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Alles drehte sich vor ihr und dann war da nichts als Finsternis.

Linda riss die Augen auf und spürte den kalten Angstschweiß auf ihrer Stirn.

Kerzengerade saß sie in ihrem Bett und es dauerte einige Augenblicke, bis sie begriff, dass sie geträumt hatte.

Alles ist so real gewesen!, ging es ihr schaudernd durch den Kopf. Sie fasste nach der Decke und erst diese Berührung schien ihr Sicherheit zu geben, nicht noch immer in dem grauenerregenden Traumgespinst gefangen zu sein. Sie schlug die Decke zur Seite und stand auf. Ihr Nachthemd war schweißnass. Aber langsam ließ das Zittern nach.

Durch das Fenster fiel das Mondlicht in ihr Schlafzimmer.

Sie machte kein Licht, sondern ging zum Fenster und blickte hinab. Linda Blane wohnte im fünften Stock. Etwas unterhalb ihrer komfortablen Wohnung leuchteten die Reklamen von Boutiquen und Kaufhäusern die ganze Nacht über. Im Herzen Londons herrschte rund um die Uhr Betrieb. Nie schien diese Stadt völlig zu schlafen. Linda öffnete das Fenster und die kühle Nachtluft erfrischte sie. Von Ferne war das Hupen eines Wagens und ein aufbrausender Motor zu hören.

Linda atmete tief durch.

Es war nicht ihr erster Traum dieser Art. Eine ganze Weile schon wurde sie von derartigen Albtraumvisionen gepeinigt.

Und die Szenerie war immer ähnlich. Ein unheimlicher, leichenblasser Mann in mittelalterlicher Kleidung verfolgte sie durch die grauen Mauern einer Burgruine und nannte sie "Gwen".

Für den Bruchteil einer Sekunde stand das blutleere Gesicht mit den dünnen Lippen ihr wieder so lebhaft vor Augen, dass sie unwillkürlich zusammenzuckte.

Mein Gott, was hat das alles zu bedeuten?, ging es ihr durch den Kopf. An einem Bankgebäude fand sich eine große elektronische Uhr, die außerdem über die Temperatur Auskunft gab. Es war weit nach Mitternacht. Linda dachte mit Schrecken an den nächsten Tag. Sie fühlte sich, als hätte sie keine Minute geschlafen. Und in ein paar Stunden würde sie im Büro der Werbeagentur sitzen, bei der sie angestellt war, und sich Mühe geben, dass ihr nicht die Augen vor Erschöpfung zufielen...

Es ist alles gut!, sagte sie sich selbst und wiederholte es in Gedanken wieder. Sie versuchte, langsamer und tiefer zu atmen und sich dadurch zu beruhigen. Ihr Puls schien schon wieder die normale Frequenz zu haben.

Und dann sah sie die Gestalt...

Sie wartete an einer Hausecke. Nicht mehr als ein Schatten war zu sehen, aber der Umhang bewegte sich. Und für einen Augenblick sah sie das bleiche Gesicht im Schein der Straßenbeleuchtung.

"Nein!", flüsterte sie voller Verzweiflung.

Sie fuhr sich mit der flachen Hand über das Gesicht und schüttelte stumm den Kopf. Grauen hatte sie gepackt und für einen Moment vergrub sie das Gesicht in den Händen und schluchzte. Ich werde wahnsinnig!, hämmerte es in ihr.

Zumindest bin ich nahe daran...

Sie hatte das Gefühl, an einem Abgrund zu stehen.

Kalt wehte jetzt der Nachtwind von draußen herein.

Wolke zogen auf und der Mond, der hoch über Stadt stand, war bald nur noch jener verwaschene Fleck aus ihrem Traum.

Sie blinzelte durch ihre Finger.

Sieh ihm ins Auge, Linda!

Sie nahm die Hand zögernd zur Seite.

Ihre Augen suchten nach dem Unheimlichen, aber sie konnte die schattenhafte Gestalt nirgends sehen.

Vielleicht war alles nur Einbildung!

Aber das war ebenfalls kein sehr beruhigender Gedanke.

Namenlose Angst hielt ihr Herz in eisernem Griff. Die Furcht vor dem Unheimlichen mischte sich mit etwas anderem, dass nicht minder bedrohlich erschien: Der Angst davor, den Verstand zu verlieren...

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"Es ist nicht das erste Mal, Miss Blane, dass wir über Ihre Träume sprechen", stellte Dr. Jakes fest, während er Linda mit hochgezogenen Augenbrauen musterte. "Jedenfalls finde ich es in Ordnung, dass Sie mich angerufen haben..."

"Ich brauchte Hilfe! Ich bin so verzweifelt..."

"Ja, das verstehe ich."

"Ich bin so froh, dass Sie diesen Termin so kurzfristig ermöglichen konnten..."

Linda strich sich mit einer fahrigen Geste das Haar aus dem Gesicht und wich dem Blick des Psychiaters aus. Seit einiger Zeit nahm sie regelmäßig an Sitzungen teil. Und nach diesen Gesprächen hatte sie immer das Gefühl, sich ein bisschen besser zu fühlen als vorher. Zumindest hörte ihr jemand zu und nahm sie ernst. Linda hatte versucht mit anderen über ihre Alpträume zu reden, war aber nur auf Unverständnis gestoßen. Selbst ihre beste Freunden Elizabeth hatte ihr kaum mehr als einen halb bedauernden, halb verständnislosen Blick geschenkt. Linda hatte daraufhin das Thema nie wieder angeschnitten.

Linda saß in dem bequemen Sessel in Dr. Jakes' Praxis und fühlte sich unbehaglich.

"Sagen Sie mir, was Sie als erstes zu diesem Traum assoziieren! Was fällt Ihnen spontan ein?"

"Ich habe Angst."

"Weiter."

"Ich habe Angst vor der Zukunft."

"Vor der Zukunft?", echote Jakes.

Linda sah ihn an. Sie rieb die Handflächen aneinander. Dann erklärte sie: "Ich sage Ihnen jetzt etwas, worüber ich noch mit niemandem gesprochen habe."

"Ich höre Ihnen zu."

"Ich...", sie stockte, schien nach den richtigen Worten zu suchen und blickte Dr. Jakes dann mit einem Ausdruck vollkommener Verzweiflung an. "Ich glaube, dass dieser Traum, den ich Ihnen geschildert habe, etwas mit meiner Zukunft zu tun hat. Das mag sich jetzt für Sie sicher verrückt anhören, aber es wäre nicht das erste Mal, dass ich ein Déjà-vu-Erlebnis hätte. Und was diesen Traum angeht, weiß ich einfach, dass er sich erfüllen wird."

Sie sah ihn an und Dr. Jakes nickte ihr ermunternd zu.

"Erzählen Sie weiter, Miss Blane", sagte er auf seine klinisch neutrale Weise. Aber Linda entgingen die tiefen Furchen nicht, die sich auf Dr. Jakes' Stirn gebildet hatten.

Auch er hält mich für verrückt!, ging es ihr bitter durch den Kopf. Aber mit irgendwem muss ich darüber reden!

Also fuhr sie fort.

Sie sah den Psychiater dabei nicht an.

"Als ich zwölf oder dreizehn war, war mein Onkel mit seiner Familie bei uns zu Besuch. Am Abend verabschiedeten sie sich. Und als ich ihm die Hand gab, wusste ich, dass ich meinen Onkel nicht wiedersehen würde. Ich hatte es einfach im Gefühl. In der Nacht träumte ich dann, dass er einen Unfall hätte. Einen Tag später kam die Nachricht, dass genau das eingetreten war..."

"Und Sie glauben, dass auch ihr jüngster Traum in diesem Zusammenhang zu sehen ist?", murmelte Jakes.

"Ich bin mir sicher."

"Was macht Sie so sicher?"

Sie zuckte die Achseln. "Ich weiß es nicht, es ist einfach ein Gefühl..."

"Ich verstehe."

"Sie halten mich jetzt sicher für übergeschnappt."

"Aber nein."

"Wissen Sie, am liebsten wäre mir, Sie würden mir ein paar Tabletten verschreiben, die allem ein Ende machen...", seufzte Linda und als sie dann Dr. Jakes erschrockenes Gesicht sah, setzte sie noch schnell hinzu: "Natürlich nur den Träumen!"

"Das ist kein Problem, das sich durch Tabletten lösen lässt, Miss Blane."

"Und wie dann?"

"Die Ursachen unserer Ängste liegen in Erlebnissen in der Kindheit", erklärte Jakes.

"Sie glauben nicht, dass meine Angst einen realen Hintergrund hat, nicht wahr?", erwiderte Linda. Ihr Lächeln war matt. Sie fühlte sich müde und zerschlagen.

"Zumindest glaube ich nicht daran, dass sich in Träumen die Zukunft offenbart. Aber was Ihre Ängste angeht - für Sie sind sie real und nur das zählt!"

"Ich verstehe schon", murmelte Linda. "Trotzdem, es tut gut mit jemandem darüber zu reden. Allein das hilft schon. Ich hoffe nur..." Sie stockte.

"Was?", fragte Jakes und hob die Augenbrauen dabei.

"Nichts."

"Sagen Sie es ruhig!"

Sie sah ihn an und hatte das Gefühl, dass der Blick der blassblauen Augen des Psychiaters bis tief in ihre Seele ging.

"Ich habe Angst, verrückt zu werden, Dr. Jakes. Wenn das so weitergeht, kann ich irgendwann meinen Job nicht mehr machen! Bei uns in der Werbebranche weht ein rauer Wind. Da muss man auf Zack sein, sonst ist man weg vom Fenster..."

"Hm..."

"Ich hoffe, ich rede nicht nur dummes Zeug in ihren Ohren!"

"Gewiss nicht. Sie sollten wissen, dass viele Menschen von solchen Ängsten geplagt werden, wie Sie, Miss Blane. Manche trauen sich nicht mehr in Fahrstühle hinein oder geraten in zu engen Räumen in Panik. Andere fliegen grundsätzlich nicht mit dem Flugzeug, finden aber nichts dabei in ein Auto zu steigen, obwohl das rein statistisch gesehen viel gefährlicher ist!"

Linda lachte kurz auf.

"Sie meinen, ich bräuchte keine Angst zu haben, nicht wahr?"

Jakes nickte.

"Das zu begreifen - wirklich zu begreifen und nicht nur abstrakt nachvollziehen zu können - ist das Ziel der Therapie, Miss Blane!"

"Ja", murmelte sie tonlos.

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In den nächsten Tagen wurde sie von ihren Alpträumen verschont. Aber die Erinnerung war noch immer wach. Das Gefühl der Abgeschlagenheit wollte einfach nicht von ihr weichen.

Gwen...

Immer noch grübelte Linda Blane darüber nach, woher sie diesen Namen zu kennen glaubte.

Aber da war niemand in ihrem Bekanntenkreis, der so hieß.

"Darf man erfahren, wovon Sie träumen?", riss die Stimme von Clint Moran sie aus ihren Gedanken. Clint und Linda teilten sich bei der Werbeagentur Peter Smith & Friends ein Büro.

Clint sah mit seinem Pferdeschwanz und den knallbunten Jacketts, die er trug etwas unkonventionell aus und benahm sich auch so. Aber er war kreativ und deshalb arbeitete er hier. Zur Zeit brütete er über dem Storyboard für den Werbespot eines Waschmittelherstellers.

Aber im Moment hatte er den Stift hingelegt.

Er sah Linda an.

"Sie sehen aus, als wären Sie gar nicht von dieser Welt", meinte er.

"Ach, ja?"

"Was ist los? Irgendetwas bedrückt Sie doch!"

"Meinen Sie..."

"Linda, das sieht ein Blinder mit Krückstock!"

Sie atmete tief durch.

Clint war ein netter Kollege aber sicher nicht derjenige, mit dem sie sich jetzt über ihre Probleme unterhalten wollte. In den letzten Tagen hatte Clint immer wieder versucht, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Aber Linda hatte das stets abgeblockt.

Er beugte sich nach vorn.

"Wissen Sie, was Sie brauchen, Linda?"

"Ich fürchte, ich werde nicht drum herumgekommen, es mir anzuhören!", versetzte sie etwas bissiger, als sie es eigentlich gewollt hatte.

Er nahm das mit einem schiefen Grinsen hin.

"Sie brauchen eine Ablenkung!"

"Ach, wirklich? Vermutlich bei Ihnen zu Hause und mit Kerzenlicht?"

"Warum nicht?"

"Nein, danke, Clint!" Linda lächelte nachsichtig. "Sie versuchen es immer wieder."

"Was habe ich zu verlieren, außer meinem offenbar ziemlich miserablen Ruf bei Ihnen!" Er sah sie an. "Jetzt lächeln Sie sogar. Das steht Ihnen!"

"Sehr witzig, Clint. Besser wir sehen beide zu, dass wir mit unserer Arbeit vorankommen."

"Linda..."

Sein Gesicht wurde sehr ernst.

"Was ist noch?", fragte sie mit leicht genervtem Unterton.

"Ich meine es ernst. Ich mache mir Sorgen um Sie. Vielleicht sollten Sie es mal mit einer Reise versuchen. Ganz spontan irgendwohin. Selbst wenn es nur für ein Wochenende ist - so etwas kann schon Wunder bewirken!"

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In der Mittagspause aß Linda in einem nahen Schnellimbiss.

Dann schlenderte sie ein bisschen an den Geschäften vorbei, schaute kurz in eine neue Boutique rein und blieb dann bei dem Drehständer stehen, den ein Buchhändler vor seinen Laden auf die Straße gestellt hatte. Reiseführer zum halben Preis. Die Saison war wohl zu Ende.

Vielleicht ist Clints Vorschlag gar nicht schlecht!, ging es der jungen Frau durch den Kopf. Sie griff wahllos zu den Reiseführern, hatte einen schmalen Band über Marokko in der Hand und dann einen etwas dickeren über Frankreich.

Dann erstarrte sie plötzlich.

Sie glaubte, ihren Augen nicht zu trauen. Ein unangenehmes Gefühl machte sich in ihrer Magengegend bemerkbar. Sie schluckte. Das kann es nicht geben!, schoss es ihr durch den Kopf.

Zögernd griff sie nach einem der Reiseführer. Ein schmaler Band über die nordenglische Grafschaft Yorkshire. Was Linda so erschreckte, war das Bild auf dem Cover.

Die Burgruine...

Sie starrte auf das graue Gemäuer, die Brustwehren, den Westturm... Nein, da gab es nicht den geringsten Zweifel.

Dies war jene Ruine, in der die schrecklichen Traumszenen zu spielen pflegten, von denen sie nun schon so oft heimgesucht worden war.

Es gab diese Burg also wirklich!

Ich hatte doch recht!, ging es durch den Kopf. Es war ein Traum, in dem sich die Zukunft offenbarte...

Sie schauderte allein bei dem Gedanken. Aber was sie jetzt erlebt hatte, war zweifellos ein Déjà-vu-Erlebnis. Sie hatte von etwas geträumt, was nun, in Form dieses Reiseführers tatsächlich in ihr Leben getreten war.

"Gwen!", hörte sie in ihrem Inneren die Stimme des unheimlichen Mannes, der sie sie verfolgt hatte und von dem Linda annahm, dass er ihr nach dem Leben trachtete. "Gwen!"

"Aufhören!", rief Linda und hielt sich die Ohren zu.

"Kann ich Ihnen helfen?", fragte eine unscheinbare junge Frau, die offenbar zum Ladenpersonal gehörte. Ihre Stimme riss Linda aus ihren düsteren Tagträumen heraus. Sie atmete schwer, keuchte fast und blickte die Verkäuferin mit weit aufgerissenen Augen an.

Die Verkäuferin erschrak ein wenig.

Linda bemerkte das und es versetzte ihr einen Stich.

Wirklich!, durchzuckte es sie. Ich bin nahe daran, den Verstand vollends zu verlieren... Auf einem schmalen Seil balanciere ich über den Abgrund des Irrsinns...

Sie reichte der Verkäuferin das dünne Yorkshire-Bändchen.

"Hier!", sagte sie. "Das hätte ich gerne."

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"Vielleicht ist es wirklich keine schlechte Idee, wenn Sie eine Reise nach Yorkshire machen", sagte Dr. Jakes, während er sich das Coverfoto des Reiseführers mit nachdenklichem Gesicht ansah.

Dann gab er es schließlich Linda zurück.

"Ich habe Angst davor", bekannte Linda.

"Sie glauben, dass diese Ruine in Ihrem Traum ein Bild aus Ihrer Zukunft war, aber viel wahrscheinlicher ist, dass Sie vorher bereits irgendwann ein Bild der Burg gesehen hatten und Ihnen das nur nicht mehr klar war."

Linda seufzte.

"Das würde erklären, weshalb mir alles so seltsam vertraut vorkam."

"So ist es."

Linda nickte. Sie wollte gerne glauben, was Dr. Jakes ihr gesagt hatte. Aber die düsteren Schatten, die schwer auf ihrem Inneren lasteten wollten einfach nicht weichen.

Dr. Jakes deutete auf den Reiseführer.

"Steht dort auch etwas über eine gewisse Gwen?"

"Nein. Nur, dass die Ruine sich in der Nähe des Dorfes Wynmore befindet und ehedem die Residenz des normannischen Grafen Sir Walter de Remoire war... Ein Mann, der für seine Grausamkeit bekannt war und über den man sich noch heute allerlei schreckliche Geschichten erzählt."

Dr. Jakes lächelte.

"Fahren Sie zu dieser Burg, Linda..."

"Aber..."

"...und Sie werden feststellen, dass es wirklich nichts anderes als eine gewöhnliche Ruine ist. Nicht mehr."

"Und Sie meinen, dass meine Ängste dann verschwinden?"

"Möglicherweise begreifen Sie dann, dass diese Ängste keinen realen Grund haben. Niemand kann in die Zukunft sehen oder diese vorherbestimmen."

Die Gewissheit, mit der Dr. Jakes das sagte, überraschte Linda.

"Meinen Sie wirklich?"

"Ich bin überzeugt davon. Lassen Sie sich von der ganzen esoterischen Literatur, die im Moment den Markt überschwemmt, nichts anderes einreden. Einzig und allein Sie selbst bestimmen Ihr Leben!"

Linda rieb die Hände aneinander und wirkte etwas nervös.

"Schön wär's!", meinte sie.

"Sie müssen sich der Verantwortung zu stellen lernen, Linda! Sie glauben, sich von finsteren Mächten verfolgt und vorherbestimmt - aber das entspricht nicht der Realität. Schließlich sind Sie eine erfolgreiche junge Frau, die ihr Leben sehr wohl im Griff hat, wie mir scheint."

Linda atmete tief durch.

"Gut", meinte sie dann. "Ich fahre nach Wynmore..."

Sie sagte das beinahe mehr zu sich selbst als zu Dr. Jakes.

Vielleicht, dachte sie, werden meine Ängste dann verschwinden...

Sie hoffte es zumindest.

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In der Agentur war man alles andere als begeistert, als Linda Blane Urlaub haben wollte. Peter Smith, der Inhaber, bat sie in sein Büro.

"Ich bin einfach ausgebrannt", bekannte Linda. "Ich muss jetzt für ein paar Tage aus dem Trott..."

Smith seufzte.

"Wissen Sie, was Sie mir da antun? Gerade jetzt, wo wir den dicken Auftrag von dieser Airline haben, die ihre Werbekampagne am liebsten schon gestern auf dem Tisch gehabt hätte?"

"Das weiß ich", murmelte Linda.

Smith beugte sich etwas vor und meinte dann in gedämpftem Tonfall: "Okay, Linda. Weil Sie es sind! Schließlich weiß ich ja was ich an Ihnen habe. Und wenn Sie dann um so frischer aus dem Urlaub zurückkehren - um so besser!"

Wenn es nur darum ginge, mich ein bisschen zu erholen, erwiderte Linda in Gedanken. Aber das behielt sie selbstverständlich für sich.

So bekam sie schließlich, was sie wollte und zwei Tage später packte sie ihre Reisetasche in den Kofferraum des kleinen roten Sportflitzers, den sie ihr Eigen nannte und fuhr Richtung Norden.

Linda fuhr mit gemischten Gefühlen.

Einerseits war da die Aussicht, dass ihre Ängste vielleicht ein Ende hatten, sobald sie jenen Ort erreicht hatte, der in ihren Alpträumen eine so entscheidende Rolle spielte.

Andererseits...

Sie wagte kaum daran zu denken, und wenn sie es doch tat, standen ihr sogleich die entsetzlichen Szenen ihrer Alpträume wieder derart lebendig vor Augen, dass unwillkürlich eine Gänsehaut ihre Unterarme überzog.

"Gwen!" Immer wieder hörte sie die totenbleiche Gestalt in Gedanken diesen Namen rufen. Warum hat er mich so genannt?

Diese Frage wollte einfach nicht aus ihrem Bewusstsein verschwinden.

Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, als sie York erreichte. Immer wieder hatte sie unterwegs Pausen gemacht.

Dennoch fühlte sie sich ziemlich zerschlagen. Aber der schwierigste Teil der Strecke kam noch, denn Wynmore war nicht mehr als ein kleiner Flecken irgendwo zwischen der Stadt Malton und der Küste. Die Straßen wurden immer enger und die Hinweisschilder immer spärlicher. Am Morgen hatte sie sich im Wynmore Grove Inn ein Zimmer reservieren lassen und jetzt fragte sie sich, ob sie dieses Gasthaus heute überhaupt noch erreichen würde.

Dicke Wolken verdeckten den gerade aufgegangenen Mond.

Finster türmten sie sich übereinander, bald schon zuckten grelle Blitze aus ihnen heraus. Es regnete so heftig, dass die Scheibenwischer ihres Sportflitzers das vom Himmel herunterpladdernde Nass kaum bewältigen konnten.

Die Straße führte durch einen düsteren Wald hindurch. Die Baumkronen wurden vom immer heftiger werdenden Sturm hin und her gewirbelt. Es wurde rasch dunkel.

Dann kam irgendwann das erlösende Schild.

Linda fuhr sehr langsam, um es bei diesen Verhältnissen entziffern zu können:

WYNMORE 5 Meilen

Gott sei Dank!, atmete Linda innerlich auf. Wenigstens würde sie bald im trockenen sitzen, vielleicht an einem gemütlichen Kamin, wie man sie in ländlichen Gasthäusern häufiger finden konnte. Linda blickte nach draußen, hinein in das Meer der düsteren Schatten, das sie zu umgeben schien. Ein einziges tosendes Chaos. Und irgendwie hatte sie das Gefühl, dort draußen ein Spiegelbild für das zu sehen, was in ihrer Seele vor sich ging.

Das Unbehagen in ihr meldete sich wieder.

Deutlich und unüberhörbar.

Unterschwellig hatte sie es die ganze Zeit über gespürt, vom ersten Augenblick an, da sie in diesen Landstrich gekommen war. Eine düstere Aura schien über dieser Gegend zu liegen...

Unfug!

Sie versuchte sich an Dr. Jakes Worte zu erinnern. An seine nüchterne Art. Er war in der Lage alles kühl und logisch zu betrachten, selbst die düstersten Abgründe der Seele, die ihm seine Patienten anvertrauten.

Linda beneidete ihn in diesem Moment um diese Fähigkeit.

Der Regen wurde immer heftiger. Das Gewitter war jetzt genau über ihr. Linda kniff die Augen ein wenig zusammen, sah angestrengt durch die Frontscheibe und fuhr langsamer.

Man kann kaum etwas sehen!, ging es ihr durch den Kopf.

Das regelmäßige, reibende Geräusch der Wischblätter auf der Scheibe wirkte einschläfernd. Ich müsste mal neue Belege kaufen!, dachte sie beiläufig.

Sie gähnte und wollte gerade das Autoradio anmachen, da erstarrte sie.

Ihr Gesicht wurde schreckensbleich, die Augen traten hervor und wenn sie sich nicht verkrampft auf die Unterlippe gebissen hätte, so hätte sie in diesem Moment einen gellenden Schrei ausgestoßen.

Dort draußen... Mein Gott!

Eine Schrecksekunde später trat sie das Bremspedal durch.

Die Reifen des Sportflitzers quietschten. Linda hatte das Gefühl, über etwas Hartes zu fahren. Einen Stein vielleicht... Jedenfalls gab es ein schreckliches Geräusch hinten links. Der Reifen war geplatzt und der Wagen drohte seitlich auszubrechen. Dann kam er mit einem Ruck zum Stehen und Linda spürte, wie der Sicherheitsgurt in ihre Schulter schnitt und verhinderte, dass sie frontal gegen das Steuerrad knallte.

Vor ihr auf der Straße war etwas...

Linda schluckte.

Eine Gestalt...

Sie sah nicht mehr als den Umriss eines Reiters.

Der dunkle Umhang wehte im Wind.

Ein Blitz durchzuckte die Nacht und erhellte für den Bruchteil einer Sekunde das Gesicht des Reiters.

"Nein", flüsterte sie halb wahnsinnig vor Angst vor sich hin. Er war es - jener unheimliche Fremde, der ihr im Traum begegnet war und dessen Schatten sie bei dem Blick aus ihrem Fenster zu sehen geglaubt hatte...

Er - ein namenloser bleicher Dämon, der es darauf abgesehen zu haben schien, sie in den Irrsinn zu treiben.

Das Pferd des Reiters stellte sich auf die Hinterhand.

Sein Wiehern mischte sich auf schaurige Weise mit dem Grollen des Donners.

Der Reiter zog sein Schwert heraus. Als es erneut blitzte, sah Linda es einen Augenaufschlag lang metallisch leuchten.

Was hat er nur vor?, ging es ihr durch den Kopf, während ihr der Puls bis zum Hals schlug.

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Der Regen ließ fast ebenso schlagartig nach, wie er eingesetzt hatte und verwandelte sich in leichtes Nieseln.

Die Wischerblätter schabten jetzt mit einem klagenden Geräusch über die Frontscheibe des Sportflitzers.

Linda hatte das schreckliche Gefühl, ausgeliefert zu sein.

Ausgeliefert einer seltsamen, unheimlichen Erscheinung, von der sie nicht wusste, wie sie sie einzuordnen hatte...

Ihre Glieder waren eigenartig schwer.

Wie gelähmt saß sie hinter dem Steuer ihres Wagens und nahm jeden ihrer schnellen Herzschläge wahr.

Alles nur eine Ausgeburt meiner Fantasie? Nein, das kann nicht sein... Oder bin ich schon über jene Grenze hinweggestolpert, die den Wahn von der Wirklichkeit trennt?

Wie Peitschenhiebe zuckten diese Gedanken durch ihr Hirn.

Und jeder von ihnen war schmerzhaft.

In diesem Moment wünschte sie sich, nie diese Reise angetreten zu haben. Eine Reise, auf die sie sich begeben hatte, um ihre Ängste loszuwerden - nicht um endgültig dem Irrsinn zu verfallen.

Während der schwertschwingende Reiter ein Stück näherkam, drang ein Geräusch von Ferne in Lindas Bewusstsein.

Es wurde lauter, schwoll an und Linda registrierte schließlich, dass es der Motor eines Wagens war.

Sie drehte sich kurz herum und sah zwei Lichter aus der Dunkelheit auftauchen.

Scheinwerfer mit Abblendlicht.

Der Reiter riss indessen sein Schwert herum und ließ das Pferd davonpreschen. Mit ausholenden Beinbewegungen stob es in die Dunkelheit des Waldes seitlich der Straße hinein und es dauerte nur Sekunden bis nichts mehr von dem seltsamen Reiter zu sehen war.

Linda atmete tief durch und versuchte, sich zu beruhigen.

Indessen hielt der fremde Wagen hinter dem ihren am Straßenrand.

Ganz gleich, wer es auch sein mag... Ihn muss der Himmel schicken!, dachte Linda voller Erleichterung.

Im Rückspiegel sah sie einen Mann aussteigen. Er kam zu ihr an die Tür. Zwei freundliche blaue Augen sahen sie an. Er hatte kurzes blondes Haar und ein markantes Gesicht. Die breiten Schultern steckten in einem etwas zu knappen Jackett, das seine besten Tage wohl schon hinter sich hatte.

Dazu trug er Jeans.

Er klopfte an die Scheibe und Linda drehte sie herunter.

"Guten Abend. Ich sehe, Sie haben Probleme..."

"Kann man wohl sagen..."

"Meine Güte, was ist passiert? Sie sehen ja aus, als ob Ihnen der Leibhaftige über den Weg gelaufen ist..." Im nächsten Moment merkte der junge Mann dann, was er gesagt hatte und das sein Gegenüber das kaum als Kompliment auffassen konnte. "Naja", verbesserte er sich dann. "So meinte ich das nun auch wieder nicht."

Linda schluckte.

"Schon gut."

Sie öffnete die Tür und stieg aus. Ihre Beine fühlten sich noch immer schwerfällig an, so als hätte man sie mit Blei beschwert. Ihr zitterten die Knie.

"Mein Name ist Clark Nolan", sagte er. "Nennen Sie mich Clark..."

"Linda Blane", erwiderte sie wie in Trance.

Er stemmte die Hände in die Hüften und dabei sah sie das Funktelefon, das Clark in einem kleinen Futteral an seinem Gürtel trug. Er bemerkte den Blick und meinte dann: "Ja, so ein Ding brauche ich in meinem Job. Ich bin Reporter beim York Independent, da muss man ständig erreichbar sein..." Dann deutete er auf den geplatzten Reifen und fuhr dann fort: "Aber das da bekommen wir hin, ohne extra Hilfe zu rufen..."

Linda zuckte die Achseln.

"Wenn Sie meinen?"

"Haben Sie ein Ersatzrad?"

"Ja. Im Kofferraum. Warten Sie, ich helfe Ihnen, Clark..."

Er berührte sie mit der Linken an der Schulter. Sie sah ihn an, sah in diese blauen Augen hinein undd hatte das spontane Gefühl von Sympathie.

"Geben Sie mir den Schlüssel und setzen Sie sich wieder in den Wagen, Linda."

"Aber..."

"Keine Widerrede! Sie müssen sich erst einmal ein bisschen erholen. Vielleicht stehen Sie sogar etwas unter Schock..."

Linda lächelte matt.

"Übertreiben Sie nicht ein bisschen?"

Er lächelte.

"Finden Sie?"

Da war etwas an seiner Art, das ihr sehr gefiel. Der Klang seiner Stimme verzauberte sie auf eigenartige Weise. Dieses Timbre in Verbindung mit dem leicht herausfordernden Blick dieser blauen Augen schien zumindest für den Moment ein äußerst wirksames Mittel gegen den Schwall düsterer Gedanken zu sein, der sie bislang gefangengehalten hatte.

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"Fertig!", sagte Clark, nachdem er den Reifen mit dem großen Kreuzschlüssel angezogen hatte. Linda stand neben ihm und hatte ihm zugesehen.

"Danke", sagte sie. "Wissen Sie, Clark, es genügt mir, wenn Autos schön und schnell sind - darüber wie sie funktionieren und wie man sie repariert, habe ich nur wenig Ahnung!"

Clark grinste.

"Das geht mir genauso!", meinte er und zwinkerte ihr dabei zu.

"Oh", machte sie.

"Aber ich sage immer: Probieren geht über studieren!"

"Naja, Sie sind es ja auch nicht, der nach den nächsten zwei Meilen im Graben liegt, wenn das Rad nicht richtig sitzt!"

Clark zuckte die Achseln.

"Sagen Sie bloß, Sie wären lieber gelaufen!"

"Wenn ich das vorher gewusst hätte..."

Sie lachten beide. Linda hielt dann irgendwann inne, sah ihn an. Sie fühlte sich wohl in seiner Nähe. Aber schon spürte sie düsteren Schatten zurückkehren, die auf ihrer Seele lagen. Die Ängste, die namenlose Furcht vor einem unheimlichen Reiter, vor dem sie nicht einmal in den Schlaf flüchten konnte.

"Wo fahren Sie hin?", fragte Clark.

"Nach Wynmore... Ich habe ein Zimmer im Wynmore Grove Inn bestellt und hoffe, dass ich nicht zu spät komme und der Wirt es inzwischen an jemand anderen vergeben hat."

Clark lachte hell auf.

"Was ist daran so komisch?", fragte Linda.

"Ich kenne den Wirt. Er heißt McDouglas und kann froh sein, wenn überhaupt jemand bei ihm übernachtet."

"Ist sein Haus denn derart schlecht?"

"Im Gegenteil. Es ist das beste in der Gegend - und vor allem das einzige. Aber Wynmore ist nicht gerade das, was man eine pulsierende Großstadt nennen könnte, wo Geschäftsleute übernachten. Und Touristen zieht es auch nur in kleiner Zahl hier her. Zu weit von der Küste weg für die Badegäste und zu weit von York entfernt für Sightseeing-Touristen..."

"Naja, dann brauche ich mir ja keine Sorgen zu machen..."

"Das Wynmore Grove Inn liegt genau in meiner Richtung", behauptete Clark.

"Gut", sagte Linda. "Dann fahr ich hinter Ihnen her..."

Für einen Moment trafen sich ihre Blicke.

Er lächelte und sie erwiderte dies.

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Wynmore war nur ein kleiner Ort, dessen Kern aus einer verwitterten Kirche, einem Friedhof und einigen Häusern bestand, von denen jedes ein Alter von mindestens einem Jahrhundert zu haben schien.

Vor dem Wynmore Grove Inn, dem einzigen Gasthaus des Ortes, standen drei uralte Bäume mit knorrigen Wurzeln und eigenartigen Verwachsungen. Einer der Bäume machte den Eindruck, als sei er vor langer Zeit durch einen Blitzschlag auf groteske Weise entstellt worden.

Linda Blane stellte ihren Wagen an der Seite ab und stieg aus.

Clark stellte seinen Wagen dahinter ab. Er öffnete die Tür und stieg ebenfalls aus.

Als er auf Linda zuging, hatte er die Hände in den Taschen seines Jacketts vergraben.

"Haben Sie vor, länger hier zu bleiben?", fragte er dann.

"Ein paar Tage. Genau weiß ich es noch nicht", erwiderte Linda.

Clark zuckte die Achseln.

"Vermutlich werden wir uns hier noch das eine oder andere Mal über den Weg laufen", war er überzeugt.

"Ja..."

"Also dann. Gute Nacht, Linda."

"Gute Nacht, Clark. Und vielen Dank für Ihre Hilfe."

Sie standen jetzt ziemlich dicht beieinander. Die Bewölkung hatte sich indessen wieder soweit aufgelöst, dass der Mond zeitweilig zu sehen war.

Er wollte sich bereits zum Gehen herumdrehen, da hielt Lindas Stimme ihn zurück.

"Clark..."

"Ja?" Er hob die Augenbrauen dabei.

Linda stockte. Sie suchte nach den richtigen Worten. "Sie kennen hier die Leute ein bisschen?"

"Ich kenne jeden", behauptete er großspurig. "Schließlich bin ich Lokalreporter für diese Gegend..."

"Wissen Sie, als ich vorhin die Reifenpanne hatte, da..."

Linda zögerte, weiterzusprechen. Sie war sich nicht sicher, ob es richtig war, nach dem Reiter zu fragen... Schließlich wollte sie auf keinen Fall für eine Verrückte gehalten werden. Andererseits...

Sie war auf jeden Hinweis angewiesen.

"Ja?", hakte Clark nach.

"Da war ein Reiter auf der Straße. Ein Mann mit langem Umhang. Kennen Sie jemanden in der Umgebung, der...."

"Bei solchen Wetter ausreiten würde?" Er schüttelte den Kopf. "Wohl kaum. Pferdebesitzer gibt es allerdings mehr als genug hier." Er sah auf die Uhr. "So, jetzt wird es Zeit für mich. Heute Abend muss ich noch einen Artikel schreiben!"

"Sie Ärmster!"

Clark lachte. "Na, wenigsten eine, die Mitleid mit mir hat."

"Wo fahren Sie jetzt hin?"

"Nach York."

Linda sah ihn etwas erstaunt an.

"Dann lag Wynmore aber nicht gerade auf Ihrer Strecke", meinte sie, während sie in gespieltem Tadel die Arme in die Hüften stemmte.

Clark hob die Arme.

"Ein überführter Schwindler ergibt sich!", lachte er. Dann nahm er Lindas Hand und drückte sie sanft. "Ich wollte einfach nochmal in Ihre wunderschönen brauen Augen sehen, Linda. Entschuldigt das nicht alles?"

Sein Blick ließ sie ein wenig erröten. Sie hatte Schmetterlinge im Bauch und glaubte für einen Moment zu schweben. Eine unglaubliche Leichtigkeit hatte sie erfasst.

Sie lächelte.

"Süßholzraspeln können Sie jedenfalls!"

"Und ich hatte mich schon gefragt, wann Sie das endlich erkennen!"

Er ließ sie los, verabschiedete sich mit einer Handbewegung und ging zu seinem Wagen, einem schon etwas in die Jahre gekommenen Austin.

Dann fuhr er los und Linda sah ihm nach.

Dieser Mann hat was!, dachte sie und musste unwillkürlich schmunzeln dabei. Zumindest ist er ein Gegengift gegen düstere Gedanken...

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Es war wie Clark vermutet hatte. McDouglas, der Besitzer des Wynmore Grove Inn war froh, dass Linda doch noch ihr Ziel erreicht hatte. Außer ihr - das sah sie an den Eintragungen im Gästebuch - weilte nur noch ein weiterer Gast gegenwärtig in McDouglas' Gasthaus. Jemand, der Carter hieß. Der Vorname war unleserlich.

McDouglas war ein untersetzter, kräftig wirkender Mann mit einer dicken Nase und einem ziemlich runden Gesicht.

Linda schätzte ihn auf Anfang fünfzig.

Er trug ein kariertes Jackett mit ledernen Ellbogen. Die Strickweste, die er unter der Jacke trug, gab ihm etwas Gemütliches.

Er nahm ihr die Reisetasche ab und führte sie durch sämtliche freien Zimmer, die er im Obergeschoss noch hatte. Es waren insgesamt sieben, von denen sie sich eins aussuchen konnte.

"Glücklicherweise muss ich nicht von der Zimmervermietung leben", meinte er. "Das meiste Geld bringen die Gäste unten im Schankraum..."

Sie suchte sich ein Zimmer aus, durch dessen Fenster man die drei großen Bäume sehen konnte, die vor dem Wynmore Grove Inn wuchsen.

McDouglas stellte die Tasche auf das Bett und hob dann die Hände. "Ich hoffe, es gefällt Ihnen! Einfach, aber gemütlich!"

"Es ist hervorragend", sagte Linda, während sie den Blick über die völlig überladene Möblierung gleiten ließ. Ein dicker Kleiderschrank aus Nussbaum stand da wie ein wahrer Koloss, daneben eine Kommode aus dem selben Holz. Immerhin gab es fließend Wasser auf dem Zimmer.

"Zum Duschen müssen Sie über den Flur!"

"Schon in Ordnung."

"Sie können soviel Krach machen, wie Sie wollen. Außer Ihnen wohnt hier nur noch ein Archäologe, der hier in der Gegend nach Schätzen der Vergangenheit gräbt!" McDouglas lachte heiser. "So ziemlich die einzige Sorte von Schätzen, von denen wir hier genug haben!" Er zuckte die Achseln und fuhr dann fort: "Jedenfalls kommt Mr Carter gewöhnlich erst sehr spät von seinen Grabungen - oder was sonst er immer auch treiben mag - zurück und arbeitet danach oft noch stundenlang in seinem Zimmer."

Linda sah ihn etwas erstaunt an.

McDouglas schien ein Wirt zu sein, der es für wichtig hielt, über seine Gäste genauestens Bescheid zu wissen. Linda wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte...

"Wissen Sie, Mr Carter hat so ein neumodisches Ding bei sich. Einen Computer, den man tragen kann."

"Ein Laptop?

"Ja genau. Daran schreibt er immer. Ich frage mich, ob der Mann gar keinen Schlaf braucht. Schon seit Wochen scheint er rund um die Uhr zu arbeiten. Richtig unheimlich kann einem das werden... Ich arbeite auch viel, auch wenn mir meine Frau zur Hand geht und die Küche..."

Oh, Gott!, dachte Linda. Gleich muss ich mir seine gesamte Lebensgeschichte anhören!

Danach stand ihr nun wirklich nicht der Sinn und so unterbrach sie ihn.

"Mr McDouglas..."

Er sah sie an.

Seine buschigen Augenbrauen zogen sich zu einer Art Schlangenlinie zusammen, während sich auf seiner Stirn eine tiefe Furche bildete.

"Ja?"

"Es soll hier in der Gegend eine berühmte Ruine geben..."

Linda griff zu ihrer Handtasche und holte das inzwischen mit Eselsohren verunzierte Exemplar ihres Reiseführers hervor. Sie zeigte McDouglas das Bild auf dem Cover...

"Ah, die Teufelsburg...", meinte McDouglas.

"Die was?", vergewisserte sich Linda, die im ersten Moment schon geglaubt hatte, sich verhört zu haben. Sie spürte, wie sich wieder das Grauen in ihr Platz verschaffte. Leise schien es in ihre Seele zu kriechen und dort sein dunkles Gift zu verbreiten...

Linda schluckte.

"Naja, Teufelsburg, so heißt sie nicht wirklich. So sagt der Volksmund hier und in vielen Legenden wird diese Ruine so genannt. Ein verwunschener Platz, ein Ort, an dem es spukt und von dem man sich besser fernhalten sollte... Aber davon will ich nicht weiter reden!"

McDouglas' Tonfall hatte sich geändert.

In seinen Augen flackerte es unruhig und er kratzte sich nervös am Kinn.

Er schien auf einmal gar keine Lust mehr dazu zu haben, die Unterhaltung fortzusetzen und wandte sich in Richtung Tür.

"Wenn Sie noch irgendetwas brauchen sollten, dann rufen Sie mich einfach..."

"Gut. Und was diese Burgruine angeht..."

"Da fragen Sie besser Mr Carter!", versetzte McDouglas etwas schroffer, als er es beabsichtigt hatte. Er zuckte mit den Schultern und erklärte dann: "Ich muss zurück in den Schankraum...."

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Etwas später, als Linda ihre Sachen in den Schrank geräumt hatte, ging sie nochmal hinunter in den Schankraum, um etwas zu essen. Einige Männer aus dem Dorf saßen an der Theke und und an den wenigen Tischen. Ihre Gespräche wurden zunächst etwas verhaltener, als sie sie sahen.

Die Blicke, mit denen sie sie musterten, sprachen vom Misstrauen einer Fremden gegenüber.

Linda setzte sich an den einzigen freien Tisch und McDouglas servierte ihr ein paar Sandwiches.

Sie aß mit großem Appetit und blätterte in der neuesten Ausgabe des York Independent, das als Leseexemplar auslag.

Etwas später kam dann ein hagerer, großgewachsener Mann in den Schankraum. Auf jeder Schulter hatte er eine schwere Tasche hängen. Dazu trug er noch ein kleines Laptop-Köfferchen in der Linken sowie einen Klappspaten in der Rechten.

Das musste der Archäologe Carter sein!, dachte Linda sofort.

Den Blick seiner hellwachen blauen Augen ließ er durch den Raum schweifen. Offenbar suchte nach einem freien Tisch.

Einen Moment später ging er dann auf Linda zu. Vor ihrem Tisch blieb er stehen und fragte dann: "Ist hier noch frei, Miss..."

"Blane. Setzen Sie sich ruhig."

Er lächelte und stellte auf eine ungeschickte Art und Weise seine verschiedenen Taschen ab. Seiner Art haftete etwas Hektisches, Ruheloses an. Gleichzeitig wirkte er aber auch ziemlich ungelenk.

Er gab Linda die Hand und stellte sich etwas steif vor.

"Dr. Arnold Carter, Professor für Archäologie."

Er strich sich schließlich das ungekämmte, bereits etwas schütter gewordene Haar zurück und setzte sich.

"Ich habe schon von Ihnen gehört, Mr Carter."

"Oh, wirklich? Vermutlich nichts Gutes..."

"Nun..."

"Wissen Sie, die Leute hier stehen meiner Arbeit nicht gerade aufgeschlossen gegenüber...."

In diesem Moment kam McDouglas und nahm Carters Bestellung auf. Der Archäologe schien einen Bärenhunger zu haben.

Vermutlich hatte er den ganzen Tag ohne Pause an seiner Grabungsstelle verbracht, so schätzte Linda ihn ein.

"Sie graben bei der sogenannten Teufelsburg, nicht wahr?"

Linda hielt ihm den Reiseführer hin, den sie schnell aus ihrer Handtasche herausgezogen hatte. Carter lachte kurz auf.

"Ja,ja, das ist sie, die alte Ruine... Ehemals die Residenz des normannischen Ritters Sir Walter de Remoire, der Wynmore von König John als Lehen erhielt und der Überlieferung nach wie ein Teufel über diese Gegend geherrscht haben soll... Aber bestimmt langweile ich Sie."

"Nein, ganz gewiss nicht!", entgegnete Linda.

"Wissen Sie, das ist eine Art Berufskrankheit von mir. Wenn ich über solche Dinge zu erzählen beginne, kann ich kein Ende finden und nehme dabei für gewöhnlich kaum noch Rücksicht auf meine Zuhörer!"

"Ich möchte mehr über diese Burg und Sir Walter und all das wissen..."

Arnold Carter sah Linda einen Augenblick lang etwas erstaunt an. "Eigentlich bin ich es eher gewohnt, dass junge Frauen Reißaus nehmen, wenn ich mit solchen Geschichten anfange!"

Linda lächelte charmant.

"Ich bin eben eine Ausnahme!"

"Nun, also wo war ich stehengeblieben?"

"Bei Sir Walter..."

"Ach ja. Manche glauben, dass sein Geist noch heute in der Ruine umherspukt. Immer wieder kommt es vor, dass jemand behauptet ihn gesehen zu haben. Alte Leute erschrecken mit Erzählungen über ihn ihre Enkel aber auch die jüngeren halten den Ort für verflucht und meiden ihn. Deswegen stehen Sie meiner Arbeit auch misstrauisch gegenüber. Ich hatte eigentlich ein paar Hilfskräfte für die Grabungen anstellen wollen und dachte mir, sicher ein paar junge Burschen zu finden, die sich ihr Taschengeld etwas aufbessern wollten..."

"Und?"

"Sie sehen es ja! Von diesen Feiglingen, die auf Ihren Motorrädern so mutig sind, wollte keiner mit anpacken. Auch nicht, als ich den angebotenen Lohn verdoppelte. Zwei hatten erst zugesagt, aber nachdem Eltern und Verwandten ihnen ordentlich eingeheizt hatten, schützten sie dann plötzlich andere Verpflichtungen vor."

Carter atmete tief durch. Indessen kam McDouglas mit einem Riesenberg Sandwiches. Linda machte große Augen und fragte sich, wie ein einzelner Mensch bei einer einzelnen Mahlzeit derartige Mengen vertilgen konnte.

Und dabei war Carter dürr wie ein Hering.

Kauend erzählte der Archäologe dann die Legende von Sir Walter de Remoire.

"Von Sir Walter heißt es, dass er die junge Frau eines seiner Gefolgsleute begehrte. Sie hieß Gwen..."

"Gwen...", echote Linda nachdenklich. "Erzählen Sie weiter."

"Sir Walter war nicht gerade zimperlich in der Wahl seiner Methoden. Er ermordete Gwens Ehemann, doch auch danach wies sie ihn ab. Allerdings nahm er selbst dann auch kein gutes Ende. Seine Grausamkeit gegenüber den Bauern sollte sich bitter rächen. Er hatte die Abgaben derart drastisch erhöht, dass das Fass überlief. Ein Mob rottete sich zusammen, stürmte die Burg und plünderte sie. Sir Walter wurde dabei erschlagen." Carter zuckte die Achseln. "Seitdem gilt die Burg als verfluchter Ort, an dem der Geist von Sir Walter noch umgeht und auf Rache an den Nachfahren der damaligen Bewohner von Wynmore sinnt..."

Vielleicht auch auf Rache an Gwen?, überlegte Linda. Konnte es möglich sein, dass der geheimnisvolle Reiter...

Nein, so etwas gibt es nicht!, sagte Linda zu sich selbst. Es ist absurd!

"Was wurde aus Gwen?", fragte Linda plötzlich und dabei hatte sie das Gefühl, als ob ihre Lippen sich von selbst bewegten.

"Gwen?" Carter nahm einen großen Bissen, mit dem er nahezu ein halbes Sandwich auf einmal verschlang. Er brauchte ein paar Augenblicke, um wieder sprechen zu können. "Den Quellen nach soll sie nach der Ermordung Ihres Mannes in ein Kloster gegangen sein, womit sie dann für Sir Walter endgültig unerreichbar war..." Carter machte eine Pause, musterte Linda einige Augenblick lang und meinte dann: "Nun rede ich schon die ganze Zeit, aber Sie sind so gut wie gar nicht zu Wort gekommen."

"Das macht nichts. Es war sehr interessant, Ihnen zuzuhören."

"Ich weiß überhaupt nichts über Sie. Wie kommt es, dass Sie sich so sehr für diese Ruine interessieren?"

Linda zuckte die Schultern.

"Solche Legenden haben mich schon immer fasziniert...", murmelte sie tonlos.

"Morgen werde ich einen alten Steinsarkophag öffnen, der sich in den Überresten der ehemaligen Burgkapelle befindet..."

"Ein Sarkophag?"

"Ja. Vermutlich das Grab von Sir Walter. Zumindest lassen einige Quellen darauf schließen... Heute habe ich die Vorarbeiten gemacht." Carter lachte plötzlich lauthals und setzte dann noch hinzu: "Sehen Sie, Miss Blane, auf diese Weise hat die alte Legende der Wissenschaft gedient! Zwar ist der Sarkophag sehr schwer zu öffnen, aber da die Ruine als verfluchter Platz galt, haben es wohl auch nicht allzu viele versucht. Ansonsten wäre er vermutlich längst geplündert worden..."

"Professor Carter, ich..." Linda stockte. Sie rang mit sich selbst, aber dann faßte sie einen Entschluss. "Darf ich Sie morgen begleiten? Es würde mir viel bedeuten..."

Carter zuckte die Achseln.

"Warum nicht, Miss Blane? Aber stellen Sie sich die Arbeit eines Archäologen nicht als publikumswirksames Spektakel vor!"

Linda lächelte matt.

"Gewiss nicht!"

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Bevor Linda zu Bett ging, stand sie noch einen Augenblick am Fenster ihres Zimmers und blickte hinaus zu den drei verwachsenen Bäumen, die sich wie formlose gespenstische Schatten vor dem Wynmore Grove Inn erhoben. Der Wind wiegte die Kronen leicht hin und her. Das Rascheln der Blätter drang an ihr Ohr. Linda hatte das Fenster einen Spalt geöffnet und die frische Luft war angenehm.

Das Bild von Clark Nolan erschien vor ihrem inneren Auge.

Immer wieder hatte sie während des Abends an den jungen Reporter des York Independent denken müssen. Und jedesmal hatte sich auf ihren Lippen fast wie automatisch ein sanftes Lächeln gebildet.

Sie hatte den Wunsch ihn wiederzusehen.

Sie sehnte sich nach seinem Lächeln, seinem Charme, dem angenehm dunklen Klang seiner Stimme...

Du wirst dich doch nicht etwa verliebt haben?, ging es ihr durch den Kopf, während sie das eigentümliche prickelnde Gefühl genoss, das die Gedanken an Clark in ihr auslösten.

Es war schon ziemlich lange her, seit sie das letzte Mal derart sehnsuchtsvoll an einen Mann gedacht hatte. Es hatte sie viel Kraft gekostet, in ihrem Job Fuß zu fassen - einem Job der hundertprozentiges Engagement verlangte und der einem nicht viel Freizeit ließ, sofern man sich oben halten wollte.

Für anderes - auch für die Liebe - war da nicht viel Zeit übrig geblieben.

Linda schloss das Fenster und legte sich wenig später ins Bett. Sie war hundemüde und fiel in einen unruhigen Schlaf.

Immer wieder wälzte sie sich von einer Seite zur anderen.

Und im Traum sah sie wieder jenen geheimnisvollen Reiter.

Hoch zu Ross kam er herbeigeritten.

Diesmal spielte der Traum nicht in jener uralten Burgruine, sondern vor dem Wynmore Grove Inn.

Der Reiter zügelte sein Pferd.

Die Schwertspitze ragte deutlich unter dem weiten Umhang hervor und der Mond viel aschfahl in sein totenbleiches Gesicht.

"Gwen!"

Der Ruf ließ Linda erzittern. Eigenartig, wie vertraut dieser Name klang... Gwen... Zu Lindas Erschrecken stellte sie fest, dass sie sich beinahe so angesprochen fühlte, als hätte jemand ihren eigenen Namen gerufen.

"Gwen!"

Es folgten noch ein paar Worte, die sie nicht verstand...

Und plötzlich saß Linda kerzengerade in ihrem Bett, die Augen weit aufgerissen.

Gott sei dank, alles war nur ein Traum!, war ihr erster Gedanke. Sie atmete tief durch und versuchte sich zu beruhigen. Schon wollte sie sich diesem wohligen Gefühl der Erleichterung hingeben.

Da hörte sie ein Geräusch, das ihr das Blut in den Adern gefrieren zu lassen drohte.

Erstarrt saß sie da und rührte sich nicht.

Das Geräusch war das Scharren von Hufen...

"Gwen!"

Ihr Blick ging zum Fenster, durch das Mondlicht ins Zimmer fiel...

Dort draußen...

Lindas Herz hämmerte wie wild. Was geschieht hier nur? Bin ich dem Wahnsinn schon derart nahe?

Sie erhob sich zögernd, nachdem sie erneut ein Scharren von Pferdehufen vernommen hatte. Ein Geräusch, das ihr bis ins Mark ging. Sie ging mit vorsichtigen Schritten zum Fenster und sah hinaus.

Dort stand er - wer immer er auch sein mochte. Die Züge seines bleichen Gesichts wirkten ärgerlich. Er riss sein Pferd herum und preschte davon. Aus irgendeinem Grund fiel Linda das Wappen auf, das auf der Satteldecke aufgestickt war.

Ein Löwenkopf.

Linda sah ihn nach wenigen Metern im dunklen Nichts der Nacht verschwinden...

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Am nächsten Morgen fühlte Linda sich wie gerädert. Darüber hinaus hatte sie auch noch das Klingeln ihres Weckers verschlafen. Sie fuhr auf und machte sich in Windeseile fertig. Dabei hoffte sie, dass Carter nicht bereits weg war, denn so wie sie den Archäologen einschätzte, war er kein Mann, der den Morgen verschlief.

Sie hatte Glück und traf ihn noch vor einem bereits ziemlich abgegessenen Frühstückstisch.

"Ah, da sind Sie ja, Miss Blane!"

"Guten Morgen."

"Ich dachte schon, Sie hätten vielleicht das Interesse verloren!"

"Nein, nein..."

"Nehmen Sie ruhig noch einen Happen! Ich bringe schon einmal die Sachen in den Wagen!"

Wenig später fuhren sie dann hintereinander zur alten Ruine, die die Leute aus der Umgebung die Teufelsburg nannten. Carter fuhr einen Landrover und hatte einen ziemlich flotten Fahrstil, der nicht unbedingt zu den schmalen Straßen der Gegend passte. Linda musste sich mit ihrem Flitzer ziemlich Mühe geben, ihn nicht zu verlieren.

Besonders als es dann über schmale Feldwege mit tiefen Schlaglöchern ging, war Lindas Wagen natürlich hoffnungslos im Nachteil.

Dann fuhren sie einen schmalen Waldweg entlang. Der Boden war teilweise noch aufgeweicht von dem gestrigen Regenguss.

Der Wald war von dichtem Unterholz durchsetzt. Kein gepflegter Forstwald, sondern ein üppiges Gewimmel von Vegetation. Die Bäume waren dick und teilweise uralt. Manche von ihnen waren bereits durch Rankpflanzen fast überwuchert.

Ein unheimlicher Ort, von dem eine eigenartige Aura des Alters auszugehen schien.

Plötzlich, als bereits eine Lichtung in Sicht war, hielt Carters Landrover an. Irgendein Hindernis schien sich auf dem Weg zu befinden.

Carter stieg aus und auch Linda verließ ihren Wagen.

"Was ist los?", fragte sie, aber Carter achtete nicht auf sie. Stattdessen fluchte er unflätig vor sich hin.

Linda folgte ihm und ging an dem Landrover vorbei, der ihr die Sicht verstellte.

Dann blieb sie stehen und schluckte.

"Mein Gott..."

Mitten auf dem Weg befand sich eine Art hölzernes Stativ, das aus drei am oberen Ende zusammengebundenen Bambusstöcken bestand.

Darauf war der Kopf einer schwarzen Katze aufgespießt, deren gelbe Augen jeden Ankömmling wütend anzustarren schienen.

Darunter hing ein blutbesudeltes Leinentuch, auf dem ein Löwenkopf aufgestickt war.

Das Wappen des Unheimlichen! Die Erkenntnis traf Linda wie ein Schlag vor den Kopf.

Ärgerlich packte Carter das Gestell und warf es zur Seite.

"Was hat diese Scheußlichkeit zu bedeuten?", fragte Linda.

Carter strich sich das Haar zurück und atmete tief durch.

Er beruhigte sich etwas, aber der Ärger stand ihm noch immer im Gesicht geschrieben.

"Das sind die Verrückten!", schimpfte er dann.

"Welche Verrückten?"

Carter machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ach, wissen Sie, die Ruine war immer auch schon ein Zentrum für eingeschworene Okkultisten, die hier Totengeister zu beschwören versuchten und allerlei seltsame Rituale durchführten. Es gibt hier in der Gegend einen regelrechten Geheimzirkel. 'Ritter des Löwenkopfs' - so nennen sie sich... Ich habe sogar schon unflätige Drohbriefe von denen bekommen."

"Aber warum?"

Carter hob die Augenbrauen.

"Sie halten meine Grabungen für Frevel an einer heiligen Stelle... Verrückte sind das!"

Linda sah ihn verwundert an. "Haben Sie die Polizei verständigt?"

Er machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ich nehme das nicht besonders ernst, Miss Blane."

"Sagen Sie, dieser Löwenkopf..." Linda deutete mit dem ausgestreckten Arm auf das Gestell, das Carter seitlich in die Büsche geworfen hatte.

Carter kniff die Augen etwas zusammen.

"Was ist damit?", hakte er nach.

"Ist das zufällig das Wappen von Sir Walter de Remoire?"

Der Archäologe nickte.

"Ja, warum fragen Sie?"

"Nur so", murmelte Linda tonlos.

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Sie fuhren weiter und wenig später tauchten dann die grauen, abweisenden Mauern der Ruine auf.

Sie stellten ihre Wagen am Wegesrand ab und stiegen aus.

Die Burg lag in der Mitte der Lichtung. Eigenartigerweise schien die Vegetation sie zu meiden. Der dichte Grasbewuchs hörte einige Dutzend Meter vor den Überresten der äußeren Burgmauer auf. Der Boden war dort steinig und hart.

Linda schauderte, als die Gemäuer wiedererkannte. Nein, da war kein Zweifel möglich. Dies war die Ruine aus ihren Träumen. Sie hatte das Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein.

"Na, habe ich Ihnen zu viel von den alten Schauergeschichten erzählt oder weshalb sind Sie so bleich geworden, Miss Blane?", riss Carters Stimme sie aus ihren Gedanken heraus.

"Verzeihen Sie, ich war nur in Gedanken..."

Carter lud sich seine Taschen auf.

"Warten Sie, ich helfe Ihnen", bot Linda sich daraufhin an, aber er schüttelte den Kopf.

"Lassen Sie nur. Es sitzt schon alles an seinem Platz. Ich schaffe das ganz gut..."

Gemeinsam gingen sie auf die Ruine zu.

"Ist Ihnen schon aufgefallen, dass um die Ruine herum nichts wächst?", fragte Linda plötzlich.

"Ja, sieht ein bisschen seltsam aus, was?"

Carter sagte das auf eine Weise, die deutlich machte, dass er das gar nicht so eigenartig fand.

"Haben Sie eine Erklärung dafür?"

"Na, jedenfalls sind es nicht die Geister der Toten, wie diese Okkultisten meinen!", versetzte er. Dann zuckte er die Achseln und setzte nach kurzer Pause hinzu: "Ich bin kein Botaniker, aber ich schätze, es liegt am Boden..."

Sie traten jetzt durch das halbverfallene Burgtor. Linda musste sich etwas überwinden, um weiterzugehen. Ein unangenehmes Gefühl hatte sich in der Magengegend breitgemacht. Ja, dachte sie, dies ist die Szenerie meiner Alpträume...

"Dort ist der Sarkophag!", sagte Carter und deutete geradeaus. Von der Kapelle waren die Mauern noch in einer Höhe von etwa zwei Metern übrig geblieben. Den Rest hatte der Zahn der Zeit abgenagt.

"Ich möchte mich gerne etwas umsehen", meinte Linda wie abwesend.

Carter nickte.

"Tun Sie das. Bis ich den Sarkophag öffne, muss ich ohnehin noch einige Vorarbeiten erledigen. Wenn Sie dann gerne dabei sein möchten..."

Linda sah ihn etwas erschrocken an.

Dann entspannten sich ihre Züge wieder. "Warum nicht?", meinte sie dann.

"Zumindest wird beim Anblick seiner Gebeine jeder in Zukunft sicher sein können, dass der gute Sir Walter de Remoire tatsächlich tot ist und keineswegs als Wiedergänger durch diese Ruinen zu streifen pflegt..." Carter lachte laut auf.

Aber Linda fand das nicht besonders witzig.

"Ich werde gleich zu Ihnen kommen", versprach sie.

Carter nickte und ging dann weiter in Richtung der ehemaligen Kapelle. Einen Augenblick später verschwand er hinter den immer noch mehr als mannshohen Mauerresten.

Linda sah sich um.

Jetzt bist du hier, an diesem Ort deiner geheimen Schrecken!, ging es ihr schaudernd durch den Kopf. Sie ließ den Blick über die verfallenen Gebäude streifen. Ganze Stücke waren aus den Mauern ausgebrochen. Die meisten Gebäude besaßen kein Dach mehr und so glich die Ruine einer Art Labyrinth aus grauen Mauern.

Sie sah hinüber zum Westturm.

Eine rutschige Treppe führte hinauf zur Brustwehr. Es war genau wie in ihrem Traum.

Linda ging dort hin.

Ihr Herz klopfte dabei wie rasend, als sie mit der Hand über den kalten Stein strich. Selbst einzelne Unregelmäßigkeiten im Mauerwerk stimmten überein.

Nur ruhig!, versuchte sie sich selbst einzureden. Es besteht keine Gefahr...

Sie war hergekommen, um mit eigenen Augen zu sehen, dass diese Burg nichts weiter als eine gewöhnliche Ruine war. Ein Ort, von dem keine Gefahr für sie ausging.

Aber diese grauen, kalten Mauern lösten ganz andere Empfindungen in ihr aus. Angst hatte sich in ihr Herz geschlichen, Angst für die es im Augenblick eigentlich keinen greifbaren Grund gab. Es war einfach nur ein Gefühl, eine Ahnung, dass irgendetwas Schreckliches geschehen würde...

Vorsichtig ging sie in Richtung der Treppe. Und dann blieb ihr Blick an einer Stelle am Boden haften, die aussah wie...

Sie schluckte.

Der Abdruck eines Pferdehufs!

Hektisch ließ sie den Blick über den Boden kreisen und fand in Kürze weitere Spuren.

Aber ließ sich das alles nicht auch auf ganz vernünftige Weise erklären? Warum sollte nicht jemand hier her zu Pferde geritten sein? Jemand, der sich nicht vor der gruseligen Magie dieses Ortes fürchtete...

Und der Reiter, der ihr auf der Straße begegnet war?

Vielleicht einer dieser Okkultisten!, überlegte sie. Jemand der Spaß an der Verkleidung hat und nun als Geist von Sir Walter durchs Land reitet...

Aber das erklärte noch immer nicht, weshalb sie zuvor sowohl von dem Reiter als auch von dieser Ruine geträumt hatte.

Vorsichtig ging sie die rutschigen Stufen empor und hatte wenig später die Brustwehr erreicht. Sie blickte über die Zinnen hinweg zum Waldanfang. Der hektische Flügelschlag eines Raben ließ sie kurz zusammenzucken. Aber auch dieser schwarze Totenvogel schien die Ruine instinktiv zu meiden.

Linda beobachtete, wie er in einem Bogen um die sogenannte Teufelsburg herumflog, um dann zu einem Baum auf der gegenüberliegenden Seite zu gelangen.

Linda ging auf den Turm zu.

Der Eingang war dunkel. Aber jedes Detail stimmte mit ihrem Traum überein. Es war gespenstisch. Selbst die rostigen Halterungen, in denen einst eine Tür gehangen hatte, waren vorhanden. Ihre innere Scheu überwindend trat sie durch das Turmtor und stieg die schmalen Stufen hinauf. Man musste sehr aufpassen, um nicht auszugleiten. Manchmal fehlten auch Steine in der Treppe, was sie zu einer halsbrecherischen Falle machen konnte.

Schließlich war sie oben angelangt.

Auch hier reichte die Aussicht nicht weiter als bis zu den Wipfeln der ersten Bäume. Diese Ruine schien eine Welt für sich zu sein.

Linda atmete tief durch. Aber die Luft an diesem Ort war schwer und irgendwie stickig.

Jetzt bin ich hier und eigentlich sollten meine Ängste an diesem verwunschenen Ort zurückbleiben!, ging es ihr durch den Kopf. Aber sie ahnte bereits im Voraus, dass das das nicht der Fall sein würde...

Das Wiehern eines Pferdes drang in diesem Moment an ihr Ohr und ließ sie herumfahren. Angstvoll suchte sie nach dem Reiter...

Jener düsteren Gestalt ihrer Alpträume...

Gänsehaut hatte längst ihre Unterarme überzogen. Sie biss sich auf die Lippen. Es war nirgends jemand zu sehen. Nur vor ihrem inneren Auge, da erstanden jetzt die schrecklichen Traumszenen aufs Neue und peinigten sie.

Einen Augenblick lang war sie dann wie erstarrt.

Ich bin nicht allein!, wurde es ihr im nächsten Augenblick dann klar. Im Unterschied zu meinem Traum bin ich nicht allein!

Und so wandte sie sich in Richtung der Kapelle.

"Professor Carter!", rief sie.

Es war ihr in diesem Moment völlig gleichgültig, was der Archäologe über sie dachte, ob er sie vielleicht für verrückt oder hysterisch hielt oder sich selbst dafür verwünschte, sie überhaupt an diesen Ort geführt zu haben.

In diesem Moment wollte sie einfach nicht allein sein. Und der einzige Mensch weit und breit war der Professor.

Sie erhielt kein Antwort.

Dann nahm sie eine Bewegung bei einem der Nebengebäude wahr. Eine dunkle Gestalt, gehüllt in einen wallenden Umhang.

Nur für den Bruchteil eines Augenblicks hatte sie ihn gesehen und doch glaubte sie, sich sicher sein zu können.

Es war genau so, wie in jener Nacht. als sie aus dem Fenster ihrer Wohnung geblickt und den Unheimlichen in London gesehen zu haben glaubte...

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Einen Augenblick rührte sie sich nicht. Eine gespenstische Stille lastete schwer über der Ruine. Irgendwo aus dem nahen Wald krächzte ein Rabe. Dann drang das Geräusch eines galoppierenden Pferdes an Lindas Ohr.

Es versetzte ihr einen Stich, als sie den unheimlichen Reiter in Richtung des nahen Waldes preschen sah. Der dunkle Mantel wehte wie ein düsterer Schweif hinter ihm her. wenig später war er im Unterholz verschwunden.

Linda schluckte.

Was hatte dies alles nur zu bedeuten? In diesem Moment wünschte sie sich, dass dies alles nur einer ihrer Alpträume war, aus dem es dann irgendwann ein plötzliches Erwachen geben würde.

Aber dies war keineswegs ein Traum.

Dies war die Wirklichkeit - oder am Ende nur ein Spiegelbild ihres beginnenden Wahnsinns?

Mit schnellen Schritten lief sie die Wendeltreppe im Turm hinunter, dann an der Brustwehr entlang. Auf der Treppe, die von dort in den Innenhof führte, stolperte sie beinahe, weil sie unachtsam war.

Es ist so still...

Wieder schoss ihr dieser Gedanke durch den Kopf.

Sie trat durch das große Eingangstor der Kapelle, das durch einen großen Rundbogen gebildet wurde. Am anderen Ende des Gebäudes, von dem nicht mehr als die Außenmauern geblieben waren, befand sich ein steinerner Quader.

Der Sarkophag...

Dahinter hatte der Zahn der Zeit ein Loch ins Mauerwerk gefressen, das so groß wie eine Tür war.

Linda glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als sie zwischen dem Sarkophag und diesem eigentümlichen Durchgang Carter reglos auf dem Boden liegen sah. Sofort rannte sie zu dem Archäologen hin.

"Professor Carter!"

Sie drehte ihn herum, aber es war zu spät.

Er war tot.

Und in seiner Hand befand sich ein Amulett, das den Löwenkopf Walter de Remoires zeigte!

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"Und dann haben Sie einen Reiter im dunklen Umhang gesehen - mit einem Schwert an der Seite und einem Löwenkopf auf der Satteldecke!", wiederholte der ungläubig dreinblickende Inspektor der Kriminalpolizei von York zum drittenmal Lindas Aussage.

"Wie oft soll ich Ihnen das denn noch sagen: Ja, so war es!", erwiderte Linda etwas gereizt und mit vor der Brust verschränkten Armen.

Er hieß Jackson, hatte ein V-förmiges Gesicht mit hervorspringendem Kinn und heruntergezogenen Mundwinkeln. Aus irgendeinem Grund schien er nicht besonders gut gelaunt zu sein. Linda war, nachdem sie Carters Leiche aufgefunden hatte, sofort zu ihrem Wagen gelaufen, hatte den Handy aus dem Handschuhfach geholt und die Polizei verständigt.

Eine ganze Weile hatte sie auf die Beamten warten müssen, aber nun wurde die gesamte Ruine von einem Team der Spurensicherung abgesucht und ein Gerichtsmediziner untersuchte die Leiche.

Seiner Ansicht nach war Arnold Carter erwürgt worden.

"Ich kann Ihnen nur sagen, was ich gesehen habe!", sagte Linda etwas verzweifelt. "Mag sein, dass das alles etwas wirr und unglaubwürdig klingt, aber schließlich ist es Ihre Aufgabe, alles in einen logischen Zusammenhang zu bringen!"

Jackson musterte Linda nachdenklich. Sie konnte ihm beinahe ansehen, dass er so etwas dachte wie: Die junge Frau steht entweder ziemlich unter Schock oder sie hat irgendetwas mit dem Tod dieses Mannes zu tun...

Er öffnete halb den Mund und wollte gerade ansetzen, da kam ihm einer seiner Leute zuvor. "Hier sind tatsächlich Pferdespuren, Inspektor! Und zwar frische!"

Jackson atmete hörbar aus.

Dann blickte er seitwärts an Linda vorbei und seine Stirn umwölkte sich. Linda wandte sich ebenfalls herum. Niemand anderes als Clark Nolan kam auf sie beide zu. Und ehe Jackson irgendeinen Ton hatte sagen können, hatte Clark auch schon blitzschnell einige Fotos mit der einfachen Kamera geschossen, die ihm um den Hals hing.

"Ah, Sie, Mr Nolan! Wie haben Sie denn Wind von der Sache gekriegt? Mal wieder illegaler Weise den Polizeifunk abgehört?"

Clark grinste.

"Kein Gedanke! So etwas würde ich doch nie tun!", behauptete er.

Jackson verzog das Gesicht.

"Das würde Ihnen Ihre eigene Großmutter nicht glauben, Nolan!"

"Inspektor..."

Jetzt mischte Linda sich ein und sagte: "Ich habe Mr Nolan angerufen!"

Jackson hob die Augenbrauen.

"Sie? Was Sie nicht sagen..." Er wandte sich an Linda und hielt ihr den Zeigefinger unter die Nase. "Wir müssen mit Ihnen noch ein Protokoll machen, Miss Blane... Bleiben Sie länger in der Gegend?"

"Ein paar Tage sicher noch..."

"Nun, dann hat das ja noch ein bisschen Zeit. Und Ihre Personalien haben wir ja."

Jackson ließ sie stehen und wandte sich einem der Spurensicherer zu, der etwas gefunden zu haben glaubte. Linda hört noch, wie von Pferdespuren die Rede war, die in den Wald führten und sich dort verloren.

Ich bin also nicht verrückt!, ging es Linda erleichtert durch den Kopf. Das, was ich gesehen habe, war wirklich da!

Sie atmete tief durch. Und wenn auch der Tod Arnold Carters eine schreckliche Tatsache war, so fühlte sie sich doch ein wenig erleichtert. Nun gab es wenigstens Spuren des Unheimlichen...

Sie hob den Kopf und fühlte Clarks Blick auf sich gerichtet. Forschend sah er sie an. Seine Hand berührte sie leicht bei der Schulter.

"Alles in Ordnung?", fragte er.

"Ich weiß nicht..."

"Danke übrigens..."

"Wofür?"

"Dass Sie behauptet haben, Sie hätten mich angerufen...

Sie nickte nur. Ein Kloß saß ihr im Hals. Ihre Blicke hingen aneinander und sie sah, wie Clark schluckte. Und dann tat er genau das, wonach sie sich jetzt innerlich gesehnt hatte.

Er nahm sie in den Arm.

Und genau das hatte sie jetzt gebraucht. Eine starke Schulter von jemandem, der einfach nur bei ihr war...

"Es war so furchtbar...", flüsterte sie. Und dann erzählte sie ihm alles, was sich in der Ruine abgespielt hatte. Es sprudelte aus ihr heraus - ganz anders als in dem Gespräch mit dem Inspektor. Einen Moment lang hatte sie Zweifel, ob es richtig war, was sie tat. Aber wem sollte sie sich sonst anvertrauen? Und mit irgendjemandem musste sie darüber sprechen.

Allerdings erwähnte sie nicht, dass sie diese Ruine und den unheimlichen Reiter im Traum gesehen hatte. Es hatte ihr schon auf der Zunge gelegen, doch im letzten Moment entschied sie sich anders und hielt ihre Worte zurück.

"Es gibt eine Reihe von Leuten, die Dr. Carters Arbeit hier nicht gerade mit offenen Armen begrüßt haben", erklärte Clark Nolan schließlich, nachdem Linda geendet hatte.

"Sie meinen diese Okkultisten?"

"Die Ritter vom Löwenkopf?"

"Sie wissen darüber Bescheid, Clark?"

"Ja, ich habe einen Artikel über Carter und seine Arbeit hier geschrieben. Und bei der Gelegenheit haben wir uns sehr intensiv unterhalten...."

"Professor Carter hat Drohbriefe erhalten."

"Ich halte diese Okkultisten für harmlos", meinte Clark.

"Ein paar Spinner, die sehr geheimnisvoll tun, magische Rituale an verwunschenen Orten durch führen..."

"...und in eigenartiger Verkleidung durch die Gegend reiten?", vollendete Linda und sah Clark dabei an.

"Möglicherweise auch das", erwiderte er.

"Wissen Sie, wer zu diesen Rittern gehört?"

Er schüttelte den Kopf.

"Nein. Wie gesagt, sie achten sehr auf Geheimhaltung. Aber hier in der Gegend dürften sie einige Anhänger haben... Ab und zu trifft man auf ihre Spuren..."

"So etwas wie den Katzenkopf", stellte Linda fest.

"Ja", sagte Clark. "Aber diese sogenannten Ritter vom Löwenkopf sind nicht die einzigen, die Carters Arbeit feindlich gegenüberstanden."

"Ach, nein?"

Gemeinsam gingen sie ein paar Schritte. Linda fühlte Clarks Arm um ihre Schulter, was ihr ein Gefühl der Sicherheit gab.

"In York gibt es einen Bodenspekulanten und Immobilien-Hai, der auch in der Unterwelt eine große Nummer sein muss. Er plant, die Ruine wieder aufzubauen und ein Kurhotel daraus zu machen. Das Land ist billig, keiner wollte es bis jetzt haben. Aber archäologische Forschungen könnten alles so lange verzögern, bis seine Geldgeber wieder abgesprungen wären."

"Und dem trauen Sie einen Mord zu?"

"Durchaus. Er ist wirklich alles andere als zimperlich in der Wahl seiner Methoden und im Vorfeld gab es bereits heftige Auseinandersetzungen. Man munkelt, dass Seldon beinahe sein gesamtes Geld in das Projekt gesetzt hat, womit für ihn einiges auf dem Spiel steht..."

"Aber der Reiter..."

Clark verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln. "...und das Amulett in Carters Hand, ich weiß. Aber vielleicht wollen Seldon und seine Leute den Verdacht damit nur auf die die ominösen Ritter vom Löwenkopf lenken..."

"Warum sagen Sie das Inspektor Jackson nicht?"

Clark lachte kurz auf.

"Das werde ich noch. Aber ich bin mir nicht sicher, ob er es sich auch mit der nötigen Aufmerksamkeit anhören wird."

"Wieso?"

"Nun, Ihnen dürfte nicht entgangen sein, dass er mir nicht gerade mit Sympathie begegnet..."

Ein Lächeln huschte über Lindas Gesicht.

Sie hielten an und Linda ergriff seine Hand, die sich warm anfühlte.

"Was haben Sie getan, um ihn derart gegen sich aufzubringen?", fragte sie.

Clark hob leicht die Schultern.

"Das war bereits kurz nachdem ich hier beim York Independent angefangen habe. Ich habe eine Story über geschmierte Polizeibeamte in York gemacht. Seitdem konnte er mich nicht leiden..."

"Oh..."

Clark hielt sie bei den Schultern und sah ihr in die Augen.

Seine blauen Augen bedachten sie mit einem Blick, der ihr einen prickelnden Schauer über den Rücken trieb.

"Ich habe jetzt einiges zu tun", meinte er. "Aber nachher würde ich mich gerne mit Ihnen treffen."

"Gerne", flüsterte Linda.

In ihrem Innern herrschte ein tosendes Gefühlschaos. Gerade noch waren Furcht und Entsetzen vorherrschend gewesen, dazu dieses vage Gefühl der Bedrohung, dass sie bereits verfolgte, seit sie unter diesen mysteriösen Alpträumen litt. Aber in Clark Nolans Anwesenheit schienen diese Empfindungen an den Rand gedrängt zu werden und etwas anderes gewann die Oberhand. Ein Gefühl des Verliebtseins.

Ich wusste schon gar nicht mehr richtig, wie sich das anfühlt!, dachte Linda dabei.

"Ich komme so gegen fünf zum Wynmore Grove Inn, okay?"

"Ja."

Und dann küsste er sie ganz leicht und flüchtig auf die Stirn.

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Linda fuhr zurück zu ihrer Unterkunft. Keinen Augenblick länger hielt sie es im Umkreis der Burgruine aus. Als sie Clark Nolan zum letzten Mal sah, sprach er gerade mit Jackson. Ein ziemlich heftiger Wortwechsel, wie sie mitbekam. Jackson schien es nicht gut vertragen zu können, wenn ihm jemand Hinweise gab, den er leiden konnte. Und das genau traf in Bezug auf Clark zu.

Linda fuhr den Weg zurück, den sie mit Carter gekommen war und musste sich dabei sehr konzentrieren, um sich nicht zu verfahren.

Die Ruine lag wirklich ziemlich einsam.

Ein Ort, den man Jahrhundertelang allgemein gemieden hatte.

Nur die mysteriöse Ritter vom Löwenkopf waren eine Ausnahme.

Als sie dann den Wynmore Grove Inn erreichte, ließ sie sich dort ein kleines Lunch servieren. Um diese Zeit war der Schankraum leer.

Auch McDouglas, der Wirt war nicht da. Seine Frau stand hinter dem Tresen und hielt die Stellung. Ansonsten war sie eher in der Küche anzutreffen und kümmerte sich um die Buchhaltung, wie sie Linda beiläufig erzählte.

Mrs McDouglas war eine rundliche Frau in den Fünfzigern, die eine sehr herzliche Art hatte. Jemand, dem man leicht vertraute.

Linda erzählte ihr knapp von Carters Tod und von dem seltsamen Reiter.

Die Wirtin setzte sich zu Linda an den Tisch. "Das ist ja furchtbar!", entfuhr es ihr. "Ich meine, ich war zwar auch nicht sonderlich begeistert von Carters Arbeit, aber..."

"Warum eigentlich nicht?", unterbrach Linda sie.

Mrs Douglas zuckte die Achseln. "Nun, er beschäftigte sich mit merkwürdigen Dingen... Und ich glaube nicht, dass es richtig ist, Gräber zu öffnen und die Ruhe von Toten zu stören..."

"Insbesondere die Totenruhe eines gewissen Sir Walter de Remoire?"

Mrs McDouglas wirkte auf einmal etwas steif.

"Das ist eben meine Meinung. Sie müssen sie ja nicht teilen, Miss Blane."

"So war das nicht gemeint."

"Schon gut."

"Man erzählt sich über diesen Sir Walter merkwürdige Geschichten hier in der Gegend..."

"Legenden", sagte Mrs McDouglas ausweichend.

"Als ich hier her, nach Wynmore kam, stand plötzlich ein Reiter auf der Straße. Ein Mann in schwarzem Umhang, mit einem Schwert an der Seite. Derselbe Reiter, den ich gesehen habe, kurz bevor ich Professor Carter fand. Und das Amulett in den Händen des Archäologen zeigte einen Löwenkopf. Ist das nicht das Zeichen Sir Walters gewesen?"

"Sie wissen schon eine ganze Menge...", murmelte Mrs McDouglas etwas abweisend. Sie schien einen Augenblick lang hin und her zu überlegen, dann ergriff sie plötzlich Lindas Unterarm und fuhr in beschwörendem Tonfall fort: "Hören Sie, es ist besser, Sie lassen die Toten ruhen..." Und dabei flackerten ihre Augen angstvoll.

"Welche Toten meinen Sie damit?", erwiderte Linda kühl. "Sir Walter - oder auch den armen Arnold Carter?"

Mrs McDouglas atmete tief durch.

"Das gilt für alle Toten", erklärte sie . "Außerdem sollten Sie nicht überall herumerzählen, was Sie gesehen haben wollen..."

"Ich habe es gesehen!", erwiderte Linda. Sie entzog der anderen ihren Arm.

Mrs McDouglas hob die Augenbrauen. Ein mildes Lächeln breitete sich jetzt in ihrem Gesicht aus.

"Ich sage das ja nur in Ihrem eigenen Interesse, Miss Blane... Immer wieder hat es in Wynmore und Umgebung eigenartige Erscheinungen gegeben. Dinge, die kein Mensch sich erklären konnte, es sei denn man geht davon aus, dass die Toten nicht wirklich tot sind, sondern in einer Schattenwelt weiterexistieren und gegebenenfalls auch in die Welt der Lebenden zurückkehren... Schon mancher hat seinen Verstand verloren, weil er versuchte, diesen Dingen auf den Grund zu gehen. Und es täte mir leid, wenn Sie eines Tages dazu zu zählen wären..."

Linda schluckte.

Das war eine deutliche Warnung.

Aber Linda Blane hatte nicht die Absicht, sich abschrecken zu lassen. Sie war so weit gegangen, jetzt wollte sie alles wissen, alle Geheimnisse, die mit dieser Angelegenheit zu tun hatten.

"Was wissen Sie über die sogenannten Ritter vom Löwenkopf?", fragte sie.

"Ich habe keine Ahnung."

"Das glaube ich Ihnen nicht!"

"Und wenn, dann würde ich Ihnen bestimmt nichts darüber sagen!"

"Ich möchte gerne mit ihnen in Kontakt treten..." Linda war es ernst damit. Wenn jemand über die alten Legenden, über Sir Walter und Gwen und alles, was damit zusammenhing, Bescheid wusste, dann waren es vermutlich jene Okkultisten...

"Sie sind wahnsinnig, Miss Blane. Ich kann nur hoffen, dass Sie meine eindringlichen Warnungen nicht nur für Geschwätz halten..."

"Aber..."

Mrs McDouglas schnitt Linda das Wort ab und setzte noch hinzu: "So wie Professor Carter!"

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Der Reiter kam auf sie zu. Sie kniete an dem kleinen Wasserlauf. Neben ihr stand ein Korb mit Gewändern, die sie eines nach dem anderen in dem klaren, sprudelnden Wasser wusch.

"Gwen!"

Sie sah auf und erschrak ein wenig. Instinktiv fasste sie an das mit drei Rubinen besetzte goldene Kreuz, das ihr an einer Kette um den Hals hing. Ihre Mutter hatte es ihr zur Hochzeit geschenkt.

"Sir Walter!"

Er zügelte sein Pferd, warf den Umhang zurück, so dass sein mit Edelsteinen besetzter Schwertgriff und das Kettenhemd sichtbar wurden und stieg dann aus dem Sattel. Das Pferd band er an einem Strauch fest.

"Ihr seid eine bezaubernde Frau, Gwen! Eine Frau, die einem Mann die Sinne rauben kann!", erklärte Sir Walter. In seinen Augen blitzte es. Sein Lächeln hatte etwas Raubtierhaftes an sich, das Gwen nicht gefiel.

"Ihr solltet so nicht mit mir reden, Sir Walter!", erwiderte sie und errötete dabei leicht.

"So sagt nur, dass Ihr mich verabscheut, junge Frau!" Sir Walter lachte schallend. "Das kann ich einfach nicht glauben..."

Er trat zu ihr hin und ehe sie sich versah, hatte er ihren Unterarm gepackt. Die Berührung war grob und ohne Einfühlung.

Sie war Gwen unangenehm und so versuchte sie sich ihm zu entziehen. Aber sein Griff war so fest wie ein Schraubstock.

"Sir Walter! Ihr wisst, dass ich mit Eurem Gefolgsmann Guy verheiratet bin!"

"Oh, Gwen! Ich begehrte Euch schon, bevor Ihr so unvorsichtig wart, mit Guy de Grovain vor den Altar zu treten! Aber soll uns das wirklich hindern?"

"Lasst mich!"

Mit aller Kraft machte sie sich nun los und stieß Sir Walter davon. Diesen schien das eher zu amüsieren.

"Eine Wildkatze seid Ihr! Aber das gefällt mir so an Euch, Gwen!"

"Ich liebe meinen Mann, während ich für Euch nur Verachtung empfinde!", schleuderte Gwen ihm wütend entgegen, während sie ein paar Schritte zurückgewichen war.

Das Gesicht Sir Walters wurde eisig.

"Verachtung?", echote er. Und Gwen bereute ihre Worte bereits wieder. Sie schluckte. Sir Walter ballte indessen die Faust. "Verachtung für Euren Lehnsherrn?"

"Verachtung für jeden, der die Heiligkeit einer vor Gott geschlossenen Verbindung nicht respektiert!"

In Sir Walters Gesicht zuckte ein Muskel. Seine Züge wurden hart, die Mundwinkel fielen nach unten. Er machte einen Schritt nach vorn und hob die großen Hände...

"Was habt Ihr vor, Sir Walter? Wollt Ihr mir Gewalt antun? Euch muss klar sein, dass Guy das nicht ungesühnt lassen würde..."

Sir Walter atmete tief durch.

"Was hat dieser Guy nur, was Euch so in seinem Bann hält, Gwen? Was ist es? Magie? Hexerei?"

"Etwas, wovon Ihr nichts wisst, Sir Walter..."

"Ach, ja?"

"Die Liebe..."

Sir Walter sah sie ziemlich verwundert an. Seine Stirn umwölkte sich und wurde nun von tiefen Furchen durchzogen.

Einen Augenblick lang schien er unschlüssig darüber zu sein, was er jetzt tun sollte, dann stampfte er wütend auf, ballte die Hände zu Fäusten und ging zu seinem Pferd. Er schwang in den Sattel und riss das Tier an den Zügeln roh herum.

Bevor er davonpreschte, drehte er sich im Sattel noch einmal herum und richtete den Zeigefinger wie eine Dolchspitze in Gwens Richtung.

"Ich werde nicht aufgeben!", kündigte er an. "Eines Tages werdet Ihr in meinen Armen liegen und Euren Guy vergessen haben!"

"Niemals!", zischte Gwen, während der Reiter bereits seinem Pferd die Sporen gab.

Ein klopfendes Geräusch drang unangenehm in ihr Bewusstsein.

Sie öffnete die Augen und fand sich in einem großen Ohrensessel wieder, wo sie in sich zusammengesunken dasaß. Das Klopfen kam von der Tür.

Linda begriff, dass sie wohl eingenickt war. Eigentlich hatte sie nur kurz in ihr Zimmer im Wynmore Grove Inn gehen und sich etwas Wärmeres überziehen wollen. Das Wetter hatte umgeschlagen und mit einem Mal war es ziemlich kühl geworden.

Ein unangenehm scharfer Wind blies aus Richtung Küste und ließ einen frösteln.

Sie erinnerte sich noch vage daran, sich kurz in den Sessel gesetzt zu haben, bevor eine bleierne Müdigkeit sie schlagartig überfallen hatte. Eine Müdigkeit, wie sie sie noch nie zuvor in ihrem Leben gespürt hatte. Mit unerbittlichem Sog war der Schlaf über sie gekommen und hatte sie in jene furchtbare Welt ihrer Alpträume hingezogen, vor der sie sich so sehr fürchtete.

Ich habe geträumt!, rief Linda sich ins Bewusstsein. Und nach und nach dämmerte ihr noch etwas anderes. Ich war Gwen...

Das unterschied diesen Traum von allen bisherigen. Sie hatte auch im Traum immer gewusst, dass sie Linda Blane war.

Aber in jenem Traum, aus dem sie gerade geweckt worden war, war sie Gwen gewesen, die junge begehrenswerte Ehefrau von Guy de Gavrain, einem von Sir Walters Gefolgsleuten. Sie schauderte bei der Erinnerung daran. Alles war so wirklich gewesen.

Sie hatte tatsächlich geglaubt, ein Teil jener längst vergangenen Welt zu sein, hatte alles mit Gwens Augen gesehen und später einen Augenblick lang ihre eigene Welt für einen Traum gehalten.

Erneut klopfte es.

Diesmal heftiger und drängender.

"Linda? Hier ist Clark Nolan!"

Linda fuhr hoch und sah kurz zur der klobigen Wanduhr hinüber. Es war bereits ein paar Minuten nach fünf. Mein Gott, so lange habe ich geschlafen?

Linda brachte kurz ihre Haare etwas in Ordnung.

"Herein!", sagte sie dann.

Die Tür öffnete sich. Etwas zögernd trat Clark ein.

"Ich weiß", sagte sie. "Unsere Verabredung..."

"Ich möchte dich entführen, Linda..." Er sagte das mit einem schelmischen Ausdruck im Gesicht. Seine blauen Augen musterten sie dabei aufmerksam.

Linda lächelte.

Etwas matt fühlte sie sich noch, denn der Schlaf, den sie hinter sich hatte, war keineswegs erholsam gewesen.

"Entführen?", echote sie.

"Ja...", nickte er, ohne eine weitere Erklärung hinzuzufügen.

Sie sah ihn prüfend an und verschränkte die Arme vor der Brust. "Mein Bedarf an Verbrechen aller Art ist für heute eigentlich ziemlich gedeckt!", bekannte sie dann.

Er hob die Augenbrauen.

"Nun, wenn du die Entführung in ein gemütliches Restaurant in York als Verbrechen ansiehst..."

Linda schenkte Clark ein bezauberndes Lächeln. Ihre Augen leuchteten dabei.

"Nun, ich kann mir schlimmere Dinge vorstellen, die einem zustoßen können..."

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Clark Nolan wartete in seinem Wagen. Linda hatte darauf bestanden, sich vor ihrem Ausflug nach York noch ein bisschen fein zu machen.

Sie zog ein schlichtes, hellblaues Kleid an, das ihre Figur gut zur Geltung brachte, wie sie nach einem Blick in den Spiegel zufrieden feststellte.

Auf der einen Seite fühlte sie sich erfüllt von einem Gefühl der Verliebtheit, das ihr einen schwebenden Gang zu geben schien. Aber auf der anderen Seite waren da noch immer jene düsteren Schatten im Hintergrund, die unablässig auf sie zu lauern schienen. Ihr Traum wollte einfach nicht aus ihrem Bewusstsein verschwinden. Die Szene am Bach zwischen Gwen und Sir Walter stand ihr immer noch lebhaft vor Augen und allein der Gedanke daran trieb ihr kalte Schauder über den Rücken.

Auf welch rätselhafte Weise war das Leben dieser Gwen mit dem ihren verbunden?

Es war gespenstisch.

Gedankenlos griff Linda in ihre Schmuckschatulle. Sie legte eine Kette mit einem Anhänger an, den sie immer zu dem blauen Kleid trug und der den Endruck schlichter Eleganz vollenden sollte.

Der Blick in den Spiegel ließ sie erschrecken.

Drei Rubine!, erinnerte sie sich.

Auch wenn sie kein Kreuz um den Hals trug, so wie jene mittelalterliche junge Frau namens Gwen es in ihrem Traum getan hatte, so waren doch beide Anhänger mit jeweils drei roten Rubinen besetzt.

Das hat nichts zu bedeuten!, versuchte Linda sich dann selbst einzureden. Vermutlich ist die Erklärung einfach die, dass ich unbewusst Elemente aus meinem wirklichen Leben in meinen Traum eingebaut habe. Jeder Mensch tut das...

Oft genug hatte ihr Psychiater Dr. Jakes ihr diese Zusammenhänge erläutert.

Sie atmete tief durch.

Und was, so fragte sie sich dann plötzlich schaudernd, wenn es in diesem Fall genau umgekehrt ist? Wenn ich unbewusst mein Leben an dieser Gwen orientiere und zum Beispiel ähnlichen Schmuck aussuche, wie sie es einst tat?

Sie fühlte instinktiv, dass in diesem Gedanken Wahrheit liegen musste, wollte aber nicht weiter darüber grübeln.

Sie nahm ihre Handtasche, verließ das Zimmer und schloss es hinter sich ab.

Wenige Augenblicke später stieg sie dann zu Clark in den Wagen.

Warum nicht?, dachte sie. Ein bisschen Ablenkung und ein schöner Abend würden ihr guttun.

"Ich freue mich", sagte sie, während ihre Blicke sich trafen.

Die prickelnde Spannung zwischen ihnen war beinahe körperlich spürbar. Linda fühlte seine Hand die ihre ergreifen und wohliger Schauer überflutete sie. Im nächsten Augenblick trafen sich endlich ihre Lippen. Sie küssten sich vorsichtig tastend, dann leidenschaftlicher.

Linda fühlte sich auf Wolken und für einige kostbare Momente war der düstere Reiter und die Welt ihrer Alpträume in den Hintergrund gedrängt und so gut wie vergessen. Ein Augenblick, von dem sie sich wünschte, er möge ewig andauern.

Es war ihr sogar gleichgültig, dass er mit der Hand, die ihr jetzt zärtlich über das Haar strich vermutlich die Frisur ruinieren würde...

Schließlich lösten sie sich voneinander. Clark lächelte sie liebevoll an. "Wenn wir uns jetzt nicht auf den Weg machen, wird der Wirt des Lokals unseren Tisch an jemand anderen vergeben, fürchte ich..."

Sie hob die Augenbrauen.

"Dann fahr", flüsterte sie.

Clark Nolan startete den Wagen und während sie auf der Landstraße Richtung York davonbrausten, sah Linda aus den Augenwinkeln heraus gerade noch eine Bewegung an einem der Fenster des Wynmore Grove Inn. Linda schmunzelte. Vermutlich Mrs McDouglas!, dachte sie.

"Ich habe übrigens diesem John Seldon heute einen Besuch abgestattet", berichtete Clark nach einer Weile, als sie schon ein paar Meilen in Richtung York zurückgelegt hatten.

"Diesen Immobilien-Hai?", vergewisserte sich Linda.

Clark nickte. "Genau den. Er wurde ziemlich nervös, als ich ihn auf den Mord an Professor Carter ansprach... Im übrigen schien er auch recht gut informiert zu sein."

"Du meinst, er wusste bereits Bescheid?"

"Da bin ich mir sicher. Und von Inspektor Jackson kann er es nicht wissen, denn der hat ihm erst nach mir einen Besuch abgestattet." Clark grinste. "Ich habe Jackson nämlich getroffen! Seldon hat mir übrigens ziemlich gedroht, ich solle meine Finger aus der Sache heraushalten, wenn ich sie mir nicht verbrennen wollte..."

"Und so etwas macht dir nichts aus?"

Clark zuckte die Achseln.

"Wenn ich jemand wäre, der sich leicht einschüchtern lässt, hätte ich mir einen anderen Job suchen müssen."

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Clark führte Linda in ein gemütliches Restaurant mit französischer Küche.

"England mag das schönste Land der Welt sein, aber essen kann man anderswo kultivierter!", kommentierte der Reporter des York Independent seine Restaurantwahl.

"Da magst du wohl recht haben", gab Linda mit einem Lächeln zurück.

Der Ober brachte sie zu dem Tisch, den Clark hatte reservieren lassen.

Kerzen wurden angezündet, während es draußen langsam grau und düster wurde. Für die Dämmerung war es noch zu früh, aber feuchter Dunst hatte sich gebildet und sich auf die Stadt abgesenkt.

Sie hoben die Gläser und Linda fragte: "Worauf wollen wir trinken?"

"Auf die glücklichen Umstände, die mich eine derart faszinierende Frau treffen ließen!", schlug er vor.

"Clark..."

"Sag nicht, dass du das übertrieben findest!"

"Vielleicht ein bisschen. Aber es ist eine nette Übertreibung."

"Na, da bin ich beruhigt!"

Mit einem leisen Klirren berührten sich die Gläser und ihre Blicke verschmolzen miteinander.

"Ich bin auch sehr froh, dich getroffen zu haben, Clark", flüsterte sie.

Er setzte das Glas ab.

"Erzähl mir von dir, Linda!", forderte er sie auf.

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. "Erzählen?", fragte sie. "Was denn?"

Clark zuckte die Achseln und machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Ganz gleich was, Linda. Hauptsache, es hat mit dir zu tun."

"Du bist verrückt!"

"Wirklich? Ich möchte alles über dich erfahren. Wer du bist, was du denkst, wie du lebst..."

Er berührte ihre Hand und sie empfand das als angenehm. Ihr Glück hätte vollkommen sein können, wäre da nicht jene finstere Bedrohung gewesen, die unsichtbar immer auf ihr lastete, seit sie Sir Walter zum ersten Mal in einem ihrer Träume begegnet war.

Aber daran wollte sie jetzt nicht denken. Und die beste Methode dazu war es vielleicht, genau das zu tun, was Clark von ihr wollte. Zu erzählen.

Sie sprach von ihrem Job in der Agentur, von dem Stress, den es mit wählerischen Werbekunden gab, die gar nicht so leicht davon zu überzeugen waren, dass es keinen Sinn hatte, die Vorzüge eines Produktes zigmal in einem Spot zu erwähnen, weil der Spot dann langweilig war und sowieso niemand hinhörte. Aber sie sprach auch von ihrer Familie. Von ihren Eltern, ihrem Bruder, aus dem ein bekannter Grafiker geworden war...

Und dann hörte sie ihm zu.

Es wurde ein wunderbarer Abend.

Der schönste, den Linda seit langem erlebt hatte.

Nachdem sie das Dessert verzehrt hatten, gingen sie Arm in Arm durch das abendliche York. Eng umschlungen hielten sie zwischendurch an und küssten sich. Linda fühlte sich erfüllt von einer Woge des Glücks.

Es war spät, als Clark sie zum Wynmore Grove Inn zurückbrachte.

Als Clarks Wagen unter den drei knorrigen Bäumen hielt, umwölkte sich Lindas Gesicht. Clark hatte das sehr wohl registriert. Er schaltete den Motor ab und sah sie an.

"Was ist los?", fragte er.

"Nichts", erwiderte sie.

"Heißt es nicht irgendwo: Du sollst nicht lügen? Inzwischen kann ich deine Gedanken lesen, Linda. Zumindest den Großteil davon! Es hat also keinen Zweck, mir was vorzumachen..."

Sie erwiderte sein Lächeln.

Dann drückte sie kurz seine Hand und sagte: "Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt, Clark!"

"Und ich mich in dich, Linda. Vom ersten Augenblick an. Eigentlich habe ich ziemliches Glück gehabt, dass dir der Reifen geplatzt ist... Schließlich hätten wir uns sonst vielleicht nie kennengelernt."

"Ja..."

Sie küssten sich.

Dann stiegen sie aus und gingen in Richtung des Eingangs vom Wynmore Grove Inn.

Plötzlich hielt Linda an. Sie fasste Clark bei den Oberarmen und blickte ihm sehr ernst in die Augen.

"Clark..."

"Ja?"

"Was ich die jetzt sage, mag für dich vielleicht wirr scheinen, aber..." Linda schluckte und studierte aufmerksam sein Gesicht. Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort. "Ich bin keineswegs einfach nur zum Urlaub in Wymore..."

Er hob die Augenbrauen.

"Warum dann?"

"Weißt du, ich hatte furchtbare Alpträume von einem bleichen, mit einem Schwert bewaffneten Reiter und einer grauen Ruine... Und genau Ruine fand ich in einem Reiseführer. Die Teufelsburg von Wynmore..." Es sprudelte nur so aus ihr heraus. Sie erzählte ihm alles über ihre Träume die seltsame Verbindung, die zwischen ihrem Leben und dem Leben jener unglücklichen Gwen bestand, deren Mann von Sir Walter de Remoire heimtückisch ermordet wurde...

"Ich war sogar in Behandlung deswegen. Mein Psychiater meinte, dass meine Ängste endgültig verschwinden würden, sobald ich die Ruine beträte. Dann würde ich sehen, dass es sich wirklich um nichts anderes, als ein paar alte Steine handelt..."

"Und?"

"Ich habe den Reiter - Sir Walter, wie ich glaube - gesehen! Dreimal! Das erste Mal kurz bevor mein Reifen platzte und wir uns trafen. Das zweite Mal sah ich ihn nachts, genau hier, unter diesen knorrigen Bäumen..."

"Und das dritte Mal in der Ruine, als Professor Carter ermordet wurde", vollendete Clark.

Linda nickte.

"Ja."

"Ich bin sicher, dass es für alles eine natürliche Erklärung gibt, Linda."

"Das hoffe ich." 

"Bestimmt!" Er strich ihr zärtlich über das Haar und sie fragte sich dabei, ob es nicht ein Fehler war, ihm das alles zu erzählt zu haben.

Er muss mich für verrückt halten!, ging es ihr durch den Kopf. Und sie wollte ihn nicht verlieren. Nur das nicht...

Aber in seinen Augen las sie überraschenderweise etwas ganz anderes: Verständnis. Sie legte den Kopf an seine Schulter und sagte dann: "Ich muss alles über Sir Walter und Gwen erfahren, Clark. Alles. Auch wenn das für dich vielleicht viel Sinn ergibt..."

"Ich werde dir helfen", versprach er. "In der Gemeindebibliothek von Wynmore gibt es ein paar interessante Bände dazu... Wenn du willst können wir morgen zusammen dorthin fahren."

"Gerne."

Ein Geräusch ließ Linda zusammenfahren.

An der Ecke des Gasthauses tauchte ein Schatten auf, der jetzt auf sie zukam. Als dieser Schatten dann in das Licht trat, das durch die Fenster des Wynmore Grove Inns hinaus in die Nacht drang, erkannten sie ihn.

Es war Mr McDouglas, der Wirt.

Wie lang mag er dort schon gestanden und zugehört haben?, fragte sich Linda instinktiv. McDouglas nickte ihnen beiden kurz zu und nuschelte dann einen kaum verständlichen Satz über das Wetter.

Dann ging er auf die Tür zu und verschwand einen Augenblick später im Haus.

Linda und Clark sahen sich an. Sie küssten sich innig.

"Gute Nacht", Linda."

"Gute Nacht."

Linda ging jetzt ebenfalls zur Tür des Wynmore Grove Inns und Clark sah ihr nach, bis sie dahinter verschwunden war.

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Sie stand oben auf dem Westturm und blickte über die Zinnen in die Ferne. Es war eine dunstige Nacht. Nebelschwaden kamen vom nahen Moor her, in dem schon verirrte Seele ihr Leben gelassen hatte, die unvorsichtig genug war, ohne einen Ortskundigen dort umherzuwandern.

Tränen rannen Gwen über die zarten Wangen.

Tränen unendlicher Trauer.

Am liebsten hätte sie sich hinab in die Tiefe gestürzt, so verzweifelt war sie. Nur die Tatsache, dass die Kirche es Sünde betrachtete, wenn man selbst Hand an sich legte, hinderte sie daran.

Schritte halten in dem grauen Gemäuer wider. Jemand kam die Treppe hinauf...

Gwen drehte sich herum und sah Sir Walters hoch aufragende, breitschultrige Gestalt.

"Was wollt Ihr?", fragte die junge Frau abweisend. "Ist es nicht genug, dass Ihr meinen Mann hinterrücks mit Eurer Armbrust ermordet habt? Auch, wenn kein Gericht es zur Zeit wagt Euch deswegen zu verurteilen - für mich seid Ihr ein Mörder, der nichts anderes verdient hat, als den Tod!"

Sir Walters Züge waren starr.

Er kam näher. Seine Hand berührte Gwens Oberarm und sie konnte sich dieser Berührung nicht entziehen. Es war unmöglich für sie, weiter zurückzuweichen. Hinter waren nur die Zinnen des Turms - und die Tiefe.

"Gwen, ich hatte gehofft..."

"Was?"

"Dass Guy langsam aus Eurer Erinnerung verblasst und Eure Seele nicht mehr länger seine Gefangene ist..."

Gwen schüttelte den Kopf.

"Wie könnt Ihr so etwas nur denken?"

"Aber Gwen!"

"Wie könnt Ihr nur glauben, ich könnte mich Euch zuwenden!"

Er schluckte. Seine Augen leuchteten.

"Ich habe Euch immer gewollt, Gwen! Und daran hat sich nichts geändert..."

Er fasste sie fester.

"Vielleicht könnt Ihr Euch über alles andere hinwegsetzen, aber auch Ihr könnt es nicht auf einen Konflikt mit der Kirche ankommen lassen!", sagte Gwen kühl.

In seinem Gesicht zuckte unruhig ein Muskel.

Er schien einen Augenblick lang irritiert.

"Die Kirche?", echote er.

"Ich habe die heiligen Gelübde bereits abgelegt, Sir Walter! Morgen kommt ein Wagen des Konvents von York und holt mich ab..."

Schlagartig Ließ Sir Walter sie los. In seinem Gesicht stand Wut.

"Wie konntet Ihr mir das antun, Gwen!"

"Ich verabscheue Euch, Sir Walter. Und wenn Euch auch auf Erden vielleicht niemand richten wird - irgendwann werdet Ihr zweifellos vor Eurem Schöpfer stehen!"

Sir Walter hielt ihr seinen Zeigefinger entgegen.

"Das werdet Ihr noch bitter bereuen, Gwen!", stieß er dann eine düstere Drohung aus. "Sehr bitter!"

Linda fuhr hoch. Mit aufgerissen Augen saß sie in ihrem Bett.

Es war nur ein Traum!, dachte sie. Nur ein Traum...

Sie atmete tief durch und wischte sich die Haarsträhnen aus dem Gesicht. Die Traumszene stand noch immer unglaublich realistisch vor Augen.

Wieder war sie Gwen gewesen, war völlig in diese Rolle hineingeschlüpft, hatte gedacht und gefühlt wie eine junge Frau des Mittelalters, deren Mann heimtückisch von seinem Lehnsherren ermordet worden war...

Es war gespenstisch.

Und dann hörte Linda draußen das Scharren von Pferdehufen.

"Gwen!"

Die Stimme kannte inzwischen nur zu gut aus ihren Träumen.

Es war Sir Walter de Remoire. Daran war in diesem Moment kein Zweifel möglich.

Linda schlug die Decke zur Seite und ging zögernd zum Fenster. Wieder rief er sie. Nein, es war unmöglich.. Es durfte einfach nicht wahr sein! Linda zögerte, ehe sie hinausblickte und der Ausgeburt ihrer Alpträume ins Antlitz blickte.

Sie zitterte.

Dort unten stand er, den Blick hinauf zu ihrem Fenster gerichtet.

Linda sah eine schattenhafte Bewegung. Im nächsten Moment sauste etwas direkt auf sie zu und durchschlug dann die Scheibe.

Glas splitterte.

Linda warf sich instinktiv zur Seite, während etwas dicht über sie hinwegsauste. Es war ein Wurfspeer, der jetzt zitternd in der Tür des Kleiderschranks steckenblieb. Von draußen her drang da Geräusch eines davongaloppierenden Pferdes an ihr Ohr. Ein Geräusch, das langsam leiser wurde, ehe es ganz verebbte.

Linda zitterte.

Dies war ein Mordversuch!, ging es ihr durch den Kopf.

Einige Augenblicke noch kauerte sie auf dem Boden, dann erhob sie sich langsam. Sie hörte, wie jemand die Treppe heraufkam. Schnelle Schritte waren es. Jemand riss eine Zimmertür auf, dann noch eine. Und dann klopfte es an der Tür von Lindas Quartier.

"Miss Blane?"

Es war McDouglas, der Wirt.

"Ja?", murmelte Linda.

"Was ist geschehen?"

Bevor Linda antworten konnte, öffnete sich bereits die Tür.

Im Flur standen Mr und Mrs McDouglas. Der Wirt betätigte den Lichtschalter.

Sie ließen den Blick kreisen und schienen einigen Augenblicke lang stumm vor Schrecken.

In stammelnden Worten berichtete Linda, was geschehen war.

McDouglas ging zu dem Wurfspeer, der im Kleiderschrank steckte. Er zog die Waffe mit einem Ruck aus dem Holz heraus.

Linda sah, dass das Gesicht des Wirtes bleich wie die Wand war. Und dieses Entsetzen konnte kaum durch die zerstörte Fensterscheibe und die ruinierte Schranktür bedingt sein.

An der Spitze des Wurfspeer befand sich eine Schleife mit dem Löwenkopf-Wappen. Aber noch etwas anderes befand sich dort.

Ein Stück Papier. Es war mit einem dunklen Lederband fest um den Holzschaft gebunden.

McDouglas löste das Band mit zittrigen Händen, stellte den Speer zur Seite und blickte dann kurz auf das Papier.

"Ein Brief", murmelte er.

"Geben Sie her!", sagte Linda und nahm dem verdutzten Wirt das Stück Papier aus der Hand.

Es fühlte sich eigenartig an.

Kein Papier, wie man es heute herstellte. Mit angstvollem Herzen rollte Linda es auseinander. Es war tatsächlich ein Brief, aber Linda konnte ihn nicht lesen. Er war auf Französisch verfasst, allerdings in einem Französisch, das sich doch erheblich von dem unterschied, was Linda in der Schule gelernt hatte...

Die Anrede lautete Gwen!

Unterschrieben war der Brief mit Walter.

Die beiden McDouglas standen wie angewurzelt da und starrten Linda entgeistert an.

"Haben Sie eine Ahnung, wer dahinter stecken könnte?", fragte Linda.

Die beiden schwiegen. Sie wechselten einen angstvollen Blick miteinander, der Linda signalisierte, dass sie mehr wussten. Mehr, als sie zuzugeben bereit waren.

"Selbstverständlich können Sie heute Nacht ein anderes Zimmer bekommen", meinte Mrs McDouglas. "Mein Mann wird dann morgen den Glaser kommen lassen..."

"Wollen Sie nicht die Polizei rufen?", fragte Linda.

Die beiden sahen sich erneut an. Dann sagte Mr McDouglas schließlich: "Es ist ja nichts geschehen..."

"Nichts geschehen?", echote Linda völlig verständnislos.

"Jemand wird sich einen üblen Scherz erlaubt haben, Miss Blane!"

"Ein Scherz, bei dem ich beinahe gestorben wäre!"

"Übertreiben Sie nicht ein wenig?"

Linda sah zuerst Mr McDouglas und dann seine Frau an. Und dann wusste sie, dass sie von beiden keinerlei Unterstützung zu erwarten hatte. Wenn sie jetzt die Polizei rief, hatten die beiden vermutlich nichts gesehen...

Sie haben Angst!, wurde es der jungen Frau klar.

Mr McDouglas ging zum Fenster und blickte hinaus.

Wortlos hob er dann die Scherben auf.

Ich hätte niemals hier her kommen dürfen!, ging es Linda derweil sieden heiß durch den Kopf.

Linda bekam ein anderes Zimmer, aber für den Rest der Nacht fand sie kaum noch Schlaf.

Immer wieder schreckte sie hoch, wenn sie glaubte, irgendein Geräusch gehört zu haben. Zwischendurch stand sie auf und ging angstvoll zum Fenster.

Nicht mehr lange, und du verlierst wirklich den Verstand!

Irgendwann, als sie wach in ihren Kissen saß, todmüde und doch unfähig die nötige Ruhe zum Schlafen zu finden, da hörte sie, wie im Erdgeschoss die Tür aufgeschlossen wurde. das Schloss war ziemlich alt. Es machte jeden Morgen einen Höllenlärm, wenn McDouglas es öffnete.

Es ist viel zu früh dafür!, dachte Linda. Sie ging zum Fenster, um hinausblicken zu können.

Und dann sah sie, wie der Wirt des Wynmore Grove Road Inn hinaus in die nebelige Nacht ging.

Wenig später holte er seinen Wagen aus der Garage und fuhr los.

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Nebel waberten um die Ruine herum, die man in Wynmore und Umgebung die Teufelsburg nannte.

Der Schrei einer Eule und Schlagen dunkler Schwingen drang vom nahen Wald herüber. Aber keines dieser Lebewesen wagte sich an das graue Gemäuer heran. Instinktiv schienen das Unheil zu spüren, das von diesem Ort ausging.

Eine Aura des Bösen, vor der ihre Natur sie fliehen ließ.

Auf andere wirkte gerade sie offenbar anziehend.

Eine Reihe von Männern und Frauen hatten sich im ehemaligen Burghof versammelt. Zum Teil hielten sie lodernde Fackeln in der Hand.

Und doch waren kaum je die Gesichter der Beteiligten zu sehen. Wie dunkle Schatten standen sie da und bildeten einen Halbkreis.

"Wir sind vollzählig."

"Ja, es sind alle da."

"Harry McDouglas, du hast uns hier in aller Eile zusammengerufen! Nun sag uns auch, warum!"

"Ja, warum dieses Treffen zu nachtschlafender Zeit - und dazu völlig außerhalb der Reihe?"

Eine Pause entstand.

Mr McDouglas trat ein paar Schritte vor. Der Schein einer Fackel erhellte kurz sein angstvolles Gesicht.

"Etwas ist geschehen", stammelte er und schluckte dann.

"Wovon sprichst du?"

"Von der jungen Frau, die zur Zeit bei mir im Wynmore Grove Inn wohnt... Miss Linda Blane!"

Seine Stimme war brüchig.

Er stockte.

"Sprich weiter!"

McDouglas atmete tief durch und fuhr dann fast flüsternd und mit tonloser Stimme fort: "Sie ist es...."

"Bist du dir sicher?"

"Ja, es gibt kein Versehen! Sie muss die Wiedergeburt von Gwen de Grivain sein!"

"Erzähl uns mehr!"

Und während McDouglas mir brüchiger Stimme und fast stammelnd sprach, verschluckte ein plötzlich aufkommender kühler Wind die meisten seiner Wort...

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Am nächsten Morgen erschien Clark Nolan im Wynmore Grove Inn.

Er sah Linda beim Frühstück und setzte sich an ihren Tisch.

"Nanu, hat man dich beim York Independent rausgeschmissen oder passiert so wenig, dass nichts für dich zu tun ist?", begrüßte Linda ihn scherzhaft.

Clark hob die Augenbrauen und beugte sich etwas vor.

"Ich kann mir meine Arbeit weitgehend selbst einteilen. Einer der wenigen Vorteile, die mein Job gegenüber anderen hat."

"Dann bist du jetzt nur hier, weil du Sehnsucht nach mir hattest?"

"Das ist natürlich der Hauptgrund!", lachte Clark.

"Außerdem..."

"Ja?"

"Du wolltest doch mehr über Sir Walter und Gwen erfahren... Ich dachte mir, wir zwei fahren heute zur Gemeindebibliothek, an die ein Archiv angeschlossen ist, in dem alles Mögliche aufbewahrt wird, was mit der Geschichte dieses Landstrichs zu tun hat... Naja, viel ist es nicht. Weltgeschichte wurde anderswo geschrieben!"

"Ich bin gleich fertig", versprach Linda.

"Lass dir nur Zeit!" Er sah ihr in die Augen und auf seiner Stirn bildeten sich ein paar Falten. "Du siehst müde aus..."

"Ich hatte nicht gerade das, was man eine geruhsame Nacht nennt!"

Linda sprach mit belegter Stimme. Sie schluckte. Allein schon bei dem Gedanken an das Geschehene überkam sie ein Schauder. Sie versuchte dennoch ein Lächeln.

"Eigentlich dachte ich, dass ich die Ringe unter meinen Augen ganz gut weggeschminkt hätte..."

Er nahm ihre Hand.

Sie fühlte sich eiskalt an.

"Was ist geschehen?", fragte Clark.

In diesem Moment kam Mrs McDouglas herbei.

"Nicht jetzt", flüsterte Linda an Clark gewandt.

"Aber du weißt, dass du mir alles sagen kannst."

"Ja."

"Vertraust du mir, Linda?"

"Natürlich tue ich das!", flüsterte sie.

Fast im selben Moment fragte Mrs McDouglas: "Brauchen Sie noch etwas, Miss Blane?"

"Nein, danke."

Der Blick, mit dem die Wirtin Linda bedachte, war eigenartig. Linda glaubte so etwas wie Misstrauen darin lesen zu können. Aber da war auch noch etwas anderes. Etwas, das Linda nicht zu deuten wusste, aber dafür sorgte, dass sich in ihrer Magengegend ein Gefühl des Unwohlseins breitmachte.

Linda drückte Clarks Hand.

"Lass uns gehen", sagte sie dann.

Clark nickte.

"Gut."

Sie standen auf. Linda nahm ihre Handtasche und hängte sie sich über die Schulter.

"Miss Blane?", hielt die Stimme der Wirtin sie kurz vor dem Ausgang zurück.

Linda drehte sich halb herum.

"Ja?"

"Wann werden Sie wieder zurück sein?"

Warum diese Frage?, ging es der jungen Frau unwillkürlich durch den Kopf. Ihre Gedanken schwenkten schlaglichtartig zu jener furchtbaren letzten Nacht zurück. Und wieder hatte sie den Eindruck, den sie da schon gehabt hatte. Sie wissen mehr, als sie mir sagen wollen...

Es war nur ein Gefühl.

"Ich weiß es nicht", sagte sie dann. "Ich kann es wirklich nicht sagen, Mrs McDouglas."

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Als sie dann wenig später in Clarks Wagen saßen, zeigte sie ihm den Brief. "Heute Nacht hat ihn jemand mit einem Speer in mein Zimmer geschleudert. Um ein Haar wäre ich getroffen worden."

Clark warf einen kurze Blick hinaus und deutete dann hinauf zum Obergeschoss des Wynmore Grove Inns. "Ah, deswegen ist eines der Fenster mit Pappe verklebt..."

"Ja."

Clark nahm den Brief und sah ihn sich mit nachdenklichem Gesicht an. "Ich kann leider kein Französisch", meinte er dann.

"Die Normannen, die England im elften Jahrhundert eroberten, sprachen Französisch, nicht wahr?"

"Schon, aber..."

"Ich möchte wissen, was das alles zu bedeuten hat."

"Mrs Grogan, die jetzt die Bücherei leitet, ist eine ehemalige Lehrerin. Soweit ich weiß, kann sie Französisch..."

"Clark..."

"Ja?"

"Ich möchte, dass du mich mit diesen Okkultisten in Verbindung bringst. Ich glaube, dass sie mehr wissen..."

"Das ist unmöglich, Linda!" Er sagte das in einem Tonfall, der absolute Überzeugung ausdrückte. Dann fügte er etwas weicher hinzu: "Komm, lass uns fahren!"

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Die Bücherei war in einem alten, schon verwitterten Bau untergebracht, in dem sich ehedem eine Schule befunden hatte.

Aber seit mehr als dreißig Jahren besaß Wynmore keine eigene Schule mehr. Die Kinder wurden mit Bussen in die nächst größeren Städte transportiert.

Mrs Grogan war eine sympathisch wirkende Frau mit grauen Haaren und strenger Knotenfrisur. Sie war hager und ihre grauen Falkenaugen hatten einen durchdringenden Blick.

"So, Sie wollen etwas über Sir Walter de Remoire und seine Gwen erfahren", murmelte sie.

"Seine Gwen?", echote Linda etwas irritiert.

"Nun", erwiderte Mrs Grogan schulterzuckend. "Zumindest Sir Walter hat das so betrachtet. Der Legende nach zumindest."

"Aber diese Legenden haben doch sicher einen historischen Kern!"

"Wynmore ist zu klein und unbedeutend, als dass sich nun Heerscharen von Historikern gerade um dieses Problem kümmern würden."

"Professor Carter war wohl eine ziemliche Ausnahme..."

Linda registrierte sehr wohl, dass Mrs Grogans Gesicht sich bei der Nennung dieses Namens leicht veränderte und einen angespannt wirkenden Zug bekam.

"Professor Carter hatte etwas vor, was nicht sehr von Pietät zeugt...", erklärte sie dann gedehnt.

Linda hob die Augenbrauen.

"Ach, ja? Sie meinen, weil er den Steinsarkophag öffnen wollte..."

"Sind Sie nicht auch der Ansicht, dass man die Toten ruhen lassen sollte!"

"Diese Ansicht scheint hier sehr verbreitet zu sein!", stellte Linda fest. "Andernorts würde nach beinahe einem Jahrtausend die Neugier über das Ruhebedürfnis eines Toten siegen!"

Mrs Grogans Gesicht wurde hart und kantig.

"Mag sein", sagte sie kühl und hob dabei etwas den Kopf, was ihr einen leicht überheblichen Zug gab.

Linda sah sie an.

"Bedenken Sie, dass es durchaus üblich ist, Gräber nach 20 oder 30 Jahren neu zu vergeben..."

"Andernorts vielleicht!",  wiederholte Mrs Grogan. "Aber in Wynmore war das nie der Fall. Eine lokale Eigenart, wenn Sie so wollen. Aber es gibt viele in Wynmore, die darauf bestehen, niemals dort beerdigt zu werden, wo bereits ein anderer zu Grabe getragen wurde. Ein Grund übrigens für mich, nach den dreißig Dienstjahren, die ich als Lehrerin in York verbrachte, hier her zurückzukehren..."

"Ich verstehe..."

Die beiden Frauen sahen sich einen Moment lang an und Linda war sich nicht schlüssig darüber, wie sie ihr Gegenüber einschätzen sollte.

"Linda hat ein Dokument in französischer Sprache, das sie gerne übersetzt hätte", mischte sich nun Clark ein.

"Ah, zeigen Sie ruhig her, Miss..."

"Miss Blane", murmelte Linda. Sowohl Clark als auch Mrs Grogan sahen die junge Frau jetzt erwartungsvoll an. Linda hatte die Hand bereits an ihrer Handtasche, aber zögerte noch, den geheimnisvollen Brief an jemand Fremden zu geben.

Sie tat es schließlich doch.

Mrs Grogan betrachtete den Brief. "Mittelalterliches Französisch!", stellte sie fest. "Das kann ich natürlich nicht so aus dem Stegreif, aber zu Hause habe ich ein entsprechendes Wörterbuch. Wissen Sie, diese Dinge hat man zwar im Studium, aber danach braucht man es nie wieder! Schließlich soll man den Schülern ja modernes Französisch beibringen."

"Natürlich", murmelte Linda, die sich fragte, ob sie nicht einen Fehler gemacht hatte, den Brief einer Fremden auszuhändigen.

Zweifel nagten an ihr.

"Ich werde den Brief für Sie bis morgen übersetzen. Einverstanden?"

"Aber..."

Linda wollte etwas einwenden, aber Mrs Grogan schnitt ihr das Wort ab.

"Soviel Zeit werden Sie mir schon zugestehen müssen, Miss Blane!"

"Natürlich sind wir einverstanden!", erklärte jetzt Clark an Lindas statt, woraufhin diese ihn etwas verwundert ansah.

Clark schien diesen Blick zu bemerken. Er berührte Linda leicht bei der Schulter, hob die Augenbrauen und lächelte sie freundlich an. "Schließlich willst du doch wissen, was in dem Brief steht, oder?"

"Sicher", murmelte Linda.

Mrs Grogan führte Linda und Clark dann an den überladenen Bücherregalen vorbei, dorthin, wo einige Folianten zur Geschichte Wynmores zu finden waren. Darunter auch einiges über die Legende von Sir Walter.

"Ich lasse Sie dann allein", erklärte Mrs Grogan.

"Ja. Haben Sie vielen Dank für Ihre Hilfe!", hörte Linda Clark noch sagen, während ihr Blick bereits von der Reihe der uralten Folianten wie magisch angezogen wurde.

Schon die abgewetzten ledernen Rücken dieser Bücher schienen Geschichten zu erzählen...

Staub hatte sich auf manchen dieser alten Bände angesammelt, die zum Teil offenbar schon seit Jahren nicht mehr verliehen worden waren.

Linda nahm sich einen der Bände und blätterte darin. Es war ein Werk, in dem ein Pfarrer des letzten Jahrhunderts fleißig weitaus ältere Quellen gesammelt hatte. Die Originale waren dem Vorwort nach, das Linda schnell überflog, größtenteils schon zu Lebzeiten jenes Pfarrers verschollen gewesen.

Vorsichtig blätterte Linda die brüchigen Seiten um. Dann stieß sie auf Zeichnungen, die offenbar Szenen aus der Legende um Sir Walter und Gwen darstellten. Darunter befand sich die Anmerkung, dass diese Zeichnungen teil eines Reliefs gewesen seien, das sich in den Mauern einer später zerstörten Kapelle befunden habe.

Linda erstarrte, als sie sich die Szenen ansah.

Eine Zeichnung stellte dar, wie Sir Walter den unliebsamen Ehemann seiner angebeteten Gwen umbrachte.

Mit einer Armbrust!, wurde es Linda klar. Ich habe das in meinem letzten Traum gewusst, obwohl ich davon eigentlich keine Ahnung hätte haben dürfen...

Es war gespenstisch.

"Linda, was ist los?"

"Die Szenen, die ich träumte sind hier, in diesen Zeichnungen!"

"Aber..."

"Hier, als ich Sir Walter am Wasserlauf traf..."

"Du?", echote Clark mit verständnislosem Gesichtsausdruck.

Erst jetzt wurde Linda bewusst, was sie gesagt hatte.

"Ich meine Gwen", verbesserte sie sich schnell. Aber unbewusst hatte sie so gesprochen, als wären sie und Gwen ein und dieselbe Person. "Sieh nur! Sir Walter ermordet Guy de Grivain mit einer Armbrust! In meinem Traum wusste ich davon! Und hier! Der Traum der letzten Nacht: Gwen und Sir Walter auf dem Westturm! Er bedrängt sie, sich ihm doch nun endlich hinzugeben, da ihr Mann tot ist. Aber sie weigert sich und teilt ihm mit, dass sie in ein Kloster eingetreten sei..."

Lindas Wangen glühten, während sie sprach. Fieberhaft glitten ihre Augen über den danebenstehenden Text, in denen das alte, im Original nicht mehr vorhandene Relief, erläutert wurde.

Clark nahm sie bei den Schultern. "Linda, so etwas ist nicht möglich!"

"Ich weiß, was ich geträumt habe - und ich weiß, was hier geschrieben steht, Clark!"

"Aber, das ist doch..."

"Absurd?" In Lindas Augen blitzte Verzweiflung auf. "Du glaubst, dass ich den Verstand verliere, nicht wahr? Du kannst es ruhig zugeben, ich selbst bin auch nahe daran, es zu glauben!"

"Aber Linda! Vielleicht ist es einfach so, dass du eine besondere Verbundenheit mit dieser Gwen fühlst. Aus welchem Grund auch immer..."

"Clark, glaubst du an so etwas wie..." Linda zögerte, es auszusprechen. Sie hatte schon des öfteren daran gedacht, aber nie gewagt, darüber zu sprechen.

"Was?", fragte er.

"Wiedergeburt", flüsterte sie. "Das würde alles erklären..."

Sie sahen sich an. Und obwohl sie für ihn nichts als Liebe empfand und ihr seine blauen Augen immer so vertraut vorgekommen waren, als würde sie ihn schon seit langem kennen, hatte sie plötzlich das Gefühl von Kälte und Fremdheit.

So als ob von einer Sekunde zur anderen eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen stand.

Ein kalter Schauer griff nach ihrem Herzen. Dann lächelte er auf seine charmante, warmherzige Art und dieses Lächeln schien alles wieder aufzulösen. Und doch blieb da die Erinnerung an diesen kurzen Moment, in dem ihre Gefühle Lichtjahre voneinander entfernt gewesen zu sein schienen.

"Nimm mich in den Arm, Clark", flüsterte sie.

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Die Zeit in der Bibliothek verging für Linda wie im Flug.

Immer mehr erfuhr sie über das Leben von Gwen und immer stärker wurde dabei das eigentümliche Gefühl der Verbundenheit, das sie für diese Frau empfand. Schließlich wollte Mrs Grogan Mittagspause machen. Und Clark Nolan meinte ebenfalls, dass es jetzt an der Zeit sei, eine Pause einzulegen.

"Es war nett, dass du mich hier her begleitet hast", meinte Linda, als sie hinaus ins Freie gingen.

"Ich bin gerne mit dir zusammen..."

"Ich auch mit dir."

"Insofern hat es mich auch keinerlei Überwindung gekostet..."

Sie küssten sich kurz. Dann sagte Linda: "Ich möchte dich um etwas bitten, Clark."

"Nur zu!"

"Ich wüsste nicht, wen ich sonst fragen sollte! Sonst würde ich dich damit nicht belästigen!"

Er fasste sie bei den Schultern und sah sie mit seinen blauen Augen an. "Hör zu, Linda. Ich liebe dich und alles, was dich betrifft, ist für mich keine Belästigung. Hast du verstanden?"

"Ja, schon, aber..."

"Nichts aber! Alles, was mit dir zusammenhängt interessiert mich - und ich hoffe, du kannst es verwinden, wenn ich nicht an die Wiedergeburt glaube!"

Linda lächelte matt.

"Aber sicher, Clark."

Er hob die Augenbrauen und sah sie forschend an. "Also raus mit der Sprache: Worum geht es?", fragte er.

Sie nestelte am Revers seiner Jacke herum.

"Ich möchte nochmal zu der Ruine, Clark. Aber dabei will ich nicht allein sein..."

Clark seufzte.

"Nichts dagegen. Hat das einen bestimmten Grund?"

"Ich weiß nicht. Ich habe das Gefühl, dass dort der Schlüssel zu allem liegt. Ich kann es nicht erklären, ich weiß nur, dass diese Ruine mich wie magisch anzieht..." Sie seufzte und sah ihn an. Ihr Lächeln war bittend, fast flehentlich. Er konnte sich dem unmöglich entziehen.

"Gut", sagte er. "Wenn du meinst..."

"Ich danke dir."

Sie küsste ihn auf die Wange.

Als sie in den Wagen stiegen und sie kurz zu ihm hinübersah, bemerkte sie die sorgenvollen Falten auf seiner Stirn.

Grübelt er meinetwegen?, ging es ihr durch den Kopf. Macht er sich Sorgen über meinen Geisteszustand?

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Sie fuhren die Landstraße entlang und schwiegen dabei. Linda unterdrückte ein Gähnen. Die Nachforschungen in der Bibliothek hatten sie mehr angestrengt, als sie zunächst gedacht hatte. Sie dachte an die Szenen aus ihren Träumen.

Bei dem Gedanken daran, wie sehr sie sich inzwischen mit Gwen identifizierte, war ihr nicht wohl.

Sie schloss kurz die Augen und wischte sich mit der Hand über das Gesicht.

Wahnsinn!, dachte sie. Was, wenn das die Erklärung für alles ist?

Alles in ihr sträubte sich gegen diese Einsicht, aber andererseits war es auch eine Tatsache, dass bislang nur sie selbst den Reiter gesehen hatte.

Und der Brief? Der Wurfspeer?

In ihrem Inneren herrschte komplettes Chaos.

Sie hörte das Aufheulen eines Motors, riss die Augen auf und sah, dass sie von einer Limousine mit dunkel getönten Scheiben überholt wurden. Aber die Limousine beendete den Überholvorgang nicht.

Der Fahrer riss plötzlich das Steuer herum.

"Ist der verrückt geworden?", rief Clark.

Rücksichtslos drängte sie die dunkle Limousine zur Seite.

Clarks Wagen kam von der Straße ab, rutschte eine Böschung hinunter und knallte dann frontal gegen einen Baum.

Linda war einen Augenblick benommen. Irgendetwas war gegen ihren Kopf gestoßen. Der Nacken tat ihr etwas weh. Sie blickte seitwärts. Clark rührte sich nicht. Sie sah die Schramme an der Stirn.

"Clark!"

Sie fühlte seinen Puls, offenbar war er nur bewusstlos.

Linda löste ihren Sicherheitsgurt. Schwindel hatte sie erfasst. Alles drehte sich vor ihren Augen. Es war ein scheußliches Gefühl. Genauso scheußlich wie die Gedanken, die ihr in diesen Momenten durch den Kopf schossen. Dies war kein Unfall gewesen!, wurde ihr klar. Es sah nach einer ganz gezielten Aktion aus.

Einem Mordversuch!

Hatte Clark am Ende gar doch recht? Steckte dieser Immobilienhai namens Seldon dahinter? Wollte er verhindern, dass Clark weiter im Dunstkreis von Seldon recherchierte, um die Hintergründe des Mordes an Professor Carter aufzuklären?

Ein Geräusch ließ Linda herumfahren. Sie blickte aus dem Fenster. Äste knackten so laut, dass man es durch die geschlossenen Türen hören konnte.

Im nächsten Moment sah sie die Gestalt eines düsteren Reiters.

Sir Walter!

Es war zweifellos jener Mann, dem sie in ihren Träumen unter diesem Namen begegnet war. Die Sonne beschien das totenbleiche, hohlwangige Gesicht.

Linda stockte schier der Atem.

Was will er nur von mir?, dachte sie.

Der Reiter kam näher.

Als er auf wenige Meter herangekommen war, zügelte er sein Pferd.

"Gwen!", rief er und dann folgten wieder einige Sätze in unverständlichem Französisch.

Warum verfolgt er mich so?, ging es Linda voller Verzweiflung durch den Kopf. Irgendetwas musste er von ihr wollen.

Aber was?

Sie rüttelte Clark am Arm und versuchte, ihn aus seiner Bewusstlosigkeit zu wecken. "Clark!", rief sie. Es war so wichtig für sie, dass nicht nur sie allein diese seltsame Reitergestalt sah...

Dann würde sie wenigstens in dem Punkt Gewissheit haben, ob ihr Verstand noch einwandfrei funktionierte, oder ob sie ein Opfer ihrer Einbildungskraft war.

"Clark..."

Er stöhnte leicht auf.

Das Wiehern des Pferdes ging Linda durch Mark und Bein. Der Reiter stieg ab. Seine kalten, irgendwie tot und starr wirkenden Augen musterten sie eingehend. Wieder rief er diesen verfluchten Namen.

"Gwen!"

Dann kam er auf den Wagen zu.

Seine mit einem Handschuh aus dickem Schweinsleder bewehrte Hand kam gegen die Scheibe. Die Metallplättchen, mit denen der Handschuh an der Oberseite besetzt war, verursachten ein unangenehmes Geräusch.

Linda schrie.

Und plötzlich stand ihr eine Szene aus dem Leben der Gwen de Grivain vor Augen. Es war wie ein Film, der plötzlich vor ihrem inneren Auge mit schier unglaublicher Intensität ablief.

Es war jener Tag, an dem sie eine Kutsche nach York bringen sollte. 

Am Tor wartete Sir Walter. Das Gesicht war steinern. Der Grimm stand überdeutlich in seinen Zügen geschrieben. Die Hand umkrampfte den Schwertgriff.

Er bedeutete dem Kutscher, zu halten. Gwen zitterte innerlich. Aber sie wollte sich nichts anmerken lassen. Nicht in diesem Moment.

"Ich habe Euch geliebt, Gwen! So wie noch nie zuvor ein Mann eine Frau geliebt und begehrt hat!"

Gwen hob den Kopf.

Ihre Erwiderung war kühl.

"Ihr habt mein Leben zerstört, Milord!"

"Ein neues Leben hätte Euch erwartet, wenn Ihr nur gewollt hättet! Aber Ihr werdet noch an mich denken!"

"Ihr wollt mir drohen, Sir Walter? Ihr nahmt mir alles, was mir etwas bedeutete! Was könntet Ihr mir noch antun?"

Sir Walters Gesicht verzog sich zu einer Grimasse des Hasses. Zu einer Fratze des Bösen, die Gwen bis ins Mark erschauern ließ.

Seine Stimme klang wie das Krächzen eines Raben und seine Worte so düster wie das schwarze Gefieder dieses Totenvogels.

"Man sagt, dass die Liebe den Tod überdauern kann", sagte er.

"Ja, das sagt man", flüsterte Gwen.

"Aber sagt man dasselbe nicht auch von der Rache? Daran solltet Ihr denken, Milady! Ihr werdet mein Antlitz immer vor Euch sehen, über den Abgrund der Zeit und des Todes hinweg und gleichgültig in welchen Himmel oder welche Hölle Euch das jüngste Gericht verbannen mag..."

Das Gesicht, mit dem Sir Walter Gwen damals angesehen hatte, verschmolz jetzt vor Lindas Augen mit den Zügen jenes Unheimlichen, der sie anstarrte und sie mit dem Namen einer Toten rief.

"Gwen!"

Wieder folgten ein paar unverständliche Sätze, aber nun glaubte Linda zu begreifen.

Er wollte, dass sie die Tür öffnete.

"Nein!", flüsterte sie halb von Sinnen und schüttelte den Kopf.

Er zog sein Schwert.

Die Klinge blinkte metallisch im Sonnenlicht.

Ein scheußliches Geräusch ließ Linda im nächsten Moment zusammenzucken. Der Unheimliche schien verärgert zu sein. Er ließ die Spitze über den Lack schaben.

Vielleicht versuchte er, die Tür gewaltsam zu öffnen.

Neben sich hörte sie Clark noch einmal stöhnen.- "Clark, so wach doch auf!"

Dann griff sie vor Angst bebend an Clarks Seite, schob das Jackett zurück und griff nach dem Funktelefon, das er stets an seinem Gürtel trug.

Gott sei dank!, dachte sie, als sie es fühlen konnte.

Das schabende Geräusch der Schwertklinge auf dem Lack ließ sie kurz zusammenzucken.

"Clark!", rief sie nochmal. Er schien langsam zu sich zu kommen."Wach auf!" Sie beugte sich vor, fasste ihn beim Hemdkragen. Ein Knopf riss und dann fiel ihr das Amulett auf seiner Brust auf, das sie bislang noch nie gesehen hatte.

Aber das Zeichen, das darin eingraviert war, das kannte sie sehr wohl.

Es war der Löwenkopf!

"Nein!", flüsterte sie tonlos.

Das durfte einfach nicht wahr sein...

Gehörte Clark zu diesem Zirkel von Okkultisten, die sich selbst die Ritter vom Löwenkopf nannten? Deswegen hat er sie immer verteidigt!, ging es Linda durch den Kopf. Und das mag wohl auch der Grund dafür sein, dass er mich nicht mit ihnen in Kontakt bringen wollte... Linda besann sich. Sie war einen Augenblick lang starr vor Schrecken und Entsetzen gewesen, aber jetzt musste sie handeln.

Sie sah auf das Handy.

Glücklicherweise war das Gerät eingeschaltet, sonst hätte sie eine Zahlenkombination zur Diebstahlsicherung eingeben müssen, die sie natürlich nicht kannte. So aber konnte sie das Gerät benutzen. Mechanisch wählte sie die Nummer der Polizei, während draußen der Unheimliche langsam ein paar Schritte zurückwich.

Er sah Linda an, ein Blick, der sie unwillkürlich schlucken ließ. Dann nahm er sein Pferd und stieg auf. Bevor er davonpreschte, rief er noch etwas Unverständliches...

Einzig und allein ein Name blieb Linda im Ohr.

"Gwen!"

Clark kam indessen wieder zu sich. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und rieb sich die Schläfen. Dann sah er auf. Lindas Blick begegnete ihm.

"Alles in Ordnung?", fragte er.

"Soweit ja."

"Das war ein Mordversuch!", stellte er fest. "Ich wette, dass Seldon und seine Leute dahinterstecken und ihrer Warnung etwas Nachdruck verleihen wollten..." Er lächelte etwas matt und fasste sich dabei mit zwei Fingern an die Nasenwurzel.

"Meine Güte, mir brummt ganz schön der Schädel..."

"Ich habe dein Handy benutzt. Hilfe muss gleich da sein", meinte Linda.

Er sah sie erstaunt an.

Dann nickte er.

"Tut mir leid, dass ich dich da mit hineingezogen habe, Linda. Wir wären vielleicht besser nicht mit meinem Wagen gefahren..."

"Ja, vielleicht."

"Aber wer konnte schon ahnen, dass diese Bande wirklich ernst macht!"

Und dann bemerkte er den abgerissenen Knopf. Er fasste sich dorthin, wo das Amulett war und wandte Linda einen schnellen, etwas nervösen Blick zu.

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Wenig später war die Polizei da. Inspektor Jackson traf als letzter ein. Er hörte sich Lindas Aussage mit zweifelnder Miene an und besah sich dann mit nachdenklichem Gesicht die Kratzer, die das Schwert des unheimlichen Reiters in den Lack geritzt hatte.

"Das könnte auch von dem Unfall kommen", mischte Clark sich ein.

"Sie haben den Reiter nicht gesehen, Mr Nolan?", erkundigte sich Jackson.

Clark schüttelte den Kopf. "Nein."

"Dachte ich mir...", murmelte Jackson daraufhin halblaut.

Linda glaubte ihren Ohren nicht zu trauen.

"Was soll das heißen?", rief sie. "Suchen Sie nach Pferdespuren! Sie werden welche finden!"

"Natürlich werden wir das!", meinte Jackson mit ätzendem Unterton. "Dies ist ein ländliches Gebiet! Wenn man lange genug sucht wird man natürlich auch Hufspuren finden!"

"Aber in der Ruine, da..."

Jackson hatte zwischendurch kurz niedergekniet, um am Boden nach Spuren Ausschau zu halten. Jetzt erhob er sich und baute sich in voller Größe vor Linda auf. "Hören Sie, Sie stehen vielleicht unter einer Art Schock..."

"Sie glauben mir nicht!"

"Es fällt mir zugegebenermaßen schwer, an die Existenz dieses Geisterreiters zu glauben", gab Jackson dann zu. "Und was den Mord an Professor Carter in der Ruine angeht, so haben sich in der Zwischenzeit ein paar neue Erkenntnisse ergeben..."

"Ach! Und welche?"

"Keine fünf Minuten zu Fuß vom Tatort stand ein Wagen auf einem Waldweg. Wir haben entsprechende Reifenspuren gefunden. Dort haben wir auch das Mordwerkzeug gefunden, mit dem der Professor erwürgt wurde: Eine Drahtschlinge...."

"Aber, ich habe doch alles mit eigenen Augen gesehen!", erwiderte Linda.

"Sind Sie mit in die ehemalige Burgkapelle gegangen?"

"Nein."

"Na, sehen Sie!" Auf Jacksons Gesicht erschien ein triumphierender Ausdruck. "Wir nehmen an, dass der Täter dort auf Carter gewartet hat. Er wusste offenbar, wann der Archäologe dort für gewöhnlich auftauchen würde. Es war für ihn ein leichtes, wieder ungesehen im nahen Dickicht zu verschwinden und zu seinem Wagen zu gelangen..."

Jetzt mischte sich Clark ein. "Weisen diese Umstände nicht auf Seldon und seine Unterwelt-Freunde?"

Jackson sah den Reporter an und verzog das Gesicht dabei.

"Ich gebe es ungern zu, Mr Nolan. Aber in diesem Fall muss ich Ihnen recht geben!"

Clark legte einen Arm um Linda.

Sie drehte den Kopf zu ihm und versuchte den Blick seiner blauen Augen zu deuten.

"Du glaubst mir auch nicht, Clark?"

"Nun..."

Sie sah auf sein offenes Hemd.

Das Amulett!

Es war nicht mehr da...

Er hat es verschwinden lassen!, wurde es Linda klar.

"Was schaust du mich so an?", fragte er, ohne dabei mit der Wimper zu zucken. Sein Gesicht wirkte entspannt, wenn auch etwas mitgenommen von dem Unfall.

Einen Augenblick lang überlegte Linda, ob sie ihn auf das Amulett ansprechen sollte.

Aber dann ließ sie es. Der Grund dafür war Furcht. Furcht davor, dass das Amulett vielleicht nur in ihrer Einbildung existiert hatte...

Sie schluckte und fühlte einen dicken Kloß in ihrem Hals sitzen.

"Ich werde mir ein Taxi rufen, das mich in die Redaktion bringt", meinte er dann irgendwann. "Da habe ich noch einiges zu tun."

"Ich werde am Abend noch bei dir vorbeischauen..."

"Ja..."

Der Kuss war flüchtig. Seine Lippen schienen sich kalt anzufühlen.

Eiskalt.

Und gleichzeitig spürte ich die ersten Regentropfen von dem grau gewordenen Himmel niedertropfen.

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Inspektor Jackson brachte Linda zum Wynmore Grove Inn. Der Regen wurde zu einem richtigen Schauer. Der Himmel wurde beinahe schwarz und hin und wieder ertönte ein drohendes Grollen.

"Das Wetter spielt im Moment verrückt", war Jacksons lakonischer Kommentar. "Aber das ist hier oben oft so..."

Linda schwieg.

Als Jackson vor dem Gasthaus hielt, stieg er sogar aus, um sie mit einem Schirm bis zur Tür zu bringen.

"Ich danke Ihnen", sagte Linda dort.

Der Blick, mit dem der Inspektor sie bedachte, gefiel ihr nicht. Es war ein mitleidiger Blick. "Sie sollten sich etwas ausruhen, Miss Blane..."

"Ja, natürlich."

"Miss Blane..."

Sie hob die Augenbrauen. Der Inspektor wich ihrem Blick aus. Unbehagen stieg in ihr auf.

"Ja?"

"Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, mit jemandem etwas intensiver über das zu reden, was Sie bedrückt und...", er zögerte, eher das Wort aussprach, "...verfolgt?"

"Sie sprechen von einem Psychiater!", stellte Linda kühl fest.

"Ich spreche von jemandem, der sich mit solchen Dingen auskennt", war die Erwiderung des Inspektors. Er zuckte die Achseln. "Denken Sie darüber nach..."

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"Möchten Sie etwas essen?", fragte Mrs McDouglas, als Linda den Raum betrat.

Sie nickte.

"Sicher, warum nicht?"

Sie hatte gar nicht gemerkt, wie hungrig sie inzwischen geworden war. Mr McDouglas stand hinter dem Tresen und trocknete mit düsterer Miene Gläser ab. Draußen blitzte es grell auf und der Donner folgte wie ein Peitschenschlag direkt auf dem Fuß.

Das Licht flackerte etwas.

Linda sah sich kurz um. Außer ihnen dreien war niemand im Schankraum.

Die Sandwiches, die Mrs McDouglas servierte, schmeckten fad und auch der heiße Tee konnte Linda innerlich nicht erwärmen.

Als Mrs McDouglas die Sandwiches servierte, fiel Linda ein kleiner Anhänger auf, den die Wirtin an einem Armreifen trug.

Linda erstarrte. Sie hielt den Unterarm der Wirtin fest und betrachtete das Amulett.

"Ein Löwenkopf", stellte sie fest.

Das gleiche Zeichen hatte sie bei Clark gesehen.

Mrs McDouglas entzog ihr den Arm und wich etwas zurück.

"Was hat dieses Amulett zu bedeuten?", fragte Linda.

"Nichts!", behauptete die Wirtin. "Gar nichts..." Sie wandte den Kopf und wechselte einen kurzen Blick mit ihrem Mann, der die Gläser zur Seite gestellt hatte.

"Ist das nicht das Zeichen der Ritter vom Löwenkopf?"

"Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Das ist nur ein Amulett, wie man es hier in der Gegend kaufen kann..."

"Wirklich?", fragte Linda zweifelnd.

Erneut peitschte der Donner, nachdem es draußen grell aufgeleuchtet hatte.

Und dann ließ ein Geräusch alle erstarren, die sich in diesem Moment im Schankraum des Winmore Grove Inns befanden.

Das Wiehern eines Pferdes.

Die beiden McDouglas sahen sich an. Dann ging Mr McDouglas zum Fenster, um hinaus, in Richtung der drei verkrüppelten Baumriesen zu blicken.

Als er den Kopf wieder wandte, war sein Gesicht aschfahl.

Seine Frau sah ihn fragend an.

Und Mr McDouglas nickte leicht.

Von draußen her war dann das Geräusch eines davongaloppierenden Pferdes zu hören. Linda erhob sich.

Furcht erfasste sie. "Was war da draußen?", fragte sie.

"Nichts", sagte der Wirt. "Nichts von Bedeutung..."

Linda atmete tief durch, bevor sie selbst ans Fenster trat und einen Blick hinaus warf.

In der Ferne glaubte sie, die schemenhafte Gestalt eines Reiters erkennen zu können. Ein Donnergrollen ließ sie zusammenzucken. Das Unwetter befand sich direkt über dem Gasthaus. Keinen Moment länger wollte Linda in diesem Haus und an diesem Ort bleiben. Die Angst lief ihr kalt den Rücken hinunter.

Du kannst nicht fliehen!, sagte eine Stimme in ihr.

Sie war hier hergekommen, um ihre Ängste loszuwerden. Statt dessen fühlte sie sich nun von aller Welt verfolgt. Ein dunkler Abgrund schien sich vor ihr aufzutun. Ein Abgrund aus Furcht und Wahnsinn.

"Ich werde abreisen", erklärte sie.

"Aber doch nicht jetzt!", meinte Mr McDouglas.

"In ein paar Minuten!"

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Linda packte schnell ihre Sachen zusammen, bezahlte bei Mrs McDouglas ihre Rechnung und ging dann zur Tür. Sie verabschiedete sich knapp.

Der Wirt trat ihr in den Weg. "Wir können sie nicht gehen lassen!", wandte er sich an seine Frau.

Diese zuckte nur die Schultern.

"Gehen Sie mir bitte aus dem Weg!", sagte Linda fest.

Niemandem konnte sie mehr trauen, so schien es. Und am meisten schmerzte sie das in Bezug auf Clark Nolan, der offenbar auch zu jenem geheimnisvollen Okkultisten-Zirkel namens Ritter vom Löwenkopf gehörte. Warum hatte er es ihr gegenüber nicht gesagt?

Ich werde ihn noch danach fragen!, nahm sie sich vor. Und dann muss er mir Rede und Antwort stehen...

Der Wirt ging Linda aus dem Weg.

Auch die beiden gehören dazu!, ging es Linda durch den Kopf.

Und mochte draußen auch ein furchtbares Unwetter herrschen - im Augenblick fühlte sie sich allein sicherer, als in Gegenwart dieser Menschen.

Und wenn ich auf den Reiter treffe?

Sie wagte gar nicht, daran zu denken. Was sie versuchte, war eine Art heillose Flucht.

Sie lief hinaus, an McDouglas vorbei und dann durch den Regen zu ihrem roten Sportflitzer. Mit hastigen Bewegungen öffnete sie die Tür und warf ihre Tasche auf den Beifahrersitz. Mit zitternden Fingern steckte sie den Zündschlüssel ins Schloss. Ihr Blick war derweil angstvoll in die Ferne gerichtet. Sie suchte die Umgebung nach dem geheimnisvollen Reiter ab. Irgendwie erwartete sie, dass er hier auftauchte. Ihr Herz klopfte wie verrückt.

Der Wagen gab nur einen klagenden Laut von sich.

Sie versuchte es noch einmal, aber er sprang einfach nicht an.

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"Gibt es hier in der Nähe eine Werkstatt, die jemanden herausschicken könnte?", fragte Linda, als sie wieder im Haus war. Ihr Haar war triefnass geworden und klebte ihr am Kopf.

"Das schon", sagte Mr McDouglas. "Aber es kam gerade durch das Radio, dass einige Bäume umgestürzt seien... Ich nehme an, dass es eine ganze Weile dauern dürfte, bis die Straßen wieder passierbar sind..."

"Bleiben Sie doch bis morgen früh!", mische sich nun seine Frau ein. Sie fasste Linda bei den Schultern. "Bitte! Dann wird der ganze Spuk hier vorbei sein..."

"Nein."

"Die nächste Werkstatt ist Travis in Malton", sagte nun der Wirt. Er sah auf die Uhr. "Aber die werden jetzt sowieso schon Feierabend haben. Vor morgen früh läuft da nichts mehr...."

Sie wollen nicht, dass ich gehe!, ging es Linda durch den Kopf. Aus irgendeinem Grund wollten sie unbedingt, dass sie blieb... Und wie es schien, blieb ihr im Moment tatsächlich erst einmal gar keine andere Wahl...

Linda nieste.

"Sie werden sich schrecklich erkälten!", sagte Mrs McDouglas fürsorglich. "Gehen Sie hinauf in Ihr Zimmer und trocknen Sie sich erst einmal wieder richtig ab!"

Linda nickte, ging die Treppe hinauf und ging in ihr Zimmer.

Sicherheitshalber verschloss sie hinter sich die Tür, obwohl sie in ihrem Innersten ahnte, dass ihr das nicht helfen würde...

Mit einer Hand trocknete sie sich die Haare, dann blickte sie kurz hinaus in das tosende Unwetter. Blitze zuckten von Donner gepeitscht. Ein furchtbarer Wind heulte um das Gasthaus und wirbelte die Kronen der drei verwachsenen Baumriesen durcheinander. Dann knackte etwas und mit einem hässlichen, ächzenden Geräusch, das beinahe Ähnlichkeit mit einer menschlichen Stimme hatte, brach einer der dicken Äste und krachte zu Boden.

Ein lähmendes Gefühl hatte sich in Linda breit gemacht.Eine Mischung aus bleierner Müdigkeit, Furcht und Lethargie beherrschte sie. Sie ließ sich in den großen Ohrensessel fallen. Es war, als ob eine unheimliche Macht sie unaufhaltsam in den Schlaf hineinzog - und damit in jene Albtraumwelt, in der sie nicht Linda Blane war, sondern die arme Gwen de Grivain, der das Schicksal so übel mitgespielt hatte. Einen Augenblick noch wehrte sie sich, aber ihre Augenlider schienen aus Blei zu sein.

"Gwen!"

Sie konnte sich dem Ruf, der sie über den Abgrund der Zeit und des Todes hinweg auf geheimnisvolle Weise erreichte, nicht entziehen..

"Gwen!"

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Sie erwachte durch ein eigenartiges Geräusch. Da ihr Schlüssel noch in der Tür steckte, war es nicht möglich, die Tür von außen aufzuschließen. Doch genau das versuchte jemand... Stimmen waren zu hören.

Dumpfe, undeutliche Stimmen.

Linda stand auf. Die Knie waren weich. Draußen war es bereits dunkel geworden. Sie schien lange geschlafen zu haben...

Jedenfalls hatte das Unwetter aufgehört.

Linda wich zurück bis zum Fenster.

"Wer ist da?", rief sie. Sie erhielt keine Antwort.

Stattdessen sprang mit dem unangenehmen Geräusch von splitterndem Holz die Tür auf. Gestalten in dunklen, kuttenartigen Gewändern kamen auf sie zu. Über dem Kopf trugen sie sackähnliche Kapuzen, in denen zwei winzig kleine Löcher dafür sorgten, dass der Betreffende etwas sehen konnte.

Fünf dieser Vermummten betraten den Raum, weitere warteten draußen auf dem Flur. Linda zitterte wie Espenlaub.

"Was wollt ihr?", rief sie.

Und dann sah sie die Amulette, die die die Vermummten an kleinen silbernen Kettchen um den Hals trugen.

Der Löwenkopf...

"Ihr seid die Ritter vom Löwenkopf, nicht wahr?", fragte sie.

"Ja, die sind wir, Gwen de Grivain!", kam es dumpf unter einer der Kutten hervor. Und Linda fragte sich dabei voller Verzweiflung, ob einer dieser düsteren Gestalten womöglich ihr geliebter Clark war...

Ihr fröstelte bei diesem Gedanken.

"Ich bin nicht Gwen!", erwiderte sie "Ich bin Linda Blane! Hört ihr?" Sie sagte es beinahe so, als müsste sie sich selbst am meisten davon überzeugen, dass es so war.

"Mag sein, dass Ihr auch Linda Blane seid! Aber in Linda Blane ist die Seele von Gwen de Grivain wiedergeboren worden... Es gibt keinen Zweifel daran..." Der Vermummte machte ein Zeichen und aus dem Flur trat ein weiterer dieser düsteren Ritter vom Löwenkopf ein. Er hielt etwas in der Hand. Es war der Wurfspeer, den der geisterhafte Reiter Linda ins Zimmer geschleudert hatte...

"Erkennt Ihr das wieder?" Linda schluckte, als sie den Sprecher erkannte. Es war niemand anderes, als Mr McDouglas, der Wirt.

"Natürlich... Dann habt ihr ihn auch gesehen..."

"Natürlich haben wir das! Mehr als einmal. Der Geist von Sir Walter de Remoire wandelt seit Jahrhunderten durch diese Gegend und bringt Tod und Verderben. Er rächt sich an den Nachfahren jener Bauern, die seine Burg in Schutt Asche legten und ihn töteten. Viele mögen damals gesagt haben, dass es die gerechte Strafe für einen teuflischen Tyrannen war... Und doch lastet der Fluch dieser Tat bis heute auf uns allen. Sir Walter fand niemals Ruhe..."

"Aber, was habe ich damit zu tun?" fragte Linda verzweifelt, obwohl sie es längst ahnte.

"Hat er nicht auch Euch Rache geschworen? Über den Abgrund des Todes hinweg?"

Schaudernd erinnerte sich Linda an die entsprechende Szenerie aus ihren Alpträumen. Das verzerrte Gesicht von Sir Walter konnte sie in diesem Moment förmlich vor ihrem inneren Auge sehen und nochmal hörte sie ihn die düsteren Worte murmeln.

Jetzt meldete sich ein anderer der Vermummten zu Wort.

"Ihr mögt in den Rittern vom Löwenkopf nichts anderes sehen, als eine Gruppe obskurer Okkultisten. In Wahrheit existieren wir seit Jahrhunderten und geben unser Wissen von Generation zu Generation weiter. Unsere Aufgabe ist es, den Geist von Sir Walter in seine Schranken zu weisen und ihn so weit es irgend möglich ist zu verbannen in jenes Schattenreich, aus dem der Unselige aufgestiegen ist..."

Und ein anderer setzte hinzu "Das geschieht durch starke Rituale... Unaussprechliche Rituale..."

"Was habt ihr vor?", flüsterte Linda.

Sie wurde an den Armen gepackt und derart festgehalten, dass sie sich nicht mehr rühren konnte.

Im Schweigen der anderen hörte sie ihren Tod...

Nach einer unheilvollen Pause sagte einer von ihnen: "In einer alten Legende heißt es, dass wir dann, wenn wir die wiedergeborene Gwen de Grivain finden und als Opfer in einem dieser unaussprechlichen Rituale verwenden, den Geist Sir Walters endlich bannen können..."

"Verlieren wir keine Zeit mehr!"

"Nein los jetzt!"

Linda fühlte einen Kloß in ihrem Hals sitzen. Sie konnte keinen Laut hervorbringen. So ließ sie sich die Treppe hinabführen. Dann ging es hinaus ins Freie. Ein Lieferwagen stand dort mit geöffneter Tür...

Es gibt kein Zurück mehr.

Keinen Ausweg...

Die Erkenntnis wirkte lähmend. Ihre Knie drohten wegzuknicken.

"Vielleicht wird auch Gwen de Grivain dann endlich Ruhe finden", sagte eine der vermummten Gestalten dann irgendwann.

Auch diese Stimme erkannte Linda wieder.

"Mrs McDouglas!", stieß sie hervor. "Glauben Sie das wirklich? Glauben Sie wirklich, dass Gwen de Grivain Frieden finden könnte, wenn man ihr ein zweites Mal Unrecht antut?"

Sie standen kurz vor dem Lieferwagen. Gwen fühlte, wie der Griff ihrer Peiniger etwas lockerer wurde. Jetzt oder nie!, dachte sie verzweifelt. Mit aller Kraft, die sie mobilisieren konnte, riss sie sich los und stolperte in die Nacht hinein. Vor sich sah sie ihren Sportflitzer, dessen Tür sie nicht abgeschlossen hatte, da es zu stark geregnet hatte und sie nicht darauf aus gewesen war, vollends nass zu werden. Sie wusste, dass sie im Grunde genommen eine Chance hatte, die gegen Null ging, aber andererseits war sie nicht gewillt, sich wie ein Schaf zur Schlachtbank führen zu lassen. Sie riss die Tür auf und hechtete zum Handschuhfach.

Ihre Finger griffen nach dem Funktelefon. Fieberhaft versuchte sie, den Notruf zu aktivieren.

Da wurde sie bereits grob gepackt und aus dem Wagen zogen.

Ein halbes Dutzend Vermummter stand um sie herum. Ihre Finger umkrampften noch immer das Funktelefon, ehe man ihr ein Stofftuch auf die Nase drückte.

Sie erkannte den Geruch.

Chloroform.

Alles drehte sich vor ihr und dann schwanden ihr die Sinne.

Das ist das Ende! Das war ihr letzter Gedanke.

"So wird sie uns keine Schwierigkeiten machen", meinte einer der Vermummten. "Schließlich muss das Ritual mit größtmöglicher Präzision ablaufen!"

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Clark Nolan hatte mehrfach versucht, Linda anzurufen, um ihr zu sagen, dass er erst später komme könnte. Aber weder unter ihrer Handy-Nummer noch bei den McDouglas hatte sich jemand gemeldet.

Und dann hatte er auch noch einen ziemlich großen Umweg machen müssen, da ein paar Bäume umgestürzt waren.

Seine Verspätung hatte einen Grund. Inzwischen war im Zusammenhang mit dem Mord an Professor Carter ein Mann festgenommen worden, der schon des öfteren in Verdacht gestanden hatte, für John Seldon die Drecksarbeit gemacht zu haben. Immerhin passten die Reifenspuren, die man im Wald gefunden hatte, zu seinem Wagen und er war in der Nähe von einem Bauern gesehen worden. Jackson war recht zuversichtlich, ein Geständnis zu bekommen. Unter Carters Fingernägeln waren Gewebeproben sichergestellt worden, die man noch mit denen des Verdächtigen vergleichen musste.

Stimmten sie überein, war alles klar.

Und dann würde es auch Seldon selbst eng werden.

Schließlich war kaum anzunehmen, dass sein Handlanger alle Schuld auf sich allein nehmen würde.

Jedenfalls hatte Clark auf diese Weise noch allerhand in der Redaktion zu tun gehabt.

Als er den Wynmore Grove Inn endlich erreichte und ausstieg, stutzte er, als er Lindas Wagen sah. Die Tür stand halb offen. Und ein paar Meter entfernt lag das Funktelefon auf dem Boden. Als ob hier ein Kampf stattgefunden hätte!, ging es ihm durch den Kopf. Dann sah er Lindas Tasche im Wagen. Offenbar hatte sie abreisen wollen. Dazu war sie allerdings wohl nicht mehr gekommen.

Er ging zum Eingang des Gasthauses. Die Tür war abgeschlossen. Auch nach mehrmaligem, heftigen Klopfen öffnete niemand. Es schien keiner da zu sein.

Wo mochte sie jetzt sein?

Unbehagen stieg in ihm auf. Er spürte, dass etwas nicht in Ordnung war...

Nachdenklich ging er zu seinem Wagen zurück. Und dann sah er im Schein der Hauslaterne noch etwas anderes. Ein Amulett, das an einem zerrissenen Silberkettchen befestigt war. Es zeigte einen Löwenkopf...

Unwillkürlich fasste Clark sich selbst an den Hals.

Das Zeichen der Ritter vom Löwenkopf!

Sie wollte zur Ruine!, rief er sich ins Gedächtnis. Es gab keinen logisch nachvollziehbaren Grund dafür, aber immerhin war das der einzige Anhaltspunkt.

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Der vom Regen feuchte Wald dampfte förmlich und Schwaden von dichtem Nebel waberten durch die Ruine der Teufelsburg. Hin und wieder tauchte der Mond wie das ovale Auge eines übermächtigen Dämons zwischen den dunklen, schnell am Himmel vorbeiziehenden Wolken hervor und blickte kalt und fahl auf das graue Gemäuer hernieder.

Fackeln loderten in der Dunkelheit und tauchten alles in ein weiches Licht.

Schon von weitem hörte Clark Nolan den unheimlichen Singsang...

Was, so fragte er sich, ging da nur vor sich...

Immerhin war sein Instinkt also richtig gewesen, hierher zu kommen. Er hatte eine Ahnung...

Die Ritter vom Löwenkopf!, dachte er. Er selbst hatte versucht, sich in diesen okkulten Zirkel einzuschleichen und ihre Geheimnisse zu ergründen. Nicht viel mehr war über sie bekannt, als dass sie schon seit Jahrhunderten existierten und ihre unaussprechlichen Rituale von Generation zu Generation weitergaben...

Aber bislang hatte man Clark immer wieder hingehalten. Er hatte an Seancen und ähnlichem teilgenommen, was er mehr oder minder als Spielereien betrachtete. Vermummt hatten sie sich bei der Ruine getroffen und Geister angerufen. Aber das waren nicht die wahren Geheimnisse, die dieser geheimnisvolle Zirkel seit so langer Zeit verbarg.

Sie hatten Clark nicht getraut.

Clark erreichte den Eingang zur ehemaligen Burgkapelle, von der nur noch die Außenmauern in einer Höhe von ungefähr zwei Metern standen. Ein Schar von Vermummten hatte sich um jenen Steinsarkophag versammelt, von dem man annahm - ohne dass das je bewiesen worden war - dass in ihm die sterblichen Überreste von Sir Walter de Remoire ruhten.

Und auf diesem Sarg lag ausgestreckt und reglos...

Linda!

Clark lief es kalt über den Rücken, als er das sah.

Fieberhaft überlegte er, was er tun konnte. Er konnte nur hoffen, dass er noch nicht zu spät kam...

Der Singsang schwoll zu einem tiefen Grollen an, das wie ein Chor der verdammten Seelen klang, die in der Hölle schmachteten.

Einer der Vermummten nahm mit einer ruckartigen Bewegung etwas in die Hand.

Einen Wurfspeer!

Die Spitze blitze metallisch im Mondlicht auf.

Der Vermummte trat an den Sarkophag heran, hielt den Speer so über Lindas Oberkörper, dass er jederzeit bereit schien, ihr die Spitze in den Leib zu rammen und sie damit unweigerlich zu töten.

Clark kam aus seinem Versteck hervor. Er musste das, was hier an Schrecklichem unmittelbar bevorstand verhindern.

Der Mut der Verzweiflung ließ ihn mit schnellen Schritten auf den Sarkophag zulaufen.

"Aufhören!", rief er und der Singsang brach abrupt ab.

Einige der Vermummten drehten die Köpfe. Alle Blicke waren auf Clark gerichtet und für einen Augenblick herrschte absolute Stille. Nur ein paar tierische Geräusche aus dem nahen Wald drangen leise herüber.

Und dann noch etwas anderes.

Etwas, das allen Anwesenden eisige Schauer über den Rücken trieb.

Das Geräusch eines galoppierenden Pferdes.

Durch das große Loch, das sich in der ehemaligen Mauer der Kapelle befand, kam die Gestalt eines Reiters herangeritten.

Wie aus dem Nichts war diese Gestalt aus den wabernden Nebeln aufgetaucht, hatte sich erst als dunkler Schatten abgehoben und wurde nun immer besser sichtbar.

Auch das warme Licht der Fackeln konnten seinen totenbleichen Zügen den Ausdruck eisiger Kälte nicht nehmen.

Clarks Blick fiel auf die Schwertspitze, die deutlich unter dem wallenden Umhang des geisterhaft wirkende Reiters hervorschaute.

Der Reiter griff zur Seite und riss die blanke Klinge heraus..

Unter den Vermummten entstand Aufruhr. Jener, der den Speer über Lindas Körper gehalten hatte, ließ diesen sinken und wich ebenso wie seine Getreuen zurück.

"Sir Walter de Remoire!", konnte man sie stammeln hören. Er trieb sein Pferd ein paar Schritte auf sie zu und holte mit dem Schwert aus.

"Lauft!"

"Flieht, so schnell ihr könnt!"

In heilloser Flucht stoben die Vermummten auseinander.

Manche von ihnen rissen sich die sackähnlichen Kapuzen vom Kopf, um besser sehen zu können. Ihre Gesichter - von denen Clark so manche kannte - waren gezeichnet von namenlosen Entsetzen.

Die Fackeln ließen sie fallen und panische Schreie gellten durch die Nacht.

Clark trat näher an den Sarkophag heran.

Sein Blick ruhte auf Linda, die sich noch immer nicht regte. Sie sah aus wie schlafend...

Es dauerte nur einige Augenblicke und Clark war allein mit ihr und dem unheimlichen Reiter.

Der Reiter stieg von seinem Pferd ab.

Mit dem Schwert in der Hand ging er auf den Sarkophag zu.

Linda bewegte sich leicht... Sie schien langsam zu sich zu kommen.

Clark hob indessen den Speer auf, mit dem man Linda hatte ermorden wollen.

Der Ritter blieb stehen und sah ihn an. Kaum drei Meter trennte sie voneinander. "Wer bist du?", rief Clark. Der Ritter antwortete in einer Sprache, die Clark nicht verstand.

Dann wollte er sich Linda zuwenden.

"Gwen", flüsterte er.

"Lass sie zufrieden!", forderte Clark und richtete den Speer auf den Ritter. Ganz gleich, wer immer er auch sein mochte - Clark war nicht bereit zuzulassen, dass er seiner geliebten Linda etwas antat.

Der Ritter ließ das Schwert hochsausen. Die Klinge kam hart gegen Clarks Speer. Eins, zwei Hiebe konnte der Schaft des Speers verkraften, dann splitterte das Holz. Der Speer brach.

Der Ritter knurrte etwas vor sich hin, was Clark nicht verstand. Es klang, wie eine dumpfe Drohung. Mit mächtigen Hieben kam er auf Clark zu, der zurückweichen musste. Dann stolperte der Reporter rücklings, fiel zu Boden und sah über sich das bleiche Gesicht seines Gegenübers.

Der Ritter hob das Schwert.

In der nächsten Sekunde sauste es nieder...

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Linda schlug die Augen auf, rieb sich mit der Hand über das Gesicht und fuhr auf. Unter sich spürte sie den kalten Sarkophag, auf dem sie gelegen hatte.

Aus den Augenwinkeln heraus nahm sie eine Bewegung war.

Sie stand auf und erstarrte vor Entsetzen.

Eine furchtbare Szene spielte sich vor ihren Augen ab. Sie sah Clark Nolan am Boden liegen. Über ihm der unheimliche Ritter, der das Schwert mit beiden Händen gepackt hatte.

"Nein!", schrie sie, während die Klinge niedersauste.

Clark drehte sich zur Seite. Die Klinge sauste in den Boden, während der junge Reporter sich wieder hochrappelte und davontaumelte. "Linda!", rief er. "Lauf weg!"

Clark saß in der Falle.

Er befand sich in einer Ecke des Gemäuers, ohne eine Möglichkeit zur Flucht. Im Rücken spürte er schon den kalten Stein, während der Düstere mit dem bleichen Gesicht auf ihn zukam. Verzweifelt sah Clark sich nach etwas um, was sich als Waffe verwenden ließ. Er griff nach einem Stein und schleuderte ihn dem Ritter entgegen. Der Stein ging durch ihn hindurch und fiel dann auf den Boden.

"Das ist unmöglich!", flüsterte Clark ergriffen.

Dann sah er zur Seite. Linda rannte auf ihn zu, während der Ritter erneut sein Schwert packte.

"Linda! Nein!", rief Clark. Aber es war zu spät. Sie war schon bei ihm. Ohne auf den Ritter zu achten, lief sie zu Clark und stellte sich vor ihn. Dem Ritter streckte sie nichts weiter als ihre Hand entgegen....

Ein dürftiger Schutz.

"Nein, Sir Walter! Hört auf damit! Wollt Ihr ständig damit fortfahren zu morden? Wollt Ihr mir ein zweites Mal mein Leben zerstören, so wie Ihr es schon einmal tatet, als ich noch Gwen de Grivain war..."

Linda sprach einfach weiter, obwohl sie wusste, dass Ihr Gegenüber sie nicht verstehen konnte. Aber der flehentliche Klang ihrer Stimme schien in ihm etwas auszulösen.

Er steckte sein Schwert weg.

Und dann sprach er ein paar Sätze in seinem normannischen Französisch zu ihr. Nichts weiter als einen Namen verstand sie.

Gwen...

Dann schwieg er.

Linda klammerte sich an Clark. Sie standen voll angstvoller Erwartung da und warteten ab, was geschehen würde.

Sir Walters harte Züge entspannten sich etwas. Sie wirkten fast gelöst. Ein mattes Lächeln spielte um seine blutleeren Lippen. Er wandte sich um und ging zu seinem Pferd. Mit einer schwungvollen Bewegung setzte er sich in den Sattel und lenkte das Pferd herum. Er ritt auf die Öffnung im Gemäuer zu, durch die er gekommen war. Dahinter war Nebel, doch noch bevor er diesen erreichte, schien er transparent zu werden.

Das Geräusch der Hufe verhallte und einen Augenaufschlag später war er verschwunden.

Linda und Clark klammerten sich wortlos aneinander. Sie legte den Kopf an seine Schulter und war froh, seine starken Arme zu spüren. Alles schien jetzt gut zu werden. Sie schmiegten sich aneinander und jeder war froh angesichts der Grabeskälte, die ihr Inneres hatte frieren lassen, die Wärme des anderen zu spüren.

"Linda", flüsterte Clark schließlich und sah sie dabei fragend an. "Was war das, was wir da erlebt haben?"

"Etwas, das vielleicht nie vollständig zu erklären sein wird", erwiderte sie.

"Ich habe geglaubt, dass du..."

"Dass ich mir alles eingebildet habe?" Ein mattes Lächeln huschte über ihre Lippen, während ihre Augen ihn verliebt ansahen. "Und ich habe geglaubt, dass du einer dieser Ritter vom Löwenkopf bist..."

Er griff sich unwillkürlich an den Hals.

"Wegen des Amuletts?"

"Ja."

"Das ist eine lange Geschichte, Linda..."

"Ja, das kann ich mir denken!"

"Aber wir haben alle Zeit der Welt dafür, nicht wahr?"

"Ja."

Sie küssten sich. Und dann verließen sie Arm in Arm diesen schrecklichen Ort des Grauens. Bevor sie die Reste der Burgkapelle verließen, blieben sie kurz stehen und blickten zurück zu dem Steinsarkophag. "Ich frage mich, ob er jetzt endlich seinen Frieden gefunden hat?", meinte Linda.

"Komm!", flüsterte Clark ihr ins Ohr und zog sie mit sich.

Es gab nichts, was sie an diesem Ort des Todes länger hielt.

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Linda blieb noch einige Tage in der Gegend - allerdings nicht im Wynmore Grove Inn, sondern wohnte bei Clark in dessen Yorker Wohnung. Keine zehn Pferde hätten sie dazu gebracht, auch nur noch eine Nacht in jenem Gasthaus zu verbringen. Die Erinnerung an die schrecklichen Geschehnisse war noch zu frisch.

Inspektor Jackson ermittelte gegen die sogenannten Ritter vom Löwenkopf wegen Mordversuch und Freiheitsberaubung. Was letztlich dabei herauskommen würde, stand noch in den Sternen, denn es gab ein paar Punkte in der ganzen Geschichte, die kein Gericht der Welt als Fakten anerkennen würde.

Aber das war Linda auch gar nicht so wichtig.

Anderes zählte viel mehr. Sie hatte sich verliebt und nur das Gefühl, dass nun ein neues Leben für sie begann, zählte.

Die Ängste, unter denen sie zuvor gelitten hatte, waren nicht mehr als eine düstere Erinnerung, so schien es.

Zusammen mit Clark fuhr sie zu Mrs Grogan, die inzwischen den Brief übersetzt hatte, der mit Hilfe von Sir Walters Wurfspeer in Lindas Zimmer geschleudert worden war...

"Es ist ein sehr eigenartiger Brief", sagte Mrs Grogan.

"Was meinen Sie damit?", fragte Linda.

"Lesen Sie selbst, dann wissen Sie, was ich meine... Übrigens ist auch das Papier sehr seltsam. Es ist Pergament, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe, es sei denn im Museum. Sie sollten es einem Experten zeigen."

"Das werde ich!", versprach sie.

Sie nahm den Brief an sich, ohne ihn zu lesen. Innerlich bebte sie. Sie hatte Angst davor und wagte es erst, als sie zusammen mit Clark in ihrem Sportflitzer saß.

Mit zitternden Händen entfaltete sie das Blatt, auf das Mrs Grogan ihre Übersetzung geschrieben hatte und begann zu lesen:

Gwen,

über den Abgrund der Zeiten und des Todes hinweg habe ich deine Seele gesucht, um mich mit ihr auszusöhnen, weil ich sonst keine Ruhe finden kann. Ich weiß, dass ich schwere Schuld auf mich geladen habe, als ich dein Leben zerstörte. Deine Liebe konnte ich so nicht gewinnen, dass weiß ich inzwischen. Jetzt habe ich dich gefunden und bete dafür, dass du mir verzeihst, so dass wir beide Frieden finden können.

Sir Walter de Remoire

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39

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Es war Lindas ausdrücklicher Wunsch gewesen, noch einmal die Ruine aufzusuchen.

Mit ihr hatte alles angefangen. Und hier hatte es auch geendet.

Hand in Hand mit Clark ging sie durch das graue Gemäuer.

Und diesmal war sie wirklich ohne Angst. Wie weggeblasen waren die düsteren Schatten, die ihre Seele bedrängt hatten.

Einen jener furchtbaren Alpträume, die sie zuvor regelmäßig gepeinigt hatten, hatte sie nicht mehr gehabt. Auch sie waren jetzt nur noch Vergangenheit.

Die seltsame Verbindung zwischen ihr und Gwen de Grivain schien nicht mehr zu existieren. Sie war jetzt nur noch Linda Blane. Und das war gut so.

Clark fasste sie bei den Schultern und sie begegnete dem Blick seiner blauen Augen.

"Ich bin so froh, dass alles vorbei ist", sagte sie.

Er lächelte.

"Alles vorbei? Ich hoffe, zumindest das zwischen uns geht weiter!"

"Aber ja! Natürlich geht es!", hauchte sie ihm zu und küsste ihn dabei flüchtig. Dann sagte sie: "Du weißt, dass ich morgen wieder nach London muss..."

Er seufzte.

"Ja, das weiß ich", nickte er. "Aber ich werde dafür sorgen, dass der Abschied nur ein kurzer sein wird..."

Sie sah ihn überrascht an.

"Wovon sprichst du?"

Clark grinste. "Nun, meine Reportagen über den Mordfall Carter haben Furore gemacht und sind von vielen Zeitungen übernommen worden."

Inzwischen zog die Geschichte immer weitere Kreise. Der als Killer überführte Handlanger hatte seinen Boss John Seldon als Auftraggeber belastet und je weiter dieser in Bedrängnis geriet, desto mehr ließ er durchblicken, dass er nur Teil einer größeren kriminellen Organisation war. Seldon würde der Prozess gemacht und Clark sollte darüber berichten.

"Um es kurz zu machen", fuhr Clark Nolan dann fort, "ich habe Angebote mehrerer Londoner Zeitungen und prüfe sie gerade... Naja, ein Karrieresprung wäre jedes davon!"

"Oh, Clark!"

Sie fiel ihm um den Hals.

Das war fast zu schön um wahr zu sein.

Seine Hand berührte zärtlich ihre Wange. Ihre Augen leuchteten vor Glück.

"Ich liebe dich", flüsterte er.

"Und ich liebe dich!"

Im nächsten Augenblick trafen sich ihre Lippen zu einem Kuss voller Leidenschaft. Eine Welle von Glücksgefühlen überflutete Linda. Jetzt würde sich alles zum Guten wenden.

ENDE

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Patricia Vanhelsing – Vier Abenteuer: Romantic Thriller

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von Alfred Bekker

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EIN CASSIOPEIAPRESS E-Book

© by Alfred Bekker

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

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ALFRED BEKKER schreibt Fantasy, Science Fiction, Krimis, historische Romane sowie Kinder- und Jugendbücher. Seine Bücher um DAS REICH DER ELBEN, die DRACHENERDE-SAGA,die GORIAN-Trilogie und seine Romane um die HALBLINGE VON ATHRANOR machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er war Mitautor von Spannungsserien wie Jerry Cotton, Kommissar X und Ren Dhark. Außerdem schrieb er Kriminalromane, in denen oft skurrile Typen im Mittelpunkt stehen - zuletzt den Titel DER TEUFEL VON MÜNSTER, wo er einen Helden seiner Fantasy-Romane zum Ermittler in einer sehr realen Serie von Verbrechen macht.

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DIESES EBOOK ENTHÄLT die Romane:

Patricia Vanhelsing und die Burg der Tempelritter

Der Schlangentempel

Der Orden der Maske

Die Magie der Maske

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MEIN NAME IST PATRICIA Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen? Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns  schon immer eine besondere Rolle.

In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.

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Patricia Vanhelsing und die Burg der Tempelritter

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Auf die junge Journalistin Patricia Vanhelsing wartet ein gefährliches Abenteuer. Sie ist dem legendären Orden der Tempelritter auf der Spur, der angeblich im Mittelalter zerschlagen wurde, der aber Gerüchten zufolge auch heute noch im Untergrund existiert. Ihre Recherchen führen Patricia aus dem nebeligen London ins sonnige Südfrankreich – und auf die Spur eines ebenso geheimnisvollen wie auch faszinierenden Mannes.

Ein frühes Abenteuer mit Patricia Vanhelsing, der Jägerin der Nacht – aus der Zeit, bevor sie ihren Gefährten Tom Hamilton traf.

*

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KALTER MODERGERUCH drang in meine Nase. Düstere steinerne Wände umgaben mich, von denen eine schier eisige Kälte ausging. Eine Grabeskälte, die alles zu durchdringen vermochte und mich bis ins Mark frösteln ließ.

Um die Handgelenke fühlte ich etwas ebenso Kaltes. Ich war festgekettet an einer Wand und konnte mich kaum bewegen.

Eine Gefangene war ich - festgekettet und dem Tode geweiht...

Mir gegenüber stand die hochaufragende Gestalt eines Kreuzritters in voller Rüstung. Das Helmvisier war herabgelassen, so dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte.

Um so deutlicher aber sah ich das achtspitzige Kreuz auf dem weißen Gewand, das er über dem Kettenhemd trug...

Dumpf hörte ich seinen Atem unter dem Helm.

Der Ritter zog sein Schwert. Mit beiden Händen packte er den Griff und holte mit der Klinge zu einem furchtbaren Schlag aus.

„Nein!“, hörte ich mich selbst aufschreien. Das Herz schlug mir bis zum Hals, während lähmendes Entsetzen mich ergriff.

Ich fühlte Schwindel. Alles schien sich zu drehen, während ich die Klinge des Kreuzritters auf mich zuschnellen sah.

„Nein!“

Es war ein Schrei, der nichts anderes als nackte Todesangst offenbarte. Eine namenlose Furcht, die meine Seele schier zu zerreißen drohte.

„Nein!“

Das letzte, was ich sah, war das Gesicht eines Mannes.

Ein sehr ebenmäßiges Gesicht mit zwei ruhigen, grauen Augen und umrahmt von dunklem Haar.

Dann raste die mörderische Klinge auf mich herab...

*

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NEIN!“

„Patricia!“

„Nein! Nicht!“

„Patricia, wach auf!“

Ich fühlte einen kräftigen Griff um meine Schultern, und ich fuhr hoch. Kerzengerade saß ich da – und fand mich in meinem Bett wieder.

Das Mondlicht sickerte durch das große Fenster und fiel in das Gesicht von Tante Lizzy, in deren Villa ich wohnte.

„Es ist alles gut, Patricia! Du hast nur geträumt!“ Langsam wurde mir das auch klar. Ich schluckte, versuchte etwas zu sagen. Mein Mund war trocken, meine Lippen fühlten sich spröde und aufgesprungen an, während ich mit der Zunge darüber fuhr.

„O mein Gott“, hörte ich mich selbst flüstern, aber der Arm, den Tante Lizzy jetzt um meine Schultern legte, gab mir die Gewissheit, dass mir jetzt nichts passieren konnte.

„War es wieder der Traum?“, fragte Tante Lizzy.

Ich nickte. „Ja. Ich war angekettet, und ein Kreuzritter wollte mich mit seinem Schwert erschlagen...“

„Es ist das dritte Mal, Patricia...“

„Ich weiß...“

„Du solltest diese Sache sehr ernst nehmen...“ Tante Lizzy brauchte nichts weiter zu sagen. Ich wusste auch so, worauf sie hinaus wollte.

Meine Großtante Elizabeth Vanhelsing war eine leidenschaftliche Okkultistin und an allem interessiert, was sich auch nur ansatzweise als übersinnliches Phänomen ansehen ließ.

Ihr verschollener Mann Frederik Vanhelsing war ein bekannter Archäologe gewesen und hatte dafür gesorgt, dass die Villa mit Fetischen und Kultgegenständen aus aller Welt vollgestopft war. Dazu kam noch Tante Lizzys eigene Sammlung von Zeitungsartikeln, Büchern und allerlei Gegenständen zum Bereich des Übersinnlichen, so dass die Vanhelsing-Villa fast so etwas wie ein kleines Privatmuseum des Okkulten war.

„Es ist wie damals“, erklärte Tante Lizzy in ernstem Tonfall, nachdem sie aufgestanden war und Licht gemacht hatte.

Damals...

Schon wieder fing sie mit diesem Thema an.

Als 12jährige hatte ich den tragischen Tod meiner Eltern in einem Traum vorausgesehen, so behauptete zumindest Tante Lizzy. Und im Alter von 16 einen Hausbrand.

Seitdem war meine Großtante, die mich nach dem Tod meiner Eltern wie eine Tochter aufgezogen hatte, überzeugt davon, dass ich übersinnliche Fähigkeiten hätte.

Ich persönlich stehe diesen Dingen etwas skeptischer gegenüber. Schließlich bin ich Journalistin und als solche nüchternen Fakten verpflichtet.

Tante Lizzy aber hatte wohl mehr Vertrauen in meine paranormalen Fähigkeiten als ich selbst.

Ich sträubte mich einfach gegen den Gedanken, dass Zukunft vorhersagbar war. Das war ein Gedanke, der mir nicht gefiel.

„Du glaubst, dass dieser Traum etwas über meine Zukunft enthüllt, nicht wahr?“, erriet ich Tante Lizzys Gedanken.

Ich stand auf und warf mir einen Morgenmantel über. An Schlaf war jetzt ohnehin nicht mehr zu denken, auch wenn ich am nächsten Morgen an meinem Arbeitsplatz in der Redaktion der LONDON EXPRESS NEWS einschlafen würde.

Tante Lizzy nickte und trat auf mich zu.

„Lass uns darüber reden, Patti!“

„Tante Lizzy...!“

„Doch, es muss sein! Als du diesen Traum das letzte Mal hattest, bist du einem Gespräch auch schon ausgewichen, aber du wirst dich dieser Sache stellen müssen! Dieser Traum hat eine Bedeutung. Vielleicht geht es um Leben und Tod! Also...“ Ich seufzte. „Was soll ich tun?“

„Versuche dich an jede Einzelheit zu erinnern“, beschwor mich Tante Lizzy eindringlich.

„Es war wieder exakt derselbe Traum.“

„Keine Veränderung?“

„Nein. Ich war an eine Steinwand gekettet und ein Kreuzritter wollte mich umbringen. Du glaubst doch wohl kaum, dass das meine Zukunft sein kann! Schließlich sind Ritter nicht gerade zeitgemäß! Ich denke, es war ein ganz gewöhnlicher Alptraum, wie ihn hin und wieder jeder mal hat. Und der Ritter ist nichts weiter als ein Symbol für die Furcht, die mich packt, wenn mich mein kratzbürstiger Chefredakteur in sein Büro zitiert!“

„Patti!“, beschwor mich Tante Lizzy eindringlich. „Mach darüber keine Witze. Waren da noch irgendwelche Einzelheiten? Versuch dich zu erinnern, bevor der Traum verblasst.“ Ich versuchte es. „Dieses Kreuz auf dem Gewand des Ritters,“ flüsterte ich.

„Was war damit?“ Tante Lizzy ließ nicht locker.

„Wie soll ich das beschreiben? Es war ein besonderes Kreuz. An jeder der vier Enden hatte es zwei kleine Spitzen...“

„Das achtspitzige Kreuz!“, rief Tante Lizzy plötzlich aus. „Weißt du, was das bedeutet?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, tut mir leid!“

„Das ist das Zeichen des Ordens der Tempelritter; auch Templer von Jerusalem genannt... Zunächst beteiligte sich der Orden an den Kreuzzügen, und nach der Vertreibung der Kreuzfahrer aus dem Heiligen Land bildete er im mittelalterlichen Europa eine Art Staat im Staat. Vor allem in Frankreich und Spanien war er sehr mächtig, bis er schließlich verboten und wegen der Anwendung Schwarzer Magie aufgelöst wurde. Die Templer wurden gnadenlos verfolgt und auf die Scheiterhaufen gebracht. Aber bis heute hat sich das Gerücht gehalten, dass der Orden im Verbogenen über all die Jahrhunderte weiterexistiert hat und vielleicht sogar heute noch besteht – als okkulte Geheimgesellschaft!“ Ich merkte schon, das Tante Lizzy jetzt in ihrem Element war.

„In meiner Bibliothek steht ein Buch, dessen Autor den Beweis anzutreten versucht, dass der Orden bis in unser Jahrhundert hinein existierte und für eine Reihe von Ritualmorden verantwortlich ist. Es stammt von einem Deutschen namens Dietrich von Schlichten. Die einzige englische Übersetzung erschien 1923, der Verleger starb unter mysteriösen Umständen, und von Schlichten selbst verschwand auf einer Reise nach Südfrankreich – nur wenige Monate später.“

Ich sah Elizabeth Vanhelsing etwas müde an. Meine Großtante war zwar an allem interessiert, was übersinnliche Erscheinungen betraf, aber obskuren Kulten und sektenartigen Vereinigungen stand sie sehr kritisch gegenüber.

„Pass auf dich auf, mein Kind“, sagte Tante Lizzy leise.

„Ich weiß nicht, was dein Leben mit den Templern zu tun hat – aber ich fürchte, das wird sich schon bald herausstellen.“ Und das sollte schon am nächsten Tag der Fall sein...

*

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NA? DIE NACHT DURCHGEZECHT?“

Ich wirbelte herum und blickte in die strahlend blauen Augen von Jim Field, einem jungen und etwas unkonventionellen Fotografen der LONDON EXPRESS NEWS.

Er schenkte mir sein sympathisches, offenes Lächeln, das so typisch für ihn war, und ich erwiderte: „Ich hatte gedacht, dass ich wenigstens auf dem Flur ungeniert gähnen könnte.“ Er lachte und strich sich mit einer beiläufigen Bewegung eine blonde Strähne aus dem Gesicht. „Tja, hier wird man halt überall beobachtet... Für die LONDON EXPRESS NEWS gibt es kein Privatleben – weder für die Mitarbeiter noch für die Stars und Sternchen, deren geheim Affären wir auf unsere Seiten bringen – exklusiv und in Farbe!“

Ich setzte den Gesichtsausdruck gespielten Erstaunens auf.

„Du hörst dich ja heute an wie unser Chefredakteur!“ Jim Field grinste und verhinderte dann gerade noch mit einer schnellen Bewegung, dass ihm die Kamera von der Schulter rutschte. Er zwinkerte mir zu.

„Tja, Patti, ich übe schon mal. Schließlich habe ich mir vorgenommen, eines Tages den Posten des großen Michael T. Swann zu übernehmen!“

Ich sah abschätzig an ihm herab. „Nun, falls du dich überwinden könntest, eine Jeans zu tragen, die nicht überall geflickt ist, und du es dir noch abgewöhnst, müde Reporterinnen zu erschrecken – warum nicht?“ Wir lachten beide.

Jim ist ein Spaßvogel, auch wenn seine Art von Humor nicht jedermanns Sache ist. Aber immerhin hatte er mit seiner Flachserei dafür gesorgt, dass es mir jetzt trotz meiner Müdigkeit etwas besser ging und der Morgen nicht allzu grau erschien.

„Aber nun mal im Ernst“, sagte Jim. „Du bist spät dran heute. Der Chef lässt dich schon suchen und hat mich durch das ganze Haus gejagt, um dich aufzutreiben.“

„Was ist denn los?“

„Hat er nicht gesagt. Aber es muss dringend sein. Komm, wir haben denselben Weg!“

„Ach, du hast auch einen Termin in der Höhle des Löwen?“ Er nickte. „So ist es!“

*

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NA ENDLICH!“

Michael. T. Swanns Gesicht wirkte stets missmutig.

„Guten Tag, Mister Swann!“, sagte ich in gedämpften Tonfall, gespannt darauf, was mich jetzt erwartete. Uns Platz anzubieten, das schien Swann nicht in den Sinn zu kommen.

„Wo waren Sie denn, Patricia? Ich habe Sie überall suchen lassen!“

„Nun, ich...“

„Ich sitze hier auf heißen Kohlen, weil Clark Dalglish krank ist und ich unbedingt jemanden brauche, der für ihn einspringt. Für Sie ist das eine Bewährungsprobe, Patricia! Eigentlich lasse ich Anfänger nicht an so wichtige Sachen, aber im Moment habe ich keine andere Wahl. Außerdem haben Sie Ihren Job bislang ja ganz passabel gemacht!“

„Ich werde mir Mühe geben“, versprach ich und fragte mich dabei, wann er mit seinem Klagelied endlich aufhören und zur Sache kommen würde.

Swann kratzte sich am Kinn. „Ist ja auch egal. Es geht um jede Sekunde. Die EXPRESS NEWS haben den Ruf, immer die ersten zu sein, immer am schnellsten am Ort des Geschehens... Na ja, diesmal wird das wohl nichts mehr.“

„Worum geht es, Mister Swann?“, erkundigte ich mich.

Swann sah mich an. Er war streng und konnte mit eisernem Besen fegen, wenn es sein musste. Aber unter seiner rauen Fassade steckte ein herzensguter Mensch – auch wenn man das nicht auf den ersten Blick erkennen konnte. Und wenn er mich auch ab und an grob anrüffelte – im Grunde respektierte er mich inzwischen.

Schließlich hatte ich bewiesen, dass ich eine gute Reporterin war. Und Leistung erkannte ein Mann wie Swann immer an.

„Sagt Ihnen der Name Marc Larue etwas?“ Den Namen kannte ich tatsächlich.

„Ist das nicht dieser französische Schauspieler, der vor dem Sprung nach Hollywood steht?“ Swann nickte, und auf seiner Stirn erschienen ein paar tiefe Furchen. Sein Gesichtsausdruck wurde sehr ernst.

„Zu diesem Sprung wird es nicht mehr kommen.“

„Wieso?“

„Es ging wie ein Lauffeuer über den Ticker. Larue ist heute Morgen in seinem Londoner Hotel tot aufgefunden worden. Die näheren Umstände sind nicht bekannt. Machen Sie 'ne schöne Story daraus! Gleich morgen wollen wir etwas darüber bringen. Aber nicht irgend so ein Gefasel, sondern Fakten!“ Ich verkniff mir eine Erwiderung. Woher die Fakten kommen sollten, das verriet Swann mir natürlich nicht. Und das zu einem Zeitpunkt, da selbst die Polizei und Staatsanwaltschaft noch so gut wie nichts in der Hand hatten.

Swann kramte zwischen den Bergen aus Blättern und Manuskripten herum, die sich auf seinem völlig überladenen Schreibtisch stapelten, dann zog er einen Zettel heraus, den er mir reichte. Ich nahm ihn und sah, dass in Swanns krakeliger Handschrift eine Adresse darauf notiert war.

„Das ist das Hotel, in dem man Larue gefunden hat! Wenn Sie sich ein bisschen beeilen, kann Mister Field vielleicht noch ein paar Fotos davon machen wie sich die Polizeiwagen vor dem Eingang drängeln... Und nun verschwinden Sie beide!“ Das ließen wir uns natürlich nicht zweimal sagen...

*

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SCHON DER PARKPLATZ des Hotels war völlig überfüllt. Noch mehr galt das für die Eingangshalle. Uniformierte Polizisten überall, dazu die Beamten von Scotland Yard.

Ich hielt mich an den Portier an der Rezeption, einen freundlichen älteren Herrn, dem ich mit dem charmantesten Lächeln, das ich zustande bringen konnte, sowie einer Hundert-Pfund-Note die Zunge löste.

Jim sah sich derweil etwas um und schoss ein paar Fotos von Polizisten mit angestrengten Gesichtern. Irgendwie verlor ich ihn dann in dem Gewühl aus den Augen.

„Unser Zimmermädchen hat den Toten gefunden“, erläuterte indessen der Portier, während er sich über den Tresen der Rezeption beugte und eine wichtige Miene aufsetzte. „Die Tür stand nämlich offen, und das kam ihr dann doch verdächtig vor...“

„Was war die Todesursache?“, fragte ich.

„Schlag mit einem stumpfen Gegenstand.“ Ich war erstaunt. „Woher wissen Sie das so genau?“

„Weil sich der Gerichtsmediziner da vorne an der Treppe mit dem Inspektor von Scotland Yard unterhalten hat. Ich konnte alles mithören...“

„Weiß man schon irgend etwas über die Hintergründe?“ Doch da musste der Portier passen. Er hob die breiten Schultern und machte ein bedauerndes Gesicht.

„Nur Spekulationen...“

„Was für Spekulationen?“

„Also, ein Raubmord war es nicht. Soweit ich gehört habe, wurde nämlich nichts gestohlen. Es muss irgend etwas Persönliches sein. Eifersucht, Rache... Man weiß doch, wie das bei diesen Schauspielern und Filmleuten ist. Affären ohne Ende!“

Nur, dass die meisten dafür nicht umgebracht werden, setzte ich in Gedanken hinzu, aber der Redeschwall des Portiers ließ es nicht zu, dass ich mehr als ein gelegentliches „Hm!“ anbringen konnte.

Trotzdem an Informationen bekam ich nichts mehr aus ihm raus.

„Welches Zimmermädchen hat Larue denn gefunden?“

„Teresa.“

„Wo finde ich die?“

Er hob die Schultern. „Da haben Sie Pech, Miss.“

„Wieso das?“

„Ich habe sie gerade dort hinten ins Billardzimmer gehen sehen. Und dort verhört Inspektor Craven von Scotland Yard gerade die Angestellten... Kann ein bisschen dauern, bis so ein Protokoll fertig ist!“

*

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VOR DEM BILLARDZIMMER stand ein uniformierter Polizeibeamter. Er passte auf, dass niemand den Inspektor bei seinen Verhören störte. Mit unbewegtem Gesicht blickte er an mir vorbei. Ich nahm in einem der großen Ledersessel Platz, die in der Eingangshalle standen, und setzte mich so, dass ich die Tür zum Billardzimmer im Auge behalten konnte.

Gleichzeitig sah ich mich auch immer wieder nach Jim um, aber der war wie vom Erdboden verschluckt.

Eine Viertelstunde saß ich einfach nur da.

Zwischendurch beobachtete ich einen wild gestikulierenden kleinen Mann, der recht schmächtig war. Er schien ziemlich aufgebracht zu sein. Seinem Akzent nach war er Amerikaner. Er redete dauernd von eine Filmprojekt, ich schätzte, dass er entweder Produzent oder Larues Agent war.

Jedenfalls schien ihn der Tod des französischen Schauspielers stark getroffen zu haben – aber wohl nur in zweiter Linie aus menschlichen Gründen.

Ich erwog bereits, den schmächtigen Wichtigtuer kurz zu interviewen, da öffnete sich die Tür des Billardzimmers, und eine junge, dunkelhaarige Frau trat heraus.

Auf dem hellblauen Kleid, das sie trug, befand sich das Emblem des Hotels.

Ich sprang auf und trat ihr entgegen.

„Teresa? Mein Name ist Patricia Vanhelsing. Ich komme von den LONDON EXPRESS NEWS und...“

„...und vielleicht lassen Sie die arme Frau jetzt in Frieden!“, ertönte eine barsche männliche Stimme.

Ein breitschultriger Mann in einem leicht verknitterten Jackett trat jetzt ebenfalls durch die Tür. Er trug einen buschigen Schnauzbart und über der markanten Nase leuchteten zwei hellblaue, aufmerksame Augen.

Teresa drehte sich halb zu ihm herum, und der Mann nickte ihr zu. „Gehen Sie nur!“

Dann wandte er sich an mich. Ich wollte Teresa nacheilen, aber er fasste mich am Arm.

„Moment!“

„Was fällt Ihnen ein, Mister...!“

„Inspektor Craven, Scotland Yard. Und ich habe entschieden etwas dagegen einzuwenden, dass Sie diese junge Frau jetzt mit Ihren Fragen quälen. Alles, was sie zu sagen hatte, hat sie bereits zu Protokoll gegeben.“ Ich riss mich los und sah Craven wütend an.

„Wohl noch nie etwas von Pressefreiheit gehört, was?“

„Ach, kommen Sie, die ist doch erfunden worden, als es noch richtige Zeitungen gab – nicht solche bunten Blätter wie die EXPRESS NEWS!“

Ich fühlte Wut in mir aufsteigen. Was fiel diesem Inspektor ein, mich und meine Arbeit zu beleidigen?

Aber schon in der nächsten Sekunde begriff ich, dass das seine Methode war. Er wollte mich in ein Gespräch verwickeln, und bis dahin war Teresa, das Zimmermädchen, verschwunden.

Also verzichtete ich darauf, ihm die Meinung zu sagen, und lief stattdessen hinter Teresa her.

„Warten Sie!“, rief der Inspektor. „Was Sie von ihr wissen wollen, können Sie auch mich fragen.“ Ich blieb stehen.

Inspektor Craven hatte mich eingeholt.

„Was ist?“, fragte er. „Ist das kein Angebot?“

„Gut.“

Aber es war ein Fehler gewesen, darauf einzugehen, wie ich später merkte. Ein dummer Anfängerfehler.

Alles, was Craven mir anzubieten hatte, wusste ich schon.

Weitere Informationen könne er mir leider nicht geben. „Aus fahndungstaktischen Gründen“, wie er mir weiszumachen versuchte.

Teresa war jedenfalls später unauffindbar, und innerlich verfluchte ich Jim dafür, dass er nicht dagewesen war und wenigstens ein schönes Bild von dem Scotland Yard-Inspektor gemacht hatte.

Diese Geschichte fing alles andere als gut an, und ich sah mich schon am Abend in der Redaktion sitzen und mir irgend etwas aus den Fingern saugen, was Michael T. Swann mir dann anschließend um die Ohren hauen würde.

Ich seufzte.

Selbst der Filmproduzent war inzwischen untergetaucht...

*

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HALLO, PATTI!“

Ich hatte mir in der Hotelbar einen Espresso bestellt, da tauchte Jim Field wie aus dem Nichts hinter mir auf. Sein legeres Äußeres war für ein Hotel dieser Preiskategorie schon etwas auffällig.

Um seine Mundwinkel spielte ein zufriedenes Lächeln, für das es meiner Ansicht nach überhaupt keinen Anlass geben konnte.

„Komm mit, wir fahren!“, sagte er.

„Was?“

„Ich erzähl es dir im Wagen.“

„Wovon redest du?“

„Willst du erst warten, bis ich verhaftet werde?“ Ich verstand überhaupt nichts. Aber als er wenige Minuten später neben mir auf dem Beifahrersitz meines alten Mercedes saß, den Tante Lizzy mir einst vermacht hatte, erklärte er mir alles.

„Ich war in Larues Zimmer“, eröffnete er mir.

Ich war einen Moment lang sprachlos, und er schien diesen Augenblick regelrecht zu genießen.

Weil mir nichts Besseres einfiel, fragte ich: „Wurde das Zimmer denn nicht bewacht?“

„Versiegelt.“

„Aber...“

„Ja, ich weiß. Und dass in spätestens einer halben Stunde bei Scotland Yard ein Donnerwetter loskrachen wird, das sich gewaschen hat! Hör zu, ich habe den Tatort fotografiert. Der Tote war natürlich nicht mehr da, der ist längst abtransportiert worden. Aber da war etwas anderes, dem wir nachgehen könnten...“

„Was?“

„Larue hat eine Telefonnummer an die Zimmertapete geschrieben. Er war ja bekannt für sein rüpelhaftes Benehmen. Ich war mal dabei, als eine Home-Story über ihn gemacht wurde. Vielleicht hatte er auch einfach nur kein Papier zur Hand...“ Ich zog die Augenbrauen hoch und gab zu bedenken: „Oder die Nummer wurde von einem Gast auf die Tapete geschrieben, der vor Larue das Zimmer hatte!“ Jim Field schüttelte ganz energisch den Kopf. „In einem solchen Hotel? Da ist Sauberkeit und Ordnung das oberste Gebot. Die würden alles daran setzen, um so etwas zu beseitigen, bevor ein neuer Gast kommt.“

„Dann sollten wir die Nummer mal ausprobieren.“

„Auswendig weiß ich sie nicht. Und zum Aufschreiben hatte ich keine Zeit, schließlich wollte ich nicht erwischt werden.“ Ich sah ihn kurz an. „Und da soll ich beeindruckt sein?“, schnauzte ich. „Was nutzt uns diese Telefonnummer, wenn wir sie nicht kennen?“

Jim grinste mich an und klopfte dann leicht auf den Fotoapparat, den er auf dem Schoß hatte. „Ich sagte doch, ich habe den Tatort fotografiert. Mit 'ner schönen Großaufnahme besagter Nummer.“

„Okay.“ Ich grinste zurück. „Ich bin beeindruckt.“ Also ging es zunächst einmal zurück in die Redaktion. Die Bilder mussten entwickelt werden.

Jim war ein echter Profi, was sein Handwerk anging.

Ich saß an meinem Schreibtisch und grübelte darüber nach, wie ich meinen Artikel beginnen sollte. Viel war es ja nicht gerade, was ich bis jetzt an Fakten zusammengetragen hatte. Dreimal hatte ich schon begonnen, und jedesmal sah ich im Geiste Michael T. Swanns strenges Gesicht vor mir, wie er mir meinen Artikel mit spitzen Worten in der Luft zerriss.

Dann kam Jim endlich.

„Hier“, sagte er und warf einen ganzen Stapel von Bildern auf den Tisch. „Ich war auch noch mal kurz im Archiv und habe die Bilder herausgesucht, die ich damals zu der Home-Story über Marc Larue gemacht habe. Vielleicht kannst du sie ja irgendwie verwenden. Da wir den toten Larue schon nicht fotografieren konnten.“

Manchmal war er wirklich geschmacklos.

„Und die Nummer?“

Er tippte auf eines der Fotos. Die Telefonnummer war darauf deutlich und in Großaufnahme zu erkennen.

Ich zögerte nicht lange, nahm meinen Apparat und wählte die Nummer. Wenige Augenblicke später legte ich wieder auf.

Jim runzelte die Stirn und fragte: „Was war denn?“

„Ich hatte den Anrufbeantworter eines Privatdetektivs dran“, erklärte ich. „Ashton Taylor. Sagt dir der Name was?“

„Nein. Aber unser Archiv ist bekanntlich allwissend, Patti. Vorausgesetzt, man hat Zeit genug...“ Ich hörte nur halb hin, während Jim weitersprach. Mein Blick ging über die Fotos, die Jim aus dem Archiv gegraben hatte. Auf den meisten war Larue zu sehen...

Larue in seiner ersten Filmrolle, in der er einen Schurken darstellte. Larue in einer komödiantischen Rolle mit einer seltsamen Grimasse. Dann Larue zu Hause mit seinem Hund...

An diesem Bild blieb mein Blick haften.

Der Franzose trug darauf ein Hemd mit kurzen Ärmeln. Die ersten drei Knöpfe waren offen. Seine Brust war glattrasiert, wie es bei französischen Männern heutzutage Mode ist. Er sah gut aus, wenn auch für meinen Geschmack ein bisschen zu jungenhaft.

Ich hielt das Bild näher an meine Augen.

„Brauchst du eine Brille?“, flachste Jim, aber ich hatte im Moment keinen Sinn für seine Witze.

In dem Hemdausschnitt war eine Tätowierung zu sehen, vielleicht so groß wie ein Zeigefinger.

Es war, als würde ein kalter Hauch mich erfassen und bis ins tiefste Innere frösteln lassen.

Die Tätowierung zeigte nichts anderes als ein achtspitziges Kreuz! Wie ich es in meinem Traum auf dem Gewand des Ritters mit dem heruntergelassenen Visier gesehen hatte!

Das Zeichen der Templer von Jerusalem!

*

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ES WAR FRÜHER NACHMITTAG, als ich das Gebäude erreichte, in dem Ashton Taylor sein Büro in bester Lage hatte und das in der Ladbroke Grove Road stand. Die Adresse hatte ich dem Telefonbuch entnommen. Es gab zwar dutzendweise Taylors in London, aber nur einen Ashton Taylor, der als Privatdetektiv arbeitete.

Jim stellte in der Zwischenzeit für mich das Archiv auf den Kopf.

Taylors Detektei schien es nicht schlecht zu gehen. Wie hätte er sich sonst eine Büroetage in dieser Lage leisten können?

„Sie wünschen?“, fragte eine dunkle, männliche Stimme an der Sprechanlage, die neben der Tür in der fünften Etage angebracht war.

„Ich möchte zu Mister Taylor. Mein Name ist Patricia Vanhelsing.“

Ich konnte nicht sagen, was es genau war, aber irgend etwas hatte der Klang dieser Stimme in mir ausgelöst... Ein gewisses Unbehagen begann sich in meiner Magengegend breitzumachen.

Eine Ahnung...

„Einen Moment“, sagte die Stimme. Der Türsummer schlug an, ich drückte die Tür auf und trat ein.

Ein hochgewachsener, breitschultriger und sehr gut aussehender Mann trat mit entgegen. Er war elegant gekleidet.

Hose und Jackett waren aus Schurwolle. Der erste Knopf seines Hemdes war geöffnet.

Als ich das Gesicht sah, versetzte es mir einen Stich, ich erstarrte unwillkürlich zur Salzsäule.

Dieses Gesicht war aus meinem Traum! Dieselben grauen Augen, die dunklen Haare... Auch das Grübchen am Kinn war da.

Seine ruhigen Augen musterten mich.

„Was ist los?“, erkundigte er sich. „Habe ich Sie erschreckt?“

„Nein.“

Er reichte mir die Hand. „Ashton Taylor.“ Er hielt meine Hand einen Augenblick länger, als es eigentlich nötig gewesen wäre, während unsere Blicke sich trafen. „Treten Sie doch ein, Miss...“

„Vanhelsing. Patricia Vanhelsing.“ Er führte mich in ein sehr sachlich, aber gediegen eingerichtetes Büro und bot mir einen drehbaren Ledersessel an.

„Möchten Sie etwas trinken?“, fragte er dann.

„Nein.“

Ich wollte gleich zur Sache kommen, aber die Erkenntnis, dass ich sein Gesicht im Traum gesehen hatte, hatte ich immer noch nicht richtig verarbeitet.

Ashton Taylor setzte sich jetzt ebenfalls. Er nahm mir gegenüber auf der anderen Seite des Schreibtisches Platz und sah mich wieder an.

Eine seltsame, geheimnisvolle Aura umgab diesen Mann.

Etwas, das man nicht erklären kann. Das begann schon, wenn man versuchte, sein Alter zu schätzen...

Er wirkte recht jugendlich, nur seine Augen und ein gewisser Zug in seinem Gesicht schienen eher zu einem älteren Mann zu passen.

Auf jeden Fall war er sehr attraktiv und hatte ein Ausstrahlung, die fast schon beängstigend war.

„Was ist Ihr Anliegen?“, fragte Taylor.

„Es geht um einen gewissen Marc Larue“, erklärte ich und achtete dabei genau auf sein Gesicht, das allerdings völlig unbewegt blieb. „Den französischen Schauspieler... Er wurde in seinem Londoner Hotelzimmer ermordet aufgefunden. Und Ihre Telefonnummer hatte er an die Wand geschrieben, Mister Taylor.“

Er zog die linke Augenbraue hoch und meinte dann: „Ich glaube nicht, dass Sie von Scotland Yard sind, Miss Vanhelsing.“

„Habe ich das behauptet?“

„Was ist Ihr Interesse an diesem Schauspieler?“

„Ich bin von den LONDON EXPRESS NEWS.“

„Ah.“ Ein charmantes Lächeln huschte über sein Gesicht.

Er hatte das sehr geschickt gemacht. Anstatt, dass ich jetzt etwas über ihn wusste, hatte er den Spieß einfach umgedreht und mich ausgefragt.

Ich beschloss, dass mir das nicht noch einmal passieren würde.

Allerdings war das leichter gesagt als getan. Es war einfach zu verlockend, seinem Charme auf den Leim zu gehen...

„Was wollte Larue von Ihnen, Mister Taylor?“

„Erwarten Sie darauf wirklich eine Antwort?“

„Die Polizei wird Ihnen dieselbe Frage stellen“, gab ich zu bedenken.

„Das ist anzunehmen.“

„Larue war Ihr Klient“, schloss ich. „Alles andere macht keinen Sinn...“

Es klingelte. Jemand war an der Tür, und das gab Ashton Taylor die sicher nicht unwillkommene Gelegenheit, meinen Fragen auszuweichen. „Sie entschuldigen mich...“ Was blieb mir anderes übrig?

Taylor verließ das Büro und ging zur Tür.

Die markige, nicht gerade freundliche Stimme des Besuchers, erkannte ich sofort.

Es war Inspektor Craven von Scotland Yard!

Für mich bedeutete das, dass mein kleines Interview hier zu Ende war.

Als Craven hereinkam und mich sah, stutzte er. „Nanu, schon wieder Sie?“

„Ich bin ebenso überrascht.“

Cravens Augen blitzten und funkelten mich böse an. Sein Zeigefinger schnellte vor und erinnerte mich fast an den Lauf einer Pistole, als der Inspektor ihn auf mich richtete.

„Larues Hotelzimmer war versiegelt. Aber jemand hat das Siegel zerstört und ist dort eingedrungen. Es würde mich nicht wundern, wenn Sie auf diese Weise an Mister Taylors Telefonnummer gekommen wären!“

„Das ist eine Unterstellung!“

„Ach ja?“

Es war Ashton Taylor, der mir aus der Patsche half.

„Miss Vanhelsing ist privat hier“, erklärte er und nahm meine Hand. Sein Blick ruhte auf meinem Gesicht, und ein warmer Schauer lief mir über den Rücken. „Sie sehen selbst, dass ich im Moment wenig Zeit für Sie habe, Miss Vanhelsing, aber vielleicht möchten Sie heute Abend mit mir essen...“

„Nun, ich...“

„Ich werde Sie um acht am Gebäude der LONDON EXPRESS NEWS abholen. Einverstanden?“

Ich nickte lächelnd. „Einverstanden.“ Ich musste ihn schon deshalb unbedingt wiedersehen, weil ich sein Gesicht im Traum gesehen hatte.

*

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WIE WAR'S?“, FRAGTE mich Jim, als ich zurück in die Redaktion kam.

„Ein beeindruckender Mann, dieser Taylor“, murmelte ich vielleicht eine Spur zu versonnen. „Ich frage mich, wie alt er ist.“

„Zweiundvierzig oder dreiundvierzig. Die Angaben sind widersprüchlich.“

Ich sah Jim überrascht an.

Er grinste. „Ich habe einiges über ihn im Archiv gefunden. Er ließ sich vor fünf Jahren in London als Privatdetektiv nieder. Seine Vergangenheit liegt im Dunkeln. Angeblich soll er ein ehemaliger Fremdenlegionär und Ex-Geheimagent sein... Jedenfalls scheint er sich beruflich auf eine bestimmte Art Morde zu konzentrieren.“ Ich hob die Augenbrauen.

„Was meinst du damit?“

Jim zeigte mir ein paar Zeitungsartikel, in denen sein Name – zumeist nur beiläufig – erwähnt wurde.

„Es ging jedesmal um Sekten, Ritualmorde, Geheimkulte und dergleichen...“

Ich überflog kurz die Überschriften. Eine fiel mir besonders ins Auge:

SCOTLAND YARD: KEINE BEWEISE FÜR DIE EXISTENZ EINER TEMPELRITTER-SEKTE!

Mordfall Mary Barnes noch immer ungeklärt. Selbstmord nicht ausgeschlossen.

Ich überflog den Artikel. Es ging um eine junge Frau, die sich an die Polizei gewandt hatte, um vor einer mysteriösen Tempelritter-Sekte geschützt zu werden. Mary Barnes hatte behauptet, während eines Frankreich-Urlaubs in Marseille mit der Sekte in Kontakt gekommen zu sein. Jetzt wollte sie aussteigen und die Öffentlichkeit vor den gefährlichen Zielen dieser geheimen Vereinigung zu warnen.

Wenig später war sie tot!

Als dann herauskam, dass die junge Frau kurzzeitig in psychiatrischer Behandlung gewesen war, schien der Fall für die Behörden klar. Mary Barnes litt unter Verfolgungswahn.

„Was interessiert dich so an diesem Artikel?“, fragte Jim. „Dieser Taylor scheint dich ja mächtig beeindruckt zu haben. Da kann man ja richtig neidisch werden. Allerdings...“ Ich blickte auf. „Was?“

„Wenn du mich fragst – für mich ist das eine dubiose Gestalt.“

„Vielleicht werde ich heute Abend mehr erfahren“, murmelte ich.

*

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ASHTON WAR PÜNKTLICH. Er wartete auf dem Parkplatz auf mich und saß in einem sportlichen Cabriolet.

„Steigen Sie ein, Miss Vanhelsing!“

„Soll ich nicht besser hinter Ihnen herfahren?“

„Haben Sie Angst, dass ich Sie nicht zurückbringe?“ Wir fuhren durch den Londoner Abendverkehr.

Zwanzig Minuten später parkte er den Wagen in einer Seitenstraße. Er war ein vollendeter Gentleman und machte mir die Tür auf.

Mir gefiel seine Art. Dieser Mann strahlte Sicherheit und Erfahrung aus. Und das Geheimnisvolle, das ihn umgab, erhöhte mein Interesse an ihm noch.

Auch wenn ich es mir in diesem Augenblick noch nicht so recht eingestehen mochte, aber ich traf mich nicht nur mit ihm, weil ich hoffte, mehr über die Hintergründe des Larue-Falles zu erfahren.

Ich wollte den Mann kennenlernen, der Ashton Taylor war.

„Mögen Sie indische Küche?“, fragte er mich.

„Kulinarisch bin ich für alles offen.“

„Um so besser.“

Das Restaurant, in das er mich führte, gehörte zur gehobenen Klasse. Es war geschmackvoll eingerichtet, und ein Kellner führte uns zu Tisch und zündete die Kerzen darauf an.

„Mister Taylor“, begann ich, aber er unterbrach mich mit einer Handbewegung.

„Seien Sie nicht so förmlich. Nennen Sie mich Ashton!“

„Meinetwegen. Sagen Sie bitte Patricia zu mir!“

„Sie wollen wissen, was Larue von mir wollte? Ich sollte jemanden für ihn suchen. Wie Sie vielleicht gelesen haben, ist Larue seit einiger Zeit zum zweitenmal geschieden. Seit dem hatte er häufig wechselnde Liebschaften. Die letzte hieß Peggy Jones.“

„Eine Engländerin?“

„Ja. Sie ist verschwunden. Aus dem Grund ist Larue übrigens nach London gekommen.“

„Und? Haben Sie irgendeine Spur von dieser Peggy gefunden, Ashton?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, bislang nicht. Ich stand allerdings auch erst am Anfang meiner Recherchen.“

Er nahm meine Hand.

„Wissen Sie, es ist ein so schöner Abend, Patricia.

Wollen wir uns da wirklich nur über so unerfreuliche Dinge unterhalten wie ermordete Schauspieler und ihre verschwundenen Geliebten?“

Der Kellner kam und brachte den Wein.

Es war ein edler Tropfen.

Wir stießen an.

„Auf uns, Patricia!“

„Meinetwegen.“

Wir tranken. Der Wein schmeckte sehr süß.

„Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie eine sehr attraktive Frau sind, Patricia?“

„Jedenfalls nicht so charmant wie Sie...“, erwiderte ich etwas verlegen. „Ich möchte noch einmal auf Larue zurückkommen“, sagte ich dann. „Er hatte eine Tätowierung auf der Brust.“

„Schauspieler sind manchmal etwas exzentrisch. Das ist doch bekannt.“

„Es war ein achspitziges Kreuz. Sie wissen, was das für ein Zeichen ist. Oder muss ich erst den Namen Mary Barnes erwähnen, um Ihr Erinnerungsvermögen anzuregen, Ashton?“ Es war das erste Mal, dass ich so etwas wie Verwunderung in seinem Gesicht sah.

„Alle Achtung“, meinte er anerkennend. „Wie es scheint, habe ich Sie unterschätzt. Das achtspitzige Kreuz ist das Zeichen des Templer-Ordens...“

„...von dem manche glauben, dass er bis heute, über all die Jahrhunderte hinweg im Verborgenen existiert.“

„Spekulationen“, erwiderte Ashton kühl.

„Mary Barnes starb durch diese Leute, Larue ist ebenfalls tot... Und ich nehme an, dass Sie mehr darüber wissen, Ashton.“

„Lassen Sie die Finger von der Sache, Patricia!“, sagte er plötzlich und dabei hatte seine so warm klingende Stimme mit einem Mal einen harten, metallischen Klang, der keinen Widerspruch duldete. „Sie verrennen sich in eine wilde Theorie!“

„Es ist mehr, Ashton, und das wissen Sie auch!“

„Wenn es wirklich mehr als nur eine Theorie wäre, Patricia, dann wäre dies um so mehr ein Grund für Sie, die Finger davon zu lassen, wenn...“

„...wenn ich ich nicht zum Schweigen gebracht werden will? Für immer?“

Er erwiderte nichts darauf.

Aber unsere Blicke ruhten aufeinander, und ich wünschte mir in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als zu wissen, was hinter seinen grauen Augen vor sich ging.

Augen sind Fenster der Seele, so sagt man. Aber was die grauen Augen von Ashton Taylor anging, hatte ich nichts weiter als ein einziges großes Geheimnis vor mir...

„Hören Sie, Patricia“, sagte er dann in einem versöhnlichen Tonfall. „Ich mag Sie. Und genau aus diesem Grund werde ich Ihnen in dieser Sache nicht weiterhelfen. Es ist zu Ihrem Besten!“

„Werden Sie diese Peggy Jones weiterhin suchen?“

„Mein Auftraggeber ist tot.“

Eine konkrete Antwort auf meine Frage war das nicht, die blieb er mir schuldig.

Trotzdem wurde es ein wundervoller Abend. Und je länger ich in Ashtons Nähe war, desto mehr nahm mich dieser Mann mit seiner Art gefangen.

Es war bereits dunkel, als wir zu Ashtons Wagen zurückkehrten. Er hatte sanft den Arm um meine Schultern gelegt, während wir die dunkle Straße entlanggingen.

„Werden Sie jetzt noch arbeiten, wenn ich Sie zurück zur Redaktion der EXPRESS NEWS fahre?“

„Nein, ich glaube nicht. Aber...“ Er hob die Augenbrauen, während er mir die Wagentür öffnete.

„Aber was?“, hakte er nach.

Ich stand ziemlich dicht bei ihm. Unsere Blicke trafen sich.

Und im nächsten Moment auch unsere Lippen.

Es war erst ein etwas schüchterner, dann ein leidenschaftlicher Kuss voller Gefühl und Verlangen.

Die Knie drohten unter mir nachzugeben, und es schien eine kleine, wundervolle Ewigkeit zu dauern, bis sich unsere Lippen wieder voneinander lösten.

„Vielleicht bringst du mich ja gar nicht zur Redaktion“, hauchte ich etwas außer Atem.

„Sondern?“

„Nun, es könnte ja sein, dass du mich noch auf eine Tasse Kaffee zu dir nach Hause einlädst. Ich würde jedenfalls nicht nein sagen...“

*

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WEIßT DU EIGENTLICH, wie spät es ist?“, begrüßte mich Tante Lizzy als ich nach Hause kam. Eigentlich hatte ich gedacht, ich sei sehr leise gewesen. Bevor ich die Treppe hinaufging, von der ich wusste, dass sie knarrte, hatte ich mir extra die Schuhe ausgezogen.

Aber Tante Lizzy schien exzellente Ohren zu haben.

„Ich weiß, wie spät es ist, Tante Lizzy.“

„Du kannst mir nicht erzählen, dass das jetzt etwas mit deinem Job zu tun hat...“

„Ja und nein.“

Wir gingen zusammen ins Kaminzimmer, wo sie auf mich gewartet hatte, und ich ließ mich in einen Sessel fallen. Ich war müde, im Grunde war es ja schon früher Morgen.

„Du hättest mich wenigstens anrufen können“, tadelte mich Tante Lizzy.

Sie hatte immer noch nicht so recht begriffen, dass ich kein kleines Mädchen mehr war. Doch im Grunde hatte ich auch gar nichts gegen ihre Fürsorge.

Ich gähnte ungeniert. Und dann eröffnete ich ihr: „Ich habe einen faszinierenden Mann kennengelernt, Tante Lizzy!“ Sie seufzte.

„Das hätte ich mir ja denken können.“

„Er heißt Ashton Taylor. Und sein Gesicht... Es ist das Gesicht, das ich im Traum gesehen habe!“ Tante Lizzy war völlig entgeistert. Mit weit aufgerissenen Augen saß sie mir gegenüber und schüttelte dann stumm den Kopf.

Als sie sich schließlich gefasst hatte, beschwor sie mich geradezu, mich von diesem Mann fernzuhalten.

„Dein Traum war eine Warnung, Patti!“

„Ach, Tante Lizzy. Wenn ich in dem Traum etwas über meine Zukunft gesehen habe, dann ist doch gar nicht gesagt, dass Ashton darin eine negative Rolle spielt.“

„Patti, pass auf dich auf!“

„Natürlich.“

Ich hatte jetzt einfach keine Lust, mich länger mit ihr zu unterhalten. Die Müdigkeit war zu groß.

Doch erholsamen Schlaf fand ich in dieser Nacht nicht.

Mich quälte erneut der Alptraum, der mich schon eine ganze Weile in mehr oder minder regelmäßigen Abständen heimsuchte.

Wieder war ich angekettet und stand einem Tempelritter in voller Rüstung und mit heruntergelassenem Visier gegenüber.

Und obwohl ich den Ablauf des Traumes doch inzwischen so genau kannte, empfand ich alles als völlig real.

Der Ritter holte zu seinem Schlag aus und dann...

Ashtons Gesicht!

Ich erwachte und fuhr hoch. Kerzengerade saß ich im Bett und zitterte am ganzen Körper. Tante Lizzy hat recht, sagte ich mir. Dieser Traum hat etwas zu bedeuten...

Aber was er über Ashton aussagte, das war mir noch nicht so recht klar. Was hatte er mit dem finsteren Ritter zu tun?

War es am Ende gar sein Gesicht, das unter dem heruntergelassenen Visier steckte?

Der Gedanke traf mich wie ein Schlag vor den Kopf.

Was, wenn Ashton selbst in diesen rätselhaften Mord verwickelt war?

Ich versuchte, diesen furchtbaren Gedanken zu verscheuchen, aber es ergab durchaus eine Sinn. Daran konnte ich einfach nicht vorbeigehen.

*

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AM NÄCHSTEN MORGEN saßen Tante Lizzy und ich beim Frühstück zusammen. Ich erzählte ihr von den Mordfällen Larue und Mary Barnes. Natürlich ließ ich nicht unerwähnt, dass da ein Zusammenhang mit dem geheimnisvollen Templer-Orden bestehen konnte.

„Ich muss alles darüber wissen“, sagte ich. „Hältst du es wirklich für möglich, dass ein solcher Orden über Jahrhunderte hinweg existiert hat?“

„Wenn, dann würde das nichts Gutes bedeuten!“, meinte Tante Lizzy düster.

„Was meinst du damit?“

„Die Templer wurden grausam verfolgt, mein Kind. Sie hätten allen Grund, sich zu rächen für das, was ihnen angetan wurde...“

Über diese Seite der Medaille hatte ich noch gar nicht nachgedacht.

Ich führte meine Teetasse zum Mund und hörte Tante Lizzy zögernd fragen: „Wie ernst ist das mit diesem Ashton Taylor und dir?“

„Wie meinst du das?“

Details

Seiten
550
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920246
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v428110
Schlagworte
mitternachts-thriller albträume masken

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Titel: 5 Mitternachts-Thriller: Albträume und Masken