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Kit Carson Sammelband 5 Intrigen im Westen

2018 400 Seiten

Leseprobe

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Kit Carson Sammelband 5 Intrigen im Westen

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Dieses Buch enthält die Romane:

Band 9  Gefahren am Mississippi

Band 10 Mormonen und Seminolen

Band 11 Das Netz zieht sich zusammen

In Florida rüsten die Seminolen zum Aufstand. Am Mississippi ziehen die Stämme der Sauk und Fox gegen die weißen Siedler ins Feld. Bei den Mormonen gärt es. Und auch auf dem New Mexico-Territorium droht Krieg.

Noch ahnen nur wenige Menschen, dass zwischen all diesen dramatischen Ereignissen ein Zusammenhang besteht. Die Fäden werden in Washington gezogen. Sollte diese groß angelegte Verschwörung von Erfolg gekrönt werden, so wird es kein geeintes Nordamerika mehr geben. Die politische Zukunft der noch jungen Nation steht auf dem Spiel.

Kit Carsons Mentor Charles Bent aber ahnt längst, was im Geheimen geplant ist. Er schickt Kit Carson und dessen Freund Washakie an den Mississippi, um dort Schlimmeres zu verhindern. Jim Bridger lässt er zu den Lemhi-Schoschonen reiten, um dort einzugreifen. Und er selbst begibt sich nach Florida, wo in einem abgelegenen und verlassenen, ehemals spanischem Fort die Seminolen gefährliche Pläne schmieden.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / COVER ALFRED HOFER 123rf

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Cover:  Nach einem Motiv von William Ranney mit Steve Mayer, 2016

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Kit Carson

Band 9

Gefahren am Mississippi

von Leslie West

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Hugo Kastner, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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IN FLORIDA RÜSTEN DIE Seminolen zum Aufstand. Am Mississippi ziehen die Stämme der Sauk und Fox gegen die weißen Siedler ins Feld. Bei den Mormonen gärt es. Und auch auf dem New Mexico-Territorium droht Krieg.

Noch ahnen nur wenige Menschen, dass zwischen all diesen dramatischen Ereignissen ein Zusammenhang besteht. Die Fäden werden in Washington gezogen. Sollte diese groß angelegte Verschwörung von Erfolg gekrönt werden, so wird es kein geeintes Nordamerika mehr geben. Die politische Zukunft der noch jungen Nation steht auf dem Spiel.

Kit Carsons Mentor Charles Bent aber ahnt längst, was im Geheimen geplant ist. Er schickt Kit Carson und dessen Freund Washakie an den Mississippi, um dort Schlimmeres zu verhindern. Jim Bridger lässt er zu den Lemhi-Schoschonen reiten, um dort einzugreifen. Und er selbst begibt sich nach Florida, wo in einem abgelegenen und verlassenen, ehemals spanischem Fort die Seminolen gefährliche Pläne schmieden.

Vorwort:

Am Rande der Missouriwälder und an den Ufern der Prärieflüsse wächst ein Strauch, der in Nordamerika seinesgleichen nicht hat: Die Erdbohne, die Botanikern als Falcata comosa bekannt ist. Ihr dichtbelaubtes Gezweig erinnert ein wenig an Weinreben, und wie die Rebe benötigt auch die Erdbohne eine Stütze, um daran empor zu wachsen. Fehlt sie, so verfilzen sich die zarten dünnen Zweige zu einem undurchdringlichen Gewirr von Ranken und Schlingen. Bei näherer Betrachtung enthüllt der Falcatastrauch dem aufmerksamen Beobachter seine doppelte Gestalt: Er wendet sich nach oben und nach unten, zum Himmel und zur Erde, zum Licht des Tages und zum Dunkel der Nacht. Vertieft wird diese Doppelheit weiter durch zwei Arien von Zweigen, zwei Arten von Blüten und zwei Arten von Früchten. Nach oben streben belaubte Ranken mit leuchtenden, purpurfarbenen Kelchen von der Länge eines Fingergliedes, in denen drei bis fünf kleine Bohnen heranwachsen. Nach unten entwinden sich dem Hauptstamm blattlose Schlinger, die dicht am Boden dahin kriechen und ganz unauffällige winzige Blüten tragen. Diese Blüten wiederum treiben Schoten mit einer einzigen großen Bohne in den Boden hinein, und eben von dieser im Humus gedeihenden Bohne führt der Strauch seinen Namen.

Diese wenig auffällige und doch wundersame Pflanze wurde zu Beginn der Dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts zum Symbol eines Geheimbundes, dessen Machenschaften die amerikanische Nation in ihren Grundfesten zu erschüttern drohten.

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PAYNE’S LANDING

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VOR DEM DUNKELGRÜNEN Blätterwerk der gewaltigen Mangrovenbäume schimmerte das makellose Gefieder der vorbeiziehenden Silber- und Seidenreiher wie im Halblicht tanzende Spiegelsplitter. Waldibisse und Rosalöffler saßen in solchen Scharen in den Wipfeln, als hätte man diesen Waldabschnitt im oberen Teil Floridas für Weihnachten geschmückt.

Dem Trupp Soldaten, der dem Oklahoma River nach Payne’s Landing folgte, war alles andere als weihnachtlich zumute. In der subtropischen Wärme der ersten Maitage klebte jedem einzelnen das schweißnasse Hemd auf dem Leib. Ihre Uniform war ohnehin nicht dazu angetan, um in diesem feuchten Klima zu bestehen. Die Kreuzgurte der unteren Dienstgrade schnürten deren Oberkörper wie Panzer ein, und ihre zylinderförmige Behelmung trug noch zusätzlich zu dem Gefühl bei, ersticken zu müssen.

Den beiden voran reitenden Offizieren erging es nicht besser. Ihre Epauletten waren von innen und außen durchfeuchtet, und der dickere von beiden nahm seinen Dreispitz immer öfter ab, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen.

“Verflucht sei die Stunde, an der ich mich zu dieser Mission bereit erklärt habe, Butler”, keuchte er. “Danach lasse ich mich auf der Stelle beurlauben. Falls es überhaupt zu einem Danach kommt”, setzte er finster hinzu.

Der angesprochene zweite Offizier war eher hager und nicht besonders groß. Er trug einen Schnurrbart, und in seinen graublauen Augen stand ein Ausdruck, der Gesprächspartner zur Vorsicht mahnte.

“Sie sollten nicht zu schwarz sehen, Colonel Gadsden”, erwiderte er mit einer Stimme, die beruhigend wirken sollte. “Wir haben alles im Griff.”

“Dann wissen Sie vielleicht mehr als ich!”, schnappte Gadsden. “Als Angehöriger einer Sonderabteilung des Kriegsministeriums hat man Ihnen möglicherweise Dinge anvertraut, die einen gewöhnlichen Offizier wie mich nichts angehen!”

Schon die Art und Weise, wie Butler ihm zur Seite gestellt worden war; hatte dem Oberst nicht gepasst. Anstelle des lakonischen Schreibens hätte er zumindest eine mündliche Einweihung erwartet. Doch nichts dergleichen hatte stattgefunden.

James Gadsden war ein altgedienter Soldat. Vor über zwanzig Jahren hatte er seine Handelskarriere aufgegeben. 1812 war er im Krieg gegen England zunächst Leutnant geworden, und als er Andrew Jackson bei der Organisation und Überprüfung der militärischen Verteidigung des Südwestens und der Golfküste zur Seite gestanden hatte, war er allmählich die Karriereleiter emporgestiegen. Am Ersten Seminolenkrieg von 1817 bis 1819 hatte er ebenfalls teilgenommen, und dieser hatte seine Einstellung zu den Indianern entscheidend geprägt. Bei den bevorstehenden Verhandlungen würde er sich entsprechend verhalten.

Die Seminolen waren intelligente, ernstzunehmende Gegner. Sie hatten ganze Städte angelegt und 1812 auf der Seite der Briten gekämpft Sie kultivierten Felder und gewährten den entflohenen schwarzen Sklaven Zuflucht. Zähneknirschend musste James Gadsden ihnen einräumen, dass sie ebenso geschickte Politiker wie Untergrundkämpfer waren. Sie waren imstande, das unübersichtliche Sumpfgebiet der Everglades in tödliche Fallen zu verwandeln. Und sie hatten gelernt, dass von den Weißen nichts Gutes kam. 1813 und 1814 hatte Andrew Jackson Creek-Indianer auf ihr Gebiet getrieben. 1819 hatten die Vereinigten Staaten Florida von den Spaniern gekauft, und 1823 hatte die Regierung einen Vertrag festgelegt, der die Seminolen in den Zentralbereich der Halbinsel nördlich der Everglades verbannte.

1828 war Jackson mit 3.500 Soldaten erneut eingefallen. Allein diese hohe Zahl verriet seinen Respekt vor den ansässigen Indianern. Und vor zwei Jahren war der Indian Removal Act verabschiedet worden, in dem die Regierung ihren ausdrücklichen Segen zur Zwangsumsiedlung von Indianerstämmen gab. Der Auftrag, den James Gadsden vor kurzem erhalten hatte, bildete einen Teil der Umsetzung dieses Gesetzes in die Tat. Gadsden hätte sich ein Dutzend leichtere Aufgaben vorstellen können.

“Ihre harten Worte und Ihre Erregung sind ganz ohne Zweifel auf das unerträgliche Klima zurückzuführen, Colonel“, unterbrach Butlers Stimme seine düsteren Gedanken. “Doch gerade angesichts der Bedeutung unserer Mission sollten wir die Ruhe bewahren.”

Mit diesen Worten wurde er dem Oberst nur noch unsympathischer.

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PINIEN UND EICHEN UMSTANDEN die weitläufige Lichtung am Oklahoma River im Herzen Floridas, die mit Sägegras bewachsen war. Blühende Azaleen und Hyazinthen leuchteten als Farbtupfer zwischen den Halmen heraus. Damit war der friedliche Eindruck erschöpft.

Die Soldaten hatten sich auf eine Weise um eine alleinstehende Eiche gruppiert, die man auf keinen Fall als zwanglos bezeichnen konnte. Oberst Gadsden hatte seine Pfunde davor auf einen primitiven Stuhl gewuchtet und stützte seine Hand auf den Krummsäbel vor sich, den er in den Boden gesteckt hatte. Am lockersten wirkte noch Butler, der mit verschränkten Armen an der Eiche lehnte.

Gadsden hatte sich gerade noch zurückgehalten, ihm einen giftigen Blick zuzuwerfen, der nicht nur seine Nervosität verraten, sondern auf die anderen Gesprächsteilnehmer auch sehr befremdend gewirkt hätte.

Mitten auf der Lichtung stand ein Tisch. In einem zu den Soldaten geöffneten Halbkreis war er von mehreren Dutzend Indianern umgeben, die weniger einheitlich als die Angehörigen anderer Stämme gekleidet waren. In ihren Gesichtern war ebenfalls Unterschiedliches zu lesen, aber eines in keinem: Freundlichkeit.

Gadsden räusperte sich, bevor er sprach.

“Ihr bekommt 15.400 Dollar!“, setzte er seine Ausführungen fort. “Das ist viel Geld, wenn ihr bedenkt, dass euch dafür nichts genommen wird und ihr nur in ein Territorium umziehen sollt, das wie dieser Fluss benannt ist und in dem ihr euch dann frei bewegen dürft. In der Enge dieser Halbinsel seid ihr weit schlimmeren Unbilden ausgesetzt als in eurer neuen Heimat.”

Damit war sein eher kärglicher Appell überraschend beendet.

Einige Minuten lastete düsteres Schweigen über der Lichtung. Gadsden hoffte, dass er sich auf seine Vorarbeit und die der anderen verlassen konnte. Sie waren nicht aus heiterem Himmel hier zusammengekommen.

Am meisten ärgerte sich der Oberst darüber, dass Butler bis zuletzt nichts von sich gegeben hatte, was den gemeinsamen Interessen hätte dienlich sein können. Aber vielleicht gehörte dies zur Gesamtstrategie des Kriegsministeriums, wenn nicht gar des Präsidenten selbst. Möglicherweise wollte man einige Trümpfe bis zuletzt in Reserve halten.

Endlich begannen die Indianer miteinander zu tuscheln. Ihre Stimmen wurden lauter, aber es schien sich um keine ernste Auseinandersetzung zu handeln. Dann erhob sich ein älterer Mann und schlurfte auf den Tisch in der Mitte der Lichtung zu. Auf ihm lag der Vertrag, der Gadsden bereits jetzt soviel Nervenkraft gekostet hatte. Mit ungelenken Bewegungen setzte der Indianer sein Zeichen darunter. Der Oberst gestattete sich ein erstes unhörbares Aufatmen.

Nun erhob sich ein zweiter, ein dritter und ein vierter Seminole. Alle schritten an den Tisch und folgten dem Beispiel ihres Vorgängers. In seiner Anspannung fiel es Gadsden nicht auf, dass es nun Butler war, dessen Unruhe stieg.

An einem Ende der Lichtung entstand Bewegung, als sich dort die Büsche teilten. Als wären sie sich unvermittelt völlig einig, blickten Soldaten und Seminolen in die gleiche Richtung.

Der Neuankömmling, unverkennbar ein weiterer Seminole, war ein ungefähr dreißigjähriger Mann von außergewöhnlicher Schönheit, dessen Haar nicht nur von Reiherfedern, sondern auch von zwei Graufuchsschwänzen geschmückt wurde. In seinen ebenmäßigen Zügen und melancholischen Augen stand Grimm zu lesen, als sich seine nicht übermäßig große, doch schlanke und sehnige Gestalt mit raschen, kraftvollen Schritten auf den Tisch zwischen den Soldaten und seinen Stammesangehörigen zubewegte. Dort angekommen, zog er sein Messer und stieß es mit solcher Macht durch den Vertrag und die Tischplatte, dass es unten wieder herausragte.

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DER FALSCHE OFFIZIER

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EINEN AUGENBLICK SCHIEN alles wie erstarrt.

Auf der Seite der Indianer wollte der Tumult zuerst losbrechen. Sie sprangen auf und riefen wild durcheinander. Ein energischer Wink des eben Angekommenen brachte sie abrupt zur Ruhe.

Auf der Gegenseite brachten die Soldaten ihre Waffen in Anschlag. Mit dem jahrzehntelang geschulten Instinkt eines Offiziers erkannte James Gadsden, dass ein einziger Schuss genügen würde, um eine unwiderrufliche Katastrophe heraufzubeschwören.

“Waffen nieder!”, brüllte er seine Mannschaft an. “Wollt ihr, dass hier nur Tote zurückbleiben?”

Seine Autorität trug den Sieg über die Panik der Männer davon. Seine Kampferfahrung ließ Gadsden längst wieder in militärstrategischen Bahnen denken. Ein Hinterhalt war zu befürchten, aber nicht allzu wahrscheinlich. Der Neuankömmling wäre sonst anders in Erscheinung getreten. Dort, wo er stand, hätten ihn die Soldaten selbst bei einem sofortigen Angriff noch als Geisel nehmen können, und dumm schien er nicht zu sein. Außerdem hatte er seine Stammesangehörigen zurückgehalten. Noch bestand damit die Chance, alles ausdiskutieren zu können.

“Was soll das?”, ergriff der Oberst als erster das Wort. “Warum hast du unsere friedlichen Verhandlungen gestört?”

“Friedliche Verhandlungen?”, höhnte der Angesprochene. “Betrug! Die weißen Siedler sind es, die euch im Nacken sitzen und für die ihr dieses Gebiet von uns räumen sollt. Und um euer Vorgehen zu rechtfertigen, wollt ihr unsere Zeichen auf eurem Papier, um es uns bei Widerstand entgegenzuhalten. Aber seht euch bloß diese 'Abgeordneten’ an! Es ist kein einziges bedeutendes Oberhaupt dabei! Es sind betrunkene Strohmänner, die ihr hinter unserem Röcken gekauft habt!”

Lautes Murren drang aus den Reihen der Indianer. Gadsden konnte nicht erkennen, ob es sich um Zustimmung oder um Ablehnung handelte, aber er wollte sich das Heft nicht aus der Hand reißen lassen.

“Wer bist du, dass du es wagst, mit deinen Leuten und mir so zu sprechen?”, fuhr er den Krieger an, ohne die Umgebung aus den Augen zu lassen.

“Mein Name? Osceola!”

James Gadsden zog die Augenbrauen hoch. Er hatte diesen Namen wohl bereits vernommen, jedoch keinen Grund gesehen, ihm irgendwelche Bedeutung beizumessen.

Osceola war am Tallapoosa River in Georgia geboren und hatte schon von sich reden gemacht. Da er aber keinen abstammungsmäßigen Anspruch auf irgendeine Häuptlingswürde ererbt hatte, war der Oberst zu dem Schluss gekommen, dass Osceola keine zu berücksichtigende Größe war.

“Du hast kein Recht, in einer vorbestimmten Versammlung ungefragt das Wort zu ergreifen.”

Gadsden spürte, dass die Zeit und Osceolas Worte rasch gegen ihn arbeiten würden, falls er es dazu kommen ließ, dass der junge Seminole das, was er bereits angedeutet hatte, noch weiter ausführte. Rasches Handeln war vonnöten.

“Ergreift ihn.”

Zwei Soldaten des Colonels schickten sich an, dem Befehl nachzukommen. Sofort erwachte die Feindseligkeit auf beiden Seiten erneut.

“Halt!”

Fassungslos wandte sich Gadsden dem Rufer zu.

“Sind Sie jetzt völlig übergeschnappt, Butler? Wollen Sie unsere gesamten Bemühungen zunichte machen?”

“Und was glauben Sie, was Sie tun, Oberst, wenn sie Osceola gefangen nehmen? Glauben Sie, die Indianer würden tatenlos zusehen?”

Dieser Eindruck bestand in der Tat keinesfalls. Sämtliche Seminolen hatten bereits die Hände an den Waffen, worin ihnen die Soldaten allerdings nicht nachstanden.

“Lassen Sie Osceola frei, Gadsden.”

Der Colonel schüttelte langsam den Kopf.

“Sie wurden mir zugeteilt, Butler, aber nicht vorgesetzt. Ich bin der Ranghöhere. Nehmt diesen roten Aufwiegler fest, Männer.”

Die beiden Soldaten gehorchten.

Butler verließ die eigenen Reihen und trat auf die andere Seite des Tisches.

“Also gut. Dann bleibe ich als Geisel hier. Es darf nicht zu einem Blutbad kommen.”

James Gadsden hatte sich am liebsten die Haare gerauft.

“Eine Dummheit am Tag genügt Ihnen wohl nicht, Butler? Kommen Sie sofort zurück!”

“Bedaure, Colonel”, erwiderte der schmale Mann mit einer so ruhigen Stimme, als wäre er von der ganzen Angelegenheit überhaupt nicht betroffen. “Ich habe für jede Situation entsprechende Anweisungen. Falls wir ein Massaker verhindern wollen, haben wir ohnehin keine andere Chance.”

Er wandte sich den Indianern zu.

“Hört mich an, Krieger. Es gibt Zeiten des Kampfes, und es gibt Zeiten des Überlegens. Lasst Vernunft walten und die Waffen ruhen. Betrachtet diese Angelegenheit als einen Austausch von... Botschaftern.”

Gadsden erkannte, dass ihm das Heft aus der Hand genommen worden war. Wütend winkte er Osceolas Ergreifer mit ihrem Gefangenen zum übrigen Trupp zurück und gab das Zeichen zum Aufbruch.

“Fahren Sie meinetwegen zur Hölle mit Ihrer Sturheit!”, schnappte er Butler zum Abschied noch zu.

Dieser lächelte nur.

“Nicht ohne mein Reittier und mein Packpferd, Colonel. Lassen Sie bitte beide hier.”

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DER HOCHGEWACHSENE Mann, der vom ersten Stock des klassizistisch errichteten Präsidentenhauses in Washington gedankenverloren einem Schäfer nachblickte, der seine Herde auf das eine halbe Meile entfernte Nachbaranwesen zu trieb, hatte trotz seiner fortgeschrittenen Jahre noch die schlanke Gestalt eines Jünglings. Seine schlohweiße, immer noch dichte Haarmähne war streng zurück gekämmt, bedeckte die Ohren zur Hälfte und umrahmte ein zerfurchtes, energisches Gesicht.

Andrew Jackson, siebenter Präsident der Vereinigten Staaten, war eine charismatische Persönlichkeit.. Mit ihm hatte erstmals ein Angehöriger der Demokratischen Partei das höchste Staatsamt inne.

“Wir haben Osceola inzwischen wieder freigelassen, James.”

Colonel Gadsden kannte Jackson lange genug, um den leisen Tadel aus seiner Stimme herauszuhören: Old Hickory nannte ihn der Volksmund, alter Ahorn. Für die meisten war er ein in die Jahre gekommener Held. Sein aufbrausendes Temperament war nur zu bekannt. Dass Jackson so ruhig an ihm Kritik übte, hatte Gadsden ihrer langjährigen Bekanntschaft zu verdanken, und das war ihm in diesem Augenblick nur allzu bewusst. Dabei war Jacksons Vergangenheit weit bewegter als die Gadsdens.

Als echter Grenzer war Old Hickory vor der Wahl ins Weiße Haus Soldat Holzhauer, Viehtreiber, Sattlerlehrling, Schulmeister, Advokatengehilfe, Anwalt, Händler, Pflanzer, Abgeordneter, Senator, Miliz- und Armeegeneral gewesen. Seine Feinde hatte er auf diesem Weg in den Reihen der Republikaner, des Geldadels, der feinen Gesellschaft, der Bürokraten und der Indianer gefunden.

“Wir mussten es tun, Oberst, um noch größere Verwicklungen zu vermeiden.”

John Eaton war der dritte Anwesende. Sein Rücktritt vom Amt des Kriegsministers war letzten Endes auf gesellschaftliche Engstirnigkeit zurückzuführen gewesen, und vielleicht hatte er gerade deshalb Jacksons Sympathien in vollem Umfang behalten.

Old Hickory machte sich wenig aus gesellschaftlichen Konventionen. Als neugewählter Kongressdelegierter Tennessees war er damals die achthundert Meilen nach Philadelphia durchgeritten und hatte die Kongresshalle mit langen, ins Gesicht fallenden Locken, einem mit einer Aalhaut zusammengebundenen und über den Rücken hängenden Zopf, in einer sehr abenteuerlichen Kleidung und mit den Manieren eines Waldläufers betreten.

Trotz seines Rücktritts war Eaton ein Vertrauter des Präsidenten geblieben und somit Mitglied des berühmten “Küchenkabinetts” geworden, einem engen Kreis, dem Jackson oft Wichtigeres anvertraute als den Ministern.

Gadsden fand es an der Zeit, die Vorwürfe nicht länger unwidersprochen hinzunehmen.

“Mir selbst war von Anfang an klar, dass diese Mission nicht an die große Glocke gehängt werden durfte. Darum bin ich auch mit relativ wenigen Leuten losgezogen, trotz des großen Risikos, damit zahlenmäßig den Roten vernichtend unterlegen zu sein. Ohne die Ihnen beiden sicher Wohlbekannten geheimen Vorabschlüsse wäre die ganze Angelegenheit sowieso ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.”

“Ich wusste warum ich Sie schickte, James”, griff der Präsident den Faden auf. “Nicht umsonst habe ich mich jahrelang selbst mit den Seminolen herumgeschlagen. Diesmal hatten wir alles so gut eingefädelt. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, kam diese peinliche Lage allein durch das Auftauchen Osceolas zustande.”

Oberst Gadsden zuckte die Schultern.

“Meiner Meinung nach hätte sich der Mann von der Geheimabteilung des Kriegsministeriums geschickter verhalten können, in jedem Fall aber solidarischer.”

Old Hickory hatte aufgehorcht.

“Was erzählen Sie da?”

“Nun ja, dieser Butler, der mir in einem vertraulichen Schreiben vom Kriegsministerium zugewiesen wurde. Ich wollte ihn eigentlich überhaupt nicht erwähnen. Er hat mir deutlich genug zu verstehen gegeben, dass seine Teilnahme durch eine geheime Absprache zustande gekommen ist, von der ich, aus welchen Gründen auch immer, offensichtlich nichts wissen durfte.”

Der Präsident und der ehemalige Kriegsminister schauten sich betroffen an. Im Zimmer schien es plötzlich kühler zu werden.

Jackson fasste sich als erster.

“Ich habe den Eindruck, Sie haben mir die ganze Geschichte immer noch nicht ausführlich genug erzählt, James. Fangen Sie bitte noch einmal an, und lassen Sie diesmal nicht die geringste Kleinigkeit aus.”

Gadsden kam der Aufforderung nach. Danach herrschte betretenes Schweigen.

“Was ist?”, konnte sich der Oberst schließlich nicht mehr länger zurückhalten.”Nachdem Osceola frei ist, haben die Roten Butler sicher längst rausgerückt. Hat er denn noch nicht Bericht erstattet?”

Er war erleichtert; alles erzählt zu haben. Sollte man ihn nun mit diesem Butler konfrontieren, würde er aus seiner ehrlichen Meinung über ihn nicht länger eine Mördergrube machen.

Eaton schüttelte wie betäubt den Kopf. Er schien noch um eine Spur blasser geworden zu sein.

“Im gesamten Kriegsministerium gibt es keinen Mann namens Butler. Ebenso wenig gab es jemals eine diesbezügliche Geheimabsprache. Wen, um Gotteswillen, haben Sie da zu den Seminolen gebracht”

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BUTLER HATTE GEWARTET, bis Gadsden mit seinem Trupp außer Sichtweite war. Als dies der Fall war, wandte er sich an die Indianer.

“Ich würde gerne meine Pferde holen und mich umziehen.”

“Oder die letzte Gelegenheit nutzen, doch noch davonzukommen”, vermutete der am dichtesten bei im stehende Krieger.

“Dann bringt sie her, gebt mir die Satteltaschen und lasst mich schnell in einem eurer Zelte verschwinden.”

Seiner Aufforderung wurde Folge geleistet.

Als Butler das Zelt verließ, trug er den Hut und die Jacke eines Zivilisten, dazu Reiterhosen und hochschäftige Stiefel. Selbst sein Gesichtsausdruck schien verwandelt. Niemand hätte ihn jetzt noch mit einem Offizier in Verbindung gebracht. Die Seminolen musterten ihn verstohlen und mit verwunderten Blicken.

“Wollen wir ihn einsperren?”, fragte einer der Unterzeichner des Vertrags unschlüssig.

“Nichts dergleichen”, ergriff Butler das Wort, “bringt mich zu Chitto Tustenuggee.”

Die Krieger sahen sich erstaunt an.

“Aber er ist nicht  ...  ”

“Ich weiß, wo er ist. Bringt mich hin.”

Butler las den Widerwillen in den Augen der Seminolen, gab aber nicht nach.

“Ich weiß auch, warum er nicht her ist. Ihr solltet euch untereinander nicht zu viel Ärger machen. Nun auf!”

Widerstrebend setzten sich die Indianer in Bewegung.

Strohmänner, dachte Butler verächtlich. Osceola hatte sie mit dem richtigen Namen bezeichnet. Gadsden hätte leichtes Spiel mit ihnen gehabt.

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NACH EINER HALBEN STUNDE Fußmarsch hatten sie eine gerodete Fläche erreicht, auf der nur vereinzelte Palmen und Zypressen standen. Von einer drang das hartnäckige Schlagen eines Elfenbeinschnabelspechts herab.

Die Trockenschuppen und Zelte machten einen merkwürdig verlassenen Eindruck. Einer von Butlers Begleitern ließ den Ruf eines Schreikranichs erklingen.

Die Einstiegsklappe des größten Zeltes wurde zurückgeschlagen. Die Frau, die heraustrat, trug ihre Haare wie eine Seminolin, jedoch die Kleidung einer Weißen. Ihrem tief gebräunten Gesicht war kaum noch anzusehen, dass sie nicht als Indianerin geboren worden war.

“Warum kommt ihr hierher?”, fuhr sie die kleine Gruppe an. “Wir haben nichts mehr miteinander zu bereden.”

“Dieser Weiße wollte deinen Mann sprechen.”

Die Frau musterte Butler mit einem abschätzenden Blick.

“Er kann hereinkommen. Ihr aber trollt euch, bis er fertig ist”

Butler folgte ihr ins Innere des Zeltes und sah einen kräftig gebauten Mann mit harten Gesichtszügen im Schneidersitz vor einem kleinen Feuer kauern. Er nahm bedächtige Züge aus einer langen Pfeife. Nur leicht wandte er sein Gesicht dem unerwarteten Besucher zu.

“Sei gegrüßt, Chitto Tustenuggee”, begann dieser unaufgefordert zu sprechen. “Mein Name ist Butler Ich würde gerne einiges mit dir bereden.”

“Ich kenne dich nicht”

“Nun, ich befand mich unter den Soldaten, die mit euch einen Vertrag schließen wollten.”

“Trotzdem wagst du es, hierherzukommen?”

“Ja, denn ich bin keiner von ihnen. Ich habe mich nur bei ihnen eingeschlichen. Dies war die beste Möglichkeit, zu euch zu kommen.”

Chitto Tustenuggee war nicht anzusehen, ob diese Worte Eindruck auf ihn machten.

“Vielleicht vertraust du mir, wenn ich dir die Gründe, die dich davon abhielten, dieses Treffen zu verhindern, aus meiner Sicht zu schildern versuche.

Du wusstest von vornherein, dass es den Weißen früher oder später in jedem Fall gelungen wäre, durch arglistige Täuschung irgendwelche Seminolen zur Unterzeichnung eines solchen Schwindelvertrages zu gewinnen. Aber du weißt auch; wie schwer es ist, einen solchen Vertrag in die Tat umzusetzen, nicht wahr? Wie viele weiße Soldaten sind bereits in den schier unergründlichen Tiefen der Mangrovensümpfe und in den unerkundbaren Weiten der Everglades verschwunden?”

Zum ersten Mal gestattete sich Chitto Tustenuggee ein leises Lächeln.

“Osceola ist genial, aber auch ein Hitzkopf. Ich konnte ihn nicht davon abhalten, auf den Verhandlungsplatz zu stürmen.”

“Man hat ihn festgenommen. Ich habe mich angeboten, für ihn als Geisel zu bürgen.”

Tustenuggees Züge hatten sich schlagartig verfinstert.

“Osceola gefangen?”

“Er wird es nicht lange sein. Die Aktion war geheim, und die Regierung in Washington kann sich keinen Skandal erlauben. Die Parteien sind stark verfeindet.”

“Du scheinst viele Hintergründe zu kennen.”

“Nun  ...  sollte dieser ausgesprochen dumme Vertragsbetrug zu einem offenen Indianerkrieg führen, wäre Jackson der politisch Verantwortliche für diese Ungeschicklichkeit, und allein aufgrund der hohen bevorstehenden Kriegskosten weg vom Fenster. Aber wozu erläutere ich dir die Ränkespiele der Weißen untereinander? Ihr ursprünglichen Besitzer dieses Kontinents wisst gar nicht, wie stark ihr zusammen seid. Sioux und Pawnee bekriegen sich am North Platte River, anstatt sich gegen dem gemeinsamen Feind zusammenzuschließen. Aber es wird möglich sein, sie zu verbinden, es kostet nur Arbeit! Und auch ihr selbst könnt noch weit mehr erreichen als ihr im Augenblick glaubt!”

“Wie kommt es, dass du soviel weißt?”, fragte Chitto Tustenuggee.

“Weil ich viel herumkomme und Möglichkeiten erkenne”, war Butlers Antwort. “Und weil ich eine starke Hinterhand habe. Sieh.”

Bei diesen Worten zog er ein kleines Silbertäfelchen aus seiner Tasche und streckte es Chitto Tustenuggee entgegen.

Der Indianer betrachtete den Gegenstand in Butlers linker Hand aufmerksam.

“Eine Pflanze ist darauf abgebildet”, stellte er fest. “Aber meine Augen sind nicht für das Kleine gemacht, und ich erkenne sie nicht”

“Dieses  Amulett ist das Zeichen einer großen und einflussreichen Bruderschaft”, erklärte Butler. “Ihre Ziele sind verschieden und doch einheitlich. Schließe dich uns an, und du wirst für dein Volk und dich selbst große Vorteile erringen. Die einzige damit verbundene Bedingung ist, dass du mir eine kleine Schar Krieger für Unternehmen zur Verfügung stellst, die außerhalb eurer Heimat

stattfinden. Auch du kannst kannst gerne mitkommen. Deine Kampferfahrung wäre woanders von großen Nutzen. Willst du?”

Der Seminolenführer schüttelte langsam sein Haupt.

“Mein Platz ist hier. Aber erzähle mir mehr. Dein Vorhaben beginnt mich zu interessieren.”

Die Frau im Zelt hatte die ganze Zeit geschwiegen. Nun nahm auch sie das Silbertäfelchen in Anschein.

Kaum hatte sie es gesehen, sprang sie zurück und schlug die Hand vor das Gesicht.

“Es bringt Unglück”, sagte sie leise. “Es bringt Unglück.”

Dann rannte sie zum Zelt hinaus, bevor Chitto Tustenuggee sie ohnehin wütend dazu aufgefordert hätte.

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LEGENDEN UND UNGEHEUER

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DER SITZENDE INDIANER vermochte es nicht, seinen Blick von dem kleinen silbernen Amulett abzuwenden, das in seiner Handmulde lag.

“Ich wüsste nur zu gerne, woran es mich erinnert”, murmelte er. “Es scheint etwas Vertrautes darzustellen. Woher kommt es?”

Der Weiße, der stehengeblieben war, zeichnete mit seiner Fußspitze gedankenverloren Muster auf den Boden.

“Das ist eine lange Geschichte”, erwiderte er. “Vor etlichen Monaten brach in der Stadthalle von Galena ein Brand aus. Seinen Ausgangspunkt hatte er, wie man später feststellen konnte, in einem kleinen Raum, in dem die Bürger der Stadt ihr bescheidenes Archiv angelegt hatten. Dieses wurde restlos zerstört, während man den übrigen Schaden in Grenzen halten konnte.”

“Unvorsichtigkeit?”

“Brandstiftung. Der Übeltäter, ein Krieger der Sauk, wurde auf frischer Tat ertappt. Es gelang ihm nicht einmal mehr, zu fliehen. Sein Versuch endete in den Flammen. Um den Hals der verkohlten Leiche fand man ein Kettchen, und daran das silberne Abzeichen, das du nun in der Hand hältst. Die Schäden, die das Amulett im Feuer erlitten hat, erschweren es zusätzlich, das dargestellte Symbol näher zu bestimmen.”

“Es könnte eine Pflanze sein.”

Der gewaltige Fluss schlug sie erneut in seinen Bann und schien ihre Gedanken wie Sand davonzutragen. Sie waren beide Kinder der Wildnis, und der Mississippi raunte ihnen eine zeitlose Weise ins Ohr, seit sie seinen Ufern nach Norden folgten. Er war ein Allmächtiger, ein Unsterblicher, ein Vater, der.eine Vielzahl Kinder entließ und aufnahm. Sein Anblick ließ so vieles winzig und unbedeutend erscheinen, warum nicht auch ihre .Mission, von der sie noch so wenig wussten?

Einen Tagesritt flussaufwärts der Einmündung des Rock River war die Landschaft unvermittelt wieder interessanter geworden. Üppiges Aprilgras bedeckte unbewaldete und bewaldete Hügel, die sich zu beiden Seiten des Flusses als Kegel, Dome und Wälle erhoben. Einzelne Hickory- und Sykomorenbäume schienen mit ihrem mächtigen Wuchs die Breite der dahinziehenden Wasser herauszufordern, und alte, grau bemooste, vielleicht tausendjährige Stämme hoben ihre weit überdachenden Kronen stolz, frisch und jugendgrün aus undurchdringlichem Unterholz empor. Kein Menschenleben hätte ausgereicht, um für die unzähligen Laubfarbenschattierungen Namen zu finden. Viele hundert Meilen und etliche Wochen trennten Kit Carson und Washakie vom Schauplatz ihrer letzten Abenteuer.

“Du kannst recht haben”, stimmte der hochgewachsene und sehnige junge Trapper, der sein dichtes blondes Haar schulterlang trug, dem Freund zu. “Lass mich weitererzählen, dann kommst du vielleicht auf mehr gute Ideen. Die Sache wird nämlich noch merkwürdiger.

Vor etlichen Monaten kam einer von Charles Bents Männern in dieses Gebiet, doch hielt er sich auf dem jenseitigen Flussufergelände auf, also im Westen. Er zog sogar bald noch weiter westwärts, was beweist, dass er als Weißer ein ungewöhnlich gutes Verhältnis zu den Stämmen der Sauk und Fox haben muss, die dort leben. Dennoch bekam auch er eine für ihn ungewohnte Ablehnung zu spüren. Sie hing mit einer Legende zusammen, die ihm neu, jedoch gerade lebhaft im Umlauf war.

Die Sauk glauben an eine Geisterwelt, die jenseits der sinkenden Sonne liegt und in die sie nach ihrem Tod eingehen. Ihr Herr und Walter ist Ki-yä-pa-hte-ha, der jüngere Bruder des Großen Wissensbewahrers. Wenn dieser einst aus dem Reich des Schnees und Eises zurückkehrt, um sich gemeinsam mit den Sauk auf den Weg zu seinem Bruder im fernen Reich jenseits des Westens zu machen, ist das Ende der Welt gekommen. Auch die Fox erkennen Ki-yä-pa-hte-ha als Herrn des Totenreichs an.

Nun kam es vor, dass einer der Ihren sich berufen fühlte, Ki-yä-pa-hte-ha eine Botschaft zu überbringen, die ihm sein Bruder, der Große Wissensbewahrer, im Traum gesandt hatte. Da es eine Kunde war, die unmittelbar die Fox beträfe, musste sie auch unbedingt ein Krieger der Fox nach Westen tragen. Doch als er die Botschaft erhielt, jagte er gerade fern seines Stammes weit im Osten. Der Große Wissensbewahrer hatte ihm ein Amulett überlassen, an dem Ki-yä-pa-hte-ha ihn als Gesandten des älteren Bruders erkennen sollte.

So kam der Krieger in eine Stadt der Weißen, die ihn ob seines Sendungsbewusstseins verhöhnten und verspotteten. Er geriet darüber in Zorn, bereute zutiefst, dass er sein Amulett und seinen Auftrag nicht vor den Weißen verborgen gehalten hatte, und begann sich zu wehren. Zuerst mit Worten, dann im Kampf, bis Blut floss. Da beraubten sie ihn seines Amuletts und verbrannten ihn.”

Washakie hatte aufmerksam zugehört und nickte nachdenklich.

“Die Geschichte eines Märtyrers: Sie entspricht der allgemeinen Ansicht der Sauk und Fox über die Weißen nur allzu gut.”

“Wer kann es ihnen verdenken? 1804 schloss Gouverneur Harrison im Indiana Territory einen betrügerischen Vertrag mit einer Sauk-Minderheit, in dem diese auf jegliche Gebietsansprüche östlich des Mississippi verzichteten. Obwohl die betroffenen Stämme ihn mehrheitlich ablehnten, wurde er 1812 in die Tat umgesetzt: Eine Folge des endgültigen Sieges der Weißen im Krieg gegen Tecumseh, dem sich einige Sauk-Stämme angeschlossen hatten, unter denen sich damals auch ein einfacher Krieger namens Black Hawk befand, der heutige Führer der Sauk und Fox.

Damals zog er sich nach der Niederlage tatsächlich zähneknirschend nach Iowa zurück, ließ aber nie davon ab, die hiesigen traditionellen Totenstätten am Rock River immer wieder aufzusuchen.”

“Sie haben darüber hinaus aber auch Kornfelder dort angelegt”

“Das kommt hinzu. Dies alles stand in Charles Bents Brief, den Jim Bridger dir übergab, um ihn mir bis nach Mexiko nachzubringen.”

“Wo deine Gedanken bis heute sind. Der Verlust Lindas hat dich tief gezeichnet, Gelbhaar.”

“Du hast ihn erleichtert, indem du mich zurückgeholt hast und bei mir geblieben bist. Jim hatte dir gegenüber angedeutet, dass Bents Schreiben durchaus auf irgendeine Weise mit deinem Stamm und deiner Verstoßung zusammenhängen könnte. Also hättest du auch das Bestreben haben können, zu den Schoschonen zurückzukehren, um Nachforschungen anzustellen. Ich weiß dein Bleiben sehr zu schätzen, Washakie.”

“Wenn unsere hiesige Aufgabe beendet ist, kannst  d u  mich begleiten. Zwei vermögen überall mehr als einer. Und Zusammenhänge, die sich hier klären, können mir bei den Schoschonen helfen.”

“Das ist es: Zusammenhänge. Nun versuche, den Brand in Galena und die Legende des Märtyrers in Verbindung zu bringen.”

Washakie brauchte nur Sekunden.

“Das Amulett!”

“Legende und Wirklichkeit. Tatsächlich fanden in Galena mehrere erfolglose Versuche statt, es aus dem Arbeitszimmer des Bürgermeisters verschwinden zu lassen. Er zeigte es Charles Bent, der sich sofort der Geschichte seines Trappers entsann, die Verbindung ahnte und somit ins Spiel kam. Jetzt aber haben wir es, was nur der Bürgermeister und der Sheriff von Galena wissen! Warum, fragte sich Bent, diese Legende? Sie könnte der Funke am Pulverfass sein! Black Hawk hat schon im vorletzten Jahr, genau wie Tecumseh vor ihm, begonnen, bei den Sioux, Kickapoos, Potawatomis, Mascoutons und Winnebagos um eine Allianz gegen die Weißen zu werben.”

“Die hiesigen Siedler glauben, dass Gerüchte über Unruhen lediglich mit den Ereignissen in Galena zusammenhängen, und fühlen sich nicht unmittelbar bedroht Es hätte nicht viel gefehlt und sie hätten uns wegen unserer Warnungen und Bedenken sogar noch verlacht.”

“Das ist der Hauptgrund, warum wir hier allein auf Wache stehen. Aber wenn die Krieger kommen, dann auf jeden Fall über den Fluss, und wir sehen sie frühzeitig genug, dass einer von uns die Siedler warnen kann.”

“Doch es wird bald dunkel, und allein oder zu zweit sind die Verteidigungsaussichten gering.”

“Nicht heute Nacht.”

“Ich verstehe, warum die Sauk unbedingt das Amulett zurückhaben wollen. Es muss, ob mit Botschaft oder ohne, zu Ki-yä-pa-hte-ha gebracht werden. Damit wäre Galena für die Sauk und Fox wichtiger, oder?”

“Vielleicht. Aber in Galena ist man nach den missglückten Einbrüchen gewarnt, und hier nicht.”

*

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FRANCES FARNHAM STAND vor der bescheidenen Grabstätte, in der ihr Gatte Lionel vor beinahe zwanzig Jahren zur letzten Ruhe gebettet worden war. Er war schon nicht mehr jung gewesen, als sie geheiratet hatten, denn es war eine Vernunftehe gewesen. Aber er hatte noch miterlebt, wie sie die Zwillinge Jason und Jodie in die Welt gesetzt hatte. Lionel hatte genug hinterlassen, um seine Witwe und die heranwachsenden Zwillingssöhne versorgt zu wissen. Hinzu kam, dass Frances eine anspruchslose Frau war und tüchtig weitergearbeitet hatte, ohne dabei die Erziehung ihrer Söhne zu vernachlässigen.

In der nächstgelegenen Stadt, Galena, hatten sie möglicherweise ein leichteres Leben gehabt. Aus dem beschaulichen Städtchen war in den vergangenen Jahren ein reges Handelszentrum geworden, in dem sich Minenarbeiter, Flößer, Trapper und Geschäftsleute tummelten.

Aber weder sie noch die Söhne hatte es in die Stadt gezogen. Als Jason beschlossen hatte, Zimmermann zu weiden, hatte Jodie spontan entschieden, es ihm gleichzutun. Längst waren die Zwillinge im weiten Umkreis für ihren Fleiß und ihre Zuverlässigkeit bekannt, so dass es nie an Aufträgen mangelte.

Ein leiser Wind bewegte die Blumen, die die schlichte Grabplatte umstanden. Frances Farnham spürte die leichten, verhaltenen Schritte mehr, als sie sie vernahm, und sie wusste, wer kam.

“Es wird kühler, Mutter’', sagte Roxanna leise. “Komm herein, ehe du dich erkältest.”

Frances nickte mit einem leisen dankbaren Lächeln. Jason hätte ihr keine bessere Schwiegertochter ins Haus bringen können.

Als sie sich dem gemütlichen Anwesen näherten, drangen fröhliche Klänge heraus.

“Wie sehr musst du Lionel geliebt haben, weil du immer noch so oft an sein Grab gehst”, übertönte Roxannas Stimme die Musik.

“Nur er wusste, was er mir bedeutete”, flüsterte Frances Farnham. Und keiner, dachte sie im stillen, darf jemals die Wahrheit erfahren.

Kaum hatten sie die Tür geöffnet, schlug Jason auf seinem Banjo eine muntere Weise an, und Jodie passte den Einsatz ab.

„Ihr trauten Frauen, drei an der Zahl, bereitet uns jetzt unser Abendmahl!

Wir lassen nun unsere Balken liegen und fressen, dass sich die Balken biegen!“

Lachend wurde Applaus gespendet, als Jodies Tenorstimme verklungen war. Am lautesten klatschte die dritte Weibsperson in der guten Stube, ein schmales, sehr schüchtern wirkendes Mädchen, dessen Wangen auf anmutige Weise gerötet waren, ob aus Verlegenheit oder vor Vergnügen, ließ sich nicht bestimmen.

Phillis Curwood und ihr kleiner Bruder Nat hatten harte Zeiten hinter sich, nachdem ihre Eltern bei einem Minenunglück ums Leben gekommen waren. Danach hatte Frances Farnham sie bei sich aufgenommen, was Phillis ihr mit unermüdlicher Hausarbeit und aufopfernder Treue gedankt hatte.

“Nat hat versprochen, pünktlich zum Abendessen daheim zu sein“, warf Roxanna ein. „Nun müssen wir ohne ihn anfangen.“

Es war Jodie, der nach dem einfachen, aber schmackhaften Mahl als erster aufstand.

“Ich suche Nat”, erklärte er kurz. “Hoffentlich hat er sich nicht wieder mit dieser verdammten Rothaut getroffen.”

*

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ÜBER DEN MISSISSIPPI zogen nächtliche Nebelschwaden. Da sich ein Lagerfeuer von selbst verbot, blieben Kit Carson und Washakie gegen die Kälte nur ihre Decken.

“Wenn du nur mit dieser Stelle recht hast”, murmelte Washakie.

“Nichtsahnende Siedler und der Flussnebel”, raunte Kit zurück. “Gerade in dieser Jahreszeit. Und hier liegen wir auf unserer Uferseite am höchsten, womit dieses Fernrohr seinen Zweck auch am besten... he! Das sind gleich mehrere Stämme, die flussabwärts treiben. Schau du mal!”

Der hochgewachsene Halbschoschone tat ihm den Gefallen.

“Nun, ihr Abtrieb könnte der Flusskrümmung entsprechen  ...  noch. Aber sieh dort! Ist das nicht ein Knabe, der sich einige hundert Schritt weiter links von unserer Seite dem Flussufer nähert?”

Kit nahm das Fernglas wieder an sich.

“Du hast recht! Als würden sie sich einander nähern. Das kann alles Zufall sein, doch wenn nicht  ...  geh du los, kümmere dich um den Jungen! Ich folge dir und behalte dabei die Stämme im Auge!”

“Dann stehst du schlimmstenfalls allein gegen mindestens ein Dutzend Angreifer! Wir hätten doch die Siedler bitten sollen, uns  ...  “

Kit lächelte grimmig.

“Allein? nein. Ich sagte dir doch: Nicht heute Nacht!”

*

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“DAS BIBERFETT HILFT gegen die Flusskälte”, wisperte der mittlere der drei Fox-Krieger hinter dem treibenden Baumstamm. “Du hattest recht, Cute Lizard, als du uns  ...  "

“Still! Der Fluss trägt unsere Stimmen weit!”

Der Krieger, der zuerst gesprochen hatte, verbiss sich eine weitere Bemerkung. Wer um alles in der Welt rechnete denn mit einem Angriff, geschweige denn befand sich um diese Zeit am Fluss? Zusätzlich hatte Cute Lizard sogar noch angeordnet, ja nicht zu schnell zu schwimmen, um möglichst nicht zu stark von der natürlichen Strömung unterschieden werden zu können.

Wessen Auge aber sollte treibenden Baumstämmen über eine so lange Strecke folgen?

“Ist uns wenigstens die Geisel sicher?”, wagte der mittlere Krieger einen noch leiseren Versuch.

Fast schien es, als wolle Cute Lizard wütend aufbrausen. Im letzten Moment fand er seine Beherrschung wieder. Allein seine Augen verrieten den Zorn darüber, dass jemand so vermessen sein konnte, an seinem Plan zu zweifeln.

*

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NAT HATTE CUTE LIZARD kennengelernt, als er eines Tages allein zum Angeln gegangen war. Wie zufällig waren sie sich begegnet. Das anfängliche Misstrauen, das ihm seine erwachsene Schwester Phillis eingebleut hatte, war rasch gewichen, als Cute Lizard ihm vom faszinierenden Leben der Sauk und Fox erzählt hatte, von Büffeljagden, vom Midewiwin-Geheimbund  ... 

Und für heute Nacht hatte ihm Cute Lizard eine besondere Überraschung versprochen, wenn er sich am Flussufer einfinden würde.

Ein wenig bange war ihm doch, so ganz alleine in der Dunkelheit.

Da! Vorbeitreibende Baumstämme. Erschrocken riss der Junge den Mund auf, als hinter dem ersten ganz plötzlich Cute Lizards Gesicht über dem Fluss erschien. Der Krieger winkte ihm mit einer beruhigenden Geste zu.

Im nächsten Moment fühlte sich Nat nach hinten gerissen.

*

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WASHAKIE HATTE EIN flaues Gefühl. im Magen verspürt, als er dem Jungen möglichst gebückt hinterher geschlichen war. Er spürte unvermittelt, dass etwas im Verzug war.

Die Baumstämme trieben heran. Der Junge würde in eine Falle laufen! Der Halbschoschone sah die Krieger im Fluss noch vor dem Jungen. Er sprang vor und packte ihn, bevor er auf die Fox-Krieger zueilen konnte.

Washakie hätte den Jungen niederschlagen müssen, um sofort wieder die notwendige Handlungsfreiheit zu haben, aber er brachte es nicht übers Herz. So konnte er sich nur auf Kit verlassen, aber nicht mehr lange auf dessen Eingreifen warten.

Seth McCluskys Deringer-Rifle, die in den Besitz Kit Carsons übergegangen war, dröhnte durch die Nacht und riss einen der Fox-Krieger in den Mississippi. Der junge Scout war seinem Freund dichtauf gefolgt. 

“Lauf heim, Junge!”, zischte Washakie. “Das ist ein hinterhältiger Angriff!”

Die Reaktion des Knaben verriet, dass er immer noch zu Cute Lizard eilen wollte. Eigentlich wenig verwunderlich, denn ihn kannte er, Washakie aber nicht. Dem Halbschoschonen blieb nur eines: ihn zu binden. Somit würde mit, wenn auch nur kurz, die ganze Verteidigung allein überlassen bleiben.

Erneut bellte die Deringer-Rifle auf. Inzwischen waren schon mehrere Stämme dem Flussufer bedrohlich nähergekommen. Washakie warf seinem Freund Pfeil und Bogen zu, als die Büchse leer geschossen war. Seine Rappahannock-Holsterpistole wollte sich der junge Scout für eine kürzere Entfernung aufsparen. Danach blieb nur noch das Messer für den Nahkampf.

Nach dem Verklingen der Schüsse war das Fauchen und Dröhnen aus der Ferne plötzlich vernehmbar. Kein Zweifel, es erklang vom Fluss her, von flussabwärts, und alle am Kampf Beteiligten hörten es, noch bevor der erste Baumstamm angelegt hatte. Die Indianer erstarrten, aber auch Kit hielt ein.

Cute Lizard sah das Ungeheuer als erster. Seine unglaubliche Masse wälzte sich schnaufend und brausend näher. Die rotglühenden Augen spuckten Feuer, dessen Rauch die Sterne am nächtlichen Himmel zu verschlingen schien. Lange gellte Cute Lizard ein Entsetzensschrei in den Ohren, bevor er merkte, dass er ihn selbst ausgestoßen hatte.

Flucht! Nur Flucht!

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DIE POTOMAC-VERSCHWÖRUNG

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DANIEL WEBSTER, KONGRESSABGEORDNETER von Massachusetts, schlenderte gedankenverloren an Washingtons Navy Yard,entlang. Während das Ufer auf seiner Seite schon ziemlich verbaut war, konnte man auf der gegenüberliegenden Flussseite trotz der hereingebrochenen Dunkelheit noch die langgezogenen Pappel- und Weidenalleen der östlichen Promenade gegen die dahinter ansteigenden Hügel erkennen.

Webster konnte mit dem vergangenen Tag zufrieden sein. Er galt als einer der begabtesten Kongressredner und war auch heute aus einer weiteren erbitterten Redeschlacht mit seinem Konkurrenten Robert Hayne aus South Carolina siegreich hervorgegangen. Hayne war ein bedingungsloser Verfechter der Nullifikationslehre des Vizepräsidenten John Caldwell Calhoun, einer Doktrin, die Calhoun anlässlich des Tarifgesetzes 1828 als geheime Denkschrift der Legislatur von South Carolina vorgelegt hatte.

Obwohl Jackson vor seiner Wahl versprochen hatte, die einzelstaatlichen Rechte zu achten, und gerade entsprechend damit begonnen hatte, Georgia von den; Cherokesen zu säubern, galt sein Hauptbestreben doch einer starken Union. Calhoun hingegen plädierte für eine stärkere Autonomie der Einzelstaaten.

Erneut heraufbeschworen wurde dieser Gegensatz durch die Forderung des Westens, dortige Öffentliche Ländereien zum Verkauf anzubieten.

“Im Namen des Nordens” hatte Henry Clay diesbezüglich eine scharfsinnige Kompromissformel vorgelegt Obwohl dieses Verfahren vor allem ihm und seinen Bundesgenossen zugute gekommen wäre, konnte Clay den Anspruch erheben, für den “Norden” zu sprechen, denn seine Interessen standen hierin in keinem Gegensatz zu denen seines Widersachers Jackson. Der Osten versuchte, entsprechende Bestrebungen zu hemmen. So hatte Senator Foot aus Connecticut vorgeschlagen, die Bodenverkäufe auf eine bestimmte Anzahl von Grenzern zu beschränken. Dahinter verbarg sich die Absicht, im Interesse des industriellen Arbeitsmarktes und der niedrigen Löhne das fortwährende Abwandern nach Westen zu hemmen. Dagegen hatte sich Thomas Hart Benton, der Senator Missouris, besonders heftig ausgesprochen.

Ein Jahrzehnt später sollte sein Schwiegersohn John Charles Frémont als Forscher Berühmtheit erlangen, indem er zusammen mit seinem Freund Kit Carson drei wichtige Trailwege nach Westen erschloss. Bentpn wiederum fand in den Südstaaten starke Unterstützung. Eine neue Monokultur, der Baumwollanbau, hatte hier das wirtschaftliche und politische Schwergewicht von Virginia zum südkarolinisch-georgischen Schwarzerdegebiet und sogar noch weiter, den pedologischen Bedingungen folgend, nach Westen verlagert. Dort ermöglichte der Mississippi zwischen den Grenzerstaaten einen engeren Kontakt, als ihn die atlantische Küstenschifffahrt im Osten jemals herzustellen vermochte.

Der Süden verband mit seinen wachsenden Regionalbestrebungen verschiedene Absichten: die Überwindung der nördlichen Finanzhegemonie durch Abbau des Schutzzolls, die Westexpansion sklavenhaltender Staaten zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts in der Bundeslegislatur und die Vertreibung der Indianer aus dem Schwarzerdegürtel.

An diesem Punkt begannen Daniel Websters Probleme. Er unterstützte den Unionsgedanken Präsident Jacksons voll und ganz und verabscheute Calhouns Theorien; die in der Exposition, die er nach Charleston geschickt hatte, gar in der Möglichkeit einer Trennung vom Bunde gipfelten, die Calhoun als Sezession bezeichnete.

Unvorstellbar!

Andererseits konnte sich Webster der vielschichtigen Realität wirtschaftlicher Verflechtungen nicht verschließen. In dieser Frage verhielt sich der Präsident, der auch ein erbitterter Gegner der Nationalbank war, äußerst engstirnig. Webster dagegen sah in ihr ein lebenswichtiges Organ der Union. Umso gelegener war ihm die bevorstehende nächtliche Einladung gekommen.

Er umrundete einen Viermaster und sah ihn von oben, als er die Brücke über den Potomac River betrat. Der nächtliche Fluss trug das Echo seiner langsamen Schritte über die Holzbohlen weit in die Ferne.

Fast in der Mitte glaubte der einsame Wanderer, dass sich ihr Hallen noch verstärkte, doch als er den Blick hob, erkannte er, dass ihm vom anderen Ende zwei Männer entgegenkamen. Er konnte sich nicht erklären, warum ein unbehagliches Gefühl in ihm emporstieg. Nur noch wenige Schritte, von ihnen entfernt, registrierte er mit aufkommender Angst, dass ihre Gesichter in der Dunkelheit einen grimmigen Ausdruck angenommen hatten.

“Sieh an”, knurrte einer der beiden unvermittelt. “Das ist doch das Großmaul, das im Kongress gegen den Süden wettert.”

“'Worte der Verblendung und Torheit wie: Erst die Freiheit, dann die Union!'”, äffte der andere einen Ausspruch des Kongressabgeordneten nach.

“Das ist die Gelegenheit! Komm, wir verpassen ihm eine Abreibung!”

Daniel Webster stand wie vom Schlag getroffen. Er geriet erst wieder in Bewegung, als die beiden auf ihn losgingen. Sein Spazierstock, mit dem er sich ungeschickt ihres Ansturms zu erwehren versuchte, wurde ihm rasch entrissen.

Als die ersten Schläge auf ihn niederprasselten, nachdem er rasch zu Boden gegangen war, rief er um Hilfe. Seine Stimme wurde gehört.

“Lasst ihn in Ruhe!”, erklang es aus der Richtung, aus der der Abgeordnete gekommen war. “Verfluchte Straßenräuber!”

Aus seiner liegenden Position erkannte Webster, wie ein Mann mit einem Schnurrbart herbeieilte und sich auf einen seiner Angreifer warf. Nach heftigen beiderseitigen Hieben ging Websters Bedroher ohnmächtig zu Boden.

Der Neuankömmling wandte sich dem Verbliebenen zu.

“Nimm sofort deine schmutzigen Finger von diesem Gentleman!”

“Sofort, ja”, grinste Websters Bedränger.

Er packte den Abgeordneten und schleuderte ihn über das Brückengeländer. Vielleicht wusste er sogar, dass Daniel Webster niemals das Schwimmen erlernt hatte.

*

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AUF DAS KLOPFEN AN die Pforte des herrschaftlichen Hauses ruckte Shrewsburys Kopf hoch. Der Butler unterbrach seinen Gang vom Gästezimmer zur Küche und öffnete. Erst Minuten später erstattete er seinem Dienstheim Bericht.

Nicholas Biddle war seit 1823 Präsident der Second Bank of the United Staates. Die erste amerikanische Nationalbank hatte von 1791 bis 1811 existiert. Die zweite hatte ebenfalls eine Vertragslaufzeit von zwanzig Jahren und war 1816 ins Leben gerufen worden. Biddle genoss das volle Vertrauen des Finanzadels und hatte es dadurch zu einem Wohlstand gebracht, der seinem aristokratischen Lebensstil entgegenkam.

“Mister Webster ist in Begleitung eingetroffen”, meldete Shrewsbury dem Präsidenten der Nationalbank.

“Sie sollen hereinkommen, verdammt”, forderte Biddle ungeduldig. “Wir haben lange genug gewartet”

“Beide sind klatschnass, Sir. Sie sind in den Potomac River gefallen. Ihr Einverständnis vorausgesetzt, Sir, habe ich sie mit Trockenutensilien und Ersatzkleidung versehen. Sie sind gerade dabei, ihre äußere Erscheinung wieder in Ordnung zu bringen und bitten um Geduld.”

“Das sind ja Neuigkeiten”, staunte Biddles bereits eingetroffener Gast. ‘‘Betrunken werden sie kaum gewesen sein. Ich bin gespannt, was sie uns erzählen werden.”

Henry Clay würde als Kandidat der Bank bei den Herbstwahlen gegen Andrew Jackson antreten. Sie waren alte Rivalen. Der Präsident trug ihm sogar noch eine Kongressrede von 1819 nach.

Als erster kam Websters Begleiter herein. Sein Haar war wieder ordentlich frisiert und fast schon trocken, der Schnurrbart zur Gänze. Seine graublauen Augen erfassten die Wartenden aufmerksam, aber nicht unhöflich.

“Sie gestatten? Mein Freund hat sich eine Schürfwunde am Unterschenkel zugezogen und wurde gerade von Ihrem Butler verarztet. Ich darf Ihnen aber schon im voraus mitteilen, was ich heute Nachmittag aus geheimsten Quellen erfahren habe. Der Präsident trägt sich mit dem Gedanken, General Winfield Scott nach Fort Sumter im Charlestoner Hafen zu schicken, um bezüglich der Nullifikation notfalls mit Gewalt für Ruhe zu sorgen.”

Clay sprang auf wie von der Tarantel gestochen.

“Dieser alte Narr! Das ist Wasser auf die Mühlen Gouverneur Hamiltons, der Calhoun am liebsten als ersten Präsidenten einer Konföderation des Südens sehen würde! Dabei habe ich diesem jähzornigen Ignoranten oft genug empfohlen, die Zölle doch stufenweise abzubauen. Er soll mir...”

“Nicht aufregen, Henry”, lenkte Biddle mit beherrschter Stimme ein. “Wir wollen erst einmal erfahren, was sich am Potomac zugetragen hat”

Der Neuankömmling gab seine Version des Vorgefallenen zum besten.

“Trotz aller Beschwerden haben wir uns auch auf dem Herweg noch angeregt unterhalten”, schloss er seinen knappen Bericht. “War es nicht Daniel; der den anfangs schwankenden Präsidenten auf seinen nunmehr entschlossenen Unionskurs brachte? Nun aber wendet sich Jackson gar gegen die Nationalbank.”

Damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen. Der Verlängerungsvertrag der Nationalbank über die laufenden zwanzig Jahre hinaus stand im Kongress zur Debatte. Die Zukunft der Bank hing von dessen Entscheidung ab.

“Zur Panik besteht nicht der geringste Grund”, winkte Clay ab. “Ich habe die Erneuerung des Bankstatuts mit vollen Segeln durch den Kongress gepeitscht. Die Bank Renewal Bill ist schon so gut wie amtlich.”

“Jacksons Argumente gegen eine Nationalbank kommen vor allem bei den einfachen Leuten an“, widersprach der Mann mit dem Schnurrbart. “Kleineren Händlern, Maklern und Privatbanken würde der Außenhandel abgegraben, die Second National sei ein undurchschaubarer Oktopus im Dienste der Reichen und Mächtigen.“

“Dieses Geschwätz von Monopol und Wohlfahrtspflicht!” Nun ereiferte sich Biddle, dessen gepflegte Locken seine Ohren verdeckten. “Es bedarf einfach einer zentral gesteuerten Geldpolitik!“

“Der Westen würde sich im Osten, die Nation im Ausland verschulden...  ”

“Hanebüchener Unsinn! Ohne uns würde der Eigentumswert im Westen sinken! Dort liegt der Reichtum im Land, nicht im Geld. Und die acht Millionen Dollar Auslandseinlagen arbeiten bei uns!”

“Jeder vernünftige Mensch sieht das auch ein“, stimmte ihm sein Gesprächspartner zu. “Dennoch muss Überzeugungsarbeit an vorderster Front geleistet werden! Und wenn Daniel Webster für Ihre Nationalrepublikaner Reden halten wird, haben Sie einen weiteren großen Namen auf Ihrer Seite. Versuchen Sie, ihn zu gewinnen! Sie fördern doch schon längst einflussreiche Verbündete wie Asbury Dickins, den Ersten Sekretär des Schatzamtes, Livingston, Crawford und sogar John Eaton! Denn Sie, Mister Biddle,  S i e  sind die Bank!“

Unrecht hatte er damit nicht. Fünf der fünfundzwanzig Direktoren wurden von der Regierung bestimmt, und obwohl Nicholas Biddle einer von ihnen war, munkelte man von starken Eigenmächtigkeiten.

Auf Anraten Clays “förderte” er nicht nur Zeitungen und Kongressmitglieder mit durchaus umstrittenen Darlehen, sondern musste sich von Jackson auch den Vorwurf anhören, seine Heimat Philadelphia übermäßig zu unterstützen, die Regierungspolitik hingegen zu hemmen. Längst war von einem “Staat im Staat” die Rede.

Es war, als habe Daniel Webster sein Stichwort erhalten. Shrewsbury führte den Kongressabgeordneten herein. Webster machte einen erschöpften Eindruck. Sein zurückweichendes, aber noch dichtes glattes Haar stand in alle Richtungen, und er zog den linken Fuß ein wenig nach.

„Nochmals ganz herzlichen Dank!”, wandte er sich an den Mann mit dem Schnurrbart “Ohne Sie wäre  ...  ”

“Nicht der Rede wert”, unterbrach ihn der Angesprochene. “Ich habe unsere Gastgeber von Präsident Jacksons Absichten bezüglich Fort Sumter und Charleston berichtet.”

“Durchaus kein unkluger Schachzug”, griff Webster das Thema auf. „Wobei mir bewusst ist, dass wir darin nicht einer Meinung sind, werte Herren. Aber der Grund meines Kommens ist ein anderer, wie Sie wissen. Wo Gemeinsamkeiten wichtiger sind, verlieren Gegensätze an Bedeutung.”

“Treffend gesagt”, stimmte ihm Clay zu. “Einen Redner wie Sie brauchen wir im Senat, Mister Webster! Dürfen wir mit Ihrer Hilfe rechnen?”

“Überzeugen Sie mich!”

Fast schien es, als hätten sich Nicholas Biddle und Henry Clay in ihrer Überzeugungsstrategie abgesprochen. Die Unterhaltung nahm genau den von ihnen gewünschten Verlauf.

Als das Gespräch zu belangloseren Themen überging, ergriff Websters Begleiter erneut das Wort.

“Wir haben sogar dort Verbündete wo wir es noch nicht einmal ahnen“ begann er. “Gerade im Westen könnten wir Kräfte mobilisieren die uns auf nahezu ideale Weise in die Hand arbeiten würden. Land- und Getreidepreise, Arbeitslöhne und Wachstum sind steuerbar! Das wissen Sie besser als ich. Entscheidend ist der Grad der Sicherheit der herrscht. Wer fängt bei Indianerunruhen die wirtschaftlichen Verluste auf? Wie kann der Zugriff auf entscheidende Handelsknotenpunkte auf dem Weg nach Westen verstärkt werden? Welcher Voraussetzungen bedarf es, um örtliche und regionale Wirtschaftsverflechtungen in eigene Interessen zu verwandeln? Wie kann man sich das Streben bestimmter Staaten nach mehr Unabhängigkeit einheitlich zunutze machen? Es gibt Koordinationsmechanismen, die alles unter einen Hut bringen!“

“Einer davon heißt sicher Geld”, lächelte Biddle mokant. ‘'Welche Summen würden Sie zu Ihrem ehrgeizigen Vorhaben benötigen?”

Der Mann mit den graublauen Augen hob abwehrend die Hände.

“Die Reihenfolge wird.anders sein. Ich schaffe Situationen, und Sie werden selbst entscheiden wie viel Sie in sie investieren wollen.”

“Konkrete Anhaltspunkte?”, wollte Clay wissen.

“Eine Doppelstrategie. Erstens: Jackson handlungsmäßig binden und ablenken. Die Geister, die er in Florida gerufen hat, werden ihn nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Dann die Cherokees, sein eigener Vorsatz und die Nullifikationisten.

Zweitens: Dort Strukturen schaffen, wo Jackson seine Augen nicht hat. Und das ist zum Teil schon geschehen! Es gibt Presseberichte und Gerüchte, zwischen denen bis heute kein Uneingeweihter einen Zusammenhang herstellen konnte: Unruhen bei den Schwarzfußkriegem und Schoschonen im Green-River-Gebiet, Aufstände der Sauk und Fox am Mississippi und vieles andere.

Als nächstes folgen die bereits erwähnten Handelsknotenpunkte. Bald werden Sie davon hören! Und bald werden Sie damit selbst imstande sein, das Verflechtungspotential zu erkennen. Erst dann ist Ihre Entscheidung gefragt. Aber ich versichere Ihnen, dass sie dabei Ihr Kapital keineswegs in den Wind schießen.“

Plötzlich lag ein kleines Silbertäfelchen in seiner Handmulde.

“Vielleicht kann ich nicht immer selbst kommen. Vertrauen Sie jedem, der sich mit diesem Symbol ausweist. Möglicherweise wollen Sie es auch.bald selbst tragen.”

Sein Blick fiel auf die Wanduhr, während die übrigen Anwesenden eingehend das Pflanzensymbol auf der kleinen Silberplatte musterten.

"Ich muss weg, denn wenn ich zu meiner nächsten nächtlichen Verabredung zu spät komme, ist es unser aller Schaden. So long, Gentlemen. Denken Sie über meine Worte nach.”

Bevor sich die anderen von ihrem Erstaunen erholt hatten, war der Redner aus dem Haus und vom Anwesen Biddles verschwunden.

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LANGE ZEIT WAR DAS ruhige Knistern des Kaminfeuers das einzige Geräusch im Gästesalon. Daniel Webster fasste sich als erster.

“Ihr Bote mag seltsame Manieren haben, aber ohne ihn wäre die Sache am Potomac River für mich jedenfalls sehr übel ausgegangen.”

“Unser Bote?”, ächzte .Biddle. “Wir dachten, er sei  I h r  Vertrauter!”

“Er sagte mir am Fluss,  S i e  hätten ihn mir entgegengeschickt! Ich hatte keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Und er kannte den Weg ganz genau.”

Der Präsident der Nationalbank war zur Tür gelaufen und riss sie auf.

“Shrewsbury! Das gesamte verfügbare männliche. Hauspersonal soll sich sofort auf die Suche  ...  verdammt, nein, das geht nicht! Das letzte, was uns jetzt noch fehlen würde, wäre Aufsehen.”

Er kehrte um und sank schwer in seinen Sessel zurück.

“Wer war dieser Mann, zum Teufel?”

“Jedenfalls jemand, der so viel über uns weiß, dass er uns völlig in der Hand hat“, knurrte Clay.

“Wollte er uns schaden, hätte er uns gedroht”, äußerte Biddle nach kurzen Überlegen. Umgekehrt könnte er uns mit dem, was er vorhat, von unschätzbarem Nutzen sein. Allmählich gehen mir die Umrisse seines gewaltigen Vorhaben auf. “

“Was hatte dann dieses Silberplättchen zu bedeuten? Ist es sein Erkennungszeichen, mit dem sich sein Vertrauensmann mit uns in Verbindung setzen wird?”

Endlich ergriff auch Daniel Webster wieder das Wort.

“Es mag ein Erkennungszeichen sein, doch ich glaube nicht, dass es einmalig ist. Fast sieht es aus wie  ...  wie das Symbol eines Geheimbundes."

“Ich möchte wissen, worauf wir uns da eingelassen haben", murmelte Biddle.

*

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DIE HAFENSPELUNKE, die immer noch geöffnet hatte, lag keine Viertelstunde von Biddles Anwesen entfernt. Butler kämpfte sich durch die Rauchschwaden bis zu einem der hintersten Tische durch, an dem die beiden Gesuchten saßen. Es waren die beiden Indianer, die Daniel Webster auf der Brücke überfallen hatten.

Verstohlen drückte Butler jedem 100 Dollar in die Hand.

“Ihr habt sie euch redlich verdient, Jungs", raunte er leise.

“Danke, Sir. Von uns wird niemand ein Sterbenswörtchen erfahren”, entgegnete der Größere.

“Da bin ich mir sicher.”

Butlers ruhig gesprochener Satz verriet nichts von der absoluten Gewissheit, die hinter seinen Worten verborgen war.

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TAOS

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MITTERNACHT WAR LÄNGST vorüber. Mit jeden scheidenden Gast hatte das Stimmengewirr in der Kneipe abgenommen. Übriggeblieben waren zuletzt nur die drei Männer an einem der hinteren Tische, während nach vorne hinaus bereits gelüftet wurde. Ein dicker Amerikaner, ein alter Amerikaner und ein Mexikaner in den mittleren Jahren.

Zwischendurch herrschte Schweigen, das meistens wieder von Hank Destry gebrochen wurde, dem Dicken, dessen Stern verriet, dass er Hilfssheriff in Taos war. So auch diesmal.

“Und wenn deine Befürchtungen wegen der Pueblo Indianer unbegründet sind, Ezekiel?”

Angesprochen war damit der Alte, und sein Alter lag jenseits aller vernünftigen Schätzungen.

Wer ihn zum ersten Mal sah, erschrak. Die unzähligen Gesichtsfalten erweckten den Eindruck, als hätte der Weißhaarige den Tod längst überlistet oder gar besiegt. Gemildert wurde dieser erste Eindruck durch das gutmütige, abgeklärte und schmale Gesicht, aus dem ein äußerst lebendiges Augenpaar leuchtete.

Die meisten erschraken erst dann erneut, wenn sie Ezekiel Calhoun erstmals in Bewegung sahen. Seine Glieder waren noch keinesfalls starr, und es gab viele, die ihn sogar noch schnell laufen hatten sehen.

Man machte sich so seine Gedanken über Old Ezekiel. Falls aber jemals Leute den Mut aufgebracht hatten, ihn nach seinem wahren Alter zu fragen und tatsächlich eine Antwort darauf bekommen hatten, dann war es keinem von ihnen geheuer gewesen, diese Antwort weiterzugeben. Ansonsten war Ezekiel etwas kauzig, aber der umgänglichste Mensch.

“Das glaube ich nicht”, ging er mit seiner knarrenden Stimme auf Hank Destrys Bemerkung ein. “Ich habe lange genug gelebt und bin weit genug herumgekommen, um den Klang der Trommeln zu verstehen. Und die Gesänge.“

Hank Destry spürte eine Gänsehaut seinen Rücken hinunterlaufen und schüttelte sich. Sancho Pertinez, dem dritten im Bunde, erging es nicht anders. Der Mexikaner arbeitete seit Jahren als Gehilfe Jared Calhouns im einzigen Saloon der kleinen Stadt Taos.

‘‘Dieser Blutstrom.” Sancho räusperte sich. “Bedeutet er, dass Blut strömen wird?”

Ezekiel senkte den Kopf.

“Mit Bestimmtheit kann ich das nicht sagen. Die Trommeln und Gesänge stellen insgesamt eine Beschwörung dar, und damit eine indirekte Frage. Sie kann einem größeren Zusammenhang gelten, der Erklärung desselben, aber auch einer Auseinandersetzung - oder beidem zugleich. Nur eines steht mit Bestimmtheit fest: Da draußen im Pueblo ist etwas im Gange.”

Jared Calhoun kam mit einem kleinen Tablett an den Tisch, auf dem vier Gläser Tequila standen, jedes randvoll. Er stellte sie vor jeden einzelnen und nahm das letzte selbst in die Hand.

“Das ist die Schlussrunde, Gents. Einmal muss alles ein Ende haben. Morgen früh ist auch noch ein Tag. Los, Sancho, fang schon an, die Bude auszufegen!”

“Nun lass ihn doch wenigstens in Ruhe austrinken”, versuchte Ezekiel bei seinem Verwandten ein gutes Wort für Sancho einzuwerfen. “Es würde selbst morgen früh noch reichen.“

Dennoch machte sich Sancho sofort an die Arbeit.

Jared Calhoun stemmte eine Faust, auf den Tisch und die andere in die Hüfte.

“Mein lieber Onkel oder Großonkel oder was immer du zu mir sein magst, Ezekiel: Mir ist klar, dass man in deinem Alter keinen Schlaf mehr braucht, aber das gilt für die anderen noch lange nicht.  Außerdem ist das mein Laden.”

“Und es sind unsere Münzen, die auf den Tisch klappern”, widersprach Ezekiel. “Auch die meinen, wenn ich mich nicht irre.”

“Meine liegen schon”, wandte Hank Destry verhalten ein. “Ich ziehe Leine. Gute Nacht, Jungs.”

Sancho Pertinez warf einen kurzen Blick aus der Ecke, die er gerade fegte, und erkannte die Situation mit einem Blick.

“Ich muss mal kurz raus, Boss.“

Jared Calhoun schaute nicht einmal zu ihm und blieb ihm die Antwort schuldig.

Die beiden Verwandten waren allein. Ezekiel musterte den ergrimmten Jüngeren nachdenklich. Jared Calhoun war kräftig und untersetzt. Das dunkelbraune Haar war streng nach hinten gestrichen, der Mund hart und das Kinn wuchtig, aber schon etwas schwabbelig. Die Nase verriet seine Vorliebe für harte Getränke, die er seit Jahren vergeblich zu unterdrücken versuchte.

“Jared, oh Jared. Es gab eine Zeit, in der dein Bruder Benjamin auf dich stolz war. Es gab eine Zeit, in der dein Banjo auf Hochzeiten und Volksfesten bis in die tiefe Nacht zu hören war. Wo ist es geblieben, Jared? Ich sehe es nirgends. Wo ist dein Lachen geblieben, deine Lebenslust und dein Rückgrat?”

Jared Calhouns Gesicht hatte sich bei jedem der letzten Worte stärker verdüstert. Jäh schoss seine Hand vor, um den Alten am Kragen zu packen. Doch Ezekiel war nicht mehr dort, wo er sein sollte. Blitzschnell hatte er den Tisch so gehoben und gedreht, dass Jared ins Leere griff und die Platte entlang zu Boden sauste. Dabei prallte sein Ellbogen so hart auf, dass er vor Schmerzen aufschrie.

“Gute Nacht, Jared”, brummte Old Ezekiel beim Hinausgehen. “Ich bete trotzdem, dass du wieder der wirst, der du einmal warst.”

Als er auf der nachtstillen Plaza stehenblieb, hatte sich Ezekiel Calhoun wieder ein wenig beruhigt. Genau an dieser Stelle hatte er gestanden, als ihm um die Mitte des vergangenen Jahrzehnts ein sechzehnjähriger Bengel voll von hinten hineingelaufen war, so dass sie beide zu Boden gestürzt waren. Der Junge, dem das dichte blonde Haar nach allen Seiten abstand, war natürlich als erster wieder auf die Beine gekommen.

“Was stehst du auch so dumm herum, Methusalem”, hatte er aufgebracht gerufen. "Es ist nicht meine Schuld, dass  ...  "

Im nächsten Moment hatte er sich eine so mächtige Backpfeife eingehandelt, dass er erneut im Staub der Mainstreet gelandet war, diesmal aber gleich auf der anderen Straßenseite.

Sie war aber nicht von Ezekiel gekommen, sondern von einem vierschrötigen Weißen, der durch seine Gesichtszüge, sein dunkles Haar und seine Wildlederkleidung fast indianisch wirkte.

“Du wirst dich bei dem Mister entschuldigen.”

Dem Jungen aber dröhnte von der Wucht des Schlages noch der Kopf. Er kam nicht von allein hoch.

Ausgerechnet Ezekiel war es, der ihm aufhalf. Unter dem unerbittlichen Blick des Vierschrötigen stammelte der Junge tatsächlich entschuldigende Worte.

“Trink was im Saloon und warte auf mich.”

Der Junge starrte ihn fassungslos an, bevor er davon wankte.

“Das war ein mächtig harter Schlag, Mister Bent”, hatte Ezekiel den Mann angesprochen.

Charles Bent hatte mit den Schultern gezuckt.

“Der Bursche kann reiten und schießen wie der Teufel, und er ist einem Sattler davongelaufen. Irgend jemand muss ihm die Flausen austreiben.”

Im Saloon hatte das Bürschlein tapfer gegen seine Tränen angekämpft. Ezekiel hatte nicht feststellen können, ob das von den Schmerzen kam oder von der Scham, nun auch noch Gast jenes Mannes zu sein, den er umgerannt und beschimpft hatte.

“Wie heißt du, Junge?”

“Christopher.”

“Dann pass auf, dass dir niemand ins Kreuz rennt, wenn du mal so alt bist wie ich.”

Wie lange war das wieder her? Sechs, sieben, acht Jahre? Ezekiel hatte den Jungen nie wiedergesehen, sich aber oft gefragt, was aus ihm geworden war. Er war im Grunde doch kein übler Bursche gewesen.

Die nächtliche Kälte machte sich bemerkbar. In der Ferne strichen Präriewölfe über die Luzernefelder und heulten. Selbst der Mond, der über dem zweieinhalb Meilen entfernten Pueblo stand, schien in dieser Nacht zu glühen, als wäre mit ihm ein Werwolf über die Gipfel der Sangre de Christo-Range gestiegen.

Ezekiel schüttelte sich. Er spürte einfach, dass Unheil bevorstand.

*

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AM NÄCHSTEN MORGEN stand er früh auf, genehmigte sich ein ausgiebiges Frühstück, versorgte sich ausreichend mit Proviant und kümmerte sich mit besonderer Sorgfalt um seine Waffen.

Böse Zungen behaupteten, bei Old Ezekiels legendärer Pennsylvania-Rifle würde es sich um eines der ersten Modelle dieser Schule überhaupt handeln, und der Alte würde sie deshalb so pfleglich behandeln, weil sie in seinem Geburtsjahr hergestellt worden sei. Old Ezekiel wiederum behauptete, dies wären keine bösen Zungen.

Die Pennsylvania-Rifle hatte sich aus einer deutschen Jägerbüchse entwickelt, die. den Erfordernissen der Waldläufer ideal angepasst war. Sie musste für Grenzer, Squatter und Waldläufer leicht genug sein, um sie über viele Wochen und Monate täglich stundenweise tragen zu können, einfach in der Bedienung, robust im Schlossmechanismus, leicht zu reparieren und schnell zu laden sein; das Kaliber hingegen gerade noch so groß, dass man auf möglichst weite Entfernungen mittleres Wild strecken und Indianer erwischen konnte.

Im Vergleich zu ihrem Urbild war die Pennsylvania bis 50 Zoll lang, hatte Kaliber 45 und einen bis an die Mündung geschäfteten Lauf, um ihn vor Beschädigungen zu schützen. Sie wog bis fünfeinhalb Pfund und traf bis auf 200 Schritt noch genau. Die im Schaft eingelassene Patchbox enthielt mit Hirschfett getränkte Schusspflaster; ein Viertelpfund Pulver und ein Pfund Bleikugeln vervollständigten Old Ezekiels Ausrüstung.

Er war noch keine Stunde mit rüstigem Schritt in die Berge gegangen, als er verhielt, um den Ausblick zu genießen, solange er dies noch konnte. Wenigstens Taos war älter als Ezekiel Calhoun und bereits 1615 gegründet worden. Von hier oben sahen die Häuser so bunt verstreut aus, als hätte ein Riese mit Würfeln gespielt, um sie dann achtlos liegenzulassen. Wie eine schimmernde Schlange wand sich der Rio Grande durch sein tief gegrabenes Bett. Auch die Indianersiedlung war gut einzusehen.

Um die vom Taos Pueblo River durchflossene Plaza gruppierten sich festungsartig Häuser im ältesten Adobestil, somit Gebäude, die nur aus Lehm und Stroh und ohne gebackene Ziegel errichtet worden waren. Ihre Wandflächen waren dunkelgelb bis braun gefärbt. Aus den eiförmigen Backofen davor quoll teilweise Rauch. Am beeindruckendsten waren freilich die vier- und fünfstöckigen Gemeinschaftshäuser auf beiden Seiten des Flüsschens, in deren Inneres man nur von außen über Leitern zu den Zwischendächern und von dort durch Luken wieder herab gelangen konnte. Als Deckenträger dienten starke Rundhölzer. Und die Kiwas, die religiösen Versammlungsorte. Sie mochten Geheimnisse bergen, die nun an die Oberfläche kommen würden. Aber Old Ezekiel verließ sich auf sein Gespür. Und dieses sagte ihm, dass er in den Bergen zuerst fündig werden würde.

Seine erste harte Schule war der “French and Indian War“ gewesen, wo er gleich die Niederlage des britischen Generals Braddock am oberen Ohio miterlebt hatte. Er hatte die Pontiac-Verschwörung mitbekommen und war in den Revolutionskrieg verwickelt worden. Er hatte Aaron Burr kennengelernt. Als er sich Lewis und Clark zu ihrer legendären Expedition anschließen wollte, damit sie von seinen langjährigen Erfahrungen profitieren sollten, hatten diese ihn wegen seines hohen Alters abgelehnt.

Es war kein Geringerer als Andrew Jackson, der ihn wieder an seiner Seite schätzte, als sie mit Jacksons Grenzer-Soldaten gegen die Creek gezogen waren und danach bei New Orleans ein britisches Heer besiegt hatten. Erst im Seminolenkrieg war es zum Zerwürfnis mit Jackson gekommen, und Old Ezekiel wusste nicht, ob daran allein sein Altersstarrsinn hatte schuld sein können. Aber er hatte sich immer auf seinen Instinkt verlassen. Wie jetzt.

Die kiefernbekleideten Berge ragten in einem satten blauen Dunst empor, einem Blau, das in den Klüften an Kornblumen erinnerte, während es am Grat am dunkelsten war. Einige Weißhalsschwalben zogen himmelsstürmende Bahnen. Ezekiel konnte sich an der Schönheit der Berge nie sattsehen. Nicht umsonst hatte er Taos zu seinem Alterssitz erwählt. Dennoch zweifelte er, und wohl nicht zu Unrecht, nach jahrzehntelangen Wanderschaften als Mountain Man immer noch an seiner endgültigen Sesshaftigkeit. Im Begriff, einen Grat zu beschreiten, bekam er einige Bröckchen Geröll auf die Schulter.

Jäh fuhr sein Kopf hoch. Eine Eidechse? Ein Vogelnest? Erosion?

Nein. Ein Rascheln, bei dem sich seine weißen Haare sträubten. Er war bereits in den Grat hineingelaufen, als der Indianer ganz von dem Felsüberhang herabgeglitten war und ihm mit raschen Schritten zu folgen begann, so schnell der Abgrund zu beiden Seiten des schmalen flachen Streifens, den der Grat darstellte, zuließ.

Old Ezekiel hatte früh die Gelegenheit verpasst, an Schwindelgefühlen zu leiden. An den tödlichen Absichten seines Verfolgers bestand kein Zweifel, doch zwischen der beidseitigen tödlichen Tiefe konnte man nur ein bestimmtes Tempo vorlegen, und Old Ezekiel war sicher, dass er deshalb den Abstand würde halten können.

Sein Optimismus wurde durch den Anblick eines weiteren Indianers getrübt, der ihm vom anderen Ende des Berggrats entgegenkam.

Ezekiel hatte so lange gelebt, dass ihm nun ein unnatürlicher Tod wie eine Ironie des Schicksals erschienen wäre, aber seine Neigung zur Ironie war in dieser Hinsicht beschränkt.

Doch etwas hatte er in seinem langen Leben gelernt: Sich in extremen Situationen jede Einzelheit einzuprägen. Bei der bisherigen Konzentration auf seiner Gratwanderung war dies ohnehin notwendig gewesen.

Er richtete sich auf. Ein Blick auf die Raubvögel, die neben und unter ihm ihre Bahnen über den Abgründen zogen, wäre tödlich gewesen.

Ezekiel warf sich herum. Es war zu wenig Zeit geblieben, um die Büchse anzuschlagen.

Sein Verfolger blieb erstaunt stehen, als er feststellen musste, dass der uralte Mann plötzlich wieder auf ihn zueilte, so schnell es die schwierigen Verhältnisse zuließen. Bevor dem Indianer klarwerden konnte, was ihm drohte, sprang der Alte mit einem Satz auf ihn zu, der sie beide in den Abgrund reißen musste!

Als ihm diese Erkenntnis dämmerte, war es schon zu spät. Er und der Uralte flogen in die Tiefe, als sie aufeinanderprallten.

Nur, dass Ezekiel den Riemen seiner Büchse, deren Lauf nach hinten ragte, im allerletzten Moment um eine Felsnase hatte schlingen können, die er sich auf dem Herweg gemerkt hatte. Während der gellende Todesschrei seines Verfolgers aus der Schlucht herauf klang, fasste Ezekiel mit der linken Hand nach, womit diese Seite seines Körpers Schaft und Abzug belastete.

Der Gegner von der anderen Seite war herangekommen. Er holte zum Schleudern seines Tomahawks aus, und seine vor Zorn verdunkelten Augen ließen keinen Zweifel, daran, dass er sein Ziel auch treffen würde.

Ezekiel zog den Abzug durch.

Die Kugel schlug so tief in den Körper des Todfeindes ein, dass er sofort zusammenklappte und in seinem letzten Schwung beidseitig auf den Felsgrat prallte.

“Dank dir, meiner teuren guten alten Pennsylvania!”

Old Ezekiel zitterten sämtliche Knochen so stark, dass er es beinahe nicht mehr geschafft hätte, sich hochzuziehen, Als er es dennoch vollbracht hatte, schloss er einfach die Augen und wartete, bis sein Atem wieder langsamer ging.

Ein Stöhnen riss ihn aus seiner Versenkung. Der zweite Gegner lebte noch. Der Alte packte ihn, vor sich, am Gürtel. Weit war es nicht mehr bis zum anderen Ende des verfluchten Berggrate. Als er dort mit seiner schweren Last endlich fluchend und schwitzend angelangt war, taten ihm alle Knochen weh.

“Wer hat euch geschickt?”

Der sterbende Blick des Bezwungenen drückte nur Zorn und Verachtung aus.

“Sprich, oder ich schleudere deine Medizin in den Abgrund!”

Jähes Erschrecken weitete die Augen des Sterbenden.

“Camascana  ...  er kommt  ...  in drei Monden  ...  "

Dann brachen sie. Als sein Kopf zurückfiel, rutschte ein kleiner Anhänger mit einem seltsamen Motiv, der an einem Silberkettchen hing, den Hals hinunter.

Ezekiel Calhoun riss ihn ab und steckte ihn ein. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er den sterbenden Indianer nicht in Tiwa angesprochen hatte, der Sprache der Pueblo-Indianer.

Er hatte ganz unbewusst sofort Worte eines Volkes verwendet, dem seine beiden Gegner mit Sicherheit angehört hatten, so erstaunlich ihre Anwesenheit in diesem Gebiet auch immer sein mochte.

Den Seminolen.

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AUF DER “YELLOWSTONE“

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WASHAKIE BESAß GENÜGEND Übung, um einen Gegner auch im Dunkel der Nacht schnell und sicher fesseln zu können, und genügend Kaltblütigkeit, um diese Tätigkeit trotz heranrückender Feinde zu einem zügigen Ende zu bringen.

Beides war der Fall, jedoch in abgemilderter Form. Der Gegner war nur ein kleiner Junge, der unbedingt zu den Angreifern überwechseln wollte, und diese schwammen durch den nächtlichen Mississippi auf das Festland zu, auf das östliche Ufer, wo Washakie eben sein Werk vollendet hatte.

Derjenige, der sie mit gut gezielten Pfeilen, doch zunächst auch nur mit knapper Not und aufgrund seiner Schnelligkeit und Geschicklichkeit mit Pfeil und Bogen vom Betreten des Ufers hatte abhalten können, war allerdings kein Indianer. Kit Carson hatte nur bereits seine Deringer-Rifle leer geschossen.

Sicher hatten die näherschwimmenden Krieger der Sauk und Fox schon allein nicht damit gerechnet, dass das Ufer bewacht sein würde.

Weit größer waren ihr Schrecken und ihr Entsetzen über die schemenhafte, doch ungeheure Masse, die aus den nächtlichen Nebelschleiern des gewaltigen Flusses immer näher heranrückte. Den Ausschlag aber gaben die beiden rotglühenden Augen, die Feuer und Rauch zum nachtfinsteren Firmament sandten, und das Fauchen und Dröhnen, das dem gewaltigen Leib entstieg, als fieberte ein urweltliches Ungeheuer einer lang entbehrten, schrecklichen Mahlzeit entgegen.

Die Sekunden, in denen die Augen sämtlicher Sauk- und Fox-Krieger von Furcht gebannt auf das näher kommende Ungetüm gerichtet waren, nutzte der junge Trapper, um schleunigst seine Deringer-Rifle nachzuladen. Er warf sie Washakie zu, der sie geschickt auffing, nachdem er den Jungen zu Boden hatte gleiten lassen.

“Lass keinen an Land!“, rief der hochgewachsene Mountain Man mit den schulterlangen blonden Haaren seinem Freund zu. “Du behältst die drei linken Stämme im Auge, ich den Rest!”

Washakies eigener Schrecken war dem der Sauk und Fox kaum nachgestanden, aber er hatte sich rasch gefasst und schickte sich sofort an, Kits Aufforderung nachzukommen.

Leicht war diese Aufgabe nicht. Die Baumstämme, hinter denen die herantreibenden Krieger sich verborgen gehalten hatten, waren inzwischen weiter auseinandergedriftet. Allerdings konnte dafür auch nicht mehr von Angriffsgedanken die Rede sein.

Doch Kit Carson wollte das Ostufer von Feinden freihalten, um jede Gefahr von der etwa zwei Meilen hinter ihnen liegenden kleinen Siedlung der Weißen abzuwenden.

Aus der Richtung der Feueraugen erklang mehrmals hintereinander eine Mischung aus schrillem Pfeifen und wütendem Zischen, die mit fast unverminderter Lautstärke über die Wasseroberfläche getragen wurde und in den Ohren der Indianer gellte. Damit war es mit ihrer Selbstbeherrschung endgültig vorbei. Ihre Panik wollte sie auf dem näher gelegenen Ufer Schutz suchen lassen. Kit Carson und Washakie ließen es nicht soweit kommen. Der junge Scout feuerte mit seiner Rappahannock-Holsterpistole so gezielt, dass die Sauk und Fox endlich doch dem Ufer zustrebten, von dem sie gekommen waren.

Auch Washakies Schüsse saßen. Bereits zwei der treibenden Baumstämme auf seiner Seite waren aufgegeben worden. Eine weitere Kugel erwischte einen schwimmenden Sauk in der Schulter. Endlich suchten die Indianer das Weite, so schnell es ging, wobei sie das Wasser in einem weiten Bogen um den fauchenden Riesen aus der Nacht mieden. Der Kampf hatte die beiden Gefährten in die entgegengesetzten Richtungen getrieben. Nun eilten sie wieder aufeinander zu.

“Ich hätte gute Lust, ebenfalls Land zu gewinnen“, gestand der Halbschoschone. “Doch drängt sich mir immer mehr der Verdacht auf, dass du von diesem Ungetüm gewusst hast, womöglich sogar dahintersteckst. Ich wäre weniger erschrocken, wenn ich gewusst hätte, dass es zu unseren Gunsten eingreifen würde.“

“Zunächst ist der Junge wichtig”, winkte Kit ab. “Gehen wir zu ihm.”

Er lag noch dort, wo Washakie ihn abgelegt hatte, um die Hände für den Kampf freizuhaben. Seine Augen funkelten wütend.

“Nat Curwood”, stellte Kit fest. “Der jüngere der beiden Waisen, die bei den Farnhams leben. Was hast du um diese Zeit am Fluss gesucht, Knabe? Die Farnhams wissen womöglich noch gar nicht, dass du ausgebüchst bist.”

Da der Junge trotzig die Lippen verschloss, antwortete Washakie an seiner Stelle.

“Er wollte sich mit ihnen treffen! Einer hat ihm zugewinkt! Du wusstest sogar, dass ein Überfall geplant war, stimmt ’s?”

Nun konnte Nat doch nicht länger schweigen.

“Das ist nicht wahr!”, presste er aufgeregt hervor. “Cute Lizard hat sich mit mir verabredet. Ich dachte, er würde alleine kommen. Er hat mir immer so aufregende Dinge erzählt, und wie die Sauk und Fox leben und ihre Bräuche und ihre Geheimbünde  ...  ”

Er brach ab, als hätte er schon zu viel gesagt .Washakie hatte mit seinem Schuss ins Blaue ohnehin nur bezweckt, ihn aus der Reserve zu locken. Das Erschrecken des Jungen, als er unvermittelt gleich mehrerer Indianer ansichtig geworden war, hatte Washakie nicht entgehen können. Kit dämmerte eine Erkenntnis.

“Sie hätten eine Geisel gehabt”, murmelte er. “Aber sie wären dafür nicht so zahlreich gekommen, wenn sie darüber hinaus nicht doch noch einen Überfall geplant hätten. Gar nicht so dumm.”

“Was soll nun geschehen?”, wollte der Halbschoschone wissen.

“Der Junge muss zurück, soviel ist klar, und die Siedler müssen von der Attacke erfahren, damit sie uns endlich emst nehmen. Das war bestimmt nicht der letzte Versuch.”

“Worauf warten wir dann noch?”

Kit starrte angestrengt in den Flussnebel.

“Lass dich überraschen. Hörst du etwas?”

Washakie glaubte, ein leises Plätschern zu vernehmen. Einer plötzlichen Eingebung folgend, wandte er sich erneut an Nat.

“Dieser Cute Lizard  ...  das war der Mann, der dir zugewinkt hat, nicht wahr?”

Der Junge nickte.

“Warum fragst du?”, hakte Kit nach.

“Weil er nicht aussah wie ein Fox. Und erst recht nicht wie ein Sauk.”

Das leise Plätschern, das durch den Flussnebel gedrungen war, verstummte. Die Riemen des Ruderbootes, die es verursacht hatten, waren eingezogen worden, bevor der Bootskiel knirschend in das nächtliche Kiesufer einfuhr. Kits Verhalten verriet Washakie, dass diesmal kein Feind erwartet wurde. Ein kleiner Mann in Uniform sprang heraus.

“Mister Carson, vermute ich, und Washakie?”

“Dann sind Sie Joe Fender.”

“Der bin ich. Wie Sie sehen, hat die ‘Yellowstone' ihren Termin eingehalten. Morgen hätten Sie in jedem Fall Siedler zur Nachtwache mitschleppen müssen.“

“Was jetzt geschehen ist, dürfte sie überzeugen. Gibt es neue Anweisungen von Mister Bent?”

Joe Fender schüttelte den Kopf.

“Nichts, was mir überbracht worden wäre. Charles Bent soll in dieser Sache gerade selbst unterwegs sein. Seine letzte Anordnung bestand darin, Sie hier aufzugreifen und nach Galena mitzunehmen.”

Erst jetzt fiel sein Blick auf Nat.

“Wer ist denn dieser junge Mann?”

“Ein wichtiger Augenzeuge”, erwiderte Kit. “Offensichtlich war eine Geiselnahme geplant, weil sich einer der Indianer hier mit dem Jungen verabredet hatte. Er heißt Nat Curwood.”

“Eine Geiselnahme? Das entspricht ganz und gar nicht den Gebräuchen der Sauk und Fox.”

“Jedenfalls ist uns beiden klar, dass es keinen Sinn hat, sie zu verfolgen, in der Nacht schon gar nicht.”

Washakie räusperte sich. Er konnte seine Neugierde nicht länger bezähmen.

“Dieses kleine Kanu gehört zu einem großen Kanu, nicht wahr?”

Kit lächelte anerkennend.

“Ganz richtig, Washakie. Und dieses große Kanu ist das massige schwarze Riesending mit den leuchtend roten Augen, das du auf dem Fluss gesehen hast. Im Golf von Kalifornien hast du ja bereits andere Schiffe kennengelemt, aber niemals einen Dampfer. Die ‘Yellowstone’ kann freilich auch nicht näher ans Ufer, ohne aufzulaufen.”

“Du willst mit ihr fahren?”'

“Ich werde nicht allzu lange weg sein, Washakie. Warte bitte bei den Siedlern auf mich, selbst wenn es einige Tage dauern sollte. Erzähle ihnen alles, was geschehen ist.”

“Einer meiner Matrosen wird mitkommen”, wandte Joe Fender ein, woran nun auch Washakie erkannte, dass der Kapitän höchstpersönlich vor ihnen stand. “Und der junge Mann hat alles genau mitbekommen, oder nicht?”

Nat schien es, als könnte der erfahrene Flusskapitän mit dem durchdringenden Blick auf den Grund seiner Seele schauen. Er konnte nur schlucken und nicken.

“Du hast auch gesehen, dass Cute Lizard nicht etwa zu dieser infamen Tat gezwungen wurde, Nat”, schärfte Kit ihm ein. “Er hat mit Erfolg versucht, dein Vertrauen zu erschleichen. Mit dir als Geisel hätte er die Farnhams und die ganze Siedlung in große Schwierigkeiten gebracht. So aber ist dir die ganze Geschichte nicht nur eine gute Lehre, sondern du hilfst deinen Leuten sogar noch, indem du ihnen alles haargenau erzählst, wie es vorgefallen ist Hast du mich verstanden?”

“Warte”, schloss Washakie an die Rede seines Gefährten an. “Könnte es nicht so gewesen sein, dass Nat als einziger unsere Warnungen geglaubt hat und uns zum Ufer gefolgt ist, weil er uns bei der Wache helfen wollte? War es nicht eher so, Nat?”

Dieser schaute ihn zunächst verständnislos an, doch als er begriff, begannen seine Augen zu leuchten.

“Das  ...  das wäre verdammt nett, Sir!”

“Ein Sir bin ich bestimmt nicht, Nat. Ich heiße Washakie. Wollen wir Freunde sein?”

Er streckte dem Jungen die Hand hin, wie er es bei den Weißen inzwischen oft genug gesehen hatte. Nat lächelte breit, als er einschlug, doch sein Gesicht war rot vor Verlegenheit.

“Damit wäre alles geregelt” stellte Kit fest. “Also bis bald, Washakie  ...  und Nat.”

“Unverhofft kommt oft”, sagte Washakie. “Ich hoffe daher, dass wir diesmal nicht ebenfalls wieder unversehens für längere Zeit getrennt sein werden, wie es damals nach dem Abschied in Fort Bonneville der Fall war.”

“Das hoffe ich ebenso wie du”, war Kits Antwort. “Aber mach dir keine Sorgen. Diesmal dauert es garantiert nicht so lange.”

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KIT HÄTTE GERN SELBST gerudert, aber Fender ließ dies nicht zu. Also konzentrierte sich der junge Scout auf den Fluss, falls es doch noch einem der Sauk- oder Fox-Krieger einfallen sollte, das vermeintliche Ungeheuer genauer in Augenschein zu nehmen. Diese Sorge erwies sich jedoch als unbegründet.

Beim Näherkommen hoben sich die Umrisse des Schiffes immer deutlicher ab. Die leicht schrägen Öffnungen der beiden Hauptschlote, die aus dem Vorderdeck ragten, hatten bei den abergläubischen Indianern leicht den Eindruck glimmender Augen erwecken können. Unter der halbkreisförmigen Holzaußenwand des Seitenradgehäuses war der Name des Schiffes in großen Buchstaben zu lesen. Das Vorderdeck war überdacht, die Überbauten hatten vorne zwei, hinten drei Fenster. Die drei Nebenschlote wurden nicht beheizt.

Sie legten an. Joe Fender half Kit an Deck und gab dem jungen Trapper Zeit, sich ein wenig umzusehen.

“Ein prächtiges Schiff!, stellte Kit fest. “Es ist zum ersten Mal in dieser Gegend, nicht wahr?”

Der Kapitän nickte.

“Sozusagen eine Jungfernfahrt, Mister Carson, bevor wir uns in die schlammigen Wasser des Missouri begeben. Somit ließ sich Mister Bents Anliegen mit unseren Vorhaben bestens vereinbaren. Nach dieser Probefahrt wollen wir als erstes Dampfboot in der amerikanischen Geschichte den Missouri bis zur Mündung des Yellowstone River hochfahren. Doch nun kommen Sie mit unter Deck. In meiner Kajüte lässt es sich besser und in Ruhe plaudern.”

Der hochgewachsene Scout warf einen letzten Blick auf den Sternenhimmel und folgte seinem Gastgeber die schmale Treppe hinunter.

In seinem kleinen, aber gemütlichen Refugium holte Fender zwei Gläser und eine fast noch volle Flasche aus einem Schränkchen, das in die Wand eingelassen war. Bei der Nachtkälte, die draußen herrschte, hätte Kit auch einen weniger edlen Tropfen als Coulson’s erlesenen Whiskey, der ihm gerade eingeschenkt wurde, nicht abgelehnt.

“Den Missouri hoch, Mister Fender? Alle Achtung und Hut ab! Ich kenne diese Strecke natürlich hauptsächlich vom Land aus. Alluvialufer, die unterwaschen werden und fortwährend herabstürzen, wodurch das brausende Wasser trüb und undurchsichtig wird. Jede Menge Meilen schlammiger, gelblicher Fluten. Umgestürzte Baumstämme, deren Wurzeln am Boden festsitzen, Sandbänke, das ganze Treibholz  ...  Sie haben eine gigantische Aufgabe vor sich! Aber ich wünschte fast, ich wäre dabei! Das wäre ein Unternehmen nach meinem Geschmack!”

Joe Fender lachte.

“Von mir aus gern! Wir sind gut bestückt. Wir haben eine zwölfpfündige Kanone und drei achtpfündige Drehbassen an Bord, die für das Fort der amerikanischen Pelzkompanie an der Mündung des Yellowstone bestimmt sind. Wenn wir an abgelegenen Dörfern vorbeifahren, feuern wir sämtliche Geschütze mehrmals schnell hintereinander ab, und der Effekt bleibt nie aus.”

“Das glaube ich.” Kit lächelte. “Und bei den Sauk und Fox brauchten Sie diesmal ja nicht einmal zu schießen.”

“Natürlich nicht. Sicher, Galena betreibt Flusshandel, aber was die Roten da tagsüber zu sehen bekommen, sind ausschließlich Flachboote, Kielboote oder Mackinaws. Sie hätten mitbekommen sollen, wie andere Indianerstämme schon beim Auftauchen unseres Seitenraddampfers erschrocken sind! Für sie ist die ‘Yellowstone’ ein Geheimnis, und somit eine ‘Medizin’. Manche warfen sich bei ihrem Anblick mit dem Gesicht auf die Erde und riefen den Großen Geist an, andere schossen ihre Pferde und Hunde tot, und opferten sie in der Annahme, der Große Geist sei beleidigt und nur so zu versöhnen. Sie bezeichneten die ‘Yellowstone’ als das ‘Große Donnerboot’, wenn sie den Blitz des Pulvers sahen und den Donner der Geschütze hörten. Andere nannten es das ‘Medizinkanu mit Augen’, denn Medizin musste es sein, weil sie es nicht verstanden, und Augen musste es haben, weil es, nach ihren Vorstellungen, seinen eigenen Weg sieht und das tiefe Wasser inmitten des Flusses von selbst aufsucht.”'

“Diesmal hatten sie sogar das zweifelhafte Vergnügen, seine Nachtaugen zu sehen.”

“Richtig. Ich kann Ihnen versichern, dass wir einige neue Legenden am Hals haben, bevor wir wieder von hier verschwinden.”

Kit bekam sein Glas erneut voll geschenkt. Er spürte, wie ihn langsam eine wohlige Müdigkeit übermannte.

“Was genau hatte Bent für mich vorgesehen?”

“Nun, Sie sollen mit hin- und mit zurückfahren, und mit uns nach Galena kommen, um dort Augen und Ohren offenhalten - sowie, falls in der beschränkten Zeit überhaupt möglich, tunlichst unauffällig ein wenig herum stöbern.”

“Das klingt ziemlich vage”, stellte der junge Trapper fest. “Oder Charles Bent ist felsenfest davon überzeugt, dass ich genau zum richtigen Zeitpunkt eintreffe, um etwas Wichtiges zu erfahren.” “Oder aber”, schloss er langsam, “es ist Zeit, mit meinem Talisman auf die Suche zu gehen. So kehrt er dorthin zurück, wo er hergekommen ist .Vielleicht genau im rechten Moment. Das könnte es sein, ja.”

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DIE FARNHAMS

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AUF DEM RÜCKWEG WURDE Nat Curwood gesprächig und redete mehr als den gesamten Tag zuvor. So erfuhr Washakie bereits das Wesentliche über die Familie Farnham und Nats ältere Schwester Phillis. Der Matrose, dem dieser weite Landgang offensichtlich nicht sonderlich behagte, hielt sich im Hintergrund und spähte nach allen Seiten in die nächtliche Landschaft.

Dies wäre nicht nötig gewesen, denn obwohl Washakie Nats Erzählungen interessiert lauschte, ließ er doch keine Sekunde die Umgebung aus den Augen. Als sie eine weitere Buschinsel umgangen hatten, verhielt der junge Halbschoschone unvermittelt im Schritt und bedeutete seinen Begleitern, seinem Beispiel zu folgen.

Im nachtfeuchten Präriegras lag ein Mann mit dem Rücken nach oben. Washakie ließ Nat und den Matrosen schweigend zurück, um zu erkunden, was geschehen war.

Ein Weißer, ein junger Mann noch. Erleichtert stellte Washakie fest, dass er nur ohnmächtig war. Doch neben ihm lag ein Messer im Gras, dessen Klinge mit Blut befleckt war. Frischem Blut!

Jäh fuhr er hoch, als er das leise Rascheln hörte. Hinter dem Matrosen war eine schemenhafte Gestalt aus dem Boden gewachsen.

Das im Mondlicht aufblitzende Messer fand seinen Weg, und für Kapitän Fenders Mann kam jede Hilfe zu spät.

Noch während er zu Boden sank, sprang Washakie, und im Sprung zog er seine eigene Waffe. Der sterbende Matrose rollte nach hinten, und damit dem Indianer, der ihn ermordet hatte, vor die Füße.

Dieser Moment seiner Unachtsamkeit genügte Washakie, um blitzschnell die Messerhand zu wechseln, den Unterarm des Gegners abzufangen und selbst zuzustoßen. Auch seine Klinge fuhr dem Feind direkt ins Leben.

Sofort machte er sich wieder frei, auf einen weiteren heimtückischen Angriff gefasst, der aber nicht kam. Nach einer Weile wagte er es, sich in die Büsche zu pirschen.

Nach sorgfältiger Suche stand fest, dass der hinterhältige Mörder allein gewesen sein musste. Es war ein Sauk. Washakie war überzeugt, dass er ihn auch lebend nicht mehr zum Reden hätte bringen können. Sein Lendenschurz war hoch feucht. Damit stand so gut wie fest, dass er durch den Fluss gekommen war. Entweder Kit und er hatten ihn trotz ihrer Umsicht nicht bemerkt, oder aber  ... 

Washakie wagte kaum, an die zweite Möglichkeit zu denken, nämlich dass Sauk und Fox den Mississippi noch an einer weiteren Stelle überquert hatten, dass der Kampf am Fluss womöglich nur ein Ablenkungsmanöver dargestellt hatte.

Seine Nackenhaare richteten sich auf. Nein, das durfte nicht sein.

Washakie stellte fest, dass der tote Sauk noch eine weitere Stichwunde und eine ziemliche Beule davongetragen hatte. Folglich musste er bis zu ihrem unmittelbaren Näherkommen bewusstlos gewesen sein, denn sonst hätte er seinem weißen Gegner längst den Garaus gemacht.

Diesen musste er wecke», um zu erfahren, was genau geschehen war. Also wandte er sich wieder ihm zu.

Nat folgte ihm auf dem Fuß. Diese Nacht hatte bereits genügend Schrecken für ihn bereitgehalten, aber noch nicht den letzten.

“Kennst du ihn, Nat?”, fragte Washakie, als er den Ohnmächtigen auf den Rücken drehte.

‘‘Mein Gott”, keuchte der Junge. “Natürlich. Das ist Jodie.”

Washakie rüttelte den Bewusstlosen erst schwach, dann heftiger. Als dies auch nichts half, gab er ihm mit der flachen Hand einige Schläge ins Gesicht.

Jodie Farnham öffnete die Augen, doch es dauerte einige Zeit, bis darin Verständnis zu lesen war. Als er Washakie wahrnahm, ging ein Ruck durch seinen Körper, und seine Hand glitt instinktiv dorthin, wo er sein Messer zu tragen pflegte.

“Mach keine Dummheiten, Jodie!”, rief Nat. “Das ist nicht der Indianer, der dich angegriffen hat, sondern Washakie, der schon mit Kit Carson im Dorf war. Er ist mein Freund!”

Ein wenig bange war ihm bei dieser Behauptung schon noch zumute.

“Nat”, presste der junge Zimmermann hervor. “Wo zum Teufel hast du gesteckt? Schließlich bin ich wegen dir losgezogen, nachdem du dich so sang- und klanglos verdrückt hattest.”

“Er wollte uns bei der Wache helfen”, ergriff der Halbschoschone anstelle Nats das Wort. “Und wie Ihr seht, war unsere Besorgnis nicht umsonst. Was ist geschehen?”

“Es tut mir leid, dass du wegen mir was abbekommen hast, Jodie'', platzte Nat nun doch heraus. “Es hätte schlimmer kommen können. Wie es geschehen ist? Weiß der Kuckuck! Ich konnte dem Kerl noch ordentlich eins über die Rübe geben, wie es sich für einen ordentlichen Zimmermann geziemt, und habe auch mit dem Messer nachgesetzt, als mir plötzlich schwarz vor den Augen wurde.”

“Seltsam”, murmelte Washakie. “Doch wir sollten nicht hierbleiben, denn wie Ihr bemerkt habt, hat es zwei Tote gegeben. Und hoffen wir, dass es nicht noch mehr werden. Fühlt Ihr Euch stark genug, um aufzustehen?”

“Keine Sorge, Washakie, ich werde Euch nicht zur Last fallen. Helft mir nur auf die Beine, den Rest kann ich dann schon selber besorgen.”

Washakie kam seiner Bitte nach, und Jodie Farnham hielt, was er versprochen hatte. Anfangs war er noch etwas wackelig auf den Beinen, doch dies gab sich rasch. Eine Dreiviertelstunde später kamen sie an einer einfachen Grabplatte vorbei.

“Unser Vater”, flüsterte der junge Zimmermann. “Wir haben ihn nicht mehr kennengelernt, aber er hat unserer Mutter mehr bedeutet als ihr eigenes Leben.”

“Wenn Eure Mutter sich dennoch in diesem wilden Landstreifen behaupten konnte, dann wisst Ihr zweifellos zu schätzen, welch unermesslichen Schatz Ihr an ihr habt”

“Unser Vater Lionel wusste es, wir wissen es, und das ganze Dorf schätzt sie. Es gibt niemanden, den sie zum Feind hat. - Unser Haus kennt Ihr ja schon, Washakie.“

Wie hingegossen lag das kleine, aber schmucke Anwesen in der weitläufigen Senke. Das Sternenlicht verlieh dem dichten Grasteppich einen silbernen Schimmer. Ein schmaler Pfad führte vom Grab bis zur Eingangstür. Wie häufig er begangen wurde, ließ sich schon allein daran erkennen, dass er gänzlich unbewachsen war.

Lionel klopfte einen bestimmten Rhythmus. Als die Tür aufgetan wurde, sahen die Ankömmlinge, dass trotz der vorgerückten Stunde noch sämtliche Bewohner des Hauses auf den Beinen waren. Die Sorge um die Vermissten hatte sie offensichtlich nicht zur Ruhe kommen lassen.

Washakies hochgewachsene Gestalt sorgte nur in einem ersten Moment für Schrecken. Hinter den Eintretenden wurde die Tür sofort wieder verriegelt.

Im Nu lag Nat in den Armen seiner älteren Schwester Phillis.

Als der Blick des zarten, schüchternen Mädchens dann auf Jodie fiel, stieß es einen leisen Schrei aus.

‘‘Um Gotteswillen! Du bist verwundet!”

‘‘Nicht der Rede wert”, winkte Jason Farnhams Zwillingsbruder ab.

‘‘Natürlich! Was hast du nur wieder angestellt, Nathaniel? Wenn Jodie nicht nach dir hätte suchen müssen, wäre ihm auch nichts zugestoßen. Du trägst die Schuld!”

“Erzählt endlich, was geschehen ist!”, ließ sich Frances Farnham vernehmen, deren Sorge um den Sohn nicht geringer als die Phillis ’ gewesen war.

Dass Phillis ' Anteilnahme allerdings gänzlich anderen Ursprungs war als jene der Mutter, war Washakie auf der Stelle aufgefallen. Ihre heftige Reaktion hatte ganz und gar nicht ihrem zurückhaltenden Wesen entsprochen.

“War es tatsächlich dieser herumstreunende Indianer, zu dem Nat wollte, oder warum ist er abgehauen?”, wollte Jason wissen, der den Bruder an den Tisch führte.

Jodie hob die Hand.

“Alles der Reihe nach.”

Als er seinen Bericht beendet hatte, schauten sich die Bewohner des Farnham 'schen Anwesens bestürzt an.

“Also hattet Ihr und Euer Freund Kit Carson doch recht”, flüsterte Roxanna.

Jasons Frau war hinter ihren sitzenden Mann getreten und hatte ihm die Hände auf die Schultern gelegt.

“Wir hätten auf euch hören sollen.”

“Kit glaubt nicht, dass es so schnell zu einem erneuten Versuch kommen wird”, erwiderte Washakie mit ruhiger Stimme. “Ich hatte zuletzt befürchtet, dass wir nur einen Scheinangriff abgewehrt hätten, sehe nun aber, dass dies glücklicherweise nicht der Fall ist. Kann ich bei euch bleiben, bis mein Gefährte zurückkommt?”

“Aber das ist doch selbstverständlich”, ergriff Frances Farnham erneut das Wort. “Mein Gott, was bin ich für eine schlechte Gastgeberin! Wir haben uns alle einen tüchtigen Schluck verdient! Jason, du weißt, wo die Flasche steht. Ich hole inzwischen die Gläser.”

Washakie konnte sich nicht ausschließen, doch er trank nur ein Glas, bevor er aufstand und zur Tür ging.

“Ich würde heute Nacht gerne weiter Wache halten, falls doch noch, weitere Sauk oder Fox in der Gegend herumstreichen sollten. Die Senke, in der euer Haus steht, eignet sich freilich wenig für Überraschungsangriffe, dennoch sollten wir jedes Risiko ausschließen.”

“Eigentlich wären wir jetzt mit der Wache dran”, wandte Jason ein, der ebenso wie sein Bruder Zimmermann war.

“Euch bleiben noch Nächte genug”, lehnte der hochgewachsene Halbschoschone sein Angebot ab.

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DIE CATLINS

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TROTZ DER ANSTRENGENDEN Nacht hatte Kit Carson es sich nicht nehmen lassen, noch vor Sonnenaufgang seine Schlafstatt zu verlassen und an Deck zu gehen.

Die ersten Sonnenstrahlen vergoldeten den leichten Nebel, der gleich windbewegten Tüchern sanft über dem Fluss trieb. Zu beiden Seiten des Mississippi zogen malerische, mit feuchtem Morgengras bedeckte Bluffs und Hügel vorbei, über denen Adler auf der Suche nach ihrer ersten Tagesbeute kreisten. Antilopen stillten bereits ihren Durst, und auf den Sandbänken standen Hunderte von weißen Schwänen und Pelikanen.

Die “Yellowstone” hatte etliche Passagiere an Bord. Seiner nächtlichen Eingebung folgend, wollte Kit sie sehen und gesehen werden. Er sah sich daher veranlasst, den Raum unter Deck aufzusuchen, in dem die Gäste ihr opulentes Frühstück einnahmen. Das von den Flammen angegriffene Amulett trug er dazu gut sichtbar an dem kurzen Kettchen um seinen Hals.

Beim Essen blickte er unauffällig um sich. Er sah andere Trapper, Geschäftsleute, Männer mit schwieligen, rissigen Händen, die unschwer als Minenarbeiter zu erkennen waren, einen gut gekleideten Mann mit einem Jungen und mehrere Frauen in grellbunten Ausstattungen, die in den Etablissements von Galena arbeiten mochten. Er wurde von manchen gemustert, doch von niemandem angesprochen. Falls aber jemand diese Absicht hat, dachte der junge Scout, wird er mich vielleicht lieber unter vier Augen sprechen wollen und nicht vor all diesen Leuten.

So ging er nach dem Essen wieder an Deck und ließ sich den frischen Morgenwind um die Nase wehen. Er wählte sich den abgelegensten Winkel aus und harrte der Dinge, die kommen würden. Etwas verwundert sah er eine Viertelstunde später den Mann mit dem Jungen auf sich zu schlendern.

“Ich habe in der Nacht Schüsse gehört und Sie bisher noch nicht an Bord gesehen“, begann der distinguiert wirkende Mann in den Mittdreißigern. “Fast würde ich davon ausgehen, dass beides zusammenhängt.“

Kit musste lachen, da der andere dies in einer recht drolligen Form von sich gegeben hatte.

“Nicht schlecht für den Anfang. Darf ich fragen, was Sie von Beruf sind?’’

“Auch sehr schlau! Natürlich bin ich Advokat und gewohnt, Fragen zu stellen. Mein Name ist George Catlin, und das ist mein kleiner Neffe Roy.“

Der junge Trapper gab beiden die Hand. Bei dem Wort “kleiner” hatte der Knabe die Stirn gerunzelt, aber älter als fünf oder sechs Jahre konnte er noch nicht sein. Er musterte Kit sehr aufmerksam.

“Ich heiße Kit Carson, und an meiner Kleidung sehen Sie bestimmt, was ich bin. Haben Sie sich in Galena niedergelassen oder erst die Absicht, dort eine Praxis zu gründen?”

Diesmal war es an Catlin, zu lachen.

“Keines von beiden, dear Sir! Schon während meiner Jugend in Wyoming habe ich statt der Bücher lieber Angel und Flinte in die Hand genommen. Nur widerwillig habe ich später bei Reeve und Gould die Rechte studiert und wurde, auf Wunsch meines Vaters, selbst Anwalt. Also wurde ich zur Advokatur zugelassen und schlug mich damit einige Jahre durch. Dann aber habe ich meine gesamte Habe und meine ganze juristische Bibliothek, kurz alles bis auf meine Flinte und meine Angelrute verkauft, um in den Westen zu gehen.”

“Mit Ihrem Neffen?”

“Nein, für ihn ist das nur ein kurzer Ausflug. Er wird mich in St. Louis wieder verlassen, während ich an Bord der ‘Yellowstone' bleibe.”

"Und was möchtest du mal weiden, Roy?”, fragte Kit den Jungen, um ihn nicht völlig aus dem Gespräch auszuschließen.

“Trapper oder Scout, Sir.“

“Das ist aber nichts rechtes.”

“Das ist mir ganz egal, Sir! Warum sind  S i e  denn Trapper geworden?“

Die Schlagfertigkeit des Knaben brachte Kit ein wenig in Verlegenheit.

“Warum? Nun  ...  ich hatte keine rechte Ausbildung und wollte einfach aus der Enge der Siedlungen raus. Die Weite der Prärien, die Schönheit der Flüsse, die Majestät der Berge - in der Wildnis lernt man das Leben.”

“Ganz meine Meinung, Sir!”

Kit musste sich ein Grinsen verkneifen. Der Kleine hatte ihn ganz schön aufs Glatteis geführt. “Dann wollten Sie auch nicht in die Schule, stimmt ’s?”

“Ich konnte nicht, Roy, das ist was anderes. Jedoch habe ich trotzdem gebüffelt.”

“Aber ich möchte werden wie Sie, Sir! Ein Held der endlosen Weiten des Westens. Onkel George will da auch hin, aber ohne ein Held zu werden.”

“Das muss auch nicht jeder.”

“Er hat in Philadelphia mit der Malerei angefangen und dort eine Gesandtschaft von Indianerhäuptlingen gesehen. Seitdem beherrscht ihn der Wunsch, zu allen Indianern zu reisen und sie zu malen!”

“Das stimmt”, gestand George Catlin etwas verschämt ein. “Ich habe mich von allen losgerissen, um mir diese Sehnsucht zu erfüllen - von meiner Frau, und auch von meinen bejahrten Eltern. Der Mensch in der Einfachheit und Erhabenheit seiner Natur, unbeschränkt und ungehemmt durch die Vermummungen der Kunst, ist gewiss das schönste Modell für den Maler und das Land, welches diese Modelle gewährt, ist unstreitig das beste Studium oder die beste Schule der Künste in der ganzen Welt”

“Ein hohes und sehr beeindruckendes Anliegen”, gestand ihm Kit zu. “Ich kann Ihnen dazu nur Erfolg wünschen. Wäre nicht dies auch etwas für dich, Roy?”

“Mit Verlaub, Sir, ich werde Trapper oder Scout!”

Ob soviel Hartnäckigkeit mussten die beiden Erwachsenen lachend den Kopf schütteln. Der Junge gefiel Kit. Ob seine Entschlossenheit Bestand haben würde, war jetzt noch nicht abzusehen, aber er hatte klare, aufrichtige Augen, einen wachen Verstand und war bestimmt nicht auf den Mund gefallen.

Freilich konnte Kit Carson damals noch nicht ahnen, unter welch dramatischen Umständen er siebenundzwanzig Jahre später einem gereiften, doch ruhelosen Roy Catlin wieder begegnen würde, ohne ihn sogleich zu erkennen.

“Sie tragen ein ungewöhnliches Amulett, Mister Carson”, stellte George Catlin fest. “Es ist bestimmt Silber, und es sieht aus wie eine Indianerarbeit.”

“Leider hat es einiges abbekommen.”

Trotz der direkten Frage fühlte Kit bezüglich Catlin kein Misstrauen in sich erwachen.

“Verstehen Sie etwas von Indianerkunst?”

“Immer noch zu wenig. Stammt dieses Amulett etwa aus der Gegend?”

“Ich vermute schon. Warum?”

“Nun, Sie wissen wohl selbst, dass in den Minen bei Galena Blei und Zink abgebaut wird. Schon der Name: Galenit ist Bleiglanz, Schwefelbleierz, aus dem Blei gewonnen wird. Ein metallisch schimmerndes, graues, häufig dunkles, matt angelaufenes Gestein mit einem kubischen Kristallsystem, wobei die Kristalle in Würfel- oder Oktaederform oder einer Kombination beider erscheinen.”

“Aber dieses Amulett  ...  “

“Silber, ich weiß. Also, wenn Galenit silbrig schimmert, enthält es neben Blei auch Silber, wenn auch nicht in vergleichbaren Mengen. Für die Minenbetreiber in Galena lohnt es sich mengenmäßig nicht, gesondert vorzugehen. Der Silberabbau fällt wegen des geringen Vorkommens folglich mit den gewöhnlichen Grabungen zusammen. Dennoch könnte dieses Silber aus Galena stammen, aber natürlich nicht über den Handel."

“Wie dann?”

“Die Stollen sind sehr weitläufig und verschlungen, und längst nicht alle Zugänge gelten als bekannt. Es geht das Gerücht, dass auch Indianer die Minen ausbeuten, nachts, wenn alle Arbeiter die Stollen verlassen haben, also heimlich und in den entlegensten Gängen, in die sich kein Weißer wagt. Dies geschieht freilich in einem bescheidenen Rahmen, der keine großangelegten Gegenmaßnahmen rechtfertigt. Die Indianer machen Kultgegenstände daraus. Sicher haben Sie schon gehört dass sie Broschen, Speerspitzen und sogar Schilder aus Silber haben.”

“Es könnte sein, dass Sie mir damit sehr geholfen haben, Mister Catlin.”

“Nicht der Rede wert .Was stellt diese Eingravierung denn dar?”

“Wenn ich das wüsste, wäre ich klüger.”

“Darf ich einmal sehen, Sir?”

Erstaunt kam Kit Carson der Bitte des kleinen Roy nach, indem er in die Knie ging, damit der Knabe es ebenfalls mustern konnte.

Eine Weile vertiefte sich der Knabe angestrengt in die winzigen Zeichen.

“Das ist eine Erdbohne, Sir”, erklärte er schließlich.

Kit blieb die Luft weg.

“Bist du ganz sicher?”

“Ganz sicher, Sir. Sehen Sie selbst: Oben die Ranken und Kelche, und unten das ganz winzige, die Blüten. Sie haben wahrscheinlich nicht mehr so feine Augen.”

“Du scheinst dich verdammt gut mit Pflanzen auszukennen, Roy.”

“Selbstverständlich, Sir. Mit Tieren auch. Ich habe mir schon vieles erklären lassen, was ich später als Trapper oder Scout mal unbedingt brauche.”

Er ließ sich einfach nicht aus der Bahn bringen.

Erst jetzt fiel Kit Carson an der gegenüberliegenden Reling, die ebenfalls nicht bis ganz vorne verlief, ein großer, wuchtiger Mann mit dichtem schwarzen Haar auf, der in unregelmäßigen Abständen versuchte, so unauffällig wie möglich zu ihnen herüber zu schauen.

Als der Mann Kits Blick auf sich gerichtet sah, ging er stracks über das Deck zu ihnen herüber.

“Mister Catlin  ...  und Sie müssen Mister Butler sein! Ich habe dringend mit ihnen zu reden.”

Seine Augen hafteten nur einen Sekundenbruchteil auf dem Amulett an Kits Hals, aber der Scout bekam es mit.

“Mister Alan Holdsworth aus Galena“, stellte George Catlin vor.

“Und ich heiße leider nicht Butler”, entgegnete der junge Trapper.

Die fleischigen Brauen des Neuankömmlings zogen sich kurz zusammen, dann marschierte er ohne ein weiteres Wort davon.

“Sein Anzug war teurer als unsere beiden zusammen”, stellte Kit fest. “Und sein Benehmen so unhöflich wie nur möglich.”

“Er hat eine schroffe Art”, bestätigte George Catlin. “Vor allem schien er irgendwie außer Fassung zu sein, dass Sie nicht auf den Namen Butler hören wollen.”

“Dabei wird es auch bleiben.”

“Welchen Grund könnte er haben, Sie für jemanden anderen zu halten? Etwa Ihr Amulett?”

“Man merkt, dass Sie mal Anwalt waren. Sie und Roy sind schon ein tolles Gespann.”

“Darf man fragen, was es mit diesem Abzeichen auf sich hat, wenn Sie schon so offen sind?”

“Offener kann ich gar nicht sein”, gestand der hochgewachsene Scout. “Genau das muss ich nämlich selber erst noch herausfinden. Wer ist denn dieser ominöse Mister Holdsworth?”

“Ein Magnat aus Galena, einer der ganz großen. Ihm gehört eine Mine ganz, an weiteren ist er beteiligt. Aber er soll natürlich auch einige Häuser in der Stadt besitzen.”

“Natürlich.” Kit nickte.

Kapitän Joe Fender war an Deck gekommen. Seine Augen erfassten die kleine Gruppe,

“Hallo, Mister Carson! Sie haben Mister Catlin bereits kennen gelernt, das freut mich! Er wird bestimmt einmal ein berühmter Maler, und das kann dem späteren historischen Ruf unserer Expedition den Missouri hinauf nur zuträglich sein.”

“Mister Fender”, wandte George Catlin ein. “Von allen Optimisten, die ich kenne, sind Sie der unverbesserlichste.”

“Glauben Sie nur, was Sie wollen, Mister Catlin! Sie sollten aber auch wissen, dass ich sogar schon Zusagen für die Fahrt im nächsten Jahr habe. Aus der Alten Welt hat sich gar ein Adeliger angemeldet, ein gewisser Maximilian Prinz zu Wied, der mit seinem Freund Carl Bodmer den Westen ebenfalls zu Forschungszwecken bereisen will. Seien Sie froh, dass Sie denen eine Nasenlänge voraus sind!”

“Mit dem Ruhm ist es mir nicht so eilig”, widersprach Catlin. “Für gute Arbeit muss man sich Zeit lassen.”

Kit deutete kurz an, dass er unter Deck gehen wollte, und verließ die Männer. Er sah Holdsworth an einem der hinteren Fenster stehen und grimmig auf den Fluss starren.

“Haben Sie mir nicht doch etwas zu sagen, Mister Holdsworth?”, sprach er ihn an.

“Sie sind nicht Butler”, raunzte der gutgekleidete, stämmige Mann zurück. “Und diesen weltfremden Indianermaler geht die ganze Sache schon überhaupt nichts an.“

“Aber mich schon, wie Sie bereits irgendwie festgestellt haben.”

“Das mag sein, aber ich bin misstrauisch. Hätten Sie mir gleich gesagt, dass Sie anstelle Butlers gekommen sind, wäre es etwas anderes. So aber warte ich lieber, bis wir in Galena sind.”

“Wir werden uns dort sehen, Mister Holdsworth”, versprach Kit.

Er hätte sich auf der Stelle dafür ohrfeigen können, dass es ihm tatsächlich an der Geistesgegenwart gemangelt hatte, sich als der Stellvertreter dieses geheimnisvollen Mister Butler auszugeben. Als Mann der Wildnis hatte er einfach keinen Sinn für Intrigenspiele. Allmählich begann er, auf Charles Bent böse zu werden, der ihm diese ganze Suppe eingebrockt hatte. Aber Kit kannte Bent lange und gut genug, um sicher zu sein, dass der erfahrene Wagenzugführer und Geschäftsmann dafür seine Gründe haben musste.

Er wusste nichts besseres zu tun, als wieder an Deck zu gehen. Catlin und der Kapitän standen immer noch beisammen.

“War Holdsworth ansprechbar?”, fragte der Maler, als wäre ihm Kits Vorhaben von vornherein bekannt gewesen.

“Fehlanzeige”, antwortete der junge Trapper. “Sagen Sie, Kapitän Fender, Galena liegt ja ein Stück vom Mississippi weg, wie wollen wir da eigentlich hinkommen?”

“Wir haben einige Gespanne bestellt, die uns an der Anlegestelle erwarten”, gab der Schiffsführer der “Yellowstone” zurück.

“Gibt es denn keine schnellere Möglichkeit?”

“Da kann ich Ihnen helfen, Mister Carson”, bot sich George Catlin an. “Roy und ich durften unsere Pferde in einem der hinteren Laderäume unterbringen.”

“Damit würden Sie mir einen Riesengefallen tun”, gab der Scout zu. “Aber brauchen Sie Ihre Tiere nicht selbst?”

“Ich wollte mich eigentlich nur zwanglos im Gelände umsehen”, winkte der Maler ab. “Zur Motivsuche ist ohnehin zu wenig Zeit.”

“Ich bin Ihnen sehr verbunden. Schon wieder.”

“Und wieder nicht der Rede wert. Wissen Sie, auf Ihre Art kommen Sie mir wie eine verwandte Seele vor. Auch Sie sind auf der Suche nach etwas, das Sie eigentlich noch gar nicht genau kennen. Und vielleicht könnten Sie nicht einmal umschreiben, worum es sich handelt. Aber Sie spüren die Unruhe in sich und den Drang, es zu finden, egal, welcher Aufwand dafür notwendig ist und wie lange es dauert. So geht es mir in einem anderen Sinn. Wer weiß, wie lange meine Reise dauert, wohin es mich noch verschlagen wird und welchen Zeitraum alles in Anspruch nehmen wird. Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen Glück und Erfolg.”

“Ihnen wünsche ich nichts anderes, Mister Catlin. Aber wir sehen uns ja bestimmt hoch auf der Rückfahrt.”

Sie schüttelten sich die Hände, und der kleine Roy schlug auch noch ein. Der Knabe hatte das Gefühl, endlich sein großes Vorbild gefunden zu haben.

Das Anlegen verlief ohne Probleme. Kit blieb jedoch bis zum Schluss im Laderaum bei den Pferden, um als letzter an Land zu gehen. Er wollte beobachten, ob Holdsworth bereits am Ufer erwartet und abgeholt werden würde . Dies schien aber nicht der Fall zu sein.

Der schwergewichtige Minenbesitzer sah sich zwar aufmerksam um, bestieg dann aber mit einigen weiteren Passagieren ein Gespann, an dem absolut nichts Ungewöhnliches oder Auffälliges war.

Nun wartete der junge Trapper, bis alle Wagen außer Sichtweite waren. Erst dann verließ er mit dem gesattelten Pferd den Laderaum. Er schlug einen weiten Bogen, um nicht gesehen zu werden.

Die sanft gewellte Prärielandschaft ging allmählich in zerrissen wirkende, verschiedenfarbige Hügel über, die auf eine wilde und phantastische Weise gruppiert waren. So konnte er an den Wagen ungesehen vorbeiziehen und weit vor ihnen wieder den direkten Weg nach Galena einschlagen.

An aufgeschreckten Präriehühnern über der nächsten Kuppel merkte er zuerst, dass ihm jemand entgegenkam. Gleich darauf sprengte der Reiter grußlos an ihm vorbei.

Trotzdem hatten sich beide kurz gemustert. Kit war nichts Besonderes an ihm aufgefallen, aber er wollte sich das Gesicht mit den graublauen Augen und dem Schnurrbart einprägen. Und er tat gut daran. Irgendwie hatte er gespürt, dass er diesem Mann noch nicht zum letzten Mal begegnet war.

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GALENA

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NACHDEM ER SICH DIE meiste Zeit in der Wildnis aufzuhalten pflegte, war jede Stadt für Kit ein Ereignis. Galena bildete da keine Ausnahme.

Die große Ansiedlung lag sechs Meilen südlich von Wisconsin und vier Meilen östlich des Mississippi. Sie galt als Boomtown, die durch Bergbau, Handel und Landwirtschaft reich wurde. Ein kleines und bedeutungsloses Dorf, das etliche Dutzend Meilen östlich am Südende des Michigan-Sees vor sich hinschlummerte, hieß Chicago.

Zwanzig Jahre später sollte Galena zur reichsten Stadt von Illinois werden.

Mit Stadtbesuchen verband Kit das Mustern neuer Waffen und Biberfallen, Konserveneinkauf und Munitionsbeschaffung. Von den Zechgelagen seiner Trapperkameraden hatte er hingegen stets wenig gehalten.

Die meisten Häuser verrieten den Reichtum der Stadt.

Kit hielt nach einem Salon Ausschau, bis ihm einfiel, dass es noch zu früh war, um einen ordentlichen darunter offen zu finden. Ein solcher, und imposanter dazu, lag direkt an der ersten Kreuzung der Mainstreet. Er würde wohl in etwa einer halben Stunde aufmachen. Gegenüber befand sich ein Mietstall, in dem Kit George Catlins Pferd Charley einstellte. Ein großzügiges Trinkgeld bewirkte, dass der Bursche, der sich um die Tiere kümmerte, nichts dagegen hatte, dass Kit sich noch eine Weile im Stall aufhielt. Später, das war klar, wurde er in den Salon gehen, um möglicherweise dort mit seiner Suche Erfolg zu haben.

Das Sheriffsbüro, an dem er vorbeigeritten war, hatte er geschlossen vorgefunden. Der Salon dagegen war der erste, der auf dem Weg lag, wenn man vom Mississippi kam, womit er sich als Treffpunkt anbot.

Nachdem der bullige Holdsworth seinen geheimnisvollen Mister Butler auf dem Schiff erwartet hatte, war nicht ausgeschlossen, dass er nun hier seiner harren würde, falls dieser Salon nicht gar von vornherein als Ausweichs- oder eigentlicher Treffpunkt bestimmt gewesen war. Und falls dies alles nicht zutraf, konnte Kit dem Geschäftsmann von hier weiter ins Stadtinnere folgen.

Charley ließ ein leises Wiehern ertönen. Er war ein edles Tier von gelber Farbe, aus der Rasse der wilden Comanchenpferde und ein Schlitzohr.

“Sehr gut, Charley”, flüsterte der junge Scout. „Dein Herr und Meister kommt gerade mit den übrigen Schiffspassagieren angefahren.”

Keiner von ihnen würde in den Mietstall kommen und ihn zufällig entdecken, da die Gespanne Einheimischen gehörten.

Im Salon musste man die Ankömmlinge ebenfalls rechtzeitig bemerkt haben, denn er wurde sofort geöffnet. Tatsächlich strömten die meisten Passagiere der “Yellowstone” hinein.

George Catlin und sein Neffe Roy hingegen wurden durch ein erneutes Wiehern Charleys zum Mietstall gelockt. Ohne die beiden aus den Augen zu lassen, sah Kit in der Tat Alan Holdsworth in den Salon gehen.

Ein Reiter aus der gleichen Richtung band sein Pferd am Hitchrack fest und folgte den Passagieren ins Innere des Etablissements.

Ein Ruck ging durch Kit. Es war der Mann, der auf seinem Weg in die Stadt an ihm vorbeigeritten war.

“Er kam uns entgegen, Mister Carson”, sagte Catlin, während er Charley tätschelte. Er war in einen toten Winkel geschlüpft, um von draußen nicht gesehen zu werden. “Dabei wechselte er kurze, doch aussagekräftige Blicke mit Holdsworth.”

“Wenn Sie schon Gedanken lesen können, George, dann wären Sie wirklich besser Anwalt geblieben”, konnte Kit nur den Kopf schütteln.

“Was haben Sie jetzt vor?”

“Meine geistigen Talente bei einem Bummel durch die Stadt noch weiter zu vergeuden. Ich brauche noch einige Malutensilien, vor allem Ocker.”

“Jedenfalls  ...  danke!”

“Nicht der Rede wert”

Nachdem Catlin und sein Neffe gegangen waren, ließ Kit noch einige Minuten verstreichen, bevor er die Straße überquerte.

Am Tresen bestellte er einen Maisschnaps, der aus seinem Geburtsstaat Kentucky kam. Es wurde behauptet, dass man nach einem tüchtigen Schluck das Gefühl haben konnte, eine brennende Petroleumlampe im Rachen zu haben, aber Kit vertrug ihn trotz seiner gewöhnlichen Enthaltsamkeit äußerst gut.

Von der Theke aus hatte er überdies die Möglichkeit, seine Blicke unauffällig durch den Raum schweifen zu lassen. Etwas überrascht stellte er auch nach einem zweiten, eingehenderen Rundblick fest, dass sich die Gesuchten nicht unter den anwesenden Gästen befanden.

“Kann ich Ihnen irgendwie helfen, Mister?”, fragte das rothaarige Mädchen, das hinter dem Tresen ausschänkte. “Suchen Sie jemanden?”

“Sie sind der erste weibliche Barkeeper, den ich sehe, Madam”, gestand der junge Trapper. “Ist Ihnen zufällig ein Mann mit graublauen Augen und einem Schnurrbart über den Weg gelaufen?”

Das Mädchen schüttelte den Kopf, wodurch Kits Misstrauen erwachte. Erst als er auch die Kleidung des Mannes zu beschreiben begann, zog es plötzlich die Augenbrauen hoch.

“Ach so, ja! Das ist Mister Butler. Er kam gestern Nacht ziemlich spät an und fragte, was man in einer Stadt wie Galena um diese Zeit noch anfangen könnte. Natürlich haben wir ihn hierbehalten. Erst später hat er sich nach Mister Holdsworth erkundigt, der aber geschäftlich unterwegs war und erst heute Vormittag zurückkam. Übrigens zugleich mit Mister Butler, der sich bei uns ein Zimmer genommen hat. Vor einer Viertelstunde sind sie zusammen nach oben.”

“Dafür dürfen Sie einen mittrinken, wenn es Ihnen recht ist.”

Die Bardame lächelte, aber dieses Lächeln schien zu erstarren, als zwei grobschlächtige Burschen von beiden Seiten des Tresens näher an Kit heranrückten.

“Danke für Ihr Angebot, aber  ...  äh  ...  Sie interessieren sich für dieses Bild?”

Kit hatte eher versucht, unauffällig nach links zu blicken, um seine Chancen abzuwägen, da ihm die lauernde Annäherung der beiden Schläger nicht verborgen geblieben war. Nun ließ er seine Augen tatsächlich auf dem Gemälde verharren, das links neben dem Barspiegel hing, um sich unvorbereitet zu geben. Dabei stutzte er.

“Das ist Präsident Jackson”, stellte er fest.

“Wir hatten das unwahrscheinliche Glück, dass er zum Stadtgründungsfest durch Galena kam”, versuchte das Barmädchen krampfhaft am Thema festzuhalten. “Ein ansässiger Künstler hat dieses Bild danach gestaltet”

“Wer ist dieser uralte Mann neben ihm?” wollte Kit mit nicht gespieltem Interesse wissen.

“Ich glaube, er hieß Old  ...  Hesekiel, oder so ähnlich. Als wir vor einigen Jahren das große Schwarzpulver-Unglück in einer der Minen hatten, war er es, der den Stollen entdeckte, durch den man die Verschütteten retten konnte.”

“Also wollte sich der Künstler ein Bild sparen und hat zwei verdiente Männer auf ein einziges gemalt.”

“Oh nein, der alte Mann kam tatsächlich mit Präsident Jackson in die Stadt.”

Kit fragte sich, woher er dieses Gesicht mit den unzähligen Runzeln kannte, doch er kam nicht dahinter.

“Wegen dieses Mister Butler  ...  ”

“Du fragst zu viel, Blondschopf“, wurde Kit von dem vierschrötigen Burschen unterbrochen, der sich an seine rechte Seite gestellt hatte. “Und wer zu viel fragt, wird nicht alt.”

Kit wandte sein Gesicht nicht von dem Barmädchen ab.

“Miss, wann kann ich etwa damit rechnen, dass Butler und Holdsworth  ...  “

Aus den Augenwinkeln erkannte er den Erfolg seiner gewollten Provokation. Nur knapp konnte er der heran schießenden Faust ausweichen.

Seine Bewegung hatte zur Folge, dass der Mann zu seiner Linken von der Aktion seines Kumpans überrascht und dadurch seine Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt wurde. Kit riss ihn an seinem Gürtel so weit nach rechts, dass er auf seinen Platz kam. Zugleich stieß er mit seinem rechten Ellenbogen mit voller Kraft zu. Dem linken Gegner trat er so hart auf den Fuß, dass dieser hoch fuhr und dabei seine Abwehrbewegung vergaß. Der Schlag des Rechten geriet dadurch tiefer und traf den anderen voll auf die Brust.

Als die beiden sich dem jungen Trapper erneut zuwandten, hatte dieser bereits seine Rappahannock-Holsterpistole in der Hand.

“Das reicht”, erklärte er kurz angebunden. “Ihr kommt mit zum Sheriff.”

Ihm war eine Idee gekommen, wobei er hoffte, dass der Gesetzeshüter inzwischen in seinem Büro eingetroffen war.

“Was ist da los, zum Teufel?”, erscholl eine Stimme von der Treppe. “Könnt ihr Kerle nicht Ruhe geben?”

Kit wandte vorsichtig den Kopf und erkannte Alan Holdsworth.

“Ich schon, Mister Holdsworth. Aber warum mischen Sie sich ein?”

“Vielleicht, weil mir dieser Salon gehört”, zischte der Geschäftsmann mit mühsam unterdrückter Wut.

“Wenn Sie hier keine Unruhe dulden, dann sollten Sie das diesen Burschen sagen und nicht mir”, erwiderte der Scout. Trotz der Überraschung versuchte er, seine Stimme möglichst ruhig klingen zu lassen.

“Stecken Sie Ihre Pistole ein, Carson!”, bellte der Minenbesitzer. “Und verlassen Sie auf der Stelle mein Haus!”

“Ersteres nein, letzteres nur mit diesen beiden Typen zusammen”, gab Kit zurück.

“Die bleiben hier.”

“Warum? Sie haben angefangen.”

“Gibt es hier Zeugen, dass es so war?”, rief der Magnat herausfordernd in die Runde.

Er erntete nur Schweigen.

Kit wurde es leicht mulmig. Der Salooninhaber hatte die Leute fest im Griff und schien etwas vorzuhaben, das nicht zu Kits Gunsten ausgehen würde.

“Ich bin Anwalt”, erklang eine Stimme von der Tür her. “Das wissen Sie bereits, Mister Holdsworth.

Richtig ist, dass Sie hier Hausrecht haben. Falsch ist Ihr Missbrauch. Mister Carson hat durchaus das Recht, die beiden Männer vor den Sheriff zu bringen. Und noch etwas: Ich und mein Neffe sind Zeugen, wie alles vor sich gegangen ist. Kommen Sie mit den beiden Männern raus, Mister Carson.”

Holdsworths Bullengesicht verzerrte sich zu einer Grimasse.

“Eines Tages könnten Sie das bereuen, Catlin”, knurrte er. “Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.”

“Sie bedrohen einen Anwalt, Holdsworth? Das kann eher Sie teuer zu stehen kommen. Ich werde es dem Sheriff ebenfalls berichten.”

“Versuche es nur, du aufgeblasener Geck”, presste der reiche Mann zwischen den Lippen hervor, als die kleine Gruppe den Salon verlassen hatte. “Aber übernimm dich nicht.”

Nun ließ sich auch der Mann mit den graublauen Augen und dem Schnurrbart sehen.

“Das sollte vielleicht besser ich regeln, Alan. Geben wir Ihnen etwas Vorsprung.”

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“ICH WEIß INZWISCHEN nicht mehr, wie viele Gefallen ich Ihnen schulde”, gab Kit zu.

“Ich war zur rechten Zeit zur Stelle, das ist alles, Kit”, war George Catlins Antwort. “Leider haben wir nun Feinde in der Stadt, aber ich glaube, für die kurze Dauer unseres Aufenthalts hier können wir damit leben.”

“Sie waren großartig, Mister Carson!”, rief der kleine Roy.

“Merk dir den Trick für die nächsten Raufereien”, gab der junge Trapper gutgelaunt zurück.

Die Tür ins Sheriffs Office stand offen. Kit dirigierte die beiden Schläger vor sich ins Innere. Ein sehr großer hagerer und sehniger Mann mit dunkelblonden Haaren hob seinen Blick vom Schreibtisch.

“Sie wünschen?”

Da er beim Anblick der beiden Raufbolde die Stirn runzelte, schien er sie zu kennen.

Kit brachte sein Anliegen vor.

Zunächst sah es aus, als wollte der Sternträger ungnädig abwinken. Aber dann ergriff wieder George Catlin das Wort.

“Ein solches Vergehen läuft zumindest auf eine Geldstrafe hinaus, Mister Straker“, schloss er schließlich seine Ausführungen. Den Namen des Sheriffs hatte er an der Eingangstür gelesen.

“Sind Sie vom Fach?”, fragte Phil Straker.

“Man wird nicht umsonst Anwalt”, war Catlins Antwort.

“Machen Sie da nicht etwas viel Aufhebens um eine so geringe Angelegenheit?”

“Nun, ich würde einen tätlichen Angriff keinesfalls als Bagatelle bezeichnen. Mister Carson hat die Beschuldigten in keiner Weise provoziert. Er hat sich lediglich in harmloser und unverfänglicher Form mit der Bardame unterhalten.”

“Und Ihr  ...  äh  ...  Mandant ist nicht etwa bloß auf Geld scharf?”

“Diese Unterstellung muss ich strengstens zurückweisen, Mister Straker.”

Der Gesetzeshüter hatte sichtlich Mühe, eine scharfe Erwiderung zu unterdrücken, als ein weiterer Besucher sein Büro betrat.

“Mister Butler!” Straker erhob sich hinter seinem Schreibtisch. “Was kann ich für Sie tun?”

Der Eintretende warf einen kurzen Blick in die Runde.

“Mir scheint, ich komme gerade zur richtigen Zeit.“ Er wies auf die beiden Schläger. “Mister Holdsworths Angestellte wurden in Ihr Büro genötigt?”

“Von Nötigung kann keine Rede sein”, fing Catlin diesen Versuch sofort ab. ‘‘Jeder Bürger hat die Pflicht, über eine ungesetzliche Handlung sofort Meldung zu erstatten. Er darf auch Maßnahmen zu deren Ahndung einleiten, sofern dabei keine weiteren Personen gefährdet werden und kein Widerspruch zu anderen geltenden Gesetzen besteht.”

“Mir ist bekannt, dass Sie ein Advokat sind”, brummte Butler. “Aber sie vergessen etwas: Es entstand weder Personen- noch Sachschaden.”

“Das ändert nichts am Tatbestand des tätlichen Angriffs.”

“Des Versuchs eines tätlichen Angriffs, gut. Aber Ihr Begleiter hat es ja gar nicht soweit kommen lassen! Sie wissen genau, dass nicht mehr als eine Geldstrafe dabei herausschauen kann.”

“Geld haben wir keines dabei”, grinste einer der beiden Schläger.

Butler warf ihm einen verweisenden Blick zu.

“Aber ich. Mister Holdsworth hat mich gebeten, seine Interessen wahrzunehmen. Sheriff, legen Sie die Höhe der Geldstrafe fest, damit ich diese Männer gleich mitnehmen kann.”

“Fünf Dollar”, bestimmte Straker nach kurzem Überlegen. “Für jeden.”

“Hier ist das Geld”.

“Augenblick”, ergriff George Catlin das Wort. “Das ist nicht rechtens. Gibt es hier keine festgelegte Strafgebührenverordnung?”

“Wozu?”, schnappte der Sternträger. “Ich als Sheriff kann doch wohl  ...  ”

“Nein, das können Sie nicht. Eine solche Strafgebührenordnung muss vom Stadtrat beschlossen und verabschiedet worden sein. Andernfalls muss ein Verfahren stattfinden.”

“Wie bitte?”, ächzte Straker.

“Es muss ein rechtskräftiges Urteil gefällt werden”, beharrte Catlin. “Und solange sind die beiden Angeklagten hier festzuhalten. Tun Sie es nicht, Sheriff, so stellt dies eine Verletzung Ihrer Amtspflichten dar.”

“Der Teufel soll mich holen, wenn ich mir von Ihnen Vorschriften machen lasse!”

“Tun Sie, was er sagt, Sheriff.” Butlers verhaltener Stimme war seine Erregung kaum anzumerken. “Wir werden schon klarkommen. Meine Herren.”

Damit verließ er abrupt das Office.

“Nun wissen Sie, was Sie zu tun haben”, wandte sich Kit an Straker. “Bringen Sie die beiden Burschen hinter Schloss und Riegel.”

Wutentbrannt kam der Sheriff seiner Aufforderung nach. Als er von den Zellen zurückkam, überreichte ihm Catlin bereits einen Bogen Papier.

“Das ist die offizielle Anklage", erklärte der ehemalige Advokat. "Damit auch alles seine Ordnung hat."

Straker knallte das Schreiben auf den Tisch. Er sah erst wieder auf, als Kit unvermittelt das halbverkohlte Silberplättchen vor seinen Augen tanzen ließ.

“Wissen Sie, was das ist?”. fragte der Scout.

“Nein”, schnappte der Sternträger kurz angebunden.

“Sollten Sie aber. Es war in den Händen Ihres Bürgermeisters, bis er es Mister Bent aushändigte. Sie wussten von diesem Vorgang."

Auf Strakers Gesicht erschien unerwartet ein hämisches Grinsen.

“Also gut", sagte er. “Okay. Ihre Worte haben mir gerade bewiesen, dass Sie darüber Bescheid wissen. Aber erst damit bin ich von meiner Schweigepflicht entbunden, die mir Bürgermeister Evans persönlich auferlegt hat.”

Kit musste sich innerlich eingestehen, dass sich seine Finte als Schuss in den Ofen erwiesen hatte. Straker hatte sich nur korrekt verhalten.

“Hat man sich Ihres Wissens in letzter Zeit in der Stadt nach diesem Ding erkundigt, oder gar bei Ihnen nachgefragt?”

“Das war nicht der Fall."

“Auch nicht Mister Holdsworth oder dieser Mister Butler?”

“Ich versichere Ihnen, dass dies nicht der Fall war.”

Nach der Erwähnung des Bürgermeisters hatte Straker sich offensichtlich entschlossen, umgänglicher zu werden.

Kit nickte.

“Danke, Sheriff. Das war ’s dann.”

Draußen vor dem Office wurden Kit und Catlin von Roy erwartet.

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HINWEISE

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“ICH HATTE IHRE ABSICHT doch richtig Verstanden, Kit, oder nicht? Ihnen lag daran, die beiden Kerle festzunageln?”

“In der Tat, George”, antwortete der junge Trapper auf Catlins Frage. “Es war von vornherein klar, dass sie mich nur anpöbelten, weil ich zu viele Fragen stellte. Wie immer haben Sie meine Gedanken gelesen. Ich dachte, ich könnte sie beim Sheriff richtig ausquetschen. Es wurde noch interessanter, als wir erfuhren, dass sie auf Holdsworths Lohnliste stehen. Aber Sheriff Strakers Verhalten macht mir nun einen Strich durch die Rechnung.”

“Fast könnte man den Eindruck gewinnen, er stünde ebenfalls im Solde Holdsworths.”

“Lassen wir es zunächst dabei bewenden, dass er jedenfalls vor ihm den Schwanz einzieht. Holdsworth ist ein wohlhabender, wichtiger und einflussreicher Bürger, der sicher auch ein Wort bei der Wahl des Sheriffs mitzureden hat.”

“Was haben Sie nun weiter vor?”

“Ich halte es für das beste, bald ein paar Worte mit dem Bürgermeister zu wechseln. Trotz allem habe ich das Gefühl, weitergekommen zu sein. Wie sieht es bei Ihnen aus?”

“Nachdem noch genügend Zeit bis zur Rückfahrt der 'Yellowstone’ bleibt, werden Roy und ich uns doch noch ein wenig im Gelände umsehen, nachdem wir gegessen haben. Wollen Sie dazu nicht noch mitkommen?”

“Lieber nicht. Wer weiß, wie lange das Gespräch dauert. Ich bin sicher, dass Ihnen Roy eine Menge Neues über Tiere und Pflanzen der Prärien zu erzählen weiß.”

“Das dürfen Sie glauben, Mister Carson!” Roy strahlte. “Du wirst staunen, Onkel George, was ich alles dazugelernt habe, seit du zum letzten Mal bei uns warst.”

*

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BÜRGERMEISTER RONALD Evans hatte sein feudales Anwesen etwas außerhalb der Stadt errichten lassen, um sich dem Trubel und geschäftigem Treiben Galenas nach vollbrachtem Tagwerk  entziehen zu können.

Der gewichtige Town Mayor erwartete Kit Carson in einem kleinen, aber prächtigen Salon. Auf der Alabasterplatte der Anrichte standen mehrere volle und halbvolle Karaffen mit hochprozentigem klarem Inhalt in verschiedenen Farben.

“Dann bringen Sie mir mein Amulett also zurück, Mister Carson. Konnten Bent und Sie nichts damit anfangen?”

“Das würde ich nicht sagen, Mister Evans. Allerdings wollte ich es Ihnen nur zeigen, damit Sie sehen, dass es bei uns gut aufgehoben ist Ich bräuchte es nämlich noch eine Weile.”

“Von mir aus gern. Offen gestanden, ich bin froh, wenn ich es los bin. Sie wissen, welchen Ärger ich bekam, als ich es noch selbst in Verwahrung hatte.”

“Sie sprechen von den mehrfachen Versuchen, es Ihnen zu entwenden. Fanden noch weitere statt, nachdem Mister Bent das Amulett zu sich genommen hatte?”

“Seltsamerweise nicht. Entweder haben die Unbekannten aufgrund der gescheiterten Versuche und der verstärkten Bewachung resigniert oder aber das Plättchen ist für sie nicht mehr von Interesse.”

“Wer außer Ihnen wusste noch, worum es sich bei dem bewachten Gegenstand im Safe handelte?”

Der Town Mayor musste nicht lange überlegen.

“Warten Sie  ...  Terence Milford von der Feuerwehr hat es bei dem toten Indianer in den verkohlten Ruinen gefunden und es gleich zu mir gebracht. Ich wiederum habe nur Sheriff Straker eingeweiht - sonst aber niemanden.”

“Diesen Milford können wir ausklammern. Wie aber steht es mit Strakers Zuverlässigkeit?”

Evans zog die Augenbrauen hoch.

“Wie meinen Sie das genau?“

“Ist er Alan Holdsworth verpflichtet?”

Der Town Mayor schüttelte den Kopf.

“Sicher nicht mehr als andere. Er hat nur, wie viele andere, einen Heidenbammel vor Holdsworth. Holdsworth ist ein mächtiger Geschäftsmann, der viele Fäden in der Hand hält, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er Sheriff Straker  ...  etwas zukommen ließe.”

“Jedenfalls wussten nur Sie und Straker, dass Bent das Amulett von Ihnen überlassen bekommen hatte?”

“Das ist richtig. Dennoch  ...  Straker mag als Gesetzeshüter kein strahlender Held sein, aber er wird seiner Aufgabe gerecht. Er versteht es, Streitigkeiten zu schlichten und in der Stadt für Ruhe zu sorgen, soweit möglich. Aber auch in der Umgebung. Ich selbst bin heute mit ihm in aller Herrgottsfrühe zur Cowaghan-Mine hinaus geritten, weil man in ihr wieder Hinweise entdeckt zu haben glaubte, dass sich heimlich Indianer in ihr herumgetrieben haben sollen.”

“Hinweise welcher Art?”

“Frische Schürfstellen, die angeblich nicht von den Minenarbeitern stammten  ...  und indianische Reliquien, die vorher nicht dort gewesen sein sollen.”

“Aber keine weiteren Amulette?”

“Das nicht. Die Objekte waren nicht aus Metall, sondern aus Stein.”

“Darf ich sie sehen?”

“Was hätte ich mit ihnen anfangen sollen? Sheriff Straker hat sie in Verwahrung genommen und zeigt sie Ihnen bestimmt gem.”

“Davon bin ich überzeugt, Mister Evans.”

*

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EIN BLICK AUF DIE KIRCHTURMUHR belehrte Kit, dass er bis zur geplanten Rückfahrt nicht mehr allzu viel Zeit hatte. Ohne weitere Bummeleien begab er sich erneut ins Sheriff Office.

Phil Strakers Wiedersehensfreude hielt sich in Grenzen. Kit kam ohne Umschweife zum Thema.

“Ich war gerade bei Mister Evans. Er sagte, man hätte in der Cowaghan-Mine einige geheimnisvolle Artefakte gefunden, die Sie  ...  “

Wortlos griff der Sheriff in eine seiner Schubladen und legte einige Gegenstände auf die Schreibtischplatte.

“Wenn Sie etwas damit anfangen können  ...  bitte.“

Der Scout brauchte sie nicht näher in Augenschein zu nehmen, um sie als das zu erkennen, was sie waren.

“Boatstones”, murmelte er leise.

“Wie meinen Sie?”

“Das sind Bootsteine”, erklärte Kit dem Gesetzeshüter. “Man ist schon des öfteren im Tal des Mississippi auf sie gestoßen. Die meisten stammen aus prähistorischen Zeiten, doch über ihre Bedeutung weiß man wenig.”

Er unterzog die unterschiedlich großen Objekte aus poliertem Gestein einer eingehenderen Musterung.

An dem längst matt gewordenen Blaugrau der zu einer bootsähnlichen Form gestalteten Kultgegenstände erkannte Kit, dass sie aus Galenit gearbeitet waren, aus Bleiglanz. In eine der kanuartigen Formen war am Rand ein Loch gebohrt worden. Zog man eine Lederschnur hindurch, konnte man das kleine Kunstwerk um den Hals tragen.

“Wenn Sie wollen, können Sie sie haben”, brummte der Sheriff.

“Nicht alle”, lehnte der hochgewachsene Scout ab. “Einen oder zwei vielleicht. Aber ich verspreche mir etwas davon, wenn ich sie den Gefangenen zeige. Lassen sie mich rein, Sheriff.”

Straker wand sich wie ein Aal.

“Was ist?”

“Sie sind nicht mehr da”, presste der Gesetzeshüter endlich hervor. “Mister Holdsworth war hier. Er hat getobt und mir die zehn Dollar auf den Tisch geknallt. Falls das nicht reichen würde, hat er gebrüllt, könnte ich jederzeit wiederkommen. Verstehen Sie mich, er hat hier mächtig viel zu sagen, und ich kann doch nicht  ...  “

Die letzten Worte bekam Kit nicht mehr mit. Er hatte voller Wut die Bootsteine an sich gerissen und war hinausgerannt

Erst auf der “Yellowstone” wurde Kit Carson wieder etwas ruhiger, als die prachtvollen Ufer des Mississippi erneut an ihm vorüber glitten.

“Was ist Mayor Evans für ein Mensch?”, wollte George Catlin wissen.

“Ein Marin, der versucht, im Strom der Zeit nicht den Stand zu verlieren”, erwiderte der junge Scout. “Galena ist keine Zivilisationsstadt des Ostens, in der bei aller Unruhe die Polizei und die Gesetze einen unangefochtenen Stand errungen haben, sondern eine Boomtown, in der das Alte mit dem Neuen zusammenstößt, die Ordnung mit der Wildheit des Menschen und die allgemeine wirtschaftliche Blüte mit dem Machthunger einzelner. Hier steht allen noch eine wilde Zeit bevor.”

“Konnte er Ihnen helfen?”

“Ich glaube doch, Ja.

Für Roy ist die Reise nun bald zu Ende, aber Sie  ...  haben Sie keine Angst vor dem, was Sie sich alles vorgenommen haben?”

George Catlin lächelte.

“Ein wenig bange ist mir schon, das gebe ich zu. Aber Sie haben Galena kennengelernt, Kit, und es sehr gut beschrieben. Diese Entwicklung wird mehr und mehr nach Westen getragen werden, und irgendwann werden die Ureinwohner dieser hochgelobten Zivilisation zum Opfer fallen. Verhindern werde ich dies als einzelner nicht können, aber wenigstens möchte ich dieses großartige Volk in authentischen Portraits und Skizzen einer späteren Zeit überliefern, die von der jetzigen nur noch verschwommene Vorstellungen haben wird.”

“Sie sind der Mann, dem das gelingen könnte, George. Nochmals alles Gute! Dir auch, Roy. Aber nicht jeder wird das, was er sich einmal vorgenommen hat.”

“Sie glauben mir wohl immer noch nicht, Mister Carson. Aber das ist einerlei. Sie werden mich schon noch kennenlernen. Eines Tages sehen wir uns wieder, und dann werde ich ein ebenso guter Scout sein wie Sie.”

“Oder besser, Roy, weil du jünger bist. Doch wechseln die Aufgaben eines Weg- und Fährtensuchers mit den Jahrzehnten und mit der Welt. Kein Trail wird zweimal erschlossen. Vielleicht wirst du einst Wege erkunden, die man sich heute noch nicht einmal vorstellen kann.”

Nachdem ihn das Boot ans Ufer gerudert hatte, winkten George und Roy Catlin dem jungen Trapper noch lange nach. Endlich verschwand die “Yellowstone” im Nachmittagsdunst des Mississippi.

*

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AUF SEINEM LANGEN FUßWEG durch das endlose Grasmeer ließ Kit Carson sich noch einmal alles durch den Kopf gehen, was ihm in Galena und auf dem Schiff widerfahren war.

Endlich erreichte er die weitgestreckte Mulde, in der das Anwesen der Farnhams lag. Eine schmale Frauengestalt war am Grab Lionel Farnhams in ein stilles Gebet versunken.

Kit machte sich mit einen Ruf bemerkbar, um die Frau nicht durch sein plötzliches Erscheinen noch mehr zu erschrecken. Tatsächlich fuhr sie zusammen, doch dann erkannte sie den jungen Trapper, der sich schon mehrmals in der nahen Siedlung hatte sehen lassen.

“Sie sind Phillis Curwood, nicht wahr? Ist Nat gut heimgekommen?”

“Dann  ...  müssen Sie Kit Carson sein! Ich kannte Sie bisher ja nicht vom Sehen, aber Washakie hat viel von Ihnen erzählt. Oh, ich danke Ihnen so von Herzen, dass Sie meinen Bruder gerettet haben! Ich schulde Ihnen  ...  ”

“Äh  ...  gerettet? Der kleine Nat wollte uns doch nur bei der Wache helfen - oder hat er etwa geplaudert ...  ?”

“Das musste er nicht! Ich bin seine Schwester und kenne ihn durch und durch. Ihr indianischer Freund hat ihm zwar die Stange gehalten, aber Nats Verhalten hat mir insgeheim verraten, was wohl wirklich geschehen sein mag. Wie gesagt: Ich habe Ihnen zu danken."

Kit musterte die junge Frau, die eher noch ein Mädchen war, genauer, und sie errötete unter seinem Blick. Phillis wirkte zierlich, fast zerbrechlich. Fleiß und Sittsamkeit waren ihr ins Gesicht geschrieben. Das glatte, nach vom frisierte Haar war kurzgeschnitten und ließ eine schmale, hohe Stirn frei. Vielleicht waren es nur ihre klaren, intelligenten Augen, die ihn an Linda Carlisle erinnerten, die er im Golf von Kalifornien verloren hatte. Phillis' Wesen verriet allerdings mehr Demut und Zartheit als das Lindas.

In den noch raueren fernen Ländern des Westens würde sie vielleicht zerbrechen, dachte Kit, doch auch um hier zu bestehen, müssen ihre Kraft und ihr Lebenswille stärker sein, als es zunächst den Anschein hat

"Haben Sie Lionel Farnham noch gekannt?“

"Nicht mehr, denn er ist noch vor meiner Geburt gestorben.”

"Aber Sie beten für ihn?"

“Alles an ihm war grenzenlose Güte, und er hat sie seiner Familie vermacht, die sie weitergibt. Als meine Eltern tot waren, habe ich hier ein neues Heim gefunden.”

"Und Sie wissen das offensichtlich zu schätzen. Ist seit Washakies Rückkehr alles ruhig geblieben?”

"Ja  ...  das heißt, als er nachts in unser Haus kam, brachte er nicht nur Nat, sondern auch Jodie mit, der auf der Suche nach Nat war und dabei von einem Indianer überfallen wurde. Er hat ihn zwar bezwungen, ist dann aber ohnmächtig geworden. Der Indianer aber ist vor ihm wieder zu sich gekommen. Wenn Washakie nicht gerade noch rechtzeitig eingegriffen hätte, wäre es für Jodie bestimmt ganz übel ausgegangen.“

Ihre Stimme schwankte.

“Sie waren sicher alle in Sorge?”

“Keiner will darüber reden, am wenigsten Jodie selbst. Aber ich weiß, dass es nicht sein erster Ohnmachtsanfall war, der wie aus heiterem Himmel kam.“

“Mir scheint, ich höre aus Ihren Worten mehr als Sorge und Mitleid heraus.“

Phillis senkte den Kopf.

“Ich liebe Jodie“, gestand sie leise. “Ich sage Ihnen das aber auch nur, weil Sie mich mit so einem seltsamen Blick anschauen.“

Kit musste schmunzeln, was Phillis’ Verlegenheit noch weiter erhöhte. Dann trat kurz ein wehmütiger Ausdruck in seine Augen. Ja, sie hatte doch etwas von Linda an sich.

“Sie sind noch nicht viel herumgekommen?”

“Ich habe immer hier gelebt.”

“Weiß Jodie denn, was Sie für ihn empfinden?”.

Phillis schüttelte den Kopf.

“Jodie ist wie sein Zwillingsbruder ein fleißiger, lustiger und wilder Bursche, der sein Leben voll auskosten will. Ich bin viel zu farblos für ihn.”

“Das sagen  S i e . Aber bei Ihrer aufopfernden Erfüllung der häuslichen Pflichten kommen alle Ihre anderen guten Eigenschaften zu kurz. Sie haben einen stillen Humor und sind sehr geistreich. Ich finde Sie ganz entzückend.”

“Mein Gott!”, flüsterte Phillis. “Wenn nur Jodie das zu mir gesagt hätte. Sie aber  ...  ”

“Keine Sorge, Phillis”, wandte Kit ein. “Ich werde Ihnen bestimmt nicht zu nahe treten.”

“Sie sind wohl bestimmt schon vergeben, mit Ihrem ganzen gewinnenden Wesen?“

‘‘Ich war es wohl.“ Bitterkeit lag in den Worten des jungen Trappers. "Nun lassen Sie uns aber ins Haus gehen, bevor wir noch in einen schlechten Ruf geraten."

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GERADE ALS SIE AUF die Haustür zugingen, kam Washakie heraus. Seine Augen leuchteten freudig auf, als er den Freund erkannte.

“Wollt Ihr etwa schon wieder Wache halten, Washakie?“, fragte Phillis bestürzt “Ihr müsst ja noch von der Nacht hundemüde sein."

“Es ist nicht die Wache, die mich heraus treibt'’, gestand der hochgewachsene Halbschoschone. “Dazu sind nun auch die anderen Siedler bereit. Nein, mir sind nur die Häuser der Weißen ein wenig zu eng. Ich brauche frische Luft.”

“Wir lassen die Fenster offen, bis Ihr zurückkommt, Washakie”, lächelte Phillis und trat ins Innere.

“So beschwingt habe ich sie noch nicht erlebt”, raunte Washakie seinem Gefährten zu. “Du hast nicht zufällig Süßholz geraspelt, Gelbhaar?”

“Bestimmt nicht mehr als du, roter Krieger.”

Genau so hatten sie sich früher geneckt, als sie beide hoch um die Gunst Lindas gebuhlt hatten. Nun schien dies schon eine Ewigkeit zurückzuliegen.

“Sie ist längst vergeben, künftiger Häuptling.'’

“Dies wusste ich bereits vor dir, alter Fährtensucher.”

Auf einem ausgedehnten Rundgang erzählten sie sich gegenseitig, was vorgefallen war. Kit berichtete zuletzt.

“Das klingt, als würden wir nicht mehr lange hier bleiben”, schloss Washakie aus den Worten des Freundes.

“Heute wollen wir die Gastfreundschaft der Farnhams noch nicht zurückweisen”, erwiderte Kit. “Sie wären sonst beleidigt.”

“Ich komme nach.”

Kit Carson wurde von der Familie Farnham freudig begrüßt. Frances, die Mutter der Zwillingsbrüder, bereitete ihm sofort einen Eintopf. Jasons Frau Roxanna schenkte ihm Bier ein.

Dann gingen sie alle in die gute Stube. Die Frauen setzten sich auf die Bank, Roxanna zur Linken, Phillis zur Rechten der Mutter. Jason nahm mit seinem Banjo ihnen gegenüber Platz. Kit hatte rechts von ihm einen Schemel angeboten bekommen, und Jodie stellte sich links neben Jason, der das Banjo anschlug. Dann begannen die Brüder mit ihrem frisch komponierten Lied.

“Während Natty am Flussufer Wache hielt,

hat ein Indsman mit mir Katz und Maus gespielt.

Aber dann kam Washakie zur rechten Zeit,

sonst tät ’s mir jetzt noch um die Skalplocke leid  ...  “

Die Tür schwang auf, und Washakies Blick fiel erstaunt auf die beiden jungen Männer in Zimmermannstracht.

“Hat mich jemand gerufen?”, wollte er wissen. “Mir war, als hätte ich meinen Namen gehört.”

Nun mussten alle noch mehr lachen.

“Sie spielen Ihr Banjo fabelhaft, Jason”, stellte Kit fest “Wie haben Sie das gelernt?”

“Nun, dieses Instrument hat einem unserer Farmarbeiter gehört Als ich noch recht klein war, brachte er mir das Spielen bei, und als er uns verließ, schenkte er es mir zum Abschied. Ein sehr netter und lustiger, aber auch seltsamer Mann. Ich glaube, er hieß Jerry oder  ...  ”

“Er hieß Jerry”, sagte Frances Farnham rasch und versuchte das Zittern ihrer Hände zu verbergen, indem sie die Finger verschränkte.

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DER MANN IM HINTERGRUND

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DAS PRÄCHTIGE ANWESEN auf den Washington Heights von New York erstrahlte in abendlichem Festglanz. Seine Besitzerin, die schwerreiche Elisabeth Jumel, gab ein Bankett, das eines Präsidenten würdig gewesen wäre.

Die opulente Inneneinrichtung hatte die weitgereiste Gastgeberin aus allen Teilen der Welt zusammengetragen. Der Festsaal war mit Damastvorhängen, Lüstern aus Muranoglas und französischen Landschaftsgemälden ausgestattet. Der größte Teil der Einrichtung stammte aus der Alten Welt, nur weniges aus Asien und Amerika.

Als Mrs. Jumel mit ihrem Kavalier erschien, ging ein Raunen durch die Reihen der Gäste, dann erklang Applaus. Das Schimmern der Juwelenpracht auf ihrer französischen Ballrobe verwirrte die Augen. Die Witwe des Weinhändlers Stephen Jumel galt als die reichste Frau von New York City.

Zwei ältere Klatschbasen im hinteren Abschnitt des Saales tauschten noch die letzten Ansichten, bevor sie sich in die Menge stürzten, um weitere Neuigkeiten zu erhaschen.

“Dabei soll ihre Karriere in einem Bordell in Providence auf Rhode Island begonnen haben“, wisperte die eine.

“Und sie macht sich sieben Jahre jünger als sie ist“, raunte die andere.

“Wahrscheinlich, um ihrem Galan noch mehr zu gefallen. Ah, was für ein Mann!“

Mrs. Jumels Begleiter war ein stattlicher, fünf Fuß und sechs Inch großer Mann, der die Sechzig überschritten haben mochte, ohne dass dies der Faszination, die sein Anblick immer noch auf Frauen ausübte, abträglich gewesen wäre. Seine dunklen, intelligenten Augen schlugen sie nach wie vor in seinen Bann. Sein etwas zurückgewichenes Haar war immer noch dicht, nach der alten Art des vergangenen Jahrhunderts gepudert und mit einem Muschelkamm hochgesteckt. Es betonte eine hohe, aristokratische Stirn.

“Das Volk liebt und bewundert ihn", stellte die erste Dame fest. “Doch mancher Höhergestellte will nicht mit ihm verkehren.”

Details

Seiten
400
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920208
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Mai)
Schlagworte
carson sammelband intrigen westen

Autor

Zurück

Titel: Kit Carson Sammelband 5 Intrigen im Westen