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Unter diesen Umständen - Arztroman Exklusiv Edition

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Unter diesen Umständen

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Arztroman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 129 Taschenbuchseiten.

Professor Florian Winter, Chefarzt der TANNENHOF-KLINIK, muss seinem Freund Dr. Hans Hellweg mitteilen, wie es um seine Frau Annemarie steht. Leider war sie viel zu spät mit ihren Symptomen in die Praxis gekommen. Zwar hat das Ehepaar Hellweg sich auseinandergelebt, die war Liebe erkaltet, aber Hans würde seiner Frau beistehen. Das ändert sich auch nicht, als er seine frühere Freundin Dr. Heidi Wohlers wiedertrifft und spürt, dass beide immer noch Gefühle füreinander haben. Unter diesen Umständen konnte er sich nicht von seiner Frau trennen – sie brauchte ihn jetzt. Eine gemeinsame Reise nach Teneriffa soll Annemarie, die nichts von ihrer Diagnose erfahren soll, heile Welt vorgaukeln ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de  

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Professor Winter war ein Mann Mitte vierzig, groß, blond, mit einem markanten Gesicht. Dieses Gesicht wirkte besorgt, als er die Röntgenaufnahme im Lichtschirm ansah. Dann wanderte sein Blick auf den Tisch, wo der Befund des Abstriches lag. Ein positiver Befund. Sein Verdacht war also bestätigt. Die Röntgenaufnahme allein bewies es nicht. Das konnte eine gutartige Geschwulst sein.

Er nahm die Aufnahme aus dem Schirm, legte sie auf das Kuvert neben den Befund, atmete tief durch und wandte sich ab. Er verließ das kleine Nebenzimmer und ging in den Untersuchungsraum, wo die Frau seines Freundes und Kollegen auf eine nochmalige Untersuchung wartete. Sie war mit Hilfe der Assistentin von Professor Winter in den gynäkologischen Stuhl gestiegen und lag zur Untersuchung bereit.

Er kannte Annemarie gut, so lange wie seine Freundschaft zu ihrem Mann bestand. Eine Frau Mitte dreißig, ausgesprochen hübsch, und sich ihrer Wirkung, die sie besonders auf Männer verbreitete, wohl vertraut. Auch jetzt konnte sie es nicht lassen zu kokettieren. Sie war dunkelblond, hatte ein schmales Gesicht mit hochgeschwungenen Brauen, einer zierlichen Nase und einem sinnlich wirkenden Mund. Ihre blauen Augen schauten Winter an.

Er streifte sich die Einweghandschuhe über, lächelte seiner Patientin kurz zu und untersuchte sie dann noch einmal im Beisein seiner Sprechstundenhilfe, einer jungen dreiundzwanzigjährigen Schwester.

Nach der vaginalen Untersuchung tastete er noch einmal den Unterbauch ab, und schließlich trat er vom Untersuchungsstuhl zurück, streifte die Einweghandschuhe ab, versenkte sie in den Abfallkübel und blickte dann Annemarie an:

„Du kannst dich wieder anziehen, Annemarie“, sagte er, beobachtete aus den Augenwinkeln die schlanke Frau und entdeckte trotz ihres Make-ups die dunklen Ränder unter ihren Augen, die der leichte Puderhauch nicht verdecken konnte.

Diese Frau war voll erblüht in der Schönheit ihrer fünfunddreißig Jahre. Aber sie war zugleich, wie Professor Dr. Winter wusste, eine kranke Frau, eine, wie er meinte, sehr kranke Frau, die offensichtlich aber von dem Ernst ihrer Erkrankung nichts ahnte. Die absolute Diagnose stand nicht fest. Eigentlich würde das erst eine Operation ergeben.

Als er sich die Hände wusch, sagte er, ohne zu dem spanischen Schirm zu sehen, hinter dem sie sich ankleidete: „Hans weiß doch sicher, dass du hier bist?“

Nach einigem Zögern kam die Antwort:

„Nein. Ich habe noch gar nicht mit ihm darüber gesprochen. Er war auf einem Kongress in Berlin und wollte eigentlich gestern Abend schon wieder zurück sein. Aber er hat mich von irgendwo unterwegs angerufen. Und du hast ja sicher auch im Fernsehen gesehen, dass die Autobahn in der DDR nach diesem Omnibusunfall so furchtbar verstopft war. Ich bin jedenfalls froh, dass er mit dem Unfall nichts zu tun hat. Aber er ist dann noch bis irgendwo in die Nähe von Hannover gefahren und hat da übernachtet. Jedenfalls nehme ich an, dass er da ist, wenn ich nach Hause komme.“

„Könnte er mich einmal anrufen?“, fragte Professor Winter.

Einen Augenblick war Stille. Dann fragte Annemarie Hellweg mit einem leicht nervösen Unterton: „Ist denn etwas Besonderes?“

Professor Winter bemühte sich, die Sache so unbedeutend wie möglich erscheinen zu lassen und sagte leichthin:

„Ach wo. Ich wollte mal wieder mit Hans sprechen. Schließlich kennen wir uns ja nun eine ganze Weile. Und da sind auch ein paar berufliche Dinge, die ich längst einmal mit ihm bereden wollte. Wir haben uns eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.“

Misstrauisch wollte sie wissen. „Aber das hat doch mit mir nichts zu tun?“

„Am Rande nur. Am Rande“, beteuerte Professor Winter und trocknete sich die Hände ab. „Da ist eine kleine Geschichte, wie man das eben bei Frauen häufig hat. Ich kann noch nichts Endgültiges sagen. Muss noch weitere Untersuchungsergebnisse abwarten. Ich habe da eine Gewebeprobe entnommen, und wir müssen auch noch eine Röntgenaufnahme zusätzlich machen. Alles nur zur Sicherheit. Immer nur zur Sicherheit. Du verstehst. Man muss in solchen Dingen immer am Ball bleiben. Darf nicht nachlassen. Und wenn es noch so klein ist. In der Regel erweist es sich dann immer als harmlos.“

Sie hatte das Kleid angezogen und trat hinter dem spanischen Schirm hervor. Sie sah ihn ernst an und fragte mit schriller Stimme:

„Eine Geschwulst?“

Er hob abwehrend die Hände. „Aber meine Liebe“, rief er, „ich habe dir doch gesagt, nur eine Kleinigkeit. Man darf nicht nachlässig werden in solchen Sachen. Immer sofort hinterher. Das ist meine Devise. Den Dingen nachgehen. Übrigens eine Frage, die hattest du mir einmal zur ersten Untersuchung nicht beantwortet: Wie hast du es eigentlich mit der Vorsorgeuntersuchung gehalten?“

Sie senkte schuldbewusst den Kopf. „Ach, weißt du, Florian, mir ist das alles furchtbar peinlich. Vielleicht liegt es an meiner Erziehung. Ich kann es nicht sagen, aber ich bin nun mal so. Diese Untersuchungen sind mir lästig, widerwärtig. Und wenn ich die Beschwerden nicht gehabt hätte, wäre ich auch jetzt nicht gekommen.“

Es lag ihm auf der Zunge zu sagen, dass es für sie besser gewesen wäre, doch regelmäßig diese Vorsorgeuntersuchungen machen zu lassen. Aber er schwieg. Er spürte, dass sie Vertrauen zu ihm gefasst hatte. Eigentlich war das schon immer der Fall gewesen. Er hatte all die Jahre gedacht, sie konsultiere regelmäßig einen Kollegen, vielleicht deshalb, weil sie sich auch privat kannten. Und viele Frauen gingen dann lieber zu einem fremden Arzt. Immerhin hatte er früher schon oft mit ihr getanzt. Und wenn ihn auch nichts zu ihr hinzog, so faszinierte ihn doch ihre Schönheit. Das hatte gar nichts mit Untreue seiner Frau gegenüber zu tun. Er empfand da normal wie jeder Mann.

Sie hatte sich, weil er nichts weiter sagte, mit seiner Antwort von vorhin zufrieden gegeben, zog sich den Reißverschluss ihres Kleides zu, und als sie die Jacke anziehen wollte, half er ihr galant. Sie hatte ihn immer für einen Kavalier der alten Schule gehalten. Und in gewisser Weise war er das auch. Oft hatte sie sich sogar gewünscht, ihr Mann Hans wäre so wie er. Auf der anderen Seite wusste sie, welch gute Ehe Florian Winter mit seiner Frau Helga führte. Und Helga war ihre beste Freundin.

„Ich schreibe dir hier etwas auf“, sagte Professor Winter. „Das kannst du zwischenzeitlich einnehmen, damit diese kleinen harmlosen Beschwerden weggehen. Wir sehen uns dann in zwei Tagen wieder. Bis dahin habe ich auch die übrigen Ergebnisse der Untersuchung. Vielleicht kommen wir auch um ein zweites Röntgen herum. Wir werden dann in aller Ruhe über alles sprechen.“

Als sie sich verabschiedete, bat er sie noch einmal, sie möge ihren Mann bitten, ihn anzurufen, und er fügte hinzu:

„Du weißt doch, er ist sehr schwer zu bekommen. Immer ist er unterwegs. Deswegen wäre es nett, wenn er mich mal anriefe. Ich habe es schon so oft vergeblich versucht. Schon vorige Woche. Aber dann habe ich es schließlich aufgegeben.“

Die Tatsache, dass er berichtete, auch schon in der vorigen Woche angerufen zu haben, beruhigte sie. Jetzt, so dachte sie, bin ich sicher, dass es mit der Untersuchung gar nichts zu tun hat, dass er wirklich mit Hans aus ganz anderen Gründen hatte sprechen wollen. Mit diesem Gefühl verließ sie die Praxis, ging hinunter zu ihrem Wagen und fuhr dann nach Hause.

Unterwegs dachte sie an ihren Mann Hans, und sie fragte sich, ob er ihr etwas aus Berlin mitgebracht hatte.

Für seinen Beruf interessierte sie sich wenig. Sie hatte ihre Welt. Ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen, ihre Hobbys wie Reiten und Tennis. Dann ihre geliebten Teestunden mit Freundinnen oder Besuche in der Oper, im Schauspielhaus. Alles Dinge, die ihr sehr viel bedeuteten. Auch auf ihr Äußeres hatte sie immer sehr großen Wert gelegt. Das dunkelblaue Kleid, das sie jetzt trug, ließ den Schmuck besonders zur Geltung kommen. Und Schmuck bedeutete ihr viel. So viel, dass sie inständig hoffte, Hans hätte ihr irgendeine dieser kostbaren Kleinigkeiten aus Berlin mitgebracht.

Berlin, dachte sie, da bin ich auch lange nicht gewesen. Es wäre himmlisch gewesen, wenn er mich mitgenommen hätte. Aber er ist da immer auf den entsetzlichen Kongressen, und ich sitze den lieben langen Tag allein herum, muss warten, bis er dann am Abend endlich Zeit für mich hat.

Kongresse hasste sie. Was da vor sich ging, war ihr schleierhaft, und sie hatte nie den geringsten Versuch gemacht, das zu ergründen. Ebenso wenig wie sie wissen wollte, was ihr Mann in der Klinik tat, und sie war in ihrer ganzen Ehe erst zweimal bei ihm im Krankenhaus gewesen. Und schon die Atmosphäre schockierte sie. Da mochte ihr Mann eine Koryphäe in seinem Beruf sein, mochte von vielen als Spezialist zu schwierigen Fällen gerufen werden. Ihr bedeutete das alles nichts. Sie war zwar stolz auf ihn, aber sie wusste nicht einmal genau, wieso er ein Spezialist war. Das war seine Welt, und sie hatte die ihre.

Als sie vor dem Haus, in dem sie wohnte, anhielt, dachte sie an all das nicht mehr. Das Haus war ein modernes dreigeschossiges Gebäude mit Eigentumswohnungen, die seinerzeit vor vier Jahren sehr kostspielig gewesen waren, da diese Häuser hier in unmittelbarer Nähe des Englischen Gartens auf teuerstem Grund entstanden sind. Dieses Bogenhausen war eine bevorzugte und recht teure Wohngegend. Gar nicht weit von der TANNENHOFKLINIK entfernt, wo sie eben gewesen war.

Sie musste an Helga Winter denken, die sie vor ihrer Untersuchung besucht hatte. Ein kleiner Kaffeeplausch, fröhlich und unterhaltsam wie immer. Aber dann hatte sie zu der Untersuchung gemusst. Eine leidige Angelegenheit, die sie jetzt im Augenblick aber gar nicht mehr beschäftigte.

Im Moment dachte sie daran, dass ihr Mann Hans eigentlich ein Eigenheim irgendwo am Rande der Stadt gewollt hatte, ein Einfamilienhaus. Am liebsten sogar außerhalb von München. Davon hatte sie selbst nichts wissen wollen, denn sie liebte den Luxus aber auch die Bequemlichkeit und wollte sich nicht noch um Heizung und dergleichen Dinge kümmern. Sie schätzte es, ganz in der Nähe des Stadtinneren zu wohnen und doch wieder mit einem Blick ins Grüne. Auf der anderen Seite wollte sie kein Personal in der Wohnung, abgesehen von der Putzfrau, die am Vormittag ein paar Stunden kam.

Und noch etwas wollte sie nicht: Kinder. Sie wusste, dass Hans ganz verrückt auf Kinder war. Aber sie selbst fürchtete um die formvollendete Schönheit ihres Körpers, um die Festigkeit ihrer Haut, und sie wollte kein Kind. Sie wollte nicht nachts aufstehen, um ein Kind zu wickeln, schmutzige Windeln anzufassen, und im Grunde machte sie sich auch so nichts aus Kindern. Schon der Gedanke, ein kleines Kind sauber machen und trockenlegen zu müssen, erfüllte sie mit Entsetzen. Außerdem fürchtete sie viele Dinge dann nicht mehr tun zu können, die sie jetzt so sehr liebte.

In einer gelösten Stimmung betrat sie das Haus und freute sich jetzt schon auf das, was ihr Hans, wie sie glaubte, mitgebracht hatte.

Schon im Treppenhaus hörte sie Geigenspiel. Das konnte nur Hans sein. Er spielte Violine, und wenn sie auch seine Musik nicht besonders schätzte, so wusste sie doch von denen, die etwas davon verstanden, dass er ein Virtuose auf diesem Instrument war. Übrigens gar keine Seltenheit unter Chirurgen. Sie kannte einige von den Kollegen ihres Mannes, die erstklassige Musiker waren in ihrer Freizeit. Sie persönlich schätzte die Klassische Musik allerdings weniger und hielt sich lieber an Schlager und Operetten. Der Opernbesuch war für sie in erster Linie ein gesellschaftliches Ereignis und absolut kein kulturelles.

Als sie dann oben eintrat und die Tür hinter sich schloss, brach das Violinspiel jäh ab. Die Tür zum Wohnzimmer wurde geöffnet, und die Geige in der Linken, den Bogen in der Rechten, erschien ihr Mann.

Er lächelte. Eine Locke seines blonden Haares hing ihm in der Stirn. Er hatte seine Krawatte abgebunden, den Kragen seines hellgrauen Hemdes geöffnet, die Ärmel hochgekrempelt und sich Jeanshosen angezogen. Sie hasste es auf den Tod, wenn er in diesem Aufzug in der Wohnung herumlief. Sie gab auf Äußerlichkeiten sehr viel und empfand es als Herabsetzung ihrer Person, wenn er anderswo wie aus dem Ei gepellt war, zu Hause aber lässige Kleidung trug. Er allerdings hatte sich daran nie gestört, und sie musste sich zähneknirschend während der Jahre ihrer Ehe damit abfinden.

Er wandte sich um, legte Geige und Bogen auf den Sessel, kam zu ihr auf den Flur zurück und ging ihr lächelnd entgegen.

,,Du bist eine strahlende Schönheit“, bewunderte er sie. „Du wirst immer hübscher.“

Sie betrachtete ihn kritisch und missbilligte insgeheim seinen Aufzug. Aber sie zwang sich dazu, zu ihm nett zu sein, und als er sie küsste, ertrug sie es wie eine Pflicht.

Er spürte die Ablehnung und meinte auch den Grund zu kennen. Aber heute war es ihm irgendwie leicht. Und für ihn selbst war die Begrüßungszeremonie wirklich nur eine Pflicht gewesen, die er sich und ihr gerne erspart hätte.

Ihm fiel ein, worauf sie sicher wartete, und er sagte:

„Ich habe dir eine Kleinigkeit mitgebracht. Sie liegt drinnen.“

Und nun folgte das übliche Spiel, das er schon kannte. Auch das wiederholte sich jedes Mal, als sei es ein fest geprobtes, immer wieder geübtes Ritual, das schon Bestandteil ihrer Ehe geworden war.

„Oh, Liebling“, rief sie und machte sich von ihm frei, stürmte erwartungsvoll ins Wohnzimmer auf den großen runden Marmortisch zu, der in der Mitte stand, und wo er jedes Mal sein kleines Präsent hinlegte.

Und wie auch die anderen Male kam dann ein fröhliches „Oh“ und ein „Ah“, und kurz darauf musste Hans die Brosche, die es diesmal war, bewundern. Sie hatte sie sich angesteckt, drehte und wendete sich vor dem Spiegel damit, und Hans sagte pflichtschuldig:

„Du siehst großartig aus.“

„Himmlisch!“, rief sie überschwänglich. „Ich habe mir eine solche Diamantbrosche immer schon gewünscht. Es ist jetzt meine dritte. Aber die hier ist die schönste.“ Auch das war wie eingeübt. Sie sagte es jedes Mal. Es war der schönste Ring, die schönste Kette, und diesmal eben die schönste Brosche. Sie fiel ihm um den Hals, küsste ihn, und er trug es wie ein Mann.

Die nächsten Minuten war sie völlig mit sich und ihrer Brosche beschäftigt, sodass er in aller Ruhe Violine und Bogen in den Kasten tun und die Noten wegstecken konnte.

„Ich bin schon eine ganze Weile hier“, sagte er. „Zu essen ist sicher nichts vorbereitet?“

„Nein, mein Schatz“, rief sie über die Schulter zurück, während sie sich immer noch im Spiegel betrachtete. „Ich dachte, wir gehen aus. Essen irgendwo anders. Ich bin bei Florian gewesen.“

„Florian? Meinst du Florian Winter?“

„Oh ja. Da fällt mir gerade ein, er wollte sich mal mit dir unterhalten. Hätte schon vorige Woche immer versucht, dich zu erreichen.“

Hans stutzte. Er hatte doch vorige Woche noch mit Professor Winter gesprochen, seinem Freund Florian. Über den Kongress hatten sie geredet, zu dem er fahren wollte, und wo er auch in Berlin gewesen war.

„Und er hat mich nicht erreicht?“, fragte er.

„Nein. Du bist ja nie zu kriegen“, sagte sie. „Du möchtest ihn doch mal anrufen. Er hätte einige Dinge mit dir zu besprechen.“

Er hat mich angerufen?, dachte er. Er hat mich nicht erreichen können? Da stimmt doch etwas nicht. Ich habe doch mit ihm gesprochen. Hatte ihm noch vorgeschlagen, dass wir gemeinsam nach Berlin fahren, dass er mitkommt. Aber er hat es nicht gewollt. Und außerdem wäre es für beide Teile unterhaltsamer gewesen. Doch seit er diese Klinik hat, kommt er nicht mehr davon weg. Es wird immer schlimmer mit ihm. Eines Tages läuft ihm noch Helga weg. Als wir das letzte Mal zusammen waren, hat sie sich schon beklagt, dass er sich um die Kinder kaum noch kümmern kann und nicht mehr allzu viel um sie. Die Klinik hinten, die Klinik vorn. Immer ist etwas anderes. Und natürlich, haben die Patienten Vorrang. Vielleicht übertreibt er es auch.

Annemarie kam wieder aus dem Schlafzimmer herausgetänzelt. „Gehen wir nun etwas essen?“, fragte sie.

„Können wir denn nicht hierbleiben? Ich würde ein Steak grillen. Dann könnten wir ...“

Sie sah ihn entrüstet an. „Warum gehen wir nicht weg? Wir könnten doch in die Stadt fahren und dort schön essen, heute, wo du endlich auch einmal mittags da bist. Sonst kommst du immer erst abends und hast schon in der Klinik gegessen. Mein Gott, ist das überhaupt ein vernünftiges Essen dort? Ich kann mir das einfach nicht vorstellen. In einem Krankenhaus!“

Ihm missfiel es, sich wieder umziehen und in die Stadt fahren zu müssen. Er wollte am liebsten hierbleiben. Außerdem kannte er die Ansprüche seiner Frau, nur in den allerbesten Lokalen zu speisen, und dazu hatte er nun heute absolut keine Lust. Er wollte sich gehen lassen können, sich entspannen, und einmal so, wie er war, ohne große Formalitäten essen.

Aber dann dachte er: Vielleicht ist es ganz gut so. Hier zu Hause wird sie mich womöglich mit ihren Fragen bombardieren.

Er hatte schon überlegt, ob er in die Klinik fahren sollte. Es war ihm klar, dass sie nicht so begeistert sein würde, wenn sie erfuhr, dass er morgen schon wieder wegfahren wollte. Wenn er erst in die Klinik gefahren wäre, hätte er das so darlegen können, als wäre es unabwendbar. Aber nun musste er früher oder später Farbe bekennen. Das ging irgendwo außerhalb besser als hier. Sie konnte ihm dann jedenfalls keine Szene machen. Und dass sie eine Szene machen würde, dessen war er ziemlich sicher.

„Gehen wir nun, oder gehen wir nicht?“, fragte Annemarie.

Er betrachtete sie. Ich habe eine schöne Frau, dachte er. Eine wirklich schöne Frau. Aber irgendwie kommt sie mir wie eine Puppe vor. Alles, was sie tut, wirkt perfekt und doch immer einstudiert. Ich möchte einmal erleben, wie sie ohne diese Puppenmaske ist. In unserer ganzen Ehe ist das ein oder zweimal geschehen. Mehr nicht. Es waren wirklich nur Momente. Sie hat sich immer in der Gewalt. Sie spielt diese Rolle. Sie hätte das Zeug zu einer hervorragenden Schauspielerin gehabt.

„Also gut“, erwiderte er, „gehen wir. Ich ziehe mich nur um.“

Überrascht, dass er so schnell nachgab, sah sie ihn an. „Ich habe dich übrigens noch gar nicht gefragt, wie es in Berlin war?“, rief sie ihm nach, als er ins Schlafzimmer ging, um sich umzuziehen.

„Wie soll es schon gewesen sein?“

„Ich meine nicht, was ihr da besprochen habt. Es interessiert mich nicht.“ Natürlich, dachte er, interessiert es dich nicht. Es hat dich noch nie etwas interessiert, was ich tue. Aber er fragte höflich: „Und was meinst du?“

„Ich meine“, erwiderte sie, „ob du nette Leute getroffen hast. Oder seid ihr abends nicht einmal nett ausgegangen oder dergleichen? Weißt du noch, als wir damals diesen Bummel in Berlin gemacht haben? Von einer Eckkneipe in die nächste? Du musst dich doch daran erinnern. Es war herrlich.“

Er lächelte grimmig vor sich hin. Er kannte ja ihre Einstellung Menschen gegenüber, die anders waren als sie selbst. Sie konnte sehr arrogant sein. Oder sie empfand es einfach als lustig. Sie konnte sich amüsieren über arme Leute, die einfach nichts Besseres anzuziehen hatten als das, was sie an sich trugen. Sie gab sich auch nie die Mühe, nur den Versuch zu machen, sich in Andersdenkende hineinzuversetzen. Sie wollte es nicht. Sie lehnte einfach alles, was nicht auf ihrer Welle funkte, grundsätzlich ab.

Er stockte in seinen Gedanken und dachte, warum beurteile ich sie so negativ? Möchte ich mich vor mir selbst rechtfertigen? Will ich mir etwa klarmachen, dass ich mich von ihr trennen sollte? Mein Gott, diesen Gedanken habe ich das letzte Jahr des Öfteren gehabt. Ich bin mit einer Puppe verheiratet. Mit einer Puppe, die ihr Spiel spielt, die vielleicht das Wort Gefühl gerade schreiben kann, aber gar nicht weiß, was das in Wirklichkeit ist. Sie war immer hübsch anzusehen, aber sie ist nie das gewesen, was mich innerlich erwärmen konnte. Im Gegenteil. Wenn ich über sie nachdenke, friert es mich. Sie muss innen kalt sein. Sie ist wirklich wie eine Puppe. Zu einer richtigen Leidenschaft war sie eigentlich nie fähig. Vielleicht liegt das an mir. Vielleicht habe ich das nie in ihr wecken können.

Vielleicht sollte ich mich doch von ihr trennen. Aber da müsste es eine andere geben. Ich bin nicht der Typ, der allein sein möchte. Es gibt keine andere. Ich habe nicht einmal die Zeit dazu, über so etwas nachzudenken. Aber hat es Sinn, mit einer schönen Figur verheiratet zu sein, die sich weder für das interessiert, was mir etwas bedeutet, die lediglich nach außen hin glänzt, ihre eigene oberflächliche Welt aufgebaut hat, die nicht einmal in der Lage ist, ein Konzert ruhig sitzend bis zu Ende anzuhören. Der es wichtiger ist, in den Pausen ein Glas Sekt zu trinken, sich zu zeigen, sich und ihre Kleidung zu demonstrieren.

Wenn ich an den letzten Urlaub denke, wie sie sich am Strand geräkelt hat. Dabei weiß ich genau, dass sie gar nicht darauf aus ist, mit irgendeinem anderen Mann etwas zu tun zu haben. Sie will sich nur zeigen, möchte bewundert werden. Das genügt ihr völlig. Und im Grunde ist es auch das, was sie mir abverlangt. Das Mehr, was ich dazu zähle, ist ihr schon eine leidige Pflicht.

Sie ist wirklich nur eine Larve. Nichts weiter.

Als er sich umgezogen hatte, fuhren sie wenig später in die Stadt, gingen in eins der besten und natürlich teuersten Lokale, aßen, und Annemarie genoss es, ob ihrer Schönheit von den Leuten bewundert zu werden. Vor allen Dingen die Männer schauten sie an, und das war wie damals am Strand.

Die Unterhaltung während des Essens war ziemlich einsilbig. Annemarie erzählte dann von einer Freundin und deren Ehe. Aber beides interessierte Hans überhaupt nicht, weil er einmal die Freundin nicht besonders schätzte, denn die war genau so oberflächlich wie Annemarie. Und der Mann interessierte ihn schon gar nicht. Während Annemarie aber erzählte, lehnte sich Hans im Stuhl zurück, und er wirkte so, als lausche er gebannt den Worten seiner Frau. In Wirklichkeit beobachtete er sie.

Bei dieser Gelegenheit fiel ihm auf, dass er sie wohl die ganze letzte Zeit nicht mehr so intensiv angesehen hatte, wie dies jetzt der Fall war. Er bemerkte die dunklen Ringe unter den Augen. Und er bemerkte, dass sie unter ihrem Make-up offensichtlich blass war. Das Rot auf ihren Lippen wirkte stärker aufgetragen, als er es sonst bei ihr kannte. Und sie hatte sich gepudert. Das fiel ihm jetzt erst auf.

Er beobachtete ihre Hände. Sie wirkten schmaler, feinnerviger als sonst. Vielleicht, dachte er, ist es auch Einbildung. Und da kam ihm der Gedanke. Und als Annemarie mit der Geschichte fertig war, die sie erzählte, fragte er:

„Was war denn heute bei Florian? Wieso bist du überhaupt zu ihm gegangen? Hast du mir nicht erzählt, dass du sonst zu einem anderen Gynäkologen gehst?“

Sie wusste, dass sie ihn angelogen hatte, aber auch jetzt war sie eine hervorragende Schauspielerin. Er ahnte nicht, dass sie nie bei jenem Gynäkologen gewesen war, von dem sie gesprochen hatte. Und so überging sie einfach seine Frage und sagte nur:

„Das ist doch kein Gespräch bei Tisch. Ich bitte dich! Jetzt von so etwas zu reden.“

„Wir sind doch mit dem Essen fertig, Liebling. Mein Gott, hast du irgendwelche Beschwerden?“

„Na ja, da ist schon was. Es tut manchmal weh. Er sagt, da wäre auch etwas, eine Kleinigkeit. Ich muss in den nächsten Tagen noch einmal hin. Dass du auch jetzt davon anfangen musst!“

Sein Blick wurde noch kritischer. Und da sie ihn nicht ansah, fiel ihr auch nicht auf, wie er sie betrachtete.

„Was sind das denn für Beschwerden?“, wollte er wissen.

„Nun hör endlich auf! Er wird es dir schon sagen. Du willst ihn ja ohnehin noch anrufen. Oder etwa nicht?“

„Doch, doch. Aber ich hielt es nicht für so eilig. Der Anruf hat doch nichts mit dir zu tun oder?“

„Das hatte ich anfangs gedacht. Aber dann hat er gesagt, dass er dich schon vorige Woche erreichen wollte. Allerdings vergeblich.“

„Ja, ja“, behauptete Hans, „ich war viel unterwegs.“ Er verschwieg ihr, dass er noch vor seiner Abfahrt mit Professor Florian Winter gesprochen hatte, und er dachte: Also ist es ihretwegen. Er war ein viel zu erfahrener Chirurg, um nicht zu wissen, welche Möglichkeiten da vorliegen konnten. Wenn ihn Florian deswegen anrufen wollte ...

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Er arbeitete im Klinikum rechts der Isar als Oberarzt in der Unfallchirurgie. An diesem Vormittag hatte er schon vier Operationen hinter sich, als er endlich die Zeit fand, seinen Freund Florian Winter anzurufen.

Aber er hatte Pech. Winter war nicht erreichbar, er operierte selbst gerade eine Patientin. Hans Hellweg wollte es später noch einmal versuchen, hatte dann in der Klinik zu tun, vergaß es, dachte dann gegen Mittag wieder daran und rief Winter an.

Diesmal hatte er mehr Glück. Er bekam Professor Winter an den Apparat, und der sagte ihm:

„Es ist eine lange Geschichte, lieber Freund. Ich weiß nicht, wie es bei dir ist, aber ich könnte heute Mittag mal aus der Klinik entwischen. Helga ist nicht da. Sie isst heute in der Stadt und hat auch die Kinder mit. Sie und eine Freundin sind unterwegs. Ich könnte mich mit dir zu Mittag treffen. Ich weiß aber nicht, wie du deine Mittagspause geplant hast.“

„Passt wunderbar. Ich esse normalerweise hier“, meinte Hans. „Wo können wir uns treffen?“

„Ich schlage den 'Goldenen Helm' vor.“

„Abgemacht. Wann? Es ist ja gleich Mittag.“

„In einer halben Stunde. Schaffst du das?“, fragte Winter

„Natürlich, Florian. Also dann, beeilen wir uns.“

Eine halbe Stunde später schüttelten sie sich vor dem 'Goldenen Helm' die Hände, und Professor Winter musterte den etwas jüngeren und lausbubenhaft wirkenden Freund lächelnd und meinte:

„Du siehst gut aus. Du bist nun ständig auf Reisen von einem Kongress zum nächsten, und dir sieht man das Vagabundenleben überhaupt nicht an.“

„Es macht mir nicht unbedingt Spaß herumzureisen, aber ich lerne eine Menge. Und sie wollen es ja so haben. Und außerdem arbeite ich an meiner Habilitation.“

„Na ja, irgendwann muss das auch mal sein. Das gehört ja dazu, wenn man weiterkommen will. Aber weißt du, ich habe ja nun meine Professur. Doch, wenn du mich fragst, ich halte das mittlerweile mehr für eine Belastung als für einen Vorteil. Und was die Ehre angeht, so steht das im krassen Gegensatz zu der Pflicht, die einem abverlangt wird. Die Vorlesungen sind wirklich eine Belastung, und ich kann es zeitlich kaum noch einordnen. Ich bin gar nicht mehr auf einen Lehrstuhl scharf. Überlege dir das, bevor du Dozent werden solltest. Doch jetzt wollen wir lieber erst mal bestellen.“

Die Kellnerin kam, sie machten ihre Bestellung,und dann wurde Hans sehr ernst. „Als ich gestern nach Hause kam“, sagte er, „wollte ich Annemarie eigentlich sagen, dass ich morgen schon wieder weg muss. Im Grunde schon heute Abend. Ich habe es irgendwie nicht fertiggebracht. Ich hatte die Ahnung, dass irgendetwas mit ihr ist, und dass es das sein wird, was du mir sagen willst.“

Das Lächeln war aus Florian Winters Gesicht verschwunden. „Du kannst dir denken“, sagte er, „dass es eine Notlüge war, als ich deiner Frau gegenüber behauptete, dich schon die ganze vorige Woche versucht hätte zu erreichen. Ich habe Annemarie bei mir gehabt. Und mittlerweile liegt mir auch das ganze Ergebnis vor. Hans, es ist eine sehr ernste Sache. Mein Verdacht hat sich bestätigt.“

„Krebs?“, fragte Hans nur, und seine Stimme klang eigenartig spröde.

Winter nickte. „Ja, Krebs. Ich weiß allerdings nicht, in welchem Stadium sich die ganze Geschichte befindet. Eine sofortige Operation würde das zeigen. Ich kann natürlich nur hoffen, dass es ein frühes Stadium ist. Es gibt allerdings ein paar Anzeichen, die dahin deuten, dass es so furchtbar früh nicht mehr sein kann.“

„Du lieber Gott“, entfuhr es Hans. „Selbstverständlich muss sie sofort operiert werden.“ Aber er war außerstande zu begreifen, von welcher Tragweite Winters Worte waren.

Florian Winter spürte, dass sich Hans Hellweg, obgleich er Arzt war und ein erfahrener Arzt dazu, nicht ganz klar über das Ganze zu sein schien. Vielleicht, dachte Winter, will er es auch verdrängen.

„Hans, es ist zwar bösartig, aber vielleicht sind die Geschwülste noch relativ klein. Allerdings die Beschwerden ...“

„Sie hat mir nie was erzählt. Sie sagt jetzt, sie hätte etwas Ausfluss und manchmal ein leichtes Ziehen in der Gegend der Gebärmutter. Aber, mein Gott, das hat doch jede Frau einmal. Besonders vor der Menstruation und so.“

„Es ist nicht der Uterus selbst“, sagte Professor Winter. „Es ist ein Gebärmutterhalskarzinom.“

„Also ein Zervixkarzinom“, murmelte Hans.

„Ich verstehe eins nicht“, meinte Florian Winter. „Sie ist offensichtlich nie zu einer Vorsorgeuntersuchung gegangen. Sie hat mir erklärt, es sei ihr widerwärtig, so etwas zu tun, und sie hätte deshalb das nie gemacht.“

„Du lieber Himmel! Das ist das Erste, was ich höre. Sie hat mir einen Kollegen von dir genannt, wo sie immer hingegangen sein will.“

Winter schüttelte den Kopf. „Da ist sie nie gewesen. Und deshalb ist auch alles ziemlich spät.“

„Das ist ja furchtbar.“ Hans sah seinen Freund fassungslos an. „Ich war sicher, dass sie zu einem Arzt geht. Dass sie regelmäßig zu ihm geht. Sie hat mir ja sogar den Namen genannt. Ich habe das natürlich nie nachgeprüft. Mein Gott, der Mann ist ein Gynäkologe. Und wenn du nicht mein Freund wärst, Florian, und wir uns zufällig kennen würden, käm ich gar nicht auf die Idee, Kontakt mit einem Gynäkologen zu haben. Das ist so eine ganz andere Sektion.“

„Bei mir war sie jedenfalls vorher nie, und ich wundere mich, dass sie überhaupt zu mir gekommen ist, wo wir uns ja kennen. Das ist immer so eine eigenartige Sache. Doch diesen inneren Widerstand scheint sie überwunden zu haben.“

„Du weißt ja“, meinte Hans, „dass sie in bestimmten Dingen sehr verschwiegen ist. Dass wir darüber nie sprechen.“ Er zuckte die Schultern. „Wir kennen uns ja schon eine Weile, da kann ich es dir offen sagen. Weißt du, in unserer Ehe stimmt einiges nicht. Hat im Grunde nie gestimmt. Das sieht sich nur nach außen so hübsch an.“

„Sieht sich auch gut an“, meinte Winter. „Ihr beide stellt ein hübsches Paar dar.“

„Das ist auch alles. Wir stellen es dar. Und das ist der richtige Ausdruck dafür. Sie besonders stellt es dar. Alles, was sie tut, stellt sie dar. Sie ist eine Darstellerin. Sie posiert. Sie spielt ihre Rolle. Für sie ist das Leben eine einzige Theateraufführung. Und deshalb gibt es eigentlich keine wirklichen Beziehungen zwischen ihr und mir. Ich sage dir etwas, was im Zusammenhang mit dem, was du mir von ihr eröffnet hast, sehr geschmacklos wirkt, aber ich schwöre dir, dass ich diese Gedanken hatte, bevor ich das alles wusste. Ich wollte mich von ihr scheiden lassen. Ich wollte mich trennen. Ich kann dieses Leben nicht mehr ertragen. Das Leben neben einer Frau, die sich für nichts interessiert, die im Grunde wie eine mit Stroh ausgestopfte Puppe ist. Die Interessen von Annemarie sind so oberflächlich und banal, dass ich einfach nichts mehr habe, das mich mit ihr verbindet. Und wenn du an das Sexuelle denkst, das ist nie so berauschend gewesen mit ihr, wie es sich vielleicht von außen ansieht. Ich muss dir sagen, dass ich auf ihre Schönheit hereingefallen bin. Und vielleicht auch darauf, dass sie anfangs so spröde war. Anfangs, sage ich, sie ist es ja heute noch. Ich glaubte, sie erobern zu müssen. Sie stellte Ansprüche. Ich wollte diese Ansprüche erfüllen. Ich wollte ihr und auch denen, die sie angebetet haben, zeigen, dass ich das alles bieten kann, was sie sich erträumt. Ich weiß nicht, ob ich ihr annähernd alles bieten konnte, was sie sich erträumt hat, aber doch eine ganze Menge von dem, denn ich verdiene ja nicht schlecht. Nur ich selbst habe mittlerweile erkannt, dass ich auf der Strecke geblieben bin. Das Einzige, was sie wirklich interessiert: dass immer genug Geld da ist und dass ich neben ihr ebenso attraktiv wirke wie sie selbst. Das, was du vorhin von dem hübschen Paar gesagt hast, das wir darstellen, das genau ist ihr wahnsinnig wichtig. Und sie möchte sich mit diesem und jenem unterhalten und sie möchte ...“

„Hör mal“, wurde er von Winter unterbrochen, „du willst mir doch nicht einreden, dass sie geistig primitiv oder sagen wir mal völlig anspruchslos ist. Dann würde sich Helga überhaupt nicht mit ihr verstehen können. Und Helga versteht sich mit ihr großartig. Übrigens war sie vor der Untersuchung gestern wieder bei Helga. Sie haben zusammen Kaffee getrunken. Und Helga hat natürlich etwas geahnt. Irgendwie kam ihr Annemarie verändert vor.“

„Ja, sie hat sich verändert. Ich habe sie gestern sorgfältig beobachtet, ohne dass sie das so richtig gemerkt hat.“

„Jedenfalls ist sie nicht dumm, wenn du das denken solltest, lieber Freund.“

„Nein, das mag sein, dass sie nicht dumm ist. Aber wir haben nicht die gleiche Wellenlänge. Die hatten wir nie. Ich habe mir das nur eingebildet. Im Grunde leben wir nebeneinander her. Wir sind unheimlich nett zueinander, sehr höflich, und ich bemühe mich, galant zu sein. Es gelingt mir nicht immer so, wie sie sich das vorstellt. Sie träumt immer noch von einem Ritter aus der Tafelrunde des Königs Artus.“

„Ja, das ist es. Sie träumt“, meinte Florian. „Das sagt auch Helga. Aber deshalb ist sie ja nicht primitiv.“

„Nein, gewiss nicht. Aber wie geht es nun weiter.“

„Also hör zu“, sagte Winter, „du weißt ja, dass in der Zeitspanne, bevor ein Karzinom als solches überhaupt sichtbar gemacht werden kann, ein sogenanntes präkanzeröses Stadium liegt, und in dieser Zeit sind zwar die Krebszellen nachweisbar, aber das gerade sich zum Geschwulst entwickelnde Karzinom zeigt da noch gar keine oder sehr geringe Erscheinungen. Erst bei fortschreitendem Wachstum des Karzinoms in die Tiefe hinein und einem damit einhergehenden stärkeren Gewebezerfall treten die ersten Erscheinungen auf. Es gibt also keine wirklichen Frühsymptome. Wäre deine Frau regelmäßig zum Arzt gegangen, hätte ihr Frauenarzt dieses Frühstadium erkennen können und zwar allein durch den Abstrich. Außerdem zeigt das dann auch die Untersuchung. Doch nun handelt es sich ganz sicher nicht mehr ums Frühstadium. Da die Beschwerden schon sehr deutlich sind, ist das mehr. Ich weiß nicht, ob sie dir gesagt hat, dass sie unregelmäßige Blutungen hatte. Vom Ausfluss haben wir schon gesprochen. Und ich kann immer wieder sagen, was ich auch deiner Frau sagen muss: dass jede Frau über fünfundzwanzig Jahre alle neun Monate gynäkologisch untersucht werden sollte. Und es muss dabei unbedingt ein zytologischer Abstrich gemacht werden. Aber sie ist ja noch nicht einmal zum Arzt gegangen.“

„Mein Gott!“, entfuhr es Hans. „Und ich habe geglaubt, sie ließe sich regelmäßig untersuchen. Ich habe sie ja immer wieder danach gefragt. Und ebenso häufig hat sie mir erklärt, es sei alles in bester Ordnung, schließlich ist sie die Frau eines Arztes, und sie wüsste, was sie da alles zu tun habe.“

„Ich weiß nicht, ich kenne sie ja nun auch schon einige Zeit. Aber so wahnsinnig hat sie sich für deinen Beruf nie interessiert. Jedenfalls mache ich mir Sorgen.“

„Und wer wird sie operieren? Du?“, fragte Hans.

„Ja, ich werde es machen“, erklärte Florian Winter.

„Dann weiß ich sie ja wenigstens in besten Händen. Wann willst du es machen?“

„Je früher“, erwiderte Winter, „umso besser. Mir wäre es am liebsten übermorgen ... nein, das ist ja gar nicht möglich.“ Er machte ein nachdenkliches Gesicht. „Zwei Tage danach, also in vier Tagen.“

Auch Hans überlegte. „Da wäre ich schon wieder zurück.“

„Du fährst nach Wien?“, wollte Florian Winter wissen.

„Ja, ich fahre nach Wien. Ich kann es nicht mehr aufschieben. Ich muss dahin. Das ist so weit vorgeplant. Da müsste mir selbst etwas zustoßen. Aber gut, es klappt ja auch so. Das Ganze dauert höchstens zwei Tage.“

„Nimmst du den Wagen?“

Hans nickte. „Auf die kurze Distanz ist mir das immer noch lieber. Und ich bin unabhängig. Also, dann wollen wir hoffen, dass es nicht zu weit fortgeschritten ist.“

Hans sah Florian Winters bedenklich wirkendes Gesicht nicht, als der sagte: „Ja, das wollen wir wirklich hoffen.“

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Annemarie Hellweg war zwar etwas verärgert, als sie davon hörte, dass ihr Mann nach Wien wollte, auf der anderen Seite hielt sie das für ein gutes Zeichen. Er würde nicht wegfahren, dachte sie, wenn das mit mir sehr ernst wäre. Aber sie sprach das nicht aus. Und den kurzfristig angesetzten Operationstermin hielt sie für eine reine Zeitfrage Professor Winters.

„Er hat ziemlichen Bettenmangel“, sagte ihr Hans, „und da musst du schon berücksichtigen, dass er die Termine so setzt, wie es gerade möglich ist. Im Grunde ist das eine Gefälligkeit. Er hat es mir selbst gesagt. Wärst du ihm fremd, hätte er dir einen Termin vielleicht in zwei Monaten gegeben. Aber so wollte er das schnell erledigen. Im Grunde in deinem Interesse.“

So, wie er das sagte, war sie davon überzeugt, dass es wirklich nichts Ernstes zu sein schien. Sie wirkte beruhigt. Und wenn es ihr auch lieber gewesen wäre, Hans hätte diese Reise nach Wien nicht gemacht, so war sie doch nicht ausgesprochen traurig darüber, und telefonierte mit ihren Freundinnen, machte mit ihnen alle möglichen Termine aus, wo sie sich treffen wollten, sodass Hans keinerlei Gewissensbitte hatte.

Im Laufe des Nachmittags bekam er in der Klinik den Anruf einer Frau.

„Hier Wohlers“, meldete sich die sympathisch klingende Frauenstimme.

Die Stimme kam ihn sofort bekannt vor. Aber den Namen wusste er nicht unterzubringen.

Er hörte ein glockenhelles Lachen. „Hier ist Heidi.“

„Heidi!“, rief er. Und sofort entsann er sich ihrer. Und wie gut er sich entsann!

Damals hieß sie noch Heidi Torberg. Sie war eine junge Ärztin gewesen. Hatte gerade ihre Medizinalassistentenzeit hinter sich und arbeitete bei ihm in der Chirurgie. Später nach einer schönen Zeit mit ihr, die nicht länger als ein Dreivierteljahr dauerte, hatten sie sich aus den Augen verloren. Sie war nach einem Streit mit dem damaligen Oberarzt von der Klinik weggegangen und hatte eine Stelle in Norddeutschland angenommen. Ein paar Briefe hin und her, ja sogar zwei Treffen kurz nach ihrem Weggang, und danach war die Verbindung eingeschlafen. Hannover war einfach zu weit weg von München. Fünf Jahre waren seitdem vergangen. Nein, dachte er, es müssen sogar sechs sein. Ja natürlich, sechs Jahre.

„Heidi“, sagte er, „wo steckst du?“

„Vielleicht einen Kilometer von dir entfernt. Ich weiß nicht, es könnte auch etwas mehr sein“, hörte er sie lachend sagen. „Ich habe durch Zufall erfahren, dass du nach Wien zu dem Kongress fährst. Nun, eigentlich ist es ja ein Composium. Ich muss auch dahin.“

„In anderen Worten, Heidi, du bist eine Chirurgin. Eine gestandene Chirurgin geworden.“

„Ich habe ein Spezialgebiet: Handchirurgie“, hörte er sie sagen. „Und ich bin auch noch nicht fertig mit allem.“

„Du steckst noch in der Facharztausbildung?“

„Ja. Ich bin beinahe drei Jahre nicht mehr im Beruf gewesen. Da habe ich Reisen mit meinem Mann gemacht, aber eines Tages habe ich dann wieder weitergemacht, wo ich aufgehört hatte.“

„Aber du bist doch nicht in München. Lebst du hier?“

Nein. In Frankfurt. Mein Mann ist auch da.“

„Dein Mann. Kenne ich ihn?“

Er hörte sie wieder lachen. „Oh nein. Natürlich nicht. Er ist auch kein Arzt. Er ist Ingenieur. Aber nun meine Frage: Wenn du auch nach Wien fährst, wollen wir nicht zusammen fahren?“

Die Worte kamen ihm wie automatisch aus dem Mund. Er brauchte gar nicht nachzudenken: „Aber natürlich. Wieso denn nicht? Du bist doch sicher mit einem Wagen hier?“

„Ja, ich bin mit einem Wagen hier. Aber ich bin keine leidenschaftliche Autofahrerin. Und außerdem, das gebe ich ehrlich zu, als ich erfahren habe, dass du auch dahin willst, dachte ich sofort, wir könnten ja zusammen fahren. Irgendwie ist das doch eine schöne Zeit damals gewesen. Und ich freue mich, dich wiederzusehen.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920192
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Mai)
Schlagworte
unter umständen arztroman exklusiv edition

Autor

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Titel: Unter diesen Umständen - Arztroman Exklusiv Edition