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Heimat-Roman Sonder-Edition - Das neue Zuhause

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Das neue Zuhause

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Heimatroman von G. S. Friebel

––––––––

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DER WUNSCH IHRES VERSTORBENEN Vaters war es, dass die junge, nun mittellose Liliana die reiche Adelsfamilie von Falkenstein in den Bergen Österreichs aufsuchen solle. Tatsächlich hilft Leonore von Falkenstein dem freundlichen Mädchen, auf ihrem Schloss ein neues Zuhause zu finden. Liliana ahnt jedoch nicht, dass sie von der Hausherrin nicht nur aus Gastfreundschaft aufgenommen wurde und dass bald alte, dunkle Geheimnisse gelüftet werden würden. 

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / COVER ALFRED HOFER 123rf

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Es war mal wieder eine Stunde, wo die Vergangenheit vor Leonore von Falkenstein aufstand. Wo alles so klar und deutlich war, als wäre es erst gestern gewesen. Damals! Susanne von Falkenstein, die Mutter und erste Frau von Sigulf, war gestorben. Sigulf war schon fast fünfzig Jahre gewesen, sein Sohn Cyril fünfundzwanzig und Oswald zweiundzwanzig. Er hatte sich nach ein paar Jahren der Zurückgezogenheit ein neues Glück gesucht. Leonores Mann war im Krieg gefallen und hatte sie und ihr Kind Konstantin völlig verarmt zurückgelassen. Sie kannten sich noch von früher und so warb Sigulf um die Frau. Sie war jünger und er hoffte, durch sie wieder eine Herrin auf Falkenstein zu bekommen. Natürlich brachte sie den kleinen Konstantin mit.

Das Erbe erhielt einmal Cyril. Sein Sohn Oswald studierte und wollte in diplomatische Dienste treten. Der Vater besaß viele Verbindungen.

Cyril war volljährig, er lebte auf dem Gut und Sigulf war klug genug, ihn langsam in seine Aufgaben hineinwachsen zu lassen. Er war ein gütiger und gerechter Vater. Cyril aber war von aufbrausendem Wesen und irgendwie krankhaft eifersüchtig.

Leonore bemerkte es sehr wohl und war darüber oft sehr traurig. Er mochte die Stiefmutter nicht, betrachtete sie nur mit dunklen hasserfüllten Augen. Sie hatte darüber geschwiegen und nie Sigulf davon etwas gesagt. Aber sie hatte unermüdlich um seine Gunst geworben.

Bei Oswald brauchte man das nicht. Er war so heiter und lustig und charmant. Man musste ihn einfach gernhaben. So blieb es auch nicht aus, dass alle ihn viel lieber mochten. Kamen die Pächter, der Gärtner, der Förster, immer wandten sie sich lieber an Oswald, obwohl dieser sie immer lachend an den Bruder verwies.

»Ich bin nur auf Besuch hier«, rief er dann immer.

Obwohl Cyril es oft und oft hörte, so traute er nicht mal dem eigenen Bruder.

»Du hintergehst mich, du wiegelst sie gegen mich auf, ich merke das sehr wohl.«

Oswald lachte nur und meinte: »Du bist verrückt.«

»Doch, ich kenne dich, du bist ein Heimlichtuer und auch mit der Neuen machst du herum. Sogar ihr Kind umschwärmst du. Du sollst dich was schämen, so unser Andenken an die Mutter zu schänden.«

»Cyril, bist du krank? Was ist mit dir? Ich bin nur nett zu ihr. Sie hat es nicht einfach mit zwei erwachsenen Söhnen.«

»Meinst du, ich merke es nicht, wie sie sich um Vater bemüht, um mir das Erbe streitig zu machen. Was glaubst du, wie liebend gern sie den eigenen Sohn hier als Herren sehen würde. Und du hilfst ihr auch noch dabei.«

»Jetzt hör aber endlich auf. Was zu viel ist, ist zu viel, Cyril. Du siehst wirklich Gespenster.«

Leonore hatte damals die Unterhaltung im Rosengarten mit anhören müssen. Ihr Herz war vor Schreck fast stehengeblieben. Zum ersten Male dachte sie daran, mit Sigulf über Cyril zu sprechen. Das war doch nicht mehr normal!

Ein paar Tage nach dieser Unterredung mit dem Bruder geschah dann das große Unglück. Cyril glaubte sich verraten. Er konnte es einfach nicht mehr verkraften, dass man seinen Bruder mehr liebte und überall glaubte er sich verraten.

Der Hass schlug haushohe Wellen. Er wollte den Bruder nur erschrecken, ihm zeigen, dass er es sich nicht länger bieten ließe, so hintergangen zu werden. Sogar die Dörfler liebten den blonden Oswald mehr. Immer hatte er es fühlen müssen.

Aber das kam nur daher, weil Oswald sich mit jedem gleich freundlich stellen konnte, hingegen Cyril hölzern und steif auf dem Pferd saß und den Mund nicht aufbekam. So glaubten die Dörfler eben, er bilde sich was auf seine hohe Geburt ein. Da kam er ihnen gerade recht. Sie waren stolze Bergbauern und bückten sich nicht vor einem hohen Herrn.

Oswald war auf der hinteren Terrasse gewesen. Mit ihm war Konstantin dort. Sie vergnügten sich mit einem Ball. Oswald wollte dem kleinen Knirps Fußball beibringen und lachte sich halbkrank, wenn es ihm immer wieder misslang. Selbst Konstantin hatte Oswald sofort liebgewonnen, hingegen er vor Cyril Angst hatte.

Oswald hatte den Bruder zuerst gar nicht bemerkt. Aber plötzlich stand dieser mit einer Waffe auf der Terrasse. Und er hielt sie auf den Bruder gerichtet.

Oswald hielt alles für einen Scherz und zog seinen Bruder auch noch damit auf.

»Hältst du mich vielleicht für einen kapitalen Bock? Aber das gibt es doch nicht, Cyril, so närrisch kann man doch nicht sein. Außerdem genießen sie im Augenblick Schutz.«

Konstantin hatte ihn gesehen und lief schutzsuchend zu Oswald hinüber. Dieser hob ihn instinktiv auf den Arm. Und dann musste er wohl an den Augen des Bruders gesehen haben, dass dieser keinen Scherz machte. Was sich dann zwischen ihnen abspielte, hat man später nie erfahren. Jedenfalls ging plötzlich ein Schuss los.

Er hatte Oswald mitten ins Herz getroffen. Und er stürzte mit dem kleinen Knaben die steile Halde hinunter, die an die Terrasse grenzte. Sigulf hatte schon immer ein Gitter anbringen wollen, seit die alte Mauer eingestürzt war. Aber dann hatte er es wieder vergessen.

Oswald war auf der Stelle tot und der kleine Konstantin schwer verletzt. Cyril war dem Wahnsinn näher als alles andere. Nachdem sich der Schuss gelöst hatte - er behauptete immer, er habe nicht wirklich schießen wollen -, war er dem Bruder nachgestürzt und hatte ihn auf seinen Armen nach oben getragen, auch den kleinen Stiefbruder. Er wimmerte nur vor sich hin.

Sigulf war gleich aus seinem Arbeitszimmer hinausgestürzt und hatte seinen toten Sohn gesehen. Daneben kniete Cyril und weinte.

Leonore war wie von Sinnen gewesen und hatte ihm das Kind entrissen. Kurz darauf war sie ins Dorf gejagt und dann weiter nach Innsbruck. Ärzte mussten um das Leben des Kindes kämpfen. Lange hatte es so ausgesehen, als würde das kleine Lebenslicht ganz verlöschen.

Aber dann war er doch über dem Berg. Nur die Schulter würde nie mehr so sein wie früher. Und mit den Jahren entwickelte sich so etwas wie ein Höcker.

Leonore kam gebrochen zurück. Sigulf, ihr Mann, schien um zwanzig Jahre gealtert zu sein. Man hatte inzwischen den toten Oswald zu Grabe getragen. Als sie fragte, wo denn Cyril sei, da sagte Sigulf: »Ich habe ihn des Landes verwiesen. Ich brachte es nicht übers Herz, ihn dem Gericht zu überliefern. Er hat im Wahn geschossen, Leonore. Er darf nie mehr das Haus, noch Österreich betreten.«

»Wo ist er denn hin?«

»Das weiß ich nicht und ich will es auch nicht wissen. Ich habe keinen Sohn mehr.«

Von dem Tag an durfte der Name Cyril nicht mehr genannt werden. Sigulf adoptierte den kleinen Konstantin, denn er wollte, dass der Name Falkenstein erhalten blieb.

Sigulf von Falkenstein hatte sich nie von diesem Schicksalsschlag erholt.

Kaum ein Jahr später starb er.

In seinem Testament hatte er verfügt, wenn Cyril keine Erben hinterließ, dann sollte Konstantin Erbe von Falkenstein werden.

Damals hatte sie mit Bitterkeit im Herzen diesen Satz gelesen. Bis zum Schluss hatte er also doch Cyril als rechtmäßigen Erben angesehen!

Zwanzig Jahre waren seither vergangen. Bis jetzt hatte sich noch keiner bei ihr gemeldet. Und sie sagte sich, das Schicksal ist noch gerecht. Für das, was mein Kind durch den Mörder erlitten hat, ist es recht und billig, dass er alles bekommt. Denn nur wenn er auf Falkenstein leben kann, auch nach meinem Tod, nur dann werden sie ihn achten. Wovon sollte er denn sonst leben?

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2

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Konstantin war durch den Garten geschritten und dann im Hochwald verschwunden. Es war einer seiner Lieblingswege. Jetzt im Herbst sah es besonders hübsch von hier oben aus. Er hatte eine Lichtung, von der man einen unendlich weiten Blick über die Bergketten hatte. Und jetzt sah Konstantin, wie schon der Nebel langsam aufstieg. Darüber stand noch immer die Sonne und färbte die Blätter rotgolden. Eine unwirkliche Landschaft. Ihm war, als würde für einen Augenblick die Welt stillstehen. Er stand da und regte sich nicht.

Konstantins Augen brannten vom vielen Schauen und sein Herz war tot und leer. Er war wieder einmal in die Berge gestiegen, weil er es unten nicht aushielt. Hätten sie sich noch im Altertum befunden, dann wäre er bestimmt als Einsiedler ganz verschwunden.

Er brauchte oft seine ganzen Kräfte, um nicht aufschreien zu müssen. Mit welch wilder Sehnsucht verlangte er nach einem Menschen, dem er gut sein konnte. Er war doch auch nur ein Geschöpf auf Erden wie alle anderen. Sein Herz starb ihm fast ab, wenn er oben am Fenster stand, durch das Gittertor auf den weiten Weg blickte und dort junge glückliche Menschen sah. Seine Seele brannte dann lichterloh und dann kamen die wilden Augenblicke, so wie jetzt, wo er sich wie ein waidwundes Tier verkroch und Trost in der Einsamkeit und Schönheit der Natur suchte.

Er war so sensibel, so leicht verletzlich. Die Mutter ahnte ja nicht, welch ein Aufruhr in seiner Seele war. Sie glaubte ihn still und gleichgültig. Ja, einmal hatte sie sogar behauptet, er sei vielleicht nicht ganz normal, weil er sich nichts aus dem Leben mache, sich ständig zurückzöge. Aber was blieb ihm denn anderes übrig? Was denn?

Und dabei sah er noch nicht mal hässlich aus, wenn das mit der Schulter nicht wäre. Wenn man ihn von vom betrachtete, dann bemerkte man es noch nicht mal. Er war mittelgroß und schlank wie eine Tanne, hatte nussbraune sanfte Augen und auch braune Haare. Und so vornehm war er im Wesen, so rücksichtsvoll. Aber er hasste sich selbst, weil er halt nur die anderen sah, die Männer aus der Umgebung. Das waren alles gestandene Mannsbilder, groß und bärenstark, Tirolerschlag und mit einem festen Willen, oft grob. Er würde nie so sein. Und darum litt er ja so sehr darunter.

Wenn man jetzt in einer Großstadt lebte, nicht hier in den Bergen, wo jeder jeden kannte, da wäre vielleicht alles gar nicht so schlimm gewesen. Da hätte er vielleicht seine Scham überwinden können.

Manchmal spielte er mit dem Gedanken, von hier fortzugehen. Aber er liebte die Berge seiner Heimat zu sehr, war mit ihnen verwachsen und wusste, dass er woanders noch unglücklicher sein würde, als er es hier schon war.

Hier gab es noch immer die Flucht, hier konnte er sich jederzeit verkriechen.

Konstantin stand an einer Birke und starrte mit brennenden Augen auf die Bergspitzen. Als er zwanzig Jahre alt war, hatte er sich eisern gestählt und war allein auf Klettertouren gegangen. Er wollte selbst seinen Mut erproben. Als die Mutter davon erfuhr, war sie ganz entsetzt gewesen. Aber er hatte niemanden bei sich haben wollen.

Nie hatte er einen Freund gehabt, nie war er mit anderen zur Schule gegangen. Die Mutter hatte ihn verhätschelt und behütet. Jetzt hatte sie das Ergebnis und begriff nicht, warum er sich so sehr gegen alles auflehnte.

Und dann schmerzte es ihn, dass er der Erbe sein sollte. Irgendwie fühlte er, würde er jemanden betrügen. Cyril hatte sich nie mehr gemeldet. Viele Jahre hatte er verzweifelt darauf gewartet. Er konnte sich nur dunkel an ihn erinnern.

Die Mutter sagte, er sei es dem Namen schuldig, eines Tages zu heiraten und Kinder zu bekommen, Sigulfs letzten Wunsch somit zu erfüllen.

In diesem Augenblick lächelte er gequält auf. Die Sonne war verschwunden und er musste sich an den Abstieg machen, sonst würde sich die Mutter noch ängstigen.

Jetzt um diese Zeit hatte er die Berge wieder für sich. Die Urlauber waren alle abgereist. Sie würden erst wieder zum Winter kommen. Dann würden die Hänge voll sein von Leben und Lachen.

Er schritt schnell aus und war bald wieder unten. Durch eine kleine Pforte durchquerte er den Rosengarten. Er war so lieblich und oft setzte er sich auf die kleine Steinbank nahe dem Springbrunnen. Dieser wurde von einer natürlichen Quelle aus den Bergen gespeist. Hier konnte er oft stundenlang sitzen und träumen. In seinen Romanen sagte er all das, brachte er all seine Sehnsüchte.

Er umging den Ostflügel, sah ein paar Kranke oben am Fenster stehen und ging weiter. Der Wohnflügel lag so geschickt, dass man von dem Sanatorium nichts mitbekam. Man konnte wirklich das Gefühl haben, hier oben ganz allein zu leben. Innen waren sie zwar durch eine Tür miteinander verbunden, schon wegen der Mahlzeiten, die zu ihnen getragen wurden. Dabei hätten sie sich sogar eine Köchin leisten können. Seit sie den Hauptflügel vermietet hatten, besaßen sie sehr viel Geld. Noch immer gehörte ihnen eine ganze Menge Land, Wald und Almen. Hin und wieder war man zu ihnen gekommen und man wollte Land abkaufen.

Obwohl Leonore sich als Erbin betrachten konnte, scheute sie doch davor zurück. Außerdem wollte sie die anderen Menschen nicht so nah bei sich haben. Abstand wahren, allein bleiben!

Sie stand unten in der Halle mit der Ritterrüstung und wartete auf ihn.

»Du bist sehr lange fortgewesen, Konstantin.«

Er lächelte müde.

»Es tut mir leid, ich werde mich rasch umziehen und dann können wir essen.«

»Bleib so, wie du bist, Konstantin.«

Er verbeugte sich leicht vor der Mutter.

Hier lebten sie noch wie zu alten Zeiten, als man noch den Handkuss kannte. Konstantin war so aufgewachsen und kannte nichts anderes.

Wenig später saßen sie im Esszimmer und speisten, allein und verloren. Er hatte keinen allzu großen Appetit. Und das war auch schon fast so etwas wie eine Sünde. Die Tiroler speisten gern und viel. Daher waren sie ja auch so kraftstrotzend. Er konnte sich noch an Cyril erinnern, er war groß und breit gewesen. Ja, er hätte sich als Herr wohl gefühlt. Warum er das wohl damals getan hat, dachte er immer wieder. Es lag überhaupt kein Grund vor. Nicht die Spur, warum war er nur so eifersüchtig! Wenn er noch der jüngere Sohn gewesen wäre, dann hätte man das alles verstehen können. Aber so! Man konnte sich noch so sehr den Kopf zerbrechen, man würde doch nie die Wahrheit erfahren.

Sigulf von Falkenstein hatte ihm verboten, je wieder nach Tirol zu kommen. Aber der Vater war schon so lange tot und im Dorf kannte man nicht die Wahrheit, man hatte von einem Unglück gesprochen. Bei der Reinigung der Waffe sei ein Schuss losgegangen. Und das mit Konstantin wäre schon immer so gewesen. Er sei ein kränklicher Bursche. Damals hatte man ihn im Dorf nur immer in der Kutsche gesehen und so hatte man es geglaubt. Zwar hatten sich viele gewundert, warum Cyril so plötzlich verschwunden war und man sprach auch wohl darüber, als er nie mehr auftauchte. Aber dann sagten sie sich, die Herrschaften da oben haben komische Sitten. Nun ja, wenn der Erbe es vorzieht, in der Welt herumzugondeln, mag er es halt tun. Aber schade um das Erbe.

Wäre Konstantin ein Mädchen gewesen, so hätten sich gewiss genug Freier eingestellt, um zu werben. Schließlich war der Besitz der Falkensteins sehr groß. Denn das wussten die Dörfler mittlerweile, dass der Sohn Leonores alles erben sollte.

Manchmal sprachen sie auch über den armen Krüppel, wie sie ihn nannten. Ob er sich mal eine Frau holte? Aber woher denn? Vornehme Häuser gab es nicht mehr so viel wie damals vor dem

Krieg. Viele waren verarmt oder ausgestorben. Und ein einfaches Mädchen würde sich bestimmt dort oben nicht wohl fühlen.

Sie nannten ihn komisch, weil er sich dort oben vergrub. Wirklich, manchmal kamen Augenblicke, wo man die Falkensteins ganz vergaß. Nur wenn Fremde kamen und sich nach dem Schlösschen erkundigten, dann wusste man alte Geschichten zu erzählen. Vieles war dann auch wohl erfunden. Die Fremden hörten das so gem. Man sah sie oft auf der Dorfstraße stehen, wie sie da hinaufstarrten und die Fenster zählten und hofften, mal jemanden von dort zu Gesicht zu bekommen.

Die Urlauber wanderten auch oft die Straße hinauf. Aber dann erblickten sie nur eine hohe Mauer und das Tor. Aber das war auch meistens geschlossen. Sie sahen die grünen weiten Rasenflächen, die uralten Tannen und ein Frösteln ging über ihren Rücken. Alles lag wie ausgestorben da.

Nur die andere Ausfahrt war belebter, die man für die Kranken gebaut hatte. Auch der Park war geteilt worden. Leonore hatte es von Anfang an zur Bedingung gemacht. Sie wollte nicht gestört werden.

Soviel Platz und so vornehm und dann nur für zwei Personen, sagten die Dörfler sich oft. Das ist doch die reinste Verschwendung. Kinder müssten sich doch hier oben wohl fühlen. Hier hatten sie genug Auslauf und konnten sich austoben.

Nach dem Abendbrot erhob sich Konstantin.

»Ich habe noch zu arbeiten«, sagte er leise.

Leonore blickte ihm nach.

Einsamkeit war ihr Los! Und es würde wohl so bleiben, bis man sie auf den Gottesacker trug.

Konstantin ging durch die langen Flure und betrat dann seine Bibliothek. Daneben waren sein kleines Wohnzimmer, Schlafzimmer und Bad.

Einmal hatte er das Haus ihres Pächters betreten. Er war verblüfft über die niedrige Decke gewesen und dass fast alles aus Holz war. Obwohl die Räume klein und einfach eingerichtet waren, hatte er sich sehr wohl darin gefühlt. In so einem Haus wie dem seinen musste man ja unglücklich sein und frieren. Hier konnte man nur glücklich leben, wenn man ein hebendes Wesen an seiner Seite wusste. Dann würde es Spaß machen, Geld auszugeben, sie glücklich zu machen.

Aber so!

Er zündete sich seine Pfeife an und stellte sich an das hohe Fenster. Es reichte bis auf den Boden und war eine Seltenheit. Hier in Tirol waren die Fenster meistens klein und die Dächer tiefhängend wegen der vielen Schneemassen jeden Winter.

Aber der erste Erbauer des Schlösschens hatte wirklich einen geschickten Platz gewählt. Im Rücken waren die hohen Berge, diese schützten davor, dass eine Lawine runterging. Sie lagen so windgeschützt und von Sonne durchtränkt, dass hier oben schon die Rosen blühten, wenn unten noch alles eine weiße Schneedecke trug.

Draußen sah man jetzt nichts mehr von der Lieblichkeit, es war stockdunkel. Wie kleine Glitzersterne schauten die hellerleuchteten Fenster zu ihm herauf.

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Klar und hell stieg die Sonne über die Berge. Lange würde es nicht mehr dauern, dann waren die kurzen Herbsttage vorbei und Kälte würde durch das Tal fegen.

Es war so gegen neun Uhr, als der Zug schnaufend auf dem kleinen Bahnsteig hielt. Um diese Zeit stiegen nicht viele Menschen aus. Und die ausstiegen, liefen sofort weiter, denn sie alle hatten es ziemlich eilig.

Unter ihnen war ein junges Mädchen. Es stand unschlüssig da, hielt einen kleinen Koffer an sich gepresst und blickte etwas scheu nach allen Seiten.

Der Bahnhof hatte sich bis auf den Stationsvorsteher geleert. Dieser drehte sich nun um und betrachtete das junge Mädchen in dem schlichten Kostüm.

»Grüß Gott, kann ich vielleicht helfen?«

Die großen Augen weiteten sich unmerklich, dann huschte ein schwaches Lächeln über die weichen Züge. Na, dachte der Mann, irgendwie ist mir, als hätte ich das Gesicht schon mal gesehen.

»Ich suche jemanden«, sagte sie mit einem Akzent.

Er runzelte die Stirn.

»Italien?«, fragte er dann.

Sie nickte freudig. »Ja, aber ich spreche Deutsch, vielleicht nicht sehr gut.« Wieder zeigte sie das schwache, um Verzeihung bittende Lächeln.

»Komisch, sonst kommen die Urlauber alle aus Deutschland, Holland und den Nordländern. Aber Italien! Wo soll es denn hingehen? «

»Ich suche jemanden.«

»Hat man versprochen, Sie abzuholen? «

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, ich habe eine Adresse. Können Sie mir vielleicht sagen, wo die Familie wohnt?«

Hastig kramte sie aus dem Handtäschchen einen zerknitterten Zettel hervor. Der Stationsvorsteher nahm ihn, setzte die Brille auf und las dann »Leonore von Falkenstein«.

»Leider weiß ich die Straße nicht«, sagte sie traurig. »Ich hab‘ sie nie erfahren, ich meine, sie war nicht vermerkt.«

»So, zu der Leonore wollen Sie. Nun, wo die wohnt, das kann ich Ihnen sogar zeigen.«

»Ja?«, sagte sie eifrig und dankte ihm abermals mit einem Lächeln.

»Schauen Sie, wenn Sie sich ein wenig umdrehen, dort drüben auf dem Berg zwischen den hohen Tannen, sehen Sie dort was blitzen?«

»Ja!«

»Dort müssen Sie hin. Da wohnt die Leonore von Falkenstein.«

Ihre Augen wurden groß und rund.

»Dort oben?«, sagte sie ehrfurchtsvoll.

»Ja, so ist es. Dort residiert sie. Aber ich hab‘ nicht gewusst, dass sie jetzt auch an Fremde vermietet.«

»Ich soll ihr nur was bringen«, erklärte das Mädchen hastig.

»Der Weg ist ziemlich weit und dann mit dem Köfferchen. Dort drüben steht der Sepp. Er hat gerade die Ware von der Station geholt. Er fährt gleich zum Sanatorium, ich wird‘ ihn fragen, ob er Sie mitnehmen kann.«

Mit großen Schritten lief er davon. Das junge Mädchen musste sich sputen, um an seiner Seite zu bleiben. Sie sah so zierlich und zerbrechlich aus.

Der Sepp war Fuhrunternehmer. Er sah kurz das Mädchen an, nickte und öffnete dann die Tür seines Lastwagens.

»So steigen Sie ein, Fräulein!«

Wenig später rumpelten sie über den Platz und fuhren durch die Dorfstraße. Sie war noch nie hier gewesen und so war sie sehr neugierig und besah sich alles ganz genau.

Sepp war ein gutmütiger Mensch und zu Späßen aufgelegt. Er war noch Junggeselle. Wenn man ihn fragte, wann er denn gedächte, sich eine Ehefrau zuzulegen, dann lachte er nur und meinte frohgemut: »Das hat noch Zeit. Dann hat die Fröhlichkeit ein End. Na, ich bin nicht blöd, ich tob mich erst mal gründlich aus.«

Ein Kostverächter war er auch nicht und mochte die Mädchen recht gem. Auch jetzt schielte er immerzu seine Begleiterin an. Aber merkwürdigerweise hatte sie so etwas an sich, das ihn nicht zu lockeren Reden anregte.

Obwohl sie ziemlich dürftig gekleidet war - man sah genau, dass das Kostüm schon lange seine Dienste tat und auch schon ein paarmal geändert worden war -, so strahlte sie doch etwas wie Würde aus.

»Wollen Sie vielleicht dort droben in der Klinik arbeiten, Fräulein?«

»Vielleicht«, sagte sie ernsthaft. »Wenn sie mich brauchen können. Aber ich hab‘ nicht viel gelernt, wissen Sie!«

Die Straße wand sich um den Berg. Mal sahen sie das kleine Schlösschen und dann verschwand es wieder. Und sie stiegen immer höher.

»Wie schön es hier ist«, sagte sie andächtig. »Wie wunderschön. So schön hab‘ ich mir das gar nicht vorgestellt.«

»So?«

»Ja, ich hab‘ viel von hier gehört, müssen Sie wissen. Ich war aber noch nie hier.«

»Da sind Sie nicht so allein, denn alle Fremden, die zu uns kommen, finden es hier schön. Jetzt lässt es sich hier auch ganz gut leben, aber früher, ich mein vor dem Krieg, da war das so eine Sache. Da hatten wir noch nicht die guten Straßen und waren oft lange von der Außenwelt abgeschlossen. Wenn man dann mal ins Nachbartal wollte, da musste man morgens schon zeitig aus den Federn und dann auf Schusters Rappen. Die Alten sind oft ihr ganzes Leben in diesem Tal gesessen und haben nichts von der übrigen Welt kennen gelernt. Sie waren noch nicht mal nach Innsbruck, das lag für sie genausoweit weg wie Amerika.

Die Berge haben es gut verstanden, uns festzuhalten. Aber jetzt macht es Spaß, hier zu leben. Ich möcht nicht tauschen, so eine laute Stadt, da lieb ich doch mein Häuschen am Hang. Aber Sie Fräulein, wenn S’ da oben arbeiten wollen, da müssen Sie sich aber immer sputen, wenn Sie mal ins Dorf wollen. Ein Autobus fährt nicht, das kann ich Ihnen gleich sagen.

Wieso kann man sich, wenn man so jung und hübsch ist, da oben verkriechen? Im Ort gibt es doch auch Möglichkeiten, der Dorfkrug sucht auch eine Bedienung. Da geht es lustig zu und man ist mitten drin.«

»Ich weiß ja noch gar nicht, ob ich oben bleibe, ob ich etwas finde«, sagte sie kläglich.

Wieder streifte ein Seitenblick ihr kleines Gesicht.

»Also, wenn Sie Hilfe brauchen, wenden Sie sich ruhig an mich. Ich bin der Sepp Fechter. Mich kennen Sie alle. Nix für ungut. Aber so einem netten Dirndl muss man doch unter die Arme greifen. Daheim ist die Arbeit wohl rar, wie?«

»Ja, darum bin ich ja auch fort«, antwortete sie leise.

Sie hatten das Portal erreicht.

»Dort müssen Sie hinein, Fräulein.«

Sie lächelte und bedankte sich noch einmal herzlich.

»Also, vergessen Sie nicht, wenn Sie mal jemanden brauchen, dann wenden Sie sich ruhig an mich.«

»Ich bin ja so froh«, sagte sie dankbar, »gleich einen Freund gefunden zu haben.«

Er winkte ihr fröhlich zu und fuhr dann weiter zum Sanatorium.

Das junge Mädchen stand ein wenig unschlüssig da und wusste nicht, wie sie das schwere Tor öffnen sollte. Dann bemerkte der alte Gärtner sie und kam herangeschlurft. Er war so erstaunt, einen Gast vor dem Tor zu sehen, dass er eine ganze Weile nichts sagte, sie nur anstarrte. Früher, als Susanne von Falkenstein, seine wirkliche Herrin, noch gelebt hatte, da hatte man Feste gefeiert und es war hier immer lustig zugegangen. Selbst war er da auch jünger gewesen und hatte seinen Spaß daran gehabt.

»Bitte schön, ich möcht zur Frau von Falkenstein.«

»Da sind Sie hier schon richtig. Warten Sie, ich öffne das Tor.«

Er brauchte es nur einen Spalt breit zu öffnen und schon schlüpfte sie hindurch.

»Kommen Sie mit, dann will ich Sie mal melden.«

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Leonore und ihr Sohn saßen noch beim Frühstück, als der alte Gärtner durch die Wirtschafterin bestellen ließ, es sei ein Gast eingetroffen, der die gnädige Frau sprechen möchte.

Konstantin hob den Kopf und auch seine Mutter war überrascht.

»Aber das muss ein Irrtum sein«, sagte sie leise. »Wer ist es denn?«

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920185
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Mai)
Schlagworte
heimat-roman sonder-edition zuhause

Autor

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Titel: Heimat-Roman Sonder-Edition - Das neue Zuhause