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TRAIL LEGENDEN Band 2 Matt Devrons Racheschwur

2018 120 Seiten

Leseprobe

TRAIL LEGENDEN

Band 2

Matt Devrons Racheschwur

Ein Western von R.S.Stone

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Hugo Kastner, 2018

Redaktion und Korrektorat Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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RANCHER MATT DEVRON hat Rache geschworen. Derjenige, der seinen Sohn erschossen hat, muss dafür büßen – und das ist kein anderer als Ben Fuller, der Vormann von Nolan Harpers Trailmannschaft. Zwar gelang es ihm, aus dem Gefängnis zu entkommen, bevor Devron und seine Männer ihn lynchen wollten, aber so schnell gibt der hasserfüllte Rancher nicht auf. Als er erfährt, welches Ziel Fuller hat, setzt er sich mit seinen Männern auf dessen Spur. Noch glaubt er leichtes Spiel zu haben, wenn er von Nolan Harper die Auslieferung Fullers fordert. Aber er kennt Nolan Harper und seine Mannschaft nicht. Denn die lassen sich ganz sicher nicht von einem Hitzkopf wie Matt Devron einschüchtern!

Der zweite Teil des spannenden Doppelromans von R.S. Stone. Weitere Romane mit Nolan Harpers Trailmen sind in Vorbereitung.

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1. Kapitel

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ES WAR AM FRÜHEN VORMITTAG, als Matt Devron mit seiner Mannschaft über die leere Main Street von Columbus ritt.  Stolz und gerade saß Devron im Sattel. Sein Haupt war erhoben, und sein Gesicht wirkte wie eine steinerne Maske. Seine Männer ritten stumm in Zweierreihe hinter ihm.

Sheriff Draper sah vom Fenster des Sheriff-Office aus die Truppe ankommen und biss sich hart auf die Unterlippe. Er hatte üble Kopfschmerzen, die von dem Schlag herrührten, den ihn Ben Fuller verabreicht hatte, bevor dieser fliehen konnte.  Aber das machte ihm weniger  Sorgen.

Der alte Deputy Stumpy Gardner reichte Draper eine Tasse mit heißem Kaffee, die der Sheriff wortlos ergriff, ohne seinen Blick vom Fenster zu nehmen. Gardner, der seinen Dienst immer erst in den frühen Morgenstunden antrat, hatte den Sheriff in der Zelle gefunden und ihn aus der misslichen Lage befreit. Der Gefangene war ausgebrochen und das war schlimm. Wie schlimm, das sollten sie in den kommenden Minuten erfahren.

Draußen auf der Main Street zügelte Matt Devron sein Pferd dicht vor dem Sheriff-Office. Die Mannschaft folgte seinem Beispiel.

Mit lauter, dröhnender Stimme rief er: „Draper!“

Der Sheriff trank einen Schluck Kaffee und stellte den Becher dann auf den Fenstersims. Er wandte sich dem alten Deputy zu und sagte gepresst: „Der Tanz geht los, Stumpy.“

„Was wollen Sie tun, Wes?“, fragte der Alte.

Draper zuckte gleichmütig die Schultern. Er richtete sich auf und streckte sich, wobei ihn seine Glieder schmerzten.

„Was kann ich schon großartig tun? Ich werde da rausgehen und sehen, was kommt.“

Draper ging mit langsamen Schritten zu seinem Schreibtisch, öffnete die Schublade und nahm einen zweiten Revolver heraus, den er dort liegen hatte. Er schob ihn hinter seinen Revolvergurt, stieß einen leichten Seufzer aus, öffnete die Tür und trat hinaus auf den Gehsteig.

„Guten Morgen, Matt“, sagte Draper kühl und blickte zu dem Rancher hoch, der wie ein Herrscher im Sattel saß und mit drohenden Augen zum Sheriff hinab schaute.

„Ich will den Mörder meines Sohnes, Draper!“, rief der Rancher mit drohender Stimme dem Sheriff entgegen, ohne auf die Begrüßung zu achten. „Rück ihn raus!“

Draper holte tief Luft. Er sah in die Gesichter der Devron-Männer, die stumm und mit ausdruckslosen Gesichtern in den Sätteln saßen. Einige Pferde schnaubten nervös und Gebissketten klirrten.

Der Sheriff  wandte sich wieder Devron zu.

„Das geht nicht, Matt.“

Die Brauen des Ranchers zogen sich düster zusammen.

„Was willst du damit sagen? Rück den Mann raus, damit wir hier an Ort und Stelle die Sache erledigen können, Draper!“, peitschten die lauten Worte Devrons dem Sheriff entgegen. Draper zuckte leicht zusammen. Ein zentnerschwerer Kloß schien ihm im Hals zu sitzen, und sein Gaumen fühlte sich trocken an. Er hatte Angst vor diesem grausamen Mann, das gestand sich Draper ein. Dennoch wollte er nicht klein beigeben. Die ganze Stadt kuschte vor dem großen Matt Devron. Kein Mensch, abgesehen von Matt Devron, dessen Reitern und dem Sheriff, befand sich zu dieser Stunde auf der Straße.

Doch hinter den Fenstern, da würden sie stehen und im Verborgenen beobachten, was sich dort unten abspielte.

Neben seiner Angst bemächtigte sich ein weiteres Gefühl dem Sheriff; das Gefühl von Abscheu – Abscheu vor der gnadenlosen Feigheit einer ganzen Stadt. Und da nahm er sich selbst nicht aus.

„Und ich sage es dir nochmals, Matt: es geht nicht. Der Gefangene ist nicht mehr da!“

Für einen kurzen Augenblick verharrte Devron bewegungslos im Sattel. Seine harten Augen stierten den Sheriff ungläubig an. Dann tat Matt Devron etwas Seltsames. Er schüttelte leicht den Kopf und glitt aus dem Sattel. Wortlos reichte er die Zügel seines Pferdes dem nebenstehenden Reiter. Mit schweren Schritten kam Devron auf Draper zu. Er stieß den Sheriff mit einer Handbewegung zur Seite und ging ins Office. Draper hörte ihn drinnen wild auf Stumpy einfluchen. Nach einer Weile kam Devron wieder aus dem Office. Sein Gesicht war vor Wut verzerrt und seine Augen glühten, als er sie auf den Sheriff richtete.

„Wo ist er hin, Draper? Wo ist der Mörder meines Sohnes hin? Rede, verdammt: Wo habt ihr das Schwein versteckt?“ Die letzten Worte schrie er Draper ins Gesicht.

Der Sheriff schluckte hart. Obwohl die Angst vor diesem jähzornigen Mann immerfort zunahm, schob Draper trotzig das Kinn vor. Er wollte nicht mehr vor Matt Devron kuschen. Und so sagte er: „Er hat mich in der Nacht überwältigt, Matt. Irgendwo hatte der Bursche einen Colt versteckt und mich von seiner Zelle aus damit bedroht. Er schlug mich nieder und konnte fliehen, Matt.“

Um Matt Devrons Lippen begann es zu zucken. Seine Rechte schoss vor und traf den unvorbereiteten Sheriff ins Gesicht. Drapers Kopf wurde nach hinten gerissen und knallte gegen den Stützpfeiler des Vorbaudaches. Der Sheriff sackte benommen zu Boden. Breitbeinig stellte sich Devron vor den Gesetzeshüter, der am Boden kauerte und seine Hand vor das blutige Gesicht hielt.

„Du hast ihn laufen lassen!“, schrie der jähzornige Rancher auf den Sheriff herab. „Das hast du mit Absicht getan, du Schwein!“

Mühsam und keuchend kam der Sheriff wieder auf die Beine.  Er machte einen taumelnden Schritt auf Devron zu und sagte gepresst: „Nein, ich habe ihn nicht absichtlich laufen lassen, Matt Devron. Aber vielleicht hätte ich es getan. In meinen Augen ist dieser Cowboy unschuldig. Rod hat im Saloon einen Streit angefangen und zuerst zur Kanone gegriffen. Oh, sicherlich wird dir jeder, der im Saloon war, etwas anderes sagen, Matt. Denn sie haben ja alle eine Höllenangst vor dir. Aber die Wahrheit werde ich dir jetzt ins Gesicht schreien, ob sie dir schmeckt oder nicht: Rod hat zur Kanone gegriffen, nachdem dieser Cowboy ihn höllisch verprügelt hat. Er wollte dem Burschen in den Rücken schießen. Aber der Cowboy kam deinem Sohn zuvor und hat ihn auf die Bretter geschickt. So, Matt Devron. Das ist die nackte Wahrheit, der auch du dich nicht entziehen kannst.  Schluck sie!“

Die letzten Worte schrie der Sheriff Matt Devron mit wutverzerrtem Ausdruck entgegen. Devrons Miene wurde zu einer starren, ausdruckslosen Maske. Nur in seinen Augen loderte das Feuer einer unbarmherzigen Wut.

„Ich sollte dich dafür niederschießen wie einen tollen Hund, Wes Draper. Vielleicht werde ich das auch noch tun – zu einem späteren Zeitpunkt. Vorerst aber werde ich diesen Cowboy jagen. Und ich werde ihn finden. Er hat meinen Sohn getötet. Und dafür wird er bezahlen. Wir werden ihn hierher in die Stadt bringen und ihn mitten auf der Main Street aufknüpfen. Kein Mensch wagt es, Matt Devron etwas wegzunehmen.“

Matt Devron sandte seine Blicke zu den umherstehenden Häusern der Stadt. Er wusste haargenau, dass jeder Bürger hinter den Vorhängen der Fenster stand und auf die Main Street blickte. Er wiederholte dabei seine letzten Worte so laut, dass jeder im näheren Umkreis sie hören konnte: „Niemand wagt es, Matt Devron ungestraft etwas wegzunehmen.“

Dann ging er zu seinem Pferd und wollte sich in den Sattel ziehen, als die Stimme des Sheriffs ertönte:

„Du wirst keine Menschenjagd veranstalten, Matt Devron. Noch bin ich der Sheriff hier, und es ist meine Aufgabe, mich um die Angelegenheit zu kümmern. Du bist nicht das Gesetz, Matt Devron.“

Devron drehte zu Draper um. Der Sheriff stand breitbeinig und mit entschlossener Miene vor dem Gehsteig. Seine Rechte lag unmittelbar vor dem Griff seines Revolvers. 

„Du Wurm wagst es, mich aufzuhalten? Scher dich in dein Büro, Draper und danke dem Herrn, dass ich dir heute das Leben gelassen habe.“

Mit diesen Worten ließ Devron den Sheriff einfach stehen, wandte sich zu seinem Pferd und schob seinen linken Fuß in den Steigbügel.

„Matt!“

Devron verhielt mitten in seiner Bewegung. Draper machte einen Schritt auf den Rancher zu und umfasste den Revolvergriff. Dabei zog er den Abzugshahn nach hinten. Im gleichen Augenblick hob seine Rechte die Waffe aus dem Halfter.

Der Sheriff bewies in diesem Augenblick erstaunlichen Mut. Er war entschlossen, sich gegen den mächtigen Matt Devron zu stellen.

Aber für einen Mann, der von Gicht und Rheuma geplagt war, hatte er die falsche Entscheidung getroffen.

Matt Devron wirbelte herum, riss seinen Colt aus dem Leder und feuerte während der Drehung zwei Schüsse auf Wes Draper ab, noch bevor der Sheriff seine Waffe gezogen hatte. Die Geschosse donnerten in Drapers Brust und Schulter. Der Sheriff wurde nach hinten gerissen. Sein Revolver wirbelte in hohem Bogen durch die Luft und blieb auf der staubigen Main-Street liegen, während Sheriff Wes Drapers schwerer Körper auf die schmutzigen Bretter des Gehsteigs krachte. Die Bohlen ächzten unter dem Aufprall.

„Verdammter, alter Narr!“, zischte der Rancher und sah mitleidlos auf den schwer verletzten Sheriff herab. Mit einer schnellen Bewegung ließ Devron den noch rauchenden Revolver zurück ins Leder gleiten und schwang sich auf sein Pferd. Mit einem harten Schenkeldruck riss er das Tier herum und brüllte: „Slim Wales!“

Der Angesprochene lenkte sein Tier neben seinen Boss.

„Du hast doch gehört, dass dieser verdammte Mörder meines Sohnes etwas von einer Herde gefaselt hat, richtig?“

Wales nickte. In seinem Gesicht zeichnete sich deutlich die bläuliche Verfärbung des Fausthiebes ab, den ihm Devron auf der Veranda seiner Ranch verpasst hatte.

„Yeah, Mister Devron. Habe gehört, dass dieser Cowboy zu der großen Herde stoßen wollte, die nach Norden zieht.“

Devron drehte sich im Sattel nach seinen Männern um und brüllte: „Vorwärts, Männer! Holen wir uns diesen heimtückischen Mörder!“

Er trieb die Sporen heftig in die Flanken seines Tieres und preschte in wildem Galopp aus der Stadt.

Die Schar seiner Männer folgte ihm.

Zurück blieb der alte Stumpy, der sich fassungslos über den leise stöhnenden Sheriff beugte und mit geröteten, feuchten Augen der davon preschenden Reiterschar nachblickte.

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2. Kapitel

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MR. HARPER! MR. HARPER! Sie ist weg!“

Dieser Ausruf von Mushy Mushgrove, dem Kochgehilfen, genügte, um das ganze Lager in Aufruhr zu versetzen. Die Männer wälzten sich fluchend aus ihren Decken. Nolan Harper rieb sich den Schlaf aus den Augen und fuhr sich übers unrasierte Gesicht, während er verdutzt zu Mushy hochblickte.

„Was, zum Teufel, soll das heißen: sie ist weg?“, brummte der Trailboss missgestimmt.

„Miss Monroe, Sir. Sie ist nicht im Wagen, Mr. Harper. Die Decke ist unberührt. Sie war die ganze Nacht nicht dort“, antwortete Mushy aufgeregt.

Harpers Antwort war ein grober Fluch. Er warf die Decke zur Seite und erhob sich. Im gleichen Augenblick taumelte Hey Soos ins Lager. Er hielt sich die linke Kopfseite. Dabei rief er: „Eines der Pferde ist fort, Boss.“

„Verdammt, Hey Soos, was ist passiert?“

Der junge Mexikaner setzte sich auf einen Stein, wobei er immer noch seine Hand gegen die linke Kopfhälfte presste. Blut sickerte durch die Fingerspalten hindurch. Die Männer waren mittlerweile alle auf den Beinen. Harper rückte seinen Revolvergurt zurecht und wandte sich Hey Soos zu, der mit Leidensmiene zum Trailboss hinaufblickte und sagte: „Senor Boss, jemand hat mir von hinten eins über den Schädel gezogen. Ich wurde ohnmächtig. Als ich wieder aufgewacht bin, sah ich, dass eines der Pferde losgemacht worden war und nun verschwunden ist.“

„Ein Pferd? Hast du jemanden erkannt, Hey Soos?“

Der junge Mexikaner zuckte bedauernd mit den Schultern und schüttelte den Kopf.

„Ich spürte nur den einen Schlag, Senor Harper, und dann war es auch schon dunkel.“

Harper runzelte die Stirn. Eine düstere Vorahnung beschlich ihn. Er fragte Dryboone: „Wann hast du Miss Monroe das letzte Mal gesehen, W.W.?“

Die schmächtigen Schultern des kauzigen Trailkochs hoben und senkten sich.

„Es ist möglich, dass die junge Lady noch ein Bad nehmen wollte, Mr. Harper. Da drüben ist ja der kleine See und...“

„Was, ein Bad?“, stieß Harper hervor und sah Dryboone ungläubig an. „Mitten in der Nacht?“

„Warum denn nicht, Mr. Harper? In der Nacht ist sie ja ungestört, und kein Mensch würde sie belästigen können.“

Dryboones Argumente wollten für den Trailboss keinen rechten Sinn ergeben, und doch...

Das Mädchen war verschwunden, Hey Soos wurde niedergeschlagen und eines der Pferde fehlte.

Ein Pferd...

Der kleine See, von dem Dryboone sprach, lag keine hundert Yards von der Lagerstelle entfernt. Er war eingebettet von zahlreichen Felsen und Baumgruppen, und genau dort fanden Nolan Harper und Pete Nelson frische Pferdespuren.

Offensichtlich lag Dryboone mit seiner Vermutung, dass Rachel Monroe in der Nacht ein Bad genommen hatte, nicht daneben. Dabei musste das Mädchen von einem fremden Reiter beobachtet worden sein, was die Pferdespuren erklärte. Harper stocherte nachdenklich mit einem abgebrochenen Zweig im weichen Boden und sah dabei auf einen Hufabdruck.

„Denkst du dasselbe wie ich, Pete?“, fragte er den Scout.

Pete Nelson rieb sich das stoppelige Kinn und nickte. „Ich fürchte schon, Mr. Harper.“

„Jemand hat dem Mädchen hier aufgelauert. Und ich kann mir verdammt noch mal denken, wer dieser jemand war. Schätze, dass es Curly Logan war. Anscheinend ist der Bursche nicht verschwunden, sondern hat sich die ganze Zeit über immer in unserer Nähe aufgehalten.“

„Genau das denke ich auch, Boss“, sagte Nelson. „Er muss dabei die ganze Zeit über das Mädel im Kopf gehabt haben und hat nur auf eine passende Gelegenheit gewartet, sie alleine anzutreffen. Zu dumm, Mr. Harper – ich habe nicht darauf geachtet, dass uns jemand gefolgt sein könnte.“

„Damit konnte auch keiner rechnen, Pete“, antwortete der Trailboss und warf den kleinen abgebrochenen Zweig ins Wasser. „Obgleich mir schon länger aufgefallen war, dass Logan ein Auge auf das Mädchen hatte.“

„Schätze, er hat das Mädchen hier am Wasser überwältigt und sie möglicherweise niedergeschlagen oder geknebelt, damit sie keinen Alarm schlagen konnte. Er wird dann zur Remuda geschlichen sein, Hey Soos überrascht und niedergeschlagen haben, um ein zweites Pferd für das Mädchen zu stehlen. Auf einem Gaul alleine mit zwei Personen wäre er nicht weit gekommen, zumal er damit rechnen muss, dass wir die Verfolgung aufnehmen.“

„Und genau das werden wir tun, Pete“, brummte Harper und fügte hinzu: „Und das sehr schnell, denn dieser Logan ist ein übler Bursche. Ich weiß nicht, was er dem Mädchen antun könnte. Aber ich kann mir verdammt lebhaft vorstellen, dass es sicher nicht angenehm für sie sein würde. Pete, nimm dir Scarlett und Forrester und folge den Spuren. Aber sei vorsichtig. Dieser Logan ist ein höllisch übler Bursche. Ich würde am liebsten selbst mitkommen, aber ich muss mich um die Herde kümmern.“

Nelson nickte. Er wusste, dass der Trailboss innerlich darauf brannte, die Verfolgung selbst aufzunehmen. Aber da Ben Fuller fehlte, der die Aufgaben des Vormannes übernommen hätte, musste Nolan Harper auch diese Rolle mit übernehmen, die sonst Pete Nelson zugedacht war. Pete Nelson war zwar in erster Linie als Scout eingesetzt, rutschte aber durch das Fehlen des Vormannes automatisch auf dessen Position nach. Es war eine Sache, die stillschweigend abgemacht war und als selbstverständlich galt, ohne dass jemals großartig darüber gesprochen worden war.

Etwa fünf Minuten später saßen Pete Nelson, Joe Scarlett und Clay Forrester in den Sätteln. Sie hatten ihre Waffen überprüft und vollständig aufmunitioniert.

In ihren Gesichtern war deutlich zu erkennen, dass sie diese auch bedenkenlos gebrauchen würden.

Keiner hatte eine gute Meinung von Curly Logan. Die Tatsache, dass dieser Bursche ein Mädchen entführt hatte, verschlimmerte die Sache nur noch. In jenen Tagen zählte ein solches Vergehen zu den unwürdigsten, die ein Mann begehen konnte – erst recht in Gegenden, in denen ohnehin die Anzahl weiblicher Wesen recht dünn gesät war.

Pete Nelson lenkte sein Pferd dicht neben Nolan Harper, schob den Hut aus der Stirn und fragte:

„Wie weit dürfen wir gehen, Boss?“

Im Grunde genommen war es eine überflüssige Frage, denn Pete Nelson kannte schon die Antwort. Aber er wollte sie aus dem Mund des Trailbosses hören.

Und Harper sagte nur: „Kommt wieder heil zurück – mit dem Mädchen.“

Dieser eine Satz sagte alles aus, und der Trailscout nickte und brummte zufrieden. Er versetzte seinem Pferd einen leichten Schenkeldruck und setzte sich an die Spitze. Scarlett und Forrester folgten ihm stumm.

Der Trailboss blickte ihnen düster nach.

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BEN FULLER WAR SEIT seiner Flucht aus dem Gefängnis von Columbus hart und schnell geritten. Er wusste haargenau, dass ihm bald ein Rudel wilder Burschen auf den Fersen sitzen würde, dessen Anführer sein Blut sehen wollte.

Ben kannte Männer vom Schlag eines Matt Devron nur zur Genüge, um zu wissen, dass diese niemals aufgaben, bis sie ihr Ziel erreichten. Er musste also so schnell wie möglich einen großen Vorsprung schaffen, in der Hoffnung, Nolan Harper und dessen Mannschaft zu erreichen.

Immer wieder schlug er Haken, um dadurch seine Verfolger zu irritieren. Er gönnte sich nur kurze Pausen, schlief meistens bei Tage und ritt in der Nacht.

Und so hatte Ben sein Tier immer wieder zu Höchstleistungen angetrieben, bis es völlig erschöpft war und nicht mehr weiter konnte.

In einer Nacht war er auf eine abgelegene Ranch gestoßen, auf deren Koppel einige Pferde weideten. Im Schutze der Dunkelheit tauschte Ben sein erschöpftes Pferd gegen ein frisches aus, ohne allerdings den Besitzer um Erlaubnis zu fragen, denn das war ihm zu riskant. Er wollte und durfte nicht gesehen werden. In der Situation, in der sich Ben befand, war es ratsam, sich jeglichen Menschen fern zu halten. In Columbus genoss Matt Devron eine uneingeschränkte Machtstellung. Jedermann kroch ihm zu Kreuze. Und Ben war davon überzeugt, dass sich das auf das gesamte Umland bezog.

Auch in dieser Nacht ritt er ohne Pause. Erst als sich am fernen Horizont die Dämmerung zeigte, ließ er sein geborgtes Pferd die Gangart selbst bestimmen. Es war ein Apfelschimmel, kräftig gebaut und ausdauernd.

Er erreichte einen kleinen Creek, glitt aus dem Sattel und führte das Pferd an den Zügeln zum Wasser. Er ließ das Tier saufen und füllte seine Feldflasche. Nachdem auch Ben seinen Durst gestillt hatte, drehte er sich aus den letzten Krümeln seines Tabaks eine dünne Zigarette. Während er rauchte, durchpflügten seine unruhigen Blicke das Umland.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Baches erstreckte sich ein weites, ebenes Land mit braunem Salbeigras, das eingebettet in langgezogenen Hügelketten lag, die von dornigem Gestrüpp unterbrochen wurden. Von seinem Standpunkt aus lag der Colorado River nur noch wenige Meilen weit entfernt in nördlicher Richtung.

Wo mag sich jetzt wohl die Herde nach Montana aufhalten?, fragte sich Ben. Hatte sie etwa den Colorado bereits erreicht oder gar schon überquert?

Wenn ein Mann wie Ben Fuller auf vielen Rindertrails gewesen war, und zudem auch das Land kannte, dann konnte er sich in etwa die Strecke ausrechnen, die eine Herde zurücklegen würde. Ben wusste, zu welchem Zeitpunkt die Rinder San Antonio verlassen hatten und wo sie jetzt sein mussten. Zudem kannte er schließlich auch den Trailboss Nolan Harper zur Genüge, und auch das Tempo, in dem Harper die Mannschaft und auch die Tiere antrieb.

Natürlich war dies alles nur ziemlich vage, denn unvorhergesehene Zwischenfälle verzögerten das Treiben. Und es würde keinen Viehtrieb geben, bei dem es nicht zu unvorhergesehenen Zwischenfällen kam. Dessen war sich Ben Fuller völlig im Klaren. Und so konnte er nur hoffen, dass seine angestellten Vermutungen und Berechnungen in etwa stimmen würden, um ihn recht bald auf die Herde stoßen zu lassen.

Ben zog noch einmal kräftig an der Zigarette, dann schnippte er sie in den Bach. Er nahm die Zügel auf und glitt mit einer geschmeidigen Bewegung in den Sattel des Apfelschimmels. Er spähte noch einmal nach hinten, in der Befürchtung, dass sich in der drohenden Staubwolke mehrere Reiter abzeichnen würde.

Doch Matt Devron und seine Mannschaft waren nicht zu sehen – vorerst!

Ben atmete erleichtert aus und führte das Pferd durch den kleinen Creek, dessen Wasser dem Tier gerade mal die Fesseln bedeckte.

Etwa eine halbe Meile weiter entdeckte Ben eine kleine Staubwolke, die sich aus nördlicher Richtung direkt auf ihn zubewegte. Sein Herz hämmerte plötzlich wild und ihm stockte der Atem. Instinktiv griff er nach seinem Gewehr im Sattelschuh, zog die Hand aber sofort erleichtert wieder zurück, als er sah, dass sich nur zwei Reiter näherten, die sich in schnellem Galopp voranbewegten. Sie schienen es allen Anschein nach ziemlich eilig zu haben.

Matt Devron hätte sich schwerlich nicht damit begnügt, zu zweit auf Ben Fuller Jagd zu machen. Also konnte man diesen ausklammern. Dennoch lenkte Ben seinen Apfelschimmel nach rechts auf eine dichte Baum- und Felsengruppe zu. Er führte das Tier zwischen einigen Bäumen hindurch und spähte dann hinter dichtem Geäst hervor in die Richtung der nahenden Reiter. Ihm lag nichts daran, von Menschen gesehen zu werden. Daher beschloss er, die beiden Reiter an sich vorbeizulassen, ohne, dass sie ihn durch die Bäume hindurch sehen konnten, um dann seinen Weg fortzusetzen.

Die beiden waren jetzt nahe genug heran, dass Ben ihre Gesichter erkennen konnte. Zu seiner Überraschung bemerkte er, dass einer der beiden Reiter eine Frau war. Und die sah alles andere als glücklich aus. Sie ritt mit einem verzerrten Gesichtsausdruck dem anderen voran.

Ben wurde jetzt schlagartig klar, weshalb die Pferde in schnellem Galopp über den Boden rasten – die Frau schien vor dem Hintermann davonzureiten. Jetzt sah Ben, dass ihre Handgelenke am Sattelhorn festgebunden waren. Der Hintermann - ein riesenhaft wirkender Hombre - schrie etwas, was Ben nicht verstehen konnte.

Die Frau reagierte nicht darauf. Sie trieb ihr Pferd zu einem noch schnelleren Tempo an, da sich der Abstand zum Hintermann mehr und mehr verringerte. Sie war eine erstaunlich gute Reiterin, denn trotz der gefesselten Hände hielt sie sich sehr gut ausbalanciert im Sattel.

Doch da geschah es!

Ihr Pferd stolperte plötzlich, geriet ins Straucheln und stürzte mit einem schrillen Wiehern. Wäre die Frau nicht am Sattelhorn gefesselt gewesen, so hätte der Sturz sie in hohem Bogen aus dem Sattel katapultiert. So aber stürzte sie mitsamt dem schrill wieherndem Tier auf den Boden. Staub wirbelte auf und verdeckte Ben teilweise die Sicht. Gerade wollte er auf die Frau zureiten, als die Staubwolke sich verzog und er erkannte, dass der Frau bei diesem halsbrecherischen Sturz nichts passiert war. Das Pferd lag auf der Seite. Irgendwie hatte sie es geschafft, die Füße aus den Steigbügeln zu ziehen und auf dem Tier zum Liegen zu kommen. Für Ben grenzte das an ein Wunder, denn zuerst sah es für ihn so aus, als drohte der schwere Körper des Tieres beim Sturz die Frau unter sich zu begraben.

Mittlerweile war der hochgewachsene Hombre herangekommen, sprang aus dem Sattel und rannte auf die Unglückstelle zu. Statt der Frau zu helfen, schrie er ihr ein paar wüste Beschimpfungen entgegen. Als er dann auch noch die massige Hand zum Schlag gegen sie erhob, war es für Ben Fuller an der Zeit, einzuschreiten. Er hob die Winchester, lud sie durch, ritt aus seiner Deckung zwischen den Bäumen heraus und rief: „Halt, Mister!“

Der Angerufene erstarrte mitten in der Bewegung und stierte dem Fremden entgegen, der so plötzlich und unerwartet aufgetaucht war.

„Sie wollten doch nicht etwa eine wehrlose Lady schlagen, oder?“, rief Ben ihm drohend entgegen. Er hielt dabei den Karabiner auf den Bauch des Riesen gerichtet, der sich nur langsam aus seiner Starre löste und ihn anstarrte. In diesem Augenblick kam es Ben zu Bewusstsein, dass er wieder einmal die Beschützerrolle für eine Frau einnahm, die von einem Mann bedroht wurde. Er erinnerte sich nur allzu deutlich daran, dass es eine ähnliche Situation war, die ihm erst kürzlich eine große Menge an Schwierigkeiten einbrachte. Er verfluchte sich innerlich, dass er ausgerechnet diesen Weg eingeschlagen hatte und dadurch zwangsläufig auf augenscheinlich neue Schwierigkeiten gestoßen war.

Verdammte Ironie des Schicksals, dachte er grimmig, während er sah, dass der große Bursche langsam seine erhobene Hand senkte.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920109
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Mai)
Schlagworte
trail legenden band matt devrons racheschwur

Autor

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Titel: TRAIL LEGENDEN Band 2 Matt Devrons Racheschwur