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Camorra-Rache - Ein Roberto Tardelli Thriller #46

2018 120 Seiten

Leseprobe

Camorra-Rache - Ein Roberto Tardelli Thriller #46

A. F. Morland

Published by Uksak Sonder-Edition, 2018.

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Camorra-Rache

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Ein Roberto Tardelli Thriller #46

von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

COUNTER CRIME, eine geheime Abteilung des US-Justizministeriums, die für die Bekämpfung des organisierten Verbrechens zuständig ist, hatte erfahren, dass ein Machtkampf zwischen der Mafia und der rivalisierenden Verbrecherorganisation Camorra im Gange war. Colonel Myer, Leiter der CC-Dienststelle, schickt Mafiajäger Roberto Tardelli nach Chicago, wo die Fäden des Rohdiamantenschmuggels der Mafia zusammenlaufen. Der CC-Agent soll herausfinden, welche Mafiagruppe hinter dem Schmuggelunternehmen steckt und wohin die Steine verschwinden. Dazu schlüpft Tardelli in die Rolle Marc Leones, eines wichtigen Camorra-Banditen ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Roul Mendozza — Ein Mann der gute Geschäfte machen wellte, aber nur noch achtundvierzig Minuten zu leben hatte.

Angela Bousoni — Gefährlich wie eine schwarze Mamba, doch ihr Gift nützte ihr am Ende nichts mehr.

Enrico Sontavo — Der Mafiaboss, der das große Geschäft machen wollte, aber nicht mit Roberto Tardelli gerechnet hatte.

Serge — Gehörte zur Camorra-Gang und dachte zuletzt nur noch an Rache.

Roberto Tardelli — Der Mann der seinen einsamen Kampf gegen das organisierte Verbrechen unbeirrbar fortsetzt und der niemals aufgibt.

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Als der große Silbervogel der KLM auf der breiten Landebahn des O’Hare Airports ausrollte, hatte einer der Flugpassagiere nur noch achtundvierzig Minuten zu leben. Doch davon ahnte der als Kurier nach Chicago geschickte Mafioso nichts.

„Angenehmen Aufenthalt, Sir.“ Der uniformierte Zollbeamte setzte ein einstudiertes Lächeln auf. Er klappte den grauen unscheinbaren Aktenkoffer zu.

Roul Mendozza, ein hagerer Mann mit angegrauten Schläfen und dem seriösen Aussehen eines Bankiers, ließ die Patentschlösser einrasten und nickte herablassend.

„Danke.“ Er nahm den Koffer auf und schritt auf die Pendeltür zu, über der der Hinweis EXIT leuchtete. Während er die Tür aufdrückte, dachte er befriedigt: Na bitte, das ging ja wie geschmiert ...

Ihm wurde der Doppelsinn des Wortes bewusst. Er grinste. Sollte mich nicht wundern, wenn der Bursche, der eben seine Nase in den Koffer steckte, auf Sontavos Lohnliste steht. Er hatte den abwesenden Blick, der ihm und seiner Familie ein langes Leben ermöglicht.

Mendozza überlegte weiter: Doch selbst dann, wenn er einer von den scharfen Hunden wäre, hätte er die Murmeln garantiert nicht entdeckt. Wie soll er auch darauf kommen, dass sie im Koffergriff eingeschweißt sind.

In dem großen Abfertigungsgebäude des Flughafens herrschte das übliche Gedränge. Mendozza betrat eine der breiten Rolltreppen, die von den Flugsteigen in die sternförmige Halle hinunterführten. Er wirkte ebenso unauffällig wie sein Koffer und konnte zu Recht annehmen, dass ihn niemand beachtete.

In der Halle wimmelte es von Menschen. An den Laufbändern, auf denen sich die größeren Gepäckstücke türmten, herrschte ein lebensgefährliches Gedränge. Dumpfes Stimmengewirr erfüllte die Halle. Aus den Lautsprechern drang eine weibliche Stimme. So monoton wie die eines Automaten. Sie forderte die Reisenden auf, sich zu den abflugbereiten Düsenclippern zu begeben, und nannte Flugnummern und Zielorte.

Während Mendozza auf der Rolltreppe in die Tiefe glitt, betrachtete er mit Kennerblick die reizvolle Rückenansicht einer gut gebauten Blondine. Ihre atemberaubenden Rundungen brachten sein Blut in Wallung.

Er schnalzte mit der Zunge und überlegte, wo er ein knackiges Girl aufreißen und mächtig einen draufmachen konnte, wenn er die geschäftliche Verabredung hinter sich hatte. Vielleicht sollte er mal wieder in Barnie’s Salon aufkreuzen oder im Twenty-Fife. In beiden Amüsierschuppen gab es massenhaft heiße Schwestern, die man abschleppen konnte.

Roul Mendozzas Überlegungen waren überflüssig, denn sein Aufenthalt in Chicago sollte völlig anders ablaufen, als er vermutete ...

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Roberto Tardelli war dem Mann noch nie begegnet, auf den er wartete. Colonel Myer hatte ihm lediglich mehrere Fotos von Mendozza gezeigt. Roberto hatte sich das hagere Gesicht mit der verkniffenen Mundpartie so genau eingeprägt, dass er es hätte zeichnen können.

Er befand sich an einer Stelle der Abfertigungshalle, wo er die vom Flugsteig D nach unten führende Treppe gut übersehen konnte. Doch in der hin und her wogenden Menge ein bestimmtes Gesicht auszumachen, war schwieriger, als er angenommen hatte. Um über das Gewimmel hinwegzublicken, hätte er einen Hals wie eine Giraffe haben müssen.

Ich bin ja nicht gerade ein verkümmerter Wurzelgnom, dachte er seufzend, aber ich habe den Eindruck, ich hätte mir ein Paar Stelzen mitbringen müssen.

Er hatte es kaum zu Ende gedacht, da entdeckte er den Mann, nach dem er Ausschau hielt. Doch im nächsten Moment verlor er ihn wieder aus den Augen. Roberto fluchte leise.

Mendozza hatte die Rolltreppe passiert und tauchte in einem Pulk von Reisenden unter, Teilnehmer einer Tagung mit bunten Plaketten an den Jackenrevers. Es war eine fröhlich lärmende Bande, die offensichtlich während des Fluges ausgiebig einen gezwitschert hatte.

Roberto schob sich durch das Gedränge und reckte den Hals. Dann sah er Mendozza wieder. Ungefähr hundert Meter entfernt wühlte er sich durch die lachende, gestikulierende Meute ... Plötzlich torkelte ein grobschlächtiger Mann gegen ihn. Er schien stinkbesoffen zu sein und sich kaum auf den Beinen halten zu können. Er klammerte sich an Mendozza fest und riss ihn fast um.

Roberto fuhr zusammen, als habe er das Ende eines Stromkabels berührt. Da ist was im Gange, was nach einem hinterlistigen Trick riecht, fuhr es ihm durch den Sinn. Er versuchte, sich zu Mendozza durchzukämpfen. Aber es war, als ob er gegen eine Gummiwand prallte. Er kam keinen Schritt voran.

Da bemerkte er, wie sich ein großer knochiger Kerl aus dem Pulk der Tagungsteilnehmer löste. Wutentbrannt warf er sich auf den Betrunkenen.

„Du Schwein! Leg so viel Weiber aufs Kreuz wie du willst! Aber hör auf, meine Frau zu bumsen!“

Der knochige Kerl packte den anderen am Genick, riss ihn zurück, und donnerte ihm die geballte Rechte ins Gesicht. Der Betrunkene brüllte auf. Er kippte um wie ein gefällter Baum und riss Mendozza dabei zu Boden.

Drei in der Nähe stehende Nonnen kreischten entsetzt. Einige Männer sprangen hinzu. Sie warfen sich dem Rasenden entgegen. Der schlug wild um sich und versuchte, den Widersacher mit Fußtritten zu bearbeiten. Im Nu ballte sich eine dichte Menschentraube zusammen. So sehr Roberto, sich auch abmühte, er konnte nicht zu Mendozza vordringen, der von dem Gewühl verschlungen wurde ...

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Roul Mendozza rappelte sich fluchend auf. Er zwängte sich zwischen zwei dicken Frauen und nachdrängenden Gaffern hindurch. Seine Rechte umklammerte so fest den Griff des Koffers, dass die Gelenkknöchel weiß hervortraten. Da packte ihn plötzlich eine kräftige Hand am linken Oberarm. Eine raue Stimme sagte:

„Keine Panik. Sontavo schickt mich. Ich soll Sie zu ihm bringen. Kommen Sie, wir müssen verschwinden.“

Mendozza wandte ruckartig den Kopf. Der Mann, der wie aus dem Boden gewachsen bei ihm aufgetaucht war, hatte einen gedrungenen massigen Körperbau. Sein grobschlächtiges Gesicht wurde von einem dichten Schnauzbart belebt, der so struppig wirkte, als würden Zaunkönige darin nisten.

„Sind Sie okay?“, erkundigte er sich drängend.

Mendozza nickte mechanisch. „Dann los. Bleiben Sie dicht hinter mir.“ Der vierschrötige Mann wühlte sich wie ein Bulldozzer durch die Menge. Mit Ellenbogen und Fäusten bahnte er sich rücksichtslos eine Gasse. Dann dirigierte er Mendozza zu einem der Ausgänge. Sie eilten auf den Parkplatz.

„Da drüben steht mein Wagen. Der hellblaue Mercury.“

„Verdammt, ich vermute, die Schlägerei war eine abgekartete Sache. Der Tumult gehörte zu einem Ablenkungsmanöver“, keuchte Mendozza.

„Na, wenn schon. Ich habe Sie herausgehauen. Alles andere ist unwichtig.“ Der Mann mit dem Schnauzbart riss die Tür des Mercury auf und klemmte sich hinters Lenkrad.

Mendozza schwang sich auf den Beifahrersitz. Er klopfte auf den grauen Metallkoffer und meinte mit schwachem Grinsen: „Falls das Theater darauf hinauslief, mir das hier abzuknöpfen, war es ein Schuss in den Ofen.“

„Vergessen Sie’s.“ Der bullige Mann startete.

„Wohin fahren wir?“

„Sontavo besitzt außerhalb der Stadt ein Landhaus. Dort erwartet er Sie.“ Die fleischigen Lippen verzogen sich zu einem hintergründigen Lächeln. Der triumphierende Ausdruck seines großflächigen Gesichts hätte Mendozza warnen müssen. Doch er achtete nicht darauf.

Mendozza blickte zurück. Sein Argwohn richtete sich gegen einen schlanken, dunkelhaarigen jungen Mann, der in rasantem Spurt zu einem silbergrauen Pontiac rannte.

„Heh, da will uns anscheinend jemand verfolgen“, stieß er hervor.

Der Schnauzbärtige sah in den Rückspiegel. „Kein Grund zur Aufregung. Ich werde Sie und die Steine sicher zu Sontavo bringen. Sie können sich auf mich verlassen“, sagte er.

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COUNTER CRIME hatte erfahren, dass ein Machtkampf zwischen Mafia und der rivalisierenden Verbrecherorganisation Camorra im Gange war. Colonel Myer hatte Roberto nach Chicago geschickt, wo die Fäden des von der Mafia betriebenen Schmuggels mit Rohdiamanten zusammenliefen. Die Steine wurden von Südafrika her in die Staaten geschleust. Einige Anzeichen deuteten darauf hin, dass die Camorra das Millionengeschäft mit heißen Diamanten an sich reißen wollte.

Roberto sollte herauskriegen, welche Mafiagruppe hinter dem Schmuggelunternehmen steckte und in welchen dunklen Kanälen die Steine verschwanden. Es war vorauszusehen, dass er dabei den Camorra-Gangstern in die Quere kommen würde. Colonel Myer hatte das jedoch einkalkuliert. Er setzte seine Hoffnungen auf Robertos Geschicklichkeit und war zuversichtlich, dass es ihm gelingen würde, beide Banden auszumanöverieren.

Roberto wusste, welch harte Nuss man ihm zu knacken gegeben hatte. Aber harte Nüsse waren seine Spezialität. Er war auf unliebsame Überraschungen vorbereitet.

Als er sah, dass Mendozza von einem bärtigen Kerl abgefangen und zu einem Wagen gelotst wurde, klingelte es bei ihm. Er erriet, dass der Mafioso in eine raffinierte Falle stolperte und mit den Steinen, die er bei sich hatte, gekidnappt wurde.

Na warte, Bursche, die Suppe werde ich dir versalzen, dachte Roberto, als er sich in seinen Wagen schwang und die Verfolgung aufnahm.

Der metallicblaue Mercury bog am Verteilerkreuz unweit des O’Hare Airports in den Highway 294 ein und brauste auf der achtspurigen Autobahn in Richtung Norden davon. Roberto hatte keine Mühe, den Wagen im lockeren Verkehrsstrom im Auge zu behalten. Er hielt sich einige Wagenlängen hinter ihm und machte sich keine Gedanken darüber, wohin die Fahrt gehen sollte. Das würde er schon früh genug merken.

Als sie sich der Abzweigung am Touhy Drive näherten, donnerte plötzlich ein lang gestreckter Truck von rechts über die Auffahrt heran. Der Fahrer machte keine Anstalten, das Tempo zu drosseln und an dem unübersehbaren Stoppschild zu halten. Nur noch dreißig Yards! Der Truck hielt mit unverminderter Geschwindigkeit auf den Highway zu.

Ist der Kerl wahnsinnig?, durchzuckte es Roberto. Die Wagen vor ihm scherten aus und kurvten um die Schnauze des heranbrausenden Lastzugs herum. Roberto schaffte es nicht mehr. Er stieg auf die Bremse. Kreischend radierten die Pneus über den Straßenbelag. Der Pontiac schlingerte ...

Da bremste endlich der Fahrer des Trucks. Das Ungetüm rutschte quer über die Fahrbahn und hielt. Roberto kam dicht vor dem Lastzug zum Stehen.

Er atmete tief durch und wischte sich über die Stirn. Kalter Schweiß war ihm ausgebrochen. Eine endlos erscheinende Schrecksekunde lang hatte er geglaubt, der Zusammenstoß sei nicht zu vermeiden. Er hatte seinen Wagen in einen Schrotthaufen verwandelt und sich darin eingekeilt gesehen. Die Erleichterung darüber, dass er mit dem Schrecken davongekommen war, dauerte nur einen Augenblick. Dann explodierte er vor Wut.

Roberto ließ die Scheibe heruntergleiten und streckte den Kopf aus dem Fenster. „Bist du übergeschnappt?!“, brüllte er. „Um ein Haar hättest du mich plattgewalzt! Du sitzt wohl das erste Mal auf solchem Bock. Wenn du mit dem Ding nicht umgehen kannst, dann fahre lieber ’nen Rasenmäher, du Vollidiot!“

Er schleuderte noch eine Reihe saftiger Flüche zur Fahrerkabine des Lastzuges empor. Ein Gesicht erschien hinter der Scheibe und grinste ihn höhnisch an.

„Fahr zurück!“, brüllte Roberto. „Merkst du nicht, dass du alle vier Fahrspuren blockierst?“

Der Truck rollte noch ein paar Meter vor.

„Bist du vom Wahnsinn umzingelt? Zurück - nicht vorwärts!“

Der Driver des Lastzugs ließ sich Zeit. Roberto war nahe daran, rauszuspringen und den Kerl von seinem Sitz herunterzuzerren. Hinter ihm staute sich inzwischen eine lange Reihe Fahrzeuge. Ein ohrenbetäubendes Hupkonzert erscholl.

Endlich bequemte sich der Driver, seinen Lastzug zurückzusetzen und die Fahrbahn freizugeben. Roberto warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Dann stellte er fest, dass der Highway vor ihm wie leer gefegt dalag. Der blaue Mercury war verschwunden.

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Roberto trat aufs Gaspedal. Er holte heraus, was der 270 PS starke Motor hergab und kümmerte sich nicht um die Geschwindigkeitsbegrenzung von 65 Meilen. Er hatte nur den einen Gedanken: Ich muss den verdammten Mercury einholen.

Der Pontiac flog wie ein silberner Pfeil über die Betonpiste. Nach einer knappen Meile mündete der Highway in die wellige Hügellandschaft beiderseits des Des Plain Rivers. Der Fluss schlängelte sich in Sichtweite der Straße zwischen Wäldern, Wiesen und parkähnlichen Villengrundstücken entlang.

Roberto überholte rasant mehrere Dutzend Wagen. Er erreichte eine Anhöhe. Dahinter fiel die Straße sanft ab und war auf einer Länge von einigen Meilen gut zu übersehen. Sein Blick glitt über die Fahrzeuge, die vor ihm in Richtung Norden dahinbrausten. Sie wirkten wie Spielzeug und die weiter entfernten Wagen wie farbige Punkte, die im Sonnenlicht aufleuchteten. Gebannt hielt er nach einem metallicblauen Punkt Ausschau.

Vielleicht ist die Jagd völlig für die Katz, fuhr es ihm durch den Kopf. Der Truckdriver war nicht halb so dämlich, wie es den Anschein hatte. Das Ganze war ein übler Trick, um mögliche Verfolger abzuschütteln. Der Mercury kann inzwischen längst auf und davon sein. Oder er ist irgendwo abgebogen.

Nein, verbesserte sich Roberto, dazu hatte er bisher auf dieser Strecke noch keine Gelegenheit. Die nächste Abzweigung ist bei Green Lake und bis dahin sind es noch gut dreißig Meilen. Der Kerl hatte zwar einen guten Vorsprung, aber Green Lake kann er noch nicht erreicht haben. Also weiter ...

Er sah in den Rückspiegel. Tauchte schon irgendwo hinter ihm eine Streife der Highway Police auf, um ihn wegen der Raserei zu stoppen? Nein. Noch war nichts zu sehen. Aber es konnte nicht mehr lange dauern, bis er eine Highway Patrol im Nacken hatte.

Roberto jagte weiter. Ein Hinweisschild auf die Abzweigung Green Lake kam in Sicht. Noch fünf Meilen. Roberto gab seinem Wagen die Sporen. Kurz darauf sah er das helle Band, das sich in weitem Bogen nach rechts durch grünes Hügelland schwang. Seine Augen tasteten über diese schmale Highway-Abfahrt.

Da! Das war er! Robertos Blick blieb an einem metallicblauen Wagen hängen, der das Ende der Ausfahrt erreicht hatte und soeben in eine Landstraße abbog, die in einen Wald führte. Das musste der Mercury sein!

Roberto drosselte das Tempo, zog das Lenkrad herum und fuhr ebenfalls vom Highway herunter. Er kurvte durch die Ausfahrt, bog an einem verwitterten Wegweiser nach links ab und hielt auf das Waldstück zu, in dem der blaue Wagen verschwunden war.

Die schmale Landstraße führte zwischen mächtigen Tannen hindurch, deren Stämme von einem Filigrangeflecht aus silbrig schimmerndem Moos bedeckt waren. Die riesigen Bäume ragten rechts und links wie eine Wand auf. Das Sonnenlicht sickerte nur spärlich durch die Wipfel und tauchte die Straße in diffuses Halbdunkel.

Roberto musste das Tempo noch mehr drosseln. Die Straße beschrieb mehrere, dicht aufeinander folgende Kurven. Dann führte sie leicht ansteigend um einen mit schroffen Felsblöcken durchsetzten Hügel herum. Beiderseits der Straße ragten die mächtigen Baumriesen zum Himmel empor.

Er spähte aufmerksam durch die Windschutzscheibe. Von dem blauen Mercury war nichts zu sehen. Aber er war sicher, dass er schon ziemlich dicht herangekommen sein musste.

Roberto zog den Wagen durch eine Kurve. Da sah er plötzlich, wie sich etwa dreißig Yards vor ihm rechts der Straße ein Baum zur Seite neigte. Er nahm den Fuß vom Gaspedal und trat die Bremse durch. Der Wagen geriet ins Schleudern. Loses Gestein spritzte umher, als die Räder blockierten und über die Straße schlitterten.

Von donnerndem Krachen begleitet, stürzte eine gewaltige Fichte quer über die Fahrbahn. Armdicke Äste wurden beim Aufprall zersplittert. Sie knickten um wie Streichhölzer.

Der Pontiac kam unmittelbar vor dem Gewirr geborstener Äste zum Stehen. Roberto ließ sich in den Sitz zurücksinken. Sein Herz hämmerte wild gegen die Rippen. Dicke Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Zum zweiten Mal innerhalb einer Stunde war er um Haaresbreite fast zermalmt worden. Diesmal von einem umstürzenden Baumriesen. Wenn der von selbst umgekippt ist, fresse ich einen Besen, dachte er grimmig. Da hat jemand kräftig nachgeholfen.

Roberto sprang aus dem Wagen. An der Stelle, wo der Baum gestanden hatte, gähnte ein Loch im Boden, groß wie ein Bombentrichter. Wie ein riesiger Teller ragte ein Gewirr von Wurzeln mit Erdklumpen verfilzt in die Luft. Vermutlich war der Baum bei den starken Regenfällen in den letzten Wochen unterspült worden. Doch das allein hätte niemals ausgereicht, ihn umstürzen zu lassen. Das sah Roberto auf den ersten Blick.

Er kletterte durch Gestrüpp um das Wurzelgeflecht herum auf die andere Seite des Baumes. Die Straße war hoffnungslos blockiert. Es gab keine Möglichkeit, das Hindernis zu umfahren. Damit zerplatzten alle Hoffnungen, den Wagen einzuholen, mit dem Mendozza gekidnappt worden war, wie eine Seifenblase.

Ende der Fahnenstange, dachte Roberto bitter. Es gab eine heiße Spur, die einzige, auf die der Colonel mich ansetzen konnte. Nun ist sie so kalt wie eine vom Schnee verwehte Schlittenfährte.

Er sah sich den Baum an und entdeckte im oberen Drittel ein fingerdickes Seil, das unterhalb einer Astgabelung um den Stamm geschlungen und fest verknotet war. Der Strick war ungefähr zehn Meter lang und führte unter den Zweigen zur anderen Straßenseite hin. Roberto stieg über die Böschung und verfolgte das Seil bis zu einer Stelle, wo der Boden zertrampelt war. Offensichtlich hatten mehrere Männer den Baum zum Umstürzen gebracht. Das ließ darauf schließen, dass die Kerle, die Mendozza abfingen, nach einem sorgfältig ausgetüftelten Plan vorgegangen waren.

Genau wie ich es mir zusammengereimt habe, dachte Roberto. Die Kerle verstehen ihr schmutziges Handwerk ebenso wie die Konkurrenz der Mafia. Sie beherrschen alle gemeinen Winkelzüge, um jemand abzuschütteln, der ihnen auf den Fersen ist.

Roberto wollte zum Wagen zurückkehren. Aber er zögerte. Etwas hielt ihn davon ab. Einer jähen Eingebung folgend ging er auf der im Dämmerlicht liegenden Straße weiter. Vorsichtig tastete er sich Schritt für Schritt voran.

Seine Augen glitten über das verfilzte Dickicht zu beiden Seiten. Er langte nach seiner Beretta und zog sie unter der Jacke des beigefarbenen Jeansanzugs hervor. Alle Nerven waren aufs Äußerste angespannt.

Robertos durch viele Gefahren geschärfter Instinkt signalisierte ihm, dass etwas Bedrohliches in der Luft lag. Seine Gegner hatten ihn nicht nur abhängen wollen. Da war noch etwas anderes, etwas, das er nicht sah, sondern nur spürte. Eine unsichtbare kalte Hand schien nach ihm zu greifen ...

Seine Schritte wurden immer langsamer. Er kam an eine Wegbiegung. Dahinter fiel das Gelände sanft ab. Roberto blieb abrupt stehen. Mitten auf der Straße lag etwas Dunkles. Eine menschliche Gestalt. Er ahnte, wer es war und rannte darauf zu.

Sekunden später kniete Roberto neben Mendozza nieder. Er lag auf dem Rücken, die Arme ausgebreitet, und hatte drei Einschüsse in der linken Brustseite. Mendozza war so tot wie ein aus Nahdistanz erschossener Mafioso nur sein konnte. Aus den Löchern in der Brust sickerte Blut. Hemd und Jackett waren davon durchtränkt.

Der Handkoffer! Roberto sah sich um. Doch sofort wurde ihm klar, dass es sinnlos war, danach zu suchen. Der Kerl, der Mendozza abgefangen hatte, besaß jetzt den Koffer. Und damit auch die Steine, die in einem Geheimfach von Amsterdam nach Chicago gebracht worden waren.

Roberto blickte düster auf den Toten nieder. Colonel Myer wird mir für diesen Erfolg einen Orden verleihen, dachte er mit grimmiger Ironie. COUNTER CRIME hatte durch monatelange, mühsame Ermittlungen endlich herausgekriegt, wer einer der Kuriere ist, die die Diamanten ins Land schmuggeln. Es bestand eine echte Chance, durch ihn an die Hintermänner heranzukommen. Aber er wurde vor meiner Nase gekidnappt. Nun habe ich weder die Steine, noch eine Spur die zu den Auftraggebern führt, sondern nur einen Toten vorzuweisen. Ein wirklich vielversprechender Anfang.

Er begann, die Taschen des Ermordeten zu durchsuchen. Vielleicht war die Situation doch nicht so aussichtslos, wie sie schien. Eventuell fand er etwas, was den Hinweis lieferte, wer Mendozza die Steine übergeben hatte oder wo er sie abliefern sollte.

Unvermittelt peitschte ein Schuss auf. Das Projektil strich dicht über Roberto hinweg und klatschte gegen den Stamm einer Tanne. Roberto zog instinktiv den Kopf ein. Dann warf er sich zu Boden. Die Leiche war die einzige Deckung, die sich ihm bot. Er streckte sich dicht neben dem Toten aus und presste sich eng an das Gestein der Straße.

Dann bellten in kurzen Abständen ein halbes Dutzend Schüsse auf. Roberto konnte es nicht riskieren, den Kopf zu heben, um festzustellen, von wo auf ihn geschossen wurde. Die Kugeln schlugen in den Körper des Toten ein oder zerhackten kurz davor den Boden.

Dann herrschte Stille. Roberto spürte, wie sein Puls jagte. Irgendwo knackte ein Zweig. Danach war es völlig ruhig. Roberto hielt den Atem an und lauschte angestrengt. Näherten sich da nicht hinter ihm schleichende Schritte? Er wandte den Kopf. Es war nichts zu sehen. Er musste sich getäuscht haben.

Er verharrte etwa eine halbe Minute reglos neben dem Toten. Dann richtete er sich auf und hob die Beretta. Er ließ die Blicke umherfliegen. Aber er konnte den Heckenschützen nirgendwo zwischen Bäumen und Dickicht ausmachen.

Roberto kroch nach rechts zum Rand der Straße. Er ging hinter einem bemoosten Felsblock in Deckung, spähte gebannt umher und spitzte die Ohren.

Nichts. Er hörte nur seinen eigenen Herzschlag und vernahm dazu das leise Rauschen des Windes in den Baumwipfeln. Von dem Kerl, der auf ihn geschossen hatte, war nichts zu entdecken.

Roberto wartete ein paar Minuten. Als sich dann immer noch nichts rührte, war er sicher, dass der Kerl verschwunden war. Er erhob sich, warf einen letzten Blick auf den Toten und ging zu seinem Wagen zurück. Seine Stimmung war alles andere als rosig. Kein Wunder. Er kam sich vor wie ein Boxer, der siegessicher in den Ring gestiegen war und schon in der ersten Runde angezählt werden musste. Aber das hatte auch sein Gutes. Er war gewarnt. Sein Kampf galt vor allem der Mafia. Aber bei diesem Auftrag hatte er es noch mit einem anderen Gegner zu tun, den er nicht unterschätzen durfte.

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Während Roberto in die Stadt zurückfuhr, hatte er das unangenehme Gefühl, dass ihm jemand an den Hinterreifen klebte. Er spähte immer wieder in den Rückspiegel, aber es waren jeweils andere Wagen hinter ihm, und er konnte nichts Verdächtiges entdecken.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, dachte Roberto. Um einen eventuell vorhandenen Verfolger abzuschütteln, ließ er den Pontiac an der Subway Station Irving Park stehen. Er fuhr mit der U-Bahn bis State Street und verschwand dort in dem riesigen Kaufhaus FIELD’S. Er tauchte im Gewühl der Käufer und Schaulustigen unter, ließ sich mit dem Fahrstuhl zum 6. Stock bringen, eilte in das Restaurant und verließ es auf der anderen Seite über eine der Rolltreppen. Er entwischte aus dem Gebäude durch einen Seitenausgang an der Wabash Avenue, schnappte sich ein Taxi und ließ sich zur Hochbahn Station Cermak bringen. Da sprang er in einen Zug, der soeben abfahren wollte, stieg auf der Station Fullerton in die U-Bahn um und fuhr zum Irving Park zurück.

Roberto ging neben der Subway Station in eine Snack Bar. Er bestellte Sandwich und Kaffee und wählte einen Platz, von wo aus er die Stelle übersehen konnte, an der er seinen Wagen abgestellt hatte. Er beobachtete die Umgebung aufmerksam. Als er sicher war, dass niemand in der Nähe auf der Lauer lag, verließ er die Snack Bar, schwang sich in den Pontiac und fuhr davon.

Es wurde schon dunkel, als Roberto das SHERWOOD HOTEL in der Stewart Avenue erreichte. Es war ein unscheinbares altes Hotel am Rande des Chinesenviertels. Das Sherwood hatte zwar wenig Komfort zu bieten, aber andere Vorteile. An der Rückseite des Gebäudes liefen altmodische rostige Feuerleitern neben den Fenstern herunter. Außerdem gab es einen Personal- und Lieferanteneingang, die von einer düsteren Seitengasse ins Haus führten. Ein idealer Schlupfwinkel also, der mehrere Möglichkeiten bot, unbemerkt zu kommen oder zu verschwinden.

Roberto ließ sich an der Rezeption seinen Schlüssel geben. Dann schlenderte er an verstaubten Palmenkübeln und abgewetzten Ledersesseln vorbei durch die düstere Halle. Er vertraute sich dem altersschwachen Fahrstuhl an. Das museumsreife Ungetüm setzte sich knarrend und rasselnd in Bewegung und brachte ihn wider Erwarten heil zum vierten Stockwerk empor.

Sein Zimmer lag am Ende eines Korridors. Die mit einem ramponierten Läufer bedeckten Dielen knarrten bei jedem Schritt fast so laut wie der Fahrstuhl. Er betrat den dürftig eingerichteten Raum, schaltete die trübe Deckenbeleuchtung ein und schloss die Tür.

Roberto seufzte. Er fühlte sich wie gerädert und kam sich vor, als habe er ein Gebiet von der Größe Neu Englands zu Fuß durchquert. Es war so ziemlich alles schiefgelaufen, was am Beginn eines Auftrags danebengehen konnte. Die ganze Sache schien von Anfang an mit Falltüren und heimtückisch ausgelegten Fußangeln gespickt zu sein.

Die Kerle von der Camorra sind genauso hinterhältig und gefährlich wie die Mafia, dachte er. Beide Verbrecherorganisationen sind aus italienischen Geheimbünden hervorgegangen, deren Geschichte mit dem Blut unzähliger Opfer geschrieben wurde. Sie sind erbitterte Feinde. Aber sie ähneln sich in Skrupellosigkeit, Brutalität und Geldgier wie Zwillingsbrüder des Satans. Wenn man sagen wollte, wen man mehr zu fürchten hat, und wem man mehr Gemeinheiten zutraut, so wäre das ähnlich, als ob man entscheiden müsste zwischen Lepra und Pest ...

Roberto trat ans Fenster. Er zog das an den Rändern ausgefranste Rollo herunter. Die Nacht hat tausend Augen, durchfuhr es ihm. Bei dem riskanten Unternehmen, auf das ich mich eingelassen habe, kann ich nicht misstrauisch genug sein. Ich muss immer damit rechnen, dass irgendwo jemand auf der Lauer liegt, der mir das Lebenslicht ausblasen will.

Er wandte sich um. Da hörte er ein leises schleifendes Geräusch. Sein Blick flog zur Tür. Ein großer Briefumschlag wurde darunter hindurchgeschoben.

Roberto jagte mit drei langen Sätzen durchs Zimmer. Er riss die Tür auf. Der Korridor lag leer vor ihm - und schien ihn höhnisch anzugrinsen. Er drückte die Tür mit einer ärgerlichen Gebärde ins Schloss. Dann griff er nach dem Briefumschlag und riss ihn auf. Er ließ den Inhalt herausgleiten. Es war ein flacher Schlüssel, der zu einem Gepäckschließfach gehörte.

Roberto stieß einen leisen Pfiff aus. Das ist ein Gruß vom Colonel, wenn ich nicht irre. Er betrachtete die auf dem Schlüssel eingeschlagene Nummer. 312 ... Er wusste, wo er ein Schließfach mit dieser Nummer zu Suchen hatte. Auf dem Greyhound Busbahnhof Lake Street. Roberto machte sich umgehend auf den Weg dorthin.

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Unzählige Neonleuchten tauchten den großen Platz vor dem Abfertigungsgebäude in taghelles Licht. Mehr als ein Dutzend silbergraue Überlandbusse standen an den Haltestellen. Aus den Lautsprechern dröhnten die Ansagen von Abfahrtzeiten nach Minneapolis, Kansas City, Amarillo und Colorado Springs.

An den Wagen drängten sich die Reisenden.

Eine dicke Schwarze, mit Gepäck beladen und außerdem an jeder Hand ein kleines Kind, hastete an Roberto vorbei. „Kommt, kommt - wir müssen einsteigen. Unterwegs könnt ihr schlafen. Morgen früh sind wir in St. Louis. Dad wird sich ganz bestimmt furchtbar freuen, euch wiederzusehen.“

Eine Gruppe Jugendlicher mit Gitarren steuerte auf den Bus zu, der nach Nashville fahren sollte. Ein farbiges Mädchen mit rotem Poncho sang leise „O save me my Lord“, während ein blonder Bursche mit wallendem Vollbart auf der Gitarre ein paar Akkorde anschlug.

Roberto sah ihnen nach. Er dachte: Wenn Gott für mich noch etwas übrig hat, wird er mich hoffentlich davor bewahren, beim Öffnen des Schließfachs den Zünder einer darin versteckten Höllenmaschine auszulösen. Allmählich traue ich den Kerlen von der Camorra fast mehr Gemeinheiten zu als dem Mafiagesindel. Es ist durchaus möglich, dass sie mehr über mich wissen, als ich ahne ...

Er wandte sich um und ging an der langen Reihe der in drei Etagen übereinander angeordneten Schließfächer entlang. 310 - 311 - 312 ... Roberto blieb stehen. Mit einem raschen Seitenblick vergewisserte er sich, dass ihn niemand beachtete.

Er steckte den Schlüssel ins Schloss, öffnete das Fach und holte ein rechteckiges, in braunes Papier eingewickeltes Päckchen heraus. Er klemmte es unter den Arm und schlenderte zum Wagen. Er fuhr ein paar Blocks weiter zu einem abgelegenen Parkplatz.

Roberto sah sich um. Es war niemand in der Nähe. Also konnte er ungestört nachsehen, was das Päckchen enthielt. Erleichtert registrierte er, dass nichts darin tickte. Dennoch betrachtete er das Päckchen mit einer Spur von Misstrauen. Dann gab er sich einen Ruck und riss die Verpackung auf. Ein kleiner Kassetten Recorder kam zum Vorschein.

Roberto schaltete das Gerät ein und ließ die eingelegte Kassette ablaufen. Zum Abhören benutzte er den beigefügten Ohrhörer. Eine trockene Stimme erklang:

„Wir wissen, dass Mendozza von Camorra-Leuten abgefangen und umgebracht wurde. Wir wissen auch, dass Sie es nicht verhindern konnten ...“ Eine Pause entstand. Besten Dank für den tröstlichen Zuspruch, dachte Roberto. Aber dass ich zweimal fast zu Brei gequetscht wurde und zum Schluss noch blaue Bohnen serviert bekam, habt ihr bei dem Schmus vergessen.

Die Stimme fuhr fort: „Lassen Sie sich nicht beirren. Wir haben die besseren Trümpfe. Hier die nächsten Anweisungen für Sie. Morgen früh werden Sie in der dunklen Seitengasse hinter dem Hotel einen cremefarbenen Lieferwagen der Delikatessenhandlung Jerry Skelton vorfinden. Fahren Sie damit Punkt neun Uhr zum Apartment-Park Rosewater im Stadtteil Gienview. Dort ist ein Apartment-Bungalow für einen gewissen Marc Leone reserviert. Er wird gegen zehn Uhr eintreffen. Leone ist ein wichtiger Mann der Camorra. Er wurde nach Chicago geschickt, um gemeinsam mit einer Agentin Vorbereitungen für einen vernichtenden Schlag gegen die Mafia zu treffen. Ihre Aufgabe ist es zunächst, Leone aus dem Verkehr zu ziehen. Wenn Sie das geschafft haben, liefern Sie ihn in der Autowerkstatt Nolan am Brighton Park ab. Dort erfahren Sie alles Weitere. Viel Glück ...“ Ein leises Rauschen folgte. Roberto schaltete das Gerät ab. Glück allein wird nicht ausreichen, dachte er. Ich werde schusssichere Unterwäsche brauchen.

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Am nächsten Morgen verließ Roberto das Hotel durch den Lieferanteneingang. Niemand begegnete ihm. Die Tür war nur angelehnt. Er öffnete sie lautlos und schlüpfte hinaus. Der cremefarbene Lieferwagen stand zehn Meter entfernt verlassen da.

Roberto stieg ein. Der Zündschlüssel steckte. Er zog den weißen Kittel an, der auf dem Beifahrersitz lag. Auf dem Rücken des Kittels war mit orangefarbenen Buchstaben aufgestickt: Jerry’s feinste Delikatessen. Die gleiche Beschriftung war auch an den Seitenwänden des Wagens angebracht.

Er fuhr los. Bis zum Villenvorort Gienview am nördlichen Stadtrand brauchte er etwas über eine Stunde. Es war kurz nach zehn Uhr, als Roberto bei dem Apartment-Park Rosewater eintraf. Einzeln stehende Bungalows und doppelstöckige Reihenhäuser waren auf dem großzügig angelegten Grundstück verteilt. Es gab zwei Swimmingpools, Tennisplätze und ein Fitness-Center. Gepflegte Rasenflächen erstreckten sich zwischen den Gebäuden. Die Fußwege wurden von Rosen gesäumt, die in der Sonne leuchteten. An den Schwimmbecken tummelten sich leicht bekleidete Girls und ein paar braungebrannte junge Burschen.

Roberto lenkte den Lieferwagen vor das Hauptgebäude und stieg aus. Er betrat die Empfangshalle. Ein Ventilator surrte monoton. Hinter der Teakholzbarriere der Rezeption hockte ein magerer älterer Mann mit mürrischen Gesichtszügen. Er hob den Kopf, als Roberto heranschlenderte.

„Was ist?“, fragte er kurz angebunden.

„Jerry’s Delikatessen. Ich soll zwei Dosen Kaviar, eine Büchse - äh - was war das doch gleich ... ach ja, Krabben-Cocktail. Also ich soll das Zeug und dazu ein paar Flaschen echten Wodka abliefern.“

Der Empfangschef sah Roberto so missbilligend an, als käme er von der Müllabfuhr und sei außerdem betrunken.

„Für wen?“, fragte er. Er brachte es fertig, die beiden mageren Worte hervorzuwürgen, als seien es junge Igel.

„Sagte ich das nicht?“, erkundigte sich Roberto scheinheilig.

„Nein.“

„Ach so. Warten Sie. Ich soll ...“ Roberto kramte in den Kitteltaschen und zog einen Lieferschein hervor. „Die Ware wurde von einem Mr. Leone bestellt. Der wohnt doch hier - oder?“

„Er ist vor einer Viertelstunde angekommen“, sagte der Mann hinter dem Tresen steif.

„Dann ist ja alles okay. Ich fürchtete schon, das Ganze wäre mal wieder ein Windei. Es passieren ab und zu die merkwürdigsten Sachen.“ Roberto grinste. „Neulich sollte ich einen Präsentkorb für eine Lady liefern. Als ich damit anrückte, stellte sich heraus, dass die Gute schon seit drei Monaten in der Familiengruft lag. Das machte mich stutzig. Denn was sollte die alte Dame im Grab mit einem Fresspaket anfangen? Irgendwer wollte sich anscheinend einen etwas sonderbaren Scherz machen. Hähähä. Oder haben Sie eine andere Erklärung?“

„Ihre Story interessiert mich nicht, Sie Schwätzer“, sagte der Empfangschef verächtlich.

„Schießen Sie nicht auf den Fahrer. Er tut sein Bestes“, erwiderte Roberto vergnügt.

„Verschwinden Sie. Sie stehlen meine Zeit.“

„Keine Aufregung. Sie sind mich gleich los. Aber erst möchte ich noch erfahren, wo ich Mr. Leone finden kann.“

„Apartment siebenundvierzig, direkt neben den Tennisplätzen.“

„Besten Dank für die freundliche Auskunft, Opa.“

Der Mann durchbohrte Roberto mit einem Blick, der mit Eiskristallen gespickt zu sein schien. Roberto schlenderte hinaus zum Wagen. Er strich über die blonde Perücke und tastete über den sandfarbenen Schnauzbart, womit er sein Äußeres verändert hatte. Der alte Knabe wird sich nach dem Verschwinden von Leone ganz sicher an mich erinnern. Die Beschreibung, die er dann der Polizei liefert, wird für die Beamten so wertlos sein wie die Zeichnung eines Strichmännleins.

Roberto stoppte wenig später vor dem Bungalow, über dessen Tür die Messingzahl 47 in der Sonne blinkte. Er klopfte. Es dauerte einen Moment. Dann wurde die Tür einen Spalt geöffnet. Roberto hielt einen Karton in den Händen, aus dem die Hälse mehrerer Flaschen hervorragten.

„Sir, Sie sind der dreißigtausendste Gast in dieser Saison. Aus diesem Anlass erlaubt sich die Geschäftsleitung ...“

Die Tür wurde etwas weiter geöffnet. Roberto ließ den Satz unbeendet. Mit einem kräftigen Fußtritt schleuderte er Leone die Tür aus der Hand. Flaschen und Dosen polterten zu Boden.

Mit einem raschen Satz sprang Roberto auf den überrumpelten Mann zu, riss die Beretta hervor und presste ihm den Lauf in die Magengrube.

„Keine Mätzchen, sonst stanze ich dir ein Lochmuster in die Figur“, drohte er und drückte die Tür mit dem Fuß ins Schloss.

Leone wich langsam zurück. Im gleichen Moment stellte Roberto fest, dass der Bursche eine verblüffende Ähnlichkeit mit ihm hatte. Er war ebenfalls von schlanker Gestalt. Die Größe stimmte überein. Leone hatte fast das gleiche scharf geschnittene Gesicht wie Roberto. Selbst die energische Mundpartie war annähernd gleich. Leone war jedoch gut fünf Jahre älter, trug eine Brille und sein Haaransatz zeigte deutliche Geheimratsecken. - Davon abgesehen, hätte man sie für Brüder halten können.

Roberto lächelte schwach. Der Colonel ist ein gerissener Fuchs, ging es ihm durch den Kopf. Ich ahne, was er vorhat. Aber noch ist es nicht so weit ...

Sein Lächeln verschwand wie weggewischt. Der Zeigefinger krümmte sich am Abzug der Waffe. „Ich warne dich. Versuche keine faulen Tricks. Ich bin ein Profi - genau wie du, mein Junge“, sagte er leise und drohend.

Leone hielt seinem festen Blick stand. Kein Muskel zuckte in seinem Gesicht. Die unbeweglichen Züge zeigten weder Furcht noch Nervosität.

„Hast du vor, mich umzubringen?“, fragte er ruhig.

Roberto antwortete nicht. Er presste die Pistole fester gegen Leones Körper und drängte ihn zum Bett. Dann befahl er: „Pfoten hinter den Kopf und langsam umdrehen!“

Leone blieb stehen. Er rührte sich nicht. Roberto merkte, wie der andere seine Bauchmuskeln anspannte. Sie wurden hart wie Beton.

„Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?“, fauchte Roberto.

Leone grinste. Es war das Grinsen eines Mannes, der nicht so leicht einzuschüchtern war. Eine auf ihn gerichtete Pistole konnte ihn keine Sekunde aus der Ruhe bringen. Er schien gute Nerven zu haben - so stark wie Stahltrossen.

Roberto wusste das Grinsen richtig zu deuten. Es steckte keine Überheblichkeit dahinter. Der Mann vor ihm war kein Bluffer. Das war ein zäher Brocken. Ihm wurde jäh klar, dass er die Partie verloren hatte, wenn er die geringste Unsicherheit zeigte.

„Du scheinst Moos in den Ohren zu haben. Du sollst die Flügel heben und ’ne Kehrtwendung machen“, sagte er barsch.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920062
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v427263
Schlagworte
camorra-rache roberto tardelli thriller

Autor

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Titel: Camorra-Rache - Ein Roberto Tardelli Thriller #46