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Heimat-Roman Sonder-Edition - Zu stolz, um zu verzeihen

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Zu stolz, um zu verzeihen

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von Alfred Bekker

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DIE TOCHTER VOM RAMAYER  und der Sohn vom Bernrieder sind ein Paar. Eigentlich steht einer Hochzeit nichts im Wege. Aber dann bricht ein schlimmer Streit zwischen den Vätern aus, der auch der jungen Liebe schwer zu schaffen macht. Wird es zur Versöhnung kommen oder sind die Familien zu stolz, um zu verzeihen?

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COVER: ALFRED HOFER 123rf

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Eine anstrengende Wanderung lag hinter den beiden jungen Leuten, die sich in diesem Moment an den Ufern des reißenden Wildbachs niedersetzten.

"Mei, ich glaub, von meinen Füßen spür ich gar nix mehr", seufzte Andrea Ramayer.

Um die Lippen des hübschen Dirndls spielte dabei trotzdem ein versonnenes Lächeln.

Thomas Bernrieder, der junge Mann, der sie auf dieser Wanderung begleitet hatte, erwiderte dies.

Beide saßen sie nun am Ufer des Baches, zogen Schuhe und Strümpfe aus und ließen die Füße in das erfrischende kalte Nass hineinbaumeln. Eine willkommene Erfrischung an einem derart heißen Tag. Der Bernrieder-Thomas nahm den kleinen Rucksack von den Schultern und setzte ihn neben sich.

"Sehr viel von unserem Proviant ist net mehr darin", stellte er fest.

Das Madl machte eine wegwerfende Handbewegung. "Im Moment könnte ich ohnehin nix essen", meinte sie. Ihre Blicke trafen sich. Andrea wurde es dabei ganz warm ums Herz.

Mei, mir wird ganz anders, wenn der Thomas mich so ansieht!, ging es dem Madl durch den Kopf.

"Das war ein sehr schöner Tag mit dir zusammen", murmelte Andrea dann.

"Und die Kraxelei ging dir net ein bisserl auf die Nerven!"

"Mei, für das heiße Wetter kannst du doch nix!"

"Das ist natürlich wahr, aber..."

"...und außerdem ist für mich nur wichtig, dass wir zwei zusammen sind. Wo auch immer das sein mag."

Thomas lächelte. Er nahm ihre Hand.

"Mir geht das ganz genauso, Andrea."

Das Madl atmete tief durch. Ein tiefes Glücksgefühl durchströmte sie. Ein Gefühl, von dem sie gewünscht hätte, das es niemals aufhörte.

Könntest dir den Thomas vielleicht auch als Ehemann vorstellen?, fragte sie sich.

Geh, um darüber nachzudenken ist es doch noch ein bisserl früh!, entgegnete eine andere, skeptischere Stimme in ihr.

Hast dich gerade erst frisch verliebt und denkst schon an den Altar! Warte doch erst einmal ab, ob dein Liebesglück überhaupt über längere Zeit anhält und von Dauer ist!

Thomas' Stimme drang jetzt in ihre Gedanken.

"Hast vielleicht Lust, mit mir übermorgen auf den Dorftanz zu gehen?"

"Beim Kramer-Wirt?", fragte das Madl zurück.

"Ja, freilich!"

"Gerne, Thomas. Ich freue mich schon sehr darauf." Dann seufzte sie. "Ich hoffe nur, dass ich an dem Abend auch frei bekomme. Ich habe dir ja erzählt, was im Moment bei uns los ist..."

Ludwig Ramayer, Andreas' Vater, war der Wirt des kleinen, idyllisch gelegenen Gasthofs ZUM GIPFEL. Und zur Zeit herrschte dort ein wahrer Hochbetrieb. Ausgerechnet jetzt war eine der Kellnerinnen, die der Vater zusätzlich eingestellt hatte, ausgefallen. Sie hatte sich den Fuß verstaucht und fiel in der nächsten Zeit mit Gewissheit aus.

Ersatz war nur schwer zu bekommen. Der Ramayer-Wirt bemühte sich zwar redlich darum, aber bislang ohne Erfolg.

"Ich weiß wie das ist, wenn man im elterlichen Betrieb mitarbeitet", meinte der Thomas, dessen Vater Sägemüller war. "Man kann sich net einfach wie ein x-beliebiger Angestellter aus der Verantwortung stehlen, schließlich geht es ja immer auch um die Zukunft des Betriebes, den man einmal weiterführen soll."

"Mei, da sagst ein wahres Wort!", seufzte Andrea. "Aber das ändert nix daran, dass es auch mal möglich sein muss, zum Tanz zu gehen."

"Ich freue mich schon sehr, Andrea."

"Ich mich auch..."

Thomas strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus der Frisur herausgestohlen hatte. Andrea schluckte.

Und einen Augenblick später trafen sich ihre Lippen zu einem vorsichtigen, tastenden Kuss.

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2

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Die Dämmerung hatte sich längst über die Bergwelt gelegt, als Andrea und Thomas den Gasthof ZUM GIPFEL erreichten. Der Name war Programm. Das Wirtshaus lag weit außerhalb des Dorfes auf einer Hochebene. Nach Süden hin hatte man eine fantastische Aussicht über die nahen Berggipfel.

Schneebedeckt erhoben sie sich in den dunkler werdenden Himmel. Das Sonnenlicht schimmerte nur noch als ein schwaches Leuchten hinter den Bergspitzen hervor und ließ diese in einem zauberhaften Licht erscheinen. In nördlicher Richtung lag ein Stück Wiese, das von den Gästen des Gasthofs ZUM GIPFEL als Parkplatz genutzt wurde. Ludwig Ramayer hatte es zu diesem Zweck extra gepachtet - denn was konnte schon aus aus einem Gasthaus ohne ausreichende Parkmöglichkeiten werden?

Jene Gäste, die es vorzogen, am Ende einer anstrengenden Bergwanderung hier einzukehren, waren deutlich in der Minderzahl.

Und auch der Bernrieder-Thomas hatte auf diesem Stück Land seinen Geländewagen abgestellt, denn von hier aus waren er und Andrea am Morgen zu ihrer Tour aufgebrochen.

Um diese Zeit befanden sich kaum noch Fahrzeuge auf dem behelfsmäßigen Parkplatz. Im Anschluss daran erstreckte sich der Hochwald, in dem um diese Zeit bereits ziemlich dunkel war.

Andrea war erschöpft aber glücklich, als sie die letzten Meter bis zum Gasthaus endlich hinter sich gebracht hatten.

"Komm doch noch auf ein Glasl herein", forderte sie. "Auf Kosten des Hauses natürlich!"

Der Thomas seufzte.

"Warum eigentlich net?", meinte er.

Trotz der fortgeschrittenen Tageszeit war es nämlich immer noch ziemlich warm. Die Luft stand regelrecht. Kein kühles Lüftchen wehte von den Berghängen herunter und vielleicht würde es in der Nacht sogar noch ein Gewitter geben.

"Dann komm!", forderte Andrea, nahm Thomas' Hand und zog den Sohn des Sägemüllers mit sich.

Einen Augenblick später betraten sie den Schankraum.

Resi und Vroni, die beiden noch einsatzfähigen Bedienungen rannten sich regelrecht die Hacken ab. Die Wirtin selbst stand in der Küche, während Ludwig Ramayer seinen Platz hinter dem Schanktisch hatte und dafür sorgte, dass die Krüge der Gäste stets gut gefüllt waren.

"Ah, da bist ja, Andrea!", rief der Ramayer-Ludwig seiner Tochter zu, als sie zusammen mit Thomas an den Schanktisch herantraten. "Die Mama und ich, wir haben uns schon ein bisserl Sorgen gemacht!"

"Geh, Papa! Was sollte denn schon passieren?" Sie zwinkerte dem Thomas zu und fuhr dann fort: "Schließlich war ich doch in guten Händen..."

Ludwig Ramayer nickte nun auch dem Thomas zu.

Einerseits hielt er große Stücke auf den Sohn des Sägemüllers, der sein Handwerk sicherlich gut beherrschte und einmal den Betrieb seines Vaters weiter führen würde. So hatte der Wirt im Prinzip auch gar nichts dagegen einzuwenden, dass seine Tochter sich mit ihm traf - mal davon abgesehen, dass er in seinem Innersten sehr wohl wusste, dass er Andrea auch nicht daran hätte hindern können. Das Madl hatte nämlich einen äußerst starken Willen, der sich nicht so einfach zähmen ließ. Wenn sie sich etwas wirklich in den Kopf gesetzt hatte, dann war es nahezu unmöglich, sie wieder davon abzubringen.

Andererseits dachte er aber auch mit Schrecken daran, dass seine Älteste womöglich schon bald das Elternhaus verlassen würde.

Ein bisserl, so fand er, konnte das doch noch warten.

Ludwig Ramayer wandte sich an Thomas.

Das Gesicht des eigentlich stets gutgelaunten Wirtes wirkte jetzt sehr ernst.

"Thomas, es kam vorhin ein Anruf für dich..."

"Für mich?", fragte Thomas verwundert.

"Mei, es war dein Vater. Falls ich dich sehe, soll ich dir sagen, dass du so schnell wie möglich nach Hause kommen sollst!"

"Der Vater hat net zufällig erwähnt, was los ist?"

Ludwig Ramayer schüttelte den Kopf.

"Na, das hat er net, aber es klang so, als ob es wirklich wichtig wäre..."

Thomas seufzte hörbar und wandte sich dann an Andrea.

"Dann mache ich mich jetzt mal lieber auf den Weg", meinte er. "Wer weiß, was zu Hause los ist..."

Andrea nickte. "Ich hoffe net, dass du mit irgendeiner Hiobsbotschaft konfrontiert wirst..."

"Geh, Andrea. Was soll schon geschehen sein?", sagte er scheinbar gelassen, aber Andrea kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass es in seinem Inneren wohl anders aussah.

Thomas verabschiedete sich und Andrea sah ihm noch nach, bis er durch die Tür ins Freie verschwand.

"Übermorgen möchte ich mit dem Thomas zum Dorftanz", sagte sie dann an den Vater gewandt.

"Mei, du warst heute schon den ganzen Tag weg!", seufzte der Vater. "Aber ich habe jetzt eine Vertretung für die Franzi, die sich den Fuß verstaucht hat und damit sicher noch eine ganze Weile zu tun haben wird."

"Wirklich?", freute sich das Madl.

"Es ist die Waldner-Birgit. Du kennst sie ja."

"Freilich, wir haben in der Schule zusammen in einer Bank gesessen."

"Ich weiß net warum, aber offenbar hat sich das Madl mit dem Wirt vom Dorfgasthof zerstritten und so fängt sie nun morgen bei uns an. Viel Einarbeitungszeit wird sie ja wohl net brauchen..."

In Gedanken ließ Andrea dabei noch einmal das Geschehene Revue passieren. Es war ein wunderschöner Tag, dachte sie.

Das Gefühl des Verliebtseins erfüllte sie vollkommen. Sie glaubte, in ihrem Leben noch nie so glücklich gewesen zu sein. Vor ihrem inneren Augen sah sie das Gesicht des geliebten Thomas vor sich. Seine blauen Augen, das unvergleichliche Lächeln... Es fiel ihr schwer, überhaupt noch an etwas anderes zu denken.

Dann ließ sie suchend den Blick durch den Schankraum kreisen. Sie vermisste ihre jüngere Schwester.

"Wo ist eigentlich Petra?", fragte sie den Vater.

"Bei einer Freundin im Dorf. Eigentlich wollte sie auch schon längst zurück sein." Der Wirt seufzte. "Eines net mehr allzu fernen Tages stehen die Mama und ich allein hier im Gasthaus ZUM GIPFEL und können sehen, wie wir mit dem Ansturm der Gäste fertig werden!", meinte er augenzwinkernd, aber doch mit einer leisen Spur von Tadel.

"Geh, Papa, red doch net so einen Schmarrn!"

"Ich sag doch nur wie's ist!" Er zuckte die Schultern.

"Andererseits bin ich natürlich froh, dass das Geschäft so brummt und wir keine Schwierigkeiten haben, uns über Wasser zu halten."

"Stell dir nur vor, wir hätten den Parkplatz net", gab das Madl zu bedenken. "Was meinst du wohl, wie es dann aussähe!"

Der Wirt nickte heftig. "Das kannst wohl laut sagen! Wenn der alte Bernrieder uns die zusätzliche Fläche net zu einem so günstigen Zins verpachtet hätte, hätten wir längst dichtmachen können..."

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Als Thomas Bernrieder die Sägemühle seines Vaters erreichte, stellte er den Wagen direkt vor dem Wohnhaus ab und sprang aus der Tür.

Aus dem Haus hörte er Stimmen.

Wenn der Vater extra beim Ramayer anrief, um ihn zu erreichen, dann musste wirklich etwas sehr Wichtiges geschehen sein.

Augenblicke später betrat er das Haus und gelangte dann in die Stube.

Seppl Bernrieder und seine Frau Clara saßen dort und unterhielten sich.

Sie verstummten, als der Sohn den Raum betrat.

"Mei, da bist ja endlich!", stieß die Bernriederin hervor.

Thomas hob die Schultern. "Was ist denn geschehen?", erkundigte er sich.

Doch noch ehe der Sägemüller oder seine Frau antworten konnten, öffnete sich die Tür des Nachbarraums. Ein hochgewachsener Mann in dunkelbrauner Mönchskutte trat heraus. Sein Haar war grau, aber noch immer voll. Die Haut wirkte wettergegerbt. Das Alter dieses Mannes war schwer zu schätzen. Thomas erkannte den Mann in der Mönchskutte sofort.

Es war Pater Munsonius, ein Einsiedlermönch, der in der Gegend lebte.

Franz Josef Bernrieder - Thomas' Großvater - hatte oft von dem Einsiedler erzählt, ihn manchmal auch mit zu sich nach Hause auf die Sägemühle eingeladen. Aus den Erzählungen wusste Thomas, wie verbunden sich sein Großvater mit Pater Munsonius fühlte.

Der Pater wandte sich an den Sägemüller.

"Er ist friedlich eingeschlafen", war der Einsiedler überzeugt. "Und das kann gewiss net von jedem behauptet werden, der die Augen für immer schließt, um vor den Herrgott zu treten."

Einige Augenblicke herrschte Schweigen.

Dann entfuhr es Thomas: "Reden Sie von unserem Großvater?"

Pater Munsonius nickte. "Ja, Thomas. Dein Großvater ist von uns gegangen..." Er legte dem jungen Burschen tröstend die Hand auf die Schulter. Thomas schüttelte nur stumm den Kopf. Der Großvater tot? Gewiss, er hatte ein beachtliches Alter erreicht. Fast neunzig Jahre war er inzwischen geworden, auch wenn ihm das niemand angesehen und er bis vor ein paar Jahren sogar noch hier und da in der Sägemühle ausgeholfen hatte. In den letzten Jahren hatte er sein Pensum auf einen täglichen Spaziergang zum nahen Hochwald reduziert.

Aber nie hatte man den Eindruck gehabt, einen hinfälligen Greis vor sich zu haben. Mit seinem Tod hatte Thomas einfach nicht gerechnet.

"Er hatte ein erfülltes Leben, wie sonst nur wenige auf Gottes Erdenrund", hörte Thomas den Pater sagen. "Daran solltest du denken."

Thomas fühlte einen dicken Kloß in seinem Hals.

Er war unfähig, auch nur eine einzige Silbe herauszubringen.

So nickte er nur stumm.

Erinnerungen stiegen in ihm empor. Von Kindheit an war der Großvater für Thomas eine wichtige Bezugsperson gewesen.

Pater Munsonius wandte sich an Seppl Bernrieder, den Sägemüller. Auch der blickte ziemlich betroffen drein. Er starrte ins Nichts, während seine Frau das Gesicht für einige Augenblicke in den Händen barg.

"Es war gut, dass du mich noch hast rufen lassen", erklärte der Pater.

"Es war der Wunsch meines Vaters", erwiderte der Bernrieder-Seppl. "Immer wieder hat er mich geradezu beschworen, den Munsonius herzubringen, damit er mit dem die letzten Dinge besprechen könne..."

Und genau das hatte Seppl Bernrieder getan.

Pater Munsonius lebte in einer Berghütte am Rande des Hochwaldes. Kein Auto konnte bis dorthin fahren. Das letzte Stück des Weges musste man wohl oder übel zu Fuß gehen.

Außerdem besaß der Einsiedler kein Telefon. So hatte Seppl Bernrieder seinen Gehilfen Cornelius aus dem Schlaf geklingelt und ihn gebeten, den Pater herbeizuholen.

Schließlich hatte der Sägemüller seinen sterbenden Vater auch nicht allein lassen wollen.

Einen Arzt hatte Seppl ebenfalls herbeigerufen.

Aber Dr. Martin Eder, der junge Arzt, der sich im nahen Ort Kayserstein niedergelassen hatte, war ausgerechnet an diesem Abend zu einem Notfall auf einem abgelegenen Gehöft gerufen worden.

In diesem Moment fuhr ein Wagen vor. Das musste er sein.

Augenblicke später stand der junge Arzt in der Tür.

"Sie kommen zu spät", erklärte Seppl Bernrieder mit ernstem Gesicht.

"Das tut mir leid", erklärte der junge Arzt mit tonloser Stimme.

Dann folgte er dem Sägemüller ins Totenzimmer.

"Der Großvater war schon den ganzen Nachmittag so eigenartig schweigsam", stellte die Sägemüllerin jetzt fest. "Dass er sich schon am frühen Abend zu Bett legen wollte, ist auch net gerad seine Art gewesen." Sie seufzte hörbar. "Und dann hat er schließlich verlangt, Sie zu holen, Pater Munsonius. Vielleicht stand er seit dem Tod seiner Frau Ihnen näher als sonst irgendeinem Menschen."

"Ja", nickte der Pater. "Wir kennen uns eine halbe Ewigkeit. In der Schule haben wir net in einer Bank sitzen dürfen, weil der Lehrer gemeint hat, dass wir zuviel miteinander redeten." Ein mildes Lächeln umspielte den Mund des Einsiedlers. Einige der tiefen Furchen, die sich durch sein wettergegerbtes Gesicht zogen, glätteten sich dabei. In seinen Gedanken schien der Mönch in die Vergangenheit zurückzuwandern.

"Werden Sie die Totenmesse für ihn lesen?", fragte die Bernriederin.

"Nun, ich bin zwar geweihter Priester, aber net der zuständige Gemeindepfarrer und..."

"Bitte!", beschwor ihn die Bernriederin. "Sie wissen ganz genau, dass sich mein Schwiegervater nix so sehr gewünscht hätte wie das. Und was Ihren Amtsbruder angeht, den Pfarrer im Dorf... mei, das wird doch wohl zu regeln sein!"

Dass der Dorfpfarrer und der alte Einsiedler sich nicht immer ganz grün waren, war ein offenes Geheimnis in der Gegend. Aber durfte das wirklich bei dieser Sache eine Rolle spielen?

Pater Munsonius nickte.

"Machen Sie sich keine Sorgen, ich werde das schon regeln."

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Genau an jenem Tag, an dem Thomas und Andrea eigentlich zum Tanzen hatten gehen wollen, fand die Beerdigung des Franz Josef Bernrieder statt.

Fast das gesamte Dorf drängte sich in der uralten Kirche des kleinen Ortes Kayserstein und nahm von dem beliebten alten Bernrieder Abschied.

Die Tage gingen dahin, und da es bei den Bernrieders im Augenblick viel zu regeln gab, was mit dem Tod des Großvaters in Zusammenhang stand, hatte Thomas wenig Zeit für seine Andrea.

Erst in der darauffolgenden Woche gingen Thomas und Andrea dann zum Dorftanz nach Kleinwanger, dem Nachbarort. Eine zünftige Musi spielte auf und immer wieder drehten die beiden sich über den Tanzboden, bis sie schließlich ganz erschöpft waren.

"Mei, ich glaub, ich kann net mehr!", sagte Andrea. "Mir ist schon ganz schwindelig!"

Thomas lächelte. "Dann lass uns hinaus gehen und etwas frische Luft schnappen!"

"Nix dagegen, Thomas!"

Und so gingen sie ins Freie.

Die Sterne am Himmel funkelten wie kostbare Edelsteine und der Mond bildete ein großes, hell leuchtendes Oval. Sie gingen ein paar Schritte den holperigen Weg entlang, der zum Festzelt führte.

Thomas legte behutsam den Arm um Andreas' Schulter.

Das Madl seufzte dabei und schmiegte sich an ihn.

"Mei, bin ich froh, dass wir zwei uns gefunden haben", stieß Andrea dann hervor.

Thomas strich Andrea über das Haar. "Mir geht es genauso", meinte er.

Sie sahen sich dann einige Augenblicke lang schweigend an.

Andrea bemerkte, wie sich das Mondlicht in seinen Augen spiegelte. Ihre Blicke verschmolzen miteinander. Andrea fühlte einen wohligen Schauer über ihren Rücken laufen, dann trafen sich ihre Lippen zu einem Kuss.

Andrea schlang ihre Arme um Thomas.

"Mei, ich möchte dich für immer so festhalten", sagte sie, als sich ihre Lippen wieder voneinander gelöst hatten.

"Und ich hätt wirklich net das geringste dagegen einzuwenden", erwiderte er.

Sehr spät erst brachte Thomas Bernrieder Andrea nach Hause.

Die beiden verabschiedeten sich mit einer innigen Umarmung.

Dann trat Andrea ins Haus und versuchte dabei, so wenig Krach wie möglich zu machen. Sie hörte noch, wie Thomas' Wagen davonfuhr. Die Eltern waren längst zu Bett gegangen. Andrea zog die Schuhe aus, schlich durch die Schankstube und verzichtete dabei sogar darauf Licht zu machen. Schließlich gelangte sie in den privaten Teil des Hauses, durchquerte die Stube und ging die Treppe ins Obergeschoss hinauf, wo sich ihre eigene Kammer befand.

Auf dem Flur ließ der Anblick einer sich lautlos fortbewegenden und mit einem Nachthemd bekleideten Gestalt das Madl kurz erschrocken zusammenfahren.

Dann atmete Andrea erleichtert aus.

"Mei, du bist es Petra!"

Petra, ihre jüngere Schwester hatte sich ebenfalls erschrocken.

"Ich hab schon gedacht, dass ein Einbrecher im Haus ist!", gestand das Madl.

"Gut, dass du noch keinen Alarm geschlagen hast!"

"Das kannst wohl laut sagen, Andrea!" Dann nahm Petra ihre Schwester am Arm und zog sie mit sich. Ein paar Meter waren es nur bis zu Petras Kammer. Sie machte die Tür auf und zog Andrea mit hinein.

"Was soll das denn werden?", fragte Andrea sichtlich erstaunt.

"Nun erzähl schon, wie ist es gewesen!", verlangte ihre jüngere Schwester zu wissen.

Andrea unterdrückte ein Gähnen.

"Mei, ich bin wirklich hundemüde. Den ganzen Abend haben wir uns auf dem Tanzboden gedreht, bis mir ganz schwindelig war und dann..."

"Und dann?", hakte die Schwester nach.

Andrea stemmte die schlanken Arme in die Hüften.

"Geh, Schwesterherz, findest net, dass du ein bisserl neugierig bist?"

"Mei, man wird ja wohl mal fragen dürfen", erwiderte Petra mit schmollendem Gesicht. Genau das war ihre Masche.

Andrea kannte ihre Schwester gut genug, um sich zumindest vorzunehmen, nicht darauf hereinzufallen. Aber zumeist blieb es bei dem Vorsatz. Petra wusste halt, wie man am Ende das bekam, was man wollte.

"Petra, ich erzähl dir morgen bestimmt alles..."

"Jedes Detail?"

"Naja, fast jedes."

"Hat der Thomas dir eigentlich schon einen Heiratsantrag gemacht?"

Jetzt hatte Petra den Bogen überspannt. Andrea warf den Kopf in den Nacken und wandte sich zur Tür. "Ich wüsste net, was dich das angeht!"

"Also noch net!", schloss Petra messerscharf.

"Es gibt doch keinen Grund, das zu überstürzen, finde ich."

Petra zuckte die Achseln. "Ich woaß net..."

"Was woaßt net?", hakte Andrea nach.

"Mei, wenn ich den Richtigen gefunden hätte, den würde ich festhalten und dafür sorgen, dass er mir net wieder durch die Lappen geht! Schau dir die Burschen in der Umgebung doch an! Die Traumtypen sind ja wohl stark in der Minderzahl, wenn ich das recht beurteile!"

Andrea lächelte geheimnisvoll.

"Es war jedenfalls ein sehr schöner Abend... Aber heute kein weiteres Wörtl mehr darüber!" Sie unterdrückte erneut ein Gähnen. "Ich muss jetzt wirklich in die Kissen, sonst komme ich morgen früh net aus den Federn."

Andrea hatte die Tür zum Flur bereits geöffnet, da hielten Petras Worte sie ein letztes Mal zurück.

"Hast übrigens schon davon gehört, wer jetzt wieder im Dorf ist und die Praxis vom alten Kötterer übernommen hat?"

Andrea atmete tief durch und drehte sich halb zu ihrer Schwester herum. Sie flüsterte: "Ja, davon hat ja wohl jeder hier in der Gegend schon gehört!"

"Der Eder-Martin! Jetzt nennt er sich Dr. Martin Eder - so steht es an seiner Praxistür. Als der Eder-Martin damals wegging hätte ich net im Traum gedacht, dass einer wie er nochmal den Weg zurück nach Kayserstein findet, wenn er erstmal studiert hat."

"Hat er aber."

"Bist du inzwischen schon einmal bei ihm gewesen, Andrea?"

"Nein, bin ich net!", sagte Andrea mit einem deutlich gereizten Unterton. "Und nun lass mich schlafen."

"Warum eigentlich net? Du und der Eder-Martin, ihr wart doch früher..."

"Früher war früher, Schwesterherz!", schnitt Andrea ihr das Wort ab. "Mit der Gegenwart hat das alles nix mehr zu tun."

"Wirklich net?"

"Geh, Petra!"

Andrea verließ den Raum, während sie von ihrer Schwester noch ein geflüstertes "Gute Nacht!" vernahm. Müde ging sie wenig später in ihre eigene Kammer. Vor ihrem inneren Auge erschien ganz kurz das Gesicht des Eder-Martin. Ja, bevor der Martin das Dorf verlassen hatte, da hatte sie einmal kurzzeitig für ihn geschwärmt. Aber das war vorbei. Im Augenblick war ihr Herz vollkommen besetzt. Net ein winziger Winkel war da noch für einen anderen frei. In dem Punkt war Andrea sich vollkommen sicher.

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Am Vormittag des nächsten Tages kam Seppl Bernrieder in den Gasthof ZUM GIPFEL. Normalerweise gehörte der vielbeschäftigte Sägemüller nicht zu den Stammgästen. Wenn er überhaupt einmal dazu kam, in Ruhe ein Glas Rotwein zu trinken, dann tat er es im Dorfgasthof in Kayserstein.

Ludwig Ramayer war um diese Zeit allein im Schankraum.

Eigentlich war noch gar nicht geöffnet. Der Wirt war um diese Zeit meistens damit beschäftigt, aufzuräumen, den Boden blank zu wienern und die Gläser zu spülen.

Um so verwunderter war er über den frühen Gast.

"Mei, Sägemüller, was führt dich denn schon um diese Zeit hier her!", stieß er überrascht hervor.

Seppl Bernrieder atmete tief durch. Sein Kopf war hochrot. Er druckste etwas herum und brachte schließlich heraus: "Wir müssen miteinander reden, Ludwig."

Ludwig Ramayer zuckte die Achseln und stellte seine Gläser zur Seite.

"Na, immer heraus damit. Worum geht es denn?"

"Um den Pachtvertrag über das Stückerl Land, das an euer Gasthaus angrenzt..."

"...und das wir Gottseidank als Parkplatz zur Verfügung haben!", vollendete der Ramayer. "Sonst könnten wir den GIPFEL wohl dicht machen. Heutzutage ist das eben so. Ohne ausreichenden Parkplatz läuft gar nix mehr."

"Ich weiß, ich weiß", nickte der Bernrieder. "Mein verstorbener Vater hat euch das Stück Land ja zu äußerst günstigen Bedingungen überlassen."

"Wofür ich ihm ewig dankbar sein werd", erklärte Ludwig Ramayer. "Für einen Außenstehenden mag es zwar so aussehen, als wäre der GIPFEL eine Goldgrube, aber die Wahrheit sieht leider ein bisserl anders aus. Wir kommen gerade rund und können uns gegen die Konkurrenz halten."

Der Sägemüller hob die Schultern und steckte etwas verlegen die Hände in die engen Taschen seiner Krachledernen.

"Ein Geschäftsmann, der net herumklagt, ist doch keiner!", meinte er, "jedenfalls hat das unser seliger Vater immer gesagt."

"Na, nun übertreibst aber ein bisserl!", fand der Wirt.

Seppl Bernrieder seufzte hörbar. "Ich will die Sach jetzt mal auf den Punkt bringen, Ludwig - so unangenehm es auch ist! Aber glaub mir, für mich ist das genauso schwierig wie es für dich sein wird!"

Der Ramayer runzelte die Stirn. Was druckste der Sägemüller so herum und brachte nicht einfach klipp und klar auf den Tisch, was er wollte.

"Nun red keinen Schmarrn, Seppl. Wir kennen uns seit frühester Jugend und können ja wohl miteinander reden wie erwachsene Männer."

Seppl Bernrieder nickte. "Woaßt unser Vater, der hat manches auf eine Art und Weise geregelt, die vielleicht net mehr so ganz zeitgemäß ist... Das gilt zum beispielsweise für den niedrigen Pachtzins, den ihr für die Parkplatz-Fläche zu bezahlen habt."

"Jetzt ist es also heraus", entfuhr es dem Wirt ziemlich ärgerlich. Er verschränkte die Arme vor der Brust. "Hast aber lange gebraucht, um mir mit vielen Verrenkungen klarzumachen, dass du mehr Pacht von mir willst!"

"Mei, es ist net persönlich gemeint, aber..."

"Net persönlich ist es gemeint!", echote Ludwig Ramayer, dessen Gesicht jetzt dunkelrot anlief. "Aber die höhere Pacht, die soll ich dann schon 'persönlich' bezahlen..."

"Geh, Ramayer, nun sei doch net so starrsinnig!"

"Starrsinnig? Ich?"

"Wir können doch vernünftig darüber reden. Ein so geringer Pachtzins, und das über Jahre... Ich muss halt auch mit spitzer Feder rechnen! Kannst das net einsehen?"

Der Wirt nickte. Seine Nasenflügel bebten. Er musste sich sehr beherrschen, um noch einigermaßen die Fassung zu wahren. "Ja, ich versteh schon, woher jetzt der Wind weht. Kaum ist der alte Bernrieder Franz Josef unter der Erde, da wirfst auch schon alles über Bord, wofür der Alte gestanden hat! Alles, was deinem Vater wichtig und teuer wahr. Zum Beispiel, dass man sich an gegebene Versprechen hält und Verträge einhält!"

"Aber dieser niedrige Pachtzins, der kann doch net bis in alle Ewigkeit weiter gelten!", ereiferte sich der Bernrieder. "Sollen in hundert Jahren deine Nachfahren auch noch die paar Groschen zahlen? Das ist dich lächerlich, Ludwig! Mei, so verbohrt kannst ja noch net einmal du sein!"

"Und was schwebt dir so als neuer Pachtzins vor?", fragte der Wirt, in dessen Seele es kochte.

"Mei, das Doppelte wäre immer noch ein günstiger Preis."

"Red doch keinen Schmarrn!"

"Ich red keinen Schmarrn! Wenn ich das Stückerl Land an einen der Bauern in der Umgebung verpachten würde, könnte ich sogar noch weit mehr herausschlagen!" Der Sägemüller nahm die Hände aus den Taschen und ballte sie zu Fäusten. Was bildete sich der Ramayer eigentlich ein?, durchzuckte es ihn.

Hatte jahrelang die Gutmütigkeit des alten Bernrieders ausgenutzt und jetzt noch net einmal den Schneid, einer Pachterhöhung zuzustimmen. "Vielleicht sollte ich das wirklich tun!", knurrte der Bernrieder dann.

"Was? An einen Bauern verpachten?"

"Wirst schon sehen, was deine feinen Touristen sagen, wenn hier regelmäßig der Dünger ausgefahren wird und man auf deiner Terrasse nur noch mit einer Wäscheklammer auf der Nase sitzen kann!"

"Ich habe mit deinem Vater einen Vertrag geschlossen", gab Ludwig Ramayer zu bedenken. "Und dieser Vertrag ist auf unbestimmte Zeit geschlossen. Er ist gültig! Sieh das ein, Seppl! Du kannst diese Fläche net einfach anderweitig verpachten!"

"Dann kündige ich eben hiermit den Vertrag", knurrte der Bernrieder. "Hast recht verstanden? Ich kündige den Pachtvertrag einfach auf."

"Zumindest bis zum Jahresende kannst gar nix machen, Bernrieder!"

Der Sägemüller hob die Augenbrauen. "Ach nein? Das werden wir ja sehen!"

Und mit diesen Worten stapfte er wutentbrannt aus dem Schankraum heraus ins Freie. Lautstark flog hinter ihm die Tür ins Schloss.

In diesem Moment trat die Ramayerin in den Schankraum. Sie kam aus der Küche. Offenbar hatte sie den lautstarken Streit der beiden Männer mitangehört.

"Was ist denn los zwischen dem Bernrieder und dir. Habt ihr euch net immer gut verstanden."

"Das ist lange her", knurrte Ludwig Ramayer düster. "Damals waren wir Schulbuben. Aber die Zeiten scheinen sich geändert zu haben."

"Geh, Ludwig, was red'st denn da!", entfuhr es der Ramayerin etwas befremdet, als sie das finster entschlossene Gesicht ihres Mannes bemerkte.

Der Wirt rang in einer Geste der Verzweiflung mit den Armen.

"Den Parkplatz will er uns wegnehmen, der Bernrieder!", stieß er dann wütend hervor. "Verstehst jetzt, warum ich so angefressen bin!"

Die Ramayerin trat zu ihrem Mann und legte ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter. "Mei, es wird schon net so heiß gegessen wie gekocht wird", war sie überzeugt.

Der Wirt zuckte die Achseln.

"Ich kann nur hoffen, dass du recht hast", murmelte er.

Aber er hatte das untrügliche Gefühl, dass in dieser Sache das letzte Wort noch nicht gesprochen war.

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"Was hast du getan?" Thomas Bernrieder sah seinen Vater fassungslos an.

"Mei, ich sag's doch! Dem Ramayer hab ich den Pachtvertrag gekündigt!"

Sie saßen zusammen in der Stube. Die Bernriederin hatte das Mittagessen auf den Tisch gestellt, aber im Augenblick hatte niemand so recht Hunger.

"Ich glaube kaum, dass das im Sinne des Großvaters gewesen wäre", gab Thomas seiner Überzeugung Ausdruck.

"Die Zeiten haben sich geändert, und wir müssen auch sehen, dass wir über die Runden kommen", verteidigte sich der Bernrieder. "Hast vielleicht vergessen, wie uns der Borkenkäfer im letzten Jahr zugesetzt hat? Unser Waldbestand hat erheblich an Wert verloren und die Aufträge für die Sägemühle sind auch net zahlreicher geworden! Ganz schön abstrampeln müssen wir uns..."

"Mei, wem sagst denn das", brummte Thomas. Er war ja schließlich Tag für Tag in der Sägemühle und wusste ganz genau, was sich da tat. Natürlich war dem jungen Mann klar, dass die Konkurrenz hart geworden war. Härter vielleicht als zu den Zeiten, in denen der Großvater noch den Betrieb geführt hatte.

Aber konnte das heißen, dass man deshalb alte Übereinkünfte einfach über den Haufen warf und sich an nichts mehr gebunden fühlte?

"Ich gebe zu, dass mir das schon lange auf der Seele brennt", meinte nun der Sägemüller. "Aber solange der Vater noch am Leben war, da..."

"Da hast es net gwagt, einfach seinen Willen zu missachten!", fuhr Thomas ihm dazwischen.

Jetzt mischte sich die Bernriederin empört ein.

"Geh, Thomas! Wie red'st denn mit deinem Vater!"

Der Thomas hob die Schultern. Er war selbst ein bisschen erschrocken darüber, mit welcher Heftigkeit er reagiert hatte. Andererseits entsprach das, was er gesagt hatte, seiner Überzeugung. "Mei, ist es denn net wahr?"

"Ich verstehe ja, dass dir das net in den Kram passt...", versuchte ihn seine Mutter etwas zu beruhigen. Die Bernriederin war sichtlich bemüht, die aufschäumenden Wogen zwischen Vater und Sohn etwas zu glätten.

"Net in den Kram passt? Mein Vater hat sich mit der Familie meiner zukünftigen Braut vollkommen zerstritten - so sieht es aus! Und darüber soll ich mich net aufregen?"

Der Bernrieder sah seinen Sohn erstaunt an.

"Zukünftige Braut?", echote er. "Hab ich das richtig gehört?"

"Mei, das hab ich jetzt halt so gesagt."

"Soweit seit ihr also schon..."

"Wenn du meinst, dass ich die Andrea schon einmal gefragt hätt', dann bist auf dem Holzweg. Soweit sind wir dann doch noch net. Aber dran gedacht hab ich schon. Und bislang hast auch noch nie etwas gegen die Andrea einzuwenden gehabt..."

"Ich versteh dich ja, Bub! Die Andrea ist ein fesches Madl. Aber mit dem Pachtzins hat das nix zu tun."

"Und den Willen des Großvaters? Meinst net, dass du den vielleicht respektieren solltest?"

"Mei, der wusste doch gar net mehr, wie es im Geschäftsleben zugeht! Zu seiner Zeit hat man mit einem Handschlag unterschrieben - aber da hat man auch noch Gehilfen für ein paar Groschen anstellen können!"

Der Bernrieder atmete tief durch.

Seine Frau ergriff jetzt das Wort. "Wie seid ihr denn nun verblieben, der Ramayer und du?", erkundigte sie sich.

"Verblieben?" Ihr Mann lachte heiser auf. "Der Ramayer besteht auf seinem Vertrag - und ich auf der Kündigung und einem höheren Zins! So ist es ausgegangen. Wir werden ja sehen, wer am Ende den längeren Atem hat...."

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7

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An einem der folgenden Tage ging ein Einschreiben auf dem Gasthof ZUM GIPFEL ein. Darin wurde der bestehende Pachtvertrag fristlos gekündigt.

Ludwig Ramayer regte sich darüber furchtbar auf. "Vertrag ist Vertrag!", schimpfte er. "Denn kann man net einfach fristlos kündigen, bevor er abgelaufen ist!"

Seine Frau versuchte ihn zu beruhigen. "Mei, vielleicht könnt ihr euch doch wieder an einen Tisch setzen, der Bernrieder und du."

Ludwig Ramayer sah seine Frau mit gerunzelter Stirn an. Sie war gerade damit beschäftigt gewesen, die Küche für den später am Tag beginnenden Restaurationsbetrieb vorzubereiten, als der Postbote das Einschreiben gebracht hatte.

Ludwig Ramayer hielt das Schriftstück in der rechten Hand und zerknüllte es nun.

"Meinst wohl, ich soll klein bei geben, was?", brummte er. "Aber ich bestehe auf meinem Recht!"

"Geh, Ludwig, so hör doch mal!"

"Nur, weil unsere Tochter sich in den Sohn vom Sägemüller verguckt hat, muss ich das net mit barer Münze bezahlen!"

"Nun red' keinen Schmarrn!", verschaffte sich die Ramayerin jetzt Gehör und der Wirt blickte seine Frau erstaunt an. Es kam nicht oft vor, dass sie derart entschieden auftrat. Und wenn, dann konnte man davon ausgehen, dass sie es sehr ernst meinte. Die Wirtin atmete tief durch und fuhr dann fort: "Ein bisserl entgegenkommen könnst dem Bernrieder - das ist es, was ich meine!"

"Entgegenkommen? Und warum, wenn ich dich das mal fragen dürfte? Wer ist denn hier im Recht? Wem hat der alte Bernrieder denn einen langfristigen Vertrag über das Grundstück gegeben?" Er schüttelte energisch den Kopf. "Na, ich werd' es in aller Ruhe auf einen Prozess ankommen lassen!"

"Ludwig! So etwas unter Nachbarn!"

"Das ist mir einerlei! Soll der Bernrieder doch wieder zur Besinnung kommen! Was ist auch in ihn gefahren, dass er plötzlich diesen Streit vom Zaun bricht!"

"Und nun stell dir einmal vor, unser Madl und der Bub vom Bernrieder werden wirklich ein Paar! Willst so einen Hader vielleicht in der eigenen Familie haben?"

"So weit ist es noch lange net, Maria! Da fließt noch eine Menge Schmelzwasser in die Täler!", war der Ramayer überzeugt.

Seine Frau hob die Schultern. "Wenn du dich da mal net täuschst..."

"Mei, als ob das jetzt so wichtig wär!"

"Ludwig!" Die Ramayerin fasste ihren Mann bei den Schultern. "Du könntest doch wirklich ein bisserl auf den Bernrieder zugehen!"

"Und ihm eine höhere Pacht zahlen? Meinst du das vielleicht?"

"Geh, Ludwig, du musst zugeben, dass dir der alte Bernieder wirklich ausgesprochen wenig für den Parkplatz abgenommen hat! Ich weiß net, warum, aber ein bisserl mehr könnte uns die Fläche schon wert sein, schließlich verdienen wir dadurch doch ein Vielfaches!"

"Aber Vertrag ist Vertrag - und du wirst jawohl net behaupten können, das der alte Bernrieder net mehr bei Sinnen war, als er uns das Stückerl Land überließ..."

"Aber seitdem haben sich doch die Zeiten schon ein bisserl geändert. Also ich versteh den Bernrieder schon..."

Ludwig Ramayer sog jetzt die Luft ein und vergaß um ein Haar, sie auch wieder herauszublasen. "Das habe ich schon gerne!", schimpfte er. "Meine eigene Frau fällt mir in den Rücken!" Mit diesen Worten stapfte er wütend davon.

"Ludwig!", rief ihm die Ramayerin noch hinterher. Sie wollte ihm zunächst noch folgen, stoppte dann aber und seufzte hörbar.

Solange er dermaßen wütend ist, hat es ohnehin keinen Sinn, mit ihm zu reden!, wurde ihr klar. Besser ich warte damit, bis er sich wieder etwas beruhigt hat!

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8

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"Komm, Bub, du musst mir helfen!", forderte Sepp Bernrieder an seinen Sohn gewandt, der sich ziemlich erstaunt den großen Transporter für Holzstämme ansah.

"Warum hast denn die Zugmaschine wieder vor die Ladung Baumstämme gesetzt?", fragte Thomas irritiert. "Ich dachte, dass diese Stämme heute zersägt werden sollten!"

Er hatte draußen das Motorengeräusch gehört und war deswegen aus dem Haus getreten.

"Diese Stämme will ich zu unserer Wiese am Hochwald bringen", meinte er.

"Zu dem Stückerl, das wir dem Ramayer verpachtet haben!"

"Hatten!", korrigierte der Sägemüller. "Ich hob dir doch erzählt, dass ich den Vertrag fristlos gekündigt hab!"

Thomas trat etwas näher und nickte dann. "Freilich, davon hast mir erzählt. Aber ich hab dir auch meine Meinung dazu gesagt!"

"Und ich dir die meine!", erinnerte ihn sein Vater. "Nur wegen so einem G'spusi von meinem Sohn kann ich doch net auf mein Recht verzichten!"

"Der Großvater..."

"Nun fang net wieder damit an, Thomas! Die Sache ist ausdiskutiert - und zwar endgültig. Der Großvater lebte net mehr in unserer Zeit!"

"Und was hast nun mit den Baumstämmen vor?"

Dem Thomas schwante bereits Übles.

"Mei", druckste der Bernrieder herum und hob die Schultern.

Er nahm den Filzhut vom Kopf und wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. "Der Ramayer, dieser Dickschädel, der ignoriert meine fristlose Kündigung einfach. Es hat sich nix geändert! Noch immer steht das Stückerl Land voll von Autos. Und da hab ich mir halt gedacht, dass ich meinen berechtigten Forderungen etwas Nachdruck verleihe."

"Nachdruck verleihen? Was soll das heißen?", hakte Thomas nach.

"Ich will die Stämme auf der Wiese ablegen..."

"...so dass es net mehr möglich ist dort zu parken! Das ist es doch, worauf du hinaus willst!", stellte der Thomas entsetzt fest. "Etwas in der Art habe ich schon befürchtet!"

"Mei, was heißt denn hier 'befürchtet'?", erwiderte der Bernrieder. "Soll das etwa heißen, dass du mir net helfen willst?"

"Geh, Papa, das ist doch Schikane, was du vorhast!"

"Und dass der Ramayer so tut, als würde der Vertrag noch gelten - ist das vielleicht keine Schikane?"

"Papa!"

Der Bernrieder machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ich versteh schon! Auf dich kann ich jetzt net zählen!" Er wandte sich herum und rief Xaver und Cornelius herbei, die beiden Gehilfen aus der Sägemühle. Augenblicke später saßen die drei im Führerhaus der Zugmaschine. Die Ladung Baumstämme setzte sich in Bewegung.

Thomas starrte dem gewaltigen Gefährt fassungslos nach und schüttelte dabei stumm den Kopf.

So ein verbohrter Sturkopf!, ging es ihm ärgerlich durch den Kopf. Musste er denn derart halsstarrig auf seinem Standpunkt bestehen und jetzt sogar zu Mitteln greifen, die so rabiat waren, dass man nur das Schlimmste befürchten konnte...

Thomas fühlte sich ohnmächtig.

Was sollte er nur tun?

Gerade jetzt, da seine Liebe zu Andrea Ramayer aufgekeimt war, musste dieser Hader zwischen den beiden Familien aufkommen.

Familien, die sich über Generationen hinweg in guter Nachbarschaft geübt hatten.

Unterdessen war Clara Bernrieder, die Frau des Sägemüller aus dem Haus getreten. Sie lief zu ihrem Sohn. Ihr Gesicht drückte Sorge aus.

"Thomas!", rief sie aus. "Du bist noch hier..."

"Ja sicher! Glaubst vielleicht ich fahr mit dem Vater zum Ramayer hinaus und helfe ihm, die Wiese, die der als Parkplatz nutzt, mit dicken Baumstämmen vollzulegen?" Thomas schüttelte den Kopf. "Den Schmarrn soll er allein hinter sich bringen! Aber auf meine Hilfe kann er dabei net zählen!"

Clara Bernrieder seufzte.

"Ich habe alles mitbekommen... Und eigentlich habe ich gehofft, dass du doch mit ihm gehst!"

"Geh, Mutter! Warum denn das?"

"Weil du vielleicht das Schlimmste verhindern könntest! Stell dir vor, der Ramayer sieht deinen Vater, wie er die Baumstämme ablegt! Mei, Mord und Totschlag gibt das am Ende!"

Thomas atmete tief durch. Er fühlte seinen Puls bis zum Hals schlagen.

"Hättest du ihn denn net davon abhalten können?"

"Er hat doch auch net auf mich gehört, als er dem Ramayer die Kündigung zustellte."

"Wahrscheinlich sehen wir uns alle bald vor Gericht wieder!"

"Thomas! Ich bitte dich! Nimm den Wagen und fahr hinterher! Ich weiß, was für große Stücke dein Vater auf dich hält und für wie wichtig er deine Meinung in jeder Frage nimmt!"

"Nur leider wohl net in dieser", gab Thomas zurück. Er überlegte kurz, dann nickte er. "Gut, Mutter. Ich werd' mein bestes versuchen..."

Thomas lief kurz entschlossen zu dem Geländewagen, der neben der Sägemühle geparkt war. Während er einstieg und sich ans Steuer setzte, dachte er: Es ist doch zu dumm! Der Vater rechnet mir vor, wie viel Geld er durch den Pachtvertrag mit dem Ramayer verloren hat - aber jetzt ist niemand mehr in der Sägemühle!

Wahrscheinlich würde der Betrieb den ganzen Morgen über stillstehen!

Thomas fuhr los.

Nein, hier ging es wohl nur noch darum, Recht zu bekommen und sich durchzusetzen, wurde dem Sohn des Sägemüllers klar.

Er dachte an Andrea. Das feingeschnittene Gesicht des hübschen Dirndls erschien vor seinem inneren Auge. Ihr bezauberndes Lächeln, die leuchtenden Augen...

Thomas hatte das Gefühl, noch nie so verliebt gewesen zu sein wie zur Zeit. Und er war wild entschlossen, sich das nicht zerstören zu lassen. Auch nicht durch die Rechthaberei seines eigenen Vaters!

Der Thomas fuhr sehr schnell.

Eigentlich viel zu schnell für die sich in engen Serpentinen durch die Berglandschaft ziehenden Straßen.

Plötzlich musste er stark in die Bremsen treten. Mit quietschenden Reifen kam der Geländewagen zu stehen, rutschte etwas.

Eine Herde Schafe überquerte die Straße.

Die Tiere drängten sich über die schmale Fahrbahn. Das Blöken war geradezu ohrenbetäubend, übertönte selbst das Motorengeräusch des Geländewagens. Ein Hirtenhund kläffte wild herum und versuchte, seine Herde zusammenzuhalten. Durch die Masse der Tierleiber hindurch watete der Schäfer. Thomas kannte ihn von frühester Jugend an. Es war der Scharbacher-Peter. Er fuchtelte aufgeregt mit den Armen.

Thomas ließ die Seitenscheibe des Geländewagens herunter.

"Geh, Bernrieder, was ist denn in dich gefahren! Fährst hier wie ein Formel 1-Fahrer durch die Berge und ich kann sehen, wie ich meine Tiere wieder beruhige!"

Thomas zuckte mit den Schultern.

"Tut mir leid, Scharbacher, aber ich hab's ziemlich eilig!"

"Ein bisserl musst dich schon gedulden! Die Tiere sind jetzt ganz durcheinander."

Es dauerte länger, als es Thomas lieb war. Normalerweise wäre es eine Kleinigkeit für ihn gewesen, den Holztransporter mit dem Geländewagen einzuholen. Aber so sah die ganze Sache natürlich schon anders aus. Thomas blickte auf die Uhr.

Wahrscheinlich hatte sein Vater die Wiese beim Ramayer schon erreicht und hatte schon damit angefangen, die Stämme abzuladen.

Als endlich die Tiere von der Straße heruntergescheucht worden waren, konnte Thomas endlich weiterfahren.

Wahrscheinlich ist sowieso alles umsonst, überlegte er.

In der Ferne tauchte schließlich der Gasthof ZUM GIPFEL auf. Daneben die Wiese, auf der zu späterer Tageszeit zahlreiche Gästeautos zu parken pflegten. Aber an diesem Tag würde das wohl kaum noch der Fall sein.

Thomas stoppte den Geländewagen und sprang heraus. Gerade in diesem Moment wurden die dicken Baumstämme vom Transporter heruntergelassen. Das Grundstück war abschüssig, so rollten sie ein stückweit, ehe sie liegen blieben.

Seppl Bernrieder stand mit triumphierendem Gesichtsausdruck daneben, während sich seine beiden Gehilfen schulterzuckend und etwas ratlos ansahen.

"Hier wird so schnell kein Wagen mehr parken!", meinte der Sägemüller lauthals. Dann bemerkte er Thomas und ging auf ihn zu.

"Kommst ein bisschen zu spät, um mir noch helfen zu können", meinte er.

Thomas wollte etwas erwidern, aber er hatte auf einmal das Gefühl, einen dicken Kloß im Hals zu haben. Nicht ein einziges Wort brachte er heraus.

Stattdessen meldete sich Cornelius, einer der beiden Gehilfen des Sägemüllers zu Wort. Er deutete in Richtung des Wirtshauses und raunte: "Der Ramayer ist im Anmarsch!"

Seppl Bernrieder wirbelte herum und sah dem wutentbrannt auf ihn zustrebenden Wirt entgegen.

"Soll er nur kommen", murmelte Seppl Bernrieder. "Einfach ignorieren kann er vielleicht das Kündigungsschreiben, bis ein Richter es ihm um die Ohren schlägt! Aber net diese Baumstämme!"

Der Ramayer näherte sich schnell.

Er stieg über den ersten der Stämme hinüber, tat dies aber dermaßen hastig, dass er dabei beinahe zu Fall kam.

Schließlich blieb er stehen.

"Bernrieder! Was fällt dir ein, dieses Stückerl Land als Abladeplatz für Baumstämme zu benutzen!"

"Es ist mein Land und ich kann es nutzen, wie ich es will! Und wenn es mir gefällt, dann lass ich es sogar gänzlich brach liegen."

"Damit das Holz hier herumliegt, verfault oder von den Borkenkäfern aufgefressen wird?"

Der Bernrieder lachte dröhnend. "Das lass einmal meine Sorge sein, Ramayer!"

"Ich werde die Forstbehörde informieren und mich an das Gericht wenden!", ereiferte sich der Wirt. Sein Kopf war hochrot angelaufen.

"Tu das nur!", giftete der Sägemüller zurück. "Dies ist mein Land und ich kann hier tun und lassen, was ich will!"

Thomas lief zu seinem Vater. "Geh, Papa, so lass doch den Schmarrn. Das Ganze kann man doch auch anders lösen."

Der Bernrieder wirbelte zu seinem Sohn herum.

"Halt dich daraus, Bub, wenn du net auf meiner Seite bist! Kein Wörtl von dir mehr! Hast gehört!"

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Andrea hatte von draußen den Lärm vernommen. Zusammen mit ihrer Schwester Petra war sie gerade damit beschäftigt gewesen, den Schankraum zu wienern, damit in wenigen Stunden das Gasthaus für alle geöffnet werden konnte, die an zünftiger Küche und schöner Aussicht interessiert waren.

"Geh, was ist denn da los?", stieß Petra hervor.

Andrea sah aus dem Fenster und beobachtete gerade noch, wie der Vater auf den Parkplatz zulief. Der Wirt war in der Stadt gewesen, um dringende Besorgungen zu erledigen und einzukaufen. Jetzt stand der Lieferwagen mit offener Tür da, so eilig hatte es der Ludwig Ramayer gehabt.

Die Mutter trat aus der Küche heraus, wischte sich die Hände an der Schürze ab und blickte dann ebenfalls aus dem Fenster.

"Das gibt's doch net!", stieß sie dann hervor. "Der Bernrieder lädt Baumstämme ab - und mein Ludwig geht mit hochrotem Kopf geradewegs dorthin! Das kann nix Gutes geben!"

Kurz entschlossen lief die Ramayerin zur Tür hinaus.

Die beiden Töchter sahen sich kurz an, dann folgten sie der Mutter.

Noch bevor die Ramayerin den Ort des Geschehens erreicht hatte, holten die Töchter sie ein.

Dort war bereits alles in heller Aufregung.

Seppl Bernrieder und Ludwig Ramayerr lieferten sich ein lautstarkes Wortgefecht. Die Gehilfen des Bernrieders tauschten ratlose Blicke und warteten erst einmal ab.

Andrea erblickte zu ihrem Entsetzen den Thomas neben seinem Vater. Die beiden jungen Leute sahen sich an.

Die Ramayerin wandte sich indessen an ihren Mann, fasste ihn beim Arm. "Wir können da nix machen", meinte sie.

"Nix machen? Siehst denn net, was hier los ist? Alles mit Bäumen ausgelegt hat der Schuft! Genau so, dass kaum noch ein Auto hier stehen kann!"

"Mei, aber ihm gehört doch nun einmal dieses Stückerl Wiese! Da beißt keine Maus einen Faden ab!"

Jetzt meldete sich der Bernrieder zu Wort. "Vielleicht verstehst es ja, wenn deine Frau dir das erklärt!", höhnte er. "Dieses Grundstück gehört mir - und niemand anderem. Was mein Vater mit dir abgemacht hat, daran muss ich mich net gebunden fühlen!"

"Das musst du sehr wohl!"

"Geh doch vor Gericht, Ramayer! Oder hab ein Einsehen und zahl mir eine höhere Pacht!"

Der Ramayer deutete auf einen der dicken Stämme. "Das ist doch reine Schikane, was du hier betreibst! Nix anderes! Und soweit ich weiß, gibt es darauf in keinem Land der Welt einen Rechtsanspruch!"

Andrea wandte sich an Thomas, trat ein paar Schritte auf ihn zu und blieb dann stehen. Sie schüttelte den Kopf und öffnete halb den Mund, so als wollte sie etwas sagen. Aber innerhalb des nächsten Augenblicks brachte sie nicht einen einzigen Ton heraus.

Thomas schien es ebenso zu gehen.

Er schluckte.

"Andrea", flüsterte er.

"Mei, ich hät net gedacht, dass du so etwas mitmachst, Thomas!"

In Andreas' Augen glitzerten Tränen.

"Andrea! Ich habe ja nur versucht zu vermitteln!"

"Komm jetzt, Ludwig!", forderte unterdessen die Ramayerin ihren Mann energisch auf und fasste ihn dabei am Oberarm.

"Wir können ja juristisch dagegen vorgehen. Aber jetzt hier aufeinander loszuschimpfen wie die Rohrspatzen, das bringt doch nix!"

Der Wirt atmete tief durch.

Er sah seine Frau einige Augenblicke lang nachdenklich an, dann nickte er.

"Du hast recht", stellte er fest.

Gemeinsam drehten sie sich dann um und gingen zurück in Richtung des Wirtshauses ZUM GIPFEL. Petra folgte ihnen und schließlich Andrea.

"Andrea, warte!"

Andrea stand jetzt einfach nicht der Sinn danach, mit ihrem Thomas auch nur ein Wort zu wechseln. Zu enttäuschst war sie von ihm. Dass er seinem Vater nicht in den Rücken fallen konnte, das war auch ihr klar. Aber musste er sich wirklich an einer dermaßen schändlichen Aktion beteiligen?

Sie drehte sich nicht um, lief einfach weiter in Richtung des Wirtshauses.

Hinter sich hörte sie Schritte.

Nur Augenblicke, dann hatte Thomas sie eingeholt. Er fasste sie bei den Schultern.

"Andrea, nun warte doch! Wenn schon zwischen unseren Familien so ein Hader steht - dann müssen wir da doch net mitmachen!"

Andrea sah ihn an.

"Das habe ich bisher auch so gesehen", erwiderte sie.

"Na, dann is doch alles in Ordnung!"

"In Ordnung? Thomas, du kannst es doch net als 'in Ordnung' bezeichnen, wenn ihr hier alles mit Baumstämmen auslegt..."

"Geh, Andrea, so war das doch auch net gemeint!"

"Dann solltest du deine Worte vielleicht ein bisserl mehr abwägen!"

Sie sahen sich an.

Thomas nahm ihre Hände. Sie fühlten sich kalt an.

"Bist mir denn jetzt wieder gut, Andrea?"

Sie nickte.

"Lass uns ein anderes mal weiterreden. Im Moment ist vielleicht net gerad' der passende Zeitpunkt."

"Ich habe versucht, meinen Vater von seinem Vorhaben abzuhalten, aber ist genauso halsstarrig wie der deine!"

Andrea sah ihn ärgerlich an. "Was bitte ist mein Vater?", fuhr sie auf.

Thomas schüttelte lächelnd den Kopf. "Jetzt fangen wir net erneut an zu streiten!"

Andrea seufzte. "Naja - recht hast ja!"

"Mal sehen, vielleicht komm ich nachher noch vorbei und wir reden dann."

"Besser erst morgen", riet Andrea. "Ich hoffe, dass sich dann die Wogen bei uns etwas geglättet habe."

Thomas seufzte und nickte dann. "Wenn du meinst!"

"Ich hoffe, dass sich bald alles wieder einrenkt, Thomas", gab Andrea ihrer Hoffnung Ausdruck.

"Ja", nickte Thomas. "Das hoffe ich auch."

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Noch am selben Tag fuhr der Ramayer in die nächste größere Stadt, um einen Rechtsanwalt zu konsultieren. Die Sache wollte er nicht auf sich beruhen lassen.

Am Nachmittag fuhr Andrea nach Kayserstein, um ein paar dringende Besorgungen zu machen. Es waren nur Kleinigkeiten, für die es sich nicht lohnte, bis in die Stadt zu fahren. So war im Wirtshaus ZUM GIPFEL beispielsweise der Senf ausgegangen.

Und das ausgerechnet heute niemand mehr eine Weißwurst bestellen würde, darauf hatte es die Ramayerin nicht ankommen lassen wollen.

Andrea parkte den Wagen vor dem Laden vom Franzl Ingerer, der so gut wie alles führte, was man sich nur denken konnte.

Das Geschäft war angefülllt mit einem pittoresken Sammelsurium. Angefangen von Lebensmitteln, frischem Käse von Bauern aus der Umgebung bis zur Tageszeitung oder einem Paar Socken konnte man hier alles bekommen. "Wenn wir hier in Kayserstein einmal wieder eingeschneit sind, so wie vor dreiundzwanzig Jahren, dann werdet Ihr's schon sehen, was ihr an mir habt!", so pflegte der Ingerer immer zu sagen, wenn sich einige der jüngeren Leute aus der Umgebung etwas über ihn und sein Geschäft lustig machten.

Andrea stieg aus dem Wagen und ging gerade auf die Ladentür zu, da kam gerade ein junger Mann heraus, den sie nur zu gut kannte. Zwar hatte sie ihn einige Jahre lang nicht gesehen, aber ihr kam es so vor, als hätte er sich kein bisschen verändert. Vielleicht mit der Ausnahme, dass er früher nicht mit einer Arzttasche in der Hand und einem Stethoskop um den Hals herumgelaufen war.

"Andrea!", stieß der junge Mann etwas verdutzt hervor, dann erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht.

"Martin", murmelte Andrea - ebenso verdutzt wie ihr gegenüber.

Das war er also, der Eder-Martin, der vor kurzem als Dr. Martin Eder nach Kayserstein zurückgekehrt war und seine Praxis eröffnet hatte.

"Mei, es ist wirklich schön, dich wiederzusehen, Andrea", bekannte der junge Arzt. Und dann fügte er nach einer kurzen Pause noch hinzu: "Bist immer noch so bildschön wie damals!"

Andrea schluckte.

Die Art, wie der junge Arzt sie ansah, sorgte bei ihr für ein Gefühl des Unbehagens. Sie hatte nicht vor, jetzt wieder mit dem Eder-Martin anzubandeln. Für sie war dieses Kapitel ein für allemal abgeschlossen. Außerdem hatte sie nicht die geringste Neigung dazu, alte Wunden wieder aufzureißen. Denn für Andrea war es seinerzeit nicht leicht zu verarbeiten gewesen, dass Martin Eder Kayserstein verlassen und nichts mehr von sich hören lassen hatte.

Andrea atmete tief durch.

Es klang wie ein Seufzer.

"Warst wegen dem Ingerer hier?", fragte sie dann, um das Gespräch auf ein unverfängliches Terrain zu leiten.

Schließlich wusste sie, dass der Ingerer schon seit Jahren gesundheitlich sehr angeschlagen war und alle naselang einen Arzt benötigte.

Martin Eder nickte. "Ja, er hat mich gerufen."

"Ich hoffe, es ist nix ernstes!"

"Ernst war es mit dem Ingerer doch schon, bevor ich von hier wegging. Aber das alles hat ihn net umgeworfen! Ich nehme an, dass es diesmal net anders ist!"

Eine verlegene Stille entstand, die sich unangenehmerweise immer weiter in die Länge zog. "Ich muss ein paar Besorgungen machen. Denk dir, wir haben keinen Senf mehr im Wirtshaus."

"Ich hab gehört, der GIPFEL läuft besser denn je."

"Mei, wir wollen net klagen."

"Ich wäre bestimmt bald mal vorbeigekommen, um dich zu besuchen. Aber du weißt ja, wie das ist, wenn man etwas Neues aufbaut. Der Anfang in der Praxis war wirklich haarsträubend und ich bin noch net über den Berg. Übrigens suche ich immer noch eine Sprechstundenhilfe. Wüsstest du da net jemanden?"

"Ich werde mich umhören", versprach Andrea.

"Und es würde mich außerdem sehr freuen, wenn wir uns bald wiedersehen würden... Ich denke, wir zwei hätten uns gewiss eine Menge zu erzählen..."

"Es ist schon spät", wich das Madl aus. "Ich habe noch viel zu tun..."

Andrea ging an ihm vorbei. Sie hatte beinahe die Tür zum Laden des Ingerers erreicht, da ließ Martin Eders Stimme sie noch einmal stoppen.

"Andrea", sagte er. "Ich weiß wohl, dass es ein Fehler war, dir damals net auf deine Briefe zu antworten. Heute weiß ich das..."

Andrea drehte sich halb herum.

"Das ist alles Vergangenheit, Martin."

"Dann trägst du mir nix nach?"

Andrea schüttelte den Kopf. "Nein, das net..."

"Dann bin ich aber froh."

Ich hoffe nur net, dass du das jetzt in den falschen Hals gekriegt hast und glaubst, wir könnten dort weiter machen, wo wir einmal aufgehört haben!, ging es dem Madl durch den Kopf.

Einen Augenblick lang trafen sich die Blicke der beiden jungen Leute.

Immerhin hat er es geschafft, dich zu verwirren!, überlegte Andrea.

Aber im Moment hatte sie wirklich andere Sorgen, als sich mit einem verflossenen Schwarm näher zu beschäftigen.

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Als Andrea zum elterlichen Gasthaus zurückkehrte, traf sie ihre Schwester. Sie saß an einem der rustikalen Tische und las in einer Zeitschrift.

Als Andrea eintrat, blickte sie auf.

"Mei, keine Gäste?", fragte Andrea.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738920031
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Mai)
Schlagworte
heimat-roman sonder-edition

Autor

Zurück

Titel: Heimat-Roman Sonder-Edition - Zu stolz, um zu verzeihen