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Schwerter gegen Bestien: Fantasy Sammelband 1026 Seiten Sword & Sorcery

2018 1026 Seiten

Leseprobe

Schwerter gegen Bestien: Fantasy Sammelband 1026 Seiten Sword & Sorcery

Robert E. Howard

Published by Uksak Sonder-Edition, 2018.

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Schwerter gegen Bestien: Fantasy Sammelband 1026 Seiten Sword & Sorcery

Robert E. Howard

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Fast vierzig Jahre nach Robert E. Howards Tod sind die Werke des Conan-Autors in aller Welt zu Fantasy-Bestsellern geworden. Dies gilt besonders für Howards Sword-and-Sorcery-Erzählungen..

Dieser Band enthält Erzählungen um Solomon Kane, Kull von Atlantis Bran Mak Morn, Red Sonja und andere Helden Howards.

Die ultimative Howard-Sammlung!

Die im Dunkeln wohnen: Erzählungen

Abenteuer im Land der Pikten

von Robert E. Howard

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ROBERT E. HOWARD, AUTOR der weltbekannten CONAN-Serie, hatte schon in jungen Jahren eine besondere Vorliebe für die Pikten entwickelt, die legendären Ureinwohner Britanniens, von denen die Geschichte nicht viel zu berichten weiß. Dieser Vorliebe für das wilde, kriegerische Volk, das selbst die Römer unter Kaiser Hadrian nicht bezwingen konnten, verdanken wir Howards Bran Mak Morn-Erzählungen – phantastische Stories voller Kampf, Wildheit und düsterer Magie, die um das Jahr 200 spielen, und die sich um Bran Mak Morn, den tapfersten und klügsten aller Pikten-Herrscher ranken.

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Copyright

EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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TITELBILD: NACH EINEM Motiv von N.C.Wyeth mit Steve Mayer   

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AUS DEM AMERIKANISCHEN

von Eduard Lukschandl

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Vorwort des Autors

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Wie kann im grauen Alltag ich stehn,

Wie lauschen anderen Tönen,

Wenn in meiner Seele stets

Die Trommeln der Pikten dröhnen?

– Die Trommeln der Pikten –

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ÜBER EINES MEINER STECKENPFERDE bin ich mir selbst heute noch nicht im klaren. Ich will ihm weder eine esoterische noch eine mystische Bedeutung zumessen, doch bleibt die Tatsache bestehen, daß ich es weder erklären noch verstehen kann. Es handelt sich um mein Interesse an einem Volk, das ich der Einfachheit halber stets als Pikten bezeichnet habe. Natürlich ist mir bewußt, daß die Richtigkeit des Begriffs diskutiert werden kann. Das Volk, das in der Geschichte unter dem Namen Pikten bekannt ist, wird verschiedentlich als Kelten, als Ureinwohner und selbst als Germanen bezeichnet. Einige Fachleute behaupten, sie wären nach den Briten, doch kurz vor den Galen nach Britannien gekommen. Die „Wilden Pikten von Galloway“ der frühen schottischen Geschichte und Legende waren zweifellos eine sehr gemischte Rasse, wahrscheinlich hauptsächlich keltischer Abstammung – sowohl cymrischer wie auch gälischer –, und sprachen eine Abart des Cymrischen, vermengt mit Elementen aus dem Gälischen und der Sprache der Ureinwohner sowie einigen Wörtern aus dem Germanischen und Skandinavischen. Wahrscheinlich wurde die Bezeichnung „Pikten“ nur für den wandernden Keltenstamm angewendet, der sich in Galloway angesiedelt hatte und dort die Urbevölkerung unterworfen hatte, worauf er von dieser absorbiert worden war.

Für mich ist der Pikte jedoch stets der kleine, dunkle Ureinwohner Britanniens mediterraner Abstammung. Dies ist nicht weiters verwunderlich, denn als ich zum erstenmal von dieser Rasse las, wurde sie als Pikten bezeichnet. Verwunderlich hingegen ist mein nie erlahmendes Interesse für sie. In schottischen Geschichten stieß ich zuerst auf sie. Da wurden sie nur gelegentlich erwähnt und zumeist in negativem Zusammenhang. Sie müssen wissen, daß meine Geschichtskenntnisse in meiner Kindheit lückenhaft und oberflächlich waren, darauf zurückzuführen, daß ich auf dem Lande wohnte, wo entsprechende Bücher selten waren. Ich war ein Enthusiast der schottischen Geschichte, weil ich aufgrund meiner Herkunft mich mit den Angehörigen der Clans verwandt fühlte. In den kurzen Abhandlungen, die ich las, wurden die Pikten nur selten erwähnt; so zum Beispiel, als sie von den Schotten besiegt wurden, oder in der englischen Geschichte, daß die Briten ihretwegen die Sachsen zu Hilfe gerufen hatten. Die beste Beschreibung, die ich zu dieser Zeit von ihnen hatte, bestand in einer Bemerkung eines englischen Historikers, daß die Pikten rohe Wilde waren, die in Lehmhütten hausten. Und den einzigen Hinweis auf ihr Aussehen, den mir die Legende gewährte, stammt aus einer Beschreibung, die Rob Roy der abnormen Länge seiner Arme wegen mit den Pikten vergleicht und kurz deren gedrungenes Aussehen und affenartige Erscheinung erwähnt. Sie werden erkennen, daß alles, was ich zu dieser Zeit über die Pikten gelesen hatte, nicht gerade dazu angetan war, Bewunderung zu erwecken.

Als Zwölfjähriger befand ich mich eine kurze Zeit in New Orleans und entdeckte in einer Bibliothek in der Canal Street ein Buch über die Geschichte Britanniens von prähistorischen Zeiten bis zur Eroberung durch die Normannen. Es war für Jugendliche geschrieben und in romantischem Stil abgefaßt. Wahrscheinlich enthielt es viele historische Unkorrektheiten, doch erfuhr ich dadurch zum erstenmal von dem kleinen, dunkelhäutigen Volk, das als erstes Britannien besiedelte und das als Pikten bezeichnet wurde. Ich habe stets ein eigenartiges Interesse für den Namen und das Volk gehabt, und danach wurde die Faszination noch stärker. Der Autor beschrieb die Ureinwohner auch nicht in besserem Licht, als es die anderen Historiker getan hatten: Sie waren verschlagen, hinterhältig, unkriegerisch und den nachfolgenden Völkern gänzlich unterlegen. Zweifellos entsprach dieses Bild der Wahrheit, und doch fühlte ich starke Sympathie für dieses Volk und machte sie damals zu meinem Bindeglied mit den alten Zeiten. Ich machte aus ihnen eine starke, kriegerische Rasse von Barbaren, gab ihnen eine ehrenhafte Geschichte vergangenen Ruhmes und erschuf einen großen König für sie: Bran Mak Morn. Ich muß gestehen, meine Phantasie hat mich bei der Namensgebung dieser Figur ziemlich im Stich gelassen, die plötzlich und völlig ausgereift in Gedanken vor mir stand. Viele Könige in den piktischen Chroniken haben gälische Namen, doch in Einklang mit meiner Vision der piktischen Rasse sollte ihr großer König einen nicht-arischen Namen haben. Aber ich nannte ihn Bran nach einer anderen meiner historischen Lieblingsgestalten, dem Gallier Brennus, der Rom einnahm. Das Mak Morn stammt von dem berühmten irischen Helden Gol Mac Morn. Ich veränderte die Schreibung des Wortes Mac, um ihm ein nicht-gälisches Aussehen zu verleihen, nachdem das gälische Alphabet kein k kennt und das c stets wie k ausgesprochen wird. Während also Bran Mac Morn „Der Rabe, Sohn des Morn“ auf gälisch heißt, hat Bran Mak Morn keine gälische Bedeutung, sondern eine rein piktische, deren Wurzeln sich im nebligen Labyrinth der Vergangenheit verlieren. Die Ähnlichkeit mit dem gälischen Ausdruck ist ganz einfach ein Zufall!

Bran Mak Morn hat sich im Laufe der Jahre nicht verändert; er sieht noch genauso aus, wie er mir plötzlich vor dem geistigen Auge erschien: ein Mann mittlerer Größe mit unergründlichen, schwarzen Augen, schwarzem Haar, dunkler Haut und pantherhaften Bewegungen. Als ich von den Pikten las, ergriff ich stets ihre Partei gegen die einwandernden Kelten und Germanen, die ja eigentlich meine Vorfahren sind. Meine Vorliebe für dieses fremdartige Steinzeitvolk war besonders in frühen Jahren so stark, daß ich mit meinem nordischen Aussehen unzufrieden war. Und wäre es nach meinen Kindheitsträumen gegangen, so wäre ich heute klein, untersetzt, besäße starke, gedrungene Glieder, kleine schwarze Augen, eine niedrige, fliehende Stirn und glattes, dickes, schwarzes Haar. So stellte ich mir den typischen Pikten vor. Ich vermag diese Vorliebe nicht mit Bewunderung für eine Person gleichen Aussehens aus meinem Bekanntenkreis zu erklären. Nein, sie erwuchs allein aus meinem Interesse an dieser mediterranen Rasse, die als erste Britannien besiedelte.

Mein Interesse an den Pikten war stets mit einem Fantasy-Element versehen. Damit will ich sagen, daß sie für mich nie so real waren wie die Iren oder die Schotten. Das heißt nicht, daß ich sie weniger deutlich vor mir sah, aber als ich über sie schrieb, geschah dies durch fremde Augen. So erzählte ich Die im Dunkeln wohnen, meine erste Bran-Mak-Morn-Geschichte, von der Warte eines gotischen Söldners der römischen Armee aus. In einem langen erzählenden Gedicht, das ich nie fertigstellte, war ein römischer Zenturio auf der Mauer des Hadrian die Hauptperson, in Das verschwundene Volk ein Brite und in Herrscher der Nacht ein gälischer Prinz. Nur in meiner letzten Bran-Erzählung, Würmer der Erde, sah ich durch piktische Augen, sprach ich die piktische Zunge!

In Beherrscher der Nacht beschreibe ich die Anstrengungen Roms, die wilden Völker Kaledoniens zu unterwerfen. Die Personen und die Handlungen sind fiktiv, der Hintergrund aber ist historisch. Wie Sie wissen, ist es den Römern nie gelungen, ihre Grenzen weit in die Heidelandschaften vorzutreiben, und sie zogen sich nach mehreren erfolglosen Unternehmungen hinter ihre große Mauer zurück. Ihre Niederlage muß durch eine kurzzeitige Allianz zustande gekommen sein, wie ich sie etwa beschrieben habe: ein Zusammengehen von gälischen, cymrischen, piktischen und eventuell germanischen Kräften. Ich bin mir ziemlich sicher, daß germanische Siedler bereits lange vor der Völkerwanderung Kaledonien infiltriert hatten.

In Würmer der Erde griff ich wiederum Brans ewigen Kampf gegen Rom auf. Ich kann ihn mir kaum in einem anderen Zusammenhang vorstellen. Manchmal glaube ich, Bran ist nur das Symbol meines eigenen Antagonismus gegen das Römische Reich –ein Antagonismus, der bei weitem nicht so leicht zu verstehen ist wie meine Vorliebe für die Pikten. Zum erstenmal las ich das Wort „Pikten“ auf Landkarten, und jedesmal außerhalb der weitgestreckten Grenzen des Römischen Imperiums. Diese Tatsache erregte mein besonderes Interesse, sie deutete heftige Kriege an, wilde Schlachten, erbitterten Widerstand, Ruhm, Heldentum und Erbarmungslosigkeit. Ich war ein instinktiver Feind Roms, und daraus ergab sich meine instinktive Vorliebe für die Feinde Roms und besonders diejenigen Feinde, die sich allen Unterwerfungsversuchen erfolgreich widersetzt hatten. Als ich in meinen Träumen –richtigen Träumen, nicht etwa Tagträumen – gegen die gepanzerten Legionen Roms focht und verwundet zurücktaumelte, erschien vor meinen Augen wie aus einer fernen Zeit das Bild einer Landkarte mit dem Römischen Reich und außerhalb dessen Grenzen der Unterwerfung die mystische Bezeichnung „Pikten und Schotten“. Und jedesmal verlieh mir ein Gedanke neue Kräfte, der Gedanke, bei den Pikten Zuflucht finden zu können, um nach der Verheilung meiner Wunden erneut den Kampf aufzunehmen.

Eines Tages werde ich einen Roman schreiben, der in diesem nebligen Zeitalter spielt. Mir die Freiheiten erlaubend, die dem Verfasser historischer Romane angeblich erlaubt sind, wird die Handlung etwa folgendermaßen aussehen: Gleichzeitig mit dem Nachlassen des römischen Druckes auf Britannien nimmt die Einwanderung der Germanen vom Osten her zu. Von der Küste Kaledoniens ausgehend, drängen diese weiter nach Westen, bis sie in heftigen Konflikt mit den älteren gälischen Siedlern geraten. Auf den Ruinen des uralten Königreichs der Pikten treten diese kriegerischen Stämme gegeneinander an, wenden sich dann jedoch einem gemeinsamen Feind zu, den einfallenden Sachsen. Ich plane die Erzählung als Geschichte von Nationen und Königen anstatt von Individuen. Zweifellos werde ich sie nie schreiben.

Robert E. Howard

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Das verschwundene Volk

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Cororuc spähte aufmerksam um sich und beschleunigte seinen Schritt. Er war kein Feigling, doch fühlte er sich unbehaglich. Rundum wuchsen mächtige Bäume gegen den Himmel, und ihre dichten Zweige verbargen die Sonne. Der kaum erkennbare Pfad wand sich zwischen den Stämmen hindurch und führte manchmal an den Rand einer Schlucht. Hin und wieder gewährte der Wald Cororuc einen Blick auf eine Hügelkette in der Ferne, die Ausläufer der Berge Cornwalls im Westen.

In jenen Bergen trieb angeblich Buruc der Grausame, der Anführer einer Räuberbande, sein Unwesen. Cororuc packte seinen Speer fester und beeilte sich noch mehr. Seine Eile war nicht nur mit der Gefahr durch die Gesetzlosen zu erklären, sondern auch mit seinem Wunsch, möglichst bald wieder seine Heimat zu erreichen. Er befand sich auf dem Rückweg von geheimen Verhandlungen mit den wilden Stämmen Cornwalls, und obwohl sein Auftrag mehr oder weniger von Erfolg gekrönt war, trachtete er dennoch, das ungastliche Land so rasch wie möglich zu verlassen. Noch mußte er fast ganz Britannien durchqueren. Voll Mißbehagen blickte er um sich. Er sehnte sich nach den lichten Wäldern seiner Heimat, die viel Wild und viele Vogelarten beherbergten. Er sehnte sich nach den weißen Klippen, gegen die die blaue See brandete. Der Urwald rings um ihn schien unbewohnt. Es gab kein Wild, keine Vögel, und nirgends war er auf Anzeichen menschlichen Lebens gestoßen.

Seine Gefährten verweilten immer noch am Hof des Königs in Cornwall, genossen seine Gastfreundschaft und hatten es mit dem Aufbruch nicht eilig. Cororuc jedoch war nicht zufrieden. Deswegen hatte er sie verlassen und war allein aufgebrochen.

Cororuc war ein gutaussehender Mann. Mit seinen sechs Fuß Länge, dem schlanken Körperbau und den grauen Augen vermittelte er das Bild eines Briten, wenngleich nicht das eines reinrassigen Kelten, denn sein langes, gelbes Haar verriet belgisches Erbe. Bekleidet war er mit kunstvoll genähtem Rehledergewand, denn die Kelten verstanden es noch nicht, feinere Gewebe herzustellen, und deshalb zogen die meisten Rehleder vor.

Cororuc war mit einem langen Bogen aus Eibenholz, einem langen Bronzeschwert mit Wildlederscheide, einem langen Bronzedolch und einem kleinen Rundschild bewaffnet, der mit Ochsenhaut bespannt und einem Bronzeband eingerahmt war. Den Kopf schützte ein einfacher Bronzehelm.

Seine Arme und Wangen waren leicht mit Waid, dem blauen Saft einer Pflanze, bemalt. Sein Gesicht war das eines typischen edlen Briten: bartlos und scharf geschnitten, mischten sich darin die schlaue Beharrlichkeit der Nordmänner mit dem tollkühnen Mut und der träumerischen Feinheit des Kelten.

So folgte Cororuc dem Pfad, vorsichtig, jederzeit zum Kampf oder zur Flucht bereit. Der Weg führte von der Schlucht weg und verschwand hinter einem riesigen Baum. Da hörte Cororuc von der anderen Seite der Biegung her Kampfeslärm. Vorsichtig schlich er weiter, und gefaßt darauf, Elfen oder Zwerge zu sehen, die in diesen Wäldern hausen sollten, spähte er um den mächtigen Stamm herum.

Wenige Fuß vor ihm bot sich ihm ein seltsamer Anblick. Mit dem Rücken gegen einen Baum gedrängt, machte sich ein großer Wolf bereit, sein Leben zu verteidigen. Aus tiefen Rissen an seiner Schulter troff Blut, und vor ihm duckte sich ein Panther zum Sprung. Cororuc fragte sich, was die beiden Herrscher der Wälder zum Kampf bewogen haben mochte. Und vor allem wunderte er sich über das Fauchen der Raubkatze. Es war wild und blutdürstig, enthielt jedoch einen Unterton der Furcht. Außerdem schien sie den Sprung hinauszuzögern.

Warum Cororuc Partei für den Wolf ergriff, hätte er wohl nicht zu sagen vermocht. Zweifellos war es auf die unbekümmerte Ritterlichkeit des Kelten in ihm zurückzuführen, auf seine Bewunderung für die Haltung des Wolfes gegenüber seinem viel mächtigeren Gegner. Jedenfalls zog er sein Schwert und stellte sich mit einem Satz dem Panther entgegen. Aber er kam nicht dazu, seine Waffe zu gebrauchen, denn die Raubkatze stieß ein erschrecktes Kreischen aus und verschwand so rasch zwischen den Bäumen, daß sich Cororuc fragte, ob er wirklich einen Panther gesehen hatte. Er wandte sich dem Wolf zu. Das Tier beobachtete ihn geduckt, machte einige Schritte rückwärts, drehte sich dann um und verschwand in sonderbarem Trott im Unterholz. Den Krieger beschlich ein unheimliches Gefühl. Er hatte schon viele Wölfe gesehen, er hatte sie gejagt und war von ihnen gejagt worden; einem solchen Wolf war er jedoch noch nie begegnet.

Er zögerte und folgte dann vorsichtig dem Tier. Die Spuren waren in dem weichen Lehmboden deutlich zu erkennen. Nach wenigen Schritten hielt er jäh an, und seine Nackenhaare schienen sich zu sträuben. Es waren nur noch die Abdrücke der Hinterpfoten zu sehen – der Wolf ging aufrecht!

Cororuc warf scheue Blicke um sich. Nichts war zu hören. Er verspürte den Drang, umzukehren und diesen Ort so rasch wie möglich weit hinter sich zu lassen, doch die Neugier hinderte ihn daran. Er folgte den Spuren. Unter einer mächtigen Eiche hörten sie unvermutet gänzlich auf. Cororuc fühlte kalten Schweiß auf der Stirn. In was für einen Wald war er da geraten? Versuchte irgendein unmenschliches Monstrum der Wälder ihn in die Irre zu führen? Cororuc zog sein Schwert und nahm den Weg zurück, den er gekommen war. Und nur sein Stolz hielt ihn davon ab, zu laufen. Endlich erreichte er den Baum, bei dem sich der Wolf gegen den Panther verteidigt hatte. Er schlug seinen alten Pfad wieder ein und beeilte sich, aus der Gegend zu verschwinden, in der ein Wolf zuerst auf zwei Beinen gegangen und dann gänzlich verschwunden war.

Der Weg machte mehr Windungen denn je zuvor, und das gereichte Cororuc zum Vorteil, denn so hörte er zuerst die Stimmen der Männer, die ihm entgegenkamen, bevor sie ihn sahen. Rasch erkletterte er einen Baum und schmiegte sich an einen Ast.

Drei Männer kamen den Pfad entlang. Einer war ein massiver Kerl, der weit über sechs Fuß maß, einen langen, roten Bart und einen wilden, roten Haarschopf hatte. Im Gegensatz dazu waren seine Augen klein und schwarz. Er war in Leder gekleidet und mit einem mächtigen Schwert bewaffnet.

Der zweite war ein hagerer, übel aussehender Schurke mit nur einem Auge, der dritte klein und runzlig und schielte auf beiden Augen.

Cororuc erkannte sie nach den Beschreibungen, die er von den Bewohnern von Cornwall erhalten hatte. In seinem Eifer, den berüchtigsten Mörder Britanniens genauer zu betrachten, verlor er den Halt und stürzte mitten unter die Räuber.

Augenblicklich sprang er auf und riß das Schwert aus der Scheide. Er konnte keine Gnade erwarten, denn der Rothaarige war Buruc der Grausame, der Schrecken von Cornwall.

Der Räuberhauptmann stieß einen schrecklichen Fluch aus und zog ebenfalls sein Schwert. Er entging dem wilden Stoß des Briten durch einen raschen Sprung rückwärts, und dann begann der Kampf. Buruc griff den Krieger unter Einsatz seines ganzen Gewichtes von vorn an, während der hagere, einäugige Kerl versuchte, Cororuc in den Rücken zu gelangen. Der dritte hatte sich zum Waldrand zurückgezogen. Die Kunst des Fechtens war diesen frühen Kämpfern unbekannt. Da regnete es bloß Hiebe und Stiche, und jedesmal lag die gesamte Kraft des Armes dahinter. Die fürchterlichen Hiebe, die Cororuc mit dem Schild auffing, ließen ihn in die Knie gehen, und der Einäugige sprang vor, um ihm den Rest zu geben. Cororuc wirbelte herum, ohne sich zu erheben, führte einen Streich gegen die Beine dieses Gegners, erstach ihn, als er fiel, warf sich zur Seite, um Burucs Hieb auszuweichen, und sprang wieder auf die Beine. Wiederum fing er einen Schlag des Banditen mit dem Schild auf, wirbelte seine Bronzewaffe mit aller Macht und schlug zu. Burucs Kopf sprang von seinen Schultern.

Cororuc wandte sich um und sah, wie der Kleine im Unterholz verschwand. Er verfolgte ihn einige Schritte, sah aber bald die Sinnlosigkeit dessen ein und rannte den Pfad entlang. Er wußte nicht, ob sich in dieser Richtung noch mehr Banditen befanden, wohl aber wußte er, daß er, wollte er den Wald lebend verlassen, dies rasch tun mußte. Zweifellos würde der Entflohene die übrigen Banditen alarmieren.

Nachdem er eine Zeitlang gelaufen war und kein Anzeichen des Feindes erkannt hatte, erklomm er den höchsten Baum in der Nähe. Auf allen Seiten war er von einem Blättermeer umgeben. Im Westen erkannte er die Hügel, denen er ausgewichen war. Im Norden erhöben sich weit weg andere Hügel, im Süden befand sich Wald, soweit das Auge reichte. Weit im Osten jedoch erspähte er die Linie, die den Übergang des Waldes in fruchtbare Weiden kennzeichnete. Dort würde er auf Dörfer stoßen, auf Angehörige seines Volkes. Er war überrascht, so weit sehen zu können, doch befand er sich auf einem wirklichen Riesen unter den Bäumen.

Ehe er hinabkletterte, betrachtete er seine nähere Umgebung. Er folgte mit den Blicken den Pfad, der sich nach Osten schlängelte. Da ließ ihn ein Aufblitzen aufmerksam werden. Eine Gruppe von Männern betrat soeben eine Lichtung, durch die der Weg führte. Nun bemerkte er rings umher, wie sich die Büsche bewegten, wie sich die Sonne in blankem Metall spiegelte. Der schielende Räuber hatte also bereits seine Genossen benachrichtigt. Cororuc befand sich mitten unter ihnen. Rasch glitt er den Baum hinab und floh in den Wald.

Dann begann die aufregendste Jagd, an der Cororuc jemals beteiligt gewesen war, denn er war das Wild, und die Räuber waren die Jäger. Von Busch zu Busch schleichend, von Baum zu Baum huschend, manchmal rennend, sich manchmal im Gesträuch versteckend, floh Cororuc stets ostwärts. Oft wurde er zu Umwegen gezwungen, doch gelang es ihm jedesmal wieder, weiter nach Osten vorzudringen.

Manchmal, wenn er sich im Unterholz verbarg oder sich auf einen Baum gegen einen Ast schmiegte, kamen die Verfolger so nahe an ihm vorbei, daß er sie hätte berühren können. Zweimal bekamen sie ihn zu Gesicht, und er floh Hals über Kopf, über gefällte Baumstämme und Sträucher springend, in Dickichten Haken schlagend.

Dann gelangte er in hügeliges Gelände, und als er einen Blick zurückwarf, stellte er fest, daß die Banditen angehalten hatten, obwohl sie ihn deutlich sehen mußten. Ohne lange über dieses seltsame Verhalten nachzudenken, hetzte er um einen Felsblock, spürte, wie er über eine Wurzel oder etwas Ähnliches stolperte, und fiel. Gleichzeitig schlug ihm etwas gegen den Kopf, und der junge Mann verlor das Bewußtsein.

Als Cororuc wieder zu sich kam, stellte er fest, daß er an Händen und Füßen gefesselt war und getragen wurde. Er öffnete die Augen und sah, daß er von einigen Männern auf den Schultern geschleppt wurde, doch waren es Männer, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Der größte maß kaum vier Fuß, alle besaßen eine dunkle Hautfarbe und schwarze Augen, und die meisten gingen vornübergebeugt, als hätten sie sich das ganze Leben lang geduckt, und spähten unruhig umher. Bewaffnet waren sie mit kleinen Bogen, Pfeilen,  Speeren und Dolchen, und die Spitzen und Schneiden bestanden nicht aus grober Bronze, sondern aus geschliffenem Feuerstein. Ihre Kleidung war aus den Häuten von Hasen und anderem Kleintier sowie grobem Stoff gefertigt, und viele waren von Kopf bis Fuß blau und gelb tätowiert. Insgesamt waren es vielleicht zwanzig Männer. Cororuc hatte ihresgleichen noch nie gesehen.

Sie kletterten in eine Schlucht hinab. Zu beiden Seiten erhoben sich steile Felswände. Nach einiger Zeit gelangten sie an eine glatte Mauer, die die Schlucht anscheinend begrenzte. Auf ein Kommando des Anführers hin legten sie den Briten auf die Erde, traten an einen riesigen Felsblock heran und wälzten ihn zur Seite. Dahinter wurde eine kleine Öffnung sichtbar, die in das Innere des Berges zu führen schien. Die seltsamen Männer luden sich den Briten wieder auf die Schultern und setzten sich in Bewegung.

Bei dem Gedanken, in die Höhle getragen zu werden, lief es Cororuc kalt über den Rücken. Was waren das für Männer? In ganz Britannien und Alba, in Cornwall und Irland hatte er noch nie ein solches Volk gesehen. Zwergenhafte Männer, die unter der Erdoberfläche hausten. Dem Jüngling brach kalter Schweiß aus. Sicherlich handelte es sich um die bösartigen Zwerge, von denen in Cornwall gesprochen wurde. Bei Tag sollten sie sich in ihren Höhlen aufhalten, während sie nächtens hervorkamen, um zu stehlen, Häuser anzuzünden und sogar zu morden, falls sich die Gelegenheit bot.

Cororuc wurde in die Höhle getragen, die übrigen folgten und rollten den Felsen wieder vor die Öffnung. Nach einigen Augenblicken der Dunkelheit flackerten in einiger Entfernung Fackeln auf. Die Fackelträger kamen ihnen entgegen.

Cororuc sah sich um. Das Licht war ziemlich schwach und erleuchtete abwechselnd die eine und die andere Wand der Höhle. Cororuc erkannte undeutlich einfache Malereien, die jedoch ein Geschick vermuten ließen, das dem der Briten überlegen war. Die Decke war in Dunkelheit gehüllt, woraus er schloß, daß sich die kleine Höhle zu einer überraschend hohen Grotte erweitert hatte. Im trügerischen Licht der Fackeln kamen und gingen die seltsamen Menschen, schweigend, wie Schatten aus einer fernen Vergangenheit.

Da fühlte er, wie ihm die Fesseln von den Füßen genommen wurden. Man stellte ihn zu Boden.

„Geh geradeaus!“ befahl eine Stimme in seiner Sprache, und er fühlte eine Lanzenspitze hinten am Hals.

Er gehorchte. Seine Sandalen schliffen über den steinernen Boden der Höhle, bis der Trupp eine Stelle erreichte, wo der Boden steil anstieg. Gleichzeitig wurde er so schlüpfrig, daß Cororuc ohne Hilfe nicht hätte hinaufgehen können. Seine Wächter zogen und schoben ihn jedoch, und er erblickte lange, kräftige Schlingpflanzen, die von irgendwoher herabhingen.

Die Männer ergriffen sie, stemmten die Füße gegen die glitschige Unterlage und klommen rasch empor. Kurz darauf ging der Boden wieder in die Waagerechte über, die Höhle machte eine Biegung, und Cororuc stolperte in hellen Feuerschein. Der Anblick, der sich ihm bot, ließ ihn nach Luft schnappen.

Er befand sich in einer Grotte von fast unglaublichen Ausmaßen. Die mächtigen Wände wölbten sich zu einer riesigen Kuppel empor, die sich in der Dunkelheit verlor. Vor ihm erstreckte sich ziemlich eben der Boden, der von einem unterirdischen Fluß in zwei Teile geteilt wurde. Eine Steinbrücke, anscheinend natürlichen Ursprungs, spannte sich über das Wasser. Überall in den Wänden der Riesengrotte, die die Form eines Kreises hatte, befanden sich kleinere Höhlen, und vor jeder gloste ein Feuer. Die Höhlen befanden sich nicht nur am Boden, sondern waren in regelmäßigen Reihen auch übereinander angeordnet. Diese Stadt war sicherlich nicht von Menschen erbaut worden.

Leute gingen in den Höhlen aus und ein und verrichteten anscheinend alltägliche Arbeiten. Die Männer sprachen miteinander, besserten Waffen aus, einige fischten im Fluß; Frauen hüteten die Feuer oder nähten an Kleidungsstücken. Von ihrer Tätigkeit her zu schließen, hätte es sich um jedes beliebige Dorf in Britannien handeln können, die Umgebung vermittelte Cororuc jedoch ein völlig anderes Gefühl.

Da wurde man auf den Gefangenen aufmerksam und scharte sich um ihn. Niemand stieß Verwünschungen oder Flüche aus, wie es die Wilden sonst zu tun pflegten, – die kleinen Leute starrten ihn nur bösartig an. Cororuc überlief ein Schaudern.

Seine Wächter drängten ihn durch die Menge. Nahe des Flußufers hielten sie an und zogen sich in einem Kreis von ihm zurück.

Vor ihm loderten zwei Feuer, und dazwischen konnte er einen Gegenstand ausnehmen. Er konzentrierte seine Blicke darauf und erkannte einen thronartigen, steinernen Sitz und darauf einen alten Mann mit langem, weißem Bart. Er saß reglos, und nur die Augen funkelten wie die Lichter eines Wolfes.

Der Alte war in eine lange Robe gehüllt. Eine klauenartige Hand ruhte auf dem Sitz neben ihm, während die andere im Gewand verborgen war.

Die Flammen tanzten und flackerten; jetzt war der alte Mann deutlich zu sehen – die gekrümmte, schnabelartige Nase und der Bart traten reliefartig hervor –, dann wieder schien er eins mit der Dunkelheit zu werden, und Cororuc vermochte nur noch die glitzernden Augen auszumachen.

„Sprich, Brite!“ Die Wörter kamen klar, deutlich und ohne jedes Anzeichen von Alter. „Sprich, was du zu sagen hast!“

Cororuc wurde überrumpelt und fragte stammelnd: „Wieso ... was seid ihr für ein Volk? Warum habt ihr mich gefangengenommen? Seid ihr Zwerge?“

„Wir sind Pikten“, kam die ruhige Antwort.

„Pikten!“ Cororuc hatte von den gälischen Briten Geschichten über dieses uralte Volk gehört. Manche behaupteten, sie hausten immer noch in den Hügeln von Siluria.

„Ich habe in Kaledonien gegen Pikten gefochten“, erwiderte der Brite. „Sie sind klein, aber kräftig und mißgestaltet und gleichen euch nicht im mindesten!“

„Das sind keine echten Pikten“, erhielt er zur Antwort. „Sieh um dich, Brite!“ Der Alte machte eine umfassende Armbewegung. „Du siehst die Überreste einer verschwindenden Rasse, einer Rasse, die einst ganz Britannien von Küste zu Küste beherrschte.“

Der Brite schwieg verwirrt.

„Merke auf, Brite“, fuhr die Stimme fort. „Merke auf, Barbar, und lausche der Geschichte der verschwundenen Rasse!“

Das Feuer züngelte und tanzte und warf gespenstische Schatten gegen die mächtigen Wände und auf den dahineilenden Fluß.

Die Stimme des Alten hallte durch die riesige Kaverne.

„Unser Volk kam aus dem Süden. Über die Inseln, über das Binnenmeer. Über die schneebedeckten Berge, wo einige zurückblieben, um diejenigen Feinde aufzuhalten, die uns vielleicht zu verfolgen versuchten. Von den Bergen stießen wir in die fruchtbaren Täler vor. Über das ganze Land breiteten wir uns aus. Wir wurden reich. Da erhoben sich zwei Könige im Land, und der Sieger vertrieb den Besiegten. Also bauten sich viele von uns Boote und segelten gegen die weißen Klippen jenseits des trennenden Wassers. Wir fanden Land mit fruchtbaren Ebenen. Wir fanden eine Rasse von rothaarigen Barbaren, die in Höhlen lebten. Sie hatten große Leiber und kleine Gehirne.

Wir errichteten unsere Lehmhütten. Wir pflügten die Erde. Wir jagten die rothaarigen Riesen in die Wälder. Wir jagten sie noch weiter – bis sie endlich in die Berge im Westen und Norden flohen. Wir waren reich und glücklich.

Dann ...“, seine Stimme überschlug sich vor Wut und Haß und schien von allen Wänden der Höhle her zu erschallen, „dann kamen die Kelten. Von den Inseln im Westen her kamen sie in ihren Rindenbooten. Im Westen landeten sie, aber mit dem Westen gaben sie sich nicht zufrieden. Sie zogen ostwärts und eigneten sich die fruchtbaren Ebenen an. Wir kämpften. Sie waren stärker. Sie waren verwegene Krieger und waren mit Bronzewaffen ausgerüstet, während wir nur solche aus Stein besaßen.

Wir wurden vertrieben. Wir wurden versklavt. Sie jagten uns in die Wälder. Einige von uns flohen in die Berge im Westen. Viele flohen in die Berge im Norden. Dort vermischten sie sich mit den rothaarigen Riesen, die wir vor langer Zeit vertrieben hatten, und wurden zu einer Rasse monströser Zwerge, die sämtliche friedlichen Künste vergaß und nur noch für den Kampf lebte.

Einige von uns jedoch schworen, nie das Land zu verlassen, das wir uns erobert hatten. Aber die Kelten machten uns zu schaffen. Es waren viele, und noch mehr kamen. Und so suchten wir unsere Zuflucht in Schluchten, Höhlen und Grotten. Wir, die wir stets in lichten Hütten gewohnt hatten, die wir die Äcker bestellt hatten, wir lernten wie Tiere zu leben, in Höhlen, die nie das Sonnenlicht gesehen haben. Wir fanden Höhlen – diese hier ist die größte –, und wir gruben Höhlen.

Du Brite!“ Seine Stimme schnappte über, und er streckte anklagend seinen Arm aus. „Du und deine Rasse! Ihr habt ein freies, blühendes Volk zu einer Rasse von Erdratten gemacht! Wir, die wir nie geflohen waren, die an der Luft und in der Sonne gelebt haben, in der Nähe des Meeres, über das die Händler kamen, wir mußten wie gehetztes Wild fliehen und wie die Maulwürfe graben! Doch bei Nacht! Ah, welche Vergeltung! Da schwärmten wir mit Feuer und Dolch aus unseren Schlupfwinkeln! Sieh, Brite!“

Cororucs Blick folgte der ausgestreckten Hand und fiel auf einen Pfahl aus einem harten Holz, der in eine Spalte im Steinboden in der Nähe des Ufers gerammt war. Um den Pfahl war der Boden wie von alten Feuern angeschwärzt.

Cororuc starrte verständnislos darauf. In der Tat hatte er nur wenig von dem Gehörten verstanden. Er war sich gar nicht sicher, daß er es überhaupt mit Menschen zu tun hatte.

Der Alte fuhr fort: „Dort, Brite, wirst du bezahlen.“ Er wies auf den Pfahl. „Ein kleiner Teil der Schuld, die deine Rasse auf sich genommen hat, aber du wirst in vollem Umfang zahlen.“

Die Erregung des alten Mannes hätte als teuflisch bezeichnet werden können, wäre in seinem Gesicht nicht ein besonderer Ausdruck zu lesen gewesen. Er meinte es ernst. Er glaubte tatsächlich, nur gerechte Rache zu üben, und machte den Eindruck eines großen Patrioten, der für eine verlorene Sache streitet.

„Aber ich bin ein Brite!“ stammelte Cororuc. „Nicht mein Volk hat deine Rasse vertrieben! Es waren die Galen aus Irland. Ich bin Brite, und mein Volk kam vor erst hundert Jahren aus Gallien. Wir bezwangen die Galen und drängten sie nach Erin, Wales und Kaledonien ebenso, wie sie euch vertrieben.“

„Das tut nichts zur Sache!“ Der Alte sprang auf. „Ein Kelte ist ein Kelte – ob Brite oder Gäle spielt keine Rolle. Wären es nicht die Galen gewesen, so die Briten. Jeder Kelte, der uns in die Hände fällt, muß bezahlen, sei es Krieger oder Weib, Kind oder König. Ergreift ihn und bindet ihn an den Pfahl!“

Wenige Augenblicke später war Cororuc an den Pfosten gefesselt und bemerkte zu seinem Entsetzen, daß die Pikten Holzscheite um seine Füße häuften.

„Und wenn du genügend gebrannt hast, Brite“, krächzte der Alte, „wird dieser Dolch, der das Blut von Hunderten Briten getrunken hat, seinen Durst in deinem Blut stillen.“

„Aber niemals habe ich einem Pikten Leid zugefügt“, keuchte Cororuc und zerrte an seinen Fesseln.

„Du zahlst nicht für das, was du getan hast, sondern dafür was dein Volk getan hat“, antwortete der Alte ernst. „Wohl kann ich mich an die Taten der Kelten erinnern, als sie zum erstenmal in Britannien landeten, an das Heulen der Ermordeten, an die Schreie der Vergewaltigten, den Rauch brennender Dörfer, an das Plündern.“

Cororuc fühlte, wie sich ihm die Haare im Nacken aufstellten. Als die Kelten zum erstenmal in Britannien gelandet waren! Das war mehr als fünfhundert Jahre her!

Und die keltische Neugier ließ ihm keine Ruhe, selbst angesichts der Pikten, die sich daran machten, den Holzstoß anzuzünden. „Daran kannst du dich nicht erinnern. Das liegt Äonen zurück.“

Der Pikte sah ihm ruhig in die Augen. „Und ich bin Äonen alt. In meiner Jugend war ich ein Hexenjäger, und eine alte Hexe verfluchte mich, während sie sich am Pfahl wand. Sie sagte, ich müsse leben, bis das letzte Kind der Pikten gestorben sei; daß ich mitansehen würde, wie das mächtige Volk der Vergangenheit anheim fällt, und erst dann dürfte ich sterben. Sie belegte mich mit dem Fluch des ewigen Lebens.“

Die Stimme erfüllte wieder die ganze Höhle: „Und nun verschwindet die Rasse der Pikten wie Schnee an der Sonne. Und wenn der letzte gegangen ist, wird mich dieser Dolch von der irdischen Welt befreien.“ Er wechselte rasch den Tonfall: „Legt Feuer an!“

Cororucs Gedanken wirbelten durcheinander. Er hatte kaum etwas verstanden und glaubte verrückt zu werden. Und das, was er zu sehen bekam, überzeugte ihn davon.

Ein Wolf drängte sich durch die Menge. Er erkannte den Wolf wieder, den er vor dem Panther gerettet hatte!

Sonderbar, wie lange her ihm dies erschien! Und doch handelte es sich um denselben Wolf. Er besaß denselben sonderbaren Gang. Da richtete sich das Tier auf die Hinterbeine auf und führte die Vorderpfoten an den Kopf. Welcher Wahnsinn war das?

Da fiel der Wolfskopf zurück und gab das Gesicht eines Menschen frei, eines Pikten. Der Mann stieg aus dem Wolfspelz, kam heran und rief etwas. Der Pikte, der soeben eine Fackel an den Holzstoß legen wollte, hielt zögernd inne.

Der Wolf-Pikte wandte sich an den Häuptling und sprach mit Rücksicht auf den Gefangenen keltisch: „Was bedeutet das? Ein Mann wird verbrannt, der am Leben bleiben sollte!“

„Wie?“ rief der Alte ergrimmt und klammerte sich an seinen langen Bart. „Wer bist du, daß du dich gegen einen uralten Brauch auflehnst?“

„Ich begegnete einem Panther“, kam die Antwort, „und dieser Brite wagte sein Leben für das meine. Soll sich ein Pikte undankbar zeigen?“

Und als der Alte zögerte, offensichtlich hin und her gerissen von Rachsucht einerseits und Stolz andererseits, überschwemmte ihn der andere mit einem wilden Wortschwall in der eigenen Sprache. Zuletzt nickte der Häuptling.

„Ein Pikte hat stets seine Schuld beglichen“, stellte er mit beeindruckendem Großmut fest. „Ein Pikte vergißt niemals. Bindet ihn los! Kein Kelte soll sagen können, ein Pikte habe sich undankbar gezeigt.“

Cororuc wurde befreit, und als er seinen Dank stammeln wollte, winkte der Häuptling ab. „Niemals vergißt ein Pikte einen Feind, stets erinnert er sich an eine Freundestat.“

„Komm“, murmelte der piktische Freund und zog den Kelten am Arm. Er führte ihn auf einen Gang zu, der aus der Haupthöhle führte. Cororuc warf einen Blick über die Schulter und sah den uralten Häuptling auf seinem Thron aus Stein. Seine Augen glänzten, als sähen sie den verlorenen Glanz der Vergangenheit; zu beiden Seiten sprangen die Flammen. Eine beeindruckende Gestalt – der König einer verschwundenen Rasse.

Nach einiger Zeit gelangten sie an die Erdoberfläche, und der Brite sah den Sternenhimmel über sich.

„In dieser Richtung liegt ein Dorf deines Volkes“, sagte der Pikte und streckte einen Arm aus. „Dort wirst du aufgenommen werden, bis du deine Reise fortzusetzen gedenkst.“ Und er überhäufte den Kelten mit Geschenken: Kleider aus Stoff und Leder, bestickte Gürtel, einen Bogen und mit Obsidianspitzen versehene Pfeile, Nahrungsmittel. Außerdem erhielt er seine eigenen Waffen zurück.

Als sich der Pikte zum Gehen wandte, sagte der Brite fragend: „Eine kurze Strecke bin ich deinen Spuren im Wald gefolgt. Sie verschwanden.“

Der Pikte lachte leise. „Ich bin in das Geäst des Baumes gesprungen. Hättest du emporgeblickt, du hättest mich gesehen. Wenn du jemals einen Freund brauchst, so findest du ihn in Berula, einem Häuptling der Alba-Pikten.“

Er drehte sich um und verschwand. Und Cororuc schritt unter dem Licht des Mondes auf das keltische Dorf zu.

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Die im Dunkeln wohnen ...

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Schwert schlug klirrend gegen Schwert.

„Ailla! A-a-ailla!“ erklang es schrill aus den Kehlen hundert Wilder.

Von allen Seiten schwärmten sie gegen uns heran. Hundert gegen dreißig. Wir standen Rücken an Rücken, hielten die Schilde überlappt und die Klingen vorgestreckt. Die Waffen waren rot, und rot waren Helm und Harnisch. Einen Vorteil besaßen wir: zum Unterschied von unseren Gegnern waren wir gepanzert. Und dennoch warfen sie sich trotz ihrer Nacktheit auf uns, als wären sie in Stahl gekleidet.

Für einen Augenblick lang zogen sie sich zurück, Flüche keuchend, während das rinnende Blut seltsame Muster auf ihre blau bemalte Haut zeichnete.

Dreißig Mann! Der Überrest eines kleinen Heeres von fünfhundert, das so stolz von der Mauer des Hadrian aus gen Norden gezogen war. Bei Zeus, was für ein Plan! Fünfhundert Mann sollten sich durch ein Land schlagen, das von Barbaren aus einem anderen Zeitalter nur so wimmelte. Bei Tage marschierten wir und hieben uns einen roten Pfad durch die blutdürstigen Horden, bei Nacht schlugen wir Lager auf, die von knurrenden Unholden umschlichen wurden. Und immer wieder verloren Wachtposten ihr Leben unter dem raschen Dolch. Kampf, Blutvergießen, Schlächterei.

Und der Kaiser in seinem noblen Palast würde Kunde davon erhalten, daß wieder eine Expedition in den nebligen Bergen des mystischen Nordens verschwunden war.

Ich warf meinen Kameraden einen Blick zu. Es waren Römer aus Latium und aus Rom selbst, Briten, Germanen und ein feuerhaariger Hibernier. Ich blickte zu den Wölfen in Menschengestalt hinüber, die uns umringten: gnomenhafte Menschen, vornübergebeugt, mit langen, starken Armen und zottigem Haar über fliehenden Stirnen. Schwarzglühende Augen starrten uns bösartig an. Die Barbaren waren fast unbekleidet, trugen kleine Rundschilde, lange Speere und Schwerter mit ovalen Klingen. Kaum einer maß mehr als fünf Fuß, doch ihre unglaublich breiten Schultern zeugten von ungewöhnlicher Stärke. Und flink waren sie wie Katzen.

Da stürmten sie auch schon wieder heran. Die kurzen Schwerter der Angreifer prallten auf die römischen Kurzschwerter. Es war ein Kampf auf engstem Raum, denn es war sowohl die Taktik der Wilden wie auch die der römischen Legionäre. Der römische Schild stellte einen Nachteil dar, denn er war zu schwer für rasche Bewegungen, und die Barbaren stießen geduckt von unten herauf.

Wir standen Rücken an Rücken, und wenn einer von uns fiel, schlossen wir die Reihe wieder. Sie drängten gegen uns, so daß wir einander Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden und ihr säuerlicher Atem uns in die Nase stank. Wie Krieger aus Stahl hielten wir unsere Stellung. Die Heide, die Hügel, ja selbst die Zeit wurde bedeutungslos. Wir waren keine Männer mehr, sondern nur noch kämpfende Automaten. Die Schlacht ließ keinen Platz für Gedanken und Gefühle. Hauen und stechen. Eine Klinge zersplittert auf einem Schild. Ein tierhaftes Gesicht knurrt. Schlag zu! Das Gesicht verschwindet und wird durch eine andere Fratze ersetzt.

Die Jahre der römischen Kultur verschwanden wie Nebel unter den Strahlen der Sonne. Ich war wieder ein Wilder, der einem feindlichen Stamm gegenüberstand. Ich verfluchte die Kürze meines römischen Schwertes. Ein Speer brach an meinem Brustpanzer, ein Schwert zersprang auf meinem Helm, hämmerte mich zu Boden. Ich taumelte empor und tötete den Angreifer mit einem aufwärts geführten Hieb. Dann hielt ich mit erhobenem Schwert inne. Stille herrschte auf der Heide. Kein Feind stand mehr auf den Beinen. Nur noch Leichen lagen umher. Und von uns dreißig waren nur noch fünf übrig: zwei Römer, ein Brite, der Ire und ich. Das Römerschwert und der römische Panzer hatten den Sieg davongetragen.

Es blieb nur eines zu tun, den Marsch nach Süden fortzusetzen. Aber bevor wir uns daran machten, fand ich etwas auf dem Schlachtfeld, was mein Herz mit Freude erfüllte, einen Bihänder in der verkrampften Hand eines der Wilden. Das Langschwert eines Nordmanns, bei Thor! Der Tote hielt die Waffe so fest umklammert, daß ich gezwungen war, ihm die Hand abzuschlagen, um es mir anzueignen.

Nun fühlte ich mich wohler. Kurzschwert und Schild mochten für einen Mann mittlerer Größe genügen, reichten jedoch für einen Krieger, der sechseinhalb Fuß maß, nicht aus.

Wir überquerten die Berge, krochen wie Insekten eine Steilwand hoch und wurden oben fast vom Sturm weggeblasen, der wie ein Riese brüllte. Und dort warteten sie auf uns. Der Brite fiel mit einem Speer im Körper, taumelte hoch, umklammerte den Angreifer, und zusammen stürzten sie über den Rand des Abgrundes tausend Fuß hinunter. Nach einem kurzen, wütenden Gefecht war der Kampf auch schon zu Ende. Vier Feinde lagen bewegungslos zu unseren Füßen, während einer der Römer auf dem Boden hockte und das Blut zu stillen versuchte, das aus seinem Armstumpf hervorsprang.

Die Gefallenen rollten wir über den Rand der Schlucht, und den Arm des Römers umwanden wir fest mit Lederriemen. Dann setzten wir unseren Weg fort.

Weiter. Weiter. Zerklüftete Felsen rund um uns. Die Sonne senkte sich dem Horizont entgegen. Als wir, von Steinblöcken gedeckt, auf einem breiten Felsband hockten, zog eine Schar Eingeborener unter uns vorbei. Wild aufbrüllend sprang der Ire mitten unter sie. Sein rotes Haar schimmerte zwischen ihren schwarzen Schöpfen. Der erste, der ihn erreichte, fiel mit gespaltenem Schädel, und der zweite kreischte auf, als ihm der Arm von der Schulter getrennt wurde. Mit einem wilden Kampf schrei versenkte der Ire sein Schwert in einer haarigen Brust, riß es heraus und hieb einen Kopf ab. Dann waren sie über ihm wie Wölfe über einem Löwen, und einen Augenblick später zierte sein Haupt eine Speerspitze.

Der Trupp zog weiter, ohne unsere Anwesenheit zu ahnen, und wir setzten unseren Weg fort. Die Nacht fiel ein, und der Mond ging auf und warf gespenstische Schatten. Bis zum Morgengrauen taumelten wir weiter, verbargen uns bei Tagesanbruch in Felsnischen und machten uns des Nachts wieder auf den Weg.

Bei Einbruch der Morgendämmerung erreichten wir eine riesige Hochebene, die an drei Seiten von Bergen eingerahmt war. Nur gen Süden zu schien das Land flach zu sein, und so glaubte ich, daß wir endlich das Hügelland vor uns hatten, das in die fruchtbaren Ebenen des Südens überging.

An einem See hielten wir an. Kein Feind war zu sehen, und nirgends stieg Rauch auf. Aber als wir so standen, kippte der einarmige Römer lautlos vornüber. Ein Wurfspeer stak in seinem Körper.

Unsere Blicke suchten den See ab. Kein Boot war zu sehen und auch kein Gegner im spärlichen Schilf am Ufer. Wir wandten uns um und blickten forschend über die Heidelandschaft. Da brach der zweite Römer mit einem kurzen Speer zwischen den Schulterblättern zusammen.

Das Schwert gezückt, suchte ich mit den Blicken die Hänge ab. Die Heide erstreckte sich zwischen den Bergen, und nirgends war das Heidekraut hoch genug, um einen Mann zu verbergen – nicht einmal einen Kaledonier. Keine Welle kräuselte die Seeoberfläche. Wieso bewegte sich das eine Schilfrohr, während die übrigen still standen? Ich beugte mich vor und spähte ins Wasser. Neben dem Rohr stieg eine Luftblase hoch. Ich bückte mich noch mehr und blickte in ein tierhaftes Antlitz unter der Oberfläche! Erstaunen ließ mich einen Augenblick lang zögern, dann spaltete mein Schwert das haarige Gesicht und parierte im letzten Moment den Speer, der gegen meine Brust zuckte. Das Wasser schäumte auf, und kurz darauf trieb die Leiche des Wilden an die Oberfläche. Seine Hand hielt immer noch das Schilfrohr umklammert, durch das er geatmet hatte. Nun wußte ich, warum so viele Römer an den Seeufern auf geheimnisvolle Weise das Leben verloren hatten.

Ich warf meinen Schild weg und behielt nichts außer Schwert, Dolch und Rüstung. Ein wildes, erhebendes Gefühl durchströmte mich. Ich war allein in einem rauhen Land voller Feinde, die nach meinem Blut dürsteten. Bei Thor und Odin! Ich würde ihnen zeigen, wie ein Nordmann zu sterben vermochte! Mit jedem Atemzug verlor ich mehr von der Schale der römischen Kultur. Zuletzt blieb nur noch der primitive Mann übrig, und kalte Wut erfüllte mich, gepaart mit Verachtung für meine Feinde. Ich war nahe daran, zum Berserker zu werden. Die kämpferische Seele des Nordmanns regte sich in mir. Ich war kein Römer. Ich war ein gelbbärtiger Barbar. Und ich schritt über die Heide, als befände ich mich an Bord meines Langschiffs. Wer waren schon die Pikten? Verkrüppelte Zwerge, deren Tage gezählt waren. Sie entstammten aus einem anderen Zeitalter, ein Volk, das die Kelten und Nordleute vor sich her getrieben hatten. Und irgendwo in meinem Geist hauste die verschleierte Erinnerung an wilde, gnadenlose Kriege aus einer dunkleren Zeit.

Aber da war auch eine gewisse Scheu – nicht vor ihren kämpferischen Fähigkeiten, sondern vor der Zauberei, die sie beherrschen sollten. Ich hatte ihre Kromleche in ganz Britannien gesehen und auch den Wall, den sie unfern von Corinium erbaut hatten. Ich wußte, daß die keltischen Druiden sie in einem solchen Ausmaß haßten, das selbst für Priester erstaunlich war. Nicht einmal die Druiden vermochten zu erklären, wie das Steinzeitvolk die mächtigen Steinwälle zu errichten imstande gewesen war. Zauberei mußte im Spiel sein.

Ich begann mich zu fragen, zu welchem Zweck wir fünfhundert Männer eigentlich ausgeschickt worden waren. Einige behaupteten, um einen bestimmten Piktenpriester gefangenzunehmen, andere, um den Aufenthaltsort eines Piktenhäuptlings mit Namen Bran Mak Morn herauszufinden. Aber keiner wußte es, mit Ausnahme des Offiziers. Und dessen Kopf stak irgendwo auf der Spitze eines Piktenspeers. Ich wünschte, ich könnte diesem Bran Mak Morn begegnen. Man erzählte sich, es gäbe im Kampf nicht seinesgleichen – weder in einer Schlacht noch im Zweikampf. Vielleicht träfe ich auf ihn, und wenn er wirklich so tapfer war, wie man behauptete, so würde er mir sicher gegenübertreten.

Ich verbarg mich nicht länger. Ja, mehr noch: ich sang ein Lied im Gehen und schlug den Takt mit meinem Schwert. Sollten die Pikten doch kommen! Ich war bereit, den Tod eines Kriegers zu sterben.

Ich hatte viele Meilen zurückgelegt, als ich um einen Hügel bog und gute hundert von ihnen vor mir hatte. Falls sie erwarteten, daß ich floh, so täuschten sie sich. Ich unterbrach nicht einmal meinen Gesang, als ich ihnen entgegenschritt. Einer kam mir entgegen und griff an. Ich spaltete ihn von der linken Schulter bis zur rechten Hüfte. Ein zweiter sprang von der Seite heran und stieß nach meinem Kopf. Ich duckte mich und schnitt ihm den Bauch auf. Dann umringten sie mich. Ich hielt das Schwert mit beiden Händen, schwang es im Kreis herum und schaffte mir Platz. Mit dem Rücken stellte ich mich zu dem steilen Abhang des Hügels, um zu verhindern, daß sie mich wieder umzingelten. Meine Streiche waren so gewaltig, daß für jeden Feind einer genügte. Ein bärtiger Wilder unterlief mein Schwert und stach von unten herauf. Die Klinge glitt an meinem Harnisch ab, und ich streckte ihn mit meinem Schwertknauf bewußtlos zu Boden. Wie Wölfe belagerten sie mich und versuchten, mich mit ihren kurzen Klingen zu erreichen. Zwei fielen mit gespaltenen Schädeln, als sie zu nahkamen. Da beugte sich einer über die Schultern der vordersten und rannte mir seinen Speer durch die Hüfte. Vor Wut brüllend, spießte ich ihn auf. Bevor ich noch das Gleichgewicht wiedererlangen konnte, riß ein Schwert meinen rechten Arm auf, und ein zweites brach auf meinem Helm. Ich taumelte, ließ meine Waffe kreisen, um mir Platz zu verschaffen, doch eine Speerspitze grub sich in meine rechte Schulter. Ich stolperte, ging zu Boden und taumelte wieder hoch. Ich brüllte löwengleich auf, wurde zum Berserker und sprang mitten unter die Feinde. Ich hieb nach links und rechts und sah nur noch rot. Ich fiel zu Boden, sprang auf, stürzte wieder, der rechte Arm hing nutzlos herab, das Schwert wirbelte in der linken Hand. Der Kopf eines Feindes sprang von den Schultern, ein Arm verschwand am Ellbogen, und dann brach ich zusammen und versuchte vergeblich, die Schwerthand zu heben.

Augenblicklich befanden sich ein Dutzend Speerspitzen an meiner Brust, als jemand die Angreifer zurückwarf und eine befehlsgewohnte Stimme rief:

„Halt! Dieser Mann muß geschont werden!“

Wie durch einen Nebel hindurch erkannte ich ein schmales, dunkles Antlitz, als ich auf die Beine kam. Ich stand einem schlanken, dunkelhaarigen Mann gegenüber, der mir kaum bis zur Schulter reichte, aber der so geschmeidig und stark wie ein Panther wirkte. Er war mit eng anliegenden Kleidern angetan, und als einzige Waffe trug er ein langes Schwert. Im Aussehen glich er den Pikten ebensowenig wie ich, und doch deutete irgend etwas auf seine Verwandtschaft mit ihnen hin.

All dies stellte ich in meiner Benommenheit fest, kaum fähig, mich auf den Beinen zu halten.

„Ich habe dich gesehen“, sagte ich erstaunt. „Immer wieder habe ich dich in der vordersten Schlachtenreihe gesehen. Stets hast du die Pikten zum Angriff geführt, während sich die anderen Häuptlinge abseits hielten. Wer bist du?“

Dann verschwammen die Krieger, der Himmel und die Welt vor meinen Augen, und ich brach zusammen.

Undeutlich vernahm ich die Stimme des geheimnisvollen Kriegers: „Versorgt seine Wunden und gebt ihm Speise und Trank!“ Ich hatte die Sprache von den Pikten erlernt, die an die Mauer kamen, um Handel zu treiben.

Ich merkte, daß den Befehlen des Kriegers Folge geleistet wurde, und mit Hilfe des Weines, den die Pikten aus Heidekraut gären, erlangte ich bald wieder die Herrschaft über meine Sinne. Dann legte ich mich zu Boden und schlief.

Als ich erwachte, stand der Mond hoch am Himmel. Man hatte mir Waffen und Helm abgenommen, und einige Pikten bewachten mich. Als sie merkten, daß ich nicht länger schlief, bedeuteten sie mir, ihnen zu folgen, und wir schritten über die Heide. Nach kurzer Zeit gelangten wir zu einem hohen, nackten Hügel, auf dem ein Feuer brannte. Auf einem Felsblock neben dem Feuer saß der sonderbare Piktenführer, und um ihn in einem Kreis seine Krieger.

Man führte mich vor ihn, und ich betrachtete ihn weder trotzig noch furchtsam. Ich spürte, daß ich einem Mann gegenüberstand, wie ich noch nie einem begegnet war. Eine Kraft, eine Macht schien von ihm auszugehen, die ihn von gewöhnlichen Menschen unterschied. Es schien, als blicke er aus majestätischen Höhen auf die Männer herab, nachdenklich, unergründlich, voll von der Weisheit von Jahrhunderten. Er hielt das Kinn auf eine Hand gestützt, als er mich mit seinen dunklen Augen ansah.

„Wer bist du?“

„Ein Bürger Roms.“

„Ein römischer Legionär. Einer jener Wölfe, die bereits seit zu vielen Jahrhunderten die Welt verheeren.“

Unter den Kriegern erhob sich ein Gemurmel, gefährlich wie die Fänge eines Wolfes.

„Es gibt solche, die meinem Volk verhaßter sind als die Römer“, sagte er. „Du bist also ein Römer. Doch scheint mir, als wären die Römer größer, als ich dachte. Und dein Bart – was hat ihn so gelb werden lassen?“

Die Ironie in seinen Worten ließ mich den Kopf höher heben, und obwohl sich mir beim Gedanken an die –Schwerter in meinem Rücken die Haut zusammenzog, antwortete ich stolz:

„Von Geburt her bin ich ein Nordmann.“

Ein wilder Schrei ertönte in der Runde der kauernden Horde, und einige stürzten vor. Eine einzige Handbewegung des Häuptling sandte sie zurück. Seine Augen hatten mich nicht einen Augenblick lang unbeobachtet gelassen.

„Mein Stamm besteht aus Narren“, stellte er fest. „Denn sie hassen die Nordleute mehr als die Römer, weil die Nordmänner unaufhörlich unsere Küsten überfallen. Und dennoch sollten sie Rom hassen.“

„Aber du bist kein Pikte!“

„Ich bin Mediterraner.“

„Aus Kaledonien?“

„Ich gehöre der Welt an.“

„Wer bist du?“

„Bran Mak Morn.“

„Was?“ Ich hatte mir unter Bran Mak Morn ein Ungeheuer vorgestellt, einen unförmigen Riesen oder einen monströsen Zwerg von der Art der übrigen Angehörigen seiner Rasse.

„Du bist nicht wie die anderen.“

„Ich bin wie mein Volk einmal war“, gab er zur Antwort. „Das Geschlecht der Häuptlinge hat sich ihr Blut während all der Jahrhunderte rein erhalten und die Welt nach den Frauen der Alten Rasse abgesucht.“

„Warum haßt deine Rasse alle Menschen?“ fragte ich neugierig. „Eure Wildheit ist sprichwörtlich unter den anderen Völkern.“

„Warum sollten wir nicht hassen?“ In seinen Augen stand plötzlich ein Glitzern. „Wir wurden aus unseren fruchtbaren Ländern in die Einöden der Welt vertrieben und an Körper und Geist verkrüppelt. Sieh mich an! Ich bin, wie meine Rasse einmal war. Sieh dich um! Ein Volk von Affenmenschen – wir, die wir einst die vornehmsten unter den Menschen waren.“

Der Haß, der in seiner tiefen Stimme vibrierte, ließ mich erschauern.

Zwischen den Reihen der Krieger erschien ein Mädchen, das sich an die Seite des Häuptlings begab und eng an ihn geschmiegt niederließ. Eine schlanke, scheue Schönheit, nicht viel mehr als ein Kind. Mak Morns Gesicht verlor etwas von seiner Härte, als er einen Arm um ihre schmalen Schultern legte. Dann kehrte der brütende Ausdruck in seine Augen zurück.

„Meine Schwester, Nordmann“, sagte er. „Man hat mir gesagt, ein reicher Kaufmann in Corinium bietet jedem, der sie ihm bringt, tausend Goldstücke.“

Meine Kopfhaut prickelte, denn ich vermeinte, einen besonderen Ton in der Stimme des Kaledoniers zu entdecken. Der Mond sank unter den westlichen Horizont und verlieh der Heidelandschaft einen roten Schimmer, so daß sie in dem gespenstischen Licht wie ein Meer von geronnenem Blut aussah.

Die Stimme des Häuptlings unterbrach die Stille: „Der Kaufmann sandte einen Spion über die Mauer. Ich schickte ihm seinen Kopf.“

Ich fuhr zusammen. Ein Mann stand vor mir. Ich hatte ihn nicht kommen sehen. Es war ein sehr alter Mann, nur mit einem Lendenschurz bekleidet. Ein langer, weißer Bart fiel ihm bis zur Hüfte, und er war vom Scheitel bis zur Sohle tätowiert. Sein ledriges Antlitz lag in tausend Falten, und seine Haut war schuppig wie die einer Schlange. Unter weißen Augenbrauen brannten große, hektische Augen, als sähen sie unheimliche Visionen. Die Krieger bewegten sich unruhig, und das Mädchen drückte sich erschreckt in Mak Morns Arme.

„Die Götter des Krieges reiten den Nachtwind“, sprach der Zauberer plötzlich mit hoher, geisterhafter Stimme. „Die Sperber wittern Blut. Fremde Füße trampeln auf den Straßen von Alba. Fremde Ruder schlagen die Nordsee.“

„Hilf uns mit deiner Macht, Zauberer“, befahl Mak Morn herrisch.

„Du hast das Mißfallen der alten Götter erregt, Häuptling“, erhielt er zur Antwort. „Die Tempel der Schlange sind verlassen. Der weiße Gott des Mondes erhält nicht länger sein Menschenfleisch. Die Herren der Lüfte blicken von ihren Wällen herab und sind unzufrieden. Hai, hau Sie sagen, ein Häuptling ist vom richtigen Pfad abgewichen.“

„Genug!“ unterbrach Mak Morn rauh. „Die Macht der Schlange ist gebrochen. Die Neophyten opfern den dunklen Göttern keine Menschen mehr. Wenn ich die Nation der Pikten aus dem schwarzen Tal der Barbarei führe, dulde ich keinen Widerspruch – ob von einem Prinzen oder einem Priester. Bedenke meine Worte, Zauberer!“

Der alte Mann wandte seine seltsam leuchtenden Augen gegen mich.

„Ich sehe einen gelbhaarigen Barbaren“, wisperte er. „Ich sehe einen starken Körper, einen starken Geist. Ein Opfer für einen Häuptling.“

Mak Morn entfuhr ein ungeduldiger Ausruf.

Das Mädchen zog seinen Kopf gegen seine Lippen und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

„Die Pikten entbehrten noch nicht ganz jeglicher Menschlichkeit und Freundlichkeit“, sagte er, und ich merkte den feinen Spott in seiner Stimme. „Das Kind möchte, daß ich dich freilasse.“

Obwohl er die keltische Sprache verwendete, verstanden ihn die Krieger und murmelten unzufrieden.

„Nein!“ rief der Zauberer wild.

Der Widerspruch bestärkte den Häuptling in seinem Entschluß. Er erhob sich.

„Ich sage, der Nordmann geht bei Tagesanbruch frei.“

Mißbilligendes Schweigen herrschte.

„Wagt es jemand von euch, mir mit dem Schwert gegenüberzutreten?“ rief er herausfordernd.

Der Zauberer sprach: „Hör zu, o Häuptling. Ich habe mehr als hundert Jahre gelebt. Ich habe gesehen, wie Häuptlinge und Eroberer kamen und gingen. Im mitternächtlichen Wald habe ich gegen die Magie der Druiden gekämpft. Lange hast du meine Macht verhöhnt, Mann der Alten Rasse, und jetzt biete ich dir die Stirn. Ich fordere dich zum Zweikampf.“

Kein Wort mehr wurde gesprochen. Die beiden Männer traten einander im Schein des Feuers gegenüber.

„Wenn ich siege, ringelt sich wieder die Schlange, kreischt wieder die Wildkatze, und du bist auf ewig mein Sklave. Wenn du siegst, sind meine Künste dein, und ich werde dir dienen.“

Zauberer und Häuptling standen einander gegenüber. Die züngelnden Flammen erleuchteten ihre Gesichter. Ihre Blicke prallten aufeinander. Ja, der Kampf zwischen den Augen und den Seelen dahinter war so deutlich zu erkennen, als fochten sie mit Schwertern. Die Augen des Zauberers weiteten sich, die des Häuptlings wurden schmal. Gewaltige Kräfte schienen von beiden auszustrahlen, unsichtbare Mächte hüllten sie ein. Ich erahnte, daß es sich nur um einen Teil eines äonenalten Streits handelte, dem Kampf zwischen dem Alten und dem Neuen. Hinter dem Zauberer standen Tausende von Jahren voll dunkler Geheimnisse, unheilvoller Mysterien, erschreckende, nebulöse Gestalten, Monstren, halb verborgen in den Nebeln der Vergangenheit. Hinter dem Häuptling stand das klare, starke Licht des kommenden Tages, der erste Funke der Zivilisation, die reine Kraft eines Menschen mit einer neuen und mächtigen Botschaft. Der Zauberer war die personifizierte Steinzeit, der Häuptling die kommende Zivilisation. Vielleicht hing das Schicksal der Piktenrasse vom Ausgang des Kampfes ab.

Die Anstrengungen der beiden Männer waren ungeheuer. Auf der Stirn des Häuptlings traten die Adern hervor. Beider Augen funkelten und sprühten. Da drang ein Keuchen aus der Kehle des Zauberers. Kreischend griff er sich an die Augen und sank wie ein leerer Sack auf den Heideboden.

„Genug!“ keuchte er. „Du hast mich besiegt, Häuptling.“ Er erhob sich unterwürfig.

Die Spannung wich von den Reihen der Zuschauer, und sie richteten ihre Blicke auf den Anführer. Mak Morn machte eine Bewegung, als wolle er etwas Unangenehmes abschütteln. Er ging zum Felsblock, ließ sich darauf nieder, und das Mädchen schlang seine Arme um ihn und flüsterte ihm freudig erregt ins Ohr.

„Das Schwert der Pikten ist flink“, murmelte der Zauberer. „Der Arm der Pikten ist stark. Hai! Man sagt, ein Mächtiger hat sich unter den Männern des Westens erhoben.

Sieh in das uralte Feuer der Verschwundenen Rasse, o Wolf von der Heide! Hai, hau Man sagt, ein Häuptling sei uns entstanden, um die Rasse aufwärts zu führen.“

Der Zauberer beugte sich murmelnd über die Glut des Feuers, dessen Flammen verloschen waren. Er rührte in der Glut, während er einen seltsamen Gesang anstimmte, der sich kaum reimte und dessen Bedeutung schwer verständlich war, in dem jedoch ein wilder Rhythmus lag.

Hin und wieder stocherte er in der Glut oder warf merkwürdig geformte Gegenstände hinein, wobei seine Bewegungen auf den Gesang abgestimmt waren.

Über das verkohlte Holz begannen rote Flammen zu lecken. Einmal züngelten sie empor, dann verlöschten sie wieder, um gleich darauf wieder den Zunder zu entflammen, den der Zauberer darauf geworfen hatte. Es prasselte in der Stille, und Rauch begann emporzukräuseln und sich zu einer Wolke zu vereinigen.

Stärker wurde der Rauch und hüllte den Zauberer ein, bis nur noch seine gelben Augen durch den Nebel glühten. Seine Stimme kam wie aus weiter Ferne, als wäre sie körperlos, als wäre sie nicht die des Zauberers, sondern ein Ding für sich, als spräche nicht der Geist des Alten, sondern die vergangenen Jahrhunderte durch sie.

Selten habe ich mich in solch gespenstischer Umgebung befunden: Über uns herrschte die Dunkelheit, kaum ein Stern blinkte, und nur die wabernden Finger des Nordlichts malten bizarre Banner auf den toten Himmel. Die Hänge des Hügels verloren sich im Meer des wogenden Heidekrauts, und auf der unbewachsenen Spitze hockte die halb menschliche Horde wie Gestalten aus einer anderen Welt, deren Gesichter sich einmal mit den Schatten vermengten und dann wieder im Schein des Feuers blutrot hervortraten. Und Bran Mak Morn saß wie eine Bronzestatue, und die Flammen meißelten sein Profil aus der Dunkelheit, während von dem Alten kaum mehr als die sprühenden, gelben Augen und der lange, schneeweiße Bart zu sehen waren.

„Eine mächtige Rasse, das Volk vom Mittelmeer.“

In den Augen der Umsitzenden leuchtete es auf. Sie beugten sich vor. Kein Mensch vermochte diese urzeitlichen Wilden zu zivilisieren. Niemand vermochte sie zu zähmen, zu überwinden. Der ungestüme Geist der Steinzeit war in ihnen.

„Älter als die schneeigen Gipfel von Kaledonien.“

Die Krieger lehnten sich erwartungsvoll und begierig noch weiter vor. Ich merkte, daß die Erzählung sie stets fesselte, auch wenn sie sie zweifellos bereits Hunderte Male von Hunderten Anführern und alten Männern gehört hatten.

„Nordmann“, riß mich der Zauberer aus meinen Gedanken, „was kommt hinter dem Kanal im Westen?“

„Die Insel Hibernia.“

„Und danach?“

„Die Inseln, die von den Kelten Aran genannt werden.“

„Und danach?“

„Das weiß ich wahrlich nicht. Das Wissen der Menschen nimmt dort sein Ende. Kein Schiff hat je diese Wasser befahren. Die Weisen nennen es Thule. Das Unbekannte, das Land der Illusion, den Rand der Welt.“

„Hai, hau Jener mächtige Ozean bespült die Ufer unbekannter Kontinente und Inseln. Weit, weit jenseits der ungeheuren Wasserwüste liegen zwei große Kontinente, von denen selbst der kleinere ganz Europa bei weitem in den Schatten stellt. Es sind Erdteile von unglaublichem Alter, in deren Länder die Stämme von Menschen umherzogen, die die Geheimnisse jeden Handwerks kannten, während dieses Land, das du Europa nennst, nichts anderes war als ein von Reptilen bewohnter Sumpf, ein feuchter Urwald, in dem Affen hausten.

So gewaltig sind jene Erdteile, daß sie die Welt vom Eis des Nordens bis zum Eis des Südens umspannen. Und jenseits von ihnen liegt ein riesiger Ozean. In ihm befinden sich unzählige Inseln, und diese Inseln stellten einst die Gipfel der Berge eines großen Landes dar – das versunkene Land Lemuria.

Und die beiden Kontinente sind Zwillinge, verbunden durch einen schmalen Streifen Land. Die Westküste des nördlichen Kontinents ist rauh und zerrissen. Mächtige Gebirge türmen sich gegen den Himmel. Aber diese Gipfel waren einmal Inseln, und auf diese Inseln gelangte einst der namenlose Stamm von Norden her. Das war vor so vielen tausend Jahren, daß man müde wird, sie zu zählen. Tausend Meilen entfernt im Nordwesten war der Stamm in den fruchtbaren Ebenen entstanden, die in der Nähe der Meeresstraße liegen, die den nördlichen Kontinent von Asien trennt.“

„Asien!“ rief ich verwirrt.

Der Alte warf mir einen zornigen Blick zu und fuhr nach einem Augenblick wieder fort:

„Dort, im fernsten Nebel der Vergangenheit, hatte sich ein kriechendes Meereswesen zum Affen, vom Affen zum Affenmenschen und vom Affenmenschen zum Wilden entwickelt.

Und Wilde waren sie noch, als sie grausam und kriegslustig die Küste herabkamen. Sie waren geschickte Jäger, denn Jahrhunderte lang hatten sie sich von der Jagd ernährt. Sie waren kräftig gebaut, nicht besonders groß, jedoch zäh und muskulös wie der Leopard. Kein Volk könnte ihnen widerstehen. Und sie waren die ersten Menschen.

Sie kleideten sich in Tierfelle, und ihre Steinwerkzeuge waren grob behauen. Sie nahmen die westlichen Inseln in Besitz, über denen stets die Sonne lachte. Und da lebten sie Tausende von Jahren. Und die westlichen Inseln waren reich und fruchtbar und das Meer friedlich. Da legte der Stamm die Waffen beiseite und begann, die Künste des Friedens zu pflegen. Sie lernten, ihre Steingeräte zu polieren, Getreide und Früchte anzubauen, den Boden zu bestellen. Und sie waren zufrieden, und die Erntegötter lachten ihnen. Und sie lernten spinnen und weben und den Bau von Hütten. Und sie wurden Meister der Töpferei und in der Bearbeitung von Pelzen.

Weit im Westen, jenseits der Wogen, lag das große, düstere Land Lemuria. Und wiederum erschienen viele Boote am Horizont. In diesen befanden sich Angehörige des halbmenschlichen Volkes der See. Vielleicht waren sie aus fremdartigen Seeungeheuern entstanden, denn sie besaßen Schuppen wie der Hai und konnten stundenlang unter Wasser schwimmen. Immer wieder schlug sie der Stamm zurück, doch immer wieder kamen sie, denn Abtrünnige des Stammes flohen nach Lemuria. Im Osten und Süden erstreckten sich riesige Wälder, die von wilden Tieren und Affenmenschen bewohnt waren.

So glitten die Jahrhunderte unter den Schwingen der Zeit hinweg. Stärker und stärker wurde der namenlose Stamm, immer mehr bewandert in der Kunst des Handwerks, immer weniger bewandert in der Kunst des Krieges und der Jagd. Und langsam kletterten die Lemurier auf der Leiter der Entwicklung weiter.

Da erschütterte eines Tages ein ungeheures Beben die Welt. Der Himmel vermischte sich mit dem Wasser, und dazwischen erzitterte das Land. Donnernd, als kämpften Götter gegeneinander, erhoben sich die Inseln des Westens aus dem Meer und bildeten die neue Westküste des nördlichen Kontinents. Und Lemuria versank unter den Wellen. Übrig blieb nur noch eine große, gebirgige Insel, umgeben von einer Unzahl kleinerer, die zuvor die Gipfel der Gebirge gewesen waren.

Und an der Westküste erhoben sich brüllend Vulkane und spien feuriges Gestein, das jegliche Spur der Zivilisation am Ufer überdeckte. Aus fruchtbarem Land war Wüste entstanden.

Ostwärts floh der Stamm und trieb die Affenmenschen vor sich her, bis er die weiten, fruchtbaren Ebenen fern im Osten erreichte. Dort wohnten sie jahrhundertelang, bis die Eisfelder nach Süden vordrangen. Wieder floh der Stamm, und eine tausendjährige Wanderschaft begann.

Südwärts zogen sie und trieben stets die Tiermenschen vor sich her. In der großen Entscheidungsschlacht wurden diese vernichtend geschlagen, flohen weit in den Süden und gelangten über die sumpfigen Inseln, die damals dort das Meer übersäten, nach Afrika, von wo aus sie nach Europa vordrangen, wo es noch keine Menschen gab.

Die Lemurier, die Zweite Rasse, wanderten in den nördlichen Kontinent ein. Es waren kleine, untersetzte Menschen mit Augen, die an fremde Meere erinnerten. Sie wußten wenig vom Handwerk, errichteten jedoch sonderbare Bauten und hatten vom namenlosen Stamm gelernt, Werkzeuge aus poliertem Obsidian und Jade herzustellen.

Die mächtigen Eisfelder dehnten sich weiter aus und drängten den namenlosen Stamm südwärts. Zwar erreichte das Eis nie den südlichen Kontinent, doch bestand dieser bloß aus schlangenverseuchtem Sumpfland. Daher bauten die Namenlosen Boote und segelten zum meerumspülten Atlantis. Die Atlanter waren die Dritte Rasse. Groß und schlank von Gestalt, bewohnten sie Höhlen und lebten von der Jagd. Für das Handwerk besaßen sie kein Geschick, doch waren sie Künstler. Befanden sie sich nicht auf der Jagd oder im Krieg miteinander, so verbrachten sie die Zeit damit, die Wände ihrer Höhlen mit Zeichnungen und Gemälden von Menschen und Tieren zu versehen. Dem namenlosen Stamm waren sie nicht gewachsen, und so wurden sie vertrieben. Auch sie gelangten nach Europa und führten dort erbittert Krieg mit den vor ihnen eingewanderten Tiermenschen.

Dann brach Krieg aus unter den Stämmen der Namenlosen, und die Sieger vertrieben die Besiegten. Unter diesen befand sich ein uralter Zauberer, und der belegte Atlantis mit einem Fluch. Kein Mensch sollte von Atlantis wissen, kein Boot sollte jemals dort landen, noch eines von Atlantis andere Gestade erreichen. Unbekannt sollte Atlantis liegen, bis Schiffe mit Drachenköpfen aus der nördlichen See kämen, bis vier Heere auf der Insel der Seenebel einander zur Schlacht trafen, und bis ein großer Führer aus dem Volk des namenlosen Stammes hervorging.

Sodann ruderten sie von Insel zu Insel nach Afrika, folgten der Küste nach Norden und gelangten in die Mittlere See, die von sonnigen Ufern eingerahmt war.

Dort lebte der Stamm Jahrhunderte lang, wuchs, wurde stark und mächtig und breitete sich über die Länder aus. Von den Wüsten Afrikas bis zu den Wäldern des Nordens, vom Nil bis zu den Bergen Albas tummelten sie sich, bebauten ihre Felder, weideten ihr Vieh, webten ihre Stoffe. Sie bauten Pfahldörfer in den Seen der Alpen und errichteten Steintempel in den Ebenen Britanniens. Sie vertrieben die Atlanter und schlugen die rothaarigen Rentier-Leute.

Da brachen aus dem Norden die Kelten mit ihren Schwertern und Speeren aus Bronze hervor. Von den nebligen Ländern des allgewaltigen Schnees kamen sie, von den Ufern der fernen Nordsee. Und sie waren die Vierte Rasse. Die Pikten flohen vor ihnen, denn die Kelten waren groß und stark. Sie besaßen graue Augen und lohfarbenes Haar. Auf der ganzen Welt bekämpften Kelten und Pikten einander, und stets siegte der Kelte, denn die Stämme hatten in den langen Zeiten des Friedens die Kunst des Krieges verlernt. Sie flohen in die Einöden der Welt.

Und so flohen die Pikten von Alba nach Westen und Norden und vermischten sich dort mit den rothaarigen Riesen, die sie vor langen Zeiten aus den Ebenen vertrieben hatten.

So vergingen die Zeitalter, und die Rasse veränderte sich. Aus dem zierlichen, schwarzhaarigen Volk und den ungeschlachten, rothaarigen Wilden entstand eine neue Rasse, verkrüppelt an Körper und Geist. Sie wurden grausam und hinterlistig im Kampf, aber das alte Können war vergessen. Vergessen war der Webstuhl, der Töpferofen und die Mühle. Das Geschlecht der Häuptlinge jedoch erhielt sich rein. Und einer davon bist du, Bran Mak Morn, Wolf der Heideländer.“

Stille entstand. Der schweigende Ring der Zuhörer lauschte immer noch träumend, als vernahmen sie noch das Echo der Worte des Zauberers. Der Nachtwind flüsterte. Das Feuer griff auf neuen Zunder über, aus dem Flammen emporschossen, die wie Arme in die Dunkelheit griffen.

Die monotone Stimme fuhr fort:

„Der Ruhm des namenlosen Stammes schwand wie Schnee, der auf das Meer fällt, wie Rauch, der sich in der Luft auflöst. Er verschwand wie die vergangenen Ewigkeiten. Verschwunden ist der Glanz von Atlantis, verschwunden das düstere Reich der Lemurier. Die Völker der Steinzeit schmelzen dahin wie Frost in der Sonne. Aus der Nacht kamen wir, und in der Nacht gehen wir auf. Alle sind Schatten. Ein Volk der Schatten sind wir. Unsere Tage sind gezählt. Wölfe hausen in den Tempeln des Mondgotts. Wasserschlangen ringeln sich in unseren versunkenen Städten. Stille regiert in Lemuria. Über Atlantis liegt ein Fluch. Rothäutige Wilde bevölkern die Länder im Westen, wandern durch das Tal des Westflusses, entehren die Tempelwälle, die die Männer von Lemuria zu Ehren des Meeresgotts errichteten. Und im Süden zerbröckelt das Reich der Tolteken von Lemuria. So verschwinden die ersten Rassen. Und die Menschen des neuen Zeitalters werden mächtig.“

Der Alte nahm einen brennenden Ast aus dem Feuer und beschrieb mit unglaublich raschen Bewegungen den Kreis mit dem Dreieck in der Luft. Sonderbarerweise schien das mystische Symbol einige Augenblicke lang flammend zu bestehen.

„Der Kreis ohne Anfang“, leierte der Zauberer. „Der Kreis ohne Ende. Die Schlange mit dem Schwanz im Maul, das Universum umspannend. Und die mystische Drei. Anfang, Ruhe, Ende. Schöpfung, Erhaltung, Zerstörung. Der Frosch, das Ei und die Schlange. Zerstörung, Erhaltung, Schöpfung. Die Schlange, das Ei und der Frosch. Und die Elemente: Feuer, Luft und Wasser. Und das Phallussymbol. Der Feuergott lacht.“

Mit wilder Intensität starrten die Pikten ins Feuer. Die Flammen hüpften. Rauch quoll empor und verschwand, und an seine Stelle trat ein sonderbarer, gelber Dunst – weder Feuer, Rauch noch Nebel, sondern eine Mischung aus den drei Dingen. Die Umgebung und der Himmel schienen in den Flammen aufzugehen. Ich fühlte mich nicht länger als Mensch, sondern als ein Paar körperloser Augen.

Da begannen sich irgendwo in dem gelben Dunst undeutliche Bilder zu formen, die nacheinander auftauchten und wieder verschwanden. Ich wußte, daß es die Vergangenheit war, die da vorüberzog. Ich erkannte ein Schlachtfeld, und auf der einen Seite kämpften viele Krieger, die Bran Mak Morn glichen, bis auf die Tatsache, daß sie kampfunerfahren waren. Ihnen gegenüber stand eine Schar großer, hagerer Männer mit Bronzeschwertern und -Speeren. Galen!

Dann sah ich ein anderes Schlachtfeld, und ich wußte, daß Jahrhunderte vergangen waren. Wieder befanden sich die Galen mit ihren Bronzewaffen im Kampf, doch diesmal waren es sie, die in die Flucht geschlagen wurden. Die Angreifer waren ein Haufen riesiger, gelbhaariger Krieger, die ebenfalls Bronze verwendeten. Die Schlacht kennzeichnete die Ankunft der Briten, die der Insel den Namen Britannien verliehen.

Die darauf folgenden Bilder huschten so rasch vorbei, daß man nichts Genaues unterscheiden konnte. Man gewann den Eindruck von großen Taten und wichtigen Ereignissen, doch waren nur undeutliche Schatten zu erkennen. Einen Augenblick lang erschien ein kräftiges Gesicht mit stahlgrauen Augen und einem gelben Schnurrbart, der schmale Lippen einrahmte. Ich ahnte, daß es sich um einen anderen Bran handelte, den Kelten Brennus, dessen gallische Horden Rom geplündert hatten.

Dann trat ein anderes Gesicht an seine Stelle, das Gesicht eines jungen Mannes, hochmütig und arrogant, mit hoher Stirn, aber grausamen Zügen um den Mund. Das Antlitz eines Halbgotts, gleichzeitig jedoch das eines degenerierten Menschen.

Cäsar!

Ein Ufer im Schatten. Ein düsterer Wald. Kampfeslärm. Die Legionen zerstreuen die Horden des Caractacus.

Dann zogen rasch Bilder vom Pomp und Glanz Roms vorbei. Ihre Legionen kehrten im Triumph zurück und führten Hunderte von Gefangenen in Ketten mit sich. Man sah beleibte Senatoren und Adelige in den Bädern, bei Festen und Ausschweifungen. Weibische Kaufleute und Edelmänner gaben sich in Ostia, in Massilia, in Auqa Sulae dem süßen Leben hin.

Dann änderten sich die Bilder abrupt und zeigten, wie sich die Barbaren an den Grenzen sammelten: die grimmigen, gelbbärtigen Nordmänner, die Germanenstämme, die rothaarigen Wilden aus Wales und Damnonia und ihre Verbündeten, die piktischen Siluren. Die Vergangenheit war vorbei; Gegenwart und Zukunft hatten ihren Platz eingenommen!

Und dann unermeßliche Wirren, ganze Völker in Aufruhr, Armeen und Menschen lösten einander in rascher Folge ab.

„Rom fällt!“ Die jubelnde Stimme des Zauberers unterbrach die Stille. „Die Vandalen schwärmen über das Forum. Eine wilde Horde marschiert auf der Via Appia. Gelbhaarige Barbaren mißbrauchen die Vestalinnen. Und Rom fällt!“

Vielstimmiges Triumphgeschrei stieg zum Nachthimmel empor.

„Ich sehe Britannien unter dem Joch der nordischen Eroberer. Ich sehe die Pikten von den Bergen herabschwärmen. Ich sehe Raub, Brand und Krieg.“ Im feurigen Nebel erschien plötzlich das Antlitz Bran Mak Morns. „Heil dem Retter! Ich sehe das Piktenvolk neuem Glanz entgegengehen!

Der Wolf an der Macht

Spottet der Nacht.

Da drängt an das Licht

Von neuem ein Volk,

Ein Schatten von gestern,

Zu beständigem Ruhm.

Die Schwingen des Sturms

Verbreiten die Kunde

Rasch von der Rückkehr

Einer alten Nation.

Flieht, Wolf und Drache!

Der Pikte jetzt lacht.“

Im Osten stieg grau die Dämmerung hoch. Ihr geisterhaftes Licht erhellte Bran Mak Morns unbewegliches Gesicht. Seine dunklen Augen starrten reglos ins Feuer und sahen darin seine hochstrebenden Pläne, seine Träume von einem Reich in Rauch aufgehen.

„Was wir nicht im Kampf zu halten vermochten, haben wir Jahrhunderte hindurch mit List und Verschlagenheit gehalten. Aber die neuen Rassen erheben sich wie die Sturmflut, und das Alte muß vergehen. In den nebligen Bergen von Galloway wird sich die Nation zur letzten Schlacht sammeln. Und wenn Bran Mak Morn fällt, verschwindet das Verlorene Feuer – für immer. Aus den Jahrhunderten, aus den Äonen.“

Und bei diesen Worten bildete das Feuer eine einzige riesige Flamme, sprang hoch empor und verschwand mitten in der Luft.

Und über die östlichen Berge ergoß sich die Morgenröte.

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Herrscher der Nacht

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Cäsar saß auf goldenem Thron.

Seine ehernen Legionen kamen,

Zu vernichten einen Herrscher

Und eine Rasse ohne Namen.

- Das Lied des Bran –

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DER DOLCH ZUCKTE HERAB. Ein Aufschrei ging in ein Gurgeln über. Die Gestalt auf dem klobigen Altar ruckte noch ein paarmal und lag dann still. Die Feuersteinschneide drang in die Brust, und dünne Finger rissen das Herz heraus. Unter dichten, weißen Augenbrauen glühten scharfe Augen voll wilder Intensität.

Außer dem Opferpriester standen vier Männer um den Steinhaufen, der den Altar des Gottes der Schatten darstellte. Einer war von mittlerer Größe, schlank gebaut, spärlich bekleidet, und sein Haar wurde von einem schmalen Eisenreif gehalten, in dessen Mitte ein rotes Juwel glühte. Von den anderen glichen zwei dem ersten in der dunklen Farbe der Haut, doch waren sie untersetzt und mißgestalt, ihre Gliedmaßen verformt, und das strähnige Haar fiel wirr über die fliehende Stirn. Während sein Antlitz von Intelligenz und eisernem Willen zeugte, stand in ihren Gesichtern nur tierische Wildheit. Der vierte Mann hatte mit den übrigen wenig gemeinsam. Zwar war sein Haar schwarz wie das ihrige, doch überragte er sie um Haupteslänge, besaß eine relativ lichte Haut und graue Augen. Mißbilligend betrachtete er das Geschehen.

Ja, Cormac von Connacht fühlte sich unbehaglich. Gewiß huldigten die Druiden auf Erin, seiner Insel, dunklen Opferbräuchen, doch nicht so etwas. Düstere Bäume umgaben den Platz, der notdürftig von einer einzelnen Fackel erleuchtet wurde. Durch die Zweige wimmerte gespenstisch der Nachtwind. Cormac befand sich allein mitten unter den Angehörigen einer fremden Rasse und hatte soeben mit angesehen, wie einem Mann das Herz aus dem Körper gerissen worden war. Jetzt betrachtete der uralte Priester das pulsierende Ding. Cormac schauderte und warf dem mit dem Juwel einen Blick zu. Glaubte Bran Mak Morn, König der Pikten, tatsächlich, daß der weißbärtige Schlächter an einem blutenden Menschenherz die Zukunft vorauszusehen imstande war? Die dunklen Augen des Königs verrieten nichts. Die Seele dieses Mannes besaß Tiefen, die für Cormac ebenso wie für jeden anderen unergründlich waren.

„Die Zeichen sind günstig!“ rief der Priester wild und sprach mehr zu den beiden Häuptlingen als zu Bran. „Hier, im Herzen eines gefangenen Römers, lese ich –den Untergang des römischen Heeres! Triumph für die Söhne der Heideländer!“

Die beiden Wilden murmelten erregt, und ihre Augen glitzerten.

„Geht und bereitet eure Clans für den Kampf vor“, sagte der König, und die beiden gehorchten und entfernten sich in ihrem affenartigen Gang, den ihnen die verkrümmten Körper aufzwangen. Ohne dem Priester noch irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken, der die grausamen Überreste auf dem Altar untersuchte, winkte Bran Cormac zu. Der Gäle folgte ihm bereitwillig. Außerhalb des Opferplatzes, unter dem Licht der Sterne, atmete er erleichtert auf. Sie befanden sich auf einer Anhöhe und blickten über das Meer des wogenden Heidekrauts. In der Nähe brannten einige Feuer. Dahinter waren mehr Feuer und hinter diesen noch mehr, und die letzteren bezeichneten das Lager von Cormacs eigenen Leuten, verwegen reitende und kämpfende Galen. Sie bildeten einen Teil der Gruppe, die sich soeben an der Westküste von Kaledonien festzusetzen begann, dem Kern des Landes, aus dem sich das Königreich Dalriadia entwickeln sollte. Links von diesen glühten weitere Feuer.

Und weit im Süden gab es noch mehr Feuer – winzige Lichtpünktchen. Doch selbst auf die große Entfernung hin vermochten der Piktenkönig und sein keltischer Verbündeter zu erkennen, daß sie regelmäßiger angeordnet waren.

„Die Lagerfeuer der Legionen“, murmelte Bran. „Die Feuer, die einen Pfad um die Welt erleuchten. Die Männer, die diese Feuer entzündeten, haben die Völker unter ihre Füße getrampelt. Und jetzt, jetzt stehen wir von den Heideländern mit dem Rücken gegen die Wand. Was wird der Morgen bringen?“

„Unseren Sieg, sagt der Priester“, antwortete Cormac.

Bran machte eine ungeduldige Handbewegung. „Mondenschein auf dem Ozean. Wind in den Wipfeln der Föhren. Denkst du, ich glaube an solchen Mummenschanz? Oder daß mich das Hinschlachten eines gefangenen Legionärs erfreut? Ich muß meine Leute ermutigen; es war Gron und Bocahs wegen, daß ich den alten Gonar die Zeichen erforschen ließ. Die Krieger werden besser kämpfen.“

„Und Gonar?“

Bran lachte. „Gonar ist zu alt, um auch nur irgend etwas zu glauben. Er war bereits Jahre vor meiner Geburt Hoherpriester der Schatten und behauptet, direkt von jenem Gonar abzustammen, der in den Tagen Brules des Speeres, dem Begründer meines Geschlechtes, ein Zauberer war. Niemand weiß, wie alt er ist. Manchmal glaube ich, er ist der ursprüngliche Gonar selbst!“

„Zumindest habe ich eines gelernt“, sprach eine spöttische Stimme, und Cormac fuhr zusammen, als eine undeutliche Gestalt an seiner Seite auftauchte, „daß ein weiser Mann als Narr auftreten muß, um das Vertrauen und den Glauben der Menschen nicht zu verlieren. Ich kenne Geheimnisse, die selbst dir den Verstand rauben würden, Bran, würde ich sie dir verraten. Aber um mir den Glauben der Leute zu erhalten, bin ich zu solchen Dingen gezwungen, die sie für richtige Magie halten. Und deswegen hüpfe und schreie ich, raßle mit Schlangenhäuten und rühre in Menschenblut und Hühnerlebern.“

Cormac betrachtete den Alten mit neuem Interesse. Der Anschein des Halb-Irren war verschwunden. Er war nicht länger der Scharlatan, der Sprüche murmelnde Schamane. Das Sternenlicht verlieh ihm eine Würde, die ihn größer erscheinen ließ. Er wirkte wie ein Patriarch.

„Deine Zweifel liegen dort, Bran.“ Ein dürrer Arm wies auf den vierten Feuerring.

„Aye.“ Der König nickte düster. „Cormac, du weißt es ebenso wie ich. Der Ausgang der morgigen Schlacht hängt von jenem Lager ab. Mit den Streitwagen der Briten und deinen Reitern aus dem Westen wäre uns der Sieg gewiß – aber im Herzen eines jeden Nordmanns wohnt ein Teufel! Jetzt, da ihr Anführer, Rognar, tot ist, schwören sie, nur unter einem König ihrer Rasse zu kämpfen! Sonst brechen sie ihren Schwur und gehen zu den Römern über. Ohne sie sind wir verloren, denn wir können unseren Plan nicht ändern.“

„Fasse Mut, Bran“, sagte Gonar. „Greif an das Juwel in deiner Eisenkrone. Vielleicht bringt es dir Hilfe.“

Bran lachte bitter. „Jetzt sprichst du so, wie die Männer denken. Ich bin kein Narr, der an leere Worte glaubt. Was willst du mit dem Juwel? Es ist seltsam, richtig; und es hat mir bisher Glück gebracht. Aber jetzt benötige ich nicht Juwelen, sondern den Beistand von dreihundert launischen Nordmännern, die einzigen unter uns, die zu Fuß dem Anfall der Legion standzuhalten vermögen.“

„Aber das Juwel, Bran, das Juwel!“ beharrte Gonar.

„Ja, das Juwel!“ rief Bran ungeduldig. „Es ist älter als diese Welt. Es war alt, als Atlantis und Lemuria in der See versanken. Brule der Speer, der erste meiner Ahnen, erhielt es von dem Atlanter Kull, dem König von Valusien, als die Welt noch jung war. Aber hilft uns das jetzt?“

„Wer weiß?“ meinte der Zauberer ausweichend. „Zeit und Raum existieren nicht. Es gab keine Vergangenheit, und es wird keine Zukunft geben. Das Jetzt ist alles. Alles, was jemals war, ist oder sein wird, ereignet sich jetzt. Der Mensch befindet sich stets im Zentrum dessen, was wir Zeit und Raum nennen. Ich habe mich ins Gestern und ins Morgen begeben, und beides war so wirklich wie das Heute, das heißt wie die Träume von Geistern! Aber laß mich schlafen und mit Gonar sprechen. Vielleicht steht er uns bei.“

„Was meint er?“ fragte Cormac und schüttelte sich leicht, als der Priester in den Schatten verschwand.

„Er hat immer schon behauptet, der erste Gonar erscheine ihm in seinen Träumen und spräche mit ihm“, antwortete Bran. „Ich habe ihn Taten vollbringen sehen, die über das hinausgehen, wozu Menschen imstande sind. Ich weiß nicht. Ich bin nur ein kleiner König mit einer Eisenkrone, der versucht, eine Rasse von Wilden aus dem Sumpf zu führen, in den sie versunken ist. Sehen wir zu den Lagern.“

Als sie dahinschritten, versank Cormac in Gedanken. Welch seltsames Schicksal hatte bewirkt, daß solch ein Mann aus einem Volk von Wilden hervorgegangen war, aus den Überbleibseln eines dunkleren, grimmigeren Zeitalters? Sicherlich war er ein Atavismus, ein richtiger Vertreter der Pikten aus den Tagen, als sie über ganz Europa herrschten, ehe ihr primitives Reich unter den Bronzeschwertern der Gallier zugrunde ging. Cormac wußte, daß Bran sich aus eigenen Kräften von der unbedeutenden Stellung des Sohnes eines der Wolfs-Clan-Häuptlinge emporgearbeitet und bis zu einem gewissen Grad die Stämme der Heideländer geeinigt hatte und nun die Königswürde über ganz Kaledonien beanspruchte. Doch war seine Herrschaft nicht gesichert, und es mußte noch viel geschehen, ehe die Pikten die Fehden zwischen den Clans vergessen und dem Feind eine gemeinsame Front bieten würden. Von der morgigen Schlacht, der ersten regelrechten Schlacht zwischen den Pikten unter ihrem König und den Römern, hing die Zukunft des wachsenden piktischen Königreiches ab. Bran und sein Bundesgenosse schritten durch das Lager der Pikten, wo die Krieger um ihre kleinen Feuer lagen und schliefen oder an halbgarem Fleisch nagten. Cormag war beeindruckt von ihrer Stille. Tausend Männer lagerten hier, und doch war kaum hier und da ein gutturales Murmeln zu vernehmen. Die Stille der Steinzeit ruhte in den Seelen dieser Männer.

Alle waren sie klein, und die meisten besaßen verbogene Glieder. Bran Mak Morn überragte sie alle. Nur die älteren Männer trugen Barte, und diese waren schütter. Das schwarze Kopfhaar hing ihnen wirr über die Augen. Sie waren barfüßig und notdürftig in Wolfsfelle gehüllt. Ihre Waffen bestanden aus kurzen, gezackten Eisenschwertern, schweren Bögen, Pfeilen mit Spitzen aus Stein, Eisen und Kupfer sowie aus Steinhämmern. Zur Verteidigung besaßen sie grobe Schilde aus lederverkleidetem Holz; viele hatten Metallstücke in ihr Haar geflochten, die als geringfügiger Schutz gegen Schwertstreiche dienen sollten. Einige wenige, meist Söhne von Häuptlingen, besaßen so wie Bran gerade Glieder, doch in aller Augen glühte die unauslöschliche Wildheit des Urzeitmenschen.

Es sind Wilde durch und durch, dachte Cormac. Ärger als die Gallier, die Briten und die Germanen. Lag etwas in den alten Legenden, die besagten, daß sie zu einer Zeit herrschten, da fremdartige Städte dort standen, wo jetzt die Wogen des Meeres rollten? Und daß sie die Flut überlebten, die jene glanzvollen Imperien überschwemmte, und dann in die Barbarei zurückfielen, aus der sie sich einst erhoben hatten?

In der Nähe des Piktenlagers befanden sich die Feuer eines Trupps von Briten, Angehörige der Stämme, die südlich der Römischen Mauer in den Hügeln und Wäldern des Westens ihren Wohnsitz hatten und sich der Gewalt Roms widersetzten. Sie waren von kräftigem Körperbau, besaßen blitzende, blaue Augen und dichtes, gelbes Lockenhaar und gehörten demselben Volk an, das sich an der Ceanntischen Küste drängte, als Cäsar die römischen Adler auf die Inseln brachte. Ebenso wie die Pikten waren sie nicht gepanzert, sondern nur in grobes Leinen und Hirschhautsandalen gekleidet. Sie trugen kleine Rundschilde aus bronzeverstärktem Hartholz und lange, schwere Bronzeschwerter mit abgerundeten Spitzen. Einige hatten Bögen, waren jedoch keine Meister in deren Anwendung. Ihre Bögen waren kürzer als die der Pikten und nur auf kurze Entfernungen hin wirksam. Aber in der Nähe der Feuer standen die Waffen aufgereiht, die den Namen Brite zu einem Wort des Schreckens unter den Pikten, Römern und Nordmännern machten: Fünfzig Streitwagen aus Bronze schimmerten im Schein der Flammen. Die Achsen waren zu langen Klingen verlängert, die einem halben Dutzend Männer gleichzeitig die Beine abzutrennen vermochten. In der Nähe grasten unter den wachsamen Blicken der Posten die Zugpferde, gewaltige und rasche Tiere.

„Ich wollte, wir hätten mehr von diesen“, meinte Bran nachdenklich. „Mit tausend Streitwagen und meinen Bogenschützen könnte ich die Legionen in die See werfen.“

„Die unabhängigen Stämme der Briten müssen früher oder später ein Opfer der römischen Legionen werden“, prophezeite Cormac. „Man möchte annehmen, sie würden dich freudig in deinem Krieg unterstützen.“

Bran machte eine hilflose Geste. „Ha! Die Launenhaftigkeit des Kelten! Sie können ihre alten Fehden nicht vergessen. Unsere alten Männer berichteten uns, sie hätten sich nicht einmal gegen Cäsar zu einen vermocht, als die Römer zum erstenmal die Insel betraten. Sie kämpften niemals gemeinsam gegen einen äußeren Feind. Diese Männer stießen wegen irgendeiner Meinungsverschiedenheit mit ihrem Häuptling zu mir. Aber ich kann mich nicht auf sie verlassen, falls es nicht tatsächlich zum Kampf kommt.“

Cormac nickte. „Ich weiß. Cäsar eroberte Gallien, indem er einen Stamm gegen den anderen ausspielte. Mein eigenes Volk wechselt die Bündnisse mit dem Wechsel der Gezeiten. Aber von allen Kelten sind die Cymrier die launischsten. Vor nur wenigen Jahrhunderten nahmen meine gälischen Vorfahren Erin den cymrischen Danaanen ab, weil sie uns – obgleich in der Überzahl – stammweise entgegentraten anstatt als Nation.“

„Und nun stehen diese cymrischen Briten Rom gegenüber“, sagte Bran. „Morgen werden sie auf unserer Seite kämpfen – mehr kann ich nicht sagen. Aber wie kann ich von fremden Stämmen Treue erwarten, der ich mir nicht einmal meines eigenen Volkes sicher bin? Tausende lauern in den Hügeln und warten ab. Laß mich morgen siegen, und sie werden sich um meine Banner scharen; verliere ich, so zerstreuen sie sich wie Vögel vor einem kalten Sturm.“

Ein Chor von Begrüßungsworten tönte den beiden Anführern entgegen, als sie das Lager von Cormacs Galen betraten. Fünfhundert an der Zahl waren sie groß, schwarzhaarig und grauäugig und trugen das Gehabe von Männern zur Schau, deren Handwerk ausschließlich der Krieg ist. Wenngleich unter ihnen keine eiserne Disziplin herrschte, so gewann man doch den Eindruck größerer Ordnung, als sie in den Lagern der Pikten und Briten existierte. Sie waren zuletzt von den keltischen Völkern auf die Insel gekommen, und ihre barbarische Zivilisation stand viel höher als die ihrer cymrischen Verwandten. Die Vorfahren der Galen hatten das Kriegshandwerk an den weiten Steppen Skythiens und den Höfen der Pharaonen erlernt, wo sie als Söldner Ägyptens fochten, und vieles von dem Erlernten hatten sie nach Irland mitgebracht. Als Meister der Metallbearbeitung besaßen sie hochwertige Waffen aus Eisen.

Bekleidet waren sie mit feingewebten Kilts und ledernen Sandalen. Jeder trug ein leichtes Kettenhemd und einen offenen Helm, war ansonsten jedoch ungerüstet. Die Kelten, Galen wie auch Briten, pflegten den Mut eines Mannes am Ausmaß der Rüstung zu beurteilen, hinter der er sich verbarg. Die Briten, die gegen Cäsar kämpften, hielten die Römer für Feiglinge, weil sie sich in Metall kleideten, und viele Jahrhunderte später dachten die irischen Clans dasselbe von den gepanzerten normannischen Rittern.

Cormacs Krieger waren Reiter. Weder konnten sie mit dem Bogen umgehen, noch schätzten sie ihn. Sie trugen metallverstärkte Rundschilde, Dolche, lange, gerade Schwerter und leichte Äxte. Ihre Rösser grasten nicht weit entfernt. Sie waren nicht so kräftig wie die der Briten, dafür aber rascher.

Brans Augen leuchteten auf, als die beiden Männer durch das Lager schritten. „Deine Leute sind scharfschnäbelige Kampfvögel! Sieh nur, wie sie ihre Äxte glätten, horch, wie sie über das Morgen scherzen! Ich wünschte, die Räuber in dem Lager da drüben wären so zuverlässig wie deine Männer, Cormac! Dann würde ich die Legionen morgen mit Gelächter begrüßen, wenn sie aus dem Süden heranziehen.“

Sie traten in den Kreis der Feuer der Nordleute. Dreihundert Mann saßen umher, würfelten, schärften ihre Waffen und tranken vom Heidebier, das sie von den piktischen Verbündeten erhalten hatten. Sie betrachteten Bran und Cormac mit unfreundlichen Blicken. Der Unterschied zwischen ihnen und den Pikten und Kelten fiel sofort ins Auge: Er lag in den kalten Augen, den Gesichtszügen und in ihrer Haltung. In ihnen fand sich auch die Wildheit des Barbaren, aber sie glich nicht der plötzlichen Wut des Kelten. In ihnen war Grimm, Entschlossenheit und unerschütterliche Halsstarrigkeit. Der Anfall der britischen Clans war schrecklich, überwältigend. Aber sie hatten keine Geduld. War ihnen nicht sofortiger Sieg vergönnt, so neigten sie dazu, den Mut zu verlieren und sich zu zerstreuen. In diesen Seefahrern jedoch herrschte die Geduld des kalten, blauen Nordens – eine feste Entschlossenheit, die sie bis zum bitteren Ende ausharren ließ, wenn sie sich einmal für ein bestimmtes Ziel entschieden hatten.

Sie waren Riesen von Gestalt. Daß sie die Ansichten der Kelten, was Rüstung betraf, nicht teilten, ging aus der Tatsache hervor, daß sie in schwere Schuppenpanzer gehüllt waren, die fast bis zu den Knien reichten, daß sie massive, gehörnte Helme trugen, während die Beinkleider aus gehärtetem Leder ebenso wie die Schuhe mit Eisenplatten verstärkt waren. Ihre Schilde waren riesige Ovale aus Hartholz, Leder und Messing. Als Waffen trugen sie lange Speere mit Eisenspitzen, schwere eiserne Äxte und Dolche. Einige besaßen breite Langschwerter.

Cormac fühlte sich unter den kalten, durchdringenden Blicken der flachshaarigen Männer nicht wohl in seiner Haut. Sie waren seine Erbfeinde, auch wenn sie zur Zeit auf seiner Seite kämpften – aber taten sie das auch?

Ein Mann trat ihnen entgegen, ein langer, hagerer Krieger, in dessen narbiges Antlitz das flackernde Feuer tiefe Schatten warf. Den Mantel aus Wolfspelz über die breiten Schultern zurückgeworfen, die riesigen Hörner auf dem Helm, so stand er da in den schwankenden Schatten, ein drohendes Symbol der düsteren Barbarei, die bald die Welt überfluten sollte.

„Nun, Wulfhere“, begann der Piktenkönig, „ihr habt den Met der Beratung getrunken und an den Feuern gesprochen. Wie ist eure Entscheidung?“

Die Augen des Nordmanns blitzten im Halbdunkel. „Gib uns einen König unserer Rasse, dem wir folgen können, wenn du willst, daß wir für dich kämpfen.“

Bran streckte die Arme empor. „Verlange von mir die Sterne, auf daß sie eure Helme schmücken! Folgen dir deine Kameraden nicht?“

„Nicht gegen die Legionen“, antwortete Wulfhere störrisch. „Ein König hat uns auf den Pfad des Wikingers geführt – ein König muß uns gegen die Römer führen. Und Rognar ist tot.“

„Ich bin ein König“, sagte Bran. „Wollt ihr für mich kämpfen, wenn ich an der Spitze eures Keils stehe?“

„Ein König von unserem Blut“, erwiderte Wulfhere beharrlich. „Wir sind alle ausgesuchte Männer des Nordens. Wir kämpfen für niemand anderen als für einen König, und ein König muß uns gegen die Legionen führen.“

Cormac spürte eine leichte Drohung in der Wiederholung dieser Worte.

„Hier steht ein Prinz von Erin“, versuchte es Bran von neuem. „Wollt ihr für den Westmann kämpfen?“

„Wir fechten unter keinem Kelten – weder einem aus dem Westen noch aus dem Osten“, grollte der Wikinger, und die Umstehenden brummten zustimmend. „Es reicht schon, an ihrer Seite zu kämpfen.“

Das heiße, gälische Blut stieg Cormac in den Kopf und er trat vor Bran und griff das Schwert. „Wie meinst du das, Pirat?“

Ehe Wulfhere antworten konnte, fuhr Bran dazwischen: „Haltet ein! Wollt ihr Narren den Sieg vergeben, noch ehe die Schlacht begonnen hat? Denkt an euren Eid, Wulfhere!“

„Wir schworen ihn unter Rognar. Als er unter einem römischen Pfeil fiel, wurden wir von ihm enthoben. Gegen die Legionen folgen wir nur einem König.“

„Aber gegen das Volk der Heide folgen dir deinen Kameraden!“ schnappte Bran.

„Aye.“ Die Augen des Nordmannes begegneten kalt den seinen. „Gib uns einen König, oder wir schließen uns morgen der Römern an.“

Bran knurrte. In seiner Wut schien er die umstehenden Riesen zu überragen.

„Verräter! Lügner! Ich habe euer Leben in meiner Hand! Aye, zieht eure Schwerter, wenn ihr wollt! Cormac, du behältst deines in der Scheide. Diese Wölfe wagen es nicht, einen König zu beißen! Wulfhere, ich habe euer Leben geschont, als ich es hätte nehmen können. Ihr seid gekommen, um diese Länder zu verheeren. Ihr plündertet die Küsten, und der Rauch brennender Dörfer lag wie eine Wolke über den Ufer Kaledoniens. Ich hatte euch in der Falle, als ich eure Langschiffe verbrannte, während ihr im Landesinnern eure Hände mit dem Blut meines Volkes beflecktet. Ich lockte euch in einen Hinterhalt, als ihr zurückkehrtet Mit dreimal so vielen Bogenschützen hinter mir, wie ihr zähltet, die nach eurem Blut lechzten, verschonte ich euch, wenn wir euch wie gefangene Wölfe hätten abschießen können. Und weil ich euch verschonte, habt ihr geschworen, für mich zu kämpfen.“

„Und sollen wir sterben, weil die Pikten gegen Rom kämpfen?“ grollte einer der bärtigen Räuber.

„Euer Leben gehört mir. Ihr seid gekommen, um zu plündern. Ich habe nicht versprochen, euch alle mit Beute beladen in den Norden heimzuschicken. Ihr habt geschworen, unter meiner Fahne eine Schlacht gegen Rom zu schlagen. Dann werde ich den Überlebenden beim Schiffsbau helfen, und ihr könnt mit einem guten Anteil der Beute, die wir den Römern nehmen werden, ziehen, wohin ihr wollt. Rognar hätte seinen Schwur gehalten. Aber Rognar ist in einem Gefecht mit der römischen Vorhut gefallen, und jetzt verleitest du, Wulfhere der Zwietrachtsäer, deine Kameraden zu dem, was der Nordmann am meisten haßt: den Bruch des Schwert-Eides.“

„Wir brechen keinen Eid“, knurrte der Wikinger, und der König merkte den germanischen Eigensinn, der ungleich schwerer zu bekämpfen war als der Wankelmut der feurigen Kelten. „Gib uns einen König – weder Pikte, Gäle noch Brite – und wir sterben für dich. Wenn nicht, so kämpfen wir morgen für den größten aller Könige, den Imperator von Rom!“

Einen Augenblick lang dachte Cormac, der Piktenkönig würde sein Schwert ziehen und den Nordmann fällen. Wulfhere sah den unermeßlichen Zorn in Brans dunklen Augen, trat einen Schritt zurück und griff an den Gürtel.

„Narr!“ zischte Mak Morn mit seiner Stimme, die vor Wut vibrierte. „Ich könnte euch vom Angesicht der Erde tilgen, ehe noch die Römer nahe genug heran sind, um euer Todesgeheul zu vernehmen. Wählt! Kämpft morgen für mich oder sterbt heute nacht unter einer schwarzen Wolke von Pfeilen, einem roten Sturm von Schwertern, einer dunklen Welle von Streitwagen!“

Bei der Erwähnung der Streitwagen, der einzigen Waffe, die je den Schildwall der Nordleute durchbrochen hatte, veränderte sich der Ausdruck in Wulfheres Gesicht, aber er gab nicht nach.

„So sei Krieg“, beharrte er störrisch. „Oder du gibst uns einen König!“

Die Nordmänner bestätigten seine Worte mit einem kurzen, zustimmenden Ruf, während sie gleichzeitig die Schwerter gegen die Schilde schlugen. Blitzenden Auges wollte Bran eben zu sprechen anheben, als ein weißer Schatten lautlos in den Feuerring trat.

„Friede“, mahnte der alte Gonar beruhigend. „Spare deine Worte, König. Wulfhere, du und deine Leute werdet für uns kämpfen, falls ihr einen König habt, der euch führt?“

„Wir haben es geschworen.“

„So haltet den Frieden“, sprach der Zauberer, „denn bevor morgen die Schlacht beginnt, werde ich euch einen König schicken, wie ihn die Erde seit hunderttausend Jahren nicht gesehen hat! Ein König – weder Pikte, Gäle noch Brite – doch ein solcher, neben dem der Imperator von Rom wie ein Dorfältester wirkt!“

Während sie unentschlossen standen, nahm Gonar Cormac und Bran am Arm. „Kommt. Und ihr, Nordleute, gedenkt eures Schwures und meines Versprechens. Schlaft jetzt und versucht nicht, in der Dunkelheit das Lager der Römer zu suchen, denn selbst wenn ihr unseren Pfeilen entgehen solltet, so nicht meinem Fluch oder dem Mißtrauen der Legionäre.“

Als die drei sich entfernten, warf Cormac einen Blick über die Schulter und sah Wulfhere verwirrt am Feuer stehen und mit seinem Bart spielen.

Die drei gingen schweigend unter dem Sternenhimmel durch das wogende Heidekraut, während der gespenstische Nachtwind geisterhafte Geheimnisse flüsterte.

„Vor unzähligen Jahren“, unterbrach der Zauberer plötzlich das Schweigen, „in den Tagen, da die Welt noch jung war, erstreckten sich weite Länder dort, wo heute das Meer schäumt. In diesen Ländern wohnten mächtige Völker, bestanden große Königreiche. Unter diesen war Valusien, das Land der Magie, an Größe unerreicht. Rom ist ein Dorf im Vergleich zum Glanz der Städte von Valusien. Und der mächtigste König war Kull, der aus Atlantis gekommen und die Krone Valusiens einer degenerierten Dynastie entrissen hatte. Die Pikten, die die Inseln bewohnten, die heute die Gipfel eines Gebirges auf einem Erdteil im westlichen Ozean bilden, waren die Verbündeten von Valusien. Und der größte unter den piktischen Kriegshäuptlingen war Brule der Speer, der erste des Geschlechts, das die Menschen Mak Morn nennen.

Nach einer Schlacht in einem fernen Land gab Kull Brule das Juwel, das du nun in deiner Eisenkrone trägst, o König. Und seither war es alle Zeiten hindurch das Zeichen der Mak Morn, das Symbol früherer Größe. Als sich dann die Wasser erhoben und Valusien, Atlantis und Lemuria verschlangen, überlebten nur die Pikten in geringer Zahl und wurden zerstreut. Aber sie klommen erneut aus der Barbarei empor, und nachdem die Kunst der Metallbearbeitung verlorengegangen war, wurden sie Meister im Umgang mit dem Stein. Und sie herrschten über alle neuen Länder, die aus dem Meer aufgetaucht waren und jetzt Europa genannt werden, bis aus dem Norden jüngere Völker hervorbrachen, die sich zu den Glanzzeiten Valusiens kaum von Affen unterschieden hatten und die in ihren Eisländern nichts von der verlorenen Glorie der Sieben ..Imperien und kaum etwas von der Flut wußten, die die halbe Welt überschwemmt hatte.

Und die Arier, Kelten und Germanen schwärmten aus der Wiege ihrer Rasse hervor, die in der Nähe des Pols liegt. Und wieder wurde die Nation der Pikten in ihrer Entwicklung gehindert und erneut in die Barbarei zurückgeworfen. Überall vertrieben, befinden wir uns jetzt am Rande der Welt. Hier, in Kaledonien, ist die letzte Heimat einer einst mächtigen Rasse. Und wir haben uns verändert. Unsere Stämme haben sich mit den Wilden eines älteren Zeitalters vermischt, die wir in den Norden getrieben hatten, als wir die Inseln eroberten. Und jetzt stellt der Pikte mit Ausnahme von Häuptlingen wie du, Bran, einen abstoßenden Anblick, dar.“

„Richtig gesprochen“, stimmte der König ungeduldig zu, „aber was hat das mit ...“

„Kull, der König von Valusien“, fuhr der Zauberer unerschütterlich fort, „war zu seiner Zeit ein Barbar, wie du es in deiner Zeit bist, und doch regierte er mit Hilfe seines Schwertes ein mächtiges Reich. Gonar, der Freund von Brule, deinem ersten Ahnen, ist seit hunderttausend Jahren tot. Und doch habe ich vor kaum einer Stunde mit ihm gesprochen.“

„Du hast mit seinem Geist gesprochen ...“

„Oder er mit meinem? Bin ich hunderttausend Jahre zurückgegangen, oder ist er zu mir gekommen? Wenn er mich aus der Vergangenheit besucht hat, dann bin es nicht ich, der mit einem toten Mann gesprochen hat, sondern er mit einem Ungeborenen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind für den Weisen eins. Ich sprach mit Gonar, als er lebte; und gleicherweise lebte ich. Wir trafen einander in einem Land ohne Raum und Zeit, und er erzählte mir viele Dinge.“

Die aufkommende Dämmerung erhellte das Land. Das Heidekraut bog sich in langen Reihen im Morgenwind, und es schien, als neige es sich in Verehrung vor der aufgehenden Sonne.

„Das Juwel in deiner Krone ist ein Magnet, das die Äonen herbeizieht“, sagte Gonar. „Die Sonne steigt empor – und wer entsteigt dem Sonnenaufgang?“

Cormac und der König blieben wie angewurzelt stehen. Die Sonne bildete gerade einen roten Halbkreis über den Hügeln im Osten. Und vor ihrem Glanz zeichneten sich plötzlich deutlich die Umrisse eines Mannes ab. Sie hatten ihn nicht kommen sehen. Gegen den goldenen Tagesanbruch wirkte er kolossal, wie ein gigantischer Gott aus dem Zeitalter der Schöpfung. Als er ihnen entgegenschritt, bemerkten ihn die erwachenden Heerscharen, und Ausrufe der Verwunderung stiegen aus den Lagern hoch.

„Wer – oder was – ist das?“ rief Bran.

„Wir wollen ihm entgegengehen, Bran“, antwortete der Zauberer. „Er ist der König, den Gonar geschickt hat, um das Volk Brules zu retten.“

Die Armeen schwiegen, als Bran, Cormac und Gonar dem Fremden entgegengingen, der sich mit großen Schritten näherte. Die Illusion ungeheurer Größe schwand, doch sie sahen, daß sie es mit einem Mann von mächtiger Statur zur tun hatten. Zunächst hielt Cormac ihn für einen Nordmann, doch dann stellte er fest, daß er einem solchen Menschen noch nie begegnet war. Er hatte den Körperbau der Wikinger, massig und geschmeidig zugleich – wie ein Tiger. Aber seine Gesichtszüge waren anders, und die Farbe seiner kurzgeschnittenen, löwengleichen Mähne war schwarz wie die Brans. Unter buschigen Augenbrauen glitzerte es grau wie Stahl und kalt wie Eis. Sein kräftiges, bartloses Gesicht hatte die Farbe von Bronze, und die hohe Stirn zeugte von Intelligenz. Das kräftige Kinn und die dünnen Lippen wiesen auf Willensstärke und Mut hin. Aber vor allem die Haltung, der unbewußte löwengleiche Gang, wiesen ihn als König, als Herrscher aus.

An den Füßen trug er eigenartig geschnittene Sandalen, und bekleidet war er mit einem geschmeidigen Waffenrock aus sonderbar verflochtenem Metall, der ihm fast bis zu den Knien reichte. Ein breiter Gürtel mit einer goldenen Schnalle umschlang seine Hüften, und daran hing ein langes, gerades Schwert in einer Lederscheide. Seine Stirn schmückte ein breiter Goldreif.

Solchermaßen sah der Mann aus, der vor der schweigenden Gruppe anhielt. Er schien halb erstaunt, halb amüsiert. Da trat Erkennen in seine Augen. In eigenartigem, archaischem Piktisch, das Cormac kaum verstand, sagte er mit tiefer, hallender Stimme:

„Ha, Brule! Gonar hat mir nicht gesagt, daß ich von dir träumen würde!“

Zum ersten Mal sah Cormac den Piktenkönig völlig aus der Fassung. Wortlos starrte er den Fremden an, der seine Rede fortsetzte:

„Und du trägst den Edelstein, den ich dir gab, in einem Reif an deiner Stirn! Gestern abend hattest du ihn an einem Ring an deinem Finger.“

„Gestern abend?“ keuchte Bran.

„Gestern abend oder vor hunderttausend Jahren – es ist alles dasselbe!“ murmelte Gonar, der an der Situation Gefallen zu finden schien.

„Ich bin nicht Brule“, sagte Bran. „Ist dein Sinn verwirrt, so von einem Mann zu sprechen, der seit hunderttausend Jahren tot ist? Er war der erste meines Geschlechts.“

Der Fremde lachte unerwartet auf. „Nun, jetzt weiß ich, daß ich träume! Was für eine Geschichte ich Brule morgen nach meinem Erwachen erzählen kann! Daß ich mich in der Zukunft befand und einen Mann traf, der seine Abstammung vom Speer ableitet, der noch nicht einmal verheiratet ist. Nein, du bist nicht Brule; das sehe ich nun, obgleich du seine Augen und sein Gebaren hast. Aber er ist größer und besitzt breitere Schultern. Und doch trägst du sein Juwel ... Na schön, in einem Traum kann alles geschehen, und so will ich mich mit dir nicht streiten. Eine Zeitlang glaubte ich, im Schlaf in ein fremdes Land versetzt worden zu sein, in dem ich tatsächlich aufwachte, denn dies ist der deutlichste Traum, den ich jemals geträumt. Wer bist du?“

„Ich bin Bran Mak Morn, König der kaledonischen Pikten. Und dieser Weise ist Gonar, ein Zauberer vom Geschlecht des Gonar. Und dieser Krieger ist Cormac na Connacht, ein Edler der Insel Erin.“

Der Fremde schüttelte langsam sein Löwenhaupt. „Die Worte klingen mir seltsam mit Ausnahme von Gonar. Und jener ist nicht Gonar, wenn auch ebenso alt. Was ist das für ein Land?“

„Kaledonien, oder Alba, wie die Galen es nennen.“

„Und wer sind jene affengleichen Krieger dort drüben, die uns mit offenen Mündern anstarren?“

„Das sind die Pikten, über die ich herrsche.“

„Wie seltsam verformt die Menschen in meinen Träumen sind!“ murmelte der Fremde. „Und wer sind die Männer bei den Streitwagen?“

„Das sind Briten – Cymrier von südlich der Mauer.“

„Was für eine Mauer?“

„Die Mauer, die Rom errichtete, um die Völker des Heidelandes von Britannien fernzuhalten.“

„Britannien? Ich habe noch nie von dem Land vernommen. Und was ist Rom?“

„Was!“ rief Bran. „Du hast noch nie von Rom gehört, dem Imperium, das die Welt beherrscht?“

„Kein Imperium beherrscht die Welt“, gab der andere hochmütig zurück. „Das mächtigste Königreich auf der Erde ist das, in dem ich regiere.“

„Und wer bist du?“

„Kull von Atlantis, der König von Valusien!“

Cormac lief es kalt über den Rücken.

„Valusien!“ rief Bran. „Aber Mann! Seit unzähligen Jahrhunderten liegt Valusien unter den Wassern des Ozeans begraben!“

Kull lachte lauthals. „In welchem Alptraum ich mich befinde! Als mich Gonar gestern abend im geheimen Gemach des inneren Palastes mit einem Schlafzauber belegte, sagte er mir, ich würde sonderbare Dinge träumen; aber das ist phantastischer, als ich erwartet hatte. Und das Eigenartigste ist, ich weiß, daß ich träume!“

Als Bran etwas sagen wollte, kam ihm Gonar zuvor.

„Zweifle nicht an den Taten der Götter“, murmelte der Zauberer. „Du bist König, weil du bisher günstige Gelegenheiten erkannt und wahrgenommen hast. Die Götter oder der erste Gonar haben diesen Mann geschickt. Laß mich mit ihm verhandeln.“

Bran nickte, und während die Krieger in Hörweite die Geschehnisse mit schweigender Verwunderung verfolgten, sprach Gonar:

„O großer König, du träumst; aber ist nicht das ganze Leben ein Traum? Wie kannst du sicher sein, daß nicht dein bisheriges Leben ein Traum war, aus dem du soeben erwachtest? Nun, auch wir Traumvölker haben unsere Kriege, und gerade jetzt zieht ein großes Heer aus dem Süden heran, um Brules Volk zu vernichten. Willst du uns beistehen?“

Kull grinste voll Eifer. „Aye! Ich habe schon in früheren Träumen gefochten, habe getötet und bin getötet worden, und war stets erstaunt, als ich aus meinen Visionen erwachte. Und manchmal – ebenso wie jetzt –habe ich gewußt, daß ich träumte. Sieh, ich kneife mich und spüre es. Aber ich weiß, daß ich träume, denn ich habe bereits zuvor in Träumen den Schmerz schwerer Wunden gefühlt. Ja, Volk meines Traumes, ich werde mit euch gegen das andere Traumvolk kämpfen. Wo ist es?“

„Und damit du dich an dem Traum noch mehr erfreust“, setzte der Zauberer schlau fort, „vergiß, daß es sich um einen Traum handelt und stelle dir vor, daß du mit Hilfe von Gonars Magie und des Steines, den du Brule schenktest und der jetzt die Krone der Morni ziert, tatsächlich in ein anderes Zeitalter versetzt worden bist, in dem Brules Volk gegen einen übermächtigen Feind kämpft.“

Einen Augenblick lang schien der Mann, der sich König von Valusien nannte, verwirrt. Zweifel, ja fast so etwas wie Furcht, erschien kurz in seinen Augen. Dann lachte er.

„Gut! Sprich weiter, Zauberer!“

Aber es war Bran, der fortfuhr. Er hatte seine Fassung wiedergewonnen. Aber wenn er ebenso wie Cormac glaubte, Gonar habe das ganze Schauspiel inszeniert, so ließ er sich nichts davon anmerken.

„König Kull, siehst du die Männer dort drüben, die uns, auf ihre langschäftigen Äxte gestützt, beobachten?“

„Die großen Krieger mit den goldenen Haaren und Bärten?“

„Aye. Der Ausgang der bevorstehenden Schlacht hängt von ihnen ab. Sie schwören, zum Feind überzugehen, wenn wir ihnen keinen König geben, der sie führt, nachdem ihr eigener den Tod gefunden hat. Willst du sie in den Kampf führen?“

Kulls Augen leuchteten freudig. „Sie gleichen meinen Roten Reitern, meiner Leibgarde. Ich werde sie führen.“

„So komm.“

Die Gruppe ging den Abhang hinunter, und die Krieger, die sich herangedrängt hatten, um den Fremden besser sehen zu können, wichen vor ihnen zurück. Ein gespanntes Flüstern ging durch die Reihen.

Die Nordmänner standen in dichtem Haufen etwas abseits. Ihre kalten Augen maßen Kull, und er erwiderte jeden ihrer Blicke und betrachtete sie eingehend.

„Wulfhere“, begann Bran, „wir haben euch einen König gebracht. Ich erinnere dich an deinen Schwur.“

„Er soll reden“, sagte der Wikinger rauh.

„Er spricht nicht eure Zunge“, antwortete Bran. Er wußte, daß die Nordleute die Legenden seiner Rasse nicht kannten. „Er ist ein großer König des Südens ...“

„Er kommt aus der Vergangenheit“, unterbrach der Zauberer ruhig. „Er war vor langer Zeit der größte aller Könige.“

„Ein Toter!“ Die vorn stehenden bewegten sich unruhig, und die übrigen drängten vorwärts, um jedes Wort zu verstehen. Aber Wulfhere grollte: „Soll ein Geist Lebende anführen? Ihr bringt uns einen Mann, von dem ihr sagt, er sei tot. Wir folgen keinem Leichnam.“

„Wulfhere“, sagte Bran mit unterdrücktem Zorn, „du bist ein Lügner und Verräter. Du hast uns eine Aufgabe gestellt, von der du annahmst, sie sei unlösbar. Du gierst danach, unter den Adlern Roms zu kämpfen. Wir haben dir einen König gebracht, der weder Pikte, Gäle; noch Brite ist, und dennoch hältst du dich nicht an deinen Schwur!“

„So soll er gegen mich kämpfen!“ heulte Wulfhere wütend auf und schwang seine Axt in glitzerndem Bogen um seinen Kopf. „Wenn mich dein Toter besiegt, dann folgen dir meine Leute. Gewinne ich, dann laß uns in Frieden zum Lager der Legionen ziehen!“

„Gut!“ sagte der Zauberer. „Seid ihr einverstanden, Wölfe des Nordens?“

Ein wilder Aufschrei und gezückte Schwerter gaben ihm Antwort. Bran wandte sich an Kull, der das Geschehen schweigend beobachtet hatte. Die Augen des Atlanters glühten. Cormac fühlte, daß sie schon viele derartige Situationen gesehen hatten und daß Kull ahnte, worum es ging.

„Der Krieger hier sagt, du mußt mit ihm um die Führerschaft kämpfen“, erklärte Bran, und Kull nickte mit wachsender Kampfeslust. „Das habe ich erraten. Macht Raum.“

„Einen Schild und einen Helm!“ rief Bran, aber Kull schüttelte den Kopf.

„Ich brauche beides nicht“, grollte er. „Zurück, und gebt uns Platz, den Stahl zu schwingen!“

Rundum traten die Männer zurück und bildeten einen dichten Ring um die beiden Kämpfer, die wachsam aufeinander zugingen. Kull hatte sein Schwert gezückt, und die mächtige Waffe schimmerte wie ein lebendes Wesen in seiner Hand. Wulfhere schleuderte seinen Wolfsmantel beiseite und näherte sich vorsichtig, indem er über den Rand des vorgestreckten Schildes spähte und die Axt halb erhoben in der Rechten hielt.

Plötzlich, als die Kämpfer noch viele Fuß voneinander entfernt waren, sprang Kull. Sein Angriff entlockte den Kehlen der Zuseher einen Aufschrei, denn er sprang wie ein Tiger durch die Luft, und sein Schwert schmetterte gegen den rasch erhobenen Schild. Funken sprühten, und Wulfheres Axt beschrieb einen Bogen. Kull duckte sich, und als sie über seinen Kopf zischte, holte er aus und sprang von neuem. Kein Auge hatte seinen Bewegungen zu folgen vermocht, aber der obere Rand des Schildes wies eine tiefe Kerbe auf, und in Wulfheres Schuppenhemd befand sich ein langer Riß.

Cormac zitterte vor Spannung und fragte sich, wie das Schwert den Panzer hatte durchdringen können. Und der Hieb gegen den Schild hätte es zerbrechen müssen. Trotzdem fand sich nicht eine Scharte auf der valusischen Klinge! Die Waffe mußte tatsächlich von Menschen eines anderen Zeitalters geschmiedet worden sein!

Nun sprangen die beiden Giganten wieder gegeneinander an, und die Waffen zuckten wie zwei Blitze herab. Wulfheres Schild fiel zweigeteilt von seinem Arm, und Kull taumelte, als die Axt des Nordmannes, mit voller Wucht geführt, auf den Goldreif auf seiner Stirn traf. Der Hieb hätte das Gold wie Butter durchschneiden und den Kopf spalten müssen, doch die Axt prallte zurück und wies eine tiefe Scharte auf. Im nächsten Augenblick wurde der Nordmann von einem derartigen Wirbelwind von Stahl eingehüllt, daß er wie auf einer Wellenkrone zurückgetragen wurde. Sein ganzes Geschick zusammennehmend, versuchte er, den singenden Stahl mit seiner Axt zu parieren, doch vermochte er das Ende nur um einige Sekunden hinauszuzögern. Eines der Hörner flog vom Helm, dann fiel das Blatt der Axt selbst, und derselbe Hieb, der den Schaft teilte, biß durch den Helm des Wikingers in dessen Kopfhaut. Wulfhere brach in die Knie, und Blut begann ihm über das Gesicht zu rinnen.

Kull warf Cormac sein Schwert zu und stand dem benommenen Nordmann waffenlos gegenüber. Die Augen des Atlanters blitzten voll wilder Kampfeslust, und er brüllte etwas in einer unbekannten Sprache. Wie ein Wolf knurrend sprang Wulfhere auf die Beine. Ein Dolch blitzte in seiner Hand. Als die beiden Männer! aufeinander prallten, stieg von der Horde der Umstehenden ein Schrei empor, der den Himmel zu spalten drohte. Kulls zupackende Hand verfehlte das Gelenk j des Nordmannes, doch der vorzuckende Dolch brach an der Rüstung des Atlanters. Wulfhere ließ den nutzlosen Griff fahren und schlang seine Arme nach Bärenart um den Gegner. Kull grinste tigerhaft und erwiderte die Umklammerung. Einen Augenblick lang schwankten die beiden, dann bog der schwarzhaarige Krieger seinen Feind langsam rückwärts, bis das Rückgrat zu brechen drohte. Unmenschlich aufheulend krallte Wulfhere in Kulls Gesicht und versuchte, ihm die Augen auszukratzen. Dann wandte er den Kopf und schlug die Zähne in den Arm des Atlanters. Ein Aufschrei, als Blut zu fließen begann: „Er blutet! Er ist kein Geist, sondern ein Sterblicher!“

Wütend wechselte Kull den Griff, schob den schäumenden Wulfhere von sich und versetzte ihm mit der Rechten einen fürchterlichen Hieb unter das Ohr. Der Wikinger landete ein Dutzend Fuß weit auf dem Rücken. Er heulte wie ein Wahnsinniger, sprang mit einem Stein in der Hand auf und schleuderte ihn. Nur Kulls unerhörte Gewandtheit rettete ihm das Gesicht. Die scharfe Kante des Geschosses riß ihm nur die Wange auf und versetzte ihn in rasende Wut. Brüllend sprang er seinen Widersacher an, wirbelte ihn um den Kopf und schleuderte ihn ein Dutzend Fuß weit. Wulfhere landete auf dem Schädel und blieb tot liegen.

Einen Augenblick lang schwiegen die Zuseher betäubt. Dann stießen die Galen ein donnerndes Geschrei aus, das die Briten und Pikten aufnahmen, bis die Echos der Rufe und das Dröhnen der Schwerter gegen die Schilde an die Ohren der marschierenden Legionäre drangen, die Meilen im Süden heranzogen.

„Männer des grauen Nordens“, schrie Bran, „werdet ihr jetzt euren Schwur halten?“

Die ungestümen Seelen der Nordmänner standen in ihren Augen, als ihr Wortführer antwortete. Primitiv, abergläubisch und voll Legenden von kämpfenden Göttern und mythischen Helden, zweifelten sie nicht daran, daß die Schlachtengötter ihnen ein übernatürliches Wesen in Gestalt des schwarzhaarigen Kämpfers gesandt hatten. „Aye! Einem solchen Mann sind wir nie begegnet! Sei er ein Toter, ein Geist oder ein Troll, wir folgen ihm – möge der Pfad nach Rom oder Walhall führen!“

Kull verstand nicht die Worte, wohl aber deren Bedeutung. Mit einem Dankeswort nahm er sein Schwert von Cormac entgegen, wandte sich den wartenden Nordmännern zu und hob die Klinge mit beiden Händen schweigend hoch über den Kopf, ehe er sie in die Scheide schob.

„Komm“, sagte Bran und berührte den Atlanter am Arm. „Der Feind marschiert heran, und wir haben viel zu tun. Die Zeit reicht kaum aus, unser Heer zu ordnen. Folge mir jenen Abhang hinan.“

Vom Hügel aus hatten sie Ausblick auf ein Tal, das von Norden nach Süden verlief. Am nördlichen Ende war es nicht mehr als eine Schlucht, während es sich nach Süden zu verbreitete und in eine Ebene überging. Insgesamt war es kaum eine Meile lang.

„Der Feind wird dieses Tal entlangziehen“, erklärte der Pikte, „weil der Boden zu beiden Seiten für die Wagen des Trosses nicht befahrbar ist. Hier planen wir einen Hinterhalt.“

„Warum liegen deine Männer nicht schon längst auf der Lauer? Und wie willst du die Vorhut täuschen?“

„Meine Wilden hätten es nie so lange ausgehalten“, antwortete Bran bitter. „Und erst mußte ich mich der Nordmänner versichern. Selbst jetzt könnte es geschehen, daß sie vor einer ziehenden Wolke oder einem fallenden Blatt erschrecken und sich in alle Winde zerstreuen. König Kull, das Schicksal der piktischen Nation steht auf dem Spiel. Man nennt mich König der Pikten, aber meine Herrschaft ist keineswegs gesichert. Die Hügel sind voll von Clans, die sich weigern, mir zu folgen. Von den tausend Bogenschützen, die ich befehlige, sind mehr als die Hälfte aus meinem eigenen Clan. Etwa achtzehn Hundertschaften Römer marschieren gegen uns. Es handelt sich nicht um eine richtige Invasion, doch hängt viel davon ab. Es ist der Beginn eines Versuchs, die Grenze nach Norden zu verschieben. Ihr Plan ist, einen Tagesmarsch nördlich von hier eine Befestigung zu errichten. Gelingt ihnen das, so bauen sie weitere Befestigungen, ziehen stählerne Bänder um die Herzen der freien Völker. Gewinne ich diese Schlacht, so erringe ich einen zweifachen Sieg. Dann schließen sich die Stämme mir an, und dem nächsten Versuch der Römer vermag ich festen Widerstand zu bieten. Verliere ich, so zerstreuen sich die Clans, fliehen nordwärts, bis es nicht weitergeht, und kämpfen jeder für sich anstatt zur Nation vereint.

Ich befehlige tausend Bogenschützen, fünfhundert Reiter, fünfzig Streitwagen mit hundertfünfzig Mann Besatzung und – dank dir – dreihundert schwerbewaffnete nordische Seeräuber. Wie würdest du sie aufstellen?“

„Nun, ich hätte das Nordende des Tales verbarrikadiert – nein! Das sähe nach Falle aus. Aber ich würde es mit einem Trupp weniger Männer verstopfen, so wie du sie mir gegeben hast. Dreihundert könnten den Eingang zur Schlucht gegen jede Anzahl eine ziemliche Weile halten. Während der Feind gegen sie anrennt, würde ich von beiden Seiten Bogenschützenfeuer eröffnen. In die entstehende Verwirrung würde ich die Reiterei und die Kampfwagen schicken, die sich bisher verborgen gehalten hat, und den Feind vernichten.“

Brans Augen glühten. „Genau, König von Valusien. Genau so ist mein Plan.“

„Aber die römischen Späher?“

„Meine Krieger sind wie Panther. Sie verstecken sich unter den Nasen der Römer. Die in das Tal hineinreiten, werden nur das sehen, was sie sehen sollen. Und diejenigen, die über die Hügelkämme reiten, werden nicht zurückkehren. Ein Pfeil ist rasch und lautlos. Aber alles beruht auf den Männern, die die Schlucht halten. Sie müssen zu Fuß kämpfen und den Angriffen der schweren Legionen so lange standhalten können, bis sich die Falle geschlossen hat. Mit Ausnahme der Nordmänner verfüge ich nicht über solche Krieger. Meine nackten Pikten mit ihren kurzen Schwertern können den Angriff nicht einen Augenblick lang abwehren. Auch die Rüstung der Kelten ist dafür nicht geeignet. Außerdem sind sie keine Fußkämpfer, und ich benötige sie anderswo. Du siehst also, weshalb ich die Nordleute so notwendig brauchte. Willst du also mit ihnen vor der Schlucht stehen und die Römer aufhalten, bis ich die Falle geschlossen habe? Vergiß nicht, die meisten von euch werden sterben!“

Kull lächelte. „Mein ganzes Leben lang habe ich waghalsige Dinge getan, obwohl Tu, mein engster Berater, sagen würde, mein Leben gehöre Valusien, und ich hätte kein Recht, es zu riskieren.“ Ein Schatten huschte über sein Gesicht. „Bei Valka!“ Er lachte unsicher. „Manchmal vergesse ich, daß alles nur ein Traum ist. Alles ist so wirklich. Aber natürlich ist es ein Traum! Sollte ich sterben, so erwache ich einfach wie schon so oft zuvor. Ich bin bereit, König von Kaledonien!“

Auf dem Weg zu seinen Kriegern war Cormac tief in Gedanken versunken. Sicher war das ganze nur ein Schauspiel, und doch hatte er die Vermutungen der Männer gehört, als sie sich bewaffneten und auf ihre Aufgabe vorbereiteten: Der schwarzhaarige König wäre Neid selbst, der keltische Kriegsgott; er wäre ein König, der von Gonar aus der Zeit vor der Flut geholt worden war; er sei ein Kämpe aus Walhalla. Er wäre überhaupt kein Mensch, sondern ein Geist! Nein, er sei sterblich, denn er hatte geblutet. Aber selbst Götter bluteten, wenn sie auch nicht stürben. So waren die Meinungen aufeinandergeprallt. Aber selbst wenn es sich nur um ein Schauspiel handelte, um die Krieger zu beeindrucken, so hatte es seinen Zweck erfüllt. Der Glaube, daß Kull mehr war als ein gewöhnlicher Sterblicher, versetzte Kelten, Pikten und Wikinger in wilde Kampfeslust. Und was glaubte er selbst, fragte sich Cormac. Sicherlich stammte der Mann aus einem fernen Land, doch wies alles darauf hin, daß es sich um mehr als lediglich räumliche Entfernung handelte. Die gewaltigen Abgründe der Zeit selbst schienen zwischen dem schwarzhaarigen Fremden und den Männern zu liegen, unter denen er sich befand und mit denen er sprach.

Die Sonne senkte sich dem westlichen Horizont entgegen. Stille lag wie ein unsichtbarer Nebel über dem Tal. Cormac packte die Zügel fester und blickte die Abhänge links und rechts hoch. Nichts verriet die Anwesenheit von Hunderten wilder Krieger, die sich zwischen dem wogenden Heidekraut verbargen. Am Eingang zur Schlucht waren die einzigen Menschen zu sehen. Dort standen in Keilformation die dreihundert Nordmänner, und allen voran, wie die Spitze eines Speeres, der Mann, der sich Kull, König von Valusien, nannte. Er trug keinen Helm, nur das schwere Stirnband aus hartem Gold, jedoch den mächtigen Schild Rognars in der Linken, während er in der Rechten die schwere Eisenkeule des toten Seekönigs hielt. Die Wikinger betrachteten ihn mit Verwunderung und wilder Begeisterung. Sie verstanden nicht seine Sprache, und er nicht die ihre, doch waren keine weiteren Befehle nötig. Bran hatte sie angewiesen, sich im Eingang zur Schlucht aufzustellen, und ihr einziger Auftrag lautete: Haltet den Paß!

Bran Mak Morn stand vor Kull, und die beiden Männer sahen einander an. Des einen Königreich war noch nicht geboren, während das des anderen vor undenklichen Zeiten im Nebel der Vergangenheit verschwunden war. Beherrscher der Nacht, dachte Cormac, namenlose Könige der Dunkelheit, deren Reiche aus Abgründen und Schatten bestehen.

Der Piktenkönig streckte die Hand aus. „König Kull, du bist mehr als ein König: du bist ein Mann. Vielleicht sterben wir beide in der nächsten Stunde, doch sollten wir leben, verlange von mir, was du willst.“

Kull lächelte und ergriff die dargebotene Hand. „Auch du bist ein Mann meines Herzens, König der Schatten. Sicher bist du mehr als nur eine Laune meines schlafenden Geistes. Vielleicht treffen wir einander eines Tages in wachem Zustand.“

Bran schüttelte verwirrt den Kopf, schwang sich in den Sattel, ritt den östlichen Abhang hinan und verschwand über den Kamm des Hügels. Cormac fragte zögernd: „Fremder, bestehst du in der Tat aus Fleisch und Blut, oder bist du ein Geist?“

„Wenn wir träumen, sind wir alle Fleisch und Blut –solange wir träumen“, antwortete Kull. „Das ist der seltsamste Traum meines Lebens, aber du, der du bei meinem Erwachen ins Nichts verschwinden wirst, erscheinst mir jetzt ebenso real wie Brule oder Kananu oder Tu oder Kelkor.“

Cormac schüttelte den Kopf, wie es Bran getan hatte, und ritt mit einem letzten Salut, den Kull mit barbarischer Würde erwiderte, von dannen. Auf dem Kamm der westlichen Hügelkette hielt er sein Roß an. Weit im Süden erhob sich eine Staubwolke, und die Spitze der marschierenden Heersäule kam in Sicht. Bereits jetzt vermeinte er, den Boden unter dem gleichmäßigen Schritt von Tausenden gepanzerter Füße vibrieren zu spüren. Er stieg ab, und einer seiner Unterführer, Domnail, führte das Pferd auf der anderen Seite des Hügels hinab in einen dichten Wald. Nur hin und wieder verriet eine schwache Bewegung die Anwesenheit von fünfhundert Männern, die die Hände an den Köpfen ihrer Pferde hatten, um ein zufälliges Wiehern sofort zu unterdrücken.

Oh, dachte Cormac, die Götter selbst haben dieses Tal für Brans Hinterhalt geschaffen! Die Sohle war bar von Bäumen, und an den Wänden wuchs bloß hüfthohes Heidekraut, während sich außen am Fuß der Hügelketten im Lauf der Zeit genug Erdreich angesammelt hatte, um Bäumen Nahrung zu bieten, in denen sich fünfhundert Reiter oder fünfzig Streitwagen zu verbergen vermochten.

Im nördlichen Talausgang stand deutlich sichtbar Kull mit seinen dreihundert Wikingern, zu deren beiden Seiten je fünfzig Bogenschützen der Pikten Stellung bezogen hatten. Auf dem Westabhang der westlichen Hügelkette waren die Galen versteckt, während sich hundert Pikten mit aufgelegten Pfeilen zwischen den Sträuchern auf dem Kamm selbst verbargen. Der Rest der Pikten befand sich auf der anderen Seite des Tales versteckt, und hinter diesen lauerten die Briten mit ihren Streitwagen. Weder sie noch die Galen vermochten die Vorgänge im Tal selbst zu beobachten, doch hatte man Signale vereinbart.

Nun hatte die Spitze der Heersäule das offene Ende des Tales erreicht, und die Vorhut – leicht bewaffnete Reiter auf flinken Pferden – sprengte fast bis auf Bogenschußweite an den schweigenden Trupp heran, der den Paß versperrte. Einige rissen die Rösser herum und jagten zur Hauptmacht zurück, während der Rest ausschwärmte und die Abhänge hinanritt, um zu sehen, was sich dahinter befand. Von ihnen hing alles ab. Ahnten sie den Hinterhalt, dann war alles verloren. Cormac duckte sich in das Heidekraut und staunte über die Fähigkeit der Pikten, sich vollständig unsichtbar zu machen. Er sah, wie ein Reiter weniger als vier Fuß an einer Stelle vorüberritt, an der sich ein Bogenschütze verbarg, und doch merkte der Römer nichts.

Die Kundschafter hatten den Kamm erreicht, sahen sich um, und die meisten lenkten ihre Pferde wieder ins Tal hinunter. Cormac wunderte sich über die Nachlässigkeit. Er hatte noch nie gegen die Römer gekämpft und kannte nicht deren überhebliches Selbstvertrauen, deren unglaubliche Schlauheit, was gewisse Dinge betraf, und deren unglaubliche Dummheit auf anderen Gebieten. Diese Männer waren einfach überheblich –ein Gefühl, das bereits von ihren Offizieren ausging. Es war Jahre her, daß sich ein Heer von Kaledoniern den Legionen entgegengestellt hatte. Und die meisten Soldaten entstammten einer Legion, die in Ägypten stationiert gewesen war. Sie verachteten ihre Feinde und ahnten nichts.

Doch halt! Auf dem jenseitigen Hügel hatten drei Reiter gewendet und waren hinter dem Kamm verschwunden. Und hundert Klafter von Cormac entfernt starrte einer lange und angestrengt zu den Bäumen am Fuß des Abhangs. Cormac sah, wie sich das braune, falkengleiche Antlitz mit Verdacht überzog. Der Römer wandte sich halb um, als wolle er einen Kameraden rufen, lenkte dann jedoch sein Pferd den Abhang hinab und beugte sich weit im Sattel vor. Cormacs Herz hämmerte. Er erwartete jeden Augenblick, daß der Mann sein Reittier herumreißen und Alarm geben würde. Er widerstand dem Drang, aufzuspringen und den Römer zu Fuß anzugreifen. Mit Hunderten brennenden Blicken auf sich gerichtet, mußte der Reiter einfach die Spannung in der Luft fühlen. Nun war er halb den Abhang herunter und von der Talsohle aus nicht zu sehen. Da zerriß das Schwirren einer Bogensehne die schmerzende Stille. Mit einem erstickten Gurgeln warf der Römer die Arme hoch, von einem langen, schwarzen Pfeil durchbohrt, und als sich das Pferd aufbäumte, fiel er herab. Scheinbar aus dem Nichts sprang ein stämmiger Zwerg hervor, packte die Zügel, beruhigte das schnaubende Tier und führte es den Abhang hinab. Um den gefallenen Römer erhoben sich verkrüppelte Gestalten aus dem Gras, und Cormac sah ein Messer aufblitzen. Dann war alles vorbei. Weder Mörder noch Opfer waren zu sehen, und nur noch das schwankende Heidekraut wies auf die grimme Tat hin.

Der Gäle beobachtete wieder das Tal. Die drei, die über die östliche Hügelkette geritten waren, kamen nicht zum Vorschein, und Cormac wußte, daß sie dies auch nie wieder tun würden. Die übrigen Kundschafter hatten offenbar berichtet, daß nur ein kleiner Trupp von Kriegern sich dem Vormarsch der Legionäre in den Weg stellte. Nun befand sich die Spitze des Zuges fast unter ihm, und der Anblick der zum Untergang verurteilten, arroganten Soldaten erregte ihn. Ihre glänzenden Rüstungen, ihre falkengleichen Gesichter und die vollkommene Ordnung beeindruckten ihn sehr.

Zwölfhundert schwerbewaffnete Männer, die im Gleichschritt marschierten, so daß der Boden unter ihnen bebte! Die meisten von ihnen waren von mittlerer Größe, hatten mächtige Brustkörbe und Schultern und bronzene Gesichter. Es waren abgebrühte Veteranen, die Überlebenden vieler Schlachten. Cormac betrachtete die Wurfspieße, die scharfen Kurzschwerter und schweren Schilde, die schimmernden Harnische, die Helmbüsche, die Adler auf den Standarten. Das waren die Männer, unter derem Tritt die Welt bebte und Imperien zerfielen! Nicht alle waren Italiener; es befanden sich romanisierte Briten unter ihnen, und eine ganze Zenturie bestand aus riesigen, gelbhaarigen Kriegern, Galliern und Germanen, die ebenso grimmig wie die Bürger für Rom kämpften, ihre wilderen Verwandten jedoch noch mehr haßten.

An den Flanken befand sich Reiterei, und die beiden Seiten der Kolonne selbst bildeten Bogenschützen und Schleuderer. Eine Anzahl rumpelnder Karren war mit den Vorräten des Heeres beladen. Cormac sah auch den Kommandanten – ein stattlicher Mann mit einem scharfen, herrischen Antlitz, was selbst auf diese Entfernung hin zu erkennen war. Der Gäle kannte den Ruf des Marcus Sulius.

Die Legionäre stießen bei der Annäherung an ihre Feinde ein brausendes Gebrüll aus. Offenbar beabsichtigten sie, sich ohne Aufenthalt ihren Weg durch das Hindernis zu bahnen, denn das gesamte Heer setzte unerschütterlich seinen Weg fort. Wen die Götter strafen, den schlagen sie zuerst mit Wahnsinn. Cormac hatte den Satz noch nie gehört, aber er hielt den großen Sulius für einen Narren. Römische Arroganz! Marcus war an die Völker des dekadenten Ostens gewöhnt; wenig ahnte er vom eisernen Willen der westlichen Rassen.

Eine Reitergruppe löste sich von der Hauptmacht und sprengte zum Eingang der Schlucht, aber es war nur eine Geste. Unter höhnischen Rufen rissen sie drei Speerlängen entfernt ihre Pferde herum und warfen ihre Spieße, die harmlos an den überlappenden Schilden der schweigenden Nordmänner abprallten. Aber ihr Anführer wagte zuviel. Er beugte sich im Sattel vor und stieß mit der Lanze gegen Kulls Kopf. Der ließ die Spitze an seinem großen Schild abgleiten und schlug mit der Geschwindigkeit einer Schlange zu. Die schwere Keule zerschmetterte Helm und Schädel wie eine Eierschale, und selbst das Pferd ging unter dem schrecklichen Hieb in die Knie. Die Nordmänner stießen ein kurzes Brüllen aus, während die Pikten neben ihnen triumphierend heulten und ihre Pfeile gegen die sich zurückziehenden Reiter schickten. Das erste Blut für das Volk der Heideländer! Die anrückenden Römer beschleunigten ihren Schritt, als das erschreckte Pferd vorbeiraste und die Leiche im Steigbügel hinter sich herzog.

Nun prallte die erste Reihe der Legionäre, wegen der Enge der Schlucht dicht zusammengedrängt, gegen den Schildwall – und wurde zurückgeworfen. Die Schildmauer hatte nicht einen Fingerbreit nachgegeben. Es war das erstemal, daß die Römer mit dieser unüberwindlichen Formation Bekanntschaft machten, der ältesten aller arischen Schlachtreihen, dem Vorfahren der spartanischen Hoplit, der mazedonischen Phalanx, des englischen Karrees.

Schild donnerte gegen Schild, und die römischen Kurzschwerter suchten nach einer Öffnung in der Mauer. Von oben herab stachen die Speere der Wikinger, und ihre Spitzen färbten sich rot. Schwere Äxte fielen und schnitten durch Eisen, Fleisch und Gebein. Cormac sah Kull im dichtesten Getümmel. Er überragte die Römer und teilte Hiebe aus wie Donnerschläge. Ein stämmiger Zenturio drängte mit hoch erhobenem Schild heran und führte einen Stich aufwärts. Die Eisenkeule krachte herab, zersplitterte Schwert und Schild und zerschmetterte Helm und Schädel – alles mit einem einzigen Hieb.

Die vorderste Linie der Römer bog sich wie elastischer Stahl um den Keil, als die Legionäre versuchten, sich zu beiden Seiten in den Paß zu schieben und ihre Gegner einzuschließen. Aber der Eingang war zu schmal, und die Pikten, die sich dicht gegen die Wände drängten, schossen ganze Wolken schwarzer Pfeile ab. Auf die kurze Entfernung drangen die schweren Schäfte durch Schild und Panzer und durchbohrten die Körper dahinter. Die erste Reihe der Anstürmenden bestand nicht länger, und die Nordmänner schoben ihre wenigen Toten weg, die Löcher schließend, die durch die Gefallenen entstanden waren. Vor ihnen zog sich eine dünne Linie zerschlagener Gestalten – die rote Gischt der Welle, die vergeblich gegen sie angebrandet war.

Cormac sprang auf und winkte mit beiden Armen. Auf das Zeichen hin verließen Domnail und seine Männer ihr Versteck und galoppierten den Hang hinan. In einer Reihe säumten sie den Hügelkamm. Cormac bestieg das ihm mitgebrachte Pferd und spähte ungeduldig über das enge Tal. Die östlichen Hügel wiesen kein Anzeichen von Leben auf. Wo war Bran mit den Briten?

Unten im Tal formten die Römer, erbittert über den Widerstand, doch immer noch keine Falle vermutend, eine kompaktere Formation. Die Wagen, die angehalten hatten, rollten wieder voran, und das gesamte Heer setzte sich in Bewegung, als wollte es durch die Wucht allein durchbrechen. Mit der gallischen Zenturie an der Spitze nahmen die Legionäre den Angriff wieder auf. Diesmal, mit der vollen Kraft von zwölf hundert Soldaten hinter sich, würde der Anfall den Widerstand von Kulls Kriegern wie ein Rammbock brechen. Cormacs Männer zitterten vor Ungeduld. Plötzlich wandte Marcus Sulius den Blick westwärts, wo sich die Reiterlinie gegen den Himmel abhob. Sogar auf diese Entfernung hin sah Cormac, wie der Römer erbleichte. Endlich hatte er erkannt, daß er in eine Falle geraten war. Sicher sah er die Niederlage, die Entehrung vor seinem geistigen Auge!

Es war zu spät für den Rückzug, zu spät, die Karren zu einem Verteidigungsring zusammenzufahren. Es gab nur einen Ausweg, und Marcus, ein erfahrener General trotz seines begangenen Fehlers, erkannte ihn auch. Cormac vernahm, wie seine Stimme trompetengleich durch den Schlachtenlärm schmetterte, und obwohl er die Worte nicht verstand, wußte er, daß der Römer seinen Männern befahl, den Trupp der Nordmänner zu zerschlagen, noch ehe die Falle sich geschlossen hatte!

Nun erkannten auch die Legionäre die Lage und warfen sich in einem schrecklichen Ansturm gegen ihre Feinde. Der Schildwall schwankte, wich jedoch keinen Schritt. Über den gegeneinandergepreßten Schilden berührten die wilden Gesichter der Gallier und die braunen der Italier fast die blauäugigen des Nordens. Die Männer hieben, töteten und wurden getötet; wie ein Sturmwind wüteten die Äxte, Speere brachen ah schartigen Schwertern.

Wo in aller Welt blieb Bran mit den Streitwagen? In wenigen Minuten mußte der letzte Mann im Paß gefallen sein. In rascher Folge starb einer nach dem anderen, doch noch schlossen sie die Reihe stets von neuem und hielten sie eisern. Die verwegenen Barbaren des Nordens starben im Stehen, und zwischen ihren goldenen Häuptern glänzte die schwarze Löwenmähne Kulls wie ein Symbol der Schlacht, während seine Keule wütete.

Da hielt es Cormac nicht länger aus.

„Jene Männer sterben, während wir auf Brans Signal warten!“ schrie er. „Vorwärts! Folgt mir in die Hölle, ihr Kinder Gäls!“

Ein wilder Aufschrei antwortete ihm, und die Zügel freigebend sprengte er ins Tal hinab, gefolgt von fünfhundert brüllenden Reitern. Gleichzeitig regnete ein Pfeilhagel von beiden Seiten auf die Römer, und das schreckliche Geschrei der Pikten spaltete die Himmel. Da rollten auch endlich die Streitwagen donnernd über die Hügelkämme im Osten. Sie rumpelten den Abhang hinab, Schaum flockte von den Nüstern der Pferde, deren wirbelnde Beine kaum den Boden zu berühren schienen, und das hohe Heidekraut wurde niedergewalzt. Im ersten Wagen hockte mit blitzenden Augen Bran Mak Morn, während in den anderen die halbnackten Briten schrien und auf die Pferde einschlugen, als wären sie von Dämonen besessen. Hinter den dahinrasenden Wagen kamen die Pikten und heulten wie Wölfe, als sie rannten und ihre Pfeile verschossen. Die Heide schien sie wie eine dunkle Flut auszuspeien.

Das alles sah Cormac in den chaotischen Augenblicken, während er den Hang hinabpreschte. Ein Reitertrupp schob sich zwischen ihn und die Heeressäule. Drei große Sprünge vor seinen Männern begegnete der gälische Prinz den Speeren der römischen Reiter. Die erste Spitze lenkte er mit dem Schild ab, erhob sich in den Steigbügeln, hieb mit dem Schwert abwärts und spaltete den Mann von der Achsel bis zum Brustbein. Der nächste Römer schleuderte einen Wurfspieß, der Domnail tötete, doch im nächsten Augenblick rammte Cormacs Tier das leichtere des Römers, das den Reiter abwarf und zertrampelte.

Dann traf die ganze Wucht des gälischen Angriffs auf die römische Reiterei und zerschmetterte sie. Über die blutigen Überreste hinweg sprengten Cormacs heulende Dämonen, und unter ihrem Anprall schwankte die gesamte Flanke der schweren, römischen Fußtruppen. Schwerter und Äxte blitzten auf, und der Schwung trug die Galen bis tief in die dichten Reihen. Dort wurden sie aufgefangen und erbittert bekämpft. Spieße stachen, Schwerter zuckten aufwärts und brachten Pferd und Reiter zu Fall. An Zahl stark unterlegen und von allen Seiten eingeschlossen, wären die Galen inmitten der Feinde zugrundegegangen, wenn nicht in diesem Augenblick von der anderen Seite her die Streitwagen in die römischen Reihen gefahren wären. In einer langen Linie waren sie fast gleichzeitig heran, und im Augenblick der Begegnung wirbelten die Lenker die Pferde in einer Vierteldrehung herum und rasten parallel die Flanke entlang. Die Legionäre fielen wie Weizen unter der Sense. In diesem Augenblick starben Hunderte unter den gebogenen Klingen, und wie Wildkatzen kreischend, warfen sich die Schwertkämpfer der Briten von den Wagen auf die Speere der Legionäre und hieben mit ihren Zweihändern wild um sich. Aus allernächster Nähe ließen die Pikten ihre Pfeile von den Sehnen schnellen und sprangen dann mit den Schwertern in der Hand ins Getümmel. Berauscht von der Aussicht auf den Sieg, fochten diese Leute wie verwundete Tiger, fühlten keine Wunden und starben mit wütendem Knurren, noch ehe sie den Boden berührten.

Doch die Schlacht war noch nicht geschlagen. Ihre geordneten Reihen bestanden nicht mehr, sie waren benommen, und die Hälfte fast ihrer Anzahl gefallen –aber die Römer verteidigten sich mit dem Mut der Verzweiflung. Von allen Seiten umringt, kämpften sie einzeln, in kleinen Gruppen oder Rücken an Rücken. Bogenschützen, Schleuderer, Berittene und Fußvolk mischten sich in einem einzigen Chaos. Die Verwirrung war vollkommen, nicht aber der Sieg. Die vor dem Eingang zur Schlucht warfen sich immer noch gegen die Äxte, die ihnen den Weg versperrten, während hinter ihnen ein wildes Handgemenge tobte. Auf der einen Seite wüteten Cormacs Galen, auf der anderen rollten die Streitwagen, zogen sich zurück und kehrten wie ein eiserner Sturm wieder. Für die Legionäre gab es keinen Rückzug, denn die Pikten hatten quer über den Weg, den sie gekommen waren, eine Linie gezogen, die Troßknechte getötet und die Vorratswagen besetzt, von denen aus sie den gefiederten Tod ins Ende der zerbrochenen Heersäule sandten. Doch der Tod hielt nicht nur auf einer Seite reiche Ernte. Pikten starben unter blitzschnellen Stößen von Spießen und Kurzschwertern, Galen, die unter ihren gestürzten Pferden eingeklemmt lagen, wurden erschlagen, und über die Wagen, die der Zugpferde beraubt worden waren, ergoß sich das Blut der Lenker.

Und an der Schmalseite des Tales tobte immer noch 4er Kampf. Ihr großen Götter, dachte Cormac, als er fechtend einen Blick dorthin warf, halten diese Nordmänner tatsächlich noch die Schlucht? Aye! Sie hielten die Stellung! Auf ein Zehntel der ursprünglichen Anzahl zusammengeschmolzen, schlugen sie die verzweifelten Angriffe der Legionäre ab.

Ein ohrenbetäubender Lärm lag über dem Schlachtfeld. Raubvögel kreisten am Himmel. Cormac, der durch das Getümmel hindurch Marcus Sulius zu erreichen trachtete, sah, wie das Pferd des Römers unter diesem zusammenbrach und der Reiter sich allein inmitten von Feinden wieder erhob. Er sah, wie das Römerschwert dreimal aufblitzte und dabei jedesmal einem Gegner den Tod gab. Dann sprang aus dem dichtesten Gewühl eine schrecklich anzusehende Gestalt hervor. Es war Bran Mak Morn. Als er heranrannte, schleuderte er sein zerbrochenes Schwert von sich und riß den Dolch heraus. Der Römer stach zu, doch der Piktenkönig duckte unter dem Stoß hinweg, packte die Schwerthand und bohrte seinen Dolch durch den glänzenden Harnisch.

Als Marcus starb, stieg ein brüllender Aufschrei zum Himmel empor. Cormac sammelte die Reste seiner Streiter um sich, bohrte seinem Pferd die Sporen in die Weichen und hetzte durch die zerschlagenen Reihen zum anderen Ende des Tales.

Beim Heranreiten sah er, daß er zu spät kam. So wie sie gelebt hatten, so waren sie auch gestorben, jene grimmen Seewölfe: mit den Gesichtern zum Feind und den Waffen in den Händen. Reglos lagen sie da, und selbst im Tod war noch etwas von dem Schildwall erhalten, der keilförmig den Paß gesperrt hatte. Zwischen und vor ihnen türmten sich die Leichen derjenigen, die ihn vergeblich zu durchbrechen versucht hatten. Die Nordmänner waren nicht einen Fußbreit gewichen! Bis zum letzten Mann waren sie auf ihrem Platz gefallen. Doch gab es auch keinen, der über ihre Körper geklettert wäre: Die Römer, die den Wikingeräxten entgangen waren, hatten den Tod durch die Pfeile der Pikten und die Schwerter der Galen gefunden.

Und doch war dieser Teil der Schlacht noch nicht vorbei. Hoch oben, auf dem steilen Westabhang, ging das Drama zu Ende. Eine Gruppe von Galliern drang auf einen einzelnen Mann ein, einen schwarzhaarigen Riesen, auf dessen Haupt ein goldener Reif glänzte. Eiserner Wille war in den Angreifern, ebenso wie in ihrem Gegner, der ihren Untergang verursacht hatte. Ja, sie waren zum Untergang verurteilt, denn ihre Kameraden wurden hinter ihnen hingemetzelt, aber vor ihrem Tod gierten sie noch nach dem Leben des schwarzhaarigen Giganten, der die Männer des Nordens geführt hatte.

Von drei Seiten auf ihn eindrängend, hatten sie ihn langsam die Steilwand der Schlucht hochgetrieben, und die verkrümmten Körper, die seinen Rückzugsweg kennzeichneten, waren Beweis für die Grimmigkeit, mit der sie sich jeden Fußbreit erkämpften. Es war schon schwierig, in dem Gelände nicht den Halt zu verlieren, diese Männer aber kletterten und fochten gleichzeitig. Kulls Schild und Kriegskeule waren dahin, und das große Schwert in der Rechten war rot gefärbt. Sein kunstvoll geflochtenes Kettenhemd hing in Fetzen herab, und Blut rann aus Hunderten von Wunden. Seine Augen jedoch blitzten voll unverminderter Kampfeslust, und sein Arm lenkte das mächtige Schwert zu todbringenden Streichen.

Aber Cormac wußte, daß das Ende kommen würde, noch ehe er ihn zu erreichen vermochte. Auf dem Kamm des Hügels bedrohte ein Dutzend Schwertspitzen das Leben des fremden Königs, dessen Kräfte jetzt rasch schwanden. Soeben spaltete er das Haupt eines riesigen Angreifers und schnitt auf dem Rückschwung durch den Hals eines zweiten. Unter einem Regen von Schwerthieben taumelnd, hieb er wieder zu, und sein Opfer sank zu Boden. Und dann, als sich mehrere Schwerter über dem schwankenden Atlanter erhoben, um ihm den Todesstreich zu versetzen, geschah etwas Seltsames. Die Sonne versank hinter dem westlichen Horizont und tauchte die Heidelandschaft in blutrotes Licht. Kull stand vor der Sonnenscheibe, so wie er gekommen war, und hinter dem taumelnden König eröffnete sich ein wundersamer Anblick. Cormac sah einen kurzen Augenblick lang eine fremdartige Landschaft in fernen Sphären: Wie Spiegelbilder in den Sommerwolken gewahrte er anstelle der Heidelandschaft, die sich bis zur See erstreckte, undeutlich ein reiches Land mit blauen Bergen und schimmernden Seen und goldene, purpurne und saphierblaue Türme und gewaltige Mauern einer mächtigen Stadt, wie sie die Erde seit Äonen nicht mehr gekannt hatte.

Dann verging die Vision wie ein Traum, aber die Gallier auf dem Hügel hatten die Waffen sinken lassen und starrten wie betäubt, denn der Mann namens Kull war, ohne eine Spur zu hinterlassen, verschwunden!

Bestürzt wandte Cormac sein Pferd und ritt über das zertrampelte Schlachtfeld zurück. Siegesgeschrei dröhnte durch das Tal. Und doch war alles schattenhaft und sonderbar. Jemand schritt heran, und Cormac erkannte geistesabwesend Bran. Der Gäle schwang sich vom Pferd und trat dem König gegenüber. Bran war waffenlos. Aus Wunden an Stirn, Brust und Gliedern rann es rot, die leichte Rüstung, die er getragen hatte, war ihm vom Körper geschlagen worden, und ein Hieb war halb durch die Eisenkrone gedrungen. Nur das rote Juwel schimmerte fleckenlos wie ein Stern der Schlacht.

„Mein Sinn steht danach, dich zu töten“, sprach der Gäle schwerfällig und wie ein Mann unter einem Zauber, „denn du hast das Blut tapferer Männer auf dein Haupt geladen. Hättest du früher das Signal zum Angriff gegeben, so wäre mancher noch am Leben.“

Bran verschränkte die Arme. „Stoß zu, wenn du willst; ich bin des Schlachtens müde. Es ist ein bitteres Brot, König zu sein. Ein König muß mit Menschenleben und bloßen Schwertern als Einsatz spielen. Es ging um das Leben meines Volkes. Ich habe die Nordmänner geopfert, ja! Und mein Herz schmerzt mich in der Brust, denn es waren Männer! Aber hätte ich den Befehl gegeben, als du es für richtig hieltest, hätte alles schiefgehen können. Die Römer befanden sich noch nicht zur Gänze in der Talenge und hätten vielleicht Zeit und Platz gehabt, die Schlachtordnung umzustellen und uns abzuschlagen. Ich wartete bis zum letzten Augenblick – und die Seeräuber starben. Ein König gehört seinem Volk und darf sich nicht von eigenen Gefühlen und den Leben Fremder beeinflussen lassen. Jetzt ist mein Volk gerettet; aber das Herz ist kalt in meiner Brust.“

Müde stützte sich Cormac auf sein Schwert. „Du bist zum König geboren, Bran“, sagte der gälische Prinz.

Bran blickte über das Schlachtfeld. Die Römer, die die Schwerter weggeworfen und sich ergeben hatten, standen in Gruppen, von Wachen umgeben.

„Mein Königreich – mein Volk – ist gerettet“, sagte Bran müde. „Zu Tausenden werden sie aus den Hügeln hervorkommen, und wenn Rom wieder gegen uns marschiert, steht ihnen eine geschlossene Nation gegenüber Aber ich bin müde. Was ist mit Kull?“

„Meine Augen und mein Geist waren vom Kampf verwirrt“, antwortete Cormac. „Ich glaubte, ihn wie einen Geist mit der sinkenden Sonne verschwinden zu sehen. Ich werde nach seinem Leichnam suchen.“

„Suche ihn nicht“, sagte Bran. „Aus der aufgehenden Sonne kam er – in die untergehende Sonne ging er. Aus den Schleiern der Vergangenheit kam er zu uns, und in die Schleier der Äonen kehrte er zurück – in sein eigenes Königreich.“

Cormac wandte sich ab. Die Nacht brach herein. Wie ein weißes Gespenst stand Gonar vor ihm. „In sein eigenes Königreich“, wiederholte der Zauberer. „Zeit und Raum sind nichts. Kull ist in seine eigene Zeit zurückgekehrt.“

„Dann war er also ein Geist?“

„Fühltest du nicht den Griff seiner Hand? Hörtest du nicht seine Stimme? Sahst du ihn nicht essen und trinken, lachen und töten und bluten?“

Immer noch stand Cormac wie betäubt.

„Wenn es also für einen Mann möglich sein sollte, von einem Zeitalter in ein noch ungeborenes zu gelangen, mit seinem fleischlichen Körper und seinen Waffen, dann ist er so sterblich wie zu seinen eigenen Tagen. Ist Kull denn tot?“

„Er starb vor hunderttausend Jahren nach der Zeitrechnung der Menschen“, antwortete der Zauberer, „aber in seiner eigenen Zeit. Er starb nicht unter den Schwertern der Gallier aus dieser Zeit. Berichten uns nicht die Legenden, wie der König von Valusien in ein eigenartiges, zeitloses Land der nebligen Zukunft gereist ist und dort an einer großen Schlacht teilgenommen hat? Und das tat er auch! Vor hunderttausend Jahren – oder heute!

Und vor hunderttausend Jahren – oder vor wenigen Augenblicken – erhob sich Kull, König von Valusien, von seiner seidenen Liege im geheimen Gemach und sprach lachend zum ersten Gonar: ‚Ha, Zauberer, ich hatte in der Tat einen sonderbaren Traum, denn in meinen Visionen begab ich mich in ein fernes Land in einer fernen Zeit und kämpfte für den König eines eigenartigen Schattenvolkes!’ Da lächelte der große Zauberer und wies schweigend auf das gerötete, scharten-übersäte Schwert, die zerfetzte Rüstung und die vielen Wunden des Königs. Und Kull, aus seinem Traum nun völlig erwacht und den Schmerz der noch offenen Wunden spürend, schwieg verwirrt. Alles Leben sowie Zeit und Raum erschienen ihm wie ein Traum von Geistern, und die Gedanken daran ließen ihm für den Rest seines Lebens keine Ruhe mehr. Denn die Weisheit der Ewigkeiten bleibt selbst Königen verborgen, und Kull vermochte ebensowenig zu verstehen, was ihm Gonar erzählt, wie du meine Worte verstehst.“

„So lebte Kull also trotz seiner vielen Wunden“, sagte Cormac, „und kehrte in die Schleier der Stille und der Jahrhunderte zurück. Nun, er hielt uns für einen Traum und wir ihn für einen Geist. Wahrlich, das Leben ist nur ein dünnes Gewebe, gesponnen aus Geistern, Träumen und Illusionen, und ich ahne, daß das Königreich, das heute in diesem Tal mit Hilfe von Schwertern und Kampf geboren wurde, nicht beständiger ist als die Gischt der schimmernden See.“

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Fragment

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Über der düsteren Einöde wölbte sich grau der Himmel. Das hohe, trockene Gras wogte im kalten Wind, aber sonst unterbrach keine Bewegung die urhafte Stille des flachen Landes, das sich bis zu den kahlen, niedrigen Bergen erstreckte. Inmitten dieser düsteren Landschaft und Einsamkeit schritt ein hochgewachsener, hagerer Mann, der in die Wildheit der Umgebung paßte. Das Wolfsartige seines Aussehens wurde noch durch den gehörnten Helm und ein rostiges Kettenhemd verstärkt. Sein glattes Haar war gelb und sein narbiges Gesicht düster. Plötzlich wirbelte er herum und griff zum Schwert, als hinter einer kleinen, blattlosen Baumgruppe ein anderer Mann hervortrat. Die beiden betrachteten einander angespannt. Der Neuankömmling paßte noch besser in die Landschaft als der andere. Jede Linie seines schlanken, aber kräftigen Körpers war Zeuge der harten Umgebung, die ihn geformt hatte. Er war von mittlerer Größe, hatte breite Schultern, und sein Körperbau glich dem eines Wolfes. Sein Gesicht war dunkel und unergründlich, die Augen glänzten wie dunkles Eis. Ebenso wie der andere Mann trug er einen Helm und ein Kettenhemd. Er brach als erster das Schweigen.

„Ich grüße dich, Fremder. Ich bin Partha Mac Othna. Ich bin auf dem Weg zu den Häuptlingen der Rotbärte, um ihnen Worte der Freundschaft von meinem Herrn, Bran Mac Morn, dem König der Pikten, zu übermitteln.“

Der große Mann entspannte sich, und ein Grinsen verzog seine bärtigen Lippen.

„Ich entbiete meinen Gruß. Man nennt mich Thorvald den Hauer, und bis gestern war ich Herr über ein Langschiff und eine Besatzung tapferer Wikinger. Aber die Stürme warfen uns gegen ein Riff, und die gesamte Mannschaft mit Ausnahme von mir füllen nun Fafnirs Magen. Ich versuche, die Dörfer von Caithness zu erreichen.“

Beide lächelten und nickten höflich, und beide wußten, daß der andere log.

„Es wäre gut, miteinander zu reisen“, sagte der Pikte, „aber unsere Ziele liegen in verschiedenen Richtungen.“

Thorvald stimmte zu und blieb, auf sein Schwert gestützt, stehen, als der Pikte davonging. Bevor er außer Sicht gelangte, wandte er sich noch einmal um und hob die Hand zum Gruß, und der Nordmann beantwortete die Geste. Als der Pikte hinter einer kleinen Anhöhe verschwand, grinste Thorvald grimmig und schritt mit weit ausholenden Schritten ostwärts davon.

Der Mann, der sich Partha Mac Othna genannt hatte, ging nicht weit, sondern wich plötzlich vom Weg ab und verbarg sich im laublosen Unterholz. Dort wartete er geduldig mit bereitgehaltenem Schwert. Aber die grauen Wolken über ihm rollten und zogen vorbei, der kalte Wind blies über das raschelnde Gras, und keine Gestalt kam ihm auf seinem Pfad nachgeschlichen. Endlich erhob er sich und blickte mit seinen scharfen, schwarzen Augen über die trostlose Landschaft. Weit im Osten sah er eine winzige Gestalt, die sich einen kurzen Augenblick lang auf dem Kamm eines Hügels gegen die grauen Wolken abzeichnete. Und der schwarzhaarige Wanderer zuckte die Schultern und setzte seinen Weg fort.

Das Land wurde rauher und zerklüfteter. Der Pfad führte zwischen niedrigen Hügeln hindurch, die nur von braunem, totem Gras bedeckt waren. Zur Linken dröhnte die See gegen die Klippen und grauen Felsvorsprünge. Zur Rechten erhoben sich dunkel und dräuend die Berge. Nun, da der Tag zur Neige ging, wehte ein starker Wind vom Meer her und trieb zerfetzte Wolken über den Rand der Welt empor. Die sinkende Sonne warf ihren kalten, roten Schein über den Ozean.

Der Wanderer gelangte auf ein Felsplateau, das sich hoch über die Wasser erhob, und sah auf einem grauen Steinblock eine Frau sitzen, deren rotes Haar im Wind flatterte.

Sie zog seine Blicke an wie ein Magnet Eisen. Unbekümmert der Kälte des Windes saß sie da. Ihr einziges Kleidungsstück war ein ärmelloses Gewand, das ihr kaum bis zu den Knien reichte, neben ledernen Sandalen an ihren Füßen. An ihrem Gürtel hing ein kurzes Schwert.

Sie war fast so groß wie der Mann, der sie betrachtete, breit gebaut und hatte mächtige Brüste. Ihr Haar war rot wie der Sonnenuntergang, und ihre Augen waren kalt und faszinierend. Die Römer, die die Zivilisation auf dieser Welt repräsentierten, hätten sie nicht als schön bezeichnet, aber es war etwas Wildes an ihr, das die Blicke des Pikten festhielt. Dreist starrte sie zurück.

„Welch böser Wind trieb dich in dieses Land, du Rabenfresser?“ fragte sie mit unfreundlichem Ton.

Der Pikte runzelte verärgert die Braue.

„Was kümmert es dich, Weib?“ fragte er zurück.

„Dies ist mein Land“, antwortete sie und machte mit ihrem starken, weißen Arm eine kühne Bewegung, die die trostlose Umgebung umfaßte. „Mein Volk lebt in diesem Land und kennt keinen Herren. Es ist mein Recht, jeden Eindringling zu fragen: ‚Was willst du hier?’“

„Ich habe nicht die Angewohnheit, jedem Weibsbild Rede und Antwort zu stehen, dem ich zufällig begegne“, grollte der Krieger verärgert.

„Wer bist du?“ Wie ihr Haar im sterbenden Glanz der Sonne schimmerte!

„Partha Mac Othna.“

„Du lügst!“ Sie erhob sich geschmeidig, trat an ihn heran und begegnete unbewegt dem Blick seiner schwarzen Augen. „Du bist in das Land gekommen, um zu spionieren.“

„Mein Volk hat keinen Streit mit den Rotbärten“, brummte er.

„Wer weiß, gegen wen ihr Pläne schmiedet oder sich euer nächster Überfall richtet?“ gab sie zurück. Dann änderte sich ihre Laune, und ein erwartungsvoller Glanz trat in ihre Augen.

„Du wirst mit mir ringen“, sagte sie, „und die Stelle nicht eher verlassen, bis du mich besiegt hast.“

Er schnaubte verächtlich und wandte sich ab. Sie aber packte ihn am Gürtel und hielt ihn mit überraschender Stärke zurück.

„Fürchtest du mich, mein schwarzer Krieger?“ höhnte sie. „Sind die Pikten so sehr vom Imperator eingeschüchtert, daß sie sich vor einem Ringkampf mit einer Frau des Roten Volkes fürchten?“

„Laß los, Weib“, knurrte er, „ehe ich meine Geduld verliere und dir weh tue.“

„Tu es doch, wenn du kannst!“ rief sie plötzlich, stellte einen Fuß hinter seine Fersen und warf sich mit ihrem ganzen Gewicht gleichzeitig gegen seine Brust. Von dem unerwarteten Angriff überrascht, ging der Krieger zu Boden. Wild fluchend versuchte er, sie von sich zu schieben, aber sie kämpfte wie eine Wildkatze und widerstand ihm eine beträchtliche Zeitlang mit Hilfe geschickter Ringergriffe. Doch dann setzte sich die überlegene Kraft des Kriegers durch, er schleuderte sie wütend beiseite und erhob sich. Sie kam jedoch wieder auf die Knie, packte ihn am Schwertgurt und riß ihn fast wieder nieder. Da zog sie der Pikte, der die Beherrschung verloren hatte, an ihren roten Locken hoch und versetzte ihr mit der flachen Hand einen solch heftigen Hieb, daß sie besinnungslos zusammenbrach. Er wandte sich ab und klopfte sich den Staub aus den Kleidern. Dann warf er dem bewußtlosen Mädchen einen Blick zu und zögerte. Mit einem Fluch kniete er neben ihr nieder, hob ihren Kopf und schüttelte ihr seinen Trinkwasservorrat ins Gesicht. Sie fuhr zusammen, schüttelte den Kopf und öffnete die Augen. Augenblicklich ließ er los, und ihr Kopf fiel wenig sanft gegen den frostigen Boden, als er sich erhob und den Wasserbeutel am Gürtel befestigte.

Sie setzte sich mit gekreuzten Beinen auf und blickte zu ihm empor.

„Nun, du hast mich besiegt“, sagte sie ruhig. „Was wirst du mit mir tun?“

„Ich sollte dir mit meinem Gürtel die Haut gerben“, schnappte er. „Es ist keine geringe Schande für einen Krieger, zu einem Kampf mit einem Weib gezwungen zu werden, und keine geringe Schande für eine Frau, wenn sie sich Männerdingen annimmt.“

„Ich bin keine gewöhnliche Frau“, antwortete sie. „Ich bin eins mit den Winden und den Frösten und den grauen Seen dieses wilden Landes.“

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Würmer der Erde

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Schlagt die Nägel ein, Soldaten! Unser Gast soll sehen, was römische Gerechtigkeit bedeutet.“

Der Sprecher schlang den purpurnen Mantel enger um seine mächtige Gestalt und setzte sich in seinen Amtssessel, als befände er sich im Circus Maximus, um sich an Gladiatorenkämpfen zu ergötzen. Jede Bewegung zeugte von seinem Machtbewußtsein. Stolz war der wesentlichste Charakterzug eines jeden Römers, und Titus Sulla war mit Recht stolz, war er doch Legat von Eboracum und als solcher nur dem Imperator von Rom selbst verantwortlich. Von kräftigem Körperbau und mittlerer Größe, besaß er die falkengleichen Züge des reinrassigen Römers. Jetzt spielte ein höhnisches Lächeln um seine vollen Lippen. Der Vergoldete Brustpanzer, das Kurzschwert am Gürtel und der versilberte Helm mit dem Federbusch, der auf seinen Knien ruhte, verliehen ihm ein militärisches Aussehen. Hinter ihm stand eine Gruppe unbeweglicher Soldaten mit Schild und Speer – blonde Titanen vom Rhein.

Vor ihm fand ein Schauspiel statt, das ihn anscheinend so sehr befriedigte – ein alltäglicher Anblick in den Ländern innerhalb der weiten römischen Grenzen. Ein rohbehauenes Kreuz lag flach auf dem Erdboden, woran ein spärlich bekleideter Mann mit verkrümmten Gliedern, wilden Augen und wirrem Haar gebunden war. Seine Henker waren römische Soldaten, und sie bereiteten sich soeben darauf vor, Eisennägel durch die Hände und Füße des Opfers in das Holz zu treiben.

Nur eine kleine Gruppe von Männern wohnte dem grausigen Schauspiel bei, das sich auf der gefürchteten Hinrichtungsstätte außerhalb der Stadtmauern abspielte: der Legat mit seiner wachsamen Garde, ein paar junge römische Offiziere, sowie der Mann, den Sulla als Gast bezeichnet hatte und der wie eine Bronzestatue schweigend dastand. Neben dem Glanz des Römers wirkte die schlichte Kleidung dieses Mannes farblos, ja düster.

Er hatte eine dunkle Hautfarbe, ähnelte jedoch nicht den Italiern um ihn. An ihm war nichts von der fast orientalischen Sensualität, die über den Zügen der Männer vom Mittelmeer lag. Die blonden Barbaren hinter Sullas Stuhl glichen dem Mann eher als die Römer. Er besaß nicht die vollen, geschwungenen Lippen und reiche Lockenpracht der Griechen. Seine dunkle Haut war nicht von der Farbe der reifen Olive des Südens, sondern spiegelte die rauhe Dunkelheit des Nordens. Der gesamte Eindruck des Mannes erinnerte an die Schatten, die Nebel, die Düsternis, die eisigen Winde der kahlen Nordländer. Selbst seine schwarzen Augen glichen Feuern, die durch dickes Eis glühten.

Von mittlerer Größe, hatte er doch etwas an sich, das körperliche Maße übertraf – eine gewisse wilde Vitalität, vergleichbar mit der eines Wolfes oder Panthers. Jede Linie seines schlanken Körpers wies darauf hin, ebenso wie sein glattes Haar, die schmalen Lippen, die raubvogelhafte Kopfhaltung, die breiten Schultern, die kräftige Brust, die schmalen Lenden, die kleinen Füße. Mit dem sparsamen Körperbau eines Panthers, vermittelte er den Eindruck dynamischer innerer Kraft, von eiserner Selbstkontrolle beherrscht.

Zu seinen Füßen kauerte ein Mann, der ihm in der Hautfarbe glich. Aber damit nahm die Ähnlichkeit auch schon ein Ende. Dieser andere war ein verkümmerter Riese mit verbogenen Gliedern, einem schweren Körper, fliehender Stirn und einem Ausdruck störrischer Wildheit im Gesicht, in den sich jetzt Furcht mischte. Wenn der Mann am Kreuz, rassisch gesehen, Ähnlichkeiten mit dem Mann aufwies, den Titus Sulla Gast genannt hatte, so glich er bedeutend mehr dem verwachsenen Riesen.

„Nun, Partha Mac Othna“, sagte der Legat mit ausgeklügelter Unverschämtheit, „wenn du zu deinem Stamm zurückkehrst, kannst du eine Geschichte von der Gerechtigkeit Roms erzählen, die im Süden herrscht.“

„Ich habe eine Geschichte zu erzählen“, antwortete der andere mit einer Stimme, die keinerlei Gefühle verriet, ebenso wie sein unbewegtes, dunkles Antlitz nichts von dem Sturm in seiner Seele zeigte.

„Gerechtigkeit für alle unter der Herrschaft Roms“, sagte Sulla. „Pax Romana! Belohnung für Gehorsam, Strafe für Unrecht!“ Er lachte innerlich ob seiner Heuchelei und fuhr fort: „Gesandter aus dem Piktenland, du siehst, wie rasch Rom Missetäter bestraft.“

„Ich sehe“, gab der Pikte mit einer Stimme zurück, in der fast Zorn und Drohung schwangen, „daß man den Untertan eines anderen Königs wie einen römischen Sklaven behandelt.“

„Er wurde von einem unparteiischen Gericht verhört und verurteilt“, wandte Sulla ein.

„Aye! Und der Ankläger war ein Römer, die Zeugen waren Römer, und der Richter war ein Römer! Er hat einen Mord begangen? In einem Augenblick des Zorns hat er einen römischen Kaufmann niedergeschlagen, der ihn hintergangen, betrogen, beraubt und obendrein noch geschlagen hatte! Ist sein König denn bloß ein Hund, daß Rom seine Untertanen nach Belieben vor römische Gerichte stellen und kreuzigen darf? Ist sein König zu schwach oder ein Narr, um nicht Gerechtigkeit walten zu lassen, wenn er von der Tat erfährt und der Missetäter angeklagt wird?“

„Nun“, meinte Sulla zynisch, „du magst selbst Bran Mak Morn davon unterrichten. Rom, mein Freund, legt Barbarenkönigen gegenüber keine Rechenschaft für sein Handeln ab. Wenn Wilde zu uns kommen, müssen sie dem Gesetz gehorchen oder aber die Folgen tragen.“

Der Pikte schloß hörbar die Kiefer, und Sulla wußte, daß er keine weitere Antwort zu erwarten hatte. Der Römer gab den Schergen einen Wink. Einer von ihnen ergriff einen Nagel, setzte ihn am kräftigen Handgelenk des Opfers an und schlug zu. Die Lippen zogen sich über die Zähne des Mannes am Kreuz, aber kein Laut drang aus seiner Kehle. Wie ein gefangener Wolf gegen den Käfig ankämpft, so wand und wehrte sich das gebundene Opfer. Aber die Hämmer hoben und senkten sich unerbittlich und trieben die grausamen Spitzen tiefer und tiefer. Blut floß über die Hände, die die Nägel hielten, und färbte das Holz des Kreuzes. Deutlich war das Splittern von Knochen zu vernehmen. Und dennoch gab der Gepeinigte keinen Laut von sich.

Der Mann namens Partha Mac Othna stand wie eine Eisenstatue. In dem unergründlichen Antlitz brannten die Augen, und unter der ungeheuren Anspannung wurde sein Körper starr wie Eisen. Zu seinen Füßen kauerte der mißgestalte Diener, verbarg das Gesicht vor dem grausigen Anblick und umklammerte die Knie seines Herrn. Er murmelte unaufhörlich, und es klang wie eine Beschwörung.

Der letzte Hammerschlag fiel. Die Fesseln wurden entfernt, damit das ganze Gewicht des Mannes an den Nägeln hänge. Der Pikte hatte aufgehört, sich zu winden, denn das vergrößerte nur den Schmerz in den Wunden. Seine glänzenden, schwarzen Augen starrten unverwandt in das Gesicht des Mannes, der sich Partha Mac Othna nannte. Ein verzweifelter Hoffnungsschimmer lag in ihnen. Nun hoben die Soldaten das Kreuz und senkten es in ein vorbereitetes Loch im Boden. Dann traten sie ringsum die Erde fest, um ihm besseren Halt zu gewähren.

Der Pikte hing in der Luft, und nur die Nägel hinderten ihn am Fallen. Immer noch drang kein Laut über seine Lippen. Immer noch haftete sein Blick am unbewegten Antlitz des Gesandten, aber der Hoffnungsschimmer schwand.

„Er wird noch Tage leben!“ rief Sulla. „Diese Pikten sind schwerer zu töten als Katzen! Eine Wache von zehn Soldaten wird dafür sorgen, daß ihn niemand abnimmt, bevor er tot ist. He, Valerius! Reiche ihm einen Becher Wein zu Ehren unseres geschätzten Nachbarn, des Königs Bran Mak Morn!“

Lachend trat der junge Offizier vor, einen vollgefüllten Becher in der Hand haltend, erhob sich auf die Zehenspitzen und hielt ihn an die ausgetrockneten Lippen des Gepeinigten. In dessen schwarzen Augen flammte eine Welle roten Hasses auf; er bog den Kopf zur Seite, um das Gefäß nicht berühren zu müssen, und spuckte dem jungen Römer in die Augen. Fluchend schmetterte Valerius den Becher zu Boden, riß sein Schwert heraus und versenkte es, ehe ihn jemand daran hindern konnte, in den Körper des Gekreuzigten.

Sulla sprang mit einem Ausruf des Zornes auf. Der Mann namens Partha Mac Othna war heftig zusammengezuckt, aber er biß sich auf die Lippen und schwieg. Valerius schien selbst über sich erstaunt, als er sein Schwert reinigte. Er hatte instinktiv gehandelt –als Reflex auf seinen verletzten Stolz.

„Lege dein Schwert ab, junger Mann!“ rief Sulla. „Zenturio Publius, nimm ihn in Gewahrsam. Ein paar Tage in einer Zelle bei altem Brot und Wasser wird dich lehren, deinen Patrizierstolz zu zügeln, wenn es um Dinge des Imperiums geht. Siehst du denn nicht, du Narr, daß du dem Hund nichts Besseres hast antun können? Wer zieht nicht den raschen Tod durch das Schwert dem qualvollen Sterben am Kreuz vor? Schafft ihn fort. Und du, Zenturio, stelle eine Wache an das Kreuz, auf daß der Leichnam nicht eher herabgenommen wird, ehe nicht die Krähen das Fleisch von den Knochen gefressen haben. Partha Mac Othna, ich begebe mich zu einem Gastmahl im Hause des Demetrius. Willst du mich nicht begleiten?“

Der Gesandte schüttelte den Kopf und wandte den Blick nicht von der schlaffen Gestalt, die am Kreuz hing. Er gab keine Antwort. Sulla lächelte sardonisch, erhob sich und schritt von dannen, gefolgt von einem Diener, der ihm den vergoldeten Stuhl nachtrug, und von den gleichmütigen Soldaten, unter denen Valerius gesenkten Hauptes ging.

Der Mann, den man Partha Mac Othna nannte, zog seinen Mantel um die Schultern und betrachtete noch einen Augenblick lang grimmig das Kreuz mit seiner Last, das sich dunkel gegen den roten Himmel abzeichnete, an dem sich die Wolken der Nacht sammelten. Dann ging er, gefolgt von seinem schweigenden Diener.

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IN EINEM ZIMMER IN Eboracum ging der Mann, der Partha Mac Othna genannt wurde, wie ein Tiger auf und ab.

„Grom“, wandte er sich an den mißgestalten Diener, „ich weiß wohl, warum du meine Knie so fest umklammertest und warum du die Hilfe der Mondfrau erbatest – du fürchtetest, ich würde meine Selbstbeherrschung verlieren und dem armen Unglücklichen beizustehen versuchen. Bei den Göttern, ich glaube, das war es, was der römische Hund wollte! Ich merkte, wie mich seine gepanzerten Soldaten scharf beobachteten, und sein Hohn war schwerer zu ertragen als gewöhnlich.

Götter, schwarz und weiß, des Dunkels und des Lichtes!“ Voll leidenschaftlichen Grimms ballte er die Fäuste über dem Kopf. „Daß ich dastehen und zusehen konnte, wie man einen Mann meines Volkes auf einem römischen Kreuz abschlachtete – ohne Gerechtigkeit und auf einen parteiischen Richtspruch hin! Ihr schwarzen Götter von R’lyeh, selbst euch würde ich anrufen, um Tod und Verderben über jene Schlächter zu bringen! Ich schwöre bei den Namenlosen, daß für diese Tat Männer sterben werden und daß Rom aufschreien wird wie eine Frau, die auf eine Natter tritt!“

„Er erkannte dich, Herr“, sagte Grom.

Der andere ließ den Kopf sinken und bedeckte schmerzerfüllt die Augen.

„Seine Augen werden mir im Augenblick des Todes erscheinen. Aye, er kannte mich, und fast bis zum Schluß las ich in seinen Augen die Hoffnung, ich würde ihm beistehen. Götter und Dämonen, soll Rom mein Volk unter meinen eigenen Augen abschlachten dürfen? Dann bin ich kein König, sondern ein Hund!“

„Nicht so laut, im Namen aller Götter!“ rief Grom erschreckt. „Ahnten die Römer, daß du Bran Mak Morn bist, dann würden sie dich ebenfalls ans Kreuz schlagen.“

„Sie werden es bald genug erfahren“, gab der König grimmig zurück. „Zu lange habe ich mich hier bereits aufgehalten und als Gesandter ausgegeben, um zu spionieren. Sie glaubten mit mir zu spielen, diese Römer, und verbargen ihre Geringschätzung und Verachtung hinter Spott. Rom ist großzügig den Gesandten der Barbaren gegenüber, man gibt uns prächtige Häuser zum Wohnen, versehen uns mit Sklaven, reizen unsere Begierden mit Weibern, Gold, Wein und Spielen – aber insgeheim lachen sie über uns. Ihre Großzügigkeit ist in Wirklichkeit eine Beleidigung, und manchmal – so wie heute – sprengt ihre Verachtung die Schale der Höflichkeit. Bah! Ich habe ihre verlockenden Köder durchschaut, unerschütterlich meine Beherrschung aufrechterhalten und ihre ausgesuchten Beleidigungen geschluckt. Aber das – bei allen Dämonen der Unterwelt –, das geht über menschliches Beherrschungsvermögen hinaus! Mein Volk sieht zu mir auf. Wenn ich es enttäusche, wenn ich auch nur einen, selbst den niedrigsten, im Stich lasse – an wen sollen sie sich wenden? Wer wird ihnen helfen? Bei den Göttern, ich werde den Hohn der römischen Hunde mit schwarzen Pfeilen und scharfem Eisen beantworten!“

„Und der Häuptling mit dem Federbusch?“ Grom meinte den Legaten, und seine gutturale Stimme war erfüllt von Blutgier. „Er stirbt?“ Er riß seine Klinge hervor.

Bran blickte finster drein. „Das ist leichter gesagt als getan. Er stirbt. Aber wie soll ich ihn erreichen? Bei Tag hat er seine Garde von Germanen um sich, und nachts wachen sie vor Tür und Fenster. Er besitzt viele Feinde, sowohl Römer wie auch Barbaren. So mancher Brite würde ihm freudig die Kehle durchschneiden.“

Grom packte Bran am Gewand und stammelte, als sein wilder Eifer die Bande der Sprache sprengte.

„Laß mich gehen, Herr! Mein Leben ist wertlos. Ich erschlage ihn inmitten seiner Krieger!“

Bran lächelte grimmig und hieb dem mißgestalten Riesen mit einer Wucht auf den Rücken, die einen schwächeren Mann niedergestreckt hätte.

„Nein, mein treuer Kämpe, ich brauche dich zu sehr! Du sollst dein Leben nicht umsonst wegwerfen. Sulla würde dir die Absicht an den Augen ablesen, und die Wurfspeere der Teutonen würden dich durchbohren, noch bevor du den Römer erreicht hättest. Wir werden ihn weder mit einem Dolch im Dunkeln, noch durch Gift im Becher oder den Pfeil aus dem Hinterhalt zur Strecke bringen.“

Der König wandte sich ab und nahm mit nachdenklich gesenktem Haupt die Wanderung im Zimmer wieder auf. Langsam verdunkelten sich seine Augen bei einem Gedanken von solcher Schrecklichkeit, daß er ihn dem wartenden Krieger nicht mitteilte.

„Während meines Aufenthalts in dieser verfluchten Wüste aus Schlamm und Marmor habe ich einiges über die Gewohnheiten der Römer herausgefunden“, sagte er. „Sollte es an der Mauer zu einem Aufruhr kommen, so ist es eigentlich Sullas Aufgabe als Legat dieser Provinz, mit seinen Zenturien dorthin zu eilen. Aber Sulla tut dies nicht. Er ist kein Feigling, aber selbst die Tapfersten vermeiden bestimmte Dinge. Jeder noch so mutige Mann hat irgendeine geheime Furcht vor etwas. Also schickt er Caius Camillus, der zu Zeiten des Friedens die Sümpfe des Westens bewacht, damit nicht die Briten die Grenze überschreiten. Und Sulla befindet sich an seiner Statt in Trajans Turm. Ha!“

Er wirbelte herum und packte Grom mit stählernen Fingern.

„Grom, nimm den roten Hengst und reite nach Norden! Jage wie der Wind zu Cormac na Connacht und sage ihm, er soll mit Feuer und Schwert ins Grenzland einfallen! Seine wilden Galen sollen alles mit Krieg überziehen. In einigen Tagen komme ich selbst. Bis dahin habe ich im Westen zu tun.“

Bran zog ein schweres Bronzesiegel unter seiner Tunika hervor.

„Das hier weist mich als Gesandten aus gegenüber den Römern“, sagte er grimmig. „Es wird dir alle Türen von hier bis Baaldor öffnen. Und falls dich jemand zu genau befragen sollte – hier!“

Bran hob den Deckel von einer eisenbeschlagenen Kiste, entnahm ihr einen schweren Lederbeutel und reichte ihn dem Krieger.

„Wenn bei einer Tür alle Schlüssel versagen sollten“, sagte er, „so versuche es mit einem goldenen Schlüssel. Geh jetzt!“

Zwischen dem Barbarenkönig und seinem barbarischen Vasallen fand keine feierliche Abschiedszeremonie statt. Grom hob grüßend den Arm, wandte sich um und eilte hinaus.

Bran trat an das vergitterte Fenster und starrte in die mondhellen Straßen.

„Warte, bis der Mond untergeht“, murmelte er grimmig. „Dann mache ich mich auf den Weg zur Hölle! Aber zuvor habe ich eine Schuld zu begleichen.“

Das leise Klirren eines Hufeisens gegen Marmorplatten drang an sein Ohr.

„Mit dem Geleitssiegel und Gold versehen, kann nicht einmal Rom einen Pikten von seinem Weg abbringen“, murmelte der König. „Und jetzt schlafe ich, bis der Mond untergegangen ist.“

Beim Anblick der marmornen Friese und der gerillten Säulen schnitt er eine Grimasse und ließ sich auf ein Lager fallen, von dem er bereits vor langem die Kissen und seidenen Decken entfernt hatte. Sein harter Körper bedurfte nicht so weicher Dinge. Trotz seines Hasses und Rachedurstes fiel er augenblicklich in Schlaf. Das erste, was ihn sein bitteres und rauhes Leben gelehrt hatte, war, bei jeglicher sich bietender Gelegenheit zu schlafen – wie ein Wolf, der auf der Jagd hin und wieder einige Minuten schläft. Im allgemeinen war sein Schlaf leicht und traumlos wie der eines Panthers, doch nicht so in dieser Nacht.

Er versank in den weichen, grauen Abgründen des Schlafes, und in einem zeitlosen, nebligen Schattenland begegnete er der hohen, schlanken, weißbärtigen Gestalt Gonars, des Mondpriesters und Ersten Beraters des Königs. Und Bran blieb wie angewurzelt stehen, denn Gonars Antlitz war weiß wie Schnee, und es schüttelte ihn wie im Fieber. Und mit Recht mochte Bran entsetzt sein, denn in all den vergangenen Jahren hatte er an Gonar dem Weisen nie ein Zeichen der Furcht gesehen.

„Was ist los, Gonar?“ fragte der König. „Ist alles beim Rechten in Baaldor?“

„In Baaldor ist alles in Ordnung, wo mein Körper im Schlaf liegt“, antwortete der alte Gonar. „Über den leeren Abgrund bin ich gekommen, um für deine Seele zu kämpfen. König, bist du des Wahnsinns? Ich habe die Gedanken in deinem Geist gelesen.“

„Gonar“, sprach Bran düster, „heute habe ich tatenlos zugesehen, wie ein Mann meines Volkes an einem römischen Kreuz starb. Seinen Namen und Stand kenne ich nicht. Es ist mir auch gleich. Vielleicht war er ein unbekannter, treuer Krieger, vielleicht aber auch ein Geächteter. Ich weiß nur, daß er mein Mann war. Die ersten Gerüche, die er kannte, waren die Gerüche der Heide; das erste Licht, das er sah, war der Sonnenaufgang über den piktischen Hügeln. Er gehörte mir und nicht Rom. Hatte er Strafe verdient, so hätte niemand anderer als ich sie vollziehen dürfen. Sollte er vor Gericht gestellt werden, so hätte niemand anderer als ich sein Richter sein dürfen. Das gleiche Blut floß in unseren Adern, dasselbe Feuer brannte in unseren Seelen, in der Kindheit lauschten wir denselben alten Legenden, und in der Jugend sangen wir dieselben alten Gesänge. Er war in meinem Herzen so wie jeder andere Mann, jedes Weib und jedes Kind im Land der Pikten. Es war meine Pflicht, ihn zu beschützen!. Und jetzt ist es meine Pflicht, ihn zu rächen.“

„Aber im Namen der Götter, Bran“, rief der Zauberer, „räche dich auf andere Weise! Kehre in die Heide zurück, sammle deine Krieger, schließe dich Cormac und seinen Galen an und verwandle das Land um die große Mauer in ein Meer von Blut und Feuer!“

„All das werde ich tun“, gab Bran grimmig zurück. „Aber jetzt – jetzt – werde ich Rache nehmen, wie es sich ein Römer nicht zu erträumen vermag! Ha! Was wissen sie von den Geheimnissen dieser uralten Insel, auf der es bereits Leben gab, bevor Rom sich aus den Sümpfen des Tibers erhob?“

„Bran, es gibt Waffen, die sind zu widerwärtig, um selbst gegen Rom angewendet zu werden!“

Bran lachte kurz.

„Ha! Es gibt keine Waffen, die ich nicht gegen Rom einsetzte! Ich befinde mich mit dem Rücken an der Wand. Beim Blut der Dämonen! Hat Rom fair gegen mich gekämpft? Bah! Ich bin ein Barbarenkönig mit einem Wolfsfell als Mantel und einer Eisenkrone, der mit einer Handvoll Bogen und Speeren gegen die Königin der Welt streitet. Was habe ich? Die hügelige Heide, die Lehmhütten, die Speere meiner wirrköpfigen Stammesleute! Und ich kämpfe gegen Rom mit ihren gepanzerten Legionen, ihren weiten, fruchtbaren Ebenen und reichen Meeren, ihren Bergen und Flüssen und glänzenden Städten, gegen ihren Reichtum, ihren Stahl, ihr Gold, ihre Überlegenheit und ihren Zorn. Mit Stahl und Feuer werde ich Rom bekämpfen, mit Tücke und Verrat, mit dem Dorn unter dem Fuß, mit der Natter auf dem Pfad, mit dem Gift im Becher, mit dem Dolch in der Dunkelheit; aye“, und seine Stimme wurde düster, „und mit den Würmern der Erde!“

„Aber das ist Wahnsinn!“ rief Gonar. „Du wirst bei deinem geplanten Vorhaben untergehen – du wirst in die Hölle hinabsteigen und daraus nicht wieder zurückkehren! Was wird dann aus deinem Volk?“

„Wenn ich ihnen nicht zu dienen vermag, dann ist es besser, ich sterbe“, grollte der König.

„Aber du kannst die Geschöpfe, die du suchst, nicht erreichen“, rief Gonar. „Ungezählte Jahrhunderte lang haben sie für sich gelebt. Es gibt keine Tür, durch die du zu ihnen gelangen kannst. Vor langer Zeit haben sie die Bande durchtrennt, die sie mit unserer Welt verbanden.“

„Vor langer Zeit“, wandte Bran düster ein, „hast du mir erzählt, daß sich nichts im Universum vom Strom des Lebens zu trennen vermag. Die Wahrheit dieser Worte habe ich oft bestätigt gefunden. Jede Rasse, jede Lebensform ist auf irgendeine besondere Weise eng mit dem übrigen Leben und der Welt verbunden. Irgendwo muß es eine Verbindung geben zwischen unserer Welt und jenen, die ich suche. Irgendwo gibt es eine Tür. Und irgendwo in den öden Sümpfen des Westens werde ich sie finden.“

Entsetzen trat in Gonars Augen, und er rief: „Weh, weh! Weh der Piktenheit! Weh dem ungeborenen Königreich! Weh den Söhnen der Menschen!“

Bran erwachte in dem schattenerfüllten Raum. Das Licht der Sterne lag auf dem Fenstergitter, und der Mond war hinter den Häusern verschwunden, obwohl sein Schein noch über den Dächern lag. Ein Schauder überlief ihn bei der Erinnerung an seinen Traum, und er fluchte leise.

Er erhob sich, legte Umhang und Mantel ab, bekleidete sich mit einem leichten, schwarzen Kettenhemd und gürtete sich mit Schwert und Dolch. Der eisenbeschlagenen Kiste entnahm er mehrere Beutel und leerte deren klingenden Inhalt in die Ledertasche an seinem Gürtel. Dann schlang er den weiten Umhang um sich und verließ leise das Haus. Es gab keine Diener, die ihn hätten beobachten können. Unwirsch hatte er alle Sklaven abgelehnt, mit der Rom die barbarischen Gesandten zu versehen pflegte. Der mißgestalte Grom hatte nach Brans wenigen Bedürfnissen gesehen.

Im Hof befanden sich die Türen zu den Ställen. Bran tastete einen Augenblick lang im Dunkeln umher und legte dann dem kräftigen Hengst die Hand über die Nüstern, um das Wiehern des Erkennens zu unterdrücken. Ohne ein Licht zu entzünden, zäumte und sattelte er rasch das mächtige Tier und führte es durch den Hof in eine dunkle Seitengasse. Der Mond war im Untergehen begriffen, und die Westmauer warf einen breiten Schatten. Stille lag über den Marmorpalästen und Erdhütten von Eboracum, und darüber glitzerten kalt die Sterne.

Bran griff an den Gürtel mit der Ledertasche, die mit Goldmünzen gefüllt war. Er war als Gesandter der Pikten nach Eboracum gekommen, um zu spionieren. Doch Barbar, der er war, vermochte er seine Rolle nicht mit der passenden Würde zu spielen. Er hatte undeutliche Erinnerungen an wilde Gelage, wo der Wein in Strömen floß, an vollbusige römische Frauen, die, der kultivierten Liebhaber überdrüssig, dem männlichen Barbaren mehr als nur ihre Zuneigung geschenkt hatten. Er erinnerte sich an Gladiatorenspiele und an andere Spiele, bei denen die Würfel klapperten und hohe Stapel von Goldmünzen den Besitzer wechselten. Nach Barbarenart hatte er viel getrunken und verwegen gewettet und erstaunliches Glück gehabt, was wahrscheinlich darauf zurückzuführen war, daß er mit derselben Gleichmut gewann wie verlor. Für den Pikten bedeutete Gold nicht mehr als Staub, der durch die Finger rinnt. In seinem Land hatte er keine Verwendung dafür, wußte jedoch seine Macht innerhalb der Grenzen der Zivilisation zu schätzen.

Fast gänzlich im Schatten der Nordwestmauer erhob sich vor ihm der hohe Wachturm, der mit der Außenmauer in Verbindung stand. Die Ecke, die am weitesten von der Mauer entfernt war, diente als Gefängnis. Bran ließ sein Pferd in einer dunklen Seitengasse und schlich in die Schatten der Festung.

Der junge Valerius erwachte aus einem leichten, unruhigen Schlummer durch ein Geräusch am vergitterten Fenster. Er richtete sich auf und fluchte leise, als der Schatten des Gitters auf dem nackten Steinboden ihn an seine Schmach erinnerte. Nun, in ein paar Tagen würde er wohl wieder in Freiheit sein. Sulla konnte einem Mann mit seinen Verbindungen gegenüber nicht zu streng sein. Und dann wollte er den Mann oder die Frau sehen, der ihn zu verspotten wagte! Der Pikte möge verdammt sein! Doch dann erinnerte er sich plötzlich wieder des Geräusches, das ihn geweckt hatte.

„Pssst!“ erklang es vom Fenster her.

Weshalb die Heimlichtuerei? Es konnte sich kaum um einen Feind handeln – und doch: Warum sollte es ein Freund sein? Valerius erhob sich, durchquerte die Zelle und trat ans Fenster. Im Ungewissen Licht der Sterne vermochte er nur eine schattenhafte Gestalt dicht am Fenster auszunehmen.

„Wer bist du?“ Er lehnte sich ans Gitter und versuchte mit den Augen die Dunkelheit zu durchdringen.

Die Antwort war ein wölfisches Auflachen, das Aufblitzen einer Klinge im Sternenlicht. Valerius taumelte vom Fenster zurück, griff sich an die Kehle und stürzte zu Boden. Blut rann zwischen seinen Fingern und bildete um seinen Körper eine Lache, die das schwache Licht der Sterne trübe-rötlich widerspiegelte.

Draußen glitt Bran wie ein Schatten davon, ohne einen Blick in die Zelle zu werfen. In wenigen Augenblicken würde die Wache auf ihrem Rundgang um die Ecke kommen. Er vernahm bereits den Gleichschritt ihrer eisenbeschuhten Füße. Noch ehe sie in Sicht kamen, war er verschwunden, und die Soldaten schritten am Zellenfenster vorüber, ohne etwas von der Leiche zu ahnen, die drinnen auf dem Boden lag.

Bran ritt auf das kleine Tor in der Westmauer zu, ohne von der schläfrigen Wache angehalten zu werden. In Eboracum brauchte man keinen feindlichen Überfall zu befürchten, und außerdem sorgten gutorganisierte Diebe und Mädchenhändler dafür, daß es sich für die Wache bezahlt machte, ihre Pflicht nicht allzu genau zu nehmen. Der einzelne Soldat am Westtor – seine Kameraden lagen betrunken in einem nahegelegenen Freudenhaus – hob jedoch seinen Speer und rief Bran zu, anzuhalten und sich erkennen zu geben. Schweigend ritt der Pikte näher. Eingehüllt in seinen dunklen Umhang, erschien er dem Soldaten nur undeutlich. Da streckte Bran seinen Arm vor, und der Soldat sah den Glanz von Gold im Licht der Sterne, während er in der anderen Hand des Reiters eine Klinge blitzen sah. Der Römer verstand und zögerte nicht in seiner Wahl zwischen der goldenen Bestechung und einem Kampf auf Leben und Tod mit dem unbekannten Reiter, bei dem es sich offenbar um einen Barbaren handelte. Brummend senkte er den Speer und öffnete das Tor. Bran ritt hindurch und warf dem Soldaten eine Handvoll Münzen zu. In einem goldenen Strom fielen sie zu Boden und klirrten auf den Steinplatten. Der Römer bückte sich gierig danach, und Bran Mak Morn jagte westwärts in die Nacht.

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IN DIE DÜSTEREN SÜMPFE des Westens kam Bran Mak Morn. Ein kalter Wind blies über die Einöde, und über den grauen Himmel flogen einige Reiher. Das hohe Schilf und das Sumpfgras bog sich wellenförmig im Wind, und einige stille Weiher spiegelten das trübe Licht des Himmels wider. Da und dort erhoben sich sonderbar regelmäßige Hügel aus der Landschaft, und am Horizont erkannte Bran eine Linie von Monolithen. Wer mochte die Menhire einst errichtet haben?

Eine schmale, blaue Linie im Westen stellte die Hügel dar, die jenseits des Horizonts zu den zerklüfteten Bergen von Wales anwuchsen, in denen immer noch wilde keltische Stämme hausten, grimmige, blauäugige Männer, die nicht unter dem Joch Roms stöhnten. Eine Linie von gut besetzten Wachtürmen hielt sie hinter ihren Grenzen. Jenseits der Moore gewahrte Bran die uneinnehmbare Festung, die Trajans Turm genannt wurde.

Doch selbst diese trostlose Einöde entbehrte nicht ganz menschlichen Lebens. Bran begegnete den wortkargen Männern der Sümpfe. Sie hatten dunkle Augen und dunkles Haar und sprachen eine Mischsprache, aus deren Elementen man kaum die ursprünglichen Quellen zu erahnen vermochte. Bran bemerkte in ihnen eine gewisse Verwandtschaft mit sich selbst, blickte jedoch mit der Verachtung des Patriziers dem Mischling gegenüber auf sie herab.

Zwar waren auch die gewöhnlichen Einwohner von Kaledonien keineswegs reinblütig; ihre gedrungenen Körper und kräftigen Gliedmaßen hatten sie von einer primitiven germanischen Rasse erhalten, die schon vor der endgültigen Eroberung Britanniens durch die Kelten in den nördlichsten Teil der Insel eingewandert und von den Pikten absorbiert worden war. Aber die Häuptlinge von Brans Volk hatten von alters her ihr Blut von fremden Einflüssen freigehalten, und er selbst war ein reinrassiger Pikte der Alten Rasse. Diese Sumpfleute jedoch waren der Reihe nach von britischen, gälischen und römischen Eroberern überrannt worden, hatten von allen Erbanlagen aufgenommen und im Laufe der Zeit fast ihre ursprüngliche Sprache und Abstammung vergessen.

Bran entstammte einer sehr alten Rasse, die vor der Ankunft der Arier in Westeuropa ein riesiges Imperium errichtet hatte, als die Vorfahren der Kelten, der Hellenen und Germanen noch ein einziges Volk bildeten, ehe sie Stämme bildeten und langsam in den Westen vordrangen.

Nur in Kaledonien hatte die Alte Rasse vermocht, der Flut der arischen Eroberer standzuhalten. Bran hatte von einem piktischen Volk gehört, das sich Basken nannte und in den Tälern der Pyrenäen hauste. Sie behaupteten, nie erobert worden zu sein, aber Bran wußte, daß sie jahrhundertelang den Vorfahren der Galen Tribut zahlten, bevor diese keltischen Eroberer ihr Bergland verlassen und nach Irland gesegelt waren. Nur die Pikten in Kaledonien hatten sich ihre Unabhängigkeit bewahrt, auch wenn sie in kleine, einander bekämpfende Stämme gespalten waren. Bran war der erste anerkannte König seit fünfhundert Jahren, der Begründer eines neuen Herrscherhauses – nein, eigentlich ließ er eine alte Dynastie unter neuem Namen wieder aufleben. Vor der Nase Roms träumte er von einem Imperium.

Er durchstreifte das Marschland und suchte nach einem Tor. Den dunkeläugiger) Sumpfleuten verriet er nichts von seinen Absichten. Sie berichteten von Neuigkeiten, die von Mund zu Mund gingen: von einem Krieg im Norden, vom Schrillen der Kriegspfeifen vor der gewundenen Mauer, von Versammlungsfeuern in der Heide, von Brand, Rauch und Plünderei, vom Wüten gälischer Schwerter. Die Adler der Legionen zogen nordwärts, und die uralte Straße bebte unter den eisernen Füßen. Und Bran, in den Marschen des Westens, lachte und war es zufrieden.

In Eboracum befahl Titus Sulla, nach dem piktischen Gesandten zu suchen, der seit der gleichen Nacht verschwunden war, als man Valerius mit durchschnittener Kehle in seiner Zelle fand. Sulla ahnte, daß das plötzliche Aufflackern des Krieges am Grenzwall im Zusammenhang mit der Hinrichtung eines verurteilten piktischen Verbrechers stand, und er mobilisierte sein Netz von Spionen, obwohl er davon überzeugt war, daß Partha Mac Othna sich zu dieser Zeit bereits weit außerhalb seiner Reichweite befand. Er bereitete sich auf seine Abreise aus Eboracum vor, schloß sich jedoch nicht dem Heer von Legionären an, das er nach Norden schickte. Sulla war ein tapferer Mann, aber jeder Mann hat seinen eigenen Schrecken, und Sullas Schrecken war Cormac nach Connacht, der schwarzhaarige Gälenprinz, der geschworen hatte, dem Legaten das Herz aus dem Leibe zu schneiden. Und daher ritt Sulla mit seiner Leibgarde nach Westen, wo Trajans Turm stand, dessen kriegerischer Kommandant. Caius Camillus, nichts lieber tat, als den Platz des Legaten einzunehmen, wenn die Wogen des Krieges gegen die Mauern des Walles anbrandeten. Es entsprach nicht den Vorschriften, aber Rom war weit, und Titus hatte die höchste Macht in Britannien inne.

Und Bran, der all dies wußte, erwartete in einer verlassenen Hütte geduldig seinen verhaßten Feind.

Eines grauen Abends ging er zu Fuß über die Moore. Schwarz zeichnete sich seine Gestalt gegen das rote Feuer des Sonnenuntergangs ab. Er spürte das unglaubliche Alter des schlafenden Landes, und er kam sich wie der letzte Mensch auf Erden vor. Doch endlich stieß er auf ein Zeichen menschlichen Lebens – eine schmutzige Hütte aus Erde und Lehm am Schilfufer eines Sumpfes.

Von der offenen Tür her grüßte ihn eine Frau, und Bran zog mißtrauisch die Augenbrauen zusammen. Die Frau war nicht alt, und doch fand sich das verbotene Wissen von Äonen in ihren Augen. Ihre dürftige Kleidung war zerlumpt, und ihre schwarzen Locken waren verfilzt und wirr, was ihr den Anschein von Wildheit verlieh, der gut zu der abstoßenden Umgebung paßte. Ihre roten Lippen lachten, doch lag keine Fröhlichkeit in ihrem Gelächter, sondern eine Andeutung von Spott. Zwischen den Lippen sah man scharfe, gespitzte Zähne, wie Raubtierfänge.

„Tretet ein, Herr“, forderte sie ihn auf, „wenn Ihr Euch nicht fürchtet, mit der Hexe von Dagon-Moor unter einem Dach zu weilen!“

Bran trat schweigend ein und setzte sich auf eine schäbige Bank, während sich die Frau mit einem spärlichen Mahl beschäftigte, das über einem offenen Feuer auf dem Erdboden kochte. Er betrachtete ihre fast gespitzten Ohren, die gelben, eigenartig schräg stehenden Augen und ihre geschmeidigen, fast schlangengleichen Bewegungen.

„Was sucht Ihr in den Sümpfen, mein Lord?“ fragte sie und wandte sich mit einer geschmeidigen Wendung ihres ganzen Körpers ihm zu.

„Ich suche ein Tor“, antwortete er, während er sein Kinn auf die Faust stützte. „Ich habe den Würmern der Erde ein Lied zu singen!“

Sie fuhr zusammen und ließ einen Krug fallen, der auf der Erde zerschellte.

„Das war schlecht gesprochen, selbst wenn es nicht so gemeint war“, stammelte sie.

„Es war wohl so gemeint, und ich spreche im Ernst“, erklärte er.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, was du meinst.“

„Du weißt es wohl“, gab er zurück. „Aye, wohl weißt du es! Meine Rasse ist sehr alt. Sie herrschte in Britannien, noch ehe die Nationen der Kelten und Hellenen aus dem Völkerschoß geboren wurden. Aber mein Volk war nicht das erste in Britannien. Bei den Flecken deiner Haut, bei der Schräge deiner Augen, bei dem Fremden in deinem Blut – ich bin mir voll der Bedeutung meiner Worte bewußt.“

Sie schwieg eine Weile. Ihre Lippen lächelten, aber ihr Gesicht war unbeweglich.

„Mann, bist du verrückt?“ fragte sie. „Du suchst in deinem Wahnsinn nach etwas, wovor in alten Zeiten furchtlose Männer schreiend geflohen sind?“

„Ich suche eine Rache“, antwortete er, „die mir nur Sie verschaffen können, die ich suche.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Du hast dem Gesang eines Vogels gelauscht; du hast leere Träume geträumt.“

„Ich habe eine Viper zischen gehört“, grollte er. „Und ich träume nicht. Genug der ausweichenden Worte! Ich habe eine Verbindung zwischen zwei Welten gesucht –ich habe sie gefunden.“

„Ich brauche dich nicht länger zu belügen, Mann des Nordens“, sagte die Frau. „Diejenigen, die du suchst, leben immer noch unter den schlafenden Hügeln. Sie haben sich weiter und weiter von der Welt entfernt, die du kennst.“

„Aber sie kommen immer noch nächtens hervor und nähern sich Weibern, die sich im Moor verirrt haben“, stellte er fest, und sein Blick ruhte auf ihren schrägstehenden Augen. Sie lachte böse.

„Was willst du von mir?“

„Daß du mich zu Ihnen bringst.“

Sie warf den Kopf zurück und lachte verächtlich. Er packte sie mit der Linken am Gewand über der Brust, und seine Rechte schloß sich um den Griff seines Schwertes. Sie lachte ihm ins Gesicht.

„Stich zu und sei verdammt, Wolf des Nordens! Glaubst du, mein Leben ist mir so teuer, daß ich mich daran klammere wie ein Säugling an die Brust?“

Er ließ die Hand fallen.

„Du hast recht. Drohungen sind töricht. Ich werde deine Hilfe erkaufen.“

„Und wie?“ Spott schwang in ihrer lachenden Stimme.

Bran öffnete seine Tasche und schüttelte einen Strom von Gold in seine Hand.

„Mehr Reichtum, als die Sumpfleute jemals erträumten.“

Wieder lachte sie. „Was bedeutet mir das rote Metall? Spare es dir für eine weißbrüstige Römerin.“

„Nenne mir einen Preis!“ drängte er. „Den Kopf eines Feindes ...“

„Beim Blut in meinen Adern mit seinem uralten Erbe des Hasses! Wer ist denn mein Feind, wenn nicht du?“ Sie lachte und sprang wie eine Katze. Doch ihr Dolch zersplitterte an der Rüstung unter seinem Umhang, und er schleuderte sie mit einer verächtlichen Bewegung seiner Hand von sich, so daß sie auf ihr grasbestreutes Lager fiel. Sie lachte zu ihm empor.

„Ich werde dir meinen Preis nennen, mein Wolf, und es werden Tage kommen, an denen du die Rüstung verfluchen wirst, die Atlas Dolch brach!“ Sie erhob sich, trat dicht an ihn heran, und ihre langen Finger krallten sich in seinen Umhang. „Ich werde ihn dir nennen, Schwarzer Bran, König von Kaledonien! Oh, ich erkannte dich, als du in meine Hütte kamst mit deinem schwarzen Haar und kalten Augen! Ich werde dich zu den Toren der Hölle führen, wenn du es wünschst; und der Preis sollen die Küsse eines Königs sein!

Ich lebe ein verlorenes und bitteres Leben, da mich die sterblichen Männer verabscheuen und fürchten.

Nie habe ich die Liebe eines Mannes gekannt, nie den Druck eines starken Armes gespürt, nie das Brennen menschlicher Küsse – ich, Atla, die Werfrau vom Moor! Was habe ich schon gekannt außer dem einsamen Wind der Sümpfe, dem düsteren Feuer kalter Sonnenuntergänge, dem Wispern des Schilfes? Ja, die Gesichter, die durch die Wasser der Weiher zu mir emporstarren, schleichende Schritte in der Nacht von Dingen mit roten Augen, das grausige Murmeln namenloser Geschöpfe!

Ich bin zumindest zur Hälfte menschlich! Habe ich nicht Sorge und verzehrende Sehnsucht verspürt und den dumpfen Schmerz der Einsamkeit? Gib mir, König, gib mir deine wilden Küsse und die schmerzlichen Umarmungen des Barbaren. Dann brauche ich in den langen, öden Jahren, die kommen werden, mich nicht zu verzehren vor Neid auf die weißbrüstigen Weiber der Menschen. Denn ich besitze eine Erinnerung, deren sich wenige rühmen können: die Küsse eines Königs! Eine Liebesnacht, o König, und ich führe dich zu den Pforten der Hölle!“

Bran betrachtete sie düster. Dann packte er sie am Arm. Bei der Berührung ihrer glatten Haut überlief ihn unwillkürlich ein Schauder. Er nickte langsam, zog sie näher an sich heran und zwang sich dazu, den Kopf zu senken, um ihren wartenden Lippen zu begegnen.

*

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DIE GRAUEN NEBEL DES Morgens umhüllten König Bran wie ein klammer Mantel. Er wandte sich der Frau zu, deren schräge Augen im grauen Dunst leuchteten.

„Und nun erfülle deinen Teil des Abkommens“, sagte er rauh. „Ich habe eine Verbindung zwischen den Welten gesucht und sie in dir gefunden. Ich suche das eine Ding, das Ihnen heilig ist. Es soll der Schlüssel sein, der mir die unsichtbare Tür zwischen Ihnen und mir öffnet. Sage mir, wie ich es finde.“

„Das will ich tun.“ Die roten Lippen lächelten verzerrt. „Geh zu dem Hügel, den die Menschen Dagons Barrow nennen. Zieh den Stein beiseite, der den Eingang versperrt und geh in die Kuppel im Hügel. Der Boden der Kammer besteht aus sieben großen Steinen. Sechs sind um den siebenten geordnet. Hebe den mittleren Stein heraus, und du wirst weitersehen!“

„Werde ich den Schwarzen Stein finden?“ fragte er.

„Dagons Barrow ist das Tor zum Schwarzen Stein“, antwortete sie, „wenn du wagst, dem Weg zu folgen.“

„Wird das Symbol gut bewacht sein?“ Unbewußt lockerte er das Schwert in der Scheide.

Die roten Lippen kräuselten sich spöttisch. „Wenn dir etwas auf dem Weg begegnet, wirst du sterben, wie seit langen Jahrhunderten kein Mann gestorben ist. Der Stein ist nicht bewacht, so wie Menschen ihre Schätze bewachen. Warum sollten Sie bewachen, was nie ein Mensch gesucht hat? Vielleicht sind Sie in der Nähe, vielleicht nicht. Das ist ein Risiko, das du eingehen mußt, um den Stein in deinen Besitz zu bringen. Nimm dich in acht, König der Pikten! Denk daran, daß es dein Volk war, das vor langer Zeit den Faden abschnitt, der Sie mit einem menschlichen Leben verband. Damals waren sie fast menschlich; sie lebten im ganzen Land und kannten das Licht der Sonne. Jetzt haben sie sich entfernt. Sie kennen nicht das Licht der Sonne und scheuen das des Mondes. Sie hassen sogar das Sternenlicht. Stark haben sie sich verändert, sie, die einst vielleicht Menschen geworden, wären nicht die Speere deiner Vorfahren gewesen.“

Der Himmel war mit einem nebligen Grau überzogen, durch das die Sonne fahlgelb schien, als Bran Dragons Barrow erreichte, einen runden Hügel, der üppig mit einem Gras schwammartigen Aussehens überwuchert war. An der Ostseite des Hügels befand sich der Eingang eines grob gebauten Steintunnels, der offenbar in das Innere führte. Er war mit einem großen Stein verschlossen. Bran packte ihn an den scharfen Kanten und setzte alle seine Kräfte ein, doch der Fels saß fest. Er zog sein Schwert und schob es zwischen den Block und den Tunnel. Er benutzte es vorsichtig als Hebel, und es gelang ihm, den Felsen zu lockern und herauszuziehen. Gestank strömte ihm entgegen, und das trübe Licht der Sonne schien die höhlengleiche Öffnung kaum zu erleuchten.

Mit dem Schwert in der Faust tastete sich Bran in dem Gang vor, der, aus schweren Steinen errichtet, lang und schmal und zu niedrig für ihn war, als daß er hätte aufrecht stehen können. Seine Augen gewöhnten sich an das Halbdunkel, und er gelangte in eine runde, niedrige Kammer, deren Decke eine Kuppel bildete. Hier hatten zweifellos in alten Zeiten die Gebeine desjenigen geruht, für den die Steine des Grabmals errichtet worden waren, über die man dann Erde gehäuft hatte. Nun fand sich nicht eine Spur dieser Gebeine auf dem Boden. Als sich Bran hinabbeugte und genauer hinsah, bemerkte er regelmäßige Linien darauf: sechs sauber geschnittene Platten, um einen siebenten, sechsseitigen Stein angeordnet.

Er stieß die Schwertspitze in einen Spalt und bewegte sie Vorsichtig. Die Kante des Mittelsteins hob sich ein wenig. Mit etwas Anstrengung gelang es ihm, ihn herauszuheben, und er lehnte ihn gegen die Wand. Er spähte in das Loch, sah aber nur die gähnende Schwärze eines dunklen Schachts, in den kleine, ausgetretene Stufen hinabführten. Er zögerte nicht. Er schwang sich hinab und fühlte förmlich, wie ihn die Dunkelheit verschluckte.

Als er sich hinabtastete, rutschte er aus und stolperte auf den Stufen, die für menschliche Füße viel zu klein waren. Er stützte sich mit einer Hand an der Wand ab und erlangte wieder das Gleichgewicht. Mit Schrecken dachte er an einen Fall in unbekannte, unerleuchtete Tiefen. Die Stufen waren in soliden Fels gehauen, jedoch sehr abgenutzt. Je tiefer er gelangte, desto schlechter wurden die Stufen. Plötzlich änderte der Schacht die Richtung. Zwar führte er immer noch hinunter, jedoch in einem solchen flachen Winkel, daß er mit gegen die Wände gestützten Ellbogen und gesenktem Kopf gehen konnte. Die Stufen hatten überhaupt aufgehört, und der Stein fühlte sich schleimig an wie das Lager einer Schlange. Bran fragte sich, was für Geschöpfe wie viele Jahrhunderte hindurch den Gang benutzt haben mochten.

Der Tunnel verengte sich, bis Bran Schwierigkeiten bekam, sich durchzuzwängen. Er legte sich auf den Rücken und schob sich, mit den Füßen voran, weiter. Tiefer und tiefer sank er in die Eingeweide der Erde und wagte nicht daran zu denken, wie weit die Oberfläche entfernt war. Da bemerkte er weit vor sich einen gespenstischen Lichtschimmer. Er grinste grimmig. Wenn Sie ihn plötzlich überraschen sollten – wie konnte er sich da zur Wehr setzen? Aber er hatte jegliche persönliche Furcht hinter sich gelassen, als er seine Suche begann. Er kroch weiter und dachte an nichts anderes als an sein Ziel.

Da gelangte er endlich in einen riesigen Raum, in dem er sich aufzurichten vermochte. Das Dach der Höhle konnte er nicht ausmachen, aber er gewann den Eindruck ungeheurer Größe. Die Dunkelheit drückte von allen Seiten gegen ihn, und hinter sich erkannte er den Eingang zum Schacht, aus dem er soeben gekrochen war – ein schwarzer Fleck in der Dunkelheit. Aber vor ihm gloste ein gespenstischer Schein um einen grausigen Altar, der aus menschlichen Schädeln errichtet war. Die Quelle des Lichtes vermochte er nicht auszumachen, aber auf dem Altar lag ein matter, nachtschwarzer Gegenstand – der Schwarze Stein!

Bran verlor keine Zeit. Er packte den Stein, klemmte ihn unter den linken Arm und kroch in den Schacht. Wenn man einer Gefahr den Rücken kehrt, wirkt ihre beklemmende Drohung viel stärker, als wenn man darauf zugeht. So fühlte auch Bran, als er sich mit seiner Beute durch den Tunnel schob, wie die Dunkelheit hinter ihm her kroch. Kalter Schweiß bedeckte seinen Körper, und er beeilte sich, sosehr er es vermochte. Angestrengt lauschte er nach irgendwelchen Geräuschen, die ihm verrieten, daß ihm Verfolger auf den Fersen waren. Immer wieder schüttelte es ihn, und die Haut am Hinterkopf prickelte, als bliese ein kalter Wind darüber.

Als er die ersten winzigen Stufen erreichte, hatte er das Gefühl, an den Grenzen der Welt der Sterblichen angelangt zu sein. Stolpernd und rutschend eilte er sie hinan, bis er mit einem Seufzer der Erleichterung die Grabkammer betrat, deren geisterhaftes Halbdunkel im Vergleich zu den höllischen Tiefen, in denen er sich befunden hatte, wie der grelle Schein des Mittags wirkte. Er legte den Mittelstein an seinen Platz zurück und gelangte durch den Tunnel an das Licht des Tages. Niemals war ihm das Licht der Sonne willkommener gewesen als jetzt. Er wälzte den Felsblock an seinen Platz zurück, hob den Umhang auf, den er am Eingang in den Hügel zurückgelassen hatte, wickelte den Schwarzen Stein hinein und eilte davon. Ekel und Abscheu erschütterten seine Seele und verliehen seinen Schritten Flügel.

Graue Stille brütete über dem Land. Es war so öde wie die Landschaft des Mondes, und doch spürte Bran unter seinen Füßen in der braunen Erde sich regendes Leben – zwar noch schlafend, aber bald erwachend. Und auf welche schreckliche Weise?

Durch dichtes, hohes Schilf gelangte er an einen stillen, tiefen See, der Dagon-See genannt wurde. Nicht die kleinste Welle kräuselte die Oberfläche des kalten, blauen Wassers und zeugte von der Existenz des schrecklichen Ungeheuers, das der Legende nach darin hausen sollte. Bran spähte aufmerksam um sich. Er sah kein Anzeichen von Leben – weder von menschlichem noch von unmenschlichem. Er horchte auf die Instinkte seiner wilden Seele, die ihm verraten sollten, falls unsichtbare Augen ihren Blick auf ihn gerichtet hatten, aber erhielt keine Antwort. Er war so allein, als wäre er der letzte Mensch auf Erden.

Rasch wickelte er den Schwarzen Stein aus, und als er ihn in der Hand hielt, trachtete er weder danach, das Geheimnis des Materials zu ergründen, noch die seltsamen Schriftzeichen darauf zu studieren. Er wog ihn prüfend in den Händen, schätzte die Entfernung ab und schleuderte ihn weit hinaus, so daß er fast in der Mitte des Sees landete. Ein Aufspritzen, und dann schlossen sich die Wasser darüber. Einige Augenblicke lang blitzte es wellenförmig auf der Oberfläche auf, dann lag sie wieder still und unberührt da.

*

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DIE WER-FRAU FUHR HERUM, als Bran sich ihrer Tür näherte. Ihre schräggestellten Augen weiteten sich.

„Du! Und am Leben! Und bei klarem Verstand!“

„Ich war in der Hölle, und ich bin zurückgekehrt“, grollte er. „Und was wichtiger ist – ich habe das, wonach ich gesucht.“

„Den Schwarzen Stein?“ rief sie. „Du hast wirklich gewagt, ihn zu stehlen? Wo ist er?“

„Das spielt keine Rolle. Aber in der vergangenen Nacht schrie mein Hengst im Stall, und ich hörte etwas unter seinen schlagenden Hufen knirschen, und es war nicht die Wand des Stalles. Und als ich nachsah, fand ich Blut an seinen Hufen und am Boden. Und ich habe verstohlene Schritte in der Nacht gehört und Geräusche unter dem Erdboden der Hütte, als grüben Würmer tief in der Erde. Sie wissen, daß ich den Stein gestohlen habe. Hast du mich verraten?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich habe dein Geheimnis bewahrt. Sie bedürfen nicht meines Wortes, um dich zu kennen. Je weiter sie sich von der Welt der Menschen entfernt haben, desto größer sind ihre Kräfte auf anderen, unheimlichen Gebieten geworden. Eines Morgens wird deine Hütte leerstehen, und falls es jemand wagen sollte, nachzusehen, wird er nichts finden außer Erdklumpen auf dem Boden.“

Bran lächelte grimmig.

„Ich habe nicht geplant und geschuftet, um jetzt den Klauen des Ungeziefers zum Opfer zu fallen. Sollten Sie mich des Nachts töten, so werden Sie nie erfahren, was aus ihrem Idol – oder was immer es sein mag – geworden ist. Ich möchte mit Ihnen sprechen.“

„Wagst du es, mir zu folgen und ihnen in der Nacht gegenüberzutreten?“ fragte sie.

„Beim Donner der Götter!“ knurrte er. „Wer bist du, mich zu fragen, was ich wage? Führe mich zu Ihnen und laß mich heute nacht mit Ihnen über meine Rache verhandeln. Die Stunde der Vergeltung nähert sich. Ich sah heute silbrige Helme und glänzende Schilde jenseits der Sümpfe blitzen. Der neue Kommandant ist am Turm eingetroffen, und Caius Camillus befindet sich auf dem Marsch zum Limes.“

In jener Nacht ging der König mit der Wer-Frau über die düstere Einöde der Moore. Die Nacht war dicht und reglos. Die Sterne blinkten undeutlich, rote Punkte nur, die kaum die unbewegte Dunkelheit durchdrangen. Ihr Glanz war schwächer als das Glitzern in den Augen der Frau, die neben dem König einherglitt. Sonderbare Gedanken überfluteten Bran – undeutliche, ursprüngliche Gedanken. Heute nacht rührten sich uralte Erinnerungen an diese schlummernden Sümpfe in seiner Seele und beschworen die Träume verschleierter Äonen herauf. Das ungeheure Alter seiner Rasse lastete auf ihm. Wo er nun einherging, hatten dunkeläugige Könige in den frühen Zeiten geherrscht, deren Aussehen er geerbt hatte. Verglichen mit seinem Volk, waren die keltischen und römischen Eroberer Fremde auf dieser uralten Insel. Dabei war sein Volk ebenfalls als Eroberer gekommen, war auf eine noch ältere Rasse gestoßen, deren Ursprung sich im Vergessen verlor.

Vor ihnen erstreckte sich eine niedrige Hügelkette, die östlichsten Ausläufer des Hügellands, das weit im Westen zu den Bergen von Wales emporkletterte. Die Frau folgte einem Weg, der ein Hirtenpfad sein mochte, und hielt vor einer schwarzen, gähnenden Höhle an.

„Ein Tor zu jenen, die du suchst, o König!“ Ihr Lachen klang voll Haß in der Dunkelheit. „Wagst du einzutreten?“

Seine Finger krallten sich in ihre wirren Locken, und er schüttelte sie heftig.

„Frag mich noch einmal, ob ich etwas wage“, knirschte er, „und du stirbst! Geh weiter.“

Ihr Lachen war wie tödliches Gift. Sie betraten die Höhle, und Bran schlug Stahl gegen Stein. Im Aufflammen des Zunders erkannte er eine geräumige, staubige Höhle, an deren Dach Fledermäuse in Trauben hingen. Er entzündete eine Fackel, hob sie hoch und leuchtete die Nischen aus. Aber er gewahrte nichts als Staub und Leere.

„Wo sind Sie?“ grollte er.

Sie winkte ihn an die Rückwand der Höhle und lehnte sich wie zufällig gegen einen rauhen Stein. Doch die scharfen Augen des Königs bemerkten die Bewegung ihrer Hand, als sie fest gegen einen Felsvorsprung drückte. Er fuhr zurück, als sich zu seinen Füßen plötzlich ein schwarzer Schacht öffnete. Ihr Lachen durchfuhr ihn wie ein scharfes Messer. Er hielt die Fackel an die Öffnung und sah wieder kleine Stufen, die hinabführten.

„Sie benötigen diese Stufen nicht länger“, sagte Atla. „Früher war es anders – bevor dein Volk sie in die Finsternis trieb. Aber du wirst sie brauchen.“

Sie rammte die Fackel in eine Felsspalte über dem Schacht, so daß sie ihren roten Stein in die Dunkelheit sandte. Atla machte eine auffordernde Handbewegung, und Bran lockerte sein Schwert und stieg in den Schacht ein. Als er einige Stufen hinabgestiegen war, verfinsterte sich der Eingang über ihm, und einen Augenblick lang glaubte er, Atla habe die Öffnung wieder verschlossen. Dann merkte er, daß sie ihm gefolgt war.

Der Abstieg dauerte nicht lange. Unerwartet spürte Bran festen Boden unter den Füßen. Atla trat neben ihn in den schwachen Lichtkreis. Bran vermochte die Größe des Platzes nicht abzuschätzen, in den sie gelangt waren.

„Viele Höhlen in diesen Hügeln stellen nur Eingänge zu größeren Höhlen dar, die darunter liegen“, sagte Atla, und ihre Stimme klang verloren und eigenartig spröde in der unbekannten Weite. „Und kein Mensch ahnt, was sich dahinter und unterhalb befindet.“

Plötzlich stellte Bran fest, daß sich in der Finsternis etwas rührte. Verstohlene Schritte drangen an sein Ohr, aber es waren nicht Geräusche, wie sie ein menschlicher Fuß verursacht. Plötzlich begannen in der Dunkelheit Funken wie Glühwürmchen aufzuleuchten und zu schweben. Sie kamen näher, bis sie ihn in Form eines großen Halbkreises umgaben. Und hinter dem ersten Ring glommen weitere Funken, bildeten förmlich ein Meer, das sich in der Entfernung verlor. Und Bran wußte, daß dies die schräggestellten Augen der Lebewesen waren, die in solcher Anzahl gekommen waren, daß ihn schwindelte.

Nun, da er seinem alten Feind gegenüberstand, fühlte Bran die Wellen schrecklicher Drohung, die von ihnen ausgingen, den grausigen Haß, die unmenschliche Bedrohung von Körper, Geist und Seele. Er war sich seiner schrecklichen Lage bewußt, aber er fürchtete sich nicht, obwohl er die Verkörperung der entsetzlichsten Dinge aus den Träumen und Legenden seiner Rasse vor sich hatte. Sein Blut raste durch die Adern, jedoch nicht getrieben von Panik, sondern von Erregung.

„Sie wissen, daß du den Stein hast, o König“, sagte Atla, und obwohl er wußte, daß sie Angst hatte, obwohl er ihre Anstrengungen fühlte, das Zittern ihrer Glieder zu beherrschen, bebte ihre Stimme nicht vor Furcht. „Du befindest dich in tödlicher Gefahr. Sie kennen dich von alters her – oh, sie erinnern sich an die Tage, da ihre Vorfahren Menschen waren! Ich kann dich nicht retten. Wir beide werden sterben, wie kein Mensch seit Jahrhunderten gestorben ist. Sprich zu ihnen, wenn du willst; sie verstehen deine Sprache, auch wenn du sie nicht verstehen wirst. Aber es ist zwecklos. Du bist ein Mensch – und ein Pikte.“

Bran lachte, und der sich verengende Ring von Feuerpünktchen wich vor der Wildheit des Gelächters zurück. Mit dem durchdringenden Geräusch, das Stahl gegen Metall verursacht, zog er sein Schwert und stellte sich mit dem Rücken gegen die Felswand. Mit dem Schwert in der Rechten und dem Dolch in der Linken stand er den glitzernden Augen gegenüber und knurrte wie ein blutdürstiger Wolf.

„Aye“, grollte er, „ich bin ein Pikte, ein Abkomme jener Krieger, die eure tierischen Vorfahren wie Spreu im Wind vor sich her trieben, die das Land mit eurem Blut tränkten und eure Schädel anhäuften zu Ehren der Mondfrau! Ihr, die ihr stets vor meinem Volk geflohen seid, wagt ihr jetzt, euren Herrn anzuknurren? Überschwemmt mich wie die Flut, wenn ihr es wagt! Ehe eure Giftzähne in meinen Körper schlagen, werde ich eure Horden wie Korn niedermähen. Hunde der Finsternis, Ungeziefer der Hölle, Würmer der Erde, kommt heran und schmeckt meinen Stahl! Wenn der Tod mich in dieser dunklen Höhle findet, wird der Schwarze Stein euch für immer verloren sein, denn nur ich weiß, wo er versteckt ist, und nicht alle Martern der Hölle vermögen mir das Geheimnis von den Lippen abzuringen!“

Eine angespannte Stille entstand. Bran starrte auf das Meer von Lichtpunkten und wartete wie ein gestellter Wolf auf den Angriff. An seiner Seite kauerte die Frau mit glühenden Augen. Da erhob sich in der Dunkelheit jenseits des schwachen Lichtes der Fackel ein mißtönendes Gemurmel. Bran fuhr zusammen. Ihr Götter! War das die Sprache von Lebewesen, die einst Menschen genannt wurden?

Atla richtete sich auf und lauschte angestrengt. Dann drangen zwischen ihren Lippen dieselben abscheulichen Zischlaute hervor, und obwohl Bran das grausige Geheimnis ihrer Abstammung gekannt hatte, wußte er, daß er sie in Zukunft höchstens mit tiefen Abscheu würde berühren können.

Sie wandte sich ihm zu, und ein seltsames Lächeln umspielte ihre roten Lippen.

„Sie fürchten dich, o König! Bei den schwarzen Geheimnissen von R’lyeh! Wer bist du, daß selbst die Hölle vor dir zittert? Nicht dein Stahl, sondern die unermeßliche Wildheit deiner Seele hat ihre fremdartigen Geister mit ungewohnter Furcht erfüllt. Sie wollen den Schwarzen Stein zu jedem Preis zurückkaufen.“

„Gut.“ Bran schob seine Waffen in den Gürtel. „Sie sollen versprechen, dir wegen der mir geleisteten Hilfe keinen Schaden zuzufügen. Und“ – seine Stimme klang wie das Schnurren eines jagenden Tigers – „Sie sollen mir Titus Sulla, den Befehlshaber von Eboracum, ausliefern, der sich jetzt in Trajans Turm aufhält. Das vermögen sie zu tun – wie, weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß in den alten Tagen, als meine Vorfahren mit diesen Kindern der Nacht Krieg führten, Säuglinge aus bewachten Hütten verschwanden und niemand die Räuber kommen oder gehen sah. Verstehen Sie mich?“

Wiederum ertönte das Gezischel, und Bran schauderte beim Klang ihrer Sprache.

„Sie verstehen“, sagte Atla. „Bring morgen nachts den Schwarzen Stein zu Dagons Ring, wenn das Land in die Dunkelheit gehüllt ist, die der Dämmerung vorangeht. Lege den Stein auf den Altar. Dorthin werden Sie dir Titus Sulla bringen. Vertraue Ihnen; Sie haben sich seit vielen Jahrhunderten nicht in die Angelegenheiten der Menschen gemischt, aber Sie werden ihr Wort halten.“

Bran nickte, wandte sich um und kletterte, gefolgt von Atla, die Stufen hinan. Oben angekommen, warf er noch einen Blick hinunter. So weit sein Auge reichte, sah er ein wogendes Meer von gelbblitzenden Augenpaaren, die zu ihm emporstarrten. Aber die Träger jener Augen hielten sich sorgfältig außerhalb des Lichtkreises, den die Fackel warf, und ihre Körper vermochte er nicht auszumachen. Ihre leise zischenden Stimmen wogten zu ihm herauf, und er schauderte, als ihm seine Phantasie nicht das Bild einer Menge von Zweibeinern vorspiegelte, sondern Myriaden von sich wiegenden Schlangen, die ihn mit starren, glitzernden Augen beobachteten.

Er betrat die obere Höhle, und Atla stieß den Verschlußstein auf seinen Platz zurück. Er paßte so genau in die Öffnung des Schachtes, daß Bran in dem anscheinend soliden Boden der Höhle keine Ritze sehen konnte. Atla machte Anstalten, die Fackel auszulöschen, aber der König hinderte sie daran.

„Warte, bis wir die Höhle verlassen haben“, brummte er. „Wir könnten in der Dunkelheit auf eine Natter treten.“

*

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NICHT LANGE VOR SONNENUNTERGANG gelangte Bran wieder an das schilfbewachsene Ufer des Dagon-Sees. Er legte Umhang und Schwertgürtel ab und zog seine kurzen, ledernen Hosen aus. Dann tauchte er mit dem nackten Dolch zwischen den Zähnen mit der Eleganz eines Seeotters ins Wasser. Mit kräftigen Schwimmzügen erreichte er die Mitte des kleinen Sees, holte tief Luft und tauchte.

Der See war tiefer, als er angenommen hatte. Es schien, als würde er nie den Grund erreichen, und als er es endlich tat, fanden seine tastenden Hände nichts. Ein Brausen in den Ohren warnte ihn, und er tauchte auf.

Nach einigen tiefen Atemzügen schwamm er wieder hinab, und wieder war seine Suche vergebens. Als er zum dritten Mal die Tiefe aufsuchte, stieß er im Schlamm des Grundes auf einen bekannten Gegenstand. Er packte ihn und tauchte auf.

Der Stein war nicht besonders groß, aber schwer. Er schwamm gemächlich, und plötzlich wurde er einer Unruhe im Wasser gewahr, die nicht von seinen Bewegungen hervorgerufen wurde. Er steckte den Kopf unter die Oberfläche und versuchte, die blauen Tiefen mit seinen Blicken zu durchdringen. Da glaubte er, einen undeutlichen, riesigen Schatten wahrzunehmen.

Er schwamm rascher. Seine Füße stießen auf Grund, und er watete an Land. Als er sich umblickte, sah er, wie das Wasser aufbrauste und sich dann wieder beruhigte. Fluchend schüttelte er den Kopf. Er hatte der alten Legende, derzufolge im Dagon-See ein Wasserungeheuer hausen sollte, keine Bedeutung zugemessen, hatte nun jedoch das Gefühl, nur knapp davongekommen zu sein. Die uralten Mythen des Landes gelangten vor seinen Augen zum Leben. Bran hatte keine Ahnung, was für ein Ungeheuer unter der Oberfläche des trügerischen Sees lauerte, aber er verstand jetzt, daß die Sumpfleute das Gewässer mieden.

Bran kleidete sich an, bestieg den schwarzen Hengst und ritt im Abendrot über das Marschland. Den Schwarzen Stein hatte er in den Umhang gehüllt. Er ritt nicht auf seine Hütte zu, sondern westwärts in Richtung des Turmes und des Dagon-Ringes. Als er einige Meilen zurückgelegt hatte, kamen die roten Sterne zum Vorschein. Die Mitternacht zog vorbei, und weiter ritt Bran in der mondlosen Nacht. Sein Herz brannte bei dem Gedanken, Titus Sulla zu treffen. Atla konnte es kaum erwarten, den Römer unter Martern sich winden zu sehen, aber der Pikte hegte keinerlei solche Absichten. Der Legat sollte sich mit der Waffe in der Hand verteidigen können. Mit Brans eigenem Schwert würde er dem Dolch des Piktenkönigs gegenüberstehen und entsprechend seiner Tapferkeit leben oder sterben. Aber obwohl Sulla in der Provinz als guter Schwertkämpfer bekannt war, zweifelte Bran nicht am Ausgang des Kampfes.

Der Dagon-Ring lag in einiger Entfernung von Trajans Turm. Er bestand aus einem Kreis hoher, aufrechter Steine mit einem grob behauenen Steinaltar in der Mitte. Die Römer betrachteten diese Menhire mit Abneigung. Sie nahmen an, die Druiden hätten sie errichtet, die Kelten ihrerseits vermuteten dasselbe von Brans Volk, den Pikten. Bran jedoch wußte sehr genau, wessen Hände vor langen Zeitaltern jene grimmen Monolithe aufgestellt hatten. Ihren Zweck vermochte er kaum zu erraten.

Der König ritt nicht geradewegs zum Ring. Ihn plagte die Neugier, auch welche Weise seine grausigen Verbündeten ihr Versprechen einlösen würden. Daß Sie imstande waren, Titus Sulla aus der Mitte seiner Männer zu entführen, dessen glaubte er sicher zu sein, und er glaubte auch zu wissen, wie Sie ans Werk gehen würden. Ihn beunruhigte die nagende Vorahnung, sich mit Mächten unbekannter Stärke eingelassen und Kräfte entfesselt zu haben, die er nicht kontrollieren konnte. Jedesmal, wenn er sich an das reptilartige Gezischel, an die schrägliegenden Augen erinnerte, überlief ihn ein kalter Schauer. Sie waren erschreckend genug anzusehen gewesen, als sein Volk Sie vor langer Zeit in die Höhlen unter den Hügeln getrieben hatte. Was mochten lange Jahrhunderte der Entartung aus Ihnen gemacht haben? Hatten Sie während ihres unterirdischen Lebens überhaupt irgendwelche menschliche Eigenschaften bewahrt?

Etwas drängte ihn, zum Turm zu reiten. Er wußte, daß er sich bereits in der Nähe befand. Trotz der dichten Dunkelheit müßte er ihn eigentlich bereits sehen. Eine undeutliche Vorahnung befiel ihn, und er spornte den Hengst zu einer schnelleren Gangart.

Plötzlich taumelte Bran im Sattel wie unter einem Schlag, so überraschend war der Anblick, der sich ihm bot. Der uneinnehmbare Turm des Trajan stand nicht länger! Brans erstaunter Blick ruhte auf einem gigantischen Ruinenhaufen, auf zerschmetterten Steinen und Granittrümmern, zwischen denen die zersplitterten Enden zerbrochener Balken hervorragten.

Bran stieg ab und ging verwirrt zu Fuß weiter. Der Graben war teilweise mit Steinen und Mauerwerk gefüllt. Er überquerte ihn und gelangte zwischen die Ruinen. Wo nur wenige Stunden zuvor die Steinplatten unter dem kriegerischen Schritt eisenbeschuhter Füße gedröhnt und die Mauern vom Klang der Schilde und der Trompeten widergehallt hatten, herrschte nun schreckliche Stille.

Vor Bran krümmte sich eine zerschmetterte Gestalt und stöhnte. Der König beugte sich zu dem Legionär hinab, der in seinem Blut lag. Mit einem Blick erkannte der Pikte, daß der Mann starb.

Bran hob den Kopf hoch und setzte dem Mann seinen Wasserbeutel an die Lippen. Der Römer trank tief, die Flüssigkeit durch zersplitterte Zähne einsaugend. Im schwachen Licht der Sterne sah Bran, wie er die Augen öffnete.

„Die Mauern fielen“, murmelte der Sterbende. „Sie krachten herab wie der Himmel am Tage des Weltuntergangs. Bei Jupiter! Es regnete Granitsplitter und Hagel von Marmor!“

„Ich habe kein Erdbeben verspürt“, sagte Bran verwundert.

„Es war kein Erdbeben“, keuchte der Römer. „Es begann vor dem letzten Morgengrauen – ein schwaches, undeutliches Kratzen und Schaben tief in der Erde. Wir von der Wache vernahmen es. Es klang, als grüben Ratten oder als höhlten Würmer die Erde aus. Titus lachte uns aus, aber wir hörten es den ganzen Tag. Um Mitternacht zitterte der Turm und schien sich zu senken, als würde man die Fundamente abgraben ...“

Ein Schauder überlief Bran Mak Morn. Die Würmer der Erde! Tausende des Gewürms gruben wie Maulwürfe tief unter der Festung, nagten an den Fundamenten. – Bei den Göttern! Dieses Land mußte von Tunneln und Höhlen förmlich durchsetzt sein. Diese Geschöpfe waren noch weniger menschlich, als er gedacht hatte! Welche grausigen Gestalten der Finsternis hatte er zu seiner Hilfe gerufen?

„Was geschah mit Titus Sulla?“ fragte er und ließ den Legionär nochmals trinken. In diesem Augenblick erschien ihm der sterbende Römer fast wie ein Bruder.

„Als der Turm bebte, vernahmen wir aus dem Gemach des Legaten einen fürchterlichen Schrei“, antwortete der Soldat. „Wir stürzten hin, und während wir die Tür aufbrachen, horten wir seine Schreie. Und sie schienen in die Tiefen der Erde zu entschwinden! Wir stürzten hinein – das Gemach war leer. Sein blutbeflecktes Schwert lag auf dem Boden, und in den Steinplatten gähnte ein schwarzes Loch. Dann schwankten die ... Türme, das Dach stürzte herab ... ich ... kroch ... durch ...“

Ein Krampf schüttelte die zerschmetterte Gestalt.

„Leg mich hin“, flüsterte der Römer. „Ich sterbe.“

Er hatte aufgehört, noch ehe ihm Bran seinen Wunsch erfüllen konnte. Der Pikte erhob sich und eilte vondannen. Und als er über die dunklen Moore galoppierte, erschien ihm das Gewicht des verfluchten Schwarzen Steines unter dem Mantel wie das Gewicht des Alpdrucks auf der Brust eines Sterblichen.

Als er sich dem Ring näherte, sah er, wie er von innen her geisterhaft glühte, so daß die schlanken Steine wie ein Gerippe wirkten, in dem ein Hexenfeuer brennt. Der Hengst schnaubte und stieg, als Bran ihn an einen der Menhire band. Mit dem Stein im Mantel betrat er den unheimlichen Ring und sah Atla neben dem Altar stehen. Sie hatte die Hände in die Hüften gestützt, und ihr geschmeidiger Körper pendelte wie der einer Schlange. Der gesamte Altar glühte in gespenstischem Licht, und Bran wußte, daß ihn jemand – wahrscheinlich Atla – mit Phosphor beschmiert hatte.

Er trat vor, riß den Umhang vom Stein und schleuderte das verfluchte Ding auf den Altar.

„Ich habe meinen Teil des Abkommens eingehalten“, knurrte er.

„Und Sie den ihren“, gab sie zurück. „Sieh! Sie kommen!“

Er wirbelte herum, und seine Hand griff gewohnheitsgemäß nach dem Knauf des Schwertes. Außerhalb des Ringes schrie der mächtige Hengst entsetzt und riß an den Zügeln. Der Nachtwind winselte durch das wogende Gras. Leises Zischen wurde vernehmbar. Eine Flut schwarzer Schatten ergoß sich zwischen die Menhire. Der Ring füllte sich mit glitzernden Augen, die jenseits des schwachen Lichtkreises vom phosphoreszierenden Altar her schwebten. Irgendwo in der Dunkelheit kicherte und stammelte eine menschliche Stimme. Bran erstarrte von Schrecken erfüllt.

Er strengte die Augen an und versuchte die Gestalten derjenigen auszumachen, die ihn umringten. Aber er vermochte nur wogende Schattenmassen auszumachen, die sich wie eine zähe Flüssigkeit hoben und senkten, sich wanden und krümmten.

„Sie sollen ihr Versprechen einlösen!“ rief er zornig.

„Dann sieh, o König!“ rief Atla mit durchdringendem Spott in der Stimme.

In den sich windenden Schatten entstand eine Störung, eine Unruhe, und aus der Dunkelheit kroch wie ein vierbeiniges Tier eine menschliche Gestalt, die zu Brans Füßen auf den Bauch fiel, sich wand und stöhnte, den totenähnlichen Schädel hob und wie ein sterbender Hund heulte. In dem geisterhaften Licht sah Bran entsetzt die starrenden, glasigen Augen, die blutleeren Gesichtszüge, die schlaffen, schaumbedeckten Lippen des nackten Wahnsinns. Bei den Göttern, war dies Titus Sulla, der stolze Herr über Leben und Tod in Eboracum?

Bran zog sein Schwert.

„Ich gedachte diesen Streich aus Rache zu führen“, sagte er düster. „Ich führe ihn aus Erbarmen. Vale Cäsar!“

Die Klinge blitzte in dem gespenstischen Licht, und Sullas Kopf rollte zum Sockel des glühenden Altars, wo er, gen Himmel starrend, liegenblieb.

„Sie haben ihm nichts getan!“ Atlas verhaßtes Gelächter durchdrang die Stille. „Das, was er sah und erfuhr, zerbrach seinen Geist! Wie auch alle anderen seiner Rasse wußte er nichts von den Geheimnissen des uralten Landes. In dieser Nacht ist er durch die tiefsten Abgründe der Hölle geschleppt worden, wo selbst du erbleicht wärest!“

„Es ist gut für die Römer, nicht die Geheimnisse dieses verfluchten Landes zu kennen!“ brüllte Bran wütend. „Mit seinen Ungeheuern in den Seen, seinen verruchten Hexen und seinen Höhlen und unterirdischen Gängen, wo die Finsternis Gestalten aus der Hölle gebiert!“

„Sind Sie widerwärtiger als ein Sterblicher, der ihre Hilfe sucht?“ fragte Atla mit Hohngelächter. „Gib ihnen ihren Schwarzen Stein!“

Ein unvorstellbarer Ekel füllte Brans Seele mit roter Wut.

„Ave, nehmt euren verfluchten Stein!“ brüllte er, riß ihn vom Altar und warf ihn mit solcher Gewalt unter die Schatten, daß unter seinem Aufprall Knochen splitterten. Ein brausendes Zischen erhob sich, und die Schatten wogten in Aufruhr. Eine Teilgestalt löste sich einen Augenblick lang aus der Masse, und Bran schrie auf vor Abscheu, obwohl er das Ding nur flüchtig hatte sehen können, nur kurz einen breiten, seltsam platten Kopf, schlaff hängende Lippen mit spitzen, gebogenen Fängen darunter, einen schrecklich mißgestalten, fleckigen Körper und über allem reglose Reptilaugen erkannt hatte. Ihr Götter! Die Mythen hatten ihn auf Horror in Menschengestalt mit tierhaften Gesichtern und mißgebildeten Körpern vorbereitet, aber das hier war ein Horror des Alptraums und der Nacht.

„Kehrt in die Hölle zurück und nehmt euer Idol mit euch“, schrie er und schüttelte seine geballten Fäuste gegen den Himmel, als, sich die massiven Schatten zurückzogen und wie faule Wasser bei Ebbe wichen. „Eure Vorfahren waren Menschen, wenn auch fremdartig und ungestalt. Aber bei den Göttern, ihr seid in der Tat das geworden, was euch mein Volk im Hohn nannte!

Würmer der Erde, zurück in eure Löcher und Gänge! Ihr verpestet die Luft und beschmiert die reine Erde mit dem Schleim der Schlangen, die ihr geworden seid! Gonar hatte recht: Es gibt Geschöpfe, die sind zu widerlich, um selbst gegen Rom verwendet zu werden!“

Er rannte aus dem Ring, so wie ein Mann vor der Berührung einer sich ringelnden Schlange flieht, und riß den Hengst los. Neben ihm kreischte Atla in fürchterlichem Gelächter. Alles Menschliche schien wie ein Mantel von ihr abgefallen zu sein.

„König des Piktenlandes!“ rief sie. „König von Narren! Erbleichst du vor so einer Kleinigkeit? Bleib stehen, und ich zeige dir echte Früchte aus den Schlünden der Hölle! Ha-ha-ha! Renn, du Narr! Renn! Aber der Makel haftet an dir. Du hast sie gerufen, und sie werden es nicht vergessen! Und das nächste Mal kommen sie aus eigenem Antrieb zu dir!“

Er fluchte wild und versetzte ihr einen harten Schlag auf den Mund. Sie taumelte, und Blut rann von ihren Lippen, aber ihr dämonisches Gelächter wurde nur lauter.

Bran sprang in den Sattel, verrückt nach der reinen Heide und den kalten, blauen Hügeln des Nordens, wo er ehrlich sein Schwert schwingen, seine befleckte Seele mit roter Kampfeslust füllen und die Schrecken vergessen konnte, die unter den Sümpfen des Westens lauerten. Er gab dem zitternden Tier die Sporen und jagte wie besessen durch die Nacht davon, bis das höllische Gelächter der heulenden Wer-Frau in der Finsternis verklang.

ENDE

Schritte in der Gruft

Die Abenteuer des Solomon Kane

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ROBERT E. HOWARD, AUTOR der weltbekannten CONAN-Serie, hatte schon in frühester Jugend ein besonderes Interesse für Mythen, barbarische Völker, versunkene Kulturen und dunkle Geheimnisse entwickelt. Diesem Interesse verdanken wir auch die Figur des Solomon Kane, Howards ersten Fantasy-Helden.

Solomon Kane, ein Puritaner der elisabethanischen Zeit, ist ein glühender Verfechter der Gerechtigkeit. Auf Suche nach Abenteuern zieht er durch die Welt. Mit seinem Degen, den er meisterhaft zu führen versteht, rächt er begangenes Unrecht und bekämpft das Böse, wo immer er es findet.

Dieser Band enthält sechs Solomon Kane Abenteuer, die Europa und Afrika zum Schauplatz haben. Es sind die Stories:

AUF DEM PFAD DER RACHE

DAS SKELETT DES MAGIERS

DER MOORGEIST

SCHATTEN DES TODES

DER RUF DES DSCHUNGELS

SCHRITTE IN DER GRUFT

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Copyright

EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author  / Titelbild  Elena Schweitzer 123/RF, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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INHALT

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Auf dem Pfad der Rache

Das Skelett des Magiers

Der Moorgeist

Schatten des Todes

Der Ruf des Dschungels

Schritte in der Gruft

Aus dem Amerikanischen übertragen

von Eduard Lukschandl

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Auf dem Pfad der Rache

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Die Klingen klirrten gegeneinander. Funken sprühten.

Zwei Augenpaare belauerten einander mit wilden Blicken: Das eine Paar war schwarz, das andere blau. Die Kämpfer keuchten, ihre Füße scharrten auf dem Boden, als sie vorgingen und zurückwichen.

Der Schwarzäugige machte eine Finte und stieß dann mit der Geschwindigkeit einer Natter zu. Der Blauäugige parierte mit einer halbkreisförmigen Bewegung seiner sehnigen Hand, und seine Riposte kam wie der Blitz eines Sommergewitters.

»Haltet ein, Gentlemen!«

Ein beleibter Mann trennte die Degen der beiden Kämpfer mit seinem juwelenbesetzten Rapier. In der anderen Hand hielt er einen dreieckigen Hut.

»Haltet ein! Die Sache ist entschieden und die Ehre wieder hergestellt! Sir George ist verletzt!«

Der schwarzäugige Mann versteckte den linken Arm, der blutete, hinter dem Rücken.

»Tretet beiseite!« rief er zornig. »Es ist nur ein Kratzer! Nichts ist entschieden! Das hat keine Bedeutung. Hier geht es bis zum Tod!«

»Aye, geht zur Seite, Sir Rupert«, sagte der andere ruhig, aber seine blauen Augen blitzten wie Stahl. »Diese Sache kann nur durch den Tod eines von uns entschieden werden!«

»Steckt die Waffen weg, ihr jungen Kampfhähne!« verlangte Sir Rupert. »Ich befehle es als Richter! Herr Doktor, wollt ihr bitte nach Sir Georges Wunde sehen. Jack Hollinster, steckt Eure Klinge in die Scheide! In meinem Distrikt dulde ich keinen Mord, solange mein Name Rupert d’Arcy ist.«

Der junge Hollinster sagte nichts und folgte auch nicht der Aufforderung des cholerischen Richters, aber er senkte seine Waffe, stand schweigend da und bedachte die Gesellschaft mit Blicken unter gerunzelten Augenbrauen.

Sir George zögerte, aber als einer seiner Sekundanten ihm eindringlich etwas ins Ohr flüsterte, gab er zögernd nach, überreichte dem Sprecher seinen Degen und ließ den Arzt seine Wunde behandeln.

Die trostlose Umgebung paßte zu dem Geschehen. Das Land war eben und nur stellenweise mit dürrem Gras bewachsen und ging in einen weißen Sandstrand über, auf dem Treibholz lag. Dahinter hob und senkte sich grau und ruhelos die See. Das einzige Zeichen von Leben auf den wie tot wirkenden Wassern war ein einzelnes Segel in großer Entfernung. Landeinwärts erhoben sich die schäbigen Hütten einer kleinen Ortschaft auf der anderen Seite eines öden Moores, das in Strandnähe begann.

In dieser unfreundlichen Landschaft bildete die farbige Gruppe am Strand einen eigenartigen Kontrast. Die bleiche Herbstsonne spiegelte sich in den glänzenden Klingen, den mit Edelsteinen verzierten Griffen, den Silberknöpfen der Mäntel einiger Männer und den Goldverzierungen an Sir Ruperts dreieckigem Hut.

Sir Georges Sekundanten halfen diesem in den Rock und Hollinsters Sekundant, ein kräftiger junger Man in schlichter Kleidung, forderte ihn auf, sich ebenfall anzuziehen. Aber Jack schob ihn beiseite. Plötzlich sprang er mit dem blanken Degen in der Hand zwei Schritte vor und rief mit erregter Stimme: »Sir George Banway, nehmt Euch in acht! Ein Kratzer am Arm löscht noch lange nicht die Beleidigung aus, von der Ihr wohl wißt! Wenn sich unsere Wege das nächste Mal kreuzen, wird kein Richter da sein, Eure räudige Haut zu retten!«

Mit einem wilden Fluch wirbelte der Angesprochene herum, und Sir Rupert sprang brüllend dazwischen: »Mein Herr, wie könnt Ihr es wagen ...«

Hollinster schnitt eine Grimasse, wandte sich um, schob mit einer wilden Bewegung den Degen in die Scheide und ging von dannen. Sir George machte Anstalten, ihm zu folgen, aber sein Freund flüsterte ihm wiederum etwas ins Ohr und machte eine Armbewegung gegen das Meer hin. Banways Blick richtete sich auf das einsame Segel, das so aussah, als wäre es gegen den Himmel gemalt, und er nickte grimmig.

*

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HOLLINSTER SCHRITT schweigend den Strand entlang. Seinen Hut hielt er in der Hand, seinen Überrock trug er über den Arm geworfen. Der kühle Wind spielte in seinen schweißverklebten Locken, vermochte jedoch nicht, seine aufgewühlten Gedanken zu beruhigen. Handel, sein Sekundant, folgte ihm schweigend. Nach einiger Zeit wurde die Umgebung wilder und zerklüfteter. Moosbewachsene Felsen standen dicht am Strand.

Weiter draußen war ein gefährliches Riff.

Jack Hollinster hielt an, wandte sein Gesicht der See zu und begann aus vollem Herzen zu fluchen. Der beeindruckte Zeuge dieses Monologs erfuhr, daß er, Hollinster, es aus tiefster Seele bedauerte, nicht seinen Degen bis an den Griff in das schwarze Herz George Banways, dieses verdammten Schuftes, versenkt zu haben.

»Und jetzt«, knurrte er, »sieht es so aus, daß der Kerl mir nie wieder in ehrlichem Zweikampf gegenüberstehen wird, nun, da er meinen Stahl gekostet hat. Aber bei Gott ...«

»Beruhige dich, Jack«, mahnte Handel. Er war Hollinsters bester Freund, aber er verstand nicht, daß Hollinster in solche Wut verfallen konnte. »Du hast es ihm gegeben. Du hast ehrlich gesiegt. Letzten Endes kannst du einen Mann kaum dafür töten, was er getan hat.«

»Nicht?« rief Jack wild. »Kann ich einen Mann für diese Beleidigung nicht töten? Nun, vielleicht nicht einen Mann, wohl aber diesen erbärmlichen Schuft von einem Adeligen! Ist dir bewußt, daß er in aller Öffentlichkeit Mary Garvin verleumdete, das Mädchen, das ich liebe?

Daß er in der Schenke ihren Namen in den Schmutz zerrte? Ich ...«

»Das verstehe ich wohl«, seufzte Handel, »habe ich es doch schon oftmals in allen Details gehört. Aber ich weiß auch, daß du ihm einen Becher Wein ins Gesicht geschüttet, ihn auf das Hinterteil geschlagen, seinen Tisch umgestürzt und den Mann obendrein zwei- oder dreimal getreten hast. Glaube mir, Jack, das muß für jeden reichen! Sir George ist von hohem Stand, und du bist nur der Sohn eines Kapitäns im Ruhestand, auch wenn du dich in der Fremde durch Tapferkeit ausgezeichnet hast.

Vergiß nicht, Jack, daß Sir George eigentlich gar nicht gegen dich hätte zu kämpfen brauchen. Er hätte sich auf seinen Stand berufen können und dich von seinen Dienern auspeitschen lassen.«

»Hätte er das getan«, knirschte Hollinster zwischen zusammengebissenen Zähnen, »dann hätte ich ihm eine Pistolenkugel zwischen seine schwarzen Augen gejagt.

Dick, laß mir meine Eigenheiten. Ich weiß, du predigst den rechten Weg – den Pfad der Geduld und der Bescheidenheit. Ich habe aber an Orten gelebt, wo die einzige Hilfe eines Mannes der Degen an seiner Seite war, und ich habe ungestümes Blut geerbt. Und jetzt ist dieses Blut in äußerstem Aufruhr. Er wußte, daß ich Mary liebe, und dennoch saß er da und beleidigte sie in meiner Anwesenheit – aye, mir direkt ins Gesicht mit einem höhnischen Grinsen! Und warum? Weil er Geld hat, Länder, Titel, eine einflußreiche Verwandtschaft und edles Blut. Ich bin ein armer Mann und der Sohn eines armen Mannes und trage mein Vermögen in einer Scheide an meiner Seite. Wären ich oder Mary von edler Abstammung gewesen, dann hätte er uns respektiert und ...«

»Pah!« unterbrach Handel. »Wann hat Sir George Banway jemals etwas respektiert? Er hat seinen üblen Ruf in dieser Gegend wohl verdient. Er respektiert bloß seine eigenen Wünsche und Begierden.«

»Und er stellt Mary nach«, grollte der andere wütend. »Nun, vielleicht wird er sie nehmen wie so manche andere Maid hier, aber zuerst muß er Jack Hollinster töten.

Dick, ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich halte es für besser, wenn du mich ein wenig allein läßt. Im Augenblick gebe ich für niemanden eine gute Gesellschaft ab, und ich benötige die Einsamkeit und den kalten Atem der See, um mein brennendes Blut abzukühlen.«

»Du suchst doch wohl nicht Sir George auf?« fragte Randel zögernd.

Jack machte eine ungeduldige Handbewegung.

»Ich verspreche, den entgegengesetzten Weg einzuschlagen. Sir George hat sich nach Hause begeben, um seinen Kratzer behandeln zu lassen. Er wird sich zwei Wochen nicht blicken lassen.«

»Aber Jack, seine Männer haben einen schlechten Ruf. Ist es ohne Risiko für dich?«

Jack grinste wölfisch.

»Keine Angst; schlägt er auf diese Weise zu, so in der Dunkelheit der Nacht und nicht am hellichten Tag.«

*

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HANDEL GING AUF DAS Dorf zu und schüttelte zweifelnd den Kopf, während Jack seinen Weg entlang des Strandes fortsetzte. Jeder Schritt entfernte ihn weiter von den Behausungen der Menschen und tiefer in die düstere Region wilden Landes und wilden Wassers. Der Wind schnitt wie ein Messer durch seine Kleidung, aber er zog sich nicht den Mantel an. Wie ein Leichentuch lastete der graue Schimmer des Tages über seiner Seele, und er verfluchte das Land und das Klima.

Seine Seele hungerte nach den fernen, warmen Ländern, in denen er gewandert war, aber vor seinem geistigen Auge erschien ein lachendes, mädchenhaftes Gesicht, das von goldenen Locken gekrönt war und in dessen Augen eine Wärme lag, die selbst dieses kahle Land mild und angenehm machte.

Da wurde er in seinen Gedanken durch den Anblick eines anderen Gesichts gestört; es war dunkel und spöttisch, hatte schwarze, grausame Augen, und unter einem schmalen schwarzen Schnurrbart verzog sich bösartig ein grausamer Mund. Jack Hollinster fluchte ausgiebig. Eine tiefe Stimme unterbrach sein Fluchen: »Junger Mann, Eure Worte sind wie der Klang von Posaunen und Becken: voll Aufruhr und Wut, jedoch ohne Bedeutung.«

Jack wirbelte herum und griff an den Degen. Auf einem großen grauen Felsbrocken saß ein Fremdling. Der Mann erhob sich, als Jack sich ihm zuwandte, entfaltete einen weiten, schwarzen Umhang und legte ihn sich über den Arm.

Hollinster betrachtete ihn neugierig. Der Mann würde überall sofort Aufmerksamkeit erregen. Er war um eine gute Handbreit größer als Hollinster, der selbst Leute von durchschnittlicher Größe beträchtlich überragte.

Kein Gramm Fett oder überflüssiges Fleisch hing an den Knochen, und doch wirkte der Mann nicht gebrechlich oder auch nur dünn. Im Gegenteil zeugten seine breiten Schultern, seine mächtige Brust und die langen Gliedmaßen von Kraft, Flinkheit und Ausdauer, verrieten den Fechter ebenso deutlich wie das lange Rapier an seinem Gürtel. Der Mann erinnerte Jack vor allem an die schlanken, grauen Wölfe, denen er auf den sibirischen Steppen begegnet war.

Aber es war das Gesicht, das zuerst die Aufmerksamkeit des jungen Mannes erregte. Es war ziemlich lang, glattrasiert und von einer seltsamen Blässe, die dem Mann mit den eingefallenen Wangen ein fast leichenhaftes Aussehen verlieh – bis man ihm in die Augen sah. Diese leuchteten mit dynamischer Vitalität, jedoch verhalten und eisern beherrscht. Als Jack Hollinster in diese Augen blickte und ihre seltsame Macht verspürte, konnte er nicht ihre Farbe feststellen. Es lag das Grau alten Eisens in ihnen, aber auch die Bläue der tiefsten Tiefen der Nordsee. Darüber befanden sich dichte, schwarze Brauen, und der Gesamteindruck war entschieden mephistophelisch.

Die Kleidung des Fremden war auffallend schlicht.

Keine Feder zierte seinen schwarzen Schlapphut. Von Hals bis Fuß war er in eng anliegende Gewänder in düsteren Farben gehüllt, ohne jeden Schmuck oder Verzierung. Kein Ring schmückte seine kräftigen Finger, kein Edelstein funkelte am Griff seines Rapiers, und die lange Klinge stak in einer einfachen Lederscheide. An den Kleidern waren keine Silberknöpfe und an den Schuhen keine glänzenden Schnallen. Sonderbarerweise wurde die düstere Monotonie seiner Kleidung durch eine breite Schärpe unterbrochen, die auf Zigeunerart um seine Taille geschlungen war. Die Schärpe war aus orientalischer Seide, schimmerte grün, und die Griffe eines Dolches und zweier Pistolen ragten daraus hervor.

Hollinsters Blick wanderte über die sonderbare Erscheinung, und er fragte sich, wie der Mann wohl hierher gekommen sein mochte. Er machte den Eindruck eines Puritaners, aber dennoch war etwas an ihm ...

»Wie seid Ihr hierhergekommen?« fragte Jack geradeaus. »Und wie kommt es, daß ich Euch nicht sah, ehe Ihr mich anspracht?«

»Ich kam wie alle ehrlichen Männer, junger Herr«, gab die tiefe Stimme zur Antwort, als der Sprecher sich wieder in den weiten Umhang hüllte und wieder auf dem Felsblock Platz nahm, »nämlich auf meinen beiden Beinen. Und was die andere Frage betrifft: Derjenige, der so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, daß er den Namen des Herrn unnütz in den Mund nimmt, sieht weder seine Freunde noch seine Feinde.«

»Wer seid Ihr?«

»Mein Name ist Solomon Kane, junger Herr; ein Mann ohne Heimat – einstens aus Devon.«

Jack runzelte die Stirn. Der Puritaner mußte irgendwo irgendwann den unverwechselbaren Dialekt von Devonshire zur Gänze verloren haben. Von der Sprache her mochte er überall in England beheimatet sein – sowohl im Norden wie auch im Süden.

»Ihr seid weit herumgekommen, Sir?«

»Meine Wanderungen haben mich durch viele fremde Länder geführt, junger Mann.«

Da kam Hollinster ein Gedanke, und er betrachtete sein Gegenüber mit erneutem Interesse.

»Wart Ihr nicht eine Zeitlang Hauptmann in der franzosischen Armee, und wart Ihr nicht in ...« Er nannte einen bestimmten Ort.

Kanes Stirn verfinsterte sich.

»Aye. Ich führte einen Haufen gottloser Manner, wie ich zu meiner Schande gestehen muß, wenngleich unsere Sache gerecht war. Bei der Einnahme der Stadt, die Ihr nanntet, wurden unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit viele üble Taten begangen, und mein Herz litt darunter. Nun, seither ist viel Wasser unter der Brücke hindurch geflossen, und ich habe einige der blutigen Erinnerungen im Meer ertränkt ...

Und wenn wir schon vom Meer sprechen, junger Mann; was haltet Ihr von jenem Schiff, das seit der Morgendämmerung des gestrigen Tages dort ankert?«

Ein schlanker Finger wies gegen die offene See, und Jack schüttelte den Kopf.

»Es liegt zu weit draußen. Ich kann es nicht deutlich ausmachen.«

Die düsteren Augen bohrten sich in die seinen, und Hollister zweifelte nicht daran, daß der Blick imstande wäre, die Entfernung zu überwinden und den Namen des Schiffes zu lesen, der auf seinen Bug gemalt war.

Diese seltsamen Augen schienen alles zu vermögen.

»Es ist in der Tat ein wenig zu weit entfernt«, sagte Kane, »aber ich glaube es am Aufbau seiner Masten zu erkennen. Ich würde ganz gern den Herrn des Schiffes treffen.«

Jack schwieg. Es gab keinen Hafen in der Nähe, aber bei ruhigem Wetter mochte ein Schiff leicht weiter herankommen und außerhalb des Riffes ankern. Vielleicht handelte es sich um ein Schmugglerschiff. An dieser abgelegenen Küste, an der man nur selten Zollbeamte sah, herrschte stets ein ziemlich reger, aber ungesetzlicher Handel.

»Habt Ihr je von einem gewissen Jonas Hardraker gehört, den man den Fischadler nennt?«

Hollinster fuhr zusammen. Der gefürchtete Name war an allen Küsten der zivilisierten und an vielen der unzivilisierten Welt bekannt, denn der Besitzer hatte durch berüchtigte Taten dafür gesorgt. Jack versuchte im Gesicht des Fremden zu lesen, aber die düsteren Augen waren undurchdringlich.

»Der blutige Pirat? Nach dem, was ich zuletzt von ihm hörte, soll er in der karibischen See kreuzen.«

Kane nickte.

»Lügen sind rascher als das schnellste Schiff. Der Fischadler kreuzt dort, wo sich sein Schiff befindet, und wo sein Schiff ist, weiß nur sein Meister, der Teufel.«

Er erhob sich und zog den Umhang enger um sich.

»Gott hat mich an viele seltsame Orte geführt und über viele seltsame Pfade«, sagte er düster. »Einige waren gut und viele waren schlecht; manchmal schien ich ohne Ziel und Zweck zu wandern, doch jedesmal, wenn ich tief nachdachte, konnte ich einen Grund dafür erkennen. Hört zu, junger Mann! Abgesehen von den Feuern der Hölle gibt es kein heißeres Feuer als die blaue Flamme der Rache, die Tag und Nacht ohne Unterlaß das Herz eines Mannes verbrennt, bis er sich in Blut ertränkt.

In der Vergangenheit war es oftmals meine Pflicht, verschiedene schlechte Menschen ihres Lebens zu berauben. Nun, der Herr ist mein Licht und mein Weg, und mir deucht, er hat mir meinen Feind in die Hände gegeben.«

Mit diesen Worten schritt Kane mit langen, katzenhaften Schritten von dannen, während Hollinster ihm verwundert nachstarrte.

*

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JACK HOLLINSTER ERWACHTE aus unruhigen Träumen. Er setzte sich im Bett auf und blickte um sich. Draußen war der Mond noch nicht aufgegangen, aber im Fenster zeichneten sich schwarz gegen das Sternenlicht breite Schultern ab. Ein warnendes »Pssst!« drang an seine Ohren.

Jack erhob sich, zog den Degen aus der Scheide, die am Bettpfosten hing, und trat ans Fenster. Er erkannte ein bärtiges Gesicht, in dem zwei kleine Augen funkelten.

Der Mann atmete schwer, als wäre er weit gerannt.

»Nimm deinen Degen, Junge, und folge mir«, kam ein eindringliches Flüstern. »Er hat sie.«

»Wer hat wen?«

»Sir George«, flüsterte es wieder. »Er schickte ihr ein Schreiben mit deinem Namen drauf, sie soll zum Felsen kommen, und seine Kerle schnappten sie und ...«

»Mary Garvin?«

»So wahr ich hier stehe, Herr!«

Das Zimmer schien sich um ihn zu drehen. Hollinster hatte einen Angriff gegen sich selbst erwartet, nicht aber damit gerechnet, daß die Bösartigkeit von Sir George so weit gehen würde, das hilflose Madchen zu entführen.

»Verdammt sei seine schwarze Seele«, knirschte er zwischen zusammengebissenen Zähnen, als er sich hastig ankleidete. »Wo ist sie jetzt?«

»Sie haben sie in sein Haus gebracht, Herr.«

»Und wer bist du?«

»Ich bin der arme Sam vom Stall bei der Schenke, Herr. Ich habe gesehen, wie sie sie packten.«

Angezogen und mit dem Degen in der Hand, kletterte Hollinster durchs Fenster.

»Ich danke dir, Sam«, sagte er. »Wenn ich am Leben bleibe, werde ich es dir nicht vergessen.«

Sam grinste und entblöste dabei gelbe Zähne. »Ich gehe mit dir, Herr; ich habe ein paar Dinge mit Sir George abzurechnen!« Er schwenkte einen groben Knüttel.

»So folge mir.«

Sir George Banways altes Herrschaftshaus, das er zusammen mit ein paar häßlichen Dienern und einigen alten Weibern bewohnte, befand sich zwei Meilen vom Dorf entfernt am Strand, aber in entgegengesetzter Richtung zu der, die Jack am Vortag eingeschlagen hatte. Es war unförmig und groß, reparaturbedürftig und die Eichenbalken vom Alter geschwärzt. Man erzählte sich viele böse Geschichten darüber, und außer den Raufbolden und Rohlingen, die das Vertrauen des Besitzers genossen, hatte es niemand aus dem Dorf je betreten. Es war von keiner Mauer umgeben, nur von einigen verwilderten Buschreihen und ein paar Bäumen. Das Moor reichte bis zur Hinterseite, und zwischen der Vorderseite und dem felsigen Meeresstrand erstreckte sich ein etwa zweihundert Schritt breiter Sandstreifen. Die Felsen am Ufer direkt vor dem Haus waren ungewöhnlich hoch und zerklüftet. Man sagte sich, es befänden sich geheimnisvolle Höhlen dazwischen und darunter, doch wußte niemand etwas Genaues, denn Sir George betrachtete diesen Teil des Ufers als sein Eigentum und pflegte Vorwitzige, die den Gerüchten nachgehen wollten, mit seiner Muskete zu beschießen.

Kein Licht brannte im Haus, als Jack Hollinster und sein Begleiter sich ihm vom Moor her näherten. Ein dünner Nebel hatte die meisten Sterne verhüllt, und in diesem Nebel erhob sich das Haus schwarz und drohend, umgeben von Hecken und Bäumen. In Richtung des Meeres war alles wie in ein graues Leichentuch gehüllt, aber einmal glaubte Jack das gedämpfte Klirren einer Ankerkette zu vernehmen. Er fragte sich, ob ein Schiff außerhalb des gefährlichen Riffes liegen mochte.

»Zu den Fenstern, Herr«, flüsterte Sam. »Er hat die Lichter gelöscht, aber er ist sicher da!«

Zusammen schlichen sie vorsichtig auf das dunkle Haus zu. Jack wunderte sich darüber, daß anscheinend keine Wachen aufgestellt waren. Fühlte sich Sir George so sicher, daß er dies versäumte? Oder schliefen die Wachen? Er betastete vorsichtig ein Fenster. Es befand sich ein schwerer Laden davor, aber dieser ließ sich bemerkenswert leicht öffnen. Dabei durchzuckte ihn blitzartig ein Verdacht: Alles ging viel zu leicht! Er wirbelte herum und sah gerade noch Sams Keule herabsausen. Zum Ausweichen war es zu spät. Ehe die Welt um ihn versank und es um ihn dunkel wurde, sah er noch das Glitzern des Triumphs in Sams Augen.

*

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LANGSAM KAM JACK HOLLINSTER wieder zu Bewußtsein.

Vor seinen Augen tanzten rote Schleier. Sein Kopf schmerzte fürchterlich, und das rote Leuchten tat ihm in den Augen weh. Er schloß sie und hoffte, der Schmerz würde verschwinden, aber der Schein drang durch seine Lider und direkt in sein hämmerndes Gehirn. Gedämpft drang Stimmengewirr an seine Ohren. Er versuchte die Hand zum Kopf zu führen, konnte sich jedoch nicht bewegen. Da kam ihm mit einem Mal die Erinnerung an alles, und er war völlig wach und bei Bewußtsein.

Er war an Händen und Füßen gefesselt und lag auf feuchtem Erdboden. Er befand sich in einem riesigen Keller, in dem sich Kisten und Fässer und schwarze Tonnen hoch auftürmten. Die Decke des Kellers bestand aus Brettern, die durch schwere Eichenpfosten abgestützt wurden. An einem dieser Pfosten hing eine Laterne, von der das Licht ausging, das ihm in den Augen schmerzte. Der Schein der Laterne erleuchtete den Keller, erfüllte jedoch die Winkel mit flackernden Schatten.

An einem Ende führte eine breite steinerne Stiege in den Keller herab, während am anderen Ende ein Gang begann, der hinausführte.

Im Raum befanden sich viele Männer. Jack erkannte das dunkle, höhnische Gesicht Banways, die aufgeschwämmten Züge des Verräters Sam und zwei oder drei der Raufbolde, die ihre Zeit abwechselnd in Sir Georges Haus und dem Dorfwirtshaus verbrachten. Die restlichen zehn bis zwölf Männer kannte er nicht. Es handelte sich zweifellos um Seeleute, denn sie hatten langes Haar, Ringe in den Ohren oder den Nasen und teerbefleckte Beinkleider. Einige hatten farbenprächtige Stirnbänder um den Kopf gebunden, und alle waren bis zu den Zähnen bewaffnet. Sie trugen schwere Säbel mit großen Schalen aus Messing, edelsteinbesetzte Dolche und mit Silber eingelegte Pistolen. Die Männer würfelten, tranken und fluchten wild, und ihre Augen glitzerten im Licht der Laterne.

Piraten! Das waren keine ehrlichen Seeleute. Der Kontrast zwischen den Kostbarkeiten und ihrem Gehabe war zu groß. Zu den teerbefleckten Hosen und Seemannshemden trugen sie seidene Schärpen um die Hüften; an den Beinen hatten sie keine Strümpfe, doch waren viele in Schuhe mit Silberschnallen gekleidet und trugen schwere Goldringe an den Fingern. An mehr als einem goldenen Ohrring baumelten große Edelsteine.

Statt Seemannsmessern besaßen sie wertvolle spanische und italienische Dolche. Der Prunk, die verwegenen Gesichter und ihr wildes und gotteslästerliches Benehmen verrieten ihr blutiges Handwerk.

Jack dachte an das Schiff, das er vor Sonnenuntergang gesehen und dessen Ankerkette er im Nebel gehört hatte. Plötzlich fiel ihm auch der seltsame Fremde, Kane, ein und dessen Worte. Hatte er gewußt, daß es sich um ein Piratenschiff handelte? Was für eine Beziehung hatte er zu diesen Verbrechern? War sein puritanisches Gehabe nur eine Maske, hinter der er unheilvolle Absichten verbarg?

Ein Mann, der mit Sir George würfelte, wandte sich plötzlich dem Gefangenen zu. Er war groß und breitschultrig, und Jacks Herz schlug rascher. Dann beruhigte er sich wieder. Im ersten Augenblick hatte er den Mann für Kane gehalten, doch jetzt sah er, daß der Pirat, obgleich er dem Puritaner von der Statur her glich, in jedem anderen Hinblick sein Gegenteil darstellte. Er trug wenige, aber prächtige Kleidungsstücke und war mit einer Seidenschärpe, Silberschnallen und goldenen Troddeln geschmückt. Sein breiter Gürtel war mit Dolchen und Pistolen vollgepfropft, die mit Juwelen verziert waren. Ein mit Goldeinlagen und Edelsteinen überladenes, langes Rapier hing an einem verzierten Wehrgehänge. Von beiden goldenen Ohrringen hingen rotleuchtende Rubine herab, die zu dem braunen Gesicht eigenartig kontrastierten. Das Gesicht war schmal und grausam, auf der hohen Stirn saß ein dreieckiger Hut, und zwischen ihm und den schwarzen Brauen war ein buntes Kopftuch sichtbar. Im Schatten des Hutes glitzerten graue Augen, über dem schmalen Mund krümmte sich eine messerscharfe Nase, und die Oberlippe zierte ein Schnurrbart, der zu beiden Seiten lang herabhing.

»Ho, George, unser Gast ist erwacht!«, rief er dann. »Bei Zeus, Sam! Ich glaubte schon, du hättest ihm zu viel verpaßt. Aber er scheint einen dickeren Schädel zu besitzen, als ich erwartete.«

Die Piraten hielten mit ihren Spielen inne und betrachteten Jack neugierig oder höhnisch. Sir Georges Antlitz verdunkelte sich, und er wies auf seinen linken Arm, wo unter dem geschlitzten Seidenärmel ein Verband zu erkennen war.

»Du hast die Wahrheit gesprochen, Hollinster, als du sagtest, bei unserem nächsten Treffen würde kein Richter anwesend sein. Nur deucht es mir, daß deine räudige Haut darunter leiden wird.«

»Jack!«

Tiefer noch als Banways Hohn schnitt die verzweifelte Stimme ihm in die Seele. Jack rollte sich verzweifelt herum, und als er den Kopf verdrehte, bot sich ihm ein Anblick, der fast sein Herz zum Stillstand brachte. An einen schweren Ring an einem der Eichenpfosten war ein Mädchen gebunden – ein Mädchen, das auf der feuchten Erde kniete und ihn mit weißem Gesicht und erschreckt aufgerissenen Augen anstarrte.

»Mary – oh mein Gott!« drang es über Jacks Lippen.

Ein Chor brutalen Gelächters war die Antwort auf seinen gepeinigten Aufschrei.

»Trinkt auf das Wohl des Liebespaars!« brüllte der riesige Piratenkapitän und hob seinen schäumenden Lederbecher. »Trinkt auf die beiden, Leute! Mir deucht, er beklagt unsere Gesellschaft. Möchtest wohl gern mit dem Mädchen allein sein, was Junge?«

»Ihr Schweine!« brüllte Jack und richtete sich mit übermenschlicher Anstrengung auf die Knie auf. »Ihr Feiglinge, ihr Memmen, ihr erbärmlichen Wichte! Bei allen Göttern der Hölle ... hätte ich nur meine Arme frei! Laßt mich los, wenn ihr nur einen richtigen Tropfen Männerbluts in den Adern habt! Schneidet mich los, und ich fahre euch mit bloßen Händen an eure verdammten Hälse!

»Donnerwetter!« sagte einer der Piraten bewundernd.

»Der Junge hat auf jeden Fall Mut, das muß man ihm lassen! Und welche Sprache ... Verdammt, Kapitän, aber ...«

»Schweig!« unterbrach ihn Sir George heftig. »Hollinster, du verschwendest nur deinen Atem. Diesmal stehe ich dir nicht mit bloßem Stahl gegenüber. Du hattest deine Chance und nütztest sie nicht. Diesmal kämpfe ich mit Waffen, die deinem Rang und Namen besser angepaßt sind. Niemand weiß, wohin du gegangen bist, und warum. Und niemand wird es jemals wissen. Die See hat schon bessere Männer als dich verborgen.

Und was dich betrifft ...«, er wandte sich an das entsetzte Mädchen, »... so wirst du mir in meinem Haus eine Weile Gesellschaft leisten. Und wenn ich deiner überdrüssig geworden bin ...«

»Sieh dazu, daß du ihrer bei meiner Rückkehr in zwei Monaten überdrüssig geworden bist«, unterbrach ihn der Piratenkapitän. »Wenn ich diesmal einen Leichnam mitnehme – und der Satan weiß, daß dies eine unheilvolle Fracht ist –, so will ich das nächste Mal einen erfreulicheren Passagier an Bord haben.«

Sir George grinste säuerlich. »Na schön. In zwei Monaten soll sie dir gehören – außer sie stirbt zuvor. Knapp vor Sonnenaufgang segelst du mit den Überresten Hollinsters in einem Leinensack los und wirfst ihn so weit vom Ufer entfernt über Bord, daß er niemals an Land gespült wird. Wenn du das tust, kannst du dir in zwei Monaten das Mädchen holen.«

Als Jack dieses Gespräch mithörte, sank ihm das Herz im Leibe.

»Mary, meine Geliebte«, sagte er schwach, »wie kommst du hierher?«

»Ein Mann brachte mir eine Botschaft«, flüsterte sie erschöpft und voll Furcht. »Die Schrift ähnelte deiner, und sie war mit deinem Namen unterzeichnet. Darin stand, du wärest verletzt, und ich sollte zu dir zum Felsen kommen. Ich kam, diese Männer ergriffen mich und brachten mich durch einen langen Tunnel hierher.«

»Habe ich es Euch nicht gesagt, Meister?« rief Sam voll höhnischer Freude. »Überlaßt es nur dem alten Sam, ihn zu überlisten! Er folgte mir wie ein Lamm! Was für ein Trick – und was für ein Narr!«

»Haltet ein«, erhob ein hagerer, finsterer Pirat, offenbar der Erste Steuermann, seine Stimme. »Es ist gefährlich genug, so nahe heranzukommen, um unsere Beute loszuwerden. Was geschieht, wenn jemand das Mädchen hier findet und sie ihm alles erzählt? Wo werden wir dann die Waren los, die wir erbeuten?«

Sir George und der Kapitän lachten.

»Beruhige dich, Allardine! Du warst schon immer ein mißtrauischer Kerl. Sie werden annehmen, das Mädchen und der Junge sind miteinander davongerannt.

George sagt, ihr Vater mag den Jungen nicht. Keiner im Dorf wird die beiden je wieder sehen oder von ihnen hören, und hier werden sie niemals nachsehen. Du bist schlechter Laune, weil wir uns so weit von der offenen See befinden. Nimm dich zusammen, Mann; wir haben nicht zum ersten Mal den Kanal durchsegelt und in der Ostsee die Kauffahrer vor den Nasen der Kriegsschiffe beraubt!«

»Das stimmt schon«, murmelte Allardine, »aber ich fühle mich erst sicher, wenn ich diese Gewässer hinter mir habe. In diesen Breiten sind die Tage der Piraten gezählt. In der Karibischen See sind wir besser dran. Ich spüre Unheil in meinen Knochen. Über uns schwebt der Tod wie eine schwarze Wolke, und ich sehe keinen Durchschlupf für uns.«

Die Piraten wurden unruhig. »Halt ein, Mann! Deine Rede bringt Unglück!«

»Der Meeresboden ist ein freudloser Platz«, antwortete der andere düster.

»Sei guten Mutes«, lachte der Kapitän und hieb seinem Steuermann dröhnend auf die Schulter. »Trink einen Schluck Rum auf die Braut! Die Hinrichtungsstätte ist ein unguter Platz, aber noch liegt viel Wasser dazwischen. Trink auf die Braut! Ha, ha! Georges – und meine Braut – wenngleich das scheue Reh keine besondere Freude zu haben scheint ...«

»Still!« Der Steuermann riß den Kopf hoch. »War das nicht ein Schrei da droben?«

Alle schwiegen. Augenpaare richteten sich auf die Treppe, und Hände griffen nach den Waffen. Der Kapitän zuckte unwirsch mit den Schultern.

»Ich habe nichts gehört.«

»Aber ich. Ein Schrei und ein fallender Körper. Ich sage euch, heute geht der Tod um ...«

»Allardine«, sagte der Kapitän mit beherrschter Leidenschaft und hieb einer Flasche den Hals ab. »In der letzten Zeit bist du wahrhaftig zu einem alten Weib geworden, das sich vor Schatten fürchtet. Nimm dir ein Beispiel an mir! Mache ich mir jemals Sorgen?«

»Es wäre besser, du ließest mehr Vorsicht walten«, antwortete der Steuermann. »Du gehst die größten Risiken ein, und dabei hast du Tag und Nacht einen menschlichen Wolf auf den Fersen! Hast du die Botschaft vergessen, die er dir vor fast zwei Jahren geschickt hat?«

»Bah!«

Der Kapitän lachte und hob die Flasche an die Lippen.

»Die Spur ist selbst für ...«

Ein schwarzer Schatten fiel auf ihn, die Flasche entglitt seinen Fingern und zerschellte auf dem Boden. Wie von einer Vorahnung gepackt, erbleichte der Pirat und wandte sich langsam um. Aller Blicke richteten sich auf die Steintreppe, die in den Keller führte. Niemand hatte vernommen, daß sich eine Tür geöffnet oder geschlossen hätte, und doch stand ein großer Mann oben auf der Treppe. Er war ganz in Schwarz gekleidet, wenn man von der glänzenden, grünen Schärpe um seine Taille absah. Unter dichten, schwarzen Brauen im Schatten eines tief in die Stirn gezogenen Schlapphuts glühten zwei Augen. In beiden Händen hielt er schwere Pistolen. Solomon Kane!

»Keine Bewegung, Jonas Hardraker«, sagte Kane ausdruckslos. »Rühr dich nicht, Ben Allardine! George Banway, John Harker, Black Mike, Bristol Tom, haltet eure Hände vor euch, so daß ich sie sehen kann! Keiner rührt an Säbel oder Pistole, oder er stirbt augenblicklich.«

Im Keller befanden sich fast zwanzig Mann, aber in den schwarzen Läufen lauerte für zwei von ihnen der sichere Tod, und keiner wollte der erste sein, der ihn fand.

Also rührte sich niemand. Nur Steuermann Allardine keuchte: »Kane! Ich habe es gewußt! Wenn er in der Nähe ist, schwebt der Tod in der Luft! Ich habe es dir gesagt vor fast zwei Jahren, als er dir die Nachricht sandte, Jonas. Aber du lachtest. Ich habe dir ja gesagt, er kommt wie ein Schatten und tötet wie ein Gespenst! Die Indianer der Neuen Welt könnten von ihm lernen! Oh, Jonas, du hättest auf mich hören sollen!«

Unter Kanes eisigem Blick verstummte er.

»Du kennst mich von früher her, Ben Allardine. Du kennst mich noch aus der Zeit, ehe die Bruderschaft der Freibeuter zu einer blutigen Bande von Halsabschneidern und Piraten wurde. Wir beide erinnern uns daran, daß ich mit deinem Kapitän zu tun hatte. Er war ein schlechter Mensch, und er brennt zweifellos im Feuer der Hölle – wohin ich ihn mit Hilfe einer Musketenkugel schickte.

Und was den Vergleich mit den Indianer betrifft, so muß ich zugeben, daß ich tatsächlich in der Neuen Welt etwas vom Jägerhandwerk und vom Anpirschen gelernt habe, aber Piraten sind wie Ochsen und leicht zu beschleichen. Die Wachen vor dem Haus sahen mich nicht, als ich durch den Nebel schlich, und der Halunke, der mit Muskete und Säbel die Kellertür bewachte, wußte nicht, daß ich das Haus betreten hatte. Er starb eines plötzlichen Todes.«

Hardraker fluchte wild. »Was willst du hier?«

Solomon Kane bedachte ihn mit einem Blick, in dem er sein sicheres Verderben las, und das Blut gefror dem Kapitän in den Adern.

»Einige deiner Leute kennen mich von früher, Jonas Hardraker, den man den Fischadler nennt.« Kanes Stimme war fast ausdruckslos, aber wenn man genauer hinhörte, erkannte man unterdrückte Leidenschaft dahinter. »Und du weißt sehr genau, warum ich dir von der Neuen Welt nach Portugal und von Portugal nach England gefolgt bin. Vor zwei Jahren versenktest du in der Karibischen See ein Schiff, die ›Flying Heart‹ aus Dover.

Darauf befand sich ein junges Mädchen, die Tochter von ... Nun, der Name tut nichts zur Sache. Du erinnerst dich an das Mädchen. Sein Vater war ein guter Freund von mir, und vor vielen Jahren habe ich seine Tochter oftmals auf den Knien geschaukelt, das Kind, das, kaum erwachsen, in deine dreckigen Hände fiel. Das Schiff wurde also geentert, das Mädchen kam in deinen Besitz und starb kurz danach. Der Tod war gnädiger zu ihr als du. Ihr Vater, der durch Überlebende des Massakers von ihrem Schicksal erfuhr, wurde wahnsinnig. Sie hatte keine Brüder, niemanden außer dem alten Mann. Niemand war da, um sie zu rächen ...«

»Außer dir, Sir Galahad?« höhnte der Fischadler.

»Ja, ich, du verdammter Hund!« brüllte Kane unerwartet. Das Dröhnen seiner mächtigen Stimme schmerzte in den Ohren, und selbst die abgehärteten Freibeuter fuhren zusammen und erbleichten. Nichts ist überraschender und schrecklicher als der Anblick eines Mannes mit eiserner Selbstbeherrschung, der plötzlich diese Beherrschung verliert und in einem mörderischen Wutausbruch explodiert. Eine kurze Zeitlang, als er die Worte hinausdonnerte, bot Kane das Bild schrecklicher Leidenschaft. Danach legte sich der Sturm augenblicklich, und er war wieder er selbst: kalt und hart wie Stahl, tödlich wie eine Kobra.

Einer der schwarzen Läufe richtete sich auf Hardrakers Brust, während der andere die übrigen Männer in Schach hielt.

»Versöhne dich mit Gott, Pirat«, sagte Kane tonlos, »denn in wenigen Augenblicken ist es dazu zu spät.«

Zum ersten Mal wurde der Kapitän kreidebleich.

»Großer Gott«, keuchte er, während Schweiß auf seiner Stirn perlte, »du wirst mich doch nicht wie einen tollen Hund niederschießen?«

»Das werde ich tun, Jonas Hardraker«, antwortete Kane, und weder seine Stimme noch seine Hand zitterte auch nur im geringsten. »Und freudigen Herzens. Hast du nicht alle Verbrechen begangen, die man sich nur denken kann? Bist du nicht Gestank in der Nase Gottes und ein Schmutzfleck in den Büchern der Menschen?

Hast du jemals den Schwachen verschont oder Mitleid mit Hilflosigkeit gehabt? Fürchtest du dich vor deinem Schicksal, du erbärmlicher Feigling?«

Mit ungeheurer Anstrengung riß sich der Pirat zusammen.

»Nein, ich fürchte mich nicht, aber der Feigling bist du.«

Zorn verdunkelte einen Augenblick lang die kalten Augen. Kane schien sich noch mehr in sich zurückzuziehen, noch mehr von menschlichem Kontakt zurückzuweichen. Wie eine unmenschliche Gestalt stand er oben auf der Treppe – wie ein riesiger, schwarzer Kondor, der sich aufs Töten vorbereitet.

»Du bist ein Feigling«, fuhr der Pirat hastig fort, denn er war kein Narr und hatte die schwache Stelle in Kanes Panzer entdeckt: Eitelkeit. Obgleich er nie prahlte, war Kane äußerst stolz darauf, daß, was immer man auch von ihm sagte, nicht einmal seine Feinde ihn je Feigling genannt hatten.

»Vielleicht verdiene ich es, kaltblütig getötet zu werden«, fuhr der Fischadler fort und beobachtete ihn genau, »aber wenn du mir keine Gelegenheit gibst, mich zu verteidigen, wird man dich eine feige Memme nennen.«

»Eitelkeit ist die Tugend und die Schande des Menschen«, sagte Kane düster. »Und alle wissen, ob ich ein Feigling bin oder nicht.«

»Aber ich nicht!« rief Hardraker triumphierend. »Wenn du mich niederschießt, so werde ich im Jenseits wissen, daß du feige bist, mögen die Leute denken oder sagen, was sie wollen!«

Trotz all seines Fanatismus war Kane letzten Endes dennoch menschlich. Er versuchte sich einzureden, daß er sich nicht um das kümmerte, was der elende Schuft dachte oder sagte; aber in seinem Herzen wußte er, daß sein Stolz und seine Tapferkeit innerlich so groß war, daß er es für den Rest seines Lebens nicht zu vergessen vermochte, wenn der Pirat mit einem höhnischen Lächeln sterben würde. Er nickte grimmig.

»Es sei. Du sollst deine Chance haben, obgleich der Herr weiß, daß du sie nicht verdienst. Wähle die Waffen.«

Die Augen des Fischadlers verengten sich. Kanes Geschick mit dem Degen war ein geflügeltes Wort unter den Gesetzlosen und Räubern, die die Welt durchstreiften. Mit Pistolen hätte er, Hardraker, keine Gelegenheit für eine Hinterlist und vermochte auch nicht seine unerhörte Kraft einzusetzen.

»Messer!« stieß er zwischen den Zähnen hervor.

Kane betrachtete ihn einen Augenblick lang nachdenklich, dann breitete sich ein grimmiges Lächeln über seine Gesichtszüge aus.

»Ich bin einverstanden. Zwar ist das Messer nicht die geeignete Waffe für einen Gentleman, aber damit kann man einen Tod bringen, der weder rasch noch schmerzlos ist.«

Er wandte sich an die Piraten: »Werft eure Waffen weg!« Sie gehorchten widerwillig.

»Und jetzt macht das Mädchen und den Jungen los!«

Auch diesem Befehl kamen sie nach. Jack streckte seine betäubten Gliedmaßen, befühlte die Wunde auf dem Kopf, die von getrocknetem Blut bedeckt war, und nahm die wimmernde Mary in die Arme.

»Laßt das Mädchen gehen«, flüsterte er, doch Solomon schüttelte den Kopf.

»Sie käme niemals an den Wachen vor dem Haus vorbei.«

Kane bedeutete Jack, sich auf die Treppe zu stellen, mit Mary hinter ihm. Er reichte Hollinster die Pistolen, nahm den Gürtel ab, zog sich den Rock aus und legte beides vor sich auf die Stiegen. Hardraker legte seine Waffen ab und zog sich bis auf die Hosen aus.

»Halte sie alle gut unter Aufsicht«, murmelte Kane.

»Ich kümmere mich um den Fischadler. Wenn ein anderer nach einer Waffe greift, schieß rasch und genau. Falle ich, so flieh mit dem Mädchen die Treppe hinauf. Aber mein Geist ist mit der blauen Flamme der Rache erfüllt, und ich werde nicht fallen!«

Die beiden Männer gingen aufeinander zu – Kane barhäuptig mit Hemd und Hosen, während Hardraker sein Kopftuch trug, ansonsten aber bis zu den Hüften nackt war. Der Pirat war mit einem langen, türkischen Dolch bewaffnet, den er mit der Spitze nach oben hielt. Kane hielt einen Dolch vor sich wie ein Rapier. Beide waren erfahrene Kämpfer, und daher richtete keiner die Spitze der Waffe nach unten. Das ist unpraktisch und nur in ganz besonderen Fällen von Vorteil.

Die flackernde Laterne an der Wand beleuchtete eine alptraumhafte Szene: Auf der Treppe stand der bleiche Jüngling mit dem Mädchen hinter sich und den Pistolen in den Händen, die Augen der bärtigen Piraten glitzerten, die mattblauen Klingen schimmerten gespenstisch, als die beiden Gestalten in der Mitte des Raumes einander umkreisten.

»Komm und kämpfe, Puritaner«, höhnte der Pirat, wich aber gleichzeitig vor Kanes unerbittlichem Vormarsch zurück. »Denk an das Mädchen, Breitkrempe!«

»Das tue ich auch, du Abschaum des Fegefeuers«, erwiderte Kane ernst. »Es gibt viele Feuer, du Niederträchtiger, und einige sind heißer als andere. Aber mit Ausnahme der Feuer der Hölle können alle Feuer mit Blut gelöscht werden!«

Und Kane stieß zu wie ein Wolf. Hardraker parierte den geraden Stoß, sprang vorwärts und führte einen Streich nach oben. Kane lenkte die Waffe mit der Spitze der seinen ab, und der Pirat sprang mit einem mächtigen Satz wieder außer Reichweite. Kane drang erbarmungslos nach – stets war er der Angreifer in jedem Kampf. Wie der Blitz stieß er nach dem Gesicht und dem Körper, und für einige Augenblicke war der Pirat zu sehr damit beschäftigt, die Stöße abzuwehren, um an einen eigenen Angriff zu denken. So konnte es nicht lange weitergehen, denn ein Messerkampf ist meist kurz und tödlich. Die Natur der Waffen läßt ein langes Schauspiel der Fechtkunst nicht zu.

Da erkannte Hardraker eine Gelegenheit und packte plötzlich Kanes Handgelenk mit eisernem Griff, während er gleichzeitig einen wilden Streich nach dem Leib seines Feindes führte. Kane fing die emporzuckende Hand auf, was ihm einen bösen Schnitt eintrug, und stoppte die Messerspitze einen Fingerbreit vor seinem Körper. Einen Augenblick lang standen die beiden wie Statuen da, starrten einander in die Augen und setzten all ihre Kräfte ein.

Kane mochte diese Art des Kampfes nicht. Er zog den anderen Stil vor, der rascher zu einer Entscheidung führte, den offenen Stil, bei dem man vor- und zurücksprang, stieß und parierte, wo man sich auf die Flinkheit von Hand, Fuß und Auge verlassen mußte, wo man zu offenen Stößen einlud und solche austeilte. Aber sollte es auf ein Kräftemessen ankommen, so war es ihm auch recht!

Hardraker bekam bereits Zweifel. Noch nie war er einem Mann begegnet, der ihm ebenbürtig war, was rohe Kraft anbelangte. Nun mußte er jedoch feststellen, daß der Puritaner unbeweglich wie Eisen war. Er sammelte all seine Kraft in seinen Gelenken und den mächtigen Beinen.

Kane hatte den Griff gewechselt und sich der veränderten Lage angepaßt. Beim Zusammenprall hatte Hardraker Kanes Hand mit dem Messer hochgedrückt. Nun hielt Solomon seine Waffe mit der Spitze abwärts über der Brust des Piraten. Sein Bestreben ging darauf hinaus, die Hand, die sein Gelenk umspannte, hinunterzudrücken, so daß er Hardraker den Dolch in die Brust stoßen konnte.

Der Fischadler hielt sein Messer tief und mit der Klinge nach oben und versuchte, gegen den Widerstand von Kanes linker Hand und linkem Arm dem Puritaner den Bauch aufzuschlitzen. So kämpften sie reglos gegeneinander, bis ihnen die Muskeln wie Knoten überall hervortraten und Schweiß über ihre Stirnen strömte.

Eine Zeitlang wogte der Kampf unentschieden. Dann begann Kane den Piraten zurückzudrängen. Die verkrampften Hände der Männer änderten nicht ihre Stellung zueinander, doch Hardrakers Körper begann schwanken. Seine dünnen Lippen verzerrten sich. Sein Kopf glich einem Totenschädel, und die Augen traten aus ihren Höhlen. Unerbittlich machte sich Kanes überlegene Kraft bemerkbar. Der Fischadler bog sich wie ein Baum, der fällt, während die Wurzeln aus dem Erdreich gerissen wurden. Sein Atem pfiff, als er verzweifelt versuchte, sich zusammenzureißen und den verlorenen Boden zurückzugewinnen. Aber Fingerbreit um Fingerbreit wurde er rückwärts gebogen, bis sein Rücken fest gegen die Platte eines Eichentisches gepreßt war.

Hardrakers Rechte umfaßte immer noch den Dolch, die linke Hand hatte immer noch Kanes rechtes Gelenk gepackt. Nun aber drückte Kane seinen Dolch langsam abwärts, während er sich mit der anderen Hand Hardrakers Waffe vom Leibe hielt. Die Anstrengung ließ Kanes Adern an den Schläfen anschwellen. Fingerbreit um Fingerbreit, so wie er den Fischadler auf den Tisch gezwungen hatte, preßte er nun den Dolch abwärts. Manchmal gelang es dem Fischadler, den Abstand für einen Augenblick lang zu wahren, nie aber ihn zu vergrößern. Er riß verzweifelt mit der rechten Hand, die den türkischen Dolch umklammert hielt, aber Kanes blutige Linke hielt sie wie eine Stahlklammer.

Nun befand sich die unerbittliche Messerspitze nur noch zwei Finger breit über der wogenden Brust des Piraten, und Kanes Augen hatten die Farbe blauen Stahls angenommen. Die Verzweiflung des Verbrechers hielt die Spitze in unveränderter Entfernung von seinem Herzen. Was sahen die weitaufgerissenen Augen? Obwohl ihr Blick auf die Dolchspitze gerichtet war, der für sie das Zentrum des Universums darstellte, lag eine gewisse Geistesabwesenheit in ihnen. Was sahen sie noch?

Sinkende Schiffe, über denen sich die Oberfläche des Meeres schloß? Von Flammen erhellte Küstenstädte, in denen Frauen schrien und düstere Gestalten mordeten und raubten? Dunkle Gewässer, vom Sturm gepeitscht und von Blitzen erleuchtet? Rauch, Flammen und Blut? Gestalten, die an Rahen baumelten? Zappelnde Menschen, die von einer Planke ins Wasser gestoßen wurden? Die Gestalt eines Mädchens, das verzweifelt um ihr Leben flehte?

Hardraker schrie. Kanes Hand sank ein Stück tiefer, und die Dolchspitze drang in die Brust des Piraten. Auf den Steigen wandte sich Mary Gavin ab und preßte ihr Gesicht gegen die Kellerwand, um den Anblick nicht sehen zu müssen, hielt sich die Hände vor die Ohren, um nichts zu hören.

Hardraker hatte seine Waffe fallengelassen. Er versuchte seine Rechte loszureißen, um den Dolch abzuwehren. Aber Kane hielt ihn wie ein Schraubstock. Immer noch nicht lockerte der Pirat seinen Griff um Kanes Handgelenk. Und so wie Kane den Dolch gegen seine Brust gezwungen hatte, so schob er ihn auch seinem Widersacher ins Herz – Fingerbreit um Fingerbreit. Der Anblick trieb den Zuschauern den kalten Schweiß auf die Stirn, aber Kanes Augen waren unbeweglich. Er dachte an ein blutbesudeltes Deck und an ein schwaches Mädchen, das vergebens um Gnade gebeten hatte.

Hardrakers Schreie gingen in ein entsetzliches Kreischen über. Es war das Schreien eines Menschen in Todesangst. Fast berührte der Griff des Dolches bereits seine Brust, als das Kreischen zu einem Gurgeln wurde, das dann schnell verstummte. Blut rann über die aschfarbenen Lippen, und die Hand in Kanes linker Faust erschlaffte. Und erst danach lösten sich die Finger der linken Hand von Kanes Handgelenk – der Tod, dem sie sich so lange widersetzt hatten, hatte sie gelockert.

Über allem lastete die Stille wie ein weißes Leichentuch. Kane riß seine Waffe aus dem Toten. Der Puritaner vollführte mit der Waffe automatisch eine halbkreisförmige Bewegung in der Luft, um die roten Tropfen vom Stahl abzuschütteln. Und als sie im Licht der Laterne aufblitzte, erschien sie Jack Hollinster wie eine blaue Flamme – eine Flamme, die in Rot getränkt war.

Kane griff nach seinem Degen. In diesem Augenblick sah Jack, wie Sam heimlich eine Pistole ergriff und auf den Puritaner anlegte. Das sehen und handeln war eins.

Zugleich mit dem Knall von Hollinsters Schuß schrie Sam auf und ruckte empor. Seine Pistole ging in die Luft los. Er war direkt unter der Laterne, und als er in Todeszuckungen die Arme hochwarf, traf der Lauf der Pistole die Laterne und zerschmetterte sie.

Zugleich mit der Dunkelheit kamen Geschrei und Gefluche. Fässer wurden umgeworfen, Männer stolperten übereinander, Stahl klirrte, und Pistolen wurden ziellos abgefeuert. Jemand heulte auf, als einer dieser blinden Schüsse ein Ziel fand. Jack hielt das Mädchen am Arm, und halb zog er sie, halb trug er sie die dunklen Stiegen empor. Er glitt aus und stolperte, aber letzten Endes erreichte er doch den Treppenabsatz und stieß die schwere Tür auf. Im schwachen Licht, das durch die Öffnung fiel, sah er dicht hinter sich die Gestalt eines Mannes und weiter unten einen Schwarm weiterer Männer, die die Stufen hochstrebten.

Hollinster schwenkte die noch geladene Pistole herum, als er Kanes Stimme erkannte: »Ich bin es, junger Mann. Rasch hinaus mit dem Mädchen.«

Hollinster gehorchte, und Kane, der hinter ihm durch die Öffnung sprang, wirbelte herum und schmetterte die Eichentür in die Gesichter der schreienden Verfolger, die von unten nachdrängten. Er schob einen schweren Riegel vor und trat einen Schritt zurück. Von innen her klangen gedämpfte Rufe, Gehämmer und Schüsse, und an einigen Stellen wölbte sich das Holz, als Kugeln in die Tür gejagt wurden.

Aber keines der weichen Bleigeschosse drang gänzlich durch die dicken Bohlen.

»Was nun?« fragte Jack, an den Puritaner gewandt.

Erst da bemerkte er die leblose Gestalt zu seinen Füßen, einen Piraten mit Ohrringen und einer farbenprächtigen Schärpe, dessen Säbel und Muskete neben ihm lagen. Zweifellos handelte es sich um den Wachtposten, den Kane getötet hatte.

Der Puritaner schob die Leiche mit dem Fuß beiseite und bedeutete dem Liebespaar, ihm zu folgen. Er ging einige Holzstufen hinan, einen Gang entlang und in eine Kammer, wo er stehenblieb. Auf einem Tisch in dem Gemach brannte eine große Kerze.

»Wartet hier einen Augenblick«, forderte er sie auf.

»Die meisten der Übeltäter sind unten eingeschlossen, aber draußen befinden sich Wachen, fünf oder sechs Männer. Als ich kam, schlüpfte ich an ihnen vorbei, jetzt aber scheint der Mond, und wir müssen vorsichtig sein. Ich werde ein Fenster suchen und sehen, ob ich welche erspähen kann.«

Allein in der Kammer, betrachtete Jack Mary voll Liebe und Mitgefühl. Es war eine abenteuerliche Nacht gewesen, und Mary, das arme Kind, war noch nie Gewalt und schlechter Behandlung ausgesetzt gewesen. Ihr Gesicht war so bleich, daß Jack sich fragte, ob jemals wieder Röte ihre Wangen färben würde. Die Augen waren weit aufgerissen und verstört, aber als sie ihren Geliebten anblickte, kehrte das Vertrauen in sie zurück.

Er zog sie sanft in seine Arme. »Mary, mein Mädchen«, begann er sanft, als sie plötzlich, den Blick über seine Schulter gerichtet, einen Schrei ausstieß. Gleichzeitig war das Scharren eines rostigen Riegels zu vernehmen.

Hollinster wirbelte herum. In der zuvor völlig glatten Wand gähnte nun eine schwarze Öffnung. Davor stand Sir George Banway mit zwei Pistolen im Anschlag.

Jack stieß Mary beiseite und riß seine Waffe hoch. Die beiden Schüsse krachten gleichzeitig. Hollinster fühlte, wie das Geschoß ihm wie ein glühendes Rasiermesser die Wange aufschnitt. Aus Sir Georges Hemd wurde ein Stoffetzen herausgerissen. Fluchend ging er zu Boden.

Aber als sich Jack dem Mädchen zuwandte, taumelte Banway wieder hoch. In tiefen Atemzügen sog er die Luft in die Lungen, als wäre er außer Atem, aber er schien nicht verletzt zu sein, und kein Blutstropfen wies auf eine Wunde hin.

Erstaunt und entsetzt – denn er wußte, daß seine Kugel genau getroffen hatte – stand Jack mit offenem Mund da und hielt die rauchende Pistole in der schlaffen Hand, bis ihn Sir George mit einem gewaltigen Faustschlag zu Boden streckte. Da sprang Hollinster wütend auf, aber Banway hatte das Mädchen bereits gepackt, war mit ihr durch die Öffnung gesprungen und schmetterte die Geheimtür zu. Solomon Kane, der zurückkehrte, so rasch ihn seine Beine zu tragen vermochten, fand Hollister tobend und mit den Fäusten gegen eine glatte Wand trommelnd vor.

Einige hastige Sätze, vermischt mit Flüchen und Selbstbeschuldigungen, unterrichteten Kane von dem Geschehen.

»Satan hält seine Hand über ihn«, schrie der Jüngling außer sich. »Ich schoß ihn mitten in die Brust, und er ist nicht einmal verletzt! Oh, ich Narr und Idiot! Ich stand da wie eine Statue, anstatt auf ihn einzudringen – stand da wie ein verdammter Narr, während er ...«

»Ich bin ein Narr, nicht daran zu denken, daß das Haus mit Geheimgängen versehen ist«, unterbrach der Puritaner. »Natürlich führt der Gang in den Keller. Aber halt ein!« sagte er, als Hollinster mit dem Säbel des toten Seeräubers, den Kane mitgebracht hatte, die Wand zu bearbeiten begann. »Selbst wenn wir auf diese Weise die Geheimtür öffnen und in den Keller vordringen können oder aber den Weg durch die verriegelte Kellertür nehmen, schießen sie uns wie Kaninchen ab. Beruhige dich einen Augenblick und hör zu! Hast du den dunklen Gang gesehen, der aus dem Keller führt? Ich nehme an, es muß ein Tunnel existieren, der zu den Felsen am Meeresufer führt. Banway hat lange Zeit gemeinsame Sache mit Schmugglern und Piraten gemacht. Nachdem Spione niemals gesehen haben, daß Waren ins oder aus dem Haus getragen wurden, folgt daraus, daß es einen Tunnel geben muß, der den Keller mit der See verbindet.

Daraus folgt weiter, daß die Schurken mit Sir George, der sich nach der heutigen Nacht in England nicht länger blicken lassen kann, durch den Tunnel zum Schiff flüchten werden. Wir nehmen den Weg über den Strand und nehmen sie in Empfang, wenn sie daraus hervorkommen.«

»So beeilen wir uns um Gottes willen!« bat der Jüngling und wischte sich kalten Schweiß von der Stirn »Befindet sich das Mädchen einmal an Bord des Höllenschiffs, erreichen wir es nie wieder!«

»Deine Wunde blutet wieder«, murmelte Kane mit einem beunruhigten Seitenblick.

»Das spielt keine Rolle. Los!«

*

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HOLLINSTER FOLGTE KANE, der furchtlos zur Eingangstür ging, sie öffnete und hinauslief. Der Nebel hatte sich aufgelöst, und im weißen Licht des Mondes waren die schwarzen Felsen in zweihundert Schritt Abstand am Meeresufer deutlich zu sehen, ebenso wie das Piratenschiff, das außerhalb der Brecher an seiner Ankerkette schaukelte. Wachen waren nicht zu sehen. Ob sie aufgrund der Geräusche im Haus geflüchtet waren, ob sie einen Befehl erhalten hatten oder einen Auftrag, nach einer bestimmten Zeit an den Strand zurückzukehren, wußten Kane und Jack nicht. Aber sie sahen niemanden.

Entlang des Ufers erhoben sich wie die Ruinen schwarzer Häuser düster die Felsen und verbargen alles, was am Sandufer vor sich gehen mochte.

Die beiden Männer rannten darauf zu. Kane war nicht anzumerken, daß er eben erst ein schreckliches Duell auf Leben und Tod überstanden hatten Er schien aus Stahlfedern zu bestehen, und der zusätzliche Spurt schien nicht einmal seinen Atem zu beschleunigen. Hollinster aber taumelte im Laufen. Er war schwach vor, Sorge, Aufregung und Blutverlust. Nur seine Liebe zu Mary und grimmige Beharrlichkeit hielten ihn aufrecht.

Als sie sich den Felsen näherten, gebot der Klang wirrer Stimmen Vorsicht. Hollinster, der sich fast im Delirium befand, war dafür, über die Felsen zu springen und alles anzugreifen, was sich dahinter befinden mochte, aber Kane hielt ihn zurück. Gemeinsam krochen sie vorwärts, legten sich flach auf einen Vorsprung und blickten hinab.

Das klare Mondlicht zeigte den Beobachtern, daß die Freibeuter an Bord des Schiffes dabei waren, den Anker zu lichten. Unter ihnen befand sich eine kleine Gruppe von Männern. Ein Beiboot war bereits auf dem Weg zum Schiff, während ein weiterer Trupp, auf die langen Riemen gestützt, ungeduldig auf ihren Anführer wartete. Offenbar waren die Piraten sofort durch den Tunnel geflohen. Hätte nicht Sir George noch das Mädchen geraubt, wobei ihm der Zufall zu Hilfe gekommen war, so hätten sich die Piraten längst an Bord des Schiffes befunden. Die Beobachter bemerkten auch eine kleine Höhle, von deren Eingang ein Felsblock weggewälzt worden war. Sie bildete offenbar den Anfang des Tunnels.

Sir George und Ben Allardine standen einander in heißem Streitgespräch gegenüber. Mary lag gebunden zu ihren Füßen. Bei ihrem Anblick machte Hollinster Anstalten aufzuspringen, aber Kanes eiserner Griff hielt ihn zurück.

»Ich nehme das Mädchen mit an Bord!« ertönte Banways zornige Stimme.

»Und ich sage nein!« gab Allardine heftig zurück. »Es entsteht nichts Gutes daraus! Wegen eines Weibes liegt Hardraker in seinem Blut! Frauen verursachen Streit und Feindschaft zwischen Männern. Nimm das Mädchen an Bord, und noch ehe die Sonne aufgeht, sind einem Dutzend Männer die Kehlen durchschnitten worden! Ich sage, wir schneiden ihr hier die Gurgel durch und ...«

Er griff nach dem Mädchen. Sir George schlug ihm die Hand beiseite und zog sein Rapier, aber Jack sah diese Bewegung nicht. Er schüttelte Kanes Hand ab, richtete sich auf und sprang hinab. Bei seinem Anblick schrien die Piraten im Boot auf, glaubten sich offenbar von einer größeren Gruppe angegriffen, legten sich in die Riemen und ließen Steuermann und Patron am Ufer zurück.

Hollinster landete mit den Füßen voran im weichen Sand. Der Aufprall ließ ihn in die Knie gehen, aber er federte sofort wieder hoch und griff die beiden Männer an, die erstaunt vor ihm standen. Allardine brach mit gespaltenem Schädel zusammen, ehe er noch seine Waffe zu heben vermochte, und dann parierte Sir George Jacks zweiten wilden Hieb.

Ein Säbel ist unhandlich und für die Finessen des Fechtens ungeeignet. Jack hatte seine Überlegenheit über Banway mit der geraden, leichten Klinge bewiesen, aber er war die schwere, gekrümmte Waffe nicht gewohnt und außerdem müde und geschwächt. Banway war bei frischen Kräften. Dennoch drängte Jack den Adeligen einige Sekunden lang durch die schiere Wut seines Angriffs in die Verteidigung. Dann aber gewann trotz Haß und Entschlossenheit die Schwäche die Oberhand. Mit einem kalten Lächeln auf dem dunklen Gesicht berührte Banway ihn wieder und wieder auf Wange, Brust und Beinen. Es waren keine tiefen Wunden, aber brennende, und das Blut, das daraus tropfte, schwächte ihn noch mehr.

Sir George machte eine Finte und setzte zum entscheidenden Ausfall an. Dabei rutschte sein Fuß im schlüpfrigen Sand aus. Er verlor das Gleichgewicht, hieb wild um sich und gab sich eine Blöße. Jack, der dies erkannte, sammelte alle ihm noch verbliebenen Kräfte zu einer letzten, verzweifelten Anstrengung. Er sprang vor und führte einen seitlichen Hieb. Die scharfe Schneide traf Sir Georges Körper mitten zwischen der Hüfte und der Armhöhle und hätte die Rippen bis zu den Lungen spalten müssen. Statt dessen zerbrach die Klinge wie Glas. Jack taumelte betäubt zurück, und der nutzlose Griff entfiel seiner kraftlosen Hand. Sir George erlangte sein Gleichgewicht und stieß mit einem Triumphschrei zu. Doch als sich der Degen geradewegs auf Jacks schutzlose Brust zubewegte, fiel ein großer Schatten zwischen die beiden. Banways Klinge wurde mit unglaublicher Leichtigkeit beiseite geschoben.

Hollinster, der zur Seite kroch, sah Solomon Kane wie eine schwarze Wolke über Sir George Banway, während das lange Rapier des Puritaners den verzweifelt fechtenden Adeligen unerbittlich zurücktrieb. Im Licht des Mondes, das die langen, flinken Klingen bleich schimmern ließ, beobachtete Hollinster den Kampf. Gleichzeitig beugte er sich über das bewußtlose Mädchen und versuchte mit unbeholfenen Fingern ihre Fesseln zu lösen. Er hatte von Kanes hervorragender Fechtkunst vernommen. Nun hatte er die Gelegenheit, sie mit eigenen Augen zu sehen, und als geborener Fechter wünschte er, Kane hätte einen würdigeren Feind gegen sich.

Denn obgleich Sir George ein guter Fechter war und sich in der Gegend einen Namen als tödlicher Duellgegner gemacht hatte, spielte Kane nur mit ihm. Außer den Vorteilen der Größe, des Gewichtes, der Stärke und der Reichweite besaß Kane noch zwei weitere – Geschick und Gewandtheit. Trotz seiner Größe war er rascher als Banway. Und was das Können betraf, so war der Adelige im Vergleich zu ihm ein Anfänger. Kane focht mit sparsamen Bewegungen und mit einer Teilnahmslosigkeit, die dem Kampf einiges von der Eleganz nahm. Er machte keine weitausholenden, spektakulären Paraden oder überweite Ausfälle. Aber jede seiner Bewegungen war genau die richtige, er war niemals im Nachteil, niemals erregt – eine Kombination von Eis und Stahl. In England und auf dem Kontinent hatte Hollinster eindrucksvollere und brillantere Fechter gesehen aber nie einen, der so technisch perfekt, so sicher und tödlich war wie der Puritaner.

Es erschien ihm, als hätte Kane seinen Gegner bereits mit der ersten Attacke durchbohren können, aber das lag nicht in der Absicht des Puritaners. Er hielt sich dicht am Feind, seine Spitze bedrohte andauernd das Gesicht des anderen, und als er den jungen Adeligen ununterbrochen in der Defensive hielt, sprach er mit ruhiger Stimme, so als gehörten Zunge und Arm nicht zum gleichen Körper.

»Nein, junger Herr; Ihr braucht Euch auf der Brust keine Blöße zu geben. Ich sah, wie Jacks Klinge zersplitterte und möchte nicht meinen Stahl riskieren, so stark und elastisch er auch ist. Schon gut, Sir, macht Euch nichts draus! Auch ich habe manchmal einen Panzer unter meinem Hemd getragen, jedoch kaum einen so starken, der eine aus größter Nähe abgefeuerte Kugel aufzuhalten vermag. Jedoch hat Gott in seiner unendlichen Weisheit und Gnade den Menschen so geschaffen, daß sich nicht alle lebenswichtigen Teile im Brustkorb befinden. Ich wünschte, Ihr könntet besser mit der Waffe umgehen, Sir George; Euch zu töten ist eine Schande für mich, aber wenn ein Mann seinen Fuß auf eine Natter setzt, fragt er nicht nach deren Größe.«

Diese Worte wurden in ernstem und ruhigem Tonfall gesprochen und keineswegs im Spott. Jack wußte, daß Kane sie nicht höhnisch meinte. Sir Georges bleiches Gesicht wurde aschfahl im Mondlicht. Sein Arm schmerzte vor Müdigkeit und war schwer wie Blei, und der schwarze Teufel trieb ihn immer noch zurück und parierte seine verzweifeltsten Anstrengungen mit unmenschlicher Leichtigkeit.

Plötzlich verfinsterte sich Kanes Stirn, als hätte er eine unangenehme Pflicht zu erledigen und wollte sie rasch hinter sich bringen.

»Genug!« rief er mit tiefer, vibrierender Stimme, die seinen Zuhörern einen Schauder über den Rücken jagte.

»Das ist eine üble Tat – möge sie rasch geschehen!«

Das Folgende ging mit solcher Geschwindigkeit vor sich, daß das Auge nicht zu folgen vermochte. Hollinster zweifelte nie wieder daran, daß Kanes Fechtkunst brillant sein konnte, falls er es wünschte. Jack bemerkte eine blitzende Finte gegen den Oberschenkel, glänzender Stahl flirrte – und Sir George Banway lag tot Solomon Kane zu Füßen. Aus dem linken Auge sickerte ein wenig Blut.

»Durch das Auge ins Gehirn«, stellte Kane fest und reinigte die Spitze seiner Waffe. »Er wußte nicht, was auf ihn zukam, und starb ohne Schmerzen. Möge Gott uns allen einen solch leichten Tod gewähren. Aber das Herz ist mir schwer in der Brust, denn er war kaum dem Jünglingsalter entwachsen und mir mit der Waffe nicht ebenbürtig. Nun, Gott wird am Tage des Jüngsten Gerichtes zwischen uns beiden richten.«

Mary wimmerte in Jacks Armen und erlangte wieder das Bewußtsein. Ein sonderbarer Schein breitete sich über der Gegend aus, und Hollinster vernahm ein eigenartiges Knistern.

»Seht! Das Haus brennt!«

Flammen schlugen aus dem schwarzen Dach des Herrenhauses der Banways. Die fliehenden Piraten hatten es in Brand gesteckt, und nun loderten die Flammen hoch empor. Das Meer leuchtete rot in der purpurnen Glut, und das Piratenschiff, das der offenen See zustrebte, schien in einem Meer von Blut zu schwimmen. Auch die Segel warfen den roten Schein zurück.

»Es segelt in einem Ozean von Blut!« rief Kane, in dem der schlummernde Aberglaube und schlummernde Poesie zum Ausbruch kamen.

»Es segelt in Blut, und seine Segel sind blutig! Tod und Vernichtung folgen ihm, und dahinter folgt die Hölle! Rot sei sein Verderben und schwarz sein Untergang!«

Mit einem plötzlichen Wechsel der Gefühle beugte sich der Fanatiker über Jack und das Mädchen.

»Ich würde deine Wunden verbinden, Junge«, sagte er sanft, »aber ich halte sie nicht für ernsthaft, und ich höre das Geklapper vieler Hufe über das Moor. Deine Freunde werden bald hier sein. Aus der Not erwächst Stärke, Friede und Glück, und vielleicht verläuft euer Lebensweg nach dieser Nacht des Schreckens gerader.«

»Aber wer seid Ihr?« rief das Mädchen und klammerte sich an ihn. »Ich weiß nicht, wie ich Euch danken soll ...«

»Du hast mir genug gedankt, kleines Mädchen«, antwortete der seltsame Mann sanft. »Mir genügt es, dich wohlbehalten und außer Gefahr zu sehen. Mögest du blühen und heiraten und starke Söhne und liebliche Töchter zur Welt bringen.«

»Aber wer seid Ihr? Woher kommt Ihr? Was sucht Ihr?

Wohin geht Ihr?«

»Ich habe keine Heimat.« Ein fast mystischer Ausdruck trat in seine Augen. »Ich komme aus dem Sonnenuntergang und gehe in den Sonnenaufgang, wohin der Herr meine Schritte lenkt. Ich suche – vielleicht mein Seelenheil. Ich kam, indem ich dem Pfad der Rache folgte. Jetzt muß ich euch verlassen. Die Morgendämmerung ist nicht mehr fern, und ich möchte nicht, daß sie mich müßig findet. Vielleicht sehe ich euch nicht wieder.

Meine Arbeit hier ist getan; ich stehe am Ende eines langen, roten Pfades. Der Mann des Blutes ist tot. Aber es gibt andere Männer des Blutes und andere Pfade der Rache und Vergeltung. Ich führe den Willen Gottes aus.

Solange das Böse gedeiht und Ungerechtes geschieht, solange Männer verfolgt werden und Frauen Gewalt angetan wird, solange schwache Dinge – ob Mensch oder Tier – mißhandelt werden, gibt es für mich keine Ruhe unter dem Himmel und keinen Frieden an Tisch oder Bett. Lebt wohl!«

»Bleib stehen!« rief Jack sich erhebend, wahrend plötzlich Tranen in seine Augen traten.

»Oh, bleibt doch stehen, Herr!« rief Mary und streckte die weißen Arme aus.

Aber die hohe Gestalt war in der Dunkelheit verschwunden.

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Das Skelett des Magiers

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»Hallo, Wirtshaus!«

Der Ruf unterbrach die brütende Stille und hallte durch den dunklen Wald.

»Mir deucht, diese Stelle hat etwas Unheimliches an sich.«

Zwei Männer standen vor der Waldherberge. Das Gebäude war niedrig, langgestreckt und unregelmäßig aus schweren Baumstämmen zusammengefügt. Massive Läden verdeckten die kleinen Fenster, und die Eingangstür war verschlossen. Über der Tür erkannte man undeutlich das unheilvolle Zeichen des Hauses, einen gespaltenen Schädel.

Die Tür schwang langsam auf, und ein bärtiges Antlitz wurde sichtbar. Der Mann trat zurück und bedeutete seinen Gästen einzutreten – zögernd und widerwillig, wie es schien. Auf dem Tisch brannte eine Kerze, und im Kamin flackerte ein Feuer.

»Eure Namen?«

»Solomon Kane«, erwiderte der Größere der beiden kurz.

»Gaston l’Armon«, sagte der andere. »Aber was kümmert dich das?«

»Im Schwarzwald gibt es wenige Wanderer«, knurrte der Wirt, »aber eine Menge Räuber. Setzt euch an den Tisch dort, und ich bringe euch Essen.«

Die beiden setzten sich, und man merkte es ihnen an, daß sie weit gewandert waren. Der eine war ein großer, hagerer Mann und in einfache, dunkle Kleider gekleidet, die die graue Blässe seines Gesichts noch unterstrichen.

Auf dem Kopf trug er einen schmucklosen Hut. Der andere bot einen gänzlich anderen Anblick. Spitzen und Federn zierten seine Kleidung, wenngleich sie von der langen Reise etwas staubig war. Trotz eines leicht verwegenen Eindrucks konnte man ihn als gut aussehend bezeichnen, und seine rastlosen Augen wanderten ständig umher.

Der Wirt brachte Wein und Essen an den roh gezimmerten Tisch und zog sich dann zurück. Seine Gesichtszüge wirkten wie die einer Statue, als der Schein des Feuers darüber huschte. Sein dichter Bart verlieh ihm etwas Tierisches. Eine große Nase krümmte sich fast über dem Mund, und zwei kleine rote Augen starrten unentwegt die beiden Gäste an.

»Wer bist du?« fragte unvermittelt der Jüngere.

»Ich bin der Wirt der Herberge ›Zum gespaltenen Schädel‹«, kam mürrisch die Antwort. Der Tonfall schien zu weiteren Fragen herauszufordern.

»Hast du viele Gäste?« l’Armon ging darauf ein.

»Nur wenige kommen ein zweites Mal«.

Kane zuckte zusammen und blickte forschend in die kleinen, roten Augen, als suchte er nach einer verborgenen Bedeutung in den Worten des Wirts. Die starrenden Augen schienen sich zu vergrößern, doch dann senkten sich die Lider unter dem kalten Blick des Engländers.

»Ich gehe zu Bett«, sagte Kane plötzlich, als er sein Mahl beendet hatte. »Bei Einbruch des Tageslichtes muß ich meine Reise fortsetzen.«

»Ich ebenfalls«, fügte der Franzose hinzu. »Wirt, zeige uns unsere Zimmer!«

Schwarze Schatten huschten über die Wände, als die beiden dem schweigenden Gastwirt in einen langen, dunklen Gang folgten. Im Licht der kleinen Kerze, die er trug, schien sich der gedrungene Körper ihres Führers zu strecken, und er warf einen langen Schatten hinter sich.

An einer bestimmten Tür hielt er an und gab ihnen damit zu verstehen, daß es sich um ihr Schlafgemach handelte. Sie traten ein, der Wirt entzündete eine Kerze mit der seinen und schlurfte dann den Weg zurück, den sie gekommen waren.

In der Kammer blickten die beiden Männer einander kurz an. Die einzigen Einrichtungsgegenstände waren zwei Betten, ein oder zwei Stühle und ein schwerer Tisch.

»Wir wollen sehen, ob nicht auf irgend eine Weise die Tür zu versperren ist«, sagte Kane. »Der Wirt macht mir keinen geheueren Eindruck.«

»Die Tür und der Türstock sind mit Eisenklammern versehen, aber der Riegel dazu fehlt«, stellte Gaston fest.

»Wir können den Tisch zerlegen und eine Leiste als Riegel verwenden«, überlegte Kane.

»Mon Dieu«, sagte 1’Armon, »Ihr seid aber ängstlich!«

Kane runzelte die Stirn. »Ich mag es nicht, im Schlaf ermordet zu werden«, antwortete er rauh.

»Und ich?« Der Franzose lachte. »Uns hat der Zufall zusammengeführt. Bis zu dem Zeitpunkt, da ich Euch auf dem Waldweg eine Stunde vor Sonnenuntergang überholte, haben wir einander noch niemals gesehen.«

»Ich bin Euch schon früher einmal begegnet«, erwiderte Kane, »aber ich kann mich nicht erinnern, wo und wann. Und was die Frage betrifft, so halte ich jeden Menschen für einen ehrlichen Kerl, solange er mir nicht das Gegenteil beweist. Außerdem habe ich einen leichten Schlummer und schlafe stets mit meiner Pistole griffbereit.«

Wiederum lachte der Franzose.

»Ich habe mich schon gefragt, ob M’sieur es wagen wird, mit einem Fremden in einem Zimmer zu schlafen. Ha, ha! Nichts für ungut, M’sieur Engländer, vielleicht finden wir in einem anderen Zimmer einen Riegel.«

Sie nahmen eine Kerze und betraten den Gang. Es herrschte vollkommene Stille, und die kleine Kerze flackerte rötlich in der dichten Dunkelheit.

»Der Wirt hat weder Gäste noch besitzt er Diener«, murmelte Solomon Kane. »Eine sonderbare Herberge. Wie war doch ihr Name? Der gespaltene Schädel? Wahrlich ein blutiger Name!«

Sie untersuchten der Reihe nach die Räume, doch hatten sie keinen Erfolg damit. Endlich erreichten sie das letzte Zimmer im Gang. Sie traten ein. Es war wie die übrigen eingerichtet, nur daß die Tür mit einem kleinen Guckloch versehen war und von außen mit einem schweren Riegel verschlossen werden konnte. Sie schoben den Riegel zurück und warfen einen Blick hinein.

»Hier müßte sich ein Fenster nach draußen befinden«, murmelte Kane. »Aber es gibt keines. Seht!«

Auf dem Boden waren dunkle Flecken zu erkennen.

An den Wänden und an der einen Liege befanden sich tiefe Kerben.

»Männer sind hier gestorben«, stellte Kane düster fest.

»Ist dort nicht ein Riegel an der Wand?«

»Aye, aber er ist angenagelt«, sagte der Franzose und rüttelte daran. »Das ...«

Ein Teil der Wand schwang nach innen auf, und Gaston stieß einen Ruf der Überraschung aus. Eine kleine Geheimkammer tat sich auf, und die beiden Männer beugten sich über das schaurige Etwas, das auf dem Boden darin lag.

»Das Skelett eines Menschen!« rief Gaston. »Und seht, das eine Bein ist an den Boden gekettet! Er wurde hier eingesperrt und ist gestorben.«

»Nein«, wandte Kane ein, »der Schädel ist gespalten. Mir deucht, unser Wirt hat diese höllische Herberge nicht grundlos so benannt. Dieser Mann war zweifellos ein Wanderer wie wir, der dem Teufel von Wirt in die Hände fiel.«

»Das ist anzunehmen«, meinte Gaston gleichmütig.

Er war dabei, den Unterschenkelknochen des Skeletts von dem starken Eisenring zu befreien. Als ihm dies nicht gelang, zog er seinen Degen und durchtrennte mit erstaunlicher Kraft die Kette, die den Ring am Bein mit einem Ring im Fußboden verband.

»Warum sollte er ein Skelett anketten?« fragte sich der Franzose. »Monbleu! Welche Verschwendung! Das ist eine gute Kette. Wie dem auch sei, M’sieur«, und bei diesen Worten wandte er sich ironisch an den Haufen weißer Knochen, »ich habe Euch befreit, und Ihr könnt gehen, wohin es Euch beliebt!«

»Haltet ein!« sagte Kane scharf. »Es tut nicht gut, die Toten zu verhöhnen.«

»Die Toten sollten sich verteidigen«, lachte l’Armon.

»Irgendwie werde ich den Mann umbringen, der mich tötet – und sollte meine Leiche aus den Tiefen des Ozeans zurückkehren, um das zu bewerkstelligen.«

Kane wandte sich der Tür zum Gang zu, nachdem er die Geheimkammer hinter sich geschlossen hatte. Er hatte nichts für die Worte des Franzosen übrig, die nach Schwarzer Magie und Hexerei rochen, und wollte so rasch wie möglich dem Wirt gegenübertreten, um ihn seines Verbrechens anzuklagen.

Als er dem Franzosen den Rücken zukehrte, spürte er plötzlich kalten Stahl in seinem Nacken und wußte, daß eine Pistolenmündung genau auf seine Wirbelsäule gerichtet war.

»Keine Bewegung, M’sieur!« Die Stimme klang leise und seidenweich. »Keine Bewegung, oder aber ich muß Euer Gehirn, das bißchen, was Ihr davon habt, über das ganze Zimmer verteilen.«

Der Puritaner kochte innerlich vor Zorn, hielt aber die Arme emporgestreckt, während l’Armon ihm Pistolen und Degen abnahm.

»Jetzt könnt Ihr Euch umdrehen«, sagte Gaston und machte einen Schritt zurück.

Kane faßte den Gecken genauer ins Auge, der nun mit dem Hut in einer Hand vor ihm stand, während die andere eine langläufige Pistole auf ihn gerichtet hielt.

»Gaston, der Schlächter«, sagte der Engländer grimmig. »Du kommst weit herum, Mörder! Ohne den verfluchten Hut erkenne ich dich nun. Ich habe dich vor einigen Jahren in Calais gesehen.«

»Aye. Und jetzt wirst du mich nie wieder sehen. Was war das?«

»Ratten, die das Skelett untersuchen«, antwortete Kane, der den Banditen wie ein Falke beobachtete und nur darauf wartete, daß der Lauf der Pistole etwas schwankte. »Es war das Geklapper von Knochen.«

»Höchstwahrscheinlich«, gab der andere zurück. »Und nun, M’sieur Kane, ich weiß, daß Ihr eine beträchtliche Geldsumme bei Euch tragt. Eigentlich hatte ich vor zu warten, bis Ihr eingeschlafen wart, um Euch dann zu töten, aber nun hat sich diese Gelegenheit ergeben, und ich habe sie ergriffen. Ihr seid leicht zu übertölpeln.«

»Ich habe kaum geglaubt, mich vor einem Mann in acht nehmen zu müssen, mit dem ich Brot geteilt habe«, sagte Kane, und tiefer Zorn schwang in seiner Stimme.

Der Bandit lachte höhnisch. Seine Augen verengten sich, als er sich rücklings der Tür zum Gang zuschob. Unwillkürlich spannten sich Kanes Muskeln, als er sich bereit machte, nach der Art eines Wolfes einen Todessprung zu versuchen, aber Gastons Arm war wie aus Stein gehauen, und der Lauf der Pistole schwankte nicht um einen Fingerbreit.

»Hier wird nichts versucht, wenn ich schieße«, sagte Gaston. »Bleibt ruhig stehen, M’sieur; ich habe erlebt, wie Sterbende noch zu töten vermochten, und um diese Möglichkeit auszuschließen, will ich den Abstand zwischen uns beiden ein wenig vergrößern. Wenn ich dann schieße, so mögt Ihr brüllen und mich anspringen, aber Ihr werdet sterben, ehe Ihr mich noch mit Euren bloßen Händen erreicht habt. Und der Wirt ist um ein Skelett reicher in der Kammer. Das heißt, wenn ich ihn nicht ebenfalls töte. Der Narr kennt mich nicht, ich ihn ebenfalls nicht, und davon abgesehen ...«

Jetzt stand der Franzose in der Tür und hob die Pistole. Die Kerze, die sie in eine Nische in der Wand gestellt hatten, verbreitete ein gespenstisch flackerndes Licht, das den Gang hinter der Tür im Schatten ließ. Und mit der Plötzlichkeit des Todes erhob sich aus der Dunkelheit hinter Gastons Rücken undeutlich eine gedrungene Gestalt, und eine schimmernde Klinge zischte herab.

Stumm brach der Franzose mit gespaltenem Schädel in die Knie. Über ihm stand drohend der Wirt. Mit dem schweren Säbel in der Hand bot er einen schrecklichen Anblick.

»Ho! Ho!« brüllte er. »Zurück!«

Kane hatte einen Satz vorwärts gemacht, als Gaston fiel, aber der Wirt hielt ihm mit der Linken eine Pistole ins Gesicht.

»Zurück!« wiederholte er grollend, und Kane wich vor der drohenden Waffe und dem Wahnsinn in den Augen des Wirtes einen Schritt zurück.

Der Engländer rührte sich nicht. Ein Schauder lief ihm über den Rücken, als er die Drohung spürte, die von dem Mann ausging. Er stellte eine gänzlich andere Gefahr dar als der Franzose. Es war etwas Unmenschliches an ihm, als er langsam von einem Bein auf das andere schwankte, während er wieder sein Gelächter ausstieß.

»Gaston, der Schlächter!« rief er und versetzte der Leiche zu seinen Füßen einen Tritt. »Ho! Ho! Der Räuber wird nicht mehr auf die Jagd gehen! Ich habe von dem Narren gehört, der den Schwarzwald durchstreifte. Auf Gold war er aus, und den Tod hat er gefunden. Jetzt gehört sein Gold mir, und mehr als das: Mein ist die Rache!«

»Ich bin nicht dein Feind«, sagte Kane ruhig.

»Alle Menschen sind meine Feinde! Sieh dir die Narben an meinen Gelenken an! Sieh die Narben an meinen Knöcheln! Und tief in meinen Rücken gegraben – die Küsse der Peitsche! Und tief in meinem Gehirn die Wunden, die die langen Jahre in den kalten Zellen verursacht hatten, in denen ich zur Strafe für ein Verbrechen lag, das ich nicht begangen habe!« Die Stimme brach mit einem Schluchzen.

Kane gab keine Antwort. Dieser Mann war nicht der erste, den er gesehen hatte, und dessen Geist den Schrecken der berüchtigten Gefängnisse auf dem Kontinent nicht standgehalten hatte.

»Aber ich entkam!« kreischte der Wirt triumphierend, »und hier führe ich gegen alle Krieg ... Was war das?«

Vermochte Kane einen Funken von Furcht in diesen schrecklichen Augen zu entdecken?

»Mein Zauberer klappert mit seinem Gebein!« flüsterte der Mann und lachte dann wild auf. »Als er starb, schwor er, daß seine Knochen mir den Tod bringen würden. Ich kettete seinen Leichnam an den Boden, und jetzt höre ich des Nachts, wie sein Skelett klappert und kracht, wenn es sich zu befreien versucht, und ich lache! Ho, wie ich lache! Wie er sich bemüht, aufzustehen, die dunklen Gänge entlangzuschleichen und mich schlafend in meinem Bett zu töten!«

Plötzlich weiteten sich die wahnsinnigen Augen erschreckend.

»Ihr wart in der Geheimkammer, du und dieser tote Narr! Hat er mit euch gesprochen?«

Kane lief unwillkürlich ein Schauer über den Rücken.

War es Irrsinn oder hörte er tatsächlich das schwache Klappern von Knochen, als hätte sich das Skelett leicht bewegt? Kane zuckte die Achseln; Ratten zupften wohl auch an verstaubten Knochen.

Wieder lachte der Gastwirt. Er glitt seitwärts um Kane herum, währenddessen er den Engländer mit der Pistole in Schach hielt, und öffnete mit der freien Hand die Tür zur Kammer. Drinnen war es so dunkel, daß Kane nicht einmal das Schimmern des Gebeins auf dem Boden zu erkennen vermochte.

»Alle Menschen sind meine Feinde!« murmelte der wahnsinnige Wirt. »Warum sollte ich einen Menschen verschonen? Wer rührte auch nur einen Finger, mir zu helfen, als ich in den verfluchten Verliesen von Bayreuth jahrelang schmachtete – für eine Tat, die mir niemals nachgewiesen wurde? Da geschah etwas mit meinem Verstand. Ich wurde wie ein Wolf, ein Bruder derjenigen im Schwarzwald, zu denen ich mich flüchtete, nachdem ich entkommen war. Meine Brüder haben sich an allen gütlich getan, die in meiner Herberge übernachteten – an allen außer diesem, der nun mit den Knochen knirscht, dieser Magier aus Rußland. Und damit er nicht zurückkehrt, wenn die Dunkelheit über der Welt liegt, und mich tötet, schälte ich ihm das Fleisch von den Gelenken und kettete ihn an.

Sein Zauber war nicht mächtig genug, ihn vor mir zu schützen, aber jeder weiß, daß ein toter Zauberer gefährlicher ist als ein lebender. Keine Bewegung, Engländer! Deine Knochen sollen neben diesen in der geheimen Kammer ruhen, um ...«

Der Irre stand teilweise in der Türöffnung zu der verborgenen Kammer, und seine Waffe war immer noch auf Kane gerichtet. Plötzlich schien er nach hinten zu kippen und verschwand in der Finsternis. Im selben Augenblick fuhr ein Windstoß durch das Gemach und schlug die Tür hinter ihm zu. Die Kerze an der Wand flackerte und verlosch. Kane bückte sich und tastete mit den Händen über den Boden. Als er eine Pistole fand, richtete er sich auf und wandte sich der Tür zu, hinter der der Wahnsinnige verschwunden war. In völliger Finsternis stand er da, und das Blut gerann ihm in den Adern, als ein entsetzliches Schreien aus der Kammer drang, in das sich das Geklapper von Knochen mischte.

Dann war alles still.

Kane fand Feuerstein und Stahl und entzündete die Kerze. Mit dieser in der einen und der Pistole in der anderen Hand öffnete er die Geheimtür.

»Großer Gott!« murmelte er, und kalter Schweiß drang ihm aus jeder Pore seines Körpers. »Das hier widerspricht allen Gesetzen der Vernunft, und dennoch sehe ich es mit meinen eigenen Augen! Zwei Schwüre sind in Erfüllung gegangen, denn der Schlächter schwor, daß er selbst nach seinem Tod diesen rächen würde, und es war seine Hand, die jenes fleischlose Monstrum befreite. Und dieser ...«

Der Wirt der Herberge ›Zum gespaltenen Schädel‹ lag leblos auf dem Boden der geheimen Kammer. Sein tierhaftes Gesicht war zu einer Fratze schrecklicher Furcht verzerrt, und tief in sein gebrochenes Genick gegraben waren die nackten Fingerknochen des Skeletts.

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Der Moorgeist

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Es gibt zwei Wege nach Torkertown.

Der kürzere und direktere führt quer über ein Hochmoor, während der längere sich zwischen den niedrigen Erhebungen und den gefährlichen Morasten der Sumpflandschaft hindurchwindet, die sich östlich der Hügel erstreckt. Es war ein tückischer und anstrengender Pfad, und daher hielt Solomon Kane erstaunt an, als er von einem atemlosen Jüngling aus der Ortschaft eingeholt wurde, die er gerade verlassen hatte, und von diesem gebeten wurde, doch den Sumpfweg zu wählen.

»Den Sumpfweg!«

Kane blickte den Jungen verständnislos an.

Solomon Kane war ein großer, hagerer Mann, dessen einfaches puritanisches Gewand den düsteren Eindruck des grauen Gesichts mit den tiefliegenden, brütenden Augen noch verstärkte.

»Ja, Herr; es ist viel sicherer«, antwortete der Junge.

»Dann muß der Moorweg vom Satan selbst heimgesucht sein, denn im Dorf hat man mich vor dem anderen gewarnt.«

»Wegen der Sumpflöcher, Herr, die in der Dunkelheit schwer zu entdecken sind. Am besten wäre es für Euch, ins Dorf zurückzukehren und die Reise morgen fortzusetzen, Herr.«

»Und den Sumpfweg einzuschlagen?«

»Ja, Herr.«

Kane zuckte die Achseln und schüttelte den Kopf.

»Der Mond wird aufgehen, sobald die Nacht hereinbricht. In seinem Licht kann ich Torkertown über das Moor in wenigen Stunden erreichen.«

»Herr, es ist besser, wenn Ihr diesen Weg meidet. Auch sonst benützt ihn niemand. Auf dem Moor gibt es überhaupt keine Häuser, während in den Sümpfen das Haus des alten Ezra steht, der es ganz allein bewohnt, seit sein verrückter Vetter Gideon in den Sümpfen verschwand und nie gefunden wurde. Und obwohl der alte Ezra ein Geizhals ist, so wird er Euch nicht die Unterkunft verweigern, falls Ihr Euch entschließen solltet, bei ihm den Morgen abzuwarten. Wenn Ihr nach Torkertown müßt, so nehmt Ihr besser den Weg durch die Sümpfe.«

Kane betrachtete den Knaben mit einem durchdringenden Blick. Der Junge wand sich verlegen und trat von einem Fuß auf den anderen.

»Wenn der Weg über das Hochmoor für den Wanderer so gefährlich ist«, sagte der Puritaner, »warum haben mir die Dorfbewohner dann nicht die ganze Geschichte erzählt, anstatt sich so unbestimmt auszudrücken?«

»Die Leute sprechen nicht gern darüber, Herr. Wir hofften, Ihr würdet den Weg durch die Sümpfe wählen, nachdem man Euch dazu geraten hatte, aber als wir Euch nachsahen und merkten, daß Ihr an der Weggabelung nicht abzweigtet, schickte man mich hinterher, um Euch zu warnen.«

»Zum Teufel!« rief Kane unbeherrscht aus. Sein Ärger mußte groß sein, denn es war sonst nicht seine Art zu fluchen. »Der Sumpfweg, der Moorweg – welche Gefahr droht mir, und warum soll ich einen meilenweiten Umweg machen und das Risiko der Schlammlöcher auf mich nehmen?«

»Herr«, sagte der Knabe, indem er die Stimme senkte und näher an Kane heran trat, »wir sind einfache Dorfbewohner, die nicht gern über solche Dinge reden, damit nicht das Unglück über uns kommt, aber der Weg über das Moor ist ein verfluchter Weg und wurde von den Leuten aus der Gegend seit über einem Jahr nicht mehr benützt. Des Nachts über das Moor zu gehen, bedeutet den Tod, wie so mancher Unglückliche erfahren mußte. Irgendein schreckliches Ungeheuer lauert dort auf Opfer.«

»So? Und wie sieht dieses Ungeheuer aus?«

»Das weiß kein Mensch. Niemand, der es gesehen hat, ist noch am Leben. Mancher späte Wanderer hat draußen schreckliches Gelächter vernommen, und man hat die entsetzlichen Schreie seiner Opfer gehört. Herr, um Himmels willen kehrt ins Dorf zurück, verbringt da die Nacht und nehmt morgen den Weg durch die Sümpfe nach Torkertown.«

Tief in Kanes düsteren Augen begann ein Licht zu glimmen. Sein Herz schlug rascher. Abenteuer! Der Reiz der Gefahr unter Einsatz des Lebens! Nun war es keineswegs so, wie Kane seine Gefühle einschätzte. Er war überzeugt davon, seinen wirklichen Empfindungen Ausdruck zu verleien, als er sagte: »Hier sind die Taten einer bösen Macht geschehen. Die Herren der Finsternis haben das Land mit einem Fluch belegt. Es bedarf eines starken Mannes, Satan und seine Macht zu bekämpfen. Deswegen gehe ich weiter, der ich ihn viele Male besiegt habe.«

»Herr«, begann der Knabe, hielt aber dann den Mund, als er die Zwecklosigkeit weiterer Einwände erkannte.

Er fügte nur noch hinzu: »Die Leichen der Opfer sind zerrissen und zerfetzt, Herr.« Er stand an der Weggabelung und seufzte bedauernd, als er sah, wie die lange, hagere Gestalt den Weg zum Moor hinaufging.

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DIE SONNE GING UNTER, als Kane den Hang bezwungen und das Hochland erreicht hatte, auf dem sich das Moor erstreckte. Riesig und blutrot versank sie hinter dem Horizont und schien das dürre Gras in Brand zu setzen, so daß es dem Wanderer einen Augenblick lang war, als blicke er über ein Meer von Blut. Dann glitten die Schatten aus dem Osten heran, der Glanz im Westen verschwand, und Solomon Kane schritt mutig in die zunehmende Dunkelheit hinein.

Zwar war der Pfad etwas verwachsen, weil er so lange nicht benützt worden war, doch konnte Kane ihn deutlich erkennen, als er ihm rasch jedoch aufmerksam folgte, den Degen und die Pistolen griffbereit. Die Sterne traten hervor, und der Nachtwind wisperte im Gras, und es klang wie das Flüstern von Gespenstern. Der Mond ging auf und wirkte wie ein kahler Schädel zwischen den Sternen. Plötzlich hielt Kane an. Irgendwo vor ihm erklang ein sonderbares, geisterhaftes Echo – oder so etwas wie ein Echo. Da! Nochmals! Diesmal lauter. Kane setzte sich wieder in Bewegung. Täuschten ihn die Sinne? Nein!

Weit draußen ertönte schreckliches Lachen. Und wiederum, diesmal von näher her. Kein menschliches Wesen lachte jemals so. Es lag keine Freude darin, nur Haß, Furcht und höchstes Entsetzen. Kane blieb stehen. Er hatte keine Angst, verlor einen Augenblick lang jedoch die Fassung. Dann drang durch das schreckliche Gelächter ein Schrei, der zweifellos aus einer menschlichen Kehle stammte. Kane nahm mit erhöhter Geschwindigkeit seinen Weg wieder auf. Er verfluchte das täuschende Licht und die flackernden Schatten, die durch den tiefstehenden Mond hervorgerufen wurden und ein genaues Erkennen der Umgebung unmöglich machte. Das Gelächter wurde lauter und die Schreie ebenfalls. Dann ertönte das Geräusch rennender Füße. Kane begann zu laufen.

Da draußen wurde ein Mensch zu Tode gehetzt, und Gott allein mochte wissen, wer oder was der Verfolger war. Plötzlich verstummte das Geräusch der fliehenden Füße, und das Schreien wurde unerträglich laut und ekelhafte Laute ertönten. Offenbar war ein Mann eingeholt worden, und Kane sah vor seinem geistigen Auge, wie ein höllisches Ungeheuer auf dem Rücken des Unglücklichen kauerte und ihm die Klauen ins Fleisch bohrte.

Da drangen die Geräusche eines kurzen, verzweifelten Kampfes durch die Stille der Nacht, worauf wieder die rennenden Schritte zu vernehmen waren – diesmal jedoch stolpernd und unregelmäßig. Auch das Schreien war wieder zu hören, unterbrochen von gurgelndem Keuchen. Kalter Schweiß trat Kane auf die Stirn. Wollte denn der Schrecken gar kein Ende nehmen?

O Gott! Wenn es bloß für einen Augenblick hell wäre!

Das furchtbare Drama spielte sich, der Deutlichkeit der Laute nach zu schließen, in seiner unmittelbaren Nähe ab. Aber das teuflische Zwielicht hüllte alles in unbeständige Schatten, die das Moor zu beleben schienen, und die verkrüppelten Bäume und Büsche wirkten wie Riesen.

Kane rief und bemühte sich, noch rascher voranzukommen. Die Schreie des Unbekannten steigerten sich zu einem entsetzlichen Kreischen, wieder ertönte Kampfgeräusch, und dann taumelte aus den Schatten des hohen Grases eine Gestalt, die einmal ein Mensch gewesen war, ein schleimbedecktes, grausiges Ding, das Kane zu Füßen fiel, sich krümmte und wand, das furchtbar anzusehende Gesicht dem aufgehenden Mond zuwandte, stammelte und gurgelte und endlich zusammenbrach und starb.

Der Mond war nun zur Gänze aufgegangen, was die Sicht beträchtlich verbesserte. Kane beugte sich über den Körper, und als er die schrecklichen Verstümmelungen wahrnahm, schauderte er. Und das, obwohl er oftmals Taten der Spanischen Inquisition und der Hexenjäger miterlebt hatte.

Er nahm an, daß es sich um einen Wanderer handelte.

Und plötzlich schien eine Eishand sein Rückgrat zu umklammern, als er gewahr wurde, daß er nicht allein war.

Er sah auf, und seine kalten Augen durchdrangen die Schatten, aus denen der Mann getaumelt war, mit ihren Blicken. Er erblickte nichts, aber er wußte, er fühlte, daß ein anderes Augenpaar seinen Blick erwiderte, Augen, die nicht von dieser Welt waren. Er richtete sich auf, zog eine Pistole und wartete. Das Licht des Mondes ergoß sich über das Moor, und die Bäume und Gräser nahmen ihre gewohnten Formen und Proportionen an.

Die Schatten schmolzen, und Kane sah es! Zuerst hielt er es für einen Nebelfetzen, der zwischen den hohen Gräsern vor ihm schwankte. Er sah genauer hin. Eine Täuschung, dachte er. Doch dann begann das Ding Gestalt anzunehmen, undeutlich und unbestimmt zuerst; doch plötzlich glühte ein schreckliches Augenpaar auf, ein Augenpaar, in dem all der Schrecken lag, der den Menschen vom Anbeginn seiner Tage an geplagt hatte.

Wahnsinn sprach aus den Augen, Wahnsinn, der irdischen Begriffen spottete. Die Gestalt des Dinges war nebelhaft und undeutlich, sie glich auf grausige Weise der eines Menschen, war ihr gleichzeitig jedoch auf schreckliche Art unähnlich. Deutlich waren durch sie hindurch die Gräser und die Büsche zu erkennen.

Kane fühlte, wie das Blut in seinen Schläfen pochte, aber er war kalt wie Eis. Wie ein so unstabiles Etwas wie das Ding vor ihm einem Menschen physischen Schaden zufügen konnte, begriff er nicht; aber der verstümmelte Leichnam zu seinen Füßen legte nur zu deutlich Zeugnis dafür ab, daß das Ungeheuer dazu in der Lage war. Einer Sache war sich Kane gewiß: Er würde sich nicht über das öde Moor jagen lassen, er würde nicht fliehen. Wenn er sterben mußte, so mit dem Gesicht zum Feind. Da öffnete sich ein schauerliches Maul in der undeutlichen Gestalt, und wiederum ertönte das dämonische Gelächter. Aus dieser Nähe war es kaum auszuhalten. Der Todesgefahr nicht achtend, hob Kane kaltblütig die Pistole und feuerte mitten in das Maul. Ein wahnsinniges Kreischen der Wut und des Spottes war die Antwort auf den Schuß, und wie eine vom Wind getriebene Nebelschwade stürzte sich das Ding mit vorgestreckten Schattenarmen auf Kane, um ihn niederzureißen.

Kane bewegte sich mit der Raschheit eines hungernden Wolfes. Er feuerte seine zweite Pistole ab, was ebenfalls keine Wirkung zeigte, riß seinen langen Degen aus der Scheide und stieß ihn mitten in den nebelhaften Angreifer. Die Klinge zischte, als sie widerstandslos hindurchdrang, und Kane spürte, wie eisige Finger seine Glieder packten, bestialische Krallen seine Kleidung und die Haut darunter zerrissen.

Er ließ den nutzlosen Degen fallen und versuchte, seinen Feind zu packen. Es war, als kämpfe er gegen einen Nebelschleier, einen fliegenden Schatten, der mit dolchartigen Krallen bewaffnet war. Seine wilden Hiebe gingen ins Leere, und seine zähen, kraftvollen Arme, in deren Umklammerung starke Männer ihr Leben hatten lassen müssen, fuhren durch Luft und packten nichts als Leere. Nichts hatte Substanz oder war wirklich außer den reißenden, affenartigen Fingern mit ihren gekrümmten Krallen und die wahnsinnigen Augen, die sich in die Tiefen seiner Seele brannten.

Kane erkannte, daß er sich wahrhaftig in einer verzweifelten Lage befand. Die Kleidung hing bereits in Fetzen an ihm herab, und er blutete aus einer Anzahl tiefer Wunden. Aber er gab nicht auf, und der Gedanke an Flucht kam ihm nicht einmal in den Sinn. Er war noch nie vor einem einzelnen Feind geflohen. Über den Ausgang des Kampfes bestand für ihn kein Zweifel. Er sah bereits seine Leiche neben den Überresten des anderen Opfers liegen, aber der Gedanke daran hatte nichts Schreckliches für ihn. Sein einziger Wunsch war, sich so tapfer wie möglich und so lange wie möglich zu verteidigen und dem unterirdischen Feind Schaden zuzufügen.

Unter dem bleichen Licht des Mondes kämpfte Mensch gegen Dämon über der verstümmelten Leiche, und alle Vorteile mit Ausnahme von einem lagen bei dem Dämon. Dieser eine jedoch wog alle anderen auf. Denn wenn abstrakter Haß einem geisterhaften Ding materielle Substanz zu verleihen vermag, stellte dann nicht die ebenso abstrakte Tapferkeit eventuell eine wirksame Waffe im Kampf gegen diesen Geist dar?

Kane kämpfte mit den Armen, Füßen und Händen und stellte endlich fest, daß der Geist nachzugeben begann und das schreckliche Gelächter sich in erstaunte Wutschreie verwandelte. Denn die einzige Waffe des Menschen ist der Mut, der nicht einmal vor den Toren der Hölle zurückschreckt, und gegen diese bestehen nicht einmal die Legionen des Bösen.

Von all dem wußte Kane nichts. Er merkte nur, daß die Krallen, die an ihm zerrten und rissen, schwächer zu werden schienen, und daß in den schrecklichen Augen ein wildes Leuchten wuchs. Schwankend und keuchend stürzte er vor, bekam das Ding endlich zu fassen und warf es zu Boden. Und als sie sich am Boden wälzten, und als es wie eine Schlange zuckte und sich wand, lief es ihm kalt über den Rücken, und das Haar sträubte sich in seinem Nacken, denn Kane begann das Gestammel des Dinges zu verstehen.

Er hörte und verstand es nicht auf die Weise, wie ein Mensch die Sprache eines Menschen hört und versteht, aber die entsetzlichen Geheimnisse, die es ihm flüsternd und stammelnd und kreischend mitteilte, drangen wie Finger aus Eis in seine Seele, und ... er wußte.

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DIE HÜTTE DES ALTEN Ezra stand inmitten der Sümpfe am Rand des Weges. Der Ring von grauen Bäumen, der sie umgab, verbarg sie halb, ihre Wände moderten, das Dach war am verfallen, und blaßgrüne Baumschwämme wuchsen an Tür und Fenster, als versuchten sie hineinzusehen. Die Bäume beugten sich über sie, und deren Zweige waren miteinander verflochten. Die Hütte kauerte im Halbdunkel wie ein monströser Zwerg, über dessen Schultern sich Unholde beugen.

Der Weg, der sich zwischen faulenden Baumstümpfen, kleineren Hügeln und stinkenden Schlammpfützen durch die Sümpfe wand, führte an der Hütte vorbei. In diesen Tagen gingen viele Menschen diesen Weg, aber nur wenige sahen den alten Ezra. Und selbst diese erhaschten bloß einen Blick von dem gelben Gesicht, das zwischen den Flechten vor dem Fenster hindurchspähte und selbst wie ein Baumschwamm wirkte.

Der alte Ezra hatte überhaupt viel Sumpfartiges an sich: Er war verwachsen und schweigsam, seine Finger glichen den Luftwurzeln parasitischer Pflanzen, sein wirres Haar hing wie gelbgraues Moos über die Augen, die an die Düsterkeit des Sumpflandes gewöhnt waren, und seine Augen glichen denen eines Toten, wenngleich in ihnen etwas von den trüben Tiefen der Tümpel der Sumpflandschaft lag.

Diese Augen waren nun auf den Mann gerichtet, der vor der Hütte stand. Der Mann war groß und schlank, sein Gesicht hager und von Klauen gezeichnet, und Arme und Beine waren mit Bandagen umwickelt. In einigem Abstand hinter ihm hielt sich eine Gruppe Dorfbewohner auf.

»Du bist Ezra vom Sumpfweg?«

»Aye, und was willst du von mir?«

»Wo ist dein Vetter Gideon, der wahnsinnige Jugendliche, der mit dir zusammen wohnte?«

»Gideon?«

»Aye.«

»Er ist eines Tages in die Sümpfe gewandert und nicht wieder zurückgekehrt. Zweifellos hat er sich verirrt und ist von Wölfen angefallen worden, oder er ist in einem Schlammloch versunken oder von einer Natter gebissen worden.«

»Wann war das?«

»Vor über einem Jahr.«

»Aye. Hör zu, Ezra. Kurz nach dem Verschwinden deines Vetters wurde ein Bauer, der über das Moor heimkehrte, von einem unbekannten Unhold überfallen und in Stücke gerissen, und seither bedeutet es den Tod, den Weg über das Moor zu nehmen. Erst waren es Menschen aus der Gegend, später nur noch Fremde, die dem Ding in die Hände fielen; seither sind viele gestorben.

In der vergangenen Nacht wanderte ich über das Moor und hörte, wie ein weiteres Opfer floh und verfolgt wurde, ein Fremder, der von der Gefahr nichts wußte. Ezra, der Mann hatte fürchterliches auszustehen, denn zweimal gelang es ihm, schwer verletzt, dem Feind zu entkommen, doch jedesmal packte ihn der Dämon wieder und riß ihn zu Boden. Endlich brach er tot vor meinen Füßen zusammen. Er starb auf eine Weise, die eine Steinstatue erweichen lassen könnte.«

Die Dorfbewohner bewegten sich unruhig und murmelten furchtsam untereinander. Die Augen des alten Ezra huschten hierhin und dorthin. Der düstere Ausdruck auf Kanes Antlitz jedoch war unverändert, und sein raubvogelhafter Blick schien den Alten zu durchbohren.

»Aye, aye«, murmelte Ezra hastig. »Es ist eine böse Sache, wahrhaftig eine böse Sache! Aber warum erzählst du mir das?«

»Aye, es ist eine böse Sache. Hör weiter, Ezra. Der Unhold kam aus den Schatten hervor, und ich kämpfte mit ihm über der Leiche seines Opfers. Aye, wie ich ihn überwand, weiß ich nicht, denn der Kampf war hart und lang, aber die Mächte des Guten und des Lichtes waren auf meiner Seite, und sie sind stärker als die Mächte der Hölle.

Endlich gewann ich die Oberhand, und das Ding riß sich von mir los und floh, und ich folgte ihm vergebens.

Aber ehe es floh, flüsterte es mir eine ungeheuerliche Geschichte zu.«

Der alte Ezra fuhr zusammen, blickte wild um sich und schien in sich zusammenzusinken.

»Nein, warum erzählst du mir das?« murmelte er.

»Ich kehrte ins Dorf zurück und berichtete von den Geschehnissen«, setzte Kane fort, »denn ich wußte, daß es nun in meiner Hand lag, das Moor für immer von seinem Fluch zu befreien. Ezra, komm mit uns!«

»Wohin?« keuchte der Alte.

»Zur modernden Eiche auf dem Moor.«

Ezra taumelte, als habe man ihn geschlagen. Er schrie etwas Unverständliches und wandte sich zur Flucht.

Im selben Augenblick gab Kane ein scharfes Kommando, zwei kräftige Dörfler sprangen vor und packten den Alten an beiden Armen. Sie entwanden seiner dürren Hand einen Dolch und preßten ihm die Arme an den Körper. Bei der Berührung mit seinem kalten Fleisch konnten sie einen Schauder nicht unterdrücken.

Kane bedeutete ihnen, ihm zu folgen, wandte sich um und schritt den Weg voran, gefolgt von den Dorfbewohnern, die Mühe hatten, den Gefangenen mit sich zu schleppen. Nach einiger Zeit schwenkten sie auf einen wenig benutzten Pfad ein, der die niedrigen Hügel hinan und zum Hochmoor führte.

Die Sonne glitt dem Horizont entgegen, und der alte Ezra starrte sie mit hervorquellenden Augen an, als könnte er nicht genug von ihr sehen. Auf dem Moor erhob sich eine gewaltige Eiche wie ein Galgen, doch war sie nur noch eine modernde Hülle. Bei ihr blieb Solomon Kane stehen.

Der alte Ezra wand sich im Griff seiner Häscher und stieß unverständliche Laute aus.

»Vor über einem Jahr«, sagte Solomon Kane, »hast du deinen schwachsinnigen Vetter Gideon auf demselben Pfad, dem wir jetzt folgten, aus den Sümpfen hierher gebracht und nächtens ermordet, weil du fürchtetest, er würde sich bei den Leuten über die Grausamkeiten beklagen, die du an ihm begangen hast.«

Ezra wand sich und knurrte: »Du kannst diese Lüge nicht beweisen!«

Kane richtete einige Worte an einen behenden Dorfeinwohner. Der Jugendliche erkletterte den dicken Stamm des Baumes, und hoch oben zog er etwas aus einem Loch hervor und ließ es klappernd auf den Boden zu Füßen des Alten fallen. Ezra sackte mit einem schrecklichen Aufschrei zusammen.

Es war das Skelett eines Menschen mit gespaltenem Schädel.

»Du ... wie hast du das gewußt? Du bist der Satan!« stammelte der alte Ezra.

Kane verschränkte die Arme.

»Das Ding, mit dem ich gestern nacht kämpfte, erzählte es mir, und ich folgte ihm bis zu diesem Baum. Denn das Ungeheuer ist Gideons Geist.«

Ezra heulte wiederum auf und versuchte sich loszureißen.

»Du hast gewußt«, fuhr Kane ernst fort, »wer für die Untaten verantwortlich war. Du fürchtest den Geist des Wahnsinnigen, und deshalb begingst du deine Tat auf dem Moor und verbargst die Leiche dort anstatt im Sumpf. Denn du wußtest, der Geist würde den Platz seines Todes heimsuchen. Im Leben waren seine Sinne verwirrt, und im Tode vermochte er seinen Mörder nicht zu finden, sonst hätte er dich in deiner Hütte aufgesucht. Er haßt niemanden außer dir, aber in seinem Wahn vermag er die Menschen nicht voneinander zu unterscheiden, und so tötet er alle, um sicherzugehen. Doch er würde dich erkennen und danach für alle Zeit in Frieden ruhen. Der Haß hat aus seinem Geist ein substantielles Etwas gemacht, das verletzen und töten kann, und obgleich er dich Zeit seines Lebens auf das Äußerste gefürchtet hat, fürchtet er dich im Tode nicht im geringsten.«

Kane hielt inne und warf einen Blick auf die Sonne.

»All dies erfuhr ich von Gideons Geist, entnahm ich seinem Gestammel und Geflüster und Kreischen. Nur dein Tod vermag diesem Geist die Ruhe zu verleihen.«

Ezra lauschte in atemloser Stille, als Kane sein Urteil sprach.

»Es ist eine schwere Sache, einen Mann kaltblütig zum Tode zu verurteilen«, sprach Kane, »und besonders auf diese Weise, wie ich es vorhabe. Aber du mußt sterben, auf daß andere leben können; und Gott weiß, du hast den Tod verdient. Du sollst nicht durch die Schlinge sterben, nicht durch die Kugel oder das Schwert, sondern durch die Klauen deines Opfers. Denn nichts anderes wird ihn befriedigen.«

Bei diesen Worten brach Ezra zusammen. Seine Knie gaben nach, und er fiel schreiend und wimmernd zu Boden und flehte sie an, ihn sofort zu töten. Kanes Antlitz war unbeweglich wie das des Todes, und die Dörfler banden den kreischenden Unglücklichen an die Eiche.

Einer von ihnen forderte ihn auf, sich auf die Begegnung mit Gott vorzubereiten, doch Ezra gab keine Antwort, sondern schrie ohne Unterlaß mit schriller Stimme. Als ein Mann ihn schlagen wollte, hinderte Kane ihn daran.

»Laß ihn sich auf die Begegnung mit Satan gefaßt machen, denn diesem wird er eher begegnen«, sagte der Puritaner grimmig. »Die Sonne geht gleich unter. Lockert ihm die Fesseln, so daß er sich bei Einbruch der Dunkelheit zu befreien vermag, denn es ist besser, dem Tod frei zu begegnen.«

Als sie sich abwanden, um ihn zu verlassen, jammerte der alte Ezra und stieß unmenschliche Laute aus, schwieg aber dann und wandte seinen Blick nicht einen Moment von der Sonne.

Als sie über das Moor schritten, blickte sich Kane ein letztes Mal um und sah zu der unförmigen Gestalt zurück, die an den Baum gefesselt war. Und plötzlich schrie der Alte mit entsetzlicher Stimme: »Tod! Tod! Ich sehe den Tod zwischen den Sternen!«

»Das Leben war ihm teuer trotz seiner verkrüppelten Gestalt und seiner Bosheit«, seufzte Kane. »Vielleicht hat Gott einen Platz für solche Seelen, wo Feuer sie von ihrer Schlechtigkeit reinigt, so wie das Feuer den Wald von Schwammgewächsen säubert. Aber mein Herz ist schwer.«

»Nein, Herr«, sagte einer der Dörfler, »Ihr habt nur den Willen Gottes ausgeführt, und aus dem Geschehen dieser Nacht wird nur Gutes erwachsen.«

»Nein«, antwortete Kane niedergeschlagen.

»Ich weiß nicht ...«

Die Sonne war nun verschwunden, und die Nacht breitete sich mit erstaunlicher Schnelligkeit aus. Es war, als eilten große Wolken aus unbekannten Tiefen heran, um die Welt mit Dunkelkeit zu umhüllen. Durch die Finsternis drang ein sonderbarer Laut, und die Männer blieben stehen und blickten den Weg zurück, den sie gekommen waren.

Nichts war zu sehen. Das Moor war ein Ozean von Schatten, und das hohe Gras um sie beugte sich in langen Wellen vor dem schwachen Wind und unterbrach die Stille mit einem leisen Wispern.

Da erhob sich in der Ferne die rote Scheibe des Mondes über dem Moor, und für einen Augenblick lang zeichnete sich vor ihr eine grimmige Szene ab: Eine Gestalt floh gebeugt über das Antlitz des Mondes, deren Füße kaum den Boden zu berühren schien, und dicht dahinter folgte ein Ding, das wie ein fliegender Schatten wirkte – ein namenloses Ungeheuer.

Dann verschmolzen die beiden Gestalten zu einer formlosen Masse, die in den Schatten verschwand.

Über das Moor hallte kurz schrilles Gelächter.

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Schatten des Todes

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Das Mondlicht schimmerte verschwommen und ließ zwischen den Schatten der Bäume silbrige Nebel entstehen. Eine schwache Brise flüsterte ins Tal hinab und führte einen Schatten mit sich, der nicht aus dem Mondlicht geboren war. Ein leichter Geruch von Rauch lag in der Luft.

Der Mann, dessen lange, weitausgreifende Schritte ihn seit Sonnenaufgang viele Meilen hatten zurücklegen lassen, hielt plötzlich an. Eine Bewegung zwischen den Bäumen hatte seine Aufmerksamkeit erregt, und er bewegte sich lautlos auf die Schatten zu, während eine Hand am Griff seines langen, schmalen Rapiers lag.

Vorsichtig drang er weiter vor. Er versuchte, mit den Blicken die Dunkelheit zu durchdringen, die zwischen den Bäumen herrschte. Er befand sich in einem wilden und gefährlichen Land; der Tod mochte unter jenen Bäumen lauern. Dann fiel die Hand vom Griff der Waffe, und er beugte sich vor. Er war tatsächlich auf den Tod gestoßen, aber nicht in einer Form, die ihm Furcht einflößen könnte.

»Bei den Feuern des Hades!« murmelte er. »Ein Mädchen! Was ist dir zugestoßen, mein Kind? Fürchte dich nicht vor mir.«

Das Mädchen sah zu ihm auf. Sein Gesicht wirkte in der Dunkelheit wie eine weiße Rose.

»Wer ... bist ... du?« Die Wörter kamen keuchend.

»Nur ein Wanderer, ein Heimatloser, aber ein Freund aller, die sich in Not befinden.« Die sanfte Stimme paßte nicht ganz zu der Erscheinung des Mannes.

Das Mädchen versuchte sich auf einen Ellbogen aufzustützen, und augenblicklich kniete er nieder und half ihr in eine sitzende Stellung. Seine Hand berührte ihre Brust und wurde rot und feucht.

»Erzähle.« Seine Stimme klang weich und beruhigend, so wie man mit einem Kleinkind spricht.

»Le Loup«, keuchte sie, und ihre Stimme wurde rasch schwächer. »Er und seine Männer ... überfielen unser Dorf ... eine Meile talaufwärts. Sie raubten ... mordeten ... legten Feuer ...«

»Das war also der Rauch, den ich roch«, murmelte der Mann. »Erzähle weiter, Kind.«

»Ich lief. Er, der Wolf, verfolgte mich ... und ... fing mich ...« Die Worte verklangen mit einem Schluchzen.

»Ich verstehe, Kind. Und dann?«

»Dann stach er ... mich mit seinem ... Dolch ... oh, ihr Heiligen ... Gnade ...«

Plötzlich wurde die schlanke Gestalt schlaff. Der Mann ließ sie zur Erde gleiten und berührte leicht ihre Stirn.

»Tot!« murmelte er.

Langsam erhob er sich und wischte sich die Hände an seinem Mantel ab.

»Dafür werden so manche sterben«, sagte er kalt.

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»DU BIST EIN NARR!«

Die Worte wurden mit solch kalter Wut ausgesprochen, daß es den Angesprochenen schauderte. Er senkte mürrisch die Augen.

»Du und alle anderen, die ich anführe!« Der Sprecher beugte sich vor und hieb, seinen Worten Nachdruck verleihend, mit der Faust auf den groben Tisch zwischen Ihnen. Er war groß, besaß lange Glieder, ein hageres, grausames, raubtierhaftes Antlitz und war geschmeidig wie ein Leopard. In seinen Augen funkelte Hohn.

Der andere antwortete trotzig: »Ich sage dir, dieser Solomon Kane ist ein Dämon aus der Hölle!«

»Pah! Tölpel! Er ist ein Mensch, der an einer Pistolenkugel oder an einem Stich mit dem Degen sterben wird.«

»Das haben auch Jean, Juan und La Costa gedacht«, widersprach der andere grimmig. »Und wo sind sie jetzt? Frage die Bergwölfe, die ihnen das Fleisch von den Knochen genagt haben. Wo versteckt sich dieser Kane?

Wir haben die Berge und Täler meilenweit durchsucht und keine Spur von ihm gefunden. Ich sage dir, Le Loup, er kommt aus der Hölle. Ich wußte, es würde nichts Gutes dabei herausschauen, als wir vor einem Monat den Mönch hängten.«

Der Wolf trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch. Sein Gesicht war trotz der Linien, die das ausschweifende Leben hineingegraben hatte, das Gesicht eines Denkers. Der Aberglaube seiner Kumpane berührte ihn nicht im geringsten.

»Pah! Ich sage es nochmals. Der Kerl hat eine Höhle oder eine uns unbekannte Felsspalte gefunden, wo er sich bei Tag verbirgt.«

»Und des Nachts kommt er hervor und tötet uns«, setzte der andere düster fort. »Er jagt uns wie ein Jäger das Wild ... Bei Gott, Le Loup, du nennst dich Wolf, aber ich glaube, du hast endlich einen verschlageneren Wolf gefunden als du es bist! Das erste Mal, als wir von dem Mann erfuhren, war, als wir Jean, den berüchtigsten lebenden Banditen, mit seinem eigenen Dolch durch die Brust an einen Baum genagelt fanden. In seine Wangen waren die Buchstaben S.L.K. eingeschnitten.

Dann wird der Spanier Juan niedergestreckt, und wie wir ihn finden, lebt er gerade lange genug, um uns zu erzählen, daß der Täter ein Engländer namens Solomon Kane war, der geschworen hat, unsere ganze Bande zu vernichten! Was dann? Ja, La Costa, ein Fechter, der nur dir nachsteht, macht sich auf und schwört, diesen Kane zu finden. Bei allen Dämonen, es scheint, er hat ihn gefunden! Wir fanden nämlich seine durchbohrte Leiche auf einem Felsen. Und was nun? Wird der englische Teufel uns alle töten?«

»Es stimmt, unsere besten Leute wurden von ihm umgebracht«, sagte der Anführer nachdenklich. »Bald kehren die anderen von dem Ausflug zum Einsiedler zurück, dann werden wir weitersehen. Kane kann sich nicht ewig verstecken. Dann ... Ha! Was war das?«

Die beiden wandten sich rasch um, als ein Schatten über den Tisch fiel. Im Eingang der Höhle, die den Räubern als Unterschlupf diente, taumelte ein Mann. Seine Augen waren weit aufgerissen, die Beine drohten ihm zu versagen, und auf seinem Wams befand sich ein dunkelroter Fleck. Er machte einige stolpernde Schritte vorwärts und fiel dann auf den Tisch, von dem er zu Boden glitt.

»Verdammt!« fluchte der Wolf, riß ihn hoch und setzte ihn in einen Stuhl. »Wo sind die anderen, zum Teufel?«

»Tot! Alle tot!«

»Wie? Der Satan möge dich verfluchen, sprich!« Der Wolf schüttelte heftig den Mann.

»Wir erreichten die Hütte des Eremiten, als gerade der Mond aufging«, murmelte der Mann. »Ich blieb draußen, um Wache zu halten. Die anderen gingen hinein, um den Einsiedler zu foltern, damit er sein ... Goldversteck verrät.«

»Ja, ja! Und was geschah dann?« Der Wolf raste vor Ungeduld.

»Dann wurde alles rot ... die Hütte explodierte unter dem Donner, und roter Regen überschwemmte das Tal ... Durch ihn sah ich ... den Eremiten und einen großen, ganz in Schwarz gekleideten Mann ... unter den Bäumen hervortreten ...«

»Solomon Kane«, keuchte der Bandit. »Ich wußte es! Ich ...«

»Ruhig, du Narr!« stieß der Anführer hervor. »Weiter!«

»Ich floh ... Kane hinter mir ... verwundete mich ... aber ich rannte rascher ... kam ... als erster ... her ...«

Der Mann fiel mit dem Oberkörper auf die Tischplatte.

»Bei allen Heiligen und Teufeln!« tobte der Wolf. »Wie sieht er aus, dieser Kane?«

»Wie ... Satan ...«

Die Stimme verklang. Der Tote glitt vom Stuhl und landete zusammengekrümmt auf dem Boden.

»Wie Satan!« stammelte der andere Räuber. »Ich habe es dir gesagt! Es ist der Leibhaftige selbst! Ich sage dir ...«

Er hielt inne, als ein erschecktes Antlitz zum Höhleneingang herein sah.

»Kane?«

»Aye.« Der Wolf war zu ratlos, um ihn anzulügen. »Paß gut auf, La Mon; die Ratte und ich kommen gleich.«

Das Gesicht verschwand, und Le Loup wandte sich dem anderen zu.

»Das ist das Ende der Bande«, sagte er. »Du, ich und dieser Dieb, La Mon, sind als einzige übrig. Was schlägst du vor?«

Die bleichen Lippen der Ratte formten lautlos ein Wort: »Flucht!«

»Du hast recht. Wir stecken die Juwelen und das Gold aus den Truhen ein und fliehen durch den geheimen Gang.«

»Und La Mon?«

»Er kann Wache halten, bis wir zur Flucht bereit sind. Dann ... warum sollen wir den Schatz durch drei teilen?«

Ein schwaches Lächeln huschte über die bösen Züge der Ratte. Plötzlich fiel dem Banditen etwas ein.

»Er«, auf den Leichnam auf dem Boden weisend, »sagte: ›Ich kam als erster her.‹ Heißt das, daß Kane ihn hierher verfolgte?« Und als der Wolf ungeduldig nickte, wandte er sich hastig den Truhen zu.

Die flackernde Kerze auf dem unbehauenen Tisch erleuchtete eine gespenstische Szene. Die tanzende Flamme spiegelte sich rot in der langsam größer werdenden Blutlache, in der der Tote lag. Sie spielte mit den Edelsteinen und Goldstücken, die die beiden Banditen hastig aus den messingbeschlagenen Truhen, die an den Wänden standen, zu Boden leerten, und sie glitzerte in den Augen des Wolfes ebenso wie auf dem Dolch in seiner Scheide.

Die Kisten waren leer; ihr Schatz lag schimmernd auf dem blutbefleckten Boden. Der Wolf verharrte und lauschte. Draußen war alles still. Der Mond schien nicht, und Le Loup sah vor seinem geistigen Auge den dunklen Töter, Solomon Kane, durch die Schwärze gleiten, ein Schatten unter Schatten. Er grinste häßlich; diesmal würde der Engländer der Hereingelegte sein.

»Diese Truhe haben wir noch nicht geöffnet«, sagte er und wies auf eine.

Die Ratte beugte sich über die bezeichnete Kiste. Mit einem katzengleichen Satz sprang der Wolf hinter ihn und senkte seinen Dolch bis zum Heft zwischen die Schulterblätter in den Rücken der Ratte. Der Bandit sackte lautlos zu Boden.

»Warum den Schatz durch zwei teilen?« murmelte Le Loup und wischte die Waffe am Wams des Toten ab.

»Und nun zu La Mon.«

Er machte einen Schritt auf den Eingang zu. Dann blieb er plötzlich stehen und wich zurück.

Zuerst glaubte er den Schatten eines Mannes im Eingang vor sich zu haben, aber dann erkannte er, daß es ein Mann war. Dieser stand jedoch so dunkel und reglos da, daß ihm die flackernde Kerze eine phantastische Ähnlichkeit mit einem Schatten verlieh.

Er war hochgewachsen, so groß wie Le Loup, und von Kopf bis Fuß in einfache, enganliegende Kleider gehüllt, die irgendwie zu dem düsteren Gesicht paßten. Die langen Arme und breiten Schultern wiesen ihn ebenso als Fechter aus wie das lange Rapier in seiner Hand. Die Gesichtszüge des Mannes waren finster und unbewegt.

Die eigenartige Blässe verlieh ihm in der unsicheren Beleuchtung ein geisterhaftes Aussehen, das noch durch die Schwärze seiner dichten Augenbrauen unterstrichen wurde.

Große, tiefliegende Augen starrten den Banditen an, und als Le Loup in sie hineinsah, konnte er nicht feststellen, welche Farbe sie hatten. Die mephistophelischen Züge der unteren Gesichtspartie wurden durch eine hohe, breite Stirn ausgeglichen, die jedoch teilweise von einem federlosen Hut verdeckt war.

Die Stirn kennzeichnete den Träumer, den Idealisten, den Introvertierten, während die Augen und die schmale, gerade Nase den Fanatiker verrieten. Ein Beobachter wäre von den Augen der beiden fasziniert gewesen, die einander da gegenüberstanden. Beider Augen verrieten unermeßliche Energie, aber damit war die Ähnlichkeit auch schon zu Ende.

Die Augen des Banditen waren hart, fast undurchsichtig, was ihnen die Tiefe nahm, und reflektierten wie ein seltsamer Edelstein das Licht in tausend Punkten und Funken. Spott lag in ihnen, Grausamkeit und Verwegenheit.

Die Augen des Mannes in Schwarz jedoch, tief unter buschigen Brauen liegend, waren kalt, aber tief. Wenn man in sie hineinsah, gewann man den Eindruck, in einen Berg von Eis zu blicken.

Nun bohrten sich die Blicke ineinander, und der Wolf, der gewohnt war, gefürchtet zu werden, spürte ein seltsames Prickeln in seinem Rückgrat. Diese Empfindungen waren neu für ihn – und er lachte plötzlich.

»Ihr seid Solomon Kane, nehme ich an?« fragte er.

»Ich bin Solomon Kane.« Die Stimme war tief und kräftig. »Seid Ihr bereit, Eurem Gott zu begegnen?«

»Monsieur«, erwiderte Le Loup und verbeugte sich, »ich versichere Euch, ich bin so bereit wie stets. Ich könnte Monsieur dieselbe Frage stellen.«

»Zweifellos habe ich sie falsch formuliert«, sagte Kane grimmig. »Ich will sie ändern: Seid Ihr bereit, Eurem Herrn und Meister, dem Teufel, zu begegnen?«

»Was das betrifft« – Le Loup betrachtete mit gespielter Gleichgültigkeit seine Fingernägel –, »so muß ich sagen, daß ich zur Zeit Seiner Gehörnten Exzellenz einen äußerst zufriedenstellenden Bericht abstatten könnte, obgleich das nicht in meiner Absicht liegt – noch nicht jedenfalls.«

Le Loup fragte nicht nach dem Schicksal von La Mon.

Kanes Anwesenheit in der Höhle sagte ihm genug, und es bedurfte nicht der Spur von Blut auf Kanes Rapier, um dies zu bestätigen.

»Was ich sehr gerne wissen möchte, Monsieur«, sagte der Bandit, »ist, warum Ihr in Teufels Namen meine Bande derartig bekämpft habt und wie es Euch gelungen ist, die Gruppe zu vernichten.«

»Eure letzte Frage ist leicht beantwortet, Sir«, gab Kane zur Antwort. »Ich selbst habe das Gerücht in Umlauf gebracht, der Einsiedler besäße einen Goldschatz. Ich wußte, dies würde den Abschaum anziehen wie Aas die Geier.

Tage- und nächtelang hielt ich die Hütte unter Beobachtung, und als ich heute nacht Eure Schurken kommen sah, warnte ich den Einsiedler, und gemeinsam begaben wir uns in ein Versteck zwischen den Bäumen hinter der Hütte. Als die Bande drinnen war, legte ich Feuer an die Zündlinie, die ich ausgelegt hatte, und die Flamme huschte wie eine rote Schlange zwischen den Bäumen hindurch, bis sie das Pulver erreichte, das ich unter dem Boden der Hütte angehäuft hatte. Und dann fuhren die Hütte und dreizehn Sünder unter Donner, Feuer und Rauch zur Hölle. Einer floh, aber ihn hätte ich im Wald getötet, wäre ich nicht über eine Wurzel gestolpert, wodurch er mir entkam.«

»Monsieur«, sagte Le Loup unter einer weiteren Verbeugung, »ich zolle Euch die Bewunderung, die einem tapferen und listigen Widersacher zusteht. Aber sagt mir eins: Warum habt Ihr mich verfolgt wie ein Wolf seine Beute?«

»Vor einigen Monden«, antwortete Kane, während sein finsterer Gesichtsausdruck noch drohender wurde, »habt Ihr und Eure Bande ein kleines Dorf unten im Tal überfallen. Ihr kennt die Einzelheiten besser als ich.

Dort war auch ein Mädchen, fast noch ein Kind, das das Tal hinan floh, um Eurer Lust zu entgehen. Ihr aber holtet sie ein, schändetet sie und ließet sie sterbend liegen.

Ich fand sie dort und beschloß über ihrem Leichnam, Euch zu jagen und zu töten.«

»Hm«, machte der Wolf. »Ja, ich kann mich an das Mädchen erinnern. Mon Dieu, kommt also diese Seite des Lebens ins Bild! Monsieur, ich habe Euch nicht für einen Mann gehalten, der der Liebe nicht abgeneigt ist. Seid nicht eifersüchtig, guter Freund – es gibt viele andere Mädchen.«

»Le Loup, seht Euch vor!« rief Kane mit unüberhörbarer Drohung in der Stimme. »Ich habe bisher noch nie einen Mann durch Folter getötet, aber bei Gott, Sir, Ihr führt mich wirklich in Versuchung!«

Der Ton und mehr noch die für Kane unerwartete Nennung des Namens Gottes ernüchterten Le Loup ein wenig. Seine Augen verengten sich, und seine Hand näherte sich dem Rapier. Einen Augenblick lang lag Spannung in der Luft. Dann zwang sich der Wolf zur Ruhe.

»Wer war das Mädchen?« fragte er leichthin.

»Ich habe sie nie zuvor gesehen«, antwortete Kane.

»Bei allen Göttern!« fluchte der Bandit. »Was seid Ihr für ein Mensch, Monsieur, der sich auf einen solchen Krieg einläßt, um ein Euch unbekanntes Mädchen zu rächen?«

»Das, Sir, ist meine Angelegenheit. Es genügt, daß ich es tue.«

Kane hätte es nicht zu erklären vermocht, nicht einmal für sich selbst. Und er bemühte sich auch gar nicht um eine Erklärung. Als Fanatiker genügte ihm der Drang als Erklärung für die Handlungen.

»Ihr habt recht, Monsieur.« Nun versuchte Le Loup Zeit zu gewinnen. Unmerklich wich er Fingerbreit um Fingerbreit zurück und tat dies so geschickt, daß nicht einmal Kane, der ihn beobachtete, mißtrauisch wurde.

»Monsieur«, sagte er, »wahrscheinlich wollt Ihr behaupten, ein edler Kavalier zu sein, der wie ein echter Galahad umherwandert und die Schwachen beschützt; aber wir beide wissen es besser. Hier auf dem Boden liegt ein Schatz, der dem Lösegeld für einen Kaiser gleichkommt. Wir teilen ihn friedlich, und falls Euch meine Gesellschaft nicht zusagt – nun, dann gehen wir getrennte Wege.«

Kane beugte sich vor, und eine schreckliche Drohung lag in seinem Blick. Er glich einem riesigen Kondor, der sich anschickte, sich auf sein Opfer zu stürzen.

»Sir, haltet Ihr mich für einen ebensolchen Schurken, wie Ihr es seid?«

Plötzlich warf Le Loup den Kopf in den Nacken, und in seinen Augen tanzten Spott und Verwegenheit. Sein lautes Gelächter hallte in der Höhle wider.

»Bei allen Göttern! Nein, Ihr Dummkopf, ich vergleiche Euch nicht mit mir! Mon Dieu, Monsieur Kane, Ihr habt Euch einiges vorgenommen, wollt Ihr alle Mädchen rächen, die meine Gunst genossen haben!«

»Beim Schatten des Todes! Soll ich meine Zeit damit verschwenden, mit diesem erbärmlichen Schurken zu schwätzen!« zischte Kane und warf seinen hageren Körper vor wie eine Bogensehne, die den Pfeil antreibt.

Im selben Augenblick sprang Le Loup mit wildem Auflachen ebenso rasch rückwärts wie Kane. Seine Berechnung war perfekt: Die nach hinten gestreckten Hände fanden den Tisch und schleuderten ihn beiseite.

Die Höhle versank in Dunkelkeit, als die Kerze zu Boden fiel und verlöschte.

Kanes Rapier zischte wie ein Pfeil, als er blindlings zustieß.

»Adieu, Monsieur Galahad!« ertönte vor ihm die höhnische Stimme, aber Kane, der sich mit wilder Wut in diese Richtung warf, prallte gegen eine glatte Wand, die unter seinem Hieb nicht nachgab. Von irgendwoher erklang das Echo höhnischen Gelächters.

Kane wirbelte herum und ließ den schwach sichtbaren Eingang nicht aus den Augen, weil er annahm, sein Feind würde versuchen, an ihm vorbei und aus der Höhle zu schlüpfen. Aber keine Silhouette wurde sichtbar, und als er die Kerze gefunden und angezündet hatte, war die Höhle bis auf ihn selbst und die Toten auf dem Boden leer.

*

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ÜBER DIE DUNKLEN WASSER erscholl es mit monotoner Gleichmäßigkeit: bum! bum! bum! Weiter weg und schwächer erklang es in einer anderen Tonlage: drum, drum, drum! Hin und her wogten die Vibrationen, als die dröhnenden Trommeln miteinander sprachen. Was hatten sie einander zu erzählen? Welche ungeahnten Geheimnisse wurden über Meilen von düsterem Dschungel hinweg ausgetauscht?

»Bist du sicher, daß dies die Bucht ist, die das spanische Schiff angelaufen hatte?«

»Ja, Senhor; der Neger schwört, daß dies die Bucht ist, in der der weiße Mann allein das Schiff verlassen hat und in den Dschungel eingedrungen ist.«

Kane nickte grimmig.

»Dann setz mich allein an Land. Warte sieben Tage, bin ich bis dahin nicht zurückgekehrt, und hast du nichts von mir gehört, so magst du Segel setzen, wann immer es dir beliebt.«

»Ja, Senhor.«

Die Wellen schlugen träge gegen die Wand des Bootes, das Kane an Land trug. Das Dorf, das er suchte, lag am Flußufer, aber etwas im Landesinnern, so daß der Urwald es vor den Blicken vom Schiff aus verbarg.

Kane hatte, wie es schien, den gefährlichsten Weg eingeschlagen, nämlich des Nachts an Land zu gehen; doch er wußte, daß er das Dorf niemals bei Tag erreichen würde, falls sich der Mann, den er suchte, darin aufhielt.

In der Nacht den Dschungel zu durchqueren, war ein ungemeines Wagnis, aber während seines ganzen Lebens hatte Kane die größten Risiken eingegangen.

Jetzt setzte er sein Leben dafür aufs Spiel, das Eingeborenendorf im Schutz der Dunkelheit und ungesehen von den Bewohnern zu erreichen.

Am Ufer verließ er das Boot mit einigen gemurmelten Befehlen, und als die Ruderer sich auf den Weg zurück zum Schiff machten, das in einigem Abstand vom Strand in der Bucht ankerte, wandte er sich um und tauchte in die Schwärze des Dschungels ein. Mit dem Degen in der einen und dem Dolch in der anderen Hand schlich er voran und versuchte die Richtung einzuhalten, aus der immer noch die Trommeln erklangen.

Er schlich mit dem Geschick und den geschmeidigen Bewegungen des Leoparden, tastete sich vorsichtig vorwärts und spannte alle Sinne. Aber der Weg war nicht leicht.

Er stolperte über Wurzeln, Lianen schlugen ihm ins Gesicht und erschwerten sein Vordringen. Er ertastete seinen Weg zwischen mächtigen Stämmen unglaublich hoher Bäume, während es im Unterholz um ihn raschelte und Schatten sich bewegten. Dreimal berührte sein Fuß etwas, das sich davonwand, und einmal erkannte er das unheilvolle Leuchten von Katzenaugen zwischen den Bäumen. Es verschwand jedoch, als er näherkam.

Dum, dum, dum, ertönten unaufhörlich und monoton die Trommeln. Krieg und Tod (sagten sie); Blut und Lust; Menschenopfer und Fest! Die Seele Afrikas (sagten die Trommeln); der Geist des Dschungels; der Gesang der Götter der Finsternis, der Götter, die brüllen und kreischen, der Götter aus der Zeit des Anfangs, tieräugig, mit aufgerissenen Mäulern, riesigen Bäuchen und blutigen Händen, der Schwarzen Götter (sangen die Trommeln).

All dies und noch viel mehr dröhnten die Trommeln, als Kane sich durch den Dschungel kämpfte. Irgendwo in seiner Seele wurde eine verborgene Seite angeregt.

Du bist auch ein Lebewesen der Nacht (sangen die Trommeln); in dir ist die Stärke der Dunkelheit, die Stärke des Primitiven; komm zurück durch die Jahrhunderte; wir wollen dich lehren, wir wollen dich lehren (sangen die Trommeln).

Kane trat aus dem dichten Urwald und gelangte auf einen deutlichen Pfad. Auf der anderen Seite drang zwischen den Bäumen der Schein der Feuer hindurch, Flammen, die zwischen Palisaden sichtbar waren. Kane folgte rasch dem Pfad.

Er schritt rasch und vorsichtig aus. Den Degen hielt er vor sich ausgestreckt, und die Augen versuchten in der Dunkelheit vor ihm die leiseste Andeutung einer Bewegung festzustellen. Zu beiden Seiten erhoben sich die Bäume wie trotzige Riesen. Manchmal waren ihre Zweige über dem Pfad ineinander verflochten, und Kane vermochte nur eine kurze Strecke weit zu sehen.

Wie ein dunkler Geist schritt er den schattigen Pfad entlang, aufmerksam spähte er um sich und lauschte, aber er war nicht gewarnt, als sich in den Schatten eine riesige Gestalt erhob und ihn niederschlug.

*

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BUM, BUM, BUM!

Irgendwo wurde mit tötlicher Monotonie immer wieder dieselbe Schlagfolge wiederholt, die immer wieder dasselbe sagte: »Narr – Narr – Narr« Jetzt war es weit weg – jetzt vermochte er es fast mit der ausgestreckten Hand zu erreichen. Jetzt vereinte es sich mit dem Dröhnen in seinem Kopf zu einem einzigen Vibrieren: »Narr-Narr-Narr ...«

Die Nebel lösten sich auf und verschwanden. Kane versuchte die Hand zum Kopf zu führen, stellte jedoch fest, daß er an Händen und Füßen gefesselt war. Er lag auf dem Boden einer Hütte – allein? Er wälzte sich herum, um einen Überblick zu gewinnen. Nein, ein Augenpaar schimmerte in der Dunkelheit. Nun nahm eine Gestalt Form an, und Kane, noch immer leicht betäubt, glaubte den Mann vor sich zu haben, der ihn niedergeschlagen hatte. Doch nein – dieser Mann könnte nie einen solchen Hieb austeilen. Er war dürr, eingeschrumpft und runzlig. Das einzige, was an ihm lebendig zu sein schien, waren seine Augen, und die Augen waren die einer Schlange.

Der Mann hockte auf dem Boden der Hütte in der Nähe des Eingangs. Er war nackt bis auf ein Lendentuch und die übliche Ansammlung von Ketten um Hals, Arme und Fußgelenke. Seltsame Fetische aus Elfenbein, Knochen und Häuten – tierischen und menschlichen – schmückten Arme und Beine. Plötzlich und unerwartet sagte er auf Englisch: »Ha, du wach? Warum du kommst her, ha?«

Kane stellte die unumgängliche Frage: »Du sprichst meine Sprache. Wie kommt das?«

Der Eingeborene grinste.

»Ich Sklave – lange Zeit. Ich N’Longa, Ju-Ju-Mann. Ich großer Fetisch. Kein Mann wie ich! Du – du jagen, Bruder?«

Kane schnaubte durch die Nase.

»Ich! Bruder! Ich suche einen Mann, ja.«

Der Eingeborene nickte. »Vielleicht du ihn finden, he?«

»Er stirbt!«

Wieder grinste der Eingeborene. »Ich mächtiger Ju-Ju-Mann«, verkündete er zusammenhanglos. Er beugte sich näher. »Weißer Mann, du jagen, Augen wie ein Leopard, he? Ja? Ha, ha! Paß auf: Mann-mit-Augen-wie-Leopard, er und Häuptling Songa machen mächtiges Palaver; sie jetzt Blutsbrüder.

Sage nichts; ich helfen dir, du helfen mir, eh?«

»Warum solltest du mir helfen?« fragte Kane mißtrauisch.

Der Ju-Ju-Mann beugte sich näher und flüsterte: »Weißer Mann Songas rechte Hand. Songa mächtiger als N’Longa. Weißer Mann mächtig Ju-Ju! N’Longas weißer Bruder töten Mann-mit-Augen-wie-Leopard, sein Blutsbruder mit N’Longa. N’Longa sein mächtiger als Songa. Palaver aus.«

Und wie ein Schemen huschte er so rasch aus der Hütte, daß Kane nicht sicher war, nicht geträumt zu haben.

Draußen konnte Kane den Schein von Feuern sehen.

Die Trommeln dröhnten immer noch, aber in dieser Nähe vermengten sich die Töne, gingen ineinander über, und die Vibrationen verloren sich. Alles erschien wie barbarischer Lärm ohne Sinn und Zweck, jedoch lag ein Unterton des Spottes darin, wild und höhnend.

»Lügen«, dachte Kane immer noch benommen, »Dschungellügen, die wie Dschungelmädchen einen Mann ins Verderben locken.«

*

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ZWEI MÄNNER BETRATEN die Hütte, riesige Eingeborene, die scheußlich bemalt und mit groben Speeren bewaffnet waren. Sie hoben den Engländer hoch und trugen ihn aus der Hütte. Sie trugen ihn über einen freien Platz, lehnten ihn aufrecht gegen einen Pfosten und banden ihn daran an. Hinter ihm und zu beiden Seiten grinsten in einem großen Halbkreis dunkle Gesichter und verschwanden wieder in dem unsicheren Licht des Feuers, als die Flammen emporflackerten und wieder in sich zusammensanken. Vor ihm erhob sich eine gräßliche Figur – ein schwarzes, unförmiges Ding, die groteske Parodie eines Menschen; schwarz, brütend wie die formlose Seele Afrikas; das Grauen, der Schwarze Gott.

Zu beiden Seiten davor saßen auf grob geschnitzten Thronen aus Teakholz zwei Männer. Der zur Rechten war ein Eingeborener, riesig, unförmig, eine gigantische, häßliche Masse aus Fleisch und Muskeln. Schweinsaugen blinzelten über feisten Wangen, dicke Lippen waren voll Hochmut geschürzt. Der andere ...

»Ah, Monsieur, wir treffen einander wieder.« Der Sprecher hatte wenig mit dem eleganten Schurken gemeinsam, der Kane in der Höhle in den Bergen an der Nase herumgeführt hatte. Seine Kleider waren Fetzen, in sein Gesicht hatten sich mehr Falten gegraben; er war in den vergangenen Jahren tiefer gesunken. Seine Augen jedoch glitzerten immer noch verwegen, und in seiner Stimme schwang derselbe Spott wie zuvor.

»Das letzte Mal, als ich diese verfluchte Stimme hörte«, sagte Kane ruhig, »befand ich mich in einer dunklen Höhle, aus der Ihr wie eine gejagte Ratte flüchtetet.«

»Ja, da waren die Umstände anders«, gab Le Loup ungerührt zurück. »Was habt Ihr getan, nachdem Ihr wie ein Elefant in der Dunkelheit umhergestampft seid?«

Kane zögerte, dann: »Ich verließ den Berg ...«

»Durch den Vordereingang? Ja? Ich hätte mir denken können, daß Ihr zu dumm wart, die Geheimtür zu finden. Bei den Hufen des Teufels, hättet Ihr gegen die Truhe mit dem goldenen Schloß gedrückt, die an der Wand stand, so hätte sich eine Geheimtür geöffnet und den Gang zugänglich gemacht, durch den ich mich verabschiedet hatte.«

»Ich folgte Euch zum nächsten Hafen, schiffte mich dort ein und folgte Euch nach Italien, wobei ich feststellte, daß Ihr Euch auch dort aus dem Staub gemacht hattet.«

»Aye, bei allen Heiligen! In Florenz hättet Ihr mich fast erwischt. Ho, ho! Ich kletterte durch ein Fenster an der Rückseite, während Monsieur Galahad die Vordertür zur Taverne einschlug. Und hätte Euer Pferd nicht zu lahmen begonnen, hättet Ihr mich auf der Straße nach Rom eingeholt.

Und das Schiff, mit dem ich Spanien verließ, war kaum in See gestochen, als Monsieur Galahad auf den Kai geritten kam. Warum seid Ihr mir derartig beharrlich gefolgt? Ich verstehe es nicht.«

»Weil Ihr ein Verbrecher seid, den zu töten mir vorbestimmt ist«, antwortete Kane kalt. Er verstand es selbst nicht. Sein ganzes Leben lang hatte er die Welt durchstreift und die Schwachen beschützt und gegen die Unterdrückung gekämpft. Weder wußte er, warum, noch fragte er danach. Es war Besessenheit, die ihn dazu trieb. Grausamkeit und Tyrannei weckten seinen Haß.

War dieser Haß geweckt, gab es weder Rast noch Ruhe für ihn, ehe nicht die Rache völlig vollzogen war.

Wenn er sich überhaupt Gedanken darüber machte, so hielt er sich für den Ausführenden Gottes, den Kelch des Zornes, der sich über die Seelen der Ungerechten ergoß.

In der wahrsten Bedeutung des Wortes war Solomon Kane jedoch kein Puritaner, obgleich er sich selbst für einen solchen hielt.

Le Loup zuckte die Achseln. »Ich könnte es verstehen, hätte ich Euch persönlich Unrecht getan. Mon Dieu! Ich würde ebenfalls einem Feind durch die halbe Welt folgen, aber, obwohl ich Euch mit Freuden getötet und beraubt hätte, habe ich nie von Euch gehört, ehe Ihr mir den Krieg erklärtet.«

Kane schwieg, und Wut erfüllte ihn. Obwohl er sich dessen nicht bewußt war, stellte der Wolf für ihn mehr dar als lediglich einen Feind. Der Bandit war für Kane das lebende Symbol aller der Dinge, gegen die er sein ganzes Leben gekämpft hatte: Grauamkeit, Gewalttätigkeit, Unterdrückung und Tyrannei.

Le Loup unterbrach seine Gedankengänge.

»Was habt Ihr mit dem Schatz getan, den ich im Laufe langer Jahre angehäuft habe? Zum Teufel, ich konnte nur einige Münzen und Schmuckstücke an mich reißen, ehe ich rannte.«

»Ich nahm nur soviel, wie ich brauchte, um Euch zu folgen. Den Rest verteilte ich an die Dörfer, die Ihr beraubt hattet.«

»Bei allen Heiligen und dem Teufel«, fluchte Le Loup.

»Monsieur, Ihr seid der größte Narr, dem ich in meinem ganzen Leben begegnet bin. Diesen enormen Schatz einfach zu verschenken ... Bei Satan, wenn ich daran denke, daß er sich in den Händen gewöhnlicher Bauern, Dörflern befindet! Und doch, ho, ho! Sie werden stehlen und einander dafür umbringen. Das liegt in der Natur des Menschen.«

»Ja, verdammt mögt Ihr sein!« explodierte Kane plötzlich und bewies damit, daß sein Gewissen nicht geruht hatte. »Das werden sie zweifellos, Narren, die sie sind.

Aber was hätte ich tun sollen? Hätte ich den Schatz liegen gelassen, so wären vielleicht einige verhungert oder erfroren. Mehr noch – man hätte ihn gefunden, und Tod und Diebstahl wären auf jeden Fall die Folge gewesen.

Die Schuld liegt bei Euch, denn würde sich der Schatz in den rechtmäßigen Händen befinden, wären diese Schwierigkeiten nicht entstanden.«

Der Wolf grinste, schwieg jedoch.

Da Kane ein gottesfürchtiger Mann war, überraschten seine Flüche stets die Zuhörer, gleichgültig, wie böse und abgehärtet sie auch sein mochten.

Kane nahm das Gespräch wieder auf.

»Warum seid Ihr über die halbe Welt vor mir geflohen? Ihr fürchtet Euch nicht wirklich vor mir.«

»Nein. Ihr habt recht. Eigentlich weiß ich es selbst nicht. Vielleicht ist die Flucht eine schwer abzulegende Gewohnheit. Ich habe einen Fehler begangen, als ich Euch in jener Nacht in den Bergen nicht tötete. Ich bin sicher, ich könnte Euch in einem fairen Kampf töten, und bis auf heute habe ich Euch keinen Hinterhalt gelegt. Irgendwie bin ich nie darauf erpicht gewesen, Euch zu begegnen, Monsieur. Eine Laune von mir. Aber vielleicht habe ich ein neues Gefühl ausgekostet, ich, der ich geglaubt hatte, alle Sensationen des Lebens ausgekostet zu haben. Und außerdem – ein Mann ist entweder Jäger oder Gejagter. Bisher, Monsieur, war ich der Gejagte; doch wurde ich der Rolle überdrüssig, ich dachte, Ihr hättet die Spur verloren.

Ein Sklave, der aus dieser Gegend stammte, berichtete dem Kapitän eines portugiesischen Schiffes von einem Engländer, der mit einem spanischen Schiff gekommen und in den Dschungel eingedrungen sei. Ich hörte davon und mietete das Schiff, bezahlte den Kapitän dafür, mich hierher zu bringen.

Monsieur, ich bewundere Euch für diesen Versuch, aber Ihr müßt mich ebenfalls bewundern! Allein kam ich ins Dorf, und allein unter Wilden und Kannibalen errang ich mit Hilfe äußerst geringer Kenntnisse der Sprache, die ich mir von einem Sklaven an Bord angeeignet hatte, das Vertrauen König Songas und verdrängte diesen Scharlatan, N’Longa, von seinem Platz.

Ich bin ein tapfererer Mann als Ihr, Monsieur, denn ich hatte kein Schiff, um mich eventuell darauf zurückzuziehen; und auf Euch wartet ein Schiff.«

»Ich bewundere Euren Mut«, sagte Kane, »aber Ihr seid es zufrieden, über Kannibalen zu herrschen – Ihr, der böseste Mensch von allen. Ich habe vor, zu meinem eigenen Volk zurückzukehren, sobald ich Euch getötet habe.«

»Euer Selbstvertrauen wäre bewunderungswürdig, wäre es nicht belustigend. Ho, Gulka!«

Ein riesiger Wilder trat auf den Platz zwischen ihnen.

Es war der größte Mensch, den Kane je gesehen hatte, und dennoch bewegte er sich mit der Geschmeidigkeit einer Katze. Seine Arme und Beine waren wie Baumstämme, und die enormen Muskeln spielten bei jeder Bewegung. Sein affengleicher Kopf saß direkt zwischen mächtigen Schultern. Seine großen Hände waren wie Krallen eines Menschenaffen, und unter der fliehenden Stirn saßen tierische Augen. Eine platte Nase und dicke, fleischige Lippen vervollkommneten das Bild primitiver Wildheit.

»Das ist Gulka, der Gorilla-Töter«, sagte Le Loup. »Es war er, der neben dem Pfad wartete und Euch niederschlug. Ihr seid selbst wie ein Wolf, Monsieur Kane, doch seitdem das Schiff in Sicht kam, seid Ihr von vielen Augen beobachtet worden, und selbst wenn Ihr die Sinne eines Leoparden hättet, hättet Ihr Gulka weder gesehen noch gehört. Er jagt die schrecklichste und schlaueste Bestie in ihren heimatlichen Wäldern weit im Norden, die Tiere-die-wie-Menschen-gehen, wie dieses hier, das er vor einigen Tagen tötete.«

Kanes Blick folgte Le Loups ausgestreckter Hand, und er erkannte ein seltsames, menschenähnliches Ding, das vom Dachsparren einer Hütte baumelte. Kane vermochte im Licht des Feuers kaum Einzelheiten zu erkennen, aber das entsetzliche, haarige Etwas machte irgendwie einen menschenähnlichen Eindruck.

»Ein weiblicher Gorilla, den Gulka tötete und ins Dorf brachte«, sagte Le Loup.

Der Riese schlenderte dicht an Kane heran und starrte dem Engländer in die Augen. Kane erwiderte den Blick, und nach einer Weile senkte der Wilde die Augen und wich einige Schritte zurück. Der Blick der grimmigen Augen des Puritaners hatte die Seele des Gorilla-Töters durchdrungen, und zum ersten Mal in seinem Leben verspürte er Furcht. Um sich abzulenken, warf er herausfordernde Blicke um sich. Dann hieb er sich mit unerwarteter Tierhaftigkeit dröhnend auf die mächtige Brust, grinste wild und beugte und streckte seine enormen Arme. Niemand sprach. Ursprüngliche Bestialität beherrschte die Szene, und die etwas höher entwickelten Stammesgenossen sahen mit unterschiedlichen Gefühlen zu.

Gulka warf Kane einen raschen Blick zu, um zu sehen, ob der Engländer ihm auch zusah, und sprang dann mit einem tierischen Aufbrüllen vor und packte einen Mann aus dem Halbkreis. Während das zitternde Opfer nach Gnade flehte, schleuderte der Riese den Mann auf den Altar vor dem Idol im Schatten. Ein Speer fuhr hoch, zuckte herab, und das Kreischen verstummte. Der Schwarze Gott sah zu, und seine monströsen Gesichtszüge schienen sich im flackernden Licht des Feuers zu einer Grimasse zu verziehen. Er hatte getrunken; war der Schwarze Gott zufrieden mit dem Trunk – mit dem Opfer?

Details

Seiten
1026
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919967
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v427039
Schlagworte
schwerter bestien fantasy sammelband seiten sword sorcery

Autor

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Titel: Schwerter gegen Bestien: Fantasy Sammelband 1026 Seiten Sword & Sorcery