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Mustang-Jenny

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Mustang-Jenny
Western von John F. Beck

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

Als Old Dan Cooper von Larrigans Killer feige erschossen wird, muss Jenny mit dem Hengst Wild King fliehen, denn sie hat den Mord mit angesehen. Jedoch ist man nun nicht nur hinter ihr her, man will auch den rassigen roten Mustang.

Als Jenny erfährt, dass der reiche Larrigan ihrem Vater viel Geld schuldet und aus diesem Grund von Jefford auf seinem Befehl ermordet wurde, macht sie sich auf den Weg, um ihr Recht einzufordern. Doch das will man ihr nicht gewähren. Aber Jenny ist ein cleveres Mustang-Girl, das versteht, mit der Waffe umzugehen ...

Leseprobe

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Mustang-Jenny

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WESTERN VON JOHN F. Beck

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

Als Old Dan Cooper von Larrigans Killer feige erschossen wird, muss Jenny mit dem Hengst Wild King fliehen, denn sie hat den Mord mit angesehen. Jedoch ist man nun nicht nur hinter ihr her, man will auch den rassigen roten Mustang.

Als Jenny erfährt, dass der reiche Larrigan ihrem Vater viel Geld schuldet und aus diesem Grund von Jefford auf seinem Befehl ermordet wurde, macht sie sich auf den Weg, um ihr Recht einzufordern. Doch das will man ihr nicht gewähren. Aber Jenny ist ein cleveres Mustang-Girl, das versteht, mit der Waffe umzugehen ...

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Copyright

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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OLD DAN COOPER SAH die Reiter erst, als sie aus dem Wald trabten. Er wusste sofort, dass ihm keine Chance blieb. Die Blockhütte, hinter der die zerklüftete Steilwand der Paiute Mesa gen Himmel wuchs, war sechzig Schritte entfernt - genauso weit wie Larrigans Killer. Sie verharrten nun reglos. Breitkrempige Stetsons beschatteten die Gesichter.

Währenddessen vollführte der Wildhengst im Corral verwegene Bocksprünge, rannte zwischendurch wiehernd am Zaun entlang, um dann unvermittelt die Vorderhufe einzustemmen und die Hinterhand emporzuschleudern. Doch der ganz in abgewetztes Leder gekleidete Reiter blieb wie festgeklebt auf seinem Rücken. Rotes Haar umzüngelte das erhitzte Gesicht des Mädchens. Es war völlig auf das fuchsrote Prachtpferd konzentriert. Das Seil der Hackamore des Zaumzeugs ohne Gebissstück, lag fest in den schmalen, aber kräftigen Händen. Im Corral nebenan stampften und schnaubten ein Dutzend weitere noch nicht zugerittene Mustangs.

Cooper wandte sich ab. Es wirkte endgültig.

Furchtlos näherte sich der graubärtige, ebenfalls ledergekleidete Wildpferdjäger den Ankömmlingen. Colt und Bowiemesser hingen an seinem Gurt. Statt der landesüblichen Stiefel trug er kniehohe Apachenmokassins. Der geschmeidige Gang und die funkelnden Augen ließen vergessen, dass er die Fünfzig bereits überschritten hatte.

Der Schießer Jefford belauerte ihn. Seine Begleiter schienen dagegen von der rothaarigen Mustangreiterin abgelenkt.

»Ich würd’s nicht glauben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen sähe«, grinste der stämmige Mann mit der Narbe am Kinn. »Der Gaul ist Wild King. Zwei Jahre waren sämtliche Mustangjäger von Utah vergeblich hinter ihm her. Und jetzt reitet ihn dieses Teufelsgirl wie irgend ’nen namenlosen Bronco.«

Der Mann rechts von ihm, ein drahtiger, dunkelhäutiger Mexikaner, trug drei Wurfmesser am Gurt. Der Griff eines weiteren Messers ragte aus dem rechten Stiefelschaft. Der Vierte war ein kleiner, zäher Bursche mit Wieselaugen und rötlichen Bartstoppeln. Verfilzte rotblonde Strähnen quollen unter seinem Hut hervor.

Cooper blieb fünf Yard vor ihnen stehen und musterte sie kalt. Lässig schob Brent Jefford den Stetson zurück. Er benutzte die Linke.

»Hallo, Dan.«

Jefford war groß, sehnig und etwa zehn Jahre jünger als der Mustangfänger, Ende vierzig. Silberfäden durchzogen den über die Mundwinkel hängenden Sichelbart. Ein Grinsen spannte das kantige Gesicht.

Old Dans lassonarbige Rechte lag am Walnussholzknauf des 45er Colts. Seine Miene blieb steinern. Die Stimme passte dazu.

»Ich war vor zwei Monaten in Redhill, nachdem Larrigan sein Hauptquartier dort aufschlug. Ich kam nachts, damit niemand mich sah. Seitdem drängte ich darauf, die Gegend zu verlassen. Aber Jenny wollte unbedingt noch Wild King erwischen und abrichten. Morgen hättest du uns nicht mehr hier angetroffen, Brent.«

»Pech für das Girl.«

»Brent, sie weiß von nichts!«

»Das ändert nichts an unserem Auftrag. Halt dich raus, Dan, wenn du deinen Skalp behalten willst! Mit meinen Amigos ist nicht zu spaßen. Du kennst ihre Namen sicherlich. Der Große ist Bigfoot McGill. Das ist Charlie Hays. Und der Hombre mit den Messern nennt sich Cuchillo. Well, Dan, wir holen nur nach ...«

Das Wiehern und Stampfen im Zureite-Corral setzte aus. Einen Moment schienen Larrigans Killer abgelenkt. Da zog Cooper. Vielmehr: Er versuchte es.

Die Jahre, da er für Revolverlohn geritten war, lagen zu lange zurück.

Sein schwerer Sechsschüsser steckte noch halb im Leder, als Brent Jeffords Kugel ihn zurückstieß.

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JENNYS GLIEDER SCHMERZTEN. Benommen von den wilden Bocksprüngen des Hengstes, verharrte sie im Sattel: eine üppige, von der Sonne des südlichen Utah gebräunte neunzehnjährige Schönheit.

Mustang-Jenny nannten die Männer in den Armeestützpunkten und Mormonensiedlungen sie, wo Old Dan die zugerittenen Wildpferde verkaufte. Kein anderes Girl im Territorium konnte so mit dem Lasso und Colt umgehen. Die Wildnis hatte sie geprägt.

Von den dreihundertfünfundsechzig Tagen des Jahres verbrachte sie mindestens dreihundertfünfzig in der Hütte am Fuß der Paiute Mesa und in den umliegenden Canyons, Tälern und Breaks. Niemand hatte sie je anders als in dem abgewetzten Antilopenlederanzug und den mit buntgefärbten Stachelschweinborsten verzierten Mokassins gesehen.

Ihr richtiger Name lautete Jenny Clanton. Sie war vier Jahre alt gewesen, als Dan Cooper, ein Freund ihres Vaters, sie nach dem Tod der Eltern in die Wildnis mitgenommen und zum einzigen weiblichen Mustangfänger von Utah erzogen hatte.

Das Dröhnen der Waffen erreichte sie wie von weit her. Ungläubig starrte sie auf die von einem Pulverrauchschleier umhüllten Reiter. Fünf Yard vor ihnen lag die reglose, ledergekleidete Gestalt.

Old Dan! Seine Rechte umschloss noch im Tod den Coltknauf. Der linke Arm war ausgestreckt. Ein Windhauch spielte mit seinen grauen Strähnen.

Das Entsetzen durchfuhr Jenny wie glühender Stahl. Ihr hübsches Gesicht mit den grünen, sonst vor Lebensfreude sprühenden Augen und dem sinnlichen Mund verlor alle Farbe. Sie wollte schreien, aber etwas schien ihr die Kehle zuzudrücken.

Die Sonne blitzte auf den Messingbeschlägen der vier Winchestergewehre.

»Wartet!«, entschied Brent Jefford. »Ihr könntet das Pferd treffen. Wäre schade drum. Wie ich den Boss kenne, zahlt der bestimmt fünfhundert Bucks für den Reimer.«

Der sanfte Wind trug dem Mädchen die Worte zu. Wild King schnaubte. Schaum klebte an seinen Nüstern. Die Muskeln spielten unter dem schweißbedeckten, seidigen Fell. Zum ersten Mal spürte der rote Hengst einen Menschen auf seinem Rücken. Vier Wochen lang waren Jenny und Old Dan hinter ihm her gewesen. Vier weitere Wochen hatte das Girl sich geduldet, bis er sich an sie, die neue Umgebung und den leichten Indianersattel gewöhnte. Sie hatte Wild King nicht eingebrochen, sondern gezähmt. Nun war er ihr einziger Trumpf.

Jennys Verkrampfung löste sich, als die vier Männer ihre Pferde in Bewegung setzten. Bügel an Bügel trabten sie mit schussbereiten Gewehren auf den Corral zu. Die Sonne beschien sie nun von vorn.

Jenny erkannte jede Einzelheit der verkniffenen Gesichter. Der Hengst stampfte und warf den Kopf hin und her, dass die Mähne flog. Er hatte zehn Minuten lang alle Tricks versucht, das Mädchen in den Sand zu befördern. Jetzt konnte Jenny nur hoffen, dass er sich nicht länger sträubte.

Larrigans Killer waren nur mehr vierzig Schritte entfernt. Da riss Jenny an der Leine. Während der Hengst sich drehte, hämmerte sie ihm die Fersen gegen die Flanken.

»He, zum Teufel!«, schrie Bigfoot McGill.

Doch erst als Wild King quer durch den Corral preschte, als wollte er das Gatter durchbrechen, brachten die Reiter ihre Gewehre in Anschlag.

Wild Kings Hufe trommelten ein Stakkato. Jenny duckte sich. Die Pfosten und Querstangen des Gatters schienen ihr entgegenzufliegen.

»Sie wird sich das Genick brechen!«, lachte McGill wild.

Jefford feuerte. Da peitschten auch McGills, Hays’ und Cuchillos Waffen.

Es war, als versuchten sie, ein Phantom zu treffen.

Wild King stieß sich ab. Der große, lohfarbene Körper streckte sich.

Jenny stieß einen gellenden Indianerschrei aus. Mit einem gewaltigen Satz, ohne dass auch nur ein Huf die oberste Querstange streifte, schnellte der Hengst über das Gatter. Staub wallte.

Die Winchester blitzten und krachten.

Wild King fegte mit dem fast auf ihm liegenden Mädchen auf die Sträucher und Bäume an der Krümmung der Mesawand zu. Jennys Haar flatterte, sie schien mit dem Pferd zu verschmelzen.

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FÜNFZEHN MEILEN VOR Redhill wand sich die Postkutschenstraße durch die Ausläufer der Cottonwood Breaks. Die schwankende Concord schleppte eine gelbgraue Staubfahne hinter sich her. »Larrigan’s Overland Express« stand in verschnörkelten Lettern auf beiden Kutschentüren. Knirschend malmten die Räder in den seit Wochen von keinem Regen auf geweichten Spurrillen. Es war heiß. Kein Lufthauch fächelte die Gesichter der beiden Männer auf dem Bock. Sie kannten jeden Strauch und Felsen entlang des Trails. Der Begleitmann döste. Eine doppelläufige Schrotflinte lag über seinen Oberschenkeln. Die Zahnstummel des Fahrers bearbeiteten einen Priem.

Der Mann verschluckte sich fast, als plötzlich drei Reiter zwischen den gestrüppumwucherten Felsen hervorbrachen. Der Shotgun-Messenger schreckte auf. Seine knochigen Fäuste rissen die Parkerflinte hoch. Es war eine Reflexbewegung, die ihm beinahe das Leben kostete. Zwei Schüsse krachten.

Der Begleitmann krümmte sich und presste ächzend eine Hand auf die Rippen. Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor. Die Parker klatschte neben das rechte Vorderrad.

Mit einem Ruck hielt die Stagecoach. Stampfende Hufe umhüllten sie mit einem dünnen Staubnebel.

»Keine Bewegung, sonst frisst euch die Hölle!«, schallte es durch ein vor das Gesicht gebundenes Halstuch.

Das Trio trug staubgepuderte Reitertracht. Eine Kruste aus Staub und Schweiß bedeckte auch das Fell der Pferde. Gewehre steckten in den Scabbards. Revolverläufe blinkten.

Der Breitschultrige mit dem Hutband aus Schlangenleder hielt den Kutscher und seinen jetzt aschfahlen Begleiter in Schach. Die Waffen der beiden anderen zielten auf das Fahrzeug. Ein reiterloses Sattelpferd stand zwischen ihnen.

»Aussteigen! Wird’s bald, verdammt noch mal!«

Die Holzwände der Concord boten keinen Schutz gegen so nah abgefeuerte schwerkalibrige Geschosse. Die Kutschentür schwang auf.

Der einzige Passagier, ein junger, kräftiger Mann in dunklem Stadtanzug, kletterte heraus. Er schien unbeeindruckt von den auf ihn gerichteten Colts. Kühle Augen beherrschten das sonnengebräunte Gesicht. Eine Wölbung der Anzugjacke verriet, dass er einen Revolver an der linken Hüfte trug, den Kolben nach vorn. Mit dem flachkronigen dunklen Hut und der Kragenschleife zum weißen Hemd sah er wie ein Spieler aus. Ein verächtlicher Zug kerbte die Mundwinkel.

»Nichts zu holen, Leute. Es sei denn, ihr gebt euch mit den lumpigen zwanzig Bucks in meinen Taschen zufrieden.«

»Du kannst dir die Scheine sonst wohin stecken«, knurrte der Hagere auf dem Pinto. »Halt keine Reden, Mann! Da steht dein Pferd.«

»Das soll wohl ein Witz sein.«

»Dann pass auf, dass du dich nicht totlachst.« Der Hagere lenkte sein Pferd zur Kutsche. Die Coltmündung näherte sich dem angespannten Gesicht des jungen Passagiers.

»Na los! Wir sind nicht sehr geduldig, Freund Larrigan!«

»Woher wisst ihr, wer ich bin?«

Die Tuchmaske dämpfte das raue Auflachen.

»Wir beobachten dich, seit du in Crescent Junction aus dem Zug gestiegen bist. Ich wette, dein Alter spuckt ’nen anständigen Batzen dafür aus, wenn er dich lebend wiedersieht.«

Roy Larrigan erbleichte. Sein erster Impuls war, in die Kutsche zurückzuspringen. Aber der Sechsschüsser des Mannes bannte ihn.

»Dreh nicht durch! Wenn du das Eisen anfasst, Junge, fällst du auf die Nase!«

»Ihr seid verrückt!«

»Na klar! Verrückt auf die sechzigtausend Bucks, die Big Bill Larrigan für dich blechen wird. Zwanzigtausend für jeden von uns. Steig endlich auf!«

Roy Larrigan schluckte, schüttelte den Kopf.

»Ihr kennt meinen Vater nicht. Er wird keinen rostigen Cent opfern, sondern sämtliche Revolverschwinger und Sternträger zwischen dem Großen Salzsee und der Arizonagrenze in die Sättel bringen, damit sie’s euch besorgen.«

»Das wäre schlimm für dich. Wenn er nicht zahlt, schicken wir ihm deinen Skalp. Wir machen keine halben Sachen. Außerdem sind sechzigtausend Dollar wahrscheinlich nur ein besseres Trinkgeld für den derzeit reichsten und mächtigsten Mann im südlichen Utah.«

»Pa‘s gesamtes Vermögen steckt in der Postkutschenlinie und den Geschäften, die er in Redhill, Crescent Junction und Cedar City betreibt. Er wird nie ...«

»Es gibt Banken. Ein Bursche wie Bill Larrigan hat Kredit. Halt uns bloß nicht für naiv, Junge ...«

Blitzschnell zog der Reiter einen Stiefel aus dem Steigbügel und trat mit voller Wucht zu.

Roy Larrigans Hand rutschte vom Revolvergriff. Er prallte gegen die Stagecoach, dass der Aufbau wackelte, knickte halb ein und hielt sich keuchend fest. Da war der Anführer des Trios schon neben ihm. Sein Coltlauf fegte Roys Hut in den Staub und warf den jungen Mann nach vorn.

»Verdammter Narr! Der glaubt wohl, wir fassen ihn mit Samthandschuhen an, weil er Larrigans Sohn ist. Bindet ihn aufs Pferd, Amigos! Und du, Fahrer ...«

»Ich möcht’ nicht in Ihrer Haut stecken, Mister, wenn Big Bill davon erfährt.«

»Noch einer, für den Larrigan gleich nach dem lieben Gott kommt«, murrte der Breite. »Soll ich ihm das Maul stopfen, Greg?«

»Lass ihn quatschen! Der merkt auch noch, dass sein Boss nur mit Wasser kocht. Hör zu, Mann: Bestell Larrigan, er soll die sechzigtausend Bucks zur Biegung des Rabbit Creek bringen - ohne Begleitung. Er hat Zeit bis morgen Mittag.«

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JENNYS HERZ HÄMMERTE. Sie zog Wild King tiefer zwischen die Cottonwoodbüsche und hielt ihm die Nüstern zu. Die Flanken des Hengstes zitterten. Der Grund dafür waren nicht die anstrengenden Meilen, sondern die Witterung der Verfolger. Der ehemalige Leithengst des größten Mustangrudels, das Jenny Clanton je zu Gesicht bekommen hatte, trug seinen Namen zu recht. Kein anderes Pferd konnte es an Tempo und Ausdauer mit ihm aufnehmen. Doch die Nähe von Menschen - ihr Geruch, ihre Stimmen  weckte nach wie vor seinen Fluchtinstinkt.

Nur Jenny, die ihn vier Wochen lang betreute, bildete eine Ausnahme. Der wilde König der Mustangs hatte nicht einmal Old Dan im Corral geduldet. Er spürte nun die Gefahr, spürte aber auch, wieviel davon abhing, dass er sich ruhig verhielt.

Hufe klapperten. Jenny konnte sich nicht vorstellen, dass Wild Kings unbeschlagene Hufe auf dem Felsboden auch nur einen Kratzer hinterlassen hatten.

Trotzdem tauchten Jefford und Hays zwischen denselben Felsen auf, an denen auch Jenny vorbeigekommen war. Jenny fasste unwillkürlich an die Hüfte. Aber der Revolver, den sie sonst auf ihren einsamen Ritten trug, befand sich in der Hütte unter der Paiute Mesa. Die Waffe hätte sie beim Zureiten nur behindert. Jennys nächster Gedanke war: Wo steckten der Mexikaner und der Mann mit der Narbe am Kinn? Sie hatte das Gefühl, dass sich eine unsichtbare Schlinge um sie zusammenzog.

Die beiden Reiter näherten sich im Schritt. Ihre Blicke suchten den felsigen Boden ab.

Charlie Hays hockte wie ein Schimpanse auf dem struppigen Braunen. Er hielt die Winchester schussbereit. Sein stoppelbärtiges Gesicht war verkniffen. Er fluchte leise. Jefford dagegen strahlte auch jetzt kalte, gefährliche Ruhe aus.

Jenny presste die Lippen zusammen, als die beiden Männer nur zwanzig Schritte entfernt anhielten. Sie spürte das Pochen ihres Herzens bis in die Kehle. Aber die Erinnerung an Old Dan bannte sie. Es war erst ein paar Wochen her, dass er beim Abendessen plötzlich die Gabel weggelegt und sie ernst angeschaut hatte.

»Ich bin nicht mehr der Jüngste, Mädchen. Sollte mir irgendwann was zustoßen, dann sieh in der großen Truhe nach. Da liegen wichtige Papiere für dich.« Er überspielte Jennys Betroffenheit mit einem Lachen. »Keine Bange. Ich möchte nur, dass du Bescheid weißt. Wahrscheinlich werde ich hundert Jahre alt.«

Seine Worte brannten sich in Jennys Gedächtnis. Er hatte etwas geahnt und deshalb immer wieder davon gesprochen, nach Nevada überzusiedeln, wo es angeblich noch mehr und feurigere Mustangs gab als in den Canyons der Henry Mountains.

Sie musste in die Hütte zurück! Die Papiere in Old Dans Truhe würden ihr verraten, weshalb die Fremden gekommen waren, um Old Dan und sie kaltblütig zu töten. Trotz der Hitze, die sich zwischen den Felsmauern staute, fröstelte Jenny. Hays’ gequetscht klingende Stimme drang zu ihr.

»Hölle und Verdammnis! Dieses Weibsstück hat entweder Indianerblut in den Adern oder ’nen Pakt mit dem Satan geschlossen. Seit einer Stunde gibt’s nicht mal die Andeutung einer Spur. Mann, Brent, der Boss reißt uns die Ohren ab, wenn wir sie nicht erwischen.«

»Mach dir nicht in die Hosen, Charlie! Wir kriegen sie.«

Jefford löste die Canteen-Flasche vom Sattel, trank und befestigte sie wieder. Seine Selbstsicherheit war wie ein Panzer. Wachsam tastete sein Blick die Umgebung ab. Jennys Atem stockte einen Moment, als er zu den Cottonwoods sah. Dann zündete sich der sehnige, sichelbärtige Mann eine Zigarette an.

»Alles nur ’ne Frage der Zeit, Charlie. Die Kleine kann sich schließlich nicht in Luft auflösen. Bigfoot und Cuchillo durchkämmen die Gegend bis zum Escalante River. Ich schlag’ vor, du reitest zum Sundown Canyon, während ich zum Rabbit Creek vorstoße. Es müsste ja mit dem Teufel zugehen, wenn wir die Fährte dann nicht finden. Wir treffen uns bei Sonnenuntergang am Wildhorse Rock.«

»Wenn du meinst.«

Der Schmächtige mit den Wieselaugen wirkte nicht sehr überzeugt, als er den Braunen wendete. Das Hufgetrappel entfernte sich rasch. Jefford rauchte zuerst zu Ende, ehe er weiterritt. Die ganze Zeit wagte das Mädchen keine Bewegung. Wild Kings Ohren spielten nervös, aber er blieb ruhig.

Jenny atmete auf, als der Reiter im dämmrigen Schlund eines hundert Yard entfernten Canyons verschwand. Sie spürte noch immer seinen durchdringenden Blick. Es war, als hätte er durch die dicht belaubten Sträucher hindurchgesehen. Vorsichtshalber wartete sie noch etliche Minuten, dann erst verließ sie die Deckung. Der Hengst tänzelte und sträubte sich. Sobald sie jedoch im Sattel saß, war er wieder lammfromm.

Jenny beugte sich vor und tätschelte seinen Hals. Die Bewegung rettete ihr das Leben.

Der Knall eines Schusses füllte ihre Ohren. Blei jaulte haarscharf vorbei. Wild King wieherte schrill. Ein Reiter preschte aus dem Canyon. Sein Gewehr blitzte.

Jefford!

Er besaß entweder den Instinkt eines Wolfs, oder er hatte vorhin doch etwas bemerkt - vielleicht einen abgebrochenen Zweig  und war sich seiner Sache nur nicht ganz sicher gewesen.

Jenny duckte sich.

»Lauf!«, spornte sie Wild King an.

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DIE STRAHLEN DER TIEF stehenden Sonne vergoldeten das Hüttendach. Die Ränder der Paiute Mesa glühten.

Jenny vergaß die Hetzjagd durch das Schluchtenlabyrinth der Henry Mountains, mit dem sie den gefährlichen Verfolger abgeschüttelt hatte. Ein Würgen stieg in ihre Kehle. Alles war unverändert. Old Dan, der fünfzehn Jahre lang wie ein Vater für sie gesorgt hatte, lag an derselben Stelle, wo Jefford ihn niederstreckte. Die Mustangs im Corral liefen hin und her. Sie waren durstig und hungrig. Die Hüttentür stand offen. Auf der Bank daneben lag Old Dans Tabaksbeutel. Nichts deutete darauf hin, dass einer der Mörder nochmals zurückgekehrt war.

Jenny glitt bei dem Toten aus dem Sattel. Tränen liefen über ihre Wangen. Sie kniete nieder und drehte ihn auf den Rücken. In ihrem ganzen Leben hatte sie sich nicht so verloren und einsam gefühlt. Jenny presste die heiße Stirn an seine Wange. Lange verharrte sie so. Bilder der Erinnerung bestürmten sie.

»Sieh in der großen Truhe nach!«, vernahm sie wieder Old Dans Worte. Da versiegten ihre Tränen. Sie führte Wild King zum Corral, band ihn fest und öffnete seinen noch nicht zugerittenen Artgenossen das Gatter. Der Hengst wieherte, machte aber keinen Versuch, sich loszureißen, als sie davonstoben.

Jenny bewegte sich wie in Trance. Sie holte Decke und Spaten aus der Hütte. Cooper war zu schwer für sie, deshalb schaufelte sie sein Grab dort, wo er gestorben war. Die Arbeit erschöpfte sie. Doch sie ruhte nicht, bis der Mustangjäger, in die Decke gewickelt, unter einem Erdhügel lag - sicher vor den Wölfen und Kojoten, die nach Einbruch der Dunkelheit aus ihren Schlupfwinkeln kamen.

Die Sonne versank in einem lodernden Feuermeer. In der Hütte zündete Jenny die Petroleumlampe an. Es gab außer dem Wohnraum zwei Kammern, eine für sie, eine für Old Dan. Die Einrichtung war karg, aber gemütlich.

Jenny sah das alles mit den Augen einer Fremden. Die Truhe stand in Old Dans Kammer. Jenny nahm die Petroleumlampe mit. Sie zögerte. Die Stille, die kein knisterndes Herdfeuer und kein vertrautes Hüsteln auflockerte, umschloss sie wie eine kalte Faust. Sie starrte auf die eisenbeschlagene Truhe. Furcht beschlich sie, ohne dass sie an die Mörder dachte, die draußen in der Wildnis noch immer nach ihr suchten. Dann überwand sie sich, öffnete die Truhe und fand unter alten Kleidern, einem kugeldurchlöcherten Hut und dem Fell eines Grizzlybären den versiegelten Umschlag.

»Für Jenny« stand in großen Buchstaben darauf. Sie presste ihn an sich, kehrte an den Tisch im Wohnraum zurück und stellte die Lampe darauf.

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DIE ZEILEN VERSCHWAMMEN vor ihren Augen. Es dauerte eine Weile, bis sie sah, dass sie einen Schuldschein hielt. Die Summe lautete auf fünfzigtausend Dollar. Ein Vermögen für jemanden, der mit der Wildpferdjagd knapp dreitausend im Jahr verdiente. Das Rückzahlungsdatum lag über fünf Jahre zurück. Der Unterzeichner hieß Bill Larrigan. Jenny hatte den Namen einige Male in den Armeestützpunkten aufgeschnappt, die der Besitzer der einzigen Fracht und Postlinie im südlichen Utah mit allem Lebensnotwendigen versorgte.

Larrigan hatte sich das Geld von einem Mann namens Jack Clanton geborgt - Jennys Vater!

Sie legte den Schein in dem Bewusstsein weg, dass sie einem tödlichen Geheimnis auf der Spur war. Das zweite Schriftstück war der Schlüssel dafür. Jenny erkannte sofort Old Dans ungeübte Handschrift. Tränen trübten wieder ihren Blick, aber sie riss sich zusammen und las.

»Mein Liebling, auch auf die Gefahr hin, dass Du mich verdammen wirst, darf ich Dir wenigstens nach meinem Tod die Wahrheit nicht länger verheimlichen. Ich komme eben von einem nächtlichen Erkundungsritt aus Redhill zurück. Dort hab’ ich den Mann gesehen, von dem uns beiden tödliche Gefahr droht, wenn er jemals herausfindet, dass wir in seiner Nähe leben. Es ist derselbe Mann, der Deinen Vater ermorden ließ. Jawohl, es war Mord, kein Unglücksfall, wie es allgemein hieß. Ich bezeuge ausdrücklich, dass Bill Larrigan meinem ehemaligen Sattelpartner Brent Jefford tausend Dollar dafür bezahlte. Weitere tausend Dollar waren für Dein Verschwinden ausgesetzt, und der Mann, der damit beauftragt wurde, war ich ...«

Jenny ließ das Papier sinken. Ihre Schläfen dröhnten. Alles um sie drehte sich. Die Lampe blakte. Wild King wieherte, aber das Mädchen war wie betäubt. Jenny zwang sich, weiterzulesen.

»All die Jahre hindurch brachte ich es nicht über mich, Dir einzugestehen, dass ich früher ein Geächteter war. Im Bürgerkrieg verlor ich die Existenz. Nach einer Weidefehde, in der ich meinen Revolver vermietete, waren ein halbes Dutzend Sternträger hinter mir her, obwohl ... Aber ich will mich nicht recht fertigen, nur erklären, dass ich froh war, als ein Mann mir Sicherheit bot - Bill Larrigan. Er war schon damals ein Bursche mit Geld und hochfliegenden Plänen. Geld, das Dein Vater ihm lieh.

Larrigan gründete damit in Texas ein Frachtunternehmen. Er muss von Anfang an entschlossen gewesen sein, Jack Clanton keinen Dollar zurückzuzahlen. Dein Vater hielt ihn für einen Freund. Er hatte Gold gefunden, sich dabei aber eine schwere Verletzung zugezogen, von der er sich nie mehr richtig erholte. Er überließ Larrigan den Fund und lebte von den ausgehandelten Zinsen. Deine Mutter war damals schon tot. Nachdem Larrigan in Brent Jefford und mir zwei Hartgesottene fand, die er fest in der Hand zu haben glaubte, war das Schicksal Deines Vaters besiegelt. Es ist wahr, dass Jack Clanton am Biss einer Klapperschlange starb. Aber es war Jefford, der die Schlange in seinen Schlafsack beförderte ...«

Jenny schloss die Augen. Sie sah wieder den Reiter, der mit feuerspuckendem Gewehr aus dem Canyon preschte. Brent Jefford!

Sie versuchte, den Brief zu Ende zu lesen. Es war, als hörte sie dabei Old Dans vertraute Stimme.

»Du befandest Dich damals in der Obhut von Nonnen in der Nähe von Austin. Mein >Job< war es, Dich zum Begräbnis abzuholen und unterwegs ebenfalls >verunglücken< zu lassen. Es war die Wende in meinem Leben. Du warst vier Jahre alt, das süßeste, aber auch wildeste Geschöpf, dem ich je begegnete. Ich hätte mir eher eine Hand abgehackt, als Dir ein Haar gekrümmt. Ich holte Dich ab und floh mit Dir. Ein halbes Jahr kreuzten wir quer durch den Westen, bis ich die Bluthunde, die Larrigan uns nachschickte, abgehängt hatte. Vielleicht erinnerst Du Dich noch daran. Ich gab mich als Freund aus, dem Dein sterbender Vater Dich an vertraute. Ich nahm mir vor, Dir später die Wahrheit zu sagen, fand aber dazu nie den Mut.

Ich kann nur hoffen, dass Du mir verzeihst. Irgendwann erfuhr ich durch Zufall, dass Larrigan Texas verlassen und sein Unternehmen an die Wells Fargo Company verkauft hatte. Ich dachte mir nichts dabei - bis es plötzlich in Utah, sozusagen vor unserer Haustür, einen >Larrigan’s Overland Express< gab. Das war der Grund, weshalb ich unsere Mustangs nie nach Redhill, Crescent Junction oder Cedar City trieb.

Inzwischen weiß ich, dass Bill Larrigan hier in noch größeren Stiefeln steht als damals in Texas. Er beschäftigt eine kleine Armee von Fracht und Postfahrern, Angestellten und Revolverschwingern. Jefford reitet noch immer für ihn. Ihr Hauptquartier ist Redhill. Es kann nicht mehr lange dauern, bis sie herausbekommen, wer die Blauröcke an der Coloradogrenze und die Mormonen im Green River Valley mit zugerittenen Mustangs beliefert. Deshalb will ich nach Nevada. Von dort aus, wenn Du weit genug vom Schuss bist, werde ich spät, aber hoffentlich nicht zu spät versuchen, die Fünfzigtausend-Dollar-Schuld einzutreiben. Du bist ja Jack Clantons einzige Erbin. Für den Fall, dass mir zuvor etwas zustößt, bewahre ich diesen Brief für Dich auf. Ich hab’ vieles falsch gemacht ...«

Jennys Hände zitterten so heftig, dass ihr das Papier entglitt. Sie bückte sich - und erstarrte. Die Lampe flackerte. Jennys Blick jagte an der lässig in der Tür lehnenden Gestalt empor.

Es war Cuchillo.

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DER MEXIKANER GRINSTE. Seine Zähne blinkten wie ein Wolfsgebiss. Der breitrandige Hut hing an der Windschnur auf seinem Rücken. Schwarze Haare ringelten sich in die Stirn. Die Zierknöpfe an der engen Chivarra Hose funkelten. Lässig prüfte er mit dem Daumennagel die Schärfe seines Wurfmessers.

»Jammerschade, dass Jefford und der Boss dich zur Hölle befördern wollen, Muchacha. Du gefällst mir. Aber Geschäft ist Geschäft, und tausend Gringo-Dollar sind auch nicht zu verachten, stimmt’s?«

Jenny hörte Wild Kings Wiehern erst jetzt. Das Pferd des Mexikaners antwortete vom Waldrand. Jennys nächster Blick galt dem an der Wand hängenden Revolvergurt. Die Perlmutt-Griffschalen des 38er Remington schillerten. Die Waffe war ein Geschenk von Old Dan. Zwei Schritte, schätzte Jenny. Aber Tisch und Stuhl befanden sich dazwischen.

Cuchillo lachte spöttisch.

Aus den Augenwinkeln bemerkte das Mädchen die zuckende Handbewegung. Die Klinge blitzte. Jenny hechtete vom Stuhl. Der rasiermesserscharfe Stahl trennte eine Franse von ihrem rechten Ärmel. Mit einem Wutschrei riss der Mann das zweite Messer heraus. Jenny rollte über den Bretterboden, stieß einen Stuhl um, hörte wie von weit her einen dumpfen Knall und federte hoch.

Der Revolver!

Sie vergaß die Waffe, als sie nur mehr Cuchillos' Stiefelsohlen über die Schwelle ragen sah. Die Sporen bohrten sich ins Holz. Jenny schluckte, wischte sich über die Augen. Wild Kings Trompeten wurde diesmal aus zwei Richtungen beantwortet. Hufschlag näherte sich dem Blockhaus.

Mit einem Satz war das Girl an der Wand, zog den Remington aus dem eingefetteten Holster und stellte sich, den Finger am Abzug, neben die offene Tür. Sattelleder knarrte, eine Gebisskette klirrte. Dann malmten Schritte.

»Teufel noch mal!«, brummte eine raue Stimme. Ein Keuchen folgte, als der Besucher den Toten zur Seite schleifte, damit er die Hütte betreten konnte. Die Lampe blendete ihn. Trotzdem steuerte er zielstrebig, wenn auch ein wenig wacklig, das Regal mit der halbvollen Brandyflasche an.

»Pass bloß auf, damit du nicht aus Versehen abdrückst, Jennygirl!«, grölte er. »Wäre verflucht schade um so ’nen Prachtkerl.«

Der »Prachtkerl« war nahezu sechs Fuß groß, breit wie ein Schrank und gleich Jenny in abgewetztes, speckig glänzendes Wildleder gekleidet. Ein Stirnband bändigte die verfilzten Zotteln. Das bärtige Gesicht strahlte. Mit den Zähnen zog er den Korken heraus, trank und rülpste. Sein Oberkörper pendelte hin und her.

»Du bist wieder mal voll wie ’ne Haubitze, Tom Talbot«, stellte Jenny missbilligend fest.

»Was mich nicht dran hinderte, dir das Leben zu retten, mein Täubchen«, grinste der zottelhaarige Hüne und genehmigte sich noch einen Schluck. Talbot lebte in einer Hütte im Arroyo Grande, zwölf Meilen westlich der Paiute Mesa. Sein Job war ebenfalls die Mustangjagd. Aber zu mehr als den paar Dollars, die er für den Fusel hinauswarf, dem er in den letzten Jahren mehr und mehr verfiel, reichte es bei ihm nicht mehr.

»Tut mir leid, was mit Old Dan geschah.« Er stellte die Flasche auf den Tisch. »Hab’ die Spuren gesehen, das Grab, den leeren Corral. Entgegen deiner Meinung bin ich kein Dummkopf, Honey, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, weswegen Bill Larrigans Schießer dir ans Leder wollen.«

Er schielte auf den Schuldschein, den das Girl unter dem Lederhemd verschwinden ließ. Jenny hob auch den zu Boden gefallenen Umschlag auf. Talbot ergriff ihren Arm.

»Well, Jennygirl, nun wirst du nicht drum rumkommen, doch zu mir zu ziehen - als meine Frau.«

»Himmel, Tom, du gibst wohl nie auf!« Das Mädchen seufzte. »Du hast bereits vierzehnmal um meine Hand angehalten, und die Antwort lautete stets nein. Daran hat sich nichts geändert.«

»Du brauchst Hilfe, einen Platz, wo Larrigans Revolverschwinger dich nicht vermuten.«

»Ich kann selbst auf mich aufpassen, Tom.«

»Hm.« Der hünenhafte Wildpferdjäger grinste wieder. »Vorhin hatte ich ’nen anderen Eindruck. Vergiss nur nicht, Honey, dass du mir dein Leben verdankst!«

»Du hast kein Recht, selbst den Preis dafür zu bestimmen! Möchtest du denn wirklich eine Frau, die nur aus Dankbarkeit ...«

»Du oder das Pferd, Sweetheart.« Talbot lauschte grinsend dem neuerlichen Wiehern im Corral. »Kannst es dir aussuchen. Natürlich nehm’ ich auch euch beide.«

»Das sieht dir wieder mal ähnlich, Tom. Ich wette, du bist in Wahrheit mehr an Wild King als an mir interessiert.«

»Ich möchte nur fair sein.«

»Zu dir selbst, was?«

»Ich kenn’ sonst niemanden, der’s gut mit mir meint. Du etwa? Fünfzehn Körbe! Ist das vielleicht fair?« Sie funkelten sich halb im Scherz, halb grimmig entschlossen an. Jenny schüttelte den Kopf. »Nun behaupte bloß noch, du trinkst meinetwegen. Also gut, wenn du’s schaffst, Wild King zu reiten, gehört er dir - dafür will ich nie wieder ’nen Heiratsantrag von dir hören.«

»Einverstanden!«, rief der Hüne begeistert. Er wollte sofort hinaus. Jenny hob eine Hand.

»Sei vorsichtig. Stärk’ dich lieber noch mit ’nem Drink!«

»Keine schlechte Idee.« Die Flasche war noch zu einem Viertel voll. Plötzlich besann Talbot sich auf seine bereits wackligen Beine. Er gab dem Mädchen einen finsteren Blick.

»Du willst mich reinlegen, was?«

»Na klar.«

Talbot stolperte, gefolgt von Jenny, brummend hinaus.

Jenny vermied es, auf Cuchillo und das Grab zu blicken. Talbot näherte sich dem Hengst mit ausgebreiteten Armen.

»Amigo, mach mir keinen Ärger! Zwei Prachtkerle wie wir gehören zusammen. Die Cowboys werden uns an den Lagerfeuern mit Liedern besingen.«

Wild King beäugte ihn reglos. Nur seine Ohren zuckten.

»Pass auf, Tom!«, rief Jenny, als Talbot nach dem Seil griff, an dem der Mustang festgebunden war. Der Hengst schnellte herum und keilte wiehernd aus. Talbot sprang fluchend zurück. Außerhalb Wild Kings Reichweite hielt er sich am Zaun fest.

»So haben wir nicht gewettet, alter Junge. Sei bloß friedlich, sonst dreh’ ich dir ’nen Knoten in den Hals.«

Tom versuchte es von der anderen Seite, aber das Pferd drehte sich mit. Wieder entging Talbot seinen Hufen nur um wenige Zoll. Er schwitzte jetzt. Wild King legte die Ohren zurück und bleckte die Zähne.

»Na warte, Freundchen, dir vergeht das Grinsen noch!«, drohte der Hüne und zwängte sich zwischen den Querstangen in den Corral. Wild King biss nach ihm. Doch hinter dem Zaun fühlte Talbot sich sicher. Geduckt ergriff er das Hackamore-Seil. Da bäumte der Fuchshengst sich auf. Seine Vorderhufe sausten wie Schmiedehämmer auf die Stange, an der er festgebunden war. Holz splitterte.

»King!«, schrie Jenny erschrocken, als der Hengst sich wiehernd herumwarf. Die Freiheit lockte, aber Jennys Stimme bannte ihn. Sie lief zu ihm und hatte schon einen Fuß im Bügel. Gewandt schwang sie sich in den Sattel.

»Adios, Tom!«

Talbot hockte noch im Staub. Blinzelnd und mit herabgeklapptem Unterkiefer schaute er ihr nach.

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8

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NEBELFETZEN HINGEN noch zwischen den Sträuchern am Rabbit Creek. Der hagere Anführer der Entführer schüttete den Kaffeesatz in das nur noch schwelende Lagerfeuer und erhob sich.

»In die Sättel, Amigos! Larrigan reitet mit dem Zaster womöglich in die Stadt zurück, wenn wir ihn warten lassen.«

Roy Larrigan kauerte an einem bemoosten Felsblock. Er sah übernächtigt aus. Greg, der Hagere, zerschnitt den Strick, mit dem seine Füße zusammengebunden waren.

»Du bist auch gemeint!« Er versetzte Roy einen Tritt. »Los, heb den Hintern!«

»Warum schleppen wir uns eigentlich noch mit ihm ab?«, dehnte der Breitschultrige, während er den Stetson aufsetzte. Sein Kumpan, ein pockennarbiger Halbindianer, grinste zustimmend.

»Wenn du zur Abwechslung mal mit dem Kopf, statt dem vollgefressenen Wanst denkst, Buff, dämmert dir vielleicht, dass wir den Jungen noch als Geisel brauchen, bis wir mit dem Geld in Sicherheit sind.«

»Ha, ha! Hast heute wieder mal deinen witzigen Tag, was?«, maulte Buff. »Sicher sind wir erst in Mexiko. Der Junge wird uns auf dem Ritt dorthin nur behindern. Yabo und ich sind dafür, ihn über den Jordan zu schicken.«

Der stumme Mestize nickte und machte die blitzschnelle Geste des Halsabschneidens.

Roy Larrigan zuckte zusammen. Er war jetzt hellwach. Die halbe Nacht hatte er versucht, die Fesseln zu lockern, dabei aber nur seine Handgelenke wundgescheuert. Unauffällig zog er die nun vom Strick befreiten Beine an. Der Hagere ließ seine noch am Feuer hockenden Gefährten nicht aus den Augen.

»Und wenn Larrigan uns ’ne Falle stellt?«

»Jetzt auf einmal? Wer hat uns denn dauernd vorgebetet, dass es besser ist, wenn wir uns mit sechzigtausend Bucks statt der doppelten Summe begnügen, damit Big Bill keine Faxen macht.«

Greg spuckte aus. »Ich will kein Risiko.«

»Yabo und ich auch nicht.«

Der Hagere überlegte kurz, dann grinste er verkniffen.

»Wie wär’s, wenn wir die Würfel entscheiden lassen?«

Buff zögerte. Greg blickte den Halbindianer an.

»Was meinst du, Yabo?«

Der Mestize hieb die geballte Rechte in die linke Hand und nickte heftig.

»Zwei zu eins, Buff.« Greg schlenderte zum Feuer zurück. »Dann mal her mit den Dingern.«

Mürrisch langte der Breitschultrige in die Jackentasche.

Da sauste Larrigan hoch. Nach dem langen Sitzen und Liegen durchfuhr ein stechender Schmerz seine Beine. Er taumelte.

Buffs Wutschrei wirkte wie ein Peitschenhieb. Als der Bandit die neben ihm liegende Winchester hochriss und ohne Rücksicht auf den schräg vor ihm stehenden Anführer feuerte, verschwand der Gefesselte mit einem Panthersatz hinter dem Felsklotz. Zweige peitschten ihn. Ein steiler, mit Felsen und Gestrüpp bedeckter Hang schwang vor ihm empor. Kein Reiter konnte ihm hier folgen. Keuchend und schwitzend arbeitete Roy sich hinauf. Die Fesseln behinderten ihn. Seine Anzugjacke zerriss. Er musste teilweise kriechen und stieß sich die Knie blutig.

Die schwankenden, dicht belaubten Cottonwoods verrieten ihn. Kugeln hieben durchs Gebüsch. Zerfetzte Blätter umwirbelten ihn.

Die Banditen fluchten und schossen, was ihre Gewehre hergaben. Roy duckte sich hinter einen hüfthohen Felsbrocken. Der Strauchwuchs endete hier. Nur mehr Grasbüschel und Flechten krallten sich in die Risse am Hang. Die Silhouetten windzerzauster Gelbkiefern standen darüber vor dem leuchtenden Firmament.

Zehn, zwölf Yard, schätzte der junge Mann. Er zerrte an den Fesseln. Seine Handgelenke bluteten. Er merkte es nicht. Kugeln klatschten gegen seine Deckung. Querschläger jaulten vorbei.

Die Entführer schossen sich ein. Pulverrauch wogte über den Lagerplatz.

»Nagelt ihn fest!«, schrie Greg. »Ich hol’ ihn mir! Aber gebt Acht, damit ihr nicht ...«

Droben zwischen den Bäumen blitzte es. Die Kugel schleuderte die Glutbrocken des Lagerfeuers auseinander. Wie auf Kommando warfen sich die Banditen in Deckung. Roys Blick erfasste eine schlanke, ledergekleidete Gestalt. Sie winkte.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738919943
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Mai)
Schlagworte
mustang-jenny

Autor

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Titel: Mustang-Jenny