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Die Raumflotte von Axarabor #12: Der verlassene Planet

2018 80 Seiten

Leseprobe

Die Raumflotte von Axarabor #12: Der verlassene Planet

Axarabor, Volume 12

Wilfried A. Hary

Published by Uksak Sonder-Edition, 2018.

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Der verlassene Planet

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DIE RAUMFLOTTE VON Axarabor -  Band 12

von Wilfried A. Hary

Der Umfang dieses Buchs entspricht 78  Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Kanot Borglin – Treuer Soldat im Dienste der Raumflotte von Axarabor wird auf dem Planeten SAMUT EILLIOT abgesetzt. Er will einem alten Geheimnis auf die Schliche kommen: Wieso verschwanden alle Siedler dieser Welt spurlos, ihre Gebäude blieben aber all die Jahre intakt?

Er ahnt nicht, was er finden wird...

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Copyright

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Titelbild 3000 AD, 123rf mit Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Prolog

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DIE VERLASSENE SIEDLUNG lag direkt vor ihm, von der hohen Stadtmauer und automatischen Selbstschussanlage gesichert. Kanot Borglin ging langsam darauf zu, nicht nur mit angespannten menschlichen Sinnen, sondern mit voll aktivierten Augmentierungen. Damit konnte er Dinge wahrnehmen, die jedem lebenden Wesen verborgen geblieben wären. Zumindest jedem lebenden Wesen, das ihm bisher begegnet war...

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EIN BLICK IN DIE RUNDE erbrachte kein Ergebnis. Aber das hatte nichts zu sagen. Kanot Borglin war soeben erst von seiner Crew abgesetzt worden. Allein. Weil er das so gewollt hatte.

SAMUT EILLIOT, nach seinem Entdecker so benannt, war eine Welt, die vor zweitausend Jahren besiedelt worden war. Ziemlich genau sogar. Die Siedlung hatte sich die ersten tausend Jahre prächtig entwickelt. Es gab kein konkurrierendes intelligentes Leben. Gefährliche Raubtiere waren längst erkannt und eingeordnet. Man wusste, wie man ihnen begegnen musste und vor allem, in welcher Weise die Siedlungen geschützt werden mussten, um Unfälle zu vermeiden. Und dann, nach ziemlich genau tausend Jahren eben, brach plötzlich die Verbindung ab.

Just zu einem Zeitpunkt, an dem die Siedler keine Unterstützung mehr benötigten und endlich an Axarabor zurückzahlen konnten, was sie bislang an Hilfe erhalten hatten. Mit Zinsen und Zinseszinsen.

Denn das war ja das eigentliche Ziel: Besiedlung fremder Welten, um nicht nur das Imperium zu vergrößern, sondern um daran letztlich Geld zu verdienen. Ein Großteil des Wohlstandes innerhalb des Imperiums und vor allem auf der Zentralwelt AXARABOR basierte auf diesem Prinzip, wenn man es genau nahm.

Die Raumflotte war her gekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Es gab keine Siedler mehr. Nein, nicht einmal Leichen. Sie waren ganz einfach nicht mehr vorhanden.

Eine erneute Besiedlung erschien zu problematisch. Man nahm Abstand davon. Die Raumflotte zog wieder ab.

Bis heute, da die Eliteeinheit von Captain Kanot Borglin, die ausschließlich aus augmentierten Soldaten bestand – so augmentiert, dass man sie bereits Cyborgs nennen konnte – hierher geschickt worden war. Es war ihnen kein Zeitlimit gesetzt. Sie konnten vor Ort selbst bestimmen, wie sie vorgehen wollten. Allerdings sollten sie möglichst mit Ergebnissen zurückkehren. Zumindest mit Erkenntnissen darüber, was tausend Jahre zuvor eigentlich den Siedlern widerfahren war.

Sie hatten den Planeten gescannt, hatten Sonden ausgesendet, die dem neuesten Stand der Technik entsprachen. Das Ergebnis war genauso mies wie tausend Jahre zuvor, nämlich praktisch NULL. Dafür hätte man keine Eliteeinheit auszusenden brauchen.

Daher die Idee von Kanot, sich einmal allein dem Problem zu widmen. Ohne Kontakt mit seinem Schiff.

Zeitziel: Eine Woche!

Erst dann wollte er sich wieder melden. Falls er das dann nicht tat, würde die Crew nach ihm suchen.

Seine Idee war dabei: Wenn ein Flottenkommando versagte und jeglicher Scan nichts brachte, dann gab es vielleicht einen verborgenen Gegner, der sich ausreichend zu tarnen verstand und vielleicht dann erst zum Vorschein kam, wenn ihm selber keine Gefahr mehr drohte.

Eine Einzelperson würde von diesem Gegner erst einmal erkannt werden müssen, ehe er darin überhaupt eine Gefahr sehen konnte. Und er würde möglicherweise dasselbe versuchen, was er auch schon mit den unglücklichen Siedlern angestellt hatte.

Um die zu eliminieren oder zu entführen, dafür hatte er ja immerhin die ersten tausend Jahre lang gezögert. Es musste sich ergo um eine ganz besondere Art von Gegner handeln. Und er würde nicht vermuten, dass Kanot Borglin alles andere als ein normaler Gefährder war.

Soweit jedenfalls die Theorie. Und nun war er da, um herauszufinden, ob er damit richtig lag oder nicht.

Die verlassene Siedlung lag direkt vor ihm, von der hohen Stadtmauer und automatischen Selbstschussanlage gesichert. Kanot Borglin ging langsam darauf zu, nicht nur mit angespannten menschlichen Sinnen, sondern mit voll aktivierten Augmentierungen. Damit konnte er Dinge wahrnehmen, die jedem lebenden Wesen verborgen geblieben wären. Zumindest jedem lebenden Wesen, das ihm bisher begegnet war...

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EINE STUNDE SPÄTER: Die winzige Bewegung an einer der Hausecken, etwa dreißig Meter entfernt, hätte niemand wahrgenommen. Kanot Borglin jedoch schon. Er konnte zwar nichts und niemanden sehen, aber mit nur drei riesigen Sätzen war er dort, innerhalb von Sekundenbruchteilen.

Nichts und niemand?

Auch kein Kleingetier, was ihn sowieso beinahe gewundert hätte, denn in der Siedlung gab es keine Tiere, höchstens ein paar niedere Insekten, die sich hierher verirrt hatten, weil sie von den Selbstschussanlagen nicht identifiziert wurden, weil eben zu klein. Aber obwohl SAMUT EILLIOT, einfach abgekürzt SE, eine noch ziemlich junge Welt war, beherrscht von tropischem Bewuchs und einer Tierwelt, wie sie an Sauriern und ähnliche Spezies aus der Frühzeit von bewohnbaren Planeten erinnerte, blieb die Siedlung völlig verschont. Mehr noch: Selbst nach tausend Jahren hatte die Natur nicht den geringsten Versuch unternommen, sie zurück zu erobern. Zumindest die fast überall dermaßen üppige Pflanzenwelt hätte Erfolg haben müssen, weil vor dieser natürlich keine hohen Mauern und vor allem keine Selbstschussanlagen schützten.

Also, wenn das nicht zumindest ungewöhnlich war...

Kanot blieb stehen und schaute sich aufmerksam um. Immer wieder. Dabei hatte er auf einmal ein seltsames Gefühl: Als würde man ihn beobachten.

War das bereits der unbekannte Gegner? Hatte er erkannt, dass er allein hier war, ohne Waffen einsetzen zu können, mit denen ganze Welten vernichtet wurden? Ohne unmittelbare Hilfe von außen?

Das wäre ja ziemlich schnell gegangen, fand Kanot.

Und auch die Frage tauchte wieder für ihn auf, ob dieser Gegner wirklich tausend Jahre lang die Siedler in Ruhe gelassen hatte oder ob er nach tausend Jahren überhaupt erst hier aufgetaucht war. Denn auch das erschien möglich, dass nämlich der Gegner den Planeten einfach nach den Siedlern in Besitz genommen hatte. Immerhin tausend Jahre später. Dabei waren die Siedler einfach als unliebsame Konkurrenz ausgeschaltet worden.

Dagegen sprach eigentlich nur ein einziges Argument. Dieses war allerdings dermaßen stichhaltig, dass es darauf keine Antwort gab: Wieso hatten die neuen Siedler dann nicht einfach den Planeten in Besitz genommen?

Denn was nutzte es denn, einen Planeten von konkurrierenden Intelligenzwesen zu säubern, wenn man anschließend nicht selber eine Besiedlung vornahm?

Fragen über Fragen, auf die es einfach keine auch nur halbwegs logische Antwort zu geben schien. Aber genau deshalb war Kanot Borglin ja jetzt hier!

Nichts rührte sich mehr. War es denn möglich, dass er sich vorhin getäuscht hatte?

Und noch immer dieses unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als weiter zu gehen, durch die Straßen der Siedlung, die innerhalb ihrer tausendjährigen aktiven Geschichte zu einer kleinen Hauptstadt gewachsen war. Kanot wusste, dass es weit verstreut Farmen gab. Alle waren geschützt gewesen durch entsprechende Zäune, die jegliche Raubtiere abschrecken sollten. Die Scans hatten ergeben, dass all diese Farmen nach wie vor bestanden. Als würde sie jemand regelmäßig instand halten. Die Felder wurden allerdings längst nicht mehr bestellt und waren total verwildert.

Sogar die Zäune waren dort noch intakt. Genauso wie die Stadtmauer hier übrigens, die er allerdings mit einem einzigen Sprung hatte überwinden können. Das automatische Verteidigungssystem hatte nicht auf ihn angesprochen, obwohl es noch funktionsfähig war. Ein entsprechender Impuls seinerseits hatte genügt. Er war als berechtigt erkannt worden. Also hätte er eigentlich auch ganz offiziell durch das Haupttor eintreten können.

Nun, Kanot sprang halt lieber über eine hohe Mauer als den regulären Weg zu gehen...

„Zeige dich mir!“, rief er plötzlich, einer inneren Eingebung folgend.

Er lauschte.

Keine Antwort.

War ja wohl klar gewesen!

Noch Stunden irrte er in der Siedlung umher, betrat Häuser, die aussahen, als würden sie immer noch auf ihre Bewohner warten, sprang auf Dächer, um sich auch von dort aus einen Überblick zu verschaffen, und erreichte am Ende das Nordtor.

Es gab je ein Tor in jeder Himmelsrichtung. Er war von Südwesten gekommen, in der Nähe des südlichen Haupttors. Jetzt war er beinahe auf der gegenüberliegenden Seite.

Kanot spürte so etwas wie Resignation in sich aufsteigen. Immerhin hatte er sich vorgenommen, eine ganze Woche hier allein zu verbringen, ohne überhaupt auch nur den Hauch eines Planes zu haben, was er denn in dieser Woche alles tun sollte, um vielleicht allein schon durch seine Anwesenheit Licht in das Dunkel zu bringen.

Um nach Stunden bereits festzustellen, dass das möglicherweise eine Schnapsidee gewesen war...

Er befahl dem Tor per Funkimpuls, sich zu öffnen, anstatt diesmal wieder einfach darüber hinweg zu springen.

Es gehorchte und bewies Kanot damit, dass es nach wie vor nicht die geringste Funktionsstörung gab.

Kanot schüttelte unwillkürlich den Kopf.

Nach tausend Jahren war alles immer noch so, wie es sein sollte. Es fehlten halt nur die Siedler. Die gab es auch nicht außerhalb der Stadt. Es gab sie auf dem ganzen Planeten nicht mehr. Zumindest waren sie bis heute nicht gefunden worden.

Was sollte er jetzt denn noch tun? Wo sollte er denn noch nachsehen? Außerhalb der Siedlung?

Nun, warum nicht, das eine erschien ihm eigentlich so sinnlos wie das andere. Dort draußen war es vielleicht allein schon deshalb interessanter, weil es einige Raubtiere gab, die fremde Eindringlinge nicht ausstehen konnten und die außerdem auch noch Hunger hatten.

Er freute sich bereits auf die erste Begegnung dieser Art...

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DER ZWANZIG METER BREITE Gürtel rund um die Stadt, wo der Boden so präpariert war, dass er pflanzenfrei blieb, trennte die Siedlung vom Dschungel.

Eines zumindest war nicht mehr so wie vor tausend Jahren: Es gab keine Straßen mehr, über die man die einzelnen Gehöfte erreichen konnte.

Sein Extragehirn projizierte ihm die Karte auf die Netzhaut. Wenn er vom nördlichen Tor aus schnurstracks weiterlief, gelangte er zum nächsten Gehöft nach fünf Kilometern. Der ehemalige Besitzer hatte eine Fläche von genau einem Quadratkilometer urban gemacht und Pflanzen von Axarabor gesät. Auf die einheimische Flora hatte niemand Rücksicht genommen, und laut Berichten von damals hatte es auch keine Verdrängung von einheimischen Gewächsen gegeben. Ganz im Gegenteil: Importierte Gewächse mussten vor einheimischen geschützt werden, die sich viel aggressiver verbreiteten.

Das war nicht auf jeder Welt der Fall, aber zumindest hier war es so gewesen.

Kanot hatte den Hinweis darauf vermisst, was denn aus den importierten Gewächsen im Einzelnen geworden war nach dem Verschwinden der Siedler. Jetzt war er gespannt darauf, was ihn erwartete. Immerhin nach tausend Jahren, in denen niemand mehr SE angeflogen hatte, zumindest nicht offiziell. Das ganze System war natürlich nach dem mysteriösen Verschwinden sämtlicher Siedler zur verbotenen Zone erklärt worden.

Der Dschungelrand war wie eine grüne Mauer. Er lauschte den unbekannten Tierstimmen. Ein Konzert, das fast unangenehm laut erschien. Als würde allein schon seine bloße Anwesenheit für jede Menge Aufregung sorgen. Falls sich hier irgendwo der unbekannte Gegner versteckte, würde es schwer sein, ihn zu entdecken.

Nach wie vor hatte Kanot das Gefühl, beobachtet zu werden. Seit er an jener Häuserecke die Bewegung wahrgenommen hatte. Nur eine winzige Bewegung wohlgemerkt, nichts Konkretes. Was ja auch wirklich eine Täuschung hätte sein können. Wäre da nicht zum ersten Mal dieses Gefühl entstanden.

„Du bist hier! Aber keine Sorge, ich laufe nicht weg. Ganz im Gegenteil. Ich bleibe noch länger. Du kannst mich in Ruhe beobachten. Wie du vielleicht die Siedler beobachtet hast. Aber bitte diesmal nicht tausend Jahre lang!“

Er hatte es laut und deutlich gesprochen.

Ob es wirklich jemand gehört hatte?

Allein auf einer ganzen Welt!

Er durfte gar nicht daran denken, denn selbst ihm als Elitesoldat mit Augmentierungen, die ihn einer ganzen Armee aus normalen Soldaten überlegen machte, bereitete das ein wenig Angst. Er war schließlich als Mensch geboren worden, und Menschen hatten nun einmal dieses Bedürfnis, nicht völlig allein sein zu wollen. Sogar der größte Einsiedler hielt es nicht ein Leben lang aus. Und egal, wie weit er entfernt war von jeglicher Zivilisation: Ganz allein auf einem ganzen Planeten war nun einmal wiederum eine völlig andere Sache!

Ohne seine Aufmerksamkeit zu vernachlässigen, teilte er mit bloßen Händen die grüne Mauer. Sie gab nur widerwillig nach und ließ ihn hineinschlüpfen.

Das satte, saftige Grün war relativ dicht besiedelt von allerlei Kleingetier, das aber keine Lust auf Kanot hatte. Nicht nur, weil er einen hautengen Schutzanzug anhatte, sondern weil er ihnen anscheinend zu fremdartig vor kam. Sie flohen eher vor ihm als dass sie ihn angreifen wollten.

Obwohl seine Hände frei waren, waren auch sie nicht völlig ungeschützt. Kanot Borglins Augmentierungen bezogen sich auch auf seine Haut. Sie war von einem dünnen Film überzogen, der keinen Millimeter ausließ und nur dort unterbrochen wurde, wo sich die Körperöffnungen befanden. Diese konnte die künstliche Haut aber jederzeit schließen, um weder giftige Gase noch Kleinstlebewesen in das Körperinnere zu lassen. Nur atembare Luft, die von der künstlichen Haut gefiltert wurde. Eine Augmentierung, die Kanot ganz besonders schätzte. Nicht erst seit er hier gelandet war.

Er lächelte flüchtig. Alles Dinge, von denen der unbekannte Gegner sicherlich nichts wusste, denn keiner der verschwundenen Siedler hatte vor tausend Jahren auch nur geahnt, dass solche Superkrieger wie er eines Tages existieren könnten.

Er arbeitete sich durch das zähe Grün und kam nur mühsam voran. Auf diese Weise würde er für die Entfernung bis zur ersten Farm eine ganze Weile benötigen. Vielleicht sollte er sich doch noch ein wenig mehr beeilen?

Schon juckte es ihm in den Fingern, den Blaster zu ziehen und vor sich ein Loch in das dichte Gestrüpp zu brennen, doch irgendwie wollte er hier keinen unnötigen Schaden anrichten. Er war Gast auf dieser Welt, nur deshalb hier, um herauszufinden, was damals geschehen war. Nicht, um den Planeten für das Verschwinden zu bestrafen, der sicherlich nichts dafür konnte.

Nahm er jedenfalls an!

Bald ortete er keine zehn Meter vor sich eine Lichtung. Es war nicht erkennbar, wie diese entstanden war und warum.

Vorsichtig arbeitete er sich näher heran. Bis sie nur noch einen halben Meter vor ihm war.

Keine besonderen biologischen Aktivitäten waren feststellbar. Oder lag es einfach daran, dass die umgebende Biologie das Scanergebnis verfälschte?

Er teilte den letzten halben Meter vor sich und riskierte einen Blick hindurch.

Der Boden der Lichtung war mit einer Art Moos bewachsen. Sonst nichts. Die Lichtung war kreisrund und hatte einen Durchmesser von ungefähr zehn Metern. Der Dschungel ringsherum vermied diese Stelle aus unersichtlichem Grund.

Weitere Scans mittels seiner Augmentierungen zeigten am Boden keine Abweichungen. Unter dem ewigen Grün befand sich Felsboden mit einer nur zentimeterdicken Humusschicht. Die meisten Pflanzen stützten sich gegenseitig durch unmittelbare Berührung. Alles stand dermaßen dicht, dass nichts umfallen konnte, auch nicht beim größten Sturm. Der hätte schon ganze Teile aus dem Dschungel reißen müssen.

Teile, die so groß waren wie diese Lichtung?

Nein, daran konnte es nicht liegen, dass sie überhaupt entstanden war.

Woran sonst?

Er konnte nicht anders. Er musste es herausfinden. Alles andere wurde darüber belanglos. Und am besten würde er es herausfinden können, wenn er die Lichtung betrat. Wenn er hier im ewigen Grün versteckt blieb, würde sich nichts ändern.

Also trat er vor.

Das Moos unter seinen Füßen war wie ein natürlich entstandener dichter Teppichboden.

Kanot schaute aufmerksam umher.

Kein Leben innerhalb der Lichtung. Sie bildete eine Röhre, die bis zu den höchsten Wipfeln der Urwaldriesen führte. Wie ein natürlich entstandener Kamin. Immerhin mit einem Durchmesser von beinahe zehn Metern.

Kanot Borglin trat mitten auf die Lichtung und drehte sich langsam im Kreis, dabei aufmerksam die umgebende Dschungelmauer beobachtend.

Wieso, zum Teufel, bewegte sich dort nichts?

Und noch immer blieb die Frage, wie eine solche Lichtung nicht nur entstehen, sondern sich auch noch über einen längeren Zeitraum hinweg halten konnte.

Plötzlich merkte er, dass sich irgendetwas in der allgemeinen Geräuschkulisse änderte. So chaotisch sie auch erschien: Das war ein Konzert, das aus sich wiederholenden Einzelsequenzen bestand, durchsetzt von Einzeltönen der mannigfaltigen Art.

Die winzige Störung kam von oben.

Er legte den Kopf in den Nacken, betrachtete aber die etwa zwanzig Meter hoch reichende Röhre nicht nur mit den Augen, sondern tastete sie auch mit seinen technisch extrem erweiterten Sinnen ab.

Die Störung war deshalb so winzig, weil sie noch weit weg ihren Ursprung hatte. Doch dieser Ursprung näherte sich rasant. In wenigen Sekunden würde er über der Röhre auftauchen.

Diese Zeit nutzte Kanot für die Überlegung, ob er sich zurückziehen sollte oder nicht. Er hätte ja einfach nur in den dichten Dschungel ringsherum eintauchen müssen. Doch das tat er nicht, sondern wartete mit angespannten Sinnen.

Ein Schatten über der weiten Röhre.

Ein Vogel?

Nein, es sah eher aus wie eine Riesenqualle, die es doch eigentlich nur unter Wasser geben konnte. Wie konnte so ein Ding denn überhaupt fliegen?

Es blieb direkt über der Röhre und hatte... haargenau dieselben Abmessungen wie diese. Das hieß, das Ding war rund und hatte einen Durchmesser von knapp zehn Metern.

Doch eine Qualle!

Aber eine prall gefüllte, wie ein Gasballon. Und es schien in der Tat ein leichtes Gas zu sein, das diesem Ding Auftrieb verlieh.

Es schwamm durch die Luft, mit peitschenden Tentakeln, die ihr eine erstaunliche Beweglichkeit verliehen.

Auch indem sie sich an den Innenwänden aus saftigem Grün festhielten, um sich daran nach unten zu hangeln.

Und das mit einer enormen Geschwindigkeit. Für die rund zwanzig Meter betragende Strecke würde die „Flugqualle“ nur weitere Sekundenbruchteile benötigen.

Konnte es denn sein, dass die Flugqualle die Röhre geschaffen hatte, als ihr Unterschlupf oder gar Nest? Falls man diesen Begriff dafür überhaupt verwenden konnte. Aber wie konnte sie eine solche Röhre nicht nur schaffen, sondern auch sozusagen instand halten, um der Umgebung zu verbieten, sie erneut zu erobern?

Das bekam Kanot in dem Moment heraus, als die Flugqualle ihn fast erreicht hatte: Es handelte sich nämlich nicht nur um eine Qualle, die fliegen konnte, sondern um eine, die eine säureähnliche Flüssigkeit versprühte.

Er hatte es versäumt, die Röhre genau darauf zu untersuchen. Etwas, was sich jetzt rächte. Zumindest beinahe, denn die Säure benetzte zwar seinen Schutzanzug und besprühte sein Gesicht, doch die hochgezüchteten Augmentierungen schützten ausreichend seine Haut, und der Schutzanzug war sowieso gegen die Säure resistent.

Jetzt blieb der Flugqualle nur noch, ihn zu packen, um ihn sich einzuverleiben.

Zwar hatte Kanot kein Alarmsystem entdeckt, das die Flugqualle darauf hinweisen konnte, wann sich ein mögliches Opfer in der Röhre befand, aber irgendwie war er halt doch als mögliches Opfer auserkoren, und er hatte natürlich etwas dagegen.

Die Säure war anscheinend nicht nur dafür da, eine solche Röhre zu schaffen und zu erhalten, sondern auch, irgendwelche Opfer vor zu verdauen.

Kanot Borglin stieß beide Fäuste nach oben und rammte sie in den weichen Leib der Flugqualle. Immerhin mit solcher Wucht, dass die Qualle nach oben weg federte.

Sie war leicht wie die sprichwörtliche Feder durch das Gas, das ihr Auftrieb gab. Gegen diese Behandlung konnte sie also nichts tun.

Allerdings hielt sie das nicht davon ab, Kanot erneut zu attackieren. Jetzt änderte sie sogar ihre Taktik, indem sie sich zu einem länglich nach oben zeigenden Gebilde verwandelte. Der Tentakelkranz an der Randunterseite schloss sich dadurch weitgehend und versuchte jetzt, Kanot Borglin zu packen.

Dieser hatte endgültig genug. Wenn sich die Flugqualle nicht in die Flucht schlagen ließ, musste er härtere Maßnahmen ergreifen, und die erste dieser härteren Maßnahmen hieß in diesem Moment Blaster.

Ein einziger Feuerstoß genügte, um die Flugqualle aus der Röhre hinaus zu treiben. Ihre Unterseite platzte dabei auf, weil sie regelrecht unter der Hitze zerschmolz. Das Gas entwich und gab der Flugqualle noch mehr Auftrieb.

Sie verschwand außer Sichtweite.

Kanot blieb stehen, steckte den Blaster wieder weg und betrachtete die Innenwand der Röhre. Tatsächlich, die Säure sorgte dafür, dass die Pflanzen nicht in die Röhre hineinwachsen konnten. Die Flugqualle hatte für den nötigen Abstand gesorgt, damit sie haargenau in die Röhre hinein passte. Aber die Tatsache, dass sie auf Kanots Eindringen reagiert hatte, obwohl sie sich nicht in unmittelbarer Nähe dafür aufhalten musste, brachte ihn jetzt dazu, diese Innenwand näher zu untersuchen.

Und da fand er einige Fäden, die wie Spinnweben aussahen. Wenn etwas in die Röhre eindrang, berührte es zwangsläufig diese Fäden, die anscheinend die Bewegung zu der lauernden Bestie übertrugen.

Wie aber hatte es der Flugqualle gelingen können, solche Fäden zu spinnen?

Dazu war sie unmöglich in der Lage, fand Kanot.

Also musste es hier noch etwas anderes geben, und dieses Etwas würde jetzt ganz schön sauer auf ihn sein, denn wenn es mit der Flugqualle in einer Art Symbiose lebte, hatte er nun diese Verbindung dauerhaft zerstört.

Kaum hatte er ausgedacht, als sich die gesamte Röhre zu bewegen begann.

Endlich wusste er, wieso er nicht gleich darauf gekommen war, wie die Röhre hatte entstehen können. Das lag nicht nur an der Säurebehandlung. Diese hätte dafür viel intensiver ausfallen müssen, und sie wäre dann immerhin so intensiv geworden, dass der Moosboden darunter hätte leiden müssen.

Der Moosboden jedoch gehörte zum Symbionten, und dieser war stationär – gewissermaßen. Denn er bestand aus einem Teil des Dschungels und durchflocht diesen seiner Schätzung nach um mindestens fünfzig Meter im Umkreis. Ohne ihm zu schaden. Nur wenn ein ahnungsloses Tier es wagte, die Röhre zu betreten... Dann trat die Flugqualle auf den Plan, um sich ihr Opfer einzuverleiben.

Was der pflanzliche Symbiont davon hatte, war Kanot nun auch klar: Die Verdauungsrückstände wurden von dem Moosteppich aufgenommen, und die Säfte ernährten den Symbionten, der zumindest zum Teil eine Art pflanzlicher Karnivore war, der sich von tierischen Überresten ernährte.

Der Moosteppich war ziemlich beweglich. Er klappte plötzlich hoch und ließ Kanot Borglin zum Gefangenen werden.

Es gab genügend Säure, die noch übrig war von der missglückten Attacke auf ihn und die gereicht hätte, ein normales Tier zu verdauen.

Kanot war kein normales Tier. Der Symbiont hatte sich das falsche Opfer ausgesucht, genauso wie vorher die Flugqualle. Er setzte noch einmal seinen Blaster ein und brannte damit ein Loch, das groß genug war, ihn entkommen zu lassen.

Erschrocken und sicherlich auch gepeinigt, ließ der Symbiont los und hatte nichts mehr dagegen, als Kanot Borglin die Lichtung verließ, um sich weiter zu arbeiten in die Richtung, in der er die erste Farm wusste.

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KANOT BORGLIN HATTE beschlossen, seine Taktik zu ändern. Das unschöne Intermezzo mit der Flugqualle hatte ihn darin bestärkt. Mit dem Blaster schoss er einen Feuerstoß in die dichte Dschungelwand vor sich. Das saftige Grün konnte nicht Feuer fangen. Dafür war es zu nass. Es geschah jedoch etwas anderes: Die Lücke, die er schoss, weitete sich selbständig aus, als würde sich das Grün vor dem Feuer zurückziehen. Es genügte somit jedes Mal ein kurzer Feuerstoß, um Kanot mehrere Meter weiter gehen zu lassen, ohne gegen die zähe grüne Masse des Dschungels ankämpfen zu müssen. Damit kam er wesentlich schneller voran.

Auf dem Weg zur Farm gab es keinen weiteren Zwischenfall mehr. Vielleicht lag es ja an dem Blaster. Alles hier schien Feuer zu fürchten. Das war durchaus auch nachvollziehbar.

Allerdings wunderte sich Kanot doch ein wenig über die Reaktion der Pflanzenwelt. Sie bewies nicht gerade eine eigene Intelligenz, aber doch eine unglaubliche Sensibilität, wenn sie regelrecht bei jedem Feuerstoß zusätzlich zurückwich, um sich erst dann zögernd wieder zu schließen, wenn er weitergegangen war.

Die Farm selbst war noch nicht zu sehen, aber der hohe Zaun. Er war elektrisch geladen, wie Kanots Augmentierungen ihm zeigten. Irgendwo gab es einen Durchgang. Sicherlich ganz in der Nähe, weil es ja hier irgendwann, vor tausend Jahren, eine Straße gegeben hatte. Der Zaun selbst war vom Dschungel ungeschoren geblieben. Eben wegen der elektrischen Ladung, vermutete Kanot. Die Flora und Fauna dieser Welt vermied nicht nur Feuer, sondern auch Elektrizität. Das mochte daran liegen, dass beides drohte, falls es mal ein großes Gewitter gab – und das war auf solchen Welten erfahrungsgemäß eher öfter der Fall. Sobald ein Blitz einschlug, hatte das an dieser Stelle verheerende Folgen, und daran schien sich die Flora und Fauna hier zu erinnern.

Der Dschungel hielt einen Abstand von zwei Metern zum Zaun.

Kanot sah empor. Fünf Meter hoch. Kein Problem für ihn. Er sprang aus dem Stand darüber hinweg, ohne ihn zu berühren. Die elektrische Ladung war immerhin so hoch, dass sie seine Augmentierungen hätte beschädigen können. Um das zu vermeiden, hätte er seinen Schutzschirm einschalten müssen, doch dafür war ihm die Energie zu schade. Er musste damit haushalten, denn wer wusste, was die nächsten Tage noch bringen würden.

Die Farm war auch von dieser Seite aus nicht zu sehen. Das verhinderten nämlich die hier wild wuchernden Pflanzen. Eigentlich Nutzpflanzen, waren sie in den letzten tausend Jahren ziemlich verwildert.

Kanot machte sich die Mühe und untersuchte die nähere Umgebung. Tatsächlich, es gab nach wie vor keinerlei Verunreinigungen durch die heimische Pflanzenwelt. Dort, wo es die importierten Pflanzen gab, kehrten einheimische Gewächse nicht mehr zurück. Auch keine einheimischen Insekten. Die wenigen, die er ausfindig machen konnte, waren ebenfalls importiert. Sie wurden von den Pflanzengewächsen hier benötigt. Eine Symbiose, die sich bewährt hatte und die Gewächse sowohl pflegte als auch schützte.

Der Bewuchs war kaum weniger dicht als der Dschungel außerhalb. Doch diesmal scheute Kanot davor zurück, den Blaster einzusetzen. Er bahnte sich mühsam den weiteren Weg in Richtung Farmgebäude, das er noch nicht mit den Augen sehen konnte, aber doch orten.

Es dauerte eine Weile, bis er es erreichte. Zu diesem Zeitpunkt war längst die gelbe Sonne hinter der Horizontlinie verschwunden. Die beiden Monde des Planeten SE waren aufgetaucht, wie Zwillinge. Kanot wusste, dass sie nicht nur gemeinsam um den Planeten kreisten, sondern dass sie auch gegenseitig sich umliefen. Eine ziemlich komplizierte Anordnung, die irgendwann vor Milliarden Jahren ihren Anfang genommen hatte. Der Planet selbst war ja wesentlich jünger als Axarabor. Etwa um eine Milliarde Jahre.

Die Farm lag vor Kanot Borglin, als wäre sie nie verlassen worden.

„Als würde sie immer noch jemand bewirtschaften!“, murmelte er fassungslos.

Obwohl genau das zu erwarten gewesen war auf Grund der vorangegangenen Untersuchungen, wunderte es ihn jetzt dennoch. Zumal er um die Farm herum diese Wildnis sah. Da hatte keineswegs jemand Hand angelegt.

Aber wieso blieb davon das Gebäude verschont?

Die Haustür war nicht abgeschlossen. Er konnte ungehindert eintreten. Sogar das Licht brannte, als er den entsprechenden Schalter betätigte.

Alle Möbel standen unberührt an ihrem Platz. Nirgendwo auch nur das geringste Stäubchen. Gerade so, als wären die Siedler nur einmal kurz weggegangen, um jederzeit wieder zurückkommen zu können.

Nicht anders eben als auch in der Stadt, also dort, wo die Besiedlung eigentlich begonnen hatte.

Es war durch nichts zu erklären. Genauso wenig wie die Tatsache, dass die Siedler einfach so verschwunden waren, ohne die geringste Spur ihres Verschwindens zu hinterlassen. Sie schienen nur mitgenommen zu haben, was sie gerade am Leib getragen hatten. Also nicht so, als wären sie freiwillig verreist.

Details

Seiten
80
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919912
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v426890
Schlagworte
raumflotte axarabor planet

Autor

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #12: Der verlassene Planet