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Western Sammelband 4 Romane - Die Claim-Geier und andere Western

von Alfred Bekker (Autor:in) Heinz Squarra (Autor:in) Glenn Stirling (Autor:in) R. S. Stone (Autor:in)
2018 500 Seiten

Leseprobe

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Western Sammelband 4 Romane - Die Claim-Geier und andere Western

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DIESES BUCH ENTHÄLT folgende Western:

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ALFRED BEKKER: DIE Höllenmeute von El Diablo

Glenn Stirling: Cadburn und der Raubrancher

Heinz Squarra: Die Claim-Geier

R.S.Stone: Nach Morden, Männer!

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IN DER GEGEND VON BENSON gibt es so große Goldvorkommen, dass die Wells Fago sogar einen nach Fahrplan verkehrenden Goldtransport eingerichtet hat. Diese regelmäßigen Transporte rufen allerlei Gesindel und Banditen auf den Plan, die sich leichte Beute erhoffen und nicht die Bohne darum scheren ob und wie viel Menschen bei ihren Überfällen ums Leben kommen. Ihre Gewehre bringen Tod und Verderben – für jeden, der sich ihnen in den Weg stellt. Und die Geier erhalten einen üppigen Fraß.

Clay Drake will diese Anschläge und die damit verbundenen Verbrechen aufzuklären. Ein fast aussichtsloses Unterfangen, denn der Stadt-Marshal erweist sich als unfähig und die Bürger von Benson sowie die Goldsucher der Umgebung sind ihm keine Hilfe – im Gegenteil! Einige von ihnen wollen sogar dafür sorgen, dass er in der Hölle aufwacht, und das sind nicht die Einzigen, die dieses Ziel verfolgen ...

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Copyright

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Höllenmeute von El Diablo

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VON ALFRED BEKKER

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

In der Nähe von Jefferson, Arizona wird die Postkutsche überfallen. Dabei werdensämtliche Insassen getötet. Dahinter steckt die Bande von Doug Warren, der auch unter dem Namen El Diablo bekannt und berüchtigt ist. Sheriff John Read stellt ein Aufgebot zusammen und macht sich an die Verfolgung der Bande. Darunter ist auch der junge Billy Coburn, dessen schwangere Frau bei dem Überfall getötet wurde. Nach dramatischer Jagd geraten sie in eine schier ausweglose Situation.

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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"MAN WIRD HIER JA ORDENTLICH durchgeschüttelt!", meinte der Mann im eleganten Anzug, während die Postkutsche über die steinigen Untergrund holperte. Die beiden Männer vorne auf dem Bock trieben die Gäule unbarmherzig vorwärts. Die Kutsche war mit Verspätung aus Jefferson, Arizona aufgebrochen und sollte vor Einbruch der Dunkelheit noch bis Tucson kommen.

Der Mann im eleganten Anzug wandte sich an die junge Frau, die ihm gegenübersaß. Sie hatte ein feingeschnittenes, außergewöhnlich hübsches Gesicht. Es war unübersehbar, dass sie schwanger war. "Für Sie ist es sicher noch viel unangenehmer", meinte der elegant Gekleidete. "Ich meine, in ihrem Zustand..."

"Es geht", sagte sie.

"Mein Name ist übrigens Frakes."

In den Augen der Frau blitzte es und um ihre Lippen spielte ein spöttisches Lächeln. "Ich habe von Ihnen gehört, Mister Frakes. Sie sind ein Falschspieler. Sheriff Read hat Sie aus der Stadt geworfen!"

Der Spieler errötete ein wenig.

"So etwas spricht sich ja schnell herum!"

"Jefferson ist eben ein kleines Nest."

"Sie könnten mir trotzdem Ihren Namen sagen, Ma'am. Schließlich werden wir hier den Rest des Tages zusammen in dieser engen Kutschenkabine verbringen. Oder haben Sie etwas gegen eine gepflegte Unterhaltung?"

"In Ihrem Fall schon", erklärte die junge Frau. "Ich mag Leute nicht, die andere um ihr Geld bringen."

Der Spieler schien erstaunt und hob die Augenbrauen.

Mit einer so deutlichen Abfuhr schien er nicht gerechnet zu haben. "Aber, aber...", meinte er.

Doch da wurde er von dem dritten Fahrgast unterbrochen. Es war ein Rancher aus der Umgebung. Ein breitschultriger Mann mit leichtem Bauchansatz, der irgendwo zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt war. "Sie haben doch gehört, was Mrs. Coburn gesagt hat", grunzte er mit heiserer Stimme. "Die Lady hat keine Lust, sich mit Ihnen zu unterhalten und Sie sollten das akzeptieren!"

Der Spieler wollte noch etwas erwidern, denn er war keiner, der so schnell klein bei gab. Doch er wurde brutal unterbrochen, als auf einmal Schüsse peitschten. Aus der zerklüfteten Felslandschaft, die sich zu beiden Seiten der Kutsche erstreckte, prasselte jetzt ein wahrer Geschosshagel nieder. Der Bleiregen schien aus allen Richtungen zu kommen. Den ersten der beiden Kutscher erwischte es, noch bevor er zu seiner Winchester hatte greifen können. Im hohen Bogen und mit einem durch Mark und Bein gehenden Todesschrei flog er vom Bock, während die Kutsche nach wie vor in voller Fahrt war. Es gab ein hässliches Geräusch, als sein Körper hart aufschlug. Den zweiten Mann auf dem Bock erwischte es nur einen Augenaufschlag später. Er sackte noch vorn und geriet unter die Wagenräder. Die Kutsche fuhr über ihn hinweg. Die Pferde waren indessen von der Ballerei völlig verrückt geworden und gingen durch. In wildem Galopp stoben sie vorwärts "Diese Hunde!", schimpfte der Rancher grimmig. Er hatte den Colt aus dem Holster gezogen, ebenso wie der Spieler.

Die schwangere Mrs. Coburn drückte sich derweil in die Ecke und hielt sich den Bauch. "Mein Gott..." flüsterte sie. Ihr hübsches Gesicht hatte jegliche Farbe verloren und war von namenlosem Entsetzen gezeichnet.

Der Spieler gab inzwischen ein paar mehr oder weniger ungezielte Schüsse aus dem offenen Kutschenfenster ab. Die entsprechende Antwort in Blei ließ nicht auf sich warten und folgte prompt. Einige der Schüsse gingen glatt durch das dünne Holz, aus dem die Kutschenkabine gezimmert worden war.

Der Spieler schrie plötzlich laut auf.

Ein Geschoss hatte ihn im Oberkörper erwischt. Das schöne weiße Hemd, das er unter der dunklen Jacke trug färbte sich innerhalb eines einzigen Augenblicks rot. Der Spieler sah fassungslos an sich herab und preßte die Hand auf die Wunde, aber das Blut glitt ihm zwischen den Fingern hindurch.

Jetzt war zu hören, wie galoppierende Pferde sich näherten.

Die Reiter hatten die Kutsche rasch eingeholt. Den ersten holte der Rancher mit einem gezielten Schuss aus seinem Revolver aus dem Sattel. Dem nächsten holte er das Pferd unter dem Hintern weg, aber es waren einfach zu viele. Mindestens ein Dutzend Männer. Die Sache schien hoffnungslos.

Der Spieler wimmerte unterdessen. Er sackte noch vorne, gegen die Tür. Die Waffe entglitt seiner Rechten und rutschte zu Boden. Als der Rancher seinen Colt leergeschossen hatte und die Waffe des Spielers an sich nehmen wollte, bemerkte er, dass die junge Mrs. Coburn mit starrem Blick auf ihrem Platz saß. Ihr Mund war weit geöffnet, wie zu einem stummen Schrei. Und in ihrer Stirn war ein rundes, rotes Loch. Sie war tot.

Dem Rancher versetzte es einen Stich. Er musste schlucken.

Inzwischen verlangsamte die Kutsche ihre Fahrt. Den Banditen gelang es schließlich, das Gespann wieder unter Kontrolle zu bringen. Einer der Kerle hatte sich auf den Rücken eines Zugpferdes geschwungen und wenige Augenblicke später kam das ganze Gefährt zum Stillstand. Die Banditen preschten heran und zügelten ihre Pferde.

Der Rancher sah ihre rauen Gesichter. Sie waren nicht maskiert, offenbar hielten sie das nicht für nötig. Der Rancher wusste, dass es kaum Sinn hatte, sich noch zu wehren, jetzt, da die Kutsche stand. Vielleicht würden sie ihn am Leben lassen.

Es war, als ob sich eine eisige Hand auf seinen Rücken legte.

Die Türen der Kutsche wurden aufgerissen, und ein halbes Dutzend Mündungen zeigten auf den Rancher. Der leblose Körper des Spielers fiel den Banditen entgegen. Der erste von ihnen, der seiner Kleidung nach ein Mexikaner war, trat einen Schritt zurück, so dass die Leiche auf den Boden schlug. Der Mexikaner grinste zynisch. Aber als sein Blick auf die tote Mrs. Coburn fiel, veränderte sich sein Gesicht.

"Madre de dios!", rief er aus.

"Was gibt's?", fragte ein finster wirkender Reiter. Unter dem dunklen, tief ins Gesicht gezogen Hut blitzten zwei grausame Augen. Sein Haar und der Stoppelbart waren rotstichig.

Er lenkte sein Pferd heran und stieg ab.

"Im Wagen war eine schwangere Frau!", sagte der Mexikaner.

Der Rothaarige kam heran und warf einen Blick in das Innere der Kutsche. Er zuckte die Schultern. Sein Gesicht blieb regungslos, als er sagte: "Vergiss es, Pedro! Hast du gehört? Vergiss es einfach!"

Der Mexikaner atmete tief durch.

Dann deutete er mit dem Lauf seines 45er Colts auf den Rancher, der kreidebleich und regungslos auf seinen Platz saß. "Was machen wir mit ihm, Boss?"

Der Rothaarige bedachte den Rancher mit einem Blick, der diesem das Blut in den Adern gefrieren ließ.

"Umlegen", sagte der Anführer der Bande dann. Er sprach leise. Es klang wie das Zischen einer Schlange. "Wir können keinen Zeugen gebrauchen."

"Lassen Sie mich am leben!", flehte der Rancher. "Ich gebe Ihnen mein Geld! Ich habe den Erlös aus dem Verkauf einer Rinderherde bei mir... Ein schöner Batzen!"

"Wir werden es uns ohnehin nehmen", sagte der Rothaarige.

Der Rancher schluckte. Angstschweiß lief ihm über die Stirn. "Aber es ist gut versteckt!", wandte er dann ein. "Ihr werdet es nicht finden!"

Der Rothaarige schien zu überlegen und nickte schließlich.

"Okay."

"Ihr lasst mich am Leben?"

"Wo ist das Geld?"

Der Rancher zog seine Lederweste aus und gab sie dem Rothaarigen. "Es ist hier eingenäht!", erklärte er.

Über das Gesicht des Banditen ging ein mattes Lächeln.

"Gut", meinte er. Dann griff er blitzartig zu dem Revolver, den er an der Seite trug und feuerte kurz hintereinander zwei Schüsse auf den Rancher ab.

Pedro, der Mexikaner, schaute zur Seite.

Dann sagte er an den Rothaarigen gerichtet: "Wirklich! Du trägst deinen Namen zu recht, El Diablo!"

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2

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JOHN READ WAR EIN HOCHGEWACHSENER, breitschultriger Mann mit dunklen Haaren. Er war vor zwei Jahren nach Jefferson gekommen. Irgendwie hatte man es geschafft, ihm den Sheriff-Stern anzudrehen. Und Read hatte damals in wenigen Wochen in dem kleinen aber wilden Arizona-Nest Ordnung geschaffen.

Seitdem war er geblieben.

Read war gerade auf dem Weg zum einzigen Saloon von Jefferson, um dort sein Mittagessen einzunehmen, als ein Reiter in wildem Galopp auf den Sternträger zupreschte.

Read kannte den Mann nur zu gut.

Er hieß Chuck Slater und arbeitete als Vormann auf der größten Ranch der Umgebung.

Slater zügelte sein Pferd und sprang mit katzenhafter Geschmeidigkeit aus dem Sattel.

Er schien ziemlich aufgeregt zu sein. Offenbar war irgend etwas geschehen. Und Slaters Miene nach konnte das nichts Erfreuliches sein.

"Was gibt's, Chuck?", fragte Read stirnrunzelnd.

"Die Postkutsche ist überfallen worden. Ungefähr sechs oder sieben Meilen von hier in Richtung Tucson ist es passiert!"

Slater rang nach Atem.

Der Vormann war ein ziemlich harter Brocken, aber das Geschehene schien selbst ihn ziemlich erschüttert zu haben.

Er atmete tief durch und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn.

"Erzähl schon!", forderte Read, dessen Augen auf einmal schmal geworden waren.

"Ich war auf der Suche nach Mavericks, als ich die Geier kreisen sah...", flüsterte Chuck Slater mit belegter Stimme.

Er schüttelte den Kopf. "Es war schon alles vorbei... So etwas Furchtbares habe ich noch nie gesehen! Diese Banditen haben alle getötet. Auch eine schwangere Frau."

"Die junge Mrs. Coburn", zischte Read. Sein Gesicht wurde dabei zu einer eisigen Maske.

Slater blickte zur Seite.

"Ja."

"Ich werde einen Suchtrupp zusammentrommeln."

"Es muss schnell gehen, John! Sonst sind diese Geier über alle Berge!"

"Ich weiß. Du hast einen scharfen Ritt hinter dir, Chuck. Kann ich trotzdem mit dir rechnen?"

Slater nickte.

"Keine Frage, John!"

"Gut!"

Read wollte an dem Vormann vorbei, weiter in Richtung Saloon, um ein paar Männer zu fragen, ob sie sich dem Trupp anschließen wollten.

Aber Slater hielt den Sheriff am Arm und dieser wandte sich halb herum.

"Jemand wird Billy Coburn die schlimme Nachricht überbringen müssen, dass seine Frau und das ungeborene Kind tot sind", brummte Slater.

Read hielt einen Moment lang inne und nickte dann.

"Ich werde das übernehmen", entschied er. "Wir werden bei der Coburn-Farm vorbeireiten. Billy wird sicher mit uns kommen wollen."

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DER SUCHTRUPP WAR SCHNELL zusammengestellt. Im Eilverfahren wurden die Männer zu Deputies vereidigt.

Insgesamt sieben Reiter waren es, die sich wenig später bis an die Zähne bewaffnet aufmachten, um die Spur der Banditen aufzunehmen.

In scharfem Galopp ritten sie zunächst in Richtung der Farm von Billy Coburn. Der junge Mann war vor einem Jahr mit seiner Frau hier her gezogen und hatte die Farm buchstäblich aus dem Nichts aufgebaut.

Die Farm war nicht groß, konnte aber eine Familie ganz gut ernähren. Sie war nur wenige Meilen von Jefferson entfernt.

Die Reiterschar hatte sie schnell erreicht.

Billy Coburn stand vor seinem Blockhaus und runzelte die Stirn, als er die Männer herankommen sah. Er konnte sich an den Fingern einer Hand ausrechnen, dass es sich um einen Suchtrupp handelte und irgend etwas Furchtbares geschehen sein musste.

Coburn wischte sich den Schweiß von der Stirn und trat den Reitern entgegen, die ihre Pferde gezügelt hatten.

John Read stieg aus dem Sattel.

"Ist etwas passiert?", fragte Coburn.

Aber seinem Gesicht war anzusehen, dass er sehr wohl wusste, wie überflüssig diese Frage war.

Read schob sich den Hut in den Nacken und kratzte sich hinter dem Ohr. Was er zu sagen hatte, war nicht einfach über die Lippen zu bringen. Und Billy Coburn war sein Freund, da war es um so schwerer. Read atmete einmal tief durch und versuchte dann mühsam herauszubringen, was er Coburn zu sagen hatte.

"Ich muss dir eine schlimme Nachricht überbringen, Billy", begann er.

Coburns Gesicht wurde zu einer steinernen Maske.

"Was...?"

"Die Postkutsche ist überfallen worden."

"Nein!" Coburn packte Read bei den Schultern. Die beiden Männer waren etwa gleich groß, Coburn allerdings gut zehn Jahre jünger als der Sheriff.

Read begann unbeholfen.

"Billy..."

In Coburns Gesichtsausdruck machte sich der Ausdruck des Entsetzens breit.

"Was ist mit meiner Frau?", flüsterte der junge Mann fast tonlos.

Es dauerte einen Augenblick, bis Read antworten konnte.

"Es sind alle tot, Billy", flüsterte er. "Alle, die mitgefahren sind. Diese Hunde haben niemanden verschont..."

Coburn schluckte.

Blanke Verzweiflung breitete sich in ihm aus und dann schüttelte der junge Mann stumm den Kopf. Nein, das durfte einfach nicht sein, ging es ihm verzweifelt durch den Kopf.

Er wollte es einfach nicht glauben.

Seine Frau, sein Kind...

Namenlose Wut ergriff ihn und er ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten.

Sein ganzes Leben schien in einem einzigen furchtbaren Augenblick wie eine Seifenblase zerplatzt zu sein.

Read versuchte, etwas zu sagen, aber es kam nichts über seine Lippen. Sein Kopf war in diesem Moment völlig leer und er verfluchte sich innerlich dafür. Billy Coburn war sein Freund, aber es schien nichts zu geben, womit Read ihn hätte trösten können.

"Das darf nicht wahr sein!", flüsterte Coburn, während Tränen des Zorns ihm in die Augen stiegen. "Das Baby..."

Sein Tonfall hatte eine Mischung aus Verzweiflung und ohnmächtiger Wut.

Dann gab Read sich einen Ruck.

Auch wenn es hart für Coburn war, es musste jetzt weitergehen.

"Es tut mir leid, Billy", sagte er.

"Diese Hunde!"

"Wir haben einen Suchtrupp zusammengestellt, um die Spur der Banditen aufzunehmen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät und wir holen sie ein!"

Coburn hob die Hand.

"Wartet auf mich!", rief er. "Ich werde meinen Revolver und meine Winchester holen und mit euch kommen!"

Read nickte.

"Ich habe mir gedacht, dass du mit uns reiten würdest", erwiderte er. Coburn hatte früher seine Dollars unter anderem als Deputy verdient, bevor er seiner Frau zu Liebe das wilde Leben aufgegeben hatte. Wie man mit dem Eisen umging, wusste er besser, als die meisten anderen Männer in der Gegend.

Read hoffte nur, dass der verständliche Hass Coburn nicht blind werden ließ...

Coburn starrte einen Moment lang ins Nichts und wirkte wie jemand, dem man gerade mit einem Balken vor den Kopf geschlagen hatte.

Er schüttelte langsam den Kopf und und murmelte dann: "Ich hätte Emily nicht allein nach Tucson fahren lassen sollen! Aber im Moment gibt es soviel Arbeit auf der Farm, dass ich Mühe habe, alles zu schaffen!"

"Mach dir keine Vorwürfe, Billy!", meinte Read, trat an den jungen Mann heran und legte ihm die Hand auf die Schulter.

Coburn wandte den Blick und sah Read direkt in die Augen.

"Emily ging es nicht gut", murmelte er dann halblaut. "Wahrscheinlich wegen dem Baby in ihrem Bauch. Aber in Jefferson gibt's ja keinen Arzt und deswegen sollte sie nach Tucson fahren... 'Mach dir keine Sorgen', hat sie gesagt. 'Ich komme schon klar!' In drei Tagen wollte sie zurück sein, John!"

Read sah Coburn fest an.

"Wir kriegen die Kerle, die das getan haben, Billy! Darauf hast du mein Wort!"

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BILLY COBURN RITT AUF einem pfeilschnellen Rappen und war dem Rest des Trupps immer ein Stück voraus. Die anderen hatten Mühe, ihm zu folgen.

Dann kamen sie schließlich an den Ort des Schreckens.

Ein heftiger, aber sehr ungleicher Kampf hatte hier getobt.

Die Banditen hatten sämtliches Gepäck durchwühlt und nach Wertvollem durchsucht. Auch die Pferde hatten sie mitgenommen.

Coburn sprang aus dem Sattel und lief zur Kutsche. Als er hineinblickte erstarrte er vor Entsetzen.

"Diese Hunde!", flüsterte er düster vor sich hin. "Diese verfluchten Hunde! Dafür sollen sie bezahlen!"

"Das werden sie!", versicherte Read, der ebenfalls vom Gaul heruntergestiegen war, um sich etwas umzusehen.

"Sollen wir die Toten hier so liegenlassen?", meinte einer der Männer des Suchtrupps. Er hieß McKay, hatte einen buschigen Schnurrbart und war der Besitzer des Drugstores von Jefferson.

"Uns bleibt jetzt keine Zeit, uns um sie zu kümmern", bestimmte Read. "Ein paar Stunden noch, dann wird es dunkel."

McKay zuckte die Achseln, aber es war unübersehbar, dass ihm diese Entscheidung nicht gefiel.

"Wie Sie meinen, Sheriff", knurrte er.

Read sah sich etwas um.

Er wandte sich einem der toten Banditen zu, drehte ihn herum und holte aus seinen Taschen einige mexikanische Pesos. Dann nickte er leicht.

"Scheint, als wäre dieser Kerl hier noch vor kurzem auf der anderen Seite der Grenze gewesen", meinte er dazu.

Indessen deutete McKay auf eine aufgebrochene Kiste mit dem Firmenschild einer Minengesellschaft, die in der Nähe eine Silbermine betrieb. "Ob die gewusst haben, dass heute die Lohngelder dabei waren?", fragte er düster.

"Ihre Spur führt nach Süden!", meldete sich Slater, der Vormann zu Wort.

Er verstand sich ausgezeichnet auf die Spurensuche. Es hieß, dass er irgendwann einmal als Scout in der Army gedient hatte, bevor er schließlich erkannte, dass es angenehmer war, sich mit verhältnismäßig zahmen Rindern anstatt mit aufständischen Indianern herumzuschlagen.

"Kein Wunder!", zischte Read. "Sie wollen sich wieder hinter die Grenze verkriechen, wo der lange Arm des Gesetzes sie nicht erwischen kann!"

Die Männer schwangen sich wieder in die Sättel. Nur Billy Coburn blieb noch einen Augenblick stehen. Er konnte den Blick einfach nicht aus dem Inneren der Kutsche lösen. Seine Hände waren zu Fäusten geballt, sein Gesicht eine Maske aus Schmerz und Hass.

"Wir müssen los, Billy", sagte Read ruhig.

Coburn nickte stumm, ging zu seinem Pferd und schwang sich hinauf in den Sattel.

Slater deutete indessen auf den Boden. "Hier ist ihre Spur...", meinte er. "Solange es einigermaßen hell ist, werden wir ihr folgen können!"

"Was schätzt du, wie viele Banditen waren es?", fragte Read den Vormann.

Slater zuckte die Achseln.

"Mindestens ein Dutzend, würde ich sagen. "Vielleicht auch mehr..."

Read pfiff durch die Zähne.

"Das Zahlenverhältnis spricht nicht gerade für uns, was?"

"Aber sie haben einen Verletzten bei sich. Da ist Blut auf dem Boden..." Slater deutete mit der Rechten nach unten. "Das wird sie hoffentlich etwas aufhalten, so dass wir sie einholen können, bevor sie über die Grenze gehen!"

Sie ritten schweigend.

Alle standen noch unter dem Eindruck der schrecklichen Bilder, die sie so eben gesehen hatten. Diese Banditen waren ohne Zweifel mit einer Brutalität vorgegangen, die außergewöhnlich war.

In der letzten Zeit war es ruhig in der Gegend gewesen.

Selbst die Apachen, die in früheren Jahren zu gelegentlichen Raubzügen aufgebrochen waren, wenn sie nichts zu essen hatten, waren nicht gesehen worden. Aber diese ruhige Zeit schien nun wohl vorbei zu sein.

Die Spur führte nach Süden. Das Land war karg, steinig und menschenleer.

Die Stunden gingen dahin.

Die brütende Hitze ließ die Luft flimmern und wirkte auf gefährliche Art und Weise einschläfernd.

Als sie an einen fast versiegten Creek kamen, der im Augenblick kaum mehr als ein Rinnsal war, machten sie eine kurze Pause, um die Pferde zu tränken und die Feldflaschen wieder aufzufüllen.

McKay, der Drugstorebesitzer befeuchtete sich Nacken und Gesicht und meinte dann: "Die Kerle sind doch längst über alle Berge! Meinen Sie nicht auch, Sheriff?"

"Abwarten", brummte Read.

"Ich glaube nicht, dass wir sie noch rechtzeitig einholen. Der Vorsprung, den sie haben, ist einfach zu groß!"

John Reads Augen wurden schmal.

"Es zwingt Sie niemand, weiter mit uns zu reiten, McKay!", versetzte er scharf.

McKay schluckte.

"So war das nicht gemeint!"

Read wandte sich auch an die anderen: "Das gilt für alle! Wem die Sache zu heiß wird, der soll umkehren! Das sind schlimme Teufel, mit denen wir es hier zu tun haben! Und außerdem sind sie in der Überzahl!"

Keiner der Männer sagte etwas.

Read schwang sich wieder in den Sattel und ritt voran. Die anderen folgten ihm.

"Hier ist wieder Blut!", unterbrach Slater nach einer Weile die Stille und deutete dabei mit der Rechten auf den Boden.

"Sie haben wirklich einen Verletzten bei sich. Es muss den Kerl ganz schön erwischt haben..."

Eine weitere Stunde verging, ohne das irgend etwas geschah.

Die Männer folgten stumm der Spur. Unterdessen wurde es langsam kühler.

Die Sonne wurde milchig.

Nicht mehr lange und die Dämmerung würde sich grau über das Land legen.

Wenn es erst einmal richtig dunkel war, hatte diese Suche ein vorläufiges Ende, das war allen klar. Und wenn die Banditen die Nacht durchritten, dann war ihr Vorsprung am nächsten Tag so groß, dass der Suchtrupp sie kaum noch vor der Grenze würde abfangen können.

Aber Read wollte nicht aufgeben.

Er hatte gelernt, dass man hartnäckig und ausdauernd sein musste, selbst, wenn es hoffnungslos schien. Außerdem konnte er es nicht übers Herz bringen, den jungen Billy Coburn zu enttäuschen. Read hatte ihm versprochen, die Bande zu jagen und die Mörder zur Rechenschaft zu ziehen.

Und der Sheriff von Jefferson war jemand, der sein Wort hielt...

Solange also noch irgendeine Chance bestand, solange noch irgendein Sonnenstrahl für genug Helligkeit sorgte, um der Spur weiter folgen zu können, würde Read weiterreiten.

Außerdem bestand ja auch die Möglichkeit, dass die Bande gar nicht zurück nach Mexiko wollte, sondern sich irgendwo in den Bergen verkroch, um in der Gegend noch ein wenig Beute zu machen.

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ES WAR DER DURCHDRINGENDE Schrei eines Geiers, der die Männer aus ihrer Müdigkeit riss. Das Tier zog über einem bestimmten Punkt seine Kreise.

"Vielleicht ist dort ein streunendes Rind verendet!", meinte McKay.

Slater wandte sich an Read.

"Die Spur der Banditen führt direkt dorthin", stellte der Vormann fest.

Die Männer gaben ihren Pferden die Sporen und ließen sie im Galopp voranpreschen.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, dann hatten sie den Ort des Geschehens erreicht.

Ein Mann lag dort ausgestreckt auf dem aufgesprungenen Boden. Er musste stundenlang in der erbarmungslos vom Himmel brennenden Sonne gelegen haben.

Seine Haut war puterrot.

Rot war auch sein zerrissenes Hemd und ein Schwarm von Fliegen schwirrte in seiner Nähe herum.

Der Mann war schwer verwundet und dem Tod sicher sehr viel näher als dem Leben.

Für Read gab es keinen Zweifel. Die Blutspuren, die Slater immer wieder gesehen hatte, endeten hier.

Read nahm seine Wasserflasche, stieg vom Pferd und ging auf den am Boden Liegenden zu.

Der Kerl lebte noch. Er öffnete die Augen und sah Read mit schreckgeweiteten Augen an. Sein Blick war matt und glasig.

Der Verletzte versuchte, etwas zu sagen, aber über seine aufgesprungenen Lippen kam noch nicht einmal ein Ächzen.

Read kniete sich neben ihn und gab ihm etwas aus seiner Feldflasche zu trinken.

Der Verletzte sog das Wasser begierig in sich hinein.

Read warf einen Blick zur Seite und sah sich die Verwundung an.Es hatte den Kerl ziemlich böse erwischt. Mindestens eine Kugel steckte in seinem Körper.

Er hat keine Chance, dachte Read.

Der Mann hatte keine Waffe bei sich. Sein Revolverholster war leer. Von einer Wasserflasche und seinem Pferd war auch nichts zu sehen.

Selbst die Stiefel fehlten.

"Die haben den Kerl sogar noch ausgeplündert, bevor sie ihn hier zurückgelassen haben", brummte Slater düster, während er neben Read trat. "Die Männer, mit denen er geritten ist müssen schlimme Teufel sein..."

"Diese Bastarde..." hustete der Mann jetzt. In seinen Augen brannte blanker Hass. Schweiß brach ihm aus. Er versuchte, sich etwas aufzurichten, sank aber sofort wieder zurück.

Dann fiel sein Blick auf den Blechstern, den Read an seinem Hemd trug.

Der Mann schluckte.

"Schätze, du hast dir die falschen Leute als Gefährten ausgesucht", brummte Read. "Die haben dir ziemlich übel mitgespielt!"

Der Mann nickte leicht.

"Sie meinten... Sie meinten, ich schaffe es nicht und würde sie nur aufhalten." Seine Stimme war nicht mehr als ein heiseres Krächzen. Read mußte sich anstrengen, ihn zu verstehen.

"Ich verstehe", murmelte Read.

"Frag ihn nach meiner Frau, John!", drang indessen Billy Coburns wütende Stimme dazwischen. "Frag ihn, ob er dazu was zu sagen hat!" Coburn kam ein paar Schritte heran, die Rechte am Revolvergriff, der an der Seite aus dem tiefgeschnallten Holster ragte.

"Hör auf, Billy!", sagte Read ziemlich schroff. Es ging darum, aus diesem Mann noch etwas an Informationen über seine Komplizen herauszuholen. Und Read wollte nicht, dass ihm Coburn mit seiner Wut seinem verständlichen Durst nach Rache dazwischenkam.

"Was...?" Das Gesicht des Verletzten war eine einzige Frage.

Der Sheriff bewegte knapp den Kopf in Coburns Richtung.

"Das ist der Mann der schwangeren Frau, die ihr bei dem Überfall erschossen habt!", erklärte Read anschließend mit geradezu eisigem Tonfall.

Auf dem Gesicht des verletzten Banditen erschien der Ausdruck ungläubigen Schreckens.

Er rang nach Luft.

"Ich...", begann er, aber Read unterbrach ihn roh.

"Spar dir dein Gerede", fuhr er hart dazwischen. "Du hast schon bezahlt. Ich glaube nicht, dass dir noch viel Zeit bleibt. Aber du kannst noch etwas tun, um dich an den Leuten zu rächen, dir dir das hier angetan haben!"

Er schluckte.

Seine Augen bekamen einen seltsamen Glanz. Es dauerte einen Moment, aber er schien schließlich zu begreifen.

"Warren... El Diablo... Verdammt!", flüsterte er. "Dieser rothaarige Bastard!"

"Was faselt der da?", rief Coburn.

Doch Read brachte ihn mit einer unmissverständlichen Handbewegung zum Schweigen.

Dann fragte er: "Euer Boss?"

Der Verletzte nickte und rang nach Atem.

Einige quälend lange Augenblicke brauchte er, um weitersprechen zu können. "In Wahrheit heißt er Warren. Doug Warren. Aber in Mexiko nennt ihn jeder El Diablo - der Teufel! Und so wahr ich hier liege, er trägt diesen Namen nicht umsonst."

Read nickte leicht. Er beugte sich etwas tiefer, um den Mann besser verstehen zu können.

"Wohin ist El Diablo unterwegs?

"Ich..."

Der Verletzte brach ab. Seine letzten Kräfte schienen sich jetzt förmlich in Nichts aufzulösen.

Read wurde ungeduldig.

"Will er zurück nach zurück nach Mexiko?", hakte er eindringlich nach.

Der Sterbende nickte leicht. Ganz leicht.

"Ja", hauchte er. Es war nicht einfach, seine Worte noch verstehen. "In der Nähe von Magdalena hat er sein Hauptquartier. Er..."

Der Mann brach erneut ab.

Er versuchte noch etwas sagen, aber seine Lippen gehorchten ihm nicht mehr. Der Kopf sank zur Seite und seine Augen starrten ins Nichts.

Er war tot.

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"EL DIABLO", MURMELTE Read. "Ich habe diesen Namen schon einmal gehört. Ein skrupelloser Bandenführer, der das Grenzland unsicher macht. Aber ich wüsste nicht, dass er sich je so weit nach Norden vorgewagt hätte!"

"Auf jeden Fall können wir die Nacht durchreiten!", erklärte Billy Coburn. "Wir brauchen die Spur nicht mehr, denn wir kennen das Ziel dieser Leute!"

"Magdalena liegt ein gutes Stück auf der anderen Seite der Grenze", erklärte Read. "Dort gilt mein Stern nichts mehr. Wir müssen sie vorher erwischen."

"Ich pfeif auf deinen verdammten Stern!", rief Coburn, schwang sich in den Sattel und preschte los.

Die anderen stiegen ebenfalls auf die Pferde und folgten dem jungen Mann, der wie ein Wahnsinniger voranhetzte.

"Ich weiß nicht, ob es wirklich eine gute Idee war, den jungen Heißsporn mitzunehmen!", meinte Slater daraufhin an Read gewandt.

Der Sheriff zuckte die Achseln.

"Ich werde auf ihn aufpassen", versprach er.

"Das wirst du auch müssen!", erwiderte Slater. Der Vormann schob sich den Hut zurück in den Nacken. "So, wie ich das einschätze ist der junge Mann kurz davor, den Verstand zu verlieren!"

"Ist das ein Wunder?"

"Natürlich nicht, John."

"Er will, dass die Kerle für das bezahlen, was sie getan haben. Und das kann ich gut verstehen...", murmelte John Read düster.

Slater nickte leicht und schwieg einen Augenblick lang nachdenklich.

Dann gab er zu bedenken: "Wenn wir an die Grenze kommen, wird Billy weiterreiten wollen. Selbst, wenn es glatter Selbstmord ist."

"Ich weiß", erwiderte Read gelassen.

"Hast du dir schon überlegt, wie du ihn zurückhalten kannst?"

"Ich hoffe, dass wir diese Coyoten vorher in die Hände bekommen!"

Und damit trieb der Sheriff von Jefferson sein Pferd energisch vorwärts, um zu Billy Coburn aufzuschließen.

Als sich Dämmerung wie grauer Spinnweben über das Land legte, erreichte der Suchtrupp das Hochland nördlich von Sonoita.

Sie folgten zwar noch immer der Spur, aber die Sicht wurde zunehmend schlechter. Nicht mehr lange und man würde kaum noch die Hand vor Augen sehen können. Aber sowohl Read als auch Slater kannten sich in der Gegend recht gut aus.

Den Weg nach Süden hätten sie auch blind gefunden.

Die Sonne ging als blutroter Feuerball unter und wenig später waren die ersten Sterne zu sehen. Es wurde bald empfindlich kalt.

Read zügelte plötzlich sein Pferd und deutete in die Ferne, wo etwas Helles, Leuchtendes zu sehen war.

Er wandte sich an Slater.

"Wofür hältst du das?"

"Für ein Lagerfeuer."

Read nickte.

"Daran habe ich auch gedacht!"

Billy Coburn zog indessen das Winchester-Gewehr aus dem Sattelschuh und lud die Waffe anschließend mit einer energischen Bewegung durch.

"Das sind sie!", zischte er. "Diese Schurken glauben, dass sie schon alle Verfolger abgeschüttelt haben - aber da sollen sie sich getäuscht haben!"

Bevor Coburn seinem Gaul die Sporen geben konnte, kam Read an ihn heran und packte ihn bei der Schulter.

Coburn wirbelte im Sattel herum.

"Glaubst du nicht, dass das dieser El Diablo und seine Leute sind?", fauchte er den Sheriff an.

Read blieb so ruhig wie möglich.

"Wahrscheinlich ist er das", gab er gelassen zurück.

"Worauf sollen wir dann warten?"

"Auf gar nichts! Aber ich möchte eines klarstellen, bevor es losgeht, Billy!"

Coburn verzog das Gesicht.

"Und das wäre?"

"Ich gebe hier die Kommandos. Es wird nicht wild drauflosgeballert, sondern nur, wenn ich es sage oder wir angegriffen werden!"

Coburn schluckte.

"Diese Bastarde haben den Tod verdient. Oder bist du da vielleicht anderer Ansicht?"

"Nein."

"Was soll das Gerede also, John?"

"Sie kommen an den Galgen", versprach Read. "Aber ich will nicht der Anführer einer Meute von Mördern sein. Haben wir uns verstanden?"

Coburn fletschte die Zähne.

Es gefiel ihm nicht, was der Sternträger gesagt hatte. Aber er spürte bei Read einen eisernen Willen. Und so nickte Coburn schließlich, auch wenn es ihm schwerfiel.

"Okay", murmelte er daher. "Es soll so sein, wie du sagst, John!"

"Gut."

Read nahm jetzt ebenfalls die Winchester aus dem Sattelschuh.

Er ritt jetzt voran und führte den Suchtrupp näher an das Lager heran. Schließlich zügelte er sein Pferd, stieg aus dem Sattel und machte das Tier an einem Strauch fest.

"Wir lassen die Gäule hier!", sagte er dazu. "Kreist die Bande ein und verteilt euch zwischen den umliegenden Felsen.“

Die Männer folgten Reads Anweisung und verteilten sich mit ihren Waffen im Anschlag in der Umgebung.

Vorsichtig schlichen sie an das Lager heran, das bei einer Gruppe halbverdorrter Bäume lag und kreisten es annähernd ein. Die Flammen des Lagerfeuers loderten hoch auf und tauchten alles in ein weiches Licht.

Ungefähr sechzehn, siebzehn Reiter kampierten dort.

Sie schienen guter Laune zu sein. Einige schienen bereits etwas zu stark dem Whisky zugesprochen zu haben.

Der Schein des Feuers beleuchtete das Gesicht eines finster wirkenden Mannes mit rötlichen Haaren.

Der sterbende Bandit hatte El Diablo als einen Mann mit rotem Haar beschrieben...

Das musste er sein!

Doug Warren alias El Diablo, der Teufel.

Read, der bei einem Felsbrocken Deckung gefunden hatte, packte seine Winchester fester.

Die Bande schien sich ziemlich sicher zu fühlen.

Jedenfalls hatten El Diablos Leute nur einen einzigen Wachposten aufgestellt, und der hatte seine Stellung etwas abseits, bei den Pferden bezogen. Außerdem war er alles andere als aufmerksam.

Als seine Leute in Stellung gegangen und waren, lud Read seine Winchester durch und feuerte einmal mitten ins Lagerfeuer hinein. Der Kaffee-Pott, den sie über der Flamme aufgehängt hatten, schwang hin und her. Der größte Teil des Inhalts lief aus und ließ das Feuer zischen.

Mit einem Mal war das gute Dutzend Banditen wie zu Salzsäulen erstarrt.

Der Posten bei den Pferden wirbelte mit dem Gewehr in der Hand herum, aber Slater war in seiner Nähe und so blickte der Kerl direkt in dessen Revolvermündung.

Der Posten tat das einzig richtige.

Nichts.

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"KEINER VON EUCH RÜHRT sich!", rief John Read mit sonorer Stimme. "Ihr seid alle verhaftet!"

Er hatte dabei besonders den Rothaarigen im Auge, der regungslos am Feuer saß und den Read für El Diablo hielt.

Er saß da wie eine Raubkatze vor dem tödlichen Sprung auf ihre Beute. Äußerlich ruhig, aber in Wahrheit war jede Sehne bis zum Zerreißen gespannt.

Read kam ein paar Schritte vor, gab aber seinen Leuten ein Zeichen, damit sie in ihrer Deckung blieben.

"Was werfen Sie uns denn vor?", fragte der Rothaarige. "Oder passen Ihnen nur unsere Nasen nicht?"

"Sie sind Doug Warren, auch bekannt als El Diablo. Ihr Name ziert die Steckbriefe in Arizona und New Mexico." Read verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln. "Das ist fürs Erste schon Vorwurf genug, finden Sie nicht auch?"

Das Gesicht des Rothaarigen blieb eine eisige Maske.

"Mein Name ist Brown", behauptete er.

"Erzählen Sie das dem Richter, bevor er Sie zum Tod durch den Strang verurteilt!", erwiderte Read kühl.

Der Rothaarige schien etwas verunsichert zu sein, fing sich aber gleich wieder.

"Warum denken Sie, dass ich dieser Warren bin?"

"Ich weiß es. Und das genügt im Moment. Sie und Ihre Komplizen haben die Postkutsche von Jefferson nach Tucson überfallen. Es hat niemand überlebt..."

Die Erwiderung des Rothaarigen klang schwach.

"Sie irren sich, Mister...", brachte er wenig überzeugend hervor.

Read verzog das Gesicht.

"Ach, und der arme Hund, den Sie schwer verletzt zum Sterben zurückgelassen haben, hat sich wohl auch geirrt, was?"

Read ließ den Blick umherschweifen und blieb schließlich bei einem der Sättel hängen, die auf dem Boden abgestellt waren. Am Knauf hing eine kostbare Ledertasche mit vergoldeter Schnalle.

Read machte ein paar Schritte seitwärts, bückte sich und hob dann die Tasche hoch.

Jetzt gab es nicht mehr den Hauch eines Zweifels!

"Die hier habe ich schon einmal gesehen", erklärte Read sachlich. "Bei einem Spieler, den ich aus der Stadt geworfen habe und der mit der Kutsche nach Tucson fuhr... Es gibt wohl nur eine einzige Erklärung dafür, dass diese Tasche hier herumliegt, Mister Warren!"

Um Warrens Nasenflügel zuckte es.

Es war die die erste Regung, die El Diablo zeigte.

Read hob den Gewehrlauf.

"Die Revolvergürtel in den Sand! Schön langsam und einer nach dem anderen! Ich würde es niemandem empfehlen, eine falsche Bewegung zu machen. Unter meinen Leuten ist der Mann der Schwangeren, die ihr umgelegt habt! Der wartet nur auf eine Gelegenheit, losballern zu dürfen! Also seid verdammt nochmal vorsichtig!"

Ein zynisches Grinsen erschien jetzt auf Warrens Gesicht.

"Okay, Mister", knurrte er. "Scheint, als hätten Sie gewonnen..."

Er saß noch immer an seinem Platz am Feuer. Seine Hand ging langsam zur Gürtelschnalle, so als wollte er sie öffnen und den Gurt ablegen.

Aber daran hatte er von Anfang an nicht einmal im Traum gedacht.

Er griff plötzlich zur Seite und riss sein Eisen aus dem Holster. Gleichzeitig ließ er sich seitwärts fallen und rollte sich einmal um die eigene Achse.

Zwei Schüsse folgten dicht hintereinander in Reads Richtung. Der erste traf versehentlich einen von Warrens eigenen Leuten in den Rücken und ließ diesen niedergehen wie einen gefällten Baum. Der zweite Schuss pfiff dicht über Read hinweg, der sich mit einem Satz hinter den nächsten Felsbrocken in Deckung hechtete.

Innerhalb eines Sekundenbruchteils brach ein wahres Bleigewitter herein. Warrens erster Schuss war wie ein Signal für seine Männer gewesen, die jetzt fast gleichzeitig nach ihren Eisen griffen.

Einen Augenaufschlag später gellten die ersten Todesschreie.

Diese Kerle wussten, dass sie nichts zu verlieren hatten.

Wenn sie in die Hände dieses Sternträgers gerieten, dann wartete unweigerlich der Strick auf sie - zumindest auf die meisten von ihnen.

Also wehrten sie sich.

Und da da sie mehr als doppelt so viele wie ihre Gegner waren, hatten sie sogar gute Chancen.

Zwei von ihnen bezahlten schon den Versuch, ihre Waffen herauszureißen, mit dem Leben und sanken getroffen in den Staub.

Unterdessen begannen die Pferde, verrückt zu spielen. Die Ballerei ließ sie an den Halftern reißen und es dauerte nicht lange, da hatten die ersten von ihnen sich losgerissen und stoben laut wiehernd durch das Lager. Das Durcheinander war perfekt. Eines der Tiere wurde von irgendeiner verirrten Kugel niedergestreckt und strauchelte laut wiehernd. Das Pferd lebte noch, auch wenn es an der Seite furchtbar blutete. Es trat um sich und nachfolgenden mussten so gut es ging ausweichen.

Im Lager herrschte ein einziges, unübersichtliches Getümmel aus Mensch und Tier.

Und Blei.

Die Schüsse gingen zwischen dem Lager und dem umliegenden Felsen hin und her.

Das meiste davon ging ins Nichts.

Reads Augen suchten nach Warren, fand ihn aber nicht sofort. Als der Sheriff den Anführer der Bande dann erblickte, packte dieser gerade eines der vorbeipreschenden Pferde und schwang sich auf dessen Rücken.

El Diablo war ein hervorragender Reiter.

Selbst ohne Sattel.

Er ließ sich seitlich an dem Tier herabhängen und benutzte es als Deckung. Gleichzeitig gab er dem Tier brutal die Sporen.

Read wollte aus seiner Deckung hervorkommen, schnellte aber sofort wieder zurück, als ein paar Kugeln dicht über seinen Kopf hinwegpfiffen.

Als er dann wieder hervortauchte und seine Winchester anlegte, verschwand Warren gerade hinter einem Hang.

Read unterdrückte einen Fluch.

Dieser Warren hatte von Anfang an genau gewust, was er tat.

Für einige seiner Komplizen würde diese Schießerei den Tod bedeuten. Aber Warren hatte das mörderische Chaos, das er selbst entfesselt hatte, genutzt, um einen Vorsprung zu bekommen.

Einige seiner Leute versuchten, es ihrem Boss gleichzutun und eines der Pferde zu erwischen. Aber sie hatten wenig Glück. Die ersten beiden wurden von Bleikugeln aus den Sätteln geholt, der Dritte stürzte mit seinem Pferd nieder, rollte sich ab und flüchtete sich dann hinter einen Felsblock.

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"AUFHÖREN!", RIEF JOHN Read seinen Leuten zu. Er musste sich schier die Kehle heiser schreien, ehe sie endlich begriffen und das Feuer einstellten.

Die Banditen hatten sich in ihrer notdürftigen Deckung verkrochen, während die Suchmannschaft zwischen den umliegenden Felsen postiert war.

Die Pferde waren weg, wahrscheinlich in alle Winde zerstreut. Und Warrens Männern musste klar sein, dass sie keine Chance mehr hatten, von hier zu entkommen. Gut die Hälfte von ihnen waren tot oder verletzt, ihr Boss geflohen.

Als die Männer des Suchtrupps aufhörten zu schießen, verebbte auch auf der anderen Seite langsam der Geschosshagel.

Read bemerkte neben sich eine Bewegung.

Es war Billy Coburn. Er hielt seine Winchester fest umklammert und bleckte die Zähne. "Bist du verrückt geworden, John!", fauchte er den Sheriff an.

"Keineswegs", erwiderte Read. Dann rief er, ohne weiter auf Coburn zu achten, zu den Banditen hinüber: "Kommt raus! Ihr wisst genau, dass ihr nicht die geringste Chance habt, diesen Ort lebend zu verlassen!"

Zunächst keine Antwort.

Die nächsten Augenblicke schienen sich endlos zu dehnen.

Aus dem Lager waren leise Stimmen zu vernehmen. Die Kerle schienen sich zu beraten, aber man konnte nicht verstehen, was sie sie sagten.

"Ich verstehe dich nicht, John!", sagte Coburn bitter. "Hast du schon vergessen, was diese Männer getan haben?"

"Nein. Das werde ich niemals vergessen, Billy!", zischte Read.

"Dann..."

"Aber ich vergesse auch etwas anderes nicht, Billy!"

Coburn verzog verächtlich das Gesicht.

"Und das wäre?"

"Dass ich den Stern trage und geschworen habe, mich nach dem Gesetz zu richten! Und im Moment trägst du ebenfalls den Stern, Billy! Vergiss das nicht!"

Billy Coburn unterdrückte einen Fluch.

In diesem Moment kam von der anderen Seite eine Antwort.

"Wer sagt uns, dass wir nicht sofort über den Haufen geschossen werden, wenn wir aus unserer Deckung kommen!", rief eine heisere Stimme.

"Die einzige Sicherheit ist mein Wort als Sheriff!", erwiderte Read. "Ihr habt die Wahl: Entweder, es erwischt euch hier und jetzt, oder ihr bekommt einen fairen Prozess. Mehr kann ich nicht versprechen."

Es dauerte noch einen quälend langen Augenblick, bis die heisere Stimme schließlich antwortete: "Wir kommen raus! Unbewaffnet!"

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DIE ÜBERLEBENDEN BANDITEN kamen mit erhobenen Händen aus ihrer Deckung. Einer war am Arm verletzt.

Sie schienen wirklich unbewaffnet zu sein.

Slater und McKay, die jetzt auch aus ihrer Deckung heraustraten,nahmen sich von einem der im Lager herumliegenden Sättel das Lasso und begannen damit, die Banditen aneinanderzufesseln.

Read stand mit der Winchester im Anschlag da und sah zu.

"Von unseren Leuten hat es Milton erwischt!", hörte er Slater sagen. "Und O'Carey hat eine Kugel in die Schulter gekriegt!"

Read atmete tief durch.

Und dann sah er sich nach Billy Coburn um.

Aber der war nicht mehr da.

Im selben Moment hörte Read einen Reiter heranpreschen und dann war ihm klar, was passiert war. Coburn hatte sich seinen Gaul geholt und wollte die Jagd fortsetzen. Als er sich Read näherte, zügelte er das Tier und ließ es stoppen.

"Ich werde diesen Warren erwischen!", rief Coburn grimmig.

"Ich brauche dich hier!", sagte Read.

"Es geht mir gegen den Strich, dass derjenige, der der Anführer von dieser Meute war, die meine Frau umgebracht hat, jetzt seelenruhig nach Mexiko reiten kann!"

"Das geht mir genauso gegen den Strich, aber alles, was du erreichen wirst, ist, dass dein Pferd zu Schanden geritten ist, ehe du auch nur eine Ahnung hast, wo El Diablo sein könnte!"

Coburn atmete tief durch. Sein Gesicht hatte einen finsteren Ausdruck bekommen und in seinen Augen loderte ein unstillbares Feuer. Der Durst nach Rache.

"Ich verlange von niemandem, dass er mit mir kommt!", erklärte Coburn dann trotzig.

Damit griff er an die Brust und riss sich den Blechstern vom Hemd, den Read ihm dort angesteckt hatte. Er warf ihn dem Sheriff hin und dieser fing ihn auf.

"Was soll das, Billy!"

Aber insgeheim wusste Read, dass er Coburn nicht mehr würde aufhalten können. Die Blicke der beiden Männer begegneten sich kurz und Read sah in den Augen seines Gegenübers einen eisernen Willen.

"Leb wohl, John!"

Dann gab Coburn seinem Rappen die Sporen und ließ ihn in die graue Dämmerung jagen.

"Verdammt!", fluchte Read.

Aber er konnte Coburn auch verstehen.

"Er wird diesen Warren bis ans Ende der Welt jagen, wenn's sein muss!", meinte Slater düster. "Und wenn er ihn allein in seinem mexikanischen Hauptquartier aufstöbern müsste und dabei mit bloßen Fäusten zu kämpfen hätte!"

"Man kann es ihm nicht übelnehmen!", meinte Read. Er wandte den Blick an den Vormann.

"Ich denke, ihr könnt die Gefangenen auch ohne mich nach Jefferson bringen, Chuck."

Slater sah den Sheriff erstaunt an und hob die Augenbrauen.

"Du willst Billy nachreiten?"

Read nickte.

"So ist es." Er blickte Slater direkt in die Augen. "Ich kann mich auf dich verlassen?"

Slater verzog das Gesicht.

"Die Frage ist doch nicht ernst gemeint, oder?"

Read lächelte matt. Dann sagte er noch: "Sorg auch dafür, dass sich jemand um die Toten in der Postkutsche kümmert..."

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ES DAUERTE NICHT LANGE, bis Read den jungen Mann eingeholt hatte. Es war noch nicht einmal richtig dunkel geworden.

Coburn drehte sich im Sattel herum, als er Read herankommen sah.

"Ich habe dich nicht um deine Hilfe gebeten, John", sagte er dann.

Read lächelte dünn.

"Ich denke, du kannst sie trotzdem gut gebrauchen."

"Du willst mir Vorschriften machen!"

"Ich will verhindern, dass du den Kopf verlierst, Billy!"

Dann schob Read sich den Hut in den Nacken und setzte noch hinzu: "Außerdem geht es mir genau wie dir gegen den Strich, dass uns nur die Helfershelfer ins Netz gegangen sind, während El Diablo noch frei herumläuft!"

Die beiden Männer wechselten einen nachdenklichen Blick.

"Wir kennen uns lange genug. Du solltest mir vertrauen, Billy!", sagte Read schließlich.

Coburn ging nicht darauf ein.

"Ich habe seine Spur verloren", sagte der junge Mann dann nach einer gewissen Pause.

Read zuckte die Achseln. Das schien ihn nicht sehr zu entmutigen.

"Woher wusstest du überhaupt, dass es Warrens Spur war - und nicht die von einem der anderen Pferde, die durch die Schießerei in alle Winde zerstreut wurden!"

Coburn atmete tief durch.

"Was schlägst du vor?"

"Das wir den Pferden ein paar Stunden Pause gönnen."

"Und Warren reitet derweil über die Grenze?"

"Er hat dasselbe Problem wie wir. Sein Pferd kann auch keine Wunderdinge vollbringen!"

Das schien Coburn einzuleuchten.

Er nickte also, wenn auch etwas zögernd.

"Und dann?"

Reads Blick ging über das zerklüftete, karge Land. Die Felsen waren jetzt fast nur noch als graue Schatten zu sehen.

Am Himmel begannen die ersten Sterne zu blinken und es wurde sehr kühl.

Doug Warren konnte sich in jeder Felsspalte der Umgebung verkriechen und abwarten, ging es Read grimmig durch den Kopf.

Vielleicht will dieser Kerl gar nicht zurück nach Mexiko!, schoss es dem Sheriff für einen Augenblick durch den Kopf.

Dann würde die Suche nach ihm der der berühmten Stecknadel im Heuhaufen gleichen. Die Chancen lagen in dem Fall nahe bei Null.

Aber da war etwas, das Read nicht an diese Möglichkeit glauben ließ. Vielleicht eine Art Instinkt.

"Was würdest du an seiner Stelle tun, Billy?", knurrte Read.

Coburn sah den Mann mit dem Stern stirnrunzelnd an.

"An Warrens Stelle?" Er zuckte die Achseln. "Ohne Sattelzeug auf einem Gaul zu sitzen ist auf die Dauer nichts - außer man ist ein Indianer und daran gewöhnt. Ich würde in die nächste Stadt reiten, mir ein frisches Pferd und sonst noch ein paar Kleinigkeiten besorgen. Und dann nichts wie Richtung Süden."

Read nickte.

"Er wird nach Sonoita reiten, Billy! Und wir werden dasselbe tun!"

Coburn zuckte die Achseln.

"Meinetwegen."

Read ließ sein Pferd langsam voranschreiten. Ein paar Meilen brachten die beiden Reiter noch hinter sich, ehe sie sich und den Pferden einige Stunden Pause gönnten.

Die Nacht war lausig kalt, verglichen mit der sengenden Hitze des Tages. Die beiden Männer wickelten sich in ihre Decken und versuchten, etwas zu schlafen.

Irgendwann kurz nach Mitternacht ließ ein Geräusch Read wach werden.

Er griff instinktiv nach dem Revolver, den er in einen seiner Stiefel gesteckt hatte, riss die Waffe hervor und wirbelte blitzartig herum.

Bei den Pferden sah er einen Schatten, der sich dunkel gegen das fahle Mondlicht abhob.

Der Schatten erstarrte und Read erkannte Billy Coburn, der offenbar gerade damit beschäftigt gewesen war, sein Pferd zu satteln.

Read erhob sich und ließ den Revolver sinken.

Dann machte er ein paar Schritte auf Billy zu.

"Es ist Zeit, John!", brummte Coburn. "Wir haben hier lange genug herumgelegen!" Er machte eine Pause und fügte dann noch hinzu: "Ich hätte dich schon noch geweckt!"

Read hatte da seine Zweifel.

Aber er schwieg.

Wenig später saßen sie beide wieder in den Sätteln und ritten in Richtung Süden.

Keiner von beiden sagte ein Wort.

Irgendwann graute der Morgen.

"Ich sehe ständig ihr Bild vor mir", murmelte Coburn plötzlich in die Stille hinein - halb an Read gerichtet, halb zu sich selbst. "Emilys Bild. Wenn ich die Augen schließe, um zu schlafen, sehe ich sie in dieser verfluchten Postkutsche liegen..." Er brach ab.

"Ich kann dich verstehen, Billy", sagte Read.

Aber Coburn schüttelte den Kopf.

"Nein", erklärte er. "Das kann niemand verstehen, der nicht dasselbe durchgemacht hat."

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ZWEI STUNDEN SPÄTER hatten sie Sonoita erreicht, ein kleines Nest, das einst von den Spaniern gegründet worden war. Eine Ansammlung von weißen Steinhäusern lag um eine kleine Kirche herum. Außerhalb dieses Kerns gab es auch Holzhäuser, die erst wenige Jahre alt waren.

"Falls Warren schon hier war, wird es jemandem aufgefallen sein", meinte Read. "Schließlich ist dies hier nur ein kleines Nest."

In Sonoita war noch nicht viel los. Der Saloon war noch geschlossen. Ein Ladenbesitzer nutzte die Morgenkühle, um Säcke von einem Wagen abzuladen.

Read lenkte sein Pferd zielsicher durch das unübersichtliche Häusergewirr.

"Du scheinst genau zu wissen, was du hier suchst!", stellte Coburn fest.

Read verzog das Gesicht.

"Ich will zum Sheriff. Matt Delgado heißt er. Ich kenne ihn. War früher mal ein guter Mann, aber er ist in die Jahre gekommen..."

Vor einem hellen Haus, dessen Fenster mit Holzläden verriegelt waren, zügelte Read sein Pferd und stieg aus dem Sattel. Er machte das Tier an einem Pflock fest und ging zur Tür, während Billy seinem Beispiel folgte. Irgendwann hatte an der Tür mal das Wort Sheriff Office gestanden, aber die Farbe war längst verblasst.

Read klopfte.

"Matt! Matt Delgado! Mach auf!" Zunächst kam keine Antwort und so trommelte Read mit der Faust gegen die Holztür.

Endlich rührte sich etwas.

Auf der anderen Seite der Tür waren schlurfende Schritte zu hören.

Ein Riegel wurde zurückgeschoben und einen Augenblick später schaute ein graubärtiger Mann aus der Tür. Seine Augen waren noch ganz klein. Jetzt wurden sie zu schmalen Schlitzen.

In der Rechten trug er einen Revolver, dessen Mündung direkt auf Reads Körper gerichtet war.

Dann atmete Matt Delgado tief durch und steckte die Waffe in den Hosenbund.

"John Read! Was fällt dir ein, mich um diese Zeit aus den Federn zu holen!"

Ein breites Grinsen ging über das Gesicht von Matt Delgado, als er die Hand zu Read ausstreckte.

"Matt...", begann Read, wurde aber gleich unterbrochen.

"Kommt rein!", meinte Delgado.

"Dazu ist jetzt keine Zeit, Matt!"

Delgado blickte auf.

"Was gibt es?", fragte er dann.

"Der Name Doug Warren ist dir sicher ein Begriff."

"El Diablo?", flüsterte Delgado. Und sein Tonfall verriet eine gehörige Portion Respekt. "Das ist doch dieser Bandenführer, der von Mexiko aus das Grenzland unsicher macht."

"Ganz recht. Wir sind hinter ihm her und wir gehen davon aus, dass er entweder noch hier auftauchen wird oder bereits hier war!"

"Sonoita?" Delgado lachte heiser. "Hier leben ein paar arme Bauern. Wir haben noch nicht einmal eine eigene Bank! Was sollte El Diablo hier schon holen wollen?"

"Er braucht ein frisches Pferd", erwiderte Read und fasste dann in knappen Worten zusammen, was sich ereignet hatte.

Delgado ging daraufhin zurück in sein Büro, holte aus der Schreibtischschublade einen Steckbrief heraus und zeigte ihn Read.

"Das ist er?"

"Ja."

Er war es. Die rote Farbe der Haare war natürlich nicht zu sehen, aber die Gesichtszüge waren einigermaßen getroffen.

Delgado schüttelte den Kopf.

"Ich war gestern den ganzen Abend im Saloon, aber da war niemand, der auch nur so ähnlich aussah", meinte Delgado. "Um genau zu sein: Es war überhaupt kein Fremder da. Glauben Sie mir, es wäre mir aufgefallen, wenn es anders gewesen wäre."

"Gibt's hier einen Mietstall?", fragte Read.

"Sicher. Er liegt auf der anderen Seite der Kirche. Sein Besitzer heißt LaRue."

"Bring uns hin, Matt!"

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"LARUE!", RIEF DELGADO durch das halb offenstehende Stalltor. Aber es kam keine Antwort.

"Vielleicht liegt der auch noch in den Federn", meinte Billy Coburn.

Aber Delagado schüttelte den Kopf. "Der ist um diese Zeit längst auf den Beinen!"

Read sah durch das halboffene Stalltor. Da stand ein Pferd, ohne Sattel, nur mit Zaumzeug. Es war einfach an einem Stützpfeiler festgemacht und sah ziemlich elend aus, so als ob es einen geradezu mörderischen Ritt hinter sich hatte.

Durch ein Loch im Dach fiel Licht und so waren die Schweißperlen auf dem Fell gut zu sehen.

Warren!, zuckte es durch Reads Kopf.

Sein Griff ging sofort zum Revolver. Er zog die Waffe mit einer katzengleichen Bewegung aus dem Holster und spannte den Hahn. Matt Delgado wollte etwas sagen, aber eine Handbewegung von Read brachte ihn dazu, den Mund zu halten und beim Tor zu warten.

Mit Billy wechselte Read einen kurzen Blick, woraufhin der junge Mann losging, um von der anderen Seite in den Stall zu kommen.

Read trat zwei Schritte vor und presste sich dann an einen der dicken Stützpfeiler, auf denen das Gebäude ruhte. Den Blick ließ er durch das halbdunkle Innere des Stalls schweifen. Über die Pferdeboxen, über den Futterspeicher, zu dem eine Leiter hinaufführte...

Wenn sich hier jemand verstecken wollte, war das kein Problem.

Eines der Tiere ließ ein Schnauben hören.

Ein Rascheln ließ Read den Atem anhalten, aber es war lediglich eine Ratte.

Read arbeitete sich dann bis zur ersten Pferdebox vor und blickte hinein. Im Stroh lag ein untersetzter Mann mit grauen Haaren. Er war lang hingestreckt und in seinem Rücken steckte eine Mistgabel.

In diesem Moment ging die Hintertür des Mietstalls auf.

Read wirbelte herum.

Es war Coburn.

"Der Kerl ist über alle Berge!", meinte der junge Mann.

"Nebenan, im Wohnhaus von LaRue ist die Tür eingetreten worden... Dieser Bastard wird sich mit Munition und Lebensmitteln versorgt haben!"

Read steckte den Revolver ein.

Indessen war Delgado neben Read getreten. Der Sheriff von Sonoita schluckte, als er den toten Mietstallbesitzer so daliegen sah.

"Mein Gott, dieser Mann wird nicht umsonst El Diablo genannt!" Er zuckte die Achseln. "Er muss in den frühen Morgenstunden hier aufgetaucht sein. Kein Wunder, dass ihn niemand bemerkt hat..."

Read ging zu dem Pferd, das Doug Warren hier offenbar zurückgelassen hatte und sah es sich genauer an.

Dann meinte er: "Ich glaube nicht, dass Warren mehr als zwei Stunden Vorsprung hat!"

"Wir sollten keine Zeit verlieren!", forderte Billy Coburn.

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DIE MEXIKANISCHE GRENZE lag etwas mehr als einen Tagesritt entfernt. Billy Coburn wäre am liebsten sofort losgeritten, aber Read konnte ihn davon überzeugen, dass es besser war, sich zunächst mit ausreichend Proviant und zusätzlicher Munition zu versorgen.

"Du rechnest wohl nicht damit, dass wir Warren noch vor der Grenze schnappen, was?"

Read gab darauf keine Antwort.

Südlich von Sonoita erstreckte sich eine Ebene aus Sand, Stein und einer spärlichen Vegetation. Je höher die Sonne stieg, desto mehr wurde diese Ebene zu einem Glutofen. Read und Coburn ritten geradewegs hinein.

Irgendwo am Horizont befand sich eine Bergkette. Und dahinter lag Mexiko.

Solange es noch einigermaßen kühl war, trieben die beiden Männer ihre Pferde unbarmherzig voran.

Aber schon bald fing die Luft an zu flimmern und sie mussten der mörderischen Hitze Tribut zollen.

Sie ritten schweigend.

Es war später Nachmittag, als sie die heiße Ebene endlich durchquert hatten. Die Sonne war bereits milchig geworden und von Doug Warren war bislang nirgends auch nur eine Spur zu sehen gewesen.

Nachts kampierten sie ein paar Stunden lang an einer geschützten Stelle in den Bergen, bevor bereits wenige Stunden nach Mitternacht weiterritten.

Gegen Morgen ließen sie die Berge hinter sich und erreichten Mexiko.

Coburn zügelte sein Pferd und wandte sich an Read. "Hier ist die Grenze. Hier irgendwo mitten durch diese Halbwüste!"

Er verzog das Gesicht. "Für dich hat diese Grenze vielleicht eine Bedeutung, John, aber nicht für mich! Ich werde diesen Doug Warren nicht davonkommen lassen! Um keinen Preis der Welt!"

Read deutete zum Horizont.

"Irgendwo dort beginnt sein Land, Billy! Er ist aller Wahrscheinlichkeit nach lediglich mit einem kleinen Teil seiner Leute so weit nach Norden vorgestoßen. In den Bergen bei Magdalena hat er sein Hauptquartier, dort wird er sich die Wunden lecken und es wieder versuchen!"

"Vorausgesetzt, seine Leute servieren ihn nicht einfach ab - jetzt, da er als geschlagener Hund zurückkehrt", wandte Billy Coburn ein. "So etwas kann schließlich verdammt schnell gehen!"

Aber Read war da skeptisch.

"Damit würde ich nicht rechnen! Der Kerl macht schon einige Jahre lang das Grenzland unsicher und konnte sich die ganze Zeit über offenbar an der Spitze dieser Wolfsmeute halten! Er muss ein gerissener Kerl sein, den man nicht unterschätzen darf!"

Coburn zuckte die Achseln.

"Ich weiß, dass es nicht einfach werden wird", meinte er.

Read lächelte dünn.

"Es wird die Hölle sein. Allein gegen eine skrupellose Bande, für die ein Menschenleben nichts zählt! Warren hat alle Vorteile auf seiner Seite!"

"Du erzählst mir nichts neues, John." Er sah Read offen an. In Coburns Augen brannte der Schmerz. "Ich bin innerlich tot John! Deshalb ist es mir gleichgültig, wie schlecht meine Chancen stehen!"

Read machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Ich finde, du bist zu jung, um so einen Blödsinn zu reden!"

Coburn ging darauf nicht ein.

Stattdessen sagte er: "Ich danke dir für deine Hilfe. Jetzt werden sich unsere Wege wohl trennen."

Er reichte Read die Hand, aber dieser ergriff sie nicht.

Stattdessen fasste er mit der Linken an sein Hemd an nahm sich den Blechstern ab. Nachdem er einen kurzen Blick auf das in der Sonne blinkende Ding geworfen hatte, steckte er es in die Satteltasche.

"Was soll das?", fragte Coburn.

"Der Stern bedeutet drüben in Mexiko nichts. Also nehme ich ihn ab." Er lächelte dünn. "Glaubst du, ich lasse dich allein reiten?"

Coburns ansonsten recht düsteres Gesicht hellte sich zum ersten Mal etwas auf.

"Du bist wirklich ein Freund, John!"

"Lass uns sehen, das wir weiterkommen!"

"Nichts dagegen!"

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GEGEN MITTAG ERREICHTEN sie eine kleine Ansammlung von Häusern, eher ein Dorf, als eine Stadt. Die Bewohner trugen helle Kleidung und große Hüte. Scheu sahen sie die beiden Reiter herankommen. Kinder und Frauen wurden in die Häuser geschickt.

"Hast du die Männer mit den Gewehren gesehen?", raunte Coburn an Read gewandt, wobei er den Sitz des Revolvers im Holster etwas lockerte.

"Habe ich. Aber das sind nur Bauern, keine Desperados. Sie werden friedlich sein und uns Wasser für die Pferde geben, wenn wir ihnen klarmachen, dass wir ihnen nichts tun!"

Coburn zuckte die Achseln.

"Ich hoffe nur, dass du recht behältst! Die scheinen sich über unseren Besuch nicht zu freuen!"

"An ihrer Stelle wäre ich auch vorsichtig! Schließlich kommt eine Menge Gesindel von Norden her über die Grenze!"

Bei den ersten Häusern zügelten die beiden ihre Pferde, während einige Dutzend feindseliger Blicke auf sie gerichtet waren.

Das Gemurmel unter den Mexikanern verebbte.

Es wurde gespenstisch still und auf einmal fragte Read sich, ob es vielleicht ein Fehler gewesen war, diesen Flecken nicht zu umreiten.

Einen logischen Grund dafür gab es nicht, schließlich hatten sie niemandem hier etwas getan...

Read ließ den Blick schweifen und zählte mindestens fünf Gewehrläufe, die aus Fenstern oder Türen herausragten.

"Buenos dias!", rief Read den Mexikanern entgegen.

Einen Augenblick lang geschah gar nichts.

Dann rief eine heisere Männerstimme: "Was wollt ihr Gringos? Verschwindet!"

Read wollte etwas erwidern, aber er kam nicht mehr dazu.

In der nächsten Sekunde krachten mehrere Schüsse los.

Kleine Sandfontänen wurden emporgeschleudert, wo die Geschosse in den Boden schlugen.

Reads Pferd stellte sich auf die Hinterhand. Mit der Linken versuchte er, den Gaul wieder unter Kontrolle zu bekommen, während die Rechte zum 45er Colt in seinem Holster ging. Er riss die Waffe heraus und feuerte ein paar Schüsse in Richtung seiner Gegner ab.

Dann trieb er seinen Gaul vorwärts, wobei er sich seitwärts an den Sattel hängte.

Sobald er das nächste Gebäude erreichte, ließ er sich zu Boden fallen und rollte sich geschickt ab, während das Pferd davonstob.

Die Schüsse, die auf ihn abgefeuert wurden, waren zwar zahlreich, aber diese Bauern waren lausige Schützen. Read feuerte noch einmal, erhob sich und lief rückwärts die zwei, drei Schritte zur Kirchentür, die von einer der Gewehrkugeln bereits ein so dickes Loch hatte, dass bequem eine Ratte hindurchlaufen konnte.

Read sah, dass Billy Coburn sich inzwischen in die andere Richtung gerettet hatte.

Der junge Mann kauerte hinter einem Pferdestall, während sein Gaul davonlief und ein wahrer Bleihagel in seine Richtung geschossen wurde.

In dieser Sekunde spürte Read in seinem Rücken die Tür.

Ein letztes Mal feuerte er, dann drückte er die Klinke hinunter und ließ sich in das halbdunkle Innere des Gotteshauses fallen, während einige Geschosse über ihn hinwegpfiffen.

Dann verebbte der Bleihagel endlich ein wenig und John Read nutzte die Gelegenheit, um seinen leergeschossenen Revolver nachzuladen.

Read hörte Schritte und Stimmen.

"Mataremolos! Mataremolos!", rief jemand und einige andere fielen zustimmend ein.

Read konnte nur ein paar Brocken Spanisch und er wusste auch nicht die genaue Bedeutung.

Aber dass matar das Wort für töten war, das wusste er.

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PLÖTZLICH SAH READ aus den Augenwinkeln heraus im Halbdunkel der kleinen Kirche eine Gestalt stehen. Read wirbelte herum und richtete die Waffe auf den Mann, ließ sie aber sogleich wieder sinken.

Der Mann war Priester.

"Se habla ingles?", fragte Read.

"Ein bisschen, Señor."

"Dann sagen Sie Ihren Leuten da draußen, dass sie mit der Ballerei aufhören sollen!"

"Wer sagt, dass es meine Leute sind und sie auf mich hören?"

"Na, wenn sie ihr Priester nicht zur Vernunft bringen kann, wer dann? Ich habe nämlich keine Lust, unter diesen Bauern ein Blutbad anzurichten..."

Der Priester trat etwas näher. Derweil wurde draußen weiter geschossen.

Aber das war auch ein gutes Zeichen. Es bedeutete nämlich, dass Billy noch am Leben war.

Durch die halboffene Kirchentür sah Read, wie sich einige hellgekleidete Männer mit Gewehren im Anschlag näherten.

Read handelte blitzschnell.

Er feuerte den Colt mehrmals kurz hintereinander ab und brannte den Mexikanern ein paar Geschosse vor die Füße.

Besonders mutig waren sie nicht. Sie stoben auseinander wie die Hasen und verkrochen sich erst einmal wieder in ihrer Deckung.

Read wandte sich erneut zu dem Priester herum, der wie eine Salzsäule dastand. Er war noch ziemlich jung, aber von recht schmächtiger Gestalt und mindestens einen Kopf kleiner als Read. Aber die dunklen Augen des Priesters musterten den Sheriff aufmerksam.

"Na, los!", schimpfte Read. "Es wäre an Ihnen, ein Blutvergießen zu verhindern! Oder steht davon nichts in der Bibel?"

"Es steht dort auch, dass man dem Teufel widerstehen soll! Dem Teufel und seinen Dienern!"

Read versetzte es einen Stich.

Aber jetzt begann er zu begreifen.

Seine Augen wurden schmal. "Ihr haltet uns für Leute von Doug Warren, nicht wahr?"

"Für uns ist dieser Gringo El Diablo - der Teufel!", versetzte der Priester kalt. Sein Gesicht drückte jetzt grimmigen Zorn aus. Die Ader an seinem Hals pulsierte, sein Gesicht verzog sich. "Als El Diablo zum letzten Mal mit seinen Leuten von einem Raubzug aus dem Norden zurückkam, da haben sie hier in Iglesia einen Tag und eine Nacht Station gemacht. Sie haben sich furchtbar betrunken und dann wie die Berserker gewütet. Frauen wurden vergewaltigt, ein Mann und ein Kind starben, weil diese Wahnsinnigen aus purer Zerstörungslust und Übermut in der Gegend herumgeballert haben."

Der Priester deutete zur Tür. "Diese Männer mussten alles tatenlos mit ansehen, weil sie keine Waffen hatten! Aber sie haben sich welche besorgt. Ihre letzten Pesos haben sie für Gewehre ausgegeben, damit das nicht ein zweites Mal passiert!"

"Wie schon gesagt, wir kommen nicht von El Diablo!"

"An Ihrer Stelle würde das wohl jeder sagen, Señor!"

"Es ist die Wahrheit! Ich bin John Read, der Sheriff von Jefferson, Arizona! Und ich bin auf der Jagd nach dem Mann, den ihr El Diablo nennt!"

Der Priester schien nachdenklich zu werden.

"Können Sie das beweisen?"

"In meiner Satteltasche ist ein Sheriffstern."

"Sie wollen nur Zeit gewinnen!"

Jetzt platzte Read der Kragen. "Glauben Sie mir, es wäre für mich kein Problem diese lausigen Schützen da draußen einer nach dem anderen zu erledigen. Aber bis jetzt habe ich sie geschont und dabei mein Leben riskiert. Ich will kein Blutbad."

Aus den Augenwinkeln heraus sah Read, dass die Männer von Iglesia einen erneuten Versuch begannen, sich an die Kirche heranzupirschen.

Coburn schien sich indessen immer noch bei dem Pferdestall zu halten.

Read spannte den Revolverhahn.

"Es liegt bei ihnen, ob diese Männer gleich einen unnötigen Tod sterben werden!"

Der Priester atmete tief durch.

Reads Worte schienen nicht ohne Wirkung auf ihn gewesen zu sein. Schließlich gab der fromme Mann sich einen Ruck. "In Ordnung, Señor! Ich gehe hinaus und versuche, sie aufzuhalten! Aber Gnade Ihnen Gott, wenn sich in Ihrer Satteltasche kein Stern findet, Hombre!"

Der Priester rief dann etwas auf Spanisch hinaus zu den Angreifern.

Er musste ziemlich schreien, bis sie ihn verstanden hatten.

Aber schließlich begriffen sie.

Vorsichtig trat der Mann in Schwarz hinaus. Er blieb ein paar Schritte von der Tür entfernt stehen und versuchte, die Männer zu überzeugen.

Schließlich wurde jemand losgeschickt, um Reads Gaul einzufangen. Es war ein Halbwüchsiger, kaum sechzehn Jahre alt. Nach kurzer Zeit kam er mit Reads Pferd angeritten und lenkte das Tier auf den Priester zu.

Der Junge stieg ab und hielt die Zügel, während der Priester die Satteltaschen durchsuchte. Es dauerte nicht lange, bis er etwas Blinkendes in den Fingern hatte.

"La Estrella!", entfuhr es einem der Angreifer, der daraufhin sein Gewehr sinken ließ.

Der Priester drehte sich zu Read herum.

"Sie scheinen die Wahrheit zu sprechen, Señor. Kommen Sie heraus."

Read trat vorsichtig ins Freie. Den Revolver hatte er zurück ins Holster gesteckt. Auch Billy kam aus seiner Deckung heraus.

Allem Anschein nach war er unverletzt geblieben.

Auch die Mexikaner kamen nach und nach aus ihren Verstecken heraus. Mit gesenkten Gewehrläufen traten sie auf die beiden Gringos zu.

Ein Mann mit dunklem Vollbart ergriff das Wort. Der Priester übersetzte.

"Es tut ihnen leid. Und sie möchten wieder gutmachen, was geschehen ist..."

"Es ist ja nichts passiert", meinte Read. "Aber vielleicht können sie uns helfen. Wie gesagt, wir sind auf der Suche nach El Diablo..."

Der Priester hob die Augenbrauen.

"Wenn Sie länger leben wollen, kehren Sie besser um", sagte der Priester. "Das ganze Land hier steht unter Warrens Knute. In Santa Cruz dürfte es keine Bodega geben, die nicht Schutzgelder an ihn zahlt . Und wer sich gegen El Diablo auflehnt, ist schon so gut wie tot."

"Wo ist sein Hauptquartier?"

Der Priester zögerte. Dann meinte er: "Genau weiß ich es nicht. Er soll auf einer Hazienda, irgendwo zwischen Santa Cruz und Magdalena."

"Das ist ein großes Gebiet!", mischte sich Coburn ein. Sein Unterton war spöttisch.

"Fragen Sie mal Ihre Leute", wies indessen Read den Mann in schwarz an.

Der Priester gehorchte.

Zunächst herrschte Schweigen. Die Männer tauschten einige ratlose Blicke.

Dann meldete sich ein älterer Mann zu Wort.

Der Priester übersetzte. "Pedro will ein Gerücht gehört haben, wonach El Diablos Schlupfwinkel in der Nähe der Quellen des Rio Magdalena liegt. Aber das ist - wie gesagt nur ein Gerücht."

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BEVOR SIE AUFBRACHEN, versorgten sie die Pferde. Dann ging es weiter südwärts durch eine flache Halbwüste. Der Boden war trocken und aufgesprungen. Die mitunter mannshohen Sträucher waren zumeist vertrocknet.

Es musste hier monatelang nicht geregnet haben.

Ein hartes Land, das einzig und allein den meterhohen Kandelaber-Kakteen zu gefallen schien, denen weder Trockenheit noch Hitze etwas ausmachten.

Am späten Nachmittag erreichten sie dann Santa Cruz, eine alte spanische Siedlung, die in den letzten Jahren stark gewachsen war, seit immer mehr Yankee-Gesindel von der anderen Seite der Grenze hier unterzukriechen versuchte.

Verschlafen wirkte die Stadt jedenfalls nicht!

In in den Straßen herrschte ein reges Treiben. Vaqueros von den den umliegenden Ranches sowie jede Art von Glücksrittern trieben sich hier herum. In der Hauptstraße reihte sich eine Bodega an die nächste.

Das Bordell lag gleich am Anfang.

Den Cowboys von der anderen Seite der Grenze sollte wohl jeder unnötige Meter erspart werden.

Wenn es stimmte, was der Priester gesagt hatte, dann war dies die Stadt El Diablos. Ein Wespennest also.

"Meine Kehle ist staubtrocken", meinte Read. "Gegen ein Schluck Whisky hätte ich jetzt nichts einzuwenden."

"Tequila!", erwiderte Billy. "Die werden dir hier nur Tequila einschenken!"

Read verzog das Gesicht.

"Abwarten."

Er lenkte seinen Gaul zu der ersten besten Bodega hin, stieg aus dem Sattel und machte das Tier neben den anderen an einer Querstange fest.

Billy folgte seinem Beispiel.

Dann gingen sie durch die Schwingtüren ins Innere der Bodega, die den klingenden Namen El Caballero trug.

Es war bereits ziemlich voll.

Und laut.

Ein Gemisch aus Spanisch und Englisch drang an die Ohren der beiden Eingetretenen. Zwei Drittel der Männer, die hier ihren Tequila tranken waren Mexikaner, der Rest kam aus dem Norden.

Einige der Kerle an der Theke drehten sich kurz um, nahmen aber nicht weiter Notiz von den beiden.

Read wandte sich an den Mann hinter der Theke, ein kleines Kerlchen mit buschigem Schnauzbart.

"Tequila oder Whisky, Señor?", fragte der Kleine, noch bevor Read die Lippen auch nur einen Spalt geöffnet hatte.

"Auf beides eingestellt, was?", grinste Read.

"Si, Señor!", lachte der Bodegero.

"Whisky für mich und meinen Freund. Und eine Mahlzeit, die unter die Rippen geht!"

"No problemo, Señor. Ich habe aber nur ein Gericht auf der Karte. Como se llama en ingles? Eintopf! Verdad?""

"Meinetwegen."

Der Whisky war gepanscht und der Eintopf unwahrscheinlich scharf. Aber Read und Coburn beschwerten sich nicht. Nach dem anstrengenden Höllenritt, den sie hinter sich hatten.

schmeckte einem fast alles.

Read wandte sich an seinen Begleiter.

"Was hältst du davon, wenn wir das Wespennest ein wenig anstechen, Billy?"

Coburn nickte.

"Nichts dagegen", meinte er.

Read rief den Kleinen mit dem Schnauzbart wieder zu sich.

"Wir suchen einen Gringo", sagte er dann so laut, dass er sicher sein konnte, dass nicht nur der Bodegero seine Worte mitbekam. "Er heißt Warren - Doug Warren - und soll hier in der Gegend ziemlich bekannt sein..."

Das Gesicht des kleinen Mannes verlor jegliche Farbe und er schaute Read an, als hätte er ein exotisches Tier vor sich.

"No, Señor!", beeilte er sich dann. "Ich kenne keinen Mann, der Warren heißt." Er zuckte die Achseln. "Woher auch? Hier kommen täglich Dutzende von Gringos an, um ihr Vergnügen zu haben und zu trinken. Es es ist unmöglich, sich alle Namen zu merken. Glauben Sie mir! Die meisten bleiben nicht lange und..."

Sein Redefluß wurde jäh unterbrochen, als Coburns langer Arm über die Theke ging und den Bodegero beim Kragen packte.

Coburn zog.

"Reden Sie keinen Unfug, Hombre!", zischte er dabei.

Read packte Billy bei der Schulter.

"Lass ihn los", sagte er ruhig, was Billy auch tat - wenn auch widerwillig.

"Madre de dios! Was ist mit deinem Freund los?"

"Er ist mit den Nerven ziemlich am Ende", sagte Read. "Uns ist in Arizona eine dumme Sache passiert. Spielt keine Rolle, was es war. Jedenfalls war am Ende ein Mann tot..."

Der Bodegero verzog geringschätzig das Gesicht. "Solche Geschichten sind hier nichts besonderes!", fauchte er.

Aber Read fuhr unbeirrt fort.

"Wir können nicht zurück. Und als wir von Warren - El Diabolo - gehört haben, da dachten wir, wir könnten uns dort vielleicht anschließen. Wir vertrinken hier nämlich gerade unsere letzten Dollars! Ich wette, du kennst jemanden, der uns mit Warren zusammenbringen kann."

Der Bodegero zitterte vor Angst.

Und auf einmal war es ziemlich ruhig in der Bodega geworden. Die meisten Gespräche an die Tischen hatten aufgehört, selbst die Pokerrunde in der hintersten Ecke machte eine Pause.

"So, ihr wollt also zu El Diablo!", brach plötzlich ein hoch aufgeschossener, schlaksig wirkender Mann das Schweigen, dessen blonde Mähne ungezähmt unter dem Hut hervorquoll. Die Haare gingen ihm fast bis zur Schulter. Die Rechte baumelte in Höhe des tiefgeschnallten Revolvers, während die Linke mit dem dicken Griff des Bowie-Messers herumspielte, das er am Gürtel trug.

Read wandte sich langsam herum und nickte.

"So ist es", bestätigte er und musterte dabei sein Gegenüber eingehend.

Neben dem Blondschopf stand ein dunkel gekleideter, untersetzter Kerl mit einem Doppelholster. Die beiden Männer schienen irgendwie zusammenzugehören.

Der Blondschopf wandte kurz den Blick zu einem Mexikaner, der bei der Poker-Runde saß und der daraufhin aufstand und die Bodega verließ.

"Du hast also Ärger in Arizona...", begann der Blondschopf dann und kam etwas näher.

Sein Unterton gefiel Read nicht.

"Ja", nickte er, während er gleichzeitig bemerkte, dass die Hände des Doppelholster-Manns langsam tiefer sanken.

"Wo war das?", fragte der Blonde.

"Was geht dich das an?", erwiderte Read.

"Sagen wir mal, vielleicht kenne ich Warren."

"Es gibt kaum einen in Santa Cruz, der ihn nicht kennt!", versetzte Read ätzend.

Das Gesicht des Blonden wurde zu einer eisigen Maske. Die blauen Augen blitzten gefährlich auf.

Der Mann mit dem Doppelholster machte inzwischen ein paar Schritte nach links und postierte sich bei einer Treppe, die hinauf ins obere Stockwerk führte. Auf seinem Gesicht stand ein zynisches Grinsen.

Der Blonde trat indessen vor und stellte sich neben Read an die Theke.

"Wie heißt du?", fragte er an Read gewandt.

"Ich glaube, du hast Warren noch nie gesehen und machst nur heiße Luft", erwiderte Read, ohne auf die Frage seines Gegenübers einzugehen.

Damit wandte er sich wieder zur Theke und seinem Essen zu.

Er stopfte die letzten Bissen des Eintopfs in sich hinein und trank den Whisky aus.

Der Blonde wurde ärgerlich.

"Doug Warren ist in der Stadt! Und ich kann dich zu ihm bringen, wenn du willst! Allerdings müsstest du mir schon einen überzeugenden Grund dafür nennen, weswegen Warren an euch zwei Herumtreibern interessiert sein sollte..."

Aus den Augenwinkeln heraus sah Read die Bewegung bei dem Kerl mit dem Doppelholster.

Dieser glaubte offenbar, dass sein Moment gekommen wäre und griff blitzartig zu den beiden Eisen, die er an den Seiten trug.

Die Hand des Blonden ging ebenfalls zur Seite.

Doch er hatte den Revolver noch nicht einmal halb herausgezogen, da spürte er schon den Lauf von Reads 45er in der Magengrube.

"Lasst die Dinger besser stecken!", raunte Read.

Billy hatte ebenfalls gezogen und seine Waffe auf den Mann mit dem Doppelholster gerichtet.

Für einen schrecklich langen Augenblick hing alles in der Schwebe. Dann ließ der Blonde seinen Colt zurück ins Holster sinken und rief: "Tu schon, was er sagt, Lewis!"

Einen Augenaufschlag lang war der Kerl mit den zwei Revolvern noch unschlüssig, dann steckte er seine Waffen zurück.

"Das war ein Missverständnis, Amigo!", sagte der Blonde mit einem schwachen Grinsen.

Read hob die Augenbrauen.

"Ach, ja?"

"Du bist verdammt schnell. Es gibt nur wenige Männer, die ihr Eisen so schnell ziehen können."

Read steckte die Waffe ein.

"Vielleicht hast du jetzt eine Idee, weshalb Warren uns gebrauchen könnte..."

Der Blonde schluckte.

"Sicher..."

"Bringt uns zu ihm!", forderte Billy.

Der Blonde atmete tief durch, dann zwang er sich zu einem dünnen Lächeln und streckte Read die Hand hin.

"Mein Name ist Davis!", sagte er. "Und ich werde den Boss schon davon zu überzeugen wissen, dass einer, der mit dem Eisen so gut umgehen kann wie du, unbedingt auf unserer Seite stehen sollte!"

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DOUG WARREN ZÜNDETE sich gerade eine dicke Zigarre an und blickte aus seinem Zimmer im Hotel de Santa Cruz. Ein Bad und ein richtiges Bett waren eine Wohltat nach dem Ritt durch die staubige Wildnis.

In seine roten Haare hatte El Diablo Pomade geschmiert und sie nach hinten frisiert.

Es sah lächerlich aus, aber im Umkreis von vierzig Meilen gab es niemanden, der es gewagt hätte, El Diablo dies zu sagen.

"Du musst etwas unternehmen, Doug!", sagte der zweite Mann im Raum. Er war so dunkel wie ein Halbblut und trug den Revolver links. Offenbar war er gerade erst angekommen und hatte einen harten Ritt hinter sich. Von oben bis unten war seine Kleidung mit Staub bedeckt.

Warren kniff die Augen zusammen.

"Was schlägst du vor, Paco?"

"Du musst schleunigst zurück zur Hazienda! Sonst hat McCain alle Macht an sich gerissen!"

Warren ballte die Hand zur Faust. "McCain! Ich hätte es mir denken können! Dieser Hund!"

"Ich hatte dich von Anfang an gewarnt", sagte Paco.

"Ja, ich weiß! Ich hätte die Hazienda nicht verlassen sollen! Aber es hat mir halt auf die Dauer nicht gepasst, dort festzukleben!"

"Vor allen Dingen hättest du nicht als geprügelter Hund zurückkehren dürfen, dem irgendein wahnsinniger US-Sheriff auf den Fersen ist!"

Warrens Gesicht wurde zu einer steinernen Maske. Seine Augen durchbohrten Paco förmlich.

"Auf wessen Seite stehst du eigentlich, Paco?"

"Auf deiner. Sonst wäre ich nicht hier. Aber wenn du dich nicht beeilst, wird McCain die Führung in der Bande an sich reißen! Bis jetzt hat nur kaum mehr als ein halbes Dutzend Mann fest auf seiner Seite. Aber immer mehr werden unentschlossen!"

Warren musterte Paco einige Augenblicke lang aufmerksam.

Dann nahm er seinen Revolvergurt vom Haken und schnallte ihn sich um.

"Wir werden gleich losreiten!", entschied er sich.

In dieser Sekunde klopfte es an der Tür.

"Herein!"

In der Tür stand ein Mexikaner.

"Was ist los, Gomez?", fauchte Warren.

"Da sind zwei Gringos aufgetaucht. Bei einem passt die Beschreibung... Es könnte dieser Read sein!" Dann ging ein Grinsen über Gomez' Gesicht und er hielt etwas Blinkendes in die Höhe! Ein Blechstern. "Ich habe ein bisschen in den Satteltaschen der beiden herumgewühlt und dies hier gefunden!", erklärte Gomez dazu.

Warrens Gesicht wurde grimmig. "Dieser verdammte Sternträger! Ich habe es geahnt! Er ist nur mit einem Begleiter hier?"

"Ja. Er gibt vor, sich uns anschließen zu wollen. Davis wird ihn herbringen..."

"Gut. Macht kurzen Prozess mit ihm und seinem Begleiter."

"No problemo!"

"Seit aber vorsichtig! Dieser Read hat einiges auf dem Kasten. Man muss schon einigermaßen geschickt sein, um ihn in den Sarg zu bringen!"

Gomez verzog beleidigt das Gesicht.

"Wir werden auf Nummer sicher gehen!", versprach der Mexikaner.

Warren wandte sich dann an Paco. "Wir haben keine Zeit zu verlieren! Reiten wir!"

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READ SAH SOFORT, DASS jemand an seiner Satteltasche gewesen war. Die Schnalle war geöffnet, aber der Proviant beulte das Leder noch immer noch außen, so dass vermutlich nichts fehlte.

"Wo ist das Hotel?", fragte Billy Coburn, nachdem er sich in Sattel geschwungen hatte.

Der blonde Davis kniff die Augen zusammen und blinzelte gegen die tiefstehende Abendsonne. Er deutete mit der Hand.

"Auf der anderen Seite der Stadt. Wir bringen euch hin!"

Davis gab seinem eigenen Pferd die Sporen und preschte voran.

Read und Billy folgten, während Lewis, der Kerl mit dem Doppelholster, sich auffällig zurückhielt.

Er schien großen Wert darauf zu legen, als letzter zu reiten.

Read gefiel das nicht, aber zu viel Misstrauen zu zeigen war im Augenblick nicht angebracht. Davis würde dann nur Verdacht schöpfen wenn er das nicht längst getan hatte.

Sie ritten durch die geschäftigen Straßen von Santa Cruz, dann quer über die Plaza, um die herum der Ort einst erbaut worden war.

Fliegende Händler und Bauern aus der Umgebung boten Grünzeug und gebrauchte Kleider an.

Gewöhnlich waren sie ziemlich aufdringlich beim Anbieten ihrer Ware, aber als sie Davis auftauchen sahen, wichen sie ängstlich zurück.

Dann kam die kleine Kolonne durch enge, verwinkelte Gassen, kaum breit genug, dass zwei Reiter nebeneinander Platz hatten.

"Wie kommt es, dass Warren im Moment hier in Santa Cruz ist?", fragte Read.

"Er ist aus dem Norden zurück", knurrte Davis.

"Erfolgreich?"

"Quatsch nicht soviel."

Read blickte zur Seite und sah aus den Augenwinkeln heraus gerade noch, wie Lewis, der Mann mit dem Doppelholster, einen Moment lang zu den Obergeschossen der Häuser blickte.

Read folgte der Blickrichtung und sah einen Augenaufschlag später das dunkle, schmale Etwas aus einem hochgeschobenen Fenster ragen.

Ein Gewehrlauf!

Read blieb kaum mehr als der Bruchteil einer Sekunde Zeit, um zu reagieren. Er riss den Revolver heraus und feuerte hinauf. Der Kerl am Fenster feuerte fast gleichzeitig, aber sein Schuss ging ins Leere, pfiff über Reads Kopf hinweg und wurde von der gegenüberliegenden Steinwand als gefährlicher Querschläger weitergeschickt.

Der Kerl am Fenster sackte nach vorne, das Gewehr rutschte in die Tiefe. Ein schlaffer Arm ragte ins Freie.

Mit unwahrscheinlicher Schnelligkeit drehte Read sich im Sattel herum und richtete den Colt auf Lewis.

Doch der hatte seine beiden Eisen bereits abgedrückt. Read sah die Mündungsfeuer aufblitzen und fühlte einen grausamen Schmerz an der Seite. Er wollte seine eigene Waffe abfeuern, taumelte aber zur Seite. Ihm war schwindelig und er hatte alle Mühe, sich Sattel zu halten, zumal sein Gaul hochstieg.

Ganz kurz sah er das Gesicht seines Gegenübers.

Read versuchte, den Schussarm mit der Waffe hochzureißen und dachte dabei: Der Kerl wird mir jetzt den Rest geben.

Aber weder Read noch der Mann mit dem Doppelholster kamen dazu, noch einen Schuss abzugeben.

Zuvor hatte Billy Coburn gefeuert.

Lewis bekam den Schuss mitten in die Stirn.

Die Wucht des Geschosses riss ihn nach hinten ließ ihn aus dem Sattel kippen. Sein Pferd stob vorwärts und schleifte den Toten, dessen linker Fuß noch im Steigbügel festhing, durch den Staub.

Als Read nach vorne sah, bemerkte er, dass Davis seinem Gaul die Sporen gegeben hatte und wild um sich schießend nach vorne preschte.

Billy feuerte zweimal hinter ihm her und erwischte ihn am Arm. Davis fluchte lauthals - halb vor Schmerz und zur anderen Hälfte vor Wut.

Er drehte sich im Sattel herum, ballerte seine letzte Revolverpatrone ab und sah, wie John Read aus dem Sattel rutschte und zu Boden ging. Der Sheriff von Jefferson blieb reglos im Staub liegen.

Im nächsten Augenblick war Davis dann hinter einer Biegung verschwunden.

"John!", rief Billy Coburn aus.

Coburn sprang sofort aus dem Sattel. Auf einem der Dächer bemerkte er dabei eine Bewegung.

Sein Revolver war leergeschossen, also zog er die Winchester aus dem Sattelschuh und lud sie mit einer energischen Bewegung durch.

Der Kerl auf dem Dach und Coburn schossen fast gleichzeitig.

Und keiner von beiden traf.

Doch Coburn schickte ihm rasch zwei weitere Schüsse hinauf, die ihn voll erwischten. Er klappte wie ein Taschenmesser zusammen und rutschte das Dach hinunter.

Mit einem hässlichen Laut schlug er auf die staubige, unbefestigte Straße.

Dann war auf einmal Stille.

Aber Coburn wusste, dass dieser Kampf möglicherweise noch nicht zu Ende war, auch wenn es im Augenblick so aussehen mochte.

Er ließ den Blick über die Häuser schweifen. Hinter jedem Fensterladen konnte eine dieser Hyänen lauern und auf seine Gelegenheit zu einem guten Schuss warten...

Aber Coburn bemerkte nichts Verdächtiges.

Er beugte sich über Read, drehte ihn herum und packte ihn bei den Schultern. Der Sheriff hing schlaff in seinen Armen.

Seine Augen waren geschlossen. Und an der Seite war alles rot von Blut.

Coburn schluckte.

Er ist tot!, ging es dem jungen Mann grimmig durch den Kopf.

Aber dann sah er, dass er sich getäuscht hatte.

Read blinzelte ihn an. Ein leises, schwaches Stöhnen ging dem Verletzten über die Lippen.

"John! Du musst durchhalten!", rief er.

Er schlang einen von Reads Armen um seinen Hals und versuchte, den Sheriff auf die Beine zu stellen. Es war ziemlich schwierig.

Read konnte sich kaum halten.

Coburn hielt mit der rechten die Winchester und blickte sich um.

Im Augenblick zeigte sich keiner aus der Meute, die man auf sie gehetzt hatte. Aber Coburn hatte es im Gefühl, dass sie schon hinter nächsten Biegung auf sie beiden lauern konnten.

"Wir sitzen hier wie in einer verdammten Mausefalle fest, John!", knurrte er.

Von Read kam nicht mehr als ein angestrengtes Atmen.

Dann flüsterte er: "Versuch mich aufs Pferd zu setzen, Billy! Hörst du mich..." Er brach ab und rang nach Atem. Es war nicht mehr viel Leben in ihm, das spürte Coburn. Und Read selbst war es auch klar.

Coburn wollte etwas erwidern, kam aber nicht mehr dazu.

Ein Geräusch ließ ihn den Lauf der Winchester herumwirbeln.

Eine der dicht verrammelten Türen ging auf. Das erste, was Coburn in dem Halbdunkel, das im Inneren des Hauses herrschte, sah, war ein Gewehrlauf.

Er wollte schon abdrücken, als jemand rief: "Kommen Sie herein!"

Es war eine Frauenstimme.

Die Frau war sicher nicht älter als zwanzig. Ihre Haare waren Pechschwarz und fielen ihr glatt über die Schultern.

Sie trat ins Freie, blickte sich misstrauisch um und versuchte dann, Coburn dabei zu helfen, Read ins Haus zu bringen.

Dann war da noch ein Mann, mindestens fünfzig und ziemlich braungebrannt. Er hielt eine Doppelläufige in der Hand blickte angstvoll die Gasse entlang.

"Vamos! Nun macht schon!", forderte er.

Dann gab er der jungen Frau das Gewehr und und legte sich Reads linken Arm um die Schulter.

Sie schleppten den Verwundeten ins Haus. Die junge Frau verriegelte sorgfältig die Tür.

"In den Nachbarraum!", wies indessen der Mann Coburn an.

Nebenan waren mehrere Betten, alle frisch gemacht. Auf eines davon wurde Read gelegt.

Der Mann machte sich indessen an dem Verwundeten zu schaffen und riss das Hemd auf, um die Wunde freizulegen.

"Rosita! Hol das Verbandszeug, mein Besteck - und Alkohol!", rief er zu der jungen Frau hinüber.

"Sie sind Arzt", stellte Coburn erstaunt fest.

"Reden Sie nicht soviel, sondern helfen Sie mir lieber, Señor! Ich kämpfe hier um das Leben Ihres Freundes!"

"In Ordnung, Doc! Was soll ich tun?"

"Gehen Sie in die Küche und machen Sie heißes Wasser!"

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UM ZUR HAZIENDA ZU kommen, brauchte man von Santa Cruz normalerweise mindestens anderthalb Tagesreisen.

Aber Doug Warren und sein Begleiter hatten es in einem wahren Höllenritt in einem Tag geschafft.

Als er in der Ferne das Anwesen auftauchen sah, zügelte er sein Pferd und nahm einen Schluck aus der Feldflasche.

Dann wandte er sich an Paco.

"Es ist eine natürliche Festung", meinte er. "Jeden Ankömmling kann man meilenweit sehen!"

"McCain wird also wissen, dass wir kommen!", stellte Paco trocken fest.

Über Warrens Gesicht ging ein zynisches Grinsen.

"Mach dir nicht in die Hosen, Kleiner!", grunzte er dann.

"Es wird selten so heiß gegessen, wie gekocht wurde."

"Diesmal ist es ernst!", stellte Paco klar.

"Das ist es immer!"

In der Ferne tauchten ein paar Punkte auf, wurden rasch größer und verwandelten sich in Reiter. Es waren sechs Mann.

Warrens Griff ging an die Hüfte. Er holte den Revolver heraus, öffnete ihn und überprüfte die Ladung, bevor er die Waffe locker zurück ins Holster steckte.

"Habe ich es mir doch fast gedacht!", grinste er dann.

"McCain, dieser Feigling! Er weiß genau, dass die meisten der Männer auf meiner Seite sind! Deshalb kommt er mit seinen Lakaien, um mich vorher abzufangen!"

"Was machen wir?", fragte Paco.

"Nichts", erwiderte Warren.

Die Reiter kamen heran und zügelten schließlich ihre Pferde.

Einer von ihnen - McCain - kam ein paar Meter vor, die anderen blieben zurück und verteilten sich etwas. Warren sah, wie die Hände zu den Holstern gingen.

"Schön, dass du mir entgegenreitest, McCain!", höhnte Warren.

McCains hartes Gesicht wirkte angespannt. Er wandte sich halb herum, so als müsste er sich erst der Gefolgschaft seiner Begleiter versichern.

Warren wusste nur zu gut, dass sein Gegenüber dazu allen Grund hatte. Diese Männer waren wie Wölfe - und wenn es einen Vorteil für sie bedeutete, waren sie ohne weiteres jederzeit dazu bereit, sich gegenseitig zu zerfleischen.

McCain verzog das Gesicht zur Ahnung eines spöttischen Lächelns.

"Scheint, als wäre was schiefgelaufen im Norden, nicht wahr?", ätzte er.

"Solche Nachrichten scheinen sich schnell zu verbreiten", erwiderte Warren.

McCain nahm all seinen Mut zusammen. Denn er wusste nur zu gut, was für ein Teufel Doug Warren war und hatte nach wie vor gehörigen Respekt vor dem Bandenführer.

Wenn man sich gegen ihn stellte, bekam man bestimmt nur eine einzige Gelegenheit. McCain war lange genug dabei gewesen, um das wissen.

"Seit du weg warst, hat sich der Wind hier gedreht, El Diablo!", sagte McCain mit entschlossenem Tonfall.

Warrens Augen wurden zu schmalen Schlitzen.

"Ach, ja?"

"Ich bin jetzt hier der Boss, Warren! Die Männer sind unzufrieden geworden. Zu wenig Beute, du begreifst?"

"War ja nicht schwer zu verstehen!"

"Für dich ist hier kein Platz mehr! Das ist dir doch klar, oder? Die Männer sind auf meiner Seite. Ich habe ihnen einen höheren Anteil versprochen, das hat auch die überzeugt, die mich sonst nicht so mögen!"

"Was du nicht sagst!"

"Du kannst zwei Dinge tun, Warren! Den Schwanz einziehen und davonreiten oder eine Kugel in den Kopf bekommen! Das ist deine Wahl!"

Das Grinsen, das auf Doug Warrens Gesicht erschien, erinnerte mehr an ein Zähneblecken.

"Wie großzügig von dir, McCain."

"Du hast keine Chance."

"Ja, sieht wohl so aus...", knirschte Warren und lenkte sein Pferd seitwärts. Er tat so, als wollte er klein bei geben und davonreiten.

In Wahrheit hatte er nicht eine Sekunde lang daran gedacht.

Die Seite, an der Warren sein Holster trug, wurde jetzt durch seinen Körper und das Pferd verdeckt. So bekamen seine Gegner nicht schnell genug mit, wie die Hand des Bandenführers die Waffe herausriss.

Als der 45er dann losbellte, war es bereits zu spät.

Zweimal kurz hintereinander feuerte Warren auf McCain, der seine eigene Waffe noch nicht einmal halb herauszuziehen vermochte. Die erste Kugel erwischte den Rebellen am Hals, die zweite im Oberkörper.

Das Pferd stieg auf die Hinterhand und McCain flog ihm hohen Bogen in den Staub.

Warren richtete den Colt derweil auf die anderen Männer.

Einer von McCains Gefolgsleuten hatte ebenfalls zur Waffe gegriffen, aber Paco hatte aufgepasst und den Kerl mit einem gezielten Schuss aus dem Sattel geholt.

Die anderen schienen zu feige zu sein, um sich für ihren neuen Anführer zu schießen.

"Ihr könnt mich vielleicht umbringen!", warnte Warren. "Aber einige von euch werden mit mir ins Gras beißen. Also lasst die Eisen in den Holstern! McCain war das nicht wert, findet ihr nicht?"

Sie tauschten ein paar ängstliche, unentschlossene Blicke, dann nickten sie nacheinander.

"Stimmt, Boss", raunte einer.

Die Männer vermieden es, zu Boden zu blicken, dorthin, wo McCain lag - der Mann, dem sie gefolgt waren, um Warren abzusetzen.

McCain lebte noch.

Aber er war schon mehr tot als lebendig. Verzweifelt versuchte er mit der Hand die Blutung am Hals aufzuhalten, aber das war hoffnungslos.

McCain kroch dabei ächzend über den Boden.

Der Revolver war ihm entglitten und lag einige Meter von ihm entfernt im Staub.

Er hatte nicht den Hauch einer Chance, ihn zu erreichen.

"Wer sich gegen mich auflehnt, der muss wissen, was er tut!", tönte Warren und steckte den Revolver ins Holster. "Reiten wir. Dieser Kampf ist entschieden."

"Du nimmst uns nichts krumm, Boss?", fragte einer der Männer. "Vielleicht ist es besser, wir verschwinden!"

Ein teuflisches Grinsen ging über Warrens Gesicht.

"Keine Spur!", behauptete er. "Ich brauche euch! Schließlich habe ich im Norden eine Reihe guter Männer verloren!"

Sie lenkten ihre Pferde herum und brachen auf.

Einer fragte: "Was machen wir mit ihm?" Und dabei deutete er auf McCain, der mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden lag.

Der Mann sprach es nicht aus, aber er meinte wohl, dass man die Leiden des Verletzten mit einer Kugel beenden sollte.

Aber Warren hatte da eine andere Auffassung.

Auf seinem Gesicht erschien ein wölfisches Grinsen.

"In zwei Stunden ist er tot", erwiderte Warren höhnisch. "Willst du ihm die etwa nicht lassen, Larry?"

Der Mann, den er Larry genannt hatte, wandte den Blick zur Seite und zuckte die Achseln.

"Du bist der Boss!", knurrte er.

Warren lachte heiser.

"Sehr richtig! Und ich hoffe, dass das niemand von euch je wieder vergisst!"

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DER DOC WUSCH SICH die Hände und ließ sich von der schwarzhaarigen Rosita ein Handtuch reichen.

Billy Coburn stand derweil mit der Winchester in der Hand am Fenster und schaute vorsichtig hinaus. Aber von Davis und seinen Leuten hatte sich niemand mehr gezeigt.

"Wird er durchkommen?", fragte Coburn dann, ohne sich umzudrehen.

"Ich weiß es nicht", sagte der Doc seufzend. Er zuckte die Achseln und warf einen besorgten Blick auf Read, der bewusstlos im Bett lag. "Alles, was ich tun konnte, habe ich getan. Der Rest liegt jetzt bei Ihrem Freund, Señor. Er ist ein zäher Bursche. Sonst wäre er gar nicht mehr am Leben!"

"Warum helfen Sie uns eigentlich, Doc..."

"Gonzales ist mein Name", sagte der Arzt. "Und dies ist Rosita, meine Tochter..."

"Wir haben Ihnen geholfen, weil Sie gegen die Männer von El Diabolo gekämpft haben!", ergänzte Rosita, noch ehe ihr Vater hatte fortfahren können.

Sie hob dabei stolz das zarte Kinn.

"Haben Sie keine Angst, dass Sie auf der falschen Seite eingegriffen haben?", erkundigte sich Coburn. "Soweit ich die Leute hier in Santa Cruz kennengelernt habe, zittern den meisten schon die Knie, sobald auch nur einer El Diablos Namen erwähnt..."

"Das ist leider wahr", stimmte Doc Gonzales zu. "Ich bin zu alt, um noch zu lernen, wie man mit einem Revolver umgeht! Ich habe eine Schrotflinte, aber damit kann man ja auch kaum vorbeischießen." Er zuckte die Achseln und setzte anschließend noch hinzu: "Aber ein Mann allein hat gegen diese Bande keine Chance! Auch ein Dutzend nicht!"

Coburn hob die Augenbrauen.

"Es kommt auf die Männer an", erwiderte er mit einem Tonfall, der äußerste Entschlossenheit andeutete.

Gonzales zuckte die Achseln.

"Vielleicht. Jedenfalls habe ich keine Angst mehr vor diesem Warren und seinen Bluthunden. Es gab hier eine Schießerei in Santa Cruz..." Gonzales' Stimme veränderte sich und bekam einen gedämpften Tonfall. "Ist schon ein gutes Jahr her. Irgend jemand versuchte, sich gegen Warren aufzulehnen und sein Schutzgeld nicht zu zahlen und er kam mit seinen Leuten, um denjenigen zu bestrafen... Meine Frau war gerade auf dem Weg zur Kirche, als die Kerle wie die Wahnsinnigen herumballerten! Madre de dios! Sie hatte keine Chance, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen!"

"Sie haben sie umgebracht!", setzte Rosita bitter hinzu.

"Verstehen Sie jetzt, weshalb wir Ihnen helfen?"

Coburn nickte.

"Ich verstehe", nickte er.

"Und Sie und Ihr Freund?", fragte Rosita. "Wie sind Sie mit El Diablo aneinandergeraten?"

Coburn zögerte.

Er sah die junge Frau einen Augenblick lang nachdenklich an, dann erzählte er es ihr in knappen Sätzen.

"Dieser Warren wird für das, was er getan hat bezahlen!",  knirschte Coburn schließlich, wobei er unwillkürlich die Hand zur Faust ballte. "Und sollte mein Freund hier sterben, dann ist das für mich ein weiterer Grund, diesen Kerl zur Rechenschaft zu ziehen!"

Gonzales zuckte die Achseln.

"Hoffen wir, dass er nicht stirbt", murmelte er.

Coburn ging vom Fenster weg und trat auf Gonzales zu.

"Was wissen Sie über diesen Warren?"

"Was meinen Sie?"

"Haben Sie eine Ahnung, wo diese Hazienda liegt, auf der er sein Hauptquartier hat."

Gonzales musterte Coburn für einen Moment und nickte dann.

"Sie haben wirklich vor, dort hinzureiten, nicht war?"

"Sicher."

"Es ist Selbstmord."

"Das ist mir gleich. Ich habe nichts mehr zu verlieren."

Gonzales kratzte sich am Kinn.

"Ich war einmal dort", bekannte er dann. "Die Bande hatte ein paar Verletzte und sie zwangen mich, mit ihnen hinauszureiten, um sie zu behandeln..."

"Beschreiben Sie mir den Weg!"

"Ich habe eine Karte, Señor. Wenn Sie wollen, können wir mal zusammen einen Blick darauf werfen."

"Okay. Aber zunächst werde ich mich draußen etwas umsehen, ob die Luft rein ist."

"Tun Sie das. Aber seien Sie auf der Hut!"

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JOHN READ HATTE JEGLICHES Gefühl für Zeit verloren, als er aus seiner tiefen Bewusstlosigkeit aufwachte. Read versuchte die Augen zu öffnen. An der Seite spürte er höllische Schmerzen aufbranden.

Das erste, was er sah war ein von dunklen Haaren umrahmtes Gesicht. Es war das Gesicht einer jungen Frau, deren dunkle Augen ihn ansahen.

Read versuchte zu sprechen, aber es kam nur ein heiserer Laut über seine Lippen.

"Was...?"

"Sie müssen sich ausruhen", sagte die junge Frau – Rosita - daraufhin. Dann wandte sie den Kopf und rief etwas auf Spanisch, woraufhin ihr Vater hinzutrat.

"Versuchen Sie nicht, sich anzustrengen, Señor Read!", sagte Dr. Gonzales ruhig, aber bestimmt. "ich habe das Blei aus Ihrem Körper herausgeholt, aber das heißt noch nicht, dass Ihr Leben damit gerettet wäre!"

Langsam begriff Read, dass er in einem Bett lag. Ganz dunkel erinnerte er sich jetzt auch daran, wie er hier gekommen war.

Er zitterte und spürte, wie der kalte Schweiß ihm über die Stirn lief.

Rosita wischte ihm mit einem feuchten Tuch über das Gesicht.

Read schluckte.

Er musste Kräfte sammeln, ehe seine Lippen wieder Worte formen konnten. Schließlich nahm er alles zusammen, was er an Kraft hatte und fragte: "Wo ist...?"

Es war nichts weiter als ein erbärmlich schwaches Flüstern.

Und weiter kam er auch gar nicht, aber das machte nichts.

Sowohl Rosita als auch der Doc begriffen sofort, was er wissen wollte.

Sie tauschten einen Blick.

Der Doc nickte schließlich und Rosita sagte: "Ihr Freund ist weiter in Richtung Magdalena geritten."

"Dieser Verrückte...", flüsterte Read.

"Wir konnten ihn nicht aufhalten", berichtete Doc Gonzales schulterzuckend. "Er hat Mut..."

"Es ist Selbstmord!"

"Er hat uns erzählt, wer Sie beide sind und weshalb Sie gegen El Diablo kämpfen... Er hat uns von seiner Frau erzählt..." Gonzales hob die Augenbrauen und kratzte sich im Nacken. "Ich verstehe ihn", bekannte er dann.

Read spannte die Muskeln an, um sich aufzurichten.

Aber Rosita drückte ihn zurück in die Kissen.

"Dazu ist es entschieden zu früh", bestimmte sie.

Read atmete heftig.

Vor seinen Augen begann sich alles zu drehen. Schwindel erfasste ihn und er sank in einen unruhigen, traumlosen Schlaf.

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BILLY COBURN HATTE sich auf den Weg nach Süden gemacht, um zum Quellgebiet des Rio Magdalena zu kommen. Dort, so wusste er es von Dr. Gonzales, sollte jene Hazienda zu finden sein, auf der El Diablo sein Versteck hatte.

Coburn hatte die Karte des Arztes mitgenommen. In wie weit man sich auf sie verlassen konnte, würde sich herausstellen.

Aber immerhin hatte er so einen Anhaltspunkt.

Coburn ritt über eine halbwüstenartige Ebene. Der Boden war hart und trocken und hatte Ähnlichkeit mit dem Gesicht eines Pockenarbigen. Dieses Land sah so kahl und gleichförmig aus, das es nicht einfach war, sich orientieren. Lediglich der Gebirgszug im Südosten bot eine Art Linie, nach der man sich richten konnte.

Die Luft flimmerte und die Sonne verwandelte dieses Land in einen Glutofen. Coburn hatte reichlich Wasser mitgenommen.

Soviel, wie ein einzelner Reiter auf seinem Pferd eben mitnehmen kann.

Coburn konnte nur hoffen, dass es genug war. Ansonsten blieb in dieser Gegend nur der bittere Saft der Kandelaber-Kakteen, und der war alles andere, als ein Hochgenuss.

Coburn dachte an Read.

Daran, dass Gonzales und seine Tochter vertrauenswürdig waren, bestand wohl kaum ein Zweifel. Aber ob der Doc es schaffen würde, Read durchzubringen, stand auf einem anderen Blatt.

Wenn nicht, so wäre das ein weiterer Grund, um diesen Warren zu stellen!, durchzuckte es Coburn grimmig.

Reads Zustand war nicht gut gewesen, als Coburn aus Santra Cruz aufgebrochen war. Um das festzustellen, brauchte man kein Arzt sein.

Aber ich hätte nichts weiter für ihn tun können!, versuchte Coburn seinen Aufbruch vor sich selbst zu rechtfertigen.

An einem Krankenbett zu stehen, ruhig abzuwarten und nichts zu tun, das war nicht Coburns Sache.

Außerdem - wer konnte schon sagen, wie lange es dauern würde, bis John Read überhaupt wieder fähig war, gerade auf einem Pferd zu sitzen...

Coburn zog sich den Hut tiefer ins Gesicht, um sich vor der sengenden Sonne besser zu schützen.

Er blinzelte.

Und dann riss ihn etwas aus seinen düsteren Gedanken heraus.

Er zügelte sein Pferd und sprang aus dem Sattel. Auf einmal war die Lethargie, die die Hitze bewirkte von ihm abgefallen und er war hellwach.

Sein Blick ging zu Boden. Da waren einige Hufspuren.

Fünfzehn, sechzehn Pferde, so schätzte er. Aber er war kein besonders guter Fährtenleser und so konnten es auch mehr sein.

Aber die Spuren stammten von unbeschlagenen Hufen.

Indianer!, durchzuckte es ihn heiß.

Wahrscheinlich Apachen, die sowohl auf der mexikanischen Seite der Grenze, als auch in Arizona zu finden waren.

Jedenfalls werde ich auf der Hut sein müssen!, war Billy Coburn klar.

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COBURN HIELT DIE AUGEN offen, aber bis zum Abend bemerkte er nichts von irgendwelchen Indianern.

Hinter einem Hügel schlug Coburn sein Lager auf. Feuer machte er nur, um sich etwas zu Essen zu machen, dann löschte er es wieder.

Er rollte sich in seine Decke ein und schlief ein paar Stunden lang. Die Nacht war sternenklar und ziemlich kühl.

Irgendwann nach Mitternacht wurde er wach.

Sein Pferd hatte einen Laut von sich gegeben und obwohl das auch eine ganz harmlose Ursache haben konnte, war Coburn sofort alarmiert.

Irgendeine Art von Instinkt sagte ihm, dass er in Gefahr war. Jedenfalls ging sein Griff zum Revolver, den er in Reichweite abgelegt hatte.

Dann sah er sich um.

Bei seinem Pferd sah er einen Schatten.

Coburn wirbelte hoch und hob den Revolver.

Für den Bruchteil eines Augenblicks sah er im Mondlicht ein Gesicht. Es war ein Indianergesicht. Üppiges dunkles Haar wurde durch ein Stirnband zusammengehalten.

Coburn sah eine Bewegung.

In der nächsten Sekunde blitzte ein Mündungsfeuer auf. Der Indianer hatte sein Gewehr hochgerissen und abgefeuert, noch ehe Coburn irgend etwas hätte tun können. Die Kugel pfiff seitlich an Coburns Kopf vorbei und ging ins Leere. Coburn duckte sich und feuerte zurück.

Der Indianer gab einen dumpfen Laut von sich, aber ob es ihn erwischt hatte, konnte Coburn nicht sehen. Jedenfalls nahm der Kerl Coburns Pferd beim Zügel und schwang sich mit einer eleganten Bewegung auf den ungesattelten Rücken des Tieres.

Coburn sah einen Mündungsblitz und duckte sich, während der Indianer versuchte, das Pferd unter Kontrolle zu bringen.

Das Tier stieg laut wiehernd auf die Hinterhand. Aber der Indianer war geschickt und konnte sich halten. Er versuchte, das Tier herumzureißen nach vorn preschen zu lassen.

Coburn setzte indessen zu einem Spurt an.

Der Indianer feuerte noch zweimal auf den heranschnellenden Coburn, aber diese Schüsse waren zu ungezielt um irgendwelchen Schaden anrichten zu können. Sie gingen in den Boden und ließen den Staub zu kleinen Fontänen hochgehen.

Das Pferd bockte.

Es war noch nie einfach zu reiten gewesen und auch Coburn hatte eine ganze Weile gebraucht, um dem dem Tier seinen Willen aufzuzwingen.

Als der junge Mann herangekommen war, packte er einen herumwirbelnden Zügel, der dem Indianer entglitten war. Mit anderen Hand richtete er die Waffe auf den Pferdedieb und rief: "Runter von dem Gaul!"

Der Indianer hielt in der Rechten sein Gewehr - ein Repetierer, wie ihn die Army benutzte. Aber um erneut schießen zu können, hätte er den Lauf herumreißen und die Waffe durchladen müssen.

Und das war unmöglich, jedenfalls dann, wenn er nicht vorher selbst eine Kugel in den Schädel bekommen wollte.

Coburn mußte seine ganze Kraft aufbieten, um das Pferd ruhig zu halten.

Der Gaul hatte Temperament und Kraft. Aber auch Eigensinn.

Der Indianer saß wie ein steinernes Standbild auf dem Pferderücken. Seine stolzen Züge konnte Coburn im fahlen Mondlicht sehen.

Es war unmöglich, zu sagen, was hinter diesen maskenhaften Zügen in seinem Kopf vor sich ging.

Schließlich warf er das Gewehr zu Boden.

Coburn bemerkte das Beben um seine Nasenwinkel und vielleicht hätte ihn das warnen sollen. Was dann geschah, ging mit unwahrscheinlicher Schnelligkeit vor sich. Der Indianer, tat, als wollte er absteigen und schwang dazu sein Bein vorne über den Pferdenacken.

Doch im nächsten Moment schnellte einer seiner mit Mokassins bekleideten Füße vor und traf Coburns Waffe, die im hohen Bogen in den Staub flog.

Coburn sah einen dunklen Schatten auf sich zukommen. Der Indianer war gesprungen und stieß dabei einen Schrei aus, der einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte.

Coburn spürte, wie ihn das Gewicht seines Gegenübers niederdrückte und rückwärts zu Boden gehen ließ. Der Indianer war über ihm und dabei mindestens so groß und so schwer wie Coburn selbst.

Im Mondlicht sah Coburn dann etwas metallisches aufblinken.

Ein Messer.

Der Indianer hielt den Griff mit seiner eisenharten Faust umklammert und versuchte, die Klinge in Coburns Oberkörper zu versenken.

Im letzten Moment gelang es Coburn, das Handgelenk seines Gegners zu fassen und den Stoß aufzuhalten. Die Spitze des Messers war bereits durch sein Hemd gegangen und hatte die Haut geritzt.

Ein paar dunkle, entschlossene Augen blickten auf Coburn hinab.

Coburn mußte seine ganze Kraft aufwenden, um dem Druck des Indianers auch nur annähernd standzuhalten. Er ächzte.

Dann nahm er seine ganze Kraft zusammen und lenkte die Faust mit dem Messer zur Seite. Dicht neben seinem Hals ging die Klinge tief in den Boden.

Coburn nutzte den kurzen Augenblick und ließ seine Faust vorschnellen und direkt in das Gesicht des Indianers treffen. Dieser war etwas benommen und im nächsten Moment rollten sie mehrmals übereinander durch den Staub.

Immer noch hatte der Indianer das Messer in der Rechten, während Coburn verzweifelt das Handgelenk seines Gegenübers umklammert hielt.

Coburn bekam eine Handvoll Sand ins Gesicht und der Indianer war im nächsten Augenblick wieder über ihm. Ineinander verkrallt rollten sie erneut herum.

Coburn spürte einen höllischen Schmerz, als das Messer in seinen Oberarm stach. Dann bekam er für einen kurzen Augenblick seine Rechte frei und setzte zu einem fürchterlichen Schlag an. Coburn traf den Indianer an der Schläfe und spürte, wie die Arme seines Gegenübers schlaffer wurden.

Ein weiterer Schlag ließ ihm dann bewusstlos zusammensacken.

Coburn befreite sich mit ein paar kräftigen Bewegungen von seinem Gegner, der reglos auf dem Boden liegenblieb.

Coburn richtete sich auf und hob den Repetierer des Indianers auf.

Ein paar Schritte entfernt fand er auch seinen Colt wieder, nahm in auf und steckte ihn in den Hosenbund. Das Pferd stand ganz ruhig ein paar Meter abseits. Coburn ließ den Blick umherschweifen.

Dieser Indianer schien allem Anschein nach ein Einzelgänger gewesen zu sein.

Sicher sein konnte er natürlich nicht.

Und die Spuren, die er gefunden hatte, sprachen für eine größere Gruppe.

Coburn ging zu seinem Sattelzeug und holte sein Lasso, um damit den Bewusstlosen zu fesseln.

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ES WAR KURZ VOR SONNENAUFGANG, als Coburn sein Lager aufräumte und das Pferd sattelte.

Der Indianer war inzwischen wach geworden. Er lag als sorgsam verschnürtes Paket am Boden und sandte einen giftigen Blick hinauf zu dem Mann, dessen Pferd er hatte stehlen wollen und der ihn im Kampf besiegt hatte.

Ein unterdrücktes Knurren ging ihm über die Lippen.

Coburn sah ihn an.

"Apache?", fragte er.

Der Indianer gab keine Antwort.

Aber für Coburn war die Sache klar. Dies war ein Apache.

"Du bist ein Pferdedieb", stellte Coburn fest.

"Du hättest mich töten sollen!", erwiderte der Apache und spuckte voller Verachtung aus.

"Hast du kein Pferd?", fragte Coburn.

"Es ist gestürzt. Ich musste es töten."

"Hm."

"Worauf wartest du noch - Bleichgesicht? Bring es schon hinter dich!" Coburn musterte den Indianer dann einen Augenblick lang nachdenklich. "Ich weiß, was ihr Weißen mit einem Pferdedieb tut", sagte der Apache dann, nach einer längeren Pause des Schweigens.

Er hatte einen starken Akzent.

"Wir hängen sie auf", sagte Coburn. "Und für einen Indianer ist es sehr unehrenhaft, auf diese Weise zu sterben..."

"Ich habe keine Angst", erwiderte der Apache stolz.

Coburn lächelte matt.

"Sicher nicht..."

Dann trat er mit dem Messer in der Hand auf den Apachen zu und schnitt ihm die Fesseln durch.

Der Apache sah Coburn erstaunt an.

Als Coburn sich schon in den Sattel geschwungen und das Pferd herumgelenkt hatte, erhob sich der Indianer. Coburn hielt das Repetiergewehr in der Hand. Er holte die Patronen heraus, die noch im Magazin waren und warf es dem Apachen dann hin, der es in der Luft auffing.

Dann gab Coburn seinem Pferd die Sporen.

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COBURN TRAF GEGEN MITTAG auf einen zu dieser Jahreszeit fast ausgetrocknete Seitenarm des Magdalena-Flusses und folgte diesem einige Meilen weit.

Er musste mehrmals die Karte hervornehmen, aber sie schien nicht sonderlich genau zu sein. Und das bedeutete, dass er sicherlich nicht unbedingt den kürzesten Weg zu El Diablos Hazienda ritt.

Doch das machte ihm kaum Sorgen.

Die Hazienda von El Diablo würde er früher oder später schon finden, auch wenn er etwas suchen musste.

Da war etwas anderes, das ihn eher die Stirn runzeln ließ.

Er fand erneut Spuren unbeschlagener Pferde.

Und Spuren von Mokassins.

Coburn fragte sich, was die Apachen in dieser Gegend zu suchen hatten. So weit das Auge reichte gab es hier nichts, was einen irgendwie dazu einladen konnte, hier her zu reiten, es sei denn, man war auf der Flucht und suchte einen Ort, um sich zu verkriechen.

Aber von Indianerüberfällen und einer eventuellen Strafexpedition gegen die Rothäute hatte Coburn nichts gehört. Und eine solche Nachricht hätte sich mit Sicherheit in Windeseile verbreitet.

Auf jeden Fall werde ich mich in Acht nehmen müssen!, ging es Coburn durch den Kopf. In der letzten Nacht hatte er Glück gehabt, es nur mit einem Einzelgänger zu tun gehabt zu haben.

Mit einer ganzen Horde gegen sich, sahen seine Chancen schlecht aus, zumal die Apachen hervorragende und zähe Kämpfer waren.

Coburn hielt die Augen offen, aber von den Roten war nirgends etwas zu sehen.

Gegen Abend durchquerte er ein felsiges, zerklüftetes Canyon, durch das sich das Rinnsal eines fast versiegten Creeks schlängelte.

Dahinter lag eine hügelige Ebene.

Coburn sah deutlich eine Ansammlung von weißen Steinhäusern, die früher wohl einmal von einer Art Schutzmauer umgeben gewesen waren. Aber diese Mauer war größtenteils verfallen.

Das musste es sein!

Wahrscheinlich hatten die Banditen das Anwesen bereits seit langem verlassen vorgefunden, als sie sich hier eingenistet hatten. Jedenfalls sah die karge, unfruchtbare Umgebung nicht so aus, als wäre hier in den letzten Jahren irgend etwas angebaut oder gezüchtet worden.

Coburn holte ein Fernglas aus seiner Satteltasche und warf einen Blick hindurch.

Er sah ein Lagerfeuer in der Mitte der Hazienda. Zwischen den Gebäuden kampierte eine Schar finsterer Wölfe.

Und dann glaubte Coburn seinen Augen nicht zu trauen.

Er erstarrte und es war, als eine kalte Hand sich auf seinen Rücken legte. Durch das Fernglas sah er das zynisch grinsende Gesicht eines rothaarigen Mannes.

Doug Warren!

Coburn atmete tief durch und nahm das Glas herunter.

Du wirst bezahlen, El Diablo!, ging es ihm heiß durch den Kopf.

Aber er musste kühlen Kopf bewahren. Sonst war er ein toter Mann, bevor er sich El Diablo auch nur auf zwanzig Schritte genähert hatte.

Die Hazienda hatte eine günstige Lage. Wie eine natürliche Festung. Jeder Feind war, sobald er die Felsmassive des Canyons hinter sich gelassen hatte, völlig ohne Deckung. Eine Zielscheibe also.

Coburn musste also den Einbruch der Nacht abwarten, um sich zu den Gebäuden vorarbeiten zu können.

Das Geräusch von Pferdehufen hallte zwischen den Felsen des Canyons wider. Coburn wirbelte herum und griff instinktiv zum Colt.

Aus den Felsen kam dann ein Apfelschimmel hervor, auf dessen Rücken ein Mann geschnallt war.

Der Gaul trottete recht langsam vor sich hin, schien aber den Weg zu kennen. Coburn steckte das Eisen wieder ins Holster und stoppte das Tier.

Der Mann auf dem Rücken gehörte vermutlich zu Warrens wilder Meute

Der Kerl war tot. Zwischen den Schulterblättern steckte ein Pfeil. Ein Apachenpfeil. Coburn war sich da ziemlich sicher.

Doch der Mann war nicht durch den Pfeil getötet worden, sondern durch eine Kugel.

Zweifellos war dies eine Warnung! Die Indianer wussten, dass der Gaul seinen Weg zurück zur Hazienda finden würde - zu El Diabolo! Und an ihn war diese Botschaft wohl gerichtet.

Billy Coburn gab dem Tier einen Klaps, woraufhin der Apfelschimmel einen Satz nach vorn machte und seinen Weg dann weiter in Richtung der Hazienda fortsetzte.

Offenbar bin ich nicht der einzige, der El Diablo den Tod wünscht!, überlegte Coburn.

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"SIE SIND WAHNSINNIG, Señor Read!"

"Waren Sie und Ihr Vater nicht auch ein wenig wahnsinnig, als sie mir und meinem Freund geholfen haben, Rosita?"

"No, Señor! Das war etwas anderes."

"Ich will meinen Freund nicht im Stich lassen. Ist das so ungewöhnlich?"

"Nein."

"Sie wollen doch auch nicht, dass El Diablo davonkommt..."

"Sie reiten in den Tod, Señor Read..."

Read hatte gelacht und dabei das Gesicht verzogen, denn das Lachen schmerzte noch. Ein Verband bedeckte den Großteil seines Oberkörpers.

"Durch die Hölle vielleicht - aber nicht in den Tod. Ich weiß schon was ich tue, Señorita!"

Jetzt war er schon annähernd zwei Tage unterwegs und diese Zeit war bereits die Hölle gewesen, denn John Read war noch weit davon entfernt, wieder im Vollbesitz seiner Kräfte zu sein. Schon für einen gesunden Mann wäre ein scharfer Ritt durch jenen Glutofen, den Read durchquert hatte, eine Strapaze gewesen. Erst recht galt das für einen Mann, dem man gerade erst das Blei aus dem Körper geholt hatte.

Aber Read war ein zäher Brocken.

Er biss die Zähne zusammen und trieb seinen Gaul vorwärts.

Insgeheim ahnte er, dass er Billy Coburn kaum würde einholen können. Vielleicht kam er zu spät und konnte nicht mehr für ihn tun, als seine Leiche zu bergen...

Read mochte an diese Möglichkeit nicht denken, obwohl es durchaus so kommen konnte.

In der Nacht gönnte er sich kaum Schlaf, aber das fiel nicht so schwer ins Gewicht. Seine Schmerzen weckten ihn ohnehin nach ein paar Stunden wieder auf. Um das Pferd nicht zu Schanden zu reiten, machte er dafür um die Mittagszeit ein paar Stunden Pause.

Read hatte gerade das zerklüftete Bergland erreicht.

Er suchte sich einen schattigen Platz unter einer Gruppe halverdorrter, knorriger Bäume, gab seinem Pferd etwas zu trinken und legte sich dann auf den Boden.

Read atmete schwer.

Ich muss mir meine Kraft besser einteilen!, ging es ihm durch den Kopf. Schwindelgefühl erfasste ihn. An seiner Stirn liefen Schweißperlen hinunter. Diese Hitze war schier unerträglich. Vorsichtig betastete Read seine Seite. Der Verband saß noch gut.

Read atmete tief durch und schloss die Augen.

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DAS UNTRÜGLICHE GEFÜHL, beobachtet zu werden, ließ Read auf einmal hochschrecken.

Vielleicht war es irgendein Geräusch gewesen, vielleicht auch nur Instinkt. Jedenfalls war Read in der nächsten Sekunde voll da, hatte die Hand an der Hüfte und ließ den Blick über die umliegenden Felsen schweifen.

Aber da war nichts zu sehen.

Read beschloss, dass es allemal am besten war, weiterzureiten.

Der Sheriff schwang sich auf den Rücken seines Pferdes und setzte seinen Weg fort. Dabei hielt er die Augen offen.

Einmal glaubte er, hinter einem Felsen eine Gestalt gesehen zu haben. Read kniff die Augen zusammen und blinzelte gegen die Sonne.

Möglich, dass er sich getäuscht hatte. Aber das ungute Gefühl in der Magengegend blieb. Eine unheilvolle Stille schien über diesem kargen, steinigen Land zu liegen.

Zwei Stunden später erreichte Read dann eine verlassene Farm. Das Haus und der Stall waren nichts weiter als eine Ruine aus hellem Lehm. Der Boden war hier wohl einfach zu schlecht, um irgend etwas anbauen oder züchten zu können.

Aber der Brunnen war vielleicht noch zu benutzen und deshalb lenkte Read seinen Gaul dorthin.

Er brauchte das Tier nicht weiter anzutreiben. Es schien die Nähe des Wassers zu riechen.

Als er die Farm erreichte, ließ er aufmerksam den Blick umherschweifen, konnte aber nichts Verdächtiges erblicken.

Aber noch vor kurzem musste jemand hier gewesen sein, um Pferde zu tränken. Vor dem Brunnen sah Read Hufspuren von mindestens einem Dutzend Pferden.

Es waren unbeschlagene Tiere.

Indianer!, ging es ihm siedend heiß durch den Kopf.

Er stieg ab.

Der Schöpfeimer und das Hanfseil, mit dem er in die Tiefe gelassen wurde, waren noch in Ordnung. Wahrscheinlich wurde dieser Ort häufiger als Zwischenstation genutzt. Read ließ den Eimer hinab und ließ das Pferd trinken. Das Tier sog das kostbare Nass gierig in sich hinein.

Als es fertig war, füllte Read seine Flasche auf.

Das Geräusch galoppierender Pferde ließ ihn auffahren.

Es waren vier Reiter, die da in scharfem Galopp herangeritten kamen. Keine Indianer, sondern Weiße. Der Kleidung nach waren zwei von ihnen Mexikaner, die beiden anderen Gringos.

Reads Augen wurden zu schmalen Schlitzen, als er ihnen entgegenblickte. Einer von ihnen trug seinen rechten Arm in einer Manschette.

Es war Davis, jener Mann, der Read und Coburn in Santa Cruz in die Falle gelockt hatte! Vermutlich hatte El Diablo diese kleine Kolonne mit irgendeinem Auftrag in der Gegend herumgeschickt.

Reads Hand ging zur Hüfte. Zur Flucht war es zu spät. Das Quartett war schon zu nahe herangekommen.

Die Kerle zügelten ihre Pferde und auf Davis' Gesicht stand das blanke Entsetzen.

"Was ist los, Davis?", fragte der zweite Gringo in der Gruppe, ein Kerl, der einen ausgedienten Army-Hut trug, an dem die Abzeichen entfernt worden waren.

"Das ist der Kerl aus Santa Cruz!", raunte Davis.

"Der Sternträger?"

"Ja!"

"Hast du nicht erzählt, dass der erledigt ist?"

"Ich habe gesehen wie er in den Staub fiel, verdammt nochmal! Er war tot!"

"Da hast du dich eben getäuscht!", stellte Read fest. Die Männer waren wie erstarrt. Sie schien unschlüssig darüber zu sein, was sie nun tun sollten. Die beiden Mexikaner schielten zu Davis hinüber.

Read trat derweil einen Schritt zur Seite. Die einzige Deckung war der Brunnen, hinter den er sich werfen konnte, wenn es hart auf hart ging. Es war völlig aussichtslos, zu den verfallenen Gebäuden gelangen zu wollen. Ebenso wenig konnte er sich einfach auf seinen Gaul setzen und davonreiten.

Der blonde Davis bleckte die Zähne wie ein hungriger Wolf.

In seinen Augen blitzte es gefährlich.

"Du bist hartnäckig - aber dumm!", wandte er sich an Read.

"Das erste stimmt - aber mit dem zweiten solltest du nicht rechnen..."

"Wo ist dein Freund?", fragte er dann und ließ dabei den Blick schweifen.

Read fühlte Erleichterung, denn diese Frage konnte nur bedeuten, dass Billy Coburn noch nicht in die Fänge von El Diabolos Meute geraten war!

"Mein Freund?" Read lächelte dünn. "Vielleicht beobachtet er euch gerade und zielt mit seiner Winchester auf euch!"

Was dann geschah, dauerte nur den Bruchteil eines Augenblicks.

Die Kerle blickten unwillkürlich in Richtung der Ruinen.

Ihre Hände glitten zu den Revolverholstern, aber sie hatten die Waffen noch nicht einmal zur Hälfte gezogen, da begriffen sie den Bluff.

Mit weit aufgerissenen Augen blickten sie direkt in Reads Revolvermündung, der seine Waffe mit katzenhafter Geschmeidigkeit aus dem Holster gezogen und den Hahn gespannt hatte.

"Lasst die Eisen stecken, oder mindestens zwei von euch sind tot."

Reads Stimme wirkte glasklar.

Er rechnete mit der Feigheit seiner Gegner. Und er rechnete richtig. Einen schrecklich langen Augenblick lang geschah gar nichts.

Dann sagte Davis schließlich: "Okay, okay... Und was jetzt?"

Read machte eine Bewegung mit dem Revolverlauf.

"Abschnallen!"

Doch die Männer kamen nicht mehr dazu, Reads Anweisung nachzukommen.

Etwas sirrte mit unglaublicher Geschwindigkeit durch die Luft, um sich anschließend mitten durch Davis' Hals zu bohren. Der Blonde kam nicht einmal mehr zu reinem Schrei.

Im nächsten Moment brach die Hölle los.

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DAVIS' AUGEN QUOLLEN schreckgeweitet hervor, nachdem der Pfeil sich durch seinen Hals gebohrt hatte.

Er versuchte noch, das Geschoss wieder herauszuziehen, aber das war sinnlos. Er kippte rückwärts aus dem Sattel und blieb reglos im Sand liegen, während sein Gaul davonstob.

Von allen Seiten prasselten Geschosse hernieder, sowohl Bleikugeln als auch Pfeile.

Der Angriff schien förmlich aus dem Nichts zu kommen.

Die Indianer mussten sich in den umliegenden Felsen verschanzt haben.

Die beiden Mexikaner versuchten, sich in wilder Flucht zu retten, rissen ihre Pferde herum und ließen sie davonpreschen. Dabei zogen sie ihre Colts und ballerten mehr oder weniger ungezielt in der Gegend herum.

Doch sie kamen nicht weit.

Einer nach dem anderen wurden sie aus den Sätteln geholt.

Ein Schwall von Kugeln zerfetzte ihnen den Rücken und ließ sie kurz nacheinander aus dem Sattel kippen.

Einer von ihnen wurde noch einige Dutzend Yards weit am Steigbügel über den Boden gezogen, bevor er als regloses Bündel liegenblieb.

Read hatte sich indessen hinter dem Brunnen in Deckung gebracht, während sein Pferd davongestoben war. Ein- oder zweimal tauchte er kurz hervor, um einen Schuss in Richtung der Angreifer abzugeben.

Aber er wusste nur zu gut, wie wenig Sinn das hatte.

Die Übermacht war einfach zu erdrückend. Und dazu kam, dass der Feind alle Vorteile auf seiner Seite hatte.

Aus den Augenwinkeln heraus sah Read, dass der Kerl mit dem Army-Hut von einer Kugel im Oberkörper erwischt wurde. Die Wucht des Geschosses riss den Mann nach hinten.

Er versuchte, seine Waffe noch einmal hochzureißen, gab einen ziemlich ungezielten Schuss ab und bekam dann eine zweite Kugel.

Diesmal in den Kopf.

Das Pferd stieg auf die Hinterhand und dicht neben dem Brunnen fiel die Leiche in den Staub und kam mit einem dumpfen Geräusch auf.

Das Pferd!, dachte Read.

John Read hatte kaum eine Sekunde, sich zu entscheiden.

Dann entschloss er sich, alles auf eine Karte zu setzen. Er sprang aus seiner Deckung hervor, griff nach den Zügeln des Pferdes und klemmte sich seitwärts an dessen Körper. Das Tier stob vorwärts, während Read die Zähne zusammenbiss. Seine Seite tat ihm höllisch weh. Und er musste alles zusammenreißen, was er an Kraft noch hatte.

Ohrenbetäubendes Kriegsgeheul und das Geräusch galoppierender Pferde erfüllte die flimmernde Luft.

Die Angreifer kamen jetzt zwischen den nahen Felsen hervor. Grimmige Gestalten mit farbigen Kopftüchern, die exzellent mit ihren Pferden umzugehen wussten. In wildem Galopp schnellten sie heran.

Read feuerte ein paarmal. Dann spürte er, wie das Pferd, an dessen Seite er hing, ins Straucheln kam. Offenbar war es getroffen worden.

Mit einem markerschütternden Wiehern ging das Tier zu Boden. Read rettete sich mit einem Hechtsprung vor dem massigen Pferdekörper und rollte sich geschickt ab, während links und rechts von ihm die Kugeln in den Boden schlugen.

Ein paar Yards lagen nur noch zwischen ihm und den Mauern der Ruine, die vielleicht so etwas wie eine Rettung auf Zeit bedeuten konnten.

Read kam auf die Beine und wollte den 45er in seiner Hand abfeuern, aber der Revolver gab nur ein Klicken von sich.

Leergeschossen!

Ein Pfeil ging dicht über seinen Kopf und riss ihm den Hut herunter. Die Reiter preschten mit triumphierendem Geheul auf ihn zu.

Der erste von ihnen warf sein Gewehr einem der anderen Krieger zu und riss dann den Tomahawk aus dem Gürtel.

Read begriff.

Jetzt spielen sie mit mir!, ging es ihm grimmig durch den Kopf. So wie eine Katze mit der halbtoten Maus...

Read warf den leergeschossenen Revolver zur Seite. Der konnte ihm jetzt nicht mehr helfen...

Der Krieger kam in wildem Galopp heran und stürzte sich mit einem furchtbaren Schrei auf Read. Das Gewicht des Indianers warf den Sheriff zu Boden. Sie rollten übereinander und verkrallten sich wie tollwütige Wölfe. Read sah den Tomahawk auf sich zukommen, konnte aber den Schlag abfangen, indem er das Handgelenk des Indianers packte.

Dann gewann der Indianer die Oberhand und saß rittlings auf Read.

Dieser keuchte.

Er spürte, wie die Kraft aus seinem Körper floh. Das Gewicht seines Gegners drückte auf die Wunde an seiner Seite, so dass es Read fast den Atem raubte.

Er rang nach Luft.

Über sich sah er ein Paar blitzender Augen, die ihn hasserfüllt anfunkelten.

Der Krieger riss indessen seinen Arm aus Reads Umklammerung und holte dann zu einem gewaltigen Schlag mit seinem Tomahawk aus - einem Schlag, der ausreichte, um einen Schädel zu spalten.

In letzter Sekunde wich Read mit dem Kopf zur Seite. Er spürte, wie die scharfe Klinge des Kriegsbeils an seinem Ohr vorbeistrich und dann tief in den Boden ging.

Der Krieger riss die Waffe unverzüglich wieder heraus und holte erneut aus. Für John Read bestand nicht der geringste Zweifel daran, dass dies der letzte Augenblick seines Lebens war...

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EIN SCHARFER RUF DURCHDRANG die Luft wie ein Messer.

Es waren Worte in einer fremden Sprache, von der Read nicht ein einziges Wort verstand. Aber diese Worte ließen den Krieger über ihm mitten in der Bewegung innehalten. Read sah die Klinge des Tomahawk in der Sonne blitzen, aber diese furchtbare Waffe sauste nicht auf ihn hernieder.

Der Krieger atmete tief durch.

Dann erhob er sich und schob den Tomahawk zurück hinter den Gürtel.

Read wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Mit einiger Mühe erhob er sich ebenfalls. Am Kopf blutete er ein wenig, aber das war harmlos. Die Wunde an der Seite machte ihm schon mehr Sorgen. Dieser Kampf hatte nicht gerade zu seiner Genesung beigetragen.

Read war von allen Seiten von berittenen Kriegern umgeben, deren Waffen auf ihn gerichtet waren. Jeder Widerstand war zwecklos, das war ihm sofort klar.

Ein hochgewachsener Indianer mit einem leuchtend blauen Stirnband schien der Anführer dieser Gruppe zu sein. Sein stolzes, bronzefarbenes Gesicht blickte auf Read herab und dieser erkannte, daß es wohl nur einer einzigen Handbewegung dieses Mannes bedurfte, um ihm endgültig das Lebenslicht auszublasen...

"Du hast die Wahl, Bleichgesicht...", sagte der Indianer ruhig, aber mit einem Unterton, der einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte.

Read verengte die Augen.

Diese Rothaut musste sich irgend etwas davon versprechen, ihn am Leben zu lassen.

"Welche Wahl?", knirschte Read zwischen den aufgesprungenen Lippen hindurch.

"Zwischen einem schnellen und einem langsamen Tod." Die Nasenflügel des Indianers bebten leicht. Er verzog das Gesicht zu einer Maske der Verachtung. "Ein Coyote, der für El Diablo Frauen und Kinder tötet, kann nicht mehr erwarten", erklärte er dann und spuckte anschließend aus. Den ganzen Abscheu, den dieser Indianer empfand, legte er in diese Geste. "Ich will, dass du mir alles über El Diablo und seine Bande sagst, was du weißt... Wie viele Männer stehen unter seinem Kommando? Wie sind sie bewaffnet? Und mit welchem Auftrag hat er dich und deine toten Gefährten losgeschickt?"

Langsam begann Read zu begreifen.

Der Indianer lenkte sein Pferd etwas näher und beugte sich nieder. "Ihr solltet Verstärkung holen, nicht wahr? Ich nehme an, dass dein Boss eine Heidenangst vor uns hat, seit wir euch den Toten ins Lager geschickt haben..."

Read kniff die Augen zusammen.

"Du irrst dich! Ich reite nicht für El Diablo!", sagte er mit fester Stimme und so gelassen, wie ihm dies in dieser Lage möglich war.

Das Gesicht des Indianers verzog sich vor Wut und er stieß einen wilden Schrei aus. Er gab seinen Kriegern ein Zeichen.

Read wich unwillkürlichen Schritt zurück. Im nächsten Moment spürte er, wie sich eine Schlinge um seinen Oberkörper legte und zuzog.

Er wurde brutal nach hinten gerissen, strauchelte und fiel hart zu Boden. Jener Krieger, an dessen Wurfseil er hing, drückte seinem Pferd die Mokassins in die Weichen und schleifte Read dann hinter sich her. Als der Krieger sein Pferd stoppte, war Read halb besinnungslos.

Er blinzelte und sah Pferdehufen auf sich zukommen. Es war der hochgewachsene Indianer mit dem blauen Stirnband, dessen verächtlicher Blick auf Read hinabfiel.

"Das war nur ein Vorgeschmack von dem, was dich noch erwartet, weißer Mann!", zischte er und entblößte dabei seine hellen Zähne. "Wir Apachen sind bekannt dafür, einen Mann lange quälen zu können, ohne ihn zu töten! Nicht lange und du wirst dir wünschen, nie geboren worden zu sein, Bleichgesicht!"

Read atmete tief durch. Er musste all seine Kraft zusammen-nehmen, um wieder auf die Beine zu kommen. "Ihr seid also auf der Jagd nach El Diablo", stellte Read fest. "Genau wie ich!"

"Pah!"

"Es ist die Wahrheit!"

"Wir hatten im Grenzgebiet unser Lager, als dieser weiße Mann mit seinen feigen Hunden kam... Es würde mich nicht wundern, wenn du auch dabei gewesen wärst, du Feigling!" Er stockte ein wenig. Seine Stimme klang belegt. "Fast alle Männer waren auf der Jagd. Und die Weißen waren betrunken..."

Der Indianer schluckte. "Für das, was dann geschah, gibt es sicher auch in deiner Sprache viele Worte. Aber ein Kampf war es ganz sicher nicht..." Er machte eine wegwerfende Geste und fuhr dann fort: "Deinem Gewinsel nach zu urteilen, hat El Diablo euch gar keinen Auftrag gegeben! Du und deine toten Gefährten, ihr wolltet euch einfach nur aus dem Staub machen, weil ihr Angst bekommen habt, als wir euch den Toten ins Lager schickten! Und das mit Recht! Denn diesmal habt ihr es nicht mit Wehrlosen zu tun, sondern mit Kriegern!"

"Hör mich an!"

"Schweig!"

Read wischte sich über das Gesicht.

Dann sah er sein Gegenüber fest an.

"Ich bin aus dem selben Grund wie ihr in dieses Land gekommen - um El Diablo zur Rechenschaft zu ziehen!"

"Ich sehe nur einen Mann, der Angst hat!"

"Wovor sollte ich Angst haben? Du wirst mich ohnehin töten! Ich könnte durch eine Lüge nichts gewinnen! Genauso wenig, wie du etwas verlieren könntest, wenn du dir meine Geschichte anhörst!"

Der Indianer überlegte.

Dann sagte er: "Sprich!"

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BIS ZUM EINBRUCH DER Dunkelheit wartete Coburn und beobachtete von einem erhöhten Punkt aus die Ebene, auf der die Hazienda lag.

El Diablos Hazienda - der Schlupfwinkel des Satans.

Als Coburn schließlich aufbrach, war es bereits weit nach Mitternacht. Coburn setzte darauf, dass die meisten von Warrens Leuten in ihre Decken gehüllt dalagen und schliefen.

Langsam näherte er sich der Hazienda. Er ließ sein Pferd dabei nur langsam voranschreiten. Nur ja keine schnellen Bewegungen, die einen Posten auf ihn aufmerksam machen konnten.

Ein verhältnismäßig kühler Wind strich über die Ebene und bog die dürren Sträucher hin und her.

Der Wind blies Coburn entgegen.

Gut so!, dachte er. Man würde ihn dann noch schlechter hören können als ohnehin schon.

Als er schon ziemlich nahe an das Lager der Outlaws herangekommen war, stieg er vom Pferd, zog das Tier noch etwas hinter sich her, um es dann an einem Strauch festzumachen.

Coburn zog die Winchester aus dem Sattelschuh heraus und lud die Waffe mit einer energischen Bewegung durch.

Jetzt wurde es ernst.

Auf leisen Sohlen kam der junge Mann näher und ließ den Blick über die Hazienda schweifen.

Es war ruhig dort.

Das Lagerfeuer in der Mitte war inzwischen längst niedergebrannt.

Auf dem flachen Dach eines der Gebäude patrouillierte ein Posten hin und her. Im Mondlicht sah Coburn, wie er einen Schluck aus einer Flasche nahm. Besonders aufmerksam schien der Kerl nicht zu sein.

Coburn erreichte das erste der Gebäude und presste sich an die Steinwand.

Er hörte Schritte.

Ein Schatten tauchte auf und hob sich düster gegen das Mondlicht ab. Ein Wächter. Er hatte ein Gewehr lässig über die Schulter gelegt, blieb einen Augenblick lang stehen und ließ den Blick schweifen.

Er blickte auch in Coburns Richtung.

Aber Coburn stand im Schatten. Der Kerl konnte ihn nicht sehen, drehte sich halb herum und ging weiter.

Er schien nichts bemerkt zu haben.

Vorsichtig arbeite Coburn sich vor, die Winchester dabei immer im Anschlag.

Er blickte über den Platz, um den herum die Gebäude der Hazienda angeordnet waren. Die meisten Häuser waren wohl ehemalige Stallungen und Lagerhäuser. Manche von ihnen machten schon einen sehr verfallenen Eindruck.

Für das Wohnhaus galt das nicht.

Auf der Veranda stand ein Posten, der sich die langweiligen Stunden des Wacheschiebens mit einer Zigarre vertrieb. Deren brennendes Ende wirkte in der Dunkelheit wie ein Glühwürmchen.

Dort im Wohnhaus war wahrscheinlich Warren zu finden.

Coburn ging an der Wand entlang, duckte sich dann und schlich zum nächsten Gebäude. Er wollte einen Bogen schlagen, um von hinten ins Wohnhaus zu gelangen.

Das Gebäude, bei dem sich Coburn jetzt befand, war offenbar ein Pferdestall. Eines der Tiere schnaubte gut hörbar. Der Posten mit dem Glimmstängel stolzierte indessen unruhig auf der Veranda herum.

Seine Schritte waren deutlich zu hören.

Coburn schlich inzwischen weiter.

Hinter dem Stall kam etwas, das wohl irgendwann einmal eine Baracke für die Vaqueros der Hazienda gewesen war. Jetzt war es eine Ruine ohne Dach.

Coburn warf einen Blick hinüber zur Veranda.

Der Kerl mit der Zigarre hatte sich inzwischen hingesetzt.

Coburn versteckte sich für einen Augenblick in einer Nische.

Dafür, dass dies ein fast menschenleeres Land war, hatte El Diablo viele Wachen aufgestellt. Vermutlich war er nervös geworden wegen der Indianer...

Vorsichtig arbeitete Coburn sich zur hinteren Seite der Ruine vor.

Als er um die Ecke kam, entspannte sich seine Körperhaltung etwas, denn hier konnte ihn keiner der Wächter sehen.

Glaubte er.

Ein Geräusch ließ ihn schon einen Augenblick später buchstäblich erstarren.

Es machte klick! und Billy Coburn wusste nur zu gut, was das bedeutete. Jemand hatte den Hahn eines Revolvers gespannt.

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"BLEIB WO DU BIST!"

Es war kaum mehr als ein Wispern, was da aus der Finsternis an Coburns Ohren drang. Aus der Dunkelheit kam ihm ein Revolverlauf entgegen. Der Griff der Waffe wurde von zwei zarten Händen fest umklammert.

Vor ihm stand eine Frau.

"Wenn du nur einen Ton von dir gibst oder dich bewegst, bist du ein toter Mann!", flüsterte sie.

Ihre Stimme zitterte - und nicht nur die!

Eine unwahrscheinliche Furcht schien sie fest im Griff zu haben.

Sie machte einen Schritt nach vorn, so dass das Mondlicht auf sie herabfiel.

Coburn blieb wie erstarrt.

In dieser Sekunde hatte er auch gar keine andere Wahl. Die Frau war kaum drei Schritte von ihm entfernt. Auf eine so geringe Distanz konnte sie ihn nicht verfehlen, selbst wenn sie zum erstenmal in ihrem Leben eine Waffe in der Hand hielt.

Coburn fixierte sie mit seinem Blick. Sie war zierlich und vielleicht Mitte zwanzig. Und eigentlich war sie sicher auch recht hübsch.

Aber ihr blondes Haar war zerzaust und ungepflegt, das Kleid kaum mehr als ein Fetzen.

Ihr musste übel mitgespielt worden sein, denn das, was von ihrem Körper im Mondlicht sichtbar war, war übersät von blauen Flecken und Schürfungen.

"Du brauchst keine Angst zu haben!", sagte Coburn so ruhig er konnte.

Sie machte eine kurze Bewegung mit dem Revolverlauf.

"Wirf das Gewehr weg!" forderte sie, aber Coburn dachte gar nicht daran, darauf zu reagieren.

Stattdessen erkundigte er sich: "Wer hat dich so zugerichtet?"

Er bemerkte ihr Zittern.

"Wenn du noch so eine dumme Frage stellst, blase ich dir den Kopf weg!"

"Dann wird die ganze Meute innerhalb einer halben Minute hier sein. Wenn dir das nichts ausmacht..."

Sie wirkte irritiert.

Coburn kam einen Schritt näher. Sie schoss nicht. Und das hieß, dass er so gut wie gewonnen hatte.

"Du wolltest zu den Pferden, nicht wahr?"

Sie zuckte die Achseln.

"Wohin sonst?"

"Du könntest dir gleich selbst eine Kugel geben. Vor dem Wohnhaus steht ein Posten, der direkt auf das Stalltor blickt. Du hättest kleine Chance mit einem Gaul dort heraus zu kommen!"

Sie senkte den Revolver ein wenig.

"Du bist keiner von Warrens Bluthunden?", fragte sie.

Coburn schüttelte den Kopf.

"Nein."

"Aber..."

"Ich bin hier, um mit ihm abzurechnen."

"Dann musst du verrückt sein!"

"Schon möglich. Aber das braucht nicht deine Sorge zu sein, oder?"

Sie atmete tief durch und strich sich das Haar aus dem Gesicht.

Dann waren plötzlich Schritte zu hören. Mit einem Handzeichen bedeutete Coburn der jungen Frau, sich ruhig zu verhalten und in Deckung zu gehen.

Doch dazu war keine Gelegenheit mehr.

Der Kerl mit der Zigarre kam um die Ecke.

Er schien keinen Verdacht geschöpft zu haben, sondern machte anscheinend nur seine Runde.

Ein Sekundenbruchteil blieb ihm, um die Situation zu begreifen. Aber der reichte nicht, um das Gewehr hochzureißen, das er lässig in der Rechten trug. Es reichte noch nicht einmal für einen Schrei. Er bekam den Kolben von Coburns Winchester gegen den Kopf, fiel der Länge nach zu Boden und rührte sich nicht mehr.

Es würde wohl eine ganze Weile dauern, bis er wieder aufwachte...

Coburn ließ den Blick schweifen, aber von den anderen Banditen schien keiner etwas gemerkt zu haben. Gut so.

Dann wandte er sich zu der jungen Frau, die ihn mit großen Augen anstarrte. In diesem Moment spätestens hatte sie begriffen, dass er die Wahrheit gesprochen hatte.

In Coburns Kopf wirbelte einiges durcheinander. Zweifellos hatte man dieser Frau Schlimmes angetan. Allein auf sich gestellt war ihre Flucht zum Scheitern verurteilt. Aber wenn Coburn ihr half, musste er seine Rache an Warren verschieben...

Im Augenblick war sie ein erbarmungswürdiges Bündel aus Angst und Verzweiflung.

Und so groß Coburns Durst nach Rache auch war - er konnte sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.

"Komm!", sagte er schließlich.

"Wohin?", wisperte sie.

"Weg von hier!"

Sie schien nicht zu begreifen.

"Ich dachte, du wolltest mit Warren abrechnen!", warf sie ein. Coburn zuckte die Achseln.

"Das kann noch warten. Ich werde dich erst in Sicherheit bringen. Allein kommst du hier nicht weg, das muss dir doch klar sein."

Er nahm sie bei der Hand und zog sie mit sich. Sie widerstrebte nicht. Sie schlichen in geduckter Haltung von einem Gebäude zum anderen.

Dann ging es hinaus in die dunkle Ebene und schließlich hatten sie Coburns Pferd erreicht.

"Wie kommt eine Lady wie du unter diese Wolfsmeute?"

"Mein Mann und ich hatten eine kleine Ranch im Grenzgebiet. Meinen Mann und seine beiden Cowboys haben sie erschossen, die Ranch angezündet und die Rinder mitgenommen. Und mich..."

Sie stockte und blickte zur Seite. "Sie haben mich mitgenommen. Sie wollten mich eigentlich an ein Bordell in Magdalena verkaufen. Blonde Frauen sind dort offenbar eine Rarität..."

Sie atmete tief durch und Coburn nickte.

"Ich verstehe", sagte er.

Und er sagte das nicht nur so dahin.

Er verstand sie wirklich, denn sie hatte Ähnliches durchgemacht wie er selbst.

Nach kurzer Pause fuhr sie fort: "Einer der Kerle konnte sich nicht beherrschen und ist über mich hergefallen. Ich habe mich gewehrt - und so wie ich im Moment aussehe, können diese Bastarde keinen guten Preis für mich erzielen. Also wollten sie mich solange festhalten, bis die Spuren nicht mehr sichtbar sind..."

"Steig auf", sagte Coburn. "Und dann reite bis zu den Bergen." Er deutete mit der Hand. "Wenn du dich genau in diese Richtung hältst, erreichst du den Eingang einer Schlucht..."

Sie stieg auf, machte aber keinerlei Anstalten loszureiten.

Statt dessen fragte sie: "Und dann?"

"Warte dort auf mich."

"Die kennst nicht einmal meinen Namen. Woher willst du wissen, dass ich nicht einfach mit deinem Pferd und deinen Sachen verschwinde?"

"Weil Apachen in der Gegend sind. Ich glaube nicht, dass du scharf darauf bist, vom Regen in die Traufe zu kommen!"

Sie schluckte.

"Ich weiß. Einen von Warrens Leuten haben sie auf seinen Gaul gebunden und das Tier zurück zur Hazienda laufen lassen. Warren war ziemlich aufgeregt deswegen."

Coburn nickte.

"Ja. Die Roten scheinen auf El Diablo nicht gut zu sprechen zu sein."

Sie schwang sich in den Sattel.

"Was wird aus dir?"

"Ich werde mit Warren abrechnen. Wenn ich bis morgen früh nicht bei den Felsen dort drüben auftauche, musst du dich allein durchschlagen."

"Ich wäre gerne dabei, wenn du diesem Warren eine Kugel in den Kopf jagst!", bekannte sie offen.

"Ich werde genug damit zu tun haben, selbst wieder lebend aus diesem Wespennest herauszukommen. Da kann ich dich nicht gebrauchen..."

Sie nickte.

"Mein Name ist übrigens Helen", sagte sie dann. "Helen McCarvor."

Coburn antwortete nicht.

Stattdessen gab er dem Pferd einen Klaps.

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COBURN SCHLUG EINEN Bogen um die Hazienda und kam zur hinteren Seite des Wohnhauses.

Es gab dort eine Tür, aber ein Fenster, das leicht zu öffnen war. Annähernd lautlos stieg Coburn ein, die Winchester im Anschlag.

Er befand sich in einem Raum, in dem ein halbes Dutzend Männer kampierten. Einer schnarchte ziemlich laut.

Warren war jedenfalls nicht unter ihnen.

Coburn ging zwischen ihnen hindurch und kam durch eine Tür.

Im Flur war es ziemlich dunkel. Eine Treppe führte hinauf zu den Räumen des Obergeschosses.

Vermutlich hatte El Diablo eines der Zimmer für sich reserviert. Schließlich war er hier der Boss.

Vorsichtig trat Coburn die Stufen hinauf. Eine von ihnen knarrte etwas. Aber das schien niemanden aufzuwecken.

Oben gab es ebenfalls einen Flur und Reihe von Türen Eine stand offen. Coburn trat vor und sah vorsichtig hinein.

Das Mondlicht fiel durchs Fenster.

Ein Mann schlief in einem Sessel. Das Haar schimmerte rötlich. Es war niemand anderes als El Diablo.

Coburn trat auf ihn zu und hielt dabei den Lauf der Winchester auf den Bandenführer gerichtet. Endlich stand er dem Mann gegenüber, der für das verantwortlich war, was mit seiner Frau und seinem ungeborenen Kind geschehen war.

Coburn fühlte, wie der kalte Grimm wieder in ihm aufstieg.

Er war nahe daran, einfach abzudrücken und diesen vielfachen Mörder mit einer Handvoll Bleikugeln vollzupumpen.

Einen unendlich langen Augenblick lang stand er so da und starrte auf den Mann, dessen Tod er so sehr wünschte wie sonst nichts.

Dann war plötzlich von draußen eine heisere Männerstimme zu hören.

"Aufwachen, Leute! Jemand hat Grayson niedergeschlagen! Und dieses verdammte Frauenzimmer ist weg!"

Auf der Hazienda begann sich an verschiedenen Stellen etwas zu regen.

Und auch El Diablo schreckte hoch.

Als er Coburn wie einen finsteren Schatten dastehen sah, riss er vor Schreck die Augen auf.

"Einen Ton und du bist ein toter Mann, El Diablo", flüsterte Coburn in einem Tonfall, der seine Entschlossenheit verriet.

Und Warrens Gesichtsausdruck ließ keinerlei Zweifel daran, dass er Billy Coburn wiedererkannt hatte. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.

Er schluckte und hob die Schultern.

"Du hast allen Grund dazu, Angst zu haben", knirschte Coburn grimmig.

Mit dem Stiefelabsatz kickte er gegen die Tür, so dass sie ins Schloss fiel.

Draußen erwachte indessen das Leben.

Stimmengewirr war zu hören.

Und auch unten im Haus erwachte die Wolfsmeute.

"Meine Männer werden dich bei lebendigem Leib in Stücke reißen!", knurrte Warren. "Du hast nicht die geringste Chance!"

"Deine Männer laufen nach draußen!", versetzte Coburn. "Ich glaube nicht, dass sich hier her jemand verirren wird!"

"Was hast du vor!"

"Steh auf und schnall deinen Gurt ab!"

Warren gehorchte zähneknirschend. Der Revolvergurt fiel geräuschvoll zu Boden.

Warren hob die Hände.

"Und jetzt?"

"Abwarten!"

"Die Sache mit deiner Frau...", begann Warren dann stockend. Aber Coburn unterbrach ihn.

"Spar dir deine Worte!"

Warrens Augen wurden schmal. Todesangst hatte langsam von ihm Besitz ergriffen.

"Warum machst du so viele Umstände?", fauchte er. "Drück doch ab, wenn es dir soviel bedeutet!"

"Das würdest du tun, nicht wahr?" Coburn verzog grimmig das Gesicht. "Ich war nahe daran, glaub mir. Aber ich werde es nicht tun, sondern dich mit über die Grenze nehmen und dort dem erstbesten Sheriff übergeben."

"Du wirst nicht lebend davonkommen!", zischte Warren. "Meine Männer werden dich jagen und wie einen räudigen Hund über den Haufen schießen!"

Er atmete heftig.

"Du bist meine Lebensversicherung!", erwiderte Coburn kühl.

Er ging zum Fenster und blickte hinaus.

"Deine Leute scheinen ziemlich nervös zu sein. Vielleicht wegen den Indianern?"

"Was weißt du davon?"

Coburn zuckte die Achseln.

"Nichts, wenn man's genau nimmt. Aber sie scheinen dich nicht zu mögen, wenn ich das richtig beurteile." Dann machte er eine Bewegung mit dem Gewehrlauf. "Wir gehen runter!", bestimmte er. Die kleinste Dummheit und du bist ein toter Mann!"

Coburn machte die Tür auf und ließ Warren vorangehen.

Das die Meute den Bewusstlosen so schnell gefunden hatte, passte nicht in Coburns Konzept.

Den Geräuschen nach waren einige der Kerle bereits beim Pferdestall und sattelten ihr Gäule. Das hieß, dass sie Helen wieder einfangen wollten. Für die junge Frau konnte es ziemlich brenzlig werden, selbst wenn sie die Felsen schon erreicht hatte, wo sie sich verstecken konnte.

Sie kamen die Treppe hinunter, Warren voran.

Coburn hielt ihm dabei die Winchester in den Rücken.

"Hey, Boss!" 

Plötzlich kam einer von Warrens Männern durch die offene Haustür hereingelaufen und stoppte auf dem Absatz, als er Coburn mit dem El Diablo die Treppe hinunterkommen sah.

Seine Rechte ging instinktiv seitwärts, dorthin, wo er im tiefgeschnallten Revolverholster der Griff des 45er herausragte.

Einen Augenaufschlag lang geschah gar nichts, dann riss der Kerl seinen Revolver aus dem Holster und ließ Coburn keine Wahl mehr.

Er riss die Winchester seitwärts und feuerte dicht an Warrens Körper vorbei.

Der Mann in der Tür bekam die Kugel mitten in die Brust.

Die Wucht des Geschosses ließ ihn nach hinten taumeln. Der Schuss, der sich aus seinem Colt löste, kratzte am Putz der Decke. Dann fiel der Mann der Länge nach zu Boden und blieb reglos und mit weit aufgerissenen Augen liegen.

"Und jetzt?", fragte Warren grimmig.

Coburn deutete mit dem Lauf der Winchester. Seine Geste war unmissverständlich.

"Zur Tür!"

"Bist du wahnsinnig! Wir werden beide ein einziges Sieb sein!"

"Du kannst deinen Männern ja klarmachen, dass sie besser nicht auf uns schießen sollen..."

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WARRENS STIMME KLANG heiser und angstvoll, als er mit Coburn hinaustrat.

"Nicht schießen! Ich bin's! Warren!", rief der Mann, der als El Diablo bekannt und gefürchtet war.

Die Meute war indessen wegen des Schusses darauf aufmerksam geworden, dass sich im Haus irgend etwas ereignet haben musste.

"Wer ist der Kerl?", rief einer der Männer und deutete auf Coburn.

"Er bringt mich um, wenn ihr nicht tut, was er sagt!"

"Was sollen wir machen, Boss?"

"Ich brauche ein gesatteltes Pferd", sagte Coburn ruhig.

Die Männer rührten sich nicht. Sie standen wie angewurzelt da, fast wie Kaninchen vor der Schlange.

Coburn lud die Winchester durch. Den Lauf drückte er in El Diablos Rücken.

"Na, los! Worauf wartet ihr noch!", kreischte dieser. "Bringt ein Pferd!"

Endlich besannen sich die Männer.

Drei von ihnen gingen zum Stall und holten wenig später einen gesattelten Gaul heraus.

Vorsichtig führte einer von ihnen das Tier zu Coburn und Warren und zog sich dann schleunigst wieder zurück.

Coburn zog seinen Revolver, richtete ihn auf Warren und steckte dabei die Winchester in den leeren Sattelschuh.

"Aufsteigen, El Diablo!"

Warrens Gesicht war zu einer hasserfüllten Grimasse geworden. Aber im Moment hatte er einfach die schlechteren Karten.

"Du hast Mut, aber der wird dir nichts nützen!", knirschte er zwischen den Zähnen hindurch.

"Abwarten!"

"Du wirst es ja sehen!"

Warren schwang sich hinauf und Coburn setzte sich hinter ihn. Den 45er hatte er dabei stets auf seinen Gefangenen gerichtet.

Mit der anderen Hand hatte Coburn die Zügel genommen.

"Denkt daran, dass ich euren Boss auf jeden Fall erschossen habe, bevor einer von euch mir eine Kugel verpassen kann!", rief er zu El Diablos Meute hinüber.

Coburn lenkte das Pferd seitwärts, so dass Warrens Körper wie ein Schutzschild zwischen ihm und seinen Gegnern lag.

Seine Rechnung schien aufzugehen.

Diese Männer gingen keinerlei Risiko ein, wenn sie nicht dazu gezwungen waren. Weder für sich, noch für ihren Boss. Und vielleicht war der eine oder andere sogar froh, das strenge Regiment von El Diablo endlich los zu sein und träumte davon, sich selbst an seine Stelle zu setzen...

Mit Sicherheit spukte dieser Gedanke in einigen von ihnen herum...

Coburn arbeitete sich auf diese Weise einige Yards voran, dann sah er aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung. Ein Schatten bewegte sich an einer Hausecke. Der Lauf einer Winchester ragte ein Stück hervor, so dass er vom Mondlicht beschienen wurde.

Ein Schuss krachte los, ein Mündungsfeuer zuckte.

Coburn riss den Colt herum und feuerte annähernd gleichzeitig. Der Kerl an der Ecke schrie auf, als ihn eine Kugel am Arm erwischte.

Er wollte das Gewehr noch einmal hochreißen, aber der Arm gehorchte ihm nicht mehr.

Coburn hatte dem Pferd indessen längst die Sporen gegeben und es voranpreschen lassen, hinein in die Nacht. Es blieb ihm gar keine andere Wahl, als alles auf eine Karte zu setzen. Die einzige Sicherheit, die er hatte, war, dass die Meute ihn kaum erschießen konnte, ohne El Diablo selbst zu treffen...

Warrens Männer waren mehrheitlich unentschlossen. Sie wagten nicht, zu schießen, um ihren Boss nicht zu treffen.

Coburn trieb den Gaul indessen unbarmherzig vorwärts. Es dauerte nur wenige Augenblicke, da war das Pferd mit den zwei Reitern nichts weiter als ein Schatten.

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HELEN SAß ZUSAMMENGEKAUERT vor einem kleinen Feuer, und hielt den Revolver in der Hand, als der Umriss eines Reiters herankam. Der Schein der Flammen fiel auf Doug Warrens Gesicht.

Coburn saß hinter ihm und hatte seinem Gefangenen inzwischen die Hände mit einem Gürtel auf dem Rücken zusammengebunden.

"Gott sei Dank!", stieß Helen hervor.

"Das Feuer kann man meilenweit sehen!", sagte Coburn.

"Hättest du mich sonst gefunden?"

Sie lächelte. Ganz leicht nur, aber es war das erste Mal, dass Coburn sie lächeln sah.

Gleichzeitig zitterte sie ein wenig. Die Nacht war lausig kalt.

Coburn wandte sich an Warren.

"Scheint, als würden dich deine Leute nicht sonderlich vermissen", knurrte er und zog die Winchester aus dem Sattelschuh.

"Abwarten", brummte Warren.

"Sagtest du nicht, dass du mit diesem Hund abrechnen wolltest?", fragte Helen.

Sie hob den Revolver.

"Lass das!", befahl Coburn.

"Sag mir einen Grund, ihn am Leben zu lassen!"

"Er kommt über die Grenze und landet am Galgen", erklärte Coburn. "Außerdem haben seine Männer - sollten sie uns doch folgen - keine freie Hand gegen uns, solange wir ihn in unserer Gewalt haben."

Sie wirkte nachdenklich und nickte schließlich. "Okay", sagte sie. "Das letzte sehe ich ein."

Die Hand mit dem Revolver senkte sich.

"Wie bist du eigentlich an das Schießeisen gekommen?"

"Ich habe es einem der Schlafenden weggenommen!"

Coburn grinste.

"Alle Achtung", meinte er anerkennend. "Dazu gehören schon ziemlich gute Nerven."

Aber sie schüttelte energisch den Kopf.

"Nein", erwiderte sie dann. "Nur eine gute Portion Verzweiflung. Ich war in einem der Zimmer im Wohnhaus eingesperrt.Aber ich konnte das Schloss mit einer Haarnadel öffnen." Sie zuckte die schmalen Schultern. "Wahrscheinlich haben die Bastarde gar nicht damit gerechnet, dass ich wirklich versuchen würde, mich auf eigene Faust durchzuschlagen."

"Es ist ja auch nicht gerade ungefährlich."

"Ich weiß." Sie sah ihn an und fragte dann nach kurzer Pause. "Ich habe schon so viel über mich erzählt, aber von dir weiß ich noch nicht einmal den Namen."

"Coburn", sagte er trocken. "Aber du kannst mich Billy nennen, wenn du willst!"

"Und was hast du mit El Diablo zu tun?"

Billy Coburn machte eine wegwerfende Handbewegung. "Eine kurze, traurige Geschichte", sagte er. "Ich glaube nicht, dass du so etwas hören willst."

"Doch", erwiderte sie. "Ich will..."

Und so fasste er in knappen Worten zusammen, was geschehen war.

"Ich verstehe dich, Billy", sagte sie, nachdem er geendet hatte. Und er nickte leicht.

"Ich weiß."

Sie wollte noch etwas erwidern, aber eine Handbewegung von Coburn brachte sie zum Schweigen.

Er lauschte.

Der Wind trug ein schwaches Geräusch über die Ebene.

"Pferde!", murmelte Billy Coburn schließlich. "Die Meute kommt!"

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SIE SCHWANGEN SICH in den Sattel und beeilten sich, den Vorsprung vor ihren unerbittlichen Verfolgern nicht kleiner werden zu lassen.

Coburn nahm Helen mit zu sich aufs Pferd, während er Warren auf dem zweiten Gaul hinter sich herzog.

Noch hatten sie den Schutz der Dunkelheit, aber schon krochen die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont.

Es ging über steile, geröllhaltige Hänge und die Pferde hatten alle Mühe, nicht abzurutschen.

"Wenn du klug bist, dann setzt du die Lady auf meinen Gaul und lässt mich hier zurück", schlug Warren vor.

"Wenn er klug wäre, würde er dich über den Haufen schießen!", versetzte Helen schneidend. Und dabei blitzten ihre Augen wie die einer zum tödlichen Sprung bereiten Raubkatze.

Sie kamen gut voran.

Zwischendurch hatte Coburn einmal geglaubt, dass die galoppierenden Pferde der Verfolger-Meute ganz in der Nähe sein mussten.

Doch dann war eine ganze Zeitlang nichts mehr zu hören gewesen.

Aber vielleicht war das nur die Ruhe vor dem Sturm...

Inzwischen war es schon recht hell geworden.

Sie kamen in eine langgezogene, schlauchartige Schlucht. Zu beiden Seiten ragten Felswände und steile Hänge empor.

"Ich hoffe, du findest aus diesem Labyrinth auch wieder heraus!", meinte Helen skeptisch.

Ihr Blick wurde auf dann auf einmal starr, der Mund stand weit offen.

"Vorsicht!", stieß sie hervor und deutete entsetzt zu einem der Felsen.

Doch es war schon zu spät.

Schüsse peitschten im nächsten Augenblick von allen Seiten hernieder. Und die ersten davon trafen das Pferd, auf dem Coburn und Helen saßen.

Das Tier stürzte laut wiehernd nieder und blieb zuckend liegen. Seine Flanke war blutrot.

Coburn hörte Helen schreien.

Er selbst rollte sich auf dem Boden ab und riss die Winchester aus dem Sattelschuh.

Aber die Zügel von Warrens Gaul hatte er verloren.

Der Bandenchef gab dem Tier die Sporen und ließ es voranpreschen, während er sich sich selbst so nahe wie möglich an den Pferderücken presste. Mit gefesselten Händen war das nicht so einfach, aber El Diablo war ein ziemlich guter Reiter.

Helen hatte sich inzwischen hinter einen nahen Felsblock gerettet, während Coburn sich hinter dem Körper seines toten Pferdes verbarg. Als Deckung reichte das natürlich nicht aus.

Coburn konnte kaum den Kopf heben, so unbarmherzig prasselten links und rechts von ihm die Kugeln hernieder.

Er lud seine Waffe durch und feuerte ein paar Schüsse zurück. Dann drehte er sich einmal um die eigene Achse und hechtete anschließend zu Helen hinter den Felsblock, wo er um einiges sicherer wahr.

Zweimal versuchte er, kurz aus der Deckung hervorzutauchen, um die Winchester loskrachen zu lassen. Aber jedesmal musste er sich schleunigst wieder ducken, wollte er nicht von den Kugeln buchstäblich zerfetzt werden.

"Wo kommen die auf einmal her?", fragte Helen zitternd.

Coburn zuckte mit den Achseln.

"Sie kennen sich hier gut aus. Wahrscheinlich haben sie einen Bogen geschlagen und uns eingekreist... In dieser verdammten Schlucht sitzen wir jetzt fest wie in einer Mausefalle..."

"Vielleicht sind sie ja jetzt zufrieden..."

Coburn runzelte die Stirn.

"Und lassen uns laufen?"

"Sie haben El Diablo befreit!"

Coburn bedachte sie mit einem kurzen Blick. Aber er verzichtete darauf, ihr zu sagen, dass diese Meute nicht nur wegen ihres Anführers hinter ihnen her war, sondern wohl auch wegen Helen.

Aus den Augenwinkel heraus nahm Coburn eine Bewegung war.

Nur ganz kurz, aber noch gerade noch früh genug.

Einer der Kerle hatte sich von hinten an sie herangearbeitet, verbarg sich hinter einem Felsvorsprung und hatte angelegt.

Coburn wirbelte herum und feuerte zweimal kurz hintereinander. Der Kerl schrie auf. Einen Augenblick später rutschte sein lebloser Körper den Steilhang hinunter.

"Sieht nicht so aus, als ob du recht hättest!", kommentierte Coburn bissig.

Helen packte wild entschlossen den Revolver in ihrer Hand, tauchte kurz aus der Deckung hervor und schickte ebenfalls ein paar Schüsse auf die Verfolgermeute.

Dann machte es klick!

Sie hatte ihre Waffe leergeschossen.

"Hier!", sagte Coburn zu ihr und fingerte ein paar Patronen aus seinem Gürtel, um sie ihr zu geben.

Sie lächelte matt und wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht. Dann öffnete sie ihre Waffe, um die Patronen hineinzuschieben. Sie war einigermaßen geschickt darin.

Offenbar machte sie das nicht zum erstenmal.

"Eine Patrone werde ich mir aufheben!", sagte sie dann in ernstem Tonfall. "Für mich!"

"Red keinen Unfug, Helen!", schalt Coburn sie.

"Ich werde nicht noch einmal in die Hände dieser wilden Tiere fallen!", kündigte sie entschlossen an. "Jedenfalls nicht lebend! Was sie mir angetan haben, war zu furchtbar... Und was glaubst du wohl, was geschehen würde, wenn..." Sie brach ab.

Der Geschosshagel verebbte indessen.

"Kommt raus und ergebt euch!", rief eine raue Männerstimme.

Es war niemand anderes als Warren, der unter seinen Leuten offenbar wieder die Führung übernommen hatte. "Ihr habt nicht den Hauch einer Chance leben hier herauszukommen!"

Coburn fragte sich, welche Teufelei Warren jetzt wohl im Schilde führte.

"Du kannst dich gerne ergeben", flüsterte Helen. "Aber für mich kommt das nicht in Frage!"

Billy Coburn ging darauf nicht weiter ein.

Die Lage war wirklich verzweifelt. Der Spielraum, der ihnen beiden geblieben war, betrug noch nicht einmal eine Pferdelänge. Der Felsbrocken, hinter dem sie lagen war eine kärgliche Deckung. Ewig konnten sie sich nicht hier halten, das stand fest...

"Sei vernünftig, Hombre!", rief Doug Warren. "Du hast etwas, was uns gehört! Wir wollen es zurück! Nicht mehr, aber auch nicht weniger!"

Einige Augenblicke lang herrschte Stille. Eine tödliche Stille. Dann meldete sich wieder Warren zu Wort.

Zusammenfassung

Western Sammelband 4 Romane - Die Claim-Geier und andere Western
Dieses Buch enthält folgende Western:

Alfred Bekker: Die Höllenmeute von El Diablo

Glenn Stirling: Cadburn und der Raubrancher

Heinz Squarra: Die Claim-Geier

R.S.Stone: Nach Morden, Männer!

In der Gegend von Benson gibt es so große Goldvorkommen, dass die Wells Fago sogar einen nach Fahrplan verkehrenden Goldtransport eingerichtet hat. Diese regelmäßigen Transporte rufen allerlei Gesindel und Banditen auf den Plan, die sich leichte Beute erhoffen und nicht die Bohne darum scheren ob und wie viel Menschen bei ihren Überfällen ums Leben kommen. Ihre Gewehre bringen Tod und Verderben – für jeden, der sich ihnen in den Weg stellt. Und die Geier erhalten einen üppigen Fraß.

Clay Drake will diese Anschläge und die damit verbundenen Verbrechen aufzuklären. Ein fast aussichtsloses Unterfangen, denn der Stadt-Marshal erweist sich als unfähig und die Bürger von Benson sowie die Goldsucher der Umgebung sind ihm keine Hilfe – im Gegenteil! Einige von ihnen wollen sogar dafür sorgen, dass er in der Hölle aufwacht, und das sind nicht die Einzigen, die dieses Ziel verfolgen …

Details

Seiten
500
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919868
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Mai)
Schlagworte
western sammelband romane claim-geier

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

    1239 Titel veröffentlicht

  • Heinz Squarra (Autor:in)

  • Glenn Stirling (Autor:in)

  • R. S. Stone (Autor:in)

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Titel: Western Sammelband 4 Romane - Die Claim-Geier und andere Western