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13 Western für den Strand 2018

von Alfred Bekker (Autor:in) Pete Hackett (Autor:in) Glenn Stirling (Autor:in) Larry Lash (Autor:in) R. S. Stone (Autor:in) Joachim Honnef (Autor:in) Jasper P. Morgan (Autor:in)
2018 1400 Seiten

Leseprobe

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13 Western für den Strand 2018

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Der Umfang dieses Buchs entspricht 1400 Taschenbuchseiten.

––––––––

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HARTE MÄNNER IM KAMPF um Recht und Rache.

Dieses Buch enthält folgende Western:

Alfred Bekker: Die Rückkehr des Leslie Morgan

Joachim Honnef: Chaco und der Sklavenjäger

Pete Hackett: McQuade und der Schafzüchter-Clan

Alfred Bekker: Das harte Dutzend

Larry Lash: Das Schicksal führt sie in die Hölle

Glenn Stirling: Belindas grausame Rache

Glenn Stirling: Von Verzweiflung getrieben

Glenn Stirling: Banditenpest

Alfred Bekker: Zum Sterben nach Sonora

Larry Lash: Drei Kämpfer

Larry Lash: Gnadenlose Härte

R.S.Stone: Abrechnung in Sheela Valley

Jasper P. Morgan: Auf der Flucht vor der Woodrow-Bande

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Rückkehr des Leslie Morgan

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Western-Roman von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.

Dieser Roman erzählt die Geschichte des einsamen Kampfes eines aufrechten Mannes. 

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Sie kommen!“, knirschte Leslie Morgan grimmig zwischen den Zähnen hindurch.

Instinktiv war ihm klar, dass es nichts anderes als der Tod war, der da über den Horizont kroch. Und es gab kein Entrinnen... Leslie kniff die Augen zusammen und sah in der Ferne eine Reiterschar über die Hügelkette herannahen.

Fast zwei Dutzend Männer waren es, alle bis auf die Zähne bewaffnet. Einige von ihnen hatten die Gewehre bereits aus den ledernen Futteralen geholt, die sie an den Sätteln befestigt hatten.

Sie können es nicht erwarten, uns über den Haufen zu schießen, ging es Leslie Morgan bitter durch den Kopf. Seine Hand ging unwillkürlich in Richtung des Revolvers, der in dem tiefgeschnallten Holster an seiner Seite hing.

„Wenn ich das richtig sehe, dann ist das da vorne Dan Garth persönlich!“, hörte Leslie die Stimme seines jüngeren Bruders Ray, der sein Gewehr fest umklammert hielt.

Leslie Morgan nickte.

„Ja, du hast recht. Und Jesse Shaws feistes Gesicht sehe ich auch.“

„Ich sage Mum und Dad Bescheid“, meinte Ray.

Leslie nickte.

„Mach das.“

Ray zögerte noch und Leslie Morgan wandte leicht den Kopf.

„Was ist noch?“

„Glaubst du, es kommt diesmal zum Kampf, Les?“

„Es sieht ganz so aus.“

Von Anfang an hatten Garth und Shaw versucht, die Morgans aus der Gegend um Amarillo zu vertreiben, aber die waren zäh und hatten bislang allem widerstanden, womit man sie schikaniert hatte.

Die Leute von Garth und Shaw hatten das Vieh der Morgan-Ranch zerstreut, sie hatten die Männer der Umgebung so eingeschüchtert, sodass es keiner von ihnen gewagt hätte, bei den Morgans als Cowboy anzufangen und sie hatten die Geschäftsleute von Amarillo angewiesen, den Morgans kein Werkzeug zu verkaufen. Aber Caleb Morgan, seine Frau Betsy und die Söhne Leslie und Ray waren geblieben.

„Sie wollen uns aus dem Weg räumen wollen, Ray. Endgültig“, murmelte Leslie.

„Diese Schweine!“

„Wir werden es Ihnen nicht leichter machen, als unbedingt nötig!“

„Glaubst du, wir haben eine Chance, wenn es wirklich hart auf hart kommt, Les?“

Leslie Morgan schwieg und sah der herannahenden Meute mit schmalen Augen entgegen

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Die Morgans verschanzten sich im Wohnhaus der Ranch. Leslie postierte sich am Fenster und beobachtete, wie die Reiter herannahten.

Seine Mutter lud eifrig Gewehre, während Caleb Morgan sich gerade den Revolvergurt umschnallte.

Ray hatte sich neben der Tür verschanzt, das Gewehr im Anschlag und den Blick starr hinaus gerichtet.

„Wir sollten gleich losballern!“, meinte Ray.

Aber sein Vater war anderer Ansicht.

„Nein“, bestimmte er. „Ich werde mit Dan Garth reden. Wir schießen erst, wenn es nicht anders geht!“

„Dad! Glaubst du, die sind hier mit einer solchen Streitmacht herausgeritten, um sich zu unterhalten?“

„Du tust, was ich sage, Ray!“, versetzte Caleb unmissverständlich.

Indessen hatte sich auch die Mutter der Morgan-Söhne ein Gewehr genommen und sich bei einem der Fenster postiert. Betsy Morgan war eine gute Schützin, die es mit den meisten Männern der Umgebung in dieser Hinsicht ohne weiteres aufnehmen konnte.

Dann waren die Reiter heran.

Grimmige Gestalten, bis auf die Zähne bewaffnet und zu allem entschlossen.

Staub wurde durch die Hufe von fast zwei Dutzend Pferden aufgewirbelt. Einige der Kerle sprangen aus den Sätteln und verschanzten sich in der Umgebung. Einen sah Leslie hinter der Scheune lauern, ein anderer versteckte sich hinter hinter einem Wagen.

Aber Dan Garth blieb im Sattel und kam etwas näher, umringt von seinen Leuten.

Garth hatte schon deutlich angegrautes Haar und ein hageres, lederhäutiges Gesicht. Seine Züge waren hart und in den tiefen Höhlen blitzten zwei eisgraue Augen.

Garth war der größte Rancher in der Gegend um Amarillo. Keiner konnte ihm im ganzen County auch nur entfernt das Wasser reichen.

Dan Garth war so etwas wie der ungekrönte König im County und wer immer es wagte, ihm in die Quere zu kommen, musste mit dem Schlimmsten rechnen...

Neben ihm ritt Jesse Shaw, ein Mann, der ein wenig aufgedunsen wirkte.

Seine Ranch war ein paar Nummern bescheidener, als die von Garth, aber immer noch um einiges größer als das, was die Morgans in den letzten, harten Jahren hier aus dem Nichts aufgebaut hatten.

Jedenfalls war Shaw immer noch mächtig genug, sodass ein Mann wie Dan Garth es sich nicht erlauben konnte, ihn einfach davonzujagen. Zwischen den beiden herrschte ein gespannter Frieden. Um im Moment waren sie sogar Verbündete. Beide Garth und Shaw - waren nämlich der Meinung, dass für einen dritten in diesem Land kein Platz war. In diesem Punkt waren sie einer Meinung

„Caleb Morgan! Bist du zu Hause?“, brüllte Dan Garth' heisere Stimme. Als er dann fortfuhr, klang Hohn in seinen Worten mit.

„Komm raus! Oder willst du lieber deine Frau vorschicken?“

„Ich knall ihn über den Haufen!“, knirschte Ray unterdessen.

„So darf er mit dir nicht reden, Dad!“

„Nein!“, bestimmte Caleb Morgan. In seiner Stimme lag eine Art von Autorität, die keinen Widerspruch duldete. „Ich werde mit Garth reden!“

„Trau diesem Hundesohn nicht“, mischte sich Leslie ein.

„Dieser Mann denkt, dass er sich hier alles erlauben kann. Außerdem hat er keine Skrupel... Und er hat die Wölfe dort sicher nicht mit hier hergebracht, um mit dir einen Plausch zu halten!“

Caleb schüttelte energisch den Kopf.

Er schien sich seiner Sache ganz sicher zu sein.

„Ich muss mit ihm reden, Les“, erwiderte er, während er seinem ältesten Sohn einen kurzen Blick zuwandte. „Du kannst dir selbst ausrechnen, wie unsere Chancen stehen, wenn Garth seine Meute wirklich loslässt!“ Caleb machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich nehme an, er will uns nur einschüchtern. So war es bislang immer! Aber bei mir ist Garth da an den Falschen geraten!“

„Diesmal sieht anders aus, Dad“, knurrte Leslie Morgan düster. „Sie meinen es ernst. Ich hab's im Gefühl...“

Caleb lachte heiser.

„Du bist ein Schwarzseher, Les!“

„Geh nicht hinaus, Dad!“

„Ich weiß schon, was ich tue!“

„Dad!“

Aber Leslie wusste, dass er dem Willen seines Vaters in dieser Sekunde nichts Ebenbürtiges entgegensetzen konnte. Und so trat Caleb Morgan hinaus, der Schar von Garth' hungrigen Hyänen entgegen.

Aber Caleb schien das wenig zu beeindrucken.

„Was wollen Sie, Garth?“

„Ich will, dass Sie verschwinden, Morgan!“, bellte der Großrancher heiser. „Sie haben genügend Warnungen bekommen! Jetzt ist meine Geduld zu Ende!“

Calebs Stimme klang fest und entschlossen, als er antwortete: „Ich habe dasselbe Recht wie Sie, meine Rinder auf diesem Land weiden zu lassen. Dasselbe Recht, haben Sie gehört? Und es gibt nichts, was Sie dagegen tun können!“

Garth' Gesicht blieb regungslos.

„Ach, nein?“, fragte er mit einem Unterton, der vor Zynismus nur so troff. „Mir scheint, Sie übersehen, wie hier im County die Kräfteverhältnisse stehen...“

Caleb Morgan spuckte aus.

„Sie können sich aufblasen wie Sie wollen! Mich beeindrucken Ihre Mätzchen schon lange nicht mehr!“

In Garth' Gesichtszügen zeigte sich deutlich der Ärger, der in ihm aufstieg.

„Sie werden schon, was Sie davon haben!“, knurrte er wütend.

„Ich habe Ihnen die Chance gelassen, abzuziehen...“

Caleb Morgan ließ sich nicht so einfach einschüchtern.

„Es gilt das Gesetz der freien Weide, Garth!“

„Hier gilt nur mein Gesetz, Caleb Morgan! Und sonst gar nichts!“

„Hier ist kein Platz für einen Dritten!“, mischte sich jetzt der feiste Shaw ein. „Das sollten Sie endlich begreifen, Morgan!“

Sein schwammiges Gesicht verzog sich zu einem höhnischen Grinsen.

Die Tatsache, dass er mit fast zwei Dutzend Bewaffneten hier her gekommen war, verlieh ihm offenbar ein Gefühl von Überlegenheit, dass er jetzt genüsslich auskostete.

„Sie werden sich damit abfinden müssen, dass es einen dritten Rancher in der Gegend gibt“, erwiderte Caleb Morgan. „Die Weide ist frei!“

Dafür hatte Dan Garth nur ein zynisches Lachen. Dann beugte er sich im Sattel ein wenig vor und zischte: „Entweder, Sie nehmen Ihre Rinder und Ihren sonstigen Plunder und verschwinden so schnell Ihre Pferde Sie tragen, oder ich werde Ihnen Beine machen müssen! Und das wird nicht angenehm für Sie!“

„Sie können mit ihren Leuten ruhig wieder abziehen, Garth! Meine Meinung werden Sie nicht ändern!“

„Ist das Ihr letztes Wort, Morgan?“

„Ja.“

Garth zuckte die Achseln und ließ seinen gutdressierten Gaul ein paar Yards rückwärts gehen.

„Wie Sie wollen...“, murmelte er, wobei er die dünnen, aufgesprungenen Lippen kaum bewegte. „Alles, was jetzt geschieht, haben Sie sich selbst zuzuschreiben, Morgan! Ich habe Sie gewarnt!“

„Falls Sie jetzt Ihre Meute loslassen wollen, um hier alles in Schutt und Asche zu legen, kann ich nur sagen, dass Sie das bereuen würden!“, versprach Caleb.

Garth lachte.

„Ach, ja? Was sollte mich daran hindern?“

„Meine Söhne haben auf Ihren Kopf angelegt, Garth! Wenn Sie hier den wilden Mann spielen wollen, sind Sie der erste, der dran glauben wird!“

Einen Moment lang floh die Farbe aus Garth' Gesicht. Er blickte zu der Fensterfront des Ranchhauses hin und sah einen später Rays Winchesterlauf in seine Richtung deuten. Dan Garth schluckte.

Unterhalb seines linken Auges zuckte es nervös.

„Wir werden sehen!“, knurrte er düster. „Aber Sie sollten nicht denken, dass Sie so davonkommen, Morgan!“

Damit riss er seinen Gaul herum und stob davon. Seine Leute folgten ihm und auch diejenigen, die sich hinter der Scheune und beim Wagen versteckt hatten, sprangen in die Sättel und ritten davon.

Caleb atmete erleichtert auf, als er die Meute mit ihrer riesigen Staubwolke davonpreschen sah.

Leslie Morgan kam jetzt aus dem Haus und trat neben seinen Vater.

Caleb Morgan klopfte seinem Sohn auf die Schulter und meinte: „Siehst du, Les! Hab ich's doch gesagt! Ein aufgeblasener Gockel ist dieser Garth! Aber sobald man ihn von seinem Misthaufen herunterstürzt, ist ein Winzling!“

Aber der ältere der Morgan-Söhne blieb skeptisch.

„Die Sache ist noch nicht ausgestanden“, war Leslie sich sicher.

Sein Vater zuckte die Achseln.

„Mal den Teufel nicht an die Wand, mein Sohn!“

„Und wenn er Ernst macht?“

„Bislang hat er nur geblufft, Les!“, gab er zu bedenken. „So, wie ich vermutet hatte!“

Aber Leslie Morgan schüttelte leicht den Kopf. Dann deutete er auf die Reiterschar, die sich schon ganzes Stück entfernt hatte. Die Garth-Mannschaft sammelte sich. Dan Garth schien einige Anweisungen zu geben.

Einen Augenblick später teilte sich der Reiter-Pulk in kleine Gruppen auf, von denen einige eine Art Bogen ritten. Man brauchte nicht rätseln, um zu erkennen, was da vor sich ging!

Ein Angriff!

„Sie kommen zurück, Dad!“, stellte Leslie tonlos fest. „Jetzt wird es ernst!“

Er wechselte mit seinem Vater einen kurzen Blick. Caleb stand mit fassungslosem Gesicht da und konnte nichts sagen. Der Schrecken stand ihm in den Augen.

„Diese Bastarde“, flüsterte Caleb dann und riss den Revolver aus dem Holster.

Wenig später peitschten die ersten Schüsse.

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Caleb und Leslie Morgan waren zurück ins Wohnhaus gelaufen, um sich dort zu verschanzen.

Die Angreifer preschten wild um sich schießend von allen Seiten heran. Ein wahrer Geschosshagel prasselte auf die Morgans hernieder, die sich in ihrem Haus verbarrikadiert hatten. Jetzt ging es ums Überleben.

Ein oder zwei der Reiter wurden aus den Sätteln geholt und lagen einen Augenblick später reglos im Staub. Der Angriff hatte kaum eine Minute gedauert, da gingen bereits die Scheune und der Pferdestall in Flammen auf.

Die Pferde wieherten markerschütternd. Einige der Tiere konnten sich befreien, rissen das Gatter nieder und stoben in heller Panik davon. Andere hatten weniger Glück und starben einen qualvollen Tod.

Leslie hatte sich inzwischen ein Winchester-Gewehr genommen und war zur Rückfront des Ranchhauses gestürmt. Durch den den engen Flur gelangte er in das Schlafzimmer seiner Eltern.

Ein Hagel von Blei ließ das Fensterglas zerspringen. Leslie Morgan pirschte sich bis zur Außenwand vor und postierte sich neben dem Fenster.

Dann tauchte er blitzartig aus seiner Deckung hervor und ließ kurz hintereinander mehrere Schüsse aus seiner Winchester krachen.

Einen der Reiter holte Leslie aus dem Sattel. Mit einem gellenden Schrei wurde er nach hinten gerissen, das Gewehr segelte im hohen Bogen davon und landete auf dem Boden. Der Mann war bereits tot, als er dumpf aufschlug. Sein Fuß verfing sich im Steigbügel, sodass die Leiche von dem durchgehenden Pferd noch ein ganzes Stück über den Boden geschleift wurde.

Einem anderen der Kerle holte Leslie den Gaul unter dem Hintern weg und einen Dritten traf er am Waffenarm. Der Mann fluchte lauthals, als ihm der Revolver entglitt. Als der nächste Bleihagel in seine Richtung ging, war Leslie Morgan bereits wieder in Deckung gegangen. Die Geschosse peitschten durch das Fenster und zerfetzten das Holz, aus dem der Kleiderschrank auf der gegenüberliegenden Seite des Schlafzimmers gemacht war.

Manche der Kugeln gingen sogar durch die Hauswand. Sie schlugen glatt durch das dünne Holz der Wände.

Leslie hatte ziemlich großes Glück, bislang ungeschoren davongekommen zu sein.

Er hörte das Geräusch eines galoppierenden Pferdes. Einer der Kerle schien sich ziemlich nahe heranzutrauen, aber Leslie konnte im Moment nichts dagegen tun. Zu stark stand er unter Beschuss.

Dann segelte irgendetwas Schweres, Langsames durch das Fenster...

Es war eine Fackel.

Sie landete direkt auf dem breiten Ehebett von Caleb und Betsy Morgan.

Leslie wollte aufspringen, um die Fackel zu ergreifen und wieder hinauszuwerfen.

Ein Schuss, der dicht an seinem Kopf vorbeistrich ließ ihn in der Bewegung innehalten.

Es dauerte nur Sekunden, und das Bett hatte Feuer gefangen. Es war zu spät.

In seinem Inneren wusste Leslie dies, aber er wusste auch, dass

dieser Kampf so gut wie verloren war, wenn sich das Feuer im Wohnhaus ausbreitete. Und so schnellte vor, warf die Winchester zur Seite und versuchte, die Decke zusammenzurollen und das Feuer zu ersticken.

Schüsse sirrten von draußen herein, aber darauf nahm Leslie in diesem Moment keine Rücksicht.

Er musste es versuchen.

Aber es war aussichtslos. Das Feuer kroch bereits die Wand empor. Wie ein hungriges Ungeheuer fraß es sich voran, unersättlich und rasend schnell.

Das Holz, aus dem dieses Haus erbaut war, war staubtrocken. Eine ideale Beute der Flammen. Seit Monaten hatte es keinen Regen gegeben.

Leslie sah aus den Augenwinkel heraus eine Gestalt vor dem Fenster.

Ein Reiter. Einer von Garth' Männern.

Leslie kannte ihn. Es war der blonde Bill Wheaton, seines Zeichens Vormann auf der Garth-Ranch.

Wheaton hatte seinen langen Peacemaker-Colt in der Rechten und zielte damit direkt auf Leslie, dessen Hand sofort zur Hüfte ging.

Leslie ließ sich instinktiv seitwärts fallen und riss den Colt aus dem Holster. Er tat dies, obwohl er wusste, dass es aussichtslos war, denn er hatte kaum eine Chance, seine eigene Waffe noch rechtzeitig in Anschlag zu bringen.

Jedenfalls nicht, bevor der Vormann der Garth-Ranch abgedrückt hatte.

Und Wheaton war in der Gegend ein gefürchteter Schütze. dass er auf diese Entfernung sein Ziel verfehlte war unwahrscheinlich.

Leslie hatte sein Eisen kaum zur Hälfte aus dem Holster gerissen, da krachte bereits Wheatons Schuss.

Aber annähernd gleichzeitig feuerte noch jemand anderes. Ray stand in der Schlafzimmertür und ließ sein Repetiergewehr sprechen. Sein erster Schuss ging Wheaton in die Schulter.

Der Coltarm des Vormanns zuckte unwillkürlich nach oben, sodass die Kugel, die eigentlich für Leslie bestimmt war, ins Nichts ging.

Aber Wheaton reagierte blitzartig.

Er feuerte sofort ein zweites Mal und dieser Schuss traf Ray Morgan mitten in der Stirn. Ray blieb wie erstarrt stehen. Seine Augen blickten ins Nichts, während sich auf seiner Stirn ein rotes Loch gebildet hatte.

Auch Leslie feuerte.

Dreimal kurz hintereinander.

Der Vormann schrie getroffen auf, der Revolver entfiel ihm.Er klammerte sich verzweifelt an seinem Gaul fest, der in vollem Galopp davonstob. Nach ein paar Dutzend Yards wurde das Pferd langsamer. Leslie sah, wie der getroffene Vormann aus dem Sattel rutschte und reglos im Präriegras liegenblieb. Er hat es nicht besser verdient, ging es Leslie grimmig durch den Kopf.

Leslie Morgan beugte sich kurz über seinen Bruder. Aber dem konnte er nicht mehr helfen.

„Verdammt!“

Tränen des Zorns stiegen Leslie Morgan in die Augen. Ray hatte ihm das Leben gerettet und jetzt lag er hier mit einer Kugel im Kopf.

Diese Hunde!, dachte er verzweifelt und ballte dabei unwillkürlich die Hände zu Fäusten. Ohnmächtige Wut hatte ihn erfasst. Dafür würden Garth und seine Meute bezahlen!, schwor sich Leslie.

Und wenn es das Letzte war, was er tat...

Ein bedrohliches Knistern drang an seine Ohren. Die Flammen fraßen sich voran. Und wahrscheinlich gab es im Moment nichts, das sie noch aufhalten konnte... Es wurde heiß, verdammt heiß.

Leslie Morgan erhob sich.

Er ging durch den engen Flur und erreichte schließlich die Vorderfront des Ranchhauses. Sein Vater und seine Mutter hatten sich dort verschanzt und feuerten Schuss um Schuss hinaus. Aber die Lage war verzweifelt.

Leslie schnellte in geduckter Haltung voran und ging bei einem Fenster in Deckung, in dem kaum noch ein Stück Glas war. Jemand von den Bluthunden da draußen schien die Bewegung gesehen zu haben und ließ ein paar Bleikugeln dicht über ihn hinwegpfeifen.

Dann verebbte der Beschuss ein wenig und Leslie nutzte die Gelegenheit dazu, seinen Revolver nachzuladen.

„Hier!“

Sein Vater warf ihm eine Winchester zu und Leslie fing sie sicher mit der Linken.

„Danke, Dad!“

„Ist Ray noch da hinten?“ Caleb deutete mit der Hand in Richtung der Rückfront des Wohnhauses.

Leslie zögerte eine Sekunde.

Dann sagte er: „Ja.“

Es war besser, wenn sie die schlimme Nachricht erst später erfuhren, denn jetzt mussten sie alle Kräfte darauf konzentrieren, selbst zu überleben.

Leslie tauschte mit seinem Vater einen kurzen Blick. In Calebs Gesicht zuckte es kaum merklich.

„Im Schlafzimmer ist Feuer!“, sagte Leslie.

„Verdammt, was machst du dann hier!“

„Es ist zu spät, Dad! Eine Mannschaft von mindestens einem Dutzend Männern und ein freier Zugang zu unserem Brunnen da drüben - vielleicht wäre das Haus noch zu retten. Aber so wird es uns über den Köpfen wegbrennen, Dad! Ohne, dass wir etwas tun können.“

Und dann war plötzlich Hufschlag zu zu hören. Leslie tauchte aus seiner Deckung heraus und wurde sofort von einer Gewehrsalve empfangen.

Das Blei zischte ihm nur so um die Ohren, aber auch Leslie feuerte.

Zwei Schüsse aus seiner Winchester konnte er in Richtung des Reiters abgeben, der da mit einer brennenden Fackel in der Hand herangeprescht kam.

Dieser konnte noch die Fackel durch eines der Fenster schleudern, da holte Leslies Kugel ihn aus dem Sattel, während das Pferd sich wiehernd auf die Hinterhand stellte. Der Kerl fiel mit einem dumpfen Geräusch in den Staub. Die Fackel war indessen auf dem blanken Holzboden des Ranchhauses gelandet.

Caleb Morgan hatte das gesehen und verließ seine Deckung, um zu verhindern, dass es auch hier an zu brennen fing.

„Gebt mir Feuerschutz!“, rief er heiser seiner Frau und seinem Sohn zu, die verzweifelt versuchten, dem grausamen Kugelhagel, der von draußen hereinschlug, irgendetwas entgegenzusetzen.

„Nein!“, rief Leslie, der ahnte, dass das nicht gut gehen konnte. Sein Vater hechtete zu der Fackel, ergriff sie und wollte sie gerade zurückschleudern, als ihn kurz hintereinander drei Kugeln erwischten.

Die Wucht der Geschosse ließ Caleb Morgan der Länge nach auf den harten Holzboden schlagen. Vergeblich versuchte er noch, die Fackel durch das Fenster zu schleudern. Aber seine Arme gehorchten ihm schon nicht mehr.

Sein Blick war starr geworden und ging ins Nichts. Die Fackel kam die Tischdecke, die sofort Feuer fing. Leslie schluckte.

Einen Sekundenbruchteil war er wie gelähmt. Sein Vater war tot und es gab nichts, was er noch für ihn tun konnte. Wütend lud er das Winchester-Gewehr durch und feuerte ein paar Kugeln nach draußen. Vorn irgendwoher gellte ein unterdrückter Schrei - halb vor Schmerz, halb vor Wut. Offenbar hatte es einen der Schufte erwischt.

Leslie feuerte Schuss um Schuss.

Bezahlen sollen sie, diese Hunde!, ging es ihm grimmig durch den Kopf. Einen der Kerle erwischte er noch, dann fühlte Leslie plötzlich, wie er nach hinten gerissen wurde. Noch ein Schuss löste sich aus der Winchester, aber der ging ins Nichts. Noch in derselben Sekunde ahnte Leslie, was geschehen war. Es hatte ihn erwischt.

An der linken Schulter wurde es blutrot. Das Hemd war zerfetzt.

Die Wucht des Geschosses ließ Leslie Morgan rückwärts taumeln, sodass er für einen winzigen Augenblick ohne Deckung dastand. Eine zweite Kugel fraß sich in seinen Oberkörper und so sank Leslie kraftlos in sich zusammen.

Verzweifelt hielt er die Winchester umklammert. Er atmete heftig und versuchte, sich auf dem Gewehrlauf aufzustützen. Sein Blick ging dabei zur Seite. Er sah seine Mutter starr auf dem Boden neben dem Fenster sitzen, an dem sie ihren Posten bezogen hatte.

„Nein...“, flüsterte er.

Leslie Morgan starrte sie mit dem Ausdruck ungläubigen Entsetzens an. Auf den ersten Blick hätte man denken können, dass Betsy Morgan noch lebte.

Aber ihr Blick war starr.

Und ihr Kleid rot.

Ein dickes Kaliber war glatt durch die Außenwand des Ranchhauses geschlagen und hatte sie getötet. Verzweiflung und kalte Wut erfassten Leslie Morgan. Aber er spürte, wie die Kraft aus seinem Körper floh. Er versuchte, sich aufzurichten, aber vor seinen Augen begann sich alles zu drehen. Und dann war da dieser furchtbare, pulsierende Schmerz, der ihn ergriffen hatte.

Es ist zu Ende!, dachte er.

Und im Hintergrund hörte er es knistern. Das Feuer heulte sich seine Beute.

Nichts würde übrigbleiben von der Morgan-Ranch. Nichts, als ein paar verkohlte Balken und ein bisschen Asche, die der Wind zerstreuen würde...

Leslie Morgan sank auf den rohen Holzboden des Ranchhauses. Schweiß trat auf seine Stirn. Er fühlte die Hitze. Beißender Qualm stieg ihm in die Nase und ließ ihn husten. Es wurde kaum mehr als ein erbärmliches Röcheln. Nein, das durfte nicht das Ende sein!, schrie es in ihm. Aber es schien nichts zu geben, was er noch tun konnte. Ein letztes Mal versuchte er, die Muskeln und Sehnen seines Körpers anzuspannen. Vergebens.

Vor seinen Augen wurde es schwarz.

Tiefe Nacht umgab ihn dann und er rechnete nicht damit, dass diese Nacht je enden würde...

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Dan Garth trat mit gezogenem Revolver in das Ranchhaus der Morgans. Die Gegenwehr war verebbt. Das konnte wohl nur bedeuten, dass es alle Morgans erwischt hatte.

„Passen Sie auf, Boss“, hörte Garth eine heisere Stimme in seinem Rücken.

Sie gehörte einem blassgesichtigen Mann namens Carter, der für Garth arbeitete. Carter hustete. Der Qualm biss in der Lunge. Garth lachte zynisch.

„Hast du etwa Angst?“

„Man kann nie wissen, Boss! Die Morgans haben sich zäh gewehrt. Ich traue ihnen alles zu...“

Ein Knarren ließ die beiden Männer herumfahren. Carter riss sein Gewehr hoch. Ein brennender Balken ging zu Boden und ließ ein Funkenmeer umhersprühen.

Dann entspannten sich Garth' harte Züge, als er Caleb Morgans Leiche sah.

„Da liegt er also“, murmelte er rau. „Er hat es nicht anders gewollt, dieser verdammte Bastard...“ Er deutete mit dem langen Lauf seines Peacemaker-Colts auf einen anderen Körper, der reglos dalag. „Das ist Leslie, nicht wahr?“

„Ja“, nickte Carter.

„Wo ist der andere Morgan-Sohn?“

„Es hat ihn bestimmt auch erwischt.“

Dan Garth atmete tief durch.

Ja, das war wahrscheinlich.

Aus dem brennenden Haus hätte niemand unbemerkt hinausgelangen können...

„Ich hoffe, dass das allen eine Warnung ist, die in Zukunft sich einbilden, einem Dan Garth auf der Nase herumtanzen zu können!“

„So schnell wird das keiner mehr wagen, Boss“, murmelte Carter düster. Einen Augenblick später fuhr er dann fort: „Kommen Sie, Mister Garth! Es ist verdammt heiß hier! Und ich wette, es dauert nicht mehr allzu lange, bis hier alles wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzt...“

Einen Moment noch glitt Garth' Blick über das lodernde Chaos. Dann nickte er leicht und wandte sich zum Gehen. Draußen sah er Jesse Shaw, der hoch zu Ross geblieben war. Der feiste Mann verzog das Gesicht, als ihm der Rauch in die Nase stieg.

„Was ist?“, fragte er, obwohl es da eigentlich nur eine Antwort geben konnte.

„Sie werden uns nie wieder in die Quere kommen, die Morgans!“, meinte Garth und verzog dabei das Gesicht zu einem schiefen Grinsen.

Dabei entblößte er zwei Reihen blitzender Zähne, die ihm etwas Raubtierhaftes gaben.

Jesse Shaw schob sich den Hut ein wenig in den Nacken und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Garth lachte indessen rau und meinte: „Dafür, dass du zu den Siegern gehörst, machst du ein ziemlich merkwürdiges Gesicht, Jesse!“

„Nun, ich überlege nur so...“, knurrte Shaw, der sich in einer Haut irgendwie nicht so recht wohl zu fühlen schien. Garth und Carter stiegen in die Sättel.

„Worüber denkst du nach, Jesse?“, fragte Garth dann, während er sein Pferd herumriss.

„Darüber, ob das hier nicht ein bisschen zu hart war“, erwiderte Shaw und deutete dabei auf das brennende Ranchhaus. „Hätte es nicht genügt, den Morgans einen Schrecken einzujagen?“

„Das haben wir doch mehrfach probiert. Dazu waren sie einfach zu zäh. Nein, wir hatten keine andere Wahl“, war Garth überzeugt.

„Trotzdem...“

„Mach dir nicht in die Hosen, Jesse!“

„Ich hoffe nur, dass das keinen Ärger gibt! Es sind schließlich ein paar Menschen draufgegangen!“

Jesse Shaw hatte bei seinen letzten Worten sehr leise gesprochen. Und er wandte sofort den Blick zur Seite, als ihn die eisgrauen Augen von Dan Garth zu fixieren begannen. Aus Garth Blick sprach eine Mischung aus unverhohlener Verachtung und Wut.

Der Rancher ballte grimmig die Faust.

„Hör zu, Jesse! Dies ist mein Land! Der ganze County! Die Stadt Amarillo! Nichts geschieht hier, wenn ich es nicht will! Ich dachte, dass du das inzwischen begriffen hättest!“

„Sicher...“

„Solange du auf meiner Seite bist, Jesse, kann dir nichts passieren!“

Damit gab Garth seinem Gaul die Sporen und ließ ihn voranpreschen.

Aus Jesse Shaws schwammigen Gesicht floh der letzte Rest von Farbe. Er schluckte.

Shaw hatte die Drohung, die in Garth' letzten Worten lag sofort gespürt. Und irgendwie war ihm auf einmal nicht nicht wohl dabei, an der Seite eines Mannes zu reiten, der seine Freunde kaum besser zu behandeln schien, als andere Leute ihre Feinde.

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Das erste, was Leslie Morgan spürte war, dass irgendeine Kraft ihn in die Höhe riss. Er hörte ein Krachen, offenbar das Bersten eines Balkens. Und dazwischen - ganz leise - das Keuchen eines Menschen, der immer wieder leise vor sich hin fluchte...

Leslie Morgan versuchte die Augen zu öffnen. Alles schmerzte. Seine Seite, sein Oberkörper. Und als er die Augen öffnete schmerzte auch das. Es kam ihm grell und heiß entgegen und so kniff er die Augen sofort wieder zu.

Überall schienen Flammen zu sein. Die Hitze war schier unerträglich...

Leslie hustete und erschrak dabei. Es klang entsetzlich schwach.

Zwei kräftige Hände hatten ihn unter den Achseln gepackt und zogen Leslie mit sich.

Dann ging es nach draußen, wo die Luft besser war. Leslie rang nach Atem. Er wurde noch ein Stück mitgeschleift und dann auf dem Boden liegengelassen.

Leslie versuchte sich zu erheben, kam aber nicht weit. Dann sah er über sich ein Gesicht.

Es war ein schwarzes Gesicht. Schwarz, runzelig und alt. Das Haupthaar und der dünne Bart waren grau.

Leslie kannte den Mann.

Er hieß McGhee, war bis zum Sieg der Union Sklave gewesen und bewirtschaftete jetzt mit seiner Frau eine kleine Farm in der Nähe. Einmal hatte Leslie ihm aus der Klemme geholfen, als Garth sich einen Spaß daraus gemacht hatte, den alten Mann mit dicht neben die Füße gezielten Schüssen über sein Feld zu treiben.

„Hier!“, sagte der Schwarze, während er sich zu Leslie niederbeugte.

McGhee hielt Leslie seine Feldflasche an den Mund und dieser sog begierig das Wasser in sich hinein. Seine Kehle war wie ausgedörrt.

Unterdessen sagte McGhee: „Die Rauchfahne ist meilenweit zu sehen... Ich habe meinen Wagen mitgebracht!“

Leslie versuchte, etwas zu sagen, aber es kam nichts über seine Lippen.

„Das war Dan Garth, nicht wahr?“, erkundigte sich der Schwarze in Richtung des brennenden Hauses. Es war keine Frage.

Leslie Morgan nickte leicht.

„Ja“, flüsterte er. „Dieser Hund! Er hat sie alle umbringen lassen! Dad, Mum, Ray...“

„Ich hatte ihrem Vater gesagt, dass es besser ist, von hier zu verschwinden“, meinte der Schwarze. „Gegen Dan Garth kommt keiner an!“

„Garth wird für das bezahlen, was er getan hat“, krächzte Leslie und verzog dabei das Gesicht vor Schmerz.

„Ich werde mich um Ihre Wunde kümmern“, versprach der Schwarze. „Und dann bringe ich Sie hier weg!“

„Warum tun Sie das, McGhee?“, fragte Leslie. „Sie bringen sich damit nur in Gefahr! Schließlich hatten Sie bereits Ärger mit Garth!“

Auf McGhees Gesicht erschien ein dünnes, abgeklärtes Lächeln, das einer erst dann bekommt, wenn er schon viel gesehen hat.

„Ich werde es nie schaffen, einer von Garth Lieblingen zu werden“, meinte er. „Schon wegen meiner Hautfarbe nicht! Sein Sohn ist im Bürgerkrieg gefallen und dafür macht er die 'Nigger aus dem Norden' - so drückt er sich aus - verantwortlich!“, Er zuckte die Achseln. „Wenn ich jünger wäre, wäre ich schon längst verschwunden. Aber in meinem Alter überlegt man es sich dreimal, ob man seine sieben Sachen packt und ganz woanders noch einmal von vorne beginnt. Dazu muss man wohl ein paar Jahre weniger auf dem Buckel haben, schätze ich!“

„Vielleicht...“, murmelte Leslie halblaut.

Währenddessen gab es beim Ranchhaus einen Riesenkrach. Wände stürzten um, Balken brachen.

„Ich werde Sie zu mir nach Hause bringen“, erklärte McGhee.

„Ich weiß nicht, ob Sie sich damit einen Gefallen tun, McGhee!“

„Ich bin es Ihnen schuldig, Morgan! Außerdem - wenn ich es nicht täte, dann hätte ich Sie gar nicht erst zu retten brauchen. Allein haben Sie nämlich keine Überlebenschance.“

Leslie atmete schwer.

Er wusste, dass McGhee recht hatte.

Der Schwarze ging davon, um seinen Wagen zu holen. Es war ein einfacher Zweispänner, hinten mit einer Ladefläche. Leslie Morgan versuchte vergeblich, sich aufzurichten. McGhee kam herbei und packte ihn unter den Armen. Schließlich gelang es dem alten Mann, Leslie auf den Wagen zu hieven.

„Nicht schlecht für einen, der nun wirklich nicht mehr der jüngste ist, was?“, rief er.

Vor Leslies Augen drehte sich alles.

Er konnte sich nicht erinnern, sich je dermaßen schwach gefühlt zu haben. Er presste die Hand gegen den Oberkörper und spürte, wie das Blut zwischen seinen Fingern hindurchsickerte... Es musste schnell gehen, war Leslie klar.

Sonst würde er sein Leben aushauchen, noch ehe McGhees Wagen irgendwo angekommen war. Anscheinend war diesem das aber ebenfalls klar, denn er schwang sich mit einem Satz auf den Bock und trieb dann die Pferde unbarmherzig voran.

„Heya! Vorwärts, ihr lahmen Gäule!“

McGhee fuhr wie der Teufel und nahm dabei auf nichts und niemanden Rücksicht. Nicht auf sich selbst oder den Wagen, noch auf die Pferde, die ihr Letztes geben mussten... Das Gefährt humpelte über den unebenen Boden. Jede Erschütterung bedeutete unsagbare Schmerzen für Leslie. Aber da war etwas, das den jungen Mann das alles durchstehen ließ, ohne dass ein Laut über seine Lippen kam. Es war der Gedanke an Rache, der in Leslie brannte!

Ein Feuer, das gelöscht werden musste.

Irgendwann!

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Das Bett, in dem Leslie Morgan lag, war ein bisschen zu kurz für ihn, aber das war im Moment das geringste Problem. Mrs. McGhee hatte ihm einen provisorischen Verband angelegt, nachdem ihr Mann seinen Whiskey-Vorrat geopfert hatte, um die Wunde zu desinfizieren.

„Es ist nicht das erste Mal, dass ich so etwas mache“, sagte er.

„Allerdings sah es bei keinem schlimm aus wie bei Ihnen, Mister Morgan!“

Leslie war unfähig, etwas zu erwidern.

Er fühlte den kalten Schweiß auf seiner Stirn. Gut möglich, dass sich die Wunde trotz des Whiskeys entzündete und ihn hinwegraffte...

Aber er wollte leben!

„Er braucht einen Arzt“, hörte er Mrs. McGhee sagen. Sie glaubte wohl, dass er schlief oder ohnmächtig war. „Sonst schafft er es nicht, John!“

„Ich weiß“, erwiderte McGhee und seufzte. „Aber ich kann nicht nach Amarillo fahren und Doc Kelly holen!“

„Warum nicht, John?“

„Weil der Kerl seinen Mund nicht halten kann und sich wie ein Lauffeuer verbreiten würde, wo der letzte der Morgan-Familie sich aufhält. Was glaubst du, wie schnell wir hier Besuch bekämen.“

Mrs. McGhee atmete tief durch. „Das ist wahr. Aber ohne Doc ist er so gut wie tot...“

„Ich hole einen aus Lockwood!“

„Dann bist du zwei Tage unterwegs! Ob er es bis dahin schafft?“

McGhee zuckte die Achseln.

„Wenn Dan Garth oder einer seiner Spießgesellen ihm den Rest gibt, wird seine Chance dadurch auch nicht besser, oder?“

John McGhees Schritte, als er den Raum verließ - das war das letzte, was Leslie Morgan hörte. Dann umgab ihn tiefe Dunkelheit. Schwarze Bewusstlosigkeit senkte sich über ihn und erlöste ihn für eine Weile von seinen Qualen.

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Die folgenden zwei Tage verbrachte Leslie Morgan in einem Dämmerzustand zwischen Fiebertraum und Bewusstlosigkeit. Ab und zu tauchte er aus diesem Zustand auf und sah in das Gesicht von Mrs. McGhee, die ihm kalte Tücher auf die Stirn gelegt hatte, um das Fieber zu dämpfen.

„Ist Ihr Mann noch nicht zurück?“, hauchte Leslie in einem einer wenigen Wachmomente.

Mrs. McGhee schüttelte den Kopf.

„Ich bete darum, dass er einen Doc gefunden hat!“

Es war gegen Mittag des dritten Tages, als John McGhee endlich zurückkehrte.

Und mit ihm kam ein hagerer, hoch aufgeschossener Mann in einem abgeschabten dunklen Anzug. Der Staub von der Fahrt durch das trockene Brassada-Land war unverkennbar.

„Das ist Doc Linklater aus Lockwood“, stellte McGhee ihn vor.

Linklater verzog keine Miene.

Der Doc wandte sich sofort seinem Patienten zu, stellte seine Tasche auf einen Stuhl und zog sich die Jacke aus.

„Er hat Fieber“, sagte Mrs. McGhee.

Aber das sah der Doc sicher auch selbst.

Er krempelte die Ärmel hoch. „Machen Sie heißes Wasser!“

„Ja.“

Der Doc untersuchte kurz die Wunde

„Ich muss operieren“, murmelte er dann.

Und in der nächsten Stunde holte er zwei Kugeln aus Leslie Morgans Körper.

Als er fertig war, packte er seine Sachen und wandte sich zum Gehen.

„Sie können sich nicht einfach davonmachen“, sagte McGhee.

„Jetzt nicht!“

„Ich kann nichts mehr tun“, sagte der Doc. „Alles, was getan werden konnte, habe ich getan. Vielleicht kommt er durch. Er sieht kräftig aus. Und er hat viel Lebenswillen. Das sind gute Voraussetzungen.“ Bevor Doc Linklater ging, wandte er sich noch einmal an McGhee. „Wer bezahlt übrigens meine Auslagen?“

„Warten Sie“, sagte McGhee. „Wie viel bekommen Sie?“

Der Doc nannte seinen Preis. Und McGhee ging an Leslies Tasche und nahm die letzten Dollars heraus, die sich darin befanden. Er musste selbst noch ein paar Cent dazulegen, damit es stimmte.

Dann ging der Doc wortlos hinaus, bestieg seinen Gaul und preschte davon.

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Die Tage gingen dahin und Leslie Morgans Zustand besserte sich zusehends.

Das Fieber ging zurück, die Wunde begann zu heilen, aber Leslie war immer noch sehr schwach.

Stundenweise stand er auf, lief etwas herum und wirkte wie ein gefangenes Tier, das nur darauf brannte, in die Freiheit entlassen zu werden.

„Können Sie mir irgendwie ein Pferd überlassen, McGhee?“, fragte er den Schwarzen eines Tages.

„Sie sind noch nicht gut genug beieinander, um aufzubrechen zu können“, erwiderte der alte Mann.

Leslie lächelte dünn.

„Je eher, desto besser!“

„Damit Sie in der Brassada verrecken?“

„Ich bin ein harter Brocken, McGhee.“

„Das schon...“

„Also, was ist? Ich habe keine Lust zu Fuß zu laufen...“

„Und keinen Dollar mehr!“

„Sie werden es von mir zurückbekommen, McGhee! Alles, was Sie für mich getan haben! Sobald ich ein paar Dollar habe...“

McGhee legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Damit lassen Sie sich ruhig Zeit! Ich weiß, dass Sie nichts schuldig bleiben!“

„Ich werde zurückkehren. Eines Tages!“

„Sicher...“

Am nächsten Tag ritt Leslie Morgan los. McGhee überließ ihm zu dem Pferd einen alten Sattel und Leslie schaffte es mit einiger Mühe, in die Steigbügel zu steigen und oben zu bleiben.

„Das Hemd meines Mannes steht Ihnen nicht schlecht“, meinte McGhees Frau.

„Ich danke Ihnen für alles“, sagte Leslie.

„Gegen die Wölfe müssen die Schafe zusammenhalten“, sagte John McGhee. „Sonst haben sie überhaupt keine Chance!“

Leslie Morgan schwieg.

Nein, dachte er. Er gehörte keineswegs zu den Schafen. Und dieser Kampf war auch noch nicht zu Ende...

Leslie winkte den McGhees kurz zu und ließ den Gaul dann über das weite Grasland laufen.

Einmal drehte Leslie sich kurz im Sattel herum, kurz bevor er hinter dem Horizont verschwand.

„Ich frage mich, ob wir ihn je wiedersehen“, meinte Mrs.McGhee.

Drei Monate später ging auf der Bank von Amarillo eine Überweisung für John McGhee ein. Anonym, nur mit dem Vermerk versehen: Für den Gaul!

Das war für lange Zeit das letzte Lebenszeichen von Leslie Morgan.

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Drei Jahre waren vergangen...

Dan Garth stand auf der Veranda seines Ranch-Hauses und blickte über das weiße Grasland, als dessen Herr er sich fühlte. Hinter den Hügeln lag irgendwo Amarillo, eine Stadt, die in den letzten Jahren stark gewachsen war

Und auch dort war sein Wort nach wie vor maßgebend. Mit seinem Geld waren die Kirche und das Rathaus gebaut worden. Zwei von drei Saloons gehörten ihm und beim Drugstore war er Teilhaber.

Und wenn das alles nicht genug war, um Einfluss zu nehmen und etwas so hinzubiegen, wie es Dan Garth in den Kram passte, dann blieb ihm immer noch seine knochenharte Ranchmannschaft. Viele der Männer, die Garth angeheuert hatte, waren keine gewöhnlichen Cowboys, sondern Männer mit dunkler Vergangenheit und einem lockeren Schießeisen. Männer, die bereit waren, für ein Trinkgeld zu töten... Dan Garth führte langsam die Blechtasse mit dem heißen Kaffee zum Mund und beobachtete einige seiner Leute dabei, wie sie Pferde einritten.

Dann ging sein Blick zum Horizont.

Einige Reiter kamen über die sanften Hügel. Ihre Gestalten wurden rasch größer und es dauerte nicht lange, da war Garth klar, dass das nicht seine eigenen Leute waren.

„Carter!“, rief er nach seinem neuen Vormann. Und schon einen Augenblick später kam dessen blasse Gestalt aus einem der Nebengebäude heraus, in dem die Mannschaft ihre Unterkünfte hatten.

Carter kam zur Veranda.

„Was gibt's, Boss?“

„Dahinten!“ Dan Garth deutete mit der Blechtasse auf die Reiter. „Das sind Jesse Shaw und seine Leute! Es wird Ärger geben!“

„Shaw ist ein Feigling, Mister Garth. Er wird es nicht wagen, sich gegen Sie zu erheben!“

„Nein, aber kann mir Schwierigkeiten machen“, knurrte Garth grimmig.

Carter überprüfte indessen den Sitz seines Revolvers. Sicher war sicher.

Auch die anderen Männer waren auf die Ankömmlinge aufmerksam geworden.

Als die Reiter bis zur Veranda des Ranchhauses herangekommen waren, hob Jesse Shaw die Hand. Der Trupp kam zum Stehen, während Garth Leute sich nicht weiter um die Mustangs hinter dem Gatter scherten, sondern näherkamen und die Neuankömmlinge interessiert musterten.

Dan Garth blieb sehr ruhig.

Er trug im Moment keinen Revolver an der Seite, aber das war nicht weiter schlimm.

Wenn es hart auf hart ging und ein Schießeisen benutzt werden musste, dann würde er sich auf seinen Vormann Carter verlassen können.

„Was ist los, Shaw?“, rief Garth. „Sie haben ja eine ganze Armee mitgebracht! Trauen Sie sich nicht mehr allein hier her!“

Jesse Shaws feistes Gesicht verzog sich ärgerlich.

„Ich muss mit Ihnen reden, Garth!“

„Kommen Sie ins Haus, Shaw!“

„Nein!“

Garth hob die Augenbrauen. Aber seine kantigen Züge zeigten keinerlei Regung. „Wie Sie wollen!“

„Die Sache lässt sich schnell regeln, wenn Sie vernünftig sind! Es geht um die Nordweide...“

„Was ist damit?“

„Tun Sie nicht so! Seit Jahren schon nutzen meine Cowboys sie...“

„Damit ist nun Schluss“, erwiderte Garth kalt und schnitt Shaw damit das Wort ab.

Shaw war außer sich.

„Ich konnte es erst kaum glauben! Sie haben Ihre Bastarde losgeschickt und meine Tiere zerstreut...“

„Schon möglich“, zischte Garth und dabei fixierte sein kalter Blick den anderen Rancher. „Ich brauche die Weide jetzt! Und die beiden Cowboys von Ihnen, die meine Leute auf der Nordweide antrafen, waren klug genug, um zu erkennen, wie hier die Kräfteverhältnisse sind. Ich hoffe, Sie sind es auch, Shaw!“

„Sie haben kein Recht dazu!“

„Ach, nein?“

„Ich brauche die Weide!“

„Sehen Sie zu, dass Ihre Tiere und Ihre Cowboys sich dort in Zukunft nicht mehr blicken lassen. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

Shaws Nasenflügel bebten vor zorniger Erregung. Die Hand wurde unwillkürlich zur Faust.

„Damit kommen Sie nicht durch, Garth!“

Garth lachte rau.

„Was Sie nicht sagen...“

Der Rancher drehte sich halb herum und trank den Kaffee aus. Er schien keine Lust mehr zu haben, sich weiter mit Shaw zu streiten.

„Sehen Sie mich an, Garth!“

„Es ist alles gesagt!“

„Sie arroganter Kerl! Sie glauben wohl, Sie könnten sich alles erlauben, aber irgendwann werden Sie einen Schritt zu weit gehen! Irgendwann...“

Shaw war rot angelaufen. Er wirkte wie eine Dynamitstange kurz vor der Explosion.

„Seien Sie vernünftig, Shaw!“

„Sie meinen, ich soll den Schwanz vor Ihnen einziehen!

Aber...“

Garth hörte nicht weiter zu, sondern ging in Richtung Tür und ließ Shaw wie einen begossenen Pudel stehen.

Das brachte das Fass zum Überlaufen!

„Verdammt, sehen Sie mich an, Garth!“

Und dann ging Shaws Hand zur Hüfte. Er hatte den Griff seines 45er Colts kaum berührt, da hatte Carter, der neue Vormann der Garth-Ranch bereits sein Eisen herausgebracht und abgefeuert.

Shaw schrie auf, als ihm die Kugel in den Körtper vor. Die Wucht des Geschosses riss ihn nach hinten und streckte ihn zu Boden. Irgendwo im Bereich der Schulter musste es ihn erwischt haben, denn sein Hemd färbte sich dort blutrot. Sein Revolver steckte noch immer im Holster und im Moment war er auch gar nicht in der Lage, ihn noch zu erreichen. Sein rechter Arm schien ihm nämlich nicht mehr zu gehorchen. Einige aus der Shaw-Mannschaft waren zusammengezuckt und hatten die Hände zu den Revolvern gleiten lassen. Aber sie waren sofort zu Salzsäulen erstarrt, als sie in die offenen Revolvermündungen blickten, die von allen Seiten auf sie gerichtet waren.

Garth' Leute hatten eine Art Halbkreis um den Reitertrupp gebildet.

Shaws Leue waren klug genug, nichts zu unternehmen. Ihr Boss wand sich indessen im Staub und stöhnte vor Schmerz.

Dan Garth drehte sich langsam herum und knurrte dann: „Was ist? Wollt ihr euren Boss hier liegenlassen?“

Zwei der Reiter sprangen nach einigem Zögern aus dem Sattel. Die Angst steckte ihnen im Nacken, das war ihnen deutlich anzusehen. Sie beugten sich über Shaw, halfen ihm auf und hievten ih auf seinen Gaul.

„Ihr Tag wird auch noch kommen, Garth!“, krächzte Shaw. Garth konnte dafür nur ein müdes Lächeln erübrigen.„Das, was Sie heute versucht haben, sollten Sie nie wieder versuchen, Shaw! Ich habe Männer schon aus viel nichtigeren Anlässen ins Jenseits geschickt, wenn es nötig war...“

Jesse Shaw lenkte mühsam sein Pferd herum und gab ihm die Sporen. Seine Männer folgten ihm, verängstigt wie ein Schar Hasen.

Shaw und seine Leute schienen es eilig zu haben, diesen Ort zu verlassen.

Nicht lange und die Reitergruppe war hinter den nächsten Hügeln verschwunden.

Dan Garth wandte sich an seinen Vormann Carter.

„Danke, Roy!“

„Sie wissen doch, dass Sie sich auf mich verlassen können, Boss!“

Garth nickte. „Sicher.“

Auf Roy Carters bleichem Gesicht zeigte sich die Ahnung eines Lächelns. Es wirkte mehr wie eine Grimasse. Er strich sich den dünnen Oberlippenbart glatt und meinte dann: „Sie haben jetzt einen weiteren Feind, Garth!“

„Sprichst du von Shaw, diesem feigen Hund?“

„Er hasst Sie, Mister Garth! Und wenn sich eine Gelegenheit ergibt, wird er gegen Sie vorgehen!“

Garth lachte schallend und schüttelte energisch den Kopf.

„Er ist ein Feigling, Roy! Er wird es nicht wagen, die Hand gegen mich zu erheben, so sehr ihn das mit der Nordweide auch wurmt!“

„Ich hoffe, Sie haben recht, Mister Garth!“

Garth hob die Augenbrauen und musterte seinen Vormann eine Weile. Dann fragte der Rancher: „Was würdest du vorschlagen?“

Roy Carters Gesicht blieb völlig unbewegt.

Dann machte er eine eindeutige Geste, indem er seine Handkante am hervorstehenden Adamsapfel vorbeischnellen ließ.

„Wenn's nach mir ginge: Kurzer Prozess, Boss! Wie damals, bei diesem widerspenstigen Caleb Morgan und seinen nichtsnutzigen Söhnen!“

„Die hatten auch nicht ein Dutzend Cowboys auf ihrer Seite“, gab Dan Garth zu bedenken. Er hatte auch schon mit dem Gedanken gespielt, scheute aber das Risiko.

Ein hässliches schiefes Grinsen spielte um Roy Carters Mundwinkel.

„Zahlen Sie jedem der Männer einen Jahresverdienst. Was glauben Sie, wie schnell die über alle Berge sind!“

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Es war bereits dunkel, als der einsame Reiter die Stadt Amarillo erreichte.

Er war tagelang geritten. Den dunklen Hut trug er tief ins Gesicht gezogen, den Kragen seiner Jacke hatte er hochgeschlagen. An der Seite blitzte der Revolver hervor, den er im tiefgeschnallten Holster stecken hatte.

Der Reiter hielt geradewegs auf den Dead Indian-Saloon zu, in dessen Räumen sich Hotelzimmer befanden.

Sein Pferd machte er an der Querstange neben den anderen Gäulen fest, dann hängte er sich die Satteltaschen über die linke Schulter und nahm die Winchester aus dem Sattelschuh. So ging er durch die Schwingtüren.

Drinnen herrschte ausgelassene Stimmung. Ein paar Männer standen an der Theke, an den Tischen wurde Karten gespielt. Der Fremde blieb einen Augenblick in der Tür stehen und ließ den Blick über die Männer schweifen. Dann ging er gerade durch den Raum und legte seine Sachen auf die Theke.

„Ich will ein Zimmer mit Blick zur Straße“, sagte er zu der der schönen Saloonerin mit den hellblonden Haaren, die zusammen mit einem langen, dürren Kerl hier den Laden zu schmeißen schien.

Sie war ziemlich jung und außerordentlich hübsch. Wahrscheinlich kam ein Teil der Männer nur ihretwegen hier her, denn der Whiskey war teurer als in den anderen drei Saloons von Amarillo.

Die Blonde schenkte dem Fremden ein reizendes Lächeln und meinte: „Kein Problem!“

Plötzlich kam einer der anderen Kerle herbei. Seiner Kleidung nach war ein Cowboy. Er trug die ledernen Chaps noch um die Beine.

Er packte den Fremden an der Schulter und riss ihn herum. Er blickte ihm direkt in die dunklen Augen. Ein Drei-Tage-Bart stand in dessen Gesicht.

Aber der Cowboy erkannte ihn dennoch und erbleichte.

„Leslie Morgan“, flüsterte er und schüttelte fassungslos den Kopf. Der Cowboy wich ein paar Schritte zurück und stierte den Fremden an, als hätte er ein Gespenst vor sich. „Das ist unmöglich...“

Mit einem Mal herrschte Totenstille im Schankraum. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

„Ich kenne dich“, sagte Leslie Morgan mit ruhiger, tiefer Stimme an den Cowboy gewandt. „Du bist Haines - einer von Dan Garth' Männern!“

Der Cowboy sagte gar nichts.

Er stand mit offenem Mund da und schüttelte nur stumm den Kopf. Leslie Morgans Gesicht blieb regungslos. Seine dunklen Augen musterten Haines abschätzig.

„Du wunderst dich, dass noch einer der Morgans am Leben ist, nicht wahr?“

„Ich...“

„Ja, es war wirklich großes Glück dabei! Und es hat eine Weile gedauert, bis ich wieder einigermaßen auf den Beinen war. Aber ich habe es geschafft!“

„Hören Sie...“, flüsterte Haines, brach dann aber ab. Er schien selbst nicht so recht zu wissen, was er sagen sollte und deshalb stammelte er nur irgendetwas vor sich hin. Er hatte Angst. Vielleicht war es auch so etwas wie ein Gewissen, was sich bei ihm meldete. Die Gespenster der Vergangenheit waren zurückgekehrt und verlangten nach Gerechtigkeit... Haines wich noch zwei Schritte zurück.

Leslie Morgan bemerkte sehr wohl, wie sich die Hand des Cowboys immer weiter in Richtung des Revolverholsters stahl, dass er an der Seite trug...

„Drei Jahre ist es jetzt her, seit meine Eltern und mein Bruder umgebracht und unsere Ranch niedergebrannt wurde!“, fuhr Leslie indessen fort. Dabei ließ der den Blick nicht von Haines, der noch immer nicht so recht verdaut zu haben schien, was vor sich sah. „Drei Jahre!“, sagte Leslie und die ganze Bitterkeit kam in ihm wieder hoch. „Und du warst dabei, Haines! Ich habe dich unter den Reitern gesehen!“

Haines atmete tief durch.

Er hörte, wie die anderen Männer zu tuscheln begannen.

„Er ist es!“

„Kein Zweifel, er ist es!“

„Hieß es nicht, alle Morgans wären umgekommen!“

Haines war schon fast bei der Schwingtür.

Er schien sich noch nicht entschieden zu haben, ob er den Revolver ziehen oder sich davonmachen sollte.

„Du bist hier, um Ärger zu machen, nicht wahr?“, fauchte er Leslie dann an, nachdem er einigermaßen Luft geschnappt hatte.

„Ich bin hier, um die Morgan-Ranch wieder aufzubauen“, erklärte Leslie kühl und setzte dann noch hinzu: „Und um Gerechtigkeit zu fordern! Du kannst meinetwegen gleich zu deinem Boss rennen, um ihm das zu sagen!“

„Du musst wahnsinnig sein, Morgan!“, zischte Haines.

„Das wird sich zeigen!“

Damit wandte Leslie sich zum Schanktisch um und sagte zu der blonden Saloonerin: „Geben Sie mir das Gästebuch, Miss, damit ich mich eintragen kann. Außerdem brauche ich eine Mahlzeit, die unter die Rippen geht und ein Bad. Ich habe die letzten vier Tage im Sattel verbracht!“

Erst hatte es so ausgesehen, als wollte Haines durch die Schwingtüren ins Freie.

Aber urplötzlich überlegte er es sich anders. Haines' Rechte ging griff blitzartig zum Revolver. Nur den Bruchteil einer Sekunde später krachte bereits der erste Schuss. Aber Haines hatte überhastet losgeballert.

Die Kugel durchschlug dicht neben Leslie den Schanktisch und ließ dessen Holz splittern. Gleichzeitig waren die Salooner in Deckung gegangen.

Leslie Morgan reagierte blitzschnell, duckte sich, riss den Colt heraus und feuerte gerade noch rechtzeitig zurück, um Haines am zweiten Schuss zu hindern.

Haines hatte die Kugel mitten in den Oberkörper bekommen. Die Wucht des Geschosses ließ ihn rückwärts durch die Schwingtüren taumeln.

Draußen fiel er schwer auf den Boden und schien sich nicht mehr zu rühren.

Einer der anwesenden Zecher erhob sich von seinem Platz beim Kartenspiel und rannte hinaus. Einige andere folgten ihm.

„Er ist tot!“, hörte Leslie einen von ihnen feststellen. Die Männer kamen wieder herein. Keiner sprach ein Wort. Und Leslie Morgan wusste, weshalb.

Sie empfanden so etwas wie Scham.

Sie alle hatten sich viel zu lange vor Dan Garth geduckt. Sie hatten weggeschaut, wenn Garth sich einen von ihnen vorknöpfte.

So wie damals, vor drei Jahren. Niemandem aus Amarillo wäre es eingefallen, Dan Garth wegen der Sache anzuklagen. Unruhige Zeiten kamen auf Amarillo zu und allen im Raum war das instinktiv klar.

„Bringen Sie mir das Essen auf''s Zimmer“, sagte Leslie Morgan zu der blonden Saloonerin, nachdem er bezahlt und einen Schlüssel mit der Nummer 7 erhalten hatte.

„Soll ich Ihnen das Zimmer zeigen?“

„Ich werd's schon finden.“

Damit nahm er seine Sachen vom Schanktisch und ging in Richtung Treppe.

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Leslie brauchte nicht lange zu warten, bis das Essen kam.

„Wo soll ich es Ihnen hinstellen?“, fragte die junge blonde Frau, während sie mit dem Tablett in der Hand im Türrahmen stand.

„Da, drüben, auf den Tisch!“

Sie nickte und ging an ihm vorbei, um das Tablett abzustellen.

„Ich hoffe, es ist Ihnen recht: Kaffee, Schinken, Speck, Eier...“

„Es ist großartig!“

„Sie sind ein bisschen spät dran für eine warme Mahlzeit. Sonst ist unsere Auswahl etwas größer!“

„Ich sagte doch: Es ist okay, Ma'am!“

Sie kam zurück zur Tür und blieb dicht Leslie stehen. Ihre blauen Augen musterten ihn aufmerksam. Dann sagte sie: „Ich will Ihnen nicht vorschreiben, was Sie zu tun haben, Mister Morgan! Aber vielleicht wäre es das Klügste, wenn Sie verschwinden, solange Dan Garth noch nicht seine Meute von Bluthunden zusammengetrommelt hat, um Sie zu erledigen!“

„Ich danke Ihnen für die Warnung, Miss...“

„Casey.“

Ein kurzes Lächeln ging über Leslie Morgans Züge, die in den vergangenen drei Jahren etwas Hartes bekommen hatten.

„Ich kann schon auf mich aufpassen, Miss Casey!“

„Sie haben einen von Garth' Männern erschossen.“

„Notwehr.“

„Was auch immer. Für Garth sind solche Dinge unerheblich.“

„Sorgen Sie dafür, dass ich morgen früh um sechs geweckt werde.“

„Das geht in Ordnung.“

Er sah ihr nach, als sie die Treppe hinunterging. Und dabei dachte er: Wenn sie vor drei Jahren schon hier in Amarillo gewesen wäre, wäre sie mir sicherlich aufgefallen... Sie musste danach gekommen sein.

Sie blickte noch einmal kurz um.

Dann drehte Leslie sich um und ging in sein Zimmer. Sorgfältig verschloss er die Tür hinter sich.

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Es dauerte keine zehn Minuten, da klopfte es wild an der Zimmertür.

„Wer ist da?“, fragte Leslie.

„Ich. Miss Casey!“

Leslie hatte gerade die letzten Bissen von der Mahlzeit hinuntergeschlungen, die Miss Casey ihm bereitet hatte. Er erhob sich von dem groben Holzstuhl, den er im Zimmer hatte und trat zur Tür.

„Was ist noch?“

„Ich muss Ihnen noch frische Bettwäsche bringen.“

Leslie schloß die Tür auf und blickte in der nächsten Sekunde in die blanke Mündung eines Revolverlaufs.

„Schön ruhig“, zischte eine heisere Stimme und Leslie erstarrte zur Salzsäule.

„Wheaton“, flüsterte er.

„Er hat mich dazu gezwungen“, war Miss Carey zu hören, deren Arm nach hinten gebogen war und sich im eisernen Griff einer behaarten Pranke befand.

Der Mann, der Miss Carey jetzt grob von sich stieß, sodass sie fast die Treppe hinunterfiel, musste von den Toten auferstanden sein.

„Verschwinde!“, knurrte er der Blonden hinterher, die ihn anstierte wie ein Ungeheuer.

Ihm fehlte ein Auge. Die leere Höhle war von einer dunklen Filzkappe bedeckt. Außerdem trug er jetzt einen Bart. Aber er war es, daran konnte es für Leslie Morgan nicht den geringsten Zweifel geben.

Bill Wheaton, vor drei Jahren noch Vormann der Garth-Mannschaft. Unvorstellbar, dass er noch auf zwei Beinen steht, ging es Leslie durch den Kopf.

Schließlich hatte er doch mit eigenen Augen gesehen, wie der Vormann der Garth-Mannschaft getroffen wurde...

„Ich hatte gedacht, Sie wären tot“, stellte Leslie kühl fest, nachdem er den ersten Schrecken verdaut hatte. Wheaton verzog sein entstelltes Gesicht.

„Dasselbe hatte ich von Ihnen gedacht, Morgan! Aber wie Sie sehen, habe ich überlebt! Auch wenn ich jetzt ein Krüppel bin...“

Er wandte kurz den Kopf und bellte zu Miss Casey hinab: „Verschwinde endlich!“

Sie gehorchte und ging hinab, Richtung Schankraum. Dann machte Wheaton eine Bewegung mit seinem 45er. Leslie ging ein paar Schritte zurück. Wheaton betrat humpelnd den Raum und schloss die Tür hinter sich.

Die ganze Zeit über hielt er den Revolver in Leslies Richtung.

„Gürtel abschnallen!“, knurrte er. „Aber schön vorsichtig. Eine dumme Bewegung und Sie sind tot!“

„Ein weiterer Mord?“, meinte Leslie. „Sie nehmen das nicht so genau, was? Und dass unten im Schankraum jede Menge Zeugen sind, die einen Schuss hören würden, macht Ihnen wohl auch nichts!“

„Wer spricht denn von Mord?“, lachte Wheaton.

Er zog seine Jacke zur Seite.

Zum Vorschein kam etwas metallisch blinkendes. Leslie Morgan glaubte, seinen Augen nicht zu trauen. Ein Sheriff-Stern an der Brust des Mannes, der seinen Bruder erschossen hatte!

Das hat Garth sich schlau ausgedacht, schoss es Leslie bitter durch den Kopf. Vor drei Jahren hatte es noch keinen Sheriff in Amarillo gegeben, aber auf die Dauer war das wohl nicht zu verhindern gewesen. Und so hatte Garth den Posten mit einem seiner Männer besetzt. Vermutlich wäre Wheaton nach den Verletzungen, die er davongetragen hatte, auch gar nicht mehr in der Lage gewesen, als Vormann auf einer Ranch zu arbeiten. Aber um für Dan Garth in Amarillo den Stern herumzutragen, reichte es immer noch!

„Alle Achtung“, meinte Leslie ironisch und pfiff durch die Zähne.

Leslie blieb nichts anderes übrig, als zu gehorchen und den Revolvergurt abzuschnallen. Die Waffe krachte schwer auf den Boden. „Wer hätte das gedacht...“

„Sie hätten nicht zurückkehren sollen, Morgan! Das war ein Fehler!“

Leslie musterte sein Gegenüber abschätzig.

Und dabei überlegte er fieberhaft, wie er sich aus dieser Klemme befreien konnte...

Er musste Zeit gewinnen.

„Und jetzt?“, fragte er. „Eine Kugel in den Kopf? Oder bringen Sie mich aus der Stadt und überlassen die eigentliche Arbeit anderen?“

„Wo denken Sie hin! Bei uns herrscht jetzt das Gesetz!“, erklärte Wheaton in einem Tonfall, der vor Zynismus troff. „Ich werde Sie erstmal in ein anderes, nicht ganz so luxuriöses Zimmer umquartieren! Und dann sehen wir weiter. Schließlich haben Sie einen Mann erschossen, das hat der ganze Saloon gesehen! Dafür sind schon Männer aufgeknüpft worden...“

„Es war Notwehr!“

„Wird sich zeigen...“

„Haben Sie was dagegen, wenn ich meinen Kaffee noch zu Ende trinke? Ich war gerade beim Essen...“ Leslie machte einen vorsichtigen Schritt in Richtung Tisch.

„Nochmal so eine Bewegung und du siehst so löchrig wie ein Waschbrett aus!“, zischte Wheaton.

Der Einäugige kam etwas näher.

Sein Gesicht hatte sich zu etwas verzogen, das er vielleicht für ein Lächeln hielt. Es gefiel ihm, den Mann in seiner Gewalt zu haben, den er dafür verantwortlich machte, dass er ein Krüppel war.

„Gehen wir!“, zischte er.

Leslie Morgan nickte und machte vorsichtig einen Schritt. Er tat so, als wollte er sich in Richtung Tür wenden. Dann ließ Leslie blitzschnell seine Linke vorschnellen. Mit traumwandlerischer Sicherheit packte er zu. Sein eiserner Griff ging um Wheatons Handgelenk und bog den Waffenarm zur Seite.

Ein Schuss krachte und ging in den Holzboden.

Und dann erstarrte der Mann mit dem Blechstern auf einmal. Sein Mund ging vor Schrecken einige Augenblicke lang nicht mehr zu.

Wheaton blickte direkt in die kleine, blanke Mündung des Derringers, den Leslie blitzschnell aus seiner Jackentasche gefingert hatte.

Leslie brauchte nichts weiter zu sagen. Er nahm Wheaton den 45er aus der Hand.

„Wen Sie mich erschießen, ist das Ihr Todesurteil“, sagte Wheaton. „Polizistenmord ist ein schweres Verbrechen!“

„Ich habe nicht vor, Sie zu erschießen!“

Wheatons Körperhaltung entspannte sich sichtlich.

„Was hält Sie davon ab?“

„Die Versuchung ist groß. Aber ich bin im Gegensatz zu Ihnen kein dahergelaufener Mörder!“ Leslie spuckte aus. „Auch der Stern an ihrem Hemd wird aus Ihnen nichts anderes machen! Und nun scheren Sie sich hinaus! Und wenn Sie das nächste mal etwas von mir wollen, dann melden Sie sich besser an!“

Er humpelte zur Tür.

Er wollte etwas sagen, aber die Worte blieben ihm im Hals stecken.

Er riss die Tür auf und hinkte auf den Flur.

In der Zwischenzeit ließ Leslie Morgan die Patronen aus Wheatons Revolver herausfallen. Sie klackerten eine nach der anderen auf den Boden.

„Hier!“, rief Leslie dann und warf Wheaton die entleerte Waffe zu. Im letzten Moment fing dieser sie auf und steckte sie ins Holster zurück.

Einen Moment später hörte Leslie ihn die Treppe hinunterhumpeln

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Wenig später kam Miss Casey noch einmal die Treppe hinauf zu Leslies Zimmer.

„Ihnen ist nichts passiert, Mister Morgan?“

Leslie grinste matt.

„Nein.“

„Gott sei dank. Wir alle da unten haben den Schuss gehört und als Wheaton dann zurückkehrte...“

„Ich habe nichts abbekommen.“

Miss Casey lächelte.

„Es tut mir leid, dass ich Sie nicht warnen konnte.“

„Schon gut, was hätten Sie schon tun sollen!“

Sie zuckte mit ihren schmalen Schultern.

„Ich weiß es nicht.“

„Na, sehen Sie!“

Sie sah ihn mit ihren blauen Augen an und sagte dann nach einer kurzen Pause: „Sie sind ein mutiger Mann, Leslie Morgan!“

„Danke.“

„Es gehört schon eine ganze Menge dazu, sich gegen Dan Garth und seine Schergen zu erheben.“

„Nun...“

Sie fasste ihn am Arm und ihre Stimme klang nun fast beschwörend.

„Trotzdem! Sie sollten verschwinden, solange man Sie noch lässt, Les!“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, ich habe vor, mich hier niederzulassen. Das Gesetz ist auf meiner Seite und es gibt nichts und niemanden, der mich daran zu hindern vermag!“

Sie stemmte ihre schlanken Arme in die Hüften und meinte dann: „Glauben Sie, Sie wären der erste, der einen Grund hätte, sich an Dan Garth und der Bande von Halunken, die mit ihm reitet und seine Drecksarbeit macht, zu rächen! Glauben Sie das wirklich? Wenn ich eine Chance sehen würde, gegen ihn vorzugehen, dann hätte ich sie schon genutzt! Aber dieser Mann sitzt hier in der Gegend einfach zu sicher im Sattel. Wenn Sie einen Prozess führen wollen, dann bestellt er gekaufte Zeugen. Und wer aufmuckt, der hat schneller eine Kugel im Kopf, als er für möglich hält und kein Hahn kräht mehr nach ihm!“

Der Ton der jungen Frau war bitter geworden.

Leslie horchte auf.

Seine Augen wurden schmal.

„Erzählen Sie weiter!“

Da war etwas Glitzerndes in ihren blauen Augen. Tränen.

„Was glauben Sie wohl, warum ich im Dead Indian arbeite? Es ist der kleinste Saloon von Amarillo, aber der einzige, der nicht Dan Garth gehört!“

„Was hat Garth Ihnen getan?“

Sie atmete tief durch. Ihr Blick ging nach innen. Schließlich sagte sie: „Er hat meinen Bruder Rick erschossen. Rick und ich kamen vor zwei Jahren nach Amarillo. Wir arbeiteten in einem einem von Garth' Saloons. Rick war Klavierspieler...“

Sie hielt inne.

Unsagbare Traurigkeit stand in ihrem Gesicht und Leslie legte sanft den Arm um ihre Schulter. Und dabei fragte er sich, was ein Mann wie Dan Garth wohl gegen Klavierspieler haben konnte.

„Was ist passiert, Miss Casey?“

„Garth war betrunken. Er torkelte durch den Saloon und ballerte mit seinem Revolver herum. Nur so zum Vergnügen. Aber eine verirrte Kugel traf Rick in den Rücken. Drei Tage später war er tot...“

Leslie strich der jungen Frau über das dichte blonde Haar und sagte: „Auch Dan Garth wird eines Tages eine Rechnung präsentiert bekommen, Miss Casey...“

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Am Morgen wurde Leslie durch ein barsches Klopfen an der Zimmertür geweckt.

Seine Hand griff instinktiv zum Derringer, den er unter den Kopfkissen liegen hatte.

„Wer ist da?“, fragte er.

„Ich bin's. Miss Casey! Ich sollte Sie um sechs Uhr wecken!“

Es dauerte nicht lange und Leslie Morgan tauchte vollständig angezogen im Schankraum auf.

Miss Casey hatte ihm ein Frühstück gemacht.

Nachdem sie es ihm auf einen der rohen Holztische gestellt hatte, setzte sie sich zu ihm.

Sie waren allein im Schankraum.

„Was haben Sie vor, Les?“

„Die Ranch meiner Eltern wieder aufbauen.“

„Wie wollen Sie das machen? Sie haben keine Rinder und keine Mannschaft.“

„Ich werde Rinder kaufen, sobald es dafür an der Zeit ist. In den drei Jahren, die ich weg war, habe ich hart gearbeitet und etwas gespart...“

„Rinder kann man kaufen, Les. Aber eine Mannschaft werden Sie nicht bekommen. Kein Mann im Umkreis von dreißig Meilen wird so dumm sein, für Sie zu arbeiten...“

„Nach und nach wird sich das schon ändern...“

„Sie sind wahnsinnig, Les!“

Leslie lachte.

„Sie unterschätzen mich gewaltig, Ma'am.“

„So?“

„Warten Sie es ab!“

„Und Garth? Glauben Sie, er wird ruhig zusehen, wie Sie hier Unruhe stiften?“

Ein Lächeln ging über Leslie Morgans Gesicht. Ein Lächeln, das Miss Casey nicht verstand, denn es hatte etwas Triumphierendes. Und von einem Triumph war dieser einsame Reiter doch weit entfernt.

Er hatte nicht einmal eine Chance.

„Sagen Sie bloß, Sie haben noch ein Ass unter Ihren Karten, Les!“

„Habe ich!“

„Verraten Sie es mir?“

Der Blick ihrer blauen Augen war warm. Leslie Morgan hatte so etwas lange nicht gesehen...

„Es gibt ein neues Gesetz“, erklärte er dann. „Die Zeit der freien Weide ist vorbei, auch wenn sich das noch nicht überall herumgesprochen hat und viele Rancher es einfach nicht wahrhaben wollen. Jeder kann jetzt das Land von der Regierung erwerben, es einzäunen und anschließend damit machen, was er will. Und ich habe mir einen Besitztitel besorgt. Mir gehört jetzt alles Land bis hinunter zum Bear Creek...“

Miss Casey hob die Augenbrauen.

„Ein Schlag in das Gesicht von Dan Garth!

„Es ist der Anfang von seinem Ende! Er braucht dieses Land, um seine Tiere hinüberzutreiben, wenn er nicht einen riesigen Umweg machen will. Und er braucht das Wasser des Bear Creek...“

„Er wird Sie dafür umbringen.“

„Er wird es versuchen“, korrigierte Leslie.

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Mit der Winchester über der Schulter ging Leslie Morgan die paar Schritte zum Mietstall von Doug Garrison, wo er sein Pferd für die Nacht untergestellt hatte.

Es war noch niemand wach.

Leslie ging in den Stall, nahm seinen Sattel und setzte ihm seinem Gaul auf den Rücken.

Dann bemerkte er eine Bewegung, irgendwo in einer der der Boxen. Eines der Tiere schnaubte und trat einen Schritt zurück. Im ersten Moment hatte Leslie an eine Ratte gedacht, aber dann sah er eine menschliche Gestalt aus dem Stroh auftauchen und sich die Augen reiben.

Der Mann war schwarz, seine Haare schon deutlich ergraut. Er starrte Leslie mit gerunzelter Stirn an und schüttelte dann stumm den Kopf.

„Mister Morgan!“

„McGhee!“

„So stimmt es also! Sie sind wieder da!“

„Ja. Und ich habe vor, zu bleiben!“

John McGhee kam aus der Box heraus, ging auf Leslie Morgan zu und fasste ihn bei den Schultern.

„Es freut mich, Sie zu sehen!“

„Das Geld für den Gaul haben Sie hoffentlich erhalten!“

„Habe ich.“

Als die erste Wiedersehensfreude verflogen war, musterte Leslie sein Gegenüber nachdenklich. „Was machen Sie um diese Zeit hier im Stall, McGhee?“

„Doug Garrison ist so nett und hat mir gestattet, hier zu schlafen!“ McGhee zuckte die Achseln.

„Was ist mit Ihrer Farm?“

„Dan Garth hat in den letzten Jahren seine Herde stark vergrößert. Und meine Farm war ihm im Weg. Er wollte, dass meine Frau und ich verschwinden. Aber das wollten wir nicht. Anderswo nochmal von vorne anfangen, dazu bin ich zu alt!“

Seine Stimme wurde brüchig.

Leslie legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Was ist geschehen?“

„Eines Tages hat er einige hundert Longhorns über mein Land gehetzt, die haben meine Farm in Grund und Boden getrampelt! Meine Frau und ich konnten kaum mehr als das nackte Leben retten. Sie ist dann kurze Zeit später gestorben. War wohl einfach zuviel für sie...“

„Das tut mir leid!“

„Das war vor einem halben Jahr“, fuhr McGhee fort. „Und ich schlage mich seitdem mit Gelegenheitsjobs so durch. Aber wer will ein paar alte Knochen schon einstellen und dafür bezahlen?“

Leslie steckte seine Winchester in den Sattelschuh und überlegte einen Augenblick. Dann sagte er: „Ich kann einen Mann gebrauchen. Aber es wird nicht ungefährlich, denn was ich vorhabe, wird Dan Garth nicht gefallen!“

McGhee ballte unwillkürlich die Hand zu Faust.

„Dann bin ich auf jeden Fall dabei“, meinte er. „Fragt sich nur, ob Sie einen alten Mann wie mich überhaupt gebrauchen können!“

Ein mattes Lächeln ging über Leslies Gesicht.

„Wie man Zäune aufstellt, wissen Sie doch noch, oder?“

„Sicher.“ McGhee atmete tief durch und fuhr schließlich fort: „Ich habe nicht einmal eine Waffe, Mister Morgan!“

„Ich besorge eine. Bevor es losgeht, muss ich ohnehin noch einkaufen! Und einen Gaul können wir sicher im Mietstall bekommen.“

McGhee nickte langsam.

„Worum geht es? Was haben Sie genau vor, Mister Morgan?“

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Leslie Morgan hatte Werkzeug und eine Winchester gekauft. Die Waffe gab er McGhee.

Als die beiden Männer dann auf ihren Pferden saßen und die Main Street von Amarillo entlangritten, standen schon einige der Städter am Straßenrand und begafften sie.

Eine Mischung aus Bewunderung und Unverständnis stand auf den Gesichtern dieser Leute.

„Ich schätze, die haben schon Wetten darauf abgeschlossen, wie lange wir am Leben bleiben“, raunte McGhee. „Wahrscheinlich hat keine Seele auch nur einen Cent auf uns gesetzt!“

Leslie lächelte dünn.

„Schon möglich. Aber die meisten von ihnen werden ihr Geld dabei verlieren...“

„Sie haben eine Menge Vertrauen in die Zukunft“, brummte McGhee.

„Warum auch nicht?“, erwiderte Leslie. „Ich habe einen guten Plan und den Willen, ihn durchzusetzen.“ Leslie Morgan blickte McGhee einen Augenblick lang prüfend an. „Wenn Ihnen die Sache jetzt doch zu heiß ist, McGhee, dann können Sie immer noch umkehren.“

„Ich soll Sie im Stich lassen? Sie kennen mich aber schlecht!“

„Ich wollte es nur gesagt haben.“

„Das haben Sie ja jetzt. Und fangen Sie nie wieder davon an!“

„Wie Sie wollen, McGhee!“

„Ich war innerlich schon so gut wie tot. Aber jetzt lebe ich wieder!“

Sie ritten völlig unbehelligt die Main Street entlang. Insgeheim hatte Leslie damit gerechnet, dass Bill Wheaton, der einäugige Sheriff, ihnen vielleicht noch einmal in den Weg treten würde.

Aber der Sternträger zog es vor, in seinem Office zu bleiben. Leslie ritt mit McGhee zunächst in Richtung der alten Morgan Ranch. Vielleicht waren noch Dinge zurückgeblieben, die man verwenden konnte. Ein Pferdewagen zum Beispiel. Aber es war genauso gut möglich, dass alles nach und nach ausgeplündert worden war.

Die Tiere der Ranch, die aus dem brennenden Stall geflohenen Pferde und die Rinder waren sicher in den Beständen von Garth und Shaw aufgegangen...

Ein beklemmendes Gefühl machte sich bei Leslie bemerkbar, als sie jenen Hügel endlich erreichten, auf dem einst die Morgan-Ranch gestanden hatte.

Verkohlte Ruinen, mehr war nicht geblieben. Und die Asche hatte der Wind weit in die Umgebung gestreut. Eine gespenstische Stille lag über diesem Ort und McGhee bemerkte sehr wohl, wie sehr Leslie das alles mitnahm. Leslie stieg von seinem Pferd und stand eine Weile lang einfach nur stumm da. Ein kühler Wind pfiff von Nordwesten her über das Grasland. Die schrecklichen Bilder stiegen in ihm wieder auf, jene Bilder die er nie vergessen würde. Das Feuer, die Schüsse...

„Ich verstehe, was Sie empfinden“, sagte McGhee, der neben ihn getreten war und ihm eine Hand auf die Schulter gelegt hatte. Leslie schwieg.

Vielleicht verstand McGhee es wirklich. Schließlich hatte er auch alles verloren. Durch Garth.

„Ich werde alles wieder aufbauen“, versprach Leslie schließlich. Dann deutete er auf einem umgestürzten Pferdewagen mit gebrochener Achse, der etwas abseits vom Ranchhaus lag.

„Was glauben Sie, bekommen wir den wieder flott, McGhee?“

„Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn wir das nicht schaffen!“, erwiderte der Schwarze.

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Sie arbeiteten den ganzen Vormittag an dem Wagen und hatten ihn schließlich auch so gut wie fertig. Um Zäune zu ziehen, musste man die Pflöcke irgendwie transportieren und das ging mit einem Wagen einfach entschieden besser, als zu Pferd. McGhees Gaul sollte das Gefährt ziehen.

Dann tauchten am Horizont plötzlich dunkle Punkte auf, die sich rasch bewegten und größer wurden.

Reiter.

Mindestens ein Dutzend.

„Das wird Dan Garth's Meute sein“, flüsterte McGhee. Und bei aller Entschlossenheit klang in seiner Stimme Furcht mit. Er zog die Winchester aus dem Sattelschuh und lud das Gewehr mit einer energischen Bewegung durch.

Leslie pfiff durch die Zähne, als er die Ankömmlinge sah.

„Hat sich schnell herumgesprochen“, murmelte er. „Ich bin kaum hier und Dan Garth wird schon nervös...“

„Aber jetzt wird es ernst“, erklärte McGhee. „Am besten, ich hole gleich ein paar von denen aus dem Sattel, dann wissen sie, woran sie sind!“

Der Schwarze hob grimmig die Winchester, aber Leslie hielt ihn zurück.

„Nein, McGhee! Wir werden erst einmal abwarten, was sie wollen!“

Indessen war die Meute herangekommen.

Dan Garth' hagere Gestalt war deutlich zu erkennen. Der Rancher zügelte in einiger Entfernung sein Pferd und schob sich den Hut in den Nacken.

Seine Augen glitzerten kalt.

Das Erstaunen darüber, Leslie Morgan tatsächlich lebend vor sich zu sehen, konnte einigermaßen verbergen. Anders dagegen Carter, sein neuer Vormann.

„Wie ist das möglich, Boss? Wir haben ihn doch da liegen sehen, den Bastard“, raunte er Garth zu. „Verdammt, ich kann es nicht glauben!“

„Halt's Maul!“, zischte Garth.

Leslie und McGhee standen hinter dem Wagen, der aber nur notdürftige Deckung bot, falls es zum Kampf kam. Der Schwarze hielt die Winchester fest umklammert. Leslie ließ den Blick über die Garth-Mannschaft streifen und stellte fest, dass die Hände bei den Colts waren. Ein oder zwei der Kerle hatte ihre Gewehre aus den Sätteln gezogen und hielten sie im Anschlag.

Kein Zweifel, Garth und seine Meute hatten sich nicht nur aus reiner Neugier herbemüht.

„Sieh da, so sieht man sich wieder“, eröffnete Leslie ruhig.

„Es wundert mich, Sie hier zu sehen, Morgan“, erwiderte Garth. Seine Stimme klirrte wie Eis.

Leslie hob die Augenbrauen.

„Ich hatte Glück.“

„Sie sollten es nicht überstrapazieren. Wie auch immer Sie es geschafft haben, am Leben zu bleiben - es war ein Fehler, in dieses Land zurückzukehren...“

„Ich kann schon verstehen, dass ich Sie nervös mache, Garth!

Und Sie sollten nicht glauben, dass der Mord an meinen Eltern und meinem Bruder vergessen ist! Dafür werden Sie schon noch bezahlen!“

Garth verzog das Gesicht zu einem hämischen Grinsen.

„Wie Sie vielleicht gemerkt haben, haben wir inzwischen sogar einen Sheriff in Amarillo. Wenn Sie etwas vorzubringen haben, dann wenden Sie sich doch an ihn lassen mich verhaften!“

Einige der Kerle lachten hässlich.

„Solange einer Ihrer Bluthunde hier den Stern trägt dürfte das wohl wenig Sinn haben“, erwiderte Leslie kühl.

„Sehr richtig“, nickte Garth. „Und auch sonst könnte ich jederzeit ein Dutzend Zeugen aufbieten, die...“

„Was wollen Sie eigentlich von mir, Garth?“, unterbrach Leslie Morgan hart. Und der Rancher sah ihn einen Moment lang verwundert an.

„Verschwinden Sie, Morgan! Hier ist kein Platz für Sie!“

„Nur, um mir das zu sagen, Sind Sie hier hergekommen? Die Mühe hätten Sie sich sparen können!“

Leslie Morgan trat hinter dem Wagen hervor, direkt auf Dan Garth zu, der ihn mit zusammengekniffenen Augen anstarrte. Kurz vor Garth' Pferd blieb Leslie stehen.

Die Männer des Ranchers hatten sich indessen etwas verteilt und McGhee blickte sich hilfesuchend um. Die Winchester würde ihm kaum etwas helfen, wenn es zum Kampf kam. Ein Hagel von Geschossen würde auf Leslie und McGhee niederprasseln und die beiden Männer zerfetzen. Leslie Morgan sah Garth direkt in die Augen. „Ich habe vor, die Ranch meiner Eltern wieder aufzubauen, Garth!“

„Schlagen Sie sich das aus dem Kopf.“

„...und da Sie schon einmal hier sind, kann ich Ihnen auch gleich folgendes mitteilen: Ich habe das Land bis zum Bear Creek gekauft!“ Leslie holte aus der Innentasche seiner Jacke ein Papier heraus und hielt es Garth unter die Nase. Der Rancher warf nur einen flüchtigen Blick darauf und spuckte dann aus.

„Was kümmert mich dieser Wisch! Hier galt immer die freie Weide!“

„Mag sein. Das ist aber nun vorbei! Vielleicht kümmert Sie dieser Wisch nicht, aber fest steht, dass ich als Eigentümer dieses Landes eingetragen bin, während Sie wahrscheinlich noch nicht einmal einen Besitztitel über den Grund haben, auf dem Ihre Ranch steht!“

Dan Garth' Gesicht wurde puterrot.

Man konnte förmlich sehen, wie es in dem Rancher zu kochen begann. Dieser einsame Reiter war nicht so verrückt, wie es zunächst den Anschein gehabt hatte. Er hatte ein paar Trümpfe im Ärmel und verstand sie auszuspielen.

„Sie sind ein toter Mann, Leslie Morgan!“, zischte Dan Garth düster.

Leslie packte die Urkunde wieder weg. „Ich werde Zäune ziehen, Garth! Und ich habe das Gesetz dabei auf meiner Seite! Jeder Richter wird das anerkennen!“

„Ich kann auf das Wasser vom Bear Creek nicht verzichten“, knurrte Garth. „Aber das weißt du kleine Ratte wohl! Ein genialer Plan, um mich fertzigzumachen!“ Garth lachte plötzlich rau und schlug sich auf die Schenkel. „Er hat nur einen Fehler! Du wirst tot sein, ehe du ihn verwirklichen kannst!“

Dan Garth griff zur Seite, um den Revolver herauszureißen. Und auch seine Männer griffen zu den Eisen.

Für sie war das Verhalten des Ranchers das Signal gewesen, auf dass sie lange gewartet hatten.

Sekundenbruchteile später blickten McGhee und Leslie in ein Meer von Mündungen.

Aber Dan Garth feuerte nicht.

Er hatte die Waffe noch nicht einmal ganz hochgerissen, da spürte er einen leichten Druck an seinem Bauch. Es war Leslies Linke, in der sich sein Derringer befand. Wahrscheinlich hatte er er die kleine Waffe die ganze Zeit über in seiner großen Pranke verborgen.

Jedenfalls war Dan Garth klar, dass er weder McGhee noch Leslie Morgan töten konnte, ohne selbst dran glauben zu müssen.

„Sagen Sie Ihren Leuten, dass sie die Eisen einstecken sollen“, sagte Leslie leise.

„Steckt die Waffen weg!“

„Aber, Boss!“

„Tut, was ich sage! Sonst drückt er seinen Derringer ab!“ Dan Garth war zweifellos ein harter Mann, aber im Moment schwang ein Anflug von Panik in seiner Stimme mit. Die Männer steckten die Waffen weg.

Leslie nahm Garth den Colt aus der Hand.

„Absteigen!“, zischte er dann. „Aber ganz langsam!“

Dan Garth wusste, dass er keine andere Wahl hatte, als zu gehorchen.

Leslie steckte den Derringer ein, packte Garth beim Kragen und zog ihn vom Pferd herunter. Garth spürte die Revolvermündung im Rücken und wusste, dass jeder Widerstand zwecklos war.

„Na, worauf warten Sie noch, Morgan! Warum drücken Sie nicht einfach ab? Das würden Sie doch am liebsten, oder?“

„Sagen Sie Ihren Männern, dass sie verschwinden sollen! Sie sollen zur Ranch zurückreiten!“

Garth atmete tief durch.

Dann rief er: „Verschwindet!“

Carter meldete sich zu Wort.

„Ist das Ihr Ernst, Boss?“„

„Nun macht schon! Reitet zurück zur Ranch! Dieser Wahnsinnige jagt mir sonst eine Kugel in den Rücken!“

Man konnte Carter ansehen, wie sehr er das hasste, was er jetzt zu tun hatte. Er knurrte etwas Unverständliches vor sich hin, dann riss er seinen Gaul herum und gab den Männern das Zeichen zum Aufbruch. Sie gehorchten.

Es dauerte nicht lange und die ganze Meute war hinter dem Horizont verschwunden.

„Wenn Sie mich töten, werden meine Leute Sie wie einen Hasen jagen, Mister Morgan!“, zischte Garth in ohnmächtiger Wut.

Auf Leslies Gesicht zeigte sich daraufhin nur ein müdes Lächeln.

„Glauben Sie wirklich?

„Sie können sich darauf verlassen!“

„Ich werde Sie nicht töten, Garth! Aber ich werde dafür sorgen, dass Ihre Herrschaft über dieses Land zu Ende geht! Und Sie werden nichts dagegen tun können!“

„Nehmen Sie den Mund nicht reichlich voll?“

Leslie ließ Garth einfach stehen und wandte sich dem Pferd zu, mit dem der Rancher gekommen war.

McGhee richtete indessen seine Winchester auf den Rancher und hielt ihn in Schach.

Leslie klopfte dem Tier den Hals ab.

Es war ein edles Tier.

Auf der Stirn hatte es eine eigentümliche, schwarz-weiße Zeichnung, die es unverwechselbar machte. „Ein Pferdedieb sind Sie inzwischen also auch schon...“, murmelte Leslie bitter, denn er hatte das Tier sofort wiedererkannt.

Es war das Pferd seines Vaters gewesen.

Leslie hatte noch gut in Erinnerung, wie schwer es gewesen war, den Mustang zuzureiten. Eine ganze Woche hatte Caleb Morgan dafür gebraucht.

Offenbar hatte das Tier bei dem Überfall aus dem brennenden Stall entkommen können.

„Das Tier trägt mein Brandzeichen!“, knirschte Dan Garth zwischen den Zähnen hindurch.

Leslies Augen wurden schmal, als er einen Blick auf das Hinterteil des Tieres warf.

„Das sieht doch ein Blinder, dass daran herumgepfuscht wurde“, stellte er kalt fest.

Dann schnallte er dem Tier den Sattel ab, nahm die Winchester aus dem Futteral und warf ihn Dan Garth anschließend vor die Füße.

„Was soll das, Morgan?“

„Im Gegensatz zu Ihnen ist mir fremdes Eigentum heilig. Nehmen Sie Ihren Sattel und verschwinden Sie...“

Garth stand mit offenem Mund da.

„Na, los, hören Sie schwer!“, mischte sich McGhee ein. „Sehen Sie zu, dass Sie wegkommen, ehe Mister Morgan es sich anders überlegt und Sie doch noch über den Haufen schießt! Grund genug hätte er dazu ja wohl!“

Dan Garth schluckte.

So schlimm war er noch nie gedemütigt worden. Aber diesem dahergelaufenen Paar würde er es schon zeigen!

Der Rancher schulterte also knurrend den Sattel und zog davon.

Als er ein paar Dutzend Yards zwischen sich und Leslie Morgan gelegt hatte, schrie er noch: „Das werden Sie bereuen, Morgan! Das werden Sie bitter bereuen!“

„Puh!“, meinte McGhee indessen an Leslie gewandt. „Ich habe ganz schön gezittert. Dann lachte er rau. „Aber Dan Garth auch - und das war es wert!“

„Es wird hart werden“, versprach Leslie Morgan düster. „Sehr hart...“

„Allein werden wir es schwer haben! Wäre nicht schlecht, wenn wir noch ein paar Verbündete hätten!“, gab John McGhee seiner Überzeugung Ausdruck.

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Ich bringe ihn um!“, schrie Dan Garth, noch immer außer sich vor Wut. Er befand sich inzwischen wieder auf seiner Ranch. Einer seiner Cowboys hatte den Rancher aufgelesen und nach Hause gebracht.

Zusammen mit Carter saß er in der Wohnstube.

„Sie hatten uns befohlen, nichts zu unternehmen“, erwiderte der Vormann schwach.

„Sicher“, knurrte der Rancher und ließ erneut die Faust auf den Tisch sausen.

„Sie währen nicht unverletzt davongekommen, wenn wir uns geregt hätten“, erklärte Carter kühl. „Das sollten Sie bedenken.“

Dan Garth atmete tief durch.

Sein Koch ziemlich beleibter und fast zwei Metzer große Koch stellte ihm indessen sein Essen hin. Aber Garth schien nicht besonders viel Appetit zu haben. Nach ein paar Bissen schob er den Teller bei Seite.

Carter strich sich unterdessen über den dünnen Oberlippenbart und lehnte sich zurück.

„Sie sollten sich so schnell wie möglich auch eine Besitzurkunde über Ihr Land besorgen, Mister Garth!“

„Was redest du da! Ich habe diese Ranch aufgebaut, meine Rinder grasen hier seid zwanzig Jahren! Verdammt nochmal, ich denke nicht daran!“

„Das sollten Sie aber, Boss! Ich habe auch schon von diesem neuen Gesetz gehört. Gerüchteweise, aber immerhin. Und es werden andere kommen, um sich hier festzusetzen. Genau wie Garth werden sie ein Papier in der Tasche tragen, das Ihnen jedes Recht dazu gibt! Und da wird Ihnen auf die Dauer auch Sheriff Wheaton nicht helfen können!“

Garth blickte seinen Vormann wütend an.

Aber dann nickte der Rancher.

Carter hatte recht.

„Ich werde mich darum kümmern“, brummte er.

„Und zwar so schnell wie möglich, Boss!“

„Sicher.“

„Aber zuerst werde ich dafür sorgen, dass dieser Leslie Morgan mir hier nicht mehr auf der Nase herumtanzt!“

Carter machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Der wird eine Weile brauchen, um seine Zäune zu ziehen. Schließlich hat er nur diesen alten Schwarzen als Hilfe!“

„Trotzdem“, erwiderte Garth. „Wenn ich hier nicht sofort hart durchgreife, werden andere in der Gegend ebenfalls versuchen, sich gegen mich zu erheben.“

„Was schlagen Sie vor, Boss?“

„Er bekommt eine Kugel in den Kopf. Wie viel Männer brauchst du, um das zu erledigen, Carter?“

Ein zynisches Grinsen ging über Carters Gesicht.

„Ich suche mir ein paar gute Schützen aus, okay?“

In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen.

Ein Mann kam herein. Es war Kendall, einer von Garth' Cowboys. Er hielt sich die Schulter und als er sich herumdrehte, war zu sehen, dass sie blutrot war...

Carter pfiff durch die Zähne.

„Scheint, als gäbe es noch mehr Ärger“, meinte er, während der Cowboy sich auf einen der Stühle fallenließ.

„Was ist passiert?“, fragte Dan Garth mit einem Gesicht, das wirkte, als wäre es zu Granit erstarrt.

„Es war auf der Nordweide“, berichtete Kendall. Er keuchte. Seine Wunde sah schlimm aus, aber dafür hatte Garth kein Auge.

„Weiter!“, forderte er.

„Shaw tauchte mit seinen Leuten auf. Ehe wir uns versahen waren fünf von uns tot!“

Inzwischen kam der riesige Koch herbei und stellte Kendall eine Whiskeyflasche hin. Dieser nahm einen ausgiebigen Schluck, ehe er fortfuhr.

„Es kam zur Schießerei“, raunte er. „Ich bin der einzige, der überlebt hat!“

„Verdammt!“

Garth' flache Hand knallte auf den Tisch.

Das hatte ihm gerade noch gefehlt!

„Nicht genug, dass dieser größenwahnsinnige Leslie Morgan aus der Versenkung auftaucht - jetzt haben wir auch noch einen handfesten Weidekrieg am Hals!“

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Wir haben eine Menge Glück gehabt und ich frage mich, ob wir uns dauernd darauf verlassen sollten“, meinte McGhee, als sie am Abend zur Stadt zurückkehrten. Er saß auf dem Kutschbock des Pferdewagens, den sie zuvor flottgemacht hatten. Leslie Morgan hob die Augenbrauen

„Bis jetzt läuft es doch nicht schlecht“, meinte er. „Ich weiß gar nicht, was Sie so herumjammern, McGhee!“

„Liegt vielleicht an dem riesigen Loch, das sich in meinem Magen befindet!“

Sie hatten damit angefangen, einen Zaun zu ziehen und und den ganzen Tag hart gearbeitet.

Weder die Leute von Garth noch Shaws Mannschaft hatten sie dabei behelligt.

Es war schon fast etwas zu glatt gegangen.

Von Amarillo her kam jemand auf sie zugeritten. Leslie Morgan zügelte sein Pferd und zog sich den Hut etwas ins Gesicht, um besser gegen die tiefstehende Abendsonne blicken zu können.

Er sah die lange blonde Mähne im Wind sehen und dann wusste er, wer da kam.

Miss Casey.

Sie war eine passable Reiterin, auch wenn das tief ausgeschnittene Kleid mit den bauschigen Röcken, das sie im Saloon trug, nicht unbedingt als Reitkleidung taugte. Als sie Leslie und McGhee erreicht hatte, zügelte sie ihren Gaul.

„Was gibt es? Sie reiten ja wie der Teufel!“, sagte Leslie.

„Im Dead Indian warten ein paar üble Kerle auf Sie, Les! Reiten Sie nicht weiter!“

„Was sind das für Kerle?“

„Leute von Dan Garth natürlich. Sie sind in den Saloon gekommen, haben die Gäste verjagt und jetzt warten Sie dort auf Ihre Rückkehr. Ich konnte mich unter einem Vorwand davonmachen...“

„Dan Garth hat nicht lange gewartet“, kommentierte John McGhee grimmig.

Leslies Blick hing indessen an Miss Caseys wunderschönen blauen Augen. Er mochte diese Augen. Es war unmöglich zu sagen, warum, aber fühlte sich von ihnen magisch angezogen.

„Ich danke Ihnen für die Warnung“, sagte er dann sehr ruhig. Sie strich sich die Strähnen aus dem Gesicht und rief: „Es geht um Ihr Leben, Les! Um Ihres und das von Ihrem schwarzen Freund! Verschwinden Sie so schnell wie möglich! Für die Nacht werden Sie sicher irgendwo ein Versteck finden können!“

Aber Leslie schüttelte energisch den Kopf. „Ich bin einmal davongelaufen. Damals, vor drei Jahren. Aber da hatte ich keine andere Wahl und außerdem ein paar Kugeln im Körper...“

„Les...“

„Wie viele Männer sind es?“

„Fünf oder sechs.“

„Haben Sie eine Ahnung, wo sie ungefähr stecken?“

„Es ist sicher jemand in Ihrem Zimmer, denn sie haben sich die Zweitschlüssel genommen.“

„Gut, dass ich das weiß, Ma'am!“

„Zwei gegen sechs. Das werden wir schon schaffen!“, erklärte McGhee zuversichtlich.

Und Miss Casey ergänzte: „Wir sind zu dritt! Ich kann sehr wohl mit einer Winchester umgehen!“

Aber davon wollte Leslie Morgan nichts wissen. Er wusste es wohl zu schätzen, dass Miss Casey und McGhee auf seiner Seite standen.

Aber gegen Dan Garth' eisenharte Bluthunde hatten die beiden keine Chance. Sie würden ihnen nur ins offene Messer rennen. Und das wolle Leslie auf keinen Fall zulassen.

„Nein“, sagte er. „Das werde ich allein erledigen...“

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Es war kaum etwas los in Amarillo und das war für die Tageszeit schon recht merkwürdig.

Aber Leslie Morgan spürte die Blicke, die auf ihn gerichtet waren.

Die Städter saßen an den Fenstern und lauerten. Und sie hätten seelenruhig zugesehen, wie Leslie Morgan in seinen Tod ritt. Sie hatten das kommende Unheil gespürt wie ein aufziehendes Gewitter und sich verkrochen, um nichts abzubekommen. Man konnte es ihnen nicht verdenken.

Kurz bevor jener Teil der Main Street begann, an dem der Dead Indian-Saloon lag, bog Leslie in eine Seitenstraße ein. Er hatte nicht die geringste Lust, der Meute direkt in die Arme zu laufen.

Er ritt die Seitenstraße ein Stück entlang, zügelte dann sein Pferd und machte es irgendwo fest. Dann überprüfte die Ladung seines 45er Colts und ging weiter, bis er die Rückfront des Dead Indian zu sehen bekam.

Leslie blickte sich um.

Nirgends war eine Menschenseele zu sehen.

Aber wenn sie schon mit sechs Mann ankamen, um ihn zur Strecke zu bringen, dann war es ziemlich wahrscheinlich, dass einer der Kerle den Auftrag hatte, dafür zu sorgen, dass er sich nicht von hinten in den Saloon schlich.

Vor dem Saloon befand sich ein unansehnliches Lagerhaus, von dessen Dach aus man in die Zimmer des Obergeschosses vom Dead Indian gelangen konnte.

Leslie fackelte nicht lange, sondern begann hinaufzuklettern. Von einem herumstehenden Pferdewagen aus bekam er einen überhängenden Balken zu fassen. Von dort aus war es eine Kleinigkeit.

Leslie stand auf dem zum Glück nicht allzu schrägen Dach des Lagerhauses und ging dann vorsichtig in Richtung Saloon. Zum Glück gab es im Dead Indian kein Fenster, von dem aus man ihn im Moment sehen konnte.

Dann setzte Leslie zum Sprung über die vielleicht zwei Meter an, die zwischen Saloon und Lagerhaus lagen. Er landete auf dem Dach der hinteren Veranda und rutschte beinahe ab. Aber nur beinahe.

Er krallte sich irgendwo fest und und presste sich an das Holz. Einige Augenblicke lang verhielt er sich dann ganz ruhig, denn er hatte jetzt eine Menge Krach gemacht und konnte nur hoffen, dass die Kerle, die da drinnen auf ihn warteten, die Geräusche für etwas Harmloses hielten.

Dann ging es weiter.

Leslie erhob sich.

Vor ihm lagen die Fenster der Rückfront-Zimmer. Eine Kleinigkeit, eins davon hochzuschieben und einzusteigen. Aber wenn es das falsche war, dann war er tot. Leslie nahm den Revolver in die Rechte, schob eines der Fenster hoch und stieg vorsichtig ein.

Drinnen herrschte Halbdunkel

Aber es war niemand dort.

Leslie hörte aus den anderen Räumen Stimmen.

„Hey, Bud, war da nicht etwas?“

„Du hörst Gespenster!“

„Der verdammte Bastard lässt sich aber 'ne Menge Zeit!“

„Er wird schon kommen! Pass lieber auf, dass du den Moment nicht verpasst! Du hast ja gesehen, wie gefährlich und schnell er ist. Der erste Schuss muss sitzen. Wir werden ihm keine Chance lassen!“

Jemand ging mit schweren Schritten den Flur entlang und dann die Treppe hinunter.

Er pfiff dabei vor sich hin.

Leslie wartete noch einen Moment, dann öffnete er vorsichtig die Zimmertür.

Durch den Spalt konnte er niemanden sehen. Die Luft schien rein zu sein.

Also öffnete er die Tür ganz und trat hinaus. Sein Blick ging hinüber zu seiner eigenen Zimmertür, der Nummer 7.  Miss Casey hatte gesagt, dass dort einer der Kerle zu finden war.

Den würde er sich zuerst vornehmen.

Er schlich sich heran und spannte den Hahn des 45ers in seiner Rechten.

Die Tür stand sogar einen Spalt offen, durch den man allerdings nichts sehen konnte. Mit einer schnellen Bewegung riss Leslie die Tür auf.

Vor ihm tauchte ein völlig verdutzter dunkelhaariger Mann auf, der sich auf Leslies Bett gelegt hatte und gerade damit beschäftigt war, Patronen in das Magazin einer Winchester hineinzuschieben.

Leslie kannte den Kerl.

Er hieß Bates und war schon ziemlich lange bei Garth' Mannschaft. Einer von denen, der sich nicht zu fein für die Drecksarbeit waren.

Auch, wenn es um besonders dreckige Arbeit ging. Der Dunkelhaarige hielt mitten in der Bewegung inne, als er die Revolvermündung erblickte.

Alles hing einen Moment lang in der Schwebe.

„Ein Laut und du bist tot!“, zischte Leslie Morgan, während er hinter sich die Tür schloß. Ein dünnes Lächeln ging über sein Gesicht. „So schnell hast du nicht mit mir gerechnet, was?“

Bates wagte es nicht, auch nur einen einzigen Muskel zucken zu lassen.

Und das war gut so.

Leslie Morgan ging zu ihm hin, nahm ihm die Winchester aus der Hand und zog ihm den Colt aus dem Holster. Leslie öffnete den Revolver und ließ die Patronen auf den Boden klackern. Dann warf er dem dunkelhaarigen Bates die Waffe wieder hin.

Dasselbe machte er mit der Winchester.

Bates runzelte die Stirn.

„Was soll das?“, fragte er.

„Abwarten.“

„Wenn du jetzt abdrückst, werden die anderen es hören. Dann bist du ein toter Mann, Morgan!“

„Du allerdings auch.“

Bates machte die Augen schmal. In seinem Gesicht stand Verwunderung. Verwunderung darüber, dass Leslie Morgan ihn nicht gleich umgebracht hatte.

„Was... was hast du vor?“

„Steh auf!“, befahl Leslie.

Bates gehorchte.

„Und dann?“

„Zur Tür. Und dann den Flur entlang und die Treppe hinunter. Wo sind die anderen?“

„Im Schankraum. Unten.“

„Alle?“

„Ja.“

„Wir gehen zusammen nach unten in den Schankraum, wo deine Freunde warten!“

„Du bist wahnsinnig!“

Leslie lachte rau.

„Sie werden mir schon nichts tun. Schließlich wirst du vorangehen, Bates!“

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Bates, was zum Teu...“

Die Kerle wirbelten herum und erstarrten mitten in der Bewegung, als Leslie mit Bates die Treppe hinunterkam. Carter, der Vormann saß an einem der Tische und hatte sich gerade ein Glas Whiskey eingegossen.

Zwei finstere Kerle saßen bei ihm, beide mit einer Winchester auf den Knien.

Ein hochgewachsener Rotschopf stand beim Schanktisch und starrte Leslie an, als stünde der Leibhaftige vor ihm. Einer kam von draußen herein und erstarrte dann ebenfalls. Er hatte wohl auf der Straße Posten bezogen, um rechtzeitig Bescheid zu geben, wenn der Mann, den sie umbringen wollten, herannahte.

„Keiner bewegt sich!“, sagte Leslie ruhig.

Einen Moment lang hing alles in einer gefährlichen Schwebe. Die Wölfe blickten zu Carter hinüber. Leslie wusste nur zu gut, dass es auf den Vormann ankommen würde.

Zog er, würden sie alle ziehen.

„Was soll das werden, Morgan?“, zischte Carter gallig und strich sich dabei über den dünnen Oberlippenbart. In dem bleichen Gesicht zuckte es. Die Augen blitzten gefährlich. Er tat, als wollte er zum Whiskeyglas greifen, aber seine Hand ging zum Revolver.

Er riss das Eisen heraus und ballerte los.

„Nein!“, gellte ein Schrei. Das war Bates, der in Panik geriet. Carter war unglaublich schnell, aber sein erster Schuss traf nicht Leslie Morgan, sondern Bates, der getroffen zusammensackte und die Treppe hinunterrutschte. Zu einem zweiten Schuss kam der Vormann der Garth-Mannschaft nicht mehr. Leslie hatte seinen 45er Colt abgefeuert und ein Sekundenbruchteil später war mitten auf Carters Stirn ein roter Punkt zu sehen, der rasch größer wurde. Carters Gesichtszüge erstarrten. Die Wucht des Geschosses drückte ihn gegen die Stuhllehne, sodass er anschließend schlaff und leblos dasaß. Carters Schuss war das Signal für anderen gewesen. Die Kerle am Tisch hatten die Winchester-Gewehre emporgerissen und ließen ein wahres Feuerwerk los. Ein mörderischer Geschosshagel prasselte in Leslies Richtung, der sich nur mit einem verzweifelten Sprung zur Seite retten konnte. Das Treppengeländer brach.

Holz splitterte, während Leslie die Kugeln nur so um die Ohren flogen. Eines der Geschosse riss ihm den Hut vom Kopf. Ziemlich unsanft landete Leslie hinter dem Schanktisch. Seine Schulter schmerzte ziemlich von dem Aufprall, aber er hatte keine Zeit, sich darum zu kümmern.

Eine Salve von Gewehrschüssen räumte die Flaschen aus den Regalen und ließen einen Scherbenregen über Leslie niedergehen. Dann tauchte Leslie aus seiner Deckung hervor und feuerte blitzschnell hintereinander zwei Schüsse über den Schanktisch. Einen der Kerle erwischte er mit einem Bauchschuss. Einen zweiten am Bein.

Der Mann schrie auf und ballerte wie wild mit seiner Winchester herum.

Leslie musste sich ducken, tauchte einen Augenaufschlag später wieder hervor und streckte seinen Gegner mit einem Schuss in die Herzgegend nieder. Die Winchester fiel dem Kerl aus der Hand und er schlug mit einen hässlichen Geräusch der Länge nach hin.

Jetzt schoss niemand mehr.

Leslie erhob sich und ließ den Blick umherschweifen. Der Rothaarige fehlte.

Einen Augenblick später hörte man ein Pferd wiehern, so als ob ihm jemand die Sporen in die Weichen trieb. Leslie rannte hinaus.

Als er den Gaul ohne Reiter die Main Street entlangpreschen sah, wusste er, dass der Rotschopf ihn in eine Falle hatte laufen lassen.

Alles, was dann geschah, ging unglaublich schnell. Leslie wirbelte instinktiv herum.

Das nächste, was er sah, war das giftig aufblitzende Mündungsfeuer eines Revolvers...

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Das Gesicht des Rothaarigen war eine grimmige Maske, während er seinen 45er abfeuerte.

In seinen Augen leuchtete der Tod.

Zwei Schüsse krachten kurz hintereinander und Leslie Morgan wusste in dieser Sekunde, dass sein Leben an einem hauchdünnen Faden hing.

Katzengleich hatte Leslie sich zur Seite fallen lassen, sodass die Bleikugeln des Rothaarigen millimeterscharf an seinem Kopf und seinem Oberkörper vorbeijagten.

Leslie rollte sich auf dem Boden ab, während dicht neben ihm ein Geschoss den Staub der Straße zu einer kleinen Fontäne werden ließ.

Dann riss er seinen Colt hoch und feuerte.

Es war nur ein einziger Schuss, den Leslie Morgan abgab, aber der saß und traf den Rotschopf mitten in die Brust. Eine Sekunde lang stand dieser schwankend da, während sein Hemd rot wurde.

Dann fiel er schwer zu Boden.

Mit dem Gesicht nach unten.

Leslie erhob sich indessen und steckte den Revolver zurück ins Holster. Er klopfte sich den Staub von den Sachen und ließ den Blick die Main Street entlangschweifen.

Es dauerte nicht lange und ein Pferdewagen und ein Reiter kamen die Main Street entlang.

Leslie sah Miss Caseys blonde Mähne hinter ihr herwehen. Die junge Saloonerin sprang aus dem Sattel und lief zu Leslie hin. „Ich bin froh, dass Ihnen nichts passiert ist, Les!“

„Es war knapp.“

Unterdessen deutete McGhee auf den Toten und fragte: „Was ist mit den anderen Bluthunden?“

„Sie leben nicht mehr“, sagte Leslie düster.

Und dann regte sich bald auch wieder etwas auf der Main Street von Amarillo. Die Städter kamen aus ihren Häusern heraus und es dauerte nicht lange, bis sich eine Menschentraube gebildet hatte.

Einige liefen in den Saloon und sahen, was dort geschehen war.

„Diese Mörder haben es nicht besser verdient!“, meinte einer der Männer.

Und ein anderer meldete sich zu Wort: „Es wurde Zeit, dass mal einer Dan Garth und seiner Höllenmeute die Grenzen zeigt! Von unserem Sheriff kann man das ja wohl kaum erwarten!“

Dann gab ein Wort das andere.

„Machen wir ihn dch zum Sheriff!“

„Ja, setzen wir Wheaton, diesen Handlanger von Dan Garth, endlich ab!“

„Schließlich sind wir die Bürger von Amarillo und haben das Recht, unseren Sheriff zu wählen!“

Ein dicker Mann in einem für die Gegend entschieden zu feinen Anzug wandte sich an Leslie Morgan.

Leslie kannte ihn.

Es war Grant Collins, der Besitzer der einzigen Frachtlinie in Amarillo. In den Saloons erzählte man sich schon seit Jahren, dass er einen Teil seines Gewinnes an Dan Garth abführte, damit der seine Wagen passieren ließ.

„Wie wär's, Mister Morgan? Sie sind der einzige weit und breit, der hier endlich dafür sorgen könnte, dass endlich Gesetz und Ordnung in Amarillo und Umgebung herrschen - und nicht die Launen von Dan Garth!“

„Ihr habt doch einen Sheriff“, erwiderte Leslie Morgan ironisch.

Seine Stimme hatte einen abweisenden Tonfall, der Grant Collins schlucken ließ.

„Sie wissen doch, dass Wheaton Garth' Mann ist...“

„Gehen wir zum Office und setzen den Kerl ab!“, rief jemand anderes.

„Ja, los!“

Leslie Morgans Augen wurden zu schmalen Schlitzen, während er den Blick über die Leute schweifen ließ. Jetzt war ihnen Recht und Ordnung plötzlich wichtig, aber damals, vor drei Jahren, hatte keiner von ihnen auch nur einen Muck gesagt...

Leslie hatte nicht die geringste Lust, für diese Leute seinen Kopf hinzuhalten.

Trotzdem nickte er Collins zu.

„Ich nehme den Job“, knurrte er, obwohl er wusste, dass es ein Höllenjob war.

Aber da er sowieso auf Dan Garth' Todesliste an erster Stelle stand, spielte das für ihn keine Rolle.

Mit dem Stern an der Brust hatte er die Chance, sein Ziel noch schneller zu erreichen, als mit seinem ursprünglichen Plan. Dan Garth und Jesse Shaw würden für das, was vor drei Jahren passiert war zur Rechenschaft gezogen werden!

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Mit Leslie Morgan an der Spitze zog die Menge zum Sheriff Office.

„Kommen Sie raus, Wheaton!“, rief Collins.

Und ein paar andere fielen ein: „Aufmachen!“

Es rührte sich nichts.

Fast so, als wäre Wheaton gar nicht dagewesen. Mit einem Tritt öffnete Leslie Morgan die Tür. Bill Wheaton stand in einer Ecke wie ein wildes Tier, das man in die Enge getrieben hatte. Er musste durchs Fenster mitbekommen haben, was sich da gegen ihn zusammengebraut hatte. Jetzt hielt er in der einen Hand seinen Colt und in der anderen eine Shotgun.

Und zu allem Überfluss wirkte er ziemlich nervös.

„Zurück!“, fauchte er.

„Sehen Sie die Leute da draußen?“, fragte Leslie, dessen Hand unmerklich zur Hüfte gewandert war. „Die wollen einen neuen Sheriff!“

„Sie sind abgesetzt, Wheaton!“, erklärte Grant Collins nun, nachdem er endlich seine Sprache wiedergefunden hatte. „Die Bürger von Amarillo wollen, dass Leslie Morgan ihr neuer Sheriff wird!“

Wheaton verzog das Gesicht. In seinem einzigen Auge flackerte es unruhig. Er lachte wie irre.

„Das habt ihr euch ja fein ausgedacht!“, zischte es zwischen seinen dünnen Lippen hindurch.

„Machen Sie keine Schwierigkeiten“, sagte Grant Collins. Bill Wheatons einäugiges Gesicht verzog sich zu einer hasserfüllten Maske.

„So mutig geworden, Collins?“

„Ihre Zeit ist um, Wheaton! Die Leute wollen es so. Nehmen Sie Ihre Shotgun, setzen Sie sich auf Ihren Gaul und verschwinden Sie!“

Wheatons Blick hing an Leslies dunklen Augen. Der Einäugige schien zu ahnen, dass Leslie ihn nicht einfach ziehen lassen würde... Schließlich war er der Mörder von Ray Morgan...

Und dann feuerte Wheaton seine Shotgun und den Revolver gleichzeitig ab.

Aber Leslie hatte das vorausgeahnt.

Blitzschnell hatte er den Colt aus dem Holster gerissen und gefeuert. Sein Schuss traf Wheaton in die Schulter und riss ihn nach hinten, sodass die Ladung der Shotgun in die Decke ging, während die Revolverkugel dicht über Leslies Kopf pfiff und den Türsturz ankratzte.

Es machte klick! als Leslie den Revolverhahn dann erneut spannte.

Wheaton stöhnte.

Er wusste, dass er verspielt hatte.

„Waffen fallenlassen!“, rief Leslie. Wheaton gehorchte. Es war seine einzige Chance.

„Das wirst du bereuen, Morgan!“, krächzte Wheaton. Leslie sah ihn mit regungslosem Gesicht an. „Du hast meinen Bruder ermordet, Wheaton! Ich war dabei und habe es mit angesehen!“

„Pah!“, machte Bill Wheaton und hielt sich die blutende Schulter.

Leslie schluckte und fuhr dann fort: „Meine erste Amtshandlung als Sheriff von Amarillo wird darin besten, dich in eine Zelle zu stecken! Irgendwann wird dann ein Richter und eine Geschworenen-Jury entscheiden, was mit dir geschieht. Ein fairer Prozess - das ist sehr viel mehr, als mein Bruder und meine Eltern bekommen haben!“

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Du hättest dich nicht mit Dan Garth anlegen sollen, Jesse!“

Jesse Shaw stand am Fenster und blickte in die Nacht hinaus. Jetzt wirbelte er herum. Sein feistes Gesicht hatte sich ärgerlich verzogen.

Vor ihm stand Glenda, ein ehemaliges Saloon-Girl, dass seit einiger Zeit bei ihm auf der Ranch wohnte.

„Misch dich nicht in meine Angelegenheiten“, zischte er wütend.

„Wenn hier alles den Bach runtergeht, ist das auch meine Angelegenheit!“, sagte die dunkelhaarige Glenda, die wohl immer noch darauf hoffte, dass Jesse Shaw sie eines Tages heiratete und zur Ranchersfrau machte.

Aber im Moment hatte Shaw andere Sorgen.

Er wandte sich an Glenda.

„Meine Leute haben Garth' Leute von der Nordweide vertrieben. Was willst du mehr?“

„Sie haben fünf seiner Leute erschossen! Das bedeutet Krieg, Jesse! Dan Garth wird dich zerquetschen, denn auf die Dauer hat er die besseren Karten!“

Shaw machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Du bist eine Frau und hast von solchen Dingen keine Ahnung!“

Glendas Gesicht lief puterrot an. So etwas ließ sie sich nicht sagen. Sie stemmte ihre schlanken Arme in die geschwungenen Hüften und sagte: „Ich habe mehr Verstand im Kopf, als du, Jesse! Zumindest wäre ich nicht so dumm gewesen und hätte jetzt schon einen Kampf mit Garth vom Zaun gebrochen. Du hättest warten können...“

„Warten?“, lachte Shaw. „Worauf? Ich musste handeln! Früher oder später wäre Garth sonst damit angefangen! Er hat zusätzliche Rinder gekauft und seine Herde vergrößert! Bald wäre auch für mich kein Platz mehr gewesen!“

„Du hättest warten sollen, bis er sich an diesem Leslie Morgan die Zähne ausgebissen hat!“

Ein Pferd preschte draußen vor das Ranchhaus. Das Geräusch der Hufen war deutlich zu hören. Ein Mann sprang ab und und stürmte ohne anzuklopfen in das Ranchhaus hinein. Es war Barry, einer der Cowboys.

„Was ist los?“, knurrte Shaw.

Barry war ziemlich außer Atem. „Ich komme aus der Stadt!“, rief er. „Dort haben sie Leslie Morgan zum Sheriff gemacht!“

„Das ist nicht wahr!“

„Er ist mit einem halben Dutzend Killern fertiggeworden, die Dan Garth ihm auf den Hals gehetzt hatte. Und da dachten die Leute...“

„Verdammt!“, schimpfte Shaw. Seine Hände ballten sich grimmig zu Fäusten.

Barry berichtete indessen in knappen Worten von dem, was er in der Stadt gehört hatte.

Leslie Morgan wird auch mit mir abrechnen wollen, ging es dem Rancher durch den Kopf. Und jetzt hatte er sogar einen Stern an seiner Brust...

In diesem Moment verwünschte er sich dafür, damals an der Seite von Garth und seinen Leuten mitgeritten zu sein, um die Morgans zu vertreiben.

Aber es war nicht mehr zu ändern.

Jetzt nicht mehr.

Was geschehen war, war geschehen und die Toten konnte kein Mensch wieder zurückholen.

Plötzlich von draußen her Geräusche zu hören. Reiter.

Mindestens ein Dutzend.

Jesse Shaw war sofort klar, dass das nicht seine eigenen Leute sein konnten, denn die meisten von ihnen bewachten jetzt die Herden, um zu verhindern, dass Garth' Leute sich irgendeine Gemeinheit damit ausdachten.

Nur einen Augenblick später fielen ein paar Schüsse. Ein Todesschrei gellte. Offenbar hatte es einen der Wachtposten erwischt.

„Garth, dieser Hund!“, zischte der Rancher finster. Jesse Shaw riss eine Winchester aus dem Gewehrständer, lud die Waffe mit einer energischen Bewegung durch und lief vor die Tür. Barry folgte ihm mit gezogenem Revolver. Dunkle Gestalten hoben sich gegen das fahle Mondlicht ab. Reiter mit fackeln preschten durch die finstere Nacht. Shaw riss sofort die Winchester hoch und feuerte wild drauflos. Einer der schattenhaften Reiter schrie auf.

Sein Gaul stellte sich auf die Hinterhand und ließ den Mann schwer in den Staub fallen.

Einen zweiten holte Shaw noch aus dem Sattel und hörte er, wie es knisterte. Nicht lange und bei den Stallungen und den Baracken der Cowboys loderten die Flammen hell empor. Das Holz, aus dem sie errichtet waren, war staubtrocken. Monatelang hatte es nicht geregnet.

„Feuer!“, rief jemand.

Die Reiter waren so schnell wieder weg, wie sie gekommen waren. Shaw sah ihre schemenhaften Gestalten über das nächtliche Grasland reiten. Der Rancher rannte ein Stück hinter ihnen her.

Zwei seiner Cowboys sah er tot im Staub liegen, ein dritter schien verletzt.

Ohnmächtige Wut hatte Shaw erfasst.

Er feuerte hinter den Davonreitenden her, bis sein Winchestermagazin leergeschossen war.

Sie waren kaum noch zu sehen und nach wenigen Augenblicke hatte die Schwärze der Nacht sie verschluckt.

„Los!“, rief Barry. „Wir müssen verhindern, dass das Feuer auf das Wohnhaus übergreift!“

Shaw stand wie angewurzelt da. Er rührte sich nicht von der Stelle. Dann spürte er von hinten Glendas Berührung.

„Dan Garth macht ernst!“, sagte sie.

„Ja“, knurrte er düster. Vielleicht hatte sie wirklich recht gehabt und es war zu früh gewesen, sich gegen Garth aufzulehnen. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr, sondern nur noch einen Kampf auf Leben und Tod.

„Du musst dich mit Leslie Morgan zusammentun, Jesse!“, meinte Glenda.

Shaw lachte rau.

„Morgan wird mich umbringen oder ins Loch stecken - aber er wird den Teufel tun, mir zu helfen!“

„Wenn er klug ist, wird er! Schließlich habt ihr einen gemeinsamen Feind!“

„Du weißt doch genauso gut, wie jeder anderer hier, dass ich damals vor drei Jahren...“ Er sprach nicht weiter. Shaw wurde plötzlich ruhig.

Er sah in Glendas Augen

Dann murmelte er: „Vielleicht hast du recht!“

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Leslie Morgan hatte McGhee zum Deputy gemacht und keiner der Bürger hatte dagegen etwas einzuwenden gehabt.

„Was werden wir jetzt tun?“, fragte der Schwarze, während sie im Dead Indian saßen und sich von Miss Casey das Frühstück servieren ließen. „Ich schätze, Sie haben nicht vor, heute Zäune zu setzen?“

„Nein, das kann erstmal warten“, erwiderte Leslie. „Ich schätze, dass Garth bald die Entscheidung suchen wird... Wir werden nicht mehr allzu lange auf ihn warten müssen...“

Leslie nippte an dem heißen Kaffee.

„Was ist denn mit dem Gefangenen?“, erkundigte sich Miss Casey.

„Er wird uns kaum weglaufen, selbst wenn wir die Tür offenließen“, meinte Leslie. „Der Arzt war bei ihm. Der Kerl kann froh sein, wenn er überlebt.“

„Damit er dann an den Galgen kommt?“, fragte McGhee. Leslie zuckte die Achseln.

„So ist das Gesetz.“

In diesem Moment kam einer der Städter durch die Schwingtür.

„Da kommen sieben oder acht Reiter in die Stadt, Sheriff! Die haben schon nach ihnen gefragt!“

„Garth!“, zischt es zwischen McGhees Lippen hindurch. Aber der Mann schüttelte den Kopf.

„Nein. Das ist Jesse Shaw mit seinen Leuten!“

„Ich bin sowieso mit dem Essen fertig“, sagte Leslie und ging durch die Schwingtüren hinaus auf die staubige Main Street von Amarillo.

McGhee folgte ihm, nicht ohne die Winchester mitzunehmen. Shaws Leute ritten in einer Reihe nebeneinander, ihr Boss in der Mitte. Und eine Frau war auch dabei - Glenda, das ehemalige Saloon-Girl. Leslie kannte sie noch aus jener Zeit, als sie noch Cowboys zum Whiskey-Trinken animiert hatte... In einiger Entfernung zügelten sie die Pferde. Leslie Morgans Augen wurden indessen schmal, seine Hand ging unwillkürlich in die Nähe des Revolvers. Nur zu gut erinnerte er sich an dieses feiste Gesicht - damals an jenem Tag vor drei Jahren, der unlöschbar in sein Gedächtnis eingebrannt war.

„Ich frage mich, was dieser Bastard hier will“, knirschte der Sheriff kaum hörbar zwischen den Lippen hindurch und trat ein paar Schritte vor.

„Leslie Morgan, ich will mit Ihnen reden!“, rief Shaw herüber. Der Rancher schob sich den Hut in den Nacken und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Reden Sie!“, knurrte Leslie.

„Dan Garth' Männer haben mir gestern die Ranch angezündet! Es ist alles niedergebrannt. Die Flammen sind auch auf das Wohnhaus übergesprungen, obwohl wir die ganze Nacht alles versucht haben...“

„Mein Mitleid hält sich in Grenzen“, erwiderte Leslie Morgan kalt.

„Ich weiß, was Sie über mich denken. Morgan...“

„Sie gehören zu denen., die meine Eltern und meinen Bruder getötet haben! Ihr Platz ist am Galgen, Shaw!“

„Es war damals nicht meine Idee, die Ranch niederzubrennen und alle zu erschießen!“

„Ach, nein?“

„Ich wusste nichts davon, als wir aufbrachen. Es hieß, dass euch Morgans kräftig eingeheizt werden sollte, damit ihr endlich aus dieser Gegend verschwinden würdet... Von Mord war nicht die Rede!“

Leslie musste tief durchatmen bevor er sprach. Es fiel ihm nicht Leicht, die Fassung zu bewahren.

„Genau das ist aber passiert, Shaw!“

„Dan Garth hatte es befohlen!“

„Und Sie sind mitgeritten, Shaw!“

„Ja, das bin ich. Es war ein Fehler!“

Leslie lachte rau und freudlos. „Ein bisschen einfach machen Sie es sich da, finden Sie nicht, Shaw?“

Shaw hob die Hände.

„Was sollte ich denn machen? Mich gegen Dan Garth und seine Meute auflehnen? Ich habe es jetzt versucht und mir eine blutige Schnauze dabei geholt! Vielleicht war ich damals ein verdammter Feigling, aber jetzt müssen wir nach vorne blicken, Morgan!“

Leslie hob die Augenbrauen.

„So? Wie soll das aussehen?“

„Wir sollten uns zusammentun gegen Garth! Er ist unser beider Feind. Warum also nicht?“

Blitzschnell ging Leslie Morgans Rechte Hand zum Revolvergriff. Mit katzengleicher Eleganz brachte er die Waffe in Anschlag und spannte den Hahn.

Der Lauf deutete auf Shaw.

Das Ganze dauerte nicht länger als einen Augenaufschlag.

„Steigen Sie ab, Shaw!“

„Verflucht, was soll das?“, rief der Rancher unwirsch. „Wollen Sie sich von meinen Männer durchlöchern lassen, damit Dan Garth am Ende triumphiert, wenn wir uns gegenseitig umgebracht haben?“

„Ich habe gesagt absteigen - und ich werde es nicht einmal sagen!“, rief Leslie.

Shaw stieg langsam aus dem Sattel.

Und zur gleichen Zeit spürte Leslie die Hand von McGhee auf seiner Schulter.

„Er hat recht!“, meinte er.

„Was?“

„Sie müssen über Ihren Schatten springen, Mister Morgan. So schwer das vielleicht auch fällt.

„McGhee!“

„Vielleicht war Shaw ja wirklich nur feige... Ich weiß es nicht. Sie waren dabei, ich nicht. Aber wir können nicht gegen die ganze Welkt reiten, Morgan! Wir brauchen Shaw, auch wenn Ihnen sein fettes Gesicht nicht gefällt. Ich mag es auch nicht!“

Einen Moment lang hing alles in einer unangenehmen Schwebe. Keiner auf der Main Street rührte sich. Das darf doch nicht wahr sein, hämmerte es grimmig durch Leslies Kopf. Sich mit einem Mann wie Shaw zusammentun zu müssen, um Dan Garth zu besiegen...

Leslie atmete tief durch.

Alles in ihm sträubte sich dagegen und am liebsten hätte er den feisten Shaw in diesem Moment einfach über den Haufen geschossen. Immer wieder sah er die Szenen von vor drei Jahren vor seinem geistigen Auge...

Das Feuer...

Die Todesschreie...

Dann ließ Leslie den Colt sinken und steckte ihn ins Holster zurück.

McGhee hatte recht, auch wenn es Leslie nicht gefallen konnte.

Dan Garth würde jetzt bald die Entscheidung suchen, jegliche Maske fallenlassen und und alles daransetzen, die Herrschaft über dieses Land wiederzuerlangen.

Und Leslie Morgan zu töten.

Er brauchte also Verbündete und sonderlich wählerisch konnte er da nicht sein.

Der neue Sheriff von Amarillo nickte Jesse Shaw zu. „Mein Deputy hier hat mich überzeugt“, erklärte er dann.

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Gegen Mittag ritt Dan Garth mit seinen Leuten dorthin, wo noch am Vortag die Ranch von Jesse Shaw gewesen war. Jetzt war dort nur noch eine verkohlte Ruine.

„Von Shaw ist nirgends eine Spur!“, meinte einer der Männer. Er hieß Curtis und fiel dadurch, dass er immer noch den grauen Hut der Südstaaten-Armee trug, den er bei seinem Dienst in der Konföderierten-Kavallerie getragen hatte.

„Wahrscheinlich ist er auf und davon!“, meinte Dan Garth und verzog dabei das Gesicht zu einem wölfischen Grinsen. „Ähnlich sehen würde es ihm. Er war immer schon ein Feigling. Ich hätte ihn eher davonjagen sollen.“

„Bleibt nur noch dieser Morgan“, brummte Curtis.

„So ist es. Wir reiten gleich nach Amarillo, um ihn zur Strecke zu bringen!“

„Er hat immerhin Carter und fünf von den besten Schützen ins Gras beißen lassen“, gab ein bärtiger Blondschopf zu bedenken und spuckte dabei aus.

Garth wandte halb den Kopf zu dem Sprecher herum.

„Was willst du damit sagen, Jim?“

„Nur, dass ich nicht sonderlich scharf darauf bin, eine weitere Kerbe auf seinem Winchestergriff zu sein, Boss! Dieser Mann muss ein Teufel von einem Kämpfer sein!“

Dan Garth' Augen blitzten gefährlich.

„Bis jetzt hatte er Glück!“, zischte er.

„Er ist jetzt Sheriff!“, sagte der Blondschopf. Garth blickte auf.

„Na, und?“

Der Rancher sah sich um und instinktiv war ihm klar, dass er jetzt etwas tun musste, um seine Leute bei Laune zu halten. Die Tatsache, dass Carter und fünf andere Männer jetzt tot waren, war den Kerlen offensichtlich tiefer in die Knochen gefahren, als sie es jemals offen zugegeben hätten.

Sie brauchten, etwas, das sie anspornte.

Dan Garth wandte er an die Männer. „Hört her, Jungs!“, rief er mit heiserer Stimme. „Derjenige, der Leslie Morgan die tödliche Kugel gibt, bekommt tausend Dollar von mir! Soviel ist es mir wert, ihn endlich unter der Erde zu wissen!“

Der Blonde pfiff durch die Zähne.

„Tausend Dollar sind eine ganze Menge!“

„Verdient sie euch!“, rief Garth und trieb dabei seinem Gaul die Sporen in die Seiten.

Der Rancher ließ das Pferd pfeilschnell in jene Richtung über das Grasland preschen, in der Amarillo lag. Und seine Leute hatten Mühe, ihm zu folgten.

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Eine halbe Stunde später hatten Garth und seiner Männer Amarillo erreicht.

In wildem Galopp kam die Horde auf die Stadt zu. Dan Garth zügelte dann plötzlich seinen Gaul und die anderen folgten seinem Beispiel.

Der Rancher ließ kurz den Blick über die Ansammlung von Häusern streifen, aus der in den letzten Jahren eine richtige kleine Stadt gewachsen war.

Dann nickte er und wandte sich an die Männer.

„Ich hoffe, einer von euch verdient sich die tausend Dollar, die ich auf Leslie Morgans Kopf gesetzt habe!“

Ein zustimmendes Raunen entstand unter seinen Leuten. Er selbst zog mit einer schnellen Bewegung das Winchester Gewehr aus dem Sattelschuh und lud die Waffe durch.

„Kaufen wir uns Leslie Morgan!“, rief einer der Kerle.

„Am besten wir schauen uns zuerst das Sheriff-Office an!“, schlug indessen Curtis vor und zog sich seinen Konföderierten-Hut ins Gesicht, um besser gegen die Sonne blicken zu können.

„Meinetwegen!“, knurrte Garth. „Los! Ihr wisst, was Ihr zu tun habt! Und vergesst nicht, zuerst zu schießen, so fern ihr irgendwo einen Mann seht, der Leslie Morgan auch nur im entferntesten ähnlich sieht!“

Die Reiter kamen über die Main Street von Amarillo, die an diesem Tag wie ausgestorben wirkte.

Niemand war da.

Niemand, der Lust hatte, im Schusshagel eine Ladung Blei abzubekommen...

„Verdammt, das gefällt mir nicht, Boss!“, zischte Curtis Dan Garth zu.

Und auch der Rancher begann, sich unwohl zu fühlen. Die Reiterschar hielt das Sheriff-Ofice zu. Einige der Männer sprangen mit gezogener Waffe aus den Sätteln. Die Tür wurde eingetreten, aber die Revolver wanderten sogleich wieder ins Holster.

„Da ist niemand!“, meinte einer der Männer, nachdem er kurz eingetreten war und sich umgesehen hatte.

„Was?“, rief Garth ungläubig.

„Nur Bill Wheaton! Er liegt verletzt in der Zelle...“

„Dann lass ihn da versauern!“, knurrte Dan Garth und wirbelte herum, als er plötzlich auf den Dächern der Nachbarhäuser Bewegung sah.

Gewehre wurden durchgeladen und in Anschlag gebracht. Sechs oder sieben waren es, und zwar so verteilt, dass die Ankömmlinge mehr oder minder eingekreist waren.

„Keine Bewegung!“, rief dann eine Stimmte, die Dan Garth nur allzu gut kannte.

Es war Leslie Morgan, der sich an der Ecke des gegenüberliegenden Drugstores verschanzt hielt. Dan Garth verzog das Gesicht zu einer grimmigen Maske.

„Ihr seid allesamt verhaftet!“, fuhr Leslie Morgan indessen fort und kam einen Schritt aus seiner Deckung heraus. „Legt die Waffen ab, oder werdet es bitter bereuen!“

Dan Garth' Nasenflügel bebten vor Erregung, als er Jesse Shaw an der Tür eines Lagerhauses lauern sah.

„So, hast du dich also auf Morgans Seite geschlagen, du Ratte!“, zischte er zu ihm hinüber.

„Sie sind einfach zu weit gegangen, Mister Garth!“, erwiderte Jesse Shaw abweisend.

Einen Moment lang geschah gar nichts.

Garth' Männer waren in einer vierfachen Übermacht, aber ihre Gegner hatten eine hervorragende Deckung.

Dan Garth schien darüber nachzudenken, was schwerer wog. Und dann riss Dan Garth blitzschnell den Colt heraus und feuerte wild drauflos.

Der erste Schuss traf Jesse Shaw im Oberkörper, der zweite erwischte den Rancher mitten in der Stirn. Der Länge nach fiel der er in den Staub, ohne auch nur einen Schuss abgegeben zu haben.

Schon in der nächsten Sekunde brach das Chaos los. Leslie Morgan hob seine Winchester und feuerte nur einen Sekundenbruchteil später in Dan Garth' Richtung. Sein Schuss erwischte den Rancher nur an der Schulter. Dann musste Leslie sich zur Seite fallenlassen, um nicht von dem unbarmherzigen Geschosshagel durchgesiebt zu werden, der sich in seine Richtung ergoss.

Der Sheriff von Amarillo rollte sich am Boden herum, während rechts links die Kugeln kleine Staubfontänen aufwarfen. Einen Augenblick später hatte er sich dann zurück in seine Deckung gerettet.

Das Gefecht tobte mit großer Heftigkeit. Drei, vier von Dan Garth' Reitern erwischte es sofort. Mit gellenden Schreien riss es sie aus den Sätteln heraus.

Aber auch einer aus der Shaw-Mannschaft wurde aus seiner Deckung herausgeholt und stürzte vom Dach des Sheriff-Office hinab in den Staub der Main Street.

Dan Garth' Blick ging kurz herum, während er sich die Schulter hielt. Er sah, wie seine Männer zusammengeschossen wurden erkannte, dass sie trotz ihrer Übermacht im Moment nichts ausrichten konnten.

Also gab er seinem Gaul die Sporen und ließ ihn davonpreschen.

Seine Leute folgten ihm.

Leslie kam seiner Deckung heraus und feuerte auf Garth. Denn sobald Dan Garth tot im Staub lag, hatte der ganze Spuk ziemlich schnell ein Ende, das lag auf der Hand.

Garth war der Kopf des Ganzen.

Ohne ihn würde sein wilder Haufen sehr schnell auseinanderfallen. Aber Garth war ein geschickter Reiter. Er hängte sich seitwärts an seinen Gaul, wie es die Indianer taten und ritt im Zickzack die Main Street entlang.

Unter seinen Leuten herrschte das Chaos.

Jeder versuchte zuerst einmal, seine Haut zu retten und so sprengten sie in wilder Flucht davon.

Leslie rannte mitten auf die Main Street, feuerte noch ein paarmal seine Winchester ab und lief dann zu einem gesattelten Pferd, dass irgendjemand am Straßenrand abgestellt hatte. Mit einem Satz schwang er sich hinauf und preschte hinter Garth und seiner wilden Meute her.

Ein Bleihagel zischte in seine Richtung.

Leslie presste sich dicht an den Nachen des Tieres und feuerte zweimal kurz hintereinander seine Winchester ab. Einen der Kerle erwischte er. Die Wucht des Geschosses ließ ihn seitwärts aus dem Sattel rutschen, während sich sein Gaul wiehernd auf die Hinterhand stellte.

Ein wütendes Gegenfeuer aus mindestens einem Dutzend Revolver-und Gewehrmündungen wurde Leslie Morgan entgegengebracht.

Sein Pferd wieherte plötzlich laut auf und Leslie war instinktiv klar, was passiert sein musste.

Der Gaul war getroffen worden.

Das Tier geriet ins Straucheln und ging schließlich schwer zu Boden. Leslie sprang rechtzeitig ab, um nicht von dem massigen Leib begraben und zerquetscht zu werden. Er landete hart auf dem Boden, während der Pferdeleib noch etwas durch den Staub rutschte.

Leslie drehte sich am Boden herum, während rechts und links von ihm die Kugeln einschlugen.

Er riss dann blitzartig die Winchester hoch und feuerte. Einen der Kerle erwischte er in der Herzgegend, worauf hin er aus dem Sattel rutschte. Ein zweiter bekam eine Kugel in den Oberschenkel, woraufhin er lauthals fluchte und seinen Pferd die Sporen gab.

Mit den Augenwinkeln sah er dann McGhee, der ihm gefolgt war. Der Schwarze hatte sich hinter einem abgestellten Pferdewagen verschanzt und gab Leslie zumindest soviel Feuerschutz, dass dieser sich aufrappeln und hinter einer Hausecke in Sicherheit bringen konnte.

Dan Garth' Männer waren indessen zur Stadt hinausgeritten. Es dauerte nicht lange und sie waren außerhalb der Schussweite, sodass es keinen Sin mehr machte, Munition zu verschwenden.

Oben, auf einem Hügel befand sich eine Baumgruppe und dort schien die Meute sich zu sammeln.

Dann waren sie hinter dem Hügel verschwunden.

„Alles okay?“, fragte McGhee, nachdem er aus seiner Deckung herausgekommen war.

Leslie nickte.

„Alles okay“, erwiderte der neue Sheriff von Amarillo.

„Diese Banditen werden zurückkehren!“, prophezeite John McGhee im Brustton der Überzeugung.

Und Leslie Morgan wusste, dass McGhee recht hatte. Sie hatten einen Sieg gegen Dan Garth' übermächtige Meute errungen und ein halbes Dutzend seiner Killer hatten dabei ins Gras beißen müssen.

Aber Dan Garth würde es dabei nicht bewenden lassen. Er konnte gar nicht anders, wenn er die Herrschaft über dieses Land nicht verlieren wollte.

Leslie Morgan schob frische Patronen in das Magazin seiner Winchester und meinte: „Wir werden darauf vorbereitet sein, wenn sie kommen!“

„Diesmal hatten wir die Überraschung auf unserer Seite. Aber beim nächsten Mal wird das nicht mehr so sein“, erwiderte McGhee skeptisch.

„Warten wir es ab!“, knurrte Leslie Morgan.

Dann gingen sie gemeinsam zurück in Richtung Sheriff Office. Die anderen Männer waren indessen aus ihren Deckungen herausgekommen.

Und über den toten Jesse Shaw hatte sich Glenda, das ehemalige Saloon-Girl gebeugt.

In ihren Augen glitzerten Tränen.

Tränen der Trauer und der Wut.

Sie hatte Jesse Shaw die Augen geschlossen und ihm den Colt aus dem Holster genommen.

„Ich habe ihn geliebt!“, sagte sie, als sie Leslie sah. „Und so wahr ich hier stehe, Dan Garth wird dafür bezahlen! Und wenn es das letzte ist, was ich tue!“

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Leslie Morgan wirbelte herum, als er die Reiter herankommen sah.

Es waren Jesse Shaws Männer.

Sie senkten die Köpfe, als sie Leslie Morgan sahen. Aber dieser begriff sofort, was hier vor sich ging. Sie wollten verschwinden.

Ein großer Hagerer mit buschigem Schnauzbart fand als erster seine Sprache wieder und sagte: „Dan Garth und seine Bande von Killern wird zurückkehren! Aber wir werden dann nicht mehr hier sein!“

„Ich verstehe“, meinte Leslie düster.

Und Glenda, die noch immer bei dem toten Jesse Shaw ausharrte, schrie: „Was seid ihr doch für Feiglinge!“

Der Hagere vermied es, zu Glenda und dem toten Shaw hinüberzublicken.

Stattdessen wandte er sich an Leslie Morgan und fuhr schließlich fort: „Wir sind für unseren Boss geritten und für ihn haben wir auch unseren Hals riskiert! Aber wir tun dasselbe nicht für Sie, Morgan!“

„Sie können uns doch nicht einfach im Stich lassen!“, mischte sich McGhee erregt ein.

„Unser Boss ist tot. Die Sache geht uns jetzt nichts mehr an!“, erwiderte der Hagere eisig.

Einige der Männer hatten bereits ihre Hände bei den Eisen und es war Leslie klar, dass er sie kaum würde umstimmen können.

„Ich kann euch nicht daran hindern, jetzt davonzureiten“, erwiderte Leslie kühl.

„Schön, dass Sie das einsehen“, meinte der Hagere.

„Aber ich warne Sie! Dan Garth hat gesehen, auf wessen Seite Sie ihre Schießeisen benutzt haben und wenn Sie seinen Leuten da draußen begegnen, wird er kurzen Prozess mit Ihnen machen!“

„Garth und seine Leute haben die Stadt in südlicher Richtung verlassen und wir werden nach nach Norden reiten!“

Dann gaben sie ihren Gäulen die Sporen und preschten davon. Mit den Augenwinkeln bemerkte Leslie Morgan, wie Glenda sich von Jesse Shaws Leiche erhob und den Revolver auf die Davoneilenden richtete.

Mit beiden Händen hielt sie die Waffe umfasst, ein Daumen zog den Hahn zurück.

Mit einem schnellen Satz war Leslie bei ihr und riss gerade noch rechtzeitig ihren Arm in die Höhe.

Der Schuss ging ins Nichts, während Shaws Leute in den Sätteln herumwirbelten, die Eisen schon in den Händen. Glenda ließ den Revolver sinken und schluchzte, während sie den Kopf an Leslies breite Schulter legte.

„Diese feigen Bastarde!“, wimmerte sie. „Jetzt machen sie sich einfach aus dem Staub und die Leiche ihres Bosses ist noch nicht einmal kalt!“

„So sind sie nun einmal!“, versetzte Leslie kühl. Und in gewisser Weise konnte er diese Cowboys sogar verstehen... Sie hatten einfach keine Lust, sich gegen eine weit überlegene Übermacht blutige Nasen zu holen.

Oder den Tod.

Shaws Männer steckten indessen ihre Waffen wieder ein und machten, dass sie davonkamen.

Hier hatten sie nichts mehr verloren. Und bevor der Sturm erneut über Amarillo hereinbrach, wollten sie auf und davon sein...

„Verdammter Mist!“, fluchte McGhee und warf wütend seinen Hut in den Staub. „Wenn Garth und seine Meute zurückkehrt, werden wir allein dastehen!“

„Wollen Sie sich auch davonmachen, McGhee?“, fragte Leslie Morgan ruhig.

McGhee wandte den Kopf und sah den den Sheriff von Amarillo wütend an. „Für wen halten Sie mich eigentlich?“

„Es war eine Frage, McGhee. Nicht mehr und nicht weniger!“

„Es war eine Beleidigung! Ich bleibe hier! Garth soll bekommen, was er verdient!“

Leslie lächelte matt.

„Gut“, sagte er.

Er sah hinüber zu den Hügeln, draußen vor der Stadt und fragte sich, wie viel Zeit sich Dan Garth und seine Leute ihnen noch geben würden...

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Wenig später waren sie im Dead Indian-Saloon. Leslie Morgan und McGhee hatten sich mit frischer Munition versorgt und waren gerade dabei, ihre Waffen nachzuladen. Miss Casey half ihnen dabei.

„Ich bin froh, dass Ihnen nichts passiert ist, Leslie!“, sagte sie. Sie trug an diesem Tag nicht eines jener Kleider, die sie sonst im Saloon trug, sondern eine praktische Drillich-Hose und ein kariertes Hemd, das ihr viel zu groß war. Sie sah immer noch gut darin aus.

Hinter dem breiten Gürtel, der die Hose festhielt, steckte ein langläufiger Peacemaker-Colt.

„Wenn diese Bastarde das nächste mal hier auftauchen, werde ich mit Ihnen kämpfen, Leslie!“

Leslie sah sie erstaunt an.

„Das kommt nicht in Frage“, erwiderte er.

„Ach, haben Sie etwa so viele Bundesgenossen, dass sie in dieser Beziehung wählerisch sein könnten?“

„Ich möchte nicht, dass Ihnen etwas passiert, Miss Casey!“

„Ich kann mit dem Eisen umgehen, Les! Und wie Sie wissen, habe ich mit Dan Garth eine Rechnung offen. Eine Rechnung, die genauso schwer wiegt, wie die, die Sie mit ihm zu begleichen haben!“

Leslie Morgan wollte noch etwas erwidern, aber das Geräusch eines galoppierenden Pferdes ließ ihn verstummen. Kurz entschlossen packte Leslie seine Winchester und ging durch die Schwingtüren hinaus ins Freie.

Ein Reiter kam die Main Street von Amarillo entlang. Es war einer von Garth Männern. Leslie erkannte ihn wieder. In der Rechten schwenkte der Kerl mit einer weißen Fahne.

„Hey! Ich bin hier um zu reden!“, rief der Fahnenschwenker.

„Es gibt nichts zu reden!“, rief Leslie Morgan grimmig zurück.

„Mit dir vielleicht nicht, Leslie Morgan! Aber mit den Bürgern von Amarillo sehr wohl!“ Der Reiter drehte sich herum. „Ich bin sicher, ihr hört mich! Auch wenn Ihr euch hinter euren Gardinen verschanzt habt und die Ohren anlegt wie die Hasen! Ihr habt die Wahl! Entweder liefert ihr uns Leslie Morgan aus oder sorgt dafür, dass er die Stadt verlässt oder wir werden die ganze Stadt in Schutt und Asche legen! Dann seid ihr alle ruiniert! Außerdem werden wir niemanden lebend aus der Stadt hinaus oder in sie hineinlassen, solange Leslie Morgan unter euch ist!“

Der Reiter ließ sein Pferd ein bisschen seitwärts schreiten. Mit Zufriedenheit registrierte er die Bewegung an dem einen oder anderen Fenster.

Dann fuhr er fort: „Dan Garth setzt tausend Dollar auf Leslie Morgans Kopf!“

Leslie Morgan hob seine Winchester und feuerte. Es war ein gut gezielter Schuss, der den morschen Ast, an dem die weiße Fahne flatterte, zersplittern ließ. Das Pferd ging augenblicklich laut wiehernd auf die Hinterhand und der Reiter hatte alle Mühe, sich zu halten.

Er ließ den Rest des Holzstücks in den Staub fallen, riss seinen Gaul herum und preschte augenblicklich die Main Street in jene Richtung davon, aus der er gekommen war.

„Dieser Teufel!“, hörte Leslie hinter sich die Stimme von McGhee. „Jetzt versucht er, die Städter wieder auf seine Seite zu ziehen!“

Sie gingen zurück in den Saloon.

Und es dauerte keine zehn Minuten, da tauchte Grant Collins, der Fuhrunternehmer zusammen mit einigen anderen Bürgern auf.

Doug Garrison war darunter, der Besitzer des Mietstalls. Insgesamt mehr als ein halbes Dutzend angesehener Leute aus Amarillo.

Sie traten durch die Schwingtüren und ihren verkniffenen Gesichtern war anzusehen, dass sie nichts angenehmes zu sagen hatten.

„Es ist gut, dass Sie kommen“, murmelte Leslie Morgan, bevor einer der Männer etwas sagen konnte. „Wir brauchen jeden Mann, um die Stadt gegen Dan Garth und seine Meute zu verteidigen. Gewehre gibt es genug!“

Eisiges Schweigen schlug Leslie entgegen.

Die Männer blickten mit einer Hartnäckigkeit zu Boden, als gäbe es dort Goldstücke zu finden.

„Die Art und Weise, in der Sie Dan Garth entgegengetreten und hier für Ordnung gesorgt haben, hat uns allen imponiert“, sagte Grant Collins schließlich.

Aber es klang nicht so recht überzeugend.

Leslie hob die Augenbrauen. Der falsche Unterton war ihm nicht entgangen.

„Ach, ja?“, raunte er.

„Wirklich, Sir!“

Leslie verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln.

„Ihre Lobrede können Sie sich sparen!“, erwiderte er ziemlich kühl.

„Gut“, sagte jetzt Doug Garrison und schob sich dabei den Hut in den Nacken. „Dann können wir ja frei heraus sagen, was uns unter den Nägeln brennt!“

„Sicher“, nickte Leslie, obwohl er es sich inzwischen an den Fingern einer Hand ausrechnen konnte, worauf sie hinauswollten.

Jetzt war es wieder an Grant Collins, weiter zu sprechen Er steckte zwei Finger in die Tasche seiner blauen Samtweste und holte tief Luft.

„Wir respektieren Sie, Mister Morgan. Sonst hätten wir Sie auch nicht zum Sheriff gemacht. Aber jetzt wird die Sache zu heiß!“

„Was Sie nicht sagen!“

„Dan Garth will die Stadt niederbrennen. Sie haben diesen Wahnsinnigen so sehr gereizt, dass das wahrscheinlich keine leere Drohung ist!“

Leslie hob die breiten Schultern.

„Nein, das ist wahr! Eine leere Drohung ist das sicher nicht!“, stimmte er düster zu und verschränkte dabei die Arme vor der Brust.

Grant Collins schnappte noch einmal nach Luft und blies sich förmlich auf, bevor er weiterredete.

„Kurz und gut, wir wollen, dass Sie die Stadt verlassen, Mister Morgan!“, sagte er in deutlich gedämpfterem Tonfall. Er selbst schien sich für seine Worte wohl zu schämen.

Aber nun war es einmal ausgesprochen.

In Leslies dunklen Augen blitzte es wütend. Er wollte etwas erwidern, aber jemand anderes kam ihm zuvor.

Eine Frauenstimme.

„Ach, erst war er gut genug, um für Sie die Kastanien aus dem Feuer zu holen und jetzt wollen Sie ihn in den sicheren Tod schicken!“, fauchte Miss Casey. „Sie sollten sich schämen!“

„So, wie es aussieht können wir das Risiko nicht eingehen!“, war Grant Collins' kalte Erwiderung.

„Und wie wär's, wenn Sie und Ihresgleichen vielleicht auch mal ein Gewehr in die Hand nähmen, um die Stadt zu verteidigen? Was ist mit Ihren Frachtfahrern?“

Collins machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Die sind längst über alle Berge!“

Die Männer wechselten einige Blicke untereinander.

„Wir hatten gehofft, Sie wären vernünftig, Mister Morgan“, war dann Doug Harrison zu vernehmen. Und als dessen Jacke ein Stück zur Seite glitt sah Leslie für den Bruchteil eines Augenblicks etwas Blinkendes.

Einen Colt, der in seinem Hosenbund steckte.

Was dann geschah, ging sehr schnell.

Leslie Morgan hatte vorausgesehen, was geschehen würde. Noch bevor die Hand des Mietstallbesitzers sich so richtig um den Coltgriff gelegt hatte, hatte Leslie bereits sein Eisen herausgerissen und abgefeuert.

Zwei Kugeln brannte der Sheriff von Amarillo seinem Gegenüber kurz vor die Fußspitzen, sodass Doug Garrison einen Satz rückwärts machte und beinahe zu Boden fiel. Garrison kam hart gegen einen der Tische.

Ein unterdrückter Fluch kam über die Lippen des Mietstallbesitzers. Die anderen blickten wie entgeistert auf Leslie Morgans Colt und schluckten.

Wie erstarrt standen sie da und blickten auf den Mann, den sie vor kurzem erst Sheriff gemacht hatten und den sie nun wie einen Hund aus der Stadt jagen wollten - direkt in die Arme seiner Feinde.

Grant Collins hob beschwichtigend seine Arme

„Hören Sie, Morgan!“

„Verschwinden Sie!“, zischte Leslie eisig und brannte noch ein Ding kurz vor ihre Zehenspitzen.

Sie ließen es sich nicht zweimal sagen. Sie stolperten durch die Schwingtüren hinaus auf die Main Street und Leslie steckte den Revolver zurück ins Holster.

„Das wir auf die nicht zählen konnten, war mir von Anfang an klar!“, meinte McGhee. „Aber dass sie sich gegen uns stellen würden, dass überrascht mich doch!“

Leslie Morgan zuckte nur mit den Schultern.

„Sie haben Angst“, stellte er sachlich fest. „So viel Angst, dass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen können!“

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Irgendwo jenseits der Stadt waren plötzlich Schüsse zu hören. Ein kurzes aber dafür um so heftigeres Feuergefecht war da irgendwo hinter dem Horizonts im Gange.

Kurz und grausam.

Einige Todesschreie wurden durch den Nordwestwind bis nach Amarillo getragen.

Leslie Morgan konnte sich an den Fingern einer Hand ausrechnen, was da geschehen war. Es gehörte nicht viel Fantasie dazu, es sich auszumalen.

Etwa eine halbe Stunde später galoppierten dann einige Pferde die Main Street entlang.

Sie trugen eine ganz besondere Last auf ihren Rücken. McGhee stand mit geballten Fäusten an den Schwingtüren des Dead Indian und blickte hinaus.

„Diese Hunde...“, flüsterte der Schwarze leise vor sich hin und schüttelte dabei den Kopf.

Auf die Rücken der Pferde waren Leichen gebunden.

„Es sind Jesse Shaws Leute“, knurrte McGhee grimmig.

„Scheint, als hätten sie es nicht geschafft! Garth' Leute haben sie niedergemacht!“

Die Gäule mit den Toten auf dem Rücken verlangsamten ihre Geschwindigkeit und hielten schließlich an.

„Ich habe Shaws Männer verflucht, weil sie einfach davongezogen sind, aber das habe ich ihnen nicht gewünscht! Bei Gott!“, zischte McGhee.

Garth und seine Leute hatten die Leichen mit gutem Grund hier her geschickt.

Jedem in Amarillo sollte nun klar sein, dass Dan Garth seine Drohungen ernst meinte.

„Diese Männer hatten gedacht, den leichteren Weg zu wählen“, murmelte Leslie, als er neben McGhee trat und die Pferde mit ihrer makabren Last beobachtete. „Ich hatte sie gewarnt!“

„Wir sitzen wie in einer Mausefalle!“, stellte der Schwarze indessen fest. „Wahrscheinlich können wir jetzt kaum über die Main Street gehen, ohne dass einer dieser sauberen Bürger versuchen wird, uns eine Kugel in den Rücken zu jagen!“

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Dan Garth knurrte laut auf, als Curtis ihm die Wunde an der Schulter mit Whiskey desinfizierte.

„Verdammt, tut das brennt!“, schrie der Rancher unbeherrscht auf.

Curtis schob sich den grauen Hut zurück in den Nacken. Er blieb einigermaßen ruhig und sagte: „Es ist nur ein Streifschuss, Boss. Aber auch so etwas muss gereinigt werden, sonst gibt es eine Entzündung!“

„Mach schon!“

Curtis legte ihm einen vorläufigen Verband an, den er aus dem Ärmel von Garth' Hemd geschnitten hatte.

„Perfekt!“, meinte der Mann mit dem Südstaaten-Hut.

„Ich hoffe, du hast keinen Pfusch gemacht, Curtis!“, bellte Garth ziemlich unfreundlich.

Curtis kniff die Augen zusammen.

„Was glauben Sie, wie oft ich so etwas während des Krieges gemacht habe!“, versetzte der neue Vormann der Garth-Mannschaft kühl. Garth erhob sich wieder und zog sich vorsichtig die Jacke an. Die Verletzung an der Schulter war glücklicherweise links und hinderte ihn nicht beim Schießen.

„Wie geht es jetzt weiter, Boss?“, fragte Curtis. „Sollen wir hier ewig hinter den Hügeln lauern und abwarten, was sich da unten in Amarillo so tut?“

„Warum nicht?“, erwiderte Garth. „Die feigen Städter haben doch so gestrichen voll, dass sie uns Leslie Morgan früher oder später auf dem silbernen Tablett servieren werden!“ Der Rancher lachte heiser. „Irgendwer wird sich schon finden, der ihm von hinten eine Kugel in den Schädel jagt! Verlasst euch drauf!“

„Warum versuchen wir es nicht einfach nochmal?“, fragte jemand anderes.

Es war Jim, der Blondschopf.

Er schob sich den Hut in den Nacken und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Warterei ging ihm auf die Nerven, das war ihm deutlich anzusehen.

Garth verzog das Gesicht.

„Leslie Morgan ist wie eine einsame Raubkatze“, erklärte er finster. „Und ich habe wenig Lust, noch mehr Leute zu verlieren!“ Ein zynisches Grinsen ging über Dan Garth' Gesicht.

„Nein, wir werden hier abwarten. Die ganze Nacht, wenn es sein muss oder auch noch länger!“

Jim ließ nicht locker.

„Ich denke, wir sollten bald losschlagen, Boss! Shaws Leute, diese Verräter, sind tot! Er steht doch jetzt so gut wie alleine da!“

In Garth' hartem Gesicht blitzten jetzt zwei Reihen fast makelloser Zähne. „Ich entscheide hier, oder passt dir das nicht mehr?“

Aus der Ferne kam indessen ein gutes Dutzend Reiter heran.

„Das wird Cody mit dem Rest unserer Leute sein!“, meinte der Rancher. Er hatte jetzt seine gesamte Mannschaft zusammengezogen und ließ dabei seine Ranch seine Tiere unbewacht.

Aber diese Sache hier ging vor.

Niemand sollte Amarillo verlassen können.

Schon gar nicht Leslie Morgan!

„Es wird langsam Abend!“, knurrte der Rancher. „Macht ein Lagerfeuer! Ich hoffe nur, dass Cody uns etwas Stew mitgebracht hat, damit wir hier draußen nicht mit knurrendem Magen warten müssen!“

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Die Stunden krochen dahin, ohne das etwas geschah. Es war zermürbend.

McGhee lief unruhig mit der Winchester im Anschlag auf und ab und schaute immer wieder hinaus auf die Main Street, ob sich dort etwas tat.

Aber es tat sich nichts.

Von den Städtern zeigte sich keiner. Und von Dan Garth Meute ebenfalls nicht.

Leslie Morgan saß indessen ganz ruhig an einem der Tische im Dead Indian, nahm erst einen Drink und tat dann lange Zeit gar nichts.

„Wo ist eigentlich der Kerl, mit dem zusammen Sie hier den Laden führen?“, fragte er schließlich Miss Casey. Sie zuckte mit den Achseln.

„Keine Ahnung.Hat sich wohl verdrückt!“

„Scheint, als hätten Sie sich für die falsche Seite entschieden, Miss!“

„Sie können einem aber Mut machen, Les!“

„Ich sage nur, wie es ist!“

„Diese Warterei geht mir auf die Nerven!“

„Mir auch. Aber im Moment haben wir keine andere Wahl. Erst wenn es dunkel wird, können wir etwas unternehmen.“

Sie sah ihn erstaunt an. Und McGhee war ebenfalls herumgewirbelt und hatte die Augenbrauen hochgezogen.

„Was haben Sie vor, Les?“, fragte Miss Casey.

„Sobald es dunkel ist, werde ich hinausreiten und mir Dan Garth schnappen!“

McGhee lachte laut los. „Einfach so, ja?“ Er schüttelte ungläubig den Kopf. „So verrückt können doch nicht einmal Sie sein!“

„Ich bin nicht verrückt“, behauptete Leslie.

„Ach nein? Und was ist mit Shaws Leiten? Die waren zu sechst und haben es auch nicht geschafft, durchzukommen! Und ich wette, dass Dan Garth inzwischen den Rest seiner Mannschaft auch noch um Amarillo zusammengezogen hat, sodass es noch viel schwieriger werden dürfte!“

Leslie hob beschwichtigend die Hand und erklärte dann: „Shaws Männer wollten auf und davon, aber das habe ich ja gar nicht vor! Ich will mir den Kopf dieser Bande schnappen und hier bringen!“

„Sie sind wahnsinnig!“, erwiderte McGhee.

„Es ist unsere einzige Chance. Der ganze wilde Haufen wird schnell auseinanderfallen, wenn ihm der Kopf fehlt!“

McGhee machte eine ärgerliche Handbewegung und meinte dann: „Ich sehe schon, umzustimmen sind Sie nicht! Dann werde ich zumindest mitkommen.“

„Nein. Ich brauche Sie hier. Außerdem hat ein Mann bessere Chancen durchzukommen als zwei.“

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Als es dunkel war, nahm Leslie Morgan seine Winchester und wollte sich aufmachen.

Miss Casey hielt ihn noch am Arm. „Passen Sie auf sich auf, Les!“

„Sicher.“

Sie drückte ihm einen Kuss auf die Lippen.

Dann ging er hinaus in die Nacht.

Seinen Gaul hatte er drüben im Mietstall.

Auf dem Weg dorthin hielt Leslie sich nach Möglichkeit in der Nähe der Hauswände auf, um kein Ziel zu bieten. Es war ja nur zu gut möglich, dass irgendjemand aus Amarillo sich die tausend Dollar verdienen wollte, die Dan Garth vollmundig auf seinen Kopf ausgesetzt hatte.

Unbehelligt kam er bis zum Stall.

Er öffnete die Tür. Die Gelenke knarrten dabei etwas. Durch eine Öffnung im Giebel fiel das fahle Mondlicht herein. Leslie ging zielstrebig auf seinen Sattel zu und steckte die Winchester ins Futteral. Dann nahm er den Sattel und wuchtete ihn in Richtung seines Pferdes.

Er hatte das schwere Ding drei Schritte vorwärts gebracht, da machte es plötzlich klick! und er erstarrte zur Salzsäule. Der Hahn eines Revolvers war zurückgezogen worden. Leslie kannte dieses Geräusch nur zu gut.

„Schön den Sattel festhalten!“, zischte eine Stimme, die aus einer der Pferdeboxen kam. „Wenn Sie ihn loslassen, sind Sie tot, Morgan!“

Leslie wandte den Kopf halb herum und sah Doug Harrisons Gesicht im Mondlicht.

Seine Augen flackerten unruhig.

Und den Revolver hielt er mit beiden Händen, was auch keinen besonders sicheren Eindruck machte. Den Umgang mit dem Eisen war er augenscheinlich nicht gewöhnt.

„Was macht es schon für einen Unterschied, wenn ich den Sattel jetzt fallenlasse?“, knurrte Leslie. „Ich nehme an, Sie wollen sich die tausend Dollar verdienen und werden mich deshalb ohnehin erschießen - ganz gleich, was ich tue!“

„Die tausend Dollar interessieren mich nicht!“, fauchte der Mietstallbesitzer. „Ich will die Stadt retten! Ich will nicht, dass Dan Garth hier Ihretwegen alles dem Erdboden gleich macht, was wir hier aufgebaut haben!“

Er zielte.

Sein Finger spannte zitternd um den Abzug und zog ihn nach hinten.

In dieser Sekunde ließ Leslie den Sattel fallen, duckte sich, um dem Schuss seines Gegenübers auszuweichen und griff blitzartig selbst zum Eisen. Sein Schuss erwischte Doug Garrison am Unterarm.

Mit einem wütenden Schrei auf den Lippen entfiel dem Mietstallbesitzer der Revolver.

Dann sah Garrison den Sheriff mit großen Augen an. Aber dieser Steckte nur seinen Colt weg, nahm seinen Sattel wieder auf und legte ihn seinem Gaul auf den Rücken.

„Versuchen Sie so etwas nie wieder, Garrison!“, versetzte Leslie, als er die Riemen festgezogen hatte und mit dem Pferd nach draußen ging.

Dort stieg er sofort in den Sattel und preschte dann die Main Street entlang, hinaus in die Dunkelheit.

Irgendwo dort draußen vor der Stadt Amarillo kampierte Dan Garth. Und dort lag sein Ziel.

Leslie wusste, dass er Garth an der Schulter getroffen hatte. Der Rancher hatte daher wahrscheinlich keine Lust, selbst in dieser Nacht herumzupatrouillieren, um darauf zu achten, dass niemand aus Amarillo entkam. Andererseits war die Sache zu wichtig für ihn, als dass er sich auf seine Ranch zurückziehen und die Angelegenheit anderen überlassen kannte.

Er musste also hier in der Nähe sein, vermutlich hinter den Hügeln südlich der Stadt...

Und wenn er mit seinen Leuten wirklich das ganze Gebiet um die Stadt herum kontrollieren wollte, dann konnte er sich unmöglich mit seiner ganzen Streitmacht umgeben... Leslie ritt einen Bogen.

Er achtete dabei auf die Windrichtung, denn er wollte nicht, dass die Hufgeräusche seines Pferdes direkt zu seinen Feinden ins Lager getragen wurden.

Wenn er richtig gerechnet hatte, hatte er eine Chance... Dann trug der Nordwestwind plötzlich das Wiehern von Pferden an sein Ohr. Ganz kurz nur, aber es war deutlich genug gewesen.

Leslies Blick glitt über das nächtliche Brassada-Land, das sich südlich von Amarillo ausbreitete. Jeder Schatten konnte ein halbverdorrter Busch oder auch ein Reiter sein... Als er die herannahenden Hufgeräusche hörte, ließ sich Leslie aus dem Sattel gleiten und fasste sein Pferd bei den Nüstern, um es zu beruhigen.

Zwei Reiter sah er dann sich dunkel gegen das Mondlicht abheben.

Sie kamen direkt in seine Richtung.

Leslies Hand ging instinktiv zum Revolvergriff, aber er wusste, dass sein Vorhaben, Dan Garth in seine Hände zu bekommen, wahrscheinlich schon gescheitert war, wenn es hier draußen zu einer Schießerei kam.

Dann würde die ganze Meute alarmiert sein.

Also wartete Leslie erst einmal ab.

Die Männer kamen näher.

Die Winchesters hatten sie schon aus den Sätteln geholt. Leslie sah deutlich die Schatten der Gewehrläufe.

„Hey, Bud! Ich glaube, ich habe da hinten etwas gesehen!“, war einer von ihnen zu vernehmen.

Der Wind trug seine Worte ziemlich deutlich zu Leslie herüber.

„Wo?“

„Da vorne, bei dem Strauch!“

Leslie hörte, wie die Winchesters durchgeladen wurden. Kein Zweifel, diese Männer waren ziemlich nervös und sie würden wahrscheinlich schießen, sobald sie nur den Hauch einer verdächtigen Bewegung sahen.

Sie kamen heran.

Leslie band sein Pferd am nächsten Strauch fest und nahm die Winchester aus dem Sattel.

Dann schlich er ein Stück seitwärts.

Er duckte sich und verbarg sich hinter hüfthohen, halb vertrockneten Büschen. Die beiden Reiter hatten sich inzwischen auf wenige Meter genähert. Leslie konnte die beiden deutlich im Mondlicht sehen. Einer von ihnen war seiner Kleidung nach ein Mexikaner. Er trug einen Sombrero und hatte sich in einen dicken Poncho gewickelt, unter dem der Lauf einer Winchester hervorschaute. Der andere trug fast schulterlanges Haar, das im Nordwestwind wehte.

„Madre de dios, da steht ein Gaul!“, entfuhr es dem Mexikaner. Der Langhaarige ließ nervös den Blick umherschweifen, konnte aber keinen Reiter erblicken.

„Scheint, als ob hier jemand das Tier zurückgelassen hat...“

Einen Augenblick lang geschah gar nichts. Die Männer lauschten. Dann stieg der Mexikaner vom Pferd, um sich den Gaul näher anzusehen.

In diesem Augenblick schnellte Leslie vor. Ein Schlag mit dem Winchesterkolben ließ den Mexikaner in sich zusammensinken. Wie gefällter Baum ging er zu Boden, während Leslie das Gewehr hochriss und durchlud.

Er hielt es direkt auf den Körper des Langhaarigen gerichtet und murmelte: „Keine Bewegung, oder du bist ein toter Mann!“

Der zweite Mann erstarrte.

Sein eigenes Gewehr hätte er herumreißen müssen, um auf Leslie schießen zu können. Aber dazu war es zu spät. Das sah er wohl ein.

Und so nützte ihm die Winchester nichts, die er immer noch fest umklammert hielt.

„Lass die Waffe fallen!“, befahl Leslie indessen. „Erst das Gewehr, dann den Revolvergürtel! Und dann absteigen!“, befahl Leslie unmissverständlich.

Der Langhaarige gehorchte.

Als Leslie etwas vortrat, fiel das Mondlicht in sein Gesicht. Jetzt erkannte der Kerl endlich, wen er vor sich hatte und erbleichte.

„Leslie Morgan“, flüsterte er mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Kopfschütteln.

Leslie nickte knapp.

„So ist es!“

„Du musst wahnsinnig sein, Morgan!“

„Wo ist dein Boss?“

Der Langhaarige stand mit erhobenen Händen da, blickte in Leslies Winchesterlauf und schüttelte verständnislos den Kopf. Inzwischen fuhr Leslie fort: „Er kampiert hier irgendwo, nicht wahr?

„Nicht schwer zu erraten, Morgan!“

„Wenn du am Leben bleiben willst, dann musst mir jetzt helfen!“

Leslie hob den Winchesterlauf etwas an und hielt ihn dem Langhaarigen direkt unter die Nase.

„Hinter den Hügeln“, sagte dieser schließlich. „Nicht mehr weit, dann siehst du das Lagerfeuer!“

„Wir reiten zusammen hin!“

„Was hast du vor, Morgan?“

„Das lass mal meine Sorge sein!“

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Leslie ließ den Langhaarigen vor sich her reiten, sodass er ihn ständig gut im Auge hatte. Er hatte ihm seine Waffen zurückgegeben, allerdings zuvor die Patronen herausfallen lassen.

Dem Mexikaner hatte Leslie den Sombrero und den Poncho abgenommen. Er hoffte, dass er in dieser Verkleidung nicht sofort auffiel, wenn sie das Lager erreichten.

In der Ferne sahen sie bald ein Lagerfeuer.

„Ich rate dir, keine Dummheiten zu versuchen“, raunte Leslie seinem unfreiwilligen Begleiter zu. „Du weißt, dass ich ein guter Schütze bin.“

„Das weiß ich!“, knurrte der Langhaarige.

„Noch ehe du ein falsches Wort zu Ende gesprochen hast, habe ich bereits abgedrückt!“

Als sie sich dem Lager näherten, tauchte plötzlich hinter einem Gebüsch jemand auf.

„Wer ist da?“

„Wir sind's! Bud und Pedro!“, sagte der Langhaarige artig. Und Leslie sorgte dafür, dass der Sombrero ziemlich tief in seinem Gesicht stand, sodass man es bei der Dunkelheit nicht erkennen konnte.

„Alles in Ordnung!“, rief der Wachposten den anderen im Lager zu.

Insgesamt waren es nicht mehr als sechs Mann, die da um ein Feuer herum saßen.

Und Dan Garth war einer von ihnen.

Die anderen lauerten wohl in der Umgebung herum. Zwei der Kerle wirkten schon recht müde und schien ein wenig eingenickt zu sein.

Dan Garth hielt eine Blechtasse mit heißem Kaffee in der Hand und sprang wütend auf.

„Bud! Pedro! Was macht ihr hier? Soweit ich weiß, solltet ihr im Augenblick ganz woanders sein! Was fällt euch ein, einfach eure Posten zu verlassen!“

Er trat noch einen Schritt vor.

Leslie ließ sich aus dem Sattel gleiten und kam neben seinem Gaul zu stehen.

Und dann sah der Rancher plötzlich den Revolverlauf, der sich ihm unter dem Poncho des Mexikaners entgegenstreckte. Sein Gesicht wurde zu einer steinernen Maske.

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Die Hand hielt mitten in der Bewegung zur Hüfte inne. Dan Garth' Muskeln und Sehnen zuckten, aber er konnte sich beherrschen.

Er war klug genug, sich nicht zu bewegen.

„Nein, das ist nicht dein Ernst, Perdro“, flüsterte der Rancher grimmig.

„Schick die Männer weg“, wisperte es ihm unter dem Sombrero entgegen. Dan Garth konnte von dem Gesicht darunter nichts erkennen.

„Was soll das, Pedro?“

„Ich werde es nicht zweimal sagen!“

Die anderen Männer konnten Leslies Revolver nicht sehen, aber spürten, dass etwas nicht stimmte.

„Was ist los?“, fragte einer von ihnen. Es war Jim, der Blondschopf.

„Pedro scheint durchzudrehen und richtet eine Waffe auf mich!“, sagte Dan Garth ruhig, wobei er jegliche Bewegung vermied. „Er will, dass ihr verschwindet! Also macht schon! Sonst brennt er mur tatsächlich noch ein Loch in den Bauch, dieser mexikanische Hundesohn!“

Inzwischen hatte der langhaarige Bud, mit dem Leslie ins Lager gekommen war, seinen Gaul einen Schritt zur Seite machen lassen. Dann rief er plötzlich: „Das ist nicht Pedro! Das ist Leslie Morgan!“

„So ist es. Euer Boss ist verhaftet. Und wenn ihr nicht auch alle am Galgen landen wollt, dann setzt euch besser auf eure Pferde und seht zu, dass ihr schleunigst von hier fortkommt!“

„Dieser Teufel!“, zischte Garth, während Leslie ihm den Revolver aus dem Holster riss und die Waffe zu Boden fallen ließ. Der Rancher hatte mit vielem gerechnet.

Aber nicht damit, dass Leslie Morgan in der verzweifelten Lage, in der er sich befand, zum Angriff überging!

Aus dem Gejagten war ein Jäger geworden.

Sekundenlang geschah gar nichts.

Dan Garth war sich genauso unschlüssig über das, was jetzt geschehen sollte, wie seine Männer.

Mit den Augenwinkeln sah Leslie, wie sich die Hände in Richtung der Revolver stahlen...

Blitzschnell riss einer der Kerle seinen Colt aus dem Holster und Leslie blieb nichts anderes übrig, als seine eigene Waffe hochzureißen und zu feuern.

Leslies Schuss war den Bruchteil eines Augenblicks schneller und riss den Kerl nach hinten, sodass dessen Schuss hoch in den Sternenhimmel ging.

Mit einem zweiten Schuss machte er einen der Kerle kampfunfähig, indem er ihm in den Unterarm schoss. Schreiend ließ dieser daraufhin sein Eisen fallen, dessen Hahn er schon gespannt gehabt hatte. Als die Waffe auf den Boden knallte, löste sich ein Schuss, der als brandgefährlicher Querschläger durch das Lager ging.

Einige der angeleinten Pferde bäumten sich auf und rissen an ihren Halftern.

Dan Garth hatte erkannt, dass diese Sekunden des Chaos seine vielleicht letzte Chance waren, seinen Kopf doch noch aus der Schlinge zu ziehen.

Und so hatte er seine ganze Kraft zusammengenommen und sich auf Leslie gestürzt.

Leslie spürte, wie ein furchtbarer Schlag ihn in der Magengrube traf und ihn nach hinten taumeln ließ. Ineinander verkrallt gingen die beiden Männer zu Boden und wälzten sich übereinander.

Ein eiserner Griff ging um Leslies Handgelenk und bog es derart schmerzhaft nach hinten, dass der Sheriff von Amarillo den Revolver loslassen musste.

Garth versuchte, das Eisen zu erreichen, aber Leslie schlug es ein Stück weg.

Die Waffe rutschte über den steinigen Boden und war erst einmal wieder für beide Männer unerreichbar.

Die anderen Kerle standen außen herum und warteten ab. Sie konnten nicht eingreifen, ohne ihren Boss zu treffen. Zu heftig wogte der Kampf hin und her.

Garth bekam dann Oberwasser.

Er schwang sich rittlings auf seinen Gegner und Leslie fühlte den eisernen Griff des Ranchers um seine Kehle, während dessen Linke gleichzeitig nach hinten griff, dorthin, wo er sein langes Bowie-Messer im Gürtel stecken hatte.

Garth riss das Messer heraus und in der nächsten Sekunde sah Leslie die blanke Klinge auf sich zukommen.

Leslie packte zu.

Er fühlte, wie die scharfe Klinge seine Haut ritzte, aber es gelang ihm, den Stoß zur Seite abzubiegen. Das Messer fuhr mit mörderischer Wucht bis zum Heft in den Boden - keinen Fingerbreit von Leslies Hals entfernt.

Die Wucht dieses Stoßes nutzte Leslie geistesgegenwärtig aus, um Garth zur Seite zu stoßen und sich aus der Umklammerung zu befreien.

Er versetzte dem Rancher einen Fausthieb, der ihn benommen zurücksinken ließ.

Beide Männer rollten sich auf dem Boden herum und rappelten sich hoch.

Einer aus der Meute ballerte seinen Revolver ab und verfehlte Leslie nur um Haaresbreite. Dieser fingerte blitzschnell den Derringer aus seiner Weste heraus und feuerte ihn ab. Der Kerl, der gerade zu einem weiteren Schuss auf den Sheriff von Amarillo angelegt hatte, sank wie ein Klappmesser in sich zusammen, als ihn die Kugel erwischte.

Aber der Derringer hatte nur einen Schuss

Und so warf Leslie die Waffe zur Seite.

Er hielt sich die stark blutende Hand, während Garth das Messer sofort wieder aus der Erde gerissen hatte. Leslie wusste, dass seine einzige Chance darin bestand, in Garth' Nähe zu sein, sodass seine Männer ihre Revolver nicht gebrauchen konnten.

Der Rancher schleuderte das Messer in Leslies Richtung. Dieser duckte sich blitzschnell, während die Klinge über ihn hinwegsirrte, um dann in einem Baum steckenzubleiben. Leslie stürzte sich auf den Rancher.

Wie zwei ineinander verkrallte Raubtiere wälzten sie sich in Richtung des Feuers, walzten durch die Flammen und rissen den Kessel mit dem heißen Kaffee mit sich.

Garth schrie auf und auch Leslie spürte einen rasenden Schmerz.

Aber der Sternträger war hatte ihn schneller verwunden und nutzte seine Chance. Er hämmerte Dan Garth seine Faust mitten ins Gesicht, sodass der Rancher bewusstlos in sich zusammensackte.

Das Nächste, was er dann spürte, war etwas Hartes, Kaltes an seiner Schläfe.

Ein Revolverlauf.

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36

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Leslie spürte ein Vibrieren, das vom Spannen des Revolverhahns herrührte...

Ausgespielt!, schoss es Leslie Morgan für den Bruchteil einer Sekunde bitter durch den Kopf.

Alles, was dann passierte, geschah sehr schnell. Eine tödliche Schnelligkeit...

Es waren zwei Kerle. Zwei von sechsen, die im Lager gewesen waren.

Der Mann, der Leslie den Revolver an die Schläfe drückte, war der langhaarige Bud. Er hatte inzwischen seine Waffe nachgeladen. Mit den Augenwinkeln konnte Leslie die Patronen in der Trommel sehen.

Der andere trug einen grauen Südstaaten-Hut, wie er in der Kavallerie der Konföderierten üblich gewesen war. Leslie kannte den Mann. Er hieß Curtis und war schon ziemlich lange bei Dan Garth' wildem Haufen. Er stand etwas abseits mit einer Winchester in der Hand.

Leslie Morgan reagierte blitzschnell und mit dem Mut der Verzweiflung.

Mit der einen Hand schlug er die Waffe zur Seite, während er mit der anderen heiße Asche aufwirbelte. Bud bekam sie ins Gesicht und schrie auf.

Jene Kugel, die eigentlich für Leslie bestimmt gewesen war, fuhr jetzt dem bewusstlosen Dan Garth mitten in die Brust. Genau in diesem Moment riss der Mann mit dem Konföderierten-Hut sein Gewehr hoch und feuerte in Leslies Richtung, aber dieser hatte sich längst zur Seite gehechtet. Er rollte sich am Boden herum, während links und rechts von ihm die Kugeln einschlugen.

Dann fühlte Leslie einen höllischen Schmerz am Bein und wusste, dass es ihn erwischt hatte.

Mit der Kraft der Verzweiflung wandte er sich noch einmal herum und rechnete damit, dass er jetzt den Rest bekam. Leslie streckte die Hände aus und fühlte etwas Glattes, Hartes. Es war der Griff einer Winchester, die einer der Kerle bei seinem Sattelzeug abgelegt hatte.

Leslie riss die Waffe herum und konnte nur hoffen, dass sie auch geladen war.

Er drückte ab.

Der Schuss ging dem Mann mit dem Konföderierten-Hut mitten durch den Hals und ließ ihn einen Schritt rückwärts taumeln. Er kam kam gegen einen knorrigen Baum und rutschte an diesem zu Boden.

Ein Geräusch ließ Leslie herumfahren.

Der langhaarige Bud hatte sich einen der Gäule geschnappt. Er hielt immer noch eine Hand vor das Gesicht und schien nicht richtig sehen zu können. Aber sein Pferd schien den Weg zu kennen.

Bud gab dem Gaul die Sporen und einen Augenblick später waren beide nur noch ein Schatten in der Dunkelheit...

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Drei Tage später hatte Leslie Morgan seine Sachen gepackt und ging die Treppe hinunter in den Schankraum des Dead Indian-Saloons von Amarillo.

Er legte genau dieselben Dinge auf den Schanktisch wie an jenem Tag, als er hier her zurückgekehrt war: Seine Satteltaschen und die Winchester.

Miss Casey strich sich die blonden Haare aus dem entzückenden Gesicht und zwang sich zu einem Lächeln.

„Sie wollen also wirklich gehen, Les?“

„Ja.“

„Und es gibt nichts, was Sie davon abhalten könnte?“

Er schüttelte den Kopf und nahm den Drink, den sie ihm ohne zu fragen hingestellt hatte.

„Nein“, sagte er. „Mein Bein ist wieder einigermaßen in Ordnung. Es ist eine Fleischwunde und die werde ich überleben!“

Miss Casey atmete tief durch.

„Die Leute reden sehr gut von Ihnen. Die ganze Gegend atmet auf, weil Sie diese Stadt von Dan Garth und seiner skrupellosen Bande befreit haben!“

„Ich haben es nicht für diese Leute getan“, sagte Leslie Morgan schulterzuckend. „Denn die hätten mich ohne zu zögern den Wölfen zum Fraß vorgeworfen.“

Sie nickte.

„Ich weiß!“

„Na, dann werden Sie mich ja verstehen!“

„Was ist mit der Ranch Ihrer Eltern, Les? Ich dachte, Sie wollten sie wiederaufbauen!“

Leslie sah die junge Frau einen Moment lang nachdenklich an. Sein Blick war dabei nach innen gekehrt.

Dann hob er die Augenbrauen und schüttelte energisch den Kopf.

„Nein“, murmelte er. „Es ist zwar ein schönes Stück Land gewesen, dass da auf meinen Namen eingetragen war... Aber ich habe es wieder verkauft.“

„An wen?“

„An die Bank.“

„Und Ihre Pläne, Les?“

Leslie zuckte die Achseln. „Ich werde anderswo von vorne anfangen. Das ist besser. Alles hier in dieser Gegend würde mich ständig an das erinnern, was geschehen ist. Aber irgendwann sollte die Vergangenheit ruhen, finden Sie nicht?“

„Vielleicht haben Sie recht, Les...“, murmelte Miss Casey. In diesem Moment kam McGhee durch die Flügeltüren des Dead Indian.

„Die Pferde sind soweit“, sagte er. „Wir können los.“

„Er kommt mit Ihnen?“, fragte miss Casey.

Leslie nickte.

„Ja, ich brauche einen, der mit anpackt!“

Dann leerte er seinen Drink und stellte das Glas hart auf den Tresen. Und aus irgendeinem Grund blieb sein Blick an den meerblauen Augen der jungen Frau haften.

Einen Augenblick lang sagte keiner von ihnen ein Wort.

„Was ist? Nehmen Sie mich auch mit, Les?“

Sie schaffte es, ihre Sachen in wenigen Minuten zu packen. Und bevor sie dann durch die Schwingtüren des Dead Indian ins Freie traten, hielt Leslie Morgan noch einmal kurz an. Er nahm den Blechstern von seinem Hemd und warf ihn auf einen der Tische

ENDE

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Chaco und die Sklavenjäger

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Chaco #49

Western von Joachim Honnef

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

Eigentlich soll Chaco eine reiche Familie aus dem Osten begleiten, die auf ihrer Urlaubsreise „Abenteuer“ erleben will. Als die Gruppe bei einer Poststation auf Tote trifft und von der Entführung der Söhne hört, wird aus dem harmlosen Trip blutiger Ernst. Statt sich weiter um die arroganten Besucher zu kümmern, will Chaco die entführten jungen Männer befreien. Aber dann wird auch die Familie überfallen und entführt, und die Zeit wird knapp.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Stanley L. Wood mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Chaco – Das Halbblut verspricht, die Söhne der alten Stationsfrau zu retten, und reitet mitten in ein Bleigewitter.

Pamela – Das hübsche Mädchen aus dem Osten sucht in Texas das Prickeln des Abenteuers.

Tony – Der schönste Mann von Luckenbach und Umgebung verliert seinen Galgenhumor nicht mal unter der Peitsche des Satans.

Freeman – Der Marshal hat Schlimmes hinter sich und ist verbittert. Doch das rechtfertigt nicht seinen üblen Plan.

Graciosa – Der mächtigste Mann von Coahuila soll einen Orden bekommen. Denn niemand weiß etwas von seinen ausgefallenen Hobbys.

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1

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Herb Greenville blickte durch das Fernrohr zu den Reitern hin, die sich im Galopp der kleinen Station näherten. Vier Männer, die in der rötlichen Staubwolke kaum mehr als dunkle Punkte waren.

Wie Ameisen, die über die verdorrte Erde galoppieren, dachte der alte Stationsmann, und er lächelte bei dem Gedanken daran, dass er noch keine Ameisen hatte galoppieren sehen.

„Kundschaft?“, fragte Pete, der aus dem Stall trat, mit einer Hand die Augen beschattete und zu der Staubwolke im Norden spähte.

„Ich hoffe es“, sagte Herb zu seinem Sohn. „Sag Ma Bescheid, sie soll schon mal Feuer im Herd anzünden. Vielleicht rasten die Jungs hier und bestellen was. Und sag Bobby, er soll nicht wieder den teuren Brandy ausschenken, sondern den Selbstgebrauten.“

Ein Grinsen huschte über Petes sommersprossiges Gesicht. „Zum doppelten Preis, wie?“

„So ist es“, brummte Greenville. „Schließlich haben wir nichts zu verschenken. In diesen Zeiten muss man sehen, wie man zurechtkommt.“

Pete ging in das kleine Stationsgebäude, in dem sich der Schankraum und die Wohnräume der Greenvilles befanden.

Herb Greenville hörte dann, wie Pete laut und aufgeregt seinen Bruder und die Mutter über das Nahen von Reitern informierte.

Es hatte Zeiten gegeben, da hätte keiner auf der Station viel Aufhebens wegen ein paar eventueller Gäste gemacht. Da hatte das Geschäft geblüht. Allein die regelmäßigen Postkutschen der Overland Mail hatten genug Kunden gebracht.

Mit Wehmut dachte Herb Greenville an diese Zeit zurück.

Damals hatte er noch zwei Stallburschen und eine Köchin beschäftigt. Heute reichte der Umsatz kaum aus, um die Familie zu ernähren.

Greenville hatte sich in das falsche Geschäft eingekauft. Er war auf einen „guten Freund“ hereingefallen, der angeblich aus gesundheitlichen Gründen die Station an ihn verkauft hatte.

„Eine wahre Goldgrube“, hatte er gesagt, der falsche Hund. Dabei hatte er genau gewusst, dass er ein sinkendes Schiff verließ. Der feine Freund hatte sich so gesundgestoßen, und Greenville war daran krank geworden. Denn genau drei Monate nach dem Kauf der Station war die Postkutschenlinie eingestellt worden, und selten verirrte sich mal ein Frachtwagen oder Reiter zu der einsamen Station im Niemandsland.

Blacky, der magere schwarze Bastardhund an Greenvilles Seite, begann zu bellen.

„Ruhig, Blacky“, sagte Greenville und kraulte dem Tier das Fell. Das Bellen ging in ein Winseln über, und der Hund rieb seine feuchte Schnauze an Greenvilles Handfläche.

Der Stationsmann schaute wieder durch das Fernrohr.

Jetzt konnte er die Reiter schon besser erkennen. Sie trieben ihre Pferde hart an. Einer der vier Männer trug den Stern eines U.S. Marshals.

„Bobby!“, rief Greenville zur Stationstür, die Pete halb offengelassen hatte.

Bobbys roter Haarschopf tauchte auf. „Ich weiß schon, Pa, nicht den guten Brandy, sondern ...“

„Quatsch“, sagte Greenville. „Den besten Whisky und den besten Brandy zum normalen Preis.“

Bobbys Augen wurden groß.

„Ein Marshal mit ’ner kleinen Posse“, fügte sein Vater erklärend hinzu und nickte zu den Reitern hin, die jetzt mit bloßem Auge zu erkennen waren.

„Das ist was anderes“, rief Bobby.

„Dann werde ich Ma sagen, dass sie größere Portionen serviert.“

Greenville nickte. Wenn es ihnen auch schlecht ging, mit einem Marshal würde er seinen letzten Kanten Brot und den letzten Rest Whisky teilen.Er war nämlich fünfzehn Jahrelang selbst für das Gesetz geritten, bis er erkannt hatte, dass er zu alt und zu langsam mit dem Colt geworden war, um noch im Kampf gegen die Kerle vom rauen Trail bestehen zu können.

Als die Reiter heran waren, erhob er sich von der Bank vor der Station und trat ihnen ein paar Schritte entgegen.

Die vier Männer zügelten ihre staubbedeckten Pferde, deren Fell dunkle Flecken aufwies.

Raue Burschen, registrierte Greenville, als er die harten Gesichter der vier sah, die kalt blickenden Augen, die Waffen in den tief geschnallten Holstern.

Einer der vier trug zwei Remington-Revolver in bodenlosen Holstern. Seine Rechte klatschte auf die Griffe der Waffen, und er zog mit einer Schnelligkeit, die Greenville Respekt abnötigte.

Der Mann mit dem Stern warf dem Zweihandschützen einen missbilligenden Blick zu und schüttelte leicht den Kopf. Er schob den Hut aus der Stirn, stemmte die Hände aufs Sattelhorn und musterte Greenville mit stechendem Blick.

„Du bist der Stationer“, sagte er mit rauem Panhandle-Slang. Es klang ziemlich herablassend.

Der Tonfall gefiel Greenville nicht. Und es gefiel ihm ebenso wenig, dass der Zweihandschütze grinsend seine Revolver auf ihn richtete.

„Und wer bist du?“, fragte er den Mann mit dem Stern im gleichen herablassenden Tonfall.

„Marshal White“, lautete die knappe Antwort.

„Okay, White, dann sagen Sie Ihrem Mann dort, er soll seine Eisen wegstecken. Ich hab solche Spielchen nicht so gern.“ Er legte die Rechte auf seinen Peacemaker, den er schon als Marshal getragen hatte.

White warf dem Zweihandschützen einen Blick zu Der Bursche zuckte leicht mit den Schultern, ließ die Revolver am Abzugsbügel um die Finger rotieren und schob sie dann ins Leder. Er grinste selbstgefällig, als habe er Beifall für diese kleine Einlage erhalten.

„Wir suchen einen Mann“, sagte der Mann mit dem Stern.

„Hier ist keiner“, antwortete Greenville, ein bisschen enttäuscht, weil die Reiter keine Anstalten trafen, abzusitzen. Die wollten offenbar keine Rast einlegen, obwohl ihre Pferde erschöpft waren.

„Das sehen wir, Opachen“, sagte einer des Quartetts und spuckte in den Staub. Dicht vor Greenvilles Stiefelspitzen.

Er fing sich einen tadelnden Blick von White ein.

Greenville schoss bei der spöttischen Bemerkung Zornesröte ins Gesicht.

„Wir müssen die Station durchsuchen“, sagte der Mann mit dem Stern.

„Aber ich sagte doch“, begann Greenville zu protestieren.

„Rufen Sie Ihre Leute heraus“, unterbrach ihn White mit einer scharfen Stimme, die keinen Widerspruch duldete.

Das ist ein eisenharter Bursche, dachte Greenville. Er selbst war kein Mann, der so leicht kuschte. Andererseits erinnerte er sich an seine Zeit als Marshal. Er war zwar höflicher gewesen, aber auch er hatte sich schon mal im Ton vergriffen, wenn er auf Jagd nach einem Verbrecher gewesen war und die Leute sich quergelegt hatten, wenn er Nachforschungen angestellt hatte. Da musste man Verständnis haben.

„Sie wollen doch nicht das Gesetz behindern?“, fragte der Mann mit dem Stern, und es klang drohend.

Greenville lächelte leicht. „Bestimmt nicht.“

Er wandte sich um und rief seine Söhne.

Die Reiter saßen ab. Einer blieb bei den Pferden. Die anderen drei schritten steifbeinig zur Station.

„Noch jemand im Haus?“, fragte White, nachdem er Pete und Bobby kurz gemustert hatte, die fragend zu ihrem Vater blickten.

Greenville schüttelte den Kopf. „Nur meine Frau.“

Der Mann mit dem Stern betrat das Stationshaus. Die anderen beiden blieben links und rechts von Greenvilles Söhnen stehen, als gelte es, sie zu bewachen. Ihre Hände lagen auf den Griffen ihrer Colts. Das waren misstrauische, vorsichtige Burschen.

„Wollt ihr nicht hier rasten?“, fragte Greenville.

Alle drei Männer schüttelten nur stumm den Kopf.

„Aber wenigstens die Pferde wechseln?“, setzte Greenville ein bisschen enttäuscht nach, weil er das erhoffte kleine Geschäft vergessen konnte. „Ich habe ...“

Er verstummte abrupt.

Barbara, seine Frau, schrie gellend.

Trotz der glühenden Sonne an diesem drückend heißen Tag lief Greenville ein eisiger Schauer über den Rücken. Die Köpfe seiner Söhne ruckten herum.

Herb Greenville reagierte wie in alten Tagen, instinktiv, ohne zu überlegen, wie immer, wenn er in einer gefährlichen Situation gewesen war.

Seine Rechte stieß zum Peacemaker hinab. Er war immer noch schnell, trotz der Gicht in seinen Händen. Doch für diese hartgesottenen Kerle war er nicht schnell genug. Bevor er die Waffe aus dem Leder hatte, hielten alle drei ihre Revolver in den Fäusten und spannten bereits die Colthähne.

„Lass fallen!“, sagte der Zweihandschütze kalt und drohend.

„Und ihr nehmt die Pfoten hoch!“, befahl einer der Männer neben Bobby und Pete.

Benommen gehorchten sie.

Herb Greenville war noch zu überrascht, um reagieren zu können. Sein Gefühl warnte ihn, doch er hielt alles noch für ein Missverständnis. Wie betäubt sah er den Mann mit dem Stern in der Tür der Station auftauchen. Der Mann zerrte Barbara hinter sich her. Er riss sie am Handgelenk herum, dass sie schmerzerfüllt aufschrie, schlang einen Arm um sie und drückte ihr seinen Revolver an die Schläfe.

„Waffe weg!“, sagte er mit scharfer Stimme. „Oder deine Alte bekommt Luftzug im Gehirn!“

„Das ist kein Marshal!“, durchfuhr es Herb Greenville. So spricht kein Gesetzesmann, und so handelt erst recht keiner.

In diesem Augenblick sprang Blacky knurrend und zähnefletschend auf den Mann mit dem Stern zu, der seine Herrin umklammert hielt und bedrohte.

Ein Schuss krachte.

Der Hund überschlug sich im Sprung, und sein Bellen ging in ein gepeinigtes Winseln über, das Greenville ins Herz stach.

Blacky war noch nicht in den Staub geprallt, als der Zweihandschütze zum zweiten Mal feuerte. Die Kugel traf den Hund und wirbelte das Tier herum. Es fiel fast vor Barbaras Füße.

Barbara schrie.

Bobby und Pete starrten entsetzt, unfähig zu begreifen, was da geschehen war. Und Herb Greenville war zu geschockt, um einen klaren Gedanken fassen zu können. Sie hatten seinen geliebten Blacky einfach abgeknallt. Und sie bedrohten Barbara!

Der Zweihandschütze lachte.

In diesem Augenblick verlor Herb Greenville die Kontrolle über sich.

„Ihr verdammten Verbrecher!“, schrie er mit sich überschlagender Stimme, riss den Hammer des Peacemaker zurück und feuerte.

Drei Revolver krachten gleichzeitig.

Und drei Kugeln trafen den alten Stationsmann und ehemaligen Marshal. Er spürte noch die harten Schläge gegen seinen Körper, hörte Barbara schreien und die Fensterscheibe klirren, in die seine Kugel geschlagen war, und dann wurde es dunkel und still um ihn. Er spürte nicht mehr, wie er in den Staub stürzte.

„Alter Narr“, sagte der Zweihandschütze kalt.

Barbara starrte in namenlosem Entsetzen auf die Leiche ihres Mannes. Dann schrie sie wie von Sinnen. Die kleine grauhaarige Frau wollte sich losreißen. Der Mann mit dem Stern schlug sie nieder.

Sie fiel neben Blacky. Sie war nicht bewusstlos. Ihr tränenfeuchter Blick erfasste ihren Mann. In einer Woche hätten sie den 25. Hochzeitstag gefeiert.

„Herbie – mein Herbie – was ist  mein Gott ...“

Bobby und Pete, die zwanzig und zweiundzwanzigjährigen Söhne, starrten fassungslos auf ihre Mutter, die auf allen Vieren durch den Staub auf ihren toten Vater zu kroch, und das Grauen spiegelte sich in ihren Augen.

Pete löste sich als erster aus der Erstarrung.

„Ihr dreckigen ...“

Er trug keinen Revolver. Mit bloßen Händen wollte er auf den Banditen losgehen, der links neben ihm stand. Für einen Moment sah er in die Waffenmündung und glaubte schon, es aufblitzen zu sehen und den Kugeleinschlag zu spüren.

Doch der Verbrecher schoss nicht.

Er wich katzenhaft geschickt aus und schlug den heranschnellenden Pete mit dem Revolver nieder.

Gleichzeitig schlug der Bandit neben Bobby zu.

Beide jungen Greenvilles stürzten in den Sand.

Barbara Greenville hatte ihren Mann erreicht. Schluchzend warf sie sich über ihn und betastete sein Gesicht, rüttelte an seinen Schultern, als wolle sie ihn aufwecken.

„Herbie – Herbie ...“

„Fesseln!“, sagte der Mann mit dem Stern und nickte zu den Bewusstlosen hin. Er war kein Marshal, und er hieß auch nicht White. Er hieß Ed Corwin und war ein vielfacher Mörder. Der Mann, der den Stern zu Recht getragen hatte, war vor ein paar Monaten an Corwins Kugel gestorben.

„Die Alte auch?“, fragte der Zweihandschütze beinahe gelangweilt.

Corwin schüttelte den Kopf. „Sie ist zu alt, um ...“

Er verstummte, und seine Augen verengten sich, als er die Staubwolke im Norden sah. Der Mann bei den Pferden zog ein Fernrohr aus der Satteltasche und blickte hindurch.

„’ne Postkutsche!“, meldete er.

Corwin fluchte. „Ich dachte, die Linie existiert nicht mehr!“

Er blickte zu den beiden Banditen, die Pete und Bobby inzwischen mit Lederriemen gefesselt hatten.

„Okay, beeilt euch. Wir müssen hier weg. Hank, hol frische Pferde aus dem Stall.“ Er blickte wieder zu der Staubwolke. Die Kutsche war noch meilenweit entfernt, ein dunkler Punkt in der hitzeflimmernden, verdorrten Ebene, die sich am fernen Horizont in einem perlgrauen Dunstschleier verlor.

Barbara Greenville stand zu sehr unter dem Schock der Ereignisse, um begreifen zu können, dass ihr Mann tot war.

„Herbie – warum sagst du nichts? Herbie...“

Corwin hob die Hand mit dem Colt und zielte auf die Frau.

Ihre geschluchzten Worte gingen im Krachen des Schusses unter.

Sie fiel vornüber und blieb reglos auf der Leiche ihres Mannes liegen.

„Boss, musste das sein?“, fragte der Bandit bei den Pferden.

Corwin maß ihn mit einem eisigen Blick.

„Wir können uns keine Zeugen erlauben, Mac“, sagte er kalt. Und mit einem Achselzucken fügte er hinzu: „Ihr Pech, dass sie zu alt für uns ist.“

Steifbeinig schritt er auf die beiden alten Leute zu, die dort reglos im Staub lagen, vereint nach einem langen, harten Leben auf dieser Erde. Ja, es sah fast so aus, als umarmten sie sich im Tode.

Corwin starrte auf sie hinab. Kalt, gefühllos. Dann zog er ein Messer aus der Lederscheide am Gurt. Es hatte ein Hirschhornheft und eine zweischneidige, rasiermesserscharfe Klinge, die vorne spitz zulief.

Er bückte sich hinab, fasste in die Haare der Frau und schnitt die grauen Locken ab. Er stopfte sie in seine Hosentasche. Dann ging er zu den Pferden, die einer der Banditen aus dem Stall geholt hatte.

Zwei Minuten später ritten die Verbrecher mit zwei Gefangenen nach Süden davon.

Bald verschwanden sie jenseits eines Hügels, und das weite Land nahm sie auf, als hätte es sie nie gegeben.

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2

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Ich bestehe darauf, endlich zu baden!“, sagte Edwina Wilson schrill zu ihrem Mann Thomas, der ihr gegenüber in der Kutsche saß.

„Ich habe Hunger“, maulte Pamela, die achtzehnjährige blonde Tochter.

„Und ich Durst“, fügte Dany hinzu. Er war dreiundzwanzig, doch der Altersunterschied zwischen Schwester und Bruder hätte genau umgekehrt sein können. Pamela wirkte entwickelter. Dany rückte seine Nickelbrille zurecht und vertiefte sich wieder in die Zeitung, in der er gelesen hatte.

„Aber wir haben doch erst vor drei Stunden gerastet!“

Thomas Abraham Wilson zog ein blütenweißes Taschentuch aus der Tasche seines Nadelstreifenanzugs und tupfte sich den Schweiß von seinem geröteten Gesicht.

„Ich bestehe darauf, endlich zu baden!“, wiederholte Edwina noch etwas schriller als zuvor. Sie war klein, zierlich und hatte hellblonde Locken. Das war nicht ihre Naturfarbe, wie einige dunkle Strähnen verrieten, die unter dem Blond hervorschimmerten. Sie färbte sich die Haare jede Woche mit einem speziellen Mittel aus dem Osten, das ihr ein Barbier verkauft hatte, der so teuer und vornehm war, dass er seinen Laden nicht mehr Barbershop, sondern Kosmetiksalon nannte.

Auch die anderen wiederholten sich. Pamela hatte Hunger, Dany hatte Durst.

Thomas A. Wilson wurde von allem gleichzeitig geplagt. Er schwitzte in seinem eleganten Anzug und sehnte sich nach einem Bad. Das flaue Gefühl im Magen konnte auch vom Schlingern der Kutsche herrühren, denn sie hatten ausgiebig gefrühstückt. Doch seit einiger Zeit hatte Wilson fast ständig Hunger. Er führte das auf die Strapazen der Reise und auf die Luftveränderung zurück. Seine Kehle war schon wieder wie ausgedörrt. Wie gerne hätte er einen Schluck aus der Whiskyflasche getrunken, die er in seiner Reisetasche versteckt hatte. Bei jeder Rast trank er heimlich, denn Edwina wachte argwöhnisch darüber, dass er sich an den Rat seines Arztes hielt und keinen Tropfen Alkohol trank.

Wilson hatte schon mehrfach seinen Entschluss bereut, diese Reise durch Texas und nach Mexiko zu unternehmen. Vergnügungsreise, ha! Die reinste Tortur war das. Hitze, Staub und mangelnder Komfort in diesem verdammten Westen. Noch dazu die ständig nörgelnde Familie. Und die Überwachung von Edwina!

Er hätte sie niemals geheiratet, wenn er vor der Hochzeit gewusst hätte, dass sie sich in wenigen Jahren von einem sanften Mäuschen in einen schrillen Drachen verwandeln würde.

Wie schön hätte er in Baltimore den Urlaub verbringen können  bei seiner Geliebten Evelyn, wie jedes Jahr, wenn er die Familie allein in einem Badeort in Florida geschickt hatte, weil ihm angeblich die Geschäfte keine Zeit für einen gemeinsamen Urlaub gelassen hatten. Ha, wie herrlich hatte er sich bei Evelyn entspannt, in dem kleinen Haus am Stadtrand, für das er seit drei Jahren die Miete zahlte, ihr Liebesnest, das er immer aufsuchte, wenn er sich davonstehlen konnte, ohne Edwinas Argwohn zu wecken.

Die beiden Frauen waren so verschieden wie Tag und Nacht. Wie ein strahlender Frühlingstag und eine Gewitternacht im November. Und das lag nicht nur am Altersunterschied. Evelyn hatte eine weiche, sanfte Stimme, Edwina eine harte, schrille. Was an Evelyn rund und knackig war, war an Edwina flach und schlaff. Edwina war nie eine Schönheit gewesen, und er hatte in seinem jugendlichen Leichtsinn auf ihre inneren Werte, auf ihr liebes Wesen gesetzt.

So konnte man sich irren.

Oh, vor der Hochzeit war sie auch noch ganz anders gewesen; zärtlich, liebevoll, eine gute Köchin und  ja, tatsächlich voller Leidenschaft. Die Glut war schnell erloschen. Irgendwann nach den ersten Ermüdungserscheinungen in ihrer Ehe hatte sie ihm bekannt, dass sie sich daraus nicht viel mache, aber Pflicht sei eben Pflicht. Und seit drei Jahren erlaubte sie ihm nur noch einmal im Monat, seine Pflicht als Ehemann zu absolvieren.

Da hatte er sich Evelyn zugewandt. Bei ihr konnte er seine Pflicht erführen, so oft er wollte und dazu in der Lage war.

Er seufzte bei diesem Gedanken und warf einen verstohlenen Blick zu Edwina.

„Weshalb seufzt du?“, fragte sie und blickte ihn an, als hätte sie seine Gedanken erraten. Teufel, er musste vorsichtig sein, stets aufpassen, dass er nicht in eine ihrer Fallen tappte. Das kostete ihn mehr Kraft als die Stunden mit Evelyn.

Edwina war entsetzlich eifersüchtig. Wenn die ihm auf die Schliche kam, konnte er sich auf etwas gefasst machen. Schlimmstenfalls konnte es ihm passieren, dass sie sich von ihm trennte. Das hätte er ja gerne ertragen, doch dann hätte sie auch ihr Kapital aus seinen Fabriken gezogen, was seinen Ruin bedeutet hätte. Und es war fraglich, ob Evelyn ihm als bankrottem Unternehmer mit einem Haufen Verbindlichkeiten dann noch die Stange halten würde!

Sie war in jeder Beziehung sehr anspruchsvoll.

Er musste verdammt vorsichtig sein.

Was hatte ihm Edwina eine Szene gemacht, als sie das Haar auf seinem Anzug entdeckt hatte! Es war ihm auf die Schnelle keine andere Ausrede eingefallen, als zu behaupten, es sei ein Hundehaar. Er habe mit dem Köter eines Prokuristen herumgetollt.

„Ein rothaariger Hund mit so langen Haaren?“, hatte Edwina spitz gefragt.

Einen Tag später hatte sie herausgefunden, dass besagter Prokurist nur einen pechschwarzen Kurzhaardackel hatte. Wochenlang hatte Edwina ihn deswegen mit ihrer Schrillstimme angekeift, und er hatte die rothaarige Evelyn erst wieder besuchen können, als sich die Wogen etwas geglättet hatten.

In dieser angespannten Phase hatte Thomas sich dazu hinreißen lassen, der Familie einen gemeinsamen Urlaub zu versprechen. Etwas ganz Besonderes. Eine Reise in den Westen. Mit allem Drum und Dran. Mit wilden Indianern und abenteuerlichen Revolvermännern. Prickeln und Sensation auf jeder Meile.

Sie hatten weder skalplüsterne Indianer noch wild durch die Gegend schießende Cowboys gesehen, wie sie im Osten in der Westernshow auftraten.

Pamela fand die ganze Reise stinklangweilig. Und Edwina und Dany jammerten dauernd über den mangelnden Komfort.

Hätte er sich doch niemals zu dieser Wahnsinnsidee hinreißen lassen! Aber es ließ sich nicht mehr rückgängig machen.

Er hatte die Bagage am Hals.

Und wenn nicht bald etwas Aufregendes passierte, dann würde ihm die Familie auch noch vorwerfen, eine Schnapsidee gehabt zu haben.

Er seufzte von Neuem.

„Was seufzt du andauernd herum?“, fragte Edwina, und er hatte das Gefühl, dass es lauernd klang.

„Verdammt!“, sagte er und tupfte sich über das gerötete Gesicht. „Darf man nicht mal seufzen? Zur Hölle, ich kann doch auch nichts dafür, dass wir bis zum Abend durchfahren müssen! Ihr habt doch selbst gehört, was dieser Chaco gesagt hat!“

„Du fluchst schon wie diese primitiven Leute, die wir bisher getroffen haben“, sagte Edwina tadelnd.

„Wenigstens etwas Westernatmosphäre“, sagte Pamela spöttisch und blickte gelangweilt aus dem Fenster. „Ich glaube, ich werde noch gemütskrank in dieser Einöde.“

„Dahinten kommen schon die Berge“, sagte Dany und blickte von der Zeitung auf. „Bis Del Rio müsste rein theoretisch das Terrain etwas variabler werden als auf den vegetationsarmen letzten fünfzig Meilen.“

Wilson bedachte seinen Sohn mit einem finsteren Blick.

Rein theoretisch ... variabler... vegetationsarm!, dachte Thomas Wilson. Zum Kotzen, dieses hochtrabende Gelaber!

Manchmal bedauerte er, den Bengel aufs College geschickt zu haben.

Dort hatte er anscheinend verlernt, normal zu reden.

„Du solltest ein Machtwort sprechen“, sagte Edwina. „Du lässt dich viel zu sehr von diesem blöden Mischling bevormunden – du Weichling!“

„Aber Ma ...“.sagte Pamela, und es war nicht ganz klar, ob sie gegen den „blöden Mischling“ oder gegen den „Weichling“ protestierte.

„Ist doch wahr“, sagte Edwina mit schriller Stimme. „Ständig macht der Mann uns Vorschriften! Ich frage mich, weshalb wir ihn überhaupt bezahlen.“

„Damit er aufpasst, dass uns nichts passiert“, erwiderte Wilson.

„Mir wäre lieber, es würde mal was passieren“, sagte Pamela schnippisch. Dann nahmen ihre himmelblauen Augen einen schwärmerischen Ausdruck an. „Ich möchte diesen großen, starken Mann mal in Aktion sehen.“

„Er gefällt dir wohl?“, fragte Dany hämisch und rückte seine Nickelbrille zurecht. „Schwesterherz, rein theoretisch gesehen ist er kein reinrassiger ...“

„Ach, du mit deiner ewigen Theorie!“ Pamela funkelte ihren Bruder an. „Praxis ist mir lieber. Und ob er ein halber Indianer ist oder nicht – wen juckt das?“

„Dich“, bemerkte Dany grinsend.

„Ich finde ihn irre aufregend“, bekannte Pamela.

„Pamela!“, sagte Edwina empört.

In diesem Augenblick fluchte der Kutscher. Die Kutsche wurde langsamer, rollte aus und blieb mit einem Ruck stehen. Staub wehte am Fenster vorbei. Eines der Gespannpferde wieherte.

„Was ist los, Gregory?“, rief Wilson und blickte aus dem Fenster. „He, ist da etwa doch eine Station?“

„Jawohl, Sir. wusste gar nicht, dass es die noch gibt. Dachte, wir müssten bis Del Rio durchfahren.“

„Na und?“, rief Edwina. „Weshalb fahren Sie dann nicht weiter? Ich will endlich baden!“

„Darauf werden Sie wohl noch etwas warten müssen, Ma’am“, erwiderte der Kutscher. „Chaco hat mir signalisiert, nicht weiterzufahren. Er reitet zur Station voraus und erkundet die Lage.“

„Chaco, Chaco!“, schrillte Edwinas Stimme. „Der will sich bestimmt nur wichtig machen. Ich verlange ...“

„Das glaube ich nicht, Ma’am“, unterbrach sie der Kutscher. „Es sieht aus, als sei die Station überfallen worden.“

„Ein Überfall?“, rief Dany erschrocken und rückte nervös seine Brille zurecht.

„Von richtigen Indianern?“, fragte Pamela, und es klang fast hoffnungsvoll.

„Das werden wir erfahren, wenn Chaco zurückkommt.“

Eine Weile herrschte Stille. Dann ertönte wieder Edwinas Stimme. Sie drängte ihren Mann, etwas zu unternehmen. Gregory verzog das Gesicht, als er das hörte.

Wilson öffnete die Tür und stieg aus der Kutsche. In seinem eleganten Nadelstreifenanzug, der roten Weste, der grauen Samtschleife, und den flachen schwarzen Schuhen wirkte er in dieser staubigen Einöde so fehl am Platz wie ein Pinguin in der Wüste.

Pamela trug als einzige der Familie legere Kleidung, eine Levishose, eine graublau karierte Baumwollbluse, Texasstiefel und einen flachkronigen schwarzen Hut. Man konnte sie von Weitem für eine Farmers- oder Rancherstochter halten. Ihre Eltern und auch Dany hatten die Nase gerümpft, als sie sich diese Sachen gekauft hatte. Sie sehe aus wie ein Zirkusmädchen, hatten sie gemeint.

„Der Westen soll ja auch ein einziger Zirkus sein“, hatte Pamela daraufhin erklärt. „Hoffentlich fängt die Schau bald an.“

Ihr Vater hatte sich dann doch noch einen – wie er meinte – zünftigen Cowboyhut zugestanden. Es war ein schneeweißer Hut mit rotem Samtband, den ihm der Verkäufer für einen Wucherpreis aufgeschwatzt hatte, weil er Wilson gleich als eitles und zahlungskräftiges Greenhorn eingeschätzt hatte. Der Hut stammte aus dem Osten, und jeder normale Cowboy hätte sich geweigert, so was zu tragen. Gleich bei der ersten Rast hatte ein Vogel etwas drauf fallen lassen. Der Fleck war nicht ganz abgegangen, und seither genierte Wilson sich, den Hut zu tragen.

Er beschattete die Augen mit einer Hand und spähte zur Station hin, die noch etwa eine Meile entfernt war. Er sah Chaco vor der Station. Chaco war vom Pferd gestiegen und gab mit hoch erhobener Hand ein Zeichen.

„Er winkt“, sagte Wilson. „Die Gefahr ist vorüber.“

Er stieg wieder in die Kutsche und tupfte sich mit dem Taschentuch übers Gesicht. „Ist das da draußen eine Affenhitze“, stöhnte er.

Gregory trieb das Gespann an.

„Na endlich!“, sagte Edwina, als die Kutsche dann vor der Station hielt. Sie wollte aussteigen, doch Chaco trat an den Schlag. Seine Miene war hart und verschlossen.

„Sie bleiben bitte in der Kutsche, Ma’am“, sagte er.

„Aber warum?“, begehrte Edwina auf. „Wenn Sie meinen, Sie könnten uns herumkommandieren ...“

„Es ist besser für Sie“, unterbrach Chaco sie kühl. „Bleiben Sie alle in der Kutsche. Gregory, komm und hilf mir.“

„Ja“, erwiderte Gregory mit seltsam gepresster Stimme und stieg vom Wagenbock.

„Ich verstehe nicht, weshalb du dir das bieten lässt“, keifte Edwina ihren Mann an. „Ich verlange, dass du ihn zurechtweist! Unerhört, wie er ...“

Chaco hörte nicht mehr hin. Er wandte sich ab. Er fing Gregorys Blick auf. Das sonst so lustig wirkende Gesicht des stämmigen Kutschers war ernst, und seine grauen Augen verengten sich, als er wieder zu den beiden reglosen Gestalten im Sand hinsah.

Der Schlag der Kutsche flog auf. Thomas Wilson hatte sich von seiner Frau offenbar aufhetzen lassen. Mit hochrotem Kopf und grimmiger Miene stieg er aus, gefolgt von Edwina, Dany und Pamela.

Chaco unterdrückte ein Seufzen. Er verwünschte den Tag, an dem er sich bereit erklärt hatte, für seinen Freund Tony, den Detektiv, den Job als Leibwächter zu übernehmen und die Wilsons quer durch Texas nach Del Rio zu begleiten. Sie zahlten gut, aber das war auch das einzig Erfreuliche. Die hysterische Edwina konnte einem den letzten Nerv töten. Nicht viel angenehmer fand Chaco den arroganten Wilson, der glaubte, mit Geld alles kaufen zu können. Und der Fatzke von Dany mit seinem hochtrabenden Gerede ging ihm ebenso auf die Nerven wie Pamela mit ihrem koketten Getue.

Sie hatten sich allesamt beklagt, dass er nicht für genug Aufregung sorge, dass die Reise eine langweilige Tortur Er hatte ihnen erklärt, dass er nicht als Clown engagiert worden war, sondern für ihre Sicherheit zu sorgen habe.

Jetzt hatte er ihnen gesagt, dass sie in der Kutsche bleiben sollten. Sie wollten nicht hören. Nun konnten sie ihre Schau haben. Die Sensation, nach der sie am der ganzen Reise gegiert hatten. Er traute ihnen sogar zu, dass sie den Anblick genossen. Sie widerten ihn an.

Sie genossen den Anblick nicht. Das, was sie sahen, war kein Nervenkitzel wie im Zirkus. Keine Nummer aus einer Westernschau im Osteel, das war brutale Wirklichkeit.

„Ich verlange ...“, begann Edwina und rauschte an ihrem Mann vorbei. Dann verstummte sie abrupt und blieb stehen, als sei sie gegen eine unsichtbare Mauer geprallt. Ihre Augen weiteten sich jäh vor Entsetzen. Sie presste eine Hand auf den Mund, stieß einen seufzenden Laut aus und sank zu Boden.

Sie konnte kein Blut sehen.

Wilson blickte ebenso entsetzt auf die beiden reglosen Menschengestalten und auf den toten Hund, über dessen blutiges Fell Fliegen krochen.

Dany wurde kreidebleich und schluckte, als müsste er sich übergeben.

Auch aus Pamelas Gesicht wich die Farbe. „Chaco ...“, hauchte sie, dann fiel sie  etwas eleganter als ihre Mutter in Ohnmacht.

Chaco ignorierte sie. Als er sich abwandte, sah er noch aus den Augenwinkeln, wie Pamela blinzelnd nach ihm Ausschau hielt, ob er sich nicht um sie kümmern wollte.

Chaco ging zu Gregory, der neben der Frau kniete. Sie lebte, wie Chaco erkannt hatte, bevor er die Kutsche herangewinkt hatte, weil er Gregorys Hilfe brauchte.

„Wir bringen sie ins Haus“, sagte Chaco. „Vorsichtig.“

Gregory nickte. Sein Bruder war Doc, und er selbst verstand etwas von Verletzungen. Er war ein verlässlicher, sympathischer Mann, mit dem Chaco sich gut verstand.

„Die Kugel steckt“, murmelte Gregory, nachdem er die Frau kurz untersucht hatte. „Mein Gott, wie sieht ihr Haar aus! Als ob jemand ihren Skalp ...“

„Indianer?“, fragte Wilson, der das gehört hatte, und seine Stimme klang fast so schrill wie sonst die von Edwina. Furchtsam schaute er sich um.

Chaco schüttelte den Kopf. Die Fuß und Hufspuren vor der Station hatten ihm etwas anderes erzählt.

„Sie können unbesorgt sein“, sagte er zu Wilson. „Kümmern Sie sich um Ihre Frau und Tochter.“

Wilson hastete zur Kutsche. Er holte die Whiskyflasche aus seiner Reisetasche, entkorkte sie und trank gierig. Dann lief er mit der Flasche ein paar Schritte auf seine Frau zu, überlegte es sich aber anders und eilte zur Kutsche zurück, wo er die Flasche wieder versteckte.

Chaco wusste, dass Wilson heimlich Whisky schluckte. Er hatte ihn schon mehrfach dabei beobachtet, aber nichts gesagt. Sein Problem war das nicht.

Während er mit Gregory die Frau ins Haus trug, sah er mit einem kurzen Blick zurück, wie Pamela blitzschnell zu sich kam und wie Wilson neben seiner Frau kniete und ihre Wangen tätschelte, ziemlich heftig, so dass es fast schon Ohrfeigen waren.

„Chaco“, rief Pamela. „Bleib bei mir. Ich habe solche Angst ...“

Chaco gab ihr keine Antwort.

Es gab jetzt Wichtigeres zu tun, als ein verzogenes gefallsüchtiges Mädchen zu beruhigen.

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Glaubst du, sie wird es überstehen?“ Chaco blickte zu Barbara Greenville, die wieder das Bewusstsein verloren hatte.

Gregory zuckte mit den Schultern. „Die Kugel ist raus. Mehr konnte ich nicht tun. Aber nach allem, was ich meinem Bruder, dem Doc, abgeguckt habe, meine ich, sie müsste schnellstens zu einem Arzt.“

„Ist sie transportfähig?“

„Ich denke schon. Auf keinen Fall darf sie allein sein, wenn sie zu sich kommt. Den Schock würde sie nicht verkraften. Ein Dutzend Meilen von hier ist die Harding-Farm. Der Farmer war mal Doc, bevor er sich zur Ruhe setzte. Es wäre zwar ein Umweg, aber ich schlage vor, wir bringen die Frau dorthin.“

„Gute Idee“, stimmte Chaco zu.

Er dachte an die wenigen Worte, die die Stationsfrau gesagt hatte, als sie zu sich gekommen war. Einiges ergab für Chaco keinen Sinn und war sicher auf den Schock zurückzuführen, unter dem Barbara Greenville stand. Sie hatte zum Beispiel von einem Marshal geredet und ihrem Hochzeitstag. Aber die Tatsachen hatte Chaco im Großen und Ganzen schon aus den Spuren vor der Station ersehen. Banditen hatten ihren Mann ermordet, sie niedergeschossen und die beiden Söhne entführt. Die Fährte führte nach Süden und war noch frisch. Die Verbrecher konnten allenfalls einen Vorsprung von anderthalb bis zwei Stunden haben. Chaco erinnerte sich, durch sein Fernglas einen kleinen Reitertrupp gesehen zu haben, als er und die Kutsche noch Meilen von der Station entfernt gewesen waren.

Das mussten die Verbrecher gewesen sein.

Chaco hatte der verletzten Frau ohne zu zögern versprochen, ihre beiden Söhne zurückzuholen. Das hielt er für eine menschliche Pflicht.

Hoffentlich dachten die Wilsons ebenso darüber.

Er verließ den Wohnraum, in dem sie die Frau auf das Sofa gebettet hatten, und ging in die kleine Schenke.

Die Wilsons saßen an einem der drei Tische, aßen Schinken, den sie in der Küche gefunden hatten, und tranken Kaffee, den Pamela zubereitet hatte.

Sie blickten ihn erwartungsvoll an.

Pamela schenkte Kaffee in einen Becher, ging zu Chaco und hielt ihn ihm hin. Er nahm den Becher und nippte an dem Kaffee.

„Wie sieht’s aus?“, fragte Wilson und tupfte sich mit seinem Taschentuch übers Gesicht.

Chaco berichtete.

„... und deshalb werde ich die Verfolgung der Verbrecher aufnehmen und versuchen, die beiden jungen Männer zu befreien“, endete er.

Sie blickten ihn verdutzt an.

„Sie wollen uns allein lassen?“, fragte Edwina dann entrüstet.

„So ist es, Ma’am“, erwiderte Chaco kühl. „Gregory bringt die verletzte Frau zu einer Farm und fährt Sie dann nach Del Rio. Dort erwartet Sie ohnehin Mr. Tony Burgess, um Sie auf der weiteren Reise durch Mexiko zu begleiten.“

„Wir sollen diese Person mitnehmen?“ Edwina schaute ihren Mann an.

„Sie muss zu einem Arzt“, erklärte Chaco.

Edwina wollte etwas sagen, doch Thomas Wilson ließ sie nicht zu Wort kommen.

„In Ordnung, ich bin bereit, sie mitzunehmen.“ Es klang, als kostete ihn der Entschluss Überwindung. Dann wurde sein Tonfall schärfer. „Aber ich bin nicht bereit, hinzunehmen, dass Sie uns einfach im Stich lassen.“

„Das ist eine Unverschämtheit!“, bekräftigte Edwina.

„Rein theoretisch betrachtet ein Vertragsbruch“, warf Dany ein, rückte seine Nickelbrille zurecht und starrte Chaco mit leichtem Silberblick vorwurfsvoll an.

Pamela sagte nichts. Ihre Miene zeigte Enttäuschung.

„Jawohl“, griff Wilson das Stichwort auf, das ihm sein Sohn gegeben hatte. „Sie haben einen Vertrag. Sie haben sich verpflichtet, uns bis Del Rio zu beschützen.“

„Es sind nur noch rund vierzig Meilen bis dorthin“, erwiderte Chaco, „und die Gegend ist sicher.“

„Sicher, ha!“ Wilson hieb mit der Faust auf den Tisch. „Das haben wir ja gesehen. Menschen werden hier abgeknallt, Leute entführt! Wer sagt uns, dass diese Bande nicht überall hier herumreitet? Ich bestehe darauf, dass Sie Ihre Pflicht erfüllen. Andernfalls ...“

„Andernfalls?“, unterbrach Chaco ihn gelassen.

„Andernfalls wird das Konsequenzen haben. Ich habe bis Del Rio bezahlt und ...“

Jetzt platzte Chaco der Kragen. „Bezahlt, bezahlt! Sie denken immer nur an Geld! Da drinnen liegt eine schwerverletzte Frau, deren Mann ermordet wurde, deren Söhne entführt wurden, aus welchem Grunde auch immer. Die Fährte ist noch frisch. Noch besteht die Aussicht, diese Verbrecher zu schnappen, bevor sie untertauchen, und die Gefangenen zu befreien. Hier steht nicht, wie vielleicht bei Ihnen im Osten, an jeder Ecke ein Polizist, den man alarmieren könnte. Hier muss man sich und anderen oftmals noch selbst helfen. Sie sprechen von Pflicht! Es ist meine verdammte Pflicht, mich um die Greenvilles zu kümmern, anstatt für Sie den Babysitter zu spielen. Mr. Burgess wird Ihnen das Geld für die letzten vierzig Meilen schon zurückzahlen.“

Die Ader an Wilsons Stirn schwoll an. Er brauchte keinen Ansporn seiner Frau mehr.

„Blasen Sie sich nicht so auf, Mann! Sie haben den Job von Anfang an nicht richtig erfüllt. Wenn ich gewusst hätte, dass uns Mr. Burgess so jemand schickt, hätte ich ihm niemals den Auftrag gegeben. Sie sind ein ...“

„Sagen Sie’s besser nicht!“, unterbrach Chaco ihn hart. Er zuckte mit den Schultern. „Ich kann nichts dafür, dass Sie mehr erwartet haben, als Texas für Ihre Ansprüche zu bieten hat. Wenn Sie statt ständig herumzunörgeln mal die Augen aufgemacht hätten, dann hätten Sie vielleicht bemerkt, wie schön dieses Land ist, wie herrlich die unberührte weite Natur, die Tiere, der Sonnenuntergang, der Duft der Wildblumen, der Rauch des Lagerfeuers unter dem Sternenhimmel. Sie haben kleine Städte gesehen, Wild in freier Natur, Cowboys bei der Arbeit, Farmen und Ranches. Für Rummel konnte ich nicht sorgen. Wenn Sie den suchen, wären Sie besser in Baltimore geblieben. Und was meinen Job anbetrifft, so habe ich ihn hundertprozentig erfüllt – schließlich ist Ihnen nichts passiert, oder?“

Er konnte sich nicht verkneifen, hinzuzufügen: „Abgesehen vielleicht davon, dass Mylady mal auf ein heißes Bad verzichten musste und dass Sie das irre Prickeln vermissen mussten, von skalp- und sonstigen lüsternen Rothäuten überfallen zu werden.“

Pamela wusste, dass mit Letzterem sie gemeint war. Sie senkte den Kopf und zog einen Schmollmund.

Edwinas Stimme klang schrill wie nie: „Thomas, willst du dir das bieten lassen? Von einem primitiven  Mischling?“

Sie spuckte das Wort förmlich aus. Thomas Wilson reckte zornig das Kinn vor. „Ich werde Sie verklagen!“, brüllte er.

„Tun Sie das“, sagte Chaco gelassen. Er tippte an seine Hutkrempe. „Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte.“ Er wandte sich grußlos um und verließ die Station.

„Verdammter Indianerbastard!“, hörte er Wilson hinter sich sagen.

Da war es wieder, das Vorurteil, das sie von Anfang an gegen ihn gehabt hatten. Er erinnerte sich daran, wie er sie in Tonys Auftrag in New Orleans in Empfang genommen hatte. An die versteckten Anspielungen auf seine Abstammung. Nur Pamela hatte das „irre prickelnd“ gefunden und sich dafür interessiert, ob es stimme, dass alle Krieger eines Stammes über eine weiße Frau herfielen. Er hatte ihr kühl erklärt, dass das schon aus Platzmangel kaum möglich sei, weil die Tipis zu klein seien und so, und er hatte das Gefühl gehabt, dass seine Antwort sie nicht ganz befriedigt hatte. Er wusste, wie die manchmal in der Tat grausame Realität im Westen in den großen Städten des Ostens noch schaurig übertrieben wurde. Er konnte sich denken, was Pamela so alles gehört und gelesen hatte. Ihr nahm er es noch am Wenigsten übel. Sie war noch jung und musste sich erst ein eigenes Bild von der Welt machen, wie sie wirklich war.

Und manchmal war die Wirklichkeit schlimm. Wie die Ereignisse auf dieser Station gezeigt hatten. Doch das rechtfertigte nicht die Sensationslust gewisser Leute, die in der schlimmsten Ausnahme die Regel suchten und enttäuscht waren, wenn nichts passierte – wofür jeder normal denkende Mensch im Westen dem Schöpfer dankte.

Ja, die Wilsons waren sensationsgeile Leute aus dem Osten, voller Vorurteile und Arroganz – was ja meistens Hand in Hand geht.

Später, auf dem langen Weg von New Orleans durch Louisiana bis hinauf nach Dallas, dann nach San Antonio, und schließlich nach Westen über Uvalde auf die mexikanische Grenze zu, hatte er gedacht, sie hätten nach und nach einige Vorurteile abgebaut und mehr Verständnis für den Westen und seine Menschen gefunden.

Das war wohl ein Trugschluss gewesen.

Gregory trat zu ihm, als er aufsaß. Er reichte Chaco mit einem Lächeln die Hand.

„Viel Glück, Chaco“, sagte er. Und mit einer kleinen Grimasse fügte er hinzu: „Ich muss sie ja leider noch ein bisschen länger ertragen.“

Chaco drückte die Hand. Sie verstanden sich. Gregory Farrell war ein gebürtiger Texaner, ein Mann des Westens. Auch ihm waren die Wilsons oft genug auf die Nerven gegangen. Aber er brauchte das Geld. Er hatte die Kutsche auf Pump gekauft und mit einem Partner eine Linie aufbauen wollen. Gegen die Großen in diesem Geschäft hatte er nichts ausrichten können, sein Partner war ausgestiegen, und er hatte mit seinen Schulden dagesessen. Da war er auf die Idee gekommen, Reisegruppen zu kutschieren. Tony hatte ihm den Auftrag vermittelt.

„Mach’s gut, Greg“, sagte Chaco. „Vielleicht sehen wir uns mal wieder. Möglich, dass ich in Del Rio bin, bevor ihr von dort aus weiterfahrt.“

Chaco trieb den Morgan-Hengst mit leichtem Zügeldruck an.

Als er nach Süden davonritt, trat Pamela aus der Station, und aus den Augenwinkeln heraus sah er noch, dass sie die Hand hob, wie um zu winken.

Er blickte nicht zurück.

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Die Sonne senkte sich wie eine blutrote Scheibe über die Hügel im Westen, als Chaco die Verbrecher sah.

Sie hatten sich nicht bemüht, ihre Fährte zu verwischen. Von der Station aus waren sie nur knapp zwei Meilen nach Süden geritten, waren dann einige Zeit einem Arroyo gefolgt und hatten das ausgetrocknete Bachbett dann verlassen, um nach Westen zu reiten.

Chaco beobachtete aus der Deckung einer Gruppe von Pappeln heraus durch das Fernrohr. Die Banditen schlugen in einer Mulde am Fuße eines bewaldeten Hügels ihr Camp auf. Einer hängte gerade einen Wasserkessel über ein Feuer.

Chaco konnte fünf Männer sehen. Sie hatten zwei Gefangene bei sich , also mussten es drei Banditen sein. Aber nach den Fuß- und Hufspuren vor der Station hatte er angenommen, es mit vier Banditen zu tun zu haben. Er schwenkte das Fernrohr in die Runde, konnte aber keinen weiteren entdecken. Möglich, dass einer von ihnen voraus geritten war, um vielleicht ihre Ankunft zu melden oder den Weg zur Grenze zu erkunden. Chaco vermutete, dass sie nach Mexiko wollten, denn meilenweit hatte die Fährte schnurgerade nach Westen geführt.

Er bedauerte, dass Barbara Greenville nicht in der Lage gewesen war, ihm Fragen zu beantworten. Er hatte wissen wollen, wie viele Banditen es waren, was sie gesagt hatten, aus welchem Grund sie die beiden Söhne entführt haben konnten, doch alles, was Barbara Greenville gesagt hatte, hatte sie von sich aus gesagt; seine Fragen hatte sie wohl gar nicht verstanden.

Warum dieser brutale Mord und Mordversuch und die Entführung? Warum das abgeschnittene Haar der alten Frau?

Das waren Punkte, die Chaco Rätsel aufgaben.

Ob die Verbrecher Beute gesucht hatten? Möglich, wenn auch nichts darauf hinwies, dass die Zimmer durchwühlt worden waren, und die Einrichtung und anderes darauf schließen ließ, dass bei den Greenvilles nicht viel zu holen war. Chaco hatte aber auch schon erlebt, dass Leute, die man für die ärmsten Schlucker hielt, Reichtümer aus Gold oder Geld versteckt hatten. Möglich, dass die Verbrecher sich die Beute zielbewusst unter den Nagel gerissen hatten. Ebenso konnte es sein, dass die Banditen auf der Flucht vor dem Gesetz waren und sich nur frische Pferde hatten besorgen wollen, und dass sie geschossen hatten, weil Greenville sich widersetzt hatte.

Aber wozu dann die Entführung?

Damit sie Geiseln hatten, wenn das Gesetz auftauchte?

Chaco wusste noch keine Antwort auf all die Fragen.

Er hoffte, sie bald zu erhalten.

Er wartete auf die Dunkelheit. Dann konnte er die Kerle in ihrem Camp überraschen, wenn sie so lange dort rasteten.

Chaco saß ab und führte den Hengst tiefer zwischen die Bäume ins Halbdunkel. Dann legte er sich zwischen die Büsche am Rande des Trails und wartete. Vielleicht noch eine knappe Stunde. Er drehte sich eine Zigarette und hing seinen Gedanken nach. Er musste an die Wilsons denken, und die Zigarette schmeckte ihm nicht mehr so gut. Leicht bitter.

Er war froh, diese Leute nicht mehr zu sehen. Er traute Wilson zu, dass er Tony noch Schwierigkeiten bereitete, aber Tony würde schon mit ihnen fertig werden. Das war kein dummer Junge, der sich ins Bockshorn jagen ließ.

Die Schatten der Dämmerung krochen schließlich über das Land. Die Sonne war hinter den Hügeln verschwunden, und nur der Himmel war noch in einen rötlichen Schimmer getaucht, der ein einziges weißes Wölkchen an den Rändern rosa färbte.

Ein leichter Nordwestwind trieb den Duft von Wacholder und Blumen herüber und brachte etwas Kühlung nach der Hitze des Tages.

Chaco beobachtete eine Eidechse, die seitlich von ihm davonhuschte, als er den Hufschlag hörte.

Ein Reiter näherte sich im Galopp auf dem Trail, auf seiner Fährte. Er musste jetzt in der Senke unterhalb des Waldstücks sein. Die Sicht auf ihn war verdeckt.

Chaco zog seinen Army-Colt und überprüfte ihn. Er hatte nicht vor, zu schießen, denn ein Schuss würde von den Banditen gehört werden. Er hatte auch nicht vor, sich dem Reiter zu zeigen, es sei denn, es wäre ein Sheriff oder Marshal, der auf der Fährte der Banditen ritt. Jeder andere konnte eine Gefahr sein, unter Umständen ein Kumpan der Banditen, der die Gegend erkundete. Schließlich kannte er sie nicht und hatte nicht mal eine Beschreibung von ihnen.

Das Beste war also, unsichtbar zu bleiben und abzuwarten, wie sich die Dinge entwickelten.

Chaco spähte zum Trail hin. Dann tauchte der Reiter an der Wegbiegung auf.

Und Chaco glaubte seinen Augen nicht trauen zu können.

Es war Pamela.

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Sie erschrak, als er zwischen den Büschen aufsprang. Sie war keine gute Reiterin. Das hatte er bemerkt, als er sie mal auf dem Morgan Hengst hatte reiten lassen. Sie hielt sich anscheinend jedoch für eine meisterhafte Reiterin. Schließlich bezahlte ihr Vater die wöchentliche Reitstunde in der Halle des noblen Reitklubs in Baltimore.

Sie stieß einen Laut des Erschreckens aus und zügelte das völlig erschöpfte Pferd so heftig und falsch, dass es auf die Hinterhand stieg. Ihre Füße rutschten aus den Steigbügeln. Sie versuchte noch, sich an der Mähne festzuklammern, doch es gelang ihr nicht. Sie rutschte nach hinten aus dem Sattel und setzte sich wenig elegant auf den Hintern.

Chaco war mit ein paar langen Sätzen bei dem Pferd, das wieder mit der Vorderhand aufsetzte, vor ihm scheute und sich drehte, wohl um in die entgegengesetzte Richtung zu fliehen.

Chaco konnte gerade noch die schleifenden Zügel packen. Er brachte das Tier schnell unter Kontrolle und redete beruhigend auf es ein. Das Fell des Pferdes war schweißnass, und seine Flanken zitterten. Pamela hatte es hart gefordert.

Sie saß wie ein Häufchen Elend im Staub, der sich träge senkte, sah zu ihm auf und lächelte zaghaft.

Es war ihr offenbar nicht viel passiert.

Chaco führte erst das Pferd in Deckung und band es an. Mit einem schnellen Blick vergewisserte er sich, dass die Reiterin vom Banditencamp aus nicht gesehen worden sein konnte. Auch den Hufschlag hatten sie dort nicht hören können.

Er ging zu Pamela.

„Was ist passiert?“, fragte er, denn er dachte, dass irgend etwas auf der Station passiert sein musste, was Gregory oder die Wilsons veranlasst haben könnte, ihm Pamela nachzuschicken.

Doch Pamela dachte offenbar nur an sich.

„Ich hab’ nur einen furchtbaren Schreck bekommen.“

Sie streckte die Arme aus.

Er half ihr auf.

Im nächsten Augenblick warf sie sich an seine Brust und schlang die Arme um seinen Nacken.

„Chaco, ich – ich musste dich einfach wiedersehen.“

Sie duzte ihn zum ersten Mal, und sie presste sich an ihn wie eine leidenschaftliche Geliebte. Er spürte, wie sich ihr Busen unter einem heftigen, fast seufzenden Atemzug hob und senkte, und er roch ihren Duft  eine Mischung aus Parfüm, Schweiß und Pferdegeruch.

Sie war nur einen halben Kopf kleiner als er, schlank, langbeinig und wohlproportioniert. Sie blickte aus leicht verschleierten blauen Augen zu ihm auf.

„Küss mich, Chaco.“

Sie schloss die Augen und bot ihm die Lippen dar.

„Bist du mir deshalb nachgeritten?“, fragte er, und er glaubte die Antwort schon zu wissen.

„Ja. Ich – ohne dich konnte ich es nicht aushalten. Ich hatte gedacht, dass bis Del Rio noch etwas passiert – zwischen uns, meine ich. Außerdem haben wir da drei volle Tage Aufenthalt. Drei Tage und drei Nächte. Da hättest du schon deine Zurückhaltung aufgegeben. Aber als Vater dich fortschickte wie einen ...“

Er löste sich von ihr und schob sie von sich. Nicht so sanft, wie er beabsichtigt hatte.

„Dein Vater hat mich nicht fortgeschickt“, stellte er richtig. „Weiß er von deiner Dummheit, allein hier durch die Wildnis zu reiten?“

Ihre Miene spiegelte die Enttäuschung wider.

Sie hatte ein schönes Gesicht und einen schönen Körper, und sie war sicherlich die Beste der Wilsons, doch Chaco hatte sie auf dem langen Weg zu oft dummes Zeug plappern hören. Er hatte gespürt, dass sie ihm gefallen wollte, dass sie ein Abenteuer suchte. Aber er bezweifelte, dass es um seiner selbst Willen geschah, sondern einfach nur, weil er anders war als die geschniegelten Burschen in Baltimore, mal etwas Besonderes für ein verwöhntes Mädchen, das sich bestätigt sehen wollte. Er glaubte sie schon bei ihren Freundinnen reden zu hören, über Abenteuer, die sie auf dieser Reise nie erlebt hatte, über all das, was sie sich wohl erträumt hatte und was ihr Vater für sein Geld zu kaufen geglaubt hatte.

„... und dann war da noch ein wildes Halbblut, fast so’n richtiger Indianer, unser Leibwächter. Gleich in der ersten Nacht ist er in unserem Camp mitten in der Prärie über mich hergefallen. Und dazu haben die Kojoten geheult, und aus der Ferne klang der Trommelwirbel von Comanchen, denen wir gerade noch entkommen waren. Ach – es war einfach himmlisch. Ihr solltet auch mal in den Westen fahren. Da ist mehr los als bei euren Kaffeekränzchen ...“

So oder ähnlich konnte er sich Pamelas Bericht gut vorstellen. Es war praktisch eine Zusammenfassung all ihrer bisherigen Äußerungen.

Das ging Chaco in Sekundenschnelle durch den Kopf.

Pamela strich sich eine Strähne ihres hellblonden Haars aus der Stirn. „Nein“, antwortete sie.

„Sie werden sich sorgen.“

„Die doch nicht. Ich bin kein kleines Kind mehr. Du bist nicht der erste Mann für mich. Aber der erste, dem ich nachgeritten bin.“ Sie lächelte ihn an.

Er sagte nichts.

„Zehn Minuten nachdem du weg warst, habe ich mir ein Pferd von der Station genommen und mich davongemacht. Ich habe ihnen eine Nachricht hinterlassen, dass sie nach Del Rio fahren und dort auf uns beide warten sollen. Vater kam aus der Station gerannt, als er den Hufschlag hörte und brüllte hinter mir her: Dann reite doch zum Teufel!“ Sie lachte. „Und da bin ich. Mensch, bist du schnell geritten.“ Ihr Blick forschte in seinem Gesicht. „Warum schaust du mich denn so grimmig an? Bist du böse?“

„Ja“, erwiderte er, und es erinnerte an ein Knurren. „Ich bin böse.“

Ihr Lächeln erstarb. Sie senkte den Kopf. Ihre Wangen röteten sich.

„Das musst du doch verstehen“, sagte er etwas milder. „Ich reite hier nicht zum Vergnügen herum. Da vorne sind Mörder und Banditen.“ Er nickte in die Richtung. „Mit den Gefangenen. Da kann ich nicht noch auf ein vergnügungssüchtiges Mädchen aufpassen.“

„Hast du sie tatsächlich gefunden?“ Ihre Neugier war so groß, dass sie seine Worte offenbar nicht übelnahm. Sie spähte durch die Dämmerung. „Ich kann nichts erkennen. Das heißt, doch – da ist ein rötlicher Punkt. Ein Feuer?“

Er nickte und nahm das Fernrohr.

Im Camp hatte sich nichts verändert.

„Darf ich auch mal sehen?“

Er reichte ihr das Glas.

Sie schaute hindurch. „Das sind also die Verbrecher.“ Sie schüttelte sich. „Und die armen Gefangenen! Wie willst du sie befreien?“ Sie ließ das Fernrohr sinken und schaute ihn gespannt an.

„Nicht wie in ’ner Zirkusshow“, erwiderte er, immer noch wütend, weil sie sich mit ihrer Dummheit nicht nur in Gefahr begeben hatte, sondern ihn jetzt auch noch belastete.

Ihre Miene nahm einen beleidigten Ausdruck an. „Ich weiß jetzt, was du von mir hältst. Es tut mir leid, aber es kann eben nicht jeder im Westen aufgewachsen sein.“

Sie wandte sich ruckartig ab und ging davon.

Er folgte ihr sofort und ergriff ihren Arm. Das fehlte noch, dass sie irgend etwas Unüberlegtes tat.

„Wo willst du hin?“, fragte er.

Sie schaute ihn an, zornig, fast feindselig. „Ich reite zurück.“

„Das tust du nicht. Ich lasse dich nicht allein im Dunkeln durch die Wildnis reiten.“

„Du kannst mich nicht zwingen“, stieß sie hervor.

„Und ob“, sagte er trocken.

Sie riss sich mit einem unerwarteten Ruck von ihm los und wich heftig atmend vor ihm zurück.

„Rühr mich nur ja nicht an!“, fauchte sie.

Er unterdrückte ein Seufzen. Genau das wünschte sie sich offenbar.

„Ich kann mich wehren, und wenn du noch so stark bist“, fügte sie hinzu. Und dann zog sie die Derringer aus der Hosentasche.

„Lass den Blödsinn“, sagte er und blieb stehen.

„Es ist mir ernst“, sagte sie drohend. „Du brauchst dir nicht einzubilden, du hättest leichtes Spiel bei mir, weil ich mich dir wie ein Flittchen an den Hals geworfen habe, was du mich ja zur Genüge spüren lässt.“

Es klang wie ein Schluchzen. Sie war zutiefst gekränkt. Er konnte nichts dafür. Sie hatte sich selbst in diese Situation gebracht.

„Ich glaube nicht, dass du dich wie ein Flittchen benommen hast“, sagte er ruhig, bemüht, die Wogen zu glätten, denn er wollte vermeiden, dass sie in ihrem Zorn eine Dummheit beging. „Die nehmen Geld dafür. Und davon war doch nicht die Rede, oder?“

Er hatte die richtigen Worte gewählt. Sie ließ die Hand mit der Derringer sinken.

Er trat auf sie zu und nahm ihr die kleine Waffe ab, was sie ohne Widerstand geschehen ließ.

Er nahm sie in die Arme und blickte ihr in die Augen. Tränen schimmerten darin.

„Versprichst du mir, vernünftig zu sein und hier auf mich zu warten?“, fragte er sanft.

„Ja, ich verspreche es.“ Sie schmiegte den Kopf an seine Schulter.

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Chaco spähte zwischen den Büschen am Rande des Camps zu den Gefangenen hin. Sie lagen gefesselt abseits des Feuers, an dem die drei Banditen hockten und aßen. Es duftete nach gebratenem Speck.

Chaco wollte dafür sorgen, dass den Burschen der Bissen im Halse steckenblieb.

Zuerst aber wollte er die Gefangenen befreien. Die Büsche reichten fast bis zu ihnen heran. Im Dunkeln konnte er ihre Stricke durchschneiden, und sie konnten ihm dann behilflich sein, die Banditen zu entwaffnen und zu fesseln.

Doch da wieherte eines der Pferde, die bei einer Baumgruppe angebunden waren.

„He, war da nicht was?“, fragte einer der Banditen misstrauisch. Sie blickten zu den Pferden, dann zu den Gefangenen. Jetzt war es zu riskant, zu den Gefangenen zu schleichen. Ihr Misstrauen war geweckt. Es musste auch so gehen.

Chaco sprang auf und repetierte die Winchester.

Die Köpfe der Banditen ruckten zu ihm herum.

„Keine Bewegung!“, rief Chaco.

Einer hatte gerade den Kaffeebecher zum Mund geführt. Er erstarrte ebenso wie die beiden anderen.

Die Überraschung war gelungen. Er hatte die Banditen vor der Gewehrmündung, und die Gefangenen waren weit genug von den Kerlen entfernt, so dass keine Gefahr für sie bestand.

Mit dem Gewehr im Hüftanschlag trat Chaco näher auf sie zu.

„He, Mann, was soll ...“, begann einer der Kerle, und das war nur als Ablenkung gedacht. Denn schon handelten alle drei wie auf ein geheimes Kommando hin.

Es waren wirklich hartgesottene, eiskalte Burschen.

Der eine hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als er sich schon zur Seite warf und seine beiden Hände zu den Revolvern hinabstießen. Die beiden anderen waren nicht ganz so schnell, aber sie griffen ebenfalls zu den Waffen.

Chaco feuerte.

In diesem Augenblick glaubte er noch, er könnte die Burschen mit einem Warnschuss zur Vernunft bringen. Das war ein Fehler.

Sein Blei fegte dem Zweihandschützen den Hut vom Kopf.

Im nächsten Augenblick blitzten und krachten bereits die Revolver des Mannes. Er hatte die Sechsschüsser nicht gezogen, sondern einfach die bodenlosen Holster gedreht, über die Hähne gewischt und gefeuert.

Mündungsflammen stachen durch die Dunkelheit. Ein Geschoss pfiff so dicht an Chacos Ohr vorbei, dass er den heißen Hauch des Todes zu spüren glaubte.

Chaco feuerte, noch bevor die Schüsse des Zweihandschützen verhallt waren. Er wusste, dass es um sein Leben ging.

Mit einem Aufschrei sank der Zweihandschütze zurück. Chacos Kugel hatte ihn in die Brust getroffen.

Chaco war bereits wieder in wirbelnder Aktion. Denn die beiden anderen Verbrecher hatten ebenfalls ihre Waffen aus dem Leder.

Während Chaco sich fallen ließ, feuerte er auf den zweiten Banditen, dessen Colt aufblitzte. Die Kugel warf den Mann zurück. Er fiel ins Feuer und schrie wie am Spieß. Funken stoben in den Nachthimmel. Schreiend wälzte sich der Bandit vom Feuer fort, schlug Funken aus und presste die Linke auf seine verletzte rechte Schulter. Der Revolver war ihm entglitten.

Der dritte Bandit schoss ebenfalls, doch sein Blei jaulte weit über Chaco hinweg und klatschte in einen Baumstamm bei den Pferden. Ein Tier scheute in Panik und riss sich los.

Chaco nahm das alles nur am Rande wahr. Er war auf dem Bauch gelandet und visierte den dritten Banditen an.

Der Mann blickte in die Gewehrmündung, und Chaco sah die weit aufgerissenen Augen, die verzerrte Miene im Schein des Lagerfeuers.

Ein Sekundenbruchteil entschied über Leben und Tod.

Chaco sah genauso in die Revolvermündung des Banditen wie der in seine Gewehrmündung.

Chacos Finger krümmte sich schon am Abzug, als der Bandit unerwartet für Chaco seinen Revolver wegwarf, als hätte er sich daran verbrannt.

Chaco riss noch reflexartig die krachende Winchester hoch, um den Burschen, der aufgab, nicht zu treffen. Doch das Schicksal wollte es anders.

Der Bandit war in Panik geraten. Es war ein Schock für ihn gewesen, seine Kumpane fallen zu sehen. Deshalb war sein Schuss auch weit danebengegangen. Drei Mann gegen einen. Und dieser eine war ihnen überlegen! Da hatte der Bandit die Nerven verloren. Er ließ seine Waffe fallen und reckte erschrocken die Arme hoch, gerade in dem Moment, in dem Chaco feuerte und die Winchester hochriss, um ihn nicht zu verletzen.

Das Blei traf ihn in die rechte Hand. Er schrie gellend, dann ging sein Schrei in ein Wimmern über.

Chaco schwenkte die Winchester bereits zu dem nächsten Banditen herum. Dann atmete er auf.

Es drohte keine Gefahr mehr. Der Zweihandschütze lag reglos am Boden. Sein Kumpan presste die Linke auf die rechte Schulter, und sein Gesicht war vor Schmerzen verzerrt. Der dritte starrte voller Entsetzen auf seine blutige Hand, und es sah aus, als würde er weinen.

Pulverrauch zerfaserte. Sekundenlang war es totenstill.

Chaco erhob sich und schritt mit der Winchester im Hüftanschlag auf die Banditen zu. Er trat die Waffen zweier Männer aus ihrer Reichweite. Sie hoben die Hände, ohne von ihm dazu aufgefordert worden zu sein. Chaco warf einen Blick zu der reglosen Gestalt des Zweihandschützen. Der Schein des Feuers spiegelte sich in gebrochenen Augen.

Der Verbrecher war tot.

Die beiden anderen starrten Chaco an, und er sah die Angst in ihren Augen. Vermutlich rechneten sie damit, dass er sie erschießen würde. Für Kerle ihres Kalibers gab es wohl nur diese Möglichkeit: töten oder getötet zu werden.

„Schieß schon, und sei verdammt!“, krächzte der Kerl mit der verletzten Schulter.

„Ich bin kein Killer“, erwiderte Chaco, „wie ihr es seid. Ihr hättet vernünftig sein sollen, dann wäre euer Kumpan noch am Leben. Tut mir leid, dass ich ihn tödlich getroffen habe, aber er ließ mir keine Wahl. Wer hat übrigens den Stationsmann erschossen?“, fügte er beiläufig hinzu.

„Ich nicht!“, rief der Bandit mit der verletzten Hand. „Ich war bei den Pferden. Die anderen ...“

Ein giftiger Blick seines Kumpans ließ ihn verstummen.

„Der da hat geschossen“, behauptete der andere und nickte zu der Leiche hin.

Chaco sah ihm an, dass er log. „Ach, und der da hat auch die Frau niedergeschossen?“

Der Bandit nickte.

„Er lügt!“, rief einer der Gefangenen. „Das war der vierte Kerl, der falsche Marshal. Wir haben es zwar nicht gesehen, weil man uns niedergeschlagen hatte, aber wir haben gehört, wie sie später darüber gesprochen haben!“

Der vierte Kerl!

Chacos Haltung spannte sich, als er das hörte. Sein Blick zuckte in die Runde.

„Keine Sorge“, rief der zweite Gefangene. „Der falsche Marshal ist auf dem Weg zur Bande.“

Chaco atmete auf. Flüchtig dachte er daran, dass Barbara Greenville ja auch von einem Marshal geredet hatte, was er aber nicht richtig gedeutet hatte. Nun, die Einzelheiten würde er von den Greenville-Söhnen erfahren.

Der Bandit mit der verletzten Schulter, offenbar kaltschnäuziger als der andere, warf einen wütenden Blick zu den Gefangenen hin. „Da habt ihr euch verhört.“

Chaco tastete die beiden nach weiteren Waffen ab und fand zwei Messer und einen 32er Revolver.

Er ließ die Banditen sich gegenseitig notdürftig verbinden und fesselte sie.

„Euch ist wohl klar, dass ihr baumeln werdet“, sagte Chaco wie im Plauderton. Er hoffte von ihnen Informationen zu erhalten und arbeitete schon darauf hin. Das würde später dem Gesetz die Sache erleichtern. „Am Hals aufgehängt, bis ihr schwarz werdet wie das Herz des Satans. Jungs, ich möchte nicht in eurer Haut stecken.“

„Ich habe nicht geschossen“, sagte der Bandit mit der verletzten Hand.

„Halt die Klappe, Mac!“ fuhr ihn der andere an.

Mac ist also der weniger harte, dachte Chaco. Der wird plaudern.

Chaco ging zu den Gefangenen.

„Danke, Mister“, sagte Pete Greenville. „Wir dachten schon ...“

Chaco sollte nicht mehr erfahren, was die Greenvilles dachten.

Er hatte gerade die Winchester abgelegt und griff zum Bowiemesser, um die Stricke der Gefangenen durchzuschneiden, als der Schuss krachte.

Es war, als fege ein glühender Feuerhaken über Chacos linke Schulter.

Einer der Gefangenen schrie auf.

Chaco handelte rein instinktiv. Er ließ das Messer fallen, warf sich ins Gras und griff zum Army:-Colt. Das Gewehr war im Augenblick nutzlos.

Wieder blitzte es zwischen den Büschen am Rande des Camps auf. Das Geschoss fetzte Gras und Dreck dicht neben Chaco auf.

Chaco hatte den Army-Colt aus dem Leder, riss den Hammer zurück und feuerte auf die Büsche, wo er den Mündungsblitz gesehen hatte. Und noch bevor der Schuss verhallt war, rollte er sich über den Boden, fort von den Gefangenen, zu den Banditen beim Feuer hin, denn sie boten ihm die einzige erreichbare Möglichkeit, Deckung zu finden.

Der Schütze musste schnell seinen Standort gewechselt haben, denn jetzt blitzte und krachte es weiter rechts als zuvor. Das Blei schlug in den Hut, der Chaco vom Kopf gefallen war und dicht neben ihm durchs Gras rollte.

Zugleich ertönte eine raue Stimme: „Das nächste Blei sitzt im Gehirn!“

Die Stimme erklang von der anderen Seite her!

Und von dort peitschte jetzt ein weiterer Schuss.

Chacos Nackenhaare richteten sich auf.

Zwei Gegner! Sie hatten ihn in der Zange.

Es gab keine Chance mehr.

Sie waren im Dunkeln und sahen ihn deutlich im Schein des Feuers. Er war nur noch drei, vier Schritte von den gefesselten Banditen entfernt, doch es hätten auch Meilen sein können.

Er verharrte.

„Dein Eisen weg!“, rief jetzt der Mann zwischen den Büschen.

„Sonst puste ich dir ein Loch in den Bauch!“, meldete sich die Stimme von der anderen Seite.

Ob Bauch oder Gehirn, Chaco wollte beides unversehrt behalten. Er warf den Army-Colt ins Gras und hob langsam und vorsichtig die Hände, damit sie nicht durch eine ruckartige Bewegung erschraken und abdrückten.

Dann tauchten die beiden Männer auf. Chaco sah den Mann zwischen den Büschen als Silhouette, vom anderen hörte er nur die Schritte. Es war ein großer, schwergewichtiger Kerl, und als er mit dem Gewehr an der Hüfte näher trat, sah Chaco den Stern auf der Brust des Mannes schimmern.

Für einen Moment schöpfte er Hoffnung, dachte, es könnte ein Marshal sein, der auf der Fährte der Banditen ritt und ihn vielleicht für einen von ihnen gehalten hatte. Doch dann fiel ihm ein, was die Greenvilles gesagt hatten, und schlagartig erkannte er, dass der Mann mit dem Stern zu den Verbrechern gehörte.

Die Schritte des anderen verstummten hinter ihm. Ein Schatten fiel auf ihn.

Ein Schatten, der etwas in der Hand hielt, das wie eine zum Schlag erhobene Stange aussah.

Er wollte noch den Kopf zur Seite reißen, doch es war zu spät.

Etwas traf ihn am Kopf, und er hatte das Gefühl, die Welt würde explodieren. Dann spürte und sah er nichts mehr.

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7

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Ich verstehe dich nicht“, sagte Edwina Wilson vorwurfsvoll.

Thomas Wilson unterdrückte ein Seufzen.

Das beruht ganz auf Gegenseitigkeit, dachte er. Wir verstehen uns nicht. Schon seit Jahren nicht mehr.

„Und warum nicht?“, fragte er und tupfte sich übers Gesicht.

„Wir fahren ohne Pamela weiter. Nur wegen der da.“ Sie blickte zu Barbara Greenvilles stiller Gestalt, die die ganze gegenüberliegende Sitzbank einnahm.

„Du hast gehört, dass sie dringend zu einem Arzt muss“, sagte Wilson und bewegte sich unbehaglich auf seinem Platz. „Man kann sie doch nicht einfach sterben lassen.“

„Ach nein. Eine fremde Frau ist dir wichtiger als deine Familie. Aber das ist ja immer so bei dir.“

Wilson zuckte kaum merklich zusammen. Das klang wie eine Anspielung.

„Wieso?“, fragte er vorsichtig.

„Das arme Kind!“, sagte Edwina, ohne auf seine Frage einzugehen. „Wenn sie sich verirrt? Wenn sie ihn nicht einholt?“

„Sie ist eine gute Reiterin“, widersprach er. „Jedenfalls zahle ich genug für ihre Reitstunden. Und er war gerade zehn Minuten vor ihr fort. Sie braucht doch nur auf seiner Fährte zu bleiben. In der nächsten Ebene wird sie ihn schon gesehen und sich mit einem Schuss bemerkbar gemacht haben.“

„Das arme Kind!“, wiederholte Edwina.

Verdammtes Gör!, dachte Wilson. Warum ist sie dem Kerl auch nachgeritten! Möchte wissen, was sie an ihm findet.

„O Gott“, stieß Edwina hervor, „wenn er ihr Gewalt antut!“

„Da wird nicht viel Gewalt nötig sein“, meldete sich Dany grinsend zu Wort und rückte seine Nickelbrille zurecht. „Rein theoretisch gesehen“, fügte er mit einem Achselzucken hinzu, als er den giftigen Blick seiner Mutter auffing.

„Rein theoretisch gesehen hat Dany mal ausnahmsweise recht“, sagte Wilson. „Wir haben doch alle erlebt, wie sie sich an ihn ranwerfen wollte. Das dürfte dir als Mutter doch nicht entgangen sein, Edwina, oder?“

„Das hat sie von dir“, erwiderte Edwina spitz.

Thomas A. Wilson tupfte sich aus purer Angewohnheit übers Gesicht und sagte nichts.

„Unsere Tochter allein mit diesem Kerl! Wenn ich mir vorstelle, was er mit ihr anstellt ...“

„Er war oft genug mit ihr allein“, unterbrach Wilson. „Er hätte nur zuzugreifen brauchen. Aber erst heute morgen hat sie noch gemeckert, dass er es nicht getan hat. Und wenn er es jetzt tut, hat sie endlich, was sie will. Dann wird die Reise wenigstens für einen von uns zum Vergnügen.“

Edwina verschlug es für einen Augenblick die Sprache. Nur für einen Moment, zu Wilsons Bedauern.

„Du wirst immer verkommener“, sagte sie schrill. „Kein Wunder bei deinem Umgang und deinem Lebenswandel.“

Das war mit Sicherheit eine Anspielung.

„Wie meinst du das?“, fragte er vorsichtig.

„Ich erinnere nur an die rothaarige Hündin deines Prokuristen, mit der du herumgetollt bist“, erwiderte sie spitz.

Verdammt, sie wusste ja gar nicht, wie sehr sie den Nagel auf den Kopf getroffen hatte!

Er trat die Flucht nach vorne an. „Immer musst du alte Belanglosigkeiten aufwärmen! Du willst nur vom Thema ablenken. Fest steht, dass Pamela keine Jungfrau mehr ist – was auf deine Erziehung zurückzuführen ist – und dass sie vom ersten Tag an auf den Kerl scharf war. Sie muss ja immer alles haben, was sie sich in den Kopf gesetzt hat! Sie ist alt genug, um zu tun, was sie will. Von mir lässt sie sich doch nichts mehr sagen – ich kann nur für ihre Eskapaden bezahlen. Dieser Chaco stinkt mir zwar gewaltig, und ich werde ihn niemals als Schwiegersohn akzeptieren, nicht mal, wenn er ihr ein Kind macht, aber ich kann nichts daran ändern, wenn er nimmt, was ihm da praktisch in den Schoß fällt.“

„Du bist ...“, begann Edwina zu keifen.

Thomas unterbrach sie schon im Ansatz. Er war jetzt so richtig in Fahrt gekommen.

„Du hast sie doch schon mit sechzehn in diese Klubs gehen lassen. Du hattest nichts dagegen, dass die Jüngelchen in unserem Haus meinen Champagner soffen und bei ihr im Zimmer übernachteten. Du hast ihr doch die Flausen in den Kopf gesetzt, dass sie sich früh genug einen Mann angeln soll. Sie ist das Produkt deiner Erziehung!“

„Weil du ja nie da warst, wenn die Familie dich brauchte.“

„Ich arbeite Tag und Nacht, um eure teuren Vergnügungen zu bezahlen!“

„Und deine eigenen“, bemerkte sie spitz. „Noch dazu mit meinem Kapital.“

„Diese Diskussion ist rein theoretisch gesehen überflüssig“, warf Dany gelangweilt ein. Er kannte die ewig gleichen Streitereien seiner Eltern auswendig. „Wir sollten uns lieber überlegen, wie es mit Pamela weitergeht.“

„Rein theoretisch gesehen hast du recht, mein Sohn“, sagte Wilson ein bisschen erleichtert.

„Wir fahren nach Del Rio, wo uns der Detektiv erwartet. Dem Knaben mache ich die Hölle heiß. Dem ziehe ich die halbe Gage ab, darauf könnt ihr euch verlassen. Und dann warten wir auf Pamela.“

„Und wenn sie mit dem Halbblut durchbrennt?“, fragte Dany.

„Herrgott, dann setze ich Detektive oder Marshals in Marsch. Außerdem ist Pamela nicht ganz blöde. Wenn sie ihren Spaß gehabt hat, wird sie schon zur Vernunft kommen. Die weiß, wo ihr Brot gebuttert ist.“

Eine Weile herrschte Schweigen.

Die Kutsche wurde langsamer.

Dany warf einen Blick aus dem Fenster. „Ah, da ist die Farm, wo der Doc leben soll. Bin froh, wenn wir die da loswerden.“ Er nickte zu Barbara Greenvilles stiller Gestalt hin. „Richtig unheimlich, mit ’ner Halbtoten durch die Gegend zu fahren.“ Die Kutsche hielt.

„Die da“ öffnete die Augen und tat, als erwache sie. Sie war schon seit einer halben Stunde bei Bewusstsein. Sie hatte alles mit angehört.

„Hoffentlich haben sie dort ein Bad“, sagte Edwina Wilson. „Dann brauche ich nicht bis Del Rio zu warten.“

In diesem Augenblick peitschten die Schüsse.

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8

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Der Teufel lachte. Und all seine Helfershelfer stimmten ein. Das Lachen dröhnte in Chacos Kopf. Er hatte das Gefühl, es würde durch seinen Schädel hallen wie mit Pauken geschlagen, und in seinem Magen würden Schmetterlinge herumflattern. Schmetterlinge in der Hölle?

Nein, es war nur das Gefühl der Übelkeit. Und die Kerle, die dort lachten, mochten Helfershelfer des Teufels sein, doch er war nicht in der Hölle.

Die Erinnerung setzte ein.

Er hatte helfen wollen und brauchte jetzt selbst Hilfe. Er hatte sich zu sicher gefühlt, weil die Greenvilles gesagt hatten, der vierte Mann sei nicht mehr im Spiel. Das war ein Fehler gewesen.

Das Lachen war verstummt. Die Stimmen, die zuerst wie aus weiter Ferne geklungen hatten, wurden deutlicher.

„... sollten wir ihm abschneiden ...“

„Ich bin für Aufhängen ....“

„... ’ne schnelle Kugel ist das einfachste.“

„... nein, der Bastard hat Hank umgelegt.“

„... Hank hat zuerst gefeuert, und trotzdem hat es ihn erwischt. Ich kann es noch gar nicht fassen.“

„Der hatte nur Glück, als er Hank erwischte. Dafür soll er büßen. Ganz langsam soll er sterben ...“

Ein kalter Schauer rieselte über Chacos Wirbelsäule. Sie überlegten sich offenbar eine Todesart für ihn, und das Gelächter vorhin war wohl auf einen besonders üblen Vorschlag zurückzuführen.

Blinzelnd öffnete er die Augen einen Spalt. Die Banditen hockten am Feuer und ließen eine Flasche kreisen. Er selbst lag auf dem Bauch im Gras neben den Greenvilles. An Händen und Füßen gefesselt, wie er erst jetzt bemerkte.

„Wir könnten ihn auch mit verkaufen“, hörte er den Verbrecher mit dem Stern sagen.

Die anderen protestierten. „Boss, da käme er viel zu billig davon. Ich pfeife auf die Dollars. Ich will Rache für Hank.“

Die anderen murmelten zustimmend.

„Schon gut“, sagte der Anführer. „War auch nur so ’ne Idee. Wir haben ohnehin unsere Stückzahl übererfüllt. Der Boss wird zufrieden sein. Auch wenn ihr beinahe Mist gebaut hättet.“

„Was sollten wir denn machen?“, verteidigte sich der Bandit mit dem Schulterstreifschuss. „Der Bastard war ganz plötzlich da und ...“

„Quatsch nicht, Floyd!“, unterbrach ihn der Anführer. „Da gibt es keine Entschuldigung. Ihr hättet euren Trail beobachten und einen Posten aufstellen sollen. Wenn Alfie nicht zufällig früher am Treffpunkt gewesen wäre, um mir Vollzug zu melden, wären wir beide zu spät hier aufgetaucht. Dann hättet ihr dumm aus der Wäsche geschaut.“

Die anderen schwiegen betreten.

„Bringen wir Hank unter die Erde“, fuhr der Anführer, Ed Corwin, fort. „Und dann einigt euch, wie ihr den Bastard abservieren wollt. In spätestens einer Stunde reiten wir weiter.“

Er erhob sich und schritt zu den Pferden. Die anderen Männer folgten ihm. Keiner warf auch nur einen Blick zu Chaco und den anderen Gefangenen.

Chaco wartete, bis sie weit genug fort waren. Dann drehte er vorsichtig den Kopf zu dem Mann, dessen Atemzüge er neben sich hörte.

„Sieht übel aus“, raunte er.

„Die Kerle wollen Sie umbringen“, flüsterte der junge Greenville.

„Ich habe es gehört“, erwiderte Chaco ebenso leise.

„Und uns wollen sie nach Mexiko bringen“, flüsterte der andere. „Es sind Menschenhändler.“

Chaco zerrte an den Stricken. Da war nichts zu machen. Die Lage war hoffnungslos.

Er spähte zu den Banditen hin. Einer der Kerle begann mit einem Klappspaten zu graben. Der Tote lag noch beim Feuer. Daneben lagen die Waffen. Nah, doch unerreichbar fern.

Verzweifelt suchte Chaco nach einem Ausweg aus der hoffnungslosen Lage.

Es gab keinen.

Etwas raschelte hinter ihm, und er wandte den Kopf, weil er glaubte, einer der Greenvilles hätte sich bewegt.

„Chaco!“

Er zuckte zusammen. Etwas bewegte sich hinter ihm im Dunkel, und dann spürte er, wie jemand sich an seinen auf den Rücken gefesselten Händen zu schaffen machte.

Pamela!

An das Mädchen hatte er überhaupt nicht mehr gedacht.

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9

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Runter vom Bock, oder ich hole dich runter!“, klang eine raue Stimme aus dem Dunkel neben dem Farmwagen, der an der Seitenwand des Farmhauses stand.

Gregory gehorchte.

Er wusste, dass Gegenwehr Selbstmord gewesen wäre. Der Mann mit dem Gewehr war ein sicherer Schütze. Der erste Schuss hatte Gregory den Hut vom Kopf gefegt. Und der Kerl war nicht allein.

Schatten huschten vom Stallgebäude heran. Drei maskierte Männer.

Im Nu waren sie rechts und links an der Kutsche. Sie hielten Revolver in den Fäusten.

„Alles mit erhobenen Händen aussteigen“, ertönte die Stimme aus dem Dunkel, „oder wir blasen euch mitsamt der Kutsche ins Jenseits!“

„Nicht schießen!“ Das war Wilsons panikerfüllte Stimme.

Er stieg als erster aus. Der Schein der Laterne am Pfosten der Veranda fiel auf sein ängstliches Gesicht, das seine Röte verloren hatte. Mit erhobenen Armen und völlig verängstigt folgten Edwina und Dany.

„Sind das alle?“, fragte die Stimme aus dem Dunkel.

„Nur eine schwerverletzte Frau ist noch in der Kutsche“, antwortete Gregory mit ruhiger Stimme. „Wir wollten sie zum Doc bringen.“

„Der schläft für ’ne Weile“, antwortete die Stimme, und ein leises Lachen folgte. „Seht nach, Jungs.“

Einer der Maskierten blickte vorsichtig in die Kutsche.

„Stimmt“, meldete er.

Ein schwarzgekleideter Mann, der ebenfalls mit einem Halstuch maskiert war, trat aus dem Dunkel beim Farmwagen. Er hielt ein Spencer-Gewehr im Hüftanschlag.

Er ruckte mit dem Gewehr.

„Auf den Bauch legen, die Hände im Nacken verschränken!“

Gregory gehorchte als erster.

Wilson und sein Sohn folgten zögernd.

Edwina blieb stehen.

„Du auch, Alte!“

„Wie reden Sie mit einer Lady!“, kreischte Edwina. Sie hatte ihren Schrecken offenbar schnell überwunden. Oder sie erinnerte sich an eine Szene aus der Westernshow „Der Postkutschenüberfall“, in der die weibliche Hauptdarstellerin empört diese Worte deklamiert hatte.

Doch dies war keine Show, sondern bitterer Ernst.

Sofort war einer der Maskierten bei ihr, packte sie und warf sie in den Dreck. Sie schrie auf, schmeckte Sand und Staub, und der Geruch von einem Pferdeapfel stieg ihr in die Nase.

Die Maskierten tasteten die Männer nach Waffen ab.

Lachend nahm einer Danys versilberten Spielzeugrevolver an sich. Es war keine funktionsfähige Waffe, sondern ein Souvenir, das Dany in einem Store in Dallas gekauft hatte. Dany konnte ohnehin nicht mit einem Schießeisen umgehen. Sein Vater war ebenfalls ungeübt mit Waffen, aber er trug eine Pistole in der Innentasche seiner Anzugjacke.

Einer der Maskierten tastete Edwina mit gierigen Fingern ab. Sie schrie nicht, wie Thomas Wilson überrascht registrierte. Sie wehrte sich auch nicht. Sie wurde stocksteif und völlig stumm.

Einer der Banditen steckte Gregorys Peacemaker in den Hosenbund.

„Fesseln!“, befahl der Anführer.

„Die Frau auch?“, fragte der Kerl, der Edwina abgetastet hatte. „Ist nicht viel dran und scheint nicht mehr die frischeste zu sein.“

„Egal. Sie hat blondes Haar. Vielleicht zahlen die Mexe dafür. Ein kleines Zusatzgeschäft könnte nicht schaden. Was ist mit der Verletzten in der Kutsche?“

„Noch älter. Nur Ballast“, erwiderte einer der Maskierten, der Barbara Greenville im Schein eines Zündholzes gemustert hatte.

„Dann lassen wir sie hier. Der Doc und seine Alte können sich um sie kümmern. Holt die Gefangenen aus dem Haus und bindet alle auf die Kutschgäule. Beeilung, Leute! In fünf Minuten will ich von hier verschwunden sein.“

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10

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Sie hatten ihren toten Kumpan begraben. Und neben dem Grab war ein zweites Loch ausgehoben worden.

Für Chaco.

Er wusste nicht genau, was sie mit ihm vorhatten, aber er konnte sich denken, dass sie irgendeine Teufelei ausgeheckt hatten.

Pamela hatte ihn und die Greenvilles von den Fesseln befreit.

Das Mädchen war wie ein Engel aufgetaucht. Und sie hatte mit einer Kaltblütigkeit und bewundernswerter Übersicht gehandelt, die Chaco ihr niemals zugetraut hätte.

Er wusste noch nicht, wie sie das geschafft hatte. Sie hatte sie nicht nur im genau richtigen Zeitpunkt befreit, als die Banditen mit der Beerdigung ihres Kumpans beschäftigt gewesen waren, sondern sie hatte zusätzlich zu der Derringer ein Gewehr mitgebracht.

Das hatte sie aus dem Scabbard eines Banditenpferdes gezogen, als sie sich an das Camp angeschlichen hatte. Doch das erfuhr Chaco erst später. Im Augenblick hielt er alles noch für Zauberei.

Das Gewehr lag neben Pete Greenville, der versichert hatte, gut damit umgehen zu können. Chaco hielt die Derringer. Sie hatten alles leise miteinander besprochen. Pamela war seit ein paar Minuten wieder im Dunkel zwischen den Büschen verschwunden und musste jetzt in Sicherheit sein.

Chaco hatte sich mit den Greenvilles leise verständigt. Auf den ersten Blick wirkten sie alle drei noch wie gefesselt. Pamela hatte auf Chacos Anweisung hin die Stricke locker um Hände und Beine der Gefangenen gelegt. Für den Fall, dass einer der Banditen auf die Idee kam, plötzlich nach ihnen zu sehen.

Chaco hatte überlegt, ob sie die Flucht ergreifen sollten. Einiges sprach dagegen. Zu Fuß konnten sie nicht weit genug entkommen, selbst wenn es ihnen gelang, in einem günstigen Moment zwischen den Büschen zu verschwinden. Die Banditen hätten sie zu Pferde schnell umzingelt. Sie verfügten über mehr Waffen und Munition, und Chaco wusste nicht, wie es um die Kampfkraft der Greenvilles bestellt war.

Eine Flucht war riskant, aber jede andere Möglichkeit war noch gefährlicher.

Chaco wurde einer Entscheidung enthoben, denn der Anführer sagte: „Holt den Bastard her!“

Zwei der Banditen setzten sich in Bewegung, wie Chaco aus schmalen Augenschlitzen sah.

„Wir müssen es also versuchen“, raunte Chaco. „Lasst sie nahe genug herankommen. Sie werden sich auf mich konzentrieren. Behaltet die Nerven.“

Noch vielleicht fünfzehn Schritte.

Chaco konzentrierte sich. Die Hand mit der Derringer war feucht von Schweiß.

Noch etwa zehn Schritte.

Chaco bewegte sich leicht und stöhnte.

„Na also, er ist wach“, sagte einer der Kerle. „Dann kann die Party ja steigen.“

Noch fünf Schritte.

Chaco sah, dass sie sich arglos näherten. Keiner hielt eine Waffe in der Faust. Die anderen beiden standen abwartend bei der kleinen Grube, die wohl sein Grab werden sollte, nachdem sie irgendeine Teufelei mit ihm angestellt hatten. Auch sie hielten keine Waffe in der Hand. Sie wirkten entspannt und rauchten, wie Chaco am Aufglühen der Zigaretten gesehen hatte.

Noch drei Schritte.

„Das Feuerchen unterm Hintern war ’ne gute Idee von Floyd“, meinte einer der beiden und kicherte.

Das also hatten sie mit ihm vor!

Chacos Muskeln spannten sich zum Sprung.

Sie blieben vor ihm stehen und verdeckten die Sicht auf ihre Kumpane. Perfekt. Chaco sah unter halb gesenkten Lidern, wie sich einer der beiden bückte.

„He, du Bastard ...“, begann der andere.

In diesem Augenblick explodierte Chaco förmlich. Er wirbelte zur Seite, schnellte sich hoch und drückte dem völlig überraschten Banditen die Derringer in den Bauch.

Der andere erschrak ebenso, sprang reflexartig zurück und kam erst dann auf die Idee, seinen Revolver zu ziehen. Doch da war Pete Greenville schon auf den Beinen und schlug ihm mit dem Gewehrlauf die Waffe aus der Hand. Auch Bobby Greenville war blitzschnell auf den Beinen, neben dem Banditen und hob den Revolver auf.

Petes Gewehr klickte metallen, als er eine Patrone in die Kammer hebelte. Bobby spannte den Revolverhahn. Chaco hatte dem völlig entgeisterten Banditen mit der Linken bereits den Revolver aus der Holster gezogen.

Während Bobby dem anderen Banditen den Colt in die Seite stieß, sprang Pete zur Seite, um freie Schussbahn auf die restlichen zwei zu haben.

Die zogen gerade ihre Waffen.

Pete schoss einen Sekundenbruchteil vor ihnen.

Der Anführer brach getroffen zusammen. Sein Revolver donnerte auf, doch das Geschoss bohrte sich vor seinen eigenen Stiefelspitzen in den Boden.

„Gebt auf, wir haben eure Freunde!“, schrie Chaco.

Der zweite Bandit, es war Mac, wie Chaco jetzt erkannte, ließ seine Waffe fallen.

Chaco atmete auf.

Mit einem schnellen Blick zu Pete und Bobby und den starr dastehenden Banditen stellte er fest, dass sie die Situation im Griff hatten. Die jungen Greenvilles und besonders Pete hatten ihre Sache besser gemacht, als Chaco erwartet hatte.

Pete feuerte von Neuem auf Mac.

Die Kugel zischte dicht an seinem rechten Ohr vorbei. Erschrocken riss der Bandit die Arme hoch.

„Feuer einstellen!“, sagte Chaco.

„Diese Verbrecher haben meinen Vater umgebracht und Ma ...“

„Wir sind keine Richter!“, unterbrach Chaco scharf. „Mach dich nicht unglücklich!“

Er sprach beschwörend, denn er hatte den Hass in Petes Stimme gehört, und die verzerrte Miene des jungen Mannes verriet ihm, dass Pete in seiner augenblicklichen Verfassung keine Kontrolle über sich hatte.

„Chaco hat recht“, sagte Bobby zu seinem Bruder. „Wir schießen nicht auf Wehrlose.“

Langsam ließ Pete das Gewehr sinken. Wie erwachend blickte er sich um.

„Okay, ich werde mir nicht die Finger an euch Dreckskerlen schmutzig machen. Aber ich werde zusehen, wie ihr aufgehängt werdet.“

Chaco atmete auf.

Er stieß den Vogelschrei aus, das mit Pamela verabredete Signal, dass alles überstanden war.

Auch sie sollte aufatmen dürfen.

Das hatte sie weiß Gott verdient.

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Chaco zügelte den Morgan-Hengst am Ufer des kleinen Baches. Pamela hielt neben ihm. Die Pferde konnten eine Pause gebrauchen, und Chaco wollte die Wasserflasche füllen. Außerdem hatte Pamela um eine Rast gebeten. Er konnte sie verstehen. Das Mädchen aus dem Osten war nicht an lange Ritte gewöhnt. Vermutlich war sie sattelwund.

Sie rieb sich den Rücken, als sie müde vom Pferd stieg und zum Bach schritt, um klares, kühles Wasser zu trinken.

Pete und Bobby Greenville waren mit den gefangenen Banditen auf dem direkten Weg nach Del Rio. Sie hatten bewiesen, dass sie keine grünen Jungen waren, und sie hatten sich für diese Aufgabe angeboten. Chaco traute ihnen zu, dass sie die gefesselten, waffenlosen Gefangenen sicher zum Marshal von Del Rio brachten.

Chaco hatte sich entschlossen, den Umweg über die Station der Greenvilles und die Harding-Farm zu nehmen. Es gab mehrere Gründe.

Es war möglich, dass die Wilsons die Fahrt doch nicht fortgesetzt hatten, sondern in Sorge um ihre Tochter warteten. Vielleicht waren sie auf der Station geblieben und hatten nur Gregory mit der verletzten Frau zur Harding-Farm geschickt.

Noch wichtiger war ein anderer Grund. Der Boss der Menschenhändlerbande lebte in der Nähe von Uvalde, und Chaco wollte jemand von der Harding-Farm losschicken, damit er sofort das Gesetz in Uvalde informierte, bevor der Mann vom Versagen seiner Banditen erfuhr und verschwinden konnte.

Mac, der Bandit, den Chaco von Anfang an etwas weicher als seine Kumpane eingeschätzt hatte, hatte ausgepackt. Unter vier Augen hatte er Chaco eine Reihe von Informationen gegeben, wohl in der Hoffnung, mit einer glimpflicheren Strafe davonzukommen als die anderen. Chaco wusste, wer der Boss der texanischen Bande war, und er wusste, wo und an wen die Menschenhändler ihre Gefangenen ablieferten.

Es war ein unglaubliches Verbrechen, dem Chaco da auf die Spur gekommen war. Die Bande entführte Männer aus Texas nach Mexiko, verkaufte sie dort zu einem „Stückpreis“ an eine mexikanische Bande, die sie wiederum als Sklavenarbeiter an eine Silbermine verkauften. Gelegentlich wurden auch mal Mädchen entführt, aber das waren laut Mac nur „Nebengeschäfte“.

Chaco hatte in den Taschen des Anführers Ed Corwin die Haare gefunden, die er Barbara Greenville abgeschnitten hatte. Warum er das getan hatte, wusste Mac nicht genau. Er vermutete, dass Corwin sie dem Boss der mexikanischen Bande hatte mitbringen wollen. Weshalb, konnte er nicht sagen. Die anderen schwiegen eisern, und von Ed Corwin war nichts mehr zu erfahren. Er war an Pete Greenvilles Kugel gestorben.

Pamela wusch sich den Staub aus dem Gesicht.

„Ah, tut das gut“, prustete sie.

Sie setzte sich ins Gras, als er die Pferde saufen ließ und sie abrieb.

Dann gesellte er sich zu ihr. Er drehte sich eine Zigarette.

„Darf ich auch eine haben?“, fragte Pamela.

Er reichte sie ihr, rieb ein Zündholz an und gab ihr Feuer.

Sie rauchte in tiefen Zügen, legte sich ins Gras zurück und schaute zum sternenübersäten Himmel empor.

Chaco drehte sich ebenfalls eine Zigarette. Eine Weile rauchten sie schweigend. Der Bach murmelte leise die ewig gleiche Melodie.

„Diese widerlichen Banditen“, sagte Pamela schließlich und schüttelte sich. „Die waren ja noch schlimmer als alles, was ich bisher so gehört und gelesen habe.“

„Die Wahrheit ist meistens schlimmer“, sagte Chaco.

Die Kerle hatten das Mädchen ordinär beschimpft, weil es ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Nun war Pamela alles andere als ein prüdes, unaufgeklärtes Mädchen, aber was sie da gehört hatte, hatte ihr die Schamröte ins Gesicht getrieben. Sie hatten erst den Mund gehalten, als Chaco ihnen angedroht hatte, sie zu knebeln.

Pamela stützte sich auf einen Ellenbogen und wandte sich ihm zu. Sie lächelte.

„Und aufregender“, sagte sie.

Er erwiderte ihr Lächeln und nickte.

„Chaco ...“

„Ja?“

„Du  hast dich noch gar nicht bei mir bedankt“, sagte sie.

Es stimmte. „Das habe ich bei all dem Trubel vergessen“, bekannte er. „Danke. Du warst fabelhaft.“

Sie strahlte. „Ich hoffe, ich bin es immer noch.“

Er schaute sie an. Sie war ein schönes Mädchen, verwöhnt, vielleicht verzogen, ein bisschen arrogant, vermutlich mannstoll und gewohnt, dass sie alles bekam, was sie haben wollte. Aber er sah sie jetzt in einem anderen Licht. In höchster Gefahr hatte sie bewiesen, dass sie nicht die dumme Gans war, für die er sie nach ihrem Gehabe bisher gehalten hatte.

Sie hatte Mut und Entschlossenheit gezeigt. Sie hatte ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um ihm und den Greenvilles zu helfen.

Natürlich hatte sie Glück gehabt. Zum Beispiel, als sie zu den Pferden der Banditen geschlichen war und dort ein Gewehr aus dem Scabbard gezogen hatte. Das war äußerst riskant gewesen, denn die Pferde waren vom Campfeuer aus besser zu sehen gewesen als die Gefangenen vor den dunklen Büschen. Die Tiere hätten unruhig werden können, und wenn einer der Banditen das Mädchen entdeckt hätte, wäre alles aus gewesen.

„Ja, du bist immer noch fabelhaft“, hörte er sich sagen.

Sie lächelte glücklich, und ihr Busen hob und senkte sich unter einem schnellen Atemzug.

„Du warst sehr tapfer, fast schon tollkühn“, sagt er. „Wie du unbemerkt erst zu Pferd und dann zu Fuß an das Camp herangekommen bist, das war eine großartige Leistung. Und dass du uns auch noch ein Gewehr besorgt hast ...“ Er schüttelte den Kopf und fügte scherzhaft hinzu: „Hätte wohl nicht viel gefehlt, und du hättest die Kerle ganz allein geschnappt, wie?“

Sie schnitt eine Grimasse. Es sah süß aus. „Mit dem Gedanken habe ich tatsächlich gespielt. Ich hab’ mal gelesen, wie ein Banditenliebchen eine ganze Bande niedergemacht hat – und nur, weil der Boss sie betrogen hatte.“ Sie lachte. „Aber ich kann nicht mit einem Gewehr umgehen, und außerdem bin ich kein Banditenliebchen.“

Er fiel in ihr Lachen ein.

„Du hast anscheinend die tollsten Dinge gelesen.“

Sie nickte und rückte näher an ihn heran.

„Ja, im Osten sind die Mädchen wohl alle etwas aufgeklärter. Aber wie du schon sagtest, die Wahrheit ist meistens anders.“ Sie seufzte. „In den Romanen sitzen ein Mädchen und ein Mann nicht wie Bruder und Schwester in der Nacht im Mondschein beisammen. Jedenfalls nicht in den frivolen Romanen, die Pa immer liest.“ Sie zwinkerte ihm vielsagend zu.

Er lachte. „Sondern?“, fragte er, obwohl er schon wusste, worauf sie hinauswollte.

„Sondern so.“

Sie begann, ihre Bluse aufzuknöpfen, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen. Ihre weißen Hügel mit den spitzen Knospen schimmerten stolz im Mondlicht.

„Gefalle ich dir?“, fragte sie.

„Du bist schön“, erwiderte er.

Im nächsten Augenblick lag sie in seinen Armen. Voller Leidenschaft presste sie sich an ihn. Er spürte die Hitze ihres jungen Körpers, und Erregung stieg in ihm auf.

Er küsste sie.

Ihre Lippen waren weich und warm und schienen unter seinen zu vibrieren. Sie stieß einen seufzenden Laut aus, als ihre Zungen miteinander verschmolzen. Ein Funke ihres Verlangens war auf ihn übergesprungen. Ihr Kuss weckte ein Prickeln in ihm und ließ sein Herz schneller schlagen.

Die Zeit schien stillzustehen.

Heftig atmend beendete sie schließlich den Kuss. „Endlich“, flüsterte sie. „Wie lange habe ich darauf gewartet!“

Er sagte nichts. Er war noch ein wenig benommen. Soviel Glut hätte er in ihr nicht erwartet.

„Hast du es nicht bemerkt?“, fragte sie. „Hast du mir nicht angesehen, wie ich mich danach sehnte?“

„Nein“, log er, denn wenn er die Wahrheit gesagt hätte, wäre sie vermutlich verletzt gewesen, weil er sie verschmäht hatte. Ihre Bemühungen waren zu affig gewesen, zu krampfhaft, so als müsste sie es haben, weil es im Reisepreis inbegriffen sei. Er sagte es ihr nicht, denn er wollte sie nicht kränken.

„Magst du mich?“, fragte sie leise.

„Immer mehr“, antwortete er, und das war keine Lüge.

„Ich dachte schon, du hältst mehr von den scheuen Farmermädchen im Westen, die noch verschämt den Blick senken und erröten, wenn ein Mann sie nur anblickt. Die noch lange um sich werben lassen, weil es für sie unschicklich ist, ihre Gefühle offen zu zeigen.“

„Ich glaube, du hältst alle im Westen für puritanisch“, sagte er lächelnd.

„Nicht alle. Aber die Gegensätze sind krasser als in den großen Städten im Osten. Entweder Lady oder Hure – die eine verklemmt, die andere verkommen. Nur Frauen scheint es hier nicht zu geben.“

Er rauchte schweigend. Sie war auch nicht so oberflächlich, wie er gedacht hatte.

„Chaco – willst du mich?“

Er blickte ihr in die Augen, und was er darin las, ließ sein Herz schneller pochen.

Ja, er wollte sie, wie sie ihn wollte. Sie war schön, und sie hatte ein Feuer in ihm entfacht, das einige Zeit aus gewesen war. Genauer gesagt, seit dem Tag, an dem er die Wilsons in New Orleans in Empfang genommen hatte.

Er küsste sie.

Sie lächelte. „So ist die Reise doch noch schön geworden“, murmelte sie wie im Selbstgespräch. „Wenn ich das meinen Freundinnen erzähle ...“ Ihre Worte waren für ihn wie ein kalter Guss. Er glaubte, das Feuer in sich förmlich zischen zu hören, als würde es gelöscht.

„Ja“, hörte er sich sagen, „jetzt kannst du von jeder Menge Abenteuer im Westen erzählen, von richtigen Banditen, von Mord und Totschlag und von dem Halbblut Chaco, das ihr engagiert hattet, und das du auch noch planmäßig vernascht hast ...“

Die spöttischen Worte waren ihm so herausgerutscht. Als er verstummte, war es zu spät. Er merkte, dass sie genau verstand, was er meinte, und dass sie sich verletzt fühlte. Er konnte förmlich spüren, wie Zorn in ihr aufstieg.

Und dann spürte er ihre Hand, die ihm ins Gesicht klatschte.

Bevor er wusste, wie ihm geschah, hatte sie ihm eine schallende Ohrfeige verpasst und sprang auf.

Mit einer so heftigen Reaktion hatte er nun doch nicht gerechnet.

Sie knöpfte ihre Bluse zu und funkelte ihn zornig an.

„Bilde dir bloß nichts ein, du – du Kerl!“

Dann warf sie sich zornbebend herum, lief zu ihrem Pferd, saß auf und trieb das Tier wild an.

Ein wenig verwirrt ging er zu seinem Morgan-Hengst und rieb sich unbewusst über die Wange.

Teufel, sie imponierte ihm. Sie war stolzer, als er gedacht hatte.

Er holte sie bald darauf ein.

Es wurde ein sehr schweigsamer Ritt.

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Hallo, Indianer!“ Tony strahlte Chaco an. Er schob das mollige Barmädchen von seinem Schoß, gab ihr einen Klaps auf den drallen Po und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

Sie kicherte und nickte. Mit wogendem Busen und schwingenden Hüften schritt sie davon.

Tony zwinkerte Chaco zu. „Du verrätst mich doch nicht bei Kathy?“

„Klar tue ich das, du alter Schwerenöter“, erwiderte Chaco. „Sie wird dir schon auf die Finger klopfen.“ Doch das Lächeln, das um seine Mundwinkel spielte, war freudlos.

„Ich besteche dich mit einem Whisky.“ Tony schenkte lachend ein. „Sündhaft teurer Stoff. Aber Ruby war im Preis mit inbegriffen.“

Chaco warf einen Blick auf das Etikett der Flasche. Es war echter Old Overholt, wenn die Aufschrift stimmte.

Er trank das halb gefüllte Glas in einem Zug leer.

Tony sah es mit einem Grinsen und rückte seine Samtschleife zurecht Dann bemerkte er, dass Chaco so seltsam ernst war, und sein Lächeln verlor sich.

„Du siehst aus, als sei dir ’ne größere Herde Läuse über die Leber gelaufen. Gab es unterwegs Schwierigkeiten mit den Wilsons?“

Chaco nickte. „Sie sind weg.“

„Weg?“

„Verschwunden. Entführt.“

Tony starrte entgeistert.

So sprachlos hatte Chaco ihn selten erlebt. Tony war bekannt dafür, dass er selbst in den brenzligsten Situationen noch einen Scherz auf Lager hatte. Anthony Burgess, wie sein voller Name lautete, war in Luckenbach/Texas geboren worden, einem Ort, der praktisch nur aus einem Store bestand. In diesem Store, direkt neben den Whiskyfässern, hatte Tony das Licht der Welt erblickt. Vielleicht war er deshalb so eine Frohnatur geworden.

Der schönste Mann von Luckenbach und Umgebung hatte einige Abenteuer mit Chaco überstanden. Sie hatten sich kennengelernt, als sie zur Begleitmannschaft eines Geldtransportes gezählt hatten. Später hatten sie einen Job für die Army erledigt. Dann waren sie einige Zeit eigene Wege gegangen, hatten aber immer Kontakt miteinander gehalten. Inzwischen hatte Tony eine Detektivagentur gegründet  Anthony & Burgess, und er war sein einziger und bester Detektiv. Die mollige Kathy erledigte die Büroarbeiten. Sie wacht eifersüchtig darüber, dass ihr Tony keine Aufträge von weiblichen Klienten annahm. Diesmal hatte er zwar behauptet, in Terminschwierigkeiten zu sein, als er Chaco gebeten hatte, für ihn einzuspringen, doch Chaco vermutete, dass Kathy die „Terminschwierigkeiten“ verursacht hatte, weil sie wusste, dass die Wilsons eine junge, hübsche Tochter hatten, deren Leib es ebenfalls zu beschützen galt. Schon einmal hatte Chaco einen Job übernommen, den Kathy ihrem Tony verboten hatte. Damals galt es, eine gewisse Madame Jolie und ihre sechs Pensionatstöchter auf einem Mississippi-Dampfer zu bewachen. Ein sehr aufregender Job hatte sich daraus entwickelt, denn nicht nur die jungen Ladies hatten Chaco zu schaffen gemacht, sondern auch die Flusspiraten ...

Tony sagte immer noch nichts. Wie träumend griff er zu der Whiskyflasche, schenkte ein und kippte den Schnaps die Kehle hinunter.

„Erzähl schon“, sagte er dann.

Chaco berichtete von den Menschenhändlern und was er und Pamela auf der Harding-Farm erfahren hatten.

„Das ist ein Ding“, murmelte Tony ein ums andere Mal.

„Wo ist die Tochter jetzt?“, fragte er, als Chaco geendet hatte.

„Hier im Hotel. Sie wollte sich frischmachen, bevor sie mit dir redet.“

Tony grinste leicht. „So gehört sich das auch für ’ne junge Lady. Ist sie knackig?“

Chaco nickte.

„Ah, deshalb hast du nicht auf die Wilsons aufgepasst“, sagte Tony leicht vorwurfsvoll. „Du wolltest mit ihr allein sein.“

„Quatsch“, erwiderte Chaco, „es war nichts.“

Er dachte daran, dass etwas hätte sein können, wenn er nicht so undiplomatisch gewesen wäre, und er verspürte ein leichtes Bedauern. Auf dem weiteren Ritt nach Del Rio war das Eis zwischen ihm und Pamela zwar etwas aufgetaut, aber die Atmosphäre war dann zusätzlich durch die Entführung der Wilsons belastet worden. Chaco machte sich Vorwürfe, die Wilsons allein gelassen zu haben, obwohl es die Situation erfordert hatte, und er hatte das Gefühl, dass Pamela ihm die Schuld anlastete. Ihre Sorge um ihre Eltern und ihren Bruder ließ keine gute Stimmung mehr bei ihr aufkommen. Sie war nicht mehr das dumme Ding, für das er sie bis vor Kurzem noch gehalten hatte. Vielleicht hatte sie ihm diese Rolle auch nur vorgespielt. Nach den letzten Ereignissen wirkte sie jedenfalls viel reifer als zuvor.

Er erzählte, dass Pamela ihm nachgeritten war, und berichtete weitere Einzelheiten, die er zuvor ausgelassen hatte, um erst einmal die Fakten aufzuzählen.

„Entschuldige“, sagte Tony sofort, „es war nicht so gemeint. Ich weiß doch, dass man sich auf dich verlassen kann. Unter diesen Umständen hätte ich genauso gehandelt wie du.“ Dann grinste er schon wieder. „Immerhin wissen wir, wohin die Bande die Gefangenen bringt. Also brauchen wir gar nicht so schwarz zu sehen. Wir schnappen uns die Typen in Mexiko, befreien die Wilsons, und vielleicht spuckt der reiche Knabe noch ’ne Zusatzprämie für seine Retter aus.“

Tony war wieder so optimistisch wie eh und je. Er war von der Art, die aus allem das Beste zu machen versuchte.

„So einfach wird das nicht sein“, versuchte Chaco seinen Optimismus etwas zu dämpfen. „Wenn die texanische Bande die Mexikaner warnt, wird man Vorkehrungen treffen, irgendwo untertauchen und die Spuren verwischen. Außerdem haben sie einen zeitlichen Vorsprung, und wir wissen nicht, an wen die Mexikaner die Gefangenen verkaufen und wo sie dann landen.“

Tony winkte lässig ab. „Das findet die Detektivagentur Anthony & Burgess schon heraus. Wir müssen nur so schnell wie möglich den Marshal von Uvalde informieren, damit er die Vögel schnappt, bevor sie ausfliegen und die Mexikaner warnen können.“

„Das ist geschehen. Doc Harding ist sofort mit einem Buggy losgefahren, um das Gesetz einzuschalten. Er müsste jetzt in Uvalde eingetroffen sein.“

„Prächtig. Ich kenne Marshal Freeman. Ken Freeman ist ein eisenharter Mann. Der wird sich die Kerle gleich greifen. Aber wie erfahren wir das?“

„Ich habe den Marshal in meinem Brief gebeten, eine Nachricht hier nach Del Rio zu telegrafieren.“

„Na fein. Dann sollten wir jetzt mit dem Marshal hier reden. Wir könnten Unterstützung brauchen, wenn wir nach Mexiko reiten. Vielleicht erfahren wir auch noch weitere Einzelheiten von den Banditen.

„Hast du gesehen, dass sie hier angekommen sind?“, fragte Chaco, der ja erst vor einer Viertelstunde mit Pamela in Del Rio eingetroffen war.

Tony schüttelte den Kopf, und wischte ein Staubkörnchen von einem hervorragend sitzenden schwarzen Jackett. Er trug dazu eine graue, dezent gestreifte Hose mit Bügelfalten, und er wirkte darin elegant, aber keineswegs dandyhaft. Man nannte ihn nicht nur mangels Konkurrenz den schönsten Mann von Luckenbach und Umgebung.

„Gesehen nicht“, antwortete er, „aber davon gehört. Sie sind heute im Morgengrauen eingetroffen, und die Männer, die sie gebracht haben, sollen sich in Harveys Pension einquartiert haben. Wir können auf einem Weg dort vorbeischauen, wenn du sie begrüßen willst.“

Chaco nickte. Sie tranken aus und verließen die Hotelbar. Als sie an der Rezeption eine Nachricht für Miss Pamela Wilson hinterlassen wollten, kam sie die Treppe herunter.

Tony stellte sich vor und ließ seinen ganzen Charme spielen. Als er ihr galant die Hand küsste, errötete sie leicht. Sie wich Chacos Blick aus. Er sah ihr an, dass sie von Tony beeindruckt war. Tony versicherte ihr, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauche, er werde sich sofort um alles kümmern. Bald seien ihre Eltern und ihr Bruder befreit. Er lud sie zum Abendessen ein, und sie nahm die Einladung an. Nach einem Kompliment über ihre Schönheit bat er sie, ihn bis zum Essen zu entschuldigen. Das Kompliment ging ihr wie Honig runter. Sie warf Chaco einen Blick zu, als wolle sie ihm zu verstehen geben, dass andere Männer sie besser behandelten, als er es getan hatte.

„Auf Wiedersehen, Mr. Burgess“, sagte sie und lächelte Tony zu, als er sich galant verneigte. „Es hat mich sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen.“

Zu Chaco sagte sie nichts.

Er verließ mit Tony das Hotel.

In Harveys Pension erfuhren sie, dass Pete und Bob Greenville am Mittag die Stadt verlassen hatten, nachdem sie beim Marshal ihre Aussagen zu Protokoll gegeben hatten. Sie wollten so schnell wie möglich zu ihrer Mutter, hatten sie gesagt.

Chaco bedauerte, ihnen nicht mehr berichten zu können, dass Doc Harding Barbara Greenvilles Verletzung als nicht lebensgefährlich bezeichnet hatte; sie würde bald wieder gesund sein. Er hatte sogar keine Bedenken gehabt, sie im Wagen auf die Fahrt nach Uvalde mitzunehmen, da er sie und seine Frau nicht allein auf der Farm zurücklassen wollte. Nun, die Greenvilles würden es auf der Harding-Farm erfahren. Bis sie dort eintrafen, musste der alte Doc aus Uvalde zurück sein.

Zwei Männer waren von Hardings Farm entführt worden. Ein Neffe und ein Schwager von Harding, die bei ihm lebten. Die Hardings hatten Glück gehabt, dass dieser Banditentrupp maskiert gewesen war und deshalb den alten Harding und seine Frau am Leben lassen konnte, ohne befürchten zu müssen, dass das Gesetz eine Beschreibung von ihnen erhielt. Ed Corwin und sein Trupp hatten auf eine Maskierung verzichtet, weil ihm der Trick mit dem Marshalstern besser gefallen hatte. Er hatte die schwierigeren Fälle übernommen, und bei ihm hatte es keine Überlebenden gegeben, bis auf Barbara Greenville.

Das Marshals Office lag einen Block weiter auf der anderen Straßenseite.

Dort erwartete sie eine Überraschung.

Und zwar eine äußerst unangenehme.

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Marshal Dilmores Gesichtszüge erinnerten an die einer schläfrigen Dogge. Er mochte Ende Vierzig sein, hatte einen Bier- oder Whiskybauch, eine Halbglatze, und er wirkte mit seinen braunen Augen so traurig, als trüge er die Last der ganzen Welt auf seinen Hängeschultern.

Dass die Augen braun waren, sah Chaco erst, nachdem er Dilmore wach gerüttelt hatte und der Mann sie blinzelnd öffnete.

Dilmore lag mehr auf dem Stuhl hinter dem Schreibtisch, als dass er saß, und er hatte die Beine auf die verschrammte Tischplatte gelegt.

Er gähnte herzhaft, wobei Chaco einige Zahnlücken sah, fixierte dann Chaco und Tony, und aus der schläfrigen Bulldogge wurde eine gereizte.

„Was soll das, Leute?“, knurrte er. „Könnt ihr nicht anklopfen?“

„Doch“, sagte Tony mit einem freundlichen Grinsen. „Wir haben einem Trommler alle Ehre gemacht, aber es reichte nicht, um das stets wachsame Auge des Gesetzes zu öffnen.“

„Scherzbold, wie?“, blaffte Dilmore ärgerlich. Dann blickte er zu Chaco und sagte: „Der Dandy ist schon zwei Tage hier.“ Er nickte kurz zu Tony hin. „Aber ich kann mich nicht erinnern, Sie schon mal in dieser Stadt gesehen zu haben.“

„Das liegt daran, weil ich noch nicht in Del Rio war, seit Sie hier schlafen“, erwiderte Chaco.

„Soll das eine Anspielung sein? War die ganze letzte Nacht auf den Beinen. Hatte genug Scherereien am Hals. Da wird man wohl ein Nickerchen machen dürfen, oder?“

Aggressiv reckte Dilmore sein Doppelkinn vor.

Als Chaco und Tony nichts darauf antworteten, fragte er unfreundlich: „Also, wer seid ihr, und was wollt ihr?“

Chaco sagte es ihm.

Die Miene des Marshals verlor den schläfrigen Ausdruck.

„So ist das“, murmelte er. „Interessant.“

„Und deshalb möchten wir Sie um Unterstützung bitten und mit dem geständigen Gefangenen reden“, fügte Tony hinzu, als Chaco seinen Bericht beendet hatte.

Der Marshal seufzte, und es hörte sich beinahe an wie das Hecheln eines Hundes. Vermutlich hatte er Asthma. Und bestimmt hatte er jede Menge Phlegma dazu.

Er hob kurz die Hängeschultern und erklärte leichthin: „Mit beidem kann ich euch nicht dienen.“

Chaco und Tony tauschten einen Blick.

„Hast du das auch gehört?“, fragte Tony verwundert.

„Wie sollen wir das verstehen?“, fragte Chaco und musterte Dilmore aus schmalen Augen. Der Mann war ihm äußerst unsympathisch.

„Ganz einfach“, erklärte der Marshal im Tonfall eines Lehrers, der einem dummen Schuljungen etwas klarzumachen versuchte. „Unterstützen kann ich Sie nicht, weil ich in der Stadt genug am Hals habe! Und mit dem Gefangenen können Sie nicht reden, weil er – Moment mal ...“ Er zog eine vernickelte Uhr aus der Westentasche, klappte umständlich den Sprungdeckel auf und warf einen Blick aufs Zifferblatt, bevor er fortfuhr: „... weil er vor genau einer Stunde und siebzehn Minuten aus dem Jail entkommen ist.“

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Tony fluchte immer noch, als sie das Hotel betraten.

Der Mann an der Rezeption zuckte zusammen, und eine ältere Frau, die auf dem Weg zum Restaurant war, starrte Tony offenen Mundes an. Dann kriegte sie rote Ohren und eilte mit empörter Miene davon.

Chaco registrierte es mit einem leichten Lächeln, obwohl ihm nicht nach Lächeln zumute war.

Er hatte Tony davon abhalten müssen, diesen Marshal zu verprügeln. Tony war oftmals impulsiv, doch diesmal hatte er allen Grund gehabt, aus der Haut zu fahren. Auch Chaco hatte es in den Fingern gejuckt.

Dieser Dilmore war eine Pfeife. Chaco konnte sich nicht erinnern, jemals solch eine Niete mit einem Stern erlebt zu haben. Fehler konnten jedem passieren, doch es war schon ein starkes Stück, wie Dilmore seine Unfähigkeit und seine Fahrlässigkeit auch noch rechtfertigte.

Alle drei Banditen waren entkommen. Dilmore hatte sich von Mac überrumpeln lassen, als er ihn ungefesselt in sein Büro geholt hatte, damit er das Protokoll seiner Aussage unterzeichnete.

„Er war doch geständig. Wie konnte ich da ahnen, dass er plötzlich verrückt spielt?“, hatte der Marshal mit einem Achselzucken erklärt.

Mac hatte seine Kumpane befreit und war mit ihnen aus der Stadt geflüchtet. Der Marshal, den sie in eine Zelle gesperrt hatten, war schon zwei Minuten später befreit worden. Ein Bürger hatte ihn im Büro aufsuchen wollen und die Rufe aus dem angrenzenden Gefängnis gehört. Dilmore hatte die Banditen sogar noch aus der Stadt reiten sehen. Einer war nach Westen geritten, die beiden anderen nach Osten. Der Marshal hatte dann seine Pflicht getan, wie er im Brustton der Überzeugung behauptete.

Er war schnellen Schrittes zum Mietstall gegangen und hatte sein Pferd gesattelt. Nun hätte er irgendein schon gesatteltes Pferd, das vor dem Saloon angebunden war, ausleihen oder auf dem erstbesten ungesattelten Pferd die Verfolgung aufnehmen können. Dann wäre alles schneller gegangen.

„Ich reite nicht gern fremde Pferde, und ich verzichte nicht auf meinen bequemen Sattel“, hatte er auf Tonys Vorhaltungen hin erklärt. Und auf die Frage, warum er nicht schnell ein paar Männer für eine Posse zusammengetrommelt hatte, hatte er nur borniert geantwortet: „Ich komme schon allein zurecht.“

Nachdem er hurtig gesattelt hatte, war er in halsbrecherischem Galopp auf der Fährte nach Osten hinter den beiden Banditen her gejagt. Für die beiden hatte er sich entschieden, weil Mac dabei war, der ihn ja hereingelegt hatte. Dass Mac ohnehin der wichtigste war, hatte er nicht bedacht, wie aus seinen Worten hervorgegangen war. Da hatte er zufällig die richtige Entscheidung getroffen.

„Unter Einsatz meines Lebens habe ich die Kerle verfolgt“, hatte Dilmore erklärt. „Ich habe meine Pflicht voll und ganz erfüllt.“

Er war vierhundert und ein paar Yards weit nach Osten geritten. Bis zur Stadtgrenze, wo sein Amtsbereich endete. Dort hatte er den Banditen traurig nachgeblickt und war umgekehrt. Er hatte sein Pferd im Mietstall abgesattelt, war ins Büro zurückgekehrt und hatte nach erfüllter Pflicht ein Nickerchen gehalten.

Er berief sich darauf, dass er nur für die Stadt zuständig sei, und als Tony ihm an den Kopf warf, was er von ihm hielt, drohte er, ihn wegen Beleidigung einzusperren.

Das war der Zeitpunkt, an dem Tony endgültig die Gäule durchgegangen waren. Chaco hatte ihn gerade noch davon abhalten können, sich an dem Marshal zu vergreifen.

„Reg dich ab“, sagte er jetzt zu ihm, denn Tony war immer noch wütend. „Einigen wir uns lieber, wer was übernimmt.“

Es lag auf der Hand, dass sie etwas unternehmen mussten. Mac und der andere waren nach Osten geritten. Von Macs Verrat wussten die anderen nichts, und wenn sie es von dem unfähigen Dilmore gehört hatten, dann hatte Mac die Scharte wieder ausgewetzt, indem er seine Kumpane befreit hatte. Er konnte behaupten, sein Geständnis sei nur ein Trick gewesen, um den Marshal hereinzulegen. Er brauchte also keine Rache zu befürchten und konnte mit seinem Kumpan zu ihrem Boss und dem Rest der Bande reiten, um sie zu warnen. Es war fraglich, ob der Marshal von Uvalde bereits Erfolg gehabt hatte. Und es war ebenso ungewiss, ob dem Boss etwas nachzuweisen war, wenn Mac nicht aussagte. Und der Bandit, der nach Westen geritten war, auf die Grenze zu, hatte vermutlich die Absicht, die mexikanischen Kumpane zu warnen oder zu informieren, dass eine Panne passiert war.

Das musste verhindert werden.

Sie warfen eine Münze. Chaco fiel die Aufgabe zu, Mac und den anderen zu schnappen. Tony ritt nach Mexiko.

Er war traurig, dass aus dem Abendessen mit Pamela nichts wurde. Sie hatte ihm aber versprochen, dass sie es nachholen würden, sie freue sich schon auf ihn und werde auf ihn warten.

Zu Chaco hatte sie nur kühl auf Wiedersehen gesagt.

Zehn Minuten später verließen Chaco und Tony mit Ersatzpferden die Stadt in verschiedenen Richtungen.

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Chaco zügelte den Braunen, sein Ersatzpferd, das er ständig mit dem Morgan-Hengst gewechselt hatte. Er war sieben Stunden im Sattel und hatte sich nur beim Pferdewechsel eine kleine Pause gegönnt, um etwas Wasser aus der Flasche zu trinken und um ein Stück Dörrfleisch hinunterzuschlingen.

Die Banditen hatten die erstbesten Gäule aus dem Stall gestohlen, nicht so gute Pferde, wie Chaco zur Verfügung hatte, behauptete der Stallmann, und sie konnten nicht wechseln.

Vor etwa drei Meilen hatte er die noch glimmenden Reste eines Campfeuers gesehen, und Zigarettenkippen und Spuren hatten ihm verraten, dass die beiden dort eine Pause eingelegt hatten, vermutlich weil die Pferde erschöpft gewesen waren.

Sie konnten nicht weit vor ihm sein.

Jetzt musste er vorsichtig sein.

Er spähte durch das Fernrohr. Die Ebene lag verlassen im silbrigen Mondlicht. Er konnte meilenweit blicken, jedoch keine Reiter entdecken.

Das warnte ihn.

Die Banditen mussten mit Verfolgern rechnen. Sie konnten nicht ahnen, dass der Marshal untätig geblieben war. Folglich würden sie ihre Fährte im Auge behalten und sich in einen Hinterhalt legen, wenn sie einen Reiter entdeckten.

Chaco verstaute das Fernrohr in der Satteltasche und trieb den Braunen an. Der Morgan-Hengst schnaubte, als wolle er auch mal wieder an die Reihe kommen.

Chaco bog vom Trail ab und ritt etwa hundert Yards parallel dazu weiter. Büsche und Baumgruppen versperrten ihm gelegentlich die Sicht auf den Trail. Das Gelände wurde hügeliger und unübersichtlicher, als die Ebene hinter ihm lag. Voraus führte der Trail an einem Waldstück vorbei.

Ein idealer Platz für einen Hinterhalt, dachte Chaco. Er lauschte, und sein Blick tastete über die dunklen Büsche und Bäume.

Irgendwo schrie ein Kauz, dann war wieder nur das Tacken der Pferdehufe zu hören.

Chaco konnte nichts Verdächtiges wahrnehmen, doch sein Gefühl warnte ihn.

Er hielt an und blickte von Neuem durch das Fernrohr. Nichts war im Dunkel zwischen den Baumstämmen zu erkennen. Keine Bewegung, kein verräterisches Schimmern von Metall im Mondschein.

Er wollte das Fernrohr gerade absetzen, als er stutzte. Auf einem kahlen Hügel jenseits des Waldstücks sah er die Silhouette eines Reiters.

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Wie eine Statue wirkten Pferd und Reiter. Chaco schaute genauer hin und fluchte.

Der Mann blickte wie er durch ein Fernrohr.

Wenn es einer der Banditen war, hatte der Kerl ihn genauso entdeckt wie er ihn ...

Chaco hatte den Gedanken noch nicht ganz zu Ende geführt, als etwas geschah, womit er in diesem Augenblick nicht gerechnet hatte.

Der Schuss krachte aus einer anderen Richtung, von links aus den Büschen beim Trail heraus. Der Schütze musste keine hundert Yards entfernt in Deckung liegen.

Der Braune wieherte schrill und bäumte sich auf. Chaco wäre fast aus dem Sattel gestürzt. Instinktiv versuchte er, das Tier zu parieren, dann brach es auch schon zusammen.

Chaco konnte gerade noch die Füße aus den Steigbügeln reißen und sich nach rechts aus dem Sattel werfen, bevor das schwere Tier aufprallte. Es blieb ihm keine Zeit mehr, die Winchester aus dem Scabbard zu ziehen. Er krachte in einen dornigen Strauch. Ein zuckender Pferdehuf streifte ihn am Bein. Schmerzen schossen bis in seine Hüfte hinauf und trieben ihm Tränen in die Augen. Verzweifelt rollte er sich von den auskeilenden Hufen fort.

Er sah den Mündungsblitz links zwischen den Büschen. Das Geschoss traf den Braunen. Das Tier, an das sich Chaco schon gewöhnt hatte, warf den Kopf hoch und wieherte gequält. Der Morgan-Hengst, der am langen Zügel angebunden war, versuchte sich loszureißen.

Wieder blitzte und krachte es vom Rande des Trails her, diesmal an einer anderen Stelle, und Chaco wusste, dass beide Banditen ihm dort aufgelauert hatten. Das Blei zischte dicht über den immer noch leidenden Braunen und über Chacos Kopf hinweg.

Chaco hatte den Army-Colt aus dem Holster.

Er wusste, dass die beiden ihm mit ihren Gewehren überlegen waren. Deshalb feuerte er auch nicht zu ihnen hin. Er gab dem Braunen den Gnadenschuss. Jetzt konnte er sich dichter hinter das Tier rollen, ohne Gefahr zu laufen, von den Hufen des im Todeskampf auskeilenden Pferdes getroffen zu werden. Ein weiterer Schuss zerfetzte den Zügel, an dem der Morgan-Hengst zerrte. Sofort preschte der Hengst davon.

Schüsse peitschten, doch wie durch ein Wunder wurde Chacos Pferd nicht getroffen.

Chaco zog die Winchester aus dem Sattelholster des toten Braunen. Zum Glück war das Tier auf die andere Seite gestürzt.

Die Banditen konzentrierten ihr Feuer auf ihn.

Chaco hebelte eine Patrone ein. Jetzt standen die Chancen schon besser. Aber rosig war die Situation immer noch nicht. Die Banditen konnten sich trennen. Während einer ihn mit seinem Gewehrfeuer in Deckung hielt, konnte der andere den Morgan-Hengst einfangen oder erschießen. Dann saß er fest, und die Kerle konnten in aller Ruhe ihre Flucht fortsetzen.

Sie konnten ihn auch zwischen zwei Feuer nehmen, um ihn für immer loszuwerden.

Er wusste, dass sie sich im Marshals Office mit nagelneuen Waffen und Schachteln Munition versorgt hatten.

Diese verdammte Niete von Marshal!

Chaco riskierte einen schnellen Blick über das tote Pferd hinweg. Er sah den Umriss eines Mannes in einer Lücke zwischen den Büschen. Der Bursche kroch seitlich davon.

Sie hatten genau das vor, was Chaco befürchtet hatte. Sie wollten sich trennen.

Chaco feuerte.

Er traf nicht, denn der Bandit schnellte sich schon in Deckung, als hätte er etwas geahnt.

Der andere schoss, und Chaco musste den Kopf einziehen.

Nach vier Schüssen herrschte Stille.

Chaco spähte vorsichtig hinüber. Nichts geschah, und nichts war von ihnen zu sehen. Vergeblich hielt er auch nach ihren Pferden Ausschau.

Er blickte hinter sich. Der Morgan-Hengst war im Dunkel verschwunden. Es würde einige Zeit dauern, bis sie ihn fanden. Aber wenn einer der Kerle zu Pferd Jagd auf den Hengst machte, sah es übel aus.

Chaco dachte flüchtig an den Reiter, den er durch das Fernrohr gesehen hatte. Der Mann war also keiner der Banditen. Die Schüsse musste er gehört haben. Aber es war fraglich, ob von ihm Hilfe zu erwarten war. Nicht jeder mischte sich auf einsamem Trail in eine Schießerei von unbekannten Leuten ein, wobei er leicht selbst Blei fangen konnte. Die Mehrzahl würde einen weiten Bogen um die Gefahr schlagen und an die eigene Haut denken.

Die Stille zerrte an Chacos Nerven.

Er wandte den alten Trick an, hielt seinen Hut mit der Winchester rechts von sich ein Stück über das tote Pferd und riskierte links einen Blick.

Sofort feuerte einer der Banditen, etwa an der gleichen Stelle wie vorhin, und Chaco zog schnell den Hut hinunter und ging selbst in Deckung, denn ein Kugelloch im Stetson reichte ihm.

Der zweite Bandit hatte nicht geschossen. Er wollte wohl seinen Standort nicht verraten. Es war klar, dass er sich abzusetzen versuchte, während der andere ihm Feuerschutz gab.

Chaco veränderte seine Position und schob den Winchesterlauf am Schweif des toten Pferdes vorbei.

Er wartete angespannt und versuchte, irgendeine Bewegung zwischen den Büschen zu erkennen.

Er brauchte nicht lange zu warten. Der andere hatte wohl den Gewehrlauf schimmern sehen, denn er feuerte, und das Blei schlug keine Handbreit neben Chacos Kopf ins Fell des toten Pferdes.

Chaco schoss auf den Mündungsblitz und hörte einen gepressten Aufschrei.

Er hatte getroffen.

Er nahm eine Bewegung zwischen den Büschen wahr, sah die geduckte Silhouette eines Mannes.

„Feuer einstellen!“, ertönte da eine raue Stimme rechts davon. „Hier spricht das Gesetz! Und du wirfst die Knarre weg und nimmst die Hände hoch, oder du fängst Blei wie dein Partner!“

Damit war offenbar der Bandit gemeint, dem sein Kumpan Feuerschutz gegeben hatte. Chaco hörte einen Fluch, dann einen Aufprall.

„So ist’s brav!“, ertönte wieder die harte, tiefe Stimme.

Chaco atmete auf.

Ein Marshal. Den hatte ihm der Himmel geschickt.

Dann erinnerte er sich an den falschen Marshal der Banditen, und er nahm sich vor, trotz allem vorsichtig zu sein. Doch dann wich die Anspannung von ihm, denn der Mann rief: „He, Mann, dich hinter dem Gaul meine ich! Ich schicke dir jetzt einen der Kerle rüber, die dich umlegen wollten! Damit ich nach dem anderen sehen kann, der auf der Nase liegt. Wenn du auf ihn schießt, bist du dran! Halte ihn nur mit deinem Gewehr in Schach!“

„In Ordnung, Marshal!“, rief Chaco.

Der Bandit, der mit erhobenen Händen auf Chaco zuschritt, war Mac.

Der andere war Floyd, der Kerl, den Chaco an der Schulter verletzt hatte, als er versucht hatte, die Greenvilles zu befreien und alle drei Banditen gleichzeitig zu den Waffen gegriffen hatten.

Der Marshal brachte ihn ein paar Minuten später. Floyd war jetzt auch noch an der anderen Schulter verletzt.

Der Marshal legte beiden Banditen Handschellen an.

Es war ein großer, vierschrötiger Mann, den Chaco auf Anfang Vierzig schätzte. Er wirkte nicht gerade vertrauenerweckend mit dem finsteren, kantigen Gesicht. Er trug keinen Stern.

„Danke“, sagte Chaco.

Der Marshal winkte ab. „War selbstverständlich, dass ich eingriff. Ich habe alles durch das Fernrohr beobachtet. Die Situation war so eindeutig, dass ich nicht lange zu überlegen brauchte, wem ich helfen musste. Wer sind die Kerle?“

„Banditen“, erklärte Chaco.

Der Marshal musterte Chaco. „Sind Sie ’n Kopfgeldjäger, Mister ...?“

Chaco schüttelte den Kopf und stellte sich vor.

Der Marshal blickte überrascht. „Ich bin Ken Freeman aus Uvalde.“ Die Andeutung eines Lächelns spielte um seine schmalen Lippen, um die sonst ein verkniffener, fast verbitterter Zug lag. „Sie haben mir mit Ihrem Brief ein nettes Geschenk gemacht.“

Der Marshal, den Chaco von Doc Harding hatte informieren lassen!

„Das ist aber ein Zufall“, murmelte Chaco.

Der Marshal schüttelte den Kopf. „Kein Zufall. Ich bin auf dem Weg nach Mexiko, und das hier ist der kürzeste Weg.“

Später auf dem Ritt, nachdem Chaco dem Marshal unter vier Augen ausführlich berichtet hatte, setzte Freeman Chaco ins Bild.

Er hatte drei Banditen im Versteck der Bande, das Mac ja verraten hatte, festnehmen können. Eine Posse wartete dort jetzt auf die Rückkehr weiterer Bandenmitglieder. Freeman war kein Dilmore. Er hatte engagiert und umsichtig gehandelt.

Nur den Boss hatte er nicht schnappen können.

Jason Crooker.

Ein Verbrecher, hinter dem der Marshal seit Jahren her war, wie er sagte.

Crooker war nicht in dem Versteck gewesen. Er war auf dem Weg nach Mexiko, um sich in Villa Acuna mit dem mexikanischen Banditen-Chef zu treffen, an die er die Gefangenen verkaufte.

Paco Gomez.

Der Marshal wusste Namen, Orte, Termine. Er wusste, wo die Sklavenjäger die Gefangenen sammelten und lagerten, bevor sie zu einem bestimmten Termin verkauft wurden. Das Versteck lag in einer verborgenen Schlucht in den Ausläufern der Serranias del Burro.

In fünf Tagen sollte die Übergabe der Gefangenen stattfinden.

Zeit genug für Chaco und den Marshal.

Sie wollten die Banditen in Del Rio abliefern. Dann war ihr Ziel Villa Acuna. Dort wollte der Marshal die mexikanischen Behörden einschalten. Er kannte einen Teniente, mit dem er einmal Hand in Hand gearbeitet hatte, als der Teniente mexikanische Banditen über den Rio Grande bis nach Texas hinein verfolgt hatte, wozu er gar keine Befugnis gehabt hatte. Aber Martinez war ein passionierter Kämpfer für das Gesetz, und es war gut, einen solchen Mexikaner zum Freund zu haben, der unbürokratisch war und sich der Sache wegen auch schon mal über Zuständigkeiten und Nationalitätsfragen hinwegsetzte. Denn auch der Marshal, und erst recht Chaco, hatten in Mexiko keinerlei Befugnisse. Sie waren auf Unterstützung und gute Zusammenarbeit angewiesen.

Der Marshal hoffte, in Villa Acuna Jason Crooker zu schnappen. Erst nach dem Treffen mit Paco Gomez. Denn nur über Paco Gomez führte die Spur zu dem Sklavenkäufer. Zu dem Unbekannten im Hintergrund, der den Menschenhändlern die Aufträge gab und sie bezahlte.

„Hoffen wir, dass Tony Burgess den Banditen einfängt, bevor er Gomez warnen kann“, sagte der Marshal.

Das hoffte Chaco auch.

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Die Peitsche klatschte auf Tony herab. Sein Hemd war zerfetzt, Striemen bildeten sich auf seinem Rücken. Seine elegante Samtschleife war zerrissen, die Hose schmutzstarrend und eingerissen.

Sie hatten ihn vom Zugang zur Schlucht aus am Lasso durch den Dreck geschleift. Bis vor die Füße seines Peinigers.

Paco Gomez.

Der hünenhafte Mexikaner stand breitbeinig vor ihm. Die schwarzen Augen in dem brutalen Gesicht funkelten grausam.

„Wer hat dich geschickt, Gringo?“, fragte er zum wiederholten Mal und hob drohend die Peitsche.

Tony hatte den Banditen geschnappt. Es war ganz einfach gewesen. Zu einfach. Der Kerl musste gemerkt haben, dass er verfolgt wurde. Er hatte Tony in eine Falle gelockt. Sich stellen lassen und den Überraschten gespielt. Tony hatte ihm gerade ein paar Fragen gestellt, als die anderen über ihn hergefallen waren. Mexikaner. Mitglieder von Paco Gomez’ Bande.

Sie hatten ihn zusammengeschlagen und in ihr Hauptquartier gebracht.

Tony presste die Lippen zusammen, um nicht aufzuschreien, als ihn von Neuem die Peitsche traf und ein glühend heißer Schmerz durch seinen Rücken zuckte.

„Für wen schnüffelst du hier herum, Gringo?“

Paco Gomez’ breites, dunkles Gesicht mit dem dünnen Oberlippenbart und den wulstigen Lippen war verzerrt.

Tony blieb bei seiner Version. Er sei ein Bürger von Del Rio und habe sich die Prämie verdienen wollen, die der dortige Marshal für die Ergreifung der ausgebrochenen Häftlinge ausgesetzt habe.

Er sprach hastig, stammelnd und tat, als zittere er vor Angst  damit der Verbrecherboss ihm glaubte.

„Aber er hat so komische Fragen gestellt, Gomez!“, sagte Alfie, der texanische Bandit, und trat aus dem Kreis der finsteren, schwer bewaffneten Gestalten hervor, die vor den Baracken standen und zuschauten, wie Gomez den Gefangenen „verhörte“, wie er es genannt hatte.

Es waren üble Burschen, und Tony sah einigen Gesichtern an, dass sie das Schauspiel genossen.

Paco Gomez ruckte herum. „Für dich bin ich der Jefe, Gringo!“

Alfie zuckte zusammen wie unter einem Peitschenhieb. Er hatte gehofft, eine Prämie zu erhalten, wenn er Gomez meldete, dass Ed Corwin nicht mehr kommen würde. Jetzt bereute er es schon fast, nach Mexiko geritten zu sein.

„Natürlich, Jefe“, sagte er hastig.

Er wusste, dass Paco Gomez wütend war. Der Mexikaner hatte getobt, als er gehört hatte, dass auf texanischer Seite etwas schiefgegangen war. Auch seine eigenen Männer hatte er angebrüllt, weil sie die beiden Gringos ins Versteck geschleppt hatten. Denn das war geheim. Nicht einmal Ed Corwin hatte es gekannt. Die Banditen übergaben die „Ware“, wie Gomez die Gefangenen nannte, immer gleich, an einem vereinbarten Treffpunkt in der Nähe von Villa Acuna. Von dort aus wurden sie mit Maultierwagen, als Transport von Händlern getarnt, in das Versteck in den Serranias del Burro gebracht und später weitertransportiert.

Paco Gomez konnte nicht ahnen, dass Jason Crooker das Versteck inzwischen kannte. Crooker hatte einen Spion hinter einem Transport hergeschickt. Crooker wollte die Preise für die „Ware“ erhöhen und ein Druckmittel gegen seinen mexikanischen „Geschäftspartner“ in der Hand haben. Zugleich wollte er sich absichern. Er wollte nicht das gleiche Schicksal erleiden wie der Bandenboss, mit dem Gomez bis vor einem Jahr Hand in Hand gearbeitet hatte. Der Mann war mit Blei ausgezahlt worden, nachdem Gomez erfahren hatte, dass das Gesetz ihm schon hart auf den Fersen war.

Paco Gomez wandte sich wieder Tony zu.

„Welche Fragen hast du ihm gestellt, Gringo?“

Tony blickte gespielt demütig zu dem Verbrecherboss auf. „Es interessierte mich nur, wohin er reiten wollte, Jefe. Weil die beiden anderen doch in die entgegengesetzte Richtung geflüchtet sind, Jefe. Ich wunderte mich, warum sie sich getrennt hatten.“ Und er fügte noch ein ehrfürchtiges Jefe hinzu.

Paco Gomez ließ die Hand mit der Peitsche sinken. „Das klingt logisch“, murmelte er. Er überlegte anscheinend. Dann gab er einem seiner Männer einen herrischen Wink.

„Schafft sie zu den Gefangenen. Sie werden mit verkauft.“

„Aber ...“, begann Alfie entgeistert.

Da stießen ihm schon zwei finstere Burschen ihre Revolver in die Seiten. Einer riss ihm die Hände auf den Rücken und fesselte sie mit Lederriemen.

Paco Gomez zeigte grinsend seine Zähne. Das Gebiss war ebenmäßig und schneeweiß, und es war das einzig Schöne an dem Gesicht.

„Hast du gedacht, ich lasse einen Versager laufen?“, fragte er spöttisch. „Du kannst froh sein, dass ich gnädig bin und dich nicht auf der Stelle umlege.“

Die Mexikaner stießen den entsetzten texanischen Banditen vor sich her zu einer der Baracken.

Zwei Männer zerrten Tony aus dem Staub und brachten ihn in eine der Baracken zu den anderen Gefangenen.

Es waren über vierzig Männer zusammengepfercht in dem fensterlosen, dunklen Raum. Es stank nach Schweiß und Urin.

Tony fiel auf irgendeinen der Gefangenen, als ihn die Bandoleros mit einem Tritt in die Baracke warfen.

Dann knallte hinter ihm die Tür zu, und der Riegel wurde vorgeschoben. Finsternis umgab Tony. Nur durch einen Belüftungsschlitz über der Tür fiel ein schmaler Lichtstreifen ein.

Tony wälzte sich von dem Gefangenen herunter und suchte sich einen freien Platz. Das war nicht einfach. Er prallte gegen einen Mann, der ihm fluchend ein Knie in die Rippen stieß.

Tony erkannte die Stimme.

Es war Alfie, der vor ihm in die Baracke gestoßen worden war. Der Bandit, dem er diese Situation verdankte. Der Kerl, der jetzt sein schönstes Jackett trug.

„Entschuldige, Amigo“, sagte Tony sanft und tastete im Dunkeln mit den aneinandergebundenen Händen den Mann ab. „Lass mal sehen, wo bei dir was ist. Man sieht ja in diesem Puff nicht die Hand vor den Augen.“

„Was?“, fragte Alfie verständnislos.

Dann hatte Tony die Schulter ertastet und hieb etwas höher mit beiden gefesselten Händen zu.

Alfie brüllte auf und prallte gegen einen anderen Gefangenen. Unruhe entstand.

„Du Hurensohn hast mir nicht nur mein Jackett abgenommen“, sagte Tony, „sondern ...“

Er legte sich blitzschnell flach, als er Alfies Wutschrei hörte und die Bewegung spürte.

Alfie traf statt Tony im Dunkeln einen anderen Gefangenen. Es war sein Pech, dass er an einen besonders kräftigen Farmer geraten war, der seine Muskeln in jungen Jahren als Holzfäller gestählt hatte.

Der Mann schlug blindlings in die Richtung, aus der der Hieb gekommen war, und er erwischte den Banditen voll.

Alfie fiel bewusstlos zurück.

Doch das sahen sie erst, als es Tony gelungen war, ein Zündholz aus seinem Stiefelabsatz zu zaubern und anzureiben.

Ein Raunen ging durch die Reihen der auf dem rissigen Felsboden kauernden Gestalten.

„Er hat Streichhölzer“, murmelte der Mann neben Tony beinahe andächtig.

Tony blickte auf Alfies reglose Gestalt, und ein verwegenes Grinsen huschte über sein Gesicht.

„Natürlich, Leute. Ein Gentleman geht nicht ohne zur Party.“ Seine Frohnatur gewann wieder die Oberhand. „Darf ich mich vorstellen, Gents, ich bin der Neue und heiße Anthony Burgess. Ihr dürft mich Tony nennen, wenn ihr zugebt, dass ich der schönste Mann von Luckenbach bin.“

Er schaute auf den bulligen Mann an seiner Seite, der sich über die Knöchel seiner Rechten rieb.

„Warst du das, der dem Knaben da eine verpasst hat?“, fragte er und nickte zu Alfie hin.

„Ich denke schon“, erwiderte der Hüne.

„Dafür gebe ich einen aus, wenn wir hier raus sind“, versprach Tony. Dann fluchte er, denn er hatte sich am erlöschenden Zündholz die Fingerkuppe verbrannt.

„Sie sind Anthony Burgess?“, ertönte eine verwunderte Stimme aus dem Dunkel.

„So nannte mich meine Mutter“, erwiderte Tony. „Und mit wem habe ich die Ehre, Sir?“

„Thomas Wilson.“

„Angenehm – he, sagten Sie Wilson?“

„Ja. Sie sollten für unsere Sicherheit sorgen. Stattdessen haben Sie einen verdammten Bastard geschickt, der uns ...“

„Beleidigen Sie nicht meinen Freund Chaco“, unterbrach Tony.

„Ich werde Sie verklagen!“, schimpfte Wilson. „Und den anderen auch.“

„Tun Sie das, Mr. Wilson“, sagte Tony gelassen. „Sind Ihr Sohn und Ihre Frau auch hier?“

Wilson berichtete. Dany und Gregory waren neben Wilson in der Baracke. Edwina Wilson war ebenfalls im Camp. Bei den weiblichen Gefangenen in einer anderen Hütte.

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Carmen lag auf dem Felllager, als Paco Gomez die Hütte betrat.

Die glutäugige Mexikanerin ließ sich von zwei jungen Mädchen bedienen, die links und rechts neben ihr knieten. Eine schenkte Rotwein ein, die andere tupfte mit einem seidenen Tuch Schweiß von Carmens nacktem Körper.

Die beiden Mädchen waren Gefangene.

Mary Ann war neunzehn und war mit ihren Brüdern von einer Farm in der Nähe von Crystal City entführt worden. Sie hatte langes, blondes Haar gehabt.

Jetzt war sie kahlgeschoren.

Die andere hieß Ellen. Sie war zweiundzwanzig, eine rothaarige Serviererin aus Uvalde, die das Pech gehabt hatte, mit einer Kutsche zu fahren, die von den Banditen gestoppt und deren Passagiere entführt worden waren.

Auch sie besaß keine Haare mehr.

Mary Ann lebte seit vier Monaten in diesem wilden Camp, Ellen erst seit drei Wochen.

Paco Gomez hatte sie für sich und Carmen reserviert. Sie mussten kochen, waschen, Gomez und Carmen bedienen und jederzeit zur Verfügung sein.

Es gab noch andere weibliche Gefangene, aber sie waren nicht so hübsch, und Gomez hatte sie den einfachen Bandenmitgliedern überlassen.

Auch sie waren kahlgeschoren, was manch einen der rauen Gesellen in der Einsamkeit der Serranias del Burro des Nachts von seidigem, weichem Frauenhaar träumen ließ.

Doch der Jefe hatte befohlen, die Haare der Frauen abzurasieren. Es kursierten viele Gerüchte, aber niemand wusste genau, warum. Und niemand wagte, Fragen zu stellen.

Die Antwort konnte eine Kugel von Paco Gomez sein.

„Verschwindet!“, zischte Paco Gomez übel gelaunt und gab Mary Ann und Ellen einen herrischen Wink.

Sie zogen sich ängstlich in den Nebenraum zurück.

Carmen nippte an ihrem Rotwein und stellte das Glas ab. Sie räkelte sich auf dem weichen Felllager. Der Schein der Petroleumlampe schimmerte auf ihrer bronzefarbenen Haut. Ihr langes schwarzes Haar fiel bis über ihre Schultern. Schweiß glänzte auf dem üppigen Körper.

„Du hast mich lange warten lassen“, sagte sie mit dunkler Stimme und leckte mit der Zungenspitze über die noch vom Rotwein feuchten sinnlichen Lippen.

„Es gab Ärger“, sagte er und starrte auf sie hinab.

„Ja, ich hörte dich peitschen.“ Sie musterte ihn besorgt. „Schwierigkeiten?“

Er nickte finster.

„Ich muss zu meinem Treffen mit dem Gringo. Hab’ jetzt keine Zeit mehr für dich. Es ist eine Panne passiert. Wir werden uns einen neuen Lieferanten suchen müssen.“

Carmen wusste, was das bedeutete.

Das war das Todesurteil für den bisherigen Partner der Bande.

Aber das bedrückte sie nicht. Sie lebte schon lange mit Verbrechern zusammen, und seit einem Jahr war sie die Favoritin von Gomez und wusste über alle Morde und Untaten Bescheid, die von der Bande sonst noch begangen worden waren. Sie war schon zu abgestumpft, um noch Skrupel zu empfinden, wenn von Mord die Rede war.

„Dann sag dem Neuen gleich, dass er mir ein paar neue Dienerinnen beschafft. Die beiden bisherigen befriedigen mich nicht mehr so recht.“

Paco Gomez grinste.

„Ja, neulich war der Braten angebrannt, und sie hatten die Soße versalzen. Und auch ich könnte eine kleine Abwechslung gebrauchen. Ich werde mich darum kümmern.“

Dann wurde seine Miene wieder finster. Er starrte auf ihr langes Haar.

„Wenn ich den Gringo für immer ausbezahlt habe, werde ich zum Jefe reiten“, sagte er wie im Selbstgespräch. „Weil Corwin nicht gekommen ist, habe ich nur die Haare der alten Americana. Und die sind gefärbt und stinken nach Parfüm oder Färbemittel. Damit wird der Jefe nicht zufrieden sein. Er will Natur.“

„Was starrst du mich so an?“, fragte Carmen.

„Nun, es könnte schlimme Folgen haben, wenn der Jefe mit mir nicht zufrieden ist. Ich kann nicht mit leeren Händen zu ihm gehen. Das musst du verstehen.“

Carmen blickte ihn forschend an. „Wie – meinst du das?“

Da zog er das Rasiermesser aus seiner Hosentasche und klappte es auf. Die Klinge blitzte im Schein der Lampe.

Carmens Augen weiteten sich in jähem Entsetzen. Sie wich auf dem Felllager zurück. Sie war so stolz darauf gewesen, als einzige im Camp ihr Haar behalten zu dürfen.

„Es muss sein, Querida“, sagte er mit rauer Stimme und hob die Hand mit dem Rasiermesser.

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Das ist er“, sagte Marshal Freeman.

Er saß mit Chaco in der Cantina, die an Fernandos Hotel angrenzte, und beobachtete die Straße, die zur Plaza von Villa Acuna führte. Auf den ersten Blick sah es aus, als lese er in einer alten amerikanischen Zeitung. Doch in die Zeitung war ein Loch gebrannt, so dass Freeman beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden.

„Stellen Sie mal fest, was er in der Bank getan hat. Wir treffen uns dann in meinem Zimmer.“

Chaco nickte.

Eine Viertelstunde später berichtete er dem Marshal, was er herausgefunden hatte.

„Er nennt sich Cooper. Hat in der Bank Pesos eingetauscht. Im Hotel hat er gesagt, er möchte von niemandem gestört werden. Wenn ein Señor Gomez nach ihm frage, solle man ihn benachrichtigen. Ich habe dafür gesorgt, dass ich ebenfalls benachrichtigt werde, wenn Gomez eintrifft.“

Der Marshal lächelte. „Wie viel Pesos hat Sie das gekostet?“

„Keinen einzigen. Ich habe der Kleinen an der Rezeption ein Rendezvous versprochen.“

„Was? Der mit den Kulleraugen und dem dicken Hintern? Na, wäre nicht mein Geschmack.“

„Meiner auch nicht“, bekannte Chaco.

Der Marshal drohte scherzhaft mit dem Finger. „Sie Wüstling! Machen kleine fette Mexikanerinnen scharf und lassen sie dann schmachten.“

„Das Sie können Sie weglassen“, erwiderte Chaco grinsend. „Und was mein Versprechen anbetrifft, so werde ich es erfüllen. Schließlich weiß ich, was ein Caballero einer Señorita schuldig ist.“

„Alle Achtung“, sagte der Marshal. „Das nenne ich Pflichtbewusstsein.“

Chaco drehte sich eine Zigarette. Der Marshal zündete sich ein Zigarillo an. Eine Weile rauchten sie schweigend.

Schließlich sagte Marshal Freeman: „Fassen wir zusammen! Teniente Martinez ist informiert und kümmert sich um die Bandoleros und die Befreiung der Gefangenen. Und wir erledigen das andere. Martinez war großzügig. Ich musste nur versprechen, dass er Gomez und den Mann im Hintergrund bekommt und ich mich mit Crooker zufriedengebe. Wir brauchen jetzt nur abzuwarten, bis Gomez und Crooker ihr Geschäft abgewickelt haben. Dann greifen wir uns Crooker alias Cooper und beschatten Gomez. Früher oder später wird er uns zu seinem Auftraggeber führen.“

Chaco nickte und schenkte sich einen Schluck aus der Whiskyflasche ein, die Freeman aufs Zimmer hatte bringen lassen.

„Übrigens“, fuhr der Marshal im Plauderton fort, „möchte ich noch eines klarstellen – Crooker gehört mir.“

Chaco wunderte sich über den plötzlich metallenen Klang von Freemans Stimme.

Er blickte zu ihm und sah, dass ein seltsames, fast fanatisches Funkeln in den grauen Augen des Marshals war.

Er zuckte mit den Achseln. „Sie können ihn gerne haben. Deshalb habe ich Sie informiert. Sie reiten fürs Gesetz. Ich dagegen habe mich in diese Sache in Mexiko nur eingelassen, weil ich mich für das Verschwinden der Wilsons verantwortlich fühle.“ Er blies einen Rauchring und musterte den Marshal. „Sie wollen Crooker bestimmt in Ihrer Stadt Uvalde vor Gericht bringen.“

Langsam schüttelte der Marshal den Kopf. Und plötzlich erkannte Chaco, was der seltsame Ausdruck in den Augen des Mannes zu bedeuten hatte. Das war Hass, abgrundtiefer Hass.

„Ich werde ihn nicht nach Uvalde bringen“, sagte der Marshal mit schwerer Stimme. „Ich werde ihn töten!“

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Tony fluchte, weil er sich das Handgelenk angesengt hatte. Die Zündholzflamme erlosch. Er sprengte die angebrannten Fesseln mit einem Ruck.

„Hat’s geklappt?“, flüsterte der Hüne an seiner Seite.

„Ja“, gab Tony zurück und rieb sich die Handgelenke. „Nun streck mal deine Patschhändchen her, damit ich dich befreien kann.“

Stimmengewirr setzte ein.

„Ruhig, Gentlemen“, mahnte Tony. „Oder wollt ihr, dass die Geier da draußen aufmerksam werden?“

Sofort wurde es totenstill.

„Mister“, wisperte dann eine Stimme aus dem Dunkel. „Haben Sie noch mehr Zündhölzer? Dann ginge doch alles schneller.“

Tony hatte noch drei Zündhölzer in dem Geheimfach am Stiefelabsatz. Doch die wollte er für den Notfall behalten. Er dachte auch gar nicht daran, sämtliche Gefangenen zu befreien. Sie hatten keine Waffen, und eine Flucht sämtlicher Gefangener aus der Schlucht war unmöglich.

Sie hatten nur eine Chance, wenn einer oder zwei von ihnen unbemerkt in der Nacht entkommen und Hilfe holen konnten. Tony hatte sich den Farmer als Unterstützung ausgesucht. Der Mann hieß Mallory, war stark wie ein Grizzly und hatte bewiesen, dass er zuschlagen konnte. Tony wusste nicht, wie viele Wachtposten es auszuschalten galt. Aber es war ihm klar, dass er Hilfe gebrauchen konnte.

„Ich verlange, dass Sie uns als erste befreien“, ertönte Wilsons Stimme aus dem Dunkel. „Schließlich sind Sie für alles verantwortlich.“

„Ich habe Sie nicht entführt, Mr. Wilson“, erwiderte Tony gelassen.

„Aber Sie haben für meine Sicherheit garantiert. Und Ihr verdammter Mitarbeiter hat versagt.“

„Chaco ist nicht mein Mitarbeiter, sondern hat mir freundschaftlich geholfen“, stellte Tony richtig. „Regen Sie sich ab, Mr. Wilson. Es war eben Pech, und Chaco macht sich selbst die größten Vorwürfe. Aber ohne ihn könnten Sie und die anderen nicht damit rechnen, befreit zu werden.“

„He, halt keine Volksreden!“, meldete sich ein anderer Mann. „Befreie mich schon! Hier gibt es keine Sonderrechte für irgendwelche Geldbonzen.“

„Nun, wie sag’ ich’s meinen Kinderchen“, überlegte Tony laut. „Die Sache ist nämlich die, Gentlemen. Mallory und ich werden euch für eine Weile verlassen. Wir holen Hilfe und pauken euch raus. Außerdem wird mein Freund Chaco schon einiges zu eurer Rettung unternommen haben. Ihr müsst nur ein bisschen Geduld haben. Wenn es hart auf hart kommt und die Banditen euch verschwinden lassen wollen, müsst ihr allenfalls ein paar Tage in irgendeiner Silbermine arbeiten. Dann verhaltet euch ruhig. Wir holen euch schon.“

Gemurmel setzte ein. Die meisten Männer murrten und protestierten, doch schließlich fanden sich einige besonnene, die Tony Recht gaben und die anderen überzeugten.

„Ich schufte nicht in einer Silbermine!“, sagte eine Stimme rechts von Tony, als es wieder still geworden war. „Mich nehmt ihr mit!“

Das war der amerikanische Bandit Alfie.

„Ich glaube, ich träume“, erwiderte Tony. „Du hast wohl nicht alle Klicker im Sack?“

Mallory lachte leise, und einige andere fielen ein, doch es wurde schnell wieder still. Einige der Männer waren seit mehr als zwei Wochen Gefangene, und die Angst und die Anspannung hielten sie im Griff.

„Du wärst der letzte, den ich mitnehmen würde“, fuhr Tony fort. „Und wenn, dann nur, um dich beim nächsten Marshal abzuliefern, oder wie die Möpse hier im schönen Mexiko heißen. Erinnere mich übrigens daran, dass ich dir mein Jackett abnehme, bevor ich mich verabschiede.“

„In Mexiko kann mir das Gesetz überhaupt nichts anhaben“, erwiderte Alfie. „Und dir bleibt gar nichts anderes übrig, als mich mitzunehmen.“

„Wieso?“, fragte Tony.

„Ha, weil ich euch sonst gleich bei den Mexen verpfeife. Ich brauche nur zu schreien und ...“

Der Rest ging in ein Ächzen über. Ein dumpfer Aufprall folgte.

In diesem Augenblick wurde der Riegel vor der Tür zurückgeschoben.

„Setz dich vor ihn“, raunte Tony Mallory zu.

Er hörte ein Rascheln von Stoff, das Schaben eines Stiefels auf dem Boden.

Dann ging die Tür auf. Sonnenlicht fiel in die Baracke. Ein schwarzgekleideter Mexikaner mit einem silberbeschlagenen Kreuzgurt tauchte auf. Er hielt an jeder Hand einen Eimer. Er stellte die Eimer neben der Tür in die Baracke und blickte flüchtig über die Gefangenen hin.

„Schweinefütterung“, sagte der Mexikaner in gebrochenem Englisch. „Caramba, stinken hier, ihr Schweine.“

„Das Schwein bist du“, sagte Tony.

Der Kopf des Mexikaners ruckte herum.

„Wer war das?“, zischte er.

Tony hatte testen wollen, wie die Wächter so reagierten. Jetzt im hellen Tageslicht konnte er nichts unternehmen. Doch wenn der Bursche gelassen blieb, wollte Tony sich schon mal ein paar zünftige Beleidigungen ausdenken, womit er den Mann am Abend reizen konnte, damit er im Zorn einen Fehler beging und überrumpelt werden konnte.

„Ich war das, Kleiner“, sagte er grinsend.

Der Mexikaner verlor die Beherrschung.

Er sprang zu Tony hin und trat ihm jähzornig in die Seite. Tony presste die Zähne aufeinander. Er hätte den Mann jetzt überrumpeln können, doch es war noch zu früh.

„Dir werde ich’s zeigen!“, keuchte der Mexikaner.

Ein zweiter Wächter, mit einem Gewehr im Hüftanschlag, tauchte in der Tür auf.

„Was ist los, Pepe?“

„Der Gringo hat mich beleidigt“, sagte Pepe und holte wiederum mit dem Stiefel aus.

„Lass das!“, sagte der andere scharf. „Du beschädigst nur die Ware. Dann kann er nicht arbeiten, und das hat der Jefe nicht so gern.“

Pepe bedachte Tony noch mit einem gehässigen Blick, dann wandte er sich ab.

Kurz darauf waren die Gefangenen wieder in der dunklen Baracke allein.

Tony hoffte, dass am Abend Pepe ebenfalls Wache hatte.

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Chaco starrte den Marshal an. „Sie wollen Crooker umbringen?“, vergewisserte er sich.

Die Miene des Marshals wirkte wie aus Stein gemeißelt. „Ja, das werde ich. Seit Jahren bin ich hinter diesem Kerl her. Von Kansas bis nach Texas hinunter ritt ich auf seiner Fährte. Dreißig Meilen nördlich von Uvalde verlor ich seine Spur. Aber es gab Anzeichen, dass er sich in der Gegend niederlassen wollte. Da habe ich den Marshalstern genommen und gewartet. Und jetzt ist es bald soweit.“

Wieder war das fanatische Funkeln in Freemans Augen.

„Sie hassen ihn“, stellte Chaco fest. „Warum?“

Der Marshal wich seinem Blick aus. „Das ist meine Sache.“

Chaco spürte, dass eine schlimme Geschichte hinter allem stecken musste.

„In Ordnung“, sagte Chaco. „Das ist Ihre Sache. Aber es wäre Mord. Und das ist nicht meine Sache.“

„Der Kerl hat den Tod zigmal verdient“, sagte Freeman dumpf.

„Sie sind kein Richter“, sagte Chaco scharf.

Der Marshal nickte. „Das stimmt. Ich bin kein Richter. Aber Crookers Henker.“

„Sie haben den Stern nicht verdient“, sagte Chaco.

„Ich weiß. Deshalb habe ich ihn auch abgelegt.“ Und mit einem bitteren Lächeln fügte Freeman hinzu: „Er hätte mir in Mexiko ohnehin nichts genützt.“

Er griff nach der Whiskyflasche und schenkte sich ein. Hastig leerte er das Glas. Dann schaute er wieder Chaco an.

„Sie werden mich nicht daran hindern“, sagte er hart.

„Ich werde es versuchen“, erwiderte Chaco.

Die Blicke der beiden Männer krallten sich förmlich ineinander.

Dann senkte der Marshal langsam den Kopf.

„Warten wir’s ab“, sagte er mit schwerer Stimme.

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Die Dunkelheit senkte sich über die Schlucht in den Serranias del Burro. Der Mond stieg über der Felswand auf, die drohend vor dem sternenübersäten Himmel aufragte.

Der Schein des Mondes erhellte nur einen kleinen Streifen der Schlucht. Am Fuß der Felswände, bei den Baracken, herrschte tiefe Finsternis.

Der Klang einer Gitarre drang zu den Gefangenen. Ein trauriges Lied, das einer der mexikanischen Banditen spielte. Immer wieder die gleiche klagende Melodie.

„Hoffentlich hört der Kerl bald auf“, murmelte Mallory. „Das geht einem ja auf die Nerven!“

Tony zuckte mit den Achseln. „Ich finde, der Hurensohn zupft nicht schlecht. Hat allerdings ein beschränktes Repertoire.“

„Deine Ruhe möchte ich haben“, erwiderte Mallory, dessen Stimme seine Anspannung verriet.

„Ich auch“, sagte Tony schlagfertig.

Er war ebenso nervös, ließ es sich aber nicht anmerken.

Er kauerte mit Mallory dicht bei der Tür.

Sie warteten auf die Wächter, die das Abendessen bringen würden, wie es bisher immer der Fall gewesen war.

Die Gitarrenmusik verstummte.

Hufschlag war zu vernehmen. Reiter galoppierten nach Süden aus der Schlucht.

Haut nur alle ab, dachte Tony. Das erleichtert uns die Sache. Verdammt, wo bleiben die Burschen mit dem Essen?

Sein Magen knurrte. Er hatte nichts von dem Chili-Eintopf mit Bohnen und Fleisch abgekriegt. Es gab nur für jeweils die Hälfte der Gefangenen eine kleine Schöpfkelle zum Mittag. Die andere Hälfte war beim Abend an der Reihe. Bis vor zwei Tagen hatten sie ausreichend zu essen erhalten. Schließlich mussten sie bei Kräften sein, wenn sie in einer Mine schuften sollten. Doch eine Proviantlieferung war ausgefallen, wie die Banditen erklärt hatten, und der Engpass musste durch Rationierung überbrückt werden. Morgen sollte es wieder volle Mahlzeiten geben.

Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, bis sie endlich Schritte und das Schaben des Riegels hörten.

„Wie besprochen“, flüsterte Tony Mallory zu.

Die Tür schwang auf.

Nur schemenhaft war die Gestalt auszumachen. Es war nicht Pepe, der das Essen brachte. Pepe war kleiner.

Hoffentlich war das nicht der beherrschtere Bandit. Hoffentlich ließ er sich ablenken.

„Da ist ja wieder der stinkende Greaser“, sagte Tony.

Der Bandit stellte die Eimer ab.

„Halt’s Maul, Gringo-Bastard“, erwiderte er gelassen und blickte zu Tony. „Mich kannst du nicht ...“

In diesem Augenblick schlug Mallory zu, der im Dunkel neben der Tür gelauert hatte, und der Bandit verstummte abrupt.

Mallory fing den Zusammenbrechenden auf.

Tony atmete auf. Der erste Teil hatte geklappt.

Da tauchte in der Tür der zweite Wächter auf. Pepe, wie Tony an der Gestalt erkannte. Er hielt ein Gewehr im Anschlag.

„Die Stimme kenne ich doch. Jose, will der Gringo wieder frech werden?“ Angriffslustig trat er einen Schritt weiter in die Baracke.

Tony flog förmlich auf ihn zu, entriss ihm mit der Linken das Gewehr und schlug ihn mit der rechten Handkante nieder.

Ohne einen Laut ging der Bandit zu Boden. Es gab nur einen dumpfen Aufprall, denn Tony hatte den Bewusstlosen nicht mehr auffangen können.

„Schnell jetzt“, raunte Tony und huschte zur Tür.

Er spähte zu den anderen Baracken. Das Camp wirkte wie ausgestorben. Irgendwo kreischte eine Frau. Ein Mann lachte, dann herrschte wieder Stille. Nur aus den Fenstern zweier Hütten fiel Lampenschein. Keiner der Banditen war zu sehen.

Soviel Glück hatte selbst der optimistische Tony nicht erwartet.

Er huschte aus der Baracke. Mallory, der die Revolver der beiden Wächter an sich genommen hatte, folgte ihm. Sie tauchten im Dunkel am Fuß der Felswand unter.

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Sie hieß Maria und war die Tochter des Hoteliers. Sie hatte schwarze Kulleraugen, ein schwarzes Lockenköpfchen, reichte Chaco so gerade bis an die Brustwarzen, und alles an ihr war rund und prall.

Sie war nicht die schönste Maria, die Chaco je gesehen hatte, aber sie war lieb.

Sie hatte gesagt, dass sie sich immer freue, wenn mal ein Americano nach Villa Acuna kam.

Chaco blickte ihr tief in die schwarzen Kulleraugen, schickte einen bewundernden Blick in das Tal zwischen den Kugelbergen, von denen einiges keck aus dem spitzenbesetzten Ausschnitt des schwarzen Kleides ragte, und bedankte sich für die Informationen.

Sie lächelte, und dieses Lächeln war das Schönste an ihr. Ihre Augen erstrahlten förmlich von innen heraus. Sie musste eine glückliche Natur haben. Nur glückliche Menschen können so herzlich lächeln.

Paco Gomez war am späten Nachmittag in Villa Acuna eingetroffen. Doch er hatte Jason Crooker nicht in seinem Hotelzimmer aufgesucht, sondern eine Nachricht für ihn hinterlassen.

Sie steckte im Fach mit der Nummer 17, und Chaco hätte liebend gern einen Blick darauf geworfen.

Doch Maria hatte ihm auf die Finger geklopft, als er in das Fach gegriffen hatte.

Er überlegte gerade, wie er sie doch noch überreden konnte, als Jason Crooker die Treppe herunterkam.

Crooker war ein recht gutaussehender Mann. Er hatte ein sonnengebräuntes markantes Gesicht mit grünen Augen, einem gestutzten, schwarzen Vollbart und sorgsam ausrasierten Koteletten. Chaco schätzte ihn auf Ende Dreißig. Sein Gang war elastisch, und er strahlte Energie und Vitalität aus.

Er streifte Chaco nur mit einem flüchtigen Blick und lächelte dann Maria an, während er den Zimmerschlüssel auf die Rezeption legte.

„Señorita, hat niemand nach mir gefragt?“

„Doch, Mister“, erwiderte Maria mit süßem Akzent auf englisch. Sie nahm den zusammengefalteten Zettel aus dem Fach und reichte ihn Crooker.

Crooker las, und sein Lächeln verschwand. Sein Gesicht nahm einen unmutigen Ausdruck an. Doch nur für einen Augenblick. Als er aufblickte, zeigte er schon wieder blitzende Zähne. Er steckte den Zettel in die Tasche seiner Prince-Albert-Jacke, zauberte einen Double Eagle, ein goldenes Zwanzigdollar-Stück hervor und legte es auf die Rezeption. Er war äußerst spendabel.

„Danke, Señorita.“

Er zog höflich den Hut und verließ das Hotel.

„Also, wenn Sie ein Bad für mich anrichten ...“ sagte Chaco zu Maria, damit Crooker ihn für einen normalen Gast hielt.

Maria lachte leise. „Sie gehen aber ran“, sagte sie. „Bis jetzt war nur von einem gemeinsamen Abendessen die Rede.“

Sie hatte seine Worte anders verstanden, als sie gemeint gewesen waren.

Er grinste gezwungen. Er hatte es jetzt eilig. Der Marshal beschattete Paco Gomez. Und Crooker wollte sich irgendwo mit ihm treffen. Er musste hinter Crooker her. Er befürchtete, dass Freeman sich in seinem Hass auf Crooker zu einer Kurzschlusshandlung hinreißen ließ und alles verpatzte. Er hatte Freeman eindringlich ins Gewissen geredet, ihm klargemacht, dass er zum Mörder werden würde, wenn er seine

Rachegedanken in die Tat umsetzte. Aber er hatte den Eindruck gehabt, dass es nicht viel genützt hatte.

„Darüber reden wir noch“, sagte er hastig zu Maria. „Ich muss jetzt weg. Schnell noch eine Frage: War Crooker schon öfter hier? Hat er sich auch mit jemand anders als dem Mexikaner getroffen?“

Sie schüttelte den Lockenkopf. „Er kommt alle paar Monate für drei, vier Tage her und ist dann nur mit Señor Gomez zusammen.“

Chaco wollte sich schon abwenden. Dann fiel ihm noch etwas ein. „Maria, wissen Sie mehr über Gomez?“

Sie blickte heiter. „Natürlich. Paco Gomez ist die rechte Hand von Don Graciosa.“ Sie sagte es leise, fast verschwörerisch.

„Don Graciosa? Wer ist das?“

„Einer der reichsten Männer von Coahuila. Man nennt ihn den Silber-König. Er besitzt eine riesige Hazienda fünfzehn Meilen nördlich von hier und eine Reihe von Geschäften und Minen.“

Rechte Hand. Minen!

Es war, als schrille eine Alarmglocke in Chacos Hirn.

Die Gefangenen wurden als Sklaven an einen Unbekannten verkauft. An diesen Don Graciosa?

Impulsiv legte Chaco eine Hand auf Marias Hand. „Darüber müssen Sie mir unbedingt später noch mehr erzählen, Maria.“

„Mein Bruder hat mal für Don Graciosa gearbeitet“, sagte sie. „Oh, ich kann Ihnen vieles erzählen, Mr. Detektiv.“

Sie hatte ihn durchschaut. Er hatte sich als Versicherungsagent ausgegeben, der nach Kunden Ausschau hielt.

Er spürte, dass sie mehr wusste, als sie angedeutet hatte. Ein wahrer Goldschatz, diese Maria. Doch ihr Bruder interessierte ihn im Augenblick nicht im Geringsten. Er musste hinter Crooker her. Wenn Freeman auf dem Posten war, musste er über Gomez zwangsläufig auch auf Crooker stoßen. Aber da war die Sorge, dass der Marshal durchdrehte.

Bevor er seine Hand wegziehen konnte, legte Maria ihre andere Hand darauf.

„Sie haben noch einen Moment Zeit, Mr. Chaco. Mein Bruder ...“

„Das können Sie mir alles heute Nacht erzählen“, unterbrach Chaco und zog hastig seine Hand fort. „Ich bin jetzt in Eile. Danke für die Informationen.“

Er wandte sich um.

„Gehen Sie durch die Hintertür, das ist näher zum Friedhof“, sagte sie leise.

Er verharrte. „Friedhof?“

Sie lächelte amüsiert. „Sie wollten doch wissen, wo sich Ihre Kunden treffen. Nun, ich habe einen Blick auf die Nachricht geworfen. Der Friedhof liegt am Rande der Stadt im Norden. Gehen Sie durch die Hintertür und folgen Sie der Gasse, bis sie endet. Dann müssen Sie rechts über den Pfad, immer geradeaus. Sie können es gar nicht verfehlen.“

„Danke, Maria. Sie sind ein Schatz.“ Er warf ihr eine Kusshand zu.

Sie strahlte ihn mit ihren Kulleraugen an. Dann wurde sie schlagartig ernst. „Sie gefallen mir, Americano. Aber machen Sie sich keine falschen Hoffnungen. Es bleibt bei dem Essen. Ich bin keine Puta. Ich habe Ihnen nicht geholfen, weil ich auf ein Abenteuer aus bin, sondern weil ich spürte, dass Sie ein Detektiv oder Polizist oder so was sind und nur mit mir geflirtet haben, um etwas herauszufinden.“

Chaco wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er fühlte sich wie ein ertappter Sünder, obwohl er gar nicht so richtig gesündigt hatte.

Die schwarzen Augen blickten ihn wieder an, ernst diesmal. „Gehen Sie jetzt, dann sind Sie noch vor Mr. Crooker beim Friedhof.“

Chaco war froh, fortzukommen. Er wandte sich zum Gehen. Doch noch einmal hielten ihn Marias leise Worte zurück.

„Übrigens – mein Bruder – er starb angeblich an einem Unfall. Niemand konnte das Gegenteil beweisen. Doch vor seinem Tod erzählte er mir, er hätte etwas herausgefunden, was dem reichen, mächtigen Don Graciosa das Genick brechen würde. Ich weiß, dass sie ihn ermordet haben.“

Chaco starrte sie benommen an. Diese Maria wartete mit immer neuen Überraschungen auf.

Sie lächelte leicht. „Viel Glück, Chaco.“

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Tony lachte. Mallory bot aber auch einen lustigen Anblick auf dem Maultier. Die Füße des Hünen baumelten fast bis auf die Erde, und er wippte auf und ab und klammerte sich an dem Grauen fest, der erneut mit ein paar Bocksprüngen versuchte, sich der Last zu entledigen, was Tony nur zu gut verstehen konnte.

Dann fluchte Tony.

Der graue Bruder, auf dem er ritt, blieb einfach stehen, von einem Augenblick zum anderen, und Tony  rutschte über den Hals des Burschen und landete kopfüber im Sand.

Der graue Bruder ia-te zufrieden, lief noch ein paar Yards im Zuckeltrab weiter und blieb dann stehen. Der Graue drehte den Kopf, und Tony hatte das Gefühl, der Bursche grinse ihn höhnisch an.

„Du verdammtes Eselsfleisch!“, schimpfte Tony und rappelte sich in einer Staubwolke auf. „Du kommst in die Wurst, du Hurenbock!“

Tony rückte die zerrissene Samtschleife zurecht und wollte sich die elegante Jacke abklopfen, die er Alfie wieder abgenommen hatte. Dann sah er ein, dass es nicht viel Sinn hatte – die Jacke war eingerissen und zu verdreckt – und er schickte noch ein paar Flüche hinterher.

Mallory war schon ein gutes Stück voraus und mühte sich ab, seinen grauen Bruder zu zähmen.

Tony schlich sich an den Grauen an. Der Bursche wartete, bis Tony fast heran war. Dann raste er los.

„He, warte, du Satansbraten!“, brüllte Tony und sprintete gerade noch rechtzeitig los, um die im Staub schleifenden Zügel schnappen zu können.

Zehn Minuten später hatte er Mallory eingeholt. Denn jetzt hatte dessen Grauer offensichtlich die Lust verloren. Er war stehengeblieben und knabberte verdorrtes Gras.

Mallory schob sich den Hut aus der Stirn und schaute besorgt zurück. „Mit diesen Biestern schaffen wir es niemals.“

Tony war optimistischer. „Unser Vorsprung ist groß genug. Bis jemand die gefesselten Wachen am Zugang der Schlucht findet, können Stunden vergehen. Und um Pepe kümmern sich die Gefangenen. Wir hatten unwahrscheinliches Glück, dass der Rest der Galgenvögel ausgeflogen ist. Ich hätte mir ja auch ein gutes Pferdchen gewünscht anstatt dieser grauen Schlitzohren – aber man kann eben nicht alles haben. Wo geht’s lang, großer Fremdenführer?“

Mallory war schon oft in dieser Gegend gewesen und kannte sich aus. Er wies zu dem Pfad im Osten, der sich durch das Felsland schlängelte. „Hinter der Bergkette ist’s nicht mehr weit bis San Carlos. Und dort gibt es Rurales, die wir alarmieren können. Die Sache hat nur zwei Haken. Erstens kann ich kein Spanisch ...“

„Ich kann auch nur buenas noches und te quiero, Señorita“, bekannte Tony.

„... und zweitens krieg’ ich das Vieh nicht mehr in Gang“, fuhr Mallory grimmig fort.

„Letzteres Problem lässt sich lösen“, lachte Tony. Er kitzelte den Grauen mit der Faust zwischen den Ohren, und der lief, als sei ihm ein Puma im Nacken. Mallorys grauer Bruder folgte überraschend sofort.

Tony lachte.

Doch dann lachte er nicht mehr. Plötzlich tauchten zwischen den Felsen und aus einer Senke neben dem Pfad dunkle Gestalten auf.

Instinktiv griff Tony zu dem Revolver, den er einem der Wachtposten am Zugang zur Schlucht abgenommen hatte.

Dann erkannte er, dass es sinnlos war.

Es waren zu viele.

Mindestens drei Dutzend.

Er hielt schnell die Hände hoch und rief: „Holla, Amigos! Buenas noches!“

Im Nu waren Tony und Mallory von bewaffneten Gestalten umringt.

Bevor sie wussten, wie ihnen geschah, wurden sie hart von den Grauen gezerrt, lagen am Boden und hatten eine Gewehrmündung auf der Brust.

„He, Amigos, Caballeros!“, rief Tony und schickte seinen gesamten mexikanischen Sprachschatz, der ihm im Augenblick einfiel, hinterher. „Te quiero, Señorita – äh, Hombre.“

Einer der Mexikaner lachte.

Ein Mann sagte etwas, das wie ein Befehl klang, und das Lachen verstummte.

Dann löste sich ein Mann aus der Gruppe der anderen und trat zu Tony. Es war ein kleiner, drahtiger Mexikaner, dessen Sombrero ein paar Nummern zu groß zu sein schien. Sein Gesicht lag völlig im Dunkeln.

„Ich nix Feind“, sagte Tony, weil er hoffte, dass wenigstens einer der Männer ein paar Brocken Amerikanisch verstand. „Ich zufällig mit Amigo hier reiten durch die Berge. Zu Señorita mia te quiero.“

„Wir sind keine Idioten“, sagte der Kleine in fast akzentfreiem Englisch. „Du solltest vernünftig reden, sonst bekommst du einen Knoten in die Zunge.“

„Oh  Sie sprechen ja perfekt unsere Sprache, Señor“, sagte Tony. „Und wir dachten schon, ihr seid ungebildete Wegelagerer, Bandidos heißt das wohl bei euch, die es auf unsere paar Pesos abgesehen haben.“

Er wollte dem Anführer schmeicheln und zugleich seine Rolle des Unwissenden fortsetzen. Er hielt die Männer für Mitglieder von Gomez’ Bande.

Zu seiner Überraschung erwiderte der kleine Mexikaner: „Wir sind keine Outlaws, wie das wohl bei euch heißt.“ Es klang etwas spöttisch. „Ich bin Teniente Martinez.“ Dann gab er seinen Männern einen knappen Wink. „Fesseln und verhören!“

„Polizei?“, fragte Mallory überrascht und schaute von Martinez zu Tony.

Auch Tony blickte entgeistert. Dann begannen sie beide zu lachen.

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Chaco lauschte mit angehaltenem Atem hinter dem Grabstein. „Weshalb dieser Treffpunkt?“

Das war Crookers Stimme. Sie klang angespannt, nervös.

„Es ist nicht gut, wenn man uns zusammen sieht“, erwiderte Gomez. „Kommen wir gleich zur Sache. Ihre Leute haben einigen Mist gebaut.“

„Ist die Lieferung nicht pünktlich eingetroffen?“

„Doch. Aber Ihre rechte Hand Corwin ist nicht gekommen. Ich hörte, dass er in der Hölle ist. Einige seiner Männer wurden geschnappt.“

Crooker fluchte. „Davon weiß ich noch gar nichts. Das hätte ich doch erfahren müssen.“ Es klang betroffen. „Weiter!“

„Ihre Leute konnten zwar aus dem Gefängnis ausbrechen, aber es besteht die Gefahr, dass der eine oder andere geplaudert hat.“

„Unmöglich!“, behauptete Crooker. „Keiner von den Jungs singt. Sie wissen genau, dass das ihren Tod zur Folge hätte. In diesem Punkt können Sie ganz unbesorgt sein, Gomez.“

„Sie scheinen in der letzten Zeit die Fäden nicht mehr richtig in der Hand zu haben“, sagte Gomez.

„Was soll das heißen?“, fragte Crooker scharf. „Ich habe bisher immer zuverlässig und pünktlich geliefert.“

„Diesmal fehlten mir Frauenhaare“, sagte Gomez kalt. „Ich musste meine eigene Freundin rasieren. Es wird dauern, bis das wieder nachwächst. Und ich mag kahle Weiber nun mal nicht so gern.“

„Deshalb sind Sie so sauer!“ Crookers Stimme verriet Erleichterung. Er lachte leise. „Okay, ich schicke das nächste Mal ein paar junge Langhaarige als Trostpflaster mit. Das ist alles kein Problem. Ich hab’ auch schon einen Nachfolger für Ed Corwin der die Bande führen wird. Und wenn die Jungs ausgebrochen sind – na, dann ist ja im Grunde nichts passiert. Kommen wir zum Geschäftlichen. Ich beabsichtige, die Gebühren ein wenig anzuheben.“

Er legte eine Pause ein, wartete offenbar auf eine Reaktion.

Paco Gomez sagte nichts.

„Nun, alles ist teurer geworden, und das Grenzgebiet haben wir ziemlich abgegrast. Wir müssen dort vorsichtiger sein und das Material tiefer aus Texas holen. Das kostet mehr Spesen. Ihr Boss wird das verstehen. Ich denke an fünfzig Dollar Aufpreis pro Stück. Das ist eine maßvolle Erhöhung. Eine lächerliche Summe für Ihren reichen Boss. Ich hörte, dass er sich die morgen Nacht auf seiner Hazienda stattfindende Fiesta umgerechnet fünftausend Dollar kosten lässt. Nun, darin werden einige Schmiergelder enthalten sein, aber es bleibt eine stattliche Summe übrig. Es wird ihm also nicht weh tun, ein bisschen draufzulegen. Das spart er schließlich an Arbeitslöhnen wieder ein.“

Wieder wartete er auf eine Reaktion.

Paco Gomez schwieg.

„Sie werden sich fragen, woher ich mein Wissen habe“, fuhr Crooker leicht spöttisch fort. „Nun, ich habe einige Nachforschungen anstellen lassen. Schließlich weiß man gern, mit wem man Geschäfte macht.“ Er lachte leise.

Das Lachen verstummte jäh.

Paco Gomez hielt wie durch Zauberei ein Messer in der Hand.

„Du wirst dein Wissen mit ins Grab nehmen, Gringo!“, zischte er. „Davon gibt es hier ja genug. Weißt du jetzt, weshalb ich dich ausgerechnet auf den Friedhof bestellt habe?“

Er hob die Hand mit dem Messer und holte aus.

Und dann überstürzten sich die Ereignisse.

„Ich habe alles bei einem Notar!“, kreischte Crooker.

Chaco feuerte. Er zielte auf die Messerhand des Mexikaners.

Crooker, gerade noch voller Todesangst, schlug blitzschnell sein Jackett zurück und zog seinen Revolver aus dem Hosenbund. Jeder andere hätte vor Überraschung und Schreck zumindest zwei, drei Sekunden verloren, doch Crooker reagierte unglaublich schnell und eiskalt. Er schien Nerven aus Stahl zu haben  oder überhaupt keine.

In einem einzigen flirrenden Bewegungsablauf zog er, wischte mit dem Daumen den Revolverhammer zurück, stieß die Waffe in Chacos Richtung und feuerte.

Fast im selben Sekundenbruchteil krachte ein weiterer Revolver, und beide Schüsse klangen fast wie einer.

Crookers Blei schrammte über den Grabstein, neben dem Chaco kauerte. Ein Splitter fetzte Chacos Wange auf.

Crooker wurde herumgerissen, taumelte, tat einen unsicheren Schritt und stürzte in das frisch ausgehobene Grab hinter sich. Paco Gomez hatte den Treffpunkt mit Vorbedacht gewählt. Er hätte nur noch das Grab über Crookers Leiche zuzuschaufeln brauchen, wenn alles nach seinem Plan gegangen wäre.

Paco Gomez brauchte etwas länger, um seinen Schreck zu überwinden. Und seine rechte Hand war verletzt.

Als er die Waffe heraus hatte, blitzte es etwa zwanzig Yards entfernt zwischen zwei Grabsteinen auf, und der Schrei des getroffenen Mexikaners ging im Krachen des Schusses unter.

Paco Gomez brach zusammen und blieb reglos liegen.

Stille senkte sich über den kleinen Friedhof von Villa Acuna. Pulverrauch zerfaserte träge zwischen den Gräbern.

Chaco sprang auf.

Von rechts stürmte der Marshal heran.

Chaco erreichte Paco Gomez und trat den Revolver zur Seite, der dem Verbrecher entglitten war und neben seiner verletzten Hand lag.

Von Gomez drohte keine Gefahr. Er war bewusstlos. Marshal Freemans Kugel hatte ihn in die rechte Schulter getroffen.

Sie hatten nur beobachten und lauschen wollen. Doch die Dinge hatten sich anders entwickelt, als sie gedacht hatten.

Freeman konnte nicht wissen, was Chaco inzwischen von Maria erfahren hatte. Der Name von Gomez’ Auftraggeber war nicht gefallen, und was Crooker gesagt hatte, war nur vage gewesen. Warum hatte Freeman gezielt auf Gomez geschossen? Warum hatte er ihn nicht entkommen lassen, damit er sie zu dem Mann im Hintergrund führte? Waren dem Marshal die Nerven durchgegangen?

Freeman.

Chacos Blick zuckte zu dem Marshal.

Er stand bei der Grube, in die Crooker gestürzt war.

Er hielt den gespannten Revolver in die Grube, auf den Verbrecher. Seine breite Brust hob und senkte sich unter heftigen Atemzügen.

„Hab ich dich endlich, Crooker“, sagte er gepresst und voller Hass.

Crooker war wohl bei Bewusstsein. „Wer – bist du?“, hörte Chaco ihn fragen:

„Du kennst mich nicht, du Abschaum. Aber ich kenne dich, und ich habe dich gesucht, um dich in die Hölle zu schicken.“

Chaco richtete den Army-Colt auf den Marshal.

Ken Freeman sprach weiter. Chaco nahm er anscheinend gar nicht wahr.

„Erinnerst du dich, Crooker? Kansas. Die junge, blonde Frau auf der Farm bei Winfield? Debbie Freeman? Die Frau, über die du und deine beiden Kumpane hergefallen seid? Die ihr vergewaltigt und erschossen habt?“ Es klang wie ein Schluchzen. „Ihr habt einen Fehler begangen. Ihr hättet euch von Debbies Tod überzeugen sollen. Sie lebte noch, als ich aus der Stadt zurückkehrte. Sie konnte euch noch beschreiben und wusste eure Vornamen. Du hast dich zwar von den beiden anderen getrennt, aber als ich sie schnappte, erfuhr ich deinen Namen und dein Ziel, Uvalde, Texas. Ich verlor dann deine Spur, aber ich wusste, dass ich dich eines Tages doch noch finden würde. Und jetzt habe ich dich.“

„Ich ...“ begann Crooker, doch Freeman ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Halt das Maul, du Dreckstück! Du hast mir mein Glück zerstört! Du hast mir das Liebste genommen, was ich hatte! Und du hast unzählige andere Menschen unglücklich gemacht. Du hast Kindern den Vater weggenommen, Frauen den Mann, Eltern die Söhne. Um sie nach Mexiko an eine Silbermine zu verkaufen, wo sie als Sklaven schuften, bis sie menschliche Wracks sind. Du bist das Dreckigste, was auf dieser Erde herumkriecht. Du hast den Tod tausendfach verdient.“

Seine Stimme klang wie erstickt. Die Hand mit dem schussbereiten Revolver zitterte leicht.

„Freeman!“, sagte Chaco scharf.

Der Marshal blickte nicht zu ihm hin. Er starrte weiterhin auf Crooker, der einen wimmernden Laut ausstieß.

Zuerst glaubte Chaco, der Marshal hätte ihn gar nicht gehört. Doch dann sagte Freeman in ruhigerem Tonfall: „Ich nehme an, du hältst jetzt dein Eisen auf mich gerichtet, Chaco. Ich denke mir, dass du schießen würdest. Glaub nur nicht, ich fürchte mich vor dem Tod. Ich glaube, ich bin schon gestorben, als ich Debbie fand. Ich hätte mich ohnehin dem Gesetz gestellt, wenn ich dieses Stück Dreck getötet hätte. Aber das ist jetzt nicht mehr nötig. Ich habe nachgedacht. Du warst der erste, der mir die Augen geöffnet hat. Ja, du hast mich überzeugt. Ich hätte den Dreckskerl auch tödlich treffen können, doch ich habe nur auf die Schulter gezielt. Ich werde nicht zum Mörder. Davon wird Debbie auch nicht mehr lebendig. Aber ich werde zusehen, wie Crooker aufgehängt wird. Und dann werde ich den Stern wieder nehmen und mein Bestes geben, um Verbrechern wie ihm das Handwerk zu legen. Für Debbie. Für all die anderen Opfer.“

Er wischte sich mit der Linken über die Augen und blickte zu Chaco.

Chaco hatte aufatmend den Colt sinken lassen.

„Danke, Chaco“, sagte der Marshal. Täuschte sich Chaco, oder lächelte Freeman? Im Dunkeln war es nicht genau zu erkennen.

„Wofür?“, fragte Chaco, und er fühlte sich tief bewegt. Ken Freeman hatte den schönsten Sieg errungen, einen Sieg über sich selbst, über den verhärteten Teil in ihm, der ihn auf einen Rachetrail getrieben und ihn fast auf eine Stufe mit den Crookers dieser Welt gebracht hatte. Es war ein gutes Gefühl für Chaco, dass er dazu hatte beitragen können.

„Du weißt das schon“, erwiderte Freeman. „Was ist mit dem anderen?“ Er nickte zu Paco Gomez hin, behielt aber Crooker im Auge, der stumm in der Grube verharrte. „Ich glaubte, er könnte dich treffen. Deshalb schoss ich. Außerdem konnten wir ihn gleich mitschnappen, denn ich weiß, wo diese Fiesta steigt, von der die Rede war. Man hat in der Stadt davon erzählt. Ich weiß jetzt, wer der Boss im Hintergrund ist.“

„Gomez ist nicht lebensgefährlich verletzt“, sagte Chaco.

„Na prächtig. Dann hilf mir, die beiden in Sicherheit zu bringen, bevor hier halb Villa Acuna auf taucht.“

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Don Ramon Graciosa starrte auf das blonde Haar in der mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Schatulle.

Seine Miene nahm einen seltsam entrückten Ausdruck an. Die schwarzen Augen funkelten dämonisch im Schein der flackernden Kerzen des silbernen Kandelabers.

Er schloss die Augen und streichelte über das blonde Haar.

Lange Zeit saß er so da, und Bilder aus der Vergangenheit wurden in ihm wach. Das brennende Haus. Die Schüsse. Die Todesschreie ...

Sie hatten eine Hazienda überfallen, um Beute zu machen. Er war gerade sechzehn gewesen, als Conchaga ihn in die Bande aufgenommen hatte. Es war sein erster Überfall gewesen. Eine Feuerprobe, hatte Conchaga gesagt ...

Ramon dachte nicht an das Leid, das sie den Menschen auf der Hazienda brachten. Er dachte nur an die Pesos, die Conchaga versprochen hatte. Er wollte Manuela dafür Geschenke kaufen. Manuela, dem Mädchen mit den reichen Eltern, das er liebte, wie er nie zuvor einen Menschen geliebt hatte. Sie hatten sich in Nueva Rosita kennengelernt. Sie wusste nicht, dass Ramon eine Vollwaise war und seinen Lebensunterhalt von kleinen Diebereien bestritt. Manuela kam ihm wie eine Fee aus einem Märchen vor. Er wollte sie mit Geschenken überhäufen, weil er glaubte, anders ihre Liebe nicht gewinnen zu können.

Doch er war ein Habenichts. Er fand ja nicht einmal Arbeit. Er versuchte, sich mit Diebstahl Pesos zu beschaffen. Conchaga ertappte ihn auf frischer Tat und nahm ihn amüsiert in die Bande auf.

Bei dem Überfall hatte er Manuela dann wiedergesehen.

Sie war zu Besuch auf der Hazienda gewesen.

Sie war tot, vermutlich von einer verirrten Kugel getroffen, denn Conchaga hatte befohlen, dass die weiblichen Familienmitglieder des Hazienderos mit in das Versteck genommen werden sollten.

Fassungslos hatte er auf sie hinabgeblickt, auf das schöne Gesicht mit den langen schwarzen Haaren. Er hatte geweint. Er hatte sie in seine Arme genommen, über das seidige Haar gestreichelt, und er hatte alles um sich herum vergessen. Er hatte sterben wollen. Vielleicht wäre er nicht mehr aus dem brennenden Haus herausgekommen, wenn Conchaga ihn nicht gefunden hätte.

„Was hängst du hier noch herum!“, hatte er gebrüllt und ihn weggezerrt. Dann erst hatte er die Leiche bemerkt.

„He, du bist wohl nicht ganz richtig im Kopf!“, hatte er gefaucht. „Hast du sie etwa erschossen?“

Er hatte den Kopf geschüttelt. „Ich habe sie geliebt.“

Conchagas seltsamen Blick würde er nie im Leben vergessen.

Er hatte Manuela mitnehmen wollen. Doch das Feuer hatte sich so schnell ausgebreitet, dass sie schnell aus dem Haus mussten. Conchaga hatte ihn gezwungen, sie zurückzulassen. Er hatte gerade noch eine Locke ihres schönen schwarzen Haares abschneiden können ...

Später, im Camp, als er das Lachen der anderen gehört hatte, die getrunken und mit den gefangenen Mädchen gefeiert hatten, da hatte er allein in einer der Hütten gesessen, Manuelas Haar in den Händen gehalten und gestreichelt.

Wenn er die Augen schloss, sah er sie vor sich, ihre unberührte Schönheit, ihr Lächeln, und er glaubte, ihre weichen zärtlichen Lippen auf seinen zu spüren, und Erregung stieg in ihm auf ...

Er hatte nie wieder ein Mädchen so geliebt wie Manuela – aus ganzem Herzen. Es hatte viele Frauen in seinem bewegten Leben gegeben, und jetzt als reicher Mann konnte er sich Frauen kaufen, wenn er das wollte.

Doch er liebte sie nicht. Nicht mit dem Herzen.

Er liebte nur ihr Haar.

Wie erwachend öffnete er die Augen. Sein Atem ging heftig.

Er legte das Haar in die Schatulle zurück und stellte die Schatulle in den Schrank. Der Schrank enthielt über hundert solcher Schatullen, alle sorgsam beschriftet und je nach Haarfarbe mit unterschiedlich farbigem Samt ausgeschlagen.

Er nahm die Schatulle mit der Aufschrift „Caroline“.

Die rothaarige Americana, die vor Angst so sehr geschwitzt hatte. Er öffnete die Schatulle und schaute auf die kleinen Härchen. Er schloss die Augen und hielt die Schatulle an die Nase, um den Duft in sich aufzunehmen und sich vorzustellen, wie Caroline ausgesehen haben mochte. Paco gab immer eine ausführliche Beschreibung, wenn er neue Haare brachte. Aber an Carolines Beschreibung konnte er sich nicht mehr genau erinnern.

Er sah plötzlich wieder Manuelas Gesicht vor sich.

So war es fast immer. Selbst bei blonden Haaren sah er immer Manuela ...

Ein Klopfen schreckte ihn aus seinen Gedanken.

Hastig verschloss er die Schatulle, legte sie in den Schrank und schloss die Tür ab.

Niemand außer Paco kannte sein Geheimnis.

Niemand wusste, wer er in Wirklichkeit war.

„Ja?“, sagte er unwillig.

Die Stimme seines Dieners Esteban meldete sich hinter der abgeschlossenen Tür seines Arbeitszimmers.

„Die ersten Gäste sind eingetroffen, Don Graciosa.“

„Fein. Ist alles vorbereitet?“

„Wie der Don befohlen haben. Strengste Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz der Gäste, die Reden sind vorbereitet und ...“

„Das habe ich schon alles selbst überprüft“, unterbrach Ramon Graciosa, schob die Rechte in die Hosentasche und spielte mit der Haarlocke von einer gewissen Consuelo. In fast jeder Tasche trug er Frauenhaare.

Er wechselte sie jeden Tag aus, kürte jedes Mal seine Favoritinnen neu ...

„Ist die Panne mit der Küche behoben?“, fragte er.

„Zehn zusätzliche Kellner sind eingetroffen. Marco weist sie gerade ein – ah, mir wird soeben gemeldet, dass der Polizeichef eingetroffen ist.“

„Gut“, sagte Ramon Graciosa, und ein Grinsen huschte über das Gesicht mit den nahezu aristokratischen Zügen.

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So danke ich allen Señoritas, Señoras und Señores für ihr Kommen“, sagte Ramon Graciosa lächelnd und blickte über die Anwesenden hinweg. „Es ist mir eine Ehre, Sie in meinem Haus begrüßen zu dürfen.“

Er hob das Glas mit dem Champagner. Alle prosteten ihm zu.

Er nippte an dem Glas, und das leise Stimmengewirr erstarb, als alle tranken.

Graciosa warf einen auffordernden Blick zu den vier Musikanten hin, die sofort zu spielen begannen.

Ramon Graciosa, in einem schwarzen mit Silber bestickten Anzug, mischte sich unter die Gäste. Er machte mal dort ein Kompliment, mal da einen Scherz.

Er feierte seinen fünfzigsten Geburtstag, aber man hätte den schlanken, gepflegten Mann auch auf Anfang Vierzig schätzen können. Er sah gut aus, und manches Frauenherz schlug schneller unter seinem glutvollen Blick und seinem charmanten Lächeln. Manch eine fragte sich, weshalb Ramon Graciosa ledig geblieben war.

Alles, was in der Provinz Rang und Namen hatte, war seiner Einladung gefolgt. Zahlreiche Bürgermeister mit Gefolge, Bankiers, Präfekten, Geschäftsleute, zwei Padres, die wiederum mit einer Spende für die Kirche rechneten, der Polizeichef, und sogar der Gouverneur und seine Gemahlin hatten sich eingefunden.

Ramon Graciosa war einer der mächtigsten Männer von Coahuila, und mit seinen Silberminen, Schmelzhütten und Transportgesellschaften war er der größte Arbeitgeber in dieser armen Region.

Er wurde respektiert, bewundert, geachtet, ja fast verehrt.

Keiner der Gäste wusste, wie Graciosa seinen Reichtum erworben hatte. Niemand machte sich Gedanken über die Unfälle einiger Minenbesitzer, deren Minen Graciosa später übernommen hatte. Nur wenige in der Provinz ahnten etwas von seinen dunklen Machenschaften, doch sie kannten nicht das Ausmaß seiner Verbrechen. Sie hatten nur die normalen Betriebe gesehen, in denen Graciosa zwar Hungerlöhne zahlte, den Arbeitern aber wenigstens Brot gab. Über die zwei Minen, in denen in Schichtarbeit ausschließlich Sklaven schufteten, die ihm Crooker und Gomez aus den Staaten besorgt hatten, wusste niemand etwas Genaues. Ein paar korrupte Polizisten sorgten dafür, dass auf Kontrollen verzichtet wurde, und eine perfekte Organisation der wenigen Eingeweihten sorgte dafür, dass nichts ruchbar wurde. Das Sicherheitssystem war ausgeklügelt. Es gab Spitzel unter den Arbeitern in den Minen, und über Paco Gomez erfuhr Graciosa von jeder möglichen Gefahr. Gab es eine undichte Stelle, so wurde sie sofort geschlossen. Benito zum Beispiel, Marias Bruder, hatte keine vierundzwanzig Stunden mehr gelebt, nachdem er einem vermeintlichen Compadre anvertraut hatte, was er durch Zufall belauscht hatte. Der Mord war als Unfall arrangiert worden.

Selbst wenn die Eingeweihten geplaudert hätten, wäre Ramon Graciosa nichts nachzuweisen gewesen. Allenfalls seinem „Geschäftsführer“ Paco Gomez. Das war der einzige schwache Punkt. Aber Paco war ihm treu ergeben. Außerdem ließ Graciosa ihn von Zeit zu Zeit überwachen, und wenn es hart auf hart kam, würde er ihn für immer zum Schweigen bringen und ihm alles in die Schuhe schieben.

Ramon Graciosa dachte flüchtig an Paco. Wo blieb er nur? Er hatte versprochen, Frauenhaare mitzubringen  und erregende Geschichten dazu. Aber heute Abend konnte er – Graciosa – sich ohnehin nicht mehr ins Arbeitszimmer zurückziehen, um sich seinen Phantasien und Träumen hinzugeben.

Er blickte von seinem Glas auf, als der Gouverneur um Gehör bat. Die Gespräche verstummten.

Der Gouverneur hielt eine Ansprache.

Ramon Graciosa lächelte selbstgefällig, als der Gouverneur zu einer längeren Lobeshymne ansetzte. Er hörte dann gar nicht mehr richtig hin, weil er den Sermon schon auswendig kannte. Denn diese Standardrede hörte er bei jedem Fest, bei jedem Empfang. Er spielte mit einer goldenen Locke, die er in seiner Jackentasche hatte. Das Haar einer Nonne, hatte Paco erzählt. Wie hieß sie noch gleich? Pepita? Maria? MANUELA ...

Er horchte erst wieder auf, als er den Gouverneur sagen hörte: „... und so ist es mir eine Ehre, Ihnen, verehrter Don Ramon Graciosa, im Namen der Regierung diesen Orden zu überreichen.“

Selbst das Flüstern einiger Señoras verstummte. Alle blickten Graciosa an. Schnell nahm er die Hand aus der Tasche. Seine Haltung straffte sich. Lächelnd blickte er den Gouverneur an, der sich von seinem Sekretär eine Kassette mit dem Orden überreichen ließ und dann gemessen auf ihn zuschritt.

„Noch etwas Champagner, Exzellenz?“, fragte einer der livrierten Kellner neben ihm.

In Gedanken hielt Graciosa sein Glas hin. Der Kellner schenkte mit der Linken ein und gab mit der Rechten einem Kollegen ein Zeichen. Sofort eilten ein paar Livrierte herbei, als gelte es, Graciosa aus mehreren Flaschen einzuschenken. Einer der Männer schnitt dem Gouverneur den Weg ab. Der Gouverneur prallte gegen ihn. Der Polizeichef, der nur zwei Schritte daneben stand, eilte hinzu und fuhr den Kellner an: „Können Sie nicht aufpassen, Sie Trottel?“

„Genau das tue ich Sie Trottel“, gab der Kellner zurück.

Es war Chaco.

Und die anderen Livrierten, die „Aushilfskellner“, waren Polizisten, von denen der Polizeichef zumindest einen hätte erkennen müssen, wenn der sein Aussehen nicht etwas verändert hätte.

Es war eine gute Gelegenheit gewesen, in diese Rollen zu schlüpfen. Denn es kam kein ungeladener Gast ins Haus, das wegen der vielen illustren Gäste streng bewacht wurde. Da war nichts mit Haftbefehl und offener Festnahme. Der kleinste Fehler hätte zu einer Katastrophe führen können. Denn Ramon Graciosa hätte jede Menge prominenter Geiseln gehabt. Andererseits konnte mit der Festnahme nicht bis nach der Feier gewartet werden. Ramon Graciosa konnte Verdacht schöpfen, wenn er vergeblich auf Paco Gomez wartete. Und dass Gomez erwartet wurde, hatte er ausgesagt. Paco Gomez hatte ein volles Geständnis abgelegt.

Im Nu war Graciosa von Livrierten abgeschirmt.

Er blickte verständnislos.

Der Kellner neben ihm hielt plötzlich einen Revolver in der Hand. Er hieß Teniente Rodriguez und führte das Kommando.

Eine Señora schrie auf. Ein Raunen ging durch den Raum, der mit seiner prunkvollen Einrichtung fast wie ein Schlosssaal war.

Auch Chaco und die anderen zogen ihre Waffen.

„Was – soll das?“, fragte Graciosa entgeistert.

„Sie sind verhaftet“, sagte Rodriguez. Mit der Linken riss er sich den falschen Oberlippenbart ab. „Teniente Rodriguez aus Villa Acuna.“

Graciosa lachte auf. „Ein Irrer – ein Verrückter! Wachen!“

Und trotz der auf ihn gerichteten Waffen ergriff er die Flucht. Er riss einen kleinen Revolver aus seiner Jackentasche, stieß mit dem Ellenbogen einen der Kellner-Polizisten um und durchbrach den Kreis.

Keiner von Rodriguez’ Männern konnte schießen. Sie hätten sich selbst und Unbeteiligte gefährdet. Chaco hatte Rodriguez auf diese Gefahr hingewiesen, doch Rodriguez war optimistisch gewesen.

„Der wird zu sehr geschockt sein, um Widerstand zu leisten.“

Graciosa war nicht geschockt. Kaltblütig nutzte er seine Chance.

Er war noch zwei Schritte von der Frau des Gouverneurs entfernt, die ihn offenen Mundes anstarrte und die Welt nicht mehr zu begreifen schien.

Dann flog Chaco heran. Er wusste, dass es auf jeden Sekundenbruchteil ankam. Er hechtete auf Graciosa zu und riss ihn um.

Die Frau des Gouverneurs schrie auf, als beide Männer fast vor ihren Füßen landeten.

Graciosa hieb im Reflex mit der Waffe nach Chaco.

Chaco riss den Kopf gedankenschnell zur Seite, doch der Lauf streifte ihn noch am Ohr. Er verspürte einen dumpfen Schmerz und hörte die aufgeregten Stimmen ringsum nur noch gedämpft. Blut tropfte auf die schöne Livree. Doch das merkte Chaco in diesem Augenblick nicht.

Er schmetterte Graciosa die Waffe aus der Hand, packte den Verbrecher am Revers, sprang auf und riss ihn mit hoch.

Dann schlug er zu.

Nur einmal.

Das reichte.

Ramon Graciosa, der Silber-König, verdrehte die Augen und taumelte gegen die Frau des Gouverneurs, die schreiend zurückwich. Graciosa sank an ihr hinab und blieb benommen liegen.

Totenstille setzte ein.

Der Gouverneur, der Polizeichef und alle Umstehenden starrten auf Chaco und auf den am Boden liegenden Graciosa.

Dann flog die Tür auf, und bewaffnete Männer stürmten in den Saal. Die Leibwächter und Wachen. Jemand wollte aufgeregt von Graciosa wissen, was los sei. Doch der Silber-König konnte keine Anweisungen geben. Zudem richteten plötzlich einige der Aushilfskellner bei der Tür Revolver auf sie.

Die Polizisten in Livree eilten zu Graciosa und richteten ihre Waffen auf ihn.

„Rodriguez!“, brüllte der Polizeichef, der den Teniente ja kannte. „Ich verlange eine Erklärung!“

Rodriguez reichte ihm wortlos einige Papiere. Der Polizeichef überflog den Text, und sein zornesrotes Gesicht wurde blass.

„Ich übernehme hier das Kommando!“, rief er laut. „Alle Anwesenden Ruhe bewahren! Rodriguez, Sie sorgen dafür, dass die Wachen nicht verrückt spielen!“

Rodriguez steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus.

„Verstärkung“, sagte er erklärend zu dem Polizeichef. Und laut rief er: „Die Hazienda ist jetzt umstellt. Graciosas Pistoleros sollten schnell die Waffen strecken. Es lohnt sich nicht, für einen Mann den Kopf zu riskieren, der nicht mehr zahlen wird!“ Dann zog er Handschellen aus der Tasche und reichte sie dem Polizeichef. „Wenn Sie das Kommando übernehmen, dann bitte.“

Der Polizeichef nahm die Handschellen, blickte auf Graciosa, zögerte kurz, als müsste er sich überwinden, und legte ihm dann die Handschellen an.

Rodriguez wandte sich an den immer noch wie erstarrt dastehenden Gouverneur.

„Verzeihen Sie, Exzellenz“, sagte er höflich, „dass ich die Ordensverleihung gestört habe. Ich wollte vermeiden, dass Sie einen Verbrecher auszeichnen. Das wollte ich Ihnen und der mexikanischen Regierung ersparen.“

„Ja ja – aber ...“, stammelte der Gouverneur.

Rodriguez lächelte.

„Ich schlage vor, dass Sie den Orden dem Mann verleihen, der ihn tatsächlich verdient hat: Mr. Chaco Gates aus den Vereinigten Staaten. Ihm haben wir es letzten Endes zu verdanken, dass ein gefährlicher Wolf im Schafspelz entlarvt werden konnte.“

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28

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Tony staunte. „Und du hast tatsächlich einen Orden bekommen?“

Chaco nickte.

„Nicht dass ich dir den nicht gönne, Indianer“, sagte Tony. „Aber ich finde das ungerecht. Dann hätten Mallory und ich auch einen verdient. Schließlich haben wir Martinez zu dem Banditencamp geführt und alle Gefangenen befreit. Und Martinez hätte einen Orden verdient und Rodriguez und Ken Freeman und ...“

„So ist das nun mal mit den Orden“, unterbrach Chaco ihn lächelnd. „Die wahren Helden gehen meistens leer aus. Ich hab’ das Ding vom Gouverneur vermutlich auch nur bekommen, weil ich seine Frau davor bewahrt habe, Graciosa als Geisel in die Hand zu fallen. Er wäre wohl mit ihr entkommen, und dann hätte die Señora vielleicht ihre Haare verloren.“

„Irre Sache, das mit den Haaren. Graciosa ist nicht nur ein Verbrecher, sondern auch noch ein Wahnsinniger.“ Tony schüttelte den Kopf und schenkte sich Whisky ein.

„Der Orden ist nicht beschriftet“, fuhr Chaco fort. „Du kannst ihn haben, wenn du willst.“

„Ehrlich? He, da sage ich nicht nein. Ich schenke ihn Kathy. Das wird sie versöhnlich stimmen, wenn sie erfährt, dass ich die Wilsons und ihr schönes Töchterchen nun doch ganz allein zurück nach New Orleans begleite. Von Mexiko hätte sie nichts erfahren, aber in Texas könnte ihr etwas zu Ohren kommen. Nun, bei einem Orden wird sie bestimmt besänftigt sein. Der hebt das Image der Detektivagentur. Da fällt mir übrigens ein, dass ich Pamela noch sagen muss, sie soll mir später keine Dankschreiben schicken.“

Chaco lachte.

Er dachte an die Wilsons. Sie verzichteten auf die Reise durch Mexiko. Sie hatten die Nase von Mexiko voll. Edwina Wilson trug jetzt eine schwarze Perücke auf dem kahl rasierten Kopf. Sie hätte lieber eine blonde gehabt, doch die war in Villa Acuna nicht aufzutreiben gewesen.

Zuerst hatte es den Anschein gehabt, als hätten sich die Wilsons unter dem Eindruck der Ereignisse verändert. Sie waren dankbar, noch einmal davongekommen zu sein. Sie hatten das Prickeln des Abenteuers gehabt, doch er war nicht so schön gewesen, wie sie sich das im Osten bisher vorgestellt hatten. Im ersten Überschwang hatten sie sich bei Chaco und Tony sogar entschuldigt.

Doch dann waren sie wieder ganz die Alten gewesen. Anmaßend, arrogant, voller Vorurteile. Sie waren gnädig bereit gewesen, Chaco „noch eine Chance zu geben“. Er dürfe sich noch etwas verdienen und sie zusammen mit Tony nach New Orleans zurück begleiten.

Da hatte Chaco abgelehnt.

Und Pamela hatte giftig gesagt: „Dann geh doch zum Teufel!“

Nun, das hatte Chaco nicht vor. Eher wollte er noch einmal zu Maria reiten, nach Villa Acuna. Sie war so ein liebes Mädchen. Sie hatten zu Abend gegessen, wie er es ihr versprochen hatte. Und sie hatte ihm auch ein Bad angerichtet, das ihm unvergesslich bleiben würde. Maria war froh, dass der Mörder ihres Bruders seine verdiente Strafe bekommen würde. Ramon Graciosa würde vermutlich an der Garotte enden ...

Pamela. Sie ließ keine Gelegenheit aus, um mit Tony zu flirten. Besonders vor Chacos Augen. Das war wohl ihre Rache.

Er war nicht eifersüchtig, doch ein bisschen bedauerte er schon, dass er die Chance nicht genutzt hatte, als sie sich ihm angeboten hatte.

„Na, dann will ich mal“, sagte Tony. „Pamela wird schon ungeduldig auf mich warten. Ich nehme den Feuerlöscher mit.“ Tony ergriff die Whiskyflasche, rückte seine neue Samtschleife zurecht und erhob sich. Er grinste unternehmungslustig.

„Schlaf gut, Indianer!“

„Du auch“, erwiderte Chaco.

Er bestellte noch ein paar Whiskys. Ruby, das mollige Barmädchen, gesellte sich zu ihm. Er spendierte ihr einen teuren Drink, schlug aber ihre Angebote aus. Er war hundemüde.

Er ging auf sein Zimmer.

Im Bett wartete eine Überraschung auf ihn.

Pamela.

Sie hatte auf das Rendezvous mit Tony verzichtet. Der tröstete sich mit dem Whisky und löschte das Feuer, das Pamela in ihm entfacht hatte, um Chaco eifersüchtig zu machen.

Sie wollte Chaco überreden, sie doch nach New Orleans zu begleiten.

Das gelang ihr dann auch.

Und seine Müdigkeit war plötzlich wie weggeblasen.

ENDE

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McQuade und der Schafzüchterclan

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Der Kopfgeldjäger Band 86

Western von Pete Hackett

Der Umfang dieses Buchs entspricht 47 Taschenbuchseiten.

Pete Hackett Western - Deutschlands größte E-Book-Western-Reihe mit Pete Hackett's Stand-Alone-Western sowie den Pete Hackett Serien "Der Kopfgeldjäger", "Weg des Unheils", "Chiricahua" und "U.S. Marshal Bill Logan".

Über den Autor

Unter dem Pseudonym Pete Hackett verbirgt sich der Schriftsteller Peter Haberl. Er schreibt Romane über die Pionierzeit des amerikanischen Westens, denen eine archaische Kraft innewohnt -  eisenhart und bleihaltig. Seit langem ist es nicht mehr gelungen, diese Epoche in ihrer epischen Breite so mitreißend und authentisch darzustellen.

Mit einer Gesamtauflage von über zwei Millionen Exemplaren ist Pete Hackett (alias Peter Haberl) einer der erfolgreichsten lebenden Western-Autoren. Für den Bastei-Verlag schrieb er unter dem Pseudonym William Scott die Serie "Texas-Marshal" und zahlreiche andere Romane.

Hackett ist auch Verfasser der neuen Serie "Der Kopfgeldjäger". Sie erscheint exklusiv als E-book bei CassiopeiaPress.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author/ Titelbild Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Jagd auf den Räuber und Mörder Scott Biskup begann von neuem. Vor einigen Wochen hatte sich der steckbrieflich gesuchte Bandit nach Mexiko abgesetzt, und McQuade, der ihm gefolgt war, hatte unverrichteter Dinge in die Staaten zurückkehren müssen.

Nun war Biskup im Pinal County, genau gesagt in Florence, aufgetaucht. Und er hatte sofort eine neue Straftat begangen, indem er ein Büro der Wells Fargo überfiel und fast zweitausend Dollar raubte.

Die Belohnung für ihn wurde auf fünfzehnhundert Dollar erhöht.

Es war ein trüber Tag im September, als der Kopfgeldjäger um die Mittagszeit in Florence ankam. Die Stadt befand sich südlich des Gila River am Rand des Apachenreservats. Florence war eine Ansammlung von Häusern, Hütten und Schuppen, es gab eine Kirche, ein Hotel, einen Saloon und einen Mietstall sowie das Depot der Wells Fargo Company.

Der Kopfgeldjäger saß im Wagen- und Abstellhof des Mietstalles ab und führte den Falben über die Lichtgrenze unter dem Tor in den Stall. Der Geruch von Pferdeausdünstung, Heu und Stroh schlug ihm entgegen. In den Ecken des Tragegebälks spannten sich staubige Spinnennetze, in denen tote Fliegen hingen, durch die Ritzen in den Stallwänden fiel in schrägen Bahnen das Tageslicht und in den Lichtbahnen tanzten Myriaden von Staubpartikeln. Pferde stampften, schnaubten und prusteten.

Der Stallbursche kam durch eine Brettertür. Dahinter lag sein Aufenthaltsraum, der zugleich als Stallbüro diente. Der Bursche war noch ziemlich jung, schielte stark und war krankhaft bleich, als hätte seine Haut noch nie Sonnenlicht abbekommen.

„Hallo, Stall“, grüßte McQuade. Gray Wolf, der nicht von seiner Seite gewichen war, legte sich zu seinen Füßen auf den festgestampften Boden. „Ist hier noch ein Platz frei für mein Pferd?“

„Sicher, vorausgesetzt Sie können zahlen, Fremder.“ Misstrauisch musterte der Bursche den Kopfgeldjäger. Er hatte ihn in Sekundenschnelle eingeschätzt, und das Bild, das er von ihm gewonnen hatte, schien nicht gerade positiv ausgefallen zu sein.

In der Tat! McQuade war verstaubt und verschwitzt, in seinem hohlwangigen Gesicht wucherten tagealte Bartstoppeln, seine Augen waren entzündet, sein alter, brauner Staubmantel verlieh ihm zusätzlich ein ziemlich heruntergekommenes Aussehen.

„Was verlangst du denn für eine Nacht?“

„Fünfzig Cent.“

McQuade holte einen Dollar aus der Hosentasche und warf ihn dem Burschen hin, der ihn mit der rechten Hand geschickt aus der Luft fischte. „Zufrieden?“, fragte der Texaner lächelnd. Er wusste selbst, dass er einen nicht gerade vertrauenerweckenden Eindruck vermittelte.

„Sie bekommen fünfzig Cent zurück“, meinte der Stallbursche und schaute den Kopfgeldjäger dabei erwartungsvoll an, indes er auch den Dollar in der Hosentasche versenkte.

McQuade winkte ab. „Der Rest ist Trinkgeld. Außerdem habe ich ein paar Fragen an dich. Es geht um Scott Biskup.“

„Sind Sie etwa ein U.S. Marshal?“

„Nein. Dennoch jage ich Kerle wie Biskup.“

„Ich verstehe.“ Der Stallmann kam heran und übernahm den Falben. „Der Überfall auf das Office der Wells Fargo geschah vor knapp zwei Wochen. Biskup hat dem Officer fast den Schädel eingeschlagen, nachdem er ihn mit dem Colt in der Faust gezwungen hatte, den Safe zu öffnen. Er ist nach dem hold up abgehauen.“

„Hat ihn der Sheriff verfolgt?“

„Natürlich. Ein ganzes Aufgebot war hinter dem Halunken her, doch der ist jenseits des Gila River in den Mineral Mountains spurlos verschwunden. Das Aufgebot musste unverrichteter Dinge umkehren.“

McQuade schnallte seine Satteltaschen los und zog die Henry Rifle aus dem Scabbard. „Gibt es dort oben eine Stadt, die er angeritten haben könnte?“, fragte der Texaner.

„Nördlich der Berge liegt ein Nest namens Thompson. Das Aufgebot war dort. Biskup ist dort nicht aufgekreuzt.“

„Okay, vielen Dank. Versorg den Falben gut, mein Freund. Er hat gute Pflege verdient.“

„Keine Sorge.“

„Go on, Partner.“

Auf sattelsteifen Beinen verließ der Kopfgeldjäger, gefolgt von Gray Wolf, den Mietstall. Sein Ziel war das Hotel. Und während er durch den Staub der Main Street stapfte, fragte er sich, ob es überhaupt Sinn machte, in die Mineral Mountains zu ziehen. Biskup konnte sich von dort oben aus sonst wohin gewandt haben.

Er entschloss sich, die Suche fortzusetzen, und ritt am darauffolgenden Morgen weiter. Wenige Minuten, nachdem er die Stadt hinter sich gelassen hatte, zügelte er den Falben am Ufer des Gila River. Der Fluss führte nicht allzu viel Wasser und besaß keine starke Strömung, dennoch scheute der Falbe ein wenig, als ihn McQuade hineintrieb. In der Flussmitte reichte das Wasser dem Pferd nicht einmal bis zum Bauch. Gray Wolf musste schwimmen. Auf der anderen Seite kämpfte sich der Falbe die Uferböschung hinauf und Gray Wolf schüttelte sich das Wasser aus dem dichten Fell. Sie setzten ihren Weg fort. Vor ihnen lag, so weit das Auge reichte, Prärie. Das Gras war hüfthoch, dazwischen wuchsen Strauchwerk, Kakteen und vereinzelte Bäume. Im Nordosten, in rauchiger Ferne, erhoben sich die Felsmonumente der Mineral Mountains.

Je näher McQuade den Bergen kam, desto unübersichtlicher wurde das Terrain. Zunächst waren es nur Bodenwellen, die die Sicht begrenzten, dann begann hügeliges Land. Die Prärie wurde von Grasland abgelöst, und als der Kopfgeldjäger von einem Höhenkamm aus in eine weitläufige Senke blickte, glaubte er nicht richtig zu sehen. In der Ebene weideten wohl an die tausend Schafe. Am Rand der Ebene standen vier Planwagen. In einem Corral weideten etwa zwanzig Pferde.

Drei Reiter, begleitet von Schäferhunden, umrundeten - getrennt voneinander – die Herde. Bei den Planwagen waren Menschen; Männer, Frauen und Kinder. McQuade sah zwei Kochfeuer, über denen eiserne Dreibeine standen, von denen große, rußgeschwärzte Töpfe in die Flammen hingen.

Schafe! Sie waren das Grauen für jeden Rinderzüchter. Schafe ruinierten die Weiden und machten sie auf Jahre hinaus für die Rinderzucht unbrauchbar.

McQuade, der den Falben gezügelt hatte, trieb ihn mit einem Schenkeldruck wieder an und lenkte ihn den Abhang hinunter, hin zu den Prärieschonern. Man wurde auf ihn aufmerksam, einige der Männer schnappten sich Gewehre und gingen ihm entgegen.

Als sie aufeinandertrafen, parierte McQuade den Falben. Es waren fünf Männer; zwei von ihnen waren über fünfzig, die drei anderen zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt. Sie musterten McQuade, erforschten ihn geradezu, dann sagte einer der älteren Männer, ein grauhaariger Bursche mit tiefen Furchen im wettergegerbten Gesicht: „Kommen Sie von der Triangle-W Ranch?“

„Nein. Ich komme von Tucson herauf, verbrachte die vergangene Nacht in Florence und bin nun auf dem Weg in die Mineral Mountains. Ist das hier etwa Weideland der Triangle-W?“ Das war der Schluss, den der Kopfgeldjäger aus der Frage des Grauhaarigen zog.

„Mein Name ist Ballard – Will Ballard. Das –„ er wies auf den etwa gleichaltrigen Mann, der neben ihm stand, „- ist mein Bruder James. Die anderen sind meine beiden Söhne und mein Neffe. – Ja, das hier ist angeblich Weideland der Triangle-W. John Wagener hat uns ein Ultimatum gesetzt. Wenn wir bis heute Abend, 6 Uhr, seine Weidegründe nicht verlassen haben, will er uns seine Mannschaft schicken.“

„Es sieht nicht so aus, als würden Sie seiner Aufforderung Folge leisten wollen“, erklärte McQuade.

„Wir ziehen mit unserer Schafherde kreuz und quer durchs Land“, versetzte Ballard. „Es ist eine sogenannte Wanderherde. So mancher Viehzüchter sieht in den Schafen ein Gräuel, und wir hatten schon einigen Ärger. Wir haben hier haltgemacht, weil wir davon ausgingen, dass das hier Regierungsland ist. Nun aber hat uns dieser Wagener durch seinen Vormann bestellen lassen, dass er seit mehr als zehn Jahren dieses Land für seine Longhorns in Anspruch nimmt und wir schnellstens verschwinden sollten. Wir haben aber beschlossen, uns nicht mehr vertreiben zu lassen.“

„Damit werden Sie den Verdruss mit Wagener herausfordern.“ McQuade zuckte mit den Achseln. „Aber Sie müssen selbst wissen, wofür Sie sich entscheiden.“ Der Kopfgeldjäger hob die rechte Hand, tippte mit dem Zeigefinger gegen die Krempe seines schwarzen, flachkronigen Stetsons und ruckte im Sattel. „Ich wünsche Ihnen alles Gute“, sagte er und trieb den Falben an.

„Wenn Sie zum Abendessen bleiben wollen, Mister – äh ...“

„McQuade. Vielen Dank für das Angebot, aber ich möchte keine Zeit verlieren.“

Der Texaner schaute sich nicht mehr um.

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Auf dem Kamm einer Bodenfalte erschienen vier Reiter, rissen ihre Pferde in den Stand, als sie McQuade erspähten, spornten sie aber sogleich wieder an und galoppierten in seine Richtung. Der Kopfgeldjäger erwartete sie. Es waren Cowboys, keiner älter als fünfundzwanzig. Bei dem Texaner angekommen zerrten sie erneut die Pferde in den Stand, nahmen die unruhig tänzelnden Tiere hart in die Kandare und starrten den Kopfgeldjäger an. Ihre Gesichter waren verkniffen, ihre Blicke düster und stechend, und McQuade spürte ganz deutlich die offene Feindseligkeit, die ihm entgegenschlug.

„Was hast du hier verloren, Schafhirte?“, blaffte einer. „Spar dir die Antwort. Ich kann es mir schon denken. Wolltest wohl ein Maverick stehlen, weil ihr nicht ständig das Fleisch von Schafen fressen wollt.“

McQuade blieb gelassen, legte die Hände übereinander auf das Sattelhorn und erwiderte: „Du irrst dich, mein Freund. Ich gehöre nicht zu den Schafzüchtern. Ich bin zwar auf ihr Camp gestoßen, und sie haben mir erzählt, dass ihnen ein Ultimatum gesetzt wurde, bis zu dessen Ablauf sie von dieser Weide zu verschwinden haben, aber ich bin keiner von ihnen.“

„Und der Hund? Das ist doch ein Schäferhund. He, Schafhirte, du hältst uns wohl für dümmer als wir vielleicht aussehen.“ Der Sprecher zog den Mund schief. „Na schön, Shepherd. Wir werden dir einen Denkzettel verpassen. Du wirst auf dem Bauch in euer Camp zurückkriechen. Und der Rest deiner Sippschaft wird dann erkennen können, dass wir nicht spaßen.“

Der Bursche wollte sich vom Pferd schwingen, doch McQuade hob die rechte Hand, zeigte ihm die Handfläche und das ließ ihn innehalten. „Das solltest du dir überlegen“, warnte der Kopfgeldjäger. „Es könnte böse für euch ausgehen.“

Sie lachten ironisch auf. „Du musst größenwahnsinnig sein!“, stieß der Bursche, der bisher das Wort geführt hatte, hervor. „Na schön, du großspuriger Narr ...“ Er trieb sein Pferd an und lenkte es auf McQuade zu. Seine Absicht war klar: Er wollte den Falben des Kopfgeldjägers rammen und zu Fall bringen, um es dann dem Reiter zu geben.

Aber auch der Texaner trieb seinen Vierbeiner an und wich dem Cowboypferd im letzten Moment aus. Gleichzeitig hatte er die Henrygun gezogen, und mit ihr schlug er nun den Cowboy vom Pferd. Er flog über die Kruppe des Tieres, als hätte ihn die Faust des Satans getroffen, krachte auf den Boden und schnappte nach Luft wie ein Erstickender, weil ihm der Aufprall die Luft aus den Lungen gedrückt hatte.

Aber nun wollten seine drei Begleiter böse werden. Die Hand eines jeden zuckte zum Revolver, den er hoch an der Hüfte trug, doch McQuade hielt schon das Gewehr im Anschlag und repetierte. Das metallische Knacken ließ die Weidereiter innehalten.

Der Bursche am Boden bekam wieder Luft und richtete den Oberkörper auf, aber da zischte der Kopfgeldjäger: „Pass auf, Partner!“ Zwei Sprünge und Gray Wolf stand unmittelbar vor dem Burschen, dicht vor dessen Gesicht schlug der Ehrfurcht gebietende Fang zusammen, schaler Atem schlug dem Cowboy ins Gesicht, er fiel wieder ins Gras zurück. Aus Gray Wolfs Kehle stieg ein gefährliches Knurren, seine Nackenhaare waren gesträubt, die Zähne hatte der Wolfshund gefletscht.

„Beruhigt euch, Leute!“, stieß der Texaner hervor. „Ich gehörte wirklich nicht zu dem Schafzüchterclan. Mein Name ist McQuade und ich bin auf dem Weg in die Mineral Mountains.“

Die drei Männer, die er mit dem Gewehr in Schach hielt, entspannten sich, der Krampf in ihren Zügen löste sich. Einer sagte sogar: „Ja, bei Gott, ich muss blind gewesen sein.“ Er schlug sich leicht mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Ich habe schon viel von dir gehört, dich aber nie persönlich kennengelernt, McQuade. Du hast im Territorium einen Ruf wie Donnerhall.“

„Mag sein“, versetzte der Texaner und gebot Gray Wolf, von dem Cowboy abzulassen. Der erhob sich, reckte die Schultern und drehte einige Male den Kopf hin und her, dann murmelte er:

„Tut mir leid, McQuade. Aber auf die Idee, dass du nicht zu den Schafzüchtern gehören könntest, bin ich gar nicht gekommen. Der Hund ... Auch bei den verdammten Shepherds haben wir ein ganzes Rudel großer Hunde gesehen.“

„Schon gut“, knurrte McQuade, griff in die Tasche und holte den Steckbrief von Scott Biskup hervor, reichte ihn dem Burschen, den er vom Pferd geschlagen hatte, und fragte: „Ich verfolge diesen Banditen. Habt ihr ihn vielleicht gesehen? Möglicherweise ist er auf seiner Flucht nach Norden über diese Weide geritten.“

Der Weidereiter konzentrierte sich auf den Steckbrief, nach einer ganzen Weile ging er zu seinen Gefährten hin und reichte einem von ihnen das Blatt Papier. Der Bursche las, seine Stirn legte sich in Falten, er wechselte einen schnellen Blick mit dem Mann, der neben seinem Pferd stand, gab ihm das Fahndungsblatt zurück und schüttelte den Kopf: „Nein, McQuade, den haben wir nicht gesehen.“

McQuade erhielt den Steckbrief zurück und der Cowboy ging zu seinem Pferd, saß auf und rückte sich im Sattel zurecht, dann stieß er hervor: „Du warst bei den Schafzüchtern, McQuade. Sind sie dabei, ihr Camp abzubrechen, oder lassen sie es auf einen Verdruss mit uns ankommen?“

„Es sieht nicht so aus, als hätten sie innerhalb der nächsten Stunden vor, weiterzuziehen. Warum lasst ihr sie nicht in Ruhe? In ein paar Tagen sind sie wieder fort. Auch habe ich kein einziges Rind mit dem Triangle-W Brand gesehen. Also benötigt die Triangle-W dieses Weideland scheinbar gar nicht.“

„Es geht ums Prinzip“, erklärte der Cowboy. „Diese verdammten Wollschwänze zerstören das Gras bis in die Wurzeln und auf der Weide wächst lange Zeit kein Gras nach, das Rinder ernähren kann. Sie zertrampeln die Grasnarbe und stinken drei Meilen gegen den Wind. Das Wasser in einem Wasserloch, aus dem Schafe getrunken haben, rührt kein Rind und kein Pferd mehr an.“

„Bleiben die Ballards denn lange genug, um einen derartigen Schaden anzurichten?“, fragte McQuade.

„Darum geht es nicht.“

„Nun, die Sache zwischen der Triangle-W und dem Ballardclan geht mich nichts an“, gab McQuade zu verstehen. „Also reite ich jetzt weiter. Euch rate ich, sich die Leute, mit denen ihr euch anlegt, in Zukunft etwas genauer anzusehen. Ihr könnt jederzeit an den Falschen geraten.“

Der Kopfgeldjäger setzte seinen Weg fort. Und er begann sich Fragen zu stellen. Der Blick, den die Cowboys gewechselt hatten, nachdem der zweite von ihnen den Steckbrief angeschaut hatte, war vielsagend, vielleicht sogar bedeutungsvoll gewesen. Es war dem Texaner nicht verborgen geblieben. Aber warum hatten sie ihn belogen, falls sie den Banditen gesehen hatten?

Er beschloss, der Frage auf den Grund zu gehen. Nachdem er über einen Hügelkamm geritten war und die Cowboys nicht mehr sehen konnte, sprang er vom Pferd, kehrte zu Fuß auf den Hügelrücken zurück und sah die vier Cowboys in nordwestliche Richtung galoppieren. Er beschloss, ihnen zu folgen.

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Die Weidereiter bemerkten den Verfolger nicht. Je weiter sie nach Nordwesten kamen, desto öfter begegneten dem Kopfgeldjäger kleinere und größere Longhornrudel. Schließlich lag die Triangle-W Ranch vor seinem Blickfeld. Sie war bei einem schmalen Creek erbaut worden, und die Vielzahl der Gebäude verriet, dass es sich nicht gerade um eine Smallranch handelte. In zwei Corrals tummelten sich wohl an die sechzig Pferde.

Die vier Reiter verschwanden hinter einer Stallung oder Scheune aus dem Blickfeld des Texaners. Er blieb in der Hügellücke, von der aus er die Ranch gut beobachten konnte und in der ihm hohe Büsche ausreichend Schutz vor unliebsamen Blicken boten, saß ab, band den Falben an einem Ast fest und setzte sich auf den Boden. Gray Wolf legte sich neben ihn und bettete den mächtigen Schädel zwischen die Vorderläufe.

Es dauerte keine zwanzig Minuten, dann verließ ein einzelner Reiter die Ranch. Er trieb sein Pferd an, brachte es zum galoppieren und stob nach Osten.

Der Kopfgeldjäger band den Falben los, stieg auf seinen Rücken und folgte dem Reiter. Er hatte einen Verdacht, konnte sich aber nicht sicher sein, ob er sich bestätigen würde. Er sagte sich, dass von dort aus, wo er den Zusammenstoß mit den vier Cowboys hatte, seine Fährte nach Norden führen würde, wenn er seinen Weg zu den Mineral Mountains fortgesetzt hätte. Und wenn der Reiter die Richtung beibehielt, würde er sie kreuzen, und der Spur möglicherweise folgen.

Der Blick, den die beiden Cowboys wechselten, als er ihnen den Steckbrief zeigte, war beredt gewesen. Und wenn sein Verdacht zutraf, dann handelte es sich bei dem Reiter, dem er folgte, um Scott Biskup.

Von einer Kuppe aus sah er den Reiter ein ganzes Stück vor sich. Der Bursche ließ das Pferd jetzt traben. Möglicherweise wollte er das Tier nicht allzu sehr verausgaben. McQuade wandte sich schräg nach Süden, schlug im Schutz der Hügel wieder die Route nach Osten ein und ließ den Falben laufen. Als er sich sicher sein konnte, dass er den Reiter überholt hatte, ritt er nach Norden und wartete hinter einer Anhöhe.

Keine zehn Minuten später zog der Mann in sein Blickfeld. Der Kopfgeldjäger zog mit einem Ruck die Henrygun aus dem Scabbard, lud sie durch, nahm sie an die Seite und rief: „Anhalten und Hände in die Höhe!“

Der Bursche, der sich vollkommen nach vorne konzentriert hatte, fuhr herum, seine Hand zuckte zum Gewehrkolben, der aus dem Sattelschuh ragte, doch sein Verstand holte den Reflex ein. Langsam nahm er die Hände hoch, seine Kiefer mahlten, seine Brauen hatten sich düster zusammengeschoben.

McQuade lenkte den Falben mit den Schenkeln. Am Hals des Tieres vorbei zielte er auf den Mann. Eine Pferdelänge vor ihm hielt er an. Und er war sich sicher, Scott Biskup vor sich zu haben. Es handelte sich um einen etwa dreißigjährigen, dunklen Mann, dessen Mund von einem riesigen Schnurrbart fast verdeckt wurde. McQuade entging nicht das rastlose Flackern in den Augen des Banditen, das Lauern und das tückische Glimmen, und alles in ihm mahnte zu ausgesprochener Vorsicht. Möglicherweise biss der Bandit um sich wie ein in die Enge getriebenes Raubtier.

„Na schön, Biskup!“, stieß McQuade hervor. „Du hast mir einen weiten Weg in die Mineral Mountains erspart. Wirf deine Waffen auf den Boden. Und denk dabei daran, dass ich nur den Finger krumm zu machen brauche, um dich zum Teufel zu schicken. Sicher kennst du deinen Steckbrief. Darauf steht tot oder lebendig. Es liegt jetzt an dir ...“

„Ich heiße nicht Biskup. Mein Name ist ...“

„Erzähl es dem Sheriff in Florence, Biskup. Und nun zieh vorsichtig deine Waffen und wirf sie zu Boden. Und sei versichert, dass ich bei der geringsten falschen Bewegung keine Gewissensbisse haben werde, dir ein Stück Blei in die Figur zu knallen.“

Der Bandit zögerte noch einen Augenblick lang, dann griff er nach dem Gewehr, zog es langsam aus dem Scabbard und ließ es fallen. Gleich darauf fiel auch der Sechsschüsser ins Gras. „Absitzen und vom Pferd wegtreten, Biskup. Und lass die Hände oben.“

Der Bandit schüttelte die Steigbügel ab, schwang das linke Bein über das Sattelhorn und ließ sich aus dem Sattel gleiten. Dann trat er zwei Schritte von seinem Pferd weg. Dabei ließ er den Kopfgeldjäger nicht einen Moment lang aus den Augen. Er lauerte auf eine Chance. Und wenn sie sich ihm bot, würde er sie ergreifen – und alles auf eine Karte setzen.

Scott Biskup war tödlich gefährlich und unberechenbar.

McQuade zog den Revolver, spannte den Hahn und richtete ihn auf Biskup. Das Gewehr rammte er in das Sattelholster. „Pass auf, Partner!“ Gray Wolf duckte sich ein wenig und legte die Ohren an. Der Texaner schwang sich vom Pferd. Als er auf Biskup zuging, gebot er: „Umdrehen, Bandit! – So ist es gut.“ McQuade schlug mit dem Revolver zu. Wie vom Blitz getroffen brach Biskup zusammen und der Kopfgeldjäger fesselte ihm mit Handschellen, die er in der Manteltasche hatte, die Hände vor dem Leib. Dann nahm er die Wasserflasche vom Sattel des Outlaws, zog mit den Zähnen den Korken heraus und goss den Inhalt über dem Gesicht des Besinnungslosen aus.

Biskup schlug die Augen auf, drehte das Gesicht weg und spuckte einige Male aus. „Dreckiger Bastard!“, geiferte er. „Die Pest an deinen Hals!“

McQuade beugte sich über ihn und erwiderte: „Der einzige, dessen Hals ein Problem kriegen wird, bist du, mein Freund, nämlich dann, wenn sie dir einen soliden Hanfstrick um selbigen legen und dir dann den Boden unter den Füßen wegziehen.“

„Hoffentlich erstickst du an deinen Worten, Menschenjäger!“, giftete der Bandit.

„Halt die Luft an, Amigo!“, knurrte McQuade, packte Biskup am Westenkragen und zerrte ihn in die Höhe. „Wir reiten zurück und verbringen die Nacht im Camp der Schafzüchter. Und morgen bringe ich dich nach Florence.“

Biskups Zähne knirschten übereinander. Er musste aufsitzen, dann ritten sie. McQuade hielt sich eine Pferdelänge hinter dem Banditen. Gray Wolf lief leichtfüßig neben dem Falben her.

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Es war fast dunkel, als McQuade und der Bandit das Camp der Ballard-Sippe erreichte. Er wurde angerufen, ein Gewehr wurde demonstrativ durchgeladen, und er rief: „Ich bin es – McQuade. Ich habe einen Gefangenen bei mir und wollte die Nacht hier im Lager verbringen.“

„In Ordnung“, rief jemand, und der Kopfgeldjäger glaubte die Stimme Will Ballards erkennen zu können. „Reiten Sie näher, McQuade.“

Die vier Prärieschoner waren wie zu einer kleinen Wagenburg zusammengefahren worden. Durch eine Lücke zwischen den Fuhrwerken trat jetzt ein Mann, der sein Gewehr mit beiden Händen schräg vor der Brust hielt. „Wir haben uns hinter und in den Fuhrwerken verschanzt. Von den Wagener-Leuten haben wir noch keine Nasenspitze zu sehen bekommen, obwohl das Ultimatum längst abgelaufen ist. Es kann eine ziemlich rauchige Nacht werden, McQuade. Und Sie müssen unseren Verdruss nicht zu Ihrem machen.“

„Ich bleibe“, erklärte der Kopfgeldjäger. „Dieser Mann hier ist Scott Biskup, ein brutaler Mörder, auf den der Galgen wartet. Er hat auf der Triangle-W angeheuert, und dort wusste man nach meinem Dafürhalten ganz genau, wer er ist. Ich kann mir auch denken, wofür man ihn auf die Lohnliste setzte. Ich denke, dieser Wagener ist einer, der vor nichts zurückschreckt, der sogar einen Killer bezahlt, um seinem Willen Geltung zu verschaffen. Im Grunde ist er nicht besser als Biskup.“

„Kommen Sie in die Wagenburg, McQuade. Die Pferde können Sie an einem der Wagenräder festbinden. Wir rechnen in dieser Nacht mit einem Überfall durch Wageners Mannschaft. Aber wir sind bereit.“

Nachdem er die Pferde angebunden und sein Gewehr aus dem Scabbard gezogen hatte, knurrte McQuade: „Vorwärts, Biskup!“ Der Kopfgeldjäger versetzte dem Banditen einen leichten Stoß in den Rücken. In der Wagenburg fesselte er den Outlaw an eines der großen Wagenräder. Dann ging er bei ihm auf die Absätze nieder und stieß hervor: „Ich täusche mich doch nicht, Biskup, wenn ich vermute, dass du die Wagener-Crew in den Kampf gegen die Schafzüchter führen solltest. Wie bist du denn mit Wagener zusammengekommen?“

„Das geht dich einen Dreck an, Bastard!“, knirschte der Bandit.

„Jetzt spuckst du noch die großen Töne, Biskup“, stieß der Kopfgeldjäger hervor. „Aber ich prophezeie dir, dass du noch verdammt kleinlaut werden wirst. Spätestens dann, wenn sie dich unter den Galgen führen.“

Biskup spuckte McQuade vor die Füße. Der Texaner richtete sich auf. „Es spielt keine Rolle, Biskup. Fakt ist, dass du dich in den Sattel der Triangle-W geschwungen hast und dass man dort wusste, dass du ein steckbrieflich gesuchter Verbrecher bist.“

„Ich gehe wieder zu meinem Platz“, erklärte Will Ballard.

McQuade verließ die Wagenburg wieder und setzte sich bei seinem Falben und dem anderen Pferd an eines der Wagenräder, lehnte sich mit dem Rücken dagegen, winkelte die Beine an und bohrte die Absätze seiner Stiefel in den Boden. Der Texaner nahm alles in sich auf - dieses endlos anmutende, schweigende Land, den Himmel voller Sterne, die fernen Berge, sie sich scharf und schwarz gegen den flirrenden Horizont abhoben, Büsche, Kakteen und Bäume, die Hügel – einfach alles ...

Gray Wolf lag bäuchlings neben ihm, hatte den Kopf erhoben und hechelte leise.

Manchmal wehte das Blöken der Schafe heran, einmal erklang das ferne Bellen eines Hundes. Dann waren wieder nur das leise Wimmern des Nachtwindes und das Zirpen der Grillen zu hören.

Und dann vernahm der Kopfgeldjäger ein fernes Rumoren, es hörte sich an wie fernes Donnergrollen. Es war irgendwie Unheil ankündend und erreichte sein Gehör wie eine Warnung vor Untergang und Verderben. Er erhob sich, hielt das rechte Ohr in die Richtung, aus der das Geräusch heransickerte, dann ging er in die Wagenburg und rief: „Sie kommen. Aber was sich da nähert, klingt nach mehr als nur nach einer Handvoll Reitern. Es hört sich eher an wie eine außer Rand und Band geratene Herde Longehorns.“

Ein Schemen tauchte auf, ein zweiter, ein dritter. Sie näherten sich dem Texaner und nahmen Form an, dann stieß Will Ballard hervor: „Hört sich an, als würde die Erde beben. Das kann nur eine Rinderherde sein, die schnell herangetrieben wird. Großer Gott, sie werden die Longhorns in Stampede versetzen und in die Ebene treiben.“ Er rief es mit allen Anzeichen des Entsetzens in der Stimme.

„Was können wir tun?“, kam es erregt von einem der anderen Männer.

„Gar nichts!“, entrang es sich Will Ballard. „Wenn sie tausend oder noch mehr Longhorns in die Ebene jagen, lassen die von unseren Schafen nicht mehr viel übrig. Hört ihr das? Es klingt tatsächlich wie ein Erdbeben. Und es nähert sich schnell – verdammt schnell. Und – wir – sind  - machtlos.“ Seine Stimme klang zuletzt erstickend.

Weitere Gestalten tauchten auf – Männer, Frauen und Kinder. Der Clan bestand aus mehr als einem Dutzend Menschen. Das Sternenlicht ließ die Augen glitzern, das sich unaufhaltsam nähernde Grollen ließ die Herzen erbeben und die Angst pulsierte wie Fieber durch die Blutbahnen.

McQuade trat vor Scott Biskup hin, der am Boden saß und dessen Hände über seinem Kopf an das Wagenrad gekettet waren. „Hast du dir diesen teuflischen Plan ausgedacht, Biskup?“

„Nein. Ich ...“

„Was?“

„Wir müssen uns in Sicherheit bringen, McQuade. Wenn sie die Longhorns in Stampede versetzen trampeln sie alles, was sich ihnen in den Weg stellt, in Grund und Boden. Denen hält auch diese lächerliche Wagenburg nicht stand. Öffne die Handschellen, McQuade. Und dann ...“

„Was wolltest du eben sagen?“

Will Ballard war neben McQuade getreten. „Wir müssen das Camp räumen!“, stieß er hervor. „Der Mann hat recht. Einer Herde außer Rand und Band geratener Longhorns hält die Wagenburg nicht stand.“

Der Getöse hatte an Vehemenz zugenommen. Ein Reiter kam herangejagt. Es war einer der Shepherds, die die Herde bewachten. „Sie kommen von Norden!“, brüllte er, nachdem er vor der Wagenburg das Pferd auf die Hinterhand gerissen hatte. „Es sind mindestens tausend Rinder, wahrscheinlich sogar fünfzehnhundert. Und sie sind kurz davor, in Stampede auszubrechen.“

„Sperr endlich die verdammten Handschellen auf!“, plärrte Scott Biskup und zerrte an seiner Fessel.

„Du bist mir noch eine Antwort schuldig“, versetzte McQuade kalt.

Im Camp begann Hektik auszubrechen. Geschrei erhob sich, Kinder begannen zu weinen, Männer fluchten gotterbärmlich.

„Zur Hölle mit dir!“, kreischte der Bandit. „Ich sah auf meiner Flucht nach Norden die Schafzüchter, habe aber einen weiten Bogen um sie herum gemacht. Schließlich ritt ich einigen Cowboys von der Triangle-W in die Hände und ich erfuhr, dass Wagener nicht bereit war, die Schafzüchter auf dem Land, das er für sich beansprucht, zu dulden. Ich habe eine Chance gesehen, auf der Triangle-W unterzutauchen, und nachdem ich in den Mineral Mountains das Aufgebot aus Florence abgehängt hatte, habe ich mich zu Wagener begeben und ihm meine Dienste angeboten.“

„Wie sollten diese Dienste aussehen?“

„Ich sollte einige der Schafhirten aus dem Hinterhalt wegputzen, um die anderen dazu zu bewegen, aus diesem Landstrich zu verschwinden. Pro Abschuss sollte ich dreihundert Dollar erhalten.“

„Das ist ja ungeheuerlich“, murmelte McQuade, dann schloss er die Handschellen auf. Kaum, dass er die Arme frei bewegen konnte, schnellte der Bandit hoch und warf sich auf den Kopfgeldjäger.

Aber bei dieser Sorte rechnete McQuade mit jeder Niedertracht, und so reagierte er ansatzlos, warf sich zur Seite und die zupackenden Hände Biskups stießen ins Leere. Sofort wirbelte der Texaner herum und schlug mit der Henrygun zu. Biskup, der soeben erneut angreifen wollte, rannte geradewegs in den Hieb hinein und bäumte sich auf, ein Schrei stieg aus seiner Kehle, und ehe er zum Denken kam schlug McQuade erneut zu. Nun ging der Bandit zu Boden und stemmte sich verzweifelt gegen die dunklen Nebel der Benommenheit, die auf ihn zuzukriechen schienen.

Der Kopfgeldjäger ließ ihn gar nicht richtig zur Besinnung kommen. Die Handschellen klickten, und die Hände Biskups waren auf den Rücken gefesselt. McQuade packte ihn am Westenkragen und zog ihn in die Höhe. Der Bandit stöhnte, ächzte und gurgelte. Er stand schließlich, aber seine Beine wollten ihn kaum tragen. Und das Tosen, das die heranstürmende Herde verursachte, konnte man schon infernalisch nennen.

McQuade packte Biskup am Oberarm und zerrte ihn mit sich fort. Sie erreichten den Rand der Senke, wo sich die Schafzüchter schon versammelt hatten, und da schien auch schon die Hölle loszubrechen. Wie eine schwarze Springflut raste die verrückt gewordene Herde aus einer Hügellücke in die Senke. Die Erde schien unter mehreren tausend Hufen zu bersten. Was sich den entfesselten Tieren in den Weg stellte, wurde niedergetrampelt. Stürzende Tiere hatten keine Chance. Ihre Artgenossen fluteten über sie hinweg und zurück blieben zur Unkenntlichkeit zerstampfte Kadaver.

Die von Panik erfassten Longhorns stießen in die Schafherde und sprengten sie regelrecht auseinander. Schafe kamen unter die wirbelnden Hufe. Wieder gingen Rinder zu Boden. Andere sprangen über sie hinweg, wieder andere erkannten die Hindernisse zu spät und stolperten und brachen vorne ein. Sie wurden gnadenlos niedergetrampelt.

Die Pferde im Corral gerieten in Panik, rissen die Corralbegrenzung nieder und gingen durch.

Ein heilloses Durcheinander war entstanden. Die meisten Schafe waren in dieser tödlichen Sturmflut untergegangen und wurden bis zur Unkenntlichkeit zermalmt. Und die Herde raste weiter, durchquerte die Senke und würde erst anhalten, wenn die Tiere vor Erschöpfung nur noch dahintaumelten. Die Pferde der Schafzüchter wurden von der Stampede regelrecht mitgerissen.

Obwohl es sich um Grasland handelte, hing eine dichte Staubwolke über der Senke. Das Tosen der dahinrasenden Herde entfernte sich. Verletzte Schafe blökten jämmerlich, Rinder, die nicht mehr auf die Beine kamen, muhten oder brüllten gequält. Der kalte Hauch des Todes zog über die Weide.

Und in das leiser werdende Beben hinein erklangen Hufschläge.

„Sie kommen, um uns den Rest zu geben!“, brüllte ein Mann. „Nehmt die Waffen zur Hand – es gibt keine Gnade und kein Erbarmen!“

In den Gemütern der Schafzüchter loderte der mörderische Hass.

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Aus der Staubwolke schälten sich Reiter. Dumpf pochten die Hufe der Pferde. Die Schafzüchter hatten sich Deckungen gesucht, Gewehre wurden durchgeladen.

McQuade war hinter einem Strauch auf das linke Knie niedergegangen, seine Hände umklammerten Kolbenhals und Schaft der Henry Rifle. Neben ihm lag Scott Biskup am Boden, Gray Wolf stand geduckt neben seinem Herrn und witterte den Reitern entgegen.

Der Lärm der Stampede war nur noch als fernes Grollen zu vernehmen. Das Pochen der Hufe wehte heran wie eine unheilvolle Botschaft. Plötzlich endete es und ein Mann rief: „Ballard, he, Ballard, hörst du mich?“

„Sicher. Bist du es selbst, Wagener? Oder bist du nur einer seiner Handlanger?“

„Ich bin Bill Benson, der Vormann der Triangle-W. Ich habe dich gewarnt, aber du hast das Ultimatum verstreichen lassen. Nun musst du die Konsequenzen tragen. Sollten wir euch morgen Früh noch auf dem Land der Triangle-W antreffen, wird es hart für ...“

Ein Schuss peitschte, der Rest der Drohung ging in dem Knall unter, und sogleich war der Aufprall eines Körpers auf der Erde zu hören. Und dann brüllte ein Mann heiser: „Oh verdammt, sie haben Benson vom Pferd geknallt. Jetzt geben wir es ihnen. Vorwärts, Männer! Das Maß ist voll!“

Hufgetrappel erklang, Pferde wieherten, und dann krachten Schüsse. Mündungsblitze zuckten durch die Finsternis. McQuade feuerte auf einen Reiter, der schießend herangesprengt kam und sah ihn vom Pferd stürzen. Irgendwo brüllte ein Mann seine Not hinaus. Flüche erklangen, Schritte trampelten. Pulverdampf vermischte sich mit dem wallenden Staub.

Der Kampf dauerte keine fünf Minuten, dann flohen die Reiter der Triangle-W Ranch. Sie hatten erkannt, dass sie gegen die Schafzüchter, die sie aus sicheren Deckungen unter Feuer nahmen, nur den Kürzeren ziehen konnten.

Die letzten Echos des Kampflärms verhallten zwischen den Hügeln, Stille kehrte ein, abgesehen vom Stöhnen eines Verwundeten Cowboys. Aus der Dunkelheit und dem wölkenden Staub kamen die Schafzüchter. Einer sagte: „Sieht aus, als wären die Fuhrwerke verschont geblieben.“

„Dafür ist die gesamte Remuda fort“, rief ein anderer. „Diese dreckigen Bastarde! Selbst wenn wir von hier weg wollten, wir könnten gar nicht, weil wir keine Pferde mehr haben, die die Fuhrwerke ziehen.“

„Gib auf ihn acht, Partner!“, knurrte McQuade und ging zu den Schonern. Die Stampede war in der Tat vorübergeflutet, ohne einen der Wagen zu beschädigen. Sogar die beiden Pferde, McQuades Falbe und das Tier, das Scott Biskup geritten hatte, waren noch da. Möglicherweise hatten sie versucht, sich loszureißen, aber die Leinen hatten standgehalten. Doch die beiden Tiere waren ausgesprochen nervös, scheuten zurück, prusteten und tänzelten.

Es gelang McQuade, den Falben zu beruhigen. Er band ihn schließlich los, saß auf und ritt dorthin, wo die Schafzüchter die verwundeten und toten Cowboys zusammentrugen. Zwei der Weidereiter hatten ihren höllischen Einsatz mit dem Leben bezahlt, unter ihnen der Vormann, drei waren verwundet, und einer von ihnen würde wohl den Morgen nicht mehr erleben. Er hatte eine Kugel in die Brust bekommen und sie hatte die Lunge verletzt, was das Blut verriet, das aus dem Mundwinkel des Burschen sickerte.

Will Ballard trat an den Falben heran, nahm ihn am Kopfgeschirr und sagte: „Ich weiß nicht, wie Wagener auf diese Niederlage reagieren wird. Ich vermute aber, dass er sie nicht schluckt und sich blutig zu rächen versucht. Was haben Sie vor, McQuade? Bringen Sie Ihren Gefangenen nach Florence? Wenn ja, dann bitte ich Sie, den Sheriff über das, was sich hier zugetragen hat, zu informieren. Ich werde Anzeige gegen Wagener erstatten und Schadenersatz für meine Schafherde fordern. Auch die beiden Männer, die gestorben sind, gehen auf sein Konto. Der Sheriff hat also allen Grund, über den Gila River zu kommen und hier für Gerechtigkeit zu sorgen.“

„Bis der Sheriff hier aufkreuzt kann es zu spät sein“, versetzte McQuade. „Ich glaube nämlich nicht, dass Wagener allzu lange auf sich warten lässt. Darum reite ich jetzt zur Triangle-W und schnappe ihn mir. Und dann bringe ich ihn und Biskup nach Florence und übergebe beide dem Sheriff. Werden Sie, bis ich von der Triangle-W zurückkehre, auf Biskup aufpassen, Ballard?“

„Können Sie überhaupt jemand verhaften, McQuade?“, fragte Ballard zweifelnd. „Sie tragen keinen Stern.“

„Wagener hat einen Killer gedungen. Er hätte Biskup für jeden getöteten Ballard eine Abschussprämie von dreihundert Dollar gezahlt. Das legitimiert mich, ihn festzunehmen und an das Gesetz auszuliefern.“

„Was hat er? Er wollte einen Mörder dafür bezahlen, dass er ...“ Die Ungeheuerlichkeit beraubte Will Ballard regelrecht seiner Stimme.

„Sehr richtig“, sagte McQuade. „Werden Sie während meiner Abwesenheit auf Biskup achten?“

„Man sollte diesem Schwein einen Strick um den Hals legen und ihn solange daran aufhängen, bis er tot ist!“, knirschte der Schafzüchter.

„Davon rat ich ab“, versetzte McQuade. „Das wäre nämlich Mord – und am Ende würde man auch Ihnen einen Strick um den Hals legen.“

„Schon gut, schon gut, McQuade“, lenkte Ballard sofort ein. „Wir werden versuchen, unsere Pferde einzusammeln. Wenn es uns gelingt, fahren wir nach Florence. Der County Sheriff wird sich meiner Sache annehmen müssen.“

„Go on, Partner!“, rief McQuade, dann trieb er den Falben an. Gray Wolf folgte ihm.

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6

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Auf der Veranda des Ranchhauses stand John Wagener, der siebenundvierzigjährige Rancher. Er hielt eine Laterne in der Hand und lauschte dem Bericht eines seiner Männer, die soeben auf die Ranch zurückgekehrt waren.

Als der Weidereiter geendet und Wagener alles verarbeitet hatte, knirschte er: „Es ist ein Pyrrhussieg! Gott verdamm mich! Fünf Männer! Unter ihnen mein Vormann. Diese verdammten, stinkenden Schaftreiber. Man müsste sie ...“

„Niemand konnte ahnen, dass es so ausgehen würde“, sagte der Cowboy. Die anderen murmelten zustimmend.

„Das wäre nicht geschehen, wenn dieser verdammt Menschenjäger hier nicht aufgetaucht wäre“, giftete der Rancher. „Seinetwegen hat Biskup hingeschmissen und ist abgehauen. – Ich muss nachdenken! Sicher ist, dass dieser verdammte Schafzüchterclan dafür büßen muss. In dieser Nacht haben wir ihre Schafherde vernichtet. Morgen vernichten wir diese dreckigen Shepherds! Wir rotten sie aus mit Stumpf und Stiel. Schlaft ein paar Stunden, und dann reitet hinaus auf die Weiden und beordert jeden Mann, der entbehrlich ist, auf die Ranch. Ich möchte Will Ballard und seiner Höllenbrut eine blutige Rechnung präsentieren.“

Wagener drehte sich um und ging ins Ranchhaus, drückte die Tür hinter sich zu und im Ranchhof herrschte Finsternis.

McQuade, der den Falben nicht geschont hatte, war fast zeitgleich mit dem geschlagenen Haufen der Triangle-W Reiter auf der Ranch angekommen. Nun stand er im Schlagschatten an der Giebelseite des Haupthauses, und er hatte den letzten Teil der Rede des unduldsamen Ranchers hören können.

Die Cowboys stiegen von den Pferden und führten die Tiere zum Stall. Der Texaner konnte hören, dass sie miteinander sprachen, doch ihre Worte konnte er nicht verstehen. Er hüllte sich in Geduld. Im Stall wurde Licht gemacht, durch das geöffnete Stalltor konnte der Kopfgeldjäger beobachten, wie die Cowboys den Pferden die Sättel und Zaumzeuge abnahmen. Ihre Gestalten warfen im Licht einer Laterne riesige, verzerrte Schatten. Nach ungefähr einer Viertelstunde erlosch die Laterne und die Weidereiter kamen - ein jeder mit seinem Sattelpacken unter dem Arm und dem Gewehr in der Hand -, auf den Hof, schritten zum Bunkhouse und verschwanden darin. Auch in ihrer Unterkunft ging Licht an, doch schon wenige Minuten später wurde es hinter den Fenstern finster.

McQuade wartete, bis er sich sicher sein konnte, dass die müden Männer eingeschlafen waren. Dann nahm er seine Sporen ab, steckte sie in die Manteltasche, huschte hinüber zum Stall, zog das Tor einen Spaltbreit auf und zwängte sich hinein. Sorgfältig schloss er, nachdem sich Gray Wolf an ihm vorbeigedrängt hatte, das Tor wieder. Drin riss er ein Streichholz an, sah im vagen Schein die Laterne, die an einem Nagel an der Stallwand hing, und machte Licht. Er sattelte und zäumte ein Pferd, löschte die Laterne aus und führte das Tier aus dem Stall, um diesen herum und schließlich zu der Stelle, an der er den Falben zurückgelassen hatte. Dort band er es an und versenkte sein Gewehr im Holster an seinem Sattel. „Warte hier, Partner – Platz!“ Gray Wolf gehorchte.

McQuade kehrte auf die Ranch zurück.

Wagener hatte die Haustür vorhin nicht zugesperrt. Mit dem Colt in der Hand drang der Kopfgeldjäger in das Haus ein und stand in einer Halle. Durch zwei Fenster fiel genug Mond- und Sternenlicht, sodass er die Umrisse der Möbel erkennen konnte. Eine Treppe schwang sich hinauf in die obere Etage. Zwei Türen führten von der Halle aus in andere Räume. McQuade öffnete sie vorsichtig und schaute hinein. Die Zimmer waren menschenleer, woraus McQuade schloss, dass sich das Schlafzimmer oben befand. Er stieg die Treppe empor und konnte nicht verhindern, dass die eine oder andere Holzstufe knarrte. Aber diese Geräusche versanken sofort wieder in der Stille und waren sicher keine drei Schritte weit zu vernehmen.

Die Treppe endete am Beginn eine Flures, an dessen Ende durch ein Fenster ebenfalls vages Licht fiel, das aber schon nach wenigen Schritten von der Dunkelheit aufgesogen wurde. McQuade stand in absoluter Finsternis und benötigte kurze Zeit, bis sich seine Augen daran gewöhnt hatten. Er lauschte angespannt. Und dann vernahm er ein trockenes Ächzen, wie es verursacht wird, wenn sich ein Mensch, der auf einem hölzernen Bettgestell liegt, herumwirft.

McQuade holte ein Streichholz aus der Tasche und zündete es an. Und in dem schwachen Licht sah er die Tür, durch die eben das Geräusch gesickert war. Er schlenkerte die Hand, die kleine Flamme verlosch, der Texaner ließ das Hölzchen einfach fallen, trat vor die Tür hin und klinkte sie auf.

Die Lichtverhältnisse in dem Zimmer reichten aus, um ein Doppelbett erkennen zu können, in dem zwei Menschen lagen. Der Oberkörper des einen von ihnen ruckte hoch. „Wer ist da?“ Es war John Wagener, der dies erschreckt fragte. Er hatte keinen Schlaf gefunden, nachdem die Mannschaft, die er losgeschickt hatte, um die Schafzüchter niederzumachen, geschlagen zurückgekehrt war.

„Mein Name ist McQuade!“ Der Kopfgeldjäger spannte den Hahn seines Revolvers und ein leises Klicken war zu hören, als sich die Trommel um eine Kammer weiterdrehte.

Jetzt richtete sich auch die Gestalt in der anderen Hälfte des Bettes auf. „Was ist denn los?“ Es war die schlaftrunkene Stimme einer Frau.

„Verhalten Sie sich ruhig, Ma’am“, riet McQuade. „Ihnen geschieht nichts.“

„Wer sind sie?“, stieß die Frau hervor.

„Er ist ein verdammter Kopfgeldjäger!“, fauchte John Wagener. „Was wollen Sie, McQuade? Wenn Sie Scott Biskup hier auf der Ranch suchen ...“

„Der befindet sich im Schafzüchtercamp“, unterbrach der Texaner den Rancher mit klirrender Stimme. „Und er hat mir von Ihrem Angebot berichtet, Wagener. Dreihundert Dollar für jeden toten Ballard. Anstiftung zum Mord! Dafür werden Sie für viele Jahre nach Arizona City ins Staatsgefängnis gehen. Stehen Sie auf und ziehen Sie sich an, Wagner. Ich bringe Sie nach Florence und übergebe Sie dort dem Sheriff.“

„Sie – Sie sind übergeschnappt! Ich lasse Sie von meinen Leuten ...“

„Die schlafen, Wagener. Und bis sie merken, dass ich Sie von der Ranch geholt habe, sind wir schon meilenweit entfernt. Ihre Frau wird Ihre Handlanger nicht warnen können, denn sie werden Sie fesseln und knebeln. Und nun sollten Sie tun, was ich anordne. Glauben Sie mir: Sollten Sie mich zwingen, ungemütlich zu werden, schleife ich Sie an den Ohren von ihrer Ranch.“

„Hören Sie, McQuade. Diese Schafzüchter habe ihre Herde widerrechtlich auf mein Land getrieben und ...“

„Das können Sie alles dem Sheriff und später dann dem Richter und der Jury erzählen. Und nun ziehen Sie sich an. Oder möchten Sie, dass ich Sie dem Sheriff im Nachthemd übergebe.“

Der Rancher erhob sich. Da hinter ihm das Fenster war, zeichnete sich seine Silhouette scharf gegen den helleren Hintergrund ab.

„Versuchen Sie nur nichts, Wagener“, mahnte der Kopfgeldjäger. „Für Leute ihrer Sorte kann ich nämlich nicht das geringste Verständnis aufbringen, schon gar nicht Mitleid oder sonstige Gefühle dieser Art. Sie sind ein Furunkel im Angesicht der Erde, Wagener. Und jetzt ziehen Sie sich an. Und dann ...“

Wagener stieß sich ab und flog regelrecht auf McQuade zu. In diesem Moment fiel auch von Wageners Gattin die Erstarrung und sie begann Zeter und Mordio zu brüllen. McQuade konnte es nicht verhindern, denn er musste sich gegen Wagener wehren. Der Rancher erwischte ihn mit beiden Händen, aber ehe er ihn zu Boden reißen konnte, schlug McQuade mit dem Sechsschüsser zu. Der Lauf knallte mit stählerner Härte gegen Wageners Schläfe und der Rancher brach zusammen wie eine Marionette, deren Schnüre man loslässt.

Mit zwei Schritten war McQuade bei der Frau, die am Fenster stand und mit überschnappender Stimme um Hilfe schrie. Er riss sie zurück und warf sie aufs Bett. Sie verstummte; die Angst vor dem Fremden ließ ihre Stimmbänder versagen. Der Kopfgeldjäger fluchte in sich hinein. Die Lady hatte ihm mit ihrem Gebrüll einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht.

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7

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Im Hof wurde es laut. Die Männer, die bei den Schafzüchtern für Furore gesorgt hatten, waren von dem Geschrei aus dem Schlaf gerissen worden und drängten aus der Mannschaftsunterkunft. „He, Boss, war das deine Frau, die eben um Hilfe gerufen hat?“, rief einer. „Was ist denn los?“

McQuade beugte sich über Wagener und versetzte ihm mit der flachen Hand ein paar leichte Ohrfeigen. Die Lider des Ranchers zuckten, er öffnete schließlich die Augen, sie glitzerten im unwirklichen Licht gläsern. „Auf die Beine, Wagener!“, kommandierte der Kopfgeldjäger und packte den Rancher am Kragen des Nachthemdes. „Und Ihnen, Lady, rate ich, den Mund zu halten. Zwingen Sie mich nicht, zu Mitteln zu greifen, die ich zwar verabscheue, die ich aber anwende, wenn Sie mir keine andere Wahl lassen.“

Während er sprach, zerrte der Texaner den Rancher in die Höhe.

Wieder erklang es: „Boss, he, melde dich! Warum hat deine Frau geschrien. Hat sie vielleicht schlecht geträumt?“

McQuade bugsierte den Rancher zum Fenster. „Sagen Sie ihnen, dass sie sich wieder schlafen legen sollen. Bestätigen Sie ihnen, dass Ihre Frau einen Alptraum hatte. Los, Wagner.“ Hart bohrte er dem Rancher die Mündung seines Revolvers in die Seite. Und das Klirren seiner Stimme ließ keinen Zweifel offen, dass es seinerseits nicht das geringste Entgegenkommen gab. Er würde sein Anliegen, Wagener nach Florence zu bringen und ihn dem Sheriff auszuliefern, durchsetzen – auf Biegen und Brechen.

Wagener erkannte die absolute Entschlossenheit gepaart mit Kompromisslosigkeit, die in dem Kopfgeldjäger steckten und rief: „Es ist alles in Ordnung, Leute. Kathleen hatte in der Tat einen schlechten Traum. Legt euch wieder schlafen, denn der morgige Tag wird sicherlich sehr anstrengend.“

Aber jetzt war es die Frau, die wie von einer Tarantel gestochen vom Bett hochfuhr, aufsprang, den Kopfgeldjäger zur Seite stieß und brüllte: „Ein Fremder – ein Kopfgeldjäger ist bei uns eingedrungen. Er will John angeblich nach Florence zum Sheriff bringen. Ihr dürft das nicht zulassen!“

McQuade zerrte die Frau vom Fenster weg und knirschte: „Das war ein Fehler, Ma’am. Jeder Tropfen Blut, der nun vergossen wird, geht auf Ihr Konto. Denn an meinem Entschluss, Ihren Mann nach Florence zu schaffen, haben Sie mit Ihrer Aktion eben nichts geändert. – Gehen wir, Wagener!“

Der Kopfgeldjäger versetzte der Frau einen Stoß, der sie erneut auf das Bett warf, dann trat er an Wagener heran, packte ihn am Kragen des Nachthemdes und drückte ihm die Revolvermündung gegen den Rücken. „Marsch! Und sollten Sie Zicken machen, bringe ich sie quer über den Pferderücken hängend nach Florence.“

Er dirigierte den Rancher aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Die Finsternis wurde vom Licht, das durch die Fenster in die Halle sickerte, soweit aufgeweicht dass McQuade genug sehen konnte.

Er schob Wagener vor sich her hinaus auf die Veranda. Die Handvoll Männer waren verschwunden, aber der Texaner ging davon aus, dass sie sich bewaffnet hatten und irgendwo im Schutz der Schuppen und Scheunen lauerten. Da rief auch schon einer: „Auf dich sind ein halbes Dutzend Gewehre gerichtet, Menschenjäger. Wenn wir abdrücken, schießen wir dich in Stücke.“

„Und euer Boss geht mit mir vor die Hunde. Ein kleiner Fingerdruck genügt ... Marsch, Wagener. Und raten Sie diesen Narren, ihr Blei im Lauf zu lassen. Der große Verlierer in diesem Spiel wären nämlich Sie.“

Er drängte Wagener vor sich her über die Veranda und auf die Treppe zum Hof.

„Erschießt ihn!“, geiferte oben am Fenster Kathleen Wagener. „Worauf wartet ihr? Feuer!“

„Still, Kathy!“, brüllte jetzt Wagener. „Es wäre auch mein Tod. – Leute, haltet die Finger ruhig. Ich gehe freiwillig mit McQuade nach Florence und stelle mich dem Sheriff. Es war mein gutes Recht, mein Land gegen dieses Schafzüchtergesindel zu verteidigen. Ich habe dieser Brut genug Zeit gegeben, von meiner Weide zu verschwinden. Kein Gesetz der Welt verbietet es, seinen Besitz zu schützen.“

McQuade bugsierte den Rancher an der Frontseite des Haupthauses entlang und dann in die finstere Passage zwischen dem Gebäude und einem Stall. Die Cowboys unternahmen nichts. Jetzt schwieg auch Kathleen Wagener. Als sie die Pferde erreichten, erhob sich Gray Wolf und fiepte leise. Der Texaner band die Pferde los und gebot Wagener, aufzusitzen. Als auch er saß, stieß er hervor: „Sie kennen die Richtung, Wagener. Vorwärts!“

„Verdammt, McQuade, nun lassen Sie uns vernünftig miteinander sprechen. Ich war im Recht, als ich meine Herde in das Camp jagen ließ. Ich habe Ballard ein Ultimatum gesetzt ...“

„Sie haben einen Killer gedungen, der für jeden toten Ballard eine Abschussprämie von dreihundert Bucks erhalten sollte. Anstiftung um Mord – das gleiche niederträchtige Vergehen wie der Mord selbst. Ich habe geschworen, zu helfen, unser Land von Männern wie Ihnen zu befreien. Bis jetzt war ich recht erfolgreich damit. Und das soll sich in Zukunft auch nicht ändern.“

„Ich kann Ihnen Geld bieten – sagen wir tausend Dollar. Jeder Mann ist käuflich, und einer wie Sie wahrscheinlich ...“

„Schweigen Sie! Die Männer, mit denen Sie bisher umgingen, waren möglicherweise käuflich. Ich bin es nicht. Und nun reiten Sie!“

„Sie glauben doch nicht im Ernst, dass der Sheriff Anklage gegen mich erhebt.“

„Er muss. Denn die Schafzüchter werden Anzeige erstatten und Schadenersatz fordern, und Scott Biskup wird, um das Gericht gnädig zu stimmen, reden und alles erzählen, was er und Sie ausgehandelt haben. Der Schuss ist für Sie nach hinten losgegangen, Wagener. Sie haben nicht den Ballardclan vernichtet, sondern sich selbst den Todesstoß versetzt.“

Wagener ritt an und der Kopfgeldjäger folgte ihm. Bald würde sich über dem Horizont im Osten die Nacht lichten und der Tag würde anbrechen.

Es sollte ein Tag voll böser Überraschungen werden.

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Aus der Finsternis schälten sich fünf Reiter. Schon seit längerer Zeit hatte McQuade das Pochen der Hufe vernommen, das sich ihnen vom Camp der Schafzüchter her näherte, und darum vermutete er, dass es sich bei den Reitern um Ballard-Leute handelte. Dennoch hatte er vorsichtshalber das Gewehr zur Hand genommen.

„Anhalten, Wagener!“, rief der Kopfgeldjäger.

„Sind Sie es, McQuade?“ Es war Will Ballards Stimme.

„Ja.“ Der Texaner atmete auf und die Anspannung in ihm löste sich. „Wieso kommen Sie mir entgegen? Ich dachte, sie sind in die Stadt vorausgefahren. Wie es scheint, ist es Ihnen ja gelungen, die Remuda wieder einzufangen.“

„Wir haben den Rest der Familie und die Crew nach Florence vorausgeschickt“, erwiderte Ballard. „Ich dachte mir, dass Sie vielleicht Hilfe gebrauchen können. Aber wie ich sehe, haben Sie es geschafft. Das ist doch Wagener?“

„Richtig. Okay, wenn das so ist, dann können wir ja sofort nach Florence reiten. Ich schließe nicht aus, dass mir die Kerle, die sich auf der Ranch befanden, folgen.“

„Reiten wir“, sagte Will Ballard. „Wesley, Cole, ihr beide bleibt zurück und haltet unsere Fährte sauber. Wenn bis in einer halben Stunde keine Sattelquetscher der Triangle-W aufkreuzen, könnt ihr nachkommen.“

„Es geht weiter, Wagener!“, stieß McQuade hervor und rammte sein Gewehr in den Scabbard.

Der Rancher trieb sein Pferd an, McQuade ebenfalls, Will Ballard und zwei der Reiter, die ihn begleiteten, schlossen sich an. Doch da knackten Gewehrschlösser, als die Waffen repetiert wurden, und Will Ballards Stimme – hart wie Stahl – erklang. Der Schafzüchter sagte: „Haben Sie wirklich gedacht, McQuade, wir überlassen das dem Gesetz?“ Er lachte klirrend auf. „Nein. Das übernehmen wir selbst. – Jim, gib acht, dass uns der Hurensohn von der Triangle-W nicht entkommen. Du, Dale, nimmst McQuade das Gewehr und den Revolver weg. – Sie sollten nichts riskieren, McQuade. Das ist kein Spaß. Wagener hat mich herausgefordert, er hat fast mein gesamtes Kapital zerstört, und nun erhält er von mir die Quittung für seine Niedertracht.“

„Wenn Sie diesen Entschluss in die Tat umsetzen“, sagte McQuade, der seine Bestürzung unverzüglich abgeschüttelt hatte, „dann sind Sie nicht besser als er. Dann stellen Sie sich mit Wagener auf eine Stufe. Und Sie werden sich verantworten müssen.“

„Wer sollte uns denn zur Rechenschaft ziehen, McQuade? Hier draußen gilt immer noch das Gesetz der freien Weide. Der Starke siegt, der Schwache geht vor die Hunde. Das sind die beiden Alternativen.“

Dale Ballard war an McQuade herangeritten und griff nun nach dem Colt des Kopfgeldjägers. Die Muskeln und Sehnen des Texaners strafften sich, doch da knirschte Will Ballard: „Ich habe kein Problem, ihnen ein Stück Blei zwischen die Schulterblätter zu knallen, McQuade. Darum wäre es dumm von Ihnen, wenn Sie jetzt den Helden spielen würden.“

McQuade presste die Lippen zusammen und ließ es geschehen, dass ihn Dale Ballard entwaffnete. „Was habt ihr mit Biskup gemacht?“, fragte er dann, und ihm schwante Übles.

„Was das Gesetz auch mit ihm gemacht hätte“, versetzte Will Ballard. „Wir haben ihn am Hals aufgehängt, bis er tot war. Die einzige Antwort auf seine Verbrechen.“

„Damit haben Sie sich eines wichtigen Zeugen gegen Wagener beraubt“, knurrte der Kopfgeldjäger. „Außerdem war es Mord - niederträchtiger, hinterhältiger Mord aus niederen Beweggründen. Die Antwort, die das geschriebene Recht dafür kennt, brauche ich Ihnen nicht zu sagen.“

„Es bedarf keines Zeugen gegen Wagener“, antwortete Ballard. „Steigen Sie ab, McQuade. Wir nahmen Ihr Pferd mit. Allerdings werden wir Ihnen weder die Waffen noch das Pferd stehlen. Sie finden alles im Camp. Wir werden allerdings nicht mehr da sein.“

„Sie sollten noch einmal in sich gehen, Ballard. Man wird Sie und jeden Ihrer Familie, der ihr Vorgehen unterstützt, jagen, und am Ende stehen für Sie und Ihre Leute der Galgen oder die Steinbrüche in Arizona City.“

„Runter vom Gaul, McQuade!“

Der Kopfgeldjäger erkannte, dass Ballard Worten nicht zugänglich war. Der Schafzüchter vermittelte die Entschlossenheit eines Mannes, der sich entschieden hatte und der dein einmal eingeschlagenen Weg gehen würde – unbeirrbar und konsequent.

Seufzend stieg McQuade vom Pferd. Dale Ballard angelte sich die Zügel. Will Ballard rief: „Wesley, Cole, ihr braucht natürlich nicht auf die Kuhtreiber von der Triangle-W warten. Reiten wir!“

Jim Ballard hatte sich den langen Zügel des Pferdes, auf dem John Wagener saß, geschnappt. Der kleine Trupp verschwand in der Nacht. Die Hufschläge verklangen. McQuade stand etwas verloren da, Gray Wolf drängte sich gegen sein Bein und der Mann kraulte ihn versonnen zwischen den Ohren.

Selten zuvor in seinem Leben hatte sich der Kopfgeldjäger in einer ähnlich schrecklichen Stimmung befunden wie in diesen Minuten, abgesehen von der Stunde, in der er am Grab seiner Eltern und seiner Schwester gestanden hatte, als er aus dem Krieg nach Hause zurückgekehrt war.

„Er hat uns übel hereingelegt, Partner“, murmelte der Texaner. „Das Schlimme an der ganzen Sache ist, dass er sich zum Mörder degradiert und damit sein eigenes Grab geschaufelt hat. Und nicht nur das seine ...“

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McQuade stapfte durch den beginnenden Morgen. Im Osten färbte sich der Himmel rötlich und die Sterne verblassten. Der schauerliche Schrei eines Kauzes wehte heran, aber bald würde sich dieser Jäger der Nacht – wie alle anderen nachtaktiven Räuber auch - zur Ruhe begeben.

Der Kopfgeldjäger fragte sich, warum die Cowboys der Triangle-W nicht kamen. Er war sich sicher, dass Kathleen Wagener sie in die Sättel jagen und ihm hinterherschicken würde. Aber hinter ihm blieb es still. Er konnte nicht ahnen, dass die Cowboys ihre Bündel geschnürt und die Ranch verlassen hatten. Die Sache war ihnen zu heiß geworden. Ihnen war klar, dass sie gesetzlos gehandelt hatten, als sie zum Camp der Schafzüchter ritten. Und dann war der Kopfgeldjäger aufgetaucht und hatte ihren Boss mitgenommen, um ihn dem Sheriff zu übergeben. Die Folgen ihres Handelns war den Weidereitern erst so richtig bewusst geworden, nachdem McQuade mit dem Rancher verschwunden war. Ihnen drohte Gefängnis – Freiheitsentzug! Und das wäre für sie, diese freien Männer der Weide, schlimmer als der Tod. Also hatten sie es vorgezogen, vor den Konsequenzen ihres Verbrechens zu fliehen.

McQuades Füße begannen zu brennen. Die hochhackigen Reitstiefel waren nicht geschaffen, um mit ihnen weite Strecken zu Fuß zurückzulegen. Mechanisch setzte der Kopfgeldjäger einen Fuß vor den anderen. Bald wurde jeder Schritt zur Tortur. Er zog die Stiefel aus, band sie zusammen und hängte sie sich über die Schulter. Kleine, spitze Steine drückten sich in seine Fußsohlen. Aber die Blasen, die er sich in den Stiefeln gelaufen hatte, brannten ärger.

Die Helligkeit nahm zu, die Vögel begannen zu zwitschern, erstes Sonnenlicht flutete ins Land und die Dinge gewannen ihre Farben zurück. In der Nacht war alles schwarz und grau gewesen. Auch in Socken wurde nach einiger Zeit jeder Schritt zu einer qualvollen Anstrengung, kostete Überwindung und erforderte den ganzen Willen des Texaners.

Schließlich hatte der Tag die Nacht endgültig nach Westen vertrieben und McQuade erreichte die Ebene, in der sich das Drama der vergangenen Nacht abgespielt hatte. Überall lagen tote Rinder und noch viel mehr tote Schafe. Fliegen krochen auf den blutigen Kadavern herum, einige Aasgeier hatten sich bereits niedergelassen, um mit ihren scharfen Schnäbeln den toten Tieren das Fleisch von den Knochen zu reißen.

Ein wenig härterer Mann als McQuade hätte bei diesem Anblick sicherlich Gänsehaut verspürt. Der Kopfgeldjäger jedoch war schon viel zu oft mit der Brutalität des gewaltsamen Todes konfrontiert worden, als dass er ihn noch erschrecken hätte können.

Das Camp der Schafzüchter war geräumt. An einem knorrigen Baum hinten Scott Biskup und John Wegener. Die Schafzüchter hatten auch den Rancher gehängt. In der Nähe stand der Falbe; sie hatten ihn am Ast eines Strauches angebunden. Im Sattelholster steckte die Henrygun. McQuade schaute in den Satteltaschen nach und fand auch seinen Revolver. Er prüfte die Ladung und versenkte ihn im Holster. Dann zog er sich wieder die Stiefel an. Es war ein schmerzhaftes Unterfangen, aber er biss die Zähne zusammen.

Er konnte die beiden Toten nicht hängen lassen. Mitnehmen aber konnte er sie auch nicht, denn er hatte keine Möglichkeit, sie zu transportieren. Er schnitt sie ab, häufte Steine über sie, damit die Aasgeier und Coyoten nicht an sie herankamen, dann schwang er sich aufs Pferd und ritt nach Florence.

Da McQuade den Falben nicht schonte, erreichte er die Stadt um die Mittagszeit. Er erzählte dem Sheriff, was sich nördlich des Gila River zugetragen hatte. Sheriff Malcolm King war entsetzt, trommelte aber sogleich ein großes Aufgebot zusammen und eine Stunde später waren sie auf dem Trail nach Norden. McQuade ritt mit der Posse. Er führte sie. Es war finster, als sie den Platz erreichten, an dem der Kopfgeldjäger die beiden Gehängten zurückgelassen hatte. Die Spur der Schafzüchter führte nach Norden und war im Gras nicht zu übersehen. Die Reiter des Aufgebots hatten Fackeln und Laternen mitgenommen und in ihrem Licht folgten sie der Fährte.

„Sie kommen mit ihren Fuhrwerken hier in der Unwegsamkeit nicht schnell vorwärts“, meinte der Sheriff, der Steigbügel an Steigbügel mit McQuade ritt. „Wir werden sie einholen, ehe sie das County verlassen.“

„Ich denke, sie sind irgendwo nach Osten abgebogen“, versetzte McQuade.

„Wie kommen Sie darauf?“

„Ich nehme an, dass sie der Weide der Triangle-W einen Besuch abstatten. Vielleicht begeben sie sich sogar zur Ranch. Der Grund ist ein ziemlich profaner: Will Ballard will sich für den Verlust seiner Schafe schadlos halten. Entweder treiben sie eine große Rinderherde ab, um sie irgendwo zu versilbern und sich einen neuen Bestand an Schafen anzuschaffen, oder sie zwingen Kathleen Wagener, sämtliches Bargeld, das sich auf der Ranch befindet, herauszurücken.“

Von nun an schwiegen sie wieder. Lichtreflexe von den Fackeln und Laternen geisterten über den Boden. Das Hufgetrappel rollte auseinander und versickerte zwischen den Hügeln. Die Nacht schien Unheil zu versprechen.

Tatsächlich hatten die Schafzüchter nach einigen Meilen die Richtung nach Osten eingeschlagen. „Ich glaube, McQuade, Sie haben recht mit Ihrer Annahme, dass Ballard von Kathleen Wagener Geld will. Zur Hölle mit diesem elenden Pack! Wie mir scheint, ist denen nichts heilig. Ballard wird die Frau nicht mit Samthandschuhen anfassen. Beeilen wir uns!“

Anderthalb Stunden später stießen sie auf die Fuhrwerke der Schafzüchter und den kläglichen Rest der Schafherde. Das Camp befand sich keine halbe Meile von der Triangle-W Ranch entfernt. Sie wurden angerufen: „Halt!“ Ein Schuss knallte, aber es war nur ein Warnschuss.

„Anhalten!“, rief der Sheriff. Und als er fortfuhr, hob sich seine Stimme: „Ich bin Sheriff Malcolm King aus Florence mit einem Aufgebot. Wir kommen jetzt ins Camp. Sollte auch nur ein einziger Schuss fallen, werte ich das als Widerstand gegen einen Vollstreckungsbeamten und werde entsprechend reagieren.“

Der Ordnungshüter trieb sein Pferd wieder an, ebenso McQuade und der Rest der Posse. Bei der Wagenburg, zu der die Fuhrwerke zusammengefahren waren, hielten sie an. Der Sheriff und McQuade saßen ab, stiegen über eine Deichsel und befanden sich zwischen den Prärieschonern. Die schattenhaften Gestalten einiger Menschen waren auszumachen

„Ich suche Will Ballard“, gab Sheriff King zu verstehen.

„Er ist nicht hier.“ Einer der Schemen näherte sich. „Mein Onkel, mein Vater und zwei von meinen Vettern sind zur Triangle-W geritten.“

„Wann?“

„Vor einer halben Stunde etwa, nachdem Cole die Ranch ausgekundschaftet und festgestellt hat, dass sich außer der Rancherin niemand dort befindet.“

„Okay“, rief der Sheriff, „sämtliche männlichen, erwachsenen Clanmitglieder sind hiermit festgenommen. Kommt nacheinander und waffenlos aus der Wagenburg. Wer nicht gehorcht oder gar versucht, sich gegen die Verhaftung zu wehren, wird zu spüren bekommen, dass ich es verdammt ernst meine.“

Weitere Menschen stiegen von den Fuhrwerken. Ein Kind begann zu weinen. Eine Frau trat vor den Gesetzeshüter hin und stieß hervor: „Ich bin Susan, Will Ballards Gattin. Wagener hat unsere Herde vernichtet. Daher ist es unser gutes Recht ...“

„Sie irren sich, Ma’am“, schnitt ihr King schroff das Wort ab. „Es war nicht Ihr gutes Recht, zwei Männer brutal zu lynchen und danach eine wehrlose Frau zu überfallen, um bei ihr Geld zu erpressen.“

„Auge um Auge ...“

„Ja. Aufgrund dieses uralten Rechtsgrundsatzes wird man Ihren Mann und jeden, der dabei war, wegen der Morde an Scott Biskup und John Wagener am Halse aufhängen, bis sie tot sind. – Okay, Männer! Geht waffenlos aus der Wagenburg und akzeptiert, dass meine Männer euch fesseln. Andernfalls ...“

Der Sheriff ließ den Rest offen, aber seine nicht ausgesprochenen Worte beinhalteten eine unüberhörbare Drohung.

Irgendwo fluchte einer. Aber ein anderer rief: „Wenn wir uns weigern, fließt Blut. Vielleicht das Blut unserer Frauen und Kinder. Ich denke, es war falsch, dass wir glaubten, ungeschoren davonzukommen.“

„Nein!“, rief ein anderer. „Der einzige Fehler, den Will gemacht hat, war, dass er den Kopfgeldjäger nicht neben Biskup und Wagener hängte. Die Coltschwinger Wageners hätten wir noch fertig gemacht, ehe sie den Sheriff verständigen hätten können. Den Menschenjäger am Leben zu lassen war das Dümmste, was wir tun konnten.“

„Ich gehe jetzt hinaus“, sagte der Mann, der eben die Bereitschaft geäußert hatte, sich zu ergeben. Er schritt auf eine Lücke in der Wagenburg zu und wurde schließlich draußen in Empfang genommen. Handschellen klickten. Weiter Männer des Clans folgten ihm. Am Ende auch jener, der es bedauerte, dass Will Ballard den Kopfgeldjäger nicht ebenfalls zu seinen Ahnen versammelt hatte.

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10

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Sheriff Malcolm King bestimmte drei Männer, die mit ihm zur Ranch reiten sollten. Die anderen hatten die Aufgabe, die Gefangenen zu bewachen. „Ich reite mit Ihnen, Sheriff“, bot McQuade an.

„Das habe ich erwartet, McQuade“, versetzte der Gesetzeshüter.

Zwei Minuten später waren sie auf dem Weg. Gray Wolf war natürlich mit von der Partie.

Die Ranch lag in völliger Finsternis, lediglich aus den beiden Fenstern der Halle des Haupthauses fiel Licht. Das Windrad beim Brunnen drehte sich träge im lauen Nachtwind und knarrte leise. In den Baumkronen und Büschen raschelte das Laub.

Sie saßen hinter einem Schuppen ab, banden die Pferde an und nahmen die Gewehre aus den Scabbards, luden sie durch, dann schritten sie in einer Reihe über den Ranchhof. Vor dem Haupthaus standen am Hitchrack vier Pferde und peitschten mit den Schweifen.

„Ich gehe hinein!“, bestimmte der Sheriff. „Ihr greift ein, sollte es notwendig sein. Sollte es dem einen oder anderen von ihnen gelingen, aus dem Haus zu fliehen, dann nehmt ihn in Empfang.

„Was dagegen, wenn ich mit Ihnen hineingehe, Sheriff?“, fragte McQuade.

Malcolm King überlegte kurz, dann schüttelte er den Kopf und erwiderte: „Ich gehe voraus.“

So leise wie möglich stieg er die wenigen Stufen zur Veranda hinauf. McQuade folgte ihm, neben dem Texaner glitt Gray Wolf dahin. Der Sheriff drehte am Türknopf und stieß die Tür auf. Sie schwang nach innen, ein Schritt, und der Sheriff stand in der Halle. Er hielt das Gewehr an der Hüfte und rief mit stahlharter Stimme: „Keine Bewegung!“

McQuade trat neben ihn, die Henrygun an der Seite im Anschlag haltend, den Kolben unter die Achsel geklemmt.

In einem Sessel saß Kathleen Wagener. Sie war nur mit einem Nachthemd bekleidet. Die Ballards hatten sie aus dem Bett geholt. Hinter ihr stand James Ballard und seine rechte Hand hatte sich in den braunen Haaren der Frau verkrallt. Neben dem Sessel stand einer der Söhne Ballards. Will Ballard saß der Frau gegenüber auf der Couch, sein anderer Sohn stand neben dem Sitzmöbel.

Der Sheriff und McQuade wurden angestarrt wie Geistererscheinungen, plötzlich stieß James Ballard einen Zischlaut aus, seine Hand löste sich aus den Haaren Kathleen Wageners und zuckte zum Revolver.

Der Sheriff feuerte. James Ballards Kopf wurde in den Nacken geschleudert, eine Wolke aus Blut, Knochensplitter und Hirnmasse spritzte auseinander, wie vom Blitz getroffen brach James Ballard zusammen.

Will Ballard schnellte von der Couch in die Höhe. Seine Söhne griffen nach den Waffen. Und nun ging alles blitzschnell. Die Detonationen verschmolzen ineinander zu einem lauten Knall, der das Gebäude in seinen Fundamenten zu erschüttern drohte. Die Schafzüchter wurden herumgerissen, bäumten sich auf und sackten zusammen.

Pulverdampf wölkte nebelhaft, der Geruch von verbranntem Pulver breitete sich aus. Kathleen Wagener saß da wie zu Stein erstarrt. Nur in ihrem Gesicht zuckten die Muskeln, und ihre Augen flackerten vor Entsetzen.

McQuade ließ das Gewehr sinken, ging zu Will Ballard hin und beugte sich über ihn. Der Schafzüchter lebte noch, doch ein sich schneller vergrößernder Blutfleck auf seiner Hemdbrust verriet, dass die Kugel dicht beim Herzen saß. Seine Lider flatterten, aus fiebrigen Augen schaute er zu McQuade in die Höhe. „Die Hölle verschlinge dich, Menschenjäger. Ich hätte dich ...“

Sein Kopf rollte auf die Seite, seine Augen brachen.

„Seine Sprache war die der Gewalt“, knurrte der Sheriff. „Und sein Hass war stärker als jede Vernunft. Hass und Gewalt haben ihn zugrunde gerichtet.“

„Ja, das ist es. Hass und Gewalt ...“ McQuade nickte. „Zwei Worte, die alles das ausdrücken, was Will Ballard leitete und sein Handeln bestimmte.“ Der Kopfgeldjäger zuckte mit den Achseln. „Ich denke, ich werde hier nicht mehr gebraucht. Go on, Partner, gehen wir.“

Der Kopfgeldjäger schwang herum und verließ, dicht gefolgt von Gray Wolf, dieses Haus des Todes, aus dem Hass und Gewalt hinausgetragen worden waren, in dem ihnen jedoch vor wenigen Minuten ein blutiges Ende gesetzt wurde.

ENDE

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Das harte Dutzend

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Western von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 94 Taschenbuchseiten.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Zwei Dutzend Reiter kamen in langsamen Tempo die Main Street von Roswell entlang. Die Männer waren gut bewaffnet. Winchestergewehre steckten in den Scubbards,

Revolvergriffe ragten aus den tiefgeschnallten Holstern. Hier und da war zusätzlich noch eine Shotgun zu sehen. Einige der Reiter trugen Patronengurte um die Schultern. Staub bedeckte die Kleidung. An der Spitze dieser finsteren Meute ritt ein Mann mit schwarzem Bart. Er trug einen Anzug mit Schleife. An der Seite hing ein Colt, in dessen elfenbeinfarbenen Griff ein Name eingraviert war. DARREN McCALL - in großen Buchstaben.

McCall zügelte in der Nähe des McMillan-Stores die Zügel. Neben ihm ritt eine dunkelhaarige Schönheit - die einzige Frau in dem Pulk von Reitern. Sie trug ein Reitkleid und fächelte sich mit ihrem Hut Luft zu.

"Ist das dieses Nest namens Roswell?", fragte sie mit deutlicher Verachtung in der Stimme.

McCall lachte.

"Jetzt ist Roswell noch ein Rattenloch. Aber das wird sich bald ändern... Wenn hier erst einmal alles mir gehört!"

Er trat seinem Gaul in die Weichen.

Die Meute bewegte sich weiter die Straße entlang. Die Passanten auf der Main Street blieben stehen, blickten teils neugierig, teils angstvoll zu den Fremden hinüber.

"Ich hoffe, es gibt hier auch 'ne Möglichkeit sich volllaufen zu lassen und preiswert ein paar nette Girls aufzugabeln!", meinte ein Rothaariger im langen Saddle Coat. Er trug statt eines Hutes eine staubbedeckte Südstaatenmütze.

McCall lachte dreckig.

"Du kommst hier sicher auf deine Kosten, Mort! Das garantiere ich dir!"

"Darauf werde ich zurückkommen, Boss!", meinte Mort. Einige der anderen Männer lachten rau.

Schließlich erreichten sie das Hotel.

Es war das einzige in der Stadt und Abe Martinson, der Besitzer, hatte schon so manches Mal daran gedacht aufzugeben.

Die Männer stiegen ab, banden ihre Pferde an die Querstange vor dem Eingang.

"Ich weiß nicht, ob ich mich in diesem Nest wohlfühlen werde", meinte die Dunkelhaarige.

McCall grinste schief. "Du kannst ja weiterreiten, Francine!"

Unter den Männern brandete Gelächter auf. Francine wurde dunkelrot. "Wie habe ich mich bloß je mit dir einlassen können, Darren!", zischte sie.

McCall tätschelte gönnerhaft ihr Hinterteil. "Bis jetzt ist es dir nicht schlecht bei mir gegangen. Besser jedenfalls, als in dem drittklassigen Bordell in Wichita, in dem ich dich aufgegabelt habe!" McCall machte seinen Männern ein Zeichen. "Mort, Bugley und Norman - ihr kommt mit. Und du natürlich auch, Francine..." Er grinste sie an. In seinen Augen blitzte es.

McCall und sein Gefolge betraten die Eingangshalle des Hotels.

Abe Martinson, ein kleiner, schmächtiger Mann mit grauen Haaren, stand hinter dem Tresen und sah die Ankömmlinge mit offenem Mund an.

McCall trat an ihn heran.

"Wohnt hier zur Zeit jemand im Hotel?", fragte er.

"Ja, ein Mann namens Smith. Er kam heute mit der Postkutsche."

"Schmeißen Sie ihn hinaus!", forderte McCall.

"Wie bitte?"

"Sie haben richtig verstanden. Werfen Sie diesen Smith aus seinem Zimmer. Ich brauche das ganze Hotel für meine Männer - bis auf Weiteres."

Martinson starrte McCall an wie ein exotisches Tier. McCall lächelte zynisch. Er griff in das Innere seiner Jacke, holte ein Bündel mit Dollarscheinen heraus. "Im übrigen bezahle ich im Voraus", fügte er hinzu und knallte dem Hotelier das Geld auf den Tresen. Ein Ruck ging durch dessen schmächtigen Körper. Mit zitternden Fingern nahm er die Dollars, steckte sie ein.

"Brook!", rief er. "Brook, verdammt nochmal, wo steckst du?" Die Stimme des Hoteliers klang heiser. Einen Augenblick später kam der Gehilfe des Hoteliers durch eine Hintertür herein. Er war groß und kräftig. Sein Gesicht wirkte aufgeschwemmt. Die verwaschene Latzhose, die er trug, war von Flicken übersät. Er musterte stirnrunzelnd McCall und sein Gefolge. Dann stierte er Francine an. Sie verzog nur das Gesicht.

"Geh nach oben und sag dem Gentleman von Nr. 5 Bescheid, dass wir ihm das Zimmer doch nicht geben können", befahl Martinson.

"Aber... ich habe doch gerade erst sein Gepäck hinaufgetragen!"

"Dann wirst du es jetzt wieder hinunterbringen und vor die Tür stellen, Brook."

"Wenn Sie meinen, Chef."

"Du siehst doch, dass die Gentlemen hier alle Räume brauchen. Wie lange werden Sie bleiben?"

"Mal sehen ", sagte McCall. "Eigentlich habe ich vor, länger hier zu bleiben..." Er grinste breit, entblößte dabei zwei Reihe blitzender Zähne. "Du wirst dir jedenfalls 'ne goldene Nase dabei verdienen!"

Brook war inzwischen die Treppe hinaufgegangen. Wenig später kehrte er zurück.

"Was ist los?", fragte Martinson.

"Mr. Smith.... Er will das Zimmer nicht räumen!"

"Was?"

"Er sagt, er hätte ein Recht darauf!" Martinson begann zu schwitzen. Er wandte sich an McCall.

"Meinen Sie nicht, dass Sie vielleicht auf ein Zimmer verzichten könnten?"

McCall steckte sich eine Zigarre in den Mund, biss die Spitze ab und zündete sie sich an. Das Streichholz riss er dabei über das Holz des Tresens.

"Mal aus dem Fenster geschaut?", fragte er dann. "Für meine Männer wird es so schon eng genug." Er wandte sich an Mort. "Sieh zu, dass du das regelst, Mort!" Der Mann mit der Südstaatenmütze nickte.

"No Problome, jefe!", knurrte er, überprüfte kurz den Sitz seines Colts und stieg dann die Treppe hinauf.

"Er ist lange in Mexiko gewesen", murmelte McCall. "Mort spricht schon besser Spanisch als Englisch." Dann deutete McCall auf Francine. "Sagen Sie Ihrem Gehilfen, dass er für die Lady hier ein Bad bereiten soll."

In diesem Moment war ein Schuss aus dem Obergeschoss zu hören.

Francine zuckte zusammen. McCall lachte. "Auf Mort ist Verlass!", grinste er.

Die anderen Männer lachten rau.

Aber ihr Lachen erstarb, als Augenblicke später ein Mann die Treppe hinunterschritt. Es war nicht Mort. Er war jung, etwa Mitte zwanzig. Er trug eine dunkle Lederweste und ein weißes Hemd. Der Revolver hing tiefgeschnallt an der linken Seite. Seine Hand berührte den Griff.

"Mr. Smith!", stieß Martinson hervor. Smith' Gesicht blieb unbewegt. Seine Lippen waren ein dünner Strich.

Die Augen wurden schmal, als er den Fuß der Treppe erreicht hatte. Er stand seitlich da, so dass sein Colt nicht zu sehen war. "Haben Sie den Kerl mit der komischen Mütze geschickt?", fragte er an McCall gewandt. Smith hatte gleich begriffen, wer hier der Boss war.

"Habe ich", knurrte McCall grimmig.

"Er war nicht schnell genug."

"Was Sie nicht sagen."

"Hat doch für Sie auch sein Gutes. So braucht zumindest schonmal einer Ihrer Männer kein Zimmer!"

"Ich stopf ihm das Maul, Boss!", meldete sich einer der anderen Männer aus McCalls Gefolge zu Wort.

"Versuch's ruhig, Norman!", ermunterte McCall ihn. Blitzartig riss Norman seinen Colt heraus. Genau damit hatte der Mann, der sich Smith nannte, früher oder später gerechnet. Er war schneller, vielleicht hatte er sogar schon vorher seinen Colt gezogen, so genau war das nicht zu sehen. Smith feuerte sofort. Norman hatte keine Chance. Der erste Schuss erwischte ihn, noch ehe er seinen Revolverhahn überhaupt gespannt hatte. Die Kugel drang in den Kopf ein, genau zwischen den Augen. Wie nach einem Faustschlag wurde der Kopf zurückgerissen. Norman taumelte rückwärts, ohne noch zum Schuss zu kommen. Smith' zweiter Schuss durchdrang seinen Oberkörper und nagelte ihn förmlich gegen die Holzwand. In der selben Sekunde hatte auch McCall seine Waffe gezogen und sofort abgefeuert. Der erste Treffer erwischte Smith am linken Arm. Smith wollte die Waffe herumreißen, aber der Arm gehorchte ihm nicht mehr. Entsetzen breitete sich in seinen Zügen aus, während McCall ihn dann mit dem zweiten Schuss in der Herzgegend erwischte. Sein weißes Hemd färbte sich rot. Die Waffe entfiel Smith. Er klammerte sich an das Treppengeländer. Der dritte Schuss traf ihn im Gesicht. Smith rutschte am Geländer herunter. Dann wandte McCall sich dem Hotelier zu.

"Sie haben mitgekriegt, dass dieser Smith zuerst gezogen hat!"

Martinson nickte nur. Er war kreidebleich geworden.

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"Nicht hier!"

Die Abwehr der blonden Dorothy Willard war nur gespielt. Clay Braden hatte von hinten die Arme um sie gelegt.

Sie befanden sich im McMillan-Store, um ein paar Besorgungen zu machen. Slim Davis, der Gehilfe, war soeben aus dem Raum gegangen - aber es konnte nur eine Frage von Augenblicken sein, dass der Junge zurückkehrte.

Dorothy hielt seine Hände fest. "Du wirst dich noch gedulden müssen, bis wir zurück auf der Sundance Ranch sind", hauchte sie.

Clay Braden grinste breit.

"Aber das wird mir schwerfallen..."

"Als Marshal und Barbesitzer in einer Person bist du für viele ja sowieso schon unmöglich, aber was meinst du, was die Leute von dir denken, wenn du jetzt anfängst, unschuldigen Frauen in aller Öffentlichkeit an die Wäsche zu gehen..."

"U n s c h u l d i g?", echote er. "Damit kannst du dann ja wohl kaum dich selbst meinen!"

"Ach, nein?"

"Ein Sundance Ranch-Girl und unschuldig!"

"Manche der Kerle, die mich besuchen, finden meine Art von Unschuld durchaus reizvoll!", lachte sie.

"Lass uns ins Marshal Office gehen."

"Und was ist mit Archie?"

"Meinen Assistant Marshal kann ich ja zu einer offiziellen Runde durch die Stadt verdonnern..."

In diesem Moment erstarrte Clay mitten in der Bewegung. Und das hatte weniger mit Slim Davis zu tun, der genau in diesem Moment wieder den Raum betrat, als mit den Schussgeräuschen.

"Das war hier ganz in der Nähe!", stellte Dorothy fest. Clay nickte. "Warte hier", wies er sie an. Dann lief er hinaus auf die Straße.

Weitere Schüsse waren zu hören. Die Geräusche kamen aus der Richtung von Martinsons Hotel, schräg gegenüber. Zwei Dutzend Pferde waren davor festgemacht worden. Die Reiter lungerten vor dem Hotel herum. Die Schüsse hatten sie elektrisiert. So viel Kundschaft dürfte Martinson seit einer Ewigkeit nicht gehabt haben!, ging es Clay durch den Kopf. Er spurtete über die Main Street.

Die Männer erstarrten, als sie den Sternträger sahen. Sie waren verunsichert.

Clay ging zwischen ihnen hindurch. Keinen von ihnen hatte er schon einmal in Roswell gesehen.

Dann stieß er die Tür zur Eingangshalle des Hotels auf. Der Colt war schon in seiner Hand, der Hahn zurückgezogen... Zwei Tote lagen im Raum.

Alle Anwesenden erstarrten. Die Männer von draußen drängten ebenfalls ins Innere.

Clay sah sich die beiden Toten an.

Dann wandte er sich an Martinson. "Was war hier los?", fragte er den Hotelier. Alles in allem erschien ihm der als der unabhängigste Zeuge. Martinson schwieg. Seine Lippen waren aufeinander gepresst.

"Sagen Sie es schon!", forderte McCall. "Sagen Sie, wie's war."

Martinson deutete auf den toten Smith. "Der Mann dort hat zuerst gezogen... Oben ist wohl noch ein Toter."

"Mein Name ist Darren McCall", riss der Anführer der Gruppe das Wort an sich. Er blies dem Sheriff Zigarrenrauch entgegen und deutete dann auf Smith' Leiche. "Dieser Mann dort hat auf meinen Kumpel geschossen. Leider war ich nicht schnell genug, um ihm das Leben zu retten." Einer der anderen Kerle grinste breit und hässlich.

"Wenn Sie wollen, schwören wir das auch alle gerne vor einem Gericht!", lachte er.

"Es war Notwehr!", mischte sich einer der anderen ein.

"Für Notwehr haben Sie reichlich viele Kugeln verbraucht, McCall!", stellte Clay fest. "Ich möchte nicht, dass es weiteren Ärger gibt!"

"Das liegt auch nicht in meinem Interesse."

"Freut mich zu hören, Mr. McCall."

Clay stellte fest, dass die dunkelhaarige Schönheit in McCalls Schlepptau ihn unverhohlen musterte. Ihre Augen blitzten. "Willst du mich dem Marshal nicht vorstellen, Darren?", fragte sie.

McCall beachtete sie nicht weiter. "Ich werde mich hier in der Gegend niederlassen", verriet er an Clay gerichtet.

"Es wäre also nicht schlecht, wenn wir uns gut verstehen würden."

"Solange Sie sich an die Gesetze halten, sehe ich da kein Problem."

McCall lachte, blies Clay dann eine Rauchwolke entgegen.

"Klingt ziemlich kleinkariert, was Sie da sagen, Marshal. Gesetze sind für die Schwachen. Die Starken machen sich ihre Gesetze selber!"

Clay blieb gelassen. "Solange Sie hier in Roswell sind, werden Sie diesen Grundsatz vergessen müssen." In diesem Moment sprang die Tür auf.

Archie Wayne, der Assistant Marshal stürmte herein. Der alte Mann hielt eine Schrotflinte im Anschlag. Um mit einem Colt umzugehen, war er zu ungeschickt, aber mit seiner Schrotflinte war es für ihn fast unmöglich daneben zu treffen. Offenbar hatte auch er die Schüsse gehört, während er im Marshal Office gesessen und seine Zeitung gelesen hatte.

"Alles in Ordnung, Clay?", fragte er.

"Wie man's nimmt", erwiderte Clay mit Blick auf die Toten. Clay wandte sich zum Gehen.

"Vielleicht sieht man sich ja mal", hauchte ihm die schöne Dunkelhaarige zu.

Eine hübsche Frau!, musste Clay anerkennen.

Aber es war klar, dass sie zu McCall gehörte.

Und Clay dachte nicht im Traum daran, die Lage noch zusätzlich zu komplizieren.

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Clay traf Dorothy vor dem McMillan-Store wieder. Sie deutete zu der McCall-Meute auf der anderen Straßenseite hinüber. "Diese Männer gefallen mir nicht", meinte sie.

"Mir auch nicht. Kaum in der Stadt und schon gibt's Tote."

"Das kann ja heiter werden..."

"Es hat diesen Smith erwischt", murmelte Clay nachdenklich.

"Diesen undurchsichtigen Gunslinger, von dem du mir erzählt hast?", vergewisserte sich Dorothy.

Clay nickte. "Ja, und ich bin nach wie vor überzeugt davon, dass sein wahrer Name nicht Smith ist..." Er fasste Dorothy bei den Schultern. "Ich werde erstmal in der Stadt bleiben müssen, um diese Meute zu beobachten..." Clay wandte sich an Archie Wayne, der der sich im McMillan-Store etwas Kautabak besorgt hatte und jetzt noch einmal misstrauisch zum Hotel hinüberschaute, bevor er sich auf den Gaul schwang.

"Wie wär's, wenn du ein bisschen hier in der Nähe bleibst und diese Meute im Auge behältst, Archie?", meinte Clay.

"Genau das wollte ich dir auch schon vorschlagen", nickte Archie.

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Eddie Cameron, der Besitzer des HAPPY SINNER Saloons, saß an einem der Spieltische und ließ die Karten knallen. Auf seine Schulter stützte sich eines der Saloongirls, dessen Ausschnitt so tief war, dass man sich nur wundern konnte, wie es Cameron gelang, sich trotzdem auf das Spiel zu konzentrieren.

Die Männer, mit denen Cameron spielte, waren Männer, die er zu seinem Schutz engagiert hatte. Das Geld für das Spiel, musste er ihnen vorstrecken. Aber Cameron ging es nicht um das Geld. Davon hatte er selbst genug. Es ging ihm um das Gewinnen. Mit einem triumphierenden Lächeln sammelte der Mann das Geld ein, das auf dem Tisch lag.

"Jetzt haben Sie all Ihre Dollars wieder...", grinste einer der Männer. Er war dunkelhaarig und trug den Revolver sehr tiefgeschnallt. Seine Linke spielte mit dem Griff des langen Bowiemessers, dass er am Gürtel hängen hatte. Unter der hässlichen Messernarbe, die Camerons Gesicht entstellte, zuckte ein Muskel.

Er blickte den Sprecher auf eine Weise an, die selbst diesen harten Kerl erblassen ließ.

Es war besser, einem Mann wie Eddie Cameron nichts zu sagen, was diesen ärgerte.

"Spar dir deine dämlichen Bemerkungen, Reilly!", zischte er zwischen den Zähnen hindurch. "Ich habe dich schließlich nicht dafür engagiert, dass du dich als Klugscheißer betätigst..."

Reilly blickte sich unter den anderen Gunslingern um, die in Camerons Diensten standen. Aber von keinem der Männer hatte er Hilfe zu erwarten, das war dem Mann mit der Wildlederjacke sofort klar. Reilly gab also klein bei.

"Ist ja schon gut, Boss. War nicht so gemeint." In diesem Moment flogen die Schwingtüren des HAPPY SINNER Saloons auseinander.

Der Bürgermeister trat ein, begleitet von Jeffrey Polland, seinem Beschützer.

Franklin J. Coldwater besaß eine Kette von Stores in der Umgebung. Das Bürgermeisteramt von Roswell übte er lediglich ehrenamtlich aus, weil es seinen Geschäften diente. Mit Cameron hatte er gemeinsam, dass ihm der gegenwärtige Marshal nicht passte. Außerdem pfiffen es die Spatzen von den Dächern, dass beide Männer in üble Geschäfte verwickelt waren. Aber solange ihnen persönlich niemand etwas nachweisen konnte, glaubten sie sich auf der sicheren Seite.

Coldwater war ziemlich aufgebracht.

Der nur etwa 1,60 Meter große Mann, den man selbst bei heißestem Wetter im Anzug und mit Melone auf dem Kopf in der Öffentlichkeit sah, trat mit weiten Schritten an den Tisch des Saloonbesitzers heran. Sonst befand sich kaum jemand im HAPPY SINNER Saloons. Für den eigentlichen Betrieb war es noch viel zu früh. Fast alle, die sich jetzt im Schankraum aufhielten, gehörten irgendwie zum Haus. Die Girls, die Bar-Keeper und die Männer, die Cameron zu seinem Schutz engagiert hatte...

Coldwater schnipste mit den Fingern.

Polland, sein Schatten, nahm einen Stuhl von einem der benachbarten Tische weg und stellte ihn so hin, dass Coldwater sich setzen konnte.

Ein schiefes Grinsen erschien auf Eddie Camerons Gesicht.

"Franklin! Was verschafft mir die Ehre dieses hochoffziellen Besuchs!", lachte er.

Coldwaters Gesicht wurde dunkelrot.

Er legte den Hut auf den Spieltisch und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

"Hast du schon gehört, was passiert ist? Im Hotel wurde jemand erschossen."

Cameron zuckte die Achseln. "Dies ist eine gesetzlose Stadt", meinte er. "Aber das Problem kennst du doch... Wir haben einen Marshal, der das Gesindel nicht in Schach hält..."

"Eddie, die Sache ist ernst! Da ist ein gewisser McCall aufgetaucht mit seiner Meute! Die haben Smith erschossen den Gunslinger, den du angeheuert hattest, um Clay Braden das Leben zur Hölle zu machen."

Camerons Gesicht veränderte sich.

"Die haben Smith umgelegt?"

"Ja, genau."

"Alle Achtung. Smith war ein erstklassiger Mann... und was sagt der Marshal?"

"Was soll er sagen? Smith hatte zuerst gezogen."

"Verdammt."

"Eddie, wir müssen etwas unternehmen. Ich kenne diesen McCall. Das ist ein schlimmer Finger."

Cameron verschluckte sich fast an dem Whisky, den er gerade leerte.

"Du kennst den Kerl?"

Coldwater nickte. "Ja. In Lordburg hatte ich einen Store... bis McCall sich dort breitmache. Wer nicht an ihn bezahlte, dem ging es schlecht. Er setzte die Geschäftsleute unter Druck, so dass sie ihn zum Teilhaber ihrer Läden machen mussten. Bald gehörte ihm die halbe Stadt... selbst der Sheriff war nur eine Marionette..." Cameron bleckte die Zähne. "Was ist mit deinem Laden passiert?"

"Ich habe ihn verkauft. Natürlich mit Verlust." Cameron stand auf. Er schob das Girl, das ihm bis dahin an der Schulter gehangen hatte, grob weg. "Und du glaubst, er will hier dieselbe Nummer abziehen?"

"Ja. Ich schätze, man hat ihn aus Lordsburg vertrieben. Und jetzt versucht er sich, eine andere Stadt unter den Nagel zu reißen..."

"Und was schlägst du vor, Franklin? Soll er eine Kugel in den Kopf bekommen?"

Der Bürgermeister griff nach seiner Melone, presste sie gegen die Brust.

"So etwas habe ich nie gesagt, Eddie!"

"Aber gedacht hast du an nichts anderes!" Ein teuflisches Grinsen erschien in Camerons Gesicht. "Ich schlage vor, wir versuchen uns mit diesem McCall zu einigen..."

"Das ist unmöglich, Eddie! Das haben schon andere versucht und dabei den Kürzeren gezogen!"

Cameron umrundete den Spieltisch. Coldwater stand auf. Cameron legte ihm gönnerhaft die Hand auf die Schulter. "Wir werden ihn benutzen, Eddie. Vielleicht tut McCall uns sogar, ohne dass er es eigentlich vorhatte einen Gefallen und beseitigt Clay Braden..."

Coldwater atmete tief durch.

"Es gibt wohl nichts, woraus du nicht einen Vorteil ziehen kannst, was Eddie?"

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Es war früher Abend, als McCall und ein Teil seines Gefolges auf der Sundance Ranch auftauchten. In scharfem Galopp kamen sie über die Brücke geritten.

Wenig später erreichten sie den Vorplatz der Ranch. Kendra Lamont, die rothaarige Französin stand an einem der Fenster in der Bar, die sich zusammen mit den Geschäftszimmern im Haupthaus der Ranch befand.

"Sieht aus, als bekämen wir Kundschaft!", stieß sie hervor. "Mon Dieu! Und gleich so viele..." Marlène und Claire-Jo alberten an der Bar mit ein paar anderen Girls herum.

Cornelius O'Mahoney, der ehemalige Butler eines schottischen Lords und jetzt Barkeeper und Mädchen für alles auf der Sundance Ranch, stand hinter dem Schanktisch und verzog nicht einmal eine Miene dabei. Er blieb stets ernst und hatte ziemlich steife Umgangsformen. Er wusste genau, was die meisten Gäste auf der Sundance Ranch bevorzugten. Zumindest, was die Getränke anging. Und so stellte der alte Cornelius schon einmal ein Dutzend Whisky Gläser auf den Schanktisch. Die Gentlemen konnten sonst ein bisschen ungeduldig werden, wenn es mit dem Einschenken nicht schnell genug ging. Augenblicke später waren Schritte zu hören. Die Schwingtüren der Bar flogen auseinander. Ein Mann mit schwarzem Bart und einem dunklen Anzug trat als Erster ein. Er war der Boss der Gruppe, das war sofort zu sehen.

Er blieb stehen, seine Männer blieben hinter ihm. Plötzlich sagte niemand im Raum ein Wort.

"Ich bin Darren McCall", sagte der Bärtige laut. "Und alles, was diese Männer verzehren oder sonstwie an Unkosten verursachen geht auf meine Rechnung."

"Habe ich verstanden, Mr. McCall", sagte Cornelius. McCall drehte sich kurz zu seinen Leuten um. "Benehmt euch wie Gentlemen. Ich will keine Klagen hören..."

"Klar Boss", meinte einer der Männer. Gemurmel entstand. McCall blickte sich um. "Schöner Laden", sagte er. "Schöner jedenfalls als der, den es in Lordsburg gibt..." Er ließ den Blick schweifen.

Seine Leute drängten sich inzwischen um die Whisky-Gläser. Die ersten waren schon schnell heruntergekippt. Die Girls begannen, die Männer zu umgarnen.

McCalls Augen blieben an Kendra Lamont haften, der rothaarigen Schönheit aus Frankreich. Die Sünde pur, wie sie mancher hinter vorgehaltener Hand in Roswell nannte.

"Mit wem habe ich die Ehre?", fragte er, nahm ihre Hand und vollführte einen formvollendeten Handkuss.

Kendra war davon derart überrascht, dass sie ins Französische verfiel. "Je m'apelle Kendra Lamont", murmelte sie. "Oh, excusez-moi!"

McCall lächelte. "Ein schöner Name", fand er.

"Wollen Sie etwas trinken, Monsieur McCall?"

"Mit Ihnen gerne, Madam. Aber nicht hier... Hier ist es mir zu laut."

"Dann gehen wir hinauf zu mir."

McCall bot ihr den Arm.

"Sie trinken wahrscheinlich Whisky, n'est-ce pas?", war Kendra überzeugt.

"Zu einer Lady wie Ihnen passt besser Wein. Wenn Sie so etwas dahaben..."

Kendra sah ihn mit ihren dunklen Augen erstaunt an - und er genoss diese Verblüffung. "Was ist los?", fragte McCall. "Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?"

"Mon dieu, es nur so, dass..." Sie brach ab und fuhr dann einen Augenblick später fort: "Es gibt nicht viele Männer mit Kultur in dieser Gegend. Sie scheinen da eine Ausnahme zu sein..."

Mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern gingen sie aus der Bar. In der Eingangshalle des großen Ranchhauses führte eine Freitreppe hinauf zu den Geschäftszimmern der Girls, während sich deren Privaträume in einem Nebengebäude befanden.

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Eine knappe Stunde später betraten McCall und Kendra wieder zusammen die Bar. Marshal Clay Braden saß dort an einem der Tische. Cornelius hatte ihm eine Mahlzeit serviert. Eier mit Speck. Clay stutzte kurz, als er McCall mit Kendra zusammen sah.

"Hallo, Marshal", begann McCall. "Wir müssen miteinander reden."

"Setzen Sie sich", bot Clay an.

McCall kam dieser Aufforderung nach. Er machte eine weit ausholende Handbewegung. "Was verlangen Sie für all das hier?"

"Wie bitte?" Clay glaubte sich verhört zu haben.

"Ich will Ihnen die Sundance Ranch abkaufen, Marshal. Sie haben schon richtig gehört. Nennen Sie mir Ihren Preis..." Clay Braden schüttelte den Kopf.

"Die Sundance Ranch steht derzeit nicht zum Verkauf", erklärte er.

In McCalls Augen blitzte es. Seine Stimme klirrte wie Eis, als er fortfuhr. "Das sagen Sie jetzt, Braden. Ich verstehe, dass Sie handeln wollen..."

"Ich will nicht handeln", widersprach Clay Braden.

"Ich zahle Ihnen genug, damit Sie sich eins der Girls hier aussuchen und damit irgendwo anders ein neues Leben beginnen können!" Er grinste. "Meinetwegen nehmen Sie zwei oder drei von den Frauen und gehen zu den Mormonen in Utah..."

Clay blickte auf. "Ich habe den Eindruck, Sie wollen mich aus der Stadt haben!"

"Das wäre ein durchaus willkommener Nebeneffekt", gab McCall zu. "Wir könnten natürlich auch zu einer anderen Form der Zusammenarbeit kommen..."

"Bemühen Sie sich nicht", schnitt Clay ihm das Wort ab. McCall erhob sich. "Sie werden sich meinen Vorschlag noch durch den Kopf gehen lassen und schließlich feststellen, dass er vernünftig ist!", war er überzeugt. Mit diesen Worten ging er davon. Bei Kendra blieb er kurz stehen. "Bis bald, Darling", zischte er zwischen den Zähnen hindurch.

"Warum hast du ihn so schroff behandelt?", fragte Kendra, nachdem er gegangen war.

"Hast du denn nicht gehört, was er wollte?", fragte Clay.

"Meine Güte, es ist doch kein Verbrechen, ein Kaufangebot zu machen!"

"Nein, das nicht. Aber drüben in Lordsburg hat er seine Geschäfte auf ganz besondere Weise betrieben. Wer nicht spurte, den hat er über die Klinge springen lassen..."

"Wer sagt das?"

"Ein Frachtfahrer, den ich heute traf. Er fährt für McMillans Store Richtung Lordsburg."

Kendra machte eine wegwerfende Handbewegung. "Alles nur Gerede!", war sie überzeugt.

"Du bist ja ganz eingenommen von dem Kerl", meinte Clay.

"Unsinn. Aber er hat Manieren..."

Ein versonnenes Leuchten in ihren Augen strafte sie Lügen.

"Du täuschst dich in ihm", sagte Clay. "Glaub mir."

Zusammenfassung

13 Western für den Strand 2018
Der Umfang dieses Buchs entspricht 1400 Taschenbuchseiten.

Harte Männer im Kampf um Recht und Rache.

Dieses Buch enthält folgende Western:

Alfred Bekker: Die Rückkehr des Leslie Morgan

Joachim Honnef: Chaco und der Sklavenjäger

Pete Hackett: McQuade und der Schafzüchter-Clan

Alfred Bekker: Das harte Dutzend

Larry Lash: Das Schicksal führt sie in die Hölle

Glenn Stirling: Belindas grausame Rache

Glenn Stirling: Von Verzweiflung getrieben

Glenn Stirling: Banditenpest

Alfred Bekker: Zum Sterben nach Sonora

Larry Lash: Drei Kämpfer

Larry Lash: Gnadenlose Härte

R.S.Stone: Abrechnung in Sheela Valley

Jasper P. Morgan: Auf der Flucht vor der Woodrow-Bande

Details

Seiten
1400
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919837
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
western strand

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

    1239 Titel veröffentlicht

  • Pete Hackett (Autor:in)

  • Glenn Stirling (Autor:in)

  • Larry Lash (Autor:in)

  • R. S. Stone (Autor:in)

  • Joachim Honnef (Autor:in)

  • Jasper P. Morgan (Autor:in)

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Titel: 13 Western für den Strand 2018