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HOLZKIRCHNER G´SCHICHTEN # 1: Für immer heimatlos?

2018 120 Seiten

Leseprobe

HOLZKIRCHNER G´SCHICHTEN Berge – Menschen – Schicksale Band 1: Für immer heimatlos?

Franz Mühlbauer

Published by BEKKERpublishing, 2018.

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HOLZKIRCHNER G´SCHICHTEN

Berge – Menschen – Schicksale

Band 1

Für immer heimatlos?

Ein Roman von Franz Mühlbauer

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Logo: Steve Mayer/ Cover: Kzenon/123RF, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

Created by Alfred Wallon, Jörg Martin Munsonius & Franz Mühlbauer

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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DIE 16JÄHRIGE ANNE Günzel ist in einem Waisenhaus aufgewachsen. Ihre Eltern kennt sie bis heute nicht. Nun hat sie ein Alter erreicht, in dem sie das Waisenhaus verlassen und auf eigenen Beinen stehen muss. Sie bekommt die Chance, eine Ausbildung in der Verwaltung des Rathauses von Holzkirchen zu beginnen und muss von nun an auf eigenen Beinen stehen. Dieser neue Schritt ist sichtlich schwer für Anne, denn sie fühlt sich einsam und verlassen. Anderen Menschen gegenüber bleibt sie misstrauisch, denn das Leben hat sie bisher gelehrt, dass es besser ist, sich niemandem anzuvertrauen.

Aber schon bald wird ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt. Denn sie bekommt durch Zufall an ihrem Arbeitsplatz im Einwohnermeldeamt einen Antrag auf Verlängerung eines Ausweises zu sehen, unter dem ein Name steht, der sie förmlich alarmiert: Evi Wallner, geb. Günzel. Kann das noch ein Zufall sein – oder ist es Schicksal? Ist diese Frau womöglich ihre leibliche Mutter? Und warum hat sie sich nie gemeldet bei ihr?

Schon bald überschlagen sich die Ereignisse – und Anne steht buchstäblich im Mittelpunkt, ohne es zu ahnen ...

„Mei, wie schnell die Zeit vergeht!“, seufzte Ernst Steiner, als sein Blick vom Fenster des Wirtshauses hinüber zum Dorfladen ging. „Schau doch mal, Ferdl – der Bub ist jetzt schon fünf Jahre alt. Ich kann´s immer noch nicht glauben.“

Ferdls Blick folgte dem Hinweis des pensionierten Kommissars, und dann musste er grinsen.

„Ja, die Anne ist endlich glücklich geworden“, fügte er hinzu. „Das hat sie auch verdient, meine ich. Der Michl kümmert sich rührend um sie – und er tut auch alles, dass das so bleibt.“

Er hob den Maßkrug und nahm einen tiefen Zug.

„Trotzdem“, meinte Ernst Steiner. „Es hätte auch gewaltig schiefgehen können. Weißt ja sicherlich noch, unter welch dramatischem Umständen das alles stattgefunden hat, oder?“

„Freilich“, nickte der Dorfpolizist. „Ich hab ja nasse Füße bekommen dabei – und einen ordentlichen Schnupfen mit dazu.“

„Stimmt“, nickte Steiner, der schon seit sieben Jahren in Pension war. Aber das hieß immer noch nicht, dass er sich mit seinem Ruhestand abgefunden hatte. Immer wieder hielt er Augen und Ohren offen, wenn in der Region Holzkirchen irgend etwas geschah, wo die Polizei eingreifen musste. Dann war er meistens auch zur Stelle und ermittelte auf eigene Faust. Auch wenn das der Polizeidirektion in Oberstdorf ganz und gar nicht passte.

„Dass damals niemand geahnt hat, dass die Anne gar nicht weit von Holzkirchen aufgewachsen ist – das versteh ich bis heute nicht“, fuhr Ferdl fort. „Dabei hätte es so einfach sein können, wenn die Wallner Evi ihre Tochter auch offiziell anerkannt hätte.“

„Sie hat viel zu lange darauf gewartet und das Madl leiden lassen“, fügte Steiner hinzu. „Aber Anne hat ihrer Mutter verziehen, und das ist gut so. Jetzt lebt sie auf einem schönen Bauernhof, wie sie es immer wollte, und der Michl kümmert sich um seine Familie. So soll es sein.“

Während er das sagte, erinnerte sich sich wieder daran, wie damals alles begonnen hatte. Einiges davon kannte er nur aus Erzählungen, andere Dinge dagegen hatte er selbst miterlebt oder hatte sich zufällig in der Nähe aufgehalten, als es geschehen war. Und als er zu Ferdl schaute, deutete er den Blick des Dorfpolizisten richtig. Auch der wusste noch sehr genau, unter welch dramatischen Umständen damals der Stein ins Rollen gekommen war ...

*

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ANNE GÜNZEL STAND IN der Wäschekammer und räumte mit großer Sorgfalt die Bettwäsche ein. Der Raum lag im Halbdunkel. Er war klein, und die Wände standen voller Schränke, sonst war nichts im Raum. Anne war allein, aber es störte sie nicht. Gern war sie für sich, dann konnte man denken und auch ein wenig träumen. In so einem riesigen Haus, wo es wie in einem Bienenstock zuging und man nicht mal ein eigenes Zimmer hatte, da musste man sich oft ein Zufluchtsplätzchen suchen. Und doch liebte sie dieses Haus mit jeder Faser ihres Herzens und hatte eigentlich noch nicht darüber nachgedacht, wie sie wohl gern gewohnt hätte.

Anne Günzel war erst sechzehn Jahre alt, sehr altklug und verstehend. Selten nur glitt ein Lächeln über ihre Züge. Sie kannte die ganze Bitternis, die ein Leben mitunter bringen konnte.

Aber in diesem Augenblick dachte sie gar nicht daran. Sie musste sehen, dass sie mit ihrer Arbeit fertig wurde. Nachher musste der Tisch gedeckt und die Kleinen ins Bett gebracht werden. Das alles gehörte zu ihrem Aufgabenbereich.

In der Tür stand plötzlich eine hohe Gestalt in Schwesterntracht.

»Hier finde ich dich also, Anne. Eigentlich hätte ich es mir denken können!«

»Ich bin gleich fertig«, sagte Anne mit ihrer weichen Stimme. »Nur noch dieser Stapel, und dann gehe ich in den Speisesaal, Schwester Gerda.«

»Deswegen habe ich dich nicht gesucht, mein Kind. Das können heute mal die anderen erledigen. Oberschwester Josephine schickt mich, ich soll dich suchen und dir ausrichten, sie möchte noch vor dem Abendbrot mit dir sprechen.«

Bestürzt sah Anne auf, und ihre Hände strichen mechanisch über das glatte Laken. Wenn man zur Oberschwester zu einer Unterredung musste, dann war es meistens schlimm. Jeder fürchtete sich davor.

Schwester Gerda sah das Erschrecken in den braunen Augen des Mädchens.

»Du hast doch nicht etwa Angst, mein Kind?«

»Aber warum will sie mit mir sprechen? Doch nur, um mir eine Standpauke zu halten? Vielleicht war ich wirklich mal nachlässig!«

»Nichts dergleichen, Anne, aber komm, wir dürfen sie nicht warten lassen. Du weißt, wieviel Arbeit sie immer hat.«

»Ja, ich komme sofort!«

»Gut, ich kann mich auf dich verlassen!«

Anne sah ihr für einen Augenblick nach, wie sie mit gebeugten Schultern den langen Gang entlangschritt. Schwester Gerda wurde auch mit jedem Tag älter und sehnte sich nach Ruhe und nach der Ablösung aus dem Mutterhaus. Aber man fand keinen Ersatz. Es gab nicht mehr so viele Schwestern wie früher. Hurtig verschloss Anne den dunklen Wäscheschrank, schob den Schlüssel in ihre graue Kitteltasche und verließ das Zimmer.

Der Abend war schon angebrochen, und leise krochen die Schatten aus allen Ecken und Erkern. Früher war dieses Haus ein großer Herrensitz in den Bergen östlich von Holzkirchen gewesen. Aber dann hatten die Besitzer es verkauft, weil es keine Nachkommen gab. Dann hatte man ein Waisenhaus daraus gemacht.

Manchmal stellte sich Anne vor, wie es früher auf diesem prachtvollen Hof in den Bergen wohl zugegangen sein mochte. Er lag eingebettet zwischen zwei Bergen und in einem Wald sehr weit von jeglicher Behausung. Mit dem Dorf hatten sie fast nie Kontakt gehabt.

Seinerzeit hatte man noch zwei Flügel angebaut, und jetzt lebten fast zweihundert Waisenkinder hier.

Anne schritt über die Fliesen und dachte, wie sehr wünschte ich mir in all den Jahren, ein einfaches Bauernkind zu sein, mehr nicht. In diesem Augenblick musste sie wieder daran denken, und sie fragte sich mal wieder, vielleicht fließt sogar Bauernblut in meinen Adern? Es machte sie fast krank, dass sie es nicht wusste. Man zerbrach so leicht, wenn man sich selbst nicht kannte.

Anne stand am Fenster und blickte sehnsüchtig auf die Berge. In den Sommermonaten konnte man oft die Fremden und Touristen von hier aus beobachten. Sie sah sie sehr deutlich, und sie sah auch deren Gesichtsausdruck, wenn sie von oben herunter auf dieses Anwesen starrten. Natürlich mussten sie wissen, um was für ein Haus es sich hier handelte. Es stand ja groß unten an der Pforte. Im Gegensatz zu den anderen Anwesen in den Bergen hatte dieses eine hohe Mauer erhalten. Man durfte ja nicht einfach das Gelände verlassen und ins Dorf laufen zu den anderen Kindern. Das war verboten. Ja, man wurde sogar gemieden dort unten. Holzkirchen war für sie und die anderen Bewohner so weit entfernt wie der Mond.

Während sie so sinnend am Fenster stand, wurde sie angesprochen.

»Ah, Anne, kannst du mir einen Augenblick helfen?« Es war die neue Kinderschwester. Sie machte jetzt schon einen erschöpften Eindruck.

Anne hatte Mitleid mit ihr, sie war noch so jung und bemühte sich, allen gerecht zu werden.

»Ich täte es liebend gern, aber ich muss zur Oberschwester. Vielleicht wenn ich nachher noch Zeit habe!«

»Na, dann muss ich mir selber helfen. Also vorwärts, oder wir schaffen es gar nicht mehr«, munterte sie sich selber auf.

Anne ging weiter und stand ein wenig später vor der alten Eichentür, sie war wertvoll und sehr schön. Sie klopfte leise.

»Herein!«

Ruhig betrat sie den Raum, aber ihr Herz klopfte doch ein wenig unruhig.

Oberschwester Josephine war groß und starkknochig, sie kam aus einem alten, sehr geachteten Bauerngeschlecht. Früher - da war es noch so Sitte gewesen, der älteste Sohn erhielt den Hof, und die anderen mussten dann für den Bruder arbeiten. Wenn man genug Geld besaß, ließ man entweder die Kinder studieren, die nicht auf dem Hof blieben, oder sie gingen ins Kloster, wenn sie nicht ein Leben lang als Magd beim Bruder und dessen Frau verbringen wollten. Doch wie gesagt, das war früher. Heute ging man in die Pensionen und Hotels von Sonthofen oder Oberstdorf und hatte dort sein gutes Auskommen.

Die Haube wippte ein wenig, als sie nun aufblickte. Für einen Augenblick runzelte sie die Stirn und nahm die Brille ab. Da war doch etwas gewesen? Ach ja, richtig, nun wusste sie es wieder. Ein freundlicher Schimmer tauchte in ihren Augen auf, und sie sagte: »Komm nur näher, Anne. Ich habe schon auf dich gewartet, ich muss mit dir sprechen!«

»Ich war in der Wäschekammer«, sagte Anne leise, durchquerte das Zimmer und ließ sich auf der äußersten Stuhlkante nieder.

Die Oberschwester sah aus dem Fenster und schien sich auf etwas vorzubereiten. Plötzlich schob sie den Oberkörper vor und sah das Mädchen eindringlich an.

»Anne Günzel, hast du dir eigentlich schon mal Gedanken gemacht, wie deine Zukunft aussehen soll?«

Das Mädchen hob den Kopf, schüttelte ihn und wurde langsam rot.

»Aber, Kind, du bist doch nun aus der Schule entlassen.«

»Ich habe mir noch keine Gedanken darüber gemacht.«

»Aber die anderen, die mit dir zur Schule gegangen sind, sie haben sich inzwischen alle für einen Beruf entschieden und haben dieses Haus verlassen. Ich ließ dich bis jetzt in Ruhe, weil ich dachte, du wärst dir noch nicht schlüssig über deine Berufswahl. Aber nun müssen wir darüber reden, hörst du?«

Annes Herz schlug stürmischer. Sie schloss zitternd die Augenlider und stammelte leise: »Aber was soll ich denn tun? Ich arbeite doch den ganzen Tag, und die Schwestern sind alle mit mir zufrieden!«

»Das ist schön und gut, mein Kind, aber weißt du denn nicht, dass du jetzt das Haus verlassen und dir einen Beruf suchen musst? Du bist jetzt groß und verständig, andere Kinder kommen und brauchen deinen Platz!«

Entsetzt starrte Anne die Schwester an.

»Ich muss fort?«, rief sie hilflos. »Aber wohin denn? Ich kenne niemanden, ich habe keinen Menschen, zu dem ich gehen könnte. Dies ist doch mein Haus, mein Heim. Ich habe hier doch immer gelebt, man kann mich doch jetzt nicht einfach fortschicken!«

Wie ein Häufchen Elend hockte sie da, tödlich erschrocken und leise zitternd.

»Anne«, sagte die Schwester weich. »Ich weiß, dass es dir schwerfällt, aber wir können dich wirklich nicht behalten, du verstehst mich doch? Nächste Woche haben wir wieder acht Neuzugänge, wo soll ich sie unterbringen? Aber natürlich sorgen wir für dich und entlassen dich nur, wenn wir etwas Gutes für dich gefunden haben. Da kannst du ganz beruhigt sein.«

Anne nickte unter Tränen. Sie hatte verstanden.

»Ich fürchte mich vor der Welt da draußen. Ich habe geglaubt, dies sei mein Heim, hier könne ich immer bleiben. Und nun muss ich auch von hier fort!«

Die Oberschwester war auf gestanden und zu einem riesigen Aktenschrank geschritten. Dort waren alle Unterlagen für jedes Kind untergebracht. Ein vergilbter Ordner barg die wenigen Informationen des Kindes Anne Günzel, Nr. 84, vor genau sechzehn Jahren vor der Tür des Heims gefunden. Das Kind Anne war damals nur wenige Tage alt gewesen, zart und zerbrechlich. Anfangs hatte es so ausgesehen als würde dieses kleine Leben bald wieder erlöschen. Man habe es gefunden, war die Rede des jungen Mannes gewesen.

Durch die aufopfernde Liebe der Schwestern hatte man auch diese kleine Flamme am Leben erhalten können. Ein Geburtsschein lag bei dem Bündel und noch eine kurze Anweisung, dass man für das Kind zahlen würde. Damals hatte die Polizei Nachforschungen angestellt, aber nie herausgefunden, wer das Kind in Holzkirchen unter der Linde abgelegt hatte. Wahrscheinlich wusste man Bescheid, dass sich hier ein Waisenhaus befand.

Auf einem Zettel war noch zu lesen gewesen, dass die Überweisungen pünktlich eintreffen würden. Das waren sie in der Tat. All die Jahre war für das Kind gezahlt worden. Der Absender war ein Paul Gerrit aus Innsbruck gewesen. Mehr war nie in Erfahrung gebracht worden.

Ja, und so war das Leben und die Zeit dahingegangen. Bis jetzt hatte Anne geborgen gelebt, soweit man das von einem Heim überhaupt sagen konnte. Und nun musste sie fort, das war schlimm, und Anne war ein scheues Wesen mit empfindsamem Herzen, das man leicht verletzen konnte. Sie musste sich jetzt in dieser rauen Welt da draußen einen eigenen Platz suchen. Und die Menschen aus den kleinen Bergdörfern waren mitunter recht hart in ihren Ansichten. Aber vielleicht fanden sich doch noch nette Menschen, die sich ein wenig ihrer annahmen. Sie war doch nun wirklich unschuldig an ihrem Schicksal. Wahrscheinlich ein Kind der Liebe, das dann lästig geworden war.

Ja, ja, dachte die alte Nonne, da glauben die Menschen, hier bei uns in den Bergen sei die Welt noch heil und in Ordnung. Sie lächelte düster. Das war sie nie gewesen und würde es auch nie sein, dachte sie zornig. Soweit ich mich erinnern kann, hat es immer in den Hirnen und Köpfen der Menschen gebrodelt. Ja, Takt und Ehrgefühl, Mitleid, das sind Worte, die man hier nicht gerne hört. Nein, sie denken nur an sich, an das prachtvolle Vieh, an den Hof und wieviel Geld sie auf der Bank liegen haben. Sie sind so stur, so kalt.

Sie schob sich wieder die Brille vor die Augen.

»Haben sich meine Eltern nie gemeldet? «

Wie zerbrochen klang die Stimme des Mädchens.

»Nein, niemand hat sich in all den Jahren gemeldet. Es tut mir so leid, Anne, aber es ist die Wahrheit, und du musst damit jetzt leben.«

Tränen schimmerten in ihren schönen Augen.

»Sind denn meine Eltern tot?«

»Wahrscheinlich«, sagte die Schwester, obwohl sie vom Gegenteil überzeugt war. »Nur ein Mann hat all die Jahre für dich bezahlt. Halt, hier ist doch einmal ein Schreiben eingetroffen. Mal sehen, was darin steht.« Sie überlas es schnell.

»So, dieser Herr betont ausdrücklich, er habe mit dem Kind Anne Günzel nichts zu tun, er zahle nur für dessen Unterhalt. Und mit sechzehn Jahren würde diese Zahlung eingestellt werden. Kein Absender, keine Adresse nichts!«

Anne prägte sich unwillkürlich den Namen Paul Gerrit ein. Warum, das wusste sie auch nicht.

»Wie ist es, möchtest du nicht eine Stelle in einem Büro annehmen? Ich könnte da etwas vermitteln. Wir Behörden arbeiten untereinander zusammen.«

Resigniert hob Anne den Kopf und sagte: »Es ist doch egal, etwas muss ich ja tun. Ich muss doch erst lernen.«

»Du sollst nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Kind. Du wirst es schon machen, und pass nur auf, in einem halben Jahr hast du nette Freundinnen und bist froh, wenn du so leben kannst, wie du es willst. Sobald du dieses Haus verlässt, bist du dein eigener Herr! Danach sehnen sich doch alle. Komm, lass den Kopf nicht hängen, höre mir zu, was ich hier für dich habe. Du kannst eine Stelle im Rathaus von Holzkirchen bekommen. Fängst dort als Auszubildende an. Eine Unterkunft mit Verpflegung haben wir auch für dich besorgt. Der Staat wird dir einen Zuschuss gewähren, bis du selbst auf eigenen Füßen stehen kannst. Wenn du also einverstanden bist, dann werde ich alles in die Wege leiten. Du musst nur deine Einwilligung dazu geben. Wir wollen niemanden zwingen, hörst du!«

Anne nickte.

»Ja, Sie können es tun, ich habe nichts dagegen. Muss ich schon morgen das Haus verlassen?«

Ihre Hände verkampften sich in den Kitteltaschen.

»Nein, das braucht alles seine Zeit. Und wenn du mal einen Rat oder Hilfe brauchst, kannst du jederzeit zu mir kommen! Siehst du, du bist nicht so verlassen, wie du vielleicht gedacht hast!«

Sie erhob sich und stellte sich vor das Mädchen, legte die Hände auf seine Schultern.

»Ich danke Ihnen, Schwester Josephine, für Ihre Mühe und Freundlichkeit«, flüsterte Anne.

»Ich tue es gern, mein Kind. Vergiss nicht, du kannst jederzeit zu mir kommen, falls du mal Hilfe nötig hast. Und nun komm, wir haben so lange geplaudert, sicher wartet man schon mit dem Abendbrot auf uns. Wir wollen uns sputen!«

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DER LEICHTE SOMMERMANTEL lag wie eine zweite Haut um den schlanken Körper. Der Wind kam um die hohe Hausecke und zerrte daran herum. Mit der einen Hand hielt Anne den Koffer fest, und mit der anderen zog sie das schwere Tor auf. Sie wusste, an einem der Paterrefenster würde jetzt die Oberschwester stehen und ihr nachsehen. Aber sie schaute sich nicht mehr um.

Mit sechzehn Jahren war man noch unfertig, und die Angst saß tief drinnen im Herzen. Auch wenn viele diese Angst durch zu lautes Wesen übertünchten, sie war da und würde wie ein dicker Klumpen ihr Herz belasten.

Nein, sie durfte sich nicht mehr umdrehen! Es würde ihr sonst das Herz brechen. Sie war jetzt heimatlos. Kein Heim zu haben, das war schrecklich. Sie durfte auch nicht mehr auf die Berge sehen, nur vor sich auf den Weg.

Staubig lag er vor ihren Füßen und wollte gegangen werden. Anne musste in den Landbus weiter unterhalb der Straße steigen. Die Schwester hatte ihr alles genau erklärt. Sie musste nicht nur das Heim verlassen, auch das Tal. In eine ganz andere Gegend musste sie gehen.

Nun sollte sie auf eigenen Füßen stehen!

Tränen rollten über ihr Gesicht, und sie musste daran denken, dass es eigentlich grausam war, dass man sie am Leben gehalten hatte. Sie war nicht mehr so jung, dass sie nicht wissen musste, dass sie ein unerwünschtes Kind gewesen war. Gequält schloss sie die Augen. Immer und immer wieder versuchte sie sich ihre Eltern vorzustellen, wie man sie fortbrachte, in ein Tuch gewickelt. Ob sie in den vielen Jahren wohl noch einmal an die Tochter gedacht hatten?

Kurz darauf traf sie auf Menschen, diese betrachteten das Mädchen mit misstrauischen Augen.

»Ist die nicht vom Heim?«, hörte sie hinter ihrem Rücken.

»Na klar, woher denn sonst!«

Sie schluckte und ging tapfer weiter. Hier behandelte man sie fast wie eine Aussätzige. Da kam der Bus, und sie rannte und sprang auf. Sie hatte es geschafft!

Jetzt blickte sie sich doch noch einmal um. Hoch oben zwischen den alten Tannen blinkte das Haus. Sie spürte, wie ihre Lippen zitterten.

Anne kauerte sich in eine Ecke und hielt den kleinen Koffer an sich gepresst. Eigentlich hübsch konnte man das Mädchen nicht nennen. Zierlich war sie, mit überaus zerbrechlichen Gliedern ausgestattet und mittelgroß. Das Gesicht war breitflächig, käsig und erschreckend mager. Die hohen Backenknochen traten hervor und gaben ihr einen seltsamen Anstrich. Das Kinn war ein wenig herzförmig und der Mund vielleicht eine Spur zu klein, die Augenbrauen so fein gestrichelt wie ein Schmetterlingsflügel. Nur die Augen, diese seltsamen Lichter in dem großen Gesicht, wirkten irgendwie fehl am Platz. Sie waren der Spiegel der Seele.

Wer einmal in dieses Gesicht gesehen hatte, konnte es so leicht nicht mehr vergessen. Es verfolgte einen, und man grübelte darüber nach, das war aber auch alles. An die Trägerin selbst dachte man schon lange nicht mehr.

Der Bus rumpelte über die Serpentinenstraße und schüttelte die Insassen durcheinander. In der Hauptsache befanden sich Bauersfrauen und junge Leute im Bus. Anne nahm keine Notiz von ihnen.

Die Angst hielt sie umklammert.

Über eine Stunde musste sie im Bus bleiben, dann hatte sie ihr Ziel erreicht.

Für sie war Holzkirchen Endstation. Anne riss die Augen v/eit auf, als sie den See erblickte. All die Jahre hatte sie dort oben in den Bergen zugebracht. Und jetzt dies! Atemlos starrte sie auf das Treiben. So bunt und vielfältig waren die Boote. Und dann die Menschen in dem Ort. Hier waren sehr viele Touristen anzutreffen, denn die nächstgrößeren Städte Oberstdorf und Sonthofen waren nicht weit, und sie vergnügten sich den ganzen Tag und wollten sich erholen. Niemand achtete dabei auf das ein wenig verstörte Mädchen mit den etwas unbeholfenen Bewegungen und der einfachen Kleidung. Sie sah sich ängstlich nach allen Seiten um. Aber hier gab es kein Heim und keine Schwester. Sie war jetzt vollkommen auf sich allein gestellt.

Ihre Lider zitterten.

Würde sie diesem fremden Leben standhalten? Nicht daran zerbrechen?

Sie hielt den Koffer an sich gepresst und sah sich um. Dann fiel ihr ein, dass die Vorsteherin ihr eine Adresse gegeben hatte. Dort sollte sie wohnen.

Vorsichtig setzte sie sich in Bewegung. Drei Häuser weiter bog eine schmale Straße ein, und sie musste es wohl sein. Vor einem mittelgroßen roten Haus blieb sie stehen und ging auf die Tür zu. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Wie würde man sie aufnehmen?

Nach dem Klingelzeichen kam eine ältliche Frau und verlangte zu wissen, was sie wünschte.

»Ich heiße Anne Günzel, und ich soll hier wohnen«, flüsterte sie mit zu Boden gesenktem Kopf.

Die Frau musterte sie eine Weile schweigend.

»Ja, jetzt weiß ich es wieder. Natürlich, es hat alles seine Richtigkeit. Du bist es also?«

»Ja!«

»Nun, dann komm herein. Ich hoffe, ich werde keinen Ärger mit dir haben. Und bitte leise, wenn die Gäste im Haus sind, ja? Ich habe eine Pension, und man muss ständig Rücksicht auf die Gäste nehmen. Ja, das ist ein Kreuz, wirklich.«

Sie stöhnte und ächzte und wuchtete sich die Treppe herauf. Es war für das junge Mädchen nicht gerade ein erfreulicher Empfang. Sie befanden sich jetzt auf dem oberen Korridor. Hier zweigten die Türen ab, und sie erhielt am Ende des Ganges ihr Zimmer zugewiesen.

Es war ein mittelgroßes, einfaches Zimmer. Ansprechend und nett, nicht zu üppig und auch nicht zu dürftig. Sogar ein winziger Fleckenteppich lag vor dem Bett. Das Bett befand sich in einer Art Alkoven. Dann gab es noch einen Schrank und einen Schreibtisch und zwei Stühle. Aus dem Fenster hatte man einen weiten Blick über die Allgäuer Bergwelt ringsherum.

Die Frau war ihrem Blick gefolgt.

»Den See kannst von diesem Fenster nicht sehen. Ich hab mir gedacht, das macht dir nichts, du wirst ihn ja jetzt alle Tage sehen, nicht wahr? Aber die Fremden sind wild darauf. Darum bekommen sie immer die Zimmer mit Seeblick.«

»Ja«, sagte Anne befangen, sie wusste nicht, was sie sonst noch antworten konnte.

Dies war also ihr neues Zuhause. Auf Zehenspitzen betrat sie den Raum und blieb dann stehen, da sie nicht wusste, was sie nun beginnen sollte.

»Na, gefällt es dir?«

»O ja!«

»Hier haben Sie den Zimmer- und Hausschlüssel. Sie sind also jetzt Ihr eigener Herr.«

Ganz plötzlich war die Frau zum Sie übergegangen, und Anne fühlte sich unglücklich. Alles war so unpersönlich, so kalt.

»Sie können sich hier wohl fühlen. Hier, hinter dem Vorhang, ist die Waschgelegenheit, aber nun kommen Sie, ich zeige Ihnen noch das Bad. Gegessen wird unten. Aber das finden Sie schon von alleine. So groß wie das Heim ist mein Haus ja nun nicht. Na, dann will ich mal gehen.«

Anne war mit sich und ihren einsamen Gefühlen allein.

Sie öffnete den Schrank und packte die paar Habseligkeiten aus. Die Oberschwester hatte ihr ein paar Bücher geschenkt, diese stellte sie nun auf den kleinen Schreibtisch, und dann war auch schon ihre Arbeit getan.

Morgen musste sie die Stelle im Gemeindeamt antreten. Ab nun würde sie selbst Geld verdienen und konnte darüber verfügen, wie sie es wollte. Sie setzte sich auf einen Stuhl am Fenster und stützte den Kopf in ihre Hand.

Die Berge wirkten so vertraut und heimelig.

Sie weinte ein paar Tränen in ihrer Einsamkeit. Wieso sie jetzt wieder an die unbekannten Eltern denken musste, wusste sie auch nicht. Immer wenn das Leben so qualvoll für sie war, musste sie an sie denken.

Nein, sie würde es nicht leicht haben. Ganz bestimmt nicht hier in Holzkirchen. Sie spürte es ganz deutlich. Und sehr bald sollte sie auch die feinen Unterschiede kennenlernen.

Holzkirchen war nicht so groß, dass man sich nicht kennen würde, o nein, jeder kannte sich. Nur die Fremden kamen wie Hornissenschwärme und brachten das viele Geld. Zu ihnen war man freundlich und nett. Das gehörte sich nun einfach. Aber sie war ja kein Gast, sie war - ja, was war sie eigentlich?

Irgendwann musste sie ja auch wohl mal nach unten gehen. In dem kleinen Raum lernte sie dann die Fremden kennen. Sie saß in der Ofenecke und wagte nicht aufzublicken, so peinlich waren ihr die Blicke der Fremden. Die Wirtin hatte es nicht versäumt, von dem Mädchen zu berichten. Sie tat sich hervor, dass sie halt ein gutes Herz habe.

»Man muss ihnen doch ein Heim bieten, nicht wahr? Ja, ja, auch in unserer Zeit gibt es noch harte Schicksale. Sie hat es nicht einfach, so ohne Familie und nicht wissen, welches Blut in den Adern fließt. Das ist schon eine Sünd und Schand. Bestimmt sind es Fremde gewesen. Jawohl, ich will dafür meine Hand ins Feuer legen, gewiss waren es Fremde. So eine Gemeinheit, so ein Wurm fortzuschicken. Sich ganz allein zu überlassen.«

Anne würgte die Bissen hinunter und flüchtete darauf wieder in ihr Zimmer.

*

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DER NÄCHSTE MORGEN stieg klar und wolkenlos über die Berge. Es versprach ein schöner Tag zu werden. Schon ganz in der Frühe hatten die Vögel ihr Morgenkonzert abgehalten. Anne sprang mit beiden Beinen aus dem Bett und ging zum Fenster. Unterhalb der Regenrinne saß ein dicker schwarzer Kater und war mit seiner Morgenwäsche beschäftigt. Es sah sehr putzig aus, wie er immer wieder mit den weichen Pfoten hinter seine Ohren strich. Dann musste er wohl die Lauscherin bemerkt haben. Er wandte den Kopf, die unergründlichen Katzenaugen sahen sie für einen Augenblick groß an, dann stand er auf und balancierte über das schmale Sims und war im nächsten Augenblick verschwunden. So etwas wie Trauer blieb in ihrem Herzen zurück. Doch nun durfte sie nicht trödeln, in einer halben Stunde musste sie aufbrechen, wenn sie nicht gleich am ersten Tag zu spät zur Arbeit kommen wollte.

Die Urlaubsgäste schliefen alle noch, bis auf ein paar unermüdliche Wanderer, die hatten schon in aller Frühe die Pension verlassen.

Die Uhr zeigte unerbittlich die Stunde an, und sie musste nun auch gehen. Zum Gemeindeamt war es nicht sehr weit, und sie konnte jeden Mittag zurückkommen, um hier zu essen.

Nun stieg sie die breiten ausgetretenen Steinstufen hinauf und klopfte an die Tür zum Vorzimmer des Bürgermeisters, so hatte es ihr die Oberschwester empfohlen.

Ein älterer Herr kam ihr entgegen und musterte sie neugierig, bis sie sich vorgestellt hatte.

»Ah, Sie sind also unser neuer Lehrling aus dem Waisenhaus, ja, richtig, ich weiß Bescheid. Nun denn. ..« Neugierig huschten seine Blicke über das zierliche Mädchen.

Herr Alois Pachl, so stellte er sich vor, hatte eine ganze Menge Fragen an sie zu richten. Zum größten Teil konnte sie sie auch beantworten. Zwischendurch kamen immer wieder neue Menschen durch das Zimmer und wurdem dem Mädchen vorgestellt. Dann musste sie noch den Ausbildungsvertrag unterzeichnen.

«Plötzlich blieb Herr Pachl stehen und sagte: »Eh’ ich es vergesse, um Ihren Unterhalt und das Zimmer brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Das regeln wir, wir haben schon mit Ihrer Wirtin gesprochen!«

Mitleid stand in seinen Augen zu lesen.

Anne fühlte sich gedemütigt. Es ist, als wäre ich eine Almosenempfängerin, dachte sie qualvoll. Was kann ich denn dafür, dass ich keine Eltern habe!

Aber sie wurde in ihren Gedankengängen unterbrochen. Herr Pachl öffnete eine Tür und sagte: »Hier bringe ich euch die neue Auszubildende. Fresst sie nicht gleich auf, ihr wisst, woher sie kommt.«

Man lachte, ein paar Männer standen im Raum und begrüßten Anne. Langsam aber sicher hatte sie das Gefühl, an einem Abgrund zu stehen. Alles kam so plötzlich und so schnell, dass sie einfach nicht mehr mitkam. Mit zwei jungen Männern sollte sie ab jetzt das Zimmer teilen und unter deren Regie lernen, wie man eine richtige Angestellte wurde.

Dann war Herr Pachl fort, und sie stand hilflos lächelnd im Raum und fühlte, wie das Blut in ihre Wangen hinaufstieg.

Man schien Mitleid mit dem jungen Mädchen zu haben. Auch wusste man, woher sie kam und dass sie mutterseelenallein auf dieser Welt stand. Michl Leitner, dreiundzwanzig Jahre alt, nahm sich vor, besonders nett zu dem Mädchen zu sein.

Ein wenig konnte er sich in sie hineinversetzen. Sein Vater war Holzfäller, daheim besaß man keine Hofwirtschaft und war demnach auch nicht angesehen in Holzkirchen. O ja, die Geschlechter der Hofbesitzer konnten einem schon das Leben recht schwer machen. Er konnte ja noch von Glück reden, dass er einen klugen Kopf hatte und hier auf dem Gemeindeamt Arbeit gefunden hatte, sonst war nur noch der Tourismus zuständig, und dort war man dann auch nur Angestellter. Dort bekam man dann auch noch von den Gästen zu spüren, dass man ein Nichts war.

Also spürte er jetzt deutlich die Qual des jungen Mädchens. Er hatte ja noch Familie, er war kein Findelkind. Mein Gott, dachte Michl unwillkürlich, wenn es wirklich einen Gott gibt, warum hat er das zugelassen? Warum immer die Unschuldigen, die sich nicht wehren können?

Weshalb ist sie nicht nach Innsbruck oder Salzburg gegangen? Dort kennt man sie nicht, dort taucht sie unter. Dort weiß man nicht, dass sie ein Heimkind ist. Dorthin gehen sie doch fast alle, die von dem Heim hinter den Bergen kommen. Einmal war er dort gewesen. An einem heißen Sommertag hatten sie mit Freunden eine Wanderung unternommen und hatten von oben das Heim gesehen.

Herr Gringer hatte die Oberaufsicht, und dieser gab ihr einen Stoß Formulare, die sie abzustempeln hatte. Er zeigte ihr auch,.wo und wie man es machte. Dann war sie für eine Weile mit sich allein beschäftigt und tat alles, wie ihr geheißen wurde.

Auf dem Formular stand groß und dick »Einwohnermeldeamt«. So wusste sie also auch, wohin sie geraten war. Nach einer Stunde war die Zeit für das Publikum angebrochen, und es war ein Kommen und Gehen. Anne sah nicht auf und arbeitete fleißig, wie man es ihr befohlen hatte. Herr Gringer war erstaunt, als sie ihm kurze Zeit später schon alles wieder zurückbrachte.

»Können Sie schon Schreibmaschine schreiben?«, war seine Frage.

»Ein wenig schon«, sagte Anne errötend. Denn die Oberschwester hatte angeordnet, sie auf einen Kurs für Maschinenschreiben zu schicken. Dieser Kurs lief neben ihrer Schulzeit im letzten Jahr.

Der Rücken schmerzte schon, denn sie war das lange Sitzen nicht gewohnt. Aber aufhören, nein, sie wollte gut und tüchtig werden, denn nur so würde sie anerkannt und ihren Platz erobern können.

Da legte sich auf einmal eine Hand auf ihre Schulter, und sie sah erschreckt auf.

»Sie arbeiten ja als würde die Welt untergehen. Machen Sie doch langsamer, und jetzt ist übrigens Pause!«

Michl Leitner stand lachend hinter ihr.

Anne sah ihn groß an und ließ die Hände von den Tasten sinken. Außer den beiden war niemand mehr im Raum.

»Wollen Sie nicht frühstücken? Oder haben Sie keinen Hunger?«, fragte er das Mädchen.

»Ich habe schon«, sagte es leise.

»Da«, er schob ihr einen Apfel zu. »Essen Sie ruhig!«

Sie starrte auf den Apfel und dann auf den Mann und begriff das nicht. Der Apfel lag in der Sonne und glänzte hell. Michl fühlte sich ein wenig unbehaglich in seiner Haut. Warum starrte sie einen ständig mit diesem großen Blick an?

»Ich schenke Ihnen den Apfel, nehmen Sie ihn ruhig. Ich habe noch mehr davon«, sagte er laut, um seine Gefühle zu verbergen.

Anne streckte langsam die Hand nach dem Apfel aus, sah ihn an und lächelte.

»Schenken«, sagte sie langsam. Wie verloren klang es zwischen den hohen Aktenschränken. Und noch einmal: »Schenken?« Da huschte auf einmal ein leichtes Lächeln über ihre Züge, und zwei Grübchen zeigten sich auf ihrem Gesicht. Michl war wie versteinert über diese Verwandlung. Der Kragen wurde ihm zu eng. Das Mädchen tat ja so als hätte er es gerade mit einer Kostbarkeit bedacht!

Anne biss nun in den Apfel, und er war saftig und süß. Als sie das entgeisterte Gesicht des Mannes bemerkte, sagte sie leise, wie entschuldigend: »Man hat mir noch nie etwas geschenkt! Ich kenne das nicht, ich glaube, ich bin noch sehr dumm, ich muss noch viel lernen!«

Michls Kehle schnürte sich zusammen, und er aß hastig weiter. Er hatte doch schon wieder vergessen, woher sie kam. Armes Ding, dachte, er bei sich.

*

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BEIM KOLLEGEN MICHL Leitner fand Anne immer Rat, wenn sie nicht mehr weiter wusste. Er war lieb und freundlich und behandelte sie nicht voh oben herab. Sie waren so etwas wie eine kleine Insel geworden, Michl und sie. Und die anderen hörten auf, an das seltsame Mädchen aus den Bergen zu denken. Da sie sich nie in den Vordergrund drängte, nie mit den Männern zu flirten versuchte, nie sich in etwas einmischte und ihre Arbeit schnell und gut machte, so war sie nur ein grauer Schatten, den man liebend gern vergaß. Man hatte seine eigenen Sorgen, und man musste selbst sehen, wie man weiterkam.

Doch niemand machte sich die Mühe, mal in die großen Augen des Mädchens zu blicken. Denn dann hätte er die stumme Frage darin gesehen, die Bitte, lasst mich doch nicht allein, seid doch nett zu mir! Ich bin so einsam und verlassen, so schrecklich traurig! Auch Michl sah diesen geheimen Kummer nicht. Da er immer seltsam angerührt wurde, wenn er mal einen kurzen Blick in diese Augen wagte, so gewöhnte er es sich an, mit ihr zu reden, ohne sie anzublicken. So hörte er nur die weiche kindliche Stimme. Aber sie verbarg das heimliche Leid.

Soweit sie zur Arbeit musste, war auch alles gut, sie hatte dann keine Gedanken für das Nachher und musste sich konzentrieren. Aber da waren die langen Samstage und Sonntage. Da lief sie zum See. Er war wie ein Magnet, obwohl sie sich anschließend sehr verzweifelt vorkam. Hier gab es so viele fröhliche Menschen. Überall wo sie hinsah, konnte man glückliche Familien mit Kindern sehen, und sie spürte dann einen Stein auf ihrem Herzen und dachte verzweifelt, warum muss ich so einsam sein. Warum?

Die Fremden beachteten sie kaum, sie wunderten sich wohl ein wenig, dass sie eigenartig war und sich auch anders kleidete als die Mädchen aus dem Ort. Sie konnten ja nicht wissen, dass sie ein Heimkind war. Die Fremden sahen nur die Berge, den See, die schönen Höfe und dachten, ach ja, hier ist noch die heile Welt. Hier gibt es nur gute und rechtschaffene Menschen. Probleme, nein, die hatte man ja daheim gegnug, damit wollte man sich hier nicht belasten.

Anne war auch viel zu schüchtern, um sich jemandem anzuvertrauen, und so blieb sie ein Einzelgänger. Im Ort selbst fand sie auch kaum Kontakt. Im wesentlichen waren die Töchter von den Höfen oder von den Pensionen. Sicher, es gab auch ein paar, die sich ihren Lebensunterhalt wie sie erarbeiten mussten. Aber diese waren sogar hochmütig und sahen Anne kaum, obschon sie wussten, woher sie kam. Denn in so einem kleinen Ort sprach es sich schnell herum. Weil sie eben diesen Makel hatte, kümmerte man sich nicht um sie, zeigte es ihr ganz deutlich, wie wenig man von ihr hielt.

Das alles bekam sie mit, und ihr Herz wurde noch schwerer. Nur der See war gleichbleibend, er war irgendwie tröstend, wieso, das konnte sie sich auch nicht erklären.

Das junge Mädchen ging so lange, bis sie eine Stelle fand, wo sie ganz allein am Ufer war, und dann träumte sie. Ja, träumen, das ließ man sie, und sie träumte von einer schönen Zukunft. Obwohl sie sich noch gar nicht erklären konnte, wie diese Zukunft auszusehen hatte.

Auch in dem Haus, in dem sie wohnte, fand sie keinen Anschluss. Die Wirtin kümmerte sich mehr um die gut zahlenden Gäste, und diese wechselten so schnell, dass sich Anne nicht mal die Gesichter einprägen konnte.

Es war also niemand da, der sie behutsam mal bei der Hand nahm, mit ihr spazierenging, sie ansprach, ihren kleinen Kümmernissen zuhörte. Nur das große stumme Schweigen lag wie ein bleierner Schleier um ihre zarten Schultern.

Das Leben zog seine Bahn, pulsierte heftig, und der Stundenschlag des Ortes hörte nie auf. Anne starrte die Berge an, wenn sie in ihrem Zimmer saß. Immer wieder dachte sie verzweifelt: Ist denn niemand da in diesem Ort, niemand, der mich versteht, der vielleicht auch so einsam ist wie ich? Der sich freut, wenn ich komme? Niemand?

Dieser stumme Ruf verhallte, wie so vieles an einem See verhallt, wenn er groß ist. Es war falsch zu denken, nur alte, verlassene Menschen sind allein und traurig. Wie viele junge Menschen gibt es, die können so einsam sein.

Dann trug sich etwas sehr Seltsames zu.

Anne sollte noch lange darüber nach denken. Sie war wie an jedem Morgen in der Woche in das Gemeindeamt gegangen und saß an ihrem Schreibtisch und arbeitete fleißig. Es war ihre Aufgabe, Pässe und Ausweise zu beschriften, entweder mit der Maschine oder mit ihrer klaren, schönen Schrift. Sie wunderte sich oft, dass die Einheimischen jetzt so viel reisten. Aber sie besaßen ja alle ein Auto, und sie hatten jetzt auch viele Maschinen im Haus, die machten das Leben viel leichter. Die Fremden hatten auch hier ein wenig die Hektik mit hereingebracht. Man wollte nicht mehr so dumm sein wie früher. Mal nach München oder auch mal nach Italien, warum sollte man es nicht tun?

Die Bogen mit den Namen lagen zu ihrer Linken, und sie las aufmerksam jeden Namen. Auf einmal stockte ihr der Atem, die Augen weiteten sich unmerklich! Für einen Augenblick schloss sie die Augen, blickte noch einmal darauf nieder und las dann leise für sich: »Evi Wallner, geb. Günzel.«

Sie wagte nicht zu schreiben, für einen Moment war sie zu aufgeregt. Günzel, ihr eigener Name. Zum ersten mal las sie ihn an fremder Stelle. Bis jetzt hatte man ihr so oft gesagt, es sei ein seltener Name. Von der Schwester hatte sie erfahren, dass dies ihr richtiger Name sei, nicht von einer Behörde ausgesucht. Und auf ihrem Geburtsschein stand auch der Name. Aber Mutter und Vater unbekannt. Wie kam das? Musste nicht die Mutter dann so geheißen haben? Aber vielleicht war sie gleich bei ihrer Geburt gestorben, und so hatte man nur den Namen eingetragen und alles andere fortgelassen!

Günzel! Der Name stach ihr in die Augen. Sie musste mehr von dieser Evi Günzel . wissen! Viel mehr! Vielleicht war sie eine Verwandte! Sie war doch nicht umsonst hier auf dem Meldeamt, und sie konnte doch auch die Einheimischen fragen.

»Na, geht es flott?«, wollte Michl wissen.

Anne hob den Kopf und blickte ihn ruhig an.

»Kennen Sie eine Evi Wallner?«

Michl, ihr Kollege, sah sie verblüfft an.

»Wie kommen Sie denn auf die?«

»Ach, sie beantragt einen Pass, und da dachte ich mir, ob Sie wohl alle im Ort kennen?«

»Freilich kenne ich sie. Jeder kennt die! Kommen Sie mal mit und stellen Sie sich ans Fenster! So, sehen Sie da drüben das große, schöne Gebäude mit den herrlichen Malereien? Es steht unter Denkmalschutz. Sie glauben gar nicht, wie viele Fremde das fotografieren. «

»Was ist mit dem Gebäude?«

»Nun, dort lebt die Evi Wallner, die Bäuerin, oder sagen wir mal Hofbesitzerin. Sie haben den größten Hof im Tal und sind auch die reichsten Leute hier. Die haben schon was zu sagen. Wenn mich nicht alles täuscht, soll im nächsten Jahr ihr Mann hier Bürgermeister werden.«

Anne blickte wie gebannt auf den schönen Hof, der sich bis zum See erstreckte.

Michl schien ihre Gedanken zu erraten: »Sie haben hier den besten Grund, und die schönen Wiesen dort unten am See herum gehören alle den Wallners, ja, die wissen schon zu leben. Sie beantragt also einen Pass, nun, das kann sie sich ja leisten. Sie sind so reich, dass sie noch nicht mal Fremde aufnehmen müssen, obwohl man schon so oft angefragt hat. Platz haben sie schon, aber sie wollen es nun mal nicht. Die Bäuerin ist übrigens sehr stolz, und kalt soll sie auch sein. Aber wie gesagt, das erzählt man sich nur. Ich hab keinen Kontakt mit der Evi und ihrem Mann.«

»Haben sie auch Kinder?«

»Soweit ich mich erinnere, ja, sie haben zwei Kinder. Ein Bub und ein Mädchen. Zwölf und zehn Jahre alt müssten sie sein, zwei recht stille Kinder übrigens.«

Anne konnte nicht genug von dieser Evi erfahren. Warum sie so begierig war, sie wusste es auch nicht. Da war etwas in ihrem Herzen, das sie einfach zwang weiterzufragen. Aber der Kollege konnte jetzt auch nicht mehr viel berichten.

Das Haus war ihr schon aufgefallen, und sie hatte auch schon ein paar mal sehnsüchtig hinübergeschaut, wenn sie daran vorbeikam. große Eichen standen vor dem Gebäude, was sehr selten war in den Bergen.

»Der Hof soll schon über dreihundert Jahre alt sein.«

Anne wandte sich dem Kollegen zu.

»Diese Evi, ist sie auch von hier?«

Michl dachte nach.

»Nein, das ist sie nicht. Er hat sich das hübsche Mädchen geholt. Ja, ich kann mich noch daran erinnern, damals war ich noch ein Kind, als sie heiratete, aber doch alt genug, um zu begreifen, wie aufgebracht der Ort war.«

»Warum?«

»Ich glaube, es ging um viel Geld. Die Väter haben das gemacht, Ansehen und so fort, und man neidete es ihm, dem Wallner, aber du kennst es ja, wie es ist. Wenn man nix hat, dann kriegt man auch nix. Wer einen guten Hof besitzt oder viel Geld, der kriegt noch viel mehr. So ist das und so wird es immer bleiben. Hast doch selbst schon bemerkt, die reichen Hoftöchter tragen die Nasen besonders hoch. Wenn erst unser Talfest ist, dann kannst was erleben. Du liebe Güte.«

Michl sprach jetzt schon mehr mit sich selbst. Denn er war ja ein Sohn dieser Berge, und er musste es wohl wissen. Hatte er doch mal eine heimliche Liebe besessen,, aber sie hatte ihn nur ausgelacht.

»Einen Schreiberling soll ich nehmen? Bist wirklich so narrisch, Michl, das soll doch wohl nicht ernst gemeint sein, wie?« Und sie hatte laut gelacht.

Er biss sich auf die Zähne.

Würde er je hier sein Glück finden?«

Sein Blick fiel auf die kleine Anne, aber dann seufzte er vor sich hin. Sie war ja noch so jung, nun, in ein zwei Jahren war sie reif für die Ehe. Auch wenn er sie vielleicht bis dahin zu lieben begonnen hatte, hatte es doch keinen Zweck, sie war ja ebenfalls so arm wie eine Kirchenmaus.

Wo sollte man denn hier wohnen?

Bei den Eltern?

Die hatten selbst nur ein kleines Haus und es musste dringend repariert werden. Hier bauen? Nein, die Grundstückspreise waren so in die Höhe geschossen, für einen einfachen Mann ohne Grund und Wald und Vieh war es einfach unmöglich. Ja, ausgerechnet den Wallners hatte man das zu verdanken. Sie kauften vieles auf und bauten und verpachteten es dann. Wenn es so weiterging, würde ihnen eines Tages das ganze Tal gehören.

Plötzlich erinnerte er sich daran, dass das Mädchen noch immer neben ihm stand.

»Nun, dann wollen wir mal wieder an unsere Arbeit gehen.«

Anne dachte pausenlos an das Gesagte. Evi Wallner! Es war doch nutzlos, wirklich. Eine ganz fremde Frau war das doch für sie! Aber sie konnte nicht davon loskommen, immer wieder starrte sie den Namen auf der Liste an.

Ob sie einmal hingehen sollte?

Ach, was für einen Unsinn sie sich doch dachte. Ganz schön blamieren würde sie sich. Und überhaupt, was sollte sie denn sagen? Ich bin Anne Günzel. Sind Sie vielleicht mit mir verwandt?

Was hatte Michl gesagt, sie käme nicht von hier? Ihr Herz ging schneller. Vielleicht kannte sie wirklich noch andere Günzels. Es wäre doch möglich.

Nein, sie durfte jetzt nicht mehr daran denken, die Arbeit musste getan werden. Sie hatte versprochen, vor Mittag mit dem Stapel fertigzuwerden.

In der Mittagspause musste sie schon wieder daran denken. Vielleicht war doch etwas an der Sache. Warum beantragte die Bäuerin gerade jetzt einen Pass? Jetzt, wo sie dort angestellt war? Wenn sie ihn nur ein paar Wochen früher bestellt hätte, hätte sie nie erfahren, dass die reiche Bäuerin Wallner eine geborene Günzel war. Das Schicksal meinte es doch irgendwie gut mit ihr, oder vielleicht nicht?

»Evi Günzel«, flüsterte sie leise vor sich hin. »Evi, wie lustig das klingt. Heiter und beschwingt.«

*

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SIE VERDRÄNGTE TAGELANG dieses Wissen, aber es kam immer wieder zurück. Jedes mal wenn sie zum See ging, musste sie an diesem Hof vorbei. Wie benommen blieb sie dann ein wenig stehen und blickte zu dem Haus hinüber. Bis jetzt hatte sie die Frau noch nicht zu Gesicht bekommen. Sie kannte sie ja auch nicht!

Dieser Hof war wie ein Magnet. Sie musste ihn umkreisen, sie tat es auch bis zum See hinunter, und sie konnte auch in den herrlichen Garten sehen. Alles sah sie, aber nicht die. Familie selbst.

Dann kam der Augenblick, wo sie einfach gehen musste. Anne war so zerfahren, dass sie wusste, ihr Herz würde nur Ruhe finden, wenn sie erfuhr, was mit dieser Frau war. Sie. musste es einfach wissen.

Plötzlich befand sie sich im Flur des Hofes, und sie rief leise, denn es war üblich, dass die Türen offenstanden. Man war ja stets irgendwo.

Sie musterte die schöne Diele, und ihr Herz wurde schwer. Warum? Plötzlich stand eine ältere Frau vor ihr.

»Was wollen Sie? Wir vermieten keine Zimmer.«

Anne zuckte zusammen.

Sie starrte die Frau an, nein, das könnte unmöglich Evi sein, die war jünger, sie kannte ja das Geburtsdatum.

»Ich möchte bittschön die Bäuerin sprechen.«

Die Frau war die Haushälterin, ja, so etwas konnten sich die Wallners leisten. Sie stammte noch aus dem Bestand des Vaters. Weil sie keine Familie besaß und nie geheiratet hatte, war sie geblieben. Man behandelte sie gut und zahlte ihr auch einen rechten Lohn.

»Warum?«

Die scharfen Augen musterten das Mädchen.

»Bittschön, ich muss sie sprechen«, flüsterte Anne und wunderte sich selbst über ihren Mut. Am liebsten wäre sie geflohen, weit fort, hätte sich verkriechen mögen, vor den forschenden Augen.

»Ich kenne dich nicht, ich weiß nicht. Sag’ schon, was willst du? Woher kommst du?«

Das junge Mädchen war wie im Traum hierhergegangen und hatte gar nicht weiter darüber nachgedacht, was sie sagen wollte. Deswegen war sie jetzt auch so benommen und fühlte, wie ihr das Blut aus den Wangen wich.

Sie hörte Geräusche, und sie hörte das Brausen des eigenen Blutes und musste sich an der Wand festhalten.

Eine Tür wurde geöffnet, und eine Frau betrat die Diele. Sie war mittelgroß, schmal und hatte braunes Haar und dunkle Augen. Kühl musterte sie das Mädchen vor sich, kam näher und sagte laut: »Wer ist das, Resl?«

»Das möchte ich auch gerne wissen, sie hat gesagt, sie will zu dir. Aber krieg mal heraus, was sie will, wenn sie stumm wie ein Fisch ist.«

Anne stand unbeweglich vor ihr.

Jetzt wusste sie, dass sie sprechen musste, oder man würde sie hinausjagen. Ein zweites Mal würde sie keinen Mut mehr aufbringen und kommen.

Klar und deutlich sagte sie: »Ich bin Anne Günzel!«

Hatte sie sich getäuscht’ oder war die Frau wirklich zusammengezuckt? Ihre Augen wurden merklich größer, und der schön geschwungene Mund blieb vor Verblüffung offenstehen.

»Komm mit!«

Ehe sich das junge Mädchen versah, hatte die Bäuerin sie am Arm gepackt und ins nächste Zimmer gezerrt. Zu Resl gewandt presste sie hervor: »Ich kümmere mich schon darum. Schau nach dem Essen, ich hab das Fleisch aufgesetzt.«

Die Tür fiel mit einem Knall ins Schloss.

»Anne Günzel!«

Wie böse es aus ihrem Mund klang.

Kalt lief es dem Mädchen über den Rücken. Es war ihr als hätte plötzlich die Sonne aufgehört zu scheinen.

»Wer schickt dich? Hat Paul dir die Adresse etwa gegeben? Verflucht, ich ...«

Anne sah plötzlich das angstverzerrte Gesicht vor sich, und ihr Herz sagte ihr unmissverständlich, das ist deine Mutter!

Schlaff hingen die Arme an ihrem Körper herab. Sie fühlte weder das Herz, noch hatte sie die Kraft, klar zu denken. An alles hatte sie gedacht, aber nicht, dass sie ihre eigene Mutter hier finden würde.

Ihre Mutter!

Evi Wallner, ihre Mutter!

Starb man nicht über diese Erkenntnis? Brach man nicht zusammen? Bekam man denn keinen Herzschlag?

Ihre Mutter!

Die reichste Bäuerin im gazen Umkreis, ihre Mutter! So nahe hatten sie all die Jahre gewohnt!

Ihre Mutter!

»Nicht wahr, Sie sind meine Mutter?«, fragte sie leise und sah sie sehr genau an.

Evi Wallner zuckte zusammen.

Nervös rannte die Frau hin und her. Der Schlag war so plötzlich gekommen, nach all den Jahren! Sie hatte schon lange alles vergessen. Und jetzt?

»Sie sind doch meine Mutter, oder?«

Evi Wallner schrie das Mädchen an.

»Sag’ nicht Mutter zu mir!«

Anne war einer Ohnmacht nahe.

Sie hatte eine leibliche Mutter!

Sie nahm all ihren Mut zusammen.

»Ich spreche Sie ja nur so an, weil ich es wissen will, ob Sie es sind!«

Unbeherrscht fuhr Evi Wallner sie an: »Warum, willst du es wissen, wenn du doch schon alles weißt! Warum bist du überhaupt gekommen? Willst du mir meinen Ruf zerstören, oder was hast du vor? Niemand weiß von deiner Existenz, und wenn, dann bin ich verloren, dann gibt es für mich kein Halten mehr. Ja, ja, du bist meine Tochter, du weißt es ja schon. Du warst eine Jugendtorheit von mir, ich kann nichts dafür. Aus, vergessen. Ich habe dich wirklich vergessen und hätte bestimmt nie mehr an dich gedacht, wenn du nicht so plötzlich hier hereingeschneit gekommen wärst!«

Anne betrachtete ihre Mutter und empfand nichts für sie.

Wie hatte sie sich eigentlich ihre Mutter in ihren Träumen immer vorgestellt? Lieb, nett, reizend, herzlich, und jetzt saß die leibhaftige Mutter vor ihr.

Anne schluckte.

Das Leben konnte so grausam sein, also war alles Bestimmung, sie hatte die Karte lesen müssen. Evi hatte einen Pass beantragen müssen. Das Schicksal wollte sie zusammenführen. Auf diese Art und Weise.

Jetzt wusste sie auch, warum sie solche Sehnsucht nach einem einfachen Leben auf einem Berghof hatte. Es lag in ihrem Blut!

»Woher kommst du?«

Evi Wallner musste sie dreimal fragen, bis sie endlich antwortete.

»Aus einem Waisenhaus. Ich wohne jetzt hier und arbeite auf dem Gemeindeamt.«

»Mein Gott«, stöhnte Evi und bekam einen harten Glanz in den Augen. »Mein Gott, warum ausgerechnet hierher? Er hätte daran denken können. Ich ...«

Anne blickte sie traurig an.

Es lag so viel Hass in den Augen der Frau.

»Warum bist du gekommen, was willst du von mir? Du willst doch etwas, schnell, sage es mir, damit ich es weiß. Gleich wird man uns stören, und niemand darf wissen, dass du meine Tochter bist. Schon gar nicht mein Mann, keiner. Du wirst doch schweigen?«

Die Augen der Frau hingen jetzt angstvoll an dem Gesicht des Mädchens.

Jetzt erkannte Anne auch die Familienähnlichkeit mit sich und der Frau.

Mit zerbrechender Stimme sagte sie: »Ich will gar nichts, ich wollte nur wissen, ob Sie mit mir verwandt sind!«

Evi sprang auf und starrte sie entgeistert an.

»Soll das heißen, du hast die ganze Zeit gar nichts gewusst? Überhaupt nichts? Du hast nicht gewusst, dass ich deine Mutter bin? Das ist ...«

»Nein«, sagte Anne ruhig.

Evi schlug sich vor den Kopf und stöhnte auf.

»Ich hätte es also leugnen können. Jetzt ist es aber zu spät! Willst du Geld, oder was?«

»Ich sagte doch eben, ich will nichts«, erklärte Anne eisig.

»Aber du siehst danach aus, als hättest du nicht viel Geld. Wie alt bist du eigentlich?«

»Das weißt du auch nicht mehr?«

Anne war den Tränen nahe. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen.

»Natürlich weiß ich es«, sagte Evi schnell.

Nun stand Anne mitten im Zimmer und sah sie mit seltsamen Augen stumm an. Was sie wohl denkt, überlegte eiskalt die Bäuerin. Was mache ich nur, ich muss eine Lösung finden. Ich muss, ich kann doch nicht...

Sie wollte zum Sprechen ansetzen als in diesem Augenblick sich die Tür öffnete und zwei Kinder den Raum betraten. Evi zuckte unwillkürlich zusammen. Vor Anne standen plötzlich ein Junge von zwölf Jahren und ein Mädchen von zehn mit blonden Haaren und blauen Augen.

Als sie das fremde Mädchen bemerkten, blieben sie verdutzt stehen und blickten dann die Mutter erstaunt an.

»Wer ist denn die?«

Anne starrte die Kinder an und schluckte.

Die Bäuerin sagte hastig: »Geht wieder spielen, ich kann mich jetzt nicht um euch kümmern. Oder geht zur Resl, sagt ihr, wir können bald mit dem Essen anfangen. Ich hab noch zu tun.«

»Mutter, was will denn die bei uns?«

»Geht jetzt!«

Hastig schob sie die Blondköpfe aus dem Zimmer.

Anne war weiß wie ein Laken und fühlte ihr Herz nur noch ganz undeutlich. Das alles war einfach zuviel für das junge Mädchen. Sie war nahe daran zusammenzubrechen.

Evi Wallner wandte sich wieder dem Mädchen zu. Sie hatte einen hellen Glanz in den Augen und ein nervöses Zucken um die Lippen.

»Siehst es ja selbst, ich kann mich im Augenblick nicht konzentrieren, geh, ich werde mich schon kümmern. Oder sag doch endlich, was du von mir willst!«

»Nichts«, stammelte Anne, die mit Mühe versuchte, sich zu beherrschen.

Alles war so schrecklich, furchtbar.

Evi umfasste ihren Arm.

»Ich werde mir was überlegen, hörst, ich werde es, aber du musst mir versprechen zu schweigen, hast mich verstanden? Du wirst es doch?«

Anne wich bis zur Tür zurück.

»Wenn du es nicht tust, kann ich auch was anderes unternehmen, hast mich verstanden?«

Anne war so jung, so weltfremd, sie bemerkte noch nicht mal die offene Drohung.

Sie wusste jetzt nur eins, sie musste von hier fort, sie musste sich in ihrem Zimmer verkriechen und darüber nac denken. Es war zuviel!

»Ja«, flüsterte sie gebrochen.

Dann verließ sie das Zimmer.

Evi Wallner folgte ihr mit brennenden Augen. Im Gang stieß sie auf Resl und zuckte unwillkürlich zusammen. Hatte sie etwa an der Tür gelauscht?

»Ja, dann bis bald«, sagte Evi laut und schloss dann die Tür hinter dem verzweifelten Mädchen.

Anne taumelte vom Hof. Sie wusste später noch nicht mal zu sagen, wie sie in ihr Zimmer gekommen war. Als sie dort eintraf, fiel sie auf das Bett und verlor für einige Zeit die Sinne.

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DIE VERGANGENHEIT HATTE sie also wieder eingeholt!

Evi Wallner ballte die Hände.

»Nein, und nochmals nein, mir nicht, das passiert mir nicht. Das lass ich einfach nicht zu. Niemals!«

Sie stand oben auf der Hauswiese und blickte mit brennenden Augen auf den See.

Ein Entschluss war in ihr gereift. Ja, etwas musste geschehen, ganz sicher, sonst würde sie keinen Frieden mehr finden. Sie musste eine Lösung finden!

Siebzehn Jahre!

Sie lachte hart auf. Hier oben konnte sie es, denn niemand beobachtete sie. Gleich nach dem Essen war ihr Mann wieder fortgegangen. Man wollte einen Skilift bauen auf ihrem Grund, und da gab es noch viel zu regeln.

Resl räumte den Tisch ab. Evi hatte vorgegeben, droben nach dem Heu zu schauen, obwohl sie auch einen Knecht hatten.

Ihr Ansehen, ihr Stolz, ihre Familie, alles würde zunichte sein, wenn man im Ort erfuhr, dass diese Anne ihre Tochter war!

Da saß sie nun am Abhang und starrte auf den See, als könne sie von dort eine Antwort erhalten.

»Paul«, murmelte sie wütend vor sich hin. »Paul, das hast du mir angetan, das lass ich mir nicht gefallen. Wir hängen zusammen. Du musst jetzt sehen, wie es wieder in Ordnung gebracht wird. Jetzt wirst es müssen.«

Sie sprang auf und lief die Wiese hinunter.

Als sie den schönen Hof erreichte, lag dieser wie ausgestorben da. Die.Kinder spielten sicher mit den anderen im Dorf. Sie würden erst gegen Abend eintreffen. Resl war ja auch nicht mehr die Jüngste und hatte sich schlafen gelegt.

Leise schlich Evi in das Kontor ihres Mannes, dort musste sie lange suchen, bis sie endlich die Nummer ihres einstigen Geliebten gefunden hatte.

»Doktor Paul Gerrit!«

Das brannte schon in ihrem Herzen!

Damals hatte sie das Glück in Händen gehalten und hatte darüber gespottet!

Mit zittrigen Fingern wählte sie die Nummer. Nach einer Weile meldete sich eine weibliche Stimme.

»Ich möchte den Doktor sprechen, bitte!«

»In was für einer Angelegeriheit?«

»Privat!«

»Wie war Ihr Name?«

Die Wallnerin überlegt einen Augenblick.

Dann sagte sie hochmütig: »Fräulein, das geht Sie nichts an. Kann ich ihn sprechen?«

Es klickte in der Leitung.

Nein, es wäre wirklich nicht klug, ihr ihren Namen zu nennen, man konnte ja nie wissen.

Dann meldete sich eine Männerstimme.

»Doktor Gerrit, wer ist denn dort?«

»Ich bin es, die Evi!«

Für einen Augenblick war es totenstill, dann sagte Gerrit: »Nein, welch eine Überraschung, die Evi. Na so was, das ist ja wirklich fast so etwas wie ein kleines Wunder.«

Es klang wirklich erstaunt.

Die Bäuerin wollte sich jetzt nicht lange am Telefon auslassen, man konnte ja nie wissen. Mitwisser durfte es auf keinen Fall geben.

»Ich muss dich sprechen«, sagte sie hastig.

»Ja, nun, Evi, hat man dir denn nicht gesagt, wann die Sprechstunde geöffnet ist?«

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919820
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v425623
Schlagworte
holzkirchner g´schichten berge menschen schicksale band

Autor

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Titel: HOLZKIRCHNER G´SCHICHTEN # 1: Für immer heimatlos?