Lade Inhalt...

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 23: Sarazenen in Cornwall

von Tomos Forrest (Autor) Jasper P. Morgan (Autor)

2018 120 Seiten

Leseprobe

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 23: Sarazenen in Cornwall!

Tomos Forrest and Jasper P. Morgan

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 23: Sarazenen in Cornwall!

Tomos Forrest / Jasper P. Morgan

––––––––

image

ZYKLUS: DIE REBELLEN von Cornwall, Band 10

––––––––

image

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Titelbild: Nach einem Motiv von Jéan-Leon Géròme mit Steve Mayer, 2018

Mitwirkung: Ines Schweighöfer

Lektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald, Alfred Bekker und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

Klappentext:

image

In den vergangenen Wochen musste Sir Morgan of Launceston, der Löwenritter, immer neue Gefahren bestehen und sich gegen die verschiedensten Gegner durchsetzen. Doch dass ihn ausgerechnet in Cornwall seine jüngste Vergangenheit einholen würde, damit hatte er nicht gerechnet, denn ein Mann, der von glühendem Hass angetrieben um jeden Preis seine Rache vollenden will, ist auf der Suche nach ihm. Aber auch Sir Struan of Rosenannon, der Sheriff von Cornwall, hat mit Sir Ainsley Urquhart einen herausragenden und von allem gnadenlosen Kämpfer gewinnen können, der den Kampf sucht ...

***

image
image
image

1.

image

Schlag doch zu, los, kräftiger!“

Stahl schlug auf Stahl, und Boyd, der das Waffenhandwerk bei Sir Morgan of Launceston erlernen wollte, stöhnte laut auf. Der Schweiß rann ihm in Strömen über den Rücken, obwohl der Morgen sehr kühl begonnen hatte. Und auch jetzt, nach dem Aufgang einer fahlen Sonne, erwärmte es sich kaum.

Im letzten Augenblick sah Boyd den Schlag kommen. Ein sehr unangenehmer Bruch war es, den sein Waffenmeister ausführte. Mit dieser Technik durchbrach man den Kampf des Gegners, und schon der nächste Hau mit der kräftigen Klinge seines Ritters schlug ihm seine Waffe aus der Hand.

Boyd spürte den Schmerz vom Handgelenk über den Ellbogen bis in den Nacken hinaufjagen. Sir Morgan schenkte ihm nichts an diesem Morgen, und als er sich nach dem Schwert bückte, das im hohen Bogen klirrend auf die Steine gefallen war, musste er einen Schmerzenslaut unterdrücken. Aber als sich seine Finger um den Griff legten, erkannte er mit Entsetzen, dass sie zu dieser Bewegung nicht mehr in der Lage waren. Sein Arm war vom Ellbogen abwärts bis zu den Fingern von dem harten Schlag gelähmt.

„Na, Boyd, hast du diese Lektion gespürt?“, erkundigte sich mit seiner tiefen Stimme Morgan, sein Ritter und zugleich Waffenmeister.

Boyd hatte das Gefühl, dass sich die Augen der schönen Kriegerin Blejan in seinen Rücken brannten. Zusammen mit Meraud, der Falkenfrau, war sie den beiden Männern auf den Außenplatz gefolgt, um ihnen eine Weile beim Kampf zuzusehen.

Meraud hatte es schon nach kurzer Zeit vorgezogen, mit ihrem Falken zum Beizplatz zu gehen, um seine Ausbildung weiter zu vervollständigen. Blejan dagegen nahm auf einer Steinmauer Platz und schaute den beiden Männern zu. Der große, kräftige Morgan, dem sein schwarzes Kettenhemd und der schwarze Waffenrock mit dem steigenden, roten Löwen schon längst den Namen ‚Löwenritter‘ eingebracht hatte, schonte heute seinen Knappen keinen Augenblick.

Der letzte Schlag war heftig, und Boyd hatte Mühe, sich zu sammeln und zu reagieren.

Gewaltsam zwang sich der Knappe, die Finger zu bewegen und um den Schwertgriff zu schließen. Endlich gelang es ihm, und mühsam genug richtete er sich wieder auf.

„Mein Gott, Herr, ich bin am Ende, Gnade!“, rief er aus, als erneut die kräftige Klinge auf ihn herniederfuhr. „Ich ... kann meine Waffe ... nicht mehr halten!“

Dieser stöhnend vorgebrachten Bemerkung folgte sogleich eine neue Entwaffnung, kraftlos ließen seine Finger den gerade gefassten Griff wieder los, und erneut schlug das Schwert klirrend auf die Steine der mächtigen Festung Tintagel, dem Winterquartier der Rebellen.

„Und du glaubst ernsthaft, dein Gegner würde dich jetzt schonen, damit du wieder zu Kräften kommst, Boyd?“

Auf unangenehme Weise spürte Boyd plötzlich die Spitze des Schwertes an seinem Adamsapfel. Die Gedanken jagten durch seinen Kopf, ließen das letzte Geschehen noch einmal an ihm vorüberziehen. Was hatte er falsch gemacht? Und warum war Sir Morgan so aufgebracht? Fast mochte man glauben, dass er nicht länger zögern würde, um seinem Knappen den kalten Stahl durch den Hals zu stoßen.

Boyd schluckte heftig, aber im gleichen Moment senkte Morgan die Klinge.

„Hörst du mir eigentlich zu, wenn ich dir die verschiedenen Hau- und Schlagtechniken erkläre? Wie oft haben wir diesen Gang in den letzten Tagen bereits in allen Einzelheiten gemacht? Wie oft hast du deine Waffe verloren und standest vollkommen hilflos vor mir?“

„Ich weiß es nicht mehr, Sir Morgan, aber ich weiß, dass mir jeder Knochen im Leib wehtut, ich meinen rechten Arm kaum noch hoch heben kann und dass ich am Ende meiner Kräfte bin.“

Sir Morgan war einen Schritt herangetreten und starrte seinem Knappen mit finsterer Miene direkt ins Gesicht. Ihm waren die Spuren dieser Waffengänge kaum anzumerken, seine rotblonden Haare wehten ihm bei jeder seiner kraftvollen Bewegungen um den Kopf, und erneut nahm er Kampfposition ein und wartete auf die richtige Beinstellung seines Knappen.

„Bereit? Denk immer daran, dass wir erst seit einer Stunde kämpfen. Wir haben vor Aleppo von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gegen die Sarazenen gekämpft, Seite an Seite, und wenn einer von uns fiel, trat ein anderer an seine Seite (vgl. Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 1: Blut ist eine seltsame Farbe). Wir haben uns gegenseitig nichts geschenkt, und auch die Reihen der Sarazenen schienen unendlich zu sein. Wie willst du mit deiner jämmerlichen Müdigkeit auch nur eine einzige weitere Stunde überleben? Vorwärts, greif an!“

Und schon sauste erneut sein Schwert nieder und Boyd biss die Zähne zusammen, konterte den Schlag im letzten Moment und riss nun auch den kleinen Rundschild hoch, um seinen nächsten Angriff vorzubereiten.

Plötzlich sah er seine Chance in einer Blöße des Ritters.

Sofort ging Boyd dazu über, einen Pflug auszuführen, wie man diese Art des Angriffs nennt. Dabei wird das Schwert in Hüfthöhe gehalten, die Spitze des Schwertes zeigt auf das Gesicht des Gegners, der Daumen der rechten Hand drückt von unten auf die Breitseite des Schwertes und verstärkt damit den Schlag.

Blitzschnell zuckte sein Schwertarm vor und schien plötzlich mühelos die Deckung seines Gegners zu durchstoßen. Doch ebenso schnell hatte sich die Lage für Boyd vollkommen verändert. Wo er gerade noch den ungeschützten Körper Morgans gesehen hatte und das stumpfe Schwert nach vorn stieß, um einen gewaltigen Stoß anzubringen, befand sich – nichts!

Auf unglaubliche Weise hatte sich Morgan um die eigene Achse gedreht, dabei sein Schwert in halber Höhe geführt, Boyds Schwert erneut hart getroffen und es sogar geschafft, dass ihm die eigene Waffe, verstärkt durch den Schlag, gegen den Brustkorb schlug und ihm für einen Moment den Atem nahm.

Der Knappe brach in die Knie, öffnete seine Hände und ließ Schwert wie Rundschild fallen. Dann stützte er sich auf seinen Händen ab, beugte sich vor und rang keuchend nach Luft. Rasende Kopfschmerzen verhinderten jeden klaren Gedanken. Er erwartete einen weiteren Schlag, der ihn auf den Boden strecken würde, doch nichts geschah. Auf dem Kampfplatz war plötzlich Ruhe eingetreten, und als er endlich langsam den Kopf hob, sah er Morgan lächelnd. Und noch etwas Ungewöhnliches war geschehen. Sein Ritter hielt ihm einen Becher mit Wein entgegen.

Ungläubig sah er von dem Becher in Morgans Gesicht, dann griff er dankbar zu und stürzte den Inhalt in seinen vollkommen ausgetrockneten Rachen.

„Boyd, das genügt für heute. Du hast dich wacker geschlagen. Aber was ich dir eben gezeigt habe, vergiss niemals in deinem Leben. Wenn du einen Pflug versuchen willst, kündige ihn nicht so auffällig an, sonst geschieht genau das, was eben geschehen ist. Nur sind die Schwerter dann nicht stumpf.“

„Danke, Sir Morgan!“, keuchte Boyd noch immer etwas außer Atem. „Ich will es mir wohl merken.“ Er warf einen raschen Blick über den Kampfplatz und bemerkte erleichtert, dass Blejan ihren Platz inzwischen verlassen hatte. Boyd richtete sich auf und erkundigte sich: „Aber was war das für eine Finte, die Ihr ausgeführt habt, Sir? So etwas habt Ihr bislang noch nie in einem Waffengang gemacht.“

Morgan gab dem Knappen ein Zeichen, sich neben ihn auf eine Bank neben einem Tisch zu setzen, und dankbar folgte er dieser Einladung.

„Das war ein Sarazenenhau, Boyd. Etwas, was ich sehr schnell vor Aleppo gelernt habe, und nur deshalb lebe ich immer noch.“

„Ein Sarazenenhau? Das ist also eine Kampftechnik der Ungläubigen?“

Sir Morgan lachte laut auf, griff sich einen anderen Becher vom Tisch und nahm einen tiefen Schluck.

„Du redest von Ungläubigen, Boyd. Weißt du was? Genauso nennen uns auch die Sarazenen. Du solltest darüber einmal nachdenken. Wir sprechen von Gott, unserem Herrn. Die Sarazenen nennen ihn Allah. Einen anderen Unterschied konnte ich bislang nicht entdecken.“

„Aber – Sir Morgan! Wir führen doch Kriege gegen die Ungläubigen, die unsere heiligen Stätten besetzt halten!“, ereiferte sich Boyd.

„Du musst noch sehr viel lernen, nicht nur im Umgang mit der Klinge, Boyd. Lass dich mal von Sir Baldwin über die Heiligen Stätten unterrichten, und du wirst feststellen, dass sie auch für die Sarazenen heilig sind. Und jetzt geh dich waschen und umkleiden, ich kann dich so dreckig und stinkend nicht mit in die Halle nehmen!“

Damit stand Morgan auf, stellte den Becher zurück und wandte sich dem Treppengang zu, noch ehe Boyd reagieren konnte.

image
image
image

2.

image

Sir Baldwin stellte den silbernen Pokal mit einer so heftigen Bewegung auf die Tischplatte der langen Tafel, dass alle verwundert zu ihm aufsahen.

„Tut mir leid, Morgan, aber ich hatte etwas andere Vorstellungen von deiner Idee, die neue Tafelrunde ins Leben zu rufen!“, polterte er los.

Der alte Kampfgefährte vom gemeinsamen Kreuzzug mit Richard Löwenherz war aufgebracht, aber Morgan blieb gelassen wie so oft in den Situationen, in denen die beiden Anführer der Rebellen nicht einer Meinung waren.

„Wir haben beschlossen, unsere Gefährten sehr sorgfältig auszuwählen, Baldwin. Da bist du ganz meiner Meinung gewesen. Und jetzt drängst du plötzlich und bist der Meinung, dass der wichtigste Partner für die nächste Zeit Sir William Galbraith ist, ausgerechnet der Mann, der sich vornehm zurückhält, wenn es um klare Entscheidungen geht. Wo ist dein Kampfgeist geblieben? Wieso vertraust du Männern mit einem zwielichtigen Charakter?“

Sir Baldwin strich über seinen feuerroten Bart, bevor er antwortete. Wer von den Männern an der langen Tafel die beiden beobachtete, musste erkennen, dass es hier jeden Augenblick zu einem Ausbruch der Temperamente kommen musste, der keinem von beiden nutzte. Aber wer wollte sich hier vermittelnd einbringen?

„Dein Sir William sitzt mit seinem dicken Hintern gemütlich auf seiner Burg Galbraith Manor, lässt sich von seinen Vasallen als königstreuer Mann feiern und ist doch offenbar jederzeit auf dem Sprung, um John ohne Land freundlich zu begegnen!“, sagte Morgan einigermaßen ruhig, und erreichte damit, dass sein Freund so heftig aufsprang, dass sein Stuhl nach hinten kippte.

„Sir William Galbraith sitzt keineswegs auf seinem dicken Hintern, sondern er ist in unserer Sache überaus tätig! Er hat mehr als einhundert Männer in seinen Dienst genommen, und das sieht nicht danach aus, als wolle er John ohne Land einen Gefallen damit tun!“, rief er mit zornesrotem Gesicht aus.

Nun erhob sich auch Sir Morgan, allerdings betont langsam und antwortete dann in aller Ruhe:

„Nun, mein guter Baldwin, dann sollte er sich aber auch einmal erklären und seine Fahne zeigen! Es kann nicht sein, dass er Sheriff Struan freundlich anlächelt, und kaum hat der seine Burg wieder verlassen, lächelt er uns freundlich zu. Ich möchte klare Verhältnisse schaffen und erwarte von den Rittern, die auf unserer Seite sind, ein ganz klares Bekenntnis zu König Richard Löwenherz!“

Die beiden Freunde standen sich gegenüber und funkelten sich aufgebracht an. Dann seufzte Sir Baldwin tief auf, deutete auf die Tafel mit den zahlreichen Getreuen und sagte mit ruhigerer Stimme als gerade eben noch:

„Morgan – es gibt nicht nur schwarz und weiß. Auch nicht in der Sache gegen Prinz John, diesem elenden Verräter. Ich kann es Sir William Galbraith nicht verdenken, wenn er zwischen den Parteien schwankt. Wenn du ein klares Wort von mir erwartest, dann höre! Reite nach Galbraith Manor, sprich mit Sir William, und schwöre ihn auf unsere Fahne ein! Das ist der einzige Weg, wenn du mich fragst!“

Plötzlich war eine Stille in der Halle eingetreten, in der man eine Nadel zu Boden hätte fallen hören können. Die Köpfe der hier versammelten Ritter wandten sich alle Morgan zu, neugierig, wie er diesen Vorschlag aufnehmen würde. Tatsächlich schwieg der Herr von Launceston, musterte die Gesichter der neben ihm sitzenden der Reihe nach und nickte schließlich wie zur Bestätigung des Gehörten.

„Ja, mein Freund, du hast vermutlich recht mit deiner Forderung. Wir können uns nicht auf die Nachrichten der Kuriere allein verlassen. Ich reite zu Sir William und schaue ihm in die Augen, wenn ich ihn nach unserer Sache frage. Und wenn er nicht klar erklärt, dass es sich um unsere gemeinsame Sache handelt, dann ist er für uns verloren. Ich breche morgen mit ein paar wenigen Getreuen auf, um nicht die Aufmerksamkeit des Sheriffs zu erregen.“

Sir Baldwin streckte die Hand seinem Freund über den Tisch zu.

„Das ist Recht von dir, Morgan. So wollen wir es machen. Für König Richard!“

Mit den letzten Worten hob er seinen großen Silberpokal in die Höhe, und mit einem Schlag sprangen die Ritter von ihren Sitzen, hoben ihre Becher dem Rothaarigen entgegen und antworteten:

„Für König Richard!“

image
image
image

3.

image

Sir Morgan, sollten wir die Schergen einfach so weiterziehen lassen?“

Boyd verstand seinen Herrn nicht mehr. Sie waren zehn Mann, alle wohl bewaffnet und gut ausgebildet. Jeder von ihnen konnte es leicht mit zwei bis drei Mann von Sir Struans Leuten aufnehmen.

Hier waren sie im Vorteil, denn der schützende Waldrand verbarg sie vor den Blicken der langsam vorbei reitenden Schar. Eine solche Gruppe hatten sie schon oft angegriffen und innerhalb kürzester Zeit mit blutigen Köpfen nach Hause geschickt, um dem Sheriff zu berichten, dass die Aufständischen jederzeit Herr der Lage waren. Warum ließ ihr Herr sie jetzt nicht angreifen?

„Nein, Boyd. Das ist vollkommen unnötig. Offenbar handelt es sich nur um eine Patrouille des Sheriffs, die wir nicht unnötig aufscheuchen wollen. Vergiss nicht – wenn auch nur einer von ihnen lebend auf die nächste Burg des Sheriffs entkommt, hetzt er uns die ganze Meute auf die Spur.

Und gerade jetzt, wo der Sheriff auch noch Trebetherick Castle erhalten hat, das wie Tintagel Castle in einer kaum einnehmbaren Lage direkt an der Küste liegt, möchte ich ihn nicht unbedingt in meine Nähe locken.

Nein, Boyd, es wird genügend andere Begegnungen geben, in denen du deine Fähigkeiten unter Beweis stellen kannst. Vorwärts, wir reiten nach Bronn Wenili und werden dort auf den nächsten Waffentransport von Myghal, dem Schmied, treffen. Bis wir diese neuen Waffen auf Tintagel Castle haben, werden wir genügend Aufregung erleben und werden uns glücklich preisen, wenn wir alles ohne Verluste in unsere Burg geschafft haben.“

Damit schnalzte der Ritter mit der Zunge, und sein Rappe Blane setzte sich sofort in Bewegung. In einer langen Kette folgten ihm die Getreuen, und Boyd bemühte sich, neben dem Pferd seines Ritters mitzuhalten.

Einige Meile ritten sie schweigend über die grünen Hügel und durch die dichten Wälder Cornwalls. Boyd ahnte, dass sie wohl noch eine gute Wegstrecke bis zu dem Berg, den sie Bronn Wenili nannten, vor sich hatten.

Gerade wollte er Morgan ansprechen, als der Löwenritter, dessen dunkler Wappenrock mit dem roten, steigenden Löwen und dem darunter deutlich erkennbaren, dunkel brünierten Kettenhemd, unvermittelt anhielt. Er sah von dem kleinen Hügel, auf dessen Kamm sie angekommen waren, hinunter in das weite Tal, das sich von hier bis zu den Bergen ausdehnte.

„Sir?“, sagte Boyd leise, weil er nichts erkennen konnte.

„Ich weiß nicht, ob ich vielleicht etwas zu vorsichtig bin. Aber mir gefällt dieses Tal nicht, das wir durchqueren müssen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten für uns. Entweder, wir weichen einer möglichen Gefahr aus und umgehen das Tal in einem weiten Umweg. Oder wir versuchen unser Glück und reiten hindurch, aber auch in diesem Fall sollten wir eine Vorsichtsmaßnahme ergreifen.“

Der Knappe sah ihn aufmerksam an, denn er hatte keineswegs verstanden, warum sein Herr plötzlich eine Gefahr witterte. Das Land vor ihm lag völlig ruhig und ohne einen einzigen Menschen vor ihm, so weit sein Auge reichte.

Allerdings räumte er gleich darauf ein, dass ja gerade diese Leere verdächtig war. Schließlich gab es hier eine Landstraße, die doch häufig genutzt wurde. Nur seltsam, dass gerade jetzt zu dieser Stunde niemand unterwegs war.

„Boyd, du und Hauptmann Jory reiten mit mir, der Rest zieht weiter in Richtung auf die Berge. Sollten wir keinerlei Probleme haben, treffen wir uns heute Abend am Bronn Wenili. Gib es an die anderen weiter, und dann vorwärts!“

Boyd wendete sein Pferd, gab dem hinter ihm reitenden Jory ein Zeichen und verständigte sich gleich darauf mit den anderen Männern. Noch ein paar hundert Yards ritten sie zusammen weiter, dann gab Morgan an einer Wegkreuzung schweigend das Zeichen, und die Gruppen trennten sich.

Niemand von ihnen konnte ahnen, was auf sie zukam. Und es sollte weitaus mehr sein, als nur ein kleines Gefecht mit den Männern des Sheriffs.

image
image
image

4.

image

Da vorn ist er! Ihm nach, Männer ... ihm nach!“

Der Ruf des Mannes hallte durch den Wald und wurde zwischen den dichtstehenden Bäumen weitergetragen. Es war unmöglich, dass auch nur einer der Jäger, die das Waldgebiet durchkämmten, den Ruf überhören und ihm nicht Folge leisten würde.

Denn dies waren keine gewöhnlichen Jäger, und ebenso wenig handelte es sich bei der Beute, die sie jagten, um gewöhnliches Wild.

Nein, diese Männer waren keine Jäger. Sie waren nicht wie Jägersleute gekleidet und wirkten mit dem langen Kettenhemd, das sie über dünnen Beinkleidern und unter einem schenkellangen, grau-blauen Surcot, dem Waffenrock, verborgen trugen, irgendwie fehl am Platze hier im dichten Forst. Die halbhohen Stiefel und die breiten Gürtel mit Schwert und Dolch, die sie um die Hüften geschlungen hatten, trugen ihr Übriges dazu bei, diese Männer nicht wie Waidmänner erscheinen zu lassen.

Doch die letzten Zweifel wurden erst durch einen Blick auf das Wappen, das die Brust eines jeden Waffenrockes zierte, beseitigt.

Es zeigte eine Burg, die aus Meeresfluten aufragte, in denen Fische schwammen.

Und der Mann, der sich von hüfthohen Farnen umgeben hinter schier undurchdringliches Gestrüpp kauerte und zu einem der Reiter aufblickte, kannte dieses Wappen nur zu gut.

Es war das Wappen des Sheriffs von Cornwall!

Nein, diese Männer waren keine Jäger, sondern die Schergen jenes Mannes, der auf Geheiß von Prinz Johann über Recht und Gesetz in Cornwall zu befinden hatte!

Oh ja, die Häscher waren ihm dicht auf den Fersen. Sie hatten ihn hier, am Fuße des von den Einheimischen Bronn Wenili, Brown Willy, genannten Hügels umzingelt. Ihm blieb nur noch ein Ausweg.

Und der führte direkt hinein ins gefürchtete Goon Brenn. Das Moor!

Für den Beobachter im Unterholz gab es nun kein Halten mehr. Wenn er den Schergen des Sheriffs entgehen wollte, musste er diesen Weg wählen, auch wenn er ihn mitten ins Verderben führen mochte.

Doch ob er nun von den Häschern des Sheriffs übermannt und schlussendlich auf dem Richtblock oder in irgendeinem bodenlosen Morastloch im Moor sein Ende finden würde, blieb sich letztlich gleich.

Seine Chancen waren im Moor jedoch ungleich größer.

Und so schlich er so lautlos wie möglich im kniehohen Gras dahin, sorgsam darauf achtend, jede Berührung mit trockenem Gezweig und Ästen, die einen unerwünschten Laut verursachen mochten, zu vermeiden.

Es war ein langwieriges Unterfangen, und je länger es dauerte, umso mehr wuchs die Gefahr, von den Bewaffneten des Sheriffs entdeckt zu werden. Wenn nur einer von ihnen zufällig in seine Richtung blickte oder gar über ihn stolperte, war alles verloren.

Zoll um Zoll, Elle um Elle schob sich der Mann über den Waldboden, bis er endlich das Gefühl hatte, dass die Stimmen, der Hufschlag der Pferde und das Klirren des Zaumzeugs allmählich leiser wurden. Dann erst kam er auf die Füße.

Er war allein.

Auf dem Weg nach Galbraith Manor, dem Herrensitz des etwas verschrobenen Landadligen Sir William Galbraith, hatte es ihn nach einem herzhaften Bissen Wildbret verlangt, den er sich mit seinen Begleitern am Lagerfeuer gütlich tun wollte. Der Weg um das ausgedehnte Moor herum war weit, und ohne Rast die Nacht hindurch zu reiten, war nicht nur so beschwerlich wie gefährlich. Es stellte auch eine unnötige Strapaze für die Pferde und ihre Reiter dar.

Und so war man übereingekommen, sich an dem zu bedienen, was der Wald und Mutter Natur zu bieten hatten.

Dass er dabei allerdings von Hauptmann Jory und Boyd getrennt und in diesen Schlamassel geraten würde, war nicht vorgesehen.

Endlich hatte er seinen Rappen erreicht, der geduldig auf ihn wartete und sich inzwischen das saftige Gras hatte schmecken lassen.

Der große Mann mit dem langen, blonden Haar und dem markanten Bart, der sein Gesicht zierte, schwang sich in den Sattel. Im Gegensatz zu den Schergen des Sheriffs fiel er im Forst kaum auf. Er trug sein brüniertes Kettenhemd, darüber den schwarzen Waffenrock, darunter die einfachen Beinkleider, die an der Bruche befestigt wurden. Inmitten der Farbenpracht, die ein ausgesprochen milder Herbst in diesem Walde gezaubert hatte, war der Reiter kaum in den aufsteigenden Nebeln erkennbar.

Längst war der Tag zur Neige gegangen, und die Wärme der Herbstsonne war einer feuchten Kälte gewichen. Erste Nebelschleier stiegen über dem Moor auf und glitten sanft zwischen Sträuchern und Bäumen dahin.

Er zog den Rappen herum und suchte einen Weg, der ihn von dem bemoosten und dicht bewaldeten Hügel weg und tief hinein ins Launceston Moor führen sollte.

Die Stimmen der Häscher hörte er nicht mehr. Bald vernahm er lediglich das leise Schnauben des Rappen und hin und wieder das Schmatzen des weicher gewordenen Bodens, wenn einer der Hufe im schlammigen Erdreich versank und wieder herausgezogen wurde.

Der Wald hatte sich etwas gelichtet, doch abgesehen von einigen bemoosten Stellen zwischen den Bäumen standen die Stämme immer noch recht dicht und erschwerten sowohl dem Wandersmann als auch dem Reiter, zusammen mit wild wucherndem Strauchwerk, das Durchqueren des Moores.

Weit voraus, wo der Reiter einen breiten Pfad wusste, der zum River Fowey und von dort, wenn man dem Flusslauf folgte, schließlich aus dem Sumpfland heraus führte, war schwach so etwas wie eine vom Nebel halb verschleierte Öffnung zwischen den Bäumen zu erkennen, und dorthin lenkte der Mann sein Pferd.

Aufmerksam ließ er seine Blicke ringsumher schweifen. Hinter jedem Strauch, hinter jedem Baum und jedem Nebelfetzen konnte sich ein Scherge des Sheriffs verborgen halten. Unheimlich wirkten die Umrisse der Bäume und Sträucher, die sich wie drohende Gestalten, grauenerregenden Geisterwesen aus dem Jenseits gleich, im Sumpf erhoben und sich scheinbar auf ihn stürzen wollten.

Unwillkürlich legte sich die behandschuhte Rechte des Reiters um den Knauf seines Schwertes, bereit, es augenblicklich zu ziehen und mit der scharfen Klinge den Schädel eines Angreifers zu spalten.

Doch da war niemand, der sich ihm entgegenstellte, und der Stahl blieb in der Scheide.

Es dauerte nicht lange, und die bizarren Knochengestalten wurden von den Schleiern des dichter werdenden Nebels verschluckt.

„Nur noch ein paar Schritte, Blane, dann haben wir es geschafft“, raunte der Reiter und tätschelte seinem Rappen sanft den Hals. „Dann erreichen wir bald den Fluss und dort suchen wir uns ein warmes Plätzchen.“

So gut meinte es das Schicksal an diesem Tage aber nicht mit ihm.

Unvermittelt kam Wind auf, der sich rasch zu einem heulenden Sturm steigerte. Die Baumwipfel rauschten in den Böen. Laub und abgebrochene Zweige, Bucheckern und Eicheln prasselten auf den Reiter und sein Tier nieder.

Und dann kam der Regen!

Wie sehr hätte er sich den Nebel zurückgewünscht, angesichts dieses sintflutartigen Wolkenbruchs, der mit Brachialgewalt niederprasselte. Ein greller Blitz zerteilte das Zwielicht des anbrechenden Abends, und gleich darauf folgte ein ohrenbetäubender Donnerschlag.

Der Reiter unterdrückte einen Fluch und trieb den Rappen mit einem Schenkeldruck zur Eile an.

Er atmete auf, als das Pferd endlich festen Boden unter den Hufen spürte. Im Trab ging es weiter durch das Unwetter, bis der breite Fahrweg schließlich einen weiten Bogen beschrieb. „Da vorn ist Resprin Bridge, mein Junge. Wir haben es geschafft ...“

Der Schlag erfolgte so unerwartet, dass es den Reiter abrupt verstummen ließ. Hart prallte der Hieb gegen den Helm des Mannes. Sein Schädel dröhnte, und leicht benommen schaute er sich um.

Und dann sah er, was ihn getroffen hatte.

Es war nicht etwa ein fallender Ast oder ein Hieb mit einem Kampfstab gewesen.

Das, was da durch die Luft schwirrte und man im Zwielicht gerade noch schwach erkennen konnte, war ... ein Pfeil!

Einen Herzschlag später drang die raue Stimme zu dem Reiter hinüber.

„Hierher, Männer! Ich hab’ ihn erwischt!“

Wie aus dem Boden gewachsen kamen sie!

Ein halbes Dutzend Bewaffnete brachen zwischen den Bäumen und dem Gebüsch, das den breiten Fahrweg säumte, hervor und drangen sofort mit gezückten Schwertern auf den Reiter ein. Auch hinter ihm preschten Häscher des Sheriffs heran. Zwei von ihnen hielten schussbereite Armbrüste mit aufgelegten Pfeilen in den Händen.

Der Reiter betastete seinen Helm und spürte die Delle, die der abgleitende Pfeil ins Metall gedrückt hatte. Er hatte unwahrscheinliches Glück gehabt, dass der Armbrustbolzen ihn nur gestreift und den Kopfschutz nicht durchschlagen hatte!

„Vorwärts, Blane, jetzt gilt es!“ Der Schrei des Reiters drang zu den anstürmenden Bewaffneten hin. Blitzschnell zog er sein Schwert und drückte seinem Rappen die Hacken in die Seite.

Das edle Ross wieherte schrill und sprang mit einem gewaltigen Satz den Angreifern entgegen. Im Nu befanden sich Pferd und Reiter zwischen den Bewaffneten. Stahl schlug gegen Stahl. Funken sprühten, das Klirren der Klingen und das Gebrüll der Männer erfüllte die Dämmerung.

Geschickt parierte der kampferprobte Reiter die Schwerthiebe und teilte selbst kräftig aus. Immer öfter fand er eine Bresche oder durchbrach eine Schutzhaltung, und tief sank seine Schwertspitze in den Leib oder in den Hals eines Gegners, fand seine Klinge ein Gesicht oder öffnete die Kehle eines Mannes, dass das Blut hoch aufspritzte und das Laub der umliegenden Büsche und Bäume rot färbte.

Links und rechts teilte er seine Hiebe aus, und ein Bewaffneter nach dem anderen sank sterbend aus dem Sattel.

Der Rappe schaffte sich mit Bissen Platz und drängte sich durch die Schar der Häscher, bis der Reiter schließlich mitten über die Brücke preschte, die über den River Fowey führte.

Schon blieben die Bewaffneten zurück, schon wähnte sich der Reiter in Sicherheit ...

Da traf ihn erneut ein Hieb am Kopf, furchtbarer und härter als der Erste!

Noch ein Armbrustbolzen!, durchzuckte es den Schädel des Reiters, als seine Sinne bereits schwanden. Diesmal ... hat er ... den Helm ... durchschlagen!

Kaum war ihm bewusst geworden, was ihm zugestoßen war, kam ihm noch kurz in den Sinn, wie groß der Zufall gewesen sein musste, dass ihn ein Zweiter, im Zwielicht abgeschossener Pfeil an fast der gleichen Stelle getroffen hatte.

Doch dieser Umstand war für ihn nicht länger von Bedeutung. Er bekam nicht mehr mit, wie er seitlich aus dem Sattel sank, auf die Steinbrüstung der Brücke prallte und vom Schwung darüber hinweg und in die Tiefe geschleudert wurde.

Und er spürte auch nicht mehr, wie das kalte Wasser des River Fowey über ihm zusammenschlug und er dem Grunde des Flusses entgegen sank.

image
image
image

5.

image

Die Tafel war mit den köstlichsten Speisen bedeckt. Vom Kapaun bis zum Spanferkel, vom Wildschweinbraten bis zum feinsten fangfrischen Fisch gab es alles, was das Herz begehrte. Und dazu wurde reichlich Wein kredenzt, um den durch die kräftig gewürzten Speisen erzeugten Durst zu löschen.

Ein Feuer flackerte wild in zwei großen Feuerstellen an den Kopfenden des Saales. Das Licht der tanzenden Flammen, der zitternden Kerzen in den Leuchtern und der blakenden Fackeln in den Wandhaltern warf seltsam anmutende Schatten an die Wände, die bis auf einen einzigen ausgedehnten Wandteppich kahl geblieben waren. Dieses Licht tauchte aber auch die Haut der beiden leicht bekleideten Frauen, die sich vor einer der Feuerstellen kichernd auf dem Schoß eines Mannes räkelten, in feurigen Schein.

Ein Diener trat hinzu, als der Mann in dem hochlehnigen Sessel die beiden Frauen mit saftigen Fleischstücken fütterte und ihnen anschließend aus einem silbernen Becher Rotwein in die Kehlen schüttete, bis das köstliche Nass über ihre Lippen rann und vom Kinn auf ihre Brust tropfte.

„Bitte untertänigst um Vergebung, Mylord“, sagte der Bediente zaghaft, „ich störe Euch wirklich nur ungern, aber Sir Ainsley ...“

Der Mann im Sessel verzog angewidert und unwillig das Gesicht und winkte dem Diener, sich zu entfernen, als auf der Galerie, die in den Bankett-Saal führte, eilige Schritte ertönten. Der Blick des Mannes glitt zu einem Durchgang auf der Galerie empor, wo eben eine hoch gewachsene Gestalt erschien.

„Ah, Urquhart!“, rief der Mann beim Feuer und stieß die beiden Frauen unsanft von seinem Schoß. „Kommt herein, mein Bester. Speis’ und Trank, so viel Ihr wollt! Greift nach Herzenslust zu, lieber schottischer Freund!“

Sir Ainsley Urquhart war ein großer, breitschultriger Mann, der seinen Gastgeber um Haupteslänge überragte. Wirr hing das kastanienbraune Haar in sein Gesicht und bis auf seine Schultern, und ein dichter, ungezähmt wuchernder Bart umrahmte seinen Mund und bedeckte die Wangen. Auch seine Fellkleidung zeugte von der Wildheit eines Lebens in den rauen Highlands, war allerdings fast vollständig unter einem knöchellangen, ebenfalls mit dem Fell verschiedener Wildtiere besetzten Mantel verborgen.

„Aye. Seht es mir nach, wenn ich Eurer Einladung Folge leiste!“, dröhnte der Schotte und machte sich über den gebratenen Fasan her.

Er bemerkte nicht, wie das Lächeln von den Lippen seines Gastgebers verschwand und einem verächtlichen Zug Platz machte.

Der Mann erhob sich aus dem Lehnstuhl und trat an ein Fenster, das einen Blick auf die sturmumtoste Nacht und das vom Wind aufgewühlte Meer gewährte. „Ah, seht euch das an, Urquhart. Diese Burg, ein Bollwerk, wie es einem Gebieter zusteht! Es trotzt sogar der ungestümen See, Sturm, Blitz, Donner und Hagel ... es ist uneinnehmbar! Unbezwingbar!“

Er kreiselte herum und stierte den Schotten aus dunklen Augen wie besessen an. „Und es gehört mir! Trebetherick Castle ... dagegen ist mein ehemaliger Amtssitz Restormel ein lächerliches Nest! Allein dieser Klang ... Trebetherick! Ein Ort, der meiner würdig ist, Urquhart!“

„Aye“, brummte der Schotte nur, leerte einen Becher Wein, schmatzte und rülpste dann ausgiebig.

„Diese Burg ... Prinz Johann in seiner grenzenlosen Güte hat sie mir endlich als zweiten Amtssitz überlassen. Nun kann ich immer zwischen Trebetherick und Launceston Castel, wo seit jeher der Sitz des Sheriffs von Cornwall war, hin und her reisen und die Wälder meines Landes durchstreifen. Wenn das kein Grund zum Feiern ist, Urquhart ...  ah, wenn wir gerade von guten Neuigkeiten sprechen, mein Bester ... bringt Ihr mir auch welche?“

Der Schotte schnaubte wie ein Keiler. „Aye!“

„Lasst hören, lasst hören ...!“, rief Sir Struan of Rosenannon, denn um niemand anderen handelte es sich bei dem Gastgeber, und nahm dem Schotten gegenüber an der Tafel Platz. „Habt Ihr ihn erledigt?“

„Aye!“

„Aye! Aye! Immer nur Aye! Man sagt euch Schotten nach, dass ihr geizig seid, aber dass ihr auch mit Worten geizt, war mir neu! Nun erzählt schon, Urquhart!“

Der Schotte lehnte sich zurück und wischte mit dem dicht behaarten Handrücken über seine Lippen. „Meine Leute ...“

Der Sheriff von Cornwall unterbrach ihn. „Meine Leute wolltet Ihr doch sicher sagen, mein bester ...“

„Mmmm ... Eure Leute haben ihn gestellt ... unten im Launceston Moor. Und sie haben ihm den Garaus gemacht.“

Der Sheriff sprang auf. „Sie haben ihm den Garaus gemacht ... den Garaus ...! Den Garaus haben sie ...! Morgan of Launceston ist nicht mehr! Morgan of Launceston ist ... tot!“ Er sprang die Stiege zur Galerie empor und packte einen dort stehenden Bedienten an der Brust. „Spielleute will ich hier haben! Und Tänzerinnen! Lasst sofort aufspielen! Und Minnesänger ... das muss gefeiert werden!“

Wie der Blitz sauste er wieder nach unten. „Erzählt mir genau, wie sie es gemacht haben, Urquhart! Haben Sie ihn erstochen? Erschlagen? Hat er sich gewehrt oder haben sie ihn aus dem Hinterhalt erschossen, hm ...?“

„Aye“

„Ja, was denn nun?“

„Sie haben ihn auf dieser Brücke gestellt ...“

„Brücke?“

„Aye ... Resprin Bridge nennt sie sich. Am Rande vom Launceston Moor. Dort haben sie ihn umzingelt.“

„Ja, und dann?“

„Dann hat er mehr als ein halbes Dutzend Eurer Männer niedergestreckt, dieser Teufelskerl!“

„Ja, aber Ihr sagtet doch gerade ...“

„Aye. Einer der Armbrustschützen traf ihn.“

„Das ist gut, das ist sogar sehr gut. Dem Manne muss eine Belohnung zukommen. Ich schenke ihm ... zweihundert Goldstücke. Ach was, ich schenke ihm ein Stück Land, am besten in der Nähe von Launceston Moor. Das ist zwar nicht gerade das fruchtbarste Land, aber immerhin kann sich der Bursche dann Laird nennen ...“

Struan of Rosenannon wirbelte durch den Saal und rieb sich die Hände. Dann blieb er unvermittelt stehen. „Ich muss ihn sehen. Ich muss diesen verteufelten Mistkerl sehen, der mir in die Suppe gespuckt und mir so viele schlaflose Nächte bereitet hat. Ich hänge ihn zur Abschreckung über diesem Schloss auf! Jedes Schiff, jedes verdammte Fischerboot, soll sehen, was geschieht, wenn man sich dem Sheriff von Cornwall in den Weg stellt! Wo ist er? Habt Ihr ihn mitgebracht?“

„Nae!“

„Ah, gut ... und wo ist ...? Wie? Was habt Ihr gerade gesagt, Urquhart?“

„Nae!“

„Nein? Wieso denn nicht? Warum wollt Ihr mir diesen Triumph nicht gönnen, mein schottischer Freund?“

„Weil er in den Fluss gestürzt und ertrunken ist.“

„Ja, das habt Ihr schon erzählt. Und Ihr habt ihn herausgefischt und ...“

„Nae!“

„Nicht?“

Der Schotte schüttelte den Kopf. „Oi, er ist tot. Es hatte geregnet, der Fluss führte viel Wasser, war tief und die Kleidung zog Euren Sir Morgan of Launceston in die Tiefe. Falls er nach dem Schuss mit der Armbrust überhaupt noch am Leben war und den Sturz von der Brücke überlebt und sich nicht schon dabei den Hals gebrochen hat, ist er gewiss ertrunken.“

„Gewiss ... gewiss!“ Struan of Rosenannon rang die Hände. „Was ist schon gewiss in diesem Leben? Wie kann ich denn gewiss sein, dass dieser verflixte Hundesohn hinüber ist, wenn ich seine Leiche nicht vor Augen habe?“

„Weil ich es Euch sage. Und Ihr zweifelt doch bestimmt nicht an meinem Wort, Sir Struan?“

Der Sheriff räusperte sich. „Selbstverständlich nicht, mein lieber schottischer Freund.“ Er trat an den Tisch und zog seinen Dolch, schnitt eine Hasenkeule ab und grub seine Zähne in das Fleisch. Seine Lippen bebten, als er ein Stück Fleisch vom Knochen riss, wütend darauf herumkaute und es dann quer über die Tafel spuckte.

Wie der Blitz stand er hinter seinem Gast, durchfurchte mit dem Dolch Sir Ainsleys Rauschebart und legte die Schneide schmerzhaft gegen den Hals des Schotten. „Ich ... will ... ihn ... sehen ...“, presste er die Worte mühsam heraus. „Und zwar so schnell wie möglich. Sonst werdet Ihr Euer geliebtes Loch Ness niemals wiedersehen. Und glaubt mir, mein Bester ... das ist gewiss!“

„Oi, immer langsam mit den Pferden, mein Freund.“ Der Schotte blieb gelassen. „Ihr wisst, dass Ihr gerade im Begriff seid, Euch den Zorn meines Clans zuzuziehen ... aber auch wenn Ihr zu weit geht, ich werde Euren Wunsch erfüllen.“ Mit spitzen Fingern nahm Sir Ainsley die Klinge von seiner Kehle, riss sie blitzschnell herum, hielt auf einmal den Dolch in der Hand – und dann packte er Sir Struans Hand und stieß sie so heftig auf den Tisch nieder, dass der Sheriff Mühe hatte, sein Gleichgewicht zu halten. „Und danach werde ich zum Loch Ness zurückkehren, und Ihr solltet beten, dass sich unsere Pfade nie wieder kreuzen ... mein Bester!“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919806
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v425352
Schlagworte
schwert schild morgan löwenritter band sarazenen cornwall

Autoren

Zurück

Titel: Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 23: Sarazenen in Cornwall