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Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 26: Der Wolf von Cornwall

2018 120 Seiten

Leseprobe

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 26: Der Wolf von Cornwall

Tomos Forrest

Published by Uksak Sonder-Edition, 2018.

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Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 26: Der Wolf von Cornwall

von Tomos Forrest

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Zyklus: Die Rebellen von Cornwall, Band 13

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth mit Steve Mayer , 2018

Lektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald, Alfred Bekker und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

WÖLFE WAREN SCHON IMMER ein Problem für die Menschen in Cornwall. Aber in diesem Frühjahr erscheint ein besonders wildes Rudel, das von einem riesigen Wolf angeführt wird. Aber auch ein seltsamer, riesiger Mann, scheint mit ihnen in Verbindung zu stehen. Als ein Dorfbewohner auf furchtbare Weise getötet wird, findet man neben den Wolfspuren große Fußabdrücke. Und überall, wo die Wölfe auftauchen, ist auch der Riese nicht weit entfernt ...

***

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1.

DER KRÄFTIGE HAHNENSCHREI drang trotz des Fauchens, des Blasebalgs an das Ohr des Schmieds. Ein Lächeln überzog das sonnengebräunte Gesicht des kräftigen Mannes und für einen Augenblick sah er hinüber zu dem großen Misthaufen, auf dem der schwarze Hahn kratzte. Stücke vom verklebten Stroh flogen in hohem Bogen hinter ihm auf, und jetzt kam die Hühnerschar herbeigelaufen, eifrig dem Ruf des Herrn über den Hühnerhof folgend.

„Wie im Leben!“ sagte der Schmied halblaut vor sich hin. „Der Herr ruft und die Damen kommen angelaufen, um ihm zu gefallen! Weibervolk!“ Doch das Lächeln, das noch immer die tiefen Falten seines an sich gutmütigen Gesichtes verstärkte, zeigte, dass er seine Worte nicht wirklich ernst gemeint hatte. Nun schlugen kleine Flammen aus den Kohlen, Myghal trat noch einmal auf den Balg, dann wartete er ab, wie sich seine Kohlen rotglühend verfärbten, bevor er das erste Stück Eisen in die Hand nahm. Ein prüfender Blick auf die Oberfläche, dann hatte er es mit der Zange gepackt und legte es auf die Glut.

Wenig später klangen heftige Hammerschläge aus der Schmiede weit hinüber in das Dorf, an dessen Rand Myghal sein Haus und seine Werkstatt gebaut hatte. Erneut hielt er inne, um das bearbeitete Stück mit einem kritischen Blick zu prüfen. Die Klinge befand sich jetzt in einem Zustand, in dem es darauf ankam, ihr die letzten Feinheiten zu verleihen. Aber das war für diesen Meister seines Faches Routine, ungezählte Male hatte er diese Arbeit bereits ausgeführt. Man schätzte seine Kunst, und das war in diesen Zeiten durchaus gefährlich, in Cornwall, wie er selbst schon auf leidvolle Weise erfahren hatte.

Seit seiner Begegnung mit Morgan, dem Löwenritter, war sein Leben in Bewegung geraten (vgl. Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 7: Rückkehr eines Toten). Morgan hatte sich nach einem Überfall durch Wegelagerer zu ihm in die Schmiede geschleppt. Die Strolche hatten ihm eine Falle gestellt, als er in dichtem Regen das über den Weg gespannte Seil nicht rechtzeitig erkennen konnte. Klitschnass und mit brummendem Schädel traf er in der Schmiede ein, wo er freundlich aufgenommen und bewirtet wurde. Morgan, der seit seiner Rückkehr von dem Kreuzzug, den er gemeinsam mit Richard Löwenherz unternommen hatte, von Prinz Johanns Gefolgsmännern gejagt wurde, hatte alles verloren, was ihm lieb und teuer war. Seine Eltern gerieten in die Gefangenschaft des Sheriffs von Cornwall, Sir Struan of Rosenannon. Auch seine Geschwister wurden verschleppt, und in den vergangenen Monaten hatte Morgan alle Hände voll zu tun, um seine Familienangehörigen aus der Gewalt des Despoten zu befreien und in Sicherheit zu bringen.

Doch aus dieser schicksalshaften Begegnung wurde in der Folgezeit mehr. Myghal bekam aus dem ganzen Land Waffen geliefert, die aus den unterschiedlichsten Quellen stammten. Mal handelte es sich um Beute aus den kleinen Gefechten, die von den Rebellen, meistens in den Wäldern Cornwalls, gegen die Soldaten des Sheriffs geführt wurden. Aber auch aus Waffenkammern der Burgen und Herrenhäuser sowie von Transporten stammten die Schwerter, Dolche und Spieße, die man heimlich und in Holzfässern zu Myghal brachte, damit er sie wieder schärfte und schliff.

Wieso muss ich gerade an unsere erste Begegnung denken, nur weil der Hahn um diese Zeit noch gekräht hat? Der Schmied warf einen Blick auf die grünen Hügel der Nachbarschaft, die sich im Licht der aufgehenden Frühlingssonne bis zum Horizont ausbreiteten.

Gerade erhob er seinen Hammer wieder, als sein Blick durch eine Bewegung abgelenkt wurde. Er ließ die Faust mit dem Werkzeug sinken und sah irritiert auf. Der nächste Hügel am Ende des Dorfes war mit Eichen und Buchen dicht bedeckt. Und jetzt sah er erneut eine Bewegung am Waldrand, die ihn erstarren ließ. Doch im nächsten Moment griff seine Faust den Stiel des mächtigen Hammers fester.

Das muss ein Trugbild sein!, schoss es Myghal durch den Kopf. Ein Tier in dieser Größe und im hellen Licht der Sonne –unmöglich! Je länger er aber zum Waldrand hinüber starrte, desto sicherer wurde er. Dort stand ein Wolf, jetzt unbeweglich, und schien den Menschen ebenso anzustarren wie dieser ihn. Das Tier war tatsächlich von ungewöhnlicher Größe, hatte ein helles, fast silbergraues Fell, einen prächtig ausgebildeten Kopf und schien die Witterung einzuziehen, denn er windete jetzt zu ihm herüber. Myghal hob langsam den Arm und streckte den Hammer in die Richtung des Wolfes.

Komm nur näher, Bestie, und ich will dir zeigen, was dich erwartet!, dachte Myghal und fühlte, wie die Wut in ihm aufstieg. Schon seit längerer Zeit trieb ein Wolf sein Unwesen, in Cornwall. Die schaurigsten Geschichten wurden über ihn erzählt, und die Bluttaten, die er begangen haben sollte, brachten für die alten und jungen Frauen beim Wasserholen am Brunnen zu immer neuen Ausweitungen. Zwar war es sicher, dass er mehrfach Schafe gerissen hatte, aber noch nie war er einem Menschen gefährlich geworden. Doch als man schließlich mit der Jagd auf ihn begann, war er spurlos verschwunden. Kaum atmeten die Menschen in den umliegenden Dörfern erleichtert auf, bewies er ihnen, dass er allen Versuchen, ihn zu fangen, weit überlegen war. Eines Tages fand man auf einem Dorfplatz erneut die blutigen Überreste eines Schafes, das der Wolf wie eine Herausforderung dort abgelegt hatte.

Danach war er erneut verschwunden (vgl. Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 25: Hexe oder Kriegerin?).

Auf diese Entfernung konnte Myghal nur vermuten, dass der Wolf ihn direkt ansah. Jedenfalls war sein Kopf starr in seine Richtung gedreht, offenbar war er sich nicht sicher, ob von dem Schmied eine Gefahr für ihn ausging. Dann musste der Mensch blinzeln, und wie mit einem Zauberschlag war der Wolf verschwunden.

Noch eine Weile hielt der Schmied in der Bewegung inne, suchte noch einmal den Waldrand ab, aber das große Tier war verschwunden. Endlich setzte Myghal seine Arbeit fort, ertappte sich aber selbst immer wieder dabei, wie er den Kopf hob und mit den Augen den Waldrand absuchte.

Vergeblich.

Der Wolf zeigte sich an diesem Tag nicht mehr.

Die nächste Unterbrechung seiner Arbeit war erheblich angenehmer. Es mochte gegen zehn Uhr des Vormittages gewesen sein, wie der ferne Glockenschlag der Kirche verkündete, als zwei Reiter die Dorfstraße herunter kamen und ihre Pferde zur Schmiede lenkten.

Der erste Reiter war gut sechs Fuß groß, sein rotblondes Haar flatterte unter dem dunklen Helm mit dem Nasenschutz hervor. Über seinem brünierten Kettenhemd trug er einen schwarzen Waffenrock. Ein Blick auf das Wappen, das einen roten, steigenden Löwen zeigte, beseitigte jeden Zweifel.

„Afon! Das ist eine Überraschung!“, rief der Schmied zur Begrüßung, legte seinen Hammer auf den Amboss, wischte sich die Hände an einem Tuch ab und trat unter dem Dach hervor, um die Reiter zu begrüßen.

„Den Namen habe ich vermisst, mein Freund!“, rief Morgan lachend aus. Als es bei ihrer ersten Begegnung zu einer gefährlichen Situation mit drei Soldaten des Sheriffs kam, hatte der Schmied den Ritter kurzerhand für seinen Gehilfen Afon ausgegeben (vgl. Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 7: Ein Toter kehrt zurück).

Morgan sprang aus dem Sattel und umarmte den Freund, während Boyd etwas verlegen danebenstand und dann Myghal mit einer linkischen Umarmung auf gleiche Weise begrüßte.

„Was verschafft mir die Ehre?“, erkundigte sich der Schmied höflich, als die beiden Männer ihre Pferde angebunden hatten und mit ihm zum Haus hinüberschritten, aus denen ihnen eben mit einem strahlenden Lächeln Eseld, die Frau des Schmieds, entgegentrat.

„Morgan! Mein Gott, das ist eine Ewigkeit her! Dynnargh dhis, Afon!

Eine Weile lachten sie gemeinsam, dann machte Eseld eine einladende Bewegung zum Haus hinüber und stellte gleich darauf frisch gebackenes Brot, einen großen Schinken und Becher mit Bier vor ihnen auf den einfachen Holztisch.

„Wunderbar! Eure Gastfreundschaft ist mir ein besonderes Vergnügen, zeigt es mir doch, dass ich noch in eurer Gunst stehe!“, sagte Morgan, als er sich zufrieden zurücklehnte und die letzten Spuren seiner Mahlzeit aus dem Bart wischte.

Erneut lachte Eseld belustigt auf.

„Warum sollten wir unserem Freund Afon nicht mehr gesonnen sein?“

Morgan zeigte eine ernste Miene, als er seine Worte bedächtig wählte.

„Seit Monaten bringe ich euch in ständige Gefahr, durch die Waffenlieferungen, die zu euch gebracht und anschließend abgeholt werden. Ihr müsst immer damit rechnen, dass die Männer des Sheriffs wieder auftauchen und euch überraschen. Oder Sir Struan ordnet sogar eine Durchsuchung der Schmiede an, die Waffen werden gefunden, und die Söldner machen kein großes Federlesen mit euch. Sie würden euch vermutlich sofort töten!“

Myghal nickte wie bestätigend zu seinen Worten, aber dann zeigte sich wieder ein verschmitztes Lächeln auf seinen Zügen. Der Schmied schlug mit seiner kräftigen Rechten auf die Tischplatte, sodass die Becher hüpften, und dann brach ein lautes Lachen aus ihm heraus, ansteckend und fröhlich, sodass schließlich alle mit einstimmen mussten.

„Was ist der Grund für deine Heiterkeit, Myghal?“, stieß Morgan schließlich hervor, nachdem er sich gewaltsam gezwungen hatte, wieder ernst zu werden.

Statt einer Antwort stand der kräftige Mann auf, ging zu der einzigen Truhe im Raum und öffnete den Deckel. Eine Weile war er mit dem Herumsuchen beschäftigt, nahm ein paar Wolltücher heraus und hatte dann offenbar das Gesuchte in der Hand. Erstaunt blickte Morgan auf ein Schriftstück, an dem ein großes, ihm sehr bekanntes Siegel hing.

Ein Blick darauf bestätigte dem Löwenritter, dass sein Schmied und Waffenlieferant unter dem besonderen Schutz des Sheriffs von Cornwall stand. Ausdrücklich wurde dort bestätigt, dass niemand ungefragt seine Schmiede betreten oder gar ihn in seinem Haus belästigen durfte.

„Das – ist doch wohl eine Fälschung, oder? Obwohl ich einräumen muss, dass sie gelungen ist. Und wie ist der Fälscher an das Wachssiegel gelangt?“

Morgan warf einen prüfenden Blick in das Gesicht des Schmiedes, der aber noch immer schwieg und nur sein Schmunzeln zeigte.

„Myghal! Du willst mir doch wohl nicht weismachen, dass diese Urkunde echt ist? Unmöglich – Sir Struan hätte sie wirklich ...? Myghal! Du machst dich über mich lustig!“

„Jammes –niemals!“, antwortete der Schmied mit treuherziger Miene. „Sir Morgan! Was denkt Ihr von mir? Ich bin in diesen Genuss gekommen, weil ich – sagen wir – dem Sheriff einen persönlichen Gefallen erwiesen habe.“

Morgan musterte den Schmied, aber er konnte noch immer nicht sagen, ob der gute Mann sein fröhliches Spiel mit ihm trieb. So zuckte er die Schultern und wartete auf eine Erklärung.

„Es gab ein – sagen wir – Problem in seinen privaten Gemächern. Sir Struan ließ mich holen, und ich habe dieses Problem gelöst und ihm versprochen, nicht weiter darüber zu sprechen.“

„Und aus lauter Dankbarkeit hat er dir diese Urkunde ausgestellt? Das muss in der Tat ein großes Problem gewesen sein. Lass mich raten – es hat etwas mit einem großen Türschloss zu tun?“

Myghal grinste erneut.

„Es war offenbar nicht das, zu dem sein Schlüssel gehörte!“, feixte der Schmied.

„Und eine gewisse Lady Eurona war ebenfalls beteiligt?“

Die beiden Männer brachen erneut in Gelächter aus.

„Ich musste natürlich dem Sheriff schwören, nichts darüber verlauten zu lassen. Habe ich ja auch nicht, weil mein Freund Afon doch hinter alles von allein kommt!“

Morgan ließ sich den Becher erneut aus der Kanne mit Bier füllen und fügte hinzu: „Was in seinem Falle ja äußerst verwunderlich ist. Gilt er doch als der Dorftrottel!“

„Bleibt ihr über Nacht?“, erkundigte sich nun seine Frau, aber Morgan schüttelte sofort den Kopf.

„Nein, das geht wirklich nicht. Wir haben einen besonderen Auftrag erhalten und müssen hier in der Umgebung nach einem großen Wolf Ausschau halten.“

Mit einem Schlag war der Schmied vollkommen ernst geworden.

„Ein großer Wolf? Der, von dem schon eine ganze Zeit in Cornwall erzählt wird?“

„Ja, Myghal, seine Pfotenabdrücke haben wir schon mehrfach gefunden. Sie weisen auf eine ungewöhnliche Größe des Tieres hin.“

„Das kann ich bestätigen. Außerdem hat das Tier einen fast silbernen Pelz. Das hätte ich gern auf meinem Bett liegen, es würde mir wohl gefallen!“

Morgan musterte seinen Freund mit Erstaunen.

„Du kannst bestätigen, dass es sich um ein großes Tier handelt? Wie das? Du hast ihn doch nicht etwa in der Nähe gesichtet?“

Nun war es an Myghal, heftig zu nicken und unwillkürlich richtete er dabei seinen Blick auf die Tür seines Hauses, als würde der Wolf gerade jetzt hereinkommen.

„Heute Morgen stand er drüben am Waldrand. Am helllichten Tag. Und er windete zu mir herüber und schien mich zu beobachten. Ein riesiges Tier. So, wie er kam, war er gleich darauf wieder verschwunden – ich habe ihn natürlich nicht verfolgt, weil ich meine Arbeit nicht liegen lassen wollte.“

„Das trifft sich gut, Boyd, hörst du – wir brechen gleich auf, dann sind wir in jedem Falle noch in der Lage, zwischen den Bäumen seine Spur aufzunehmen.“

Morgans Knappe hatte die ganze Unterhaltung schweigend angehört, jetzt erhob er sich sofort und ging hinaus zu den Pferden, um alles für die Wolfsjagd bereit zu machen.

Als sich Morgan verabschieden wollte, hielt ihn Myghal noch für einen Moment fest.

„Ein besonderer Auftrag waren die Worte zum Wolf. Wer gibt denn dem Löwenritter den Auftrag, einen Wolf zu erlegen?“

Morgan lächelte schon wieder leicht, als er antwortete:

„Eine ungewöhnliche Frau. Sie reitet mit uns seit einiger Zeit. Du kennst sie ebenfalls und hast dich schon oft über sie gewundert.“

„Die Falkenfrau?“

„Eben diese. Meraud.“

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2.

DER FALKE STIEß SEINEN schrillen Ruf aus, flog noch einen eleganten Bogen und landete gleich darauf auf der ausgestreckten Faust der jungen Frau, die auf seine Rückkehr im Burghof gewartet hatte.

„Was hast du mir da mitgebracht, Falke?“, fragte sie und zog ihm eine lange, schwarze Feder aus dem Schnabel. „Das ist doch wohl nicht, was ich glaube, oder? Nein, nein – du hast dich nicht mit Munin eingelassen oder ihm etwas angetan?“

Der Falke legte seinen Kopf schief und schien auf ihre Worte zu lauschen. Dann kletterte er geschickt an ihrem Arm hinauf und legte seinen Kopf an ihre Wange. Diese vertraute Haltung nahmen die beiden immer, nach seiner Rückkehr ein. Schon mancher der Rebellen hatte diese Szene beobachten können und dadurch verbreitete sich bald das Gerücht, die Falkenfrau könne mit dem Falken reden.

Auch diesmal hätte sich einem möglichen Beobachter dieser Eindruck vermitteln können, denn Meraud schwieg, während der Falke sich dicht an sie schmiegte. Lediglich ihre freie Hand kraulte sein Gefieder, und während die beiden in dieser innigen Haltung verharrten, näherten sich von dem großen Gebäude hinter ihnen eilige Schritte.

Dann wurde Meraud aus ihren Gedanken aufgeschreckt, als sie die Stimme des Roten Jägers vernahm.

„Hier steckst du ja, Liebes, ich habe dich überall gesucht! War es nicht so, dass da jemand auf ein besonderes Gedicht wartete?“

Meraud schaute Baldwin tief in die Augen, als sie sich zu ihm herumdrehte und der Falke wieder auf ihren Handschuh wanderte. Erneut hatte Baldwin bei diesem Blick, der mit Goldsprenkeln durchzogenen Augen, das eigenartige Gefühl, in einen tiefen, dunklen Brunnen zu fallen. Aber es war kein unangenehmes Gefühl, vielmehr so, als würden sie mit dem Blickkontakt einen viel intensiveren Kontakt erleben, als mit der bloßen Berührung ihrer Körper.

„Baldwin! So willst du mir also mitteilen, du hättest die Zeilen für mich schon längst fertig? Das glaube ich dir nicht! Bestimmt hast du nur ein altes Gedicht für eine andere Frau etwas umgearbeitet!“

Damit lächelte sie ihn neckisch an, gab dem Falken etwas Schwung mit der Faust und ließ ihn erneut aufsteigen. Er stieß seinen typischen Schrei aus und beobachtete, wie Meraud in die Arme des Ritters sank. Noch einmal erklang sein Schrei, dann schraubte er sich in der Luft, hinauf auf das Dach des mächtigen Wehrturmes, wo er sich niederließ. Von dieser luftigen Höhe schien er mit Interesse, das weitere Geschehen auf dem Hof zu verfolgen.

Meraud hatte sich bei dem rothaarigen Ritter eingehakt, und die beiden gingen mit langsamen Schritten hinüber zu dem kleinen Burggarten, in dem man Kräuter und etwas Gemüse angepflanzt hatte.

Im Schatten der Burgmauer stand eine kleine, steinerne Bank, auf die sich die beiden Liebenden nun setzten. Baldwin griff unter seine Cotte und zog ein Schriftstück hervor, aber noch bevor er es entfalten konnte, legte ihm Meraud mit einer sanften Bewegung die Hand auf seine Rechte.

Verwundert sah sie Baldwin an, aber Meraud sprach mit leiser Stimme:

„Jetzt nicht, Lieber. Ich muss dir von meinen Träumen erzählen. Du sollst wissen, wer diese Frau ist, der du dein Herz schenken willst. Ich möchte keine Geheimnisse vor dir haben, und du sollst dann nach einer Zeit entscheiden, ob du mich noch immer heiraten willst.“

„Aber natürlich!“, sagte Baldwin mit heftiger Bewegung, aber Meraud drückte nur kurz seine Hand, bevor sie fortfuhr:

„Es sind oft Dinge, die ich nicht erklären kann, deshalb nenne ich sie jetzt – Träume. Dabei geht es oft um die Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung, aber auch um Ereignisse, die ich zunächst nicht verstehe.“

„Erzähle mir alles, was du siehst oder träumst, Meraud. Und sei gewiss, dass ich dich immer lieben werde, solange ich lebe!“, versicherte ihr der Rothaarige mit fester Stimme.

Meraud schwieg noch einen Moment, bevor sie ihre Erzählung schließlich mit leiser Stimme begann:

„Ich habe einen ... einen mächtigen Menschen in meinem Traum gesehen. Er sprach zu mir und gab mir Warnungen. Noch ist es zu früh, etwas darüber zu sagen, denn es schien keine unmittelbare Gefahr für die Menschen um Morgan und dich zu bestehen. Aber jetzt sind die Ereignisse eingetroffen, die mich beunruhigen. Dazu kam mein Falke eben zu mir zurück und hatte eine Rabenfeder im Schnabel. Das alles gefällt mir nicht, und ich hege die große Sorge, dass bald ein großes Unglück über uns alle hereinbrechen wird.“

Sir Baldwin hatte ihr aufmerksam gelauscht. Er schien geradezu an ihren Lippen zu hängen, hatte sich etwas zu ihr geneigt und jedes Wort in sich aufgenommen. Jetzt drängte seine Frage heraus. „Wer ist dieser mächtige Mensch? Kenne ich ihn? Hat er etwas mit Prinz Johann zu tun?“

Meraud betrachtete ihn nachdenklich mit ihren unergründlichen Augen, dann sagte sie: „Ich kann es nicht einschätzen. Der Mensch – wenn es überhaupt ein solcher ist – verfügt über unglaubliche Mächte. Er hat viele alte Schriften gelesen und beherrscht Dinge, die ein Mensch besser nicht kennen sollte. Seine Gestalt ist oft eine andere, er ist in der Lage, sie jederzeit zu verändern. Außerdem kann er sich an Orte begeben, ohne sich zu bewegen. Kein Pferd und kein Wagen benötigt er dafür, sondern nur die Kraft seines Willens.“

„Meraud, du machst mich wirklich unruhig! Niemand kann so etwas, es sei denn, er ist ein Zauberer. Aber so etwas gibt es nicht, da bin ich mir ganz sicher.“

„Wirklich, Baldwin? Wie kannst du dir da so sicher sein? Hast du noch nie etwas von Myrddin gehört?“

Erschrocken richtete sich Sir Baldwin auf und ergriff zugleich beide Hände der jungen Frau.

„Myrddin? Das ist der alte Name für den Magier, den wir alle sonst nur Merlin nennen. Du kannst doch unmöglich etwas von ihm gehört haben! Er lebte zu Zeiten König Artus und muss seit Jahrhunderten tot und begraben sein!“

Meraud lächelte zart.

„Das ist die Meinung der meisten Menschen. Aber ich habe kürzlich eine weise Frau gesprochen, Anwen, die ich als meine Schwester im Geiste ansehe. Auch sie hat von ihm gehört und weiß, dass Myrddin lebt.“

„Aber Meraud – das ist doch ...“

„Was?“ Ihre Antwort kam in ungewöhnlicher Schärfe.

„Verzeih mir, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser alte Magier noch immer sein Unwesen treibt. Und warum sollte er ausgerechnet jetzt wieder nach Cornwall kommen?“

Meraud schenkte ihrem Ritter nur einen erneuten, tiefen Blick, und in Baldwin stieg ein Gedanke auf, so ungeheuerlich, so unglaublich, dass er unwillkürlich erschauderte. Er musste unbedingt mit Morgan reden. Aber zuerst sprach er Meraud noch einmal direkt an.

„Kann es vielleicht sein ... bitte, verstehe mich nicht falsch, aber ... wir beide kennen den alten Lehrer unseres Freundes Sir Arwin. Er ist sein Erzieher und sein Ratgeber seit dem Tod seines Vaters. Und dieser weise Mann heißt ebenfalls Myrddin. Das ist doch vielleicht in deinen Träumen ...“

Ein seltsamer Blick aus Merauds Augen traf Baldwin, aber dieser Blick schien aus so tiefer Seele heraufgestiegen zu sein, so voller Kummer und Schmerz, dass er unwillkürlich nach ihrer Hand griff, sie an seine Lippen führte und sie fest an sich drückte. „Meraud, was um des Himmels willen ...“

Die junge Frau legte ihm mit einer zarten Bewegung einen Finger auf die Lippen.

„Spricht nicht weiter, Liebster. Du hast die Verbindung gesehen, die ich selbst fürchte. Geh jetzt zu Morgan und berichte ihm. Wir sehen uns später.“

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3.

GANZ DEUTLICH ZEICHNETEN sich die großen Abdrücke von Wolfspfoten im weichen Ufer des Baches ab. Es konnte kein Zweifel mehr bestehen, dass hier ein besonders großer Wolf gestanden und getrunken hatte.

Boyd richtete sich wieder auf und wartete auf eine Anweisung seines Ritters.

„Es kommt mir noch immer merkwürdig vor, dass der Wolf am frühen Morgen vom Schmied gesehen wurde. Und jetzt diese deutlichen Spuren. Fast sieht es so aus, als wolle uns das Tier herausfordern.“

Morgan sah sich zwischen den dicht zusammenstehenden Bäumen um.

„Sir Morgan, ich verstehe Euch nicht. Das Tier kann doch nicht denken wie ein Mensch! Warum sollte er uns herausfordern?“

Der Löwenritter antwortete nicht, folgte vielmehr den Spuren, die sich irgendwo im Dickicht zwischen den Bäumen verloren. Dort blieb er stehen, betrachtete noch einmal sehr sorgfältig den Waldboden, dann kehrte er zu Boyd zurück, der die Zügel der Pferde in der Hand hielt.

„Glaube mir, Boyd, der Wolf weiß längst, dass wir seiner Spur folgen. Wir sollten ab sofort nicht mehr laut reden und Pfeil und Bogen bereithalten. Ich rechne jederzeit mit einem Angriff aus dem Dunkel des Waldes heraus.“

Boyd sah sich rasch um, aber dann lächelte er seinen Herrn an.

„Sir Morgan, Ihr wollt mir Angst machen! Ein Wolf greift doch nicht als einzelnes Tier den Menschen grundlos an. Und noch dazu jetzt, im Frühjahr, wo er genügend Beute schlagen und sich außerdem noch an den Schafen schadlos halten kann. Also, ich halte meine Augen weit offen, aber ich möchte den Wolf erleben, der zwei Reiter angreift!“

Morgan antwortete nicht, trieb seinen Rappen Blane schon wieder an und war gleich darauf zwischen den Bäumen verschwunden, noch ehe sein verblüffter Knappe folgen konnte. Boyd war etwas erleichtert, als er gleich darauf wieder aufschließen konnte. Die Bäume ließen noch genügend Raum, um von zwei Reitern passiert werden zu können. So ritten sie schweigend eine halbe Stunde nebeneinander her, ohne dass der Wald ein Ende nahm. Dann hob Morgan plötzlich die Hand und zügelte sein Pferd.

Gebannt blieb Boyd an seiner Seite im Sattel und beugte sich etwas vor, um das dichte Gebüsch vor ihnen besser beobachten zu können. Hatte sich da nicht etwas bewegt? Aber kein Geräusch verriet die Nähe eines anderen Lebewesens, und erst jetzt bemerkte der Knappe die absolute Stille, die den Wald wie mit einem Mantel eingehüllt hatte. Kein Vogel sang oder zwitscherte hier, kein Zweig knackte im Unterholz, kein Lüftchen schien sich zu regen.

Ganz langsam machte Morgan mit der linken Hand eine fließende Bewegung zu seinem Rücken, auf dem der Köcher hing. Die Rechte hatte den Langbogen fest umschlossen, gleich darauf lag ein Pfeil auf der Sehne und wurde zurückgezogen.

Ein kaum wahrnehmbares Sirren durchzog die Luft, als der Pfeil von der Sehne schnellte und in das Gebüsch vor den Reitern fuhr.

Unwillkürlich hatte Boyd die Luft angehalten, aber dann folgte er dem Beispiel seines Herrn, griff ebenfalls einen Pfeil und legte ihn auf. Doch er hatte kein Ziel erkannt, und auch der von Morgan abgeschossene Pfeil schien nichts getroffen zu haben. Schweigend verhielten sich die beiden Männer mit den gespannten Bögen in den Händen. Nichts geschah.

„Es wird gefährlich für uns“, raunte Morgan seinem Knappen zu. „Der Bursche ist noch schlauer, als ich geglaubt habe. Er beobachtet uns genau, aber mein Pfeil hat ihn offenbar nicht getroffen.“

„Er beobachtet uns?“, antwortete Boyd ungläubig ebenso leise.

Dann zog Morgan erneut die Sehne zurück und ließ den Pfeil auf eine andere Stelle fliegen. Diesmal gab es ein ganz kurzes Rascheln, dann umgab sie erneut die geradezu lähmende Stille.

Noch bevor Boyd fragen konnte, was sie jetzt machen wollten, stieg Morgan aus dem Sattel, hing sich den Bogen um und zog sein Schwert. Ohne zu zögern, folgte ihm auch Boyd, und nun gab ihm der Ritter ein Zeichen, sich von der rechten Seite dem Gebüsch zu nähern, während er selbst auf der linken weiterging.

Nichts geschah, das Gebüsch blieb unbewegt, kein Laut drang zu den Männern hinüber. Mit einem Satz schnellte sich Morgan mitten hinein, das Schwert dabei wie eine Lanze vor sich haltend. Boyd folgte seinem Beispiel und lief dabei in seine Richtung, um ein dort verstecktes Tier seinem Ritter zuzutreiben.

„Nein, es ist zwecklos, Boyd. Komm herüber, der Wolf ist weg.“

Völlig verblüfft eilte Boyd wieder aus dem Dickicht, hinüber zu dem Platz, den Morgan bereits erreicht hatte. Ihre beiden Pferde waren regungslos stehen geblieben, und keines von ihnen zeigte mit seinem Verhalten die Nähe eines gefährlichen Tieres an. Beide standen zwar aufrecht und vermieden es, den Boden nach etwas Essbarem abzusuchen. Aber nur ein wenig spielten ihre Ohren vor und zurück, sie schienen weder etwas zu wittern noch zu hören.

„Wir reiten noch ein Stück weiter und suchen uns dann am Bachlauf einen guten Platz für die Nacht. Ich bin sicher, der Wolf ist noch immer in der Nähe.“

Boyd bemerkte, dass Morgan einen Pfeil in der Hand hielt und ihn genau untersuchte. Als er sich zu ihm hinüberbeugte, bot ihm sein Herr den Pfeil auf der ausgestreckten Hand an. „Überzeuge dich selbst, Boyd.“

Der Knappe entdeckte einen winzigen Blutspritzer am Schaft des Pfeiles sowie ein paar ganz feine, silbrige Haare, die daran klebten. Morgan hatte den Wolf offenbar doch getroffen, aber wohl nicht gefährlich. Vielleicht hatte ihn der Pfeil auch nur knapp gestreift – aber das konnte Boyd kaum glauben.

„Ein Fehlschuss, wenn auch ein aufschlussreicher!“, bemerkte Morgan, als Boyd ihm den Pfeil zurückreichte. Sie stiegen auf und trieben ihre Pferde erneut an. So sehr sich Boyd auch dabei anstrengte, er konnte keinerlei Wolfspuren entdecken. Morgan schien es da anders zu ergehen, denn er lenkte Blane mehrfach um Bäume herum und hatte offenbar eine Richtung eingehalten, die der direkten Spur des Tieres folgte.

Doch nach einer guten Stunde hatte Morgan die Spur verloren. Er stieg aus dem Sattel, untersuchte den weichen Waldboden gründlich, ging auf der eigenen Hufspur noch einmal etwas zurück und blieb schließlich kopfschüttelnd stehen.

„Als hätte er sich in Luft aufgelöst!“, sagte er leise vor sich hin, sodass Boyd seinen Herrn kaum verstehen konnte. Dabei sah Morgan unwillkürlich nach oben in die Wipfel der Bäume und erblickte dort einen großen, tiefschwarzen Raben. Der Ritter rührte sich nicht, als der Rabe den Kopf seitlich legte und ihn zu beobachten schien. Schließlich gab der Vogel auf, erhob sich mit einem lauten Krächzen in die Luft und war gleich darauf hinter den Bäumen verschwunden.

„Munin oder Hugin, das ist die Frage!“

„Was meint Ihr, Herr?“ Boyd war sichtlich verwirrt. Natürlich kannte er die Namen der Raben, die der Sage nach Odin, dem Gott der Nordmänner, gehören sollten. Aber was sollte diese Bemerkung?

Doch Morgan blieb ihm die Antwort schuldig, schwang sich schweigend wieder auf den Rücken seines Rappen und trieb ihn an. Noch immer hing er am Hals des Tieres seitlich vorgeneigt, aber so sehr er sich auch anstrengte, hier war keine Wolfsfährte mehr zu entdecken.

Dann hatten sie den Bachlauf erreicht, an dem sie das Nachtlager einrichten wollten.

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4.

MORGAN WAR SICH BEWUSST, dass er schlief und eine Art Wachtraum durchlebte. Aber er war auch nicht in der Lage, die Augen zu öffnen oder diesen Traum zu beenden. Eine seltsame Macht schien von ihm Besitz ergriffen zu haben, war in seine Träume eingedrungen und hielt ihn unbeweglich auf seinem Lager.

Zunächst glaubte sich Morgan nur von dicken, weißen Nebelschwaden umgeben, aus der sich langsam eine Gestalt schälte, die sich ihm näherte. Dann erkannte er einen großen, hageren Mann mit schneeweißen Haaren und einem langen Bart in der gleichen Farbe, der ihm bis auf den Gürtel hing.

Diese Gestalt hatte er schon einmal gesehen, konnte sich aber nicht daran erinnern, in welchem Zusammenhang das geschehen war. Dann spürte er eine Berührung, zunächst wie ein Eiszapfen, und ein Schauer durchfuhr seinen ansonsten wie erstarrten Körper. Allmählich wandelte sich das Gefühl in das Gegenteil, immer stärker zog Wärme von seinem Arm hinauf über seinen Hals direkt in sein Gesicht. Gleich darauf meinte er, förmlich glühen zu müssen. Aber keine Bewegung, noch nicht einmal ein Wimpernschlag, war ihm möglich.

Dann kam die Stimme, als der alte Mann sich dicht vor seinem Gesicht hingesetzt hatte.

Du wirst erfolgreich sein, Morgan of Launceston, zunächst – für einige Zeit. Aber dann werdet ihr scheitern, alle. Und der Verhasste wird triumphieren. Merke dir meine Worte gut, denn nichts wird es ändern können. Nur eine Ausnahme kann alles noch ungeschehen machen, aber dazu musst du bereit sein, für das größte Opfer. Ich erwarte von dir ...

„Was? Was? Warte doch!“, schrie Morgan verzweifelt heraus, als die Gestalt des Weißhaarigen plötzlich wieder im Nebel verschwand. Sein Traum war abrupt beendet, er konnte seinen Oberkörper aufrichten, hatte die Augen weit aufgerissen und starrte in die Dunkelheit, die ihn umgab.

„Sir Morgan?“, kam die Stimme von Boyd an seiner Seite.

„Es ist nichts, Boyd, ich habe geträumt!“, antwortete sein Herr mit matter Stimme und wischte über sein Gesicht. Doch als er die Augen auf seinen Knappen richtete, zuckte er unwillkürlich zusammen.

Gelbe Augen starrten ihn an, auf unheimliche Weise in der Nacht funkelnd.

Neben ihm saß nicht sein Knappe Boyd, sondern der Wolf.

Instinktiv tastete Morgan nach seinem Schwert an der Seite, aber der Wolf rührte sich nicht. Er war kaum einen Yard von ihm entfernt, und der Ritter konnte den animalischen Geruch des Tieres wahrnehmen. Eine Mischung aus den Ausdünstungen des Räubers, darin vermischt, der metallische Geruch nach Blut und etwas anderem, das er nicht identifizieren konnte. Jetzt zog der Wolf seine Lefzen hoch, und Morgan erkannte im unsicheren Mondlicht die schneeweiß schimmernden, gewaltigen Fänge. Blitzschnell hatte er sein Schwert aus der Scheide gerissen und sprang auf.

Was eigentlich gleichzeitig geschah, konnte er sich später nicht mehr erklären. Er war kaum auf den Beinen, als er in den Kniekehlen einbrach und gleich darauf spürte, wie er auf dem Waldboden aufschlug. Hatte ihn der Wolf angegriffen? Morgan drehte sich auf die Seite und hob das Schwert, um einen Angriff abzuwehren, als eine Stimme an sein Ohr schlug:

„Morgan, um Himmels Willen, so wacht doch endlich auf!“

Benommen drehte er seinen Kopf in die Richtung der Stimme und bemerkte, dass er seine Augen geschlossen hatte.

War er so unglücklich gestürzt, dass er mit dem Kopf aufgeschlagen und ohnmächtig wurde?

„Herr, ich fürchtete schon das Schlimmste für Euch, so wir Ihr im Schlaf geschrien habt!“

Morgan spürte die Hand seines Knappen auf der Schulter und versuchte, durch Kopfschütteln die Benommenheit abzuwerfen, die ihn noch immer verwirrte. Dann fiel sein Blick auf die leere rechte Hand, und mit Erstaunen musste er feststellen, dass sein Schwert noch immer in der Scheide an seiner Seite steckte.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919783
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v424768
Schlagworte
schwert schild morgan löwenritter band wolf cornwall

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Titel: Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 26: Der Wolf von Cornwall