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Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 29: Tod auf dem Jahrmarkt

2018 120 Seiten

Leseprobe

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 29: Tod auf dem Jahrmarkt

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TOMOS FORREST

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ZYKLUS: DIE REBELLEN von Cornwall, Band 16

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth mit Steve Mayer, 2018

Lektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald, Alfred Bekker und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Sir Morgan hat sichere Kunde über den Aufenthaltsort seines Bruders erhalten. Dieser soll sich im Stadthof des Klosters zu Exeter unter den Mönchen aufhalten. Am Gerichtstag erreicht eine kleine Gruppe seiner treuen Freunde die Stadt und mischt sich unter das Volk. Ein Mord am helllichten Tag, inmitten der Besucher scheint ihr Vorhaben zu gefährden. Und dann entdeckt Morgan ihn tatsächlich – seinen Bruder. Doch die bevorstehenden Hinrichtungen und der eiskalte Mord scheinen seine Pläne zu bedrohen ...

***

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1.

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Von allen Seiten strömten die Menschen auf den Marktplatz. Lautes Schreien der Gaukler hatte sie am frühen Morgen aus den Häusern gelockt, und nun war es der Geruch, der an verschiedenen Ständen bereiteten Speisen, die ein Übriges dazu beisteuerten, die Neugierigen aus ganz Exeter heranzuziehen. Zwischen den dicht zusammenstehenden Häusern kamen sie aus den Gassen herbei, sahen sich auf dem Marktplatz um und lachten bereits nach wenigen Schritten über die Kunststücke einer bunt gekleideten Gruppe, die mit ihren Purzelbäumen vor allem die jüngeren Besucher begeisterten.

Jetzt kamen aus der einen Ecke mitreißende Töne, und schon kehrte sich ein Teil der Masse in diese Richtung, um den Klängen der Radleier und einigen Flöten zu folgen. Die Melodien waren genau nach dem Geschmack der Marktbesucher, schon zuckten die ersten Füße im Takt, ein paar Frauen wiegten sich in den Hüften, und als die Spielleute damit begannen, die nächsten Takte selbst mit ein paar Tanzschritten zu begleiten, da war kein Halten mehr. Die Menge wogte nach vorn und zur Seite, die Radleiern gaben den Ton vor, die Flöten und gleich darauf auch eine Laute, die sogenannte Üd, fielen mit ein und brachten die Menschen zur Höchstleistung, bei ihrem ausgelassenen Tanz.

Nun mussten sich aber die Nachbarn dieser Spielleute durchsetzen, um ebenfalls auf sich aufmerksam zu machen. Dumpf erklangen die Töne der Membranophone, der großen Rahmentrommeln, deren Tierfelle einen kräftigen, dunklen Klang beim Schlagen erzeugten, der sich über die hellen Töne der Leiern und Flöten legte. Die ersten Köpfe fuhren schon herum, und ein lang gezogenes „Oooh“ der Menge folgte den Gauklern, die eine rasche Folge von atemberaubenden Flicflacs über den Marktplatz vollzogen.

Dermaßen abgelenkt von den Sehenswürdigkeiten der Spielleute und Gaukler, dazu vom Duft der großen Bratenstücke an den Feuerspießen, waren die Menschen nur zu gern bereit, ihren grauen Alltag zu vergessen und mit allen Sinnen den Verlockungen des Marktes zu folgen.

Das geschah sehr zur Freude der Beutelschneider, die am heutigen Tag ein sehr einträgliches Geschäft versahen. Im Gewusel der dicht zusammenstehenden Menge gelang es ihnen immer wieder, Beute zu machen. So mancher Marktbesucher musste beim Bezahlen feststellen, dass sein kleiner Lederbeutel mit den Kupfermünzen oder gar Silberlingen auf Nimmerwiedersehen verschwunden war.

Das gab ein großes Geschrei an den Ständen, zumeist gefolgt vom schadenfrohen Gelächter der Umstehenden. Zwar ließ sich immer wieder eine Abordnung der Stadtwache sehen, die ihre Hände an den Schwertknäufen hatten und mit finsteren Mienen ihre Mitmenschen betrachteten, aber eine wirkliche Gefahr für die Diebe waren sie nicht.

Eine Verfolgung eines Straftäters in der hier versammelten Menge war so gut wie ausgeschlossen, aalglatt schlüpften die raffinierten Burschen zwischen den Menschen hindurch und wurde doch jemand von ihnen rasch am Kragen ergriffen, so riss er sich gewaltsam los und schlug so wild um sich, dass jeder sich in Sicherheit brachte, weil eine Schlägerei in dieser Menge nur zu rasch um sich griff und so mancher brave Bürger eine blutige Nase nach Hause trug.

„Seht euch den Zwerg an! So etwas habe ich noch nie gesehen!“, schrie ein rotwangiger Bauer laut und deutete auf ein Gestell, an dem ein kleiner Mann mit braunem Gesicht blitzschnell hinaufkletterte, ein Seil ergriff und sich von dem Gestell stürzte. Frauen schrien angstvoll auf, und auch ein paar beherzte Männer stießen einen überraschten Ruf aus, als der Kleine wie eine Kugel über eine aus groben Brettern gefertigte Bühne kugelte, gleich darauf seine Kappe vom Kopf riss und sie den Leuten entgegenstreckte.

„Na, nicht so schüchtern, schöne Frau – da könnt ihr ruhig ein wenig von dem roten Kupfer hineinwerfen – danke schön, vielen Dank – nein, Mylady, von euch nehme ich nur einen Kuss!“

Unter dem gröhlenden Lachen der Menge hatte der kleinwüchsige Gaukler eine junge Frau am Nacken erwischt und zog sie so rasch zu sich heran, dass sie sich nicht wehren konnte. Gleich darauf fuhr sie kreischend zurück, aber da hatte ihr der kräftig wirkende Zwerg schon einen dicken Kuss auf die Lippen gedrückt und anschließend eine Rolle rückwärts gemacht.

Die Menge jubelte laut, während das junge Mädchen einen knallroten Kopf bekam und sich hilfesuchend umblickte. Doch niemand dachte daran, den Kleinen für sein freches Tun zu bestrafen, vielmehr feuerte ihn die Menge gleich darauf lauthals zu weiteren Kunststücken an.

Doch jetzt trat der, in ein grünes Gewand gekleidete Gaukler an den vorderen Rand seiner kleinen Bühne und rief laut heraus:

„Nur Geduld, meine Freunde, ich nehme nur einen kleinen Schluck zu mir. Lauscht indessen dem Troubadour, den ich euch hier präsentiere! Volk von Exeter – vernehmt die Kunde – vor euch erscheint direkt aus dem fernen Frankreich zu uns geeilt – Jean, der Troubadour des Königs – mit einem herrlichen Lied!“

Die Menge johlte und trampelte, als der Kleine mit einer übertriebenen Verbeugung auf den jungen Mann deutete, der jetzt auf die Bretter stieg und dabei sein Instrument vom Rücken nahm. Die jungen Frauen hielten unwillkürlich den Atem an.

Dieser schwarzhaarige junge Barde hatte ein so männliches, wohl geformtes Gesicht, dazu strahlende, große Augen, eine wohl geschnittene Nase und einen Mund, aus denen ihnen weiß schimmernde Zähne entgegenblinkten – eine große Seltenheit in diesen Tagen.

Für einige der jungen Mägde musste dieser Sänger wie aus einem Märchen entsprungen sein.

Seine kräftige Gestalt steckte in einer einfachen Cotte, wie man sie wohl an den Höfen trug, aber bei allem Glanz seiner Erscheinung war doch nicht zu übersehen, dass sie ein wenig abgetragen und schmuddelig wirkte – um nicht zu sagen, schäbig.

Aber nun hingen die Augen der weiblichen Zuhörer ohnehin an den Lippen des Sängers, als er seine Laute schlug und die ersten Töne mit einer kräftigen Stimme vortrug.

„Verlör ich deine Minne

Bald würden alle Leute

Die volle Wahrheit inne

Dass nicht die kleinste Freude

Von andern ich gewinne.“

Hei, da juchzten die jungen Frauen vor Freude auf. Denn wann hatten sie schon jemals die Gelegenheit, einem echten Minnesänger zu lauschen?

Auch wenn Exeter eine mächtige und reiche Stadt war, so kam das Volk so gut wie nie in den Genuss eines Minnesängers. Da spielte es auch keine Rolle, dass sie die fremde Sprache des Sängers nicht verstanden, aber das Wort Minne hatten sie wohl verstanden, die Melodie war schön, und der Sänger verstand es, die wohl klingende Laute zu schlagen.

Doch dann wechselte er in das Englische über, und nun war kein Halten mehr, unter den weiblichen Zuhörern. Alles drängte dicht zusammen, versuchte, so nahe wie möglich an den Rand der Bretter zu gelangen.

„I’d like to feel the earth with you

And paint it blood red with rose petals

And stroll alone with you through the garden

Before the blossoms of summer die ...“

Er hatte noch nicht geendet, als drei, vier junge Frauen auf ihn zustürmten. Als ihn die erste erreicht hatte und sich an ihn klammerte, sprang der kleine Gaukler dazwischen und rief laut aus:

„So seid doch vernünftig, dort drüben kommt die hohe Geistlichkeit heran, was soll sie zu eurem Treiben sagen!“

Erschrocken fuhr die Magd herum, die gerade nach der Hand des Spielmannes gegriffen hatte und eine Schar Mönche erkannte, die mit langsamen Schritten auf die Bühne zukam.

Die Menge teilte sich vor ihnen, und plötzlich herrschte Stille, in der unmittelbaren Umgebung. Einer der Mönche, der schon sehr alt schien, wurde von den anderen auf die Bretter gehoben und machte dort eine herrische Handbewegung.

Sofort kehrte Ruhe ein, und die jungen Frauen, die eben noch so stürmisch ihren Sänger feierten, wichen scheu an den Rand des Podestes zurück, gefolgt von den finsteren Blicken der Mönche.

„Vade retro me, Satana! – Weiche von mir, Satan!“, rief der alte Mönch mit brüchiger Stimme dem Barden zu und streckte ihm ein einfaches Holzkreuz, das er an einem Band um den Hals trug, entgegen!

Der junge Mann lächelte dem Mönch freundlich ins Gesicht und antwortete schlagfertig: “Omnia vincit amor – alles bezwingt die Liebe!“ Wie von einer giftigen Natter gebissen, fuhr der Mönch vor ihm zurück und bekreuzigte sich hastig. Dann schrie er mit seiner brüchigen Stimme, die sich dabei überschlug:

„Das ist Sünde! Ihr folgt Satan, der euch mit seinen sündigen Versen verlockt und euch in die ewige Verdammnis führt!“

Schon bei den ersten Worten kam Unruhe unter den Zuschauern auf, und jetzt murrten die ersten laut. Der Mönch fuhr herum, zeigte ein vor Wut verzerrtes Gesicht und deutete nacheinander auf die nächsten Frauen, die aber seinem Blick trotzig standhielten. „Du ... du ... und du ... ja, ihr seid verflucht, denn ihr frönt der Sünde des Fleisches! Ich kenne euch, denn ihr habt euren Körper verkauft!“

Aber das war wohl ein Schritt zu viel im Eifer getan, denn jetzt schrie die erste der so beschuldigten Frauen auf, andere Stimmen folgten ihr, und ehe sich die drei Mönche versahen, waren sie von dem Podest heruntergerissen und erhielten von den Frauen kräftige Knüffe und Püffe verabreicht.

„Mach etwas, Jean, los – das wird eine Katastrophe!“, raunte der Zwerg dem Sänger zu, der rasch in die Laute griff, um die nächsten Töne hören zu lassen.

Nach und nach wandten sich die empörten Frauen ihm wieder zu und vergaßen bald darauf ihre Wut auf die Mönche, die sich auf allen Vieren zwischen ihnen hindurch bewegten, um so rasch wie möglich von diesem Sündenpfuhl zu verschwinden.

Nach dem zweiten Lied dachte niemand mehr an die Mönche, doch diesmal machte es der Barde geschickter. Kaum hatte er sein Lied beendet, sprang er nach hinten von dem Podest und war verschwunden, noch ehe eine seiner Zuhörerinnen auch nur erahnte, was er beabsichtigte.

Eine Weile standen sie noch zusammen und redeten über den schönen Sänger aus Frankreich, dann aber lockten andere Töne aus der Nachbarschaft, und die Menge zerstreute sich.

Aufatmend beobachtete der kleine Gaukler, wie die Frauen sich am nächsten Stand um einen dicken Mann scharten, der süßes Gebäck frisch aus einem Kessel mit einem Haken angelte und diese Köstlichkeiten anbot.

„O tempora o mores – o Zeiten, o Sitten!“, brummte der Kleine dabei vor sich hin, aber doch mit einem vergnügten Gesicht. Rasch hatte er den Inhalt seiner Kappe überflogen und das Geld in einen Beutel gesteckt, den er um den Hals auf der Brust trug. Diesen schob er hinter den Stoff seiner Cotte und sah sich rasch um. Als er die hünenhafte Gestalt in einiger Entfernung erkannte, kletterte er rasch von dem Podest herunter und drängte sich durch die Menschen.

Als er nur wenige Yards von dem großen Mann entfernt war, sah der mit einem bedeutenden Blick hinüber zur nächsten Häuserreihe. Der kleine Gaukler folgte dem Blick und erstarrte. Direkt vor den Häusern waren Zimmerleute beschäftigt. Die Bauknechte schleppten grob zurechtgeschlagene Balken heran. Die Zimmerleute waren dabei, das große Gerüst zu errichten. Noch wenige Stunden, und der Markt würde seinen Höhepunkt erleben.

Die Hinrichtung von Schwerverbrechern.

Das Volk wartete auf diesen besonderen Veranstaltungstag.

Staunend schob sich die Menge an dem Gerüst vorüber, an dem eben ein kleiner, breitschultriger Mann mit den Zimmerleuten darüber stritt, wo der Richtblock zu stehen hatte, damit auch alle Zuschauer genügend sehen konnten. Schließlich setzte sich der Mann, in dem einige den Henker erkannten, durch, und der schwere Block mit der Aussparung wurde einen halben Yard weiter nach vorn, an die Kante des Podestes gerückt.

Einige, die wohl wussten, wer hier das Sagen hatte, bekreuzigten sich eilig und vermieden, dem Henker ins Gesicht zu sehen. Man wusste, dass es besser war, so wenig Kontakt wie möglich mit diesem Mann zu haben und wechselte an einem normalen Wochentag auch sofort die Straßenseite, wenn man etwa ihm oder auch nur seiner Frau begegnete. Niemand wollte etwas mit einem unehrlichen Beruf zu tun haben.

Inzwischen hatte der kleine Gaukler seinen Bekannten in dem Gewühl erreicht, der sich einfach neben einen Stand gestellt hatte, an dem man Suppe für wenig Geld kaufen konnte. Der Geruch war allerdings auch danach, und als der kräftige Rotblonde offenbar genau im Dunst des Kessels gestanden hatte, wechselte er seinen Platz, um den wenig verführerischen Duft aus der Nase zu bekommen. Als der Zwerg neben ihm stand und einen raschen Blick in den Kessel warf, wandte er sich angeekelt ab.

„Pfui Teufel, so ein Zeug wird hier verkauft? Das ist ja erbärmlich und da drin sicher die Rattenbeute einer ganzen Nacht vereint!“ Der Gaukler schüttelte sich, während der Große scheinbar gelangweilt in die Ferne sah.

„Neues?“, erkundigte sich dieser nur knapp, und als der Kleine eine verneinende Kopfbewegung machte, bummelte er schon wieder weiter.

Es war sicher besser für beide, wenn sie hier nicht im trauten Gespräch vereint bemerkt wurden. Das listige, braune Gesicht des Kleinen und die kräftige, fast hünenhafte Gestalt des anderen konnte schon dem einen oder anderen Soldaten bekannt vorkommen, und die Männer des Sheriffs waren an diesem Vormittag überall zwischen den Marktbesuchern zu sehen.

Wichtigtuerisch schritten sie durch die Menge, die ihnen sofort Platz machte. Ihre kurzen Lanzen hielten sie zwar senkrecht, aber niemand wollte etwas mit den Soldaten zu tun haben – sie wurden genauso gemieden wie der Henker samt Familie.

Jetzt aber drang an das Ohr des Großen ein schriller Schrei, der ihn geradezu magisch anzog. Vor einer schmalen Seitengasse drängten sich ein paar Menschen zusammen, und es sah so aus, als würde ein Mann eine Frau festhalten. Als der große, kräftige Mann, der nur mit einer einfachen Cotte bekleidet war und noch nicht einmal eine Kopfbedeckung trug, sich einen Weg durch die Menge bahnte, erblickte er die Szene.

Tatsächlich stand hier ein Mann mit hochrotem Kopf und hatte offenbar die Frau vor ihm gerade geschlagen, denn sie hielt sich, mit schmerzverzerrtem Gesicht, die Wange. Er überschüttete sie mit einem Schwall von Verwünschungen, und die umherstehenden Gaffer schienen das zu genießen. Aber dann mischte sich ein jüngerer Mann ein, der offenbar bislang im Hintergrund abgewartet hatte, wie sich das Geschehen entwickelte.

Der Rotblonde stand jetzt eingekeilt in der Menschenmenge, die ihm keine Möglichkeit mehr ließ, direkt zu den Streitenden vorzudringen. Warum auch? Jeder hatte das gleiche Recht, den Streit von seinem Standort aus betrachten zu dürfen!

„Da ist dieser Dreckskerl ja!“, schrie der ältere Mann auf und deutete auf den anderen, der sich jetzt beschützend vor die Frau gestellt hatte. „Der Hurenbock! Aber warte, dir werde ich es zeigen!“

Mit diesen Worten hatte der Mann plötzlich ein Messer in der Hand, hob blitzschnell den Arm und rammte es dem Jüngeren bis ans Heft in die Brust. Mit einer raschen Bewegung zog er es wieder heraus, der andere taumelte, griff sich an die Brust und brach in die Knie. Die Frau stieß einen durchdringenden Entsetzensschrei aus und wollte den Arm des Messerstechers fassen. Alles geschah so rasch, dass kaum jemand von den Zuschauern begriff, was dort geschah – ein Mord vor ihren Augen.

Plötzlich war der Angreifer verschwunden, zwischen die Zuschauer gesprungen, und niemand hatte es gewagt, ihn festzuhalten. Die Frau schrie durchdringend, und als die Ersten scheu vor dem Rotblonden zurückwichen und ihn dabei anrempelten, erkannte er das blutige Messer in der Hand der Frau.

Die schreiende Frau steckte andere an, und plötzlich waren es auch einige Männer, die laut nach der Stadtwache riefen. Tatsächlich eilte auch eine Gruppe Bewaffneter herbei, die kurzen Lanzen dabei quer vor dem Körper haltend. Alle Zuschauer wichen vor den Soldaten wie eine Welle zurück, und plötzlich stand der Große fast allein vor der noch immer schreienden Frau, die das blutige Messer wie anklagend vor sich hielt.

Ein paar scharfe Kommandos, und ehe die Frau auch nur eine abwehrende Bewegung machen konnte, war ihr das Messer aus der Hand gewunden, ihre Arme nach hinten gerissen und mit einem Strick fest verschnürt. Dann erhielt sie einen Stoß in den Rücken und wurde rechts und links von den Soldaten flankiert.

„Augenblick!“, rief der große Mann über die Köpfe der nächsten hinweg. „Die Frau ist unschuldig! Der Mörder ist in die Gasse dahinter geflüchtet!“

„Sir Morgan! Ihr bringt Euch in Lebensgefahr!“, zischte der kleine Gaukler dem Sprecher zu. Er hatte sich durch die aufgeregte Menge gewühlt und in diesem Moment seinen Herrn erreicht.

„Was willst du, Bursche? Hast du etwas gesehen?“, rief einer der Soldaten mit drohender Stimme zurück, und Morgan, dem schon eine Antwort auf der Zunge lag, schluckte schwer und schüttelte den Kopf.

Mit einem Brummlaut wandte sich der Soldat wieder ab und führte die Gefangene mit seinen Kameraden ab.

„Sir, Ihr könnt nicht eingreifen, ohne unser Vorhaben zu gefährden! Bedenkt doch, das Schicksal Eures Bruders hängt davon ab!“, bat der Kleine, der sich jetzt an die rechte Hand des Ritters gehängt hatte und ihn damit zurückhalten wollte. Unwillig schüttelte ihn der Rotblonde ab, verlangsamte aber seinen Schritt und beugte sich schließlich etwas zu seinem treuen Narren herunter.

„Du hast vollkommen recht, Shawn. Aber sieh zu, dass du in Erfahrung bringst, in welches Gefängnis die Frau gebracht wird. Wir sehen uns heute Abend in der Herberge.“

Damit war er schon zwischen den nächsten Menschen hindurch, die sich längst einem neuen Ziel zugewandt hatten und jetzt eine Gruppe vorbeiziehender Musiker bewunderten.

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2.

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Die drei Menschen am Stadttor von Exeter machten einen zerlumpten Eindruck. Aber sie standen stolz aufgerichtet und auf ihre kräftigen Stöcke gestützt, die zerdrückten Hüte waren tief ins Gesicht gezogen und sollten die warme Frühlingssonne abhalten. Als die Wache die drei Gestalten mit finsterem Blick musterte, entging ihr nicht das kleine, glänzende Abzeichen am vorderen Hutrand. Die Jakobsmuschel wies sie als Pilger aus und erklärte den schlechten Zustand ihrer Gewänder. Dazu waren sie barfuß, aber mit so schmutzstarrenden Füßen, dass man erst auf den zweiten Blick die fehlenden Schuhe erkannte.

Die beiden Wachsoldaten nickten ihnen zu und verlangten keine weitere Legitimation von den Pilgern, die jetzt mit einer weiteren Menschenmenge auf den Marktplatz strömten. In der Mitte des weiten Platzes war ein Brunnen erkennbar, zu dem zahlreiche Menschen strebten.

Auch die drei Pilger hielten darauf zu, und während ihre kleine Gruppe sich durch die Menge quetschte, nickte man ihnen höflich von allen Seiten zu. Pilger waren immer etwas ganz Besonderes, und diese hier hatten offenbar den Jakobsweg hinter sich und waren nun wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Als die drei ihre langen Stäbe am Brunnenrand ablegten und begannen, sich den Staub der Straße vom Gesicht und den Armen zu waschen, erkannten die neugierig herandrängenden Frauen, dass einer der Pilger eine Frau war.

Ein paar ganz Mutige drängten sich nach vorn und sprachen sie an, aber ernteten dafür nur eine müde Handbewegung. Als sie ihren Hut abnahm und ebenfalls auf den Brunnenrand ablegte, um ihren Kopf vollständig in das Brunnenwasser zu tauchen, nutzten ein paar der Neugierigen die Gelegenheit und berührten rasch das Pilgerabzeichen, die kleine Jakobmuschel.

Prustend richtete sich die junge Frau wieder auf, schüttelte das Wasser aus ihren Haaren, sodass es in zahlreichen Tropfen auf ihre Begleiter fiel, und lachte dann fröhlich auf.

„So, das reicht jetzt aber! Ich weiß, dass ihr dem Zeichen Wunderkraft zuschreibt, aber ich möchte es gern noch eine Weile als Erinnerung behalten!“ Doch nur ein beherztes Aufsetzen der Kopfbedeckung verhinderte den Zugriff weiterer Frauen.

Hier wusste jeder, welche Kraft ein solches Pilgerzeichen besaß, und noch dazu eines, das ja von einer Wallfahrt zum Grab des Heiligen Jakobus in Santiago de Compostela zeugte.

„He, du!“, rief die junge Pilgerin eine Frau an, die eben noch einmal versuchte, das Abzeichen an ihrem Hut zu berühren. „Ich erlaube es dir gern, wenn du mir den Weg zur Buckfast Abbey zeigen kannst!“

Die junge Frau mochte kaum dreizehn oder vierzehn Jahre alt sein, hatte ein von Sommersprossen bedecktes Gesicht und eine kleine Stupsnase. Sie lachte keck der Pilgerin ins Gesicht und deutete hinter sich.

„Gewiss meinst du den Stadthof des Klosters? Er liegt in Richtung auf das östliche Tor zu, er ist gar nicht zu verfehlen. Darf ich?“ Und als die Pilgerin zustimmend nickte, strahlte die andere und berührte vorsichtig das Pilgerzeichen.

Ihre Gefährten hatten sich ebenfalls den gröbsten Dreck abgewaschen, waren aber von den Frauen, die hier zum Wasserholen zusammenkamen, nicht angesprochen worden. Jetzt nahmen sie ihre Stäbe wieder auf, schulterten das Bündel, das jeder von ihnen an einem Riemen über dem Rücken trug, und gingen in die bezeichnete Richtung.

„Sind das Benediktiner-Mönche?“, erkundigte sich der jüngere der beiden Männer.

„Nein, schon lange nicht mehr. Das Kloster wurde zwar von den Benediktinern gegründet, später aber von den Zisterziensern übernommen. Dort drüben geht gerade eine Gruppe von ihnen, Eric!“

Geantwortet hatte die junge Frau und ihre Stimme dabei ebenfalls gesenkt, um nicht die Menschen um sie herum aufmerksam zu machen. Boyd schaute sofort zu den Mönchen hinüber, die offenbar gerade etwas Unangenehmes erlebt hatten.

Jedenfalls stand ein alter, vollkommen haarloser Mönch vor zwei jüngeren und hielt ihnen eine flammende Rede, aus der sie nur einige lauter gerufene Wörter verstehen konnten. Aber als sie mehrfach das Wort fornication, Unzucht, vernahmen, war die Aufmerksamkeit der beiden Männer geweckt. Sie traten etwas näher an die Gruppe der Mönche heran, ohne von denen beachtet zu werden.

„Ich werde das bei unserem Abt zur Anzeige bringen!“, schimpfte eben der alte Mönch. Sein von zahlreichen, tiefen Falten durchzogenes Gesicht wirkte verwittert, und das Fehlen der Augenbrauen und sogar der Wimpern verstärkten den Eindruck noch. Boyd jedenfalls hatte den Eindruck, dass eine der alten Steinfiguren, die man gelegentlich an den Römertürmen erkennen konnte, hier zum Leben erwacht war.

„Laudetur Jesus Christus – gelobt sei Jesus Christus!“, begrüßte Boyd lautstark und mit freundlicher Stimme die Mönche, die bei seinem Ausruf herumfuhren und nach einem verwunderten Blick auf die abgerissenen Gestalten im Chor antworteten:

„Per omnia saecula saeculorum – von nun an bis in Ewigkeit!“

Diese Grußformel war unter Geistlichen üblich, aber in diesem Fall zwischen Pilgern und Mönchen ein besonderer Beweis der gegenseitigen Achtung. So bemühte sich auch der alte Mönch um ein freundliches Gesicht, als er noch ein „Amen!“ hinzufügte.

„Ihr habt wohl eine lange Pilgerreise hinter euch gebracht. Wenn ihr Unterkunft und etwas zu essen benötigt, so steht euch der Stadthof von Buckfast Abbey offen. Wir sind ohnehin auf dem Weg dorthin, ihr könnt gern mit uns gehen!“

„Vielen Dank, Vater, sehr gern!“, antwortete Boyd artig und wartete ab, bis die drei Mönche nun schweigend vor ihnen hergingen. Dann folgten die drei Pilger und hatten nach einer guten Viertelstunde die Pforte des Stadthofes erreicht.

Hier mussten sie sich an der Pforte ausweisen, was in diesem Falle bedeutete, dass der Pfortenbruder ihre Namen in eine Liste schrieb und dahinter das Datum ihrer Ankunft in Exeter. Der alte Mönch war mit seinen beiden jüngeren Begleitern an der Pforte stehen geblieben und musterte mit wenig wohlwollender Miene den Eintritt der drei Jakob-Pilger. Besonders unfreundlich waren seine Blicke zu der jungen Frau, die sich aber davon nicht beeindrucken ließ. Schließlich ging der kahlköpfige Mönch kopfschüttelnd weiter, gefolgt von den beiden anderen.

Die drei Neuankömmlinge bedankten sich beim Pförtner, dann wurde ihnen im Gästehaus des Stadthofes ein Platz angewiesen. Allerdings wollte man nicht zulassen, dass auch die Pilgerin dort Unterkunft fand. Ihr wurde vom Aufsicht führenden Mönch bedeutet, dass sie nur Aufnahme im Kloster als Pilgerin gefunden habe und man im Übrigen keine Frauen hier dulde.

„So, das ist ja sehr christlich, Bruder!“, sagte die junge Frau und blieb stehen. „Wo darf ich dann meinen müden Körper ausstrecken? Vielleicht im Stall bei den Ziegen?“

Der Mönch musterte die junge Frau in ihrem schäbigen Gewand von Kopf bis Fuß und nickte nur von oben herab.

„So ist es hier in Exeter, wir haben keinen anderen Raum. Aber zum Glück für dich, sind die Tiere jetzt schon über Nacht auf der Weide.“

„Vielen Dank!“, sagte die Frau verärgert, nickte ihren Begleitern zu und warf einen raschen Blick in den Stall, der sich unmittelbar an der großen Steinmauer befand. Diese, aus grob zurechtgeschlagenen Feldsteinen, zusammengefügte Mauer hatte wohl eine Höhe von gut zwei Yards und fasste das gesamte Grundstück mit seinen Gebäuden ein. Neben dem kleineren Kirchenbau befanden sich in einem lang gestreckten Teil die Zellen der Mönche, davon getrennt gab es das kleine Gästehaus für Durchreisende. Allerdings war auch hier für die beiden Männer kaum noch ein Platz zu finden, denn der Markt hatte zahlreiche Menschen in die Stadt gelockt.

Doch eine schon hier im Stroh lagernde Gruppe von fünf älteren Männern machte respektvoll Platz für die beiden Pilger, als sie die Jakobsmuschel erkannt hatten.

„Danke, das ist sehr freundlich, mehr benötigen wir gar nicht!“, sagte Boyd höflich und legte sein schmales Bündel auf den Strohhaufen ab. „Gibt es außerhalb der normalen Zeiten wohl noch etwas in der Küche, für uns Pilger?“

„Die Mönche hier sind eigentlich sehr großzügig, und einem Pilger wird ohnehin kaum etwas abgeschlagen werden. Wenn ihr dort drüben hinübergeht, findet ihr sofort das Küchengebäude!“, antwortete ihm einer der Männer.

Boyd bedankte sich und machte sich sogleich auf, denn der Hunger ließ seinen Magen schon ordentlich knurren. Sie waren seit dem frühen Morgen unterwegs und hatten seitdem nichts mehr zu essen bekommen. Auf dem Hof schloss sich ihnen Blejan wieder an, die es vorgezogen hatte, sich ein Lager zwischen dem Stall und einem Gartenteil im Freien einzurichten. Inzwischen war die Mittagszeit herangekommen und damit auch die Zeit für die Terz, das kleine Mittagsgebet.

Die drei Freunde trafen sich deshalb auf dem Hof, schlossen sich den Mönchen beim Gang in die Kirche an und waren froh, wenig später eine kräftige Suppe mit Fleischeinlage, in der Küche zu erhalten.

„Eigentlich hätten wir ihm doch in der Kirche begegnen müssen“, sagte Boyd mit halblauter Stimme, nachdem sie ihre Schüsseln zurückgegeben hatten und nun gemeinsam zum Tor schritten, um die Stadt aufzusuchen.

„Es ist ja gar nicht gesagt, dass er sich innerhalb der Mauern des Stadthofes frei bewegen kann. Hast du den Bruder deines Ritters denn bei einer früheren Gelegenheit gesehen und würdest ihn wiedererkennen?“, erkundigte sich Jory, der andere Pilger.

„Leider nicht, Jory. Ich hatte allerdings die Hoffnung, einen Edlen unter den Mönchen ausfindig zu machen. Aber weder beim Gebet noch bei der Essenausgabe ist mir jemand aufgefallen, der eine Ähnlichkeit mit Morgan aufweist.“

„Dann sollten wir jetzt also den Markt aufsuchen und uns mit ihm verständigen.“

„Haltet die Augen gut offen – Shawn ist ja nun ein auffallender Bursche, und sollte es Ärger in seiner Nähe geben, dürfen wir uns in keinem Falle einmischen!“, ermahnte sie Boyd eindringlich.

„Keine Sorge, Boyd, es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, einmal zuzuschauen, wie unser Shawn eine Tracht Prügel erhält!“, antwortete die junge Frau mit einem spöttischen Grinsen.

„Blejan, so kenne ich dich gar nicht!“, sagte Jory und schnalzte dabei mit der Zunge, als wolle er ein Pferd antreiben.

Alle drei gingen dicht hintereinander durch die breiten Gassen der Stadt Exeter, in der sich von allen Seiten immer neue Menschenmassen heranwälzten, um auf den Markt mit seinen verlockenden Waren zu drängen. Die Stände waren womöglich mit noch dickeren Menschentrauben umgeben, und die Gaukler hatten Mühe, ihre Darbietungen zwischen den Neugierigen zu zeigen. Da konnte es nicht ausbleiben, dass es zu Wortgefechten und Rangeleien kam.

Die Soldaten der Stadtwache hatten irgendwann aufgehört, mit ihren Lanzen zwischen den Leuten herumzulaufen. Sie standen in kleinen Gruppen an den Häusern und vor dem Rathaus, beobachteten mit finsterer Miene das Treiben und griffen nur noch dann ein, wenn sie unmittelbar vor ihren Augen etwas bemerkten, das ihr Handeln erforderte.

Plötzlich stieß Blejan gegen einen großen, schlanken Mann, der sich erstaunt zu ihr umdrehte. Über sein Gesicht zog gleich darauf ein Lächeln, und gebannt blieb auch die junge Kriegerin im Gewand eines Pilgers stehen. Die beiden jungen Leute sahen sich an, als hätten sie sich seit vielen Jahren wieder getroffen. Der gut aussehende Mann hatte in der rechten Hand eine Laute, die er jetzt hob, in die Saiten griff und mit wohl klingender Stimme ein Lied anstimmte.

Selich wîp, vil suoziz wîp, du gist wol hohen muot – Seliges Weib, sehr süßes Weib, du versetzt mich in Hochstimmung ...“, sang er und sogleich stockte die Menge um die beiden und drehte sich zu dem Barden herum. Blejan verspürte die aufsteigende Röte als Brennen auf den Wangen und sah verlegen zu Boden. Im Nu war ein dichter Kreis um den Sänger und die junge Pilgerin gebildet, die Menschen klatschten begeistert in die Hände und folgten der eingängigen Melodie. Der junge Mann wurde lauter und seine Stimme trug die nächsten Worte weit über die Köpfe der Staunenden hinaus:

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919752
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Mai)
Schlagworte
schwert schild morgan löwenritter band jahrmarkt

Autor

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Titel: Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 29: Tod auf dem Jahrmarkt