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Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 24: Die neue Tafelrunde

2018 120 Seiten

Leseprobe

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 24: Die neue Tafelrunde

Angela Planert and Tomos Forrest

Published by Uksak Sonder-Edition, 2018.

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 24: Die neue Tafelrunde

Angela Planert / Tomos Forrest

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ZYKLUS: DIE REBELLEN von Cornwall, Band 11

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth mit Steve Mayer, 2018

Lektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald, Alfred Bekker und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Kappentext:

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Marven of Coleford, ein Anhänger Richard Löwenherz’, wartet in den Folterkammern des Sheriffs von Cornwall auf seinen Henker. Er hat kaum noch Hoffnung, seinem Schicksal zu entrinnen. Sir Morgan of Launceston gerät indessen ebenfalls in arge Bedrängnis, als er Zuflucht auf Coleford Castle sucht. Die Soldaten belagern diese Burg, und als eine große Wurfmaschine herangebracht wird, entschließen sich die Rebellen zu einem mutigen Gegenschlag. Bei der Durchsuchung der Burg machen sie eine grauenvolle Entdeckung ...

***

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1.

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Stetig hallte dieses leise ‚Plopp‘ durch die Dunkelheit.

Was für eine Ironie! Irgendwo in diesem Verlies tropfte köstliches Wasser von der Felswand herunter. Doch die Kette zwischen dem schweren Eisenring um seinen Hals und dem Haken in der Wand, hielten ihn auf einem Fleck von ungefähr fünf mal fünf Ellen gefangen. Die kostbaren Tropfen, die hörbar in seiner Nähe niedergingen, blieben für ihn unerreichbar, machten ihm seine ausweglose Lage mit jedem Atemzug bewusster. Mit geschlossenen Augen lehnte er sich gegen die raue Felswand. Sein Durst schmerzte zusehends in seiner Kehle, sogar das Schlucken fühlte sich unangenehm an. Dennoch war es erträglicher, als die ersten qualvollen Tage, die er dem Folterknecht ausgeliefert war.

Die Geräusche, das Knarren der Seile des Holzrades, als die Streckbank auseinandergedreht wurde, waren ihm genauso lebhaft in Erinnerung, wie die grausamen Schmerzen, wenn sich Hand- und Fußgelenke in die Holzbefestigung quetschten. Das entsetzliche Reißen in sämtlichen Gelenken, in jeder Faser seines Körpers, welches auch mit einem Schrei der Qual nicht enden wollte, begleiteten seine Gedanken an die Folter.

Mit der Peitsche auf dem Rücken und der spanischen Spinne hatte er Bekanntschaft machen müssen. Offenbar jedoch bevorzugte der Sheriff von Cornwall, ihn leben zu lassen, denn irgendwann hatte man ihn hier, mit teils üblen Verletzungen, angekettet.

Genau genommen war dieses stinkende Loch hier keines Tieres würdig, und doch im Gegensatz zu den Foltermethoden geradezu ein Ort der Erholung.

Seine Wunden begannen langsam zu verheilen, und er hatte im Laufe der Zeit sogar eine halbwegs bequeme Position gefunden, um mit dem scheuernden Eisenring um seinen Hals zu schlafen. Allerdings waren seine Nächte wenig erholsam. Sobald er die Augen schloss, sah er seinen ehemaligen Mitgefangenen vor sich: Ein junger, stattlicher Mann, Sohn einer angeblichen Hexe. Das war natürlich Schwachsinn! Die Frau hatte lediglich mit ihrem ausgeprägten Wissen um Kräuterkunde einige Dorfbewohner von einer bösen Krankheit geheilt.

Der Sheriff von Cornwall jedoch wollte den Jungen zwingen, seine Mutter der Hexerei anzuklagen. Mehrfach hatte man dem jungen Mann einen üblen Trunk, bestehend aus heißer Jauche und anderen ekelhaften Substanzen, eingeflößt und anschließend hier angekettet. Mehrere Tage hatte der Arme mit Krämpfen und Schüttelfrost um sein Leben gekämpft, bevor ihn der Tod erlöst hatte. Noch nie hatte Marven einen Menschen sich vor Qual derart hin und her winden, sich dabei wiederholt erbrechend, gesehen. Den Anblick dieses qualvollen Todes würde er niemals vergessen.

Doch es gab auch diese besonderen Momente, die ihm Lebenskraft und Hoffnung schenkten, Augenblicke, in denen er gedanklich bei seiner Familie war.

Nach dem Tod seiner Mutter hatte es sein Vater, Lord of Coleford, nicht leicht gehabt, seine drei Töchter nur mithilfe einer Magd großzuziehen. Frühzeitig hatte Marven, lernen müssen, als Ältester und einziger Sohn, den hohen Ansprüchen seines Vaters gerecht zu werden. Zu ihm war sein Vater wesentlich strenger gewesen, als zu seinen Schwestern.

Täglich hatte Marven Unterricht erhalten, beherrschte Latein, wusste um die Geschichte Englands, hatte theoretische Kenntnisse, unter anderem ein Schwert zu schmieden, und hatte sich jeden Tag dem Schwertkampf und dem Bogenschießen gewidmet. Die Tage, an denen er seinen Vater mit zur Jagd begleiten durfte, waren für Marven eine Anerkennung, die er stets zu schätzen gewusst hatte, die er als Auszeichnung verstand.

Er spürte das Lächeln in seinem Gesicht, als er an Catherina, seine jüngste Schwester, zurückdachte. Bereits als Kleinkind war Catherina ein kleiner Wildfang, musste ständig auf Mauern und Bäume klettern und wenn sie mal wieder niemand finden konnte, wusste Marven sie mit ihrem auffallend hellen Haar im Pferdestall aufzuspüren. Vermutlich wäre Catherina besser ein Junge geworden. Heimlich hatte Marven ihr das Bogenschießen beigebracht. Hätte sie die Kraft in den Armen gehabt, hätte sie wahrscheinlich auch ein Schwert führen wollen. Vater durfte dies natürlich nicht erfahren. Seine Mädchen sollten sich der Stickerei widmen und sollten wissen, wie man sich als Lady zu benehmen hatte.

Marvens Gedanken schweiften zu Brid, der Mittelsten der Mädchen. Brids Haar schimmerte in der Sonne leicht rötlich. In ihren großen blauen Augen funkelte eine Lebenskraft wider, die seines Gleichen suchte. Brid war im Gegensatz zu Catherina, die zwei Jahre jünger war, zart und schlank. Alles musste sie hinterfragen, vor allem war sie stets neugierig, insbesondere, wenn es um Marvens geschichtlichen Unterricht ging. Sie hatte die Gabe, an Türen zu lauschen und Neuigkeiten zu erfahren, ohne dass man sie dabei beobachten konnte. Sie verfügte über ein umfangreiches Wissen, zum Beispiel über Heilkunde, was ihr jedoch niemand beigebracht hatte. Manchmal war sie wie ein Schatten, der lautlos über die Gänge huschte und wenn sie sich beim Tanzen unbeobachtet glaubte, hatte Marven den Eindruck, als würden ihre kleinen Füße den Boden gar nicht mehr berühren. In Marvens Erinnerungen sah Brid ihrer Mutter am ähnlichsten.

Vor seinem geistigen Auge tauchte damit die hübsche Aenlin auf. Zu seiner vier Jahre jüngeren Schwester hatte Marven ein besonders inniges Verhältnis. Als Mutter kurz nach Catherinas Geburt starb, war Aenlin mit ihren vier Jahren die, die am meisten unter dem Verlust der Mutter zu leiden hatte. Sie kam bei Gewitter oder nach schlechten Träumen zu Marven und bat ihn darum, sie zu beschützen. Es hatte ihn jederzeit glücklich gemacht, für seine Aenlin da zu sein. Nach seiner Auffassung war sie nicht nur die Hübscheste von seinen Schwestern, sie war auch die Anmutigste unter ihnen. Was sie auch immer tat, jede Bewegung führte sie mit Bedacht und Hingabe aus. Sie hatte etwas Majestätisches an sich, sodass Vater davon sprach, sie zu König Löwenherz zu schicken. Aenlin hatte protestiert, was Vater natürlich keinesfalls duldete, dennoch war er ein liebevoller Vater und hatte für seine drei Töchter, trotz gewisser Strenge, viel Verständnis.

Marven erinnerte sich an die kleine vertraute Burg, auf dem Hügel zwischen dem dichten Wald und dem See, die er vor langer Zeit verlassen hatte, um König Löwenherz zu dienen. Insbesondere seit er in Gefangenschaft geraten war, fragte sich Marven, wie wohl seine Schwestern heute aussahen und ob sein Vater noch lebte. Er betete darum, dass der Sheriff von Cornwall seine Familie unbehelligt ließ. Er wünschte sich sehr, dass es ihnen gut ging.

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2.

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Der Anblick, der sich Morgan bot, war erschreckend. Boyd, sein Knappe, trieb das Pferd dicht an den Rappen Blane und folgte dem Blick seines Ritters. Auch ihm wurde bei diesem Anblick unbehaglich zumute, und fröstelnd zog er den dicken Wollumhang um seine Schultern. Soweit der Blick reichte, waren die Felder verbrannt, das Dorf unterhalb von Coleford Castle verwüstet.

„Das ist bereits vor Wochen oder Monaten geschehen“, führte Morgan nachdenklich an und wandte sich zu seinen Kriegern um, die mit finsteren Mienen auf den kräftigen Pferden saßen und in das Tal hinunterstarrten. „Vorwärts, wir reiten nach Coleford Castle und schauen uns dort um!“

Der Schwarzgewandete drückte seinem Rappen die Absätze nur leicht in die Weichen, und Blane wechselte sofort in eine rasche Gangart, die es allen ermöglichte, in geschlossener Formation zu folgen.

Schweigend ritten die Männer durch die rauchgeschwärzten Trümmer des kleinen Dorfes, sahen die aufgerissenen Fenster und Türen, das herausgerissene, einfache Mobiliar, das teilweise den Flammen entgangen war, und dann wehte ihnen der Wind einen ekelhaften Geruch nach Verwesung und Tod entgegen.

Morgan sah sich um, konnte aber nirgendwo einen Toten sehen und glaubte daher, dass möglicherweise, in den vom Feuer verschont gebliebenen Stallungen des letzten Hauses, tote Tiere für diesen Gestank die Ursache bildeten. Er trieb seinen Rappen deshalb vor ein fest verschlossenes Scheunentor und machte seinem Knappen ein Zeichen, das Tor zu öffnen.

Boyd sprang aus dem Sattel und stemmte sich gegen den mächtigen Querbalken, den man in die Halterungen gelegt hatte. Als das Tor aufschwang, verschlug es den Männern den Atem. Schnell pressten sie sich einen Zipfel ihrer Umhänge vor Mund und Nase und starrten ungläubig auf das grauenvolle Bild, das sich ihnen hier bot.

„Sir Struan of Rosenannon, sollte ich dich in die Hände bekommen, so wirst du hierfür besonders büßen, das schwöre ich dir bei Gott!“, rief Morgan laut über den Platz.

Dann drehte er sich zu Boyd herum, der noch immer mit fassungsloser Miene in die Scheune starrte und sich nicht für seine Tränen schämte, die ihm in dicken Tropfen über die Wangen liefen.

„Macht um die Scheune Feuer und wartet, bis wirklich alles brennt. Das ist die letzte Möglichkeit, diese Toten zu bestatten.“

„Aber Sir Morgan!“, ließ sich sein treuer Hauptmann Jory vernehmen. „Wäre es nicht unsere Christenpflicht, diese Menschen ordentlich zu bestatten?“

Morgans Miene wirkte versteinert.

„Das ist unmöglich, Jory. Eine solche Menge toter Menschen können wir hier nirgendwo beerdigen. Der Ort hat noch nicht einmal einen eigenen Friedhof, der Boden ist nach dem harten Winter noch nicht vollkommen aufgetaut, und ich denke, es ist auch durchaus christlich, wenn wir diesen Bedauernswerten ein Feuerbegräbnis geben. Sie haben zusammen gelitten und werden zusammen verbrannt.“

Damit gab er den Männern ein Zeichen und trieb Blane wieder an, um ein Stück weiter am Ortsrand erneut zu halten. Wer einen Blick in das Gesicht des Ritters warf, konnte feststellen, wie es in ihm arbeitete. Niemand sprach ihn an, während einige der Männer Reisigbündel zusammensuchten, Feuer schlugen und bald darauf die Flammen gierig an den Holzwänden der Scheune leckten.

Erst als die Flammen alle vier Seiten umgeben hatten und auch das Dach Feuer gefangen hatte, ritt Morgan aus den Resten des zerstörten Dorfes und hielt sein Pferd auf der kleinen Straße, direkt auf die schwarzen Zinnen der Burg zu, von der ebenfalls schon seit längerer Zeit alle Zeichen der Zerstörung erkennbar waren.

Coleford Castle war auf einer leichten Erhöhung errichtet und mit einem breiten Wassergraben umgeben, in dem sie die erste Leiche auf dem Bauch treibend entdeckten. Sie überquerten den gut gefüllten Wassergraben über eine Zugbrücke, deren Ketten heruntergeschlagen waren und ein erneutes Aufziehen unmöglich gemacht hatten. Überall waren Brandspuren zu entdecken, nur der breite, mächtige Wehrturm schien vollkommen intakt zu sein.

Als sie die offene Burgpforte durchritten, übergab sich der erste Reiter hinter Morgan mit lauten Würgegeräuschen.

Auch hier wehte ihnen der Geruch von Fäulnis und Tod entgegen.

Der Burghof war mit einigen, bereits in Verwesung übergegangenen Leichen bedeckt. Die Soldaten des alten Lords hatten offenbar die Treue zu ihrem Herrn bitter bereuen müssen.

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3.

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Etliche weitere Tage und Nächte hatte Marven in seinem Gefängnis bereits überstanden, ohne dem Folterknecht erneut ausgeliefert zu sein. Sein heftiges Zittern nahm stetig zu. Diese entsetzliche Kälte drang in jede Zelle seines Körpers. Da half auch die zusammengekauerte Körperhaltung nicht, mit der er sich zu wärmen versuchte. Außer seiner Hose bedeckten nur Schmutz, Blut und Fetzen seinen ausgemergelten Körper.

Seine Umgebung bekam allmählich Konturen, dadurch zeichnete sich der schmale Spalt unter der Verliesdecke als Lichtquelle ab und ließ ihn zumindest den Verlauf der Sonne erahnen. Damit war es ihm gelungen die unzähligen Tage und Monate, die er hier bereits vor sich hinvegetierte, zu zählen, um sie anschließend zu verfluchen. Denn was nutzte ihm sein Dasein, wenn er in dieser Einsamkeit den Verstand zu verlieren glaubte.

Sein Körper schüttelte sich. Marven blickte auf. Durch die längliche Fensteröffnung dort oben tanzten dicke Schneeflocken in sein Gefängnis und mit jedem Ausatmen stieg, einem Gespenst gleich, sein Atem in die Höhe, dem eisigen Wind entgegen. Im Laufe dieser Nacht war sogar das leise, helle ‚Plopp‘ erloschen. Er kratzte mit seinen steifen Fingern das spärliche Stroh auf dem Boden zusammen, um zumindest seine kalten Füße damit zu bedecken.

Sein heftiges Zittern erstickte jeden Funken Hoffnung, dieses Verlies lebend zu verlassen. Seine Augen wurden schwerer und obwohl er meinte, halbwegs gut geschlafen zu haben, spürte er, wie gewaltige Müdigkeit in ihm größer und mächtiger wurde.

Vor seinem geistigen Auge sah er die hübsche Aenlin vor sich, dann die zarte Brid mit ihren Sommersprossen auf der Nase und Catherina, wie sie auf einem Pferd durch den Wald jagte. Die nächsten Gedanken an seinen Vater erschienen ihm wie eine zähflüssige Masse, die langsam zu erstarren begann. Vermutlich war es jetzt nur noch eine Frage der Zeit, wann sein Blut in den Adern gefrieren und er damit seine Freiheit zurückerlangen würde.

Bevor ihn erneut wohltätige, schwarze Finsternis umhüllte, glaubte er, den Schrei eines Falken vernommen zu haben.

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4.

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Die Männer hatten sich inzwischen einen Überblick von den Zerstörungen verschafft. Nach Meinung von Morgan war zunächst das Dorf überfallen und die Bewohner in die Scheune gesperrt worden, wo sie elendig verhungerten und verdursteten. Währenddessen wurde die Burg angegriffen. Möglich, dass man die Dorfbewohner als Geiseln zurückhalten wollte, möglich auch, dass es den Angreifern vollkommen egal war, was aus ihnen wurde.

„Die Einnahme von Coleford Castle ist nicht länger als zwei Tage her, höchstens drei“, stellte Jory fest, nachdem er zusammen mit einigen der Männer die Toten untersucht und in die kleine Kapelle gebracht hatte, deren Dach noch intakt war, während die Mauern rußgeschwärzt von einem Feuer waren. Das hatte jedoch nur einen Teil der Burganlage zerstört. Die Mauern waren zum großen Teil unbeschädigt, das Haupthaus mit seiner Halle in ähnlichem Zustand wie die Kapelle. Auch hier hatte ein Feuer gewütet, war aber offenbar nach kurzer Zeit wieder erloschen. Die Tische, Bänke und zwei große Holzschränke waren umgestoßen, aber die Behandlung durch die groben Hände der Eroberer konnte den einfachen Holzmöbeln keinen weiteren Schaden antun.

„Wir werden hier rasten, Freunde, und in einer Stunde wieder aufbrechen. Richtet euch darauf ein, dass die Pferde etwas zu fressen erhalten. Jeder hat seinen Futterbeutel dabei, also gebt ihnen etwas Ruhe. Wir haben noch einen langen Ritt vor uns, bis wir bei Sir Huw of Coldridge eintreffen.“

Alle lagerten sich auf dem Burghof, so gut es ging. Das Wetter war zwar nicht sonderlich freundlich, am Himmel jagten dunkle Wolken über Cornwall und kündigten Regen an. Aber niemand verspürte Lust, sich in die Halle der eroberten Burg zu setzen und dort sein kaltes Fleisch mit etwas Brot und Wasser herunterzuwürgen.

Die Männer hockten schweigend auf ihren Umhängen oder den abgenommenen Sätteln. Natürlich hatte Hauptmann Jory jeweils eine Wache zu den beiden Seiten der Burg aufstellen lassen, an denen die Straße vorüber führte. Sie hatten auf den Mauern einen guten Überblick über das Land, während die beiden anderen Seiten der Burg an einen Sumpf stießen, der in einen größeren See überging. Die Ufer waren zwar dicht bewachsen, aber die Uferzone war dermaßen nass und aufgeweicht, dass Jory eine Annäherung von hier aus für unmöglich hielt.

Das wurde ihnen jetzt zum Verhängnis.

Noch ehe der Posten auf die Bewegung am Uferrand, die er nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte, reagieren konnte, traf ihn der Pfeil durch den Hals. Mit einem gurgelnden Laut riss der Mann die Arme hoch und kippte nach vorn über die Mauer. Das Aufklatschen seines Körpers auf dem Wassergraben hatte nun alle alarmiert, aber die Rebellen mussten sich unter einem Hagel von Pfeilen in Sicherheit bringen.

Morgan stand im Eingang zum Haus und erkannte sofort die drohende Gefahr. Ein paar Bogenschützen hatten offenbar die Anlage umgangen und sie vom Sumpf aus unter Beschuss genommen. Die Hauptmacht war noch nicht nahe genug heran, um gefährlich zu werden.

„Bogenschützen nach hinten auf die Mauer! Haltet uns die Feinde vom Leib! Zehn Mann sofort hierher! Nehmt Eure Schilde zur Deckung von den Pferden! Vorwärts, wir müssen die Zugbrücke einholen!“

Jetzt zeigte es sich einmal mehr, dass sowohl Sir Morgan, der überall als der Löwenritterbekannt ist, als auch sein alter Freund Baldwin, der Rote Jäger, Tag für Tag mit den Waffen proben ließen. Auch taktische Bewegungen der Männer zu Fuß und zu Pferd wurden ständig trainiert, und aus dem bunt zusammengewürfelten Haufen von Bauernsöhnen, Handwerkern sowie einigen Soldaten war im Laufe eines Jahres eine schlagkräftige Gruppe von Rebellen geworden, die inzwischen alle schon ihr Können in den Begegnungen mit den Soldaten Prinz Johanns bewiesen hatten.

Noch immer strömten die Freiwilligen zu den Männern, denen sie vertrauten. Die Dorfältesten sammelten sie und gaben ihnen Unterkunft in den Scheunen, bevor eine Gruppe der Rebellen auftauchte, um die neuen Männer zu mustern.

Nach jedem Kampf mit den Soldaten führten sie erbeutete Pferde und Waffen zurück nach Tintagel Castle, der alten, sagenumwobenen und äußerlich längst verfallenen Burg, die sicher sowie direkt am Meer lag und in ihren verwinkelten Gängen und Höhlen in dem Felsen, auf dem sie vor langen Zeiten errichtet wurde, genug Platz für Menschen und Tiere bot.

Aber Morgans Blick auf die anrückenden Scharen der Soldaten war ernst. Das würde ein harter Brocken für alle werden, denn die Übermacht war gewaltig. Doch die Bogenschützen hatten zu früh geschossen, das Heer war noch in der Ebene beim Dorf, und jetzt verstand der Löwenritter auch, was die Schergen des Sheriffs angezogen hatte. Die Scheune war längst niedergebrannt, aber eine dicke, schwarze Rauchwolke stieg noch immer aus den Trümmern auf und zeigte auf weite Entfernung an, dass sich hier jemand befand, der nicht zu Prinz Johann und seinen Vasallen gehörte.

Jetzt lief Morgan den Männern voraus, die sich mit den Schilden über den Köpfen vor den, noch immer steil über die Burgmauer fliegenden Pfeilen zu schützen suchten. Als die Männer sich neben ihrem Anführer versammelten, schlang Morgan gerade ein starkes Seil durch eines der Kettenglieder der Zugbrücke und gab dem nächsten Mann den Auftrag, das Seil durch die dafür vorgesehene Öffnung im Burgtor zu werfen.

Dann widmete er sich auf gleiche Weise der anderen Kette. Gleich darauf griff jeder der Männer zu, denn es war klar, was Morgan damit beabsichtigte. Hier waren sie vor den heimtückischen Bogenschützen sicher, denn das Burgtor schützte sie vor den Pfeilen.

Die Ketten zu befestigen und die Seile durch die Öffnungen zu führen, war das Werk ganz kurzer Zeit. Zwei Männer unterstützten sich dabei, die Seile in die hoch über ihnen befindlichen Öffnungen zu werfen, danach eilten alle auf einen Befehl Morgans zurück auf den Burghof. Ein Blick hinüber zu Hauptmann Jory, der inzwischen mit seinen Bogenschützen auf der Mauer stand, zeigte ihnen, dass von den feindlichen Bogenschützen derzeit keine Gefahr mehr ausging.

„So, das wird jetzt ein hartes Stück Arbeit, Männer! Aber es ist unsere einzige Chance, wenn wir das hier überleben wollen. Dort in der Ebene rückt ein Heer an, das uns mindestens fünffach überlegen ist. Wir müssen uns auf der Burg halten, bis Sir Baldwin mit seinen Männern von Spreyton zurückkehrt. Auf mein Kommando stemmt ihr euch in die Seile und zieht, was ihr könnt, bis die Ketten hier unten wieder eingehakt werden können. Die Winden funktionieren noch, aber die Ketten müssen festen Sitz haben, sonst bekommen wir die Brücke nicht hinauf.“

Dann reihte er sich bei den Männern am Seil ein, nickte ihnen zu und rief laut:

„Vorwärts, zieht!“

Unter dem angestrengten Stöhnen der Männer zogen sie die schwere Kette hinauf, dabei war das Seil zum Zerreißen gespannt.

„Noch, noch, noch, weiter, nicht nachlassen!“, schrie Morgan, und die Männer stemmten ihre Füße fest in die Fugen der Steinquader, mit denen der Burghof gepflastert war. Stück für Stück hob sich die Kette, und dann hatte sie die Öffnung passiert, das erste Stück wurde heruntergezogen und rasselte gleich darauf direkt neben der Winde auf die Steine.

Während Morgan ein paar Männern auf der Mauer zurief, dass sie die Ketten in die Winden hängen sollten, arbeitete die Gruppe schon auf der anderen Seite mit der gleichen Anstrengung. Sie hatten die Kette schon fast vor der Öffnung, als es plötzlich einen Knall gab und die Männer von einer ungeheuren Wucht nach hinten geschleudert wurden, als hätte man ihnen einen Schlag mit einer gewaltigen Keule verpasst.

„Das Seil ist gerissen! Schnell, löst das andere ab, die Feinde sind schon dicht an der Burg! Jetzt gilt es!“, schrie ihnen Morgan zu, sprang selbst zu der ersten Kette hinüber, die gerade mit den ersten Drehungen über die Winde lief, versuchte mit fliegenden Händen das Seil aufzuknoten und musste doch feststellen, dass durch das große Gewicht der Eisenkette daran, sein Vorhaben scheitern musste. Doch dann riss er seinen Dolch aus dem Gürtel und begann in aller Eile, den Knoten durchzuschneiden. Endlich hatte er das Seil frei bekommen, sprang zu der anderen Kette und verknotete das zweite Seil dort. Boyd stand neben ihm bereit, und Morgan deutete auf das Burgtor.

„Vorwärts, Boyd, klettere auf meine Schulter und wirf das Seil durch die Öffnung. Aber schnell jetzt, die ersten Bogenschützen gehen schon in Position!“

Morgan lehnte sich mit dem Rücken an die steinerne Einfassung des massiven Burgtores und bildete mit seinen Händen einen Tritt. Boyd flog geradezu nach oben, stand auf den Schultern seines Ritters und warf das Seil durch das Loch, das auf dem Burghof sofort von den anderen Rebellen ergriffen wurde.

„Aye, so ist es recht!“, schrie Morgan, als Boyd von seiner Schulter sprang und gleich darauf, dicht neben den beiden, ein Pfeil zitternd im Boden der Zugbrücke stecken blieb. Sie waren sofort durch das mächtige Tor, das krachend von innen zugeschlagen und mit zwei Querbalken verriegelt wurde. Jetzt waren alle Männer bis auf fünf Bogenschützen herangelaufen, um die Zugbrücke nach oben zu bringen.

Die Eisenkette scharrte an der Öffnung und bewegte sich scheinbar unglaublich langsam, wie eine mächtige Schlange, darauf zu. Dann erschien das Seilende mit dem Anfang der dicken Eisenkette, und jubelnd rissen sie die Männer herunter. Kaum war sie auf dem Boden, griffen kräftige Hände nach den dicken Eisengliedern und hingen sie in die mächtige Winde ein. Und diejenigen, die an der Kurbel standen, nahmen sich kaum die Zeit, bis Morgan den Befehl gab, die Ketten auf beiden Seiten gleichmäßig hochzuwinden.

Während die Zugbrücke knarrend in Bewegung kam, die Kettenglieder knirschend über die Maueröffnung fuhren und die großen Holzwinden knackend und scharrend gedreht wurden, hob sich die mächtige Konstruktion aus ihrer Halterung und diente dem Pfeilregen, der jetzt das Burgtor eindeckte, als Zielscheibe.

Doch die schwer arbeitenden Männer lachten bei ihrer schweißtreibenden Tätigkeit laut auf, als sie das trockene Geräusch vernahmen, mit denen die Pfeile in das Holz fuhren, ohne einen weiteren Schaden anzurichten.

„Danke, das war im letzten Augenblick!“, rief Morgan ihnen zu. „Jetzt aber auf die Zinnen, und schießt erst dann, wenn ihr ein sicheres Ziel findet! Wir haben vielleicht nicht ausreichend Pfeile, und die Angreifer haben genügend Zeit, um uns hier festzuhalten. Jeder bleibt an den Zinnen so lange in Deckung, bis er einen sicheren Schuss anbringen kann! Und jetzt – vorwärts – auf die Mauern hinauf – für König Richard!“

Die letzten Worte donnerte der Löwenritter laut über den Burghof, und während die Männer über die verschiedenen Leitern und Treppen auf die Mauern liefen, antworteten sie ebenso laut und voller Begeisterung:

„König Richard – für immer!“

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5.

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Die nächste Zeit wurde für die Rebellen auf Coleford Castle zu einer harten Belastung. Die Soldaten des Sheriffs setzten alles daran, die Burg im Handstreich zu erobern und schickten starke Gruppen mit Sturmleitern nach vorn. Allerdings half den Verteidigern der maroden Burg dabei der breite Wassergraben, der zunächst überwunden werden musste, und der die ersten Angriffswellen rasch zum Erliegen brachte.

Morgan stand neben Hauptmann Jory auf den Zinnen am Burgtor und beobachtete das Geschehen. Eine Gruppe Angreifer kam dem Fußvolk zu Hilfe, das am Wassergraben zusammen mit Bogenschützen Aufstellung genommen hatte. Auf ein Zeichen trieben sie ihre Pferde an verschiedenen Stellen in das offenbar recht tiefe Wasser. Schon nach wenigen Schritten kam es zur Katastrophe.

Pferde wieherten schrill auf und warfen ihre Reiter ab. Einige der Tiere konnten sich auf das Land zurückschleppen, wo sie zusammenbrachen. Morgan erkannte, was dort geschehen war.

„Lord Coleford hat für einen solchen Angriff vorgesorgt und offenbar zahlreiche, zugespitzte Pfähle in den Graben einrammen lassen. Jedenfalls werden die Angreifer damit einige Zeit beschäftigt sein.“

„Warum konnten sie dann die Burg überhaupt einnehmen? Wenn ich die Zahl der Toten in der Kapelle bedenke, dann gab es doch ausreichend Verteidiger auf den Mauern.“

„Vielleicht war Verrat im Spiel, Jory“, mutmaßte Morgan. „Immerhin war die Zugbrücke unten und wurde nach der Eroberung aus den Ketten gehängt, vermutlich, damit genau das nicht passierte, was wir jetzt erreicht haben. Coleford Castle befindet sich nicht mehr im Eigentum von Sir Struan of Rosenannon, denke ich. Und es hat wohl niemand seiner Vasallen damit gerechnet, dass wir ausgerechnet in dem Augenblick eintreffen, in dem die Burg verlassen und unbewacht ist. Schade nur, dass die brennende Scheune dieses Heer angelockt hat, bevor Sir Baldwin mit seinen Leuten eingetroffen ist. Wir hätten den Leuten einen wunderbaren Empfang bereiten können.“

„Sir, unsere Männer haben den Sumpfbereich jetzt vollkommen unter Kontrolle. Keiner der feindlichen Bogenschützen, der unsere Mauern umschlichen und sich dort verborgen hat, ist mehr am Leben. Aber in der Nacht wird es kaum möglich sein, dort ein erneutes Festsetzen des Feindes zu verhindern!“, meldete einer der Rebellen.

„Doch, das werden wir zu verhindern wissen, mein Lieber!“, antwortete Morgan ingrimmig. „Das Schilf ist nach den letzten Wochen noch nicht sehr dicht gewachsen. Wir werden bei Einbruch der Dunkelheit dort ein paar verdeckte Reisighaufen aufstapeln, die wir jederzeit von der Mauer aus in Brand schießen können. Mal sehen, ob die Bogenschützen dann noch weiter im Sumpf hocken wollen.“

Jetzt mussten die Männer hastig unter den gedeckten Teil des Wehrganges ausweichen, denn erneut gingen Pfeile auf sie nieder, die schon gefährlich nahe in die Holzbalken schlugen. Ein Teil des hölzernen Wehrganges war beim Brand der Burg vernichtet, aber Morgan ließ in jeder Kampfpause die verkohlten Balken wieder aufrichten und das Dach darüber notdürftig reparieren. Jeder zusätzliche Schutz erhöhte hier ihre Sicherheit.

„Aufgepasst, neuer Angriff!“, schrie Hauptmann Jory und deutete auf die Soldaten, die mit Sturmleitern auf eine Stelle des Wassergrabens zuliefen. Die Verteidiger erkannten, dass man offenbar mehrere Leitern zusammengebunden hatte, die nun über den Graben geworfen wurden, um den Männern das Überqueren zu erleichtern.

„Was für ein Holzkopf befehligt denn diese Truppen, Jory?“, knurrte Morgan beim Anblick dieser Maßnahmen. „Bogenschützen, hier herüber! Brandpfeile auf die Männer, die versuchen, mit den Leitern herüber zu gelangen!“

Schon liefen einige Rebellen an die bezeichnete Stelle und legten ihre Langbögen an. Schließlich zischten erst ein paar Pfeile auf die ersten Männer zu, die vorsichtig, auf allen Vieren, über die Leiter auf die andere Seite krochen. Gleich darauf folgte eine Kette von Brandpfeilen, und deren Erfolge waren für diese Angreifer vernichtend. Alle Pfeile fanden ihre Ziele, und schreiend stürzten die Männer von den Leitern, um ihre brennenden Kleider im Wasser zu löschen. Doch dort fielen sie auf die zugespitzten Pfähle, und das Wasser im Graben nahm an der Stelle, über der die jetzt brennenden Leitern gelegt wurden, eine rote Farbe an.

Doch in der Zwischenzeit hatte eine andere Gruppe auf der Ostseite der Burg Aufstellung genommen, verschanzte sich dort hinter aufgestellten Schilden, und die Verteidiger überlegten noch, was die Männer planten, als plötzlich in rascher Folge zwei, drei Brandsätze über den Graben auf die Mauern geworfen wurden.

Doch die Männer, die sie geworfen hatten, konnten nicht mehr rechtzeitig in ihre Deckung zurückkehren. Die Bogenschützen auf der Mauer hatten sie ins Visier genommen, kaum, dass sie die Brandsätze über ihre Köpfe schleuderten. Eine andere Gruppe löschte die Brandsätze sofort wieder, und so war auch dieser Angriff gescheitert.

Doch die nächste Welle brandete heran, diesmal griff aus dem etwa fünfhundert Schritte entfernten Waldstück eine Reitergruppe an.

„Die Burschen haben offenbar noch Verstärkung bekommen“, stellte Morgan bei ihrem Anblick missmutig fest. „So viele Reiter, die bei dem ersten Angriff im Wassergraben umkamen, und jetzt diese Gruppe – in Deckung!“

Die Reiter preschten heran und schossen dabei fortwährend ihre Pfeile hinauf auf die Mauern von Coleford Castle, ohne aber weiteren Schaden anzurichten, als einem Rebellen die Schulter zu verletzen. Doch der Pfeil hatte glücklicherweise keine große Kraft mehr, der Mann zog ihn aus dem Kettenhemd heraus, in dem die Spitze stecken blieb und ihn durch das dicke Gambeson darunter nicht wirklich verletzt hatte.

Wieder einmal schätzte sich Morgan glücklich, dass er auch bei diesem Ritt durch das Land befohlen hatte, nicht nur die schweren Kettenhemden überzustreifen, sondern jedermann auch sein dickes, mit Pferdehaar gepolstertes Gambeson trug. Nicht auszudenken, wenn es schon die wärmere Jahreszeit wäre, in der die in solchen Dingen wenig erfahrenen Männer gern den unbequemen, mantelartigen Schutz zusammengerollt hinter dem Sattel mitführten.

Doch für die Reiter ging dieser Angriff nicht so glimpflich aus.

Schuss für Schuss kam von der Mauer, und jeder Bogenschütze, jeder Armbrustschütze fand sein Ziel. Wenn nicht der Mann verletzt wurde, dann traf man das Pferd, das mit einem schmerzerfüllten Wiehern unter seinem Reiter zusammenbrach. Schon nach ganz kurzer Zeit war der Bereich vor dem Wassergraben mit toten oder sterbenden Pferden bedeckt, dazwischen krümmten sich die Verletzten.

„Ein Holzkopf, der Kommandant!“, wiederholte Morgan und suchte das Feld vor der Burg aufmerksam ab. Aber nirgendwo entdeckte er den Feldherren, der dieses unsinnige Anrennen befehligte. So unfähig, wie der Mann in kriegerischen Dingen war, so feige musste er auch sein, um sich vor dem Feind außer Sichtweite zu halten.

Plötzlich erhielten die Rebellen auf der Burg eine unerwartete Atempause. Die Soldaten des Sheriffs zogen sich offenbar ein Stück zurück, bildeten jedoch eine neue und immer noch sehr beeindruckende Linie. Offenbar erhielten die Unterführer neue Anweisungen, und die Männer auf den Zinnen suchten sich die Pfeile zusammen, die ringsum sie in den Holzbalken und Mauerstücken steckten.

Morgan nutzte die Kampfpause, um eine Gruppe von Männern mit der Durchsuchung des Haupthauses und des einzigen Wehrturmes zu beauftragen. Dieser Turm hatte der ersten Eroberung der Burg offenbar vollkommen unbeschadet standgehalten – jedenfalls war er vom Feuer verschont geblieben und wies auf den ersten Blick auch keine weiteren Beschädigungen auf.

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6.

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Als er endlich wieder aus der tiefen Ohnmacht erwachte, fühlte er sich auf seltsame Weise gestärkt, so, als hätte er einen ausgiebigen Erholungsschlaf hinter sich gebracht. Aber die erste Bewegung mit den klirrenden Ketten ließ ihn erneut zusammenzucken. Die letzten Traumbilder verschwanden, er befand sich noch immer in dem feuchten Verlies. Doch da war ein Geräusch gewesen, das auf eine besondere Art bis in sein tiefstes Unterbewusstsein gedrungen war und ihn in die Realität zurückgeholt hatte. Über ihm liefen Menschen hin und her, und dieses Geräusch wurde noch verstärkt, durch schwere Türen, die in Schlösser fielen, laute Rufe und geschäftiges Hin- und Hereilen über seinem Kopf.

Er hatte keine Ahnung, wie lange er, erneut in tiefer Bewusstlosigkeit, in diesem Kerker gelegen hatte. Das Gefühl für Tag oder Nacht war ihm längst abhandengekommen. Wäre da nicht der schmale Spalt in der Verliesdecke, der gelegentlich einen Schimmer hindurchließ, hätte er sich in dem engen Raum nur noch anhand der Ketten orientieren können. Der Halsring aus Eisen mit der daran befestigten Kette, die Arme und Beine mit ihren Ketten – das alles reichte gerade aus, um seine Hockstellung etwas zu verändern.

Doch die ständigen, lauten Rufe über ihm verwirrten Marven. Was hatte das zu bedeuten? Wurde jetzt seine öffentliche Hinrichtung vorbereitet? Hatten die Henkersknechte vor, ihn auf seiner eigenen Burg, vielleicht noch vor den Augen seiner Geschwister, grausam umzubringen?

Marven atmete tief durch. Was auch geschehen würde, man sollte ihn vorbereitet finden. In zahlreichen, einsamen Stunden hatte er mit Gebeten Trost gesucht, hatte sich immer wieder die Bilder der Geschwister ins Gedächtnis gerufen und war endlich abgestumpft gegen alles geworden. Diese endlos dahin tropfende Zeit, vergleichbar mit den Wassertropfen, sollte endlich vorüber sein. Es war ihm egal, was danach geschah, aber alles würde besser werden als dieses Elend hier.

Noch einmal atmete er tief durch, dann brüllte er aus Leibeskräften los. Es war kein Name, den er ausstieß, kein Hilferuf, sondern einfach nur der schier endlose Schrei einer gequälten Seele. Er spürte, wie er beim Schreien heiser wurde, wie sein Hals plötzlich schmerzte, und schrie trotzdem so lange weiter, bis er endlich nach Luft japsend innehalten musste.

Er lauschte angestrengt, aber offenbar hatte ihn niemand gehört oder es wollte sich niemand um ihn kümmern, bevor er nach oben geschleift wurde. Jetzt war er sich ganz sicher, dass seine Hinrichtung unmittelbar bevorstand. Seine Schreie konnten nicht ungehört verhallt sein, man beachtete sie einfach nicht. Aber trotzdem holte Marven erneut tief Luft, dann schrie er noch einmal aus aller Kraft, bis er erschöpft in sich zusammensank.

Plötzlich spürte er förmlich die Stille, die ihn umgab.

Hatte man ihn gehört? Würde man ihn jetzt hier herausholen?

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7.

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Sir Morgan, rasch, kommt einmal hier herüber!“ Hauptmann Jorys Stimme war so laut und aufgeregt, dass Morgan, das Schlimmste befürchtend, sofort zu seinem Hauptmann auf die andere Seite des Wehrganges eilte. Jory deutete über die noch immer bestehende Kampflinie der Angreifer, die erneut mit Bogenschützen versuchten, die Männer in der Burg zu treffen.

„Wenn das stimmt, was ich vermute, wird es sehr gefährlich für uns, Sir Morgan!“

Der Schwarze Ritter folgte seinem ausgestreckten Arm, kniff die Augen zusammen und drehte sich rasch zu Jory herum.

„Das ist ein Katapult, Jory, du hast dich nicht getäuscht. Wir werden zur Sicherheit auf den Turm gehen, vielleicht können wir dort auch die Pechnase bereit machen. Aber ich hätte niemals geglaubt, dass die Männer des Sheriffs über eine Wurfmaschine verfügen. Wir müssen uns sofort etwas einfallen lassen!“

Ein paar Männer folgten Morgan zum alten Wehrturm, dessen schwere Eichentür mit einem im Schloss steckenden Schlüssel geöffnet werden konnte. Dumpfe Luft stieß ihnen beim Eintreten entgegen, gemischt mit einem ekelerregenden Geruch nach Fäulnis und Verwesung.

Morgan hielt unwillkürlich den Atem an.

„Was zum Teufel hat das zu bedeuten? Gibt es hier weitere Tote?“

Die Männer verzogen alle das Gesicht, aber Jory deutete auf die Treppe, die nach unten führte.

„Der Geruch kommt von dort unten herauf. Ich nehme an, da ist das Verlies der Burg, und wahrscheinlich haben die Schergen dort die letzten Gefangenen alle sich selbst überlassen oder einfach vor ihrem Abzug ermordet.“

„Zwei Mann sehen dort unten nach dem Rechten, der Gestank ist ja widerlich! Die anderen kommen mit mir hinauf auf den Turm.“

Morgan eilte die gewundene Steintreppe hinauf, die von einigen schmalen Öffnungen in der Außenwand im Licht der untergehenden Sonne gerade noch erkennbar war. In seiner Hast stolperte Morgan über die unterschiedlich ausgetretenen Stufen und wäre um ein Haar nach vorn gefallen. Rechtzeitig fing er sich wieder ab und setzte seinen Lauf nach oben fort, bis er vor einer einfachen Tür stand, die ihn auf einen schmalen, umlaufenden Gang führte. Hier gab es eine etwa brusthohe Einfriedung aus Stein, die einen Beobachter einigermaßen vor Pfeilschüssen schützen konnte. Ohne sich weiter um die Belagerer zu kümmern, schaute er auf die Stelle, an der sich, in noch sehr großer Entfernung, etwas mühsam auf die Burg zubewegte.

„Kein Zweifel, dort schieben sie ein Katapult heran. Ich kann deutlich den großen Löffelarm erkennen!“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919738
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v424732
Schlagworte
schwert schild morgan löwenritter band tafelrunde

Autoren

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Titel: Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 24: Die neue Tafelrunde